Band 133
Die Tiefe des Chaos
Aurec berichtet, was er in den Tiefen des Chaos erblickte.
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Autor: Markus Regler
Titelbild: Gaby Hylla
Innenillustrationen: Gaby Hylla
Lektorat: Norbert Fiks
Korrektorat: Arndt Büssing
Layout: Burkhard Lieverku
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Er gibt Einblicke in die Gründungszeit der Loge
Eorthor
Der Gründer der Kosmogenen Loge
Osiris
Der Mitgründer der Loge
Constance Beccash, Sruel Allok Mok
Sie erforschen die Tiefe des Chaos
Was bisher geschah
Das Zeitchaos ist ausgebrochen. Die uns bekannte Zeitlinie ist
erloschen, und eine neue Zeit formt sich ohne Perry Rhodan.
Die Dualität der Kosmotarchen MODROR und DORGON
gelten als Initiatoren eines diabolischen Plans zur
Neuprogrammierung des Moralischen Kodes.
Gucky und eine Handvoll Überlebender befinden sich auf der
CASSIOPEIA, welche von der geheimnisvollen Positronik
ENGUYN gesteuert wird.
Sie entdecken die Tiefe des Chaos, einen interdimensionalen
Raum, der wohl ein Schlüssel zum Plan der Kosmotarchen ist.
Eine geheime Organisation, die Loge des Kosmos, ist in den
Zeiten gestrandet und muss den Weg zur CASSIOPEIA finden.
Der Rhodanjäger Nathaniel Creen durchstreift mehrere
Zeitlinien, die alle mit dem Untergang der Menschheit enden.
Aurec kehrt aus dem 18. Jahrhundert zurück. Auf der
CASSIOPEIA informiert er die Überlebenden aus dem 21.
Jahrhundert NGZ erfahren mehr über die Tiefe des Chaos …
Kapitel 1 – Verrat und Flucht
1352 NGZ
Die KATHY SCHOLAR II fiel aus dem Linearraum und die
Schiffspositronik meldete umgehend eine unbeständige Hypersturmlage.
Ganz in der Nähe offenbarte das Ortungshologramm die Temporale
Anomalie. Das Forschungsschiff jedoch, das mit der Untersuchung des
Phänomens betraut war, war nicht zu erkennen. Bevor Aurec sich um das
verschwundene Raumschiff kümmern konnte, entstand ein weiteres in
Warnfarben pulsierendes Holo in der Mitte der Zentrale. Hypermechanische
Strömungen zerrten an der KATHY und erzeugten eine Drift hin zu der
Anomalie.
»Ich kalkuliere das Strömungsbild«, meldete der Rechner. In der Ortung
wurden die Kraftfeldvektoren angezeigt. Ausgerechnet an der Stelle, an der
die KATHY in den Normalraum zurückgekehrt war, offenbarte sich ein
strudelartiges Gebilde. Doch bereits hundert Lichtstunden weiter
prognostizierte die Simulation ruhige Inseln in dem energetischen Chaos.
Der Saggittone aktivierte die Triebwerke, deren Leistung problemlos
ausreichte, um das Schiff aus dem Sog zu lösen. Kurz darauf erreichte er
ein ungestörtes Raumgebiet, wo er auch auf das Forschungsschiff traf.
Nachvollziehbarerweise hatten sie dieselben Schlüsse gezogen wie er
selbst. Der alyskische Raumer war eine flache, runde Scheibe mit etwa
dreihundert Metern Durchmesser bei einer Dicke von rund vierzig Metern.
Auf der ›oberen‹ Deckfläche war eine Vielzahl von Messinstrumenten
installiert. Sie konnte für jeden Forschungsauftrag individuell bestückt
werden. Direkt darunter waren die dazugehörigen Kontrollräume,
Positroniken und Reaktoren für die Energieversorgung untergebracht. Die
Aggregate, die man üblicherweise einem Raumschiff zuordnete, waren in
einem vierzig Meter durchmessenden Zylinder in der Mitte der Scheibe
angeordnet. Dort befanden sich die Zentrale und die Unterkünfte für
maximal zwanzig Forschende.
Derzeit hielten sich drei Alysker auf der PYRROSCH auf. Ausgewiesene
Experten für die Physik der Temporalen Anomalien, wie Eorthor versichert
hatte. Fast fünfzig solche Forschungsteams waren derzeit im Auftrag der
Loge des Kosmos unterwegs, um die seltsamen Zugänge in die Tiefe des
Chaos zu untersuchen. Auf einer ausgedehnten Rundreise hatte sich Aurec
einen persönlichen Eindruck vom Fortgang der Arbeiten gebildet. Die
PYRROSCH war seine letzte Station.
Er landete sein Schiff auf einem freien Feld am Rande der Scheibe und
machte sich zu Fuß auf den Weg zur nächsten Personenschleuse. Zwei
weibliche und ein männlicher Alysker begrüßten ihn mit der für
ihresgleichen typischen Distanziertheit. Die Leiterin der Expedition, eine
großgewachsene Frau namens Geortha, übernahm es, ihm die neuesten
Auswertungen zu erläutern. Ihre Kollegen Barwigh und Ingetha gingen
wieder an ihre Arbeit. Sie kalibrierten derzeit ein Hyperinterferometer, mit
dem die Strahlung, die von der Anomalie in den Normalraum abgegeben
wurde, noch präziser charakterisiert werden sollte.
Georthas Ausführungen verknoteten langsam aber sicher Aurecs
Gehirnwindungen. Er konnte ein gewisses hyperphysikalisches
Grundwissen vorweisen, aber mit der alysikischen Wissenschaftlerin konnte
er sich bei weitem nicht messen. Daher bat er sie, die erstellten Dossiers auf
einen Speicherkristall zu kopieren, damit er sie Eorthor wie vereinbart
übergeben konnte. Das Forschungsprogramm lief unter absoluter
Geheimhaltung. Selbst eine Übertragung über Hyperfunk wurde bei aller
moderner Verschlüsselungstechnik als zu riskant bewertet. Eine simple
Risikoabschätzung. Die Konsequenzen eines Datenlecks waren so drastisch,
dass sie die sehr geringe Wahrscheinlichkeit eines auch nur zufälligen
Abhörversuchs überwog.
»Geortha, wir bekommen noch mehr Besuch«, meldete Barwigh
verwundert. »Planmäßig ist erst in drei Wochen wieder eine Inspektion
vorgesehen.«
Misstrauische studierte Geortha das Holo und die Energiesignaturen der
zehn Raumschiffe, die sich draußen gegen die Strudel stemmten. Aurec
erkannte sie sofort.
»Quarteriale Jäger!«, rief er. »Und ihre Waffensysteme sind aktiv! Wir
müssen hier weg!«
»Wir können nicht so einfach weg«, begehrte Barwigh auf. »Die
Triebwerke sind heruntergefahren. Und überhaupt: Wer sagt denn, das sie
etwas von uns wollen.«
»Sie sind exakt an den Koordinaten aus dem Linearraum gekommen, wo
sich die PYRROSCH eigentlich befinden sollte. Und das mit voll gefluteten
Strahlenkanonen. Das sieht nicht nach einem Freundschaftsbesuch aus.«
Aurec hob die Hand, als Barwigh erwidern wollte. »Wir evakuieren und
nehmen die Forschungsergebnisse mit.«
»Ich halte das für überstürzt«, entgegnete Geortah. »Es gibt keinen
Grund, warum sie uns angreifen sollten, geschweige denn von uns wissen
sollten.«
Aurec ballte die Hände, aber er schluckte den aufwallenden Ärger
hinunter. Er vertraute seinem Instinkt, der ihn eindringlich vor der
drohenden Gefahr warnte. Er dachte darüber nach, wie er möglichst schnell
alle drei Forschenden überwältigen und auf die KATHY verbringen konnte,
da erreichte ihn Unterstützung in Form eines Funkrufs. Verzerrt durch die
hyperenergetische Umgebung erklang die Stimme eines Alyskers aus den
Akustikfeldern.
»Hier ...icht Fuhrtor von der For...station ...CHORT. Wir werden
...gegriffen ...hole: Wir werden angegriffen. Quarteriale Schiffe... Wir
brauchen...ilfe!« Dann brach die Sendung ab und es war still. Einen
Augenblick lang waren die drei Alysker wie erstarrt.
»Los beeilt euch!« Aurec wies auf die zehn einhundert Meter
durchmessenden Raumer in dem Holo. »Es dauert ein paar Minuten, bis sie
auf die Ruhezonen aufmerksam werden und uns hier finden. Das muss
reichen, um mein Schiff zu erreichen!« Er griff nach dem Datenkristall.
»Wo ist der Rest?«
Ingetha wühlte in einem Schrank, während die anderen beiden das
nötigste Hab und Gut zusammenpackten. Aurec öffnete das Schott und
stürmte hinaus. Auf kürzestem Weg erreichten sie die Schleuse, durch die er
das Schiff betreten hatte.
Raumanzüge! Die drei mussten erst Raumanzüge überstreifen.
Man sah deutlich, dass die Forschenden nicht darauf gedrillt waren, die
Anzüge in weniger als einer Minute anzulegen. Aurec half, wo er konnte,
aber ihnen rann die Zeit davon. Ein weiterer Funkruf traf ein. Diesmal auf
der geheimen Kommandofrequenz der Loge. Es war eine Warnung von
Eorthor an die gesamte Forschungsflotte. Offenbar wurden alle im Einsatz
befindlichen Schiffe angegriffen und selbst die TITHOR musste sich ihrer
Haut erwehren und befand sich in einem harten Rückzugsgefecht.
Aurec mochte kaum glauben, was er dort hörte. Die Dimension dieser
Attacke war noch nicht greifbar. Das gesamte Forschungsnetz der Loge
drohte zerschlagen zu werden. Mit einem einzigen Schlag! Woher kannten
die Angreifer die streng geheimen Positionen der Forschungsschiffe?
Endlich gaben die Anzüge, einfache Modelle lediglich mit einem
Prallschirm ausgestattet, grünes Licht und die vier drängten sich in die
Schleuse. Als sich das innere Schott schloss, wurde die PYRROSCH
erschüttert.
»Sie sind da«, flüsterte Barwigh.
Noch bevor das äußere Schott sich vollständig geöffnet hatte, sprangen
sie hinaus auf die Plattform und sprinteten auf die KATHY zu. Aurec hörte
das keuchende Atmen Barwighs, der das höchste biologische Alter der drei
Forschenden aufwies. Über ihnen schossen die quarterialen Jäger hin und
her und nahmen die PYRROSCH unter Feuer. Der schwache Schutzschirm
war längst zusammengebrochen. Feuerfinger aus den Kanonen der
Angreifer zuckten aus der Schwärze des Alls herab und schlugen in die
Messgeräte ein. Ein grün flimmernder Energiestrahl bohrte sich knapp
hundert Meter neben ihnen in das Schiff. Aurec dankte in Gedanken den
Raumgöttern, dass dieser Bordschütze mit Desintegratoren arbeitete. Den
gewaltigen Wärmeeintrag eines Thermostrahls hätten sie selbst auf diese
Distanz nicht überlebt.
Ein Beben breitete sich über die stählerne Außenhaut des Schiffes aus.
An der gegenüberliegenden Seite der Scheibe wölbte sich die Haut
kreischend nach außen, bis sie den unkontrollierten Kräften eines
explodierenden Reaktors nicht mehr standhalten konnte. Ein leuchtender
Plasmaball quoll hinaus in das All und erlosch nach Sekundenbruchteilen
wieder.
Fasziniert von diesem Ausbruch ungezügelter Stärke waren die
Wissenschaftler stehen unwillentlich geblieben und starrten in das Inferno.
Aurec schubste sie vorwärts und trieb sie weiter an. Noch schien die
KATHY unversehrt geblieben zu sein. Aber niemand konnte dafür
garantieren, dass es dabei blieb.
Unsichtbare Riesenfäuste schienen keine dreißig Meter entfernt eine
hausgroße Installation zu zermalmen. Die Angreifer setzten offenbar auch
Intervallkanonen ein. Bruchstücke wirbelten herüber. Eines davon traf
Barwigh. Die kinetische Energie des Geschosses war groß genug, um den
Prallschirm und den Helm zu durchschlagen. Barwighs Körper knickte in
den Knien ein und fiel zu Boden. Durch das gezackte Loch im Helmvisier
war sein völlig zertrümmertes Gesicht zu sehen. Der Saggittone packte die
schreckerstarrten Frauen am Arm und zog sie weiter. Sie durften keine Zeit
verlieren!
Endlich erreichten sie die KATHY SCHOLAR II, die bereits die
Schleuse geöffnet hatte. Sie hasteten die Rampe hinauf. Während die
Alyskerinnen keuchend zu Boden sanken, warf sich Aurec nicht weniger
schnaufend in den zentralen Antigravschacht. Noch bevor er die Zentrale
erreicht hatte, startete die Schiffspositronik und ging aus allen Rohren
feuernd auf Fluchtkurs. Die hyperphysikalischen Bedingungen waren nicht
optimal, aber dieses Schicksal teilten sie mit ihren Gegnern. Diese hatten
den Beschleunigungswerten der KATHY nichts entgegenzusetzen. Sie
konnten nur ihre Energiestrahlen hinterherwerfen, die nutzlos im All
verpufften. Kurz bevor sie in den Linearraum eintauchten, konnten sie auf
dem Ortungsholo beobachten, wie die PYRROSCH in einer Serie von
Detonationen zerrissen wurde.
Eine planetenlose gelbe Sonne in einem abgelegenen Sektor von Cartwheel
war der Fluchtpunkt, an dem sich die kümmerlichen Reste von Eorthors
Forschungsflotte sammelten. Lediglich vier Raumer hatten den
hinterhältigen Überfällen entkommen können, keines war unbeschädigt. Die
TITHOR hatte sich ebenfalls einer erdrückenden Übermacht
gegenübergesehen und war mit Mühe und Not geflohen. Eorthors
Flaggschiff sah mitgenommen aus. Es würde Wochen dauern, die Schäden
zu beseitigen.
Der Alysker kochte vor Zorn. Wie ein hungriges Raubtier umkreiste er
den Konferenztisch, an dem sich Aurec und Osiris niedergelassen hatte. Die
Loge des Kosmos hatte einen empfindlichen Schlag erlitten und noch war
unklar, wer das ermöglicht hatte. Das Forschungsprojekt hatte eine sehr
hohe Sicherheitsstufe genossen. Die beteiligten Wissenschaftler hatten nur
die für die eigenen Aufgaben notwendigen Informationen erhalten. Nicht
einmal die Einsatzgebiete der Kollegen waren offengelegt worden. Diese
Details waren nur einem kleinen Kreis bekannt gewesen.
»Wir sind verraten worden«, stieß Eorthor hervor. »Man hat uns den
Quarterialen zum Fraß vorgeworfen!«
Mittlerweile war klar, dass es sich bei den Angreifern durchgehend um
Kampfschiffe des Quarteriums gehandelt hatte. Diese hatten zwar versucht,
ihre Individualsignatur zu tarnen, aber die spärlichen Ortungsdaten hatten
diese Information schließlich doch preisgegeben.
Eorthor hielt inne und wandte sich ruckartig seinen Gefährten zu. »Ich
frage euch: wem nützt es?«
Über dem Tisch erschienen die holografischen Köpfe der Mitglieder der
Loge. Aurec erkannte Stewart Landry, Sam, Anubis, Adelheid, Constance.
Sie alle waren in die Planungen involviert gewesen. Sie alle hatten Zugriff
auf nahezu alle Informationen. Wer von ihnen hatte die Arbeit von
Jahrzehnten zunichtegemacht? Der Schlag gegen die Forschungsflotte war
nur der erste Schritt gewesen. Mittlerweile trafen aus allen Ecken der
Galaxis Meldungen über Angriffe gegen Mitglieder der Loge ein. Brettany
de la Siniestro und Horus waren nur knapp mit dem Leben davon
gekommen. Schwer verletzt hatten sie sich in letzter Sekunde dem Zugriff
der Angreifer entzogen. Die lange vorbereiteten Fluchtroutinen hatten
offenbar bei allen funktioniert. Eorthor hatte schon vor Jahren darauf
gedrungen, derartige Sicherheitsmaßnahmen zu erarbeiten, weil er einen
Hinterhalt – ob Verrat oder nicht hatte kommen sehen. Jeder und jede von
ihnen hatte die Fluchtroute individuell geplant. Den Treffpunkt hatte der
Alysker höchstselbst auf verschlüsselten Datenkristallen ausgegeben, die
ihren Inhalt sich erst bei Eintreten mehrerer Voraussetzungen preisgaben.
»Wieso hast vertraust du uns immer noch?«, fragte Osiris. »Was hält uns
ab, dich hier und jetzt ans Messer zu liefern?«
»Die Wahrscheinlichkeit, mein Freund, die Wahrscheinlichkeit.« Eorthor
lachte freudlos. »Ich kenne euch alle seit vielen Jahren. Es war reichlich
Zeit, euch zu beobachten und mit Hilfe eines Psychopositronikverbundes zu
analysieren.«
Es war Osiris deutlich anzusehen, dass ihn diese Offenbarung nicht
erfreute. Auch Aurec verspürte ein Bohren in der Magengegend. Es
entsprach der Natur des Alyskers seine Umgebung mit allen Mitteln zu
kontrollieren. Er überließ nichts dem Zufall, und hatte er sich einer Aufgabe
verschrieben, traf er alle Maßnahmen, um sie erfolgreich abzuschließen. Er
war ein uraltes, relativ unsterbliches Wesen, das nicht mit naivem Vertrauen
so lange überlebt hatte. Dass er seine engste Umgebung sogar permanent
überprüfte, war indes eine bisher unbekannte Größenordnung der Paranoia.
Aurec schluckte seine Vorbehalte hinunter. »Wir haben gut
abgeschnitten?«
Aus dem Augenwinkel sah er, dass Osiris Mundwinkel zuckte. Er war
amüsiert. Ein gutes Zeichen, dann würde er nicht weiter schmollen.
Eorthor hingegen sah auf ihn herunter, wie ein Lehrer auf einen
begriffsstutzigen Schüler. »Natürlich. Sonst wärt ihr nicht hier. Auch wenn
es bei dir, mein lieber Aurec, eine Zeitlang nicht gut aussah. Den Umstand,
dass du dich der Loge lange Zeit verweigert hast, hat die Psychopositronik
nachteilig gewertet. Auch dein rasanter Gesinnungswechsel war der
Wertung abträglich. Aber alle anderen Faktoren haben für dich gesprochen,
insbesondere deine Arbeit der letzten zehn Jahre.«Und wenn ich einen
Langzeitplan verfolgen würde? Eorthor schien seine Gedanken zu erraten
und hielt den Blick unverwandt auf Aurec gerichtet. Auch dieser Aspekt
war selbstverständlich berücksichtigt worden.
Heimliche Treffen waren in den letzten Monaten die Regel geworden.
Selbst in den Randbereichen von Cartwheel, wo der Einfluss der Harmonie
DORGONS traditionell gering war, konnte man sich nicht sicher fühlen.
Raumschiffe der Quarteriums durchkämmten die Galaxis und gingen jedem
Hinweis zum Aufenthaltsort von Mitgliedern der Loge des Kosmos nach.
Und Hinweise gab es wie Sandkörner in einer Wüste. Die horrend hohen
Kopfgelder, die ausgesetzt worden waren, vervielfachten das Heer der
Suchhunde. Die Harmonie nutzte die Gelegenheit und setzte sich
sukzessive auch im Gebiet der Organisation Sternensaum fest. Natürlich
wäre es einfach gewesen, irgendwo im Raum zwischen den Sternen
unterzutauchen und still zu halten, aber dann wäre die Mission gescheitert.
Das alles ging Aurec durch den Kopf, als er mit der KATHY SCHOLAR
II unter den Strahlbahnen eines 1500-Meter-Kugelraumers hindurchtauchte.
So viel zu heimlichen Treffen. Er beobachtete auf dem Holo, wie Sams
Schiff beschleunigte und sich anschickte, in den Linearraum überzutreten.
Der Schutzschirm flackerte und war von schwarzen Hyperraumaufrissen
übersät, aber er hielt stand. Dann war der Freund verschwunden. Einige
Schiffe der Jäger nahmen auch die Verfolgung in den Zwischenraum auf,
wobei Aurec ihnen nur geringe Chancen zubilligte. Selbst wenn der Gegner
über so etwas wie Halbraumspürer verfügt hätte, würde Sam sie
abschütteln.
Er selbst hatte ein wenig Distanz zwischen sich und seine Verfolger
gebracht. Die schon ein wenig in die Jahre gekommenen Raumer der
Piraten waren deutlich weniger wendig als seine KATHY. Wie auch immer
sie von dem Treffen in diesem unbesiedelten Sonnensystem erfahren hatten,
sie würden kein Kapital daraus schlagen.
Schließlich glitt auch die KATHY in den Zwischenraum. Den
Austrittspunkt überließ Aurec dem Zufallsgenerator. Nun begann das
Versteckspiel von vorne. Er und Sam mussten sich kontaktieren, möglichst
verdeckt einen Treffpunkt anfliegen und darauf hoffen, dass niemand sie
ortete. Es ging das Gerücht, dass einige organisierte Jäger ganze
Raumsektoren systematisch mit Ortungssonden bestückten, um eine nahezu
lückenlose Überwachung zu erreichen. Alleine angesichts der unendlichen
Weiten zwischen den Sternen war das eine maßlose Übertreibung. Aber
nach einer Enttarnung wie eben, neigte der Saggittone dazu, die
Geschichten zu glauben.
Der Antrieb meldete einen geringfügigen Schaden. Er gab die
Koordinaten für ein kleines Geheimdepot ein, das er vor langer Zeit im
Bereich des Saums eingerichtet hatte. Nachdem Eorthor und Osiris in den
Untergrund geflohen waren, standen die schier unermesslichen Ressourcen
der Alysker und Kemeter nicht mehr zur Verfügung. Beide Völker wurden
von den Söhnen des Chaos anhaltend unter Druck gesetzt und waren
gezwungen, im Sinne ihrer Bevölkerung Abstand zu ihren ehemaligen
Anführern zu wahren.
Aurec ließ sich einen Fruchtsaft und einen Imbiss zubereiten, während er
über die nächsten Schritte nachdachte. Den Handlangern der Söhne des
Chaos galt es zu auszuweichen, gleichzeitig wollten die eigenen Pläne
vorangetrieben werden. Die Abwendung der großen Katastrophe war nach
wie vor die erste Priorität der Loge des Kosmos. Doch ein Mangel an
Material und finanziellen Mitteln bremste die Unternehmung aus.
Forschungsarbeit war geradezu unmöglich.
Eine Textnachricht ging ein, gerade als das Essen auf einem kleinen
Tisch in der Zentrale bereitgestellt wurde. Aurec zog das Textholo mit sich
und schob sich ein paar Bissen des würzigen Gemüsegerichts in den Mund,
bevor er sich dem Schreiben widmete.
Absender war Osiris, die Signatur war echt. Osiris wandte sich mit neuen
Anweisungen an seine Mitstreiter. Das verwunderte Aurec. Es musste einen
gewichtigen Grund geben, dass Osiris diesen trotz aller
Sicherheitsmaßnahmen riskanten Weg eines Funkrundrufs wählte.
Sekunden später kannte er den Anlass.
In Cartwheel war ein neuer Machtblock etabliert worden. Ein Matriarchat
der Hexen von Amuns Gnaden. Ein Abbild zeigte die Oberste Matriarchin,
deren Identität ihn nicht überraschte. Er hatte sie schon länger im Verdacht
gehabt und auch Eorthors Psychocomputer hatte eine hohe
Wahrscheinlichkeit dafür ausgegeben, dass sie die Verräterin war.
Eigentlich war es offensichtlich gewesen. Sie hatte immer schon für eine
Öffnung der Loge hin zu den Machthabern der Galaxis plädiert. Sie hatte in
Besprechungen versucht, geheime Details zu erfragen. Und sie strebte nach
Macht.
Auf einem hochlehnigen Sessel saß gehüllt in pompöse Kleider Adelheid
und absolvierte mit professionellem Lächeln und Winken eine Zeremonie,
an deren Ende wohl ihre Inthronisierung stehen sollte.
Amun hatte sie für ihre verräterische Arbeit reichlich belohnt.
Übelkeit breitete sich in Aurecs Magen aus. Obwohl er es geahnt hatte,
war diese Bestätigung ein Tiefschlag für ihn. Frustration mische sich mit
Wut und er wischte mit viel Schwung sein Essen vom Tisch. Das gläserne
Gefäß mit Saft zerschellte an einer Konsole. Träge krochen Tropfen die
Verkleidung hinab.
Er hatte die Folgen dieser perfiden Entwicklung noch nicht einmal
vollständig durchdacht, dennoch überwältigten sie ihn schon. Ab sofort
würde die Arbeit der Loge um ein Vielfaches erschwert werden. Es war ein
schwacher Trost, dass Adelheid nun nicht mehr Teil der Organisation war
und keine Informationen mehr ausplaudern konnte.
Er aktivierte Osiris´ Botschaft.
Es gab einen neuen Plan. Nachdem nunmehr die Verräterin ihr garstiges
Gesicht gezeigt hatte, würde man noch umsichtiger agieren müssen als
bisher. Aufgrund instabiler Lieferketten herrschte Materialmangel, der sich
auf alles niederschlug. Die Konstruktion von Eorthors neuem Raumschiff
war ebenso betroffen wie die Forschungen zum Zeitchaos und der
Raumfahrt an sich. Die erhöhte Hyperimpedanz tat ihr Übriges. Reisen zu
anderen Sterneninseln waren geradezu unmöglich. In der Konsequenz
würde man auf ein Reisemedium ausweichen, auf das weder die Feinde
noch die Hyperimpedanz merklichen Einfluss hatten: die Tiefe des Chaos.
Kapitel 2 – Hunter und der Hauri
An einem Interkom rief Hunter Creens Aufenthaltsort ab. Sein Partner
befand sich in einer der betriebsbereiten Messen in der Nähe der
Unterkünfte. Die CASSIOPEIA war für eine nach Tausenden zählende
Besatzung konzipiert. Derzeit waren es wenige hundert Wesen, die nur
einen kleinen Abschnitt im Hauptteil des Schiffs bevölkerten, so dass
Hunter auf dem Gang niemandem begegnete. Die Messe selbst war gut
besucht. Creen saß im Hintergrund alleine an einem Tisch und starrte auf
den leeren Teller vor sich. Hunter ignorierte die Schlange der Wartenden
vor dem Ausgabeautomaten und wählte ein Fleischgericht auf dem Display.
»Erlaube mal«, ertönte eine erboste Stimme hinter ihm. »Wir alle stehen
hier schon länger als du. Warte gefälligst, bis du dran bist!«
Der Rhodanjäger drehte sich langsam um. Vor ihm stand ein schmaler
Mann mit dunklem Teint und nach hinten frisierten schwarzen Haaren.
Seine Augen hinter der dickrandigen Datenbrille blitzten wütend. »Deine
Erziehung war wohl auch nicht die beste. Ich bin sehr enttäuscht, dass es
hier an Anstand so sehr mangelt«, keifte er.
Hunter atmete aus. Dann packte er den Kopf des Mannes und rammte ihn
mit Wucht gegen die Verkleidung des Ausgabeautomaten. Die Datenbrille
flog davon. Der Schwarzhaarige schwankte benommen und schien gar nicht
zu begreifen, was mit ihm passierte. Er tastete nach der Theke, um sich
abzustützen, aber das ließ Hunter gar nicht erst zu. Er schlug ihm mit
geballter Faust in den Magen. Als sein Opfer sich krümmte, versetzte er
ihm einen weiteren Schlag auf den Hinterkopf. Der Mann klappte
zusammen, aber Hunter riss ihn auf die Beine, hielt ihn am Kragen fest und
versetzte ihm weitere Schläge ins Gesicht. Dann ließ er ihn wie einen
nassen Sack zu Boden fallen.
Während sich einige Gäste um den blutüberströmten Schwarzhaarigen
kümmerten, griff Hunter seelenruhig nach seiner Mahlzeit und ging auf
Creen zu. Die Menschen wichen ihm aus, warfen ihm böse Blicke zu, aber
keiner wagte aufzubegehren. Offene Gewalt beeindruckte die meisten
Menschen eben immer noch. Zwar hielten sich hier erfahrene Raumfahrer
auf, die auch auf Kampfschiffen Dienst getan hatten. Aber es war nun
einmal ein Unterschied, ob man im Schutz von Energieschirmen und
SERUNS aus großer Entfernung den Feind bekämpfte oder sich körperlich
unmittelbar attackierte. Weicheier!
Er genoss das abebbende Adrenalin. Der Ärger darüber, dass Ragana
seine Loyalität in Frage gestellt hatte, war nun verflossen.
»Du kannst es nicht lassen, oder?«, sagte Creen, als Hunter sich zu ihm
setzte. »Wir stecken hier mit allen zusammen in der Klemme. Wenn du es
zu weit treibst, setzen sie uns in einem Beiboot in dieser Chaosumgebung
aus.«
Hunter knurrte verächtlich und machte sich daran, sein Essen
hinunterzuschlingen. Dabei musterte er seinen Partner aus
halbgeschlossenen Augen.
»Was hältst du von Raganas Plänen?«, fragte er.
Creen sah von seinem Multikom auf, an dem er herumgenestelt hatte.
»Ich denke, sie hat recht. Wir sind Rhodan losgeworden und müssen nun
dafür sorgen, dass er nie wieder zurückkommt. Ich würde sogar noch einen
Schritt weitergehen und diese Kosmogenen Chroniken aufspüren und
zerstören, um wirklich sicherzugehen. Dieser de la Siniestro kann uns dabei
sicher behilflich sein.«
Er machte einige Eingaben an dem Armband und fuhr fort: »Vielleicht
sollte man sogar diesen Aurec und seine Leute aus dem Weg schaffen.«
»Das dürfte kurzfristig nicht möglich sein, ohne eine größere
Auseinandersetzung an Bord zu riskieren. Das ist in der aktuellen Situation
zu gewagt.«
»Folglich hat Ragana Recht damit, wenn sie sich Verbündete sucht.
Emperador de la Siniestro kann uns dabei unterstützen. Wenn diese
Zusammenarbeit steht, kann man die nächsten Schritte planen. Wir müssen
versuchen, in eine überlegene Position zu kommen. Entweder mit direkter
Hilfe des Emperadors oder indem wir die Besatzung auf unsere Seite
ziehen. Wenn nach der Zerstörung der Chroniken der Weg zurück verbaut
ist, lässt sich die Verzweiflung der Leute zu unserem Vorteil nutzen...«
Er stockte und starrte auf das Display des Multikoms. Seine Stirn
kräuselte sich dabei, als habe etwas sein Missfallen erregt. »Entschuldige
mich bitte«, murmelte er, ohne den Blick zu heben, und verließ mit
schnellen Schritten die Kantine.
Hunter sah ihm schweigend nach.
Auf seinen Streifzügen durch die CASSIOPEIA hatte Hunter einen
Trainingsraum entdeckt. Neben mehreren Sportgeräten war dieser mit
einem holografischen Sparringspartner ausgestattet. Das Menü bot eine
Auswahl alter terranischer Kampfstile ebenso wie arkonidisches Dagor oder
tefrodisches Keon. Hunter bevorzugte den freien Kampf, bei dem der
virtuelle Gegner eine Mischung der Kampftechniken anwandte. Als er die
Schwierigkeitsstufe acht von zehn anwählte, verlangte das Gerät eine
explizite Einverständniserklärung, verbunden mit dem Hinweis, dass
körperliche Unversehrtheit nicht gewährleistet werden könne.
Mit einem verächtlichen Schnaufen drückte Hunter den Hinweis weg. Er
nahm in der Mitte des Raumes Aufstellung und aus einem Fach in der
Wand schritt ein einem männlichen Terraner nachempfundener Androide.
Er nahm eine lauernde Position ein, die Hände schlagbereit in Gesichtshöhe
erhoben, in den Knien federnd.
Hunter begann mit einigen Tritten gegen den Kopf, die der Androide
problemlos mit den Unterarmen blockte. Seinerseits versuchte er, Hunters
Deckung mit Dagorschlägen zu durchbrechen, was diesen ebenso wenig
beeindruckte. Der nachfolgende Schlagabtausch war intensiver und drängte
den Rhodanjäger an die Wand. Er keuchte, als er einen Hieb in den
Unterbauch nicht abwehren konnte. Er widerstand dem Reflex, sich zu
krümmen, und deckte stattdessen seinen Kopf, auf den die nächsten Schläge
zielten.
Langsam übernahmen seine routinierten Reflexe die Steuerung seines
Körpers. Sein Kopf wurde frei und seine Gedanken glitten ab.
Creen. Das seltsame Verhalten seines Partners hatte begonnen, als dieser
von dieser seltsamen Zukunftsmission mit der NOVA zurückgekehrt war.
Die Vermutung lag nahe, dass dort ein Ereignis sein inneres Gleichgewicht
ins Wanken gebracht hatte. Doch was war passiert?
Hunter wich einer Beinschere seines Gegners aus und revanchierte sich
mit einem saftigen Tritt gegen den Kopf.
Er und Creen arbeiteten seit Jahren zusammen, hatten viel erlebt und
Dutzende gefährliche Situationen durchgestanden. Das gegenseitige
Vertrauen im Einsatz war Grundlage für ihre Überleben. Daher hatte er
auch völlig unabhängig von Raganas Misstrauen einen persönlichen Grund,
Creens ungewöhnliches Gebaren unter die Lupe zu nehmen. Er musste
wissen, ob er sich immer noch auf seinen Partner verlassen konnte. Ob
dieser noch an seiner Seite stand. Im Zweifel musste er eine Bedrohung
eliminieren, bevor er selbst mit einem Vibratormesser im Rücken das
Zeitliche segnete.
Es gelang ihm, den Arm seines Gegners zu packen und einzudrehen. Es
knackte, als er den Körper zu Boden riss und sich mit ganzem Gewicht auf
den Oberkörper warf. Die Steuerung des Androiden simulierte Atemnot,
das Schultergelenk aus Leichtmetallplastik und die Kunststoff-Sehnen
waren lädiert. Ein Handkantenschlag gegen den Hals ließ den Gegner
simuliert das Bewusstsein verlieren.
Hunter setzte noch ein paar Schläge gegen den Schädel hinterher und
ignorierte das warnende rote Flackern der Wände. Sollte sie ihm doch die
Reparatur in Rechnung stellen. In einem realen Zweikampf ging er auch
sicher, dass ihm der besiegte Gegner nicht mehr gefährlich werden konnte.
Notfalls schaltete er die Bedrohung endgültig aus.
Creen. Er rief sich die Rückkehr der NOVA in Erinnerung. Den
Augenblick, als die Besatzung die Space-Jet verlassen hatte. Neben Creen
waren auch Cilgin At-Karsin und Soothom mit von der Partie gewesen.
Alle drei hatten abgekämpft gewirkt, von den Erlebnissen geprägt. Schon in
diesem Augenblick hatte Hunters innere Stimme ihm eingeflüstert, dass
irgendetwas an diesem Szenarion nicht gestimmt hatte. Noch immer konnte
er den Finger nicht genau darauf legen.
Er warf den defekten Androiden in eine Ecke. Sollte sich ein
Serviceroboter darum kümmern.
Creen hatte einen kurzen Bericht abgegeben und von den Unbillen der
Reise berichtet. Dabei hatte er bereits abgelenkt und fahrig gewirkt. War es
das? Den Creen, den er kannte, warfen ein paar Verluste auf einer Mission
nicht so einfach aus der Bahn. Da musste mehr dahinterstecken.
Wenn also Creen ein besonderes Erlebnis gehabt hatte, müssten dann
nicht seine Kameraden auch etwas davon mitbekommen haben?
Der Hauri arbeitete an seinem Schreibpult, als Hunter seine Kabine betrat.
Sie wirkte steril, Cilgin At-Karsin legte keinen Wert auf persönliche
Gegenstände. Sämtliche Ablageflächen, waren mit ungeordnet aufgehäuften
Datenträgern übersät. Dazwischen lagen Lesegeräte, zerknitterte
Notizfolien und Geschirr.
»Herr Rhodanjäger!«, rief der Hauri mit schriller Stimme. »Was kann ich
für Sie tun?«
»Ich benötige eine Auskunft.«
Cilgin beugte dienstbeflissen den dunkelgrauen Schädel. »Ich hoffe,
behilflich sein zu können.«
Hunter baute sich breitbeinig vor ihm auf, die Hände in die Hüfte
gestemmt. Es ging darum, von vorneherein den richtigen Eindruck zu
erzeugen. Den Eindruck der vollständigen Überlegenheit. Der Hauri war
zwar um die zwei Meter groß, sein Körper wirkte aber geradezu
ausgemergelt. Er war Hunter alleine an Körpermasse unterlegen,
geschweige denn ein geübter Kämpfer. Eine körperliche
Auseinandersetzung wäre eine äußerst kurze Angelegenheit. Zu kurz für
Hunters Geschmack. Ihm Stand der Sinn nach einem etwas ausgedehnteren
Zeitvertreib. Dennoch wollte er der Schädelfresse die Chance geben, sofort
mit den Informationen herauszurücken. Je schneller er Creens Geheimnis
lüftete, desto früher konnten sie bei Bedarf Gegenmaßnahmen einleiten.
Also baute er eine Drohkulisse auf.
»Das hoffe ich auch«, knurrte er. »Du warst mit Nathaniel Creen auf
dieser mysteriösen Zukunftsmission, richtig?« Cilgin nickte. »Was ist dort
passiert?« Ruckartig beugte Hunter sich nach vorne und stützte die Hände
wuchtig auf das Schreibpult, das bedenklich knarzte. Zufrieden beobachtete
er, wie der Hauri zusammenzuckte.
»Diese Informationen können Sie dem Missionsbericht entnehmen. Wenn
Sie wollen suche ich ihn...«
»Nein!«, schrie Hunter und hieb mit der Faust auf das Pult. Cilgin wich
zurück. Seine dürren Finger wanderten nervös über den Oberkörper.
Der Rhodanjäger drehte sich zur Tür, atmete tief durch, als müsste er sich
beruhigen, und wandte sich dann wieder dem Hauri zu, wobei er ein
halbwegs freundliches Lächeln aufsetzte.
»Ich habe mich nicht gut ausgedrückt. Lass es mich anders formulieren,
damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin an den Geschehnissen
interessiert, die es nicht in den Missionsbericht geschafft haben.«
»Ich verstehe nicht...«
»Nun, auf jeder Mission ereignen sich Dinge, die nicht mit dem
Missionsziel zusamenhängen oder nicht von übergeordneter Bedeutung
sind, und sich daher nicht in den Berichten wiederfinden.
Zwischenmenschliche Dinge beispielsweise. Oder persönliche Erfahrungen
der Missionsteilnehmer
Die tief in den Höhlen liegenden grünen Augen des Hauri leuchteten kurz
auf. Ein Zeichen für Nervosität? Hunter hatte keine Erfahrungen mit der
Körpersprache der Hauri. Zeugte der gebeugte Oberkörper von
Unsicherheit? Oder signalisierte er etwas anderes? Zustimmung?
»Wenn Sie mir mitteilen, von welchen konkreten Begebenheiten Sie
sprechen, kann ich Ihnen vielleicht besser behilflich sein.«
»Das Stichwort habe ich bereits genannt: Creen.«
Cilgin wirkte zunächst erleichtert, dann krümmte sich der Körper wieder
zusammen. »Ich weiß nichts über Creen.«
Hunter griff in die Tasche seiner Jacke und zog eine kleine Flasche mit
einer klaren Flüssigkeit hervor. In einer feierlichen Geste setzte er es auf
dem Pult ab. Cilgins Augen weiteten sich.
»Ich frage mich, ob das deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen wird«,
sagte der Tefroder freundlich lächelnd.
»Ist das...?«
»Wasser. Ganz genau. Ein wundersamer Stoff.«
Wasser hatte auf die Hauri eine höchst eigenartige Wirkung. In geringen
Mengen wirkte es als starkes Stimulans und konnte zu körperlichen
Höchstleistungen aufputschen. Eine Überdosierung führte hingegen zum
Tod. Hunter hatte eine ungefähre Vorstellung, wie viel Wasser er der
Schädelfresse zumuten konnte, bevor die grünen Augen für immer
erloschen. Es würde sehr reizvoll sein, sich an die genaue Grenze
heranzutasten.
Der Hauri stürzte plötzlich nach vorne und versuchte, die Tür zu
erreichen. Doch der Tefroder packte ihn ohne Anstrengung und verabreichte
ihm eine kräftige Ohrfeige. Das brach den kurzzeitig aufgeflammten
Widerstand. Er warf Cilgin auf dessen Sessel und zog eine Metallplastband
aus der Tasche. Damit fesselte er seine Arme und Beine an das Sitzmöbel.
Der benommene Hauri glotzte ihn dabei mit verständnislosem Blick an.
Hunter öffnete die Flasche. Mit einer Hand packte er Cilgin am Kiefer
und bog seinen Kopf nach hinten. Dann zwang er den Kiefer auf und kippte
dem sich heftig wehrenden Hauri einen Schluck Wasser in den Rachen.
Dann wartete er.
Cilgin krümmte sich in seinen Fesseln und keuchte. Dann lag er still und
kraftlos in dem Sessel wie eine Teforqualle am Strand. Beinahe wurde
Hunter wütend auf sich selbst, weil er befürchtete, sein Beweismittel selbst
zerstört zu haben. Doch Sekunden später leuchteten Cilgins Augen auf und
er stieß einen kehligen Laut aus. Sein Körper warf sich mit Wucht gegen
die Fesseln.
»Mach mich sofort los oder ich reiße dich in Fetzen!«, brüllte er.
Hunter sah interessiert zu. Das Metallplast sollte ausreichend stabil sein,
um diesem dürren Elend zu widerstehen. Offenbar trieb diese Wasserdosis
einen Hauri zu erhöhter Aggressivität. Er riss mit aller Gewalt an den
Bändern, die in seine Gliedmaßen einzuschneiden drohten. Hunter
umschlang den Kopf mit einem Arm und zwang trotz Cilgins heftiger
Gegenwehr dessen Kiefer mit der Hand auseinander. Er träufelte den
nächsten Schluck in den Rachen.
Der Hauri brüllte wie ein wildes Tier und zerrte noch mehr an seinen
Fesseln. Dann warf er sich nach hinten in die Lehne, holte Schwung und
kippte den Sessel vorwärts. Offenbar wollte er sich samt Möbel auf seinen
Peiniger werfen, das Maul weit aufgerissen.
Der Rhodanjäger stieß ihn mühelos zurück. Der Sessel kippte nach hinten
und begrub ein einen Ständer mit Datenkristallen krachend unter sich.
Cilgin starrte ihn wütend an, sein Atem ging schnell und der Körper zitterte.
Die ersten Symptome einer Überdosis, die überraschend schnell auftraten.
Den Quellen zufolge sollte das erst bei etwa der doppelten Portion der Fall
sein. Er musste vorsichtig agieren, die Schädelfresse war offenbar ein noch
empfindlicherer Vertreter seiner Art, als er bisher gedacht hatte.
Er beobachtete den Kampf des Hauri gegen die seltsame Droge. Krämpfe
suchten den dürren Körper heim und steigerten sich langsam. Er würgte und
keuchte und rang nach Luft. Die Finger zuckten ebenso unkontrolliert wie
der gesamte Körper.
Hunter blickte zufrieden auf sein Opfer hinab. Er hatte den passenden
Weg gewählt. Cilgin At-Karsin war das einfacher zu brechende Ziel
gewesen, gleichzeitige hatte Hunter es für sich interessanter gestalten
wollen. Der Tod von Boffelia Bokk wäre möglicherweise ein Hebel
gewesen, so dass er auch mit einer einfachen Erpressung sein Ziel erreicht
hätte. Das hätte allerdings auch einen weniger nachhaltigen Eindruck
hinterlassen. Und hätte keine so befriedigende Erfahrung geboten.
Cilgin würgte und erbrach sich über seine Beine. Er stöhnte. Seine
Lippen bewegten sich, aber ihm fehlte die Kraft, Worte zu artikulieren. Die
Symptome verstärkten sich.
Der Tefroder klappte das Maul des Hauri erneut mit Gewalt auf und hielt
ihm das Fläschchen vor die Augen. »Du hast die Wahl, mein Lieber.
Entweder du erzählst mir, was mit Creen los ist oder du fährst den Trip
deines Lebens.« Er kippte die Flasche langsam. Die Flüssigkeit in ihrem
Inneren neigte sich der Öffnung zu.
Doch noch bevor auch nur annähernd ein Tropfen Wasser den
Flaschenhals verlassen konnte, nickte der Hauri kraftlos.
Kapitel 3 – Mission der Chronikträger
1355 NGZ
Seine Schritte hallten durch die weitläufige Halle, deren Decke rund dreißig
Körperlängen über ihm in der Dunkelheit verschwand. Im fahlen Licht der
Notbeleuchtung wirkten die gewaltigen Maschinen wir schlafende
Urzeitmonster. Die Stille und die Schatten schufen eine gespenstische
Atmosphäre. Die Fertigungsstätten auf der Dunkelwelt Percatus 12 hatten
noch vor wenigen Wochen glühenden Raumfahrtstahl aus gigantischen
Pressen gespuckt. Maßgenaue Bauteile waren im Schein gleißender
Schweißapparaturen gefügt und mit violett schimmernden Energiefeldern
einer Kristallfeldintensivierung unterzogen worden. Nun war all das
Vergangenheit. Percatus 12 würde für lange Zeit in einen Winterschlaf
versinken, bis seine Dienste irgendwann wieder einmal von Nutzen sein
mochten.
Ein Trupp kugelförmiger Roboter kreuzte Aurecs Weg. Sie waren mit
großkalibrigen Desintegratoren ausgerüstet. Ihre Aufgabe war es,
diejenigen Maschinen zu vernichten, die Rückschlüsse auf die zuletzt
gefertigten Raumschiffe zuließen. Nicht so offensichtlich aber ebenso
effizient agierten Softwareagenten, die die Rechner und Datenbanken auf
Percatus 12 durchstöberten und alle Produktionsunterlagen restlos
auslöschten. Zuvor übertrugen sie die Informationen in einen
verschlüsselten Speicher im Rechnerverbund der TITHOR.
Asf dem Weg zum hätte sich Aurec vom Antigrav seines Raumanzugs
tragen lassen können, aber er zog es vor zu laufen. Diese Empfindung von
Winzigkeit angesichts der schattenverhangenen, riesigen Anlagen flößte
ihm Demut ein. Wenn die Maschinen produzierten, war der Aufenthalt in
dieser Halle ohne Prallfelder für die meisten Wesen lebensbedrohlich. Im
stillgelegten Zustand verbreiteten sie lediglich eine vage Ahnung ihrer
Bedrohlichkeit, doch selbst das war ausreichend, um Aurecs
Gefühlszustand zu prägen.
Die bevorstehende Mission der Chronikträger erfüllte ihn mit Unruhe. Er
würde die Tiefe des Chaos durchreisen, was ihm die Chance bot, nach
seiner verlorenen Geliebten zu suchen. Doch zuoberst stand die Mission.
Die Kosmogenen Chroniken mussten in ihre Verstecke gebracht werden,
um nach dem drohenden Zeitchaos für eine Restaurierung der Zeitlinie zur
Verfügung zu stehen. Erst wenn diese Aufgabe erfüllt war, war wieder Zeit
für weitere Nachforschungen.
Er lief gerade deshalb bewusst zu Fuß durch die riesigen Hallen, um sich
auf die große Verantwortung, die auf ihm als Chronikträger lastete,
einzustimmen. Um sich seines Stellenwerts angesichts des großen Ganzen
bewusst zu werden. Die gigantischen Größenrelationen standen symbolisch
dafür.
Der Treffpunkt war ein Hangar, in dem acht schlanke, pfeilförmige
Raumschiffe standen. Ihre Hülle glänzte silbern. Sie wirkten elegant und
majestätisch, als ob ihnen nichts etwas anhaben konnte. Ihre Feuertaufe
würden sie allerdings erst bestehen müssen. Wirkliche Langzeittests waren
nicht möglich gewesen, und sie würden für Jahre in der Tiefe des Chaos
unterwegs sein. Die Simulationsmodelle hatten positive Resultate
ausgespuckt, aber sie waren nicht perfekt.
Die übrigen sieben Chronikträger warteten zusammen mit Eorthor und
einer minimal besetzten Hangarcrew auf ihn. Eine seltsame Stimmung lag
in der Luft. Den anderen erging es vermutlich wie ihm. Ein Abenteuer mit
der Verheißung völlig neuer Erfahrungen und Herausforderungen lockte.
Gleichzeitig verantworteten sie den Erhalt einer Zeitlinie in diesem Sektor
des Universums, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
annihiliert werden würde. Acht Wesen aus unterschiedlichen Völkern
würde dafür sorgen, dass sie wieder auferstand. Wer hatte sich jemals so
etwas Verrücktes vorgenommen? Und wenn Aurec ehrlich war, verstand er
such nicht vollständig, wie das vor sich gehen würde.
Jedes der acht Wesen würde eine Kosmogene Chronik an sich nehmen
und in einem Kosmogenen Segler in die Tiefe eintauchen. Der Auftrag war,
über eine Temporale Anomalie, die Anker der Tiefe im Standarduniversum
bildeten, die jeweilige Zielgalaxis zu erreichen, um dort die Chronik zu
verstecken, die mit den lokalen raumzeitlichen Informationen vollgestopft
war.
Aurec selbst würde sich nach Wassermal aufmachen. Constances Ziel
war Erranternohre, Mirus Traban reiste nach Andromeda. Weitere
Chronikträger waren Niada, Anubis und Stewart Landry, sie waren für
Siom Som, M87 und die Milchstraße eingeplant. Komplettiert wurde die
illustre Runde von Brettany de la Siniestro und Sam, die sich um M100
Dorgon und Norgan-Tur kümmern sollten. Alle Zielgalaxien zeichnete aus,
dass sie die Geschichte des Universums maßgeblich geprägt hatten. Eorthor
und Osiris nahmen an, dass sich dort auch nach dem Zeitchaos
Zivilisationen und Strukturen bilden würden, die ein Wiederfinden der
Chroniken ermöglichten.
»Schön, dass du ebenfalls an unserem Treffen teilnimmst«, begrüßte ihn
Eorthor ungehalten. »Wir haben nicht viel Zeit. Osiris hat eben von den
letzten Geschehnissen in der Galaxis berichtet.«
»Nach den Destabilisierungsversuchen und politischen Einflussnahmen
der letzten Wochen hat Adelheid mit ihren Verbündeten den Kampf in
unsere Territorien getragen. Die Hauptwelten der Kemeten und Saggittonen
sowie weiterer führender Staaten wurden attackiert. Angeblich um die
Harmonie DORGONS vor zersetzenden Einflüssen zu bewahren und die
Ordnung wiederherzustellen. Es tut mir leid, mein Freund.«
In Aurec loderte Wut. Adelheid hatte ihr Wissen über die inneren
Strukturen der Loge genutzt, um diese in den Untergrund zu treiben. Nun
griff sie ihre ehemaligen Verbündeten seine Heimat! an, um Amuns
Machenschaften zu protegieren und die eigene Macht zu behaupten. Hatte
man sich so sehr in ihr getäuscht?
»Dann lasst uns keine Zeit verschwenden«, antwortete er. »Wenn sie die
Koordinaten der Dunkelwelten entschlüsselt haben, werden sie nicht
zögern.«
Eorthor übergab jedem der Acht die zugeteilte Kosmogene Chronik. Er
verlor dabei keine Worte, und auch die Chronikträger schienen keinen Wert
auf eine ausführliche Verabschiedung zu legen. Sie wandten sich
schweigend ihren Schiffen zu, als der Alarm gellte.
»Dreißig schwere quarteriale Kampfschiffe«, rief Osiris. Ein taktisches
Holo schwebte vor seinen Augen. »Sie greifen die TITHOR an.«
Alle rannten nun auf die Segler zu. Hinter ihnen dröhnte Eorthors
Stimmer, verstärkt durch ein Akustikfeld. »Achtet in der Tiefe auf mein
Rufsignal! Ihr findet es in den Speichern der Bordrechner
Die Beleuchtung flackerte gefolgt von einem leichten Vibrieren des
Bodens. Aurec stürmte über die ausgefahrene Rampe in sein Schiff und
warf sich in der Zentrale in den Pilotensitz. Die Systeme waren bereits
hochgefahren, alles war startbereit. Im Stillen dankte er den Technikern für
die sorgfältige Vorbereitung. Auf dem Bildschirm der Außenbeobachtung
sah er, wie Eorthor, Osiris und die Besatzung in einem Transmitter
verschwanden. Mit quälender Langsamkeit glitten die Hangartore
voneinander weg. Das Ortungsholo baute sich auf und Aurec konnte sehen,
was ihn draußen erwartete. Etwa die Hälfte der Angreifer lieferte sich eine
heftige Auseinandersetzung mit der generalüberholten TITHOR. Die
übrigen Feindschiffe belegten die Industrieanlagen von Percatus 12
systematisch mit Feuer. Eorthors Flaggschiff war keineswegs hilflos. Den
angezeigten Daten zufolge hatten sich ihre Gefechtswerte stark verbessert.
Mit wohltemperierten Feuerstößen hielt sie die Quarterialen auf Distanz
und schuf einen Fluchtkorridor für die Chronikträger.
Die Kosmogenen Segler schossen wie ein Schwarm silberner Fische aus
dem Hangar und beschleunigten geradewegs in Richtung des violett
flimmernden Schlundes einer Temporalen Anomalie, die wenige Dutzend
Lichtstunden entfernt im Raum hing. Das Portal in die Tiefe des Chaos war
an dieser Stelle seit längerem stabil, weshalb man Percatus 12 als
Produktionsort der Segler gewählt hatte. Eigentlich hatte der einfache
Zugang für Testflüge im Vordergrund gestanden. Nun war das Portal der
ideale Fluchtweg.
Die Dunkelwelt fiel hinter ihnen zurück und die Ortung meldete
Energieausbrüche an mehreren Stellen der Oberfläche. Der energetischen
Signatur nach tobten dort Kernbrände, die sich in den nächsten Stunden
durch den Planeten fressen und eine schnell verglühende Mikrosonne
zurücklassen würden. Eorthor hatte die Selbstzerstörungsanlagen aktiviert.
Der erste Kosmogene Segler tauchte in das Portal, ein zweiter folgte ihm.
Aurec bemerkte, wie die TITHOR beschleunigte und in den Hyperraum
flüchtete. Mehrere Wracks quarterialer Schiffe schwebten über der
sterbenden Welt.
Die Ränder des neben ihm fliegenden Seglers Sam wurden plötzlich
unscharf, als würde das Schiff mit unglaublich hoher Frequenz vibrieren.
Dann sah er es plötzlich zweimal. Aurec kniff die Augen zusammen, um die
Doppelbilder zu unterdrücken, aber der Eindruck blieb. Das zweite Schiff
löste sich vollständig von seinem Zwilling und für Sekunden rasten beide
mit minimalen Kursabweichungen nebeneinander her. Dann verschmolzen
sie so unerwartet wieder miteinander, dass sich Aurec fragte, ob ihm seine
Sinne nicht doch einen Streich gespielt hatten. Aber kleine Verzerrungen
der Zeit war lediglich ein Vorgeschmack auf die Phänomene, die ihn in der
Tiefe erwarten würden. Kleine, violette Kugelblitze wanderten über die
silberne Haut des Seglers, als er in den Schlund stürzte.
1387 NGZ
Ein Verband von neun rund 120 Metern durchmessenden Diskusraumern
ging auf Abfangkurs. Die nachtschwarze Rumpfoberseite war von mehreren
Spanten übergriffen, die untere Rumpfhälfte mutete gläsern an. Aurec fragte
sich, ob es wohl möglich wäre, eine gläserne Schiffshaut zu ersinnen, die
dem ewigen Vakuum des Alls widerstehen könnte. Der Ausblick für die
Passagiere musste herrlich sein. Die gegnerischen Raumschiffe bildeten
eine Angriffsformation. Impulsstrahlen schossen auf den Segler zu. Die
Systeme meldeten keine Belastung der Schutzschirme.
»Verband beschleunigt auf dreifache Lichtgeschwindigkeit«, meldete
eine Stimme. Wer sprach da? Aurec erinnerte sich dunkel an die
Schiffspositronik. »Ausweichmanöver ... ist obsolet. Sie sind durch uns
hindurchgeflogen
Aurec zog die Augenbrauen hoch. Das war ungewöhnlich. Er hörte ein
Zischen und verspürte ein warmes Kribbeln in der Armbeuge. Seine Sinne
klärten sich.
»Ich habe dir ein starkes Stimulanz verabreicht«, informierte ihn der
Rechner. »Damit bist du rund zwei Stunden handlungsfähig. Ich empfehle
danach dringendst eine Langzeitregeneration. Sonst versagt dein
Organismus in kurzer Zeit.«
Der Saggittone wankte zum Getränkespender hinüber. Er vermied den
Anblick seines Gesichtes in der spiegelnden Oberfläche des Geräts. Diese
ausgemergelte Fratze wollte er nicht mehr sehen. Die diskusförmigen
Geisterschiffe waren eines der vielen seltsamen Phänomene, denen er in der
Tiefe ausgesetzt war. Es handelte sich um niederdimensionale Abdrücke
von Schiffen, die sich zu nahe an eine Anomalie gewagt hatten und nun in
den verwobenen Zeitströmen des Saums festhingen.
Aurecs Navigation wurde dadurch erschwert, dass die Gesetze der Physik
hier allenfalls Richtlinien darstellten. Zeitsprünge und Verzerrungen der
herrschenden Raum-Zeit verzögerten die Reisen innerhalb der Tiefe.
Halunken wie die Tiefen-Piraten machten einem das Leben schwer. Die
temporalen Anomalien mündeten nicht immer im Standarduniversum,
sondern auch in anderen Epochen oder Pararealitäten und entwickelten
mitunter einen starken Sog, der einen in ein völlig falsches Universum
zerren wollte. Und über allem hing der Schleier der Lethe, der Aurec
körperlich und mental auslaugte. Theoretisch hätte der Kosmogene Segler
diesen Effekt abschirmen sollen. Nach ein paar Jahren dauerhaften
Aufenthalts in der chaotischen Umgebung der Tiefe schien dieser Schutz
allerdings zu versagen. Dann blieb nichts anderes übrig, als Schiff und Pilot
im realen Universum regenerieren zu lassen.
Mehr als dreißig Jahre hatte er unter diesen Bedingungen auf der Suche
nach dem richtigen Portal verbracht, auf der mühseligen Suche nach dem
Weg in die Galaxis Wassermal. Die Regenerationsphasen, die die Reise
immer wieder unterbrachen, verdammten ihn über Monate hinweg zur
Untätigkeit. Er war es leid. Diesmal hatte er sich vorgenommen
durchzuhalten, bis er das Ziel vor Augen hatte. Keine weiteren
Verzögerungen mehr!
Ganz hinten in seinem Kopf kämpfte sein rationales Ich gegen die
Verdummung an. Es argumentierte, dass es seinen Tod bedeuten würde,
wenn er nur aus Dickköpfigkeit oder Verzweiflung seinen Körper zu
Grunde richtete.
Aber war das nicht eine wünschenswerte Alternative? Alles hinter sich
zu lassen und endlich einfach zu schlafen? Ewig zu schlafen ... Er schreckte
in seinem Sitz hoch. Das Stimulanz ließ viel zu früh nach. Hatte er sich nun
endgültig ruiniert? Die aufkeimende Panik schob den Wunsch endlich
anzukommen beiseite. Er wollte noch nicht sterben. Er hatte eine Aufgabe
zu erfüllen. Kathy ...
»Positronik. Bring uns durch das nächste Portal nach draußen.« Er
keuchte. Eine stählerne Klammer schien sich um seinen Brustkorb zu legen,
wo sein Herz unregelmäßig hämmerte. Seine Extremitäten kribbelten. Er
spürte, wie ihm die Sinne schwanden.
Wie durch einen dicken Vorhang hörte er die Antwort des Rechners. »Ich
habe die Datenbanken der Kosmogenen Chronik angezapft. Die
Geisterschiffe waren Wacheinheiten der Pfauchonen, eines der in
Wassermal ansässigen Völker. Ich errechne eine hohe Wahrscheinlichkeit
dafür, dass wir diesmal auf das richtige Portal gestoßen sind. Deine
Biowerte sinken rapide, dein Herz schlägt unregelmäßig, ich leite Elektr...«
Aurec wurde bewusstlos.
1477 NGZ
»Na, mein Süßer, was darf ich dir heute Gutes tun? Ich habe hervorragende
Schokomuffins im Angebot!«
Aurec schreckte hoch. Beinahe wäre eingeschlafen. Dabei hatte er nur
kurz seinen Kopf auf dem blitzblanken Tisch ausruhen wollen, weil es sich
anfühlte, als hätte man seinem Körper jegliche Energie ausgesaugt. Er hätte
diesen seltsamen Ort keine Stunde später erreichen dürfen, der den
andauernden mentalen Druck der Tiefe des Chaos abzuschirmen schien.
»Du musst die Muffins probieren. Ich will endlich wissen, ob sie bei den
Gästen ankommen.« Die hochtoupierte Mähne der Terranerin wippte auf
und nieder, während sie einen Block und einen Stift zückte. Ihre beachtliche
Oberweite schien die weiße Bluse geradezu sprengen zu wollen.
»Wie meinen Sie das? Hat noch niemand diese ... Muffins versucht?«,
fragte Aurec misstrauisch.
»Herzchen!« Sie kicherte schrill. »Schau dich doch um! Das ist alles
niegelnagelneu hier. Du bist der erste Gast überhaupt!«
In der Tat saß Aurec alleine an einem Tisch in einem Gastraum. Ein
chromfarbener Tresen blitzte. Auf den weißglänzenden Fliesen fand sich
kein einziger Fleck. Selbst der Kunstlederbezug der Bank, auf der er sich
niedergelassen hatte, roch neu. Alles war in Weiß und Rot gehalten. Dieser
wie hatte es der seltsame Roboter genannt? Diner wirkte wie frisch aus
der Verpackung geholt.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie frustrierend es ist, jeden Tag aufs
Neue für Gäste zu backen, die dann doch nicht kommen. Also? Was ist
jetzt.«
Aurec seufzte. »Gut, dann nehme ich diese Maffeln.«
»Muffins. Alles klar. Und einen starken Kaffee könntest du auch
gebrauchen, Herzchen. Du siehst ganz schön blass um die Nase aus.« Die
Bedienung stöckelte mit schwingenden Hüften davon.
Er betrachtete sich in der spiegelnden Oberfläche einer metallenen
Schachtel, die offenbar Papiertücher enthielt. Ein ausgezehrtes Gesicht
blickte ihm entgegen, umrahmt von stumpfen Haaren. Er sah wirklich nicht
gut aus. Neunzig Jahre Reise durch die Tiefe gingen langsam an die
Substanz. Dabei hatte er die Fahrten immer wieder für Monate oder gar
Jahre unterbrochen, um seinem Körper die Möglichkeit zur Regeneration zu
geben. Dazu hatte er die Tiefe verlassen, ohne vorher genau zu wissen, wo
er landen würde. Eine präzise raum-zeitliche Navigation war nicht machbar.
Glücklicherweise hatte er immer wieder in das Standarduniversum
zurückgefunden, wie ihm Strangenessmessungen bestätigt hatten. Immer
wieder hatte er Anker gewählt, die in geringfügig abweichende Varianten
geführt hatten. Beschleunigte Zeitflüsse und aggressive Zeitgenossen in
diesen fremden Universen hatten für zusätzliche Verzögerungen gesorgt.
Nicht auszudenken, was es für Folgen nach sich ziehen konnte, wenn er in
einer alternativen Zeitlinie strandete oder einen Anker wählte, der ihn an
das andere Ende der Lokalen Gruppe oder darüber hinaus schleuderte.
Die Kräfte der Tiefe zehrten aus. Aber mittlerweile raubte die
zermürbende Irrfahrt an sich gleichermaßen Lebensenergie.
»Bitte sehr, Schnuckel. Einmal Muffins und eine Kanne Kaffee. Wenn du
Nachschlag brauchst, sag Bescheid!«
Ein Berg von dunkelbraunen Küchlein türmte sich auf dem Teller. Der
Duft von warmer Schokolade stieg Aurec in die Nase. Er ließ jegliches
Benehmen fahren und stopfte sich den ersten Kuchen in den Mund. Eine
weiche, süße, schokoladige Masse ließ seine Geschmacksnerven
explodieren. Er griff nach einem zweiten Stück und schob es hinterher,
kaute mit prallgefüllten Backen. Es fühlte sich an, als ob der Zucker
unmittelbar in seinen Körper schoss und die ausgelaugten Energiespeicher
auffüllte. Er spülte mit Kaffee hinunter und das Koffein putschte ihn noch
weiter auf.
Seufzend lehnte sich Aurec in die Kunststoffpolster zurück und genoss
das kribbelnde Gefühl in seinen Adern, das mit den erwachenden
Lebensgeistern einherging.
»Stella macht hervorragende Muffins, nicht wahr?«
Der Roboter schwebte wieder neben ihm.
Er hatte sich als Mr. Terrapedia vorgestellt und Aurec mit seinen drei
Greifarmen gestützt, die aus dem unteren Ende seines eiförmigen Körpers
ragten. Der Saggittone hatte die seltsame Station mit letzter Kraft erreicht,
geführt von Eorthors geheimnisvollen Funksignal.
»Sie sind köstlich«, schwärmte er nun. »Ich habe nie etwas besseres
gegessen.«
»Ich könnte sie in meinem Körper selbst zubereiten. Aber ich ziehe
Stellas Dienste vor. Ihre Anwesenheit macht diese Terra-Station perfekt.«
»Ist sie eine Androidin?«
Terrapedia schwenkte eines seiner drei Stielaugen zu ihr. »Nein, sie ist zu
hundert Prozent Terranerin. Sie wurde von der Erde einer alternativen
Zeitlinie in eine Temporale Anomalie gezogen und landete auf diesem
Proto-Planeten gerade als ich die letzte Greifhand an die Station legte. Sie
kommt aus den 1960er Jahren der alten Zeitrechnung Terras und hat dort in
einem Diner gearbeitet. Als ob das Schicksal es so vorbestimmt hat, dass
sie eines Tages hier landet.«
Er verstummte. Die Stielaugen bogen sich zur Eingangstür hinüber.
»Ich muss um Entschuldigung bitten«, fuhr er fort. »Heute geht es hier zu
wie in einem Taubenschlag. Ein weiterer Gast kündigt sich an.«
Dieser Gast war eine alte Bekannte.
»Diese Zitronenlimonade ist un-glaub-lich gut!«, keuchte Brettany de la
Siniestro. Ihr goldblondes, langes Haar stand wie Stroh in alle Richtungen
vom Kopf ab. In ihrem sonst so zarten Gesicht stachen Nase und
Wangenknochen hervor. Eben biss sie herzhaft von einem Muffin ab und
trank in tiefen Zügen Limonade hinterher.
»Ich bin so froh, dich zu sehen, Aurec! Noch einen Monat alleine mit
dieser Schiffsintelligenz und ich wäre durchgedreht! Du musst mir
unbedingt erzählen, wie es dir ergangen ist. Hast du deine Chronik
versteckt?«
Aurec nickte. »Ja, in Wassermal. Und dann habe ich dort rund zehn Jahre
verbracht, um mich und den Kosmogenen Segler zu erholen. Und du?«
Sie ignorierte seine Frage. Kauend wühlte sie in den tiefen Taschen ihres
silbrig glänzenden Ganzkörperanzugs, den blaue Aufnäher zierten. Sie
förderte ein schwarzes Kästchen mit Display zutage und legte es auf den
Tisch. Dann setzte sie die Limonadenflasche erneut an die Lippen.
Geduldig wartete er, bis sie sei wieder abgestellt hatte, aber statt einer
Erklärung strich sie fast zärtlich über ihr Kleidungsstück.
»Das ist so schön, nicht wahr? In einem unaufmerksamen Moment hat
mich eine Anomalie in einen parallelen Zeitstrom verfrachtet. Da war ich
auf einer Erde des beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts, mitten in
Europa in einer Stadt namens Mainz. Und weißt du was? Da feiern sie
einmal im Jahr ein Fest an dem sich alle Verkleiden und trinken und lachen
und tanzen. Sie nennen das Fasenacht. Da habe ich einen süßen Terraner
kennengelernt. Jan-Philip. Der war als Raumfahrer verkleidet. Wir haben
drei Tage miteinander verbracht. Und auch die Nächte.« Sie kicherte. »Ich
konnte mich kaum losreißen, aber ich musste weiter. Er hat richtig traurig
geguckt. Den Anzug hat er mir mitgegeben, als Andenken.« Sie schloss
selig lächelnd die Augen.
Der Saggittone schob den Teller mit Gebäck und die Limonade beiseite.
Eine Glucoseüberdosis half hier niemandem. »Komm zum Wesentlichen,
Brettany. Was ihat es mit diesem Gerät aus sich?«
Sie schlug die Augen auf und fixierte ihn mit ihrem Blick. »Das ist ein
Funkspeicher. Seit ein paar Tagen empfange ich ein Signal, das ich nicht
interpretieren kann.« Sie aktivierte das Kästchen. »Es ist eine Abfolge von
Impulsen, die sich stetig wiederholt und zumindest laut Bordrechner keinen
konkreten Inhalt hat.«
»Konntest du den Ursprung lokalisieren?«
Sie schüttelte den Kopf.
Die Tiefe des Chaos war zwar ein lebensfeindlicher Raum, aber das
bedeutete nicht, dass sich das Leben nicht auch dorthin ausbreitete. Ganze
Völker gerieten mit ihren Planeten hierher, Protowelten waren von
Millionen versprengter Seelen bevölkert und natürlich gab es auch die
Abenteurer, die sich auf der Suche nach wertvollen Artefakten in die Tiefe
wagten. Funksignale an sich waren daher nicht ungewöhnlich, die
Reichweite der Sender war unter den hiesigen physikalischen Bedingungen
allerdings begrenzt. Üblicherweise waren empfangene Funksprüche bis zur
Unkenntlichkeit verzerrt, sofern man sie überhaupt in dem permanenten
Hyperrauschen als solche identifizieren konnte. Eine Signalfolge, wie sie
hier auf dem Display dargestellt war, die sich stetig präzise wiederholte und
zudem über größere Entfernungen empfangbar war, war ungewöhnlich.
»Darf ich das mit auf meinen Segler nehmen? Vielleicht kann mein
Rechner mehr damit anfangen.«
»Das wird nicht nötig sein«, mischte sich Mr. Terrapedia ein und richtete
alle drei Augen auf das Kästchen. »Ich kenne das Signal.«
»Woher?«, fragte Brettany.
»Es ist in meinem Speicher abgelegt. Es handelt sich um das Notsignal
eines Kosmogenen Seglers. Das Raumschiff muss havariert sein.«
Diese Information war überraschend, aber nicht wirklich verwunderlich.
Bei Mr. Terrapedia handelte es sich um eine Schöpfung Eorthors. Auch die
Terra-Station hatte er erdacht und konstruiert. Das hatte ihm der Roboter
bereits bei ihrem Kennenlernen erläutert. Angeblich waren mittlerweile
mehrere Dutzend dieser Stationen zur Unterstützung der Chronikträger als
Regenerationsstätten und Orientierungshilfen in der Tiefe verteilt. Mehr
hatte Aurec nicht erfahren, sein Körper hatte nach Ruhe verlangt.
»Mir ist auch die konkrete Signatur des Signals bekannt«, fuhr Mr.
Terrapedia fort. »Es gehört zum Schiff von Mirus Traban.«
1507 NGZ
Der Viartona wies mit seiner Klaue hinaus in die graue Ebene. »Nach
etwa fünf Stunden Fußmarsch wirst du auf eine Hochebene treffen«,
erklang es aus dem Translator, der die krächzenden Laute übersetzte. »Das
ist ein Teil des Tiefenankers. Du warst großzügig bei der Bezahlung,
deshalb bekommst du eine Warnung von mir gratis: Der Anker mag keine
Besucher. Die meisten kommen als geistige Wracks zurück.«
Dieser Hinweis hielt Aurec nicht davon hab, sich auf den Weg zu
machen. Er hatte einen stolzen Preis dafür bezahlt, dass ihn die Viartona-
Gruppe hierher geführt hatte. Dieser Protoplanet war der Legende nach mit
dem Rideryon kollidiert, als dieses in der Tiefe des Chaos verankert worden
war. Teile dieses gigantischen Materiebrockens waren auf die Oberfläche
gestürzt und sorgten nun für seltsame Phänomene. Die Gerüchte sprachen
von parapsychischen Erscheinungen und dimensionalen Überlappungen, die
die Sinne verwirrten.
Es war die einzige greifbare Spur, die Aurec in Jahrzehnten der Irrfahrt
entdeckt hatte. Er war fest entschlossen, ihr zu folgen. Der Aberglaube der
Viartona interessierte ihn nicht. Kathy war das einzig Wichtige, um das fast
alle seine Gedanken kreisten. Sie war auf dem Rideryon zurückgeblieben,
hoffentlich genesend von dem Ylorvirus, der sie zu einem kalten,
grausamen Monster gemacht hatte. Und nun, da er seinen Auftrag für die
Loge erfüllt hatte, war es seine Mission, sie wiederzufinden.
Der Weg durch die Steinebene war beschwerlich. Der Himmel war von
grauen Wolken verhüllt und das allgegenwärtige Halbdunkel machte die
Orientierung nicht gerade leicht. Doch irgendwann schälte sich die
Hochebene aus dem Dunst. Er begann mit dem Aufstieg.
Die Ungeduld trieb ihn voran. Nur eine einzige Pause gönnte er sich auf
dem Weg nach oben und auch die war lediglich dem unwiderstehlichen
Schlafbedürfnis seines Körpers geschuldet. Immer wieder schienen ihm
unsichtbare Kobolde geheime Nachrichten zuzuflüstern und Geister wollten
ihn warnen vor den Dämonen, die auf dem Plateau ihr Unwesen trieben. Er
unterdrückte diese Stimmen, die sich mit stetig steigender Intensität in
seinem Kopf manifestierten.
Der rote Fleck rund einen Kilometer voraus wirkte wie ein Fremdkörper
auf der kieselgrauen Hochebene. Aber er übte eine unwiderstehliche
Anziehungskraft auf ihn aus, noch bevor er ihn genauer ausmachen konnte.
Dann aber ließen ihn frische Kräfte schneller ausschreiten. Die wispernden
Einflüsterungen blieben zurück.
Eine junge Frau schlenderte über das graue Geröll. Das leuchtendrote
Kleid schwang mit jedem ihrer Schritte. Das lange braune Haar wurde vom
Wind zerzaust, was sie nicht im mindesten störte. Sie wirkte heiter, so als
freue sie sich auf die Begegnung mit jemandem, den sie lange nicht mehr
gesehen hatte. Und möglicherweise war das sogar der Fall.
Aufregung spülte durch Aurecs Körper. Er versuchte, ihre Gesichtszüge
zu erkennen, aber die dunstige Atmosphäre verschleierte seinen Blick. Er
gestand sich ein klein wenig Zuversicht zu, dass die jahrzehntelange Suche
endlich ein Ende finden würde. Fast wurde ihm schwindelig bei dem
Gedanken, dass er seine geliebte Kathy in wenigen Augenblicken in die
Arme schließen würde.
Die losen Kiesel unter seinen Füßen machten den Marsch beschwerlich,
und der niedrige Sauerstoffgehalt der Atmosphäre ließ ihn angestrengt
keuchen. Dennoch beschleunigte er seine Schritte, bis er schließlich rannte.
Auch sie lief ihm nun entgegen. Dann war er bei ihr. Er umschlag sie mit
beiden Armen, drückte sie an sich, hob sie hoch und drehte sich mit ihr im
Kreis. Ihr Lachen klang glockenhell über die Hochebene.
»Endlich habe ich dich wieder, Kathy
»Ja, jetzt bin ich da.«
Sie küssten sich.
Zurück im Kosmischen Segler orderte Aurec heiße Getränke. Auf dem
Rückweg waren beide zu aufgeregt für ein normales Gespräch gewesen,
aber ihm schwirrten tausend Fragen durch den Kopf.
»Du betrachtest mich mit einem Blick, als würdest du mich zum ersten
Mal sehen«, lachte sie.
»Du siehst anders aus als bei unserem letzten Aufeinandertreffen. So wie
früher, bevor du zu einer Ylor wurdest.«
»Das ist viel besser, oder?«
»Auf jeden Fall. Verzeih mir, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll nach
all den Jahrzehnten.«
»Lass es uns ruhig angehen mit den Erlebnisberichten. Dafür bleibt uns
noch genügend Zeit. Was die letzten paar Jahre angeht habe ich ohnehin
wenig zu erzählen. Das Dasein auf dieser Hochebene war sehr eintönig.«
»Das verstehe ich übrigens nicht ganz. Wenn die Hochebene ein Brocken
des Rideryon ist, der hier abgestürzt ist, wie hast du das überlebt?«
»Alles zu seiner Zeit, mein Liebster. Sollten wir uns nicht zuerst um uns
kümmern?« Ihre Hand spielte mit den Falten des Kleides über ihren
Brüsten.
»Wie meinst du das?«
»Hast du mich denn nicht vermisst in den einsamen Nächten?«
»Doch, aber …«
»Dann muss dein Begehren doch wahnsinnig groß sein.« Sie löste den
Gürtel, der das Kleid um die Hüfte raffte. Der Stoff glitt wie ein Vorhang
zur Seite und entblößte ihre nackte Haut.
»Kathy, lass uns doch zunächst reden ...«
»Zum Reden ist später noch Zeit.« Sie stand auf. Dabei glitt das Kleid zu
Boden. Sie kam auf ihn zu, setzte sich auf seine Oberschenkel und küsste
ihn wild. Aurec versuchte sie abzuwehren, doch Kathy presste seine Arme
gegen den Oberkörper. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Kehle, leckte über
seinen Hals und biss zu. Hilflos schrie er vor Schmerz, als sie an ihm
saugte. Nach ein paar tiefen Zügen löste sie sich von ihm. Sein Blut troff
aus ihrem Mund uns besudelte sein Hemd.
»Einmal Ylors, immer Ylors«, zischte sie.
Ein durchdringender Signalton riss Aurec aus seiner Verstörung. Er riss
seine Arme nach oben und schlug das Trinkglas von dem kleinen Tisch im
Aufenthaltsraum des Seglers. Kathy war verschwunden. Schockiert tastete
er über seinen Hals. Kein Blut. Auch seine Kleidung und die Möbel waren
sauber. Dumpfer Kopfschmerz pochte. Der Schleier der Lethe riss wieder
einmal an seinem Verstand. Manchmal fragte sich Aurec, ob er nach diesem
Höllentrip je seine geistige Gesundheit wiedererlangen würde.
Der Bordrechner meldete sich. Er hatte Mirus Trabans Signal erneut
aufgefangen und Aurec weisungsgemäß geweckt. Die Suche nach Mirus´
Schiff war wie die Jagd nach einem Shirakti. Immer wenn man sich dem
Ziel nahe wähnte, flutschte es einem aus den Fingern, weil die Funkpeilung
plötzlich inkonsistente Ergebnisse lieferte.
Ein Holo baute sich auf. Der Bordrechner hatte offenbar den
Speicherkristall ausgewertet, den ihm der Terrapedia-Roboter auf 285-
Steuerheck überreicht hatte. Angeblich hatte ihn ein Alysker im Auftrag
von Eorthor hinterlegt. Der Kristall enthielt ein Software-Update für den
kosmischen Segler und offenbar verifizierte Ortungsdaten zu den Signalen
von Trabans Schiff. Wie auch immer Eorthor sich diese beschafft hatte. Der
Alysker, der den Kristall gebracht hatte, war kurz nach dem Start von 285-
Steuerheck von einem Geister-Igelschiff der Tolkander, das sich irgendwie
in die Tiefe verirrt hatte, abgeschossen worden.
Aurec verdrängte die letzten Fetzen seines Albtraums. Er benötigte in
denk kommenden Stunden volle Konzentration.
»Deine Vitalwerte sind besorgniserregend«, kommentierte der
Bordrechner. »Eine Regenerationsphase unter normalen Raum-Zeit-
Bedingungen ist ratsam.«
»Zeig mir die Auswertungen, dann fliegen wir eine Terra-Station an.«
»Ich fürchte, das wird diesmal nicht reichen. Deine Hirnwellenmuster
weisen deutliche Verzerrungen auf. In deiner letzten Schlafphase war dein
Kreislauf unter hoher Belastung. Deine kognitiven Eindrücke im
Wachzustand könnten verfälscht werden.«
Aurec trat zum Medikamentenspender und zog ein Pflaster mit
aufputschenden Wirkstoffen. Ein paar Stunden wollte er noch durchhalten.
Er wollte die Ortungsdaten sehen. Er wollte sehen, ob sie ihn diesmal zu
Mirus führen würden. Und dann würde er die nächste Entscheidung treffen.
Die Funksignale waren seit Jahren zu empfangen und das Schicksal des
Chronikträgers war völlig ungewiss. Es graute Aurec davor, den Freund
noch länger warten zu lassen, wenn es nicht ohnehin schon zu spät war.
Aber selbst den Heldentod zu sterben, half niemandem. Er zwang sich zu
dem Eingeständnis, dass er die Tiefe für einige Zeit verlassen musste, um
zu regenerieren. Sicherheitshalber hatte er das Paralyseprotokoll im
Schiffsgehirn hinterlegt. Sollte er sich bewusst oder unbewusst weigern,
eine Erholungspause zu nehmen, würde ich das Schiff betäuben und
zumindest zu einer Terra-Station bringen.
Kapitel 4 – Ein Agent für Eleonore
»Cauthon Despair?« Ragana ter Camperna riss die Augen auf. »Wer soll
das sein? Diesen Namen hat er genannt?«
Hunter hob die Schultern. »Ich kann nur wiedergeben, was die
Schädelfresse von sich gegeben hat.«
»Und das ist glaubwürdig?«
»Ich denke, ich habe gute Überzeugungsarbeit geleistet.« Hunter lächelte.
Sobald bei dem Hauri der Widerstand gebrochen gewesen war, hatte er
nahezu ohne weiteres Zutun alles preisgegeben. »Offenbar hat dieser
Despair einen Teil der alten Zeitlinie geprägt. Auch von
Auseinandersetzungen mit Perry Rhodan war die Rede. Details weiß ich
nicht. Irgendwann wurde es nur noch wirr und er erzählte was von einem
silbernen Ritter und einem goldenen Schwert. Das kann auch daran liegen,
dass er schon nicht mehr ganz bei Sinnen war
Topp und Vopp ter Camperna lachten amüsiert, während sie auf einem
Sofa herumlümmelten. Sie verstummten unter den wütenden Blicken ihrer
Mutter.
»Was noch?«, fragte sie.
»Die Schiffsintelligenz der NOVA, Eleonore, ist möglicherweise nicht
zerstört worden.«
Vopp setzte sich aufrecht hin und sah Hunter erwartungsvoll an. Seine
Mutter wedelte ungeduldig mit den Händen. »Lass mich nicht warten. Was
hat das zu bedeuten?«
»Euch ist bekannt, dass sich die Schiffsintelligenz in einen
Androidenkörper transferiert hat. Und dieser wurde im Zuge der Ereignisse
desintegriert, bei denen Creen seine Erinnerung zurückbekam.« Er machte
eine effektvolle Pause und genoss, wie sich das bärtige Gesicht Raganas
langsam rötlich färbte. Kurz vor dem Wutausbruch redete er weiter. »Dem
Hauri ist aufgefallen, dass Creen sich seitdem sehr häufig mit seinem
Multikom beschäftigt. Und es stimmt. Wenn man darauf achtet, hat er
ständig die Finger daran.«
»Eleonore ist auf dem Multikom!«, rief Vopp dazwischen. »Sie hat sich
in einer Notsituation irgendwie dort eingespeist. Das ist bemerkenswert!«
Ragana ter Camperna stand auf und ging schweigend in der großzügigen
Kabine auf und ab. Sie hatte ganz selbstverständlich eine der Luxussuiten
für sich beansprucht und um einige exquisite Möbel ergänzen lassen.
Hunter saß in einem bequemen Sessel an einem Tisch mit einer Platte aus
Glänzen lackierten Vollholzplatten und schlürfte Wein aus einem
Kristallpokal.
Cilgin At-Karsins Enthüllungen hatten das Verhältnis zu seinem Partner
endgültig zerrüttet. Nun war klar, dass er ihm nicht mehr vertrauen konnte.
Dass er jahrelang unter falscher Identität gelebt hatte, warf er ihm dabei
nicht vor. Aber Creen oder Despair, wie er wohl richtig hieß war durch
die zurückgewonnene Erinnerung mental instabil. Er war fahrig, zog sich
zurück. Zudem mochte seine wahre Persönlichkeit noch unbekannte Züge
aufweisen.
Hunter konnte ihn nicht mehr lesen. Gemeinsame Einsätze waren so
nicht mehr denkbar. Also war auch die Partnerschaft beendet.
Ragana stützte sich mit beiden Armen auf dem Tisch ab. Sie sah Vopp
tief in die Augen, bis dieser nervös an den Fingern zu knabbern begann.
»Creen ist für uns nicht mehr tragbar. Entweder er hat uns jahrelang
betrogen oder er hat sein Gedächtnis tatsächlich kürzlich zurückerhalten. In
jedem Fall ist er ein UnsicherheitsfaktorEs überraschte Hunter nicht, dass
Ragana dieselben Schlüsse zog wie er selbst. »Trotzdem kann er uns noch
nützlich sein. Wenn er im Konflikt mit Rhodan stand, hat er ein ureigenstes
Interesse daran, diesen Aurec und seine Leute zu behindern. Das bedeutet,
wir können ihn benutzen.«
Hunter fiel noch ein Detail ein, das er bisher nicht erwähnt hatte. Er
berichtete von der Kosmogenen Chronik, die sich aus welchen Gründen
auch immer in Despairs Besitz befunden hatte und die er dem Emperador
de la Siniestro überlassen hatte.
»Ich mag es gar nicht, wenn ich dir die Informationen einzeln aus der
Nase ziehen muss!«, grollte Ragana. »Aber auch das spielt uns in die
Karten. De la Siniestro ist ein potentieller Verbündeter in dieser Zeit. Wenn
er eine dieser Chroniken hat, bekommen wir möglicherweise Zugriff
darauf, ohne uns anstrengen zu müssen.«
Sie nahm ihre Wanderung wieder auf. »Wenn Creen wirklich
jahrzehntelang sein wahres Ich nicht kannte, ist er in seinem derzeitigen
Zustand vermutlich leicht manipulierbar. Wir müssen seine Unsicherheit
ausnutzen und wir haben auch einen Angriffspunkt. Vopp...«
Der Angesprochene setzte sich aufrecht hin. »Gibt es eine Möglichkeit
auf das Programm auf Creens Multikom zuzugreifen?«
»Er wird das Armband schwer gegen unbefugte Zugriffe abgesichert
haben. Wir müssten es uns beschaffen und die Verschlüsselung in Ruhe
knacken. Misstrauisch wie er ist, wird das kaum möglich sein. Aber
möglicherweise können wir einen Agenten einschleusen, der Eleonore
beeinflusst oder ersetzt. Das dürfte einfacher zu bewerkstelligen sein.«
Hunter nahm nachdenklich einen weiteren Schluck Wein. »Wir werden
nicht viel Zeit haben. Wie lässt sich das praktisch bewerkstelligen?«
»Im Grunde ist es ein einfacher Code auf einem Speicher, den wir mit
dem Multikom verbinden. Entweder wir kopieren den Agenten in die
Speichersektion oder er tut das selbst, sobald der die Datenleitung erkennt.
Das passiert in Sekundenschnelle. Der Kniff besteht darin, dass wir gar
nicht erst versuchen, die Verschlüsselung zu knacken. Wir legen lediglich
das Programm an unauffälliger Stelle ab und es macht selbstständig den
Rest. Im Grunde kann man es auf einem beliebigen Rechner ablegen, und
darauf warten, dass Creen das Armband zum Datenabgleich anhängt. Das
ist aber mit Unsicherheiten versehen. Ich würde das direkte Aufspielen
präferieren.«
»Wie lange dauert es, einen solchen Agenten zu programmieren.«
Vopp ging hinüber zur Bordrechnerschnittstelle und öffnete einige Holos.
»Ich habe passende Bausteine dafür. Ich würde sagen: ein paar Stunden.«
»Dann an die Arbeit!«, befahl seine Mutter und wandte sich wieder
Hunter zu.
»Es hat sich nicht zufällig auf Creens Armband kopiert. Die beiden
haben eine Verbindung und er wird auf seinen Rat vertrauen. Sobald das
Programm in unserem Sinne arbeitet, haben wir Creen in der Tasche.«
»Und wenn Eleonore sich weigert?«, fragte der Rhodanjäger.
»Dann hat Vopp nicht gut genug gearbeitet und landet im Konverter«, sie
lachte gehässig. Ihr Sohn erbleichte. »Alternativ: Auch ein intelligentes
Programm kann man löschen.«
»Wie bekommen wir den Agenten auf den Multikom?«, machte sich
Topp bemerkbar.
»Das ist die Aufgabe für jemanden, der mit Creen vertraut ist«,
antwortete die Matriarchin. Sie nickte in Hunters Richtung.
»Ich habe eine bessere Idee«, erwiderte der Rhodanjäger. »Mir traut er
nicht. Zumindest nicht so weit, dass ich an das Armband herankomme.
Aber ich kenne einen gewissen Hauri, der wegen einiger gemeinsamer
Abenteuer eine Vorzugsstellung bei Creen genießt. Er wird alles tun, was
ich von ihm verlange.«
Kapitel 5 – Taskforce Tiefenraumer
1653 NGZ
In der holografischen Darstellung der Umgebung blinkte ein rotes Symbol.
Die abstrakte Abbildung eines Raumschiffs, dessen besondere Attribute
durch eingeblendete, dürre Daten herausgestellt wurden. Eine dünne Linie
zeichnete den Orbit nach, den es um einen einsamen, unbelebten
Protoplaneten einschlug. Der geschulte Betrachter vermochte sich aus den
Orterdaten ein Bild des vermessenen Objektes zu machen. Für die weniger
Versierten projizierte der Schiffsrechner die Aufnahmen der optischen
Sensoren daneben.
Aurec hätte bereits die Informationen der Tasterinstrumente ausgereicht,
um sich den Zustand von Mirus Trabans Kosmogenem Segler zu
verdeutlichen. Der Segler glitt still über die schwarze Planetenoberfläche
hinweg. Er rieb sich an der dünnen Atmosphäre, was seine
Bewegungsenergie nach und nach aufzehren würde. Noch war die
Umlaufbahn überwiegend stabil, aber in einigen Jahrzehnten würde er
unweigerlich auf den Planeten hinabstürzen und dabei verglühen.
Die sonst chromglänzende Oberfläche war mit milchigen Schlieren
überzogen. Schwarze Öffnungen waren in die Haut gebrochen. An ihren
Rändern war das Material der Schiffshülle geschmolzen und in bizarren
Formationen wiedererstarrt. Das Heck fehlte fast vollständig. Die Spuren
deuteten auf eine Explosion im Inneren als Ursache hin. Das Schiff war
energetisch tot. Das Notrufsignal, das den Saggittonen hierher geführt hatte,
war das einzige Lebenszeichen, dass in die Tiefe des Chaos hinaustönte.
Aurec stieg in einen Raumanzug und setzte über. Er sparte sich die
Mühe, eine Schleuse zu öffnen, und drang durch einen der Hüllenbrüche in
das Schiff ein. Dahinter offenbarte sich ein wahres Chaos. Der Segler war
vollständig geplündert worden. Abgeschnittene oder gar abgerissene
Energieleitungen baumelten dort aus den Wänden, wo früher Gerätschaften
und Aggregate verankert gewesen waren. Die leeren Racks im
Maschinenraum erinnerten an halb abgenagte Gerippe. Überall schwebten
kleine Metall- und Kunststoffteile. In der Zentrale sah es nicht anders aus.
Die Verkleidungen der Pulte waren hemmungslos zerstört, ihr Innenleben
offenbar planlos herausgerupft worden.
Eine humanoide Gestalt war mit Armen und Beinen an einen der
Pilotensessel gefesselt. Ihr Gesicht war mit feinem Reif überzogen und in
einem Ausdruck von vor langer Zeit empfundenem Schmerz erstarrt.
Dennoch erkannte Aurec seinen alten Weggefährten sofort. Zwei verkohlte
Einschusslöcher in der Brust ließen keinen Zweifel am gewaltsamen
Ableben Mirus Trabans. Die Gesichtszüge ließen darauf schließen, dass es
kein schneller und sanfter Tod gewesen war. Im Gegenteil. Seine Angreifer
hatten ihren Spaß mit ihm gehabt. Die nicht mehr ganz gerade
ausgerichteten Gliedmaßen sprachen eine deutliche Sprache.
Aurec hatte auf der Hülle und im Schiff mehrere Hinweise auf die
Übeltäter bemerkt. Die Bruderschaft der Tiefe war eine Gruppe skrupelloser
Piraten, die die Verhältnisse in der Tiefe des Chaos zu ihrem Vorteil
nutzten. Sie brachten hilflos in der Tiefe gestrandete Raumschiffe auf und
raubten sie aus. Die Besatzungen wurden getötet oder verschleppt. Niemand
wusste, wo die Piraten ihre Stützpunkte hatten und wie viele Köpfe sie
zählten. Obwohl sie ohne Rücksicht auf eigene Verluste agierten, schien es
ihnen an Nachwuchs nicht zu mangeln. Überwiegend waren die Piraten
Angehörige eines Echsenvolkes, dessen Ursprung unbekannt war. Doch es
fanden sich auch Dutzende anderer Spezies unter ihnen. Die
Eintrittsschwelle war niedrig. Man musste nur brutal genug sein.
Traurig strich Aurec mit behandschuhten Fingern über Mirus‘ Gesicht. Er
verdrängte die schmerzhaften Gefühle für einen Moment, denn er hatte
etwas Wichtiges zu erledigen, bevor er Abschied nehmen konnte.
Insgeheim flehte er die Sternengötter an, dass die Berschter Brüder das
Geheimfach unter dem Steuerpult nicht entdeckt hatte. Das Schloss war
intakt und ließ sich durch das Drücken versteckter Tasten in der richtigen
Reihenfolge öffnen. Eine Bodenplatte schob sich zur Seite und legte einen
Hohlraum frei, aus dem Aurec eine weiße Pyramide mit rund dreißig
Zentimetern Kantenlänge hob. Die Kosmogene Chronik von Mirus Traban.
Er setzte die Pyramide auf dem Boden ab und wandte sich wieder Mirus`
Körper zu. Aus einem Fach seines Raumanzugs zog er eine faustgroße
schwarze Kugel und platzierte die kleine Fusionsgranate in Trabans Schoß.
Leb wohl, alter Freund, dachte er. Viel zu lange haben wir uns nicht mehr
gesehen. Ich wünschte, du könntest uns in einer Terra-Station von den
Abenteuern berichten, die du in den letzten Jahrzehnten erlebt hast.
Eine kalte Hand strich über Aurecs Herz bei dem Gedanken, dass nie
jemand von dem letzten Abschnitt im Leben von Mirus Traben erfahren
würde. Es blieb zu hoffen, dass ein kosmischer Chronist sich dessen
Schicksal angenommen hatte. Der Bordrechner jedenfalls, war keine Quelle
mehr. Er war vollständig zerstört.
Aurec glitt still über den schwarzen Abgrund hinweg zu seinem eigenen
Schiff. Den Raumanzug ließ er achtlos in der Schleuse fallen. In der
Zentrale ließ er sich einen dreifachen Vurguzz bereiten, den er in einem Zug
leerte. Er bestellte ein weiteres Glas. Der verunstaltete Kosmogene Segler
schwebte vor ihm in einem Holo. Mirus würde es gefallen, mit einem
großen Knall abzutreten.
Der stolze Saggittonenprinz ließ es zu, dass Tränen über seine Wangen
rollten. Er hob das Glas.
»Mirus, sollte ich jemals auf deine Mörder treffen, werde ich sie daran
erinnern, was sie dir angetan haben!«
Dann aktivierte er den Fernzünder und der Komogene Segler von Mirus
Traban verging in einer Feuerkugel. Seine Trümmer gingen als leuchtender
Regen auf den Protoplaneten nieder. Aurec starrte ihnen lange nach, bis ein
Funken nach dem anderen in der Atmosphäre verglüht war.
Dann schob er seine Gefühle beiseite. Er hatte soeben einen neuen
Auftrag erhalten. Eine Chronik wollte in ihr Versteck verbracht werden.
1653 NGZ | © Gaby Hylla
1750 NGZ
»Dann ist sie also an Ort und Stelle?«, fragte Eorthor.
»In Anthuresta. Seit etwa zweihundert Relativjahren. Genau weiß ich es
nicht. Die Tiefe macht kaputt.« Der Saggittone reckte die Hand in die Höhe.
»Eine Runde terranischen Whiskey, Mr. Terrapedia!«, rief er. »Lasst uns auf
Mirus trinken!«
Der kugelförmige Roboter glitt heran und stellte Gläser mit einer
Flüssigkeit vor den Gästen ab, die die Terraner gemeinhin als
bernsteinfarben bezeichneten. Sie stießen an und genossen das scharfe,
aromatische Getränk.
Osiris notierte den Verbleib von Trabans Chronik und sah mit
sorgenvoller Miene in die Runde. Aurec wusste, was ihn beunruhigte. An
dem Tisch der Terra-Station saßen neben dem Alysker und dem Kemeter
lediglich Aurec selbst, Sam und Constance Zaryah Beccash. Das Schicksal
der meisten anderen Chronikträger war ungeklärt. Niemand von ihnen war
Eorthors Rufsignal gefolgt.
»Wir wissen damit gesichert, dass vier Chroniken an den vorgesehenen
Orten deponiert worden sind«, fasste Osiris zusammen. »Sam wusste zu
berichten, dass Anubis und Stewart es in die Milchstraße geschafft haben.«
»Ich habe lediglich Gerüchte vernommen, die mir diesen Schluss erlaubt
haben«, warf der Somer ein und strich sich über das stumpf gewordene
Gefieder.
»Jedenfalls können wir davon ausgehen, dass auch in der Milchstraße
eine Chronik platziert ist. Meine prediktiven Rechenmodelle geben eine
hohe Wahrscheinlichkeit dafür aus, dass auch eine sechste Chronik
hinterlegt ist. Darüber hinaus können wir uns nicht sicher sein. Aber um das
Zeitchaos zu revidieren, benötigen wir alle acht.« Osiris sah
bedeutungsschwer in die Runde.
Die Schlussfolgerung war offensichtlich. Dennoch warteten alle, bis
Osiris sie aussprach. »Wir müssen sichergehen, dass die anderen ihre
Aufgabe erfüllt haben. Wir müssen uns auf die Suche machen.«
»Pah!« Constance wischte zwei Gläser vom Tisch, die klirrend auf dem
Boden zerschellten. »Noch einmal Jahrzehnte durch diese Hölle reisen? Ich
habe genug davon!«
Ein Putzroboter huschte herbei und saugte die Scherben in seinen Bauch.
Aurec betrachtete Constances knochigen Körper. An ihnen allen waren die
Expeditionen durch die Tiefe nicht spurlos vorübergegangen. Sie waren
körperlich und mental ausgelaugt. Constance schien besonders unter den
herrschenden Bedingungen zu leiden. Dabei war es nicht nur der Schleier
der Lethe, der ihnen zu schaffen machte, denn die Kosmogenen Segler
hielten dessen Einflüsse größtenteils fern. Aber die steten
Zeitverschiebungen und Ortsversetzungen, die Einsamkeit plagten die
Seele.
Den richtigen Kurs zu setzen, war geradezu ein Glücksspiel mit
ungewissem Ausgang, was jede Reise zu einer nervenaufreibenden
Unternehmung machte.
»Wir haben keine Ahnung, wo sich Niada und Brettany aufhalten, bei
Stewart und Anubis vertrauen wir auf Gerüchte, die dieser Vogel
aufgeschnappt hat...«
»Constance...«
Sie wischte Osiris Einwand weg.
»Wo sollen wir mit der Suche anfangen? Wir haben die Tücken der Tiefe
doch alle selbst erlebt! Wie oft sind wir am Zeitabgrund entlanggeglitten
und der Untiefe nur knapp entkommen. Wer weiß, in welche fremden
Zeitebenen sie gezogen wurden? Abgeschnitten von unserem Universum
ohne Hoffnung auf Rückkehr. Wie wollen wir sie dann finden?«
Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen in die Runde, verharrte einige
Sekunden in dieser Pose und sank dann zurück in die kunstlederbezogenen
Polster.
Eorthor durchbrach die darauf folgende Stille.
»Wir haben keine andere Wahl. Das Zeitchaos steht vor der Tür, die
Anzeichen treten immer deutlicher hervor. Wir müssen die Voraussetzungen
für die Revision schaffen, solange es uns noch möglich ist. Die Mission ist
schwieriger, als wir es vorausgesehen haben. Aber sie ist noch nicht
gescheitert. Wenn es uns gelingt, über den Zeitanker die Milchstraße zu
erreichen, können bereits den Verbleib zweier Chroniken verifizieren.«
»Wenn wir Glück haben«, warf Aurec ein. »Dass sich Stewart und
Anubis dort aufhalten, beruht auf Gerüchten.«
»Die in Summe ein plausibles Bild ergeben. Ich berechne eine hohe
Wahrscheinlichkeit dafür Osiris nickte Sam zu, der in sein leeres Glas
starrte.
»Letztendlich haben wir hier die Möglichkeit, zwei Feckerlinge in einer
Falle zu fangen. Denn die Milchstraße müssen wir ohnehin anreisen«, sagte
Eorthor beinahe nebenbei.
Es entsprach seinem Charakter, dass er die fragenden Blicke ausgiebig
genoss. Dann holte er einen Holoprojektor aus einer Tasche seines
Raumanzugs und legte ihn auf den Tisch. Darüber entstand das Abbild
eines Raumschiffs, das aus das Aurec vor etwa vierhundert Jahren schon
einmal gesehen hatte. Drei Segmente, das erste mit angeflanschtem
Kugelraumer, der anschließende Mittelabschnitt mit charakteristischen, an
eine Stadt erinnernden Aufbauten, ellipsoides Heckteil.
»Mein Tiefenraumer ist seit einiger Zeit fertig konstruiert. Die Baupläne
sind hochverschlüsselt an einem geheimen Ort verwahrt. Damit haben wir
ein mächtiges Mittel bei der Bekämpfung des Zeitchaos in der Hand.«
»Was hat das mit der Milchstraße zu tun?«, fragte Aurec.
»Die politische Lage in Cartwheel macht eine Produktion dort
unmöglich. Adelheid hat ein umfassendes Kontrollsystem für den
Raumschiffsverkehr aufgebaut. Jede Route ist exakt vorgegeben, jeder
Transport muss gemeldet und genehmigt werden. Die gesamte Wirtschaft
steht unter der Kontrolle der Harmonie DORGONS. Produktionslizenzen
sind teuer und in jedem fertigenden Betrieb ab einer gewissen Größe wird
ein sogenannter Berichterstatter installiert, der die Zahlen bis ins Detail
überprüft. Alles natürlich unter dem Deckmantel des Wohlergehens der
Bevölkerung. Diese Hexe behauptet frech, dass nur durch diese umfassende
Überwachung jedes arbeitende Wesen am Gewinn in angemessener Weise
teilhaben kann.
Daher fehlt es an freien Rohstoffquellen und Fertigungskapazitäten. Eine
Parallelwirtschft in den Randgebieten der Galaxis aufzubauen, die
Adelheids System unterläuft, ist zu langwierig und zu teuer. Es ist daher
unmöglich, dort im Geheimen ein Raumschiff dieser Größenordnung zu
bauen.« Er wies auf das Holo. »Wir sind auf einen anderen Produktionsort
angewiesen.«
»Die Milchstraße?«
»Richtig. Konkret hatten wir sogar Terra in den Blick genommen. Die
Terraner hätten Kapazitäten und Wissen für so ein Projekt. Aber wir haben
unbestätigte Nachrichten erhalten, dass Terra verschwunden sein soll. Und
auch ein Teil der Unsterblichenclique wurde schon länger nicht mehr
gesehen. Wir haben keine gesicherten Informationen zu der derzeitigen
Situation dort, aber grundsätzlich bietet die Milchstraße geeignete
Rahmenbedingungen für den Bau des Raumers. Wie auch immer die
Umsetzung dann aussehen mag.«
Eorthor trank einen Schluck Wasser. Dann fuhr er fort.
»Das Schiff ist das wesentliche Zahnrad für die Revision des Zeitchaos.
Es ist in der Lage, ohne wesentliche Einschränkungen für Geist und Körper
in der Tiefe des Chaos zu manövrieren und jene Bereiche des Kosmos zu
erreichen, in denen der moralische Code manipuliert wurde. An dieser
Stelle benötigen wird das Wissen aus den dort deponierten Kosmogenen
Chroniken, um den Code wieder zu reparieren.
Wir sind auf dem richtigen Weg, Logengeschwister! Erinnert euch an
das, was wir uns vorgenommen haben! Wozu wir uns verpflichtet haben!
Wir dürfen nicht aufgeben, sonst war alles umsonst, was ihr bisher
geleistet habt! Und ich will mich hier nicht ausnehmen. Meine Aufgabe in
Cartwheel ist erfüllt. Osiris kann dort die Stellung halten. Ich hingegen
nehme dieselben Strapazen wie ihr auf mich, indem ich mich in die
Milchstraße begebe und dafür sorge, dass das Tiefenschiff gebaut wird.«
Eorthor hatte sich in den letzten Sätzen fast in Euphorie geredet. Und
Aurec gab ihm in der Tat recht. Sie waren auf einem guten Weg. Die
Anstrengungen der vergangenen Jahrhunderte waren nicht vergebens
gewesen. Sie mussten lediglich sicherstellen, dass auch alle Puzzleteile am
rechten Fleck lagen, wenn sie das Gesamtbild kombinierten. Auch in Sams
Augen kehrte ein Leuchten zurück.
»Du hast nicht unrecht, Alysker«, stellte er fest. »Wir haben schon ein
gutes Stück unseres Weges hinter uns gebracht. Er ist steinig, aber
begehbar. Und ehrlich gesagt möchte ich am Ende denen an die Gurgel
gehen, die uns in diesen Zustand gezwungen haben. Dafür bin ich bereit,
dafür auch noch die letzten Schritte zu tun.«
Constance sah ihren gefiederten Gefährten von der Seite an, als könne sie
nicht glauben, was er da sagte. Dann winkte sie Terrapedia herbei und ließ
sich drei randvolle Gläser einer klaren, scharf riechenden Flüssigkeit
servieren. Sie kippte sich eines nach dem anderen in den Hals. Ohne auch
nur ansatzweise zu husten, wie Aurec anerkennend feststellte.
»Ich bin nach wie vor skeptisch, was die Erfolgsaussichten angeht«,
sagte sie mit leicht schwerfälliger Zunge. »Aber was Sam sagt, dem kann
ich folgen. Wir haben schon viel investiert. Es wäre dämlich, wenn wir
nicht auch für die Auszahlung sorgen würden. Und wenn wir dein
Schiffchen gebaut haben, können wir uns wenigstens auf der Flucht vor der
Chaoszeit beruhigt in diese Tiefe stürzen. Wie sieht es mit dir aus,
Saggittonenprinz?« Sie lächelte ihn an, was bei ihren ausgemergelten
Gesichtszügen etwas unheimlich wirkte.
Aurec hatte sich längst entschieden. Es gab keine Alternativen.
»Ich mache mich auf die Suche nach Brettany und Niada«, erklärte er.
»Eorthor muss die Pläne in die Milchstraße bringen und den Bau umsetzen.
Ohne ihn geht es nicht. Osiris muss die Situation in Cartwheel und unsere
dortigen Freunde im Auge behalten.
Euch beide möchte ich bitten, mit mir zu kommen. Wenn wir in einem
engen Verband fliegen, können wir uns bei Schwierigkeiten gegenseitig
helfen. Und gemeinsam können wir auch die Geister der Einsamkeit von
uns fernhalten.
Wie sieht es aus? Seid ihr dabei?«
Sam und Constance nickten einmütig.
»Es muss möglich sein, die beiden aufzuspüren. Irgendjemand in dieser
verflixten Tiefe hat sie sicher gesehen oder von ihnen gehört. Und diesen
Jemand müssen wir finden«, sagte Sam.
Sie tranken noch einige Gläser, dann verabschiedeten sie sich
voneinander. Wie immer war nicht so ganz klar, wann sie sich wiedersehen
würden.
Kapitel 6 – Ein Auftrag für Cilgin
Cilgin wankt durch die Gänge der CASSIOPEIA. Immer wieder stützt er
sich an einer Wand ab und krümmt den hageren Körper. Manchmal zittern
seine Glieder dabei so stark, dass er sich am liebsten hinsetzen möchte. Die
wiederkehrenden Schübe von Übelkeit, das Flimmern vor seinen Augen.
Sein Körper schreit nach Ruhe. Und dennoch will er seinen Auftrag
erfüllen. Nicht aus Pflichtbewusstsein. Nein. Aus Angst. Nie wieder will er
erleben, was dieser Sohn einer Qilloq ihm angetan hat. Sofort schiebt er die
Bilder beiseite, die aus seiner Erinnerung hervorquellen und ihn zu
überwältigen drohen. Er will vergessen, was passiert ist. Am liebsten für
immer.
Glücklicherweise sind die Gänge der CASSIOPEIA nicht sehr belebt.
Die kleine Besatzung verliert sich in dem großen Schiff. Er will nicht, dass
man ihn so sieht. Aber selbst bei einer zufälligen Begegnung wäre die
Angst vor dem Tefroder größer als die Scham. Sollen sie glauben, dass er
sich über die Maßen berauscht hat. Vermutlich hat jeder Verständnis dafür
in dieser grauenhaften Lage, in der sie sich befinden. Auch einige Terraner
haben vor kurzem über die Stränge geschlagen.
Wieder einmal krampft sich sein Magen zusammen, will seinen Inhalt
hervorpressen, obwohl er schon lange leer ist. Hätte sich Cilgin nicht
Infusionen verabreicht, wäre er längst zusammengebrochen. Sein Körper
verweigert sich jeglicher auf normalem Wege zugeführte Nahrung. Selbst
die Medikamente, die die Vergiftungssymptome lindern, hat er sich
injizieren müssen.
Schlaf. Er sehnt sich nach Schlaf. Ein paar Tage Ruhe wären vermutlich
die beste Medizin. Aber die sind ihm nicht vergönnt. Der Tefroder hat ihn