Band 132
Die Loge des Kosmos
Ein elitärer Kreis wurde im 14. Jahrhundert NGZ gegründet,
um gegen die Dualität der Komostarchen vorzugehen.
Autor: Markus Regler
Titelbild: Gaby Hylla
Innenillustrationen: Gaby Hylla
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Er gibt Einblicke in die Gründungszeit der Loge
Eorthor
Der Gründer der Kosmogenen Loge
Osiris
Der Mitgründer der Loge
Constance Beccash, Sruel Allok Mok, Anubis, Mirus Traban
Sie schließen sich der Loge an
Was bisher geschah
Das Zeitchaos ist ausgebrochen. Die uns bekannte Zeitlinie ist
erloschen, und eine neue Zeit formt sich ohne Perry Rhodan.
Die Dualität der Kosmotarchen MODROR und DORGON
gelten als Initiatoren eines diabolischen Plans zur
Neuprogrammierung des Moralischen Kodes.
Gucky und eine Handvoll Überlebender befinden sich auf der
CASSIOPEIA, welche von der geheimnisvollen Positronik
ENGUYN gesteuert wird.
Sie entdecken die Tiefe des Chaos, einen interdimensionalen
Raum, der wohl ein Schlüssel zum Plan der Kosmotarchen ist.
Eine geheime Organisation, die Loge des Kosmos, ist in den
Zeiten gestrandet und muss den Weg zur CASSIOPEIA finden.
Der Rhodanjäger Nathaniel Creen durchstreift mehrere
Zeitlinien, die alle mit dem Untergang der Menschheit enden.
Aurec kehrt aus dem 18. Jahrhundert zurück. Auf der
CASSIOPEIA informiert er die Überlebenden aus dem 21.
Jahrhundert NGZ über die Hintergründe der Kosmogenen Loge
Kapitel 1 – Durch die Tiefe
Der Raum, den das Hologramm in der Zentrale der CASSIOPEIA zeigte,
wirkte auf den ersten Blick vertraut. Aber das war ein Trugschluss. Mit den
physikalischen Formeln des Standarduniversums stieß man an Grenzen,
wenn man versuchte, dieses Kontinuum damit korrekt zu beschreiben.
Aurec wusste, dass dieser Teil des Multiversums völlig anders beschaffen
war als das Standarduniversum. Hier herrschten geradezu tödliche
Bedingungen.
Er betrachtete die Himmelskörper, an denen sich das Raumschiff
entlangbewegte. Wie an einer Perlenschnur waren Planeten, Sonnen und
ganze Sonnensysteme aufgereiht und zeigten auf eindrucksvolle Weise,
dass die bekannten Naturgesetze hier keine Gültigkeit besaßen. Nicht
einmal die sonst allgegenwärtigen Kräfte der Gravitation vermochten dieses
kosmische Kunstwerk zu zerstören.
Eine trügerische Schönheit, dachte Aurec. Die Tiefe des Chaos war eine
mörderische Umgebung, die einem Lebewesen alles abverlangte bis zur
Lebensenergie. Eine seltsame Vergesslichkeit sorgte dafür, dass Reisende
verwirrt und hilflos durch die Tiefe irrten, während diese an ihrer
Vitalenergie saugte. Nicht wenige waren als lallende Idioten in diesem
Nirgendwo gestorben. Mit Grauen erinnerte sich Aurec an seine jahrelangen
Reisen durch diesen interdimensionalen Raum.
Sein Blick glitt über die Reihen von Sonnen und Planeten. Beinahe
automatisch suchte er nach einer riesigen Materiemasse, die in die Tiefe des
Chaos eingebettet lag. Auf diesem RIDERYON genannten Objekt war seine
geliebte Kathy Scolar zurückgeblieben.
Zumindest hatte er das geglaubt. Doch sie hatte offenbar die Freiheit
erlangt, sich vom Rideryon fortzubewegen. In den Wirren des Zeitchaos
hatte er sie zweimal im alten Eutin auf Terra getroffen. Auch wenn sie eine
Allianz mit dem Fürsten Medvecâ eingegangen war sie lebte noch, und
das war das Wichtigste.
Ein lautstarker Wortwechsel zog seine Aufmerksamkeit auf sich, und der
aufkeimende Schmerz zerstob so schnell, wie er gekommen war. Aurec sah
hinüber zum Kommandopult, das seit Kurzem von Mathew Wallace besetzt
war, dem ehemaligen Ersten Offizier der IVANHOE II. Dort stritt sich der
Posbi Lorif mit der holografischen Abbildung eines haarlosen Humanoiden
mit spitzen Ohren. Das war ENGUYN, der Avatar der Bordpositronik .
Beim Näherkommen erkannte Aurec, dass sich die beiden Maschinenwesen
offenbar über die optimale Triebwerkskonfiguration stritten. Wallace schien
sich köstlich darüber zu amüsieren.
»Sieh sie dir an, die beiden Koryphäen. Jeder beansprucht für sich die
weitreichendere Expertise in Bezug auf Reisen durch die Tiefe, nur um den
eigenen Parametersatz durchzusetzen.« Er lachte.
»Unterscheiden sie sich signifikant?«, fragte Aurec.
»Im Promillebereich. In der Praxis machen sie keinen Unterschied. Ich
vermute, hier geht es ums Prinzip. Eine neue Besatzung für ein neues
Schiff. Da knirscht es gelegentlich, bis alles eingeschwungen ist. In ein paar
Tagen hört das von selbst auf. Bis dahin müssen wir noch die eine oder
andere Auseinandersetzung zur Schutzschirmkonfiguration, zur
Wassertemperatur in den Hygienezellen und zu den Reinigungsintervallen
der Schwerkraftgeneratoren ertragen.«
Der Saggittone trat an die Bedienelemente und rief das Holo auf, das die
aktuelle Einstellung der Triebwerke zeigte. Alles war im dunkelgrünen
Bereich, also bestand keine Notwendigkeit, etwas zu ändern. »Wir belassen
den aktuellen Stand. Die CASSIOPEIA ist ein auf Vollautomatik
ausgelegtes Schiff. Das weiß vermutlich selbst am besten, wie es fliegt.« Er
unterdrückte ein Grinsen, als er hinter sich Lorif schimpfen hörte. Dieser
fühlte sich benachteiligt, weil Aurec indirekt ENGUYN gestützt habe, der
sozusagen mit dem Schiff identisch wäre.
Doch seine gute Laune verflog schnell. Gucky hob sich telekinetisch aus
seinem Sessel und glitt auf ihn zu. Der vor ihm schwebende Mausbiber
erinnerte ihn an einen Werrinka, ein Tiergeist seiner Heimat.
Das stumpfe Fell stand struppig ab. Um die ausdruckslosen, aber ernst
blickenden Augen zeigten sich dunkle Ringe. Der sonst so häufig blitzende
Nagezahn blieb hinter rissigen Lippen verborgen.
»Langsam würde ich gerne wissen, was genau wir hier tun«, sagte der Ilt
mit schleppender Stimme. »Wir befinden uns in einem Raum zwischen den
Dimensionen und sind auf der Suche … nach was noch einmal?«
»Wir suchen die noch fehlenden Kosmogenen Chroniken«, antwortete
Aurec, »um unsere Zeitlinie wiederherzustellen. Hatten wir das nicht schon
besprochen?«
Guckys Blick verlor sich unter der Decke der Zentrale. Er legte den Kopf
schief und rief Erinnerungen ab, erkannte Aurec. Nach einigen Sekunden
weiteten sich Guckys Augen.
»Richtig, wir wollen Informationen über unsere Zeitlinie beschaffen, um
daraus den Zeitstrom zu regenerieren. Ich bin nicht für Unkenrufe bekannt,
aber das ist die hanebüchenste Idee, die mir in meinem langen Leben
untergekommen ist. Einen kompletten Zeitstrahl über Jahrmilliarden
hinweg zu restaurieren, das funktioniert nicht.«
Er rotierte um seine Hochachse und beförderte sich zurück in seinen
Sessel, wobei er noch weniger Körperspannung aufbrachte als zuvor.
Der Anblick des Mausbibers zerriss Aurec das Herz. Dieses Wesen war
ein weiteres Mal das letzte seiner Art. Der Letzte aus der
Unsterblichenriege der Milchstraße. Doch der Verlust seiner Weggefährten
erklärte nicht den eklatanten Verlust seiner kognitiven Fähigkeiten und
diese Niedergeschlagenheit, die ihn erfasst hatte, seit die CASSIOPEIA in
die Leere des Chaos eingetaucht war. Aurec dachte an die Eorthors
Theorien zu den Strukturen der Tiefe, deren Ausfluss der Schleier der Lethe
war. Ein hyperphysikalischer Effekt, der bei Lebewesen für Verwirrung und
Gedächtnisverlust sorgte, und das umso intensiver, je länger man in der
Tiefe verweilte.
Die CASSIOPEIA sollte diesen Effekt eigentlich abschirmen, aber
offenbar waren psionisch hochbegabte und hochempfindliche Wesen wie
der Ilt dennoch empfänglich für die Reste dieser Einflüsse. Constance
Beccash stand in der Nähe, auch ihre Gesichtszüge spiegelten Schmerz
wider. Die Empathin litt mit dem Mausbiber.
Mathew Wallace stand aus seinem Sessel am Kommandopult auf und
kam auf Aurec zu.
»Meiner Auffassung nach hat Gucky einen guten Punkt angerissen. Auch
im Namen meiner Crew würde ich gerne wissen, womit wir es zu tun
haben. Wir begeben uns in eine gefährliche Situation, deshalb haben wir ein
Recht darauf, die Hintergründe zu erfahren, und sei es nur, damit wir uns
auf ein Himmelfahrtskommando einstellen können. Ein paar
Hintergrundinformationen können der Motivation sehr zuträglich sein.«
Aurec musste ihm Recht geben. Die Suche nach den Chroniken brachte
Herausforderungen mit sich, die nur überwunden werden konnten, wenn
alle an einem Strang zogen und sich auf die Gegebenheiten einstellen
konnten. Er suchte Constances Blick, die er als Mitglied der Loge nicht
übergehen wollte. Aber die Lilim schien ähnliche Gedanken zu hegen. Sie
nickte langsam.
Aurec richtete sich auf und straffte seinen Körper. Er spürte, wie jedes
Mitglied der Besatzung in der Zentrale seine Aufmerksamkeit auf ihn
richtete. Er stellte eine Rundrufverbindung her, die sein Hologramm im
gesamten Schiff projizieren würde.
»Einigen habe ich bereits einen Abriss über die Ereignisse gegeben, aber
alle mutigen Wesen, die mir hier folgen, haben ein Recht darauf, die
Hintergründe zu erfahrenIn einer halben Stunde werde ich mich im Milton-
Turm einfinden und Rede und Antwort stehen. Ich werde euch von der
Tiefe des Chaos berichten und von der Gemeinschaft, die damit eng
verknüpft ist und sich als Kosmogene Loge oder Loge des Kosmos
bezeichnet.«
Als er die Zentrale verließ, blieb sein Blick am Ilt hängen, der sich in
seinem Sessel zusammengerollt hatte und offenbar schlief. Vielleicht fand
ENGUYN einen Weg, um Gucky vor dem Einfluss des Schleiers zu
schützen.
Etwas weiter hinten an der Wand lehnte Nathaniel Creen, der in den
letzten Tagen die Gesellschaft anderer Wesen noch stärker gemieden hatte
als üblich. Aurecs Instinkt sagte ihm, dass auch hier ein toter Werrinka
begraben lag, aber jetzt hatte er keine Zeit, sich darum zu kümmern.
Der Milton-Turm erhob sich zweihundertdreißig Meter hoch über dem
Mittelabschnitt der CASSIOPEIA, der die hufeisenförmige Andockbucht
der ATHENE mit der heckseitigen Scheibensektion verband. Die dort
angeordneten Aufbauten erinnerten Aurec an eine von Hochhäusern
geprägte kleine Stadt. Der Turm war die höchste von ihnen und sollte den
Mittelpunkt des sozialen Zusammenlebens auf dem Schiff bilden. Es war
seltsam, sich tatsächlich auf diesem Schiff aufzuhalten. Als er es zum ersten
Mal gesehen hatte, war es nicht mehr als eine Skizze gewesen, und nun war
es durch höchste Ingenieurskunst zur Realität geworden.
Wenn eines Tages mehr als nur ein paar Hundert Besatzungsmitglieder
hier ihren Dienst verrichten, wird auch der Sternenlicht-Saal belebter sein,
dachte Aurec. Er stand auf der geschwungenen Treppe, die hinauf zur
Aussichtsplattform unter der Glassitkuppel führte. Der Sternenlicht-Saal
war Restaurant, Veranstaltungsraum und Begegnungsstätte in einem. Die
durchsichtige Kuppel bot einen atemberaubenden Ausblick hinaus in die
Schwärze des Alls, und von der Aussichtsplattform konnte man nicht
weniger reizvoll die gesamte CASSIOPEIA überblicken. Aber nach
derartigem Vergnügen stand dem Saggittonen nicht der Sinn. Er ließ seinen
Blick über die Anwesenden wandern, die am Fuß der Treppe auf ein paar
eilig aufgestellten Stuhlreihen Platz genommen hatten. Lediglich Nathaniel
Creen stand mit verschränkten Armen einige Meter abseits an einem
Stahlträger gelehnt. Eine Gruppe um Hunter und Ragana ter Camperna
hatte ebenfalls Abstand zum Rest der Besatzung genommen.
Gucky saß nein, hing in einem Sitz direkt vor der Treppe und sah
Aurec erwartungsvoll an. Direkt daneben hatte es sich Bencho
zusammengerollt bequem gemacht. Ein wenig wirkte er wie ein Wachhund
für den Mausbiber.
Der Saggittone atmete tief durch und richtete sich auf. Er wartete einige
Sekunden, bis auch das letzte leise Gespräch verstummt war.
»Die Ereignisse der letzten Wochen waren für uns alle mehr als
verwirrend. Sie waren emotional fordernd und haben viel Kraft gekostet.
Wir alle haben Freunde scheinbar unwiederbringlich verloren. Ich verstehe,
dass es nicht einfach ist, die Hintergründe für das alles zu durchschauen.
Daher möchte ich euch darüber berichten.
Denn eines ist Fakt, und auch wenn es uns unbegreiflich erscheint: Die
Vergangenheit, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Die Zeitlinie, die
wir als die unsere betrachten, ist ausgelöscht. Es hat sie nie gegeben.«
Er machte eine kurze Pause und beobachtete seine Zuhörer. Guckys
Miene spiegelte Wut wider, Constance strahlte Entschlossenheit aus, in den
meisten Gesichtern aber zeigte sich Unverständnis.
»Alte Gegner stecken dahinter. Nistant, die Söhne des Chaos und ihre
Hinterleute haben das alles geplant, um unsere Zeitlinie auszumerzen und
ein Universum zu erschaffen, das ihren Wünschen entspricht. In diesem
Universum hat Perry Rhodan nie die Menschheit zu den Sternen geführt.
Stattdessen wird Terra von Don Philippe Alfonso da la Siniestro beherrscht,
einer Art Abziehbild eines Rhodan, das hier dessen Rolle einnimmt.«
»Wie sollen diese Leute, die du genannt hast, eine ganze Zeitlinie
eliminiert haben?«, warf ein junger Mann aus Hunters Gruppe ein. Eine
tätowierte Flamme bedeckte seine linke Gesichtshälfte vom Kinn bis zur
Schläfe. »Es ist doch alles passiert, wir erinnern uns doch daran.«
»Wer sagt, dass es nicht ein Vorteil ist, dass dieser Rhodan nicht mehr
seine schändliche Position inne hat?«, legte Ragana nach. »Vielleicht ist die
Änderung des Zeitablaufs auch eine Maßnahme, um die Dinge wieder
geradezurücken, die irgendwann einmal falsch gelaufen sind?«
Gemurmel hob an.
»Nistant und seine Bande sind Beauftragte hoher kosmischer Mächte und
mit enormen Mitteln ausgestattet«, antwortete Aurec auf die erste Frage und
ignorierte Ragana. »Um die Zeit in diesem Maße zu manipulieren, sind
massive Eingriffe in die Struktur notwendig, die unserer Raum-Zeit ihre
Form geben. Der Moralische Code selbst wurde kompromittiert.«
Der Mausbiber stand plötzlich aufrecht auf der Sitzfläche seines Sessels.
Er sagte kein Wort, aber der Schreck über diese Enthüllung war ihm
deutlich anzusehen. Ein paar Wissenschaftler diskutierten laut über die
Konsequenzen dieser Behauptung und schüttelten dabei die Köpfe.
»Das ist doch Humbug«, rief der junge Mann, der als erster gesprochen
hatte, durch das anschwellende Gerede. »Wie sollen die Dinge, die passiert
sind, denn rückgängig gemacht worden sein? Oder gar nicht passiert
worden … lassen … zu sein.« Er brach ab.
Andere stimmten ihm zu. Das Konzept des Moralischen Codes schien
nicht zur Grundbildung zu gehören und war schlicht zu unbegreiflich für
den Durchschnittsmenschen.
Aurec breitete die Arme aus und gewann die Aufmerksamkeit der
Zuhörer zurück. »Aber diese Welt ist nicht unverrückbar. Ich habe die
Mission, diese Manipulationen zu revidieren und Perry Rhodan aus den
Strudeln der Zeit zurückzuholen.«
»Wie soll das möglich sein?«, rief Ragana. »Ist das nicht gefährlich?
Wenn es so ist, wie du sagst. Dass wir die einzigen Überlebenden dieses
Zeitchaos sind. Wieso sollten wir dann noch einmal an der Zeit
herumspielen? Wer sagt uns denn, dass wir uns damit nicht unser eigenes
Grab schaufeln? Ich lebe lieber hier, in einer Zeit ohne Perry Rhodan, als
durch irgendwelche Experimente draufzugehen!«
»Ich kann euch versichern, dass der Plan, dem ich folge, vor
Jahrhunderten von den schlauesten Köpfen dieses Universums erdacht
worden ist. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg hat die Loge des
Kosmos die Grundsteine dafür gelegt, die alte Zeitlinie
wiederherzustellen.« Aurec machte eine allumfassende Geste. »Selbst
dieses Schiff ist ein Teil der Unternehmung.«
Sofort redeten wieder alle durcheinander.
»Das Schiff wurde von Kulag Milton erbaut. Wie kann das Teil des Plans
sein?«
»Was ist die Loge des Kosmos?«
»Wer hat sich diesen Plan ausgedacht?«
Aurec sah zu Gucky hinunter. Der Mausbiber sah elend aus. Er kauerte
auf der Sitzfläche und war sichtlich erschöpft. Doch in seinen Augen
glomm deutlich ein Funken Hoffnung.
»Diese Fragen werde ich euch ausführlich beantworten«, sagte Aurec
und griff nach seinem Glas. Mit trockener Kehle wollte er seinen Bericht
nicht beginnen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Hunter, Ragana und ihre
Getreuen miteinander tuschelten. Ihre aufgebrachten Gesten drückten
deutlich ihren Unwillen aus.
Kapitel 2 – Gründung der Loge
1325 NGZ
»Schutzgeschwader an fremdes Raumschiff. Bitte halten Sie in Ihrem
eigenen Interesse Abstand zum Forschungsgebiet und identifizieren Sie
sich.«
Die drei Kugelraumer bewegten sich auf Abfangkurs. Aurec reduzierte
die Triebwerksleistung seiner Raumjacht. Der alyskische Wissenschaftler
Eorthor hatte ihn zu sich gebeten und mit der Einladung diese Koordinaten
in der Eastside der Galaxis Cartwheel übermittelt.
Während der Zentralcomputer die Kennung des Schiffs ausstrahlte,
schlugen die Ortungsgeräte an. In dem Raumgebiet hinter den drei
Wachschiffen schien eine hyperenergetische Hölle loszubrechen.
Superhochfrequente Energiefelder wanderten durch das All, überlagerten
sich, drifteten wieder auseinander und erzeugten ein wildes Durcheinander
in den Holos. Eine Einordnung der Energien war nicht möglich. Das
technische Niveau der Ausstattung der Jacht ließ keine Analyse zu.
»Wobei ich vermute, dass so gut wie niemand in diesem Abschnitt des
Universums das technische Niveau besitzt, um hier eine Analyse
durchzuführen«, murmelte Aurec. Das sah nach uralter alyskischer
Hightech aus, was wiederum nahelegte, dass Eorthor hier zugange war.
Erneut sprach die Funkanlage an.
»Wir heißen Sie willkommen, Aurec. Bitte gedulden Sie sich, bis die
Versuchsreihe abgeschlossen ist. Wir werden Sie danach umgehend zur
TITHOR geleiten.«
Die TITHOR. Aurec betrachtete das zugehörige Symbol in der
Holodarstellung des umgebenden Raumsektors. Eorthors mobiles
Forschungszentrum, das dem Hörensagen nach mit dem Besten ausgestattet
war, was alyskische Technik zu bieten hatte. Gerüchte besagten, dass die
Supermächte Cartwheels liebend gerne tieferen Einblick in das Innenleben
dieses fliegenden Forschungszentrums genommen hätten. Eorthor hatte
bislang allen diesbezüglichen Avancen widersprochen und sich gegenüber
Externen vollkommen abgeschottet. Daher hatte auch Aurec das Schiff
bisher noch nicht in Augenschein nehmen können. Er spürte ein Kribbeln in
der Bauchgegend, denn er wusste, dass ihn sein alter Weggefährte nicht für
ein gemütliches Beisammensein bei einem Heißgetränk hierher bestellt
hatte. Die Einladung war denkbar knapp gewesen, sie hatte außer
Grußformeln nur aus einem Koordinatensatz bestanden.
Der Saggittone vertrieb sich die Stunden bis zum Ende der Versuche im
Aufenthaltsraum der Jacht. Dann meldete der Rechner den Eingang einer
Passageerlaubnis und eines Leitstrahls, der direkt in eine Landebucht der
TITHOR führte.
Während Aurec das scheibenförmige Forschungsschiff mit
dreitausendfünfhundert Metern Durchmesser und fünfhundert Metern Dicke
anflog, richtete er die Ortungsgeräte auf den Sektor aus, in dem er die
hyperenergetischen Wellen geortet hatte. Er vermutete, dass der alyskische
Wissenschaftler dort lokalisierte Phänomene untersucht hatte. Auch wenn
die Aussicht gering war, dass er dort fündig wurde, bewog ihn die
Neugierde zu dem Versuch, und in der Tat lieferten ihm seine Instrumente
keine Hinweise auf ungewöhnliche Ereignisse. Lediglich einige Sonden
kreuzten dort, und ein kleineres diskusförmiges Beiboot schraubte sich eben
aus Aurecs Perspektive auf den Rücken. Ein ungewöhnliches Manöver,
vermutlich bedingt durch eine Materieansammlung im Kurs.
Die Jacht glitt über die Oberseite der TITHOR hinweg, die einer
dichtbebauten Stadt mit unzähligen Wolkenkratzern glich. Der Leitstrahl
lotste ihn zur gegenüberliegenden Kante der Scheibe, wo rot und grün
blinkende Signallichter den Kurs zum Schleusentor der angewiesenen
Landebucht zeigten.
Aurec stand aus dem Pilotensessel auf. Auf dem Weg zum Schott warf er
noch einmal einen Blick auf das Ortungsholo, wo ein kleineres
diskusförmiges Beiboot in einem ungewöhnlichen Manöver seinen Bauch
nach oben drehte. Er stutzte. War das eine Wiederholung der
vorangegangenen Anzeige? Aber der Zeitcode war weitergelaufen, doch
wieso hatte das Boot sein Manöver identisch wiederholt?
Der Saggittone schüttelte den Kopf. Eorthor war alles zuzutrauen. Es war
müßig, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Er erwartete von dem Treffen
beachtenswerte Neuigkeiten. Außer ihm hatte Eorthor weitere alte Bekannte
eingeladen, was darauf hindeutete, dass er Gewichtiges zu verkünden hatte.
Eine alte Freundin würde allerdings nicht an dem Treffen teilnehmen.
Aurec strich mit den Fingern über das fast lebensgroße Portrait von Kathy
Scolar, das die Wand neben dem Schott zierte, und eine kalte Hand berührte
sein Herz, sein Magen zog sich zusammen. Er vermisste die Liebe seines
Lebens jeden einzelnen Tag, und auch heute würde nicht einmal die
Antwort auf die dritte Ultimate Frage ihn von seinem Schmerz ablenken
können.
Die Runde, die sich in dem großzügig ausgestatteten Besprechungsraum
eingefunden hatte, bestand tatsächlich aus vielen alten Bekannten und
repräsentierte wichtige Machtblöcke der Galaxis Cartwheel. An einem Ende
des langen Tisches saßen die Kemeten Anubis, Isis und Horus. Ihr Anführer
Osiris stand bei Eorthor vor der holografischen Projektionsfläche auf der
gegenüberliegenden Seite des Raums.
Aurec setzte sich zwischen die Terraner Stewart Landry und Mirus
Traban, ihm gegenüber hatte sich Brettany de la Siniestro niedergelassen.
Komplettiert wurde die Gruppe von den Vertreterinnen der Entropen
Adelheid und Constance Zaryah Beccash. Die Hexen sprachen leise
miteinander, während schwebende Dienstroboter Getränke verteilten.
Ein Hologramm baute sich auf, das eine schematische Abbildung der
TITHOR zeigte, die langsam rotierte. Eorthor und Osiris besprachen sich
noch und gestikulierten in dem Hologramm. Offenbar war die Darstellung
der Inhalte so geschaltet, dass sie aus der Perspektive der Gäste nicht
sichtbar war.
»Alter alyskischer Geheimniskrämer«, murrte Stewart. »Ich vermute, ihr
wisst ebenso wenig wie ich, warum wir hierher geladen wurden.«
Aurec nickte. »Damit bist du nicht allein. Aber wenn ich mich umsehe,
beschleicht mich das Gefühl, dass der Grund einen tiefgreifenden Einfluss
in dieser Galaxis hat.«
»Meine Meinung, alter Freund. Er hat keine Mühen gescheut, uns alle zu
versammeln. Vor allem bei dir dürfte das nicht einfach gewesen sein. Wo
hat er dich denn aufgestöbert?«
Dieses Thema hätte Aurec gerne gemieden. Er atmete tief aus, um ein
paar Sekunden zu gewinnen, und entschloss sich für die halbe Wahrheit.
»Die sogenannte Harmonie DORGONS fühlt sich für mich nicht richtig
an. Es herrscht zwar seit Jahren Frieden zwischen den Völkern Cartwheels,
und selbst das Quarterium scheint sich dieser Doktrin des Friedens zu
unterwerfen. Aber seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass die Harmonie
mit mehr Zwang verbunden ist, als dem natürlichen Fortkommen der
galaktischen Zivilisationen zuträglich ist. Daher habe ich beschlossen, mich
diesem Einfluss so weit wie möglich zu entziehen, und habe mich in einem
kleinen System am Rand von Cartwheel angesiedelt.«
Stewart Landry sah ihn erwartungsvoll an, aber er bekam keine weiteren
Informationen. Mehr wollte Aurec nicht preisgeben und sah demonstrativ in
eine andere Richtung. Dabei fing er Constances mitleidigen Blick auf. Den
Bruchteil einer Sekunde stockte ihm der Atem. Die Hexe war telepathisch
begabt, hatte sie ihn durchschaut? Hatte sie den Schmerz entdeckt, den er in
Gegenwart anderer tief in seinem Inneren verbarg?
Zu viele Freunde hatte er verloren, und das Schicksal seiner geliebten
Kathy war ungewiss. Zumindest redete er sich das ein. Das Ryderion war
abgeschottet, niemand kam hinaus oder hinein. Genauso gut konnte sie tot
sein. Der Beweis dafür oder dagegen konnte nicht geführt werden.
Glitzerte eine Träne in Constances Auge?
Ehe Aurec genauer hinsehen konnte, lenkte Stewart ihn ab.
»Verständlich, dass du dich der Harmonie DORGONS entziehen willst.
Es hat schon totalitäre Züge, wie dieses Konzept durchgesetzt wird. Eine
andere Meinung wird nicht gern gesehen. Ich finde es erstaunlich, dass du
hier bist, wo doch ein Verkünder der Harmonie offenbar zu den Gastgebern
gehört.«
Er deutete verstohlen auf Osiris.
»Mir war nicht bekannt, dass ich ihn hier treffen würde. Allerdings
vertraue ich Eorthor und bin daher gewillt, mir das Anliegen der beiden
anzuhören. Abreisen kann ich immer noch.«
Er hob sein Glas und prostete ihm mit einem zustimmenden Nicken zu.
Eorthor und Osiris wandten sich ihren Gästen zu. Der Alysker begrüßte
die Anwesenden, während der Kemete schweigend und mit ernster Miene
vor sich hinstarrte.
Nach ein paar belanglosen Phrasen schwenkte Eorthor auf handfestere
Themen um.
»Es ist kein Zufall, dass ich euch auf die TITHOR in gerade diesem
Raumsektor geladen habe. Wir führen aktuell Untersuchungen an
hochinteressanten kosmischen Phänomenen durch, auf die wir vor einigen
Jahren gestoßen sind. Ihr habt bei eurer Ankunft sicherlich die
hyperenergetischen Resonanzexperimente bemerkt. Die
Untersuchungsobjekte sind mit hoher Wahrscheinlichkeit sechs- oder
sechseinhalbdimensional geprägt. Sie wechselwirken mit
superhochfrequenter Hyperenergie, die wir auf sie strahlen. Die
Reflexionen geben Aufschluss über die innere Struktur und Dynamik der
Objekte.«
»Den wissenschaftlichen Teil kannst du gerne abkürzen«, warf Mirus
Traban ein. »Ich gehe nicht davon aus, dass wir dir hier als Hilfskräfte zur
Hand gehen sollen.«
Eorthor sah ihn verärgert an, seine spitzen Ohren zuckten. Osiris
hingegen verkniff sich ein Lächeln, während die Übrigen unverhohlen
grinsten. Traban hatte nur das ausgesprochen, was die meisten von ihnen
dachten.
Aurec war nicht zum Lachen zumute. Eorthor war ein nüchterner
Wissenschaftler, der seine Methoden nicht zum Selbstzweck präsentierte.
Alles, was er sagte, diente dazu, die eigentliche Botschaft vorzubereiten.
Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf der Tischplatte.
»Die Untersuchungen haben ergeben«, fuhr Eorthor fort, wobei er Traban
demonstrativ ignorierte, »dass diese Phänomene mit einer Perforation der
raumzeitlichen Struktur verbunden sind. Es handelt sich um temporale
Wurmlöcher, die eine Verbindung zu einem interdimensionalen Raum
herstellen. Knapp genug formuliert, Mirus?«
Der Alysker wartete keine Antwort ab, sondern aktivierte ein Holo, das
eine grafische Darstellung eines der seltsamen Objekte zeigte. »Wir
konnten feststellen, dass innerhalb dieser Struktur und in ihrer Umgebung
der Fluss der Zeit außerhalb der Norm verläuft.«
Aurec dachte an das Raumschiff, das zweimal dasselbe seltsame
Flugmanöver durchgeführt hatte. War das eine Auswirkung dieser
Wurmlöcher? Was sollte das überhaupt sein? Temporale Wurmlöcher.
Wohin führten sie? In die Vergangenheit, in die Zukunft?
»Wie groß sind denn diese Löcher?«, fragte Constance.
»Diese hier durchmessen einige Mikrometer
»Das ist quasi nichts, und doch sind Zeitphänomene zu bemerken?«
»In jedem Fall ist bei den physikalischen und chemischen Reaktionen des
umgebenden Raums ein entsprechender Einfluss nachzuweisen«, erläuterte
der Alysker.
Die Hexe strich die langen Haare zurück.
»Wir haben also minimale Veränderungen des Zeitflusses an
mikroskopischen Raum-Zeit-Rissen. Ich möchte darauf hinweisen, dass wir
alle verantwortliche Positionen bekleiden. Du hattest auf die besondere
Bedeutung dieser Versammlung hingewiesen, Eorthor. Noch kann ich nichts
Relevantes erkennen.«
Eorthor sprach etwas lauter als zuvor weiter, um das zustimmende
Gemurmel zu übertönen. »Die Relevanz wird erkennbar, wenn wir den
Blick von diesen beispielhaften kleinen temporalen Wurmlöchern weg auf
ihre größeren Geschwister richten, die über ganz Cartwheel und mit hoher
Wahrscheinlichkeit weitere Gebiete der lokalen Gruppe verteilt sind.«
Anubis reckte seine schwarze Hundeschnauze zur Decke.
»Wie groß sind diese Geschwister? Und welchen Einfluss üben sie aus?«
Eorthor griff in das Holo, das nur ein winziger Ausschnitt einer größeren
Darstellung war, wie sich herausstellte. Zunächst entstanden mehrere
gleichartige wurmlochähnliche Objekte neben dem ersten. »Je größer die
Zahl der Löcher, desto größer der Effekt, den sie auf den umgebenden
Raum haben. Der Einfluss potenziert sich.«
Er zoomte weiter aus dem Bild.
»Wir haben zentimetergroße Objekte gefunden.« Größeres Bild.
»Objekte mit mehreren Metern Durchmesser Pause. Dann sprang die
Darstellung schlagartig. »Und Löcher, die kilometergroß waren.«
Ein waberndes schwarz schillerndes Loch, in dem Leuchterscheinungen
zuckten, schwebte im noch schwärzeren All. Die in der Nähe kreuzenden
Raumschiffe erlaubten einen Größenvergleich, der Eorthors Angaben
bestätigte. Die Schiffe verschwanden und erschienen in unvorhersehbarem
Rhythmus, flogen mehrmals hintereinander dieselben Routen.
Allen war anzusehen, wie sie diese Neuigkeiten im Kopf einzuordnen
versuchten und sich darum bemühten, die Konsequenzen abzuleiten.
Für Aurec waren zwei Fragen offen. »Wie habt ihr diese Zeitlöcher
gefunden? Wachsen sie?«
»Das sind gute Fragen.« Eothor war sichtlich erfreut über den
konstruktiven Beitrag. »Und sie sind schnell beantwortet. Die ersten
Entdeckungen waren Zufall. Nachdem wir die Struktur anmessen konnten,
haben wir tausende Sonden der TITHOR ausgesandt, die Cartwheel
durchkämmt haben und sind auf Dutzende dieser temporalen Phänomene
gestoßen, und, nein, sie wachsen nicht, sie zerfallen nach einiger Zeit
wieder. Aber wir finden tendenziell größere und langlebigere dieser
Objekte. Anubis fragte nach dem Einfluss, nach ihrem Effekt. Die
temporalen Wurmlöcher reichen von der relativen Gegenwart in die
Vergangenheit oder Zukunft, wir haben sogar Indizien, dass sie parallele
Zeitlinien mit der unseren verknüpfen. Sie wechselwirken miteinander,
Zeitströme fließen umeinander und ineinander. Sie entfalten immer wieder
eine Sogwirkung auf die in ihrer Nähe befindliche Materie.«
Er wies auf das Holo.
»Dieses Objekt ist nicht nur ein riesiges Wurmloch, es ist ein ganzes
Bündel miteinander interagierender Wurmlöcher. Wir nennen es eine
Temporale Anomalie.«
Mittlerweile diskutierte niemand mehr mit seinen Nebenleuten. Vor
seinem inneren Auge sah Aurec immer größere temporale Löcher, die ihr
kosmisches Umfeld beeinflussten. Der Wissenschaftler hatte von
Sogwirkung auf Materie gesprochen. Das bedeutete, dass Gegenstände in
diese Zeitstrudel gezogen wurden und schlimmstenfalls in einer anderen
Zeitlinie landeten. In der Konsequenz stellten diese Anomalien eine Gefahr
für die Raumfahrt in Cartwheel dar. Nein, ganze Planetenbevölkerungen
waren gefährdet, wenn sich eine Temporale Anomalie nur nahe genug an
einem bewohnten Sonnensystem bildete.
Wie das Entsetzen in ihren Gesichtern zeigte, waren die anderen zu
demselben Schluss gekommen.
Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, setzte Eorthor seine
Ausführungen fort.
»Als mir die Folgen dieser Phänomene klar geworden waren, nahm ich
Kontakt zu Osiris auf. Denn auch wenn bisher keine ernsthaften
Zwischenfälle zu verzeichnen sind, mussten doch Gegenmaßnahmen für die
potenzielle Katastrophe erörtert werden.«
»Weshalb wurden lediglich die Kemeten eingeweiht und der Rest außen
vorgelassen?«, warf Brettany de la Siniestro ein. »Das Problem betrifft
schließlich alle.«
»Osiris war mein erster Ansprechpartner. Die Kemeten verfügen
ebenfalls über uraltes Wissen, daher erschienen sie mir als die
zweckmäßigen DiskussionspartnerEorthor lächelte. »Aber ich habe kurz
darauf auch Adelheid ins Vertrauen gezogen.«
Constance sah ihre Hexenschwester überrascht an. Offenbar war ihr
dieser Umstand nicht bekannt.
»Damit sollten die wichtigsten Machtblöcke eingeweiht sein.«
»Das Quarterium? Sind auch sie einbezogen?«, hakte Brettany nach.
»Bislang nicht. Wir sind übereingekommen, die Angelegenheit in
unserem Kreis vertraulich zu behandeln. Wir sehen das Quarterium
innerhalb der Harmonie DORGONS als überraschend mächtigen
Mitspieler. Wir wissen nicht, ob das von den hohen Mächten so gewollt ist,
da es eigentlich dem Gleichheitsgedanken der Harmonie widerspricht«,
erklärte Adelheid. »Ich persönlich sehe darin sogar eine Gefahr für die
Entropie, wenn unter dem Deckmantel zwanghaften Harmoniebestrebens
alle Parteien ruhiggestellt werden, aber eine Gruppe eine Vorrangstellung
behält, und sei sie auch noch so gering.«
»Unsere Zurückhaltung gegenüber dem Quarterium hat sich im
Nachhinein als zumindest nicht unberechtigt herausgestellt«, ergänzte
Osiris. »Aber dazu kommen wir gleich.«
Aurec warf einen Blick auf die Kemeten. Sie wirkten nicht so, als ob sie
über die Aktivitäten ihres Anführers vollständig informiert gewesen seien.
Hatten Eorthor, Osiris und Adelheid ihre eigene Geheimunternehmung
durchgeführt?
Nach einem auffordernden Nicken Eorthors übernahm Osiris die
weiteren Erklärungen.
»Diese Riesenanomalie, die ihr hier sehen könnt, war die erste dieser
Größenordnung, die Eorthor und ich gemeinsam untersuchen konnten.
Dabei stellten wir fest, dass ihre Grundstruktur durch eine sehr lange und
schmale Raumzeitfalte gebildet wurde. Während wir noch zu ergründen
suchten, wie weit sich diese Falte erstreckte und wohin sie wohl führen
mochte, spielten unsere Instrumente plötzlich verrückt. Die Ortungsgeräte
für das SHF-Band des Hyperspektrums schlugen quasi durch. Die Ursache
war ein Psi-Potenzial, das die Temporale Anomalie verlassen hatte.«
Horus sprang auf, ein Zischen entwich seinem Schnabel. Die letzte
Information schien ihn aufzuwühlen. Seine Mutter Isis zog ihn zurück in
den Sessel, und die drei Kemeten diskutierten aufgeregt. Horus schien mit
einem Psi-Potenzial etwas zu assoziieren, das anderen nicht offenkundig
war.
Osiris nickte seinen Artgenossen zu. »Ich hatte die gleiche Idee. Das Psi-
Potenzial wies die Architektur eines kosmischen Messengers auf.«
Er sah in die Runde. »Das Konzept ist euch bekannt?«
Unsicheres Nicken bei den meisten.
»Ihr kennt den Moralischen Kode, der das Multiversum durchzieht. Er
besteht aus Kosmogenen und Kosmonukleotiden, die gewissermaßen
unsere Realität erschaffen. Dort werden ständig neue Wirklichkeiten
durchgespielt und erprobt, sozusagen ein kosmisches
Schöpfungsprogramm, das unser Universum weiter vorantreibt. Die
Entwicklung, die unser Universum oder Abschnitte davon nehmen soll,
wird in sogenannte Kosmische Messenger kopiert. Dabei handelt es sich um
eine masselose, n-dimensionale, ultrahochfrequente Energiestruktur, um
psionische Potenziale, denen Information aufgeprägt wurde, um diese
Information an ihrem Bestimmungsort in Realität umzusetzen. Alle
Naturkonstanten beispielsweise werden auf diese Weise im Moralischen
Kode generiert und über die Kosmischen Messenger im jeweiligen
Abschnitt des Multiversums manifestiert.«
»Hat der Messenger etwas bewirkt?«, platzte Horus heraus.
»Soweit wir es beurteilen können, ist er nach einigen Minuten zerfallen,
ohne eine Wirkung herbeigeführt zu haben. Wir hatten vielmehr den
Eindruck von etwas Unfertigem, einem Versuchsobjekt. In jedem Falle
waren wir höchst alarmiert. Es ist klar, dass höchste Gefahr droht, wenn
messenger-artige Objekte lokal unsere Realität manipulieren. Auch das war
ein Grund für uns, die Nachricht darüber nicht zu verbreiten. Wir
beschlossen nachzusehen, rüsteten eine kleine Expedition aus und flogen in
die Anomalie.«
Eorthor | © Gaby Hylla
Das Holo wechselte. Es zeigte den Ausschnitt eines Raums, durch den sich
ein schillerndes Filament zog. Im nächsten Bild befand sich der Beobachter
offenbar näher an dem seltsamen Objekt. Zwei weitere Sprünge später
waren einzelne punktartige Strukturen zu erkennen, die sich nach zwei
weiteren Annäherungen als perlenschnurartig aufgereihte kosmische
Objekte entpuppten. Unzählige Sonnen, Planeten und sogar Sonnensysteme
durchzogen die Schwärze des umgebenden Raums.
Aurec war irritiert. Wurde ihnen eine Animation gezeigt? Eine derartige
Konstellation war physikalisch unmöglich!
Osiris´ nächste Worte zeigten, dass auch er keine Antwort auf dieses
Problem geben konnte.
»Besseres Material haben wir bislang kaum zur Verfügung. Den Raum,
in dem wir uns wiederfanden, könnte man mit gutem Grund als aggressiv
bezeichnen. Wir konstatierten einen Schwund an Lebensenergie und
zunehmende Verwirrung und Vergesslichkeit. Die genauen Ursachen sind
noch unbekannt. Außerdem ist die Navigation dort nur sehr eingeschränkt
möglich. Die physikalischen Gegebenheiten ändern sich stetig, und wir
hatten große Schwierigkeiten, uns zu orientieren. Die Expedition war für
zwei Tage geplant. Zurückgekehrt sind wir nach beinahe drei Wochen.«
Erstaunen zeichnete sich auf den Gesichtern der Zuhörer ab. Alle
schienen die neuen Informationen in einen Kontext setzen zu wollen.
»Gibt es keine weiteren Erkenntnisse?«, fragte Stewart Landry. »Seid ihr
drei Wochen nur herumgeirrt?«
»Wir konnten die automatischen Aufzeichnungen des Forschungsschiffes
auswerten«, antwortete Eorthor. »Die Ergebnisse sind aber alles andere als
beruhigend. Was wir durch Strangeness-Analysen mit Sicherheit wissen, ist,
dass es sich bei diesem Gebilde um einen interdimensionalen Raum
handelt, der durch die temporalen Anomalien mit unserem Universum
verbunden ist. Weiterhin werden in diesem Raum mit höchster
Wahrscheinlichkeit die gezeigten Psi-Potenziale produziert und durch die
Temporalen Anomalien auf die Reise geschickt.«
Er machte eine Pause und blickte ernst in die Runde.
»Diese Psi-Potenziale können wie Kosmische Messenger wirken. Sie
können falsche Informationen in den Moralischen Kode einspeisen, was
wiederum das Raum-Zeit-Gefüge instabil werden lässt. Hinzu kommen die
Temporalen Anomalien, die stetig anwachsen. Bereits die kleinsten von
ihnen beeinflussen ihre Umgebung stark. Setzt sich ihr Wachstum fort,
könnten ganze Planeten oder Sonnensystem unter ihren Einfluss geraten.«
Vor Aurecs innerem Auge tat sich ein Szenario auf, in dem temporale
Gezeitenkräfte Planetenbevölkerungen in den Abgrund stürzten oder in
fremde Zeitlinien versetzten. Wenn man das weiterdachte...
»Wenn man das weiterdenkt«, sagte Constance gerade, »dann kann das
zu einer vollkommenen Destabilisierung der Raum-Zeit führen.«
»Zu einem Zeitchaos«, sagte Eorthor nickend. »Zur Auflösung unserer
Zeitlinie.«
Stille. Dann wildes Durcheinanderreden.
Alle griffen nach den holografischen Dossiers, die Osiris verteilte. Die
Messergebnisse waren lückenhaft, ohne jeden Zweifel. Die Datenbasis für
die Extrapolationen dünn, aber gerade ausreichend für eine halbwegs valide
Berechnung. Die Unsicherheit im Ergebnis war deutlich, und auch der
Zeitpunkt des Eintreffens der Auflösung der Raum-Zeit war alles andere als
präzise vorhersagbar. Die Schätzung lag zwischen 1950 und 2320 NGZ.
Dennoch war die Tendenz klar erkennbar. Das Universum – oder zumindest
der lokale Teil davon, der von den Pseudo-Messenger beeinflusst wurde
lief Gefahr, in wirbelnden Zeitströmen unterzugehen. Immer wieder glaubte
Aurec, Fehler in den Berechnungen zu erkennen, wurde aber jedes Mal
eines Besseren belehrt. Am Ende wirkte das Ergebnis verlässlich. Kein
Wunder, es lag alyskische und kemetische Wissenschaft zugrunde.
Adelheid stand auf und rief die Anwesenden zur Ruhe.
»Es ist völlig unzweifelhaft, dass wir der drohenden Katastrophe
entgegenwirken müssen. Eorthor, Osiris und ich haben die nächsten Schritte
bereits skizziert. Der Plan beruht auf zwei Säulen: Erstens werden wir mehr
Daten beschaffen, zweitens müssen wir dafür sorgen, die Katastrophe so
weit wie möglich abzuwenden.«
»Drittens«, warf Osiris ein, »werden wir das so weit wie möglich im
Geheimen tun. Die politische Gemengelage in Cartwheel ist ein unwägbarer
Nährboden für Katastrophennachrichten. Auch wenn wir aller Voraussicht
nach noch Jahrhunderte vor uns haben, bevor das Zeitchaos eintreten
kann.«
»Ich hatte schon angemerkt, dass ich diese Strategie für wenig
zielführend halte. Wir verschenken riesige Ressourcen«, erwiderte
Adelheid.
»Wir wissen nicht, wie sich die Harmonie DORGONS verhalten wird.
Momentan scheint sie ihre Philosophie mit starkem Nachdruck
durchzusetzen, und das Quarterium baut seine Position aus. Außerdem ist
unbekannt, wer hinter dieser gigantischen Messenger-Fabrik steckt. Ein
Angriff auf den Moralischen Code deutet auf chaotarchische Aktivitäten
hin. Daher ist Geheimhaltung unabdingbar, zumindest bis wir weitere
Erkenntnisse gewonnen haben.«
Stewart Landry stand auf.
»Da wir uns hier zusammengefunden haben, nehme ich an, dass wir die
Loge bilden werden, die heimlich Daten sammelt und die
Gegenmaßnahmen vorbereitet. Was sind die konkreten Aufgaben, die zu
erfüllen sind?«
Ganz der alte TLD-Agent. Pragmatisch und auf den Punkt. Während
Eorthor die Systematik der Datenerhebung erläuterte, durchdachte Aurec
die Sachlage. Was die Geheimhaltung anbelangte, stand er eindeutig auf
Osiris´ Seite. Der Kemete hatte ihn positiv überrascht. Sein Status als
Verkünder prädestinierte ihn eher als überzeugten Repräsentanten der
Harmonie DORGONS denn als Geheimbündler. Die Harmonie duldete
keine Abweichungen, und dieser Zwang fühlte sich für Aurec nicht gut an.
Deshalb hatte er sich zusammen mit anderen Aussteigern an den Rand der
Galaxis zurückgezogen. Die Harmonie überzeugte ihn nicht, ganz im
Gegenteil. Noch war es in den peripheren Gegenden von Cartwheel ruhig.
Das politische Geschehen fokussierte sich woanders. Er befürchtete, dass es
nur eine Frage der Zeit war, bis sich die Aufmerksamkeit der Harmonie
DORGONS auf diejenigen richtete, die sich ihr bisher entzogen hatten.
Im Grunde war Geschichte eine sich stetig wiederholende Abfolge
derselben Ereignisse in abgewandelter Form. Stieg der politische Druck an,
kam es zu Ausweichbewegungen. Wurden diese unterbunden oder waren
sie nicht mehr möglich, war eine Eruption die Folge. Noch war es nicht so
weit, aber Aurec meinte, zarte Vorzeichen davon zu erkennen. Es war
allerdings fraglich, ob es tatsächlich zu einem Aufstand kommen würde.
Die Methoden der Harmonie DORGONS waren subtil, beruhten auf
Ausgrenzung und Verführung und boten kaum Angriffsflächen für offene
Rebellion. Vielmehr bildeten sich Gruppierungen, die darüber sinnierten,
Cartwheel den Rücken zu kehren. Bislang waren allerdings nur
unausgegorene Pläne an die Öffentlichkeit herangetragen worden. Aurec
hielt diese Möglichkeit zwar für ein probates Mittel, einem offenen Konflikt
zu entgehen, und man hatte ihn einige Male um seine Unterstützung
gebeten. Die Verantwortung, die derartige Projekte mit sich brachten,
wirkte auf ihn derzeit bedrohlich. Jeden Tag raffte er jedes Quäntchen
Energie zusammen, um aufzustehen und die Planetenformungsprojekte am
Laufen zu halten. Er hatte das Gefühl, dass seine mentalen Akkus mit
begrenzter Kapazität arbeiteten. Für ein galaktisches Großprojekt fehlte ihm
die Kraft.
Die zu gründende Loge erschien ihm um einige Nummern zu groß. Der
Gedanke an die Dimension der Ereignisse ließ ihn frösteln. Gleichzeitig
bildete sich ein feiner Schweißfilm auf seinem Gesicht, und sein Herz
hämmerte heftig. Er griff verstohlen in seine Jackentasche und fischte eine
Tablette aus einer kleinen Schachtel. Er verbarg sie in der Handfläche, und
während er so tat, als wische er sich über das Gesicht, schob er sie in den
Mund. Sie klebte an seinem trockenen Gaumen, und er spülte sie mit Saft
hinunter.
»Verstanden«, sagte Landry soeben. Links und rechts von Eorthor
schwebten Flussdiagramme. »Was passiert mit den gesammelten Daten?«
»Wir speichern und versiegeln sie, so dass auch die Temporalen
Anomalien ihnen nichts anhaben können. Wenn die Zeitlinie sich auflöst,
bergen wir die Informationen und speisen sie zurück in den Moralischen
Kode.«
»Das klingt einfach und plausibel, aber ich muss gestehen, dass ich
tausend Fragezeichen über dem Kopf habe. Wie stellt sich das konkret
dar?«
Der Alysker breitete die Arme aus.
»Auf diese Frage kenne ich die Antwort noch nicht endgültig. Klar ist,
wir benötigen Speicher, ein Mittel zum Einspeisen der Information und
Fahrzeuge, die in der Lage sind, in reißenden temporalen Flüssen und in
diesem seltsamen Raum zu navigieren. Hinzukommt, dass sich die
hyperphysikalischen Gegebenheiten in absehbarer Zeit verändern werden.
Wenn die Berichte korrekt sind, hat die kosmokratische Seite Perry Rhodan
eine neue Hyperdepression vorausgesagt. All das macht das Vorhaben
höchst komplex. Nach mehreren Jahren Forschung sind Prototypen
konstruiert, die zumindest ihre Machbarkeit bewiesen haben. Bis zur
Vollendung wird es noch einige Jahre dauern.«
»Ein Langzeitplan«, warf Osiris ein. »Wir müssen sorgfältig vorgehen
und die Vorgehensweise den jeweils neuesten Erkenntnissen anpassen.
Niemand kann vorhersagen, wie sich die Lage entwickeln wird. Es ist eine
Herausforderung, wie sie vielleicht noch nie dagewesen ist. Viel Arbeit
wartet auf uns. Aber wir haben Vertrauen in eure Erfahrung und eure
Fähigkeiten.«
»Das wird wieder ein Aufwand«, flüsterte ihm Mirus Traban scheinbar
missmutig zu, seine Augen leuchteten dabei unternehmungslustig. Aurec
konnte den Tatendurst nicht teilen. Er trank ein paar Schlucke Fruchtsaft,
aber seine Zunge fühlte sich immer noch trocken an. Immerhin war der
Stresszustand gewichen. Die Tablette wirkte.
Die Mitglieder der Loge, wie Landry die Gruppe genannt hatte,
diskutierten eifrig die vorläufigen Arbeitspakete und verteilten Aufgaben.
Aurecs Herz schlug heftig. Seine Hände wurden feucht. Nervös tippte er
mit dem Ballen des rechten Fußes auf den Boden. Die Frage, die er
fürchtete, würde früher oder später gestellt werden. Es kostete Energie, aber
er kam ihr zuvor. Mit hoffentlich festen Schritten ging er auf den Alysker
und den Kemeter zu. Zwei erwartungsvolle Augenpaare wandten sich ihm
zu.
Er würde sie enttäuschen müssen.
Die TITHOR schrumpfte auf den Bildschirmen. Aurec lag in seinem
umgeklappten Kontursessel und konnte sich nicht recht erinnern, wie er
diese Minuten hinter sich gebracht hatte. Eorthor hatte erstaunliches
Einfühlungsvermögen bewiesen und ihn in seiner Entscheidung bestärkt,
vorerst keine führende Aufgabe im Projekt Wurmloch zu übernehmen.
Stewart Landry hatte die Bezeichnung spontan geprägt. Dem drohenden
Sturm der Zeit sollte Einhalt geboten werden.
»Sorge für dich«, hatte Eorthor ihm mit auf den Weg gegeben. »Je
schneller du wieder zu Kräften kommst, desto besser kannst du uns helfen.
Wenn du dich aber zugrunde richtest, müssen wir vielleicht für immer auf
deine Mitwirkung verzichten. Das wäre zutiefst bedauerlich.«
Er versprach, die anderen zu unterrichten, und begleitete Aurec in den
Hangar, wo dieser mit seiner Jacht das Forschungsschiff verließ.
»Zeit heilt alle Wunden.« Diesen Ausspruch hatte Atlan ihm einmal
mitgegeben. Aurec sah hinüber zu Kathys Bild. Wie lange würde es dauern,
bis er von diesem tiefen Stich gesundete? Bis das Zeitchaos alles beendete?
Oder bis die Hoffnung, seine Liebe wiederzufinden, endgültig begraben
war?
Kapitel 3 – Der Dorgonische Exodus
1330 NGZ
Mit einem leisen Zischen verbanden sich die beiden Elemente einer Wand
des Bungalows. Die Reaktion, die die stoffschlüssige Verbindung herstellte,
erzeugte einen stechenden Geruch. Sobald das Wohngebäude fertig war,
musste es mehrere Tage auslüften, da die entstandenen Gase auf Dauer
nicht nur unangenehm, sondern auch gesundheitsschädlich waren.
Die Möglichkeiten der Aussteigerkolonien waren beschränkt, das hatte
Aurec immer wieder erfahren müssen. Das dringend benötigte Material für
die Siedlungen war teuer, sodass regelmäßig auf minderwertige Produkte
ausgewichen werden musste. Der Belag des Raumhafens von Shoshannah
etwa wies eine deutlich geringere Dauerfestigkeit auf als das
Standardmaterial, das auf den meisten Planeten der Galaxis zum Einsatz
kam. Die kleinen Ausbesserungen würden irgendwann nicht mehr
ausreichen. Das war nur ein Beispiel von vielen. An die fehleranfälligen
Recyclinganlagen, den ineffizienten Dünger oder die stark
leistungsreduzierte medizinische Ausstattung wollte er gar nicht erst
denken.
Ächzend wuchtete er das nächste Bauelement an seinen Platz, aktivierte
den Anbindungsprozess und wandte sich ab, damit er die Dämpfe nicht
einatmete. Die seltsame Struktur der Materialpreise verdankten sie der
Steuer- und Zollpolitik der Harmonie DORGONS. Nach offizieller
Verlautbarung sollten die zentralen Märkte in Cartwheel gestärkt werden,
Aurec jedoch sah eindeutig eine vorsätzliche Beeinträchtigung der
Randwelten, wo er und andere Aussteiger ihre Kolonien unterhielten. Sie
gehörten nicht zu den Gebieten der Sternenstaaten und damit nicht zum
Binnenmarkt. Folglich unterlagen ihre Importe Zollgebühren, die höchst
uneinheitlich ausgestaltet waren. Vor allem hochwertige Geräte und
Materialien waren unverhältnismäßig hoch mit Einfuhrgebühren belegt, was
sie quasi unerschwinglich machten. Dadurch wurde die Lebensqualität in
den Aussteigerkolonien stark eingeschränkt. Offiziell bestritt die Harmonie
DORGONS dieses manipulative Vorgehen natürlich.
Aurec trank aus seiner Wasserflasche. Es war Sommer in Shoshannah,
und Berokks Stern brannte auf das im Entstehen befindliche neue
Wohnviertel herab. Überall wurde gearbeitet. Ein weiteres Schiff mit
Siedlern war angekündigt und machte neue Unterkünfte notwendig. Das
Baugebiet war zu erschließen, Wohngebäude wurden errichtet und
Gleiterstraßen konfiguriert. Wegen der unzureichenden Gerätschaften
dauerte alles deutlich länger als geplant. Bislang hatten sie Glück gehabt
und alle Fehler selbst beseitigen können. Kritisch wurde es, wenn sie die
benötigten Ersatzteile nicht auf Lager hatten.
Ein Summen riss ihn aus seinen missmutigen Gedanken. Ein Anruf vom
Raumhafen. Er tippte auf sein Mehrzweckarmband. »Wir orten drei
walzenförmige Raumschiffe am Rand des Systems oberhalb der Ekliptik.
Kurs auf Shoshannah«, erklang eine weibliche Stimme aus dem Akustikfeld
neben seinem rechten Ohr.
Aurec hatte eine spitze Rückfrage auf der Zunge, da wegen der
Versammlung ständig Schiffe das System von Berokks Stern anflogen.
»Die Schiffe senden keine Kennung und reagieren nicht auf Anrufe«,
fuhr die Frau fort.
Das war in der Tat ungewöhnlich. Mehrere Delegierte waren in aller
Heimlichkeit hierhergereist, um nicht unnötig die Aufmerksamkeit der
Obrigkeit auf sich zu lenken. Sollte das ebenfalls die Intention der
Besatzung sein, war ihr Verhalten reichlich übertrieben.
»Beobachtungsdrohnen entgegenschicken.«
Aurec trank noch einen Schluck. Ein heftiger Schlag traf seinen Rücken,
so dass er einen Teil des Wassers wieder ausspuckte.
»Der Chef legt selbst Hand an, das ist sehr löblich.«
Aurec wirbelte herum und revanchierte sich mit einem Stoß gegen die
Brust seines Gegenübers.
»Herzlich wie immer, Mirus Traban. Ich hoffe, du hattest eine
angenehme Anreise.«
»Völlig ereignislos. Sam ist schon am Versammlungsort, Kontakte
knüpfen. Ich wollte lieber nach dir sehen. Wie geht es dir?«
Die beiden Männer umarmten sich.
Aurec machte eine umfassende Geste. »Viel zu tun, wie du siehst. Ich
muss zurück in die Stadt. Ich kann dir auf dem Rückweg erzählen, was wir
hier so machen.«
Mit gut verborgenem Stolz berichtete er in Mirus’ Gleiter von den
baulichen Erfolgen, die sie trotz mangelhafter Materialversorgung erreicht
hatten. Die Harmonie DORGONS setzte gemeinhin auf sanfte Überzeugung
und Beeinflussung der Bewohner der Galaxis. Abweichler wurde nicht mit
Gewalt auf den »richtigen« Weg gezwungen, sondern durch emotionale
Manipulation und subtilen Zwang gefügig gemacht. Die Kolonien in den
Randbereichen Cartwheels unterliefen den Einfluss der Harmonie. Ihr Arm
reichte nicht so weit, um direkte Wirkung zu entfalten, also bediente sie
sich wirtschaftlicher Mittel. Doch damit stachelte sie den Widerstandsgeist
der Aussteiger umso mehr an. Und dennoch …
»Manchmal zweifle ich am Erfolg der Bewegung.« Aurec seufzte.
»Irgendwann werden die ständigen Gängeleien auch den stärksten Willen
zermürben. Die Harmonie DORGONS kommt mir ab und zu übermächtig
vor. Wie sollte dieses Machtpotential jemals davon abgehalten werden, ganz
Cartwheel zu unterwerfen?«
»Wo ist der zuversichtliche Saggittone von früher? Bisher haben wir
noch für alle Probleme eine Lösung gefunden.«
Aurec war sich im Klaren darüber, dass seine Sicht auf die Dinge von
den Nebeln getrübt war, die seine Gedanken mal mehr, mal weniger stark
umwölkten. Die Zeit heilte seine Wunde, aber nur sehr langsam.
»Du würdest mir sagen, wenn ich dir helfen kann, nicht wahr?« Mirus
sah ihn mit ernstem Blick an.
Aurec straffte sich. Seine Freunde wollte er nicht mit Trübsinnigkeiten
belasten.
»Ich wollte darauf hinaus, dass diese Versammlung ein Zeichen dafür ist,
dass sich nicht alle dem sanften Druck aus dem Zentralbereich der Galaxis
entgegenstellen wollen. Man weicht aus.«
»Aber selbst das ist eine Chance für uns. Sam und ich sind nicht nur hier,
um technische und logistische Unterstützung anzubieten. Wir wollen auch
die Bitte an das Komitee herantragen, etwas für uns aus Cartwheel
herauszuschaffen.«
»Und mit uns meinst du …«
»Die Loge des Kosmos, jawohl.« Mirus lächelte stolz.
»Was wollt ihr unter DORGONS Nase herausschmuggeln?«
Mirus legte ihm in einer vertraulichen Geste die Hand auf die Schulter.
»Das, mein Lieber, kann ich dir nicht verraten, weil du nicht bei unserem
Geheimclub mitmachst. Was ich dir sagen kann, ist, dass Adelheid von
dieser Geheimversammlung nicht sehr angetan war. Sie hält es immer noch
für eine gute Idee, die Harmonie in unsere Planungen einzubeziehen.«
Obwohl klar war, dass er spätestens bei der Sitzung des Komitees
eingeweiht werden würde, wollte Aurec zumindest der Form halber
aufbegehren. Ein Alarmruf hinderte ihn daran.
»Die Schiffe senden jetzt eine Kennung! Piraten!«, drang die aufgeregte
Stimme der Orterin aus dem Akustikfeld. »Sie befinden sich kurz vor dem
Planeten und schleusen kleinere Einheiten aus.«
»Ich bin auf dem Weg. Bringt die Drohnengeschwader in die Luft.
Welche Schiffe stehen zur Verfügung?«
»Die GARRASH und die FERTANO starten soeben.«
Die beiden zweihundert Meter durchmessenden Kugelraumer waren die
einzigen, die halbwegs als Kampfschiffe durchgingen. Die kleine Kolonie
hatte auf preiswertere Kampfdrohnen für die Verteidigungsinfrastruktur
gesetzt. Außer ökonomischen Schikanen waren die Bewohner der
Randwelten immer wieder den Überfällen von Piraten ausgesetzt gewesen.
Es war nicht bewiesen, aber es hielt sich hartnäckig die Vermutung, dass die
Harmonie DORGONS diese Räuber gewähren ließ, um sich nicht selbst die
Finger schmutzig machen zu müssen. Eine Friedensphilosophie, die mit
unmittelbarem Zwang durchgesetzt werden musste, war ein schlechter
Imageträger. Daher waren Verteidigungswaffen unumgänglich, und nun
mussten sie zeigen, dass sie ihr Geld wert waren.
Aurec übernahm die Kontrollen und stellte eine Verbindung zum
Lagezentrum des Raumhafens her. Er überlastete den Antrieb des Gleiters
deutlich und raste durch die grünen Randbezirke der Kernstadt zum
Raumhafen, wo sich die meisten Materiallager befanden. Dort würden die
Räuber zuschlagen.
Mirus analysierte mit der Routine eines ehemaligen Militärs das taktische
Holo über dem Bedienpult. »Jedes der Mutterschiffe hat einen Schwarm
kleiner Beiboote abgesetzt, die zur Planetenoberfläche vorstoßen. Die
Drohnen attackieren sie, um sie zu stoppen. Eure beiden Kugeln verlegen
derweil den großen Walzen den Weg. Das ist vernünftig, aber ich befürchte,
die Drohnen werden nicht alle Gegner erwischen.«
»Wir sind vorbereitet, schau hin.«
Die Einwohner der Stadt Shoshannah, die denselben Namen trug wie der
Planet, hasteten über die Straßen und suchten die Schutzräume unter der
Oberfläche auf. Die Erfahrung zeigte, dass die Piraten weniger an
Zerstörung als an schneller Beute interessiert waren. Dabei legten sie eine
unglaubliche Zielstrebigkeit an den Tag. Blitzartige Landung, zügige
Beladung und rasche Flucht. Gleichzeitig wollten sie die eigenen Verluste
möglichst gering halten. Drohte die Auseinandersetzung einen zu hohen
Preis abzuverlangen, brachen sie einen Angriff auch einmal ab. Die Taktik
der Verteidiger bestand also darin, die wertvollen Materiallager mit aller
Macht zu beschützen und darauf zu hoffen, dass den Angreifern irgendwann
die Relation von Aufwand zu Nutzen zu groß wurde.
Hoch am Himmel wurden winzige leuchtende Punkte sichtbar, die
jeweils das Ende eines Raumfahrzeugs bedeuteten. Ware es anfänglich nur
einige wenige, so entfalteten sich mit der Zeit immer mehr dieser kleinen
Glutbälle.
»Eure Drohnenlenker leisten gute Arbeit. Aber ich befürchte, die
Angreifer brechen demnächst durch.«
»Sind die Bodentruppen in Position?«, brüllte Aurec und hatte dabei die
paar Dutzend Kämpfer und Roboter vor Augen, die eigentlich schon jetzt
auf verlorenem Posten standen.
»Verteidigungspositionen eingenommen«, kam die Meldung.
»Ich stoße in wenigen Minuten zu euch.«
Mit ohrenbetäubendem Getöse schoss eine etwa dreißig Meter lange
Walze über sie hinweg, verfolgt von fünf oder sechs halb so großen
Drohnen, deren Impulskanonen in den Schutzschirm des Beiboots
hämmerten. Die diskusförmigen Roboter waren im Grunde fliegende
Waffensysteme, die von einer Crew in einem Leitbunker gesteuert wurden.
Die Walze raste in die obere Atmosphäre, drehte dort und nahm Kurs
zurück auf den Raumhafen. Dabei gelang ihr der Abschuss zweier
Verteidiger. Das Holo brachte das Geschehen so nah heran, als würden
Aurec und Mirus unmittelbar vor dem Landefeld stehen, das mit den
Schiffen und Jachten der Versammlungsteilnehmer besetzt war. Es waren
Kolonistenschiffe ohne nennenswerte Bewaffnung, für einen Notstart war
keine Zeit mehr gewesen.
Die Strahlbahnen des Piratenbeiboots schlugen in die aktivierten
Schirme, bis der Angriffsdruck der Drohnen so groß war, dass es das Weite
suchen musste.
Doch mittlerweile war der Verteidigungsriegel gesprengt. Zehn oder
zwölf kleine Walzen waren noch übrig und machten sich auf den Weg.
Aurec beobachtete, wie sich die verbliebenen Drohnen neu formierten
und Jagd auf die Angreifer machten. Diese passten ihre Vorgehensweise an.
Ein Teil hielt die Verteidiger auf Distanz, während der Rest den Raumhafen
attackierte.
»Sie nehmen Position über uns ein. Wir verlegen in den Schutzraum«,
schrie die Orterin aus der Leitstelle des Raumhafens. Dann krachte es in
dem Akustikfeld und es blieb still.
»Ich glaube, wir können uns dem Weg zu den Materiallagern sparen«,
sagte Mirus.
In der Tat: Die Piraten schwebten über dem Landefeld und bestrichen die
dort gelandeten Schiffe mit Energiestrahlen. Diese wehrten sich vereinzelt,
aber die Durchschlagskraft reichte bei weitem nicht. Die ersten Schirme
wurden von schwarzen Blitzen überzogen. Sie verfärbten sich stellenweise
dunkel und flackerten. Schließlich brach der erste zusammen, und
sonnenheiße Glutbahnen fraßen sich in die Hülle eines Kugelraumers.
Einige Landestützen schmolzen, die rund hundert Meter durchmessende
Kugel neigte sich quälend langsam zur Seite und zerschellte auf dem Boden
des Raumhafens. Eine Explosion schleuderte gewaltige Bruchstücke der
Hülle in den Schutzschirm eines Dscherro-Raumers, der nun ebenfalls
zusammenbrach.
»Aurec an GARRASH und FERANTO. Lasst euch fallen und greift die
Beiboote über dem Raumhafen an!«
Und versucht, nicht unsere eigenen Leute zu treffen, fügte er in Gedanken
hinzu. Wenn diese das eigentliche Ziel der Attacke waren, war das ein
terroristischer Anschlag. Dann ging es nicht um Plünderung, sondern um
ein Signal, und dieses Signal war bereits gesetzt. Es war nicht notwendig,
sich um des Kampfes willen zu opfern, was abgesehen davon auch der
Mentalität der Piraten nicht entsprochen hätte.
Diese säten weiterhin Zerstörung auf dem Landefeld und sahen sich
unvermittelt zusätzlichem Druck ausgesetzt, der sie weiter zur
Planetenoberfläche drängte. Ihre Schirme drohten überlastet zu werden und
folglich wichen sie aus. Sie formierten sich weder zu einem Gegenangriff,
noch erhielten sie Unterstützung von den Mutterschiffen. Vielmehr
beschleunigten sie und ließen einen verwüsteten Raumhafen zurück.
Die Mutterschiffe drehten ebenfalls ab und sammelten ihre verbliebenen
Beiboote ein, bevor sie das Weite suchten. Aurecs Kalkül war aufgegangen.
Er hatte die Lage richtig eingeschätzt und glücklicherweise auf die richtige
Karte gesetzt.
Als Aurec drei Tage später zusammen mit Mirus Traban und dem Somer
Sam die arenaartige Versammlungshalle betrat, geriet er in einen unter
infernalischem Druck stehenden Dampfkessel. Zorn und Frust brachen sich
lautstark Bahn. Erst nach und nach und unter der unermüdlichen Arbeit des
Komiteevorsitzenden Nurrkasch, eines Dscherros mit ungewöhnlich
kurzem Stirnhorn, und Aurecs kamen die Delegierten zur Ruhe. Der Schock
saß tief. Fast die Hälfte der auf dem Landefeld geparkten Raumschiffe war
zerstört oder schwer beschädigt, Dutzende Wesen waren gestorben,
Hunderte schwer verletzt. Alleine dem Umstand, dass viele Besatzungen
ihre freie Zeit in der Stadt verbracht hatten, war es zu verdanken, dass nicht
noch mehr zu Tode gekommen waren. Die Medozentren Shoshannas und
die Medostationen der unversehrten Raumer standen an der Grenze ihrer
Belastbarkeit.
»Werft diese DORGON-Jünger raus!«, brüllte jemand. Aurec erkannte
Joe Grumbler. Der magere, ältere Terraner mit dünnem weißen Haar hatte
sich als scharfer Kritiker der Harmonie gezeigt. »Wir brauchen hier keine
Spitzel!«
Die Wut der Umstehenden richtete sich gegen Traban und Sam. Unter
einem Gewitter von Beschimpfungen arbeiteten sie sich durch die Menge
zu ihren Sitzen. Aurec sah sich wachsam um, aber niemand erhob seine
Faust. Hier waren Wesen zugegen, die sich gegen die urweltlichen Kräfte
ihrer Planeten durchgesetzt hatten. In den kleinen Kolonien ging es rau zu,
und man sagte sich deutlich die Meinung, aber trotzdem oder gerade
deswegen kam es kaum zu körperlichen Auseinandersetzungen, die die
Gemeinschaft geschwächt hätten. Die deftigen Beleidigungen hatte man
hinzunehmen. Diese Versammlung hatte ein gemeinsames Ziel. Es ergab
keinen Sinn, sich gegenseitig die Fresse zu polieren, was nicht hieß, dass
man sich schonte.
Sam und Mirus Traban gehörten bekanntermaßen zum Dunstkreis von
Eorthor und Osiris. Letzterer war nach wie vor der Verkünder der Harmonie
DORGONS. Es war nur folgerichtig, dass man die beiden mit dem Angriff
der Piraten in Verbindung brachte.
Es dauerte einige Zeit, bis sich die Gemüter abgekühlt hatten.
Nurrkasch trat als Vorsitzender des Planungskomitees auf ein Podest in
der Mitte der Halle, auf dem das Rednerpult schwebte und eröffnete die
Versammlung. Überlebensgroße Hologramme seiner Gestalt schwebten in
der Halle, sodass ihn alle Anwesenden gut sehen konnten. Er begrüßte die
Delegierten aus mehr als fünfzig Kolonien im Randgebiet der Galaxis, die
zusammen ein Ziel hatten: die Flucht aus Cartwheel. Ein Großteil der
Außenseiter hatte keine Lust mehr, sich den Gängelungen der Obrigkeit
auszusetzen. Sie alle wünschten sich ein friedliches, eigenbestimmtes
Leben für sich und ihre Familien, das ihnen in ihrer Heimat nicht mehr
erreichbar schien. Also blieb nur, Cartwheel den Rücken zu kehren.
Mehrere Organisationen hatten sich herausgebildet, die sich nun
zusammenfanden, um die letzten Schritte des Exodus zu planen. Weit mehr
als zehn Millionen Terraner, Saggittonen, Dscherro und Quarteriale waren
bereit, die Galaxis zu verlassen.
Nachdem die grundlegenden logistischen Abläufe des Aufbruchs geklärt
worden waren, bat Sam um das Wort. Die Proteste von Grumbler liefen ins
Leere.
Sam bespielte in seiner kurzen Rede die vollständige Klaviatur der
Diplomatie, was Aurec Respekt abrang. In einem Saal voller missgünstig
gestimmter Zuhörer die eigene Position so überzeugend zu verkaufen, war
eine Meisterleistung erster Güte. Noch dazu waren Sams Argumente nicht
vorgeschoben, wie Aurec aufgrund seiner hervorragend vernetzten Quellen
wusste. Sam und Mirus agierten als Gesandte des Alyskers Eorthor, der
logistische Unterstützung anbot und im Gegenzug den Transport einer
hochtechnologischen Gerätschaft erbat.
»Ich fürchte die Alysker, auch wenn sie Geschenke bringen«, ätzte
Grumbler und erhielt Beifall.
Nurrkasch rief zur Ruhe. »Wir alle wissen, dass wir eine gigantische
Anstrengung vor uns haben. Zwar sind die Vorbereitungen weit gediehen,
aber um der Unternehmung einen letzten Schub zu verleihen, könnte uns
alyskische Hilfe guttun. Ich möchte zu bedenken geben, dass Eorthor den
Völkern dieser Galaxis in vielfältiger Weise unter die oberen Gliedmaßen
greift.«
Joe Grumbler sprang auf, und sein weit geschnittenes Überkleid schwang
wild um seine schmalen Hüften.
»Ich möchte darauf verweisen, dass sich diese beiden Männer im
Dunstkreis des Kemeten Osiris bewegen, der als Verkünder der Harmonie
DORGONS fungiert«, erklärte er, während er sein Binokular zurechtrückte.
»Ich hatte bereits Sicherheitsbedenken angemeldet.«
»Die berücksichtigt wurden«, antwortete der Vorsitzende Nurrkasch.
»In jedem Fall beantrage ich zu beschließen, dass wir nicht als
Transportunternehmen für den Alysker agieren. Schon gar nicht, um eine
geheimnisvolle Maschine zu befördern, von der wir nicht wissen, was sie
tut. Selbst wenn man es uns sagte, könnten wir das nicht überprüfen, weil
uns die technischen Fähigkeiten fehlen.«
Sruel Allok Mok, wie Sam eigentlich hieß, sperrte den Schnabel auf. Das
somersche Äquivalent eines Lächelns. »In der Tat können wir nicht
offenlegen, wozu das Gerät dient. Sollte diese Information zu der falschen
Stelle durchsickern, könnte das verheerende Folgen haben. Ich will
niemanden verdächtigen, aber je größer der Kreis der Mitwisser, desto
höher das Risiko eines Lecks.«
Danach legte Sam überzeugend dar, dass dieses Gerät eine wichtige Rolle
in der Auseinandersetzung mit DORGON und dem Kosmokraten Amun
spielen konnte.
Aurec hörte aufmerksam zu. Dass auch Amun und DORGON potenzielle
Gegner darstellten, war für ihn neu. Oder war das ein Trick, um die
Aussteiger auf seine Seite zu ziehen?
Nurrkasch unterbrach die Versammlung. Das vorsitzende Gremium
würde beraten und danach eine Entscheidung fällen.
In der Vorhalle des Versammlungsgebäudes waren Speisen und Getränke
aufgetragen. Einzelne Gruppen bildeten sich, in denen lautstark diskutiert
wurde. Aurec sprach Mirus auf Amun und DORGON an.
»Es war doch bereits klar, dass die Temporalen Anomalien für
Aktivitäten höherer Entitäten sprechen. Soweit ich Osiris und Eorthor
verstanden habe, haben die fortschreitenden Analysen dieses
interdimensionalen Raums, den wir mittlerweile Tiefe des Chaos nennen,
ergeben, dass Amun seine nicht vorhandenen Finger im Spiel hat. Auch
DORGON ist nicht über jeden Verdacht erhaben.«
Der Saggittone verspürte ein fades Gefühl in der Magengegend. Diese
Information veränderte die Dinge und brachte ihn ins Grübeln. Mirus
bemerkte das und riss die Augen auf.
»Ist es wahr?«, fragte er. »Hast du den Segen bekommen?«
Aurec blickte unruhig zu Boden. Er nickte. Amun hatte ihm ihren Segen
gewährt. Eine Zelldusche, die seinen Alterungsprozess für einen schier
unüberschaubaren Zeitraum von tausend Jahren stoppte.
Nach zwei Stunden wurden die Delegierten wieder zusammengerufen.
Auf der Bühne hatte sich das vorsitzende Gremium zusammengefunden.
Nurrkasch trat nach vorne.
»Wir sind zu einer – ich möchte es betonen – einstimmigen Entscheidung
gelangt.«
Er blickte kurz hinüber zu Joe Grumbler, der am Rand der Gruppe stand
und die Decke fixierte.
»Wir akzeptieren die logistische Unterstützung des Alyskers Eorthor und
seiner Organisation. Wir tun das aus rein pragmatischen Gründen um der
Sache willen. Wir beanspruchen die vollständige Entscheidungsbefugnis in
allen Angelegenheiten und unterwerfen uns keinesfalls irgendwelchen
Vorgaben Eorthors. Insbesondere ist für uns Voraussetzung, dass Osiris und
die Kemeten nicht in Berührung mit unseren Vorbereitungen kommen. Im
Gegenzug akzeptieren wir den Transport dieser geheimnisvollen
Gerätschaft auf einem separaten Schiff mit einer handverlesenen,
eingeweihten Mannschaft. Wir sehen ein, dass Personen das Gerät begleiten
werden. Wir werden diese Wesen einer strikten Überprüfung unterziehen
und jede Personalie ablehnen, an der wir die geringsten Zweifel haben. Eine
Ablehnung ist von uns nicht zu begründen. Wir verlangen zudem, dass auf
dem Raumer jegliche spezielle Technik verbaut wird, die wir als
zweckmäßig ansehen, um das Gerät zu überwachen. Wir fordern zudem,
dass ausgewählte Wissenschaftler das Gerät untersuchen dürfen und in die
grundlegenden Funktionen eingewiesen werden und diese überprüfen
können. Entsprechende Ausrüstung hat Eorthor zu stellen. Um die
Geheimhaltung zu wahren, schlagen wir vor, dass die Prüfer dem
vorsitzenden Gremium lediglich die Unbedenklichkeit des Geräts bestätigen
und sich danach einer partiellen Gedächtnislöschung unterziehen.«
Worum es sich bei der technischen Gerätschaft handelte, das die Exodus-
Flotte mit sich nehmen sollte, konnte auch Aurec seinen Freunden beim
gemeinsamen Abschiedsessen nicht entlocken.
»Außerhalb der Loge darf niemand davon wissen. Nur so können wir die
Katastrophe abwenden«, beendete Sam die diesbezügliche Diskussion.
Einige Monate später wurde Aurec Zeuge des Dorgonschen Exodus. Eine
Flotte von mehr als zweihundert Raumschiffen startete aus dem
Raumsektor Chaphteia und flog den Sonnentransmitter an, der sie nach
M 100 Dorgon bringen sollte. Er stand mit seiner KATHY in respektvoller
Distanz und gab den stillen Beobachter ohne offizielle Rolle.
Über drei Ecken hatte man ihn über die Abreise der Exodus-Flotte in
Kenntnis gesetzt. Mit gemischten Gefühlen verfolgte er, wie ein Raumer
nach dem anderen im Linearraum verschwand. Vor ihnen lag eine lange
Reise. Und mitten in dem kleinen Schwarm flog eine Korvette mit einem
Stück alyskischer Hochtechnik an Bord. Ein wichtiger Schritt für die Loge
und das Projekt Wurmloch.
Da Aurec nach wie vor außerhalb der Organisation stand, hatte er außer
den Koordinaten des Sammelpunktes nur wenige Informationen erhalten.
Eine Bezeichnung war dabei jedoch gefallen: Cagehall. Diese Cagehall
wurde von einem kleinen Team begleitet, das das Gerät in seiner neuen
Heimat betreuen sollte. Was immer das auch bedeuten mochte.
Aurec war erfreut darüber, dass er offenbar noch das Vertrauen zumindest
einiger seiner Gefährten genoss. Gleichzeitig fühlte er Scham und Reue,
weil er sich nicht wie sie bei dieser Unternehmung engagierte. Er war auch
wütend auf sich selbst, weil ihn sein Geist im Stich ließ. Die Stimme der
Vernunft, die ihm versicherte, dass er die richtige Entscheidung getroffen
hatte, drang heute nicht zu ihm durch.
Kapitel 4 – Spannungen
Hunter schmeckte die Unruhe an Bord der CASSIOPEIA geradezu. Die
Besatzung hatte die Informationen aus der Vergangenheit einer weit
entfernten Galaxie in sich aufgesogen. Uralte Wissenschaftler, kosmische
Wesenheiten, eine galaxienumspannende Bedrohung, der
Durchschnittsgalaktiker wurde in seinem ganzen Leben höchstens im
Schulunterricht damit konfrontiert. Fast allen war anzusehen, dass die
Wucht der Erzählung sie überforderte. Den Rhodanjäger focht das nicht an.
Er war in tausenden Kämpfen gestählt, er hatte seinen Geist geschärft und
war in der Lage, die Dinge aus der Distanz einzuordnen. Die Kleingeister
hingegen schwankten zwischen Unglauben und Zusammenbruch.
In einer Ecke des Sternenlicht-Saals saß eine Gruppe Raumsoldaten
zusammen, eine Flasche kreiste. Ein paar Männer und Frauen tauschten in
einem Stuhlkreis Eindrücke aus. Zwei von ihnen sahen aus, als würden sie
nur mühsam Tränen zurückhalten. Hunter verachtete diese schwächlichen
Wesen. Es war zu erwarten, dass sie bei den nächsten gewichtigen
Enthüllungen zusammenbrechen würden.
Ragana und ihre Entourage hingegen nötigten ihm Respekt ab. Die
Matriarchin nahm die Ereignisse hin, wie sie waren, und klopfte bereits die
sich daraus ergebenden Möglichkeiten ab. Ihre Söhne standen ihr darin in
nichts nach. Lediglich der Hauri wirkte nervös.
Sein Partner Nathaniel Creen blieb, wie seit Neuestem üblich, für sich. Er
fingerte an seinem Armband herum. Vermutlich versuchte er, zu den
erhaltenen Informationen zu recherchieren. Was auch immer er sich davon
versprach. In die Milchstraße hatten es diese Kenntnisse vermutlich noch
nicht geschafft. Also konnten die dortigen Wissensdatenbanken nichts
beitragen. Oder wollte er sich nur ablenken? Verdrängte er die Situation?
Das erschien Hunter unwahrscheinlich. Gerade Creen hatte in den letzten
Tagen und Wochen mehr erlebt als alle anderen hier an Bord. Mochte das
vielleicht der Grund für sein Verhalten sein? War sein Partner mental
genauso schwach wie der übrige Haufen? Nein, das konnte nicht sein.
Aus der Trinker-Ecke wurde es laut. Ein Unteroffizier der IVANHOE
hatte offenbar den Rauschmittelkonsum seiner Leute kritisiert, und nun kam
Unruhe auf. Die Wortfetzen, die zu Hunter herüberflogen, zeugten von
einer unterschwelligen Aggressivität, die der Vorgesetzte sicherlich nicht
dulden konnte.
Hunter grinste. Er roch Ärger, wenn er sich bildete. Der Unteroffizier
würde die unflätige Untergebene maßregeln. Sie würde unter dem Einfluss
des Rauschmittels und der seelischen Belastung unverhältnismäßig
reagieren. Das schrie nach Disziplinierung, und mit ein wenig Glück würde
diese handgreiflich ausfallen. Dann würden die Kameraden ihrer Kollegin
beistehen, während der Vorgesetzte mit blutender Nase Verstärkung
herbeibefehlen würde, und schon wäre eine Schlägerei im Gange, in der er
sich sicherlich einbringen könnte.
Die Vorfreude öffnete bereits die Adrenalinschleusen im Körper des
Rhodanjägers. Er genoss es, und er wollte mehr.
»Das ist doch völliger Irrsinn, was hier abläuft!«, rief eine Frau und
fuchtelte mit den Armen. »Wir sollten uns keine Märchen erzählen lassen,
sondern diesen Ort hier verlassen und in unser Universum zurückkehren.«
»Mäßige dich, Erkins!«, wies sie der Unteroffizier zurecht. »Du
benimmst dich unmöglich! Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation
und müssen Ruhe bewahren. Dabei hilft uns der Alkohol nicht.«
»Doch, mir hilft er!« Zustimmende Rufe von ihren Leuten. »Ich habe
Freischicht. Ich kann machen, was ich will!«
»Benimm dich trotzdem!« Er senkte die Stimme und versuchte offenbar
zu deeskalieren. »Leg dich am besten in deine Koje.«
Darauf hatte die Soldatin offenbar keine Lust. Sie warf sich in Pose und
starrte den einen Kopf größeren Mann herausfordernd an. »Und was tust du,
wenn ich hierbleibe?«
»Dann ist das eben so, und ich werde es in deiner Akte vermerken.« Er
wandte sich zum Gehen.
Hunter war beinahe enttäuscht, dass sich die aufgeheizte Atmosphäre
einfach so aufzulösen schien. Doch dann schlug die Frau dem Unteroffizier
mit einem lauten »Dann geh doch!« auf die Schulter.
Der Mann fuhr herum und rief zwei andere Soldaten herbei. Im
anschwellenden Geschrei waren seine Anweisungen aber nicht zu
verstehen.
Der Rhodanjäger stand auf und sah kurz zu Creen hinüber. Dieser
verfolgte zwar das Geschehen, machte aber keine Anstalten, sich daran zu
beteiligen. Hunter schob sich durch den immer größer werdenden Kreis der
Zuschauer und versuchte, hinter die Trinker-Gruppe zu gelangen. Im
Grunde war ihm egal, wem er ein paar Schläge verpasste. Aber wenn er die
Aufrührer attackierte, konnte er behaupten, dass er sie dingfest machen
wollte. Außerdem sahen sie ihn nicht kommen, was ihm in dem Aufruhr
einen anfänglichen Vorteil bringen würde.
Der Unteroffizier und seine beiden Männer waren bereits in eine
Rangelei verwickelt. Noch packten sich die Kontrahenten nur gegenseitig
am Kragen und tauschten Freundlichkeiten aus. Ein letzter Rest Disziplin
hielt sie davon ab, ihre Kameraden zu schlagen. Aber es war eine Frage von
Sekunden, bis die Fäuste flogen.
Hunters Muskeln spannten sich an, er ballte die Hände zu Fäusten, war
bereit zuzuschlagen.
»Was ist hier los?«, polterte eine befehlsgewohnte Stimme.
Die Streithähne erstarrten, und der Streit kühlte schlagartig ab.
Mathew Wallace hatte zusammen mit Aurec den Saal betreten. Die
Zuschauer machten bereitwillig Platz, als die beiden auf die Gruppe
zusteuerten. Hunter musste anerkennen, dass Wallace mit der Zornesfalte
auf der Stirn einen respektgebietenden Eindruck machte.
Er zog sich zurück. Nur langsam ebbte sein Puls ab, und mit sinkendem
Adrenalinspiegel wuchs seine Enttäuschung. Er fühlte sich um einen Kick
betrogen. Den würde er später nachholen müssen.
Mit betretenen Mienen standen die Krawallnudeln vor Wallace, der ihnen
einen wütenden Vortrag über Disziplin und Rückgrat hielt. Der
aufbrausenden Soldatin war anzusehen, dass sie mit sich kämpfte, aber
selbst sie wagte nicht, ihrem Kommandanten zu widersprechen. Am Ende
befahl dieser die Betrunkenen zum Ausnüchtern in ihre Kabinen, und das
Publikum zerstreute sich.
Als Hunter sich an seinem Tisch niederließ, beobachtete er, dass Ragana
mit der Soldatin plauderte, während sie gemeinsam den Saal verließen.
Kapitel 5 – Hyperimpedanz
1339 NGZ
Ein leises, aber stetes Summen erfüllte die Halle, die von acht
hochhausgroßen Datenspeicherbänken dominiert wurde. Sie umstanden in
einem Quadrat angeordnet eine Zentralstation. Materielose Energie- und
Datenleitungen woben ein dichtes Netz dazwischen. Kugelblitzähnliche
Gebilde schossen entlang der Leitungen hin und her, erklommen die
Speicherbänke, verfolgten sich gegenseitig, lösten sich kurzzeitig von den
Oberflächen, um Augenblicke später von einer geheimnisvollen Kraft
zurückgezwungen zu werden. Wie ein optischer Gegenimpuls zogen farbige
Schlieren gemächlich über die Verschalungen, einem Rhythmus folgend,
dessen Zyklus vermutlich Stunden andauerte. Die Luft roch metallisch mit
einer Spur Ozon.
»Eine beeindruckende Konstruktion, selbst für einen Alysker«, sagte
Aurec mit weit in den Nacken gelegtem Kopf. Dennoch konnte er den
obersten Rand der Speicherbänke nicht genau erkennen. »Ich nehme an,
dass du mich nicht nur der Lichtshow wegen eingeladen hast. Die Reise war
beschwerlich genug.«
Seit vor sieben Jahren die Erhöhung des hyperphysikalischen
Widerstandes jegliche Hochtechnologie zum Zusammenbruch gebracht
hatte, war der Raumschiffsverkehr in Cartwheel fast vollständig zum
Erliegen gekommen. Die für unzählige Anwendungen notwendigen
Hyperkristalle waren entweder völlig unbrauchbar geworden oder nach
kürzester Zeit ausgelaugt. Das Wissen um Alt-Technologie wie
Linearantriebe war zwar noch vorhanden, aber die Produktion musste erst
mühsam hochgefahren werden. Selbst dann war die Raumfahrt deutlich
risikoreicher geworden. Aurec war mit seiner KATHY SCOLAR II bei der
Anreise von einem der häufig auftretenden Hyperstürme zu einem Umweg
gezwungen worden. Als er das Schiff an Bord der TITHOR verlassen hatte,
hatte er sich in einem Wunderland wiedergefunden. Die Alysker oder
zumindest Eorthor schienen sich den Nachwehen des Großen
Niedergangs zumindest weitgehend entziehen zu können. Diese Gruppe von
Datenspeichern war ein Beispiel dafür, dass auf der TITHOR mehr als im
Rest der Galaxis funktionierte.
»Grundsätzlich ist das hier tatsächlich das, was ich dir zeigen wollte.
Aber natürlich hoffe ich, dass das Speicherkonglomerat nur die Basis für
unser Gespräch darstellt.«
Eorthor lächelte.
Aurec beschloss, sich weiteren lediglich andeutenden Antworten zu
entziehen. Er war nicht in der Stimmung für höfliches Annähern. »Was ist
das?«
Eorthors spitze Ohren zuckten. Wenn ihn die direkte Frage brüskierte,
verbarg er es gut. Er fasste Aurec am Oberarm und lotste ihn durch das
Gewirr an energetischen Leitungen zu der zentralen Steuerungseinheit.
»Das ist eine Datenbank, die unentwegt Information sortiert, allokiert,
einlagert und verknüpft. Diese Anlage ist die Grundlage unserer
Maßnahmen gegen das drohende Zeitchaos. Ein Informationsbackup, das
den Keim für eine Restaurierung unserer Zeitlinie bilden kann, sollte es
zum Äußersten kommen.«
Aurec starrte den alten Gefährten an. Man schrieb Eorthor übertriebenes
Selbstbewusstsein bis zur Arroganz zu. Er hatte gewissermaßen kosmische
Wesenheiten erschaffen. Aber diese Idee schien selbst für ihn bizarr. Zumal
Aurec jegliches Vorstellungsvermögen fehlte, wie diese Restauration einer
Zeitlinie erfolgen konnte, wenn diese nicht mehr existierte. Er ignorierte
den Knoten in seinen Gedanken, bevor dieser sich zu sehr festsetzen
konnte, und konzentrierte sich auf die einfacher zu fassenden Fakten. »Was
für Daten werden dort gesammelt? Wie geht das vonstatten?«
»Es sind Daten aus prominenten Sterneninseln der näheren kosmischen
Umgebung, Milchstraße, Erranternohre, Wassermal, Druithora und einigen
mehr. Seit fünfzehn Jahren ist die Loge des Kosmos damit beschäftigt, diese
Informationen zu sammeln. Es handelt sich um geschichtliches,
technisches, philosophisches Wissen, um Sternendaten, lokale Größe von
hyperphysikalischen Konstanten, Imprints der Raum-Zeit, Clusterstrukturen
des hyperquantisierten Raumes und so weiter. Trägerschiffe fliegen die
Galaxien an und setzen Sonden aus, die dieses Wissen in sich aufsaugen.
Wenn die Träger hierher zurückkehren, werden die Daten in diese
Speicherbänke eingespeist und in Hyperraumfalten mit mikroskopischen
Ausstülpungen zur Vergrößerung der sechsdimensionalen Oberfläche
abgelegt.«
»Wie ist das in Zeiten der erhöhten Hyperimpedanz möglich? Wir
kriechen hier gerade einmal von Stern zu Stern, und du willst riesige
Datensammler in andere Galaxien schicken?«
Eorthors überlegene Grinsen war kaum zu ertragen.
»Aurec, alter Freund, mit ein bisschen gutem Willen könntest du doch
zum richtigen Schluss kommen. Alyskische Technik ist uralt. Ich bin uralt.
Es ist nicht die erste Schwankung der Hyperimpedanz, die ich miterlebe.
Ich habe die Zeichen schon vor Jahren erkannt und vor der politischen
Führung dieser Galaxis Vorbereitungen auf die Katastrophe angemahnt.
Aber niemand wollte auf mich hören. Osiris bezweifelte den Umfang der
Katastrophe, und Adelheid lässt ohnehin keine Gelegenheit aus, meine
Kompetenzen in Frage zu stellen. Selbst als es so weit war, wies man meine
Hilfe zurück.« Er breitete bedauernd die Arme aus. »Nun verfügt Cartwheel
über ein gerade einmal rudimentäres Verkehrs- und Nachrichtennetz,
während ich lediglich die passende Technik aus dem Regal holen musste.
Zudem ist alyskische Technik grundsätzlich robust gegen diese
Schwankungen.«
»Wie das?«, brachte der Saggittone heraus. Eorthors Selbstgefälligkeit
war fast mit Händen greifbar.
»Wir beherrschen die höheren Frequenzbänder des hyperphysikalischen
Spektrums, wo der Einfluss der Hyperimpedanz auf die Performanz
geringer ist.«
Als ob diese Feststellung alles erschöpfend erklärte, drehte er sich um
und bedeutete Aurec, ihm zu folgen. Dieser hatte lediglich eine Ahnung
davon, was sich hinter den Erläuterungen verbarg.
Der Alysker führte Aurec in einen kleinen Saal mit einem einzigen mit
filigranem Porzellan gedeckten Tisch aus dunkelbraunem Holz in der Mitte.
Zwei Stühle standen an gegenüberliegenden Seiten. Eorthor wies einladend
auf einen davon und ließ sich auf dem anderen nieder. Kaum hatte Aurec
Platz genommen, huschte ein kopfgroßer Kugelroboter herbei und reichte
ihm einen kristallenen Pokal mit einer kirschroten Flüssigkeit.
»Berschter Likör, eine Delikatesse!«, pries Eorthor das Getränk an, und
Aurec konnte nach dem ersten Schluck nicht widersprechen.
Weitere Roboter tischten ein opulentes Abendessen auf, das sie mit
weniger gewichtigem Informationsaustausch verbrachten. Der Alysker
berichtete, dass Sam und Stewart Landry auf einem entlegenen Planeten
von dem Großen Niedergang überrascht worden waren. Fast sieben Jahre
hatten sie dort verbringen müssen, bis sie es zurück in die Zivilisation
geschafft hatten. Erst vor wenigen Monaten hatten sie mit einem
zusammengeflickten Schiff gerade noch einen Hanger der TITHOR
erreicht, wo ihr Raumer buchstäblich auseinandergefallen war.
Aurec berichtete von seiner Allianz der fünfzig Kolonien, denen er
zusammen mit einer Gruppe Vertrauter vorstand. Schon bald nach der
Katastrophe hatten sie sich zusammengeschlossen, um gemeinsam die
größten Hürden zu überwinden. Es kam den Aussteigern zugute, dass ihr
Materialnachschub in der Vergangenheit von der Harmonie DORGONS
eingeschränkt worden war. Sie hatten ihre eigenen Ressourcen aufgebaut
und gepaart mit den erworbenen Improvisationsfähigkeiten hatten diese die
Überwindung der technischen Depression begünstigt.
Während das Geschirr abgetragen wurde, genoss Aurec ein leicht
alkoholisches Mischgetränk, um das Magendrücken etwas erträglicher zu
machen.
»Die Veränderung des hyperphysikalischen Widerstandes hat die
Temporalen Anomalien in nur sehr geringem Maß beeinträchtigt. Ihre
Entwicklung schreitet stetig voran«, lenkte Eorthor das Gespräch zu einem
ernsteren Thema. Er tat es ganz nüchtern, ohne dünkelhafte Attitüde.
»Mittlerweile wissen wir, dass es sich dabei um Phänomene im
superhohen Frequenzbereich des Hyperspektrums handelt. Wir haben die
Tiefe des Chaos weiter erforscht und die Effekte weiter untersucht, die
einen dauerhaften Aufenthalt dort sehr erschweren oder gar unmöglich
machen. Die starke mentale Verwirrung bis hin zur Amnesie wird
inzwischen umgangssprachlich Schleier der Lethe genannt. Irgendein
terranischer Ausdruck. Der Verlust von Lebensenergie, der zu körperlicher
Schwäche und Depression führt, scheint damit gekoppelt.«
Dafür muss ich nicht in die Tiefe, dachte Aurec mit einem Anflug von
Bedrückung. Nur kurz wichen seine Gedanken ab, dann zwang er seinen
Fokus wieder auf den Alysker.
»Die Ursachen haben wir noch nicht vollständig erforscht. Aber es ist
klar, dass wir Gefährte brauchen, die uns vor den Einflüssen der Tiefe
bewahren.«
»Reicht nicht auch schon ein Forschungsschiff?«
»Nein, wir möchten mehrere Mitglieder der Loge entsprechend
ausrüsten. Denn die Tiefe bildet die Temporalen Anomalien nicht nur in
Cartwheel, sondern auch in anderen Gegenden des Kosmos aus. Die Tiefe
könnte also eine Art Geheimgang darstellen, durch den man ungesehen
zwischen den Galaxien reisen kann.«
Aurec kam gar nicht dazu, sich zu überlegen, welche taktischen und
strategischen Möglichkeiten sich damit eröffneten. Eorthor redete weiter.
»Es sind Abschirmungsvorrichtungen zu entwickeln, die die genannten
Phänomene eliminieren. Aber das steckt noch nicht einmal in den
Kinderhemden. Solange die Grundlagen nicht verstanden sind, wird es
keine entsprechenden Aggregate geben.
Stattdessen forcieren wir die Datensammlung und erzeugen superdicht
gepackte Datenkonglomerate. Komm mit, ich zeige dir etwas.«
Hyperimpedanz | © Gaby Hylla
Auf dem Weg in das Labor hatten sie vier Sicherheitsschleusen passiert, die
von Drohnen bewacht wurden. Die Wände des weiten Raumes waren von
Arbeitspulten und Holoprojektionen bedeckt. Materielle und energetische
Leiter verliefen von dort in die Mitte des Labors, wo sie in einer offenbar
unfertigen Apparatur endeten. Diese bedeckte eine Fläche von etwa acht
mal drei Metern. Von ihrer Basisfläche erhoben sich mehrere modulartige
Strukturen mit einem diskusförmigen Zentrum. Die Verschalung der
einzelnen Komponenten war unvollständig. Darunter waren positronische
Bauteile, Speicherkomponenten und ein Gewirr an Leitungen zu erkennen.
Überall flimmerten kleine Leuchtelemente, ein helles Summen erfüllte die
Luft. Über die Hologramme an den Wänden flossen unablässig Daten,
grafische Darstellungen veranschaulichten die sich ändernden Messwerte,
von denen es so viele gab, dass Aurec sie unmöglich alle erfassen konnte.
Beeindruckt ging er umher, während ihn Eorthor schweigend
beobachtete. Auf einem Tisch neben dem Apparat stand ein weiteres,
pyramidenförmiges Gerät auf einem Gestell. Auch von diesem war die
Außenhaut teilweise geöffnet. An der Unterseite waren einige Datenleiter
angesteckt, die sich zu der großen Vorrichtung schlängelten.
»Was ist das?«, fragte er.
»Das ist der Versuchsaufbau für die Cagehall«, antwortete der Alysker.
Die Cagehall? Die Frage war Aurec im Gesicht abzulesen. Daher gab
Eorthor sofort die Antwort.
»Die erste Cagehall ist mit der Exodus-Flotte aus Cartwheel
verschwunden. Es handelte sich um einen Prototyp, mit dem ich die bis
dahin gesammelten Erkenntnisse in Sicherheit bringen wollte. Was du hier
siehst, ist der Versuchsaufbau für eine verbesserte Version.«
Er aktivierte seinen Antigravgürtel und schwebte über seiner Erfindung.
»Im Wesentlichen ist die Cagehall ein Wissensspeicher und -transmitter.
Ihre Aufgabe besteht darin, nach einem möglichen Zeitchaos dem
manipulierten Abschnitt des Moralischen Codes die ursprüngliche
Information zurückzugeben.«
Mit seiner Rechten wies er auf die diskusartige Struktur im Zentrum, die
daraufhin beleuchtet wurde.
»Das Zentralmodul verfügt über einen positronisch-biologischen
Prozessor, der die für die Informationsverarbeitung notwendige
Rechenleistung zur Verfügung stellt. Gegenüber dem Prototypen konnte ich
die Kapazität verbessern. Dir fallen sicherlich die Schnittstellen auf, die
derzeit nicht belegt sind. Dort sollen sogenannte Kosmogene Chroniken
angeschlossen werden, die das Wissen und die Information für jeweils ein
konkretes Kosmogen beinhalten.«
»Was muss ich mir unter einer Kosmogenen Chronik vorstellen?«
Eorthor landete neben dem Tisch und wies auf den seltsamen
pyramidalen Apparat. »Das ist ein Entwurf für eine solche Chronik.«
»Wie groß soll der endgültige Speicher sein?«
Der Alysker wirkte verwirrt. »Das ist die endgültige Größe.«
Aurec war sich sehr sicher, dass ihn sein Freund nicht auf den Arm
nehmen wollte. Aber wie sollte die Gesamtheit der Information eines
ganzen Kosmogens in dieser gerade einmal zwei Handspannen messenden
Pyramide Platz finden?
Die Antwort war ebenso faszinierend wie nichtssagend.
»Wir betrachten hier Technik, deren Prinzipien auf dem
superhochfrequenten Band des Hyperspektrums aufbauen. Robust gegen
Veränderungen der Hyperimpedanz und von äußerst hoher Speicherdichte.
Die Information wird in höchstfein strukturierte Hyperraumfalten mit
Sextahalbraumkomponenten ausgelagert. Diese Strukturen sind energetisch
selbststabilisierend und statisch und können vom Normalraum abgekapselt
werden, sodass keine ständige Energieversorgung notwendig ist. Wenn die
Kosmogenen Chroniken befüllt sind, kann man sie wie einen externen
Speicher mit sich herumtragen.«
Eine ganze Fülle von Möglichkeiten tat sich vor Aurecs innerem Auge
auf. Wie weit waren Eorthors Pläne schon gediehen? Wie fortgeschritten
war die Datensammlung? Das Wissen sollte dezentral gespeichert werden,
das war klar. Aber wo sollte es verborgen werden? Und wer sollte Träger
des Wissens werden? Die Mitglieder der Loge?
»Du hast mich doch nicht nur für eine Führung durch deine
Forschungsstätten eingeladen. Was willst du mir sagen?«
»Ich bin der Meinung, dass es sinnvoll ist, eine Person in unsere
Vorhaben einzuweihen, die nicht der Loge angehört. In letzter Zeit hat es
Vorkommnisse gegeben, die den Schluss nahelegen, dass es jemand mit der
Geheimhaltung nicht so genau nimmt. Mehrfach sind quarteriale
Raumschiffe zufällig dort aufgetaucht, wo ich mit der TITHOR
Untersuchungen durchgeführt habe. Angesichts der Tatsache, dass auch die
Flotte des Quarteriums immer noch mit den Folgen des Großen
Niedergangs kämpft und stark dezimiert ist, ist es höchst bemerkenswert,
dass sie mit mehreren Schiffen eine Weile im Sektor der TITHOR kreuzen,
ohne uns anzufunken oder sonst irgendetwas zu tun.
Wir haben mehrere Fälle versuchten Datendiebstahls in unseren
Forschungsbasen bemerkt, die wir nicht konkret zuordnen können. Es kam
zu Psi-Angriffen auf unsere Mitarbeiter. Diese Attacken sind insofern
auffallend, weil sie Institute betreffen, in denen Arbeiten zur Cagehall und
den Raumschiffen durchgeführt wurden, obwohl das von außen nicht
erkennbar ist. Nicht einmal unsere Wissenschaftler vor Ort wissen genau,
woran sie arbeiten.«
»Daher vermutest du ein Leck«, schloss Aurec.
»Ein Leck sogar im engeren Kreis, auch wenn mir jegliche konkreten
Hinweise fehlen. Die Untersuchungen laufen, aber was passiert, wenn ich
durch einen Angriff außer Gefecht gesetzt werde? Wer garantiert, dass die
Person, die die Zügel danach in der Hand hält, nicht der Gegenseite
zuarbeitet?«
Er sah Aurec direkt in die Augen.
»Die Ergebnisse meiner Arbeiten sind in einer Backup-Station auf einem
Planeten im Halo der Galaxis abgelegt. Die Koordinaten kenne ich allein.
Ich möchte sie dir zudem anvertrauen. Warte!«, rief er, als Aurec
abwehrend die Arme hob. »Du bist unverdächtig, weil du bisher nicht
eingeweiht warst. Ich möchte damit verhindern, dass du unwissentlich von
der Gegenseite vereinnahmt wirst.«
Wer mochte ein Interesse daran haben, die Aktivitäten der Loge zu
verraten? Osiris als Verkünder der Harmonie? Aber war er als Mitgründer
der Loge nicht über Zweifel erhaben? Oder war es von Anfang an geplant
gewesen, als Maulwurf im Führungsteam zu agieren, damit die Harmonie
diese Gruppe erwiesener Unruhestifter unter Kontrolle hatte?
Er verstand die Absicht hinter Eortors Ansinnen. Er war unbefangen und
vertrauenswürdig, der perfekte Trumpf in der Hinterhand.
Dem gegenüber stand aber Aurecs Bemühen, sich von der galaktischen
Politik möglichst fernzuhalten. Sein Seelenleben war nach wie vor von
depressiven Stimmungen geprägt, die umso stärker waren, je mehr er mit
Dingen konfrontiert wurde, die ihn an Kathy erinnerten. Im Geheimen hatte
er daher das Erlahmen des Raumschiffverkehrs sogar begrüßt, weil es dazu
geführt hatte, dass er in seiner Gemeinschaft der Aussteiger zurückblieb
und sein früheres Leben ausblenden konnte. Er genoss es, mit seinen
eigenen Händen etwas aufzubauen, ohne in universale Konflikte
eingebunden sein zu müssen. So konnten seine inneren Wunden nach und
nach heilen.
Das Angebot des Alyskers zerriss ihn innerlich. Er fühlte die altvertraute
Verantwortung eines kosmischen Wesens, die er alleine aufgrund seiner
Erfahrungen immer mit sich trug. Ohne Rückfallposition mochten Eorthors
Forschungsergebnisse eines Tages mit ihm untergehen oder sogar entgegen
ihrer ursprünglichen Intention verwendet werden. Auch Neugierde regte
sich in ihm. Bislang hatte er von den Aktivitäten seiner Freunde allenfalls
Oberflächlichkeiten mitbekommen. Ein Umstand, der ihm ehrlicherweise
nicht zusagte.
Demgegenüber stand sein seelischer Zustand, der bisweilen Müdigkeit
und Antriebslosigkeit mit sich brachte. Der ihn auslaugte, sodass er kaum
seinen aktuellen Verpflichtungen nachkam. Der Gedanke, wieder in den
galaktopolitischen Strudeln zu agieren, verursachte daher ein ungutes
Gefühl. Er sah sich nicht in der Lage, die dafür notwendige mentale Stärke
dauerhaft aufzubringen.
Aurec bemerkte, dass er unbewusst eine Wanderung rund um diese
Vorform einer Cagehall aufgenommen hatte. Eorthor wartete immer noch
neben dem Tisch und beobachtete ihn mit skeptischer Miene. Er mochte
schon vorhersehen, dass der Saggittone ihm eine Absage erteilen würde.
Aber es war unumgänglich, wollte Aurec seinen Verstand auf lange Sicht
behalten.
Die TITHOR war außer Sicht, als die KATHY II in den Linearraum ging.
Erwartungsgemäß war Eorthor nicht erfreut darüber gewesen, dass Aurec
ihm die Unterstützung verweigert hatte. Er hatte sich zurückgehalten, aber
Enttäuschung und Ärger hatten deutlich mitgeschwungen, als er den Besuch
für beendet erklärt hatte. Bei der knappen Verabschiedung hatte er noch
einmal deutlich anklingen lassen, dass er Aurec in verantwortlicher Position
für diese Galaxis sah.
Dieser konnte den Ärger nachvollziehen. Er hatte auf langatmige
Erklärungen verzichtet. Sie hätten bei diesem rationalen und Sachzwängen
gehorchenden Wesen ohnehin nichts bewirkt, allerhöchstens eine
anstrengende Diskussion losgetreten.
Ein Gefühl der Erleichterung überkam ihn, als das Wallen des
Zwischenraums auf den Schirmen sichtbar wurde. Er empfand es wie einen
Vorhang, der die Unannehmlichkeiten des Lebens im Zentrum der Galaxis
hinter sich verbarg.
Kapitel 6 – Eine alte Bekannte
1341 NGZ
Der Regen durchnässte langsam seine Kleidung, doch Aurec achtete nicht
darauf. Seit Stunden setzte er einen Fuß vor den anderen und schob sich
langsam durch das hüfthohe Gras der Ebene. Die rechts und links
aufragenden, dicht bewaldeten Hänge nahm er kaum wahr. Auch die Kälte,
die in seine Gliedmaßen sickerte, spürte er nicht. Seine Arbeit als Obmann
der Organisation Sternensaum füllte das Loch, das der Verkust von Kathy
Scholar in seinem Leben hinterlassen hatte. Und obwohl er viel Zeit mit
seiner Aufgabe verbrachte, klaffte es doch immer wieder auf. Dann zog er
sich von seinem Umfeld zurück, weil ihn jeglicher Kontakt mit anderen
Wesen schmerzte. Gleichzeitig schämte er sich, weil er sich aus der
Verantwortung stahl. Kathy wäre stolz gewesen auf die Errungenschaften
der letzten Jahre.
Man hatte sich zum Ziel gesetzt, Siedlungen für Angehörige der
unterschiedlichsten Völker zu errichten. Die Städte waren eine bunte
Mischung sagittonischer, dscherroscher und terranischer Kultur, ein
lebendiger Gegenentwurf zu der gleichförmigen und erzwungen
harmonischen Lebensweise im Zentrum der Galaxie.
Was würde sie davon halten, dass er seine Verpflichtungen schleifen ließ,
um sich an ein Hirngespinst zu klammern, das niemals wiederkehren
würde?
Aurecs Atem ging schneller. Ihm schwindelte. Er ging in die Hocke und
stützte sich mit den Händen auf dem matschigen Boden ab. In seinem Kopf
rasten seine Gedanken in einem steten Wirbel. Kathy der Rat der
Obleute der ohne ihn tagte Stimmengewirr Der dröhnende Schlag
seines Herzens unterlegte die Bilder.
Mit zitternden Fingern zerrte er seine Dose aus der Tasche. Mühsam
drehte er den Deckel ab und entnahm ihr eine Pille. Nachdem er sie
eingenommen hatte, verschwamm das Gedankenkarussell zu einer grauen
Masse, die sich langsam beruhigte. Er entspannte sich. Aurec hielt die
Augen geschlossen, während er die mentale Stille in dem träge
dahinfließenden Bewusstseinsstrom genoss.
Nach ein paar Minuten war er wieder klar im Kopf, und er stemmte sich
hoch. Er warf eine weitere Pille ein. Das verbesserte zwar seinen
Gemütszustand nicht weiter, aber sie dämpfte zumindest die körperlichen
Stresssymptome. Das Gefühl tiefer Traurigkeit ließ sich auch nicht mit
hohen Dosen vertreiben.
Ein grellblaues Licht, das überhaupt nicht in diese urtümliche Landschaft
des Planeten Kershyll passte, flackerte zwischen den Bäumen am Hang zu
seiner Rechten auf. Verdutzt blieb der Saggittone stehen. So weit abseits der
Siedlung waren normalerweise keine Kolonisten unterwegs. War ihm
jemand gefolgt? Oder hatte sich eine Scout-Drohne verirrt? Seine
Neugierde verdrängte für einen Augenblick das Trübsal. Er kämpfte sich
durch das hohe Gras auf die Stelle zu, an der er das Leuchten
wahrgenommen hatte. Bevor er die Hälfte der Strecke zum Fuß des Hangs
zurückgelegt hatte, blitzte das blaue Leuchten erneut auf, diesmal einige
Dutzend Meter weiter rechts als zuvor. Aurec schlug den neuen Weg ein,
nur um kurz darauf wieder zurückzuschwenken, weil die
Leuchterscheinung erneut gesprungen war.
Schließlich erreichte er den Hang, dessen Fuß mit dicken Grashalmen
bewachsen war. Erst im letzten Drittel der Steigung begann der
Baumbestand, und genau dort, am Saum des Waldes, bemerkte er das blaue
Leuchten erneut.
Der Hang war steil, das Gras war nass, aber Aurec arbeitete sich mühsam
nach oben, während die Leuchterscheinung nun ruhig über ihm Gipfel an
der Kuppe des Hangs schwebte und auf ihn zu warten schien. Die
körperliche Anstrengung ließ ihn die dunklen Gedanken vergessen. Links
von ihm tat sich hinter Büschen und hohem Gras eine steil abfallende
Schlucht auf, die von unten nicht zu sehen gewesen war. Rund zwanzig
Meter unter ihm plätscherte ein kleiner Fluss um gigantische Steine.
Aurec ertappte sich bei der Überlegung, wie es wohl wäre, in diesem
Augenblick einfach loszulassen und sich dem freien Fall zu übergeben. Ein
einfacher Sturz und der gesamte Lebensschmerz wäre mit einem Schlag
verschwunden und sein Geist hätte endlich Ruhe.
Ein kleiner Stein löste sich vom Rand der Schlucht und schlug ins Wasser
ein. Nur ein kleiner Schritt … Wie der Stein …
Aurec riss sich von dem Anblick der Schlucht los und wandte sich
wieder dem Aufstieg zu. Entlang des Abgrunds wuchs kein Gras, und der
felsige Untergrund bot trotz der Nässe stabile Tritte. Je näher er dem
Waldrand kam, desto deutlicher wurde der blauen Schemen. Im Inneren des
zuckenden blassblauen Balls war ein humanoid wirkender Schemen zu
erkennen.
Aurec richtete sich auf, um die Erscheinung genauer in Augenschein
nehmen zu können. Dabei glitt er auf einem losen Stein aus. Mit
ausgebreiteten Armen versuchte er, das Gleichgewicht zu halten.
Doch unter dem Einfluss der Medikamente, geschwächt nach
stundenlanger Wanderung und in schlechtem Gemütszustand gewann die
Schwerkraft die Oberhand.
Sein Körper schwankte dem Abgrund entgegen. Ein Teil seines
Bewusstseins spürte den Schrecken, ein anderer sah dem Fall geradezu
gelassen entgegen. Ein Sturz in den Abgrund würde seine Schmerzen
beenden. Hatte er das nicht soeben noch gedacht? Nahm ihm das Schicksal
die Entscheidung ab?
Blaues Licht umhüllte ihn. Eine warme Hand krallte sich in den Kragen
seiner Jacke und riss ihn mit einem harten Ruck von der Felskante zurück.
Er schlug hart auf dem steinigen Boden auf.
Mit schmerzendem Rücken setzte er sich auf. Vor ihm stand eine
attraktive, humanoide Frau im feuchten Gras. Eine blaue Aura umgab die
Gestalt, die ihrer Haut einen ebenso blauen Schimmer verlieh. Die
Regentropfen erreichten den Körper nicht, sie schienen in dem Leuchten zu
vergehen.
Eine Terranerin? Sie wirkte vertraut.
»Wer bist du?«, stieß Aurec hervor. »Was willst du von mir?«
Die Frau legte den Kopf schief. Ihr Gesicht nahm einen nachdenklichen
und gleichzeitig nachsichtigen Ausdruck an. Sie erweckte den Eindruck
großer Überlegenheit.
Der Saggittone wischte sich das Regenwasser aus dem Gesicht und kam
wieder auf die Beine. Sofort schwebte das Wesen einige Meter rückwärts,
als wolle es die Distanz zwischen ihnen wahren.
Aurec bemerkte, wie sein Trübsinn, der durch den Schrecken des Sturzes
ohnehin nicht sehr präsent war, ins Nichts entschwand. Ein tröstliches
Fluidum schien ihn einzuhüllen. Mit einem Mal spürte er die Kälte, die in
seine Gliedmaßen eingedrungen war. Seine Kleidung klebte klamm und
schwer an seinem Körper.
»Ich danke dir, dass du mich gerettet hast«, versuchte er erneut, eine
Konversation in Gang zu bringen. »Ich stehe dafür in deiner Schuld.«
»Wie siehst du nur aus, Aurec?«
Er zuckte zusammen. Woher kannte sie seinen Namen? Eine alte
Erinnerung kämpfte sich langsam an die Oberfläche.
»Du achtest nicht mehr auf dich, Aurec. Dein Körper verfällt. Dir wurde
eine Verlängerung deiner Lebensdauer gewährt. Du missachtest dieses
Geschenk!«
Der Saggittone zitterte. Seine klammen Finger schlossen sich um die
Pillendose in seiner Tasche. Das Wesen hatte natürlich Recht. Auf einer
rationalen Ebene war ihm völlig klar, dass er Raubbau an seinem Körper
und seinem Geist betrieb. Die unterschwellig stets vorhandene Trauer
bekämpfte er mit Arbeit und Medikamenten. Emotional war er allerdings
nicht in der Lage, diese Selbstkasteiung zu unterbinden. Als ob er Schmerz
mit noch größerem Schmerz überdecken musste, um ihn loszuwerden – und
sich damit selbst täuschte.
»Was ist die Ursache deines Schmerzes, Aurec?«
Konnte das Wesen Gedanken lesen?
Die Gestalt schwebte auf ihn zu, umkränzt von blauem Licht und streckte
ihm die Hände entgegen. Er öffnete den Mund, um ihr zu antworten, aber er
brachte die tragische Wahrheit nicht über seine Lippen. Wer war sie?
Plötzlich stand die Erinnerung mitten in seinem Geist. Aber wie war das
möglich?
»Sanna...?«
»Es freut mich, dass du mich endlich erkennst.« Sie lächelte spöttisch.
»Immerhin war dir Sanna Breen wohlbekannt.«
»Die Sanna Breen, die ich kannte, ist lange tot.« Er hatte die Profilerin
vor mehr als fünfzig Jahren als Assistentin des damaligen LFT-Kommissars
Cistolo Khan kennengelernt. Sie war in den Kampf gegen die Mordred
verwickelt worden und hatte dabei eine Freundschaft zu Cauthon Despair
aufgebaut. Im Strudel der Ereignisse in M 100 starb sie wenige Jahre später
unter tragischen Umständen durch Despairs Hand.
Das blaue Leuchten erlosch. Die einen Kopf kleinere Terranerin sah
Aurec aus braunen Augen forschend an. Die dunkelblonden Haare fielen bis
über die Schultern herab. Die Erscheinung sah eindeutig aus wie Sanna
Breen. Nun lieferte Aurecs Gehirn auch das letzte Stück verschüttete
Erinnerung. Wo die Hohen Mächte ihre Finger im Spiel haben, ist der Tod
nicht stets das Ende. DORGON selbst hatte Breens Essenz aus ihrem
sterbenden Körper gelöst und in sich aufgenommen. Später hatte er sie als
Konzept mit einem neuen Körper ausgestattet, um den Normalsterblichen
seine Nachrichten überbringen zu lassen. Zuletzt war sie vor mehr als
dreißig Jahren aufgetaucht und hatte Atlan um Unterstützung für ihren
Herrn gebeten.
Wieso befand sich Sanna Breen hier am Rande der Galaxis auf einem
unbedeutenden, neu erschlossenen Planeten? Hier bei ihm?
»Du stellst die richtigen Fragen, Aurec. Offenbar bist du wieder klar im
Kopf. Ich will es kurz machen. DORGON benötigt Unterstützung, die
Harmonie DORGONS verfällt. Mein Herr ist Opfer einer Intrige geworden.
Die Tiefe des Chaos ist der Schlüssel.«
Aurec horchte auf. Kündigte sich ausgerechnet hier ein Hinweis auf den
Zweck des seltsamen Phänomens an, das seine Freunde erforschten?
»Wie darf ich das verstehen? Was hat DORGON mit der Tiefe des Chaos
zu tun?«
Sanna Breens Konturen verschwammen. Sie krümmte sich, und als ihr
Abbild wieder an Kontur gewann, stolperte sie nach vorne. Aurec griff nach
ihr, um sie zu stützen. Es fühlte sich an wie ein ganz normaler menschlicher
Körper.
Sie stieß sich von ihm ab.
»Was ist mit dir?«, fragte er besorgt, doch sie ging nicht darauf ein.
»Die Tiefe des Chaos ist der letzte Schritt eines Langzeitplans, der das
Sein an sich, so wie es ist, bedroht. Wir bewegen uns auf einen Abgrund zu,
der alles zu verschlingen droht. Ihr habt die ersten Spuren gefunden, aber es
braucht mehr Anstrengungen, um das Universum zu retten.«
Das Universum. Immer ging es um das Universum und dessen
Bewohner. Mit kleinerem Unheil war man im Spiel der Hohen Mächte
offenbar nicht befasst.
»Glaube mir«, sagte Sanna, »ich könnte sogar noch darüber hinausgehen,
aber das würde dich wirklich verunsichern.«
Aurec schluckte. »Wer steckt dahinter?«
»Es ist Amuns Werk.« Breens Umrisse verwischten erneut. »Sein Plan ist
fast am Ziel. Er …« Sie verschwand und erschien mehrmals wie in
stroboskopartigen Einzelbildern, abwechselnd zusammengekrümmt auf
dem Boden, stehend, kauernd. Jedes Mal mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Dann stabilisierte sich die Gestalt erneut.
»Was ist los mit dir? Kann ich etwas für dich tun?«
Das Konzept winkte keuchend ab, den Oberkörper nach vorn gebeugt,
die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt.
»Amun …«
»Was hat Amun vor?«
»Er ist nicht aufzuhalten. Aber man kann das Schlimmste verhindern.«
Aurec legte allen Frust auf die Herolde vergeistigter Entitäten in den
Schrei: »Wie? Verdammt!«
Sanna Breen stand abrupt aufrecht und hielt einen Datenkristall in der
Hand.
»Damit. Der Speicher enthält SEF-Konstante Jargon.« Sie
krümmte sich, richtete sich wieder auf. »Auf diesem Speicher ist die
ÜBSEF-Konstante des Chronisten. Ich habe nicht mehr viel Zeit.
DORGON ist schwach, meine Verbindung zu ihm ist abgerissen. Meine
Energie schwindet. Es gibt eine weitere Komponente, die unverzichtbar ist
für euren Erfolg. Cauthon Despair befindet sich in der Tiefe des Chaos.
Findet ihn!«
»Wie sollen wir ihn finden? Wir verstehen dieses Phänomen noch nicht
einmal. Wo hält er sich auf?«
»Findet Cauthon Despair!«
Das Konzept verharrte einige Augenblicke wie eingefroren. Es sah aus,
als ob ein veralteter Projektor ein hochauflösendes Holo nicht abspielen
konnte, weil der Pufferspeicher leergelaufen war. Unvermittelt hob es den
Kopf und sein Blick bohrte sich direkt in Aurecs Augen.
»Für dich habe ich eine persönliche Information. Auch das Rideryon ist
Teil von Amuns Unternehmung. Es hängt alles zusammen.« Wieder
flackerte die Gestalt. »Das Rideryon bildet den Anker, das Zentrum der
Tiefe.«
Aurecs Herz schlug schneller. Das Rideryon war ein Teil der Tiefe des
Chaos? Tat sich hier unverhofft ein Weg zu Kathy auf?
»Wo finde ich das Rideryon? Kannst du mir Koordinaten geben?«
»Es tut mir leid, Aurec. Meine Energie ist aufgebraucht. Ich wünsche
euch Glück! Kämpft für eure Zeit!«
Dann verschwand Sanna Breen. Zurück blieb ein blauer Schimmer, der
langsam verwehte.
Aurec starrte auf den Datenspeicher in seiner Hand. Mit Breens
Verschwinden sickerte auch die Kraft aus seinem Körper. Müdigkeit und
Depression kehrten zurück.
Und doch spürte er tief in sich, wie sich die alte Tatkraft regte. Er hatte
wieder ein Ziel. Sein Herz schlug hart vor Aufregung. Hitze strömte durch
seine Adern und er spürte bereits, wie die wattige Schicht um seine
Gedanken abgespült wurde.
Kathy.
Er zog die Pillendose aus der Tasche, betrachtete sie für einen Moment
und schleuderte sie mit aller Kraft in den Abgrund.
Eorthor schien den Kristall, der zwischen ihm und Aurec auf dem Tisch lag,
mit seinen Blicken zu durchleuchten. Vielleicht tat er das tatsächlich. Bei
diesem uralten genialen Techniker wusste man schließlich nie.
»Verstehe ich richtig?« knurrte er. »Du hast einen Sinneswandel
durchlebt und möchtest nun doch der Loge beitreten. Und wäre das nicht
schon seltsam genug, behauptest du auch noch, dass Jaaron Jargons Seele
hier vor uns liegt, obwohl Jaaron vor Jahren ermordet wurde. Du wirst
einsehen, dass das eine ungewöhnliche Kombination von Neuigkeiten ist.«
Aurec konnte das Misstrauen seines alten Weggefährten sehr gut
nachvollziehen. An seiner Stelle hätte er dieselben Gedanken gewälzt.
Dennoch war er zuversichtlich, ihn von seiner Vertrauenswürdigkeit zu
überzeugen. Hatte der Wissenschaftler ihn nicht selbst in seine Pläne
eingeweiht, weil er auf ihn zählte? Die Informationen zur Tiefe des Chaos,
die ihm Sanna Breen gegeben hatte, würden hilfreich sein.
Seit der Begegnung mit ihr sprühte Aurec geradezu vor Tatkraft. Alleine
die winzige Chance, dass er Kathy Scholar wieder in seine Arme schließen
konnte, entzündete ein Sonnenfeuer in seiner Brust.
Eorthor musterte ihn lange. Dann legte er die Hände flach auf den Tisch.
»Nun gut. Du wirst uns eine wichtige Unterstützung sein. An die Arbeit!
Es gibt viel zu tun!«
Kapitel 7 – Expedition in die Tiefe
1347 NGZ
Laborjournal Eorthor
Der Aufenthalt in der Tiefe des Chaos führt zu einer mentalen
Schwächung aller intelligenten Lebewesen. Symptome sind
Gedächtnisverlust, Lethargie, Orientierungslosigkeit. Diese Wirkungen
treten nicht unmittelbar auf, sondern steigen mit zunehmender
Aufenthaltsdauer an. Auch die Regenerationszeit verlängert sich
proportional zur Einwirkzeit der Leere. Bisher haben sich sämtliche
Probanden wieder vollständig erholt. Langzeitfolgen sind zwangsläufig
nicht untersucht.
Es mehren sich die Hinweise, dass es zu einem Abfluss von Psi-Quanten
aus der ÜBSEF-Struktur kommt, was einem Verlust von Vital- und
Mentalenergie entspricht. Der zugrunde liegende Mechanismus ist bislang
nicht ergründet. Die vielversprechendste These beruht auf
hyperdimensionaler Wellenmechanik und besagt, dass wandernde Psi-
Potenziale Quanten aus den Energiereservoirs eines Individuums lösen und
abtransportieren. Die Hintergründe liegen jedoch noch völlig im Dunkeln.
Handelt es sich um ein natürliches Phänomen oder ist es induziert?
Angenommen, dass dieser Raub an psionischer Energie gewollt ist, was
wird damit bezweckt?
Der Prototyp des Tiefengleiters verfügt über eine Versuchsanlage für ein
Gegenfeld, das den Einfluss einer solchen Transportwelle eliminieren soll
sofern sie tatsächlich existiert. Insofern ist die geplante Forschungsfahrt
ein Test sowohl für die Theorie als auch für die Praxis. Aber ich bin
zuversichtlich, dass wir den richtigen Weg beschreiten. Alle Modelle liefern
hinreichend übereinstimmende Ergebnisse, sodass...
Aurec seufzte und schloss das Hologramm mit Eorthors Aufzeichnungen,
die dieser seinen Logengeschwistern zur Verfügung gestellt hatte. Neue
Erkenntnisse hatte er in Aussicht gestellt. Die Forschungsergebnisse
bezogen sich aber fast ausschließlich auf die energetischen Verhältnisse in
der Tiefe des Chaos. Der Saggittone hatte auf Neuigkeiten im Hinblick auf
die innere Struktur gehofft, konkret zum Rideryon und damit zu Kathy
Scholar. Stattdessen sah er sich mit Sextadim-Physik konfrontiert, die er
nicht einmal annähernd durchdrang. Immerhin hatte Eorthor sich zu
gelegentlichen bildhaften Erläuterungen herabgelassen. Ansonsten hätte
sich wohl niemand durch das Dokument gequält. Kathy er musste sich
weiter in Geduld üben.
In den letzten Jahren hatte es an Arbeit nicht gemangelt. Da fiel ihm die
Ablenkung leicht. Trotz seiner Aufnahme in die Loge füllte er weiterhin
seine Rolle in der Operation Sternensaum aus, aber er hatte mittlerweile
mehrere Stellvertreter herangezogen, die Teile seiner Tätigkeiten
übernehmen konnten. Nach und nach hatte er sich aus dem operativen
Geschäft zurückgezogen und die freigewordene Zeit der Loge gewidmet, in
die er sich, wie erwartet, schnell eingefunden hatte. Gegenüber seinen
Mitstreitern im Sternensaum hielt er sich zu seinen Nebentätigkeiten
bedeckt. Er ließ sie in dem Glauben, dass er eine schwere Depression
überwunden hatte und nun auf die vollständige Gesundung seiner Seele
hinarbeiten wollte. Gelegentliche Auszeiten waren dabei mehr als plausibel.
Das war nicht einmal gelogen.Eine lange Talsohle hatte er durchschritten
und Raubbau an seinem Körper betrieben. Eine Zelldusche ersetzte nun
einmal keinen Zellaktivator, der ständig mit der Regeneration seines
Trägers beschäftigt war. Also musste er sich selbst um die
Wiederherstellung von Körper und Geist kümmern. Die freie Zeit füllte er
allerdings anders, als seine Mitstreiter dachten.
Die Logenarbeit war ihm keine zusätzliche Belastung. Vielmehr erfüllte
sie ihn mit Tatendrang. Das Gefühl, wieder an Ereignissen mit kosmischer
Bedeutung beteiligt zu sein, erfrischte seine Seele und war geradezu ein
Jungbrunnen für seinen Körper.
Eorthor hatte ihn als Leiter des Projekts Sturmsegel eingesetzt, das selbst
innerhalb der geheimen Loge besonderer Geheimhaltung unterlag. Nicht
einmal Aurec selbst war über alle Details informiert. Seine Aufgabe bestand
darin, Zulieferketten sicherzustellen und dabei Sorge zu tragen, dass keiner
der beteiligten Lieferanten zu viel über das Gesamtprojekt erfuhr. Selbst die
alyskischen Bearbeiter der Arbeitspakete waren lediglich über ihre
konkreten Pflichten im Bilde.
Vor wenigen Wochen hatte das Projekt Meilenstein Nummer fünf
erreicht, und das mit einer Verspätung von lediglich drei Monaten. Steward
Landry hatte gewitzelt, dass das mit dem Versagen der Projektleitung
zusammenhinge. Jeder Projektleiter, der etwas auf sich hielte, gäbe sich mit
einer Verschiebung des Ziels um weniger als zwölf Monate nicht zufrieden.
Aurec war glücklich, wieder unter bekannten Gesichtern zu weilen. Die
Gemeinschaft, die gemeinsamen Anstrengung, die Frotzeleien hatten ihm
gefehlt. Immer wieder fragte er sich, wie er die selbstgewählte Isolation
überhaupt hatte überstehen können. Die Antwort darauf gefiel ihm nicht.
Ein in der Mitte des Raumes blinkender Lichtpunkt machte ihn auf den
anstehenden Termin aufmerksam. Er verließ sein Büro und machte sich auf
den Weg zu Hangar 99, von dem kaum ein Besatzungsmitglied der
TITHOR wusste, dass er überhaupt existierte. Er war von keinem Gang aus
direkt betretbar. Stattdessen musste man drei Transmitter hintereinander
benutzen, wobei als Zwischenstationen lediglich drei auf drei Meter große
Räume irgendwo in der Hülle des Forschungsschiffes dienten, die mit
nichts als einem Transmitterkäfig ausgestattet waren. Alternativ konnte man
einen Weg über die Außenschleuse des Hangars nehmen, und selbst dann
musste man darauf warten, dass jemand die Schleuse von innen öffnete.
»Gelegentlich ist Eorthor ein paranoider Geist«, dachte der Saggittone
zwischen dem zweiten und dritten Sprung. »Das Schiff ist selbst drei- und
vierfach abgesichert. Nicht einmal ein Nanoroboter würde unentdeckt
hineingelangen. Aber vermutlich verfügt er seit ein paar Jahrtausenden über
den Geheimhangar und es war Zeit, ihn wieder einmal zu entstauben.«
Am Ziel warteten bereits Osiris, Adelheid und Brettany de la Siniestro
und hatten sich an den bereitstehenden Getränken bedient. Eine Hälfte der
Hangarhalle war durch einen Prallschirm abgetrennt. Dahinter lag ein
leichtes Flimmern in der Luft, als ob etwas hinter einem schwachen
Deflektorschirm verborgen gehalten wurde. An das kleine Buffet hatte sich
noch niemand herangewagt. Aurec griff ungeniert nach einem Schnittchen
mit gepökeltem Protje-Schinken. Osiris’ irritierten Blick ignorierte er, denn
er hatte Essen und Trinken selbst geordert. Es war praktisch der Gastgeber
und durfte sich somit auch selbst bedienen.
Nach und nach materialisierten weitere Logenmitglieder. Eorthor trat
pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt aus dem Transmitter, dessen
Empfangsfeld daraufhin rötlich glomm. Die Verbindung war blockiert. Wer
jetzt nicht anwesend war, würde das Ereignis verpassen. Ein schneller
Rundumblick zeigte Aurec, dass sowohl die zwölf ranghöchsten
Logenmitglieder als auch die notwendigen Techniker vollständig zur Stelle
waren.
Der Alysker bestieg eine Antigravplattform und schwebte zu dem
Prallschirm hinüber. Die Gesellschaft folgte ihm.
»Geschätzte Logengeschwister, selbstverständlich fragt ihr euch, weshalb
ich zu diesem etwas ungewöhnlichen Treffen gebeten habe.« Das bezog
sich nicht nur auf den Treffpunkt selbst. Auch die persönliche Anwesenheit
der Mitglieder war nicht alltäglich. Da die Loge nicht die Aufmerksamkeit
der Harmonie DORGONS auf sich ziehen wollte, gab es persönliche
Zusammenkünfte nur sehr selten.
»Das Projekt Sturmsegel ist in ein Stadium eingetreten, in dem wir euch
alle damit vertraut machen wollen. Die Geheimhaltung war notwendig, aber
nun können wir unsere Pläne in die Tat umsetzen. Ich bin mir sicher, wir
werden bei der Erforschung der Tiefe des Chaos einen großen Schritt
vorankommen. Wie ihr meinen Memos entnehmen konntet, ist der Abfluss
vitaler und mentaler Energie während eines Aufenthalts in der Tiefe eine
große Gefahr und damit auch das entscheidende Hindernis auf dem Weg zu
einem umfassenderen Verständnis der dort herrschenden Hyperphysik.
Es ist daher von größter Bedeutung, den Abfluss von Lebensenergie
einzudämmen oder idealerweise vollständig zu vermeiden. Thrixwof«, er
nickte einem Alysker in der Gruppe der Techniker zu, »hat ein theoretisches
Modell vorgeschlagen, das die Faltung sechsdimensionaler
Wirkungsquerschnitte mit der Wellenfunktion …«
Aurec widmete sich seinem Getränk. In den nächsten Minuten würde der
Wissenschaftler sein Publikum mit hochkomplexer Hyperphysik
langweilen.
Er spürte eine Berührung an seinem Arm und wandte sich um. Adelheid
war neben ihn getreten.
»Du weißt doch sicherlich, was er uns zeigen will. Gib mir doch einen
kleinen Hinweis«, bat sie mit einem breiten Lächeln. Die Hexe trug ein
schwarzes, enganliegendes Kleid aus samtigem Stoff. Es war am Kragen
hochgeschlossen, gewährte an den richtigen Stellen aber tiefe Einblicke
durch ein netzartiges Gewebe. Das schwarze Tuch musste sich wunderbar
weich anfühlen und lud gerade dazu ein, darüber zu streicheln, so wie
Adelheids Finger gerade in diesem Moment.
Aurec riss sich von den wollüstigen Gedanken los, die sich in seinen
Geist schleichen wollten. Er schenkte Adelheid ein gönnerhaftes Lächeln.
»Spar dir deine Verführungsspielchen. Du bekommst es zusammen mit
allen anderen zu sehen. Was erhoffst du dir, wenn du ein paar Minuten
früher Bescheid weißt?«
»Ach, weißt du«, sie strich mit dem Zeigefinger über seine Wange, »ich
bin eben neugierig.«
Er wischte ihre Hand beiseite.
»Eorthor kommt gerade zum Ende seiner Ausführungen. Gleich wird das
Geheimnis gelüftet.«
Amüsiert beobachtete er, wie Adelheid übellaunig zum Buffet stapfte.
Die Hexe war es nicht gewohnt, ihren Willen nicht zu bekommen. Sie war
bereits in gereizter Grundstimmung angereist, weil sie sich mit Eorthor und
Osiris in steter Auseinandersetzung über die Ausrichtung der Loge befand.
Sie bemängelte die angeblich fehlende Transparenz durch die
Geheimniskrämerei des Alyskers und votierte immer noch dafür, die Mittel
der Harmonie DORGONS anzuzapfen, um den Erkenntnisgewinn zu
beschleunigen.
Doch Eorthor ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. Spätestens seit
Sanna Breen Amun als Strippenzieher ins Spiel gebracht hatte, hielt er seine
strikte Informationspolitik noch gnadenloser ein. Er und Aurec waren
übereingekommen, auch Breens Nachricht nicht zu streuen. Insbesondere
Adelheid wollte der Wissenschaftler wegen ihrer Ambitionen zur
Kooperation nicht einweihen. Ihre losen Kontakte in die Harmonie
DORGONS waren bekannt.
Mittlerweile war Eorthor am Ende seiner Rede angelangt.
»Es ist uns in der Folge gelungen, die bisherigen Erkenntnisse zu den
hyperphysikalischen Verhältnissen in der Tiefe des Chaos in ein Gefährt zu
kondensieren. Bitte, Aurec.«
Der Saggittone betätigte einen Impulsgeber, und das Deflektorfeld löste
sich auf. Zum Vorschein kam ein silbrig glänzendes, etwa vierzig Meter
langes und rund fünfzehn Meter durchmessendes Raumschiff. Der
spindelförmige Körper mit dem stumpfen Heck und zwei daran
angeordneten Auslegern deutete eine etwas plump wirkende Pfeilform an.
In der Seitenwand des Schiffs öffnete sich eine Schleuse. Ein blauweiß
schimmerndes Traktorfeld lud zum Betreten des Schiffes ein.
»Es ist vorgesehen, diesen Schiffstyp noch kompakter zu gestalten. Wir
planen mit einer Besatzungsstärke von zwei bis drei Personen und damit
einhergehend eine Miniaturisierung mehrerer Aggregate, um den
Materialaufwand und die Produktionszeit zu optimieren«, dozierte Eorthor
vor einem Holo, das das vorbeihuschende All in der Umgebung des
Kosmogenen Seglers zeigte, wie der Alysker das Schiff bezeichnet hatte.
»Warum nur eine so kleine Besatzung?«, fragte Adelheid, die wie alle
anderen in bequemen Kontursesseln saß.
Eorthor ignorierte den Einwurf.
»Die Hauptaufgabe des Schiffs besteht darin, die Insassen vor den
negativen Einflüssen der Tiefe abzuschirmen. Wir denken, dass wir der
Lösung dieser Aufgabe auf der Spur sind. Es sind mehrere
Versuchsapparaturen auf diesem Prototyp verbaut. Es handelt sich um ein
ganzheitliches Konzept, bei dem mehrere Komponenten ineinander greifen
und bei denen wir Kompromisse hinsichtlich der Ausführbarkeit machen
müssen.«
»Worthülsen! Wie sehen diese Lösungen konkret aus?«
»Wir befinden uns noch in der Erprobungsphase. Die Komponenten sind
noch nicht in der Praxis überprüft. Ich möchte die Technologien und die
Arbeitsweise der Geräte geheim halten, bis wir valide Ergebnisse vorweisen
können. Aber ich bin sicher, dass wir die gewünschten Effekte bei unserem
Ausflug in die Tiefe feststellen werden.«
»Vertraust du uns etwa nicht... Moment, wie?« Die Hexe riss die Augen
auf. »Was hast du gesagt? Soll das heißen, wir fliegen in eine Anomalie
ein? Wann wolltest du uns das mitteilen?«
Kurz redeten alle durcheinander. Schließlich durchbrach Osiris’ Stimme
den Lärm. »Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, mit unerprobten
Gerätschaften durch unverstandenen Raum zu fliegen. Ein paar ergänzende
Erläuterungen sind aus meiner Sicht angebracht.«
Doch Eorthor blieb hart. Er erklärte erneut, er wolle nicht über unreife
Früchte sprechen. Dass in der aktuellen politischen Lage Geheimhaltung
ohnehin geboten war, wie Aurec wusste, verschwieg er.
Aurec konnte verstehen, dass die Gruppe ungehalten reagierte. Es
schwang ein gewisser Argwohn in Eorthors Äußerungen mit. Dabei beruhte
die Loge des Kosmos auf gegenseitigem Vertrauen. Aber der Alysker war
geradezu besessen davon, das Universum retten zu müssen. Er wollte jedes
Risiko zu scheitern ausschließen und hielt sich daher strikt an sein
Geheimhaltungskonzept. Obwohl Aurec die Logistik für den Zusammenbau
des Seglers koordiniert hatte, hatte er beispielsweise nie erfahren, wo die
silbern glänzenden Einzelteile der Schiffshülle produziert worden waren.
Seine Zubringerschiffe hatten sie an wechselnden Koordinaten im Leerraum
unter strengster Funkstille übernommen. Der Saggittone nahm daher an,
dass diesen eine Schlüsselrolle in dem Abschirmungskonzept zukam. Er
hatte das pragmatisch hingenommen. Immerhin kam es nur darauf an, dass
die Teile vorhanden waren und eingebaut werden konnten.
Amüsiert beobachtete er, wie seine Logengeschwister auf den Alysker
einredeten. Sie forderten wahlweise mehr Informationen oder den Abbruch
des Fluges. Die Wünsche wurden ignoriert. Eorthor war fest entschlossen,
den Jungfernflug heute durchzuführen.
Der Kosmogene Segler fiel aus dem Linearraum, und in den Holos
erschien ein rund fünfhundert Meter durchmessendes schwarzes Nichts,
über dessen Oberfläche grüne und violette Leuchterscheinungen waberten.
Die Temporale Anomalie schien geradezu darauf zu warten, sie zu
verschlingen. Eorthor zögerte keine Sekunde. Sie tauchten in die Tiefe des
Chaos ein.
Der Prototyp passierte Ketten von Planeten in unterschiedlichsten
Entwicklungsstadien. Sie waren zumeist in gleichmäßigem Abstand
aneinandergereiht. Das war eine physikalische Unmöglichkeit, genauso wie
die Parade der Sonnen, die in Abständen zwischen drei und sieben
Millionen Kilometern einander folgten. Es war eine fremde Umgebung, die
nur über zufällig entstehende Portale erreichbar war und in der sich
raumzeitliche Phänomene auf das Raumschiff warfen, und war die
Navigation nicht schon anspruchsvoll genug, zehrten geheimnisvolle Kräfte
an Körper und Geist und machten ein Lebewesen zu einem psychischen
Wrack ohne Erinnerung.
Aurec erinnerte sich an die Berichte aus den Laborjournals. Bereits
innerhalb der ersten Stunde nach dem Eintauchen in eine Anomalie sollten
sich die ersten Symptome zeigen: Müdigkeit, Lustlosigkeit und
Verwirrtheit. Diese steigerten sich mit der Verbleibdauer bis hin zu
partiellem Erinnerungsverlust und körperlichem Verfall. Das war
vermutlich nicht das Ende der Skala. Mangels ausreichend langer
Aufenthalte in der Tiefe waren die Beeinträchtigungen nicht vollständig
erforscht.
Den Gästen auf dem neuen Raumschiffstyp erging es indes nicht so.
Eorthor hatte offensichtlich ein halbwegs effektives Abschirmungskonzept
gegen die destruktiven Einflüsse entwickeln können. Nur sehr gering
ausgeprägte Symptome der Tiefenkrankheit waren spürbar. Die Mitglieder
der Loge zeigten sich gebührend beeindruckt.
Eorthor gab Aurec das vereinbarte Zeichen. Der Saggittone aktivierte
mehrere Informationsholos, die immerhin skizzenhafte technische
Informationen über den Kosmogenen Segler enthielten. Ein kugelförmiger
Dienstroboter mit vier Tentakelarmen schob sich aus einem Staufach und
verteilte Getränke. Die Logenmitglieder bedienten sich und fachsimpelten
vor den dreidimensionalen Darstellungen.
Eine Erschütterung durchlief das Schiff. Eine Holo implodierte, und der
Projektorkopf zersprang mit einem Knall. Die Beleuchtung fiel aus, und
mehrere Überladungsblitze auf den Arbeitspulten beleuchteten die
Gesichter der erstarrten Passagiere. Alle hatten Erfahrung mit gefahrvollen
Situationen und waren darauf programmiert, diesen zu begegnen. Allein, sie
waren mit der Ausstattung der kleinen Zentrale nicht vertraut. Also
verharrten sie auf ihren Positionen.
Ein Alarmton schwoll an. Er klang nicht wirklich angenehm melodisch,
aber er hatte einen interessanten Schwung. Das Licht ging wieder an, aber
es flackerte.
»Aurec, den sicheren Modus!«
Aurec hörte Eorthors Stimme. Er starrte die spitzen Ohren des Alyskers
an. Ob der es wohl hören konnte, wenn er die Antwort flüsterte? Welche
Antwort? Auf welche Frage? Und was roch hier so ätzend?
»Aurec, das Pult! Den sicheren Modus!«
Welches Pult? Es gab nur eines. Mit vielen bunten Feldern und Anzeigen.
Er ging darauf zu und taumelte. Er hielt sich an Orinisi oder wie der
hieß fest. Dieser blickte ihn wütend an und drückte ihn von sich weg.
Eine attraktive Frau in einem schwarzen Kleid fummelte in einem Holo
herum. Ein Stoß schleuderte Aurec beiseite, bevor er sie näher in
Augenschein nehmen konnte. Das Spitzohr stapfte fluchend an ihm vorbei.
Was erlaubte sich dieser ungehobelte Bursche! Dem würde er etwas
erzählen! Was eigentlich? Einen Witz?
Der Spitzohrige griff in die Anzeigen eines Holos und wischte und
wedelte darin herum. Der schöne Ton erstarb, dafür hörte die Beleuchtung
auf zu blinken.
Gleichzeitig fiel die Desorientierung von Aurec ab, die von ihm Besitz
ergriffen hatte. Auch die anderen wirkten verwirrt, als ob sie aus einem
Traum gerissen worden wären. Offenbar hatte sie alle für die Dauer des
Systemausfalls der Schleier der Lethe berührt. Eorthor zog ihn beiseite.
»Die Systeme arbeiten wieder. Auf niedrigerem Leistungsniveau, aber
einwandfrei«, zischte er. »Ich weiß nicht, woher diese Störung kam. So ein
Ereignis ist unmöglich.«
Sein misstrauischer Blick flog über die Anwesenden, die sich leise über
den Vorfall austauschten.
»Du glaubst … Sabotage?«
»Ich glaube gar nichts. Aber ich weiß, dass meine Technik fehlerfrei ist.
Wir gehen kein weiteres Risiko ein und kehren in unser Universum zurück.
Der Funktionstest des Kosmogenen Seglers ist erfolgreich verlaufen, wir
haben ausreichend Daten zu den Abschirmaggregaten und
möglicherweise zu einem nicht autorisierten Eingriff in das System.«
Einige Tage später lud Eorthor zu einem virtuellen Treffen. Zu Aurecs
Verwunderung handelte es sich um ein Gespräch unter acht Augen und
höchsten Sicherheitsvorkehrungen. An dem Konferenztisch an Bord der
KATHY SCOLAR II hatten sich neben dem Alysker die Hologramme von
Osiris und Lilith versammelt.
»Ich möchte kurz zur Zusammensetzung dieser Besprechung aufklären«,
eröffnete Eorthor ohne einleitende Worte. »Ich habe die
Datenaufzeichnungen unserer Expedition mit dem Raumschiffsprototypen
analysiert. Die Schlussfolgerungen sind in mehrerlei Hinsicht katastrophal.
Wir müssen Abhilfe schaffen. Ich habe eine Agenda mit Maßnahmen
erarbeitet, die sich über einen langen Zeitraum erstreckt. Der erste Baustein
ist die höchst geheime Etablierung dieser Agenda. Die hier Anwesenden
sind vollumfänglich informiert. Alle anderen erhalten nur insoweit
Einblick, als es für ihre Aufgaben notwendig ist.«
»Du wirst die Gründe dafür gleich nennen, nehme ich an.«
»Selbstverständlich, Lilith. Ich habe triftigen Grund zu der Annahme,
dass sich ein Verräter unter uns befindet.«
Kurz herrschte Schweigen.
»Du äußerst einen schweren Vorwurf«, meinte Lilith. »Er ist geeignet,
der Loge jegliche Grundlage zu entziehen, wenn er nicht gut begründet ist.
Wer ist es?«
»Das weiß ich nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass jemand ein
falsches Spiel treibt. Eines Beweises hätte es eigentlich nicht bedurft, weil
meine Entwicklungen immer fehlerfrei arbeiten, aber das Logbuch des
Kosmogenen Seglers hat klar ergeben, dass der Systemausfall induziert
worden ist. Bedenkt man die dafür notwendige Technologiestufe, dann
ergibt sich der dringende Verdacht, dass die Harmonie DORGONS einen
Agenten unter uns platziert hat.«
Sofort wanderten die Gesichter der Logenmitglieder vor Aurecs innerem
Auge vorbei. Wer mochte sich für diese Niederträchtigkeit hergeben? Einer
der Kemeten, der Osiris den Rang streitig machen wollte? Ging Adelheid in
ihrer Kooperationspolitik so weit? Hatte Brettany de la Siniestro ihren
Machthunger entdeckt?
»Warum sollte jemand das Schiff sabotieren, in dem er selbst sitzt und
sich dem Tod in der Tiefe ausliefern?«, stellte Lilith eine berechtigte Frage.
»Es ging nicht um das Schiff. Die Manipulationen waren nicht so
tiefgehend, um es ernsthaft zu gefährden. Das war nur ein
Ablenkungsmanöver. Das eigentliche Ziel der Aktion waren technische
Dossiers des Kosmogenen Seglers. Aber meine virtuellen Agenten konnten
den eher stümperhaften Angriff auf das Datenkonglomerat unterbinden. Ich
vermute, man wollte die Gunst der Stunde nutzen. Leider konnte ich den
Urheber der Sabotage nicht identifizieren. Deshalb halte ich den Kreis der
Mitwisser klein, um die Wahrscheinlichkeit zu reduzieren, den Verräter
einzubinden. Gleichzeitig ist bei einem erneuten Angriff auf unsere
Infrastruktur die Zahl der Verdächtigen sehr überschaubar. Lilith und Osiris,
ihr habt die Loge mit mir gegründet. Euch bringe ich das meiste Vertrauen
entgegen. Ihr wisst beide, dass ich mein Wissen früher oder später mit euch
teile. Ihr habt eine riskante und unvorbereitete Spionageaktion nicht nötig.«
»Was ist mit Aurec?« Osiris fixierte den Saggittonen mit starrem Blick.
Diese Frage hatte der Saggittone erwartet. Er hatte schließlich
jahrzehntelang die Zusammenarbeit verweigert hatte. Das konnte als
überraschender Geisteswandel interpretiert werden. Man konnte aber auch
die Frage aufwerfen, ob es einen besonderen Grund gab, der diesen
Geisteswandel bewirkt hatte. So gesehen war er der perfekte Verdächtige.
Eorthor hob beschwichtigend die Hände.
»Ich hatte Aurec im Blick, als es passierte. Während des Ausfalls der
Abschirmung war er nicht in der Lage, bis drei zu zählen und ist
herumgestolpert. Dich hat er beinahe umgeworfen, Osiris. Daher gehe ich
nicht davon aus, dass er beteiligt ist.«
Aurec atmete auf.
»Außerdem habe ich seinen Tagesablauf und sein Raumschiff überprüfen
lassen. Alles ist sauber
Nun stieg Ärger in dem Saggittonen hoch. In seiner Arroganz hatte
Eorthor ihn durchleuchtet, ohne um Erlaubnis zu fragen. Dabei hatte er
sicher nicht vor seiner privaten Kabine auf der KATHY haltgemacht. Seine
Aufzeichnungen der letzten Jahre mit all den Intimitäten fielen ihm ein.
Diesen Angriff auf seine Integrität musste sich der Sohn von Kanzler Doroc
nicht gefallen lassen. Er sammelte Worte für eine geharnischte Erwiderung.
»Behalte deine Luft bei dir«, sagte Eorthor. »Du weißt, dass das ein
zweckmäßiges Vorgehen war, um dieses Treffen stattfinden zu lassen. Du
kannst mir deine Ansichten dazu später vortragen. Jetzt haben wir keine
Zeit. Je kürzer das Treffen, desto sicherer für uns.«
Damit hatte er leider recht. Aurec sog tief Luft ein und verdrängte seine
Wut.
»Ich bitte nun um keine Unterbrechungen mehr. Alle Fragen können wir
später klären.
Unsere neuesten Untersuchungen haben die bereits bekannten Fakten
bestätigt. Wir steuern auf eine temporale Katastrophe gigantischen
Ausmaßes zu. Eine neue Erkenntnis ist, dass sich dabei Brennpunkte
abzeichnen, an denen die manipulativen Kosmischen Messenger gehäuft
auftreten. Es sind samt und sonders Orte, die bereits im Fokus kosmischer
Geschichte standen. Ich nenne nur einige Namen: Erranternohre, Norgan-
Tur, Milchstraße. Überall dort droht die vollkommene Vernichtung unserer
Zeitlinie. Daher sind unsere ersten Schritte, nämlich die Sicherung der
möglichst vollständigen raumzeitlichen Information aus diesen Gebieten in
der CAGEHALL und in den Kosmogenen Chroniken, völlig richtig
gewesen.
Das nächste Arbeitspaket betrifft die Mobilität in den Temporalen
Anomalien und in der Tiefe des Chaos. Der Kosmogene Segler ist der
richtige Ansatz. Die Vorversionen der Abschirmaggregate und die neuartige
Legierung der Hülle erfüllen ihre Aufgaben. Wir werden die Raumer nach
und nach verbessern. Aktuell sehen die Planungen neun Exemplare in der
endgültigen Ausbaustufe vor. Diese stellen aber keinen wirklichen
Machtfaktor dar. Vielmehr dienen sie den Trägern der Kosmogenen
Chroniken als Fortbewegungsmittel. Zusätzlich benötigen wir ein großes
Raumschiff, um die Aufgaben zur Wiederherstellung einer Zeitlinie zu
bewältigen.«Er aktivierte ein Holo. Darin drehte sich ein offensichtlich
skizzenartiger Entwurf für einen laut eingeblendeter Skala rund tausend
Meter langen, sechshundert Meter breiten und dreihundert Meter hohen
Raumer. Er war in drei Segmente unterteilt. Der vordere Abschnitt war
hufeisenförmig mit einem im Innenraum angeflanschten Kugelraumer. Der
anschließende Mittelabschnitt wies mehrere grob umrissene Aufbauten auf,
die wie die Sykline einer kleinen Stadt wirkten. Das Heckteil war ellipsoid
mit heckseitigen Triebwerken und einem Wulst, der auf der Äquatorlinie
lag.
»Ein erstes Konzept«, fuhr Eorthor fort. »Damit sollte das Manövrieren
in der Tiefe des Chaos möglich sein. Der Plan sieht vor, dass wir damit
durch die Tiefe die eben benannten Brennpunkte anfliegen und den
Moralischen Code lokal reparieren. Fragt nicht nach Einzelheiten, ich kenne
sie selbst noch nicht. Problematisch sind die Bauzeit und die notwendigen
Ressourcen. Das Schiff ist absolute High-Tech, selbst für unsere
Verhältnisse. Völlig neue Technik und äußerst kostspielige Rohstoffe. Die
Prognosen liefern eine Konstruktionszeit von mehreren Jahrzehnten. Damit
ist dieses Bauvorhaben ein immenser Risikofaktor. Je länger die
Fertigstellung dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer
Entdeckung durch die Harmonie DORGONS. Die Materialströme lassen
sich auf Dauer nicht verbergen. Wie wir dieses Problem lösen, steht noch
nicht fest. Aber eventuell lässt sich die Herstellung des Raumers auslagern
und dem Zugriff der Harmonie entziehen.
Wenn die Auswirkungen des Zeitchaos behoben sind, ist die letzte
Aufgabe die Loslösung der Tiefe des Chaos vom Standarduniversum, um
die daraus resultierenden Gefahren ein für allemal zu bannen. Auch hier
kenne ich noch keine Details, aber wir wissen, dass das Rideryon einen
Anker für die Tiefe bildet. Möglicherweise ergibt sich dort ein Hebel.«
Die Erwähnung des Rideryon berührte Aurecs Herz. Das heimliche Ziel
seiner Bemühungen würde eine Rolle am Ende dieses gigantischen Plans
spielen. Dann war auch seine Gelegenheit gekommen, sich auf die Suche
nach Kathy Scholar zu machen und sie von diesem unwirtlichen Ort zu
retten.
»Wie stellen wir denn sicher, dass wir selbst das Zeitchaos überleben?«,
wollte Osiris wissen.
»Auch das kann ich noch nicht mit Gewissheit sagen, aber die
Kosmogenen Segler und das neue Raumschiff können hier ebenfalls der
Schlüssel sein. In jedem Fall stehen wir vor einem absoluten Langzeitplan.
Wir werden Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte daran arbeiten
müssen.«
Kapitel 8 – Rebellen
»Ich weiß nicht, was ich von diesen Berichten halten soll. Das kann keiner
beurteilen. Das tue ich mir nicht weiter an.« Ragana ter Camperna nahm an
einem Tisch in der leeren Kantine Platz. Ihre Söhne setzten sich zu ihr,
während sich das rund zwanzigköpfige Gefolge um sie scharte.
»Ich habe einmal recherchiert«, fuhr sie fort. »Zu diesen Alyskern findet
sich in den offiziellen Datenbanken gar nichts. Für mich heißt das, es gibt
diese Alysker überhaupt nicht oder die da oben haben sie uns
verschwiegen. Irgendwie kann ich mir das nicht vorstellen. Mal
angenommen, dieser hyperphysikalische Hokuspokus beruht auf soliden
Erkenntnissen. Dann sollen diese Alysker eine Lösung gefunden haben für
ein Problem, an dem die gesamte Milchstraßen-Forschung gescheitert ist?«
Zustimmendes Gemurmel wurde laut. Hunter hielt sich im Hintergrund
und beobachtete die Versammlung.
Das anfängliche Aufbegehren der Gruppe in dem Sternenlicht-Saal hatte
nicht den erhofften Eindruck auf den Rest der Besatzung gemacht. Erst
nach der Beinahekeilerei in der Pause hatten sich ihnen weitere Personen
angeschlossen, unter ihnen die gemaßregelten Raumsoldaten und der junge
Mann mit dem Feuertattoo, der sich schon im Milton-Turm zu Wort
gemeldet hatte. Der Rest maß den Erzählungen Aurecs offenbar genügend
Relevanz bei, um diese weiter zu verfolgen.
Obwohl die Gruppe den Erklärungen fernblieb, hatten Hunter und
Ragana selbstverständlich die bislang vorliegenden Aufzeichnungen der
Vorträge studiert. Auch wenn man die Ansichten zu den angeblich daraus
folgenden Konsequenzen nicht teilte, musste man schließlich darüber
informiert bleiben, was die Gegenseite so von sich gab.
Raganas Sohn Topp hatte die Gruppe in dieser nicht benutzten Kantine
zusammengerufen. Ein Posten vor der Tür sorgte dafür, dass sie nicht
gestört wurden. Nun saßen knapp dreißig Personen in einem Raum, der für
mehr als hundert ausgelegt war. Einer der Raumfahrer besorgte
alkoholische Getränke und reichte sie herum.
Nathaniel Creen lehnte mit verschränkten Armen neben der Tür an der
Wand, das Gesicht hinter dem silbernen Visier verborgen. Eine Stimme im
Hinterkopf sagte Hunter, dass er Creens Verhalten im Auge behalten
musste. Bei ihren Einsätzen war es überlebenswichtig, dass er sich
bedingungslos auf seinen Partner verlassen konnte.
»Wir können froh sein, dass wir dieses Zeitchaos überlebt haben!«,
schnitt Ragana ein neues Thema an. »Wir sind dem Tod oder der
Auslöschung oder was auch immer von der Schippe gesprungen. Warum
sollten wir das aufs Spiel setzen? Wer weiß, was passiert, wenn Aurec seine
Agenda umsetzt?«
»Genau«, pflichtete ihr der junge Mann mit der Flammentätowierung bei.
»Ob diese physikalischen Theorien stimmen, kann ich nicht beurteilen.
Wenn ich darüber nachdenke, bekomme ich Knoten in den Kopf. Aber ich
fürchte diese aktive Manipulation, man weiß nicht, was dabei
herauskommt.«
»Wenn überhaupt etwas dabei herauskommt. Wenn das nicht
irgendwelche Hirngespinste sind«, pflichtete ein anderer bei.
»Ich sehe das genauso«, sagte Ragana. »Diese kosmischen Hintergründe
sind keineswegs belegt. Da soll es Leute geben, die mit kaum zu
begreifenden Kosmischen Mächten kommunizieren, von denen noch nie
jemand gehört hat.« Sie machte eine wohldosierte Pause. »Aber warum
erzählt uns Aurec eine solche Geschichte? Ich will noch nicht einmal
behaupten, dass alles gelogen ist. Immerhin haben wir uns eben so vor einer
unbegreiflichen Katastrophe gerettet. Aber darüber hinaus kann Aurec
erzählen, was er will. Es kann ihm niemand das Gegenteil beweisen. Denn
alles ist im Zeitstrudel untergegangen. Also: Warum erzählt er uns das?
Ganz einfach! Weil er seine eigene Agenda verfolgt!«
Eleonores Niederlage | © Gaby Hylla
Zustimmende Rufe schallten durcheinander.
Hunter lächelte verstohlen. Ragana folgte geradewegs der besprochenen
Taktik. Sie säte Zweifel, bestärkte ihre Gefolgsleute in ihren Meinungen
und schuf so ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
»Wo kommt dieser Aurec eigentlich her?«, warf eine Frau mit violett
gefärbten Haaren ein. »Ich kann diese Mythen nicht mehr hören. Erst diese
Rhodan-Erzählungen, jetzt das sogenannte Zeitchaos. Wer weiß, ob das
überhaupt alles so stimmt.«
Hunter war mittlerweile zu der Erkenntnis gelangt, dass Perry Rhodan
kein reiner Mythos gewesen war. Die Anwesenheit dieses verweichlichten
Nagers an Bord der CASSIOPEIA war ein offensichtlicher Beleg. Offenbar
hatten die Cairaner es geschafft, die Existenz des Terraners zumindest mit
zeitlich begrenztem Erfolg aus der Geschichte zu tilgen. Mit seiner
Rückkehr stand aber fest, dass er die alten Machtansprüche geltend machen
wollte. Das schmeckte Ragana ter Camperna aus vielerlei Gründen
überhaupt nicht. Hunters Motive waren hingegen anders, viel simpler
gestrickt. Er verabscheute die Terraner. Sie hatten auf der galaktischen
Bühne nichts verloren, erst recht nicht ein Perry Rhodan.
Er ließ den Blick über die Gestalten in der Kantine schweifen. Sie
begriffen die übergeordneten Zusammenhänge nicht oder wollten sie nicht
begreifen. Sie spürten ein diffuses Unwohlsein in der Magengegend, weil
ihre Leben aus der Bahn geworfen worden war und sie mit ihrer neuen
Lebenssituation nicht zurechtkamen.
Vermutlich hatten sie sich noch kein einziges Mal die aus dem Zeitchaos
erwachsenden Konsequenzen für ihr Dasein klar gemacht. Die Welt war
eine andere. Alle Verwandten, Freunde und Bekannte, ja, das gesamte alte
Leben, waren ausgelöscht. Die Wohnung, das Bankkonto, die Geliebte
existierten nicht mehr. Es gab keinen Eintrag in der Sozialdatenbank, keine
Personalakte, keine Steuernummer. Wenn sie auf ihre Heimatplaneten
zurückkehrten, würde nichts sie erwarten.
Die neue Zeitlinie hatte sich völlig anders entwickelt. Möglicherweise
gab es einzelne Fälle, in denen der individuelle Fortgang der Wesen ähnlich
verlaufen war wie in der alten Zeit. Aber auch das führte zu Problemen.
Dann gab es die entsprechende Person womöglich zweimal, und nach der
Heimkehr stritt man sich um Hab und Gut oder wurde völlig zerrüttet in ein
Sanatorium eingeliefert.
All diese Überlegungen verdrängten diese Leute, weil sie zu
ungeheuerlich waren. Stattdessen suchten sie nach einfachen Antworten.
Dadurch wurden sie zu nützlichen Helfern, derer man sich hinterher, ohne
mit der Wimper zu zucken, entledigen konnte. Mit Freude würde er einigen
dieser Dummfressen selbige polieren.
Ragana erhob wieder ihre Stimme, und das angeschwollene
Empörungsgeschrei ebbte ab.
»Ihr habt Recht, wir müssen mit gesundem Misstrauen an die Sache
herangehen und dürfen uns nicht von Täuschungen in die Irre führen lassen.
Aurec spielt offenbar sein eigenes Spiel, aber in der jetzigen Konstellation
können wir ihm nicht das Handwerk legen. Wir benötigen Verbündete! Ich
schlage vor, dass wir versuchen, Terra zu erreichen und mit Emperador de
la Siniestro Kontakt aufzunehmen. Er muss ebenfalls ein Interesse daran
haben, dass der aktuelle Zustand aufrechterhalten wird. Zusammen mit
seinen Mitteln können wir vielleicht verhindern, dass diese kosmischen
Chroniken gefunden werden und der Moralische Code repariert wird.«»Pah.
Darüber mache ich mir keine Sorgen«, rief die Frau mit den violetten
Haaren. »Der Moralische Code ist doch auch so eine unbelegte Theorie, die
in der Geschichtsstunde gelehrt wird. Wie soll sowas denn funktionieren?
Als ob das Universum nur eine beliebige biologische Zelle wäre.«Die
Umsitzenden lachten zustimmend. Hunter bemerkte, wie Ragana kurz die
Augen zur Decke verdrehte. Dann hatte sie sich wieder im Griff. »Während
wir nach Möglichkeiten suchen, de la Siniestro zu kontaktieren, behalten
wir hier alles im Auge. Bevor etwas aus dem Ruder läuft, müssen wir
eingreifen. Aber vorerst halten wir uns bedeckt.«
Creen verließ die Kantine als Erster. Der seltsame Sesselfurzer Cilgin At-
Karsin folgte ihm auf dem Fuß. Der Hauri war für Hunter ein noch
schlimmerer Irrtum der Natur als diese Mitläufer, auf die man sich nicht
verlassen konnte.
Die Kantine leerte sich. Lediglich eine kleine Gruppe wollte zusammen
mit ein paar Schnapsflaschen bleiben. Als der Tefroder sie zum Gehen
aufforderte, begehrten sie nur kurz auf. Kurzerhand beförderte er einen der
Trinker mit Schwung vor die Tür. Diesem handfesten Argument folgte der
Rest bereitwillig. Dann trat er zu Ragana und ihren Söhnen an den Tisch.
»Diese Leute kannst du in der Pfeife rauchen. Von denen kapiert keiner,
was hier wirklich abgeht«, sagte er. »Aber als Kanonenfutter taugen sie
allemal.«
»Wir müssen die Kontrolle über die Ereignisse gewinnen«, erwiderte
Ragana. »Die Kräfteverhältnisse sind klar. Wir werden uns hier auf dem
Schiff nicht in einer offenen Auseinandersetzung durchsetzen können.
Trotz Kanonenfutter. Also müssen wir das Geschehen anders
beeinflussen und dazu benötigen wir mittelfristig Verbündete. Was ich eben
über de la Siniestro gesagt habe, meine ich ernst. Die Mächtigen der neuen
Zeit können uns nicht nur Unterstützung in einer Auseinandersetzung
bieten, sondern auch Wissen. Damit können wir uns etablieren und das
Steuerpult in unsere Hände bringen. Aber wir dürfen nichts überstürzen.
Ohne diese kosmischen Chroniken droht der neuen Zeitlinie erst einmal
keine Gefahr. Wir können uns alles Weitere in Ruhe ansehen. Wenn es ernst
wird, greifen wir ein.«
Hunter wollte sich gerade wegdrehen, als sie ihn am Handgelenk
festhielt. Eine Respektlosigkeit, die jeder andere mit einem gebrochenen
Unterarm bezahlt hätte.
»Noch etwas, Rhodanjäger. Ich verlange von meinen Leuten absolute
Loyalität, das ist dir klar
Er ahnte, in welche Richtung sich das Gespräch nun wenden würde.
»Was ist los mit Creen?«
Hunter presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen.
Auch wenn er selbst an seinem Partner Zweifel hegte, war er noch lange
nicht bereit, ihn seinerseits zu hintergehen. Außerdem hatte er keine
wirkliche Antwort auf die gestellte Frage.
»Uns ist aufgefallen, dass er sich zuletzt zurückgezogen hat«, schaltete
sich Topp ter Camperna ein. »Das ist ein ungewöhnliches Verhalten. Kennst
du den Grund dafür?«
Hunter schwieg weiter. Worte waren an dieser Stelle überflüssig. Ebenso
wie Topps Feststellung. Ihm musste klar sein, dass Hunter die
Verhaltensänderung ebenfalls bemerkt hatte.
»Wir können uns in dieser Situation keine Schwachstelle erlauben«, fuhr
Ragana nach ein paar Sekunden Stille fort. »Auf unsere engsten Mitarbeiter
müssen wir uns unbedingt verlassen können. Wenn es ernst wird, will ich
niemanden hinter mir haben, der das Vibratormesser schon zum Stoß
bereithält. Im Zweifel stoße ich lieber zuerst zu.«
Sie sah dem Rhodanjäger tief in die Augen und wartete offenbar auf eine
Reaktion. Diese gönnte ihr Hunter nicht.
»Finde heraus, was Creen derzeit bewegt. Bring ihn in die Spur oder löse
das Problem. Wenn nötig, erstatte mir Bericht. Sonst zweifle ich am Ende
auch an deiner Zuverlässigkeit.«
Im letzten Satz ließ sie ihre Stimme eine Tonhöhe nach oben gleiten.
Der Tefroder sah reglos von Ragana zu ihren beiden Söhnen und zurück.
Er verspürte keine Furcht vor diesen arroganten Terranern. Dann riss er sich
los und verließ schweigend die Kantine.
ENDE
Aurec hat das Schweigen gebrochen und weihte die
Anwesenden in die Loge des Kosmos ein. Im nächsten Roman
schildert Aurec den weiteren Verlauf.
Impressum
Die DORGON-Serie ist eine Publikation der
PERRY RHODAN-FanZentrale e. V., Rastatt (Amtsgericht Mannheim, VR
520740)
vertreten durch Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf
www.dorgon.net
Autor: Markus Regler
Cover: Gaby Hylla Innenillustration: Gaby Hylla
Lektorat: Norbert Fiks
Korrektorat: Arndt Büssing
Layout: Burkhard Lieverkus
Sofern nicht anders vermerkt, bedarf die Vervielfältigung, Verbreitung und-
öffentliche Wiedergabe der schriftlichen Genehmigung der Rechteinhaber.
Perry Rhodan®, Atlan®, Icho Tolot®, Reginald Bull® und Gucky®
sind eingetragene Marken der Heinrich Bauer Verlag KG, Hamburg.