Band 132
Die Loge des Kosmos
Ein elitärer Kreis wurde im 14. Jahrhundert NGZ gegründet,
um gegen die Dualität der Komostarchen vorzugehen.
Autor: Markus Regler
Titelbild: Gaby Hylla
Innenillustrationen: Gaby Hylla
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Er gibt Einblicke in die Gründungszeit der Loge
Eorthor
Der Gründer der Kosmogenen Loge
Osiris
Der Mitgründer der Loge
Constance Beccash, Sruel Allok Mok, Anubis, Mirus Traban
Sie schließen sich der Loge an
Was bisher geschah
Das Zeitchaos ist ausgebrochen. Die uns bekannte Zeitlinie ist
erloschen, und eine neue Zeit formt sich ohne Perry Rhodan.
Die Dualität der Kosmotarchen – MODROR und DORGON
gelten als Initiatoren eines diabolischen Plans zur
Neuprogrammierung des Moralischen Kodes.
Gucky und eine Handvoll Überlebender befinden sich auf der
CASSIOPEIA, welche von der geheimnisvollen Positronik
ENGUYN gesteuert wird.
Sie entdecken die Tiefe des Chaos, einen interdimensionalen
Raum, der wohl ein Schlüssel zum Plan der Kosmotarchen ist.
Eine geheime Organisation, die Loge des Kosmos, ist in den
Zeiten gestrandet und muss den Weg zur CASSIOPEIA finden.
Der Rhodanjäger Nathaniel Creen durchstreift mehrere
Zeitlinien, die alle mit dem Untergang der Menschheit enden.
Aurec kehrt aus dem 18. Jahrhundert zurück. Auf der
CASSIOPEIA informiert er die Überlebenden aus dem 21.
Jahrhundert NGZ über die Hintergründe der Kosmogenen Loge
…
Kapitel 1 – Durch die Tiefe
Der Raum, den das Hologramm in der Zentrale der CASSIOPEIA zeigte,
wirkte auf den ersten Blick vertraut. Aber das war ein Trugschluss. Mit den
physikalischen Formeln des Standarduniversums stieß man an Grenzen,
wenn man versuchte, dieses Kontinuum damit korrekt zu beschreiben.
Aurec wusste, dass dieser Teil des Multiversums völlig anders beschaffen
war als das Standarduniversum. Hier herrschten geradezu tödliche
Bedingungen.
Er betrachtete die Himmelskörper, an denen sich das Raumschiff
entlangbewegte. Wie an einer Perlenschnur waren Planeten, Sonnen und
ganze Sonnensysteme aufgereiht und zeigten auf eindrucksvolle Weise,
dass die bekannten Naturgesetze hier keine Gültigkeit besaßen. Nicht
einmal die sonst allgegenwärtigen Kräfte der Gravitation vermochten dieses
kosmische Kunstwerk zu zerstören.
Eine trügerische Schönheit, dachte Aurec. Die Tiefe des Chaos war eine
mörderische Umgebung, die einem Lebewesen alles abverlangte – bis zur
Lebensenergie. Eine seltsame Vergesslichkeit sorgte dafür, dass Reisende
verwirrt und hilflos durch die Tiefe irrten, während diese an ihrer
Vitalenergie saugte. Nicht wenige waren als lallende Idioten in diesem
Nirgendwo gestorben. Mit Grauen erinnerte sich Aurec an seine jahrelangen
Reisen durch diesen interdimensionalen Raum.
Sein Blick glitt über die Reihen von Sonnen und Planeten. Beinahe
automatisch suchte er nach einer riesigen Materiemasse, die in die Tiefe des
Chaos eingebettet lag. Auf diesem RIDERYON genannten Objekt war seine
geliebte Kathy Scolar zurückgeblieben.
Zumindest hatte er das geglaubt. Doch sie hatte offenbar die Freiheit
erlangt, sich vom Rideryon fortzubewegen. In den Wirren des Zeitchaos
hatte er sie zweimal im alten Eutin auf Terra getroffen. Auch wenn sie eine
Allianz mit dem Fürsten Medvecâ eingegangen war – sie lebte noch, und
das war das Wichtigste.
Ein lautstarker Wortwechsel zog seine Aufmerksamkeit auf sich, und der
aufkeimende Schmerz zerstob so schnell, wie er gekommen war. Aurec sah
hinüber zum Kommandopult, das seit Kurzem von Mathew Wallace besetzt
war, dem ehemaligen Ersten Offizier der IVANHOE II. Dort stritt sich der
Posbi Lorif mit der holografischen Abbildung eines haarlosen Humanoiden
mit spitzen Ohren. Das war ENGUYN, der Avatar der Bordpositronik .
Beim Näherkommen erkannte Aurec, dass sich die beiden Maschinenwesen
offenbar über die optimale Triebwerkskonfiguration stritten. Wallace schien
sich köstlich darüber zu amüsieren.
»Sieh sie dir an, die beiden Koryphäen. Jeder beansprucht für sich die
weitreichendere Expertise in Bezug auf Reisen durch die Tiefe, nur um den
eigenen Parametersatz durchzusetzen.« Er lachte.
»Unterscheiden sie sich signifikant?«, fragte Aurec.
»Im Promillebereich. In der Praxis machen sie keinen Unterschied. Ich
vermute, hier geht es ums Prinzip. Eine neue Besatzung für ein neues
Schiff. Da knirscht es gelegentlich, bis alles eingeschwungen ist. In ein paar
Tagen hört das von selbst auf. Bis dahin müssen wir noch die eine oder
andere Auseinandersetzung zur Schutzschirmkonfiguration, zur
Wassertemperatur in den Hygienezellen und zu den Reinigungsintervallen
der Schwerkraftgeneratoren ertragen.«
Der Saggittone trat an die Bedienelemente und rief das Holo auf, das die
aktuelle Einstellung der Triebwerke zeigte. Alles war im dunkelgrünen
Bereich, also bestand keine Notwendigkeit, etwas zu ändern. »Wir belassen
den aktuellen Stand. Die CASSIOPEIA ist ein auf Vollautomatik
ausgelegtes Schiff. Das weiß vermutlich selbst am besten, wie es fliegt.« Er
unterdrückte ein Grinsen, als er hinter sich Lorif schimpfen hörte. Dieser
fühlte sich benachteiligt, weil Aurec indirekt ENGUYN gestützt habe, der
sozusagen mit dem Schiff identisch wäre.
Doch seine gute Laune verflog schnell. Gucky hob sich telekinetisch aus
seinem Sessel und glitt auf ihn zu. Der vor ihm schwebende Mausbiber
erinnerte ihn an einen Werrinka, ein Tiergeist seiner Heimat.
Das stumpfe Fell stand struppig ab. Um die ausdruckslosen, aber ernst
blickenden Augen zeigten sich dunkle Ringe. Der sonst so häufig blitzende
Nagezahn blieb hinter rissigen Lippen verborgen.
»Langsam würde ich gerne wissen, was genau wir hier tun«, sagte der Ilt
mit schleppender Stimme. »Wir befinden uns in einem Raum zwischen den
Dimensionen und sind auf der Suche … nach was noch einmal?«
»Wir suchen die noch fehlenden Kosmogenen Chroniken«, antwortete
Aurec, »um unsere Zeitlinie wiederherzustellen. Hatten wir das nicht schon
besprochen?«
Guckys Blick verlor sich unter der Decke der Zentrale. Er legte den Kopf
schief und rief Erinnerungen ab, erkannte Aurec. Nach einigen Sekunden
weiteten sich Guckys Augen.
»Richtig, wir wollen Informationen über unsere Zeitlinie beschaffen, um
daraus den Zeitstrom zu regenerieren. Ich bin nicht für Unkenrufe bekannt,
aber das ist die hanebüchenste Idee, die mir in meinem langen Leben
untergekommen ist. Einen kompletten Zeitstrahl über Jahrmilliarden
hinweg zu restaurieren, das funktioniert nicht.«
Er rotierte um seine Hochachse und beförderte sich zurück in seinen
Sessel, wobei er noch weniger Körperspannung aufbrachte als zuvor.
Der Anblick des Mausbibers zerriss Aurec das Herz. Dieses Wesen war
ein weiteres Mal das letzte seiner Art. Der Letzte aus der
Unsterblichenriege der Milchstraße. Doch der Verlust seiner Weggefährten
erklärte nicht den eklatanten Verlust seiner kognitiven Fähigkeiten und
diese Niedergeschlagenheit, die ihn erfasst hatte, seit die CASSIOPEIA in
die Leere des Chaos eingetaucht war. Aurec dachte an die Eorthors
Theorien zu den Strukturen der Tiefe, deren Ausfluss der Schleier der Lethe
war. Ein hyperphysikalischer Effekt, der bei Lebewesen für Verwirrung und
Gedächtnisverlust sorgte, und das umso intensiver, je länger man in der
Tiefe verweilte.
Die CASSIOPEIA sollte diesen Effekt eigentlich abschirmen, aber
offenbar waren psionisch hochbegabte und hochempfindliche Wesen wie
der Ilt dennoch empfänglich für die Reste dieser Einflüsse. Constance
Beccash stand in der Nähe, auch ihre Gesichtszüge spiegelten Schmerz
wider. Die Empathin litt mit dem Mausbiber.
Mathew Wallace stand aus seinem Sessel am Kommandopult auf und
kam auf Aurec zu.
»Meiner Auffassung nach hat Gucky einen guten Punkt angerissen. Auch
im Namen meiner Crew würde ich gerne wissen, womit wir es zu tun
haben. Wir begeben uns in eine gefährliche Situation, deshalb haben wir ein
Recht darauf, die Hintergründe zu erfahren, und sei es nur, damit wir uns
auf ein Himmelfahrtskommando einstellen können. Ein paar
Hintergrundinformationen können der Motivation sehr zuträglich sein.«
Aurec musste ihm Recht geben. Die Suche nach den Chroniken brachte
Herausforderungen mit sich, die nur überwunden werden konnten, wenn
alle an einem Strang zogen und sich auf die Gegebenheiten einstellen
konnten. Er suchte Constances Blick, die er als Mitglied der Loge nicht
übergehen wollte. Aber die Lilim schien ähnliche Gedanken zu hegen. Sie
nickte langsam.
Aurec richtete sich auf und straffte seinen Körper. Er spürte, wie jedes
Mitglied der Besatzung in der Zentrale seine Aufmerksamkeit auf ihn
richtete. Er stellte eine Rundrufverbindung her, die sein Hologramm im
gesamten Schiff projizieren würde.
»Einigen habe ich bereits einen Abriss über die Ereignisse gegeben, aber
alle mutigen Wesen, die mir hier folgen, haben ein Recht darauf, die
Hintergründe zu erfahrenIn einer halben Stunde werde ich mich im Milton-
Turm einfinden und Rede und Antwort stehen. Ich werde euch von der
Tiefe des Chaos berichten und von der Gemeinschaft, die damit eng
verknüpft ist und sich als Kosmogene Loge oder Loge des Kosmos
bezeichnet.«
Als er die Zentrale verließ, blieb sein Blick am Ilt hängen, der sich in
seinem Sessel zusammengerollt hatte und offenbar schlief. Vielleicht fand
ENGUYN einen Weg, um Gucky vor dem Einfluss des Schleiers zu
schützen.
Etwas weiter hinten an der Wand lehnte Nathaniel Creen, der in den
letzten Tagen die Gesellschaft anderer Wesen noch stärker gemieden hatte
als üblich. Aurecs Instinkt sagte ihm, dass auch hier ein toter Werrinka
begraben lag, aber jetzt hatte er keine Zeit, sich darum zu kümmern.
Der Milton-Turm erhob sich zweihundertdreißig Meter hoch über dem
Mittelabschnitt der CASSIOPEIA, der die hufeisenförmige Andockbucht
der ATHENE mit der heckseitigen Scheibensektion verband. Die dort
angeordneten Aufbauten erinnerten Aurec an eine von Hochhäusern
geprägte kleine Stadt. Der Turm war die höchste von ihnen und sollte den
Mittelpunkt des sozialen Zusammenlebens auf dem Schiff bilden. Es war
seltsam, sich tatsächlich auf diesem Schiff aufzuhalten. Als er es zum ersten
Mal gesehen hatte, war es nicht mehr als eine Skizze gewesen, und nun war
es durch höchste Ingenieurskunst zur Realität geworden.
Wenn eines Tages mehr als nur ein paar Hundert Besatzungsmitglieder
hier ihren Dienst verrichten, wird auch der Sternenlicht-Saal belebter sein,
dachte Aurec. Er stand auf der geschwungenen Treppe, die hinauf zur
Aussichtsplattform unter der Glassitkuppel führte. Der Sternenlicht-Saal
war Restaurant, Veranstaltungsraum und Begegnungsstätte in einem. Die
durchsichtige Kuppel bot einen atemberaubenden Ausblick hinaus in die
Schwärze des Alls, und von der Aussichtsplattform konnte man nicht
weniger reizvoll die gesamte CASSIOPEIA überblicken. Aber nach
derartigem Vergnügen stand dem Saggittonen nicht der Sinn. Er ließ seinen
Blick über die Anwesenden wandern, die am Fuß der Treppe auf ein paar
eilig aufgestellten Stuhlreihen Platz genommen hatten. Lediglich Nathaniel
Creen stand mit verschränkten Armen einige Meter abseits an einem
Stahlträger gelehnt. Eine Gruppe um Hunter und Ragana ter Camperna
hatte ebenfalls Abstand zum Rest der Besatzung genommen.
Gucky saß – nein, hing – in einem Sitz direkt vor der Treppe und sah
Aurec erwartungsvoll an. Direkt daneben hatte es sich Bencho
zusammengerollt bequem gemacht. Ein wenig wirkte er wie ein Wachhund
für den Mausbiber.
Der Saggittone atmete tief durch und richtete sich auf. Er wartete einige
Sekunden, bis auch das letzte leise Gespräch verstummt war.
»Die Ereignisse der letzten Wochen waren für uns alle mehr als
verwirrend. Sie waren emotional fordernd und haben viel Kraft gekostet.
Wir alle haben Freunde scheinbar unwiederbringlich verloren. Ich verstehe,
dass es nicht einfach ist, die Hintergründe für das alles zu durchschauen.
Daher möchte ich euch darüber berichten.
Denn eines ist Fakt, und auch wenn es uns unbegreiflich erscheint: Die
Vergangenheit, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Die Zeitlinie, die
wir als die unsere betrachten, ist ausgelöscht. Es hat sie nie gegeben.«
Er machte eine kurze Pause und beobachtete seine Zuhörer. Guckys
Miene spiegelte Wut wider, Constance strahlte Entschlossenheit aus, in den
meisten Gesichtern aber zeigte sich Unverständnis.
»Alte Gegner stecken dahinter. Nistant, die Söhne des Chaos und ihre
Hinterleute haben das alles geplant, um unsere Zeitlinie auszumerzen und
ein Universum zu erschaffen, das ihren Wünschen entspricht. In diesem
Universum hat Perry Rhodan nie die Menschheit zu den Sternen geführt.
Stattdessen wird Terra von Don Philippe Alfonso da la Siniestro beherrscht,
einer Art Abziehbild eines Rhodan, das hier dessen Rolle einnimmt.«
»Wie sollen diese Leute, die du genannt hast, eine ganze Zeitlinie
eliminiert haben?«, warf ein junger Mann aus Hunters Gruppe ein. Eine
tätowierte Flamme bedeckte seine linke Gesichtshälfte vom Kinn bis zur
Schläfe. »Es ist doch alles passiert, wir erinnern uns doch daran.«
»Wer sagt, dass es nicht ein Vorteil ist, dass dieser Rhodan nicht mehr
seine schändliche Position inne hat?«, legte Ragana nach. »Vielleicht ist die
Änderung des Zeitablaufs auch eine Maßnahme, um die Dinge wieder
geradezurücken, die irgendwann einmal falsch gelaufen sind?«
Gemurmel hob an.
»Nistant und seine Bande sind Beauftragte hoher kosmischer Mächte und
mit enormen Mitteln ausgestattet«, antwortete Aurec auf die erste Frage und
ignorierte Ragana. »Um die Zeit in diesem Maße zu manipulieren, sind
massive Eingriffe in die Struktur notwendig, die unserer Raum-Zeit ihre
Form geben. Der Moralische Code selbst wurde kompromittiert.«
Der Mausbiber stand plötzlich aufrecht auf der Sitzfläche seines Sessels.
Er sagte kein Wort, aber der Schreck über diese Enthüllung war ihm
deutlich anzusehen. Ein paar Wissenschaftler diskutierten laut über die
Konsequenzen dieser Behauptung und schüttelten dabei die Köpfe.
»Das ist doch Humbug«, rief der junge Mann, der als erster gesprochen
hatte, durch das anschwellende Gerede. »Wie sollen die Dinge, die passiert
sind, denn rückgängig gemacht worden sein? Oder gar nicht passiert
worden … lassen … zu sein.« Er brach ab.
Andere stimmten ihm zu. Das Konzept des Moralischen Codes schien
nicht zur Grundbildung zu gehören und war schlicht zu unbegreiflich für
den Durchschnittsmenschen.
Aurec breitete die Arme aus und gewann die Aufmerksamkeit der
Zuhörer zurück. »Aber diese Welt ist nicht unverrückbar. Ich habe die
Mission, diese Manipulationen zu revidieren und Perry Rhodan aus den
Strudeln der Zeit zurückzuholen.«
»Wie soll das möglich sein?«, rief Ragana. »Ist das nicht gefährlich?
Wenn es so ist, wie du sagst. Dass wir die einzigen Überlebenden dieses
Zeitchaos sind. Wieso sollten wir dann noch einmal an der Zeit
herumspielen? Wer sagt uns denn, dass wir uns damit nicht unser eigenes
Grab schaufeln? Ich lebe lieber hier, in einer Zeit ohne Perry Rhodan, als
durch irgendwelche Experimente draufzugehen!«
»Ich kann euch versichern, dass der Plan, dem ich folge, vor
Jahrhunderten von den schlauesten Köpfen dieses Universums erdacht
worden ist. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg hat die Loge des
Kosmos die Grundsteine dafür gelegt, die alte Zeitlinie
wiederherzustellen.« Aurec machte eine allumfassende Geste. »Selbst
dieses Schiff ist ein Teil der Unternehmung.«
Sofort redeten wieder alle durcheinander.
»Das Schiff wurde von Kulag Milton erbaut. Wie kann das Teil des Plans
sein?«
»Was ist die Loge des Kosmos?«
»Wer hat sich diesen Plan ausgedacht?«
Aurec sah zu Gucky hinunter. Der Mausbiber sah elend aus. Er kauerte
auf der Sitzfläche und war sichtlich erschöpft. Doch in seinen Augen
glomm deutlich ein Funken Hoffnung.
»Diese Fragen werde ich euch ausführlich beantworten«, sagte Aurec
und griff nach seinem Glas. Mit trockener Kehle wollte er seinen Bericht
nicht beginnen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Hunter, Ragana und ihre
Getreuen miteinander tuschelten. Ihre aufgebrachten Gesten drückten
deutlich ihren Unwillen aus.
Kapitel 2 – Gründung der Loge
1325 NGZ
»Schutzgeschwader an fremdes Raumschiff. Bitte halten Sie in Ihrem
eigenen Interesse Abstand zum Forschungsgebiet und identifizieren Sie
sich.«
Die drei Kugelraumer bewegten sich auf Abfangkurs. Aurec reduzierte
die Triebwerksleistung seiner Raumjacht. Der alyskische Wissenschaftler
Eorthor hatte ihn zu sich gebeten und mit der Einladung diese Koordinaten
in der Eastside der Galaxis Cartwheel übermittelt.
Während der Zentralcomputer die Kennung des Schiffs ausstrahlte,
schlugen die Ortungsgeräte an. In dem Raumgebiet hinter den drei
Wachschiffen schien eine hyperenergetische Hölle loszubrechen.
Superhochfrequente Energiefelder wanderten durch das All, überlagerten
sich, drifteten wieder auseinander und erzeugten ein wildes Durcheinander
in den Holos. Eine Einordnung der Energien war nicht möglich. Das
technische Niveau der Ausstattung der Jacht ließ keine Analyse zu.
»Wobei ich vermute, dass so gut wie niemand in diesem Abschnitt des
Universums das technische Niveau besitzt, um hier eine Analyse
durchzuführen«, murmelte Aurec. Das sah nach uralter alyskischer
Hightech aus, was wiederum nahelegte, dass Eorthor hier zugange war.
Erneut sprach die Funkanlage an.
»Wir heißen Sie willkommen, Aurec. Bitte gedulden Sie sich, bis die
Versuchsreihe abgeschlossen ist. Wir werden Sie danach umgehend zur
TITHOR geleiten.«
Die TITHOR. Aurec betrachtete das zugehörige Symbol in der
Holodarstellung des umgebenden Raumsektors. Eorthors mobiles
Forschungszentrum, das dem Hörensagen nach mit dem Besten ausgestattet
war, was alyskische Technik zu bieten hatte. Gerüchte besagten, dass die
Supermächte Cartwheels liebend gerne tieferen Einblick in das Innenleben
dieses fliegenden Forschungszentrums genommen hätten. Eorthor hatte
bislang allen diesbezüglichen Avancen widersprochen und sich gegenüber
Externen vollkommen abgeschottet. Daher hatte auch Aurec das Schiff
bisher noch nicht in Augenschein nehmen können. Er spürte ein Kribbeln in
der Bauchgegend, denn er wusste, dass ihn sein alter Weggefährte nicht für
ein gemütliches Beisammensein bei einem Heißgetränk hierher bestellt
hatte. Die Einladung war denkbar knapp gewesen, sie hatte außer
Grußformeln nur aus einem Koordinatensatz bestanden.
Der Saggittone vertrieb sich die Stunden bis zum Ende der Versuche im
Aufenthaltsraum der Jacht. Dann meldete der Rechner den Eingang einer
Passageerlaubnis und eines Leitstrahls, der direkt in eine Landebucht der
TITHOR führte.
Während Aurec das scheibenförmige Forschungsschiff mit
dreitausendfünfhundert Metern Durchmesser und fünfhundert Metern Dicke
anflog, richtete er die Ortungsgeräte auf den Sektor aus, in dem er die
hyperenergetischen Wellen geortet hatte. Er vermutete, dass der alyskische
Wissenschaftler dort lokalisierte Phänomene untersucht hatte. Auch wenn
die Aussicht gering war, dass er dort fündig wurde, bewog ihn die
Neugierde zu dem Versuch, und in der Tat lieferten ihm seine Instrumente
keine Hinweise auf ungewöhnliche Ereignisse. Lediglich einige Sonden
kreuzten dort, und ein kleineres diskusförmiges Beiboot schraubte sich eben
aus Aurecs Perspektive auf den Rücken. Ein ungewöhnliches Manöver,
vermutlich bedingt durch eine Materieansammlung im Kurs.
Die Jacht glitt über die Oberseite der TITHOR hinweg, die einer
dichtbebauten Stadt mit unzähligen Wolkenkratzern glich. Der Leitstrahl
lotste ihn zur gegenüberliegenden Kante der Scheibe, wo rot und grün
blinkende Signallichter den Kurs zum Schleusentor der angewiesenen
Landebucht zeigten.
Aurec stand aus dem Pilotensessel auf. Auf dem Weg zum Schott warf er
noch einmal einen Blick auf das Ortungsholo, wo ein kleineres
diskusförmiges Beiboot in einem ungewöhnlichen Manöver seinen Bauch
nach oben drehte. Er stutzte. War das eine Wiederholung der
vorangegangenen Anzeige? Aber der Zeitcode war weitergelaufen, doch
wieso hatte das Boot sein Manöver identisch wiederholt?
Der Saggittone schüttelte den Kopf. Eorthor war alles zuzutrauen. Es war
müßig, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Er erwartete von dem Treffen
beachtenswerte Neuigkeiten. Außer ihm hatte Eorthor weitere alte Bekannte
eingeladen, was darauf hindeutete, dass er Gewichtiges zu verkünden hatte.
Eine alte Freundin würde allerdings nicht an dem Treffen teilnehmen.
Aurec strich mit den Fingern über das fast lebensgroße Portrait von Kathy
Scolar, das die Wand neben dem Schott zierte, und eine kalte Hand berührte
sein Herz, sein Magen zog sich zusammen. Er vermisste die Liebe seines
Lebens jeden einzelnen Tag, und auch heute würde nicht einmal die
Antwort auf die dritte Ultimate Frage ihn von seinem Schmerz ablenken
können.
Die Runde, die sich in dem großzügig ausgestatteten Besprechungsraum
eingefunden hatte, bestand tatsächlich aus vielen alten Bekannten und
repräsentierte wichtige Machtblöcke der Galaxis Cartwheel. An einem Ende
des langen Tisches saßen die Kemeten Anubis, Isis und Horus. Ihr Anführer
Osiris stand bei Eorthor vor der holografischen Projektionsfläche auf der
gegenüberliegenden Seite des Raums.
Aurec setzte sich zwischen die Terraner Stewart Landry und Mirus
Traban, ihm gegenüber hatte sich Brettany de la Siniestro niedergelassen.
Komplettiert wurde die Gruppe von den Vertreterinnen der Entropen
Adelheid und Constance Zaryah Beccash. Die Hexen sprachen leise
miteinander, während schwebende Dienstroboter Getränke verteilten.
Ein Hologramm baute sich auf, das eine schematische Abbildung der
TITHOR zeigte, die langsam rotierte. Eorthor und Osiris besprachen sich
noch und gestikulierten in dem Hologramm. Offenbar war die Darstellung
der Inhalte so geschaltet, dass sie aus der Perspektive der Gäste nicht
sichtbar war.
»Alter alyskischer Geheimniskrämer«, murrte Stewart. »Ich vermute, ihr
wisst ebenso wenig wie ich, warum wir hierher geladen wurden.«
Aurec nickte. »Damit bist du nicht allein. Aber wenn ich mich umsehe,
beschleicht mich das Gefühl, dass der Grund einen tiefgreifenden Einfluss
in dieser Galaxis hat.«
»Meine Meinung, alter Freund. Er hat keine Mühen gescheut, uns alle zu
versammeln. Vor allem bei dir dürfte das nicht einfach gewesen sein. Wo
hat er dich denn aufgestöbert?«
Dieses Thema hätte Aurec gerne gemieden. Er atmete tief aus, um ein
paar Sekunden zu gewinnen, und entschloss sich für die halbe Wahrheit.
»Die sogenannte Harmonie DORGONS fühlt sich für mich nicht richtig
an. Es herrscht zwar seit Jahren Frieden zwischen den Völkern Cartwheels,
und selbst das Quarterium scheint sich dieser Doktrin des Friedens zu
unterwerfen. Aber seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass die Harmonie
mit mehr Zwang verbunden ist, als dem natürlichen Fortkommen der
galaktischen Zivilisationen zuträglich ist. Daher habe ich beschlossen, mich
diesem Einfluss so weit wie möglich zu entziehen, und habe mich in einem
kleinen System am Rand von Cartwheel angesiedelt.«
Stewart Landry sah ihn erwartungsvoll an, aber er bekam keine weiteren
Informationen. Mehr wollte Aurec nicht preisgeben und sah demonstrativ in
eine andere Richtung. Dabei fing er Constances mitleidigen Blick auf. Den
Bruchteil einer Sekunde stockte ihm der Atem. Die Hexe war telepathisch
begabt, hatte sie ihn durchschaut? Hatte sie den Schmerz entdeckt, den er in
Gegenwart anderer tief in seinem Inneren verbarg?
Zu viele Freunde hatte er verloren, und das Schicksal seiner geliebten
Kathy war ungewiss. Zumindest redete er sich das ein. Das Ryderion war
abgeschottet, niemand kam hinaus oder hinein. Genauso gut konnte sie tot
sein. Der Beweis dafür oder dagegen konnte nicht geführt werden.
Glitzerte eine Träne in Constances Auge?
Ehe Aurec genauer hinsehen konnte, lenkte Stewart ihn ab.
»Verständlich, dass du dich der Harmonie DORGONS entziehen willst.
Es hat schon totalitäre Züge, wie dieses Konzept durchgesetzt wird. Eine
andere Meinung wird nicht gern gesehen. Ich finde es erstaunlich, dass du
hier bist, wo doch ein Verkünder der Harmonie offenbar zu den Gastgebern
gehört.«
Er deutete verstohlen auf Osiris.
»Mir war nicht bekannt, dass ich ihn hier treffen würde. Allerdings
vertraue ich Eorthor und bin daher gewillt, mir das Anliegen der beiden
anzuhören. Abreisen kann ich immer noch.«
Er hob sein Glas und prostete ihm mit einem zustimmenden Nicken zu.
Eorthor und Osiris wandten sich ihren Gästen zu. Der Alysker begrüßte
die Anwesenden, während der Kemete schweigend und mit ernster Miene
vor sich hinstarrte.
Nach ein paar belanglosen Phrasen schwenkte Eorthor auf handfestere
Themen um.
»Es ist kein Zufall, dass ich euch auf die TITHOR in gerade diesem
Raumsektor geladen habe. Wir führen aktuell Untersuchungen an
hochinteressanten kosmischen Phänomenen durch, auf die wir vor einigen
Jahren gestoßen sind. Ihr habt bei eurer Ankunft sicherlich die
hyperenergetischen Resonanzexperimente bemerkt. Die
Untersuchungsobjekte sind mit hoher Wahrscheinlichkeit sechs- oder
sechseinhalbdimensional geprägt. Sie wechselwirken mit
superhochfrequenter Hyperenergie, die wir auf sie strahlen. Die
Reflexionen geben Aufschluss über die innere Struktur und Dynamik der
Objekte.«
»Den wissenschaftlichen Teil kannst du gerne abkürzen«, warf Mirus
Traban ein. »Ich gehe nicht davon aus, dass wir dir hier als Hilfskräfte zur
Hand gehen sollen.«
Eorthor sah ihn verärgert an, seine spitzen Ohren zuckten. Osiris
hingegen verkniff sich ein Lächeln, während die Übrigen unverhohlen
grinsten. Traban hatte nur das ausgesprochen, was die meisten von ihnen
dachten.
Aurec war nicht zum Lachen zumute. Eorthor war ein nüchterner
Wissenschaftler, der seine Methoden nicht zum Selbstzweck präsentierte.
Alles, was er sagte, diente dazu, die eigentliche Botschaft vorzubereiten.
Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf der Tischplatte.
»Die Untersuchungen haben ergeben«, fuhr Eorthor fort, wobei er Traban
demonstrativ ignorierte, »dass diese Phänomene mit einer Perforation der
raumzeitlichen Struktur verbunden sind. Es handelt sich um temporale
Wurmlöcher, die eine Verbindung zu einem interdimensionalen Raum
herstellen. Knapp genug formuliert, Mirus?«
Der Alysker wartete keine Antwort ab, sondern aktivierte ein Holo, das
eine grafische Darstellung eines der seltsamen Objekte zeigte. »Wir
konnten feststellen, dass innerhalb dieser Struktur und in ihrer Umgebung
der Fluss der Zeit außerhalb der Norm verläuft.«
Aurec dachte an das Raumschiff, das zweimal dasselbe seltsame
Flugmanöver durchgeführt hatte. War das eine Auswirkung dieser …
Wurmlöcher? Was sollte das überhaupt sein? Temporale Wurmlöcher.
Wohin führten sie? In die Vergangenheit, in die Zukunft?
»Wie groß sind denn diese Löcher?«, fragte Constance.
»Diese hier durchmessen einige Mikrometer.«
»Das ist quasi nichts, und doch sind Zeitphänomene zu bemerken?«
»In jedem Fall ist bei den physikalischen und chemischen Reaktionen des
umgebenden Raums ein entsprechender Einfluss nachzuweisen«, erläuterte
der Alysker.
Die Hexe strich die langen Haare zurück.
»Wir haben also minimale Veränderungen des Zeitflusses an
mikroskopischen Raum-Zeit-Rissen. Ich möchte darauf hinweisen, dass wir
alle verantwortliche Positionen bekleiden. Du hattest auf die besondere
Bedeutung dieser Versammlung hingewiesen, Eorthor. Noch kann ich nichts
Relevantes erkennen.«
Eorthor sprach etwas lauter als zuvor weiter, um das zustimmende
Gemurmel zu übertönen. »Die Relevanz wird erkennbar, wenn wir den
Blick von diesen beispielhaften kleinen temporalen Wurmlöchern weg auf
ihre größeren Geschwister richten, die über ganz Cartwheel und mit hoher
Wahrscheinlichkeit weitere Gebiete der lokalen Gruppe verteilt sind.«
Anubis reckte seine schwarze Hundeschnauze zur Decke.
»Wie groß sind diese Geschwister? Und welchen Einfluss üben sie aus?«
Eorthor griff in das Holo, das nur ein winziger Ausschnitt einer größeren
Darstellung war, wie sich herausstellte. Zunächst entstanden mehrere
gleichartige wurmlochähnliche Objekte neben dem ersten. »Je größer die
Zahl der Löcher, desto größer der Effekt, den sie auf den umgebenden
Raum haben. Der Einfluss potenziert sich.«
Er zoomte weiter aus dem Bild.
»Wir haben zentimetergroße Objekte gefunden.« Größeres Bild.
»Objekte mit mehreren Metern Durchmesser.« Pause. Dann sprang die
Darstellung schlagartig. »Und Löcher, die kilometergroß waren.«
Ein waberndes schwarz schillerndes Loch, in dem Leuchterscheinungen
zuckten, schwebte im noch schwärzeren All. Die in der Nähe kreuzenden
Raumschiffe erlaubten einen Größenvergleich, der Eorthors Angaben
bestätigte. Die Schiffe verschwanden und erschienen in unvorhersehbarem
Rhythmus, flogen mehrmals hintereinander dieselben Routen.
Allen war anzusehen, wie sie diese Neuigkeiten im Kopf einzuordnen
versuchten und sich darum bemühten, die Konsequenzen abzuleiten.
Für Aurec waren zwei Fragen offen. »Wie habt ihr diese Zeitlöcher
gefunden? Wachsen sie?«
»Das sind gute Fragen.« Eothor war sichtlich erfreut über den
konstruktiven Beitrag. »Und sie sind schnell beantwortet. Die ersten
Entdeckungen waren Zufall. Nachdem wir die Struktur anmessen konnten,
haben wir tausende Sonden der TITHOR ausgesandt, die Cartwheel
durchkämmt haben und sind auf Dutzende dieser temporalen Phänomene
gestoßen, und, nein, sie wachsen nicht, sie zerfallen nach einiger Zeit
wieder. Aber wir finden tendenziell größere und langlebigere dieser
Objekte. Anubis fragte nach dem Einfluss, nach ihrem Effekt. Die
temporalen Wurmlöcher reichen von der relativen Gegenwart in die
Vergangenheit oder Zukunft, wir haben sogar Indizien, dass sie parallele
Zeitlinien mit der unseren verknüpfen. Sie wechselwirken miteinander,
Zeitströme fließen umeinander und ineinander. Sie entfalten immer wieder
eine Sogwirkung auf die in ihrer Nähe befindliche Materie.«
Er wies auf das Holo.
»Dieses Objekt ist nicht nur ein riesiges Wurmloch, es ist ein ganzes
Bündel miteinander interagierender Wurmlöcher. Wir nennen es eine
Temporale Anomalie.«
Mittlerweile diskutierte niemand mehr mit seinen Nebenleuten. Vor
seinem inneren Auge sah Aurec immer größere temporale Löcher, die ihr
kosmisches Umfeld beeinflussten. Der Wissenschaftler hatte von
Sogwirkung auf Materie gesprochen. Das bedeutete, dass Gegenstände in
diese Zeitstrudel gezogen wurden und schlimmstenfalls in einer anderen
Zeitlinie landeten. In der Konsequenz stellten diese Anomalien eine Gefahr
für die Raumfahrt in Cartwheel dar. Nein, ganze Planetenbevölkerungen
waren gefährdet, wenn sich eine Temporale Anomalie nur nahe genug an
einem bewohnten Sonnensystem bildete.
Wie das Entsetzen in ihren Gesichtern zeigte, waren die anderen zu
demselben Schluss gekommen.
Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, setzte Eorthor seine
Ausführungen fort.
»Als mir die Folgen dieser Phänomene klar geworden waren, nahm ich
Kontakt zu Osiris auf. Denn auch wenn bisher keine ernsthaften
Zwischenfälle zu verzeichnen sind, mussten doch Gegenmaßnahmen für die
potenzielle Katastrophe erörtert werden.«
»Weshalb wurden lediglich die Kemeten eingeweiht und der Rest außen
vorgelassen?«, warf Brettany de la Siniestro ein. »Das Problem betrifft
schließlich alle.«
»Osiris war mein erster Ansprechpartner. Die Kemeten verfügen
ebenfalls über uraltes Wissen, daher erschienen sie mir als die
zweckmäßigen Diskussionspartner.« Eorthor lächelte. »Aber ich habe kurz
darauf auch Adelheid ins Vertrauen gezogen.«
Constance sah ihre Hexenschwester überrascht an. Offenbar war ihr
dieser Umstand nicht bekannt.
»Damit sollten die wichtigsten Machtblöcke eingeweiht sein.«
»Das Quarterium? Sind auch sie einbezogen?«, hakte Brettany nach.
»Bislang nicht. Wir sind übereingekommen, die Angelegenheit in
unserem Kreis vertraulich zu behandeln. Wir sehen das Quarterium
innerhalb der Harmonie DORGONS als überraschend mächtigen
Mitspieler. Wir wissen nicht, ob das von den hohen Mächten so gewollt ist,
da es eigentlich dem Gleichheitsgedanken der Harmonie widerspricht«,
erklärte Adelheid. »Ich persönlich sehe darin sogar eine Gefahr für die
Entropie, wenn unter dem Deckmantel zwanghaften Harmoniebestrebens
alle Parteien ruhiggestellt werden, aber eine Gruppe eine Vorrangstellung
behält, und sei sie auch noch so gering.«
»Unsere Zurückhaltung gegenüber dem Quarterium hat sich im
Nachhinein als zumindest nicht unberechtigt herausgestellt«, ergänzte
Osiris. »Aber dazu kommen wir gleich.«
Aurec warf einen Blick auf die Kemeten. Sie wirkten nicht so, als ob sie
über die Aktivitäten ihres Anführers vollständig informiert gewesen seien.
Hatten Eorthor, Osiris und Adelheid ihre eigene Geheimunternehmung
durchgeführt?
Nach einem auffordernden Nicken Eorthors übernahm Osiris die
weiteren Erklärungen.
»Diese Riesenanomalie, die ihr hier sehen könnt, war die erste dieser
Größenordnung, die Eorthor und ich gemeinsam untersuchen konnten.
Dabei stellten wir fest, dass ihre Grundstruktur durch eine sehr lange und
schmale Raumzeitfalte gebildet wurde. Während wir noch zu ergründen
suchten, wie weit sich diese Falte erstreckte und wohin sie wohl führen
mochte, spielten unsere Instrumente plötzlich verrückt. Die Ortungsgeräte
für das SHF-Band des Hyperspektrums schlugen quasi durch. Die Ursache
war ein Psi-Potenzial, das die Temporale Anomalie verlassen hatte.«
Horus sprang auf, ein Zischen entwich seinem Schnabel. Die letzte
Information schien ihn aufzuwühlen. Seine Mutter Isis zog ihn zurück in
den Sessel, und die drei Kemeten diskutierten aufgeregt. Horus schien mit
einem Psi-Potenzial etwas zu assoziieren, das anderen nicht offenkundig
war.
Osiris nickte seinen Artgenossen zu. »Ich hatte die gleiche Idee. Das Psi-
Potenzial wies die Architektur eines kosmischen Messengers auf.«
Er sah in die Runde. »Das Konzept ist euch bekannt?«
Unsicheres Nicken bei den meisten.
»Ihr kennt den Moralischen Kode, der das Multiversum durchzieht. Er
besteht aus Kosmogenen und Kosmonukleotiden, die gewissermaßen
unsere Realität erschaffen. Dort werden ständig neue Wirklichkeiten
durchgespielt und erprobt, sozusagen ein kosmisches
Schöpfungsprogramm, das unser Universum weiter vorantreibt. Die
Entwicklung, die unser Universum – oder Abschnitte davon – nehmen soll,
wird in sogenannte Kosmische Messenger kopiert. Dabei handelt es sich um
eine masselose, n-dimensionale, ultrahochfrequente Energiestruktur, um
psionische Potenziale, denen Information aufgeprägt wurde, um diese
Information an ihrem Bestimmungsort in Realität umzusetzen. Alle
Naturkonstanten beispielsweise werden auf diese Weise im Moralischen
Kode generiert und über die Kosmischen Messenger im jeweiligen
Abschnitt des Multiversums manifestiert.«
»Hat der Messenger etwas bewirkt?«, platzte Horus heraus.
»Soweit wir es beurteilen können, ist er nach einigen Minuten zerfallen,
ohne eine Wirkung herbeigeführt zu haben. Wir hatten vielmehr den
Eindruck von etwas Unfertigem, einem Versuchsobjekt. In jedem Falle
waren wir höchst alarmiert. Es ist klar, dass höchste Gefahr droht, wenn
messenger-artige Objekte lokal unsere Realität manipulieren. Auch das war