Band 131
Ein Leben für den Kosmotarchax
Das Zeitchaos ist ihre Religion
Autor: Mark Kammerbauer
Titelbild: Mathias Rohlfs
Innenillustrationen: Mathias Rohlfs, Jürgen Rudig
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Gucky
Dem Mausbiber sind Mörderbanden zuwider.
Wulfar
Er bereitet sich auf den Kosmotarchax vor.
Wulgast
Wulfars Vater will seinen Sohn schützen.
Quirina
Eine junge Frau verbündet sich.
Lerror
Wulfars Lehrmeister gibt sich geheimnisvoll.
Nathaniel Creen
Der Rhodanjäger gibt sich ehrlich.
PROLOG
Der Blick aus der Kuppel über der Kommandozentrale der NOVA ließ
Constance schaudern.
Dieser Planet ist unerträglich, dachte sie.
Der gewittrige Himmel des Planeten Gray Beast umtoste die Space-Jet,
die auf ihren Teleskoplandestützen auf der Oberfläche des Höllenplaneten
stand. Gelbgraue Schlieren waberten um das Schiff.
Immer wieder blitzte es auf. Die Lichterscheinungen erzeugten
Spiegelungen im Panzertroplon der Kuppel. In den Spiegelungen erkannte
sie sich selbst: Constance Zaryah Beccash, eine junge Frau vom Planeten
Entropia. Jung, aber nicht mehr jugendlich, mit brünetten, wallenden
Haaren, die ein hellhäutiges Gesicht mit grünbraunen Augen umrahmten.
Die Spiegelung verschwand, so schnell sie gekommen war.
Nathaniel Creen stand ein paar Schritte abseits. Der schlanke,
hochgewachsene Terraner hatte die Hände auf der Konsole abgestützt. In
seinem Raumanzug wirkte er wie ein Fremdkörper in der Zentrale.
Constance erinnerte er an ein Raubtier, das auf der Lauer lag.
Aurec saß in einem der Kontursessel und studierte ein Holo. Der
Saggittone und Freund Perry Rhodans wirkte selbst im Sitzen wie eine
gespannte Feder. Die schwarzen Haare des athletischen Mannes glänzten im
Licht der Zentrale. Plötzlich schnellte er aus dem Kontursitz hoch. Sein
Gesichtsausdruck verriet Freude.
Gucky erschien. Er stieg den zentralen Antigravschacht hoch, betrat
jedoch nicht den Boden der Zentrale, sondern hielt sich telekinetisch in der
Luft. Er schwebte auf Augenhöhe vor Constance.
Der Ilt rieb sich die pelzigen Backen, mal links, mal rechts und
verschränkte die Arme vor der Brust. Seine dunkle Kombination wirkte
martialisch. Sein platter Biberschweif hing locker herab.
»Also Leute, es ist so. Diese Takhal Gud Looter sind Räuber, Plünderer.
Und dabei nicht zimperlich. Sie holen sich, was sie wollen. Kampf und Gier
nach Reichtum bestimmen ihr Leben. Ihre Moral ist grundlegend von
unserer verschieden. Und mit uns meine ich Galaktiker. Kurz gesagt, sie
sind eine Plage. Constance?«
Der Ilt blickte sie fragend an. Sie spürte, dass es Gucky zuwider war,
über die Takhal zu sprechen. Das betraf sowohl den Eindruck, den er
vermittelte, mit halb geschlossenen Augen, gesenkter Nase, nach hinten
gezogenen Ohren und verschränkten Armen. Doch er hatte sich Constance
psychisch geöffnet, trotz seiner Mentalstabilisierung. Seine Emotionen
waren für sie eindeutig spürbar. Er mochte die Takhal nicht. Für Gucky
reihten sie sich in eine lange Liste von Mörderbanden ein. Sie begriff
jedoch auch, dass Gucky trotz seiner Vorbehalte einem Austausch mit den
Takhal nicht im Wege stehen würde. Dazu war ihre Aufgabe zu wichtig.
»Gucky hat recht. Wir konnten telepathisch einiges über die Takhal Gud
Looter in Erfahrung bringen. Es ist nicht schön.« Sie lächelte verlegen.
»Wir haben jedoch auch erfahren, warum sie so sind, wie sie sind. Das
erlaubt uns, sie zu verstehen.«
Creen, um eine Handspanne größer als Constance, beugte sich vor.
Aurec räusperte sich, die Fäuste in die Hüfte gestemmt. »Wir können uns
also mit ihnen verständigen?«, fragte er.
»Ja«, antwortete Gucky an der Stelle der »Gefühlvollen« aus dem Volk
der Entropen.
Constance las sein Verhalten so, dass er ihr das Gespräch überließ, aber
bereit war, Eckpunkte zu setzen, wenn es erforderlich war. Um festzulegen,
in welche Richtung es gehen sollte.
So niedlich er aussieht, er ist und bleibt ein uraltes Wesen mit
unglaublich viel Erfahrung in kosmischen Konflikten. Seine
parapsychischen Fähigkeiten machen ihn fast unbesiegbar. Er hat
Gespräche wie dieses immer und immer wieder erlebt. Er kann sich bereits
vorstellen, wo die Reise hingeht, ohne ein Visionär zu sein, dachte
Constance. Oder eine Visionärin wie ich.
Die Frau lachte kurz und kehrte aus ihren Gedanken in die Realität
zurück. Creen und Aurec sahen sie gespannt an.
»Für die Takhal sind Stärke, Kampf und Ehre wichtig. Das ist, was sie
antreibt. Ihre Religion gibt dem Bedeutung. Sie glauben an etwas, das sie
Kosmotarchax nennen. Darunter verstehen sie das Ende des Universums.
Das Zeitchaos, so wie sie es erlebt haben, leitet den Kosmotarchax ein. Aus
ihrer Sicht kämpfen sie am Ende der Zeit, um ihre Welt zu retten. Das
rechtfertigt zwar nicht ihre Ausübung von Gewalt ...« Sie stockte und
blickte kurz zu Gucky, der nach wie vor senkrecht in der Luft schwebte, die
Augenlider gesenkt. »Aber es beschreibt zumindest ihr Weltbild. Gucky
meinte, es hätte in der terranischen Frühgeschichte eine ähnliche Kultur
gegeben ...«
»Die Wikinger«, ergänzte der Ilt schnell.
»Und wie hilft uns das weiter?« wollte Aurec wissen. »Hat Rhodan mit
diesen Wikingern zu tun gehabt?«
»Nicht direkt,« erwiderte Gucky. »Aber der Ehrbegriff der Takhal wird
für uns wichtig sein. Dadurch werden sie berechenbar.«
»Kann man ihnen vertrauen?« fragte Aurec.
»So weit würde ich nicht gehen«, antwortete der Ilt.
Constance seufzte. »Du hast Rhodan erwähnt, Aurec. Dazu haben wir
auch Informationen erhalten. Rhodan spielt für die Takhal eine Rolle. Sie
kennen ihn entweder oder sind ihm irgendwann begegnet. Und zwar im
Zusammenhang mit einem konkreten Vorfall, der mit dem Zeitchaos zu tun
hat. Gucky hat mir schon gesagt, dass er sich keinen rechten Reim daraus
machen kann. Rhodan hat Zeitreisen durchgeführt, aber wenn er den Takhal
dabei begegnet ist, war Gucky nicht dabei.«
»So ist es«, bestätigte der Mausbiber.
»Oder diese Zeitreise findet erst in der Zukunft statt?« fragte Aurec.
»Das könnte sein«, bestätigte Constance. »Oder Rhodan ist lediglich ein
Mythos. Eine Legende. Etwas in der Art haben wir auch aufgeschnappt. Im
Rahmen des Kosmotarchax soll Rhodan erscheinen – oder verschwinden.
Die Ideen dahinter sind verworren. Im Grunde wissen die Takhal nicht,
worum oder gar um wen es sich bei Rhodan überhaupt handelt. Er ist für
die Takhal ein Aspekt des Zeitchaos. Und das Zeitchaos wollen sie
rückgängig machen.«
»Könnte man sagen, die Takhal stehen auf unserer Seite?«
»Das würde ich nur unter der größten Vorsicht bejahen«, stellte Gucky
fest.
»Aber unmöglich ist es nicht«, ergänzte Constance.
»Dann reden wir doch mit einem von ihnen«, schlug Aurec vor.
»Genau das werden wir tun«, erwiderte Gucky. »Leute, bereitet euch auf
die Ankunft eines Gasts auf der NOVA vor.«
Ein Signalton erklang. Gucky, Constance und Aurec drehten sich zu
Creen, der sein Handgelenk hob und auf sein Multikom blickte. Er wirkte
überrascht.
»Ich muss kurz etwas erledigen«, sagte Creen knapp. Es schien, als warte
er die Reaktion der anderen ab. Einen Augenblick später verließ er ohne
Hast die Zentrale der NOVA.
»Muss wohl wichtig sein«, stellte Gucky fest, schwebte in einen
Kontursessel und schlug die Beine entspannt übereinander. Die Augen des
Ilt blitzten belustigt.
So gefällst du mir viel besser, dachte Constance, und sie spürte, dass sie
sich selbst ebenfalls entspannte.
Creen sprang in den Antigravschacht und ließ sich nach unten treiben. Auf
dem Maschinendeck trat er aus dem Schacht und lief an den
Speicherbänken der Energieanlagen vorbei. Auf seinem Multikom ging ein
Anruf ein.
Es ist Eleonore, stellte Creen überrascht fest.
»Creen?« rief die personifizierte Positronik der NOVA. »Können wir
sprechen?«
»Ja.«
»Ich habe es geschafft, meinen gesamten Dateikomplex in deinem
Multikom zu speichern. Du musst bitte gut darauf aufpassen!«
»In Ordnung«, sagte Creen.
»Stelle bitte eine gesicherte Datenverbindung zwischen dem Multikom
und der positronischen Rechnerstruktur der NOVA her. Dann kann ich
versuchen, meinen Dateikomplex wieder in die NOVA zu übertragen.«
»Ich verstehe.«
»Ich brauche unbedingt einen neuen Androidenkörper, Creen. Anders
geht es nicht. Aber ...«
»Aber was?«, fragte Creen.
»Es gibt da etwas, das mir Sorgen macht«, bemerkte Eleonore.
»Nun sag es schon, damit ich dir nicht alles aus der Nase ziehen muss«,
erwiderte Creen.
Undifferenzierte Störgeräusche drangen aus dem Multikom.
Solche Gespräche machten ihn unruhig. Und wenn er Unruhe spürte,
konnte daraus Wut und Zorn werden. In der Folge stiegen Erinnerungen an
die Konflikte der Vergangenheit wieder an die Oberfläche seines
Bewusstseins.
Creen beherrschte sich, straffte seinen hochgewachsenen Körper.
»Erkläre mir bitte, was los ist, Eleonore.«
Ein digitales Seufzen erklang. »Wer bist du wirklich, Nathaniel?« fragte
sie unvermittelt.
Creen traf die Frage direkt ins Herz.
»Bist du mit Cauthon Despair identisch? Bitte sei ehrlich zu mir!«
Er senkte den Kopf und antwortete. »Ja, der bin ich. Ich gebe es dir
gegenüber zu, Eleonore. Weil wir uns vertrauen.« Er pausierte für wenige
Sekunden. »Du musst mir etwas versprechen. Und es geht dabei gar nicht
um mich, sondern um das, was wir hier tun. Ich möchte den anderen noch
nicht offenbaren, wer ich wirklich bin. Bitte sag Gucky, Constance und
Aurec nichts darüber.«
»Ich verstehe es noch nicht ganz, Nathaniel ... was ist der Grund dafür,
dass die anderen nicht wissen dürfen, dass du Cauthon Despair bist?«
Sein behelmter Kopf drehte sich zur Seite, als müsse er sich abwenden.
»Es ist so ... ich weiß einfach noch nicht, welcher Pfad der richtige ist. Mir
fällt es im Moment schwer, den anderen mehr über mich zu erzählen, weil
es unsere Lage gefährden könnte. Denn wir verstehen insgesamt noch zu
wenig über die Situation hier auf Gray Beast. Außerdem verbindet uns
bislang keine wirklich gute Vergangenheit. Wenn wir mehr über die Takhal
Gud Looter wüssten, wäre es einfacher für mich ...«
»Also gut, Nathaniel, ich verspreche dir, dass ich dein Geheimnis für
mich behalte.«
Er ließ den Kopf in den Nacken fallen und spürte die Erleichterung, als
wäre die Schwerkraft an Bord der Space-Jet herabgeregelt worden.
»Solange wir alleine sind ... darf ich dich Cauthon nennen?«
»Gut.« Sofort war Cauthon Despair angespannt.
»Ich habe einen Plan, wie wir mit unserem Gast verfahren können.«
Ein Lächeln umspielte Despairs Lippen hinter der Maske, doch darin war
nur wenig Freude und eine Spur Grausamkeit.
Er beendete den Kontakt zu Eleonore und rief die Zentrale über das
Multikom. Es musste nun schnell gehen.
Gucky beantwortete seinen Anruf. »Was gibt es, das nicht warten kann,
bis du in die Zentrale gekommen bist? So groß ist die Space-Jet nun ...«
»Hört mir zu! Wenn der Gast mentalstabilisiert ist, brauchen wir einen
anderen Weg als Telepathie, um an Informationen zu kommen. Ich habe
einen Plan.«
Cauthon Despair alias Nathaniel Creen stand breitbeinig im Schleusenraum
im unteren Bereich der Space-Jet. Das Schleusentor stand offen, die
Landerampe war ausgefahren.
Ein Mann stieg die Rampe hoch. Er war 1,85 Meter groß , hatte eine
helle Hautfarbe, dunkelblonde Haare und wirkte kräftig und durchtrainiert.
Der Ankömmling trug eine dunkelbraune Hose über schlichten, schwarzen
Raumfahrerstiefeln. Der Brustkorb wurde durch eine braune Weste
verdeckt. An der Hüfte hing eine primitiv wirkende Waffe, eine
doppelseitige Axt aus Stahl oder ähnlichem Material, durch einen Gurt am
Körper festgebunden.
Der Takhal sieht wie ein Terraner aus, fand Despair. Wenn es so war,
dann schätzte er das Alter des Gastes auf Mitte Dreißig. Außer dem
Dreitagebart fielen ihm die Tätowierungen an den Armen, den Händen und
dem Hals des Besuchers auf. Er erkannte geometrische Muster, Flugwesen
und Wappen. Auf einem Arm sah er ein scharfkantiges Gesicht mit
gebogener Nase und schmalem Mund. Darunter befand sich ein Zeichen. Er
stutzte. War das ein USO-Dogtag? Wie war das möglich?
Er blickte dem Ankömmling in die blauen Augen. »Willkommen an Bord
der NOVA, Kommandant Wulfar von den Takhal Gud Lootern.«
»Wulfar genügt. Ebenso Takhal. Kurz und knapp ist gut.«
»Ich bin Nathaniel Creen«, sagte Cauthon Despair und ergänzte, wie um
abzulenken, »schöne Tinte trägst du.«
»Man dankt.«
»Wer ist das auf deinem Arm?«
Wulfar hob den Arm, blickte auf die Tätowierung und sah auf das
maskierte Gesicht vor ihm. »Das ist der Gott der Piloten. Wir nennen ihn
Redhorse.«
Doch nicht etwa Don Redhorse, der legendäre Oberst der Solaren
Flotte?, dachte Despair. Das wird ja immer interessanter. Dann müssen die
Takhal Nachkommen von Terranern sein!
»Ich führe dich gern durch das Schiff, Wulfar«, bot er an. »Die Frage ist,
ob du deine Waffen ablegen willst.« Er sprach absichtlich in der Mehrzahl,
obwohl er nur die Axt sehen konnte. Er zweifelte nicht daran, dass der
Takhal noch mehr Waffen bei sich führte.
Wulfar zeigte ein beherztes Grinsen. Die zusammengekniffenen Augen
verrieten jedoch, dass er nicht lustig gestimmt war. Er klopfte mit der
Handfläche auf die Schneide der Axt. »Bryntroll bleibt bei mir. Es ist eine
Sache der Ehre, dass die Waffen ruhen, wenn man Gast ist. Die Waffen
sprechen nur, wenn die Gastfreundschaft gebrochen wird.«
Damit wies Wulfar die Verantwortung für eine mögliche bewaffnete
Auseinandersetzung klar der Besatzung der NOVA zu.
Ein geschickter Zug, dachte Despair. Und ein Weg, so etwas wie
Vertrauen zu schaffen. Wenn wir nicht in der Lage sind, auf unserem
eigenen Schiff die Kontrolle zu behalten, wie soll er vor uns Respekt haben?
Dem Takhal ist es wichtig, herauszufinden, mit wem er es zu tun hat.
Genauso wie uns.
Despair grinste breit. Etwas an dem »Räuber und Plünderer«, wie Gucky
sich ausgedrückt hatte, gefiel ihm.
»So sei es. Dann komm mit!«
Despair bediente ein Feld neben dem Schott, das mit einem Zischen seitlich
in die Korridorwand glitt.
»Hier ist unser Labor«, erklärte er dem Takhal und ging voran. In der
Raummitte drehte er sich um und blickte Wulfar an, der langsam in das
Labor trat.
»Als Kommandant meines Schiffs bin ich selten in Labors«, gab er
unumwunden zu.
Ehrlich scheint er ja zu sein, dachte Despair.
»Aber ohne Forschung geht es auch bei den Takhal nicht. Verrätst du mir,
woran hier geforscht wird?«
Despair schritt zu einer Konsole, worauf die Rückwand des Raums von
opak zu transparent schaltete. Hinter einer Glassitscheibe wurden die
Umrisse eines humanoiden Körpers sichtbar.
»Das ist Eleonore. Sie ist ein künstliches Lebewesen. Wir entwickeln hier
ihren Körper«, erklärte er .
»Welche Aufgabe hat dieses künstliche Wesen?«
»Das ist eine sehr direkte Frage«, entgegnete Despair. Interessant, dachte
er. Wulfar ist weder überrascht, noch zeigt seine Stimme oder Wortwahl
irgend eine Art von Voreingenommenheit gegenüber komplexen technischen
Androidensystemen. Lässt sich daraus ein Schluss ziehen, was die
Zusammensetzung der Gesellschaft der Takhal betrifft?
»Du scheinst dich nicht darüber zu wundern«, entgegnete Wulfar.
Diesmal war sein Lächeln tatsächlich freundlich und offen.
»Nun, ich denke, die Einstellung zu künstlichem Leben sagt auch etwas
über die Gesellschaft aus, mit der man in Kontakt tritt.«
»Ebenfalls direkt«, sagte Wulfar. »Wir Takhal haben ein Ziel, und alle
müssen ihren Teil dazu beitragen. Was ist euer Ziel?«
Der freundliche Schlagabtausch gefiel Despair, aber ihm wurde klar, dass
er aufpassen musste, dem Takhal nicht zu viel Sympathie
entgegenzubringen. Immerhin war er ein Fremder. Auch ein Kämpfer, ganz
offenbar, aber noch lange kein Verbündeter oder gar ein Freund.
»Das Ziel Eleonores ist, virtuelle Realitäten zu erforschen. Durch ihre
positronische Persönlichkeit, den Synthokörper und die virtuellen
Realitäten können wir wichtige Erkenntnisse gewinnen, die für eine ganze
Reihe von Technologien relevant sind. Ursprünglich haben wir auf einem
Planeten namens Stellacasa die Interaktionen zwischen virtuellen Realitäten
und Avataren erforscht und Pilotprojekte durchgeführt.« Despair machte
eine Kunstpause. »Ein im weitesten Sinn als temporal verstandenes
Phänomen hat jedoch dazu geführt, dass wir die Arbeit auf Stellacasa
einstellen mussten.«
»Ein temporal verstandenes Phänomen«, entgegnete Wulfar gedehnt.
»Eine Art ... Zeitchaos, vielleicht?« Seine Augen wurden wieder schmal.
Vorsicht!, schoss es durch Despairs Gedanken.
»Das ist auch der Grund, warum wir Eleonore rekonstruieren müssen«,
versuchte er, von dem Thema Zeit abzulenken.
Wulfar ging darauf ein.
»Wie kommuniziert ihr mit dem Kunstwesen, solange der Körper noch
nicht voll entwickelt ist?«
Ȇber eine Schnittstelle, die organische Gehirne mit der virtuellen Welt
verknüpft. Eigentlich eine Standardtechnologie.« Und gedanklich ergänzte
er, kann es sein, dass du neugierig darauf bist, Wulfar von den Takhal?
Despair entschloss sich, den entscheidenden Zug in diesem Spiel zu spielen.
»Ich möchte dich dazu einladen, die Schnittstelle zu nutzen.«
»Ich bin dabei«, sagte Wulfar ohne zu zögern.
»Willkommen, Wulfar«, erklang Eleonores körperlose Stimme.
Die beiden Männer schienen in einem Raum zu stehen, der einer Schleuse
ähnelte.
»Die Simultane Emotio- und Reflextransmission ist eine Technologie, die
seit Jahrtausenden in Gebrauch ist. Sie diente zunächst zur
Signalübertragung zwischen besonders geschultem Personal und
hochkomplexen technischen Systemen. Später wurde sie für etwas genutzt,
das Simusense genannt wurde, was mit unserer Anlage hier auf der NOVA
vergleichbar ist. SERT-Systeme sorgen grundsätzlich für eine wesentliche
Beschleunigung von Reaktionszeiten, insbesondere in Konfliktsituationen«,
erklärte der Gastgeber.
»So etwas dachte ich mir schon«, erwiderte Wulfar. »Da wir Takhal aus
vielen Völkern zusammengesetzt sind, ist die Schnittstellenproblematik
insbesondere biologisch definiert. Ich bin jedoch kein Rhetor Scientia. Mich
interessiert, ob es im Kampf funktioniert.«
Rhetor Scientia ... die Takhal eine Mehrvölkerkultur ... für diese
Informationen hat sich das Geplänkel bereits gelohnt, dachte Despair und
achtete darauf, dass die Gedanken nicht über das Interface im virtuellen
Raum hörbar wurden.
»Die Takhal und wir weisen biogenetische Symmetrien auf, die eine
Verwendung der Technologie ohne Problem zulassen. Wir haben das bereits
im Labor geprüft.«
»Na, dann bin ich ja froh!«, rief Wulfar erheitert.
»Und mit einem Kampf können wir auch dienen, Wulfar«, hörte er
Eleonore sagen.
Ganz nach Plan.
»Das gefällt mir. Ich nehme an, ich muss lediglich die Schleuse
passieren, und ich erlebe ein passendes Szenario?«
»So ist es, Wulfar.«
Der Takhal schritt auf das virtuelle Schleusentor zu. »Na dann, los!«
Wulfar hatte bereits festgestellt, dass nicht seine gesamte Ausrüstung
simuliert worden war. Bryntroll war nicht mehr bei ihm. Ein kurzes
Abtasten der entsprechenden Stellen seiner Weste und Hose bestätigte, dass
das für seine versteckten Waffen ebenfalls galt. Er grinste innerlich. Das
machte die kommende Auseinandersetzung nur interessanter.
Er befand sich in einer Steppenlandschaft. Dürre Sträucher und
vertrocknete Bäume tauchten sporadisch auf. Hier und da wuselten kleine,
geschuppte Echsenwesen und pelzige Nager zwischen Felsen hin und her.
Über dem bergigen Horizont stand eine tiefrote Sonne. Der Himmel trug
eine bl augraue Farbe mit grünen Spuren, die Wulfar an Giftgas erinnerte.
Reflexhaft hielt er den Atem an, schalt sich und atmete weiter. So schien es
jedenfalls.
Präzise und realistisch, diese Simulation, befand er.
Wulfar war klar, dass seine Gastgeber alles aufzeichnen konnten, was in
diesem virtuellen Raum geschah. Das lag in der »Natur« solcher Systeme.
Aber man musste einen Schritt nach vorne machen, wenn man nicht den
Rückzug antreten wollte. Die Takhal waren nach Gray Beast gekommen,
um vorwärts zu schreiten. Wenn ihre Gastgeber daraus Rückschlüsse ziehen
konnten, dann war es so. Anders hätte er ihnen auch keinen Respekt
entgegenbringen können. Er hätte sich umgekehrt ähnlich verhalten.
Ein anderer Kommandant oder ein Krigsleder der Takhal hätte die
Fremden gefangen gesetzt, vielleicht gefoltert oder zum Spaß in eine Arena
zum Kampf ohne Wiederkehr geschickt. Doch Wulfar wusste, wer er war
und wie er Gewalt einsetzen musste, um dem Klan einen Vorteil zu
verschaffen. Nämlich gezielt und chirurgisch. Aber wer weiss?, dachte er.
Vielleicht werden unsere Gastgeber sogar brauchbare Takhal. Dieser Creen
ist jedenfalls nicht zu unterschätzen. Er würde die Mannschaft der
ROVERSTJERNER gut ergänzen.
Wulfar spürte die Hitze der Sonne auf seiner Haut. Er roch die staubige
Luft, die wenigen Duftspuren der Pflanzen. Er lief geradeaus, auf eine
felsige Anhöhe zu.
Überblick verschaffen.
Die rote Sonne warf helle Schlieren auf die Felsen. An manchen Stellen
bildeten schwarze, gezackte Formen einen starken Kontrast.
Felsspalten. Gute Verstecke.
Aus einer der dunklen Flächen schälte sich eine Gestalt heraus. Ein
Mann. So groß wie Wulfar, jedoch wesentlich breiter gebaut.
Könnte ein Pariczaner sein, dachte er.
Der simulierte Fremde schritt auf ihn zu. Er ließ die Arme locker
herabhängen und drehte Wulfar die offenen Handflächen entgegen.
Keine Waffen. Zumindest keine sichtbaren.
Wulfar konnte nun das Gesicht erkennen.
Ha! Er lachte innerlich auf. Er sieht ja fast aus wie Hogun Buranu!
Der Simulierte trat kräftig auf. Staub stieg hoch. Vom Schrecken
getrieben, sprintete kleines Getier in alle Richtungen davon, Flugwesen
flatterten aufgebracht.
Plötzlich rannte der Mann los, ballte die Hände zu Fäusten und zog die
Ellenbogen hoch. Im Lauf drehte er den Oberkörper nach rechts. Einen
Schritt vor Wulfar vollzog er eine gegenläufige Drehung, der rechte Arm
schnellte gestreckt nach vorn. Ein Sprung, und mit der Faust voran flog der
Fremde beinahe auf Wulfar zu.
Der Takhal ließ sich fallen, drehte sich und trat mit dem Fuß gegen eines
der Beine des Angreifers. Der kam ins Straucheln, fing sich jedoch schnell,
drehte sich um und raste wieder auf Wulfar zu.
Verfluchter Umweltangepasster, dachte der Takal und sprang erneut zur
Seite. Diesmal war der Angreifer vorbereitet und traf mit der Linken.
Ein stechender Schmerz fuhr durch Wulfars Körper.
Verfluchte Simulation! Aber zum Glück nur knapp getroffen. Sonst hätte
der Schlag mehrere Rippen gebrochen.
Der Angreifer trat zu. Der Takhal rollte sich zur Seite, sprang auf und
verschaffte sich Abstand.
Mit geübten Griffen nahm er seine Weste ab und zog sie mit beiden
Händen auseinander. Einen Fuß hatte er auf einen Stein gestellt. Gebeugt
wartete er den nächsten Angriff ab.
Der kam prompt, der Mann lief auf Wulfar zu, beide Fäuste im Stil eines
Boxers vor das Gesicht gehoben.
Wulfar musste grinsen.
Er glaubt, den Trick durchschaut zu haben.
Als der Angreifer kurz vor ihm war, duckte sich Wulfar, spannte die
Weste, wickelte sie um den Unterschenkel des Angreifers und zog kräftig.
Der fiel der Länge nach hin, mit dem Gesicht auf seine eigenen Fäuste.
Schnell ließ Wulfar die Weste los, packte den Stein, auf dem er gestanden
war und schlug ihn mit voller Wucht auf den Hinterkopf des Fremden. Der
rührte sich nicht mehr.
Er hat gedacht, ich versuche hochzuspringen und seinen Kopf mit der
Weste zu umwickeln. Tja, reingelegt.
»Ich bin fertig, Freunde!« rief er in den Himmel unter der roten Sonne
und gähnte.
Ein helles Rechteck bildete sich in der Landschaft. Die virtuelle Schleuse
wartete auf ihn. Er ließ den Fremden und seine Weste liegen und schritt
darauf zu.
KAPITEL 1
Zufrieden klopfte Wulfar gegen Bryntroll, der nun wieder am Gurt an seiner
Seite hing. Zum einen hatte er den virtuellen Kampf gewonnen, was ihm
Spaß gemacht hatte. Zum anderen hatte er sich ein Bild von der
Technologie und Mentalität der Gastgeber in der Milchstrasse machen
können. Er hatte ein gutes Gefühl bei der Sache. Die Takhal konnten auf
diese Weise ihre Ziele in der Milchstrasse erreichen. Vielleicht nicht sofort,
aber in absehbarer Zeit. Wulfar war geduldig.
Nachdem er sich von Creen verabschiedet hatte, verließ Wulfar die
NOVA aus der unteren Schleuse und lief geschmeidig die Rampe hinunter
auf die Oberfläche von Gray Beast. Nur wenige Schritte entfernt stand der
autonome Transmitter. Er betrat das Transmissionsfeld und kam auf der
ROVERSTJERNER wieder heraus. Der Transmitter würde eigenständig
den Standort neben der NOVA ver lassen und breiten Adlerraumschiff vom
Typ Vesus zurückkehren.
Seine Adjutantin empfing ihn, eine Oxtornerin mit dunkler Haut. Typisch
für ihr Volk war sie gut 1,90 Meter groß, aber mit einem Meter
Schulterbreite fast schmal. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, dass ihr
etwas Mädchenhaftes gab. Wulfar mochte sie und vertraute ihr, jedoch nicht
bis in seine Privatgemächer. Zum einen hätte Quirina etwas dagegen
gehabt, zum anderen wäre das Verletzungsrisiko für ihn einfach zu groß
gewesen. Eine Oxtornerin war selbst für andere Umweltangepasste zuviel
des Guten.
Wulfar musste schmunzeln.
»Kommandant – der Rhetor Scientia unseres Taka ist an Bord.«
»Kurush?«
»Ja, Kommandant!«
»Bring mich zu ihm.«
»Er wartet im lateralen Besprechungszimmer.«
Die Adjutantin ging voran. Vom Transmitterraum passierten sie einen
Sicherheitsbereich. Es machte Sinn, dass Besucher schnell vom Transmitter
zu einer Besprechung mit dem Kommandanten der ROVERSTJERNER
gelangen konnten, doch man durfte es solchen Besuchern nicht zu einfach
machen. Nicht alle Klans waren befreundet. Vergleichbares galt für die
Familien innerhalb eines Klans. Sicherheit ging vor, mit analytischen
Geräten und defensiven wie offensiven Waffen.
Das Tor bildete einen kunstvollen Rahmen, der das profane
Schleusenschott mit vergoldeten Ornamenten veredelte, die Körperteile,
Symbole und abstrakte Formen darstellten und zu einem umlaufenden,
dreidimensionalen Bild verschmolzen. Die Dorgonen hatten als
ursprüngliche Erbauer des Schiffs stets aufs Repräsentative Wert gelegt, auf
sichtbare Zeichen ihrer Kultur, die sie ihren Besuchern in der Form von
Luxus präsentierten.
Das Schott öffnete sich mit einem Zischen.
Die Adjutantin wies mit einer Hand in den Raum dahinter und blieb mit
gesenktem Kopf stehen.
Wulfar ging an ihr vorbei. Die Oxtornerin schloss das Tor hinter ihm.
Der Raum war luxuriös eingerichtet, mit edlem Mobiliar ausgestattet und
der Boden mit dicken Teppichen belegt. Wandgemälde zeigten Mythen und
Symbole der Takhal. Ein breites Panoramafenster erlaubte den Blick auf die
unwirtliche Umwelt von Gray Beast.
Kurush stand mi t dem Rücken zum Panorama. Sein kybernetisches Auge
schien Wulfar anzustarren.
»Wulfar freut sich über deinen Besuch, Rhetor Scientia«, sprach er die
Grußformel.
»Und Taka Raym freut sich über deine Gastfreundschaft, Kommandant
Wulfar«, entgegnete der Zyklop.
Als Rhetor Scientia des Taka Raym stand Kurush dem Anführer des Kl
an Atilla zur Seite. Er war eine imposante Erscheinung, hochgewachsen,
mit einem geflochtenen Bart, der als grauer Zopf vor dem nackten
Oberkörper des Mannes hing. Kurush trug eine braune Hose aus Leder und
Raumfahrerstiefel in der selben Farbe. Lediglich ein Umhang bedeckte den
Rücken, mit einer Kette von Schlüsselbein zu Schlüsselbein als
Befestigung.
Am eindrucksvollsten war sein Gesicht. Unten schloss das kantige Kinn
es ab. Die Lippen waren dünn, die Nase scharf gebogen. Es schien, als hätte
er die Augen geschlossen. Das täuschte jedoch, denn Kurush hatte keine
natürlichen Augen. Er war seit seiner Geburt blind, die Augenhöhlen von
Gesichtshaut überzogen.
Sein Kopf war kahl und tätowiert. Flammen loderten von den Schläfen in
die Mitte der Stirn, trafen sich dort und verliefen am Schädel entlang.
Die Flammenspur verläuft bis in den Nacken hinab, wusste Wulfar. An
den Schultern endet sie jeweils, was der Umhang jedoch verbirgt.
Die Arme Kurushs waren eher drahtig als muskulös. Links war eine
Rakete vom Handgelenk bis zur Schulter tätowiert, rechts ein
langgezogener Totenschädel und eine schwarze Blume.
Das eigenartigste Merkmal Kurushs waren jedoch weder seine
Tätowierungen, noch seine zugewachsenen Augenhöhlen. Obgleich er blind
geboren worden war, konnte der Rhetor sehen. Mittig auf der Stirn befand
sich ein Implantat – ein einziges kybernetisches Auge.
Darum nannte man Kurush auch den Zyklopen.
»Womit kann ich Taka Raym dienen?« fragte Wulfar.
»Du hast die Gastgeber getroffen?«
»Ja.«
»Sie sind uns sehr ähnlich, nicht wahr?«
»So ist es.«
»Das ist eine gute Gelegenheit, darüber zu sprechen, wer wir sind«,
stellte Kurush fest. »Damit Klarheit darüber besteht, wer Takhal ist und wer
nicht.«
»Zweifelt jemand daran?« fragte Wulfar belustigt.
»Niemand zweifelt deine Loyalität an«, hörte er eine Stimme neben sich.
Sein eigener Berater, Lerror, hatte sich genähert. Seine roten Augen
strahlten, die weißen Haare hingen lang den kantigen Schädel hinab.Die
Arme hatte er in der schlichten grauen Kutte verborgen, sicherlich
verschränkt, wie so oft.
»Dann kann mir vielleicht jemand erklären, warum wir hier über uns
reden und nicht über unsere neuen ...«, er machte eine kleine Kunstpause,
zog mit dem Finger einen Kreis in der Luft, »... Freunde?«
»Sind sie das denn?« wollte Kurush wissen. Seine S timme blieb ruhig
und unaufgeregt.
Wulfar verstand, dass es nicht um eine Anklage ging. Dennoch hatte er
ein Problem mit dieser Situation. Kurush kam auf sein Schiff – sein Schiff!
Dessen Kommando Taka Raym ihm übertragen hatte! – und verlangte etwas
von ihm.
Nun gut, wir sind nicht in der STERNENZITADELLE, dann wäre die
Situation eine andere. Taka Raym hätte dort von mir alles verlangen
können.
Kurush trat einen Schritt auf Wulfar zu. »In diesem Moment findet ein
Gespräch zwischen dem Taka und Aurec von der NOVA statt. Ich möchte
die Zeit nutzen, um ein neues Psychogramm von dir zu erstellen. Dazu
möchte ich dich fragen ...«
Er bittet nicht!, begriff Wulfar.
»... ob du deine Erfahrungen in einer Chronik festhalten möchtest. Es
wäre für das Rhetoricum Scientia wichtig, auf dieser Grundlage Daten an
den Taka weiterzuleiten.«
»Warum willst du, dass ich das alles wiederhole? Es ist doch in den
Protokollen gespeichert!«
Kurush entgegnete prompt. »Ich möchte es so von dir hören, wie du dich
daran erinnerst.«
Wulfars Anspannung nahm zu. Er klopfte mit der Handfläche auf das
Blatt seiner Axt, die seitlich an seinem Gurt hing. Er wurde laut. »Ich sehe
nicht ein, warum ...«
Der Zyklop zeigte in keiner Weise, wie er Wulfars Auftritt empfand. Er
stand still da, an seiner Mimik veränderte sich nichts. Sein mechanisches
Zyklopenauge verriet ebenfalls keinerlei Regung.
Wulfar zog langsam Bryntroll vom Gurt. Mit geübter Hand wechselte er
den Griff vom Kopf zum Stielknauf der Doppelaxt. E in Fingerdruck
genügte, und die Klinge erhitzte sich langsam.
Kurushs Mundwinkel zuckte, doch ansonsten rührte er sich nicht.
Nein, bemerkte Wulfar. Er hebt die rechte Hand und dreht gleichzeitig
die linke Hand nach hinten ... Hat er dort eine Klinge versteckt?
Es schien, als erhitzte sich nicht nur die Schneide seiner Doppelaxt,
sondern die gesamte Luft in dem Besprechungszimmer. Wulfars Hals wurde
trocken, seine Luftröhre schien sich zu verengen. Instinktiv hatte er eine
Kampfhaltung angenommen, die Beine breit, in einer Linie zum Gegner, die
Rechte mit der Axt locker, die Linke hinter dem Rücken.
Ich bin bereit, dachte er. Gut so!
»Warum was?« fragte Kurush endlich.
Wulfar räusperte sich, grinste breit, senkte den Kopf und hob die Augen.
»Warum ich dir entgegenkommen ...«
Lerror unterbrach ihn. »Geehrter Kurush, da ich der Berater der Familie
Wulfars bin, biete ich mich an, das Verfahren zu begleiten.«
Wulfar schnaubte. Lerror hatte es wieder einmal geschafft, eine Situation
zu entschärfen, bevor ein offener Konflikt losbrach. Ein Kampf mit Kurush
wäre auch schwer abzuschätzen gewesen. Der Berater des Taka hielt viel
zurück und hütete seine Geheimnisse. Es war nicht selbstverständlich, dass
ein Rhetor einem Krigser wie Wulfar im Kampf unterlegen sein sollte.
Zwar hatte er keine Angst davor, sich mit Kurush zu messen, doch es stellte
sich die Frage, ob es sinnvoll war, in dieser Situation Gewalt anzuwenden.
Selbst wenn es klar war, dass ein Berater unter einem Kommandanten
stand, zudem auf dessen eigenen Schiff – Kurush war der Berater des Taka
Raym, und der stand eindeutig über Wulfar.
»Ich bin nicht begeistert von deiner Bitte, Kurush. Aber ich bin bereit
dazu, wenn es der Sache des Klans und der Takhal hilft.«
»Dann fangen wir an!«
KAPITEL 2
»Au!« rief der Junge.
Der Berater seiner Familie legte die Rute aus elastischem Kunststoff
zurück auf seinen Schoß.
»Nur die härtesten Schläge vergisst man nicht, Wulfar. Merk dir das.«
»Aber darum muss es doch nicht so weh tun«, erwiderte der Junge mit
kindlicher Logik.
»Doch, muss es. Sonst lernt man nicht. Sonst kann man die Dimension d
es Schmerzes nicht abschätzen. Weil der Gegner diese Dimension
verschleiert oder selbst nicht abschätzen kann.«
Der Berater streckte den Rücken, blickte auf den Jungen herab.
»Das ist die Lehre: Du musst wissen, wie es ist, Schmerz zu empfinden,
denn es ist die Aufgabe eines Takhal, im gegebenen Fall Schmerz
auszuteilen.«
»Weil wir Takhal sind!«, rief Wulfar mit plötzlich aufkeimender
Begeisterung.
»Weil wir Takhal sind, Wulfar.«
Die beiden saßen in einem Lehrzimmer des Rhetoricums. Vor ihnen
spannte sich ein Hologramm auf. Es zeigte eine Wiesenlandschaft, die sich
bis zu einem virtuell Horizont erstreckte. Blaues Gras wogte in einem
imaginären Wind unter gelben Himmel. Für die beiden wirkte es, als säßen
sie auf einer Anhöhe unter Bäumen und blickten bis zum Ende einer
unbekannten Welt. Eine Welt, die Takhal irgendwann erobert hatten. Auf
der ein Mitglied des Rhetoricums holografische Aufnahmen gemacht hatte,
um genau dieses Szenario auf einem Takhalschiff zu reproduzieren.
Das, oder irgend jemand hatte einen Satz Holosuiten irgendwo gestohlen.
»Erzählst du mir vom Kosmotarchax?«
»Nicht heute, Junge. Die Lektion ist vorbei. Ich muss zum Familienrat,
dein Vater erwartet mich.«
»Dann kann ich spielen gehen?«
»Das kannst du.«
Der Junge sprang wie eine gespannte Feder von der Bank hoch und lief
ein paar Schritte, bevor er sich umdrehte und Lerror fragend anblickte.
»Ich berichte dir später.«
Wulfar nickte und verschwand im Korridor, der an das Lehrzimmer
angrenzte.
Lerror versiegelte das Lehrzimmer. Das Holo der Wiesenlandschaft
verschwand. Kurz war kein Bild zu sehen, dann erschien ein Takhal in
Kampfmontur in einer technisch hochinstallierten Kabine.
Wulgast, Wulfars Vater, stellte Lerror fest. Der Krigsleder des Atilla-
Klans, über dem nur Taka Raym stand.
»Ist die Leitung gesichert?«, fragte der Takhal mit terranischen und
dorgonischen Wurzeln.
»Ist si e«, antwortete Lerror.
»Hier ist der Stand der Situation. Ich berichte selbst. Das geht schneller.
Die letzten Reste der Topthors sind beseitigt. Sie haben sich in einer
Erholungsanlage verschanzt. Als würden sie Urlaub machen! Als würden
wir es ausgerechnet ihnen erlauben, Urlaub zu machen.«
Wulgast lachte herzhaft.
»Was kann ich zur Situation beitragen?« fragte Lerror.
»Ich sag dir was, Berater,« antwortete der Krigsleder. »Wir haben hier
etwas gefunden, dass sich für unsere Sache in mehrerlei Hinsicht eignet.«
Wulgast nestelte an irgendetwas unterhalb des Kameraausschnitts. Die
Bildübertragung brach ab, der Ton lief jedoch weiter. »Sieh mal, was
außerhalb unseres Kommandowagens steht«, sagte der Oberbefehlshaber
des Klanmilitärs.
Das Bild baute sich wieder auf, Zeile für Zeile. Die Armee des Atilla-
Klans befand sich einige hunderttausend Kilometer von der Sternenburg
entfernt, umgeben von Störsendern der Topthors, die noch nicht zur Gänze
ausgeschaltet worden waren.
Das Bild zeigte ein imposantes Gebäude. Fast quadratisch in der Ansicht,
zwanzig Geschosse hoch und reichlich mit Fenstern ausgestattet. Lerror
schätzte die Außenmaße auf gut 75 Meter. Weiße Fassade, hervorstehende
Eck- und Mittelrisalite, ein geneigtes Dach mit dunkler Deckung.
»Was siehst du?«
»Ein Hotel?«
»Richtig. Es ist schließlich ein Erholungsort, an dem wir uns befinden.
Auch wenn sich hier kei ner mehr erholt.« Wieder lachte Wulgast, so laut,
dass der Ton verzerrt wurde.
»Es wird GRAND HOTEL genannt. Wir werden es mitnehmen. Es wird
unser Quartier in der neuen Sternenburg, der STERNENZITADELLE. Es
ist genau das, was wir gesucht haben! Lerror, du musst dafür eine Lieferung
Spittocks organisieren. Wir brauchen sie sofort. Dann können wir das ganze
Bauwerk von der Planetenoberfläche holen!«
Lerror kalkulierte. Wulgast und er hatten darüber gesprochen, in der
neuen STERNENZITADELLE des Taka Raym einen Ort zu schaffen, der
Wulgasts Familie Sicherheit bieten sollte. Das wäre nicht einmal das
primäre Argument für diese Maßnahme gewesen. Die Takhal suchten auch
aus religiösen Gründen nach Orten dieser Art, denen sie eine Bedeutung vor
dem Hintergrund des Kosmotarchax zuschreiben konnten. Sicherheit war
jedoch der wichtigste Aspekt – Sicherheit für den Klan, die Familie und
sich selbst.
»Ich kläre das.«
Lerror führte eine k ritische Datenanalyse durch, als Wulgast zu einer
Erwiderung ansetzte. Spittocks. Ihm war klar, was der Krigsleder mit den
Spittocks wollte. Im Zusammenspiel mit konventionellen
Andruckabsorbern sorgten sie für die strukturelle Integrität einer
technischen Konstruktion – mit anderen Worten, dass etwas nicht
auseinanderfiel, wenn man es durch den Raum bewegte. Wulgast wollte sie
zweifellos nutzen, um den Transfer des GRAND HOTEL in die
STERNENZITADELLE zu bewerkstelligen und dabei Schäden an dem
Bauwerk zu vermeiden.
Plötzlich brach das Bild ab, Wulgast löste sich in Schlieren auf, der Ton
wurde zu abgehacktem Krach. Nach einigen Sekunden kehrte das Bild
zurück. Die Kabine des Kommandofahrzeugs, in dem Wulgast sich befand,
war nun um neunzig Grad gedreht. Der Krigsleder war kurz im Bild und
schien nach der Kamera zu greifen. Es fand eine schnelle Bewegung statt,
das Bild stabilisierte sich und zeigte die freie Umgebung vor dem Hotel.
Wulgasts Hand erschien und wurde kleiner. Die Kamera bewegte sich von
ihr fort.
Eine Kameradrohne, erkannte Lerror.
»Was sollte das?«, schrie Wulgast wutentbrannt. Sein Gesichtsausdruck
war verzerrt, Schlieren von schwarzem Öl liefen vom Helm seitlich den
Kopf hinunter.
»Wir wurden angegriffen! Di e Topthors sollten doch besiegt sein?«
Hinter dem Krigsleder liefen Soldaten des Klans. Eine Explosion brannte
pixelige Artefakte in das Bild. Splitter rasten wie bleierne Pfeile den
Krigsern hinterher. Die Kameradrohne schwankte, blieb aber in der Luft.
Lerror sah, wie Wulgast den gepanzerten Arm hob und schrie: »Hier haben
sich Topthors verschanzt! Die machen mir noch mein schönes Hotel kaputt!
Wir brauchen Luftunterstützung!«
»Verstanden«, antwortete Lerror, schaltete sich mit Überrangcode in den
Kommandokanal und damit in die strategische Luftüberwachung. Auch hier
gab es zahlreiche Störungen der Übertragung, doch mit gut fünfundsiebzig
Prozent Wahrscheinlichkeit hatte Lerror die Position kleiner Topthor-
Gruppen ausgemacht. Mit einem weiteren Überrangcode griff er auf die
Positionskoordinaten der strategischen Atmosphärenbomber des Atilla-
Klans zu. Von insgesamt sieben Maschinen waren zwei in Reichweite der
Position Wulgasts. Hier griff Lerror nicht zu, sondern schickte eine
Prioritätsbotschaft an die jeweiligen Kommandanten.
Vier Raketen aus zwei Bombern brachen aus ihrer Arretierung hervor
und rasten mit glühenden Triebwerken auf die Oberfläche zu.
Lerror konzentrierte sich nun wieder auf Wulgasts Bild. In den Augen
des Krigsleders war Wut, jedoch auch Konzentration und Entschlossenheit
erkennbar.
Blitze zuckten auf, gefolgt von tiefem Grollen. Rauchschwaden wurden
im Hintergrund sichtbar. Wulgast drehte sich um, streckte eine Hand nach
links. Der Ton war noch gestört, aber der Krigsleder muss ein Kommando
gegeben haben. Im Bild erschien die Hand eines Krigsers, womöglich
jemand aus dem Kommandostab, und hielt ein Fernsichtgerät. Wulgast
nahm es an sich, hob es vor seine Augen.
»Ah! Gute Arbeit, Lerror. Damit dürfte das Thema erledigt sein.« Er
drehte sich wieder in Richtung der schwebenden Kamera. »Und wann
können wir mit den Spittocks rechnen?«
Die nachtschwarzen Augen des Taka blickten auf Wulgast herab, der mit
seiner Familie und seinem Stab vor dem großen Bildschirm stand. Das Bild
zeigte niemand anderen als Taka Raym, den unbestrittenen Anführer des
Atilla-Klans. Der Dscherro war zwar nur 1,62 Meter groß, besaß dennoch
eine eindrucksvolle Gestalt. Mit seiner Schulterbreite von 1,10 Metern
wirkte er gedrungen und muskulös. Über den schwarzen Augen in dem
grünhäutigen Gesicht ragte ein 26 Zentimeter langes Horn angsteinflößend
hervor. Dort, wo man die grüne Haut des Dscherro sehen konnte, war sie
mit Narben übersäht.
Lerror behielt beide im Blick. Als Berater Wulgasts musste er sowohl das
Verhalten des Taka als auch das des Krigsleders beobachten, deuten und
daraus Ratschläge entwickeln können.
»Gute Arbeit, Krigsleder Wulfar. Der Planet wurde von den Topthors
gesäubert. Ein Problem weniger für die Atilla. Du hast deine Beute
verdient. Nimm dir dieses Artefakt, dieses GRAND HOTEL, wie du es
nennst. Ich gestatte dir, es in die neue STERNENZITADELLE zu
integrieren. Möge es dir und deiner Familie der heilige Ort sein, von dem
aus ihr den Kosmotarchax meistert.«
Wulfar streckte sich und sagte die Dankesformel auf.
»Wulgast bedankt sich bei Taka Raym für dessen Großzügigkeit. Wulgast
steht in der Schuld des Taka Raym. Wulgast steht dem Taka Raym stets zur
Verfügung.«
Der Dscherro senkte und hob sein Horn in einer knapp bemessenen
Geste.
»Taka Raym freut sich über den Dank seines Krigsleders. Ruhm den
Atilla! Und nun wieder an die Arbeit. Wir haben eine
STERNENZITADELLE fertigzustellen!«
Das Bild verwischte und verschwand.
Wulgast drehte sich um und stellte sich vor seine Familie und seinen
Stab.
Wieder beobachtete Lerror aufmerksam.
Vor Wulgast stand seine Partnerin Monuki mit den zwei Kindern, Wulfar
und Otnand. Neben ihnen regte sich sein Subkommandant Kalnoss in einer
legeren Pose. Die anderen Stabsmitglieder machten sich ebenfalls locker.
Wulgast vollzog mit der Hand eine Geste. Lerror verstand und rief: »Nur
der Familienrat«.
Die Stabsmitglieder nickten, verabschiedeten sich knapp und verließen
den Kommandoraum.
© Jürgen Rudig
»Dann hast du erreicht, was du wolltest, Wulgast?«, fragte Monuki. Die
Frau konnte gleichzeitig Lust wie Angst bei denen hervorrufen, die sie
ansprach. Die großen, schwarz umrandeten Augen mit den fast weißen
Iriden verstrahlten ein kosmisches Licht. Die schmalen Lippen in ihrem
herzförmigen Gesicht gaben diesem Licht eine ebenso kosmische Kälte.
Die schwarzen Locken ringelten sich an ihrer sehnigen Statur entlang. Ihre
Schultern waren eine Spur breiter als ihre Hüfte, was der Grund war, dass
sie mit ihren 1,82 Metern Körpergröße sehr athletisch wirkte. Ein knappes
Oberteil aus schwarzem Samt bedeckte ihre kuppelförmigen Brüste
bestenfalls notdürftig. Ein geschlitzter Rock verlief von der Taille bis zu
den Fußknöcheln. Eine schmale Kette aus Stahl, mit Schwingquarzen
besetzt, umlief den Bund. Um die Hüfte trug sie einen breiten Gürtel aus
groben Leder mit einem Holster, der einen brachialen Strahler trug.
»Hast du doch gesehen«, sagte Wulgast mit einem knappen Grinsen.
»Bevor es zu einem Streit um die Zimmer kommt«, fragte Kalnoss, »hat
Lerror schon einen Raumverteilungsplan aufgestellt, wer welches Zimmer
bekommt?«
Lerror blickte auf den hochgewachsenen, fast dürren Mann. Kalnoss
wirkte ausgehungert und trug stets eine Spur Gier in seinem hageren
Gesicht. Die Augen waren zweifarbig, das eine grau, das andere braun. Sein
Gesicht hatte dennoch etwas Knabenhaftes. Mit der Stupsnase, den runden
Augen, dem überraschend weichen Mund und den jugendlich
geschnittenen, halblangen Haaren wirkte es kindlich. Auch seine Kleidung
war ein Widerspruch – den Oberkörper bedeckte eine mit blumigen
Mustern bestickte Weste aus Samt, die stark mit der schwarzen
Funktionshose und ihren vielen Taschen kontrastierte. Man durfte den 1,90
Meter großen Mann mit der samtbraunen Haut jedoch nicht unterschätzten.
Kalnoss neigte zur Grausamkeit. Wulgast wusste, wie er sich diese
Grausamkeit zu Nutze machen konnte. Wulgast und Lerror wussten beide,
dass genau diese Eigenschaft verhinderte, dass Kalnoss die Stellung des
Krigsleders jemals wirksam in Frage stellen konnte. Kalnoss war ein
Schläger und kein Stratege. Er wüsste gar nicht, wie er eine Familie oder
einen Feldzug anführen sollte. Aber Kalnoss und Wulgast waren
letztenendes Freunde und hatten ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander.
Zumindest bislang.
Lerror machte eine Notiz, dass er die Balance zwischen den beiden
kritisch analysieren sollte.
»Darauf kann ich dir antworten, Kalnoss,« sagte Wulfar. »Sobald das
GRAND HOTEL in der STERNENZITADELLE verbaut ist, machen wir
beide einen Rundgang. Du und ich! Aber ...«, stellte er kurz fest, mit einem
Blick auf Monukis strahlende Augen, »Monuki hat als die Mutter der
Familie das Vorrecht, ihre Räume als erste auszusuchen.«
»Recht so«, meinte Monuki und legte jeweils eine sehnige Hand auf die
Schulter eines ihrer Kinder. Die Finger spielten in einem unergründlichen
Takt.
Lerror meinte, im Gesicht Monukis als auch in dem von Kalnoss eine
Spur Befriedigung erkannt zu haben.
Die STERNENZITADELLE war für die Mitglieder des Klans Atilla vor
allem eine Baustelle, für die Kinder jedoch ein riesiger Spielplatz.
Wulfar und Fastrad liefen durch die Gänge, durchquerten Säle, sprangen
in Schächte und fanden immer neue geheime Orte, die niemandem außer
ihnen gehörten – wenn auch nur solange, bis sie wieder nach Hause
mussten.
Wulfar folgte dabei stets ein Trio aus Drohnen aus Lerrors Arsenal. Das
musste der Junge nicht wissen, er sollte möglichst unbeschwert aufwachsen.
Doch er war für Wulgast als Krigsleder viel zu wichtig, um unbeaufsichtigt
durch die kosmische Baustelle zu laufen. Das war auch Lerror klar. Darum
hatte er die Überwachung des Jungen als eine seiner Beraterpflichten
übernommen.
Die beiden Kinder balgten sich. Sie spielten gerne Klanfeinde nach.
Wulfars Freund Fastrad stammte von Terranern ab, war etwas jünger als
Wulfar und hatte eine helle Haut. Auffallend war, dass er seit seiner Geburt
haarlos geblieben war. Was man ihm nicht ansah war, dass seine Kindheit
bisher nicht glücklich verlaufen war. Die Eltern, Mitglieder der untersten
Klanschichten, lebten nicht mehr. Da er eine Affinität zu technischen
Dingen demonstriert hatte, hatte ihn das Rhetoricum Scientia
aufgenommen.
Wulfar braucht Freunde in verschiedenen Schichten der
Klangesellschaft, wenn er sich später behaupten will, reflektierte Lerror.
Dann stutzte er. In das Bild der Aufnahme schob sich eine weitere
Person. Nicht so groß wie ein Erwachsener. Ebenfalls ein Junge?
Vielleicht zehn Jahre alt, kalkulierte Lerror anhand des Unterschieds in
der Körpergröße zu den beiden anderen. Jetzt wird es interessant.
Wulfar und Fastrad hielten inne, blickten den Neuankömmling an.
Zornig, so schien es Lerror.
Fastrad zeigte mit dem Finger auf sich, Erstaunen zeigte sich auf seinem
Gesicht.
Der neue Junge schlug zu. Fastrad stolperte und fiel aus dem
Bildausschnitt.
Warum bekomme ich nur ein Drohnenbild?, frage sich Lerror. Ich
brauche einen Überblick!
Er wollte die Kamerakanäle der anderen Drohnen auf die
Bildschirmoberfläche rufen, erhielt jedoch nur graue Schlieren statt eines
Bilds.
Wo sind die Drohnen zwei und drei?, sendete Lerror dem Komsystem,
bekam jedoch keine Antwort.
Eine Drohne konnte ausfallen, aber zwei?
Wulfar warf sich nun auf den Angreifer. Der schlug mit beiden Fäusten
zu. Wulfar fiel um. Der Angreifer stürzte sich auf ihn und prügelte
enthemmt auf den Jüngeren ein.
Wo ist Fastrad?
Kameradrohne eins vollzog einen Schwenk.
Wulfars Freund erschien im Bild, stürzte sich auf den Angreifer und
versuchte, ihn von Wulfar wegzuziehen. Der lag verkrümmt auf dem
Boden, die Arme schützend um den Kopf gelegt.
Nun sah Lerror endlich das Gesicht des Angreifers. Ein schneller Zugriff
auf die Datenbank führte ihn schließlich zur Information, die er suchte.
So ist das also, konstatierte er.
Der Angreifer war ein elfjähriger Junge namens Hogun. Im gesicherten
Datenbereich war bereits ein Dossier über ihn angelegt.
Lerror durfte dennoch nicht eingreifen. Die Kinder mussten lernen, wie
sie sich durchzusetzen hatten. So war das unausgesprochene Gesetz der
Takhal. Dies galt umso mehr für den Sohn des Krigsleders.
Hogun stieß Fastrad von sich und trampelte auf Wulfar ein. Der blieb
jedoch nicht passiv und trat Hogun gegen das Knie, der nun rückwärts
stolperte.
Fastrad erschien wieder und hatte nun einen Gegenstand in der Hand, der
wie eine Metallstange aussah. Er stellte sich breitbeinig vor Wulfar, der sich
mühevoll aufrappelte und an Fastrads Schulter festklammerte. Gemeinsam
drohten sie Hogun und warfen ihm sicher allerlei Flüche zu.
Gut so, schlussfolgerte Lerror.
Hogun verließ die Szene.
Wulfar und Fastrad gaben ein elendes Bild ab. Sie bluteten aus Mund und
Nase. Der ältere Junge hatte den beiden ganz schön übel zugesetzt.
Aber sie haben ihn dennoch vertrieben, stellte Lerror fest. Aus ihnen wird
ein gutes Team werden.
Jetzt konnte er den Jungen auch einen Mediker schicken, um
sicherzugehen, dass sie keine bedrohlicheren oder gar inneren Verletzungen
hatten.
Lerror spürte so etwas ähnliches wie Zufriedenheit, als er die Position der
Kameradrohne eins an die Bereitschaftszentrale der Mediker schickte.
KAPITEL 3
»Wir landen«, ordnete Wulgast an und trommelte mit den Fingern gegen die
Lehne des Kontursessels. Neben ihm saßen sein Sohn Wulfar und
Subkommandant Kalnoss. Während Wulfar gespannt die Aktivitäten in der
Zentrale der Space-Jet beobachtete, wirkte Kalnoss desinteressiert. Seine
Augen waren geschlossen und die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
Die Pilotin des dreißig Meter durchmessenden Schiffs nahm an der
Steuerkonsole Schaltungen vor, als sie in die Atmosphäre eindrangen. Ein
aerodynamisch geformtes Prallfeld baute sich um sie herum auf.
Die Daten des Planeten wurden vor Wulgast in ein Holofeld projiziert.
Hesophia war die vierte Welt eines sechszehn Planeten umfassenden
Systems. Ihr Mittelpunkt war Sorus, eine gelbe Sonne vom Typ G3V, die
27 475 Lichtjahre vom Dorgoniasystem entfernt war.
Solche Entfernungen haben bestenfalls eine abstrakte Bedeutung, denn
selbst ein Bruchteil davon ist nur durch Hypertechnologie zu bewältigen,
dachte Wulgast. Und M 100 hat immerhin einen Durchmesser von 120 000
Lichtjahren. Unsere Begegnung wird jedoch alles andere als abstrakt sein.
Sie wird zeigen, ob die Botschaft des Taka Raym unmissverständlich
angekommen ist.
»Wir gehen nach Plan vor, Krigsleder?«, fragte Kalnoss, die Augen noch
immer geschlossen.
Wulgast mochte die entspannte Art seines Subkommandanten. Letztlich
war sie eine Maske, die dem Umfeld einen Eindruck von Sicherheit
vermittelte. Er wusste, dass Kalnoss ganz bei der Sache war.
»Wir gehen nach Plan vor, Subkommandant«, erwiderte Wulgast
beiläufig. Er beobachtete seinen Sohn. Der Junge blickte mit weit
geöffneten Augen auf die Wolkenformationen, an denen sie vorbei- und
hindurchrasten. Der Krigsleder musste grinsen. Für einen kurzen Moment
dachte er an seinen ersten Einsatz mit seinem Vater. Welch herrliches Chaos
das gewesen war!
Die Landung stand unmittelbar bevor. Hesophia war eine Welt, die den
Takhal ideale Lebensbedingungen bot. Sie besaß eine
Sauerstoffatmosphäre, hatte einen Durchmesser von 11 158 Kilometern
entlang des Äquators und eine Schwerkraft von 0,99 g. Ein Tag dauerte
knapp neununzwanzig Stunden und durchschnittliche Temperaturen lagen
bei dreiundzwanzig Grad Celsius. Der Planet war 183,4 Millionen
Kilometer von seiner Sonne entfernt, und ein Umlauf dauerte 401,2 Tage.
Gut zwei Milliarden Dorgonen bewohnten diese Welt. Ihren politischen
Vertreter würden sie nun treffen. Der vorgeschlagene Treffpunkt befand
sich auf einer Hochebene auf einem der vier großen Kontinente, mit Blick
auf die Hauptstadt Hesathan mit ihren sechsunddreißig Millionen
Einwohnern. Sie hatte den Ruf, eine der schönsten Metropolen der Galaxis
M 100 zu sein.
Die Jet überflog die Stadt in knapper Höhe, eine fast selbstverständliche
Machtgeste. Das Raumfahrzeug war zwar klein, doch über ihm, im All,
standen die Flotte des Klans Atilla und die STERNENZITADELLE des
Taka Raym. Und die – war groß.
Im Zentrum der Stadt ragten hohe Türme in den Himmel. Das Bild
wechselte über der schier endlosen Peripherie des Stadtrands. Hier nahm
die Höhe der Gebäude ab, die sich eher in der Breite ausdehnten. Die
Fassaden der Bauwerke waren ebenso begrünt wie die freien Flächen
dazwischen.
Die Hochebene kam in Sicht. Im Gegensatz zur üppigen Vegetation der
Stadtlandschaft sah sie aus wie eine Steppe.
Das Plateau wirkt aus der Zeit gefallen, als ob es sich seit Jahrmillionen
nicht verändert hätte, dachte Wulgast. Ein geeigneter Ort, um Dinge
festzulegen.
Das Schiff landete. Die Kameras unterhalb des Ringwulstes zeigten den
Anwesenden in der Zentrale, wie die Landestützen Staub aufwirbelten. Hier
und dort zeigten huschende Bewegungen, dass kleine Tiere flüchteten.
Gut so, dachte Wulgast.
Kalnoss klatschte mit den Handflächen auf seine Oberschenkel, riss den
Krigsleder aus seinen Gedanken und zwinkerte ihn an. »Dann steigen wir
aus?«
»Dann steigen wir aus«, bestimmte Wulgast.
Etwa zweihundert Meter entfernt standen drei zeremonielle Gleiter der
Planetenregierung. Zwei Roboter hatten einen roten Teppich ausgerollt, der
bis zur Kante der ausfahrbaren Rampe der Space-Jet reichte. Wulgast war
die Rampe hinuntergeschritten und stand auf dem Teppich, Kalnoss und
Wulfar neben ihm. Die Space-Jet warf einen kreisförmigen Schatten auf
dem staubigen Boden.
Die drei Takhal traten ins Sonnenlicht.
Ein dutzendköpfiges Begrüßungskomitee der Hesophier empfing sie.
Der Krigsleder und der Subkommandant tauschten einen kurzen Blick
aus. Sie waren beide erstaunt, offenbarten es jedoch ihren Gastgebern nicht.
Die Abordnung vor ihnen präsentierte nämlich einen Gefangenen.
»Krigsleder Wulgast vom Klan Atilla«, begann einer der Hesophier, in
diplomatischem Ornat gekleidet und mit würdevoller Stimme, »der
bisherige Princips Protector hat aus der Sicht des Hesophischen Rats nicht
im Sinne des Planeten gehandelt, als er euer großzügiges Angebot nicht
entgegengenommen hat.«
Gut formuliert, dachte Wulgast. Mein Angebot war schließlich die
Drohung, die Stadt dem Planetenboden gleichzumachen, falls man Taka
Rayms Befehl nicht gehorchen sollte.
»Wen präsentierst du uns also hier in Ketten und auf den Knien?«, fragte
der Krigsleder.
»Den Princips Protector, der jedoch nicht mehr dieses Amt bek leidet.«
»Und was sollen wir mit ihm?«
»Es handelt sich um eine symbolische Geste, die ...«
»Wir sind nicht für Symbolik hier, sondern um Fakten zu schaffen.«
»Wir verstehen, dass der Klan Atilla Tributansprüche besitzt, die wir im
Sinne des Klans unterstützen ...«
»Was wisst ihr schon davon, was im Sinne des Klans ist?«, brüllte
Kalnoss zornentbrannt.
Die Vertreter Hesophias zuckten verwirrt zusammen.
Wulgast lächelte innerlich und blickte zu seinem Sohn. »Was meinst du,
Wulfar?«
»Vater?« Der Junge schien das Begrüßungskomitee mit seinem Blick zu
sezieren.
»Ich finde, die Planetenbewohner sind sehr schnell bereit, ihren Anführer
aufzugeben.«
»Gut beobachtet,« lobte Wulfar. »Wir sollten daher ein Exempel ...«
Weiter kam der Krigsleder nicht, denn plötzlich explodierte die
Wirklichkeit um sie herum wie ein Tonkrug im Kugelhagel.
Ein Krach wie von berstendem Metall brach über sie herein, gefolgt von
einem alles überstrahlenden Blitz. Der Krach setzte sich wie ein Echo fort,
und dem Blitz folgte ein allumfassendes, violettes Leuchten. Es wirkte auf
Wulgast, als ob ein einziger Augenblick in die Ewigkeit gestreckt und
gezogen würde.
So weit er sehen konnte, waren alle unter Schock, sowohl Kalnoss und
Wulfar als auch die Mitglieder des Begrüßungskommittees und der in
Ketten gelegte Princips Protector.
Dann bebte die Erde heftig. Wulgast schwankte und griff reflexhaft nach
seinem Sohn. Er bekam die Schulter Wulfars zu fassen und hielt ihn fest.
Das Beben endete, so schnell es begonnen hatte. Ebenso verschwanden
der Krach sowie das violette Leuchten.
Verwirrung stand in den Gesichtern der Hesophier.
Wulfar sah zu Kalnoss. Der blickte ihn entschlossen an. »Wir sollten ...«
Das Komarmband des Krigsleders sprach an. Eine Prioritätsbotschaft aus
dem Stab. »Ja?«
»Krigsleder! Etwas stimmt mit dem Planeten nicht. Wir empfehlen den
sofortigen Start.«
»Das reicht mir nicht! Was heißt das, etwas stimmt mit dem Planeten
nicht?«
»Die Albedo verfinstert sich.«
Da bemerkte es auch Wulgast. Es war merklich dunkler geworden.
»Dann stimmt etwas mit der Sonne nicht?«, fragte er das Stabsmitglied.
Und dann war es mit einem Mal Nacht. Sorus war verschwunden.
Wulgast hielt Wulfars Schulter noch immer im Griff.
Umgehend wurde es wieder Tag. Und wieder Nacht. Und wieder Tag.
Die Takhal sahen sich verwundert an. Ein Blick auf die Hesophier zeigte,
dass es ihnen ähnlich ging.
Der Wechsel wurde schneller und immer schnel ler, bis ein schattiges
Dämmerlicht herrschte. Eine graue Decke bedeckte den Himmel über dem
Hochplateau, wie das zittrige Wetterleuchten eines stummen Bildschirms,
von toten Kanälen gespeist.
»Da!«, rief einer der Hesophier. »Die Stadt!«
Von der Anhöhe aus hatte man einen Blick auf die Tiefebene, in der sich
Dutzende Kilometer weit die Stadtlandschaft Hesathans ausbreitete, mit den
hohen Türmen in ihrem Zentrum.
Wulfar kniff die Augen zusammen. Zuerst verstand er nicht, was er sah.
Ein Turm waberte und verschwand. Das Wabern umfasste mehr und
mehr Türme, jedoch auch Teile der Peripherie. Die Vegetation zitterte und
wuchs.
Irgendwann verschwand die ganze Stadt. Nur der Urwald blieb, wie ein
grünes Vexierbild.
Die Hesophier gerieten in Panik. Sie liefen zu ihren zeremoniellen
Gleitern zurück und ließen den Princips zurück.
Kalnoss bewies auch in diesem Moment des totalen Chaos seinen Humor.
»Kannst du kochen, Princips? Wir brauchen nämlich einen guten Koch.«
Weiter kam er nicht, denn ein schrilles Pfeifen erfüllte die Luft. Geröll
schien blitzschnell aus der Tiefebene zu schießen, sich in glühende Magma
zu verwandeln und verschwand in einem Berg, der nun dort stand, wo
vorhin noch die Metropole Hesathan gewesen war.
Dieser Berg ... er verschluckt das Magma! Er ist ein Vulkan im
Rückwärtsgang, stellte Wulgast entgeistert fest.
Das Bild verwischte, als ob jemand einen Eimer Lösungsmittel über ein
Ölgemälde geschüttet hatte, für die traditionsbewußte dorgonische Künstler
bekannt waren.
Die zeremoniellen Gleiter verschwanden in einer Nebelbank, die sich um
das Hochplateau herum gebildete hatte und es nun umschloss.
»Die Zeit ... sie bewegt sich rückwärts!«, rief Wulgast.
»Der Kosmotarchax!«, schrie Kalnoss.
Wulgast drückte Wulfar schützend an sich. Der Boden schwankte nicht
mehr, und die Jet stand noch immer hinter ihnen. Der Krigsleder rief die
Zentrale an. »Bereitmachen zum Start!«
»Verstanden, Krigsleder! Kommen Sie schnell an ...«
Weiter kam der Funker nicht.
Kalnoss hatte es als erster gemerkt. Mit dem Arm drängte er Wulgast und
Wulfar von der Space-Jet weg.
Um sie herum hatte sich der Ring aus Nebel enger gezogen. Das schrille
Pfeifen war lauter geworden. Als der Nebel die Jet berührte, schien der
gesamte rückwärtige Teil, den drei Takhal abgewandt, verschwunden zu
sein.
Die halbierte Jet kippte um, es gab vereinzelte Explosionen,
Flammenzungen schossen aus der geöffneten Polschleuse hervor.
Die Takhal waren von der Jet weggestolpert und lagen nun zu dritt auf
dem staubigen Boden der Hochebene. Der kniende Princips starrte sie
entsetzt an, sprang mit einem Satz hoch und versuchte, in die Nebelwand zu
laufen. Als er sie berührte, verwandelte er sich in eine Wolke roten
Sprühregens, der langsam auf das Plateau herabsank.
Wulgast hatte schon einiges in seinem Leben gesehen, doch selbst er war
erschüttert.
Ist das unser Ende? dachte der Krigsleder. Ist das der Kosmotarchax?
Wie sollen wir hier um die Zeit selbst kämpfen, wenn sie es ist, die uns
bekämpft? Wulfar hat das nicht verdient, er ist noch ein Kind!
Plötzlich erscholl ein dumpfer, tiefer Knall. Das Bild des umlaufenden
Nebels veränderte sich und wurde von einem anderen, neuen Bild
überlagert.
Das Plateau und die Tiefebene waren wieder in ihrer ganzen Ausdehnung
bis zum Horizont sichtbar. Sorus stand tief im Himmel und schüttete
dunstiges Licht über den Planeten aus.
Und noch etwas stellte Wulgast fest.
Etwa 200 Meter von ihnen entfernt stand ein Objekt, das ihnen vertraut
war. Eine Space-Jet.
Wulfar löste mit seiner kleinen Hand den Griff des Vaters von seiner Weste.
»Das ist keine von unseren«, stellte Kalnoss neben ihm fest.
»Deflektoren an!«, befahl Wulgast.
Die beiden Erwachsenen reagierten schnell und verschwanden aus
Wulfars Sichtfeld. Der Junge schaltete ebenfalls seinen Deflektor ein.
Nervös fummelte er die Antiflexbrille aus der Brusttasche und setzte sie
auf. Die Erwachsenen wurden wieder sichtbar.
Der Vater klopfte seinem Sohn beruhigend auf die Schulter.
»Gut so«, sagte Wulfar. »Sicherheit geht jetzt und hier vor.«
»Machen wir die Jet zu unserer?«, fragte Kalnoss.
»Wenn wir von hier wegkommen wollen, bleibt uns nichts anderes
übrig«, stellte Wulgast fest.
»Erkundung?«
»Eines noch. Wulfar?«
»Ja, Vater?«
»Du bleibst genau hier!« Wulgast wies mit dem Zeigefinger auf den
staubigen Boden der Hochebene.
Der Junge nickte.
Wulgast und Kalnoss liefen los.
Wulfar lag auf dem Boden und beobachtete die beiden. Einer lief rechts,
der andere links in einer steilen Kurve auf die fremde Space-Jet zu. Beide
nutzten trotz der Deflektoren die Deckung, die ihnen Büsche, Gestrüpp und
Felsbrocken auf der Hochebene boten.
Wulfar vermutete, dass es den beiden einfach Spaß machte, sich so an
den Gegner heranzuschleichen. Oder sie wollten sicher gehen, dass man
keine Spuren in der Jet erkannte, trotz der Deflektoren. Fußabdrücke
vielleicht?
Kalnoss hatte irgend etwas in der Hand, das er aus dem Dickicht gezogen
hatte. Er rannte blitzschnell auf die offene Schleuse der Space-Jet zu und
warf es die Rampe hoch. Auf unzähligen Beinen wuselte es hoch, ins Innere
der Jet.
Ein Tier!, erkannte Wulfar.
Kalnoss hatte sich inzwischen hinter die Rampe gestellt.
Ein Blitz irrlichterte aus der Jet. Eine Person erschien, trat etwas bis zur
Unkenntlichkeit Verbranntes aus der Schleuse und stürmte die Rampe
hinunter.
Was ist das für eine Uniform?, fragte sich der Junge. Lindgrün? Noch nie
gesehen.
Nun sprang sein Vater auf, packte den Fremden und hielt ihm eine Waffe
unter das Kinn.
Der Fremde versteifte sich.
Sein Vater rief etwas, Kalnoss erschien und stieß dem Fremden etwas in
den Nacken. Der kippte um, von den beiden Takhal gehalten.
Kalnoss zog ihn hinter die Rampe. Sein Vater sprang ins Schiff.
Ein neuer Blitz brach aus der Schleuse. Ein Mann rutschte die Rampe
herunter.
Vater!, dachte Wulfar entsetzt.
Doch er irrte sich, es war ein weiterer Fremder in lindgrüner Uniform.
Sein Vater erschien auf der Rampe und winkte ihm zu.
Ich komme!
Wulfar lief auf die Jet zu. Sein Vater zog ihn in den Schleusenraum.
Kalnoss stieg ebenfalls die Rampe hoch und sprang beherzt in den zentralen
Antigravschacht, der ihn nach oben trug.
Fast alles sah so aus, wie in einer Space-Jet der Takhal. Doch vieles war
anders angeordnet, die Bedienfelder waren anders, und die Zeichen waren
fremd.
»Was ist das hier ...?«, wollte Wulfar fragen.
Sein Vater hielt den Finger an die Lippen gepresst. Still!
»Ihr könnt hochkommen«, hörten sie Kalnoss rufen.
Die drei Takhal hatten die Deflektoren abgeschaltet und die Antiflexbrillen
wieder in ihren Brusttaschen verstaut.
»Der Pilot ist paralysiert«, berichtete Kalnoss. »Es war auch eine Spur zu
einfach, denn er ist mit der Steueranlage mehr oder weniger verwachsen.«
»Und das bedeutet?« fragte Wulgast.
»Diese Leute haben etwas, das unserer Mentalkommando-Hardware
entspricht. Aber die Vernetzung zwischen Pilot und Steuersystem ist nicht
nur temporär. Der Pilot ist mit der Jet hybridisiert. Davon abgesehen haben
wir ein ganz anderes Problem.«
Kalnoss wies auf die Seite des Hochplateaus, die bislang von der
fremden Space-Jet verdeckt worden war.
Etwa einen Kilometer entfernt stand ein seltsames Gebäude, wenn es
denn eines war.
Wulfar musste sich auf Zehenspitzen stellen, um es über den
Konsolenrand hinweg sehen zu können. Es war ein Zylinder, etwa fünfzig
Meter im Durchmesser, mit einem kuppelförmigen Dach. Insgesamt war die
Konstruktion siebzig Meter hoch. Sie leuchtete in strahlendem Gold.
Der Vater hielt seinem Sohn das Vergrößerungsglas vor die Augen.
Wulfar konnte die goldenen Verzierungen auf der Kuppel erkennen.
Kunstvoll geschwungene Motive, die ineinander verschlungene Wesen und
technische Objekte darstellten. Vierarmige Riesen mit Kuppelköpfen und
drei Augen. Große Humanoide mit tierhaften Köpfen. Etwas, das wie ein
Pelzwesen aussah, von dem Sonnenstrahlen ausgingen. Ein kantiges
Gesicht in einem Helm, von einer umlaufenden Antenne konturiert.
Pistolen, Kanonen, Bomben. Keine Schwerter, keine Äxte.
In der Kuppel öffnete sich eine Schleuse in Bodennähe. Ein Dutzend
Humanoide verließen es in flugfähigen Anzügen.
»Wir bekommen Besuch!«
»Fahr die Rampe hoch!« befahl Wulgast.
Kalnoss hob die Schultern. »Wenn ich den Schalter finde, gern!«
Plötzlich meldete sich das Komgerät an Wulgasts Arm.
»Krigsleder! Wir haben dich wieder in der Ortung! Wir schicken ein
Kommando zu dir!«
»Vorsicht, Feindberührung!«, schrie Wulgast.
Zwei Space-Jets der Takhal rasten heran. Gleichzeitig landeten die
Humanoiden aus der Kuppel etwa hundert Meter entfernt.
Ein Geschütz aus der Kuppel feuerte und traf eine der Space-Jets. Sie
brach im Flug auseinander, die Teile rasten brennend weiter und stürzten
irgendwo in der Tiefebene ab.
Die zweite Jet drückte aggressiv nach unten und vollzog eine brachiale
Risikolandung, gut fünfhundert Meter entfernt. Wulgast konnte sich
vorstellen, wie das gepeinigte Material der Landestützen aufschrie.
Gleichzeitig öffnete sich die Schleuse des Raumschiffs und zwei Dutzend
schwerbewaffnete Krigser der Takhal in vollem Kampfornat liefen heraus,
auf ihren Standort zu.
»Wir sind in der feindlichen Jet!«, rief Wulgast in das Komgerät.
Einer der gegnerischen Humanoiden flog mit hoher Geschwindigkeit auf
das gelandete Raumschiff der Takhal zu. Die Krigser feuerten unentwegt
auf ihn, konnten ihn jedoch nicht aufhalten. Der Fremde brannte,
Körperteile fielen im Flug ab. Was auch immer auf die Takhal-Jet zuraste,
hatte keine Ähnlichkeit mehr mit einem Humanoiden.
Die Takhal-Jet explodierte, Bruchstücke flogen herum. Die Krigser
hatten zum Glück ihre Schirme aktiviert, doch ein großes Bruchstück hatte
zwei Takhal unter sich begraben.
»Ich muss nach unten«, sagte Wulgast. »Bleib hier bei Wulfar«, befahl er
Kalnoss.
Sein Subkommandant sah ihn betroffen an.
Wulgast warf drei Kameradrohnen in die Luft. Zwei wurden nach kurzem
Flug vom Gegner erkannt und abgeschossen. Eine sendete ihr Signal an
Wulfar. Das genügt, dachte er.
Die Humanoiden waren nicht alle gleich. Einer war ein Terraner oder
Dorgone und trug eine schwere Raumrüstung. Der hochgewachsene Fremde
bewegte sich locker und kontrolliert. Wulgast vermutete, dass die Rüstung
eine schlanke, sportliche Figur verbarg. Der Kopf war entblößt.
Mit seinem Fernerfassungsgerät erkannte der Krigsleder Details. Unter
dunkelblonden Haaren sah er graublaue Augen in einem hageren,
hellhäutigen Gesicht. Auf dem rechten Nasenflügel war etwas, das eine
Narbe zu sein schien.
Der Blick des Fremden machte Wulgast instinktiv Angst. Er war über
seine Reaktion selbst überrascht. Noch nie hatte er einen solchen Blick
wahrgenommen. Er sprach Herrschaft aus, die keinen Widerspruch
tolerierte. Willen, der keine Schwäche erlaubte. Fanatismus, der keine
Botschaft und kein Ziel nötig hatte.
Dieser Mann ist gefährlich.
Ebenso gefährlich sah seine Leibwache aus. Ihre Mitglieder waren 2,20
Meter groß und hatten eine Schulterbreite von 1,50 Metern. Auch sie staken
in Rüstungen, die nur den Kopf freiließen. Über den Augen sah Wulgast
Knochenwülste und eine fliehende Stirn, von einem braunschwarzen Pelz
bedeckt.
Wie der Kopf eines Tieres, dachte Wulgast.
Dank der Fernwiedergabe hörte er auch, was sie sagten.
»Zwiebus-Garde, Achtung!«
Und: »Schützt Exec-1 um jeden Preis!«
Und weiter: »Für den Großadministrator!«
Die Takhal-Krigser stürmten auf die Feinde zu. Zwei von ihnen scherten
aus, um de n Zugang zur Rampe zu sichern. Wulgast nickte ihnen zu.
Sechs Mitglieder der Zwiebus-Leibgarde schritten, nein, schlenderten auf
die heranstürmenden Takhal zu.
Die Krigser feuerten.
Was Wulgast nun sah, erschütterte ihn zutiefst.
Irgend etwas schaltete die Schutzschirme der Takhal einfach ab. Einer
der Zwiebus-Gardisten packte einen Takhal und zerriss ihn entlang der
Taille in zwei Hälften, die er achtlos in den Staub der Hochebene warf.
Andere Gardisten schlugen mit Keulen auf die Krigser ein.
Der Angriff kam zum Stillstand. Die Takhal versuchten, ihre Stellung zu
halten, und feuerten aus allen Rohren.
Ein Zwiebus-Gardist rannte zwischen sie und explodierte. Die Krigser
wurden wie Spielzeug in die Luft geworfen.
Ein weiterer Tierköpfiger wurde ins Kreuzfeuer genommen. Sein Körper
verbrannte. Darunter kam ein Ei aus Metall zum Vorschein, das auf zwei
Tentakelbeinen lief. Zwei weitere Tentakel dienten als Arme.
Aus den Tentakelarmen schoß Impulsfeuer. Als das Ding sich den Takhal
näherte, blitzen Vibroklingen daraus hervor.
Die Takhal wurden nicht einfach nur abgewehrt. Es war ein Massaker,
eine orchestriertes Gemetzel, eine inszenierte Demütigung.
Die Gardisten richteten ihre Blicke nun auf die Space-Jet. Hinter ihnen
ahnte Wulgast die Person, die sie als »Exec-1« bezeichnet hatten. Der
Krigsleder nahm ihn noch einmal in die Vergrößerung. Der Fremde lächelte
das Lächeln eines Raubtiers, kurz bevor es seinem Opfer die Kehle
durchbiss.
»Rückzug!«, schrie Wulgast in sein Kom-Armband.
Die verbliebenen Takhal rannten auf Wulgast zu, der die Rampe
hochstürmte und über sein Kom Kalnoss anrief. »Wir müssen sofort
starten!«
Er schwebte den zentralen Antigravlift hoch, da ergriff der
Subkommandant schon seine Hand. »Das Schott ist zu, Krigsleder. Den
Piloten haben wir auch im Griff. Notstart?«
»Notstart!«
Die Triebwerke der Space-Jet flammten allesamt auf, der Ringwulst
wurde zu einem feuerspeienden Kranz. Kurzer, harter Andruck rüttelte sie,
als wären sie gerade aus einem Albtraum erwacht. Unter ihnen ließen sie
Hesophia zurück.
Die Oberfläche des Planeten hatte sich in flüssiges Magma verwandelt,
bis auf die Hochebene. Die letzten Bilder nach Verlassen der Atmosphäre
zeigten schließlich, wie auch dieser Teil der Welt an Stabilität verlor.
Auf halbem Weg zum Kommandoschiff der Klansflotte explodierte
Hesophia.
»Der Kosmotarchax!«, flüsterte Kalnoss. »Er beginnt.«
Wulgasts Herz pumpte wie wild. Auf seiner Stirn stand kalter Schweiß.
Hatte sein Subkommandant recht?
Aus dem Schleusenraum kam eine Nachricht. Fünf Krigser des
Landungskommandos hatten sich an Bord retten können. Der Krigsleder
sah das Gesicht der Ertruserin, die die Meldung machte. Er kannte sie. Die
Frau kämpfte schon seit Jahrzehnten für den Klan und besaß erhebliche
Kampferfahrung. In ihren Augen konnte er schieres Entsetzen sehen. Ihre
Stimme war gebrochen, ihre Moral auch.
Fünf Krigser von fünfundzwanzig! Erfahrene, teils umweltangepasste
Kämpfer, die an vielen hochgefährlichen Kampagnen erfolgreich
teilgenomme n hatten. Keine Amateure, sondern Vollprofis.
Wulfar blickte seinen Vater fragend an, da öffnete sich ein Prioritätskanal
zur STERNENZITADELLE.
»Subkommandant Kalnoss! Mach mir sofort Meldung!«, forderte eine
harte Frauenstimme in scharfem Tonfall.
Das Holobild konkretisierte sich. Es zeigte Monuki.
Warum rief sie Kalnoss an und nicht mich?, fragte sich Wulgast.
»Krigsleder,« hörte er seine Partnerin schließlich sagen. Offenbar sah sie
ihn nun auch im Aufnahmebereich der Kamera.
Da war noch etwas, ein Eindruck, der sofort wieder verschwand.
Blickte Monuki etwa erstaunt?
KAPITEL 4
Künstliches Sonnenlicht erhellte den gewaltigen Saal im Dachgeschoss des
GRAND HOTEL. Das Bauwerk war intakt in die Baustelle der
STERNENZITADELLE integriert worden. Eine stählerne Kuppel umhüllte
es auf einem der Hauptdecks. Die Innenseite der Kuppel war mit
Holoprojektoren ausgestattet. Die Simulation einer natürlichen Umwelt war
perfekt.
»Wulfar, du bist jetzt soweit«, sagte sein Vater. »Die Schmerzentfaltung
kann stattfinden.«
Lerror stand neben ihm, wie stets die Arme unter der Kutte ineinander
verschränkt, und nickte. Seine langen, weißen Haare lagen auf den
Schultern, die Lider über den roten Augen waren halb geschlossen.
Der Weg zum medizinischen Zentrum der STERNENZITADELLE führte
aus der Kuppel über dem GRAND HOTEL hinaus, die große Ringstraße
entlang. Sie war mehr als ein Verkehrsweg, denn hier spielte sich ein großer
Teil des öffentlichen Lebens der Takhal an Bord ab. Hier gingen sie hin,
wenn sie auf dem Weg von ihrer Kabine zur Arbeit, in eine der Messen oder
den anderen Versammlungsstätten waren. Hier stellten Marketender ihre
Artikel aus. Hier fanden auch alltägliche Streitereien statt, sofern sie nicht
in kleinere Scharmützel mündeten. Aus diesem Grund patrouillierte hier
auch eine besondere Abteilung der Krigser. Sie waren jedoch eher
Polizisten als Soldaten.
Nichts für mich, dachte Wulfar.
Eine Schleuse trennte das medizinische Zentrum vom großen Korridor
auf dem Hauptdeck.
Wulgast und Lerror verabschiedeten sich von dem Jungen, der von drei
Medikern in Empfang genommen wurde.
»Wulfar!«, rief der Mittlere der Mediker. Alle drei trugen rote Kittel,
knappe rote Hauben und rote Masken. Lediglich die Augen blieben frei.
Alle hatten die Hände hinter dem Rücken verborgen. »Wie lautet das
Motto?«
»Lebe mit dem Schmerz, kämpfe mit dem Schmerz«, antwortete Wulfar,
ohne zu zögern.
Wie er im Lauf seiner Krigserausbildung erfahren hatte, war der
Schwerpunkt der medizinischen Praxis die physische Wiederherstellung
verwundeter Soldaten des Klans sowie die Erforschung von Strategien, die
zur physischen Schwächung von Gegnern beitrugen. Unterstellt waren die
Mediker dem Rhetoricum Scientia, dessen Mitglied auch Lerror war. Er
hatte im Vorfeld die Planung der Schmerzentfaltung übernommen.
»Dann folge uns!«
Hinter der Schleuse herrschte grelles Licht. Alle Flächen – Böden,
Wände, Decken – waren mit Kacheln aus Kunststoff verfliest.
Die drei führten ihn einen Flur entlang. Leuchtende Bänder verliefen
knapp unterhalb der Decke und strahlten grelles Licht aus. Es roch
chemisch. Seine Stiefel machten schmatzende Geräusche auf den
Kunststoffkacheln.
Sie hielten vor einem Schott, das sich zischend öffnete. Der Mediker zur
rechten wies mit einer Hand in den Raum dahinter. »Nach dir.«
Wulfar trat in den quadratischen Raum. Die Oberflächen waren hier mit
einem keramischen Material verkleidet, und die gesamte Decke schien zu
leuchten. Ein schmaler Tisch trennte den Raum in zwei Hälften. Auf einer
Seite des Tisches stand ein Stuhl aus gebogenen Metallrohren mit einer
keramischen Sitzfläche, auf der Seite gegenüber drei vom selben Typ.
© Mathias Rohlfs
Es ist damit klar, wo ich sitze, dachte Wulfar.
Alle nahmen Platz.
»Wir erklären dir die Prozedur, auch wenn du schon von eurem Rhetor
Scientia informiert worden bist. Das ist Teil unserer Pflicht.«
»Gut,« sagte Wulfar und nickte.
»Wir beginnen mit dem schmerzfreien Aufsetzen des posit ronischen
Schmerzmonitors. Er dient dazu, im nächsten Schritt das Schmerzmilieu
deines Körpers zu überwachen, damit es zu keinen langfristigen Schäden
oder einem Exitus kommt.«
»Verstanden.«
»Danach werden die Schmerzmodule eingesetzt. Diese Prozedur bedingt
aktiven Schmerz. Hast du das verstanden?«
»Ja.«
»Danach gibt es eine Monitoring-Phase, um die Folgen der
Implantierung zu überwachen. Hast du auch das verstanden?«
»Verstanden.«
»Die Prozedur ist automatisiert. Ihre Dauer ist jedoch von deinen
physiologischen Reaktionen abhängig. Daher werden wir jetzt keine
Prognose abgeben, wie lange sie dauern wird. Unsere Pflicht als
Schmerzkommission ist damit getan. Wir übergeben dich hiermit in die
Verantwortung des Schmerzwächters, der die Prozedur der
Schmerzentfaltung begleiten wird.«
Die drei standen auf, Wulfar tat es ihnen nach.
Der links Stehende der drei wies auf die Wand hinter Wulfar.
Er drehte sich um. Vor ihm schob sich nun die gesamte Wand in die
Decke hoch. Dahinter sah er einen rechteckigen Raum, ebenso mit
keramischen Oberflächen und greller Beleuchtung ausgestattet. In der Mitte
stand ein medizinischer Tank für Standardhumanoide, zu denen viele
Takhal zählten. Wulfar erkannte, dass der Tank schwenkbar war und in eine
liegende Position gebracht werden konnte.
Eine Konsole umlief hüfthoch die Wände, mit einer Aussparung für eine
Schleuse an einer der Längsseiten.
» Zieh dich aus und steige in den Tank. Anordnungen des
Schmerzwächters sind Folge zu leisten.«
Wulfar betrat den Raum. Hinter sich hörte er ein schleifendes Geräusch.
Die Wand senkt sich wieder, begriff er und zog die Stiefel, die Weste, die
Hose und seine Unterwäsche aus. Er stieg in den Tank und lehnte sich
gegen die weiche Fläche aus Kunststoff, die ihn innen verkleidete.
Ein Signa lton erklang, der Tank drehte sich in die Horizontale. Wulfar
stand nicht mehr, er lag und sah die Decke des Raums über sich. Darin
waren Klappen eingearbeitet, die sich nun öffneten. Dahinter wurde
technische Ausrüstung sichtbar.
Metallene Tentakel ragten heraus, näherten sich, umringten geschmeidig
seine Handgelenke und Fußfesseln und rasteten ein. Wulfar war nun fixiert
und konnte sich bestenfalls minimal bewegen. Ein weiterer Tentakel mit
einer Gesichtsmaske erschien. Sie bedeckte die Nase und schob etwas in
seinen Mund. Wulfar spürte mit der Zunge eine Art Nut, in die er
hineinbiss.
Seitlich drückten sich Kopfhörer in seine Gehörgänge.
»Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen«, befahl eine
mechanische Stimme. »Die Augen können offen bleiben oder geschlossen
werden.«
Eine zähe Flüssigkeit wie Gel quoll gurgelnd in den Tank und füllte ihn
bald vollständig aus.
Tauchen wollte ich schon immer, dachte Wulfar mit einer Spur
Galgenhumor.
Mit einem klickenden Geräusch näherte sich etwas seinem Kopf und
umschloss ihn wie mit einer kalten Hand.
Der Schmerzmonitor!, begriff Wulfar.
Eisige Kälte dehnte sich in seinem Kopf aus und von do rt in alle
Nervenbahnen.
»Und nun fangen wir an,« hörte er eine Person sprechen.
Wulfar stutzte. Kenne ich die se Stimme etwa?
Er sah zwei, vier, sechs, insgesamt acht weitere Tentakel, die aus der
Decke herabsanken und sich ihm näherten. An ihren Spitzen trugen sie
komplizierte Vorrichtungen.
Injektoren?, mutmaßte er. Das Gel erlaubte ihm jedoch keinen richtig
klaren Blick.
Die Spitzen kamen seinen Ober- und Unterarmen, seinen Oberschenkeln
als auch seinem Oberkörper näher. Sie machten alle gleichzeitig Kontakt.
Grenzenloser Schmerz dehnte sich von allen acht Kontaktpunkten aus.
Die Spitzen bohrten sich in seinen Körper. Das Gel färbte sich rot.
»So, nun tun wir dir mal so richtig weh, du privilegiertes Miststück«, rief
die Person.
Die Stimme klingt bekannt, aber älter, dachte Wulfar. Dann begriff er.
Natürlich! Es ist dieser Hogun!
Seine Gedanken schrien. Hören konnte ihn niemand.
Wulfar hatte in der Krigserausbildung einiges erlebt und einiges einstecken
dürfen. Sadistische Ausbilder, die man nicht im Kampf gebrauchen konnte,
weil sie ihre Kameraden in Gefahr brachten, fanden hier eine Spielwiese,
die vom Taka und den Krigsledern toleriert wurde. Unlösbare Tests, in
denen jeder Auszubildende scheiterte, sich die Knochen brach,
verzweifelte, gehörten zum Alltag. Ebenso sinnlose Aufgaben, wie das
Zählen von Munitionsvorräten oder das Putzen der Ausbildungskabinen
dienten dazu, die zukünftigen Krigser auf Enthaltsamkeit und Entbehrungen
vorzubereiten. Oder um sie einfach sinnlos zu quälen, was wieder im Sinn
der sadistischen Ausbilder war.
Schmerzen gehörten also dazu.
Aber Hogun ... warum tat er ihm das an? Weil er ein »privilegiertes
Miststück« war? Wer war dieser Kerl überhaupt?
Es spielte eigentlich keine Rolle, warum er es tat. Aber Wulfar begriff
durchaus, was Hogun tat. Er spielte mit dem positronischen
Schmerzmonitor und justierte ihn neu. Damit gerieten die Schmerzen, die
durch die Implantate hervorgerufen wurden, in einen unkontrollierbaren
Bereich. Das Risiko bestand, dass Wulfar langfristige Schäden davontragen
würde.
Er hatte bereits seine Blase und seinen Darm entleert. Zusammen mit
dem Blut, das er durch das brutale Eindringen der Implantate in seinen
Körper verloren hatte, verfärbte sich das Gel im Tank auf eine widerliche
Weise und überforderte die Desinfektionsroutinen.
Neue und immer neue Wellen des Schmerzes rasten durch Wulfars
Körper. Seine Herzrate stieg. Ihm fiel es immer schwerer, klare Gedanken
zu fassen.
Will er, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?, fragte sich Wulfar in der
kurzen Pause zwischen zwei Schmerzwellen.
Die Implantatinjektoren bohrten sich nach wie vor in seinen Körper,
saßen an acht Stellen fest, die nach wie vor Blut verströmten.
Wenn ich hier sterbe ... was bedeutet ihm das?
Sein Herz schlug immer schneller. Ein heftiger Schmerz durchzuckte
seine linke Körperhälfte und zog sich den linken Arm entlang.
Er will meinen Vater demütigen!, brandete ein Gedanke durch seinen
Kopf. Positronische Kälte hielt sein Gehirn nach wie vor fest umklammert.
Wulfar hörte Hogun albern lachen.
Wieder bohrten die Tentakel, tiefer als zuvor. Wieder entbrannten
Schmerzen, und diesmal war es selbst für den leidgeprüften Wulfar zuviel.
Ein heftiger Schlag ließ sein Herz erzittern, bis es stillstand.
Das letzte, was er hörte, war ein schrilles Fiepen ...
»Wir müssen die Zeremonie abhalten, das weißt du«, sagte Lerror.
Immer belehrend, fand Wulfar.
Er fühlte sich elend, aber jedenfalls nicht mehr tot.
Das ist zumindest ein Fortschritt, fand er.
Lerror hatte ihm erklärt, was passiert war. Der Berater seines Vaters hatte
ein Signal erhalten, dass Wulfar einen Herzinfarkt erlitten hatte. Seine
Kontakte unter den Medikern hatten sofort dafür gesorgt, dass die
Schmerzentfaltung unterbrochen wurde. Dazu mussten sie erst in den Raum
mit dem Tank gelangen. Hogun hatte mit einem Überrangcode sowohl den
Raum abgeriegelt, als auch die Kontrolle über den positronischen
Schmerzmonitor erlangt. Sie hatten Hogun schließlich aufgehalten, aber zu
diesem Zeitpunkt war Wulfar bereits klinisch tot gewesen.
Hogun war von den Medikern zunächst festgesetzt worden. Da sie jedoch
keine Befugnisse dieser Art besaßen, mussten sie Hogun gehen lassen.
Dieser hatte sich in die unteren Bereiche der STERNENZITADELLE
zurückgezogen. Was mit ihm geschah, war nun Sache des Stabs des Taka
Raym. Der Familie Wulgasts war ein direktes Eingreifen untersagt. Es gab
keine Blutrache auf der STERNENZITADELLE.
Im Prinzip hatte Hogun sogar der Sache der Takhal gedient. Wulfar, der
Proband, hatte maximalen Schmerz erfahren. Die Injektoren hatten die
Implantate eingesetzt, die man traditionell bei den Takhal dazu verwendete,
Krigser auf Schmerzen im Kampf zu gewöhnen. Und Wulfar hatte die
Schmerzentfaltung letztlich überlebt.
Das Problem, dass sich nun stellt, ist ein ganz anderes, dachte Wulfar.
»Wieviel Zeit habe ich?«, erkundigte er sich bei Lerror.
»Du kannst dich anziehen, dann müssen wir auch schon los«, antwortete
der Berater mit gefühlloser Stimme.
Immer der objektive Beobachter, dachte Wulfar. Nun gut, so sei es.
Er war so zittrig und erschöpft, dass es ihm schwerfiel, sich anzuziehen.
Als er es geschafft hatte, stand ihm kalter Schweiß auf der Stirn.
»Können wir gehen?« fragte Lerror.
»Wir können gehen.«
Neben Lerror schleppte sich Wulfar mehr schlecht als recht durch die
Gänge der STERNENZITADELLE. Nun standen sie vor dem großen
Schott, das in den zeremoniellen Hangar führte.
Wulfars Knie zitterten, er war nassgeschwitzt. Genau so habe ich mir
meinen fünfzehnten Geburtstag immer vorgestellt, dachte er.
Lerror betätigte ein Signalfeld, das Schott öffnete sich, und sie traten ein.
Wulfar hatte immer wieder Aussetzer in seinem Sichtfeld, als sprühten
graue Funken aus allen Richtungen und überlagerten das Bild, das er sah.
Mein Kreislauf ist total im Eimer.
Die drei Personen, die zwischen ihm und einem Raumjäger standen,
erkannte er sofort.
Wulgast, sein Vater, Krigsleder des Atilla-Klans. Kurush, der Zyklop,
Rhetor Scientia und Berater des Taka Raym. Er würde Meister des
Zeremoniells sein. Und Ross Malhony, der Krigsleder des Amelus-Klans,
der Zeuge der Zeremonie sein würde. Nur bei den Kindern eines
Krigsleders wurde ein gleichrangiger Zeuge eines anderen Klans berufen.
Wulfar erkannte den Terraner Malhony von Holobildern. Sie waren sich
noch nicht persönlich begegnet, obwohl Malhony bereits oft auf der
STERNENZITADELLE war. Er trug eine eng geschnittene, graue Uniform,
hatte gebräunte Haut und weiße Stachelhaare. Über einem schmallippigen
Mund breitete sich ein buschiger, weißer Schnauzbart aus. Die Augen
waren zugekniffen, die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt.
Das Gesicht seines Vaters war hart, doch in seinen Augen fand er einen
Hinweis darauf, wie er sich wirklich fühlte.
Besorgt, stellte Wulfar fest. Dann kam die Erkenntnis. Es geht darum,
meinen Vater vor dem Zeugen zu diskreditieren. Der Sohn soll kein
Krigseranwärter werden ... dann gilt der Krigsleder als schwach!
Der Zyklop sprach. »Ich, Kurush, Berater des Taka Raym, bin der
Meister dieser Zeremonie. Sie bestimmt, ob Wulfar, Sohn des Wulgast,
Krigsleder des Atilla-Klans, zum Krigseranwärter erklärt wird. Wer ist
anwesend?«
»Wulgast, Krigsleder des Atilla-Klans!«
»Ross Malhony, Krigsleder des Katron-Klans!«
»Lerror, Berater des Wulgast!«
Wulfar krächzte irgend etwas Unhörbares und schwankte breitbeinig hin-
und her, den Oberkörper weit nach vorne gebeugt. Kalter Schweiß tropfte
von seiner Stirn auf den stählernen Belag des Hangars. Er hatte einen
Geschmack wie nach Blech im Mund.
Kurushs Zyklopenauge schien ihn durchbohren zu wollen.
»Wer ist anwesend?«
Wulfar streckte sich, ballte die Fäuste und schrie es hinaus. »Wulfar!
Sohn des Wulgast! Krigsleder!«
»Dann«, setzte Kurush fort, »beginnen wir das Zeremoniell.«
Wulfar musste vor Anstrengung keuchen. Er gab sich Mühe, seinen Vater
zu beobachten. Der ging zu dem Raumjäger im Hintergrund, zog sein
Vibromesser und schien ein Stück der metallenen Verkleidung aus dem
Raumfahrzeug herauszuschneiden.
Das war ein Teil der Zeremonie. Selbstverständlich konnte niemand mit
einem Vibromesser ein Stück der Außenhülle eines Raumjägers
herausschneiden. Aber so bestimmte es nunmal der Mythos der Takhal. Die
Stelle war für die Zeremonie entsprechend präpariert worden. Die dünne
Platte aus Stahlblech war jedenfalls echt.
Wulgast stellte das Vibromesser ab und steckte es mit einer Hand in die
Scheide, die an seiner Hüfte festgeschnallt war. Mit der anderen hielt er ein
etwa 25 mal 15 Zentimeter großes und ein Zentimeter dickes Rechteck aus
Stahl.
Er kehrte zur Gruppe zurück, schritt an Kurush und Malhony vorbei und
blieb vor Wulfar stehen. Er hielt die Stahlplatte hoch, so dass sie jeder der
Anwesenden sehen konnte. Dann rief er: »Ein Krigser, der ein Pilot sein
will, muss aushalten, wenn ihm im Flug etwas auf den Kopf knallt!«
Er sah seinen Sohn besorgt an.
Es tut mir leid, Vater, dachte Wulfar.
Wulgast hieb die Stahlplatte auf Wulfars Kopf, warf sie zur Seite und
ging einen Schritt zurück.
Eine Platzwunde vergoß heißes Blut, dass den kalten Schweiß von
Wulfars Stirn spülte. Instinktiv schloss er die Augen.
Eine Welle der Übelkeit stieg in ihm hoch. Er schwankte, krümmte sich,
bückte sich. Seine Hände griffen ins Leere. Mit den Fingerspitzen einer
Hand berührte er den Boden.
Nicht ohnmächtig werden!, schrie er innerlich. Ich muss stehen bleiben.
Er erbrach sich. Galle platschte auf den Hangarboden.
Ich muss stehen bleiben.
Krämpfe schüttelten ihn, er zog den Oberkörper zusammen, würgte,
röchelte. Seine Beine verkrampften. Breitbeinig schwankte er hin- und her.
Ich muss stehen bleiben!
Er spürte schmerzhaft die Stellen seines Körpers, in die die Stahltentakel
Implantate hineingebohrt hatten, und konzentrierte sich darauf.
Wulfar merkte nicht, wie er röhrte: »Stehen bleiben! Stehen bleiben!
Stehen bleiben!«
Das Blut rauschte so intensiv in seinen Ohren, dass er die Stimme
Kurushs nur dumpf vernahm.
»... zeremoniell die Aufnahme in den Stand des Krigseranwärters zur
Zufriedenheit des Meisters und des Zeugen der Zeremonie vollzogen.«
Er spürte Hände, die ihn hielten. Die Hände seines Vaters.
»Du kannst dich nun hinknien«, sagte Wulgast leise.
Wulfar blickte hoch. Er sah seinen Vater, sah Lerror und Kurush. Und zu
seinem Erstaunen sah er auch, wie sich ein breites, wenn auch grausames
Grinsen unter Ross Malhonys weißem Schnauzbart langsam ausdehnte.
Dann durfte Wulfar endlich in Ohnmacht versinken.
»Erzähl mir mehr!«, verlangte Otnand.
Wulfar seufzte. Kaum, dass er von seiner ersten sechsmonatigen Fahrt als
Krigseranwärter an Bord eines Schiffes der Atilla-Flotte, der
ROVERSTJERNER, zur STERNENZITADELLE zurückgekehrt war,
löcherte ihn sein jüngerer Bruder mit Fragen.
»Also, das war so. Wir lagen am Waldrand auf einem Hügel. Über uns
waren die Baumkronen. Eine leichte Brise bewegte die Blätter, sie
rauschten. Es roch nach Erde und Gras.«
»Wie lahm!« Otnand lachte. »Und weiter?«
»Sie lag neben mir und atmete heftig. Ich stand auf, nahm ihr Kleid und
machte mich damit im Schritt sauber.«
Otnand lachte schallend. »Und dann?«
»Dann hat sie mich angeschrien, dass sie nun nichts mehr anzuziehen
hätte.«
»Und was hast du geantwortet?«
»Dass das aus meiner Sicht auch nicht notwendig sei.«
Otnand klatsche mit den Händen auf seine Knie und kicherte
unenthemmt.
Wie Kalnoss in der Zentrale der Jet, als wir auf Hesophia landeten,
dachte Wulfar.
Ein Signal erklang gleichzeitig an Wulfars und Otnands Komgeräten.
»Wir sollen kommen«, sagte Wulfar zu seinem Bruder.
Sie liefen barfuß von Wulfars Zimmersuite im fünfzehnten Stock des
GRAND HOTEL hoch zum großen Saal im obersten Geschoss. Zwei
Legionäre der Familiengarde ließen sie passieren. Der Saal war leer, aber
aus dem Konferenzraum dahinter hörten sie laute Stimmen.
Die Pforte mit der Doppeltür aus dunklem Holz stand offen.
Als sie eintraten, erstarrten sie vor Schreck.
»Weil du uns in eine Position der Schwäche manövrierst!«, schrie eine
kraftvolle Frauenstimme. Ihre Mutter, Monuki.
Am Kopfende des großen, dunklen Holztisches in der Mitte des hohen
Raums stand Wulgast, ihr Vater, mit einem Kombistrahler in der Hand. Sein
Kopf war rot vor Zorn, seine Gesichtszüge verzerrt.
»Wenn ich falle, fallen wir alle!«, brüllte er. Speichelflocken flogen aus
seinem Mund.
»Leute!«, versuchte Kalnoss zu beschwichtigen, hob und senkte die
Hände, wie um die beiden zu beruhigen.
Wo ist Lerror?, dachte Wulfar.
»Wir sind nicht deine Leute!«, brüllte Wulgast enthemmt.
»Ac h, auf einmal nicht, oder wie?«, entgegnete Kalnoss in gespielter
Empörung.
Der Krigsleder des Atilla-Klans richtete den Kombistrahler auf seinen
Subkommandanten. »Komm mir nicht mit deinem Mist!«, zischte er,
Tonfall ansteigend, hinter zusammengepressten Zähnen.
Kalnoss wurde weiß im Gesicht, seine Augen weiteten sich vor
Entsetzen.
Eine ehrliche Reaktion, fand Wulfar.
»Wenn du mich tötest ...«, fing der Subkommandant an.
»Schweig, Kalnoss!« schrie Monuki. »Und wer hat die Kinder gerufen?«
In diesem Moment öffnete sich die Tür hinter Wulgast. Lerror trat ins
Konferenzzimmer.
»Das bin wohl ich gewesen«, gab der Berater zu.
»Mein Sohn ...«, fing Wulgast an.
»Dein Sohn, dein Sohn!«, schrie Monuki in hysterischem Tonfall.
»Immer nur geht es um deinen Sohn, wie er dich aussehen lässt vor den
anderen! Was ist denn mit meinem Sohn?«
Wulfar und Otnand sahen sich verwirrt an. Was meinte sie damit?
Wulgast hielt immer noch den Kombistrahler auf Kalnoss gerichtet.
»Die Situation ist klar, Krigsleder,« sagte Lerror mit ruhiger Stimme.
Der Subkommandant sah Wulgast an und hob einen Mundwinkel,
gespielt lässig. »Mal gewinnt man ein bisschen, mal verliert man ein ...«
Wulgasts Waffe unterbrach Kalnoss. Ein Thermostrahl verbrannte seinen
Kopf vollständig. Der verkohlte Schädel wurde durch die kinetische Wucht
des Strahls von den Schultern gerissen und knallte gegen die holzgetäfelte
Rückwand. Sein Körper stand noch sekundenlang da, ein einsamer
Blutschwall schoss fontänengleich aus dem Hals, bevor er umkippte.
Monuki entfuhr ein bestialischer Schrei. Sie sprang auf den Tisch,
rutschte auf Knien auf Wulgast zu und griff hinter sich. Als sie das
Tischende erreicht hatte, drehte sie sich, bekam das Bein frei und trat nach
Wulgasts Kopf.
Der Tritt kam für den Krigsleder nicht unvorbereitet, er drehte sich
routiniert zur Seite.
»Du bist ein Schwächling, Wulgast! Ich hätte mich nie mit dir einlassen
sollen!«
Monuki landete mit den Füßen auf dem Steinboden hinter dem Kopfende
des Tischs, breitbeinig, kampfbereit. Sie zog ihre Hände vom Rücken nach
vorne. Sie hielt zwei Klingen, die fast transparent waren. Wulfar konnte sie
nur sehen, weil sie im hellen Kunstlicht des Konferenzraums Spiegelungen
hervorriefen. Er umklammerte seinen Bruder, drückte sein Gesicht an seine
Schulter, damit er nicht zusehen musste.
Wulgast stand zwei Schritte von Monuki entfernt an der holzgetäfelten
Wand und wartete ab.
»Die Situation klärt sich zunehmend«, stellte Lerror fest.
Der Krigsleder feuerte einen Thermostrahl auf die rechte Hand seiner
Frau ab. Aus den verbrannten Knochen fiel die Klinge klirrend auf den
Kunststeinboden. Die kinetische Kraft warf Monuki auf den Tisch zurück,
sie landete mit dem Oberkörper voran auf der Tischplatte.
Wulgast machte einen schnellen Schritt, ergriff mit der freien Hand
Monukis verbliebene Waffenhand und drückte sie samt Klinge nach unten.
Er beugte sich über seine Partnerin. Mit dem Unterarm seiner eigenen
Waffenhand übte er Druck auf ihren Nacken aus.
Monuki konnte sich nicht befreien. Sie keuchte, ihr verletzter Arm
blutete.
»Seit Monaten geht das so«, kreischte Wulgast mit schriller Stimme.
»Wulgast, du bist verweichlicht! Wulgast, du bringst uns in Gefahr! Mein
Kind, dein Kind! Mein Kind, dein Kind!« Der Krigsleder hob die
Waffenhand, schwenkte den Kombistrahler hin- und her. »Vielleicht liegt ja
hier das Problem!«
In den Augen des Vaters sah Wulfar fiebrigen Glanz.
Otnand riss sich von seinem Bruder los.
Ein Ruck ging durch Monukis Körper, als sie sich straffte. Sie konnte den
Kopf heben und drehen, ebenso den Arm mit der verbrannten Hand.
»Was ...« begann Wulgast erstaunt.
»Bemerkenswert«, rief Lerror, sprang aus dem Stand auf den Tisch und
drückte mit seiner Hand auf Monukis Genick.
Es knackte laut. Monuki zuckte noch einmal hoch und erschlaffte dann
auf der Tischplatte.
»Soviel Kraft«, entfuhr es dem Berater.
Wulgast senkte die Waffe, drehte sich um und verließ wortlos den Raum
durch die hintere Tür, in der kurz zuvor Lerror erschienen war.
Otnand rannte durch den Saal, durch die Pforte, an den Legionären
vorbei und verschwand irgendwohin in die Tiefe des GRAND HOTEL.
Wulfar fiel auf die Knie und schluchzte.
Durch die Beine des Tischs und der Stühle hindurch konnte er sehen, wie
Monukis Knie einsanken, der Unterleib von der Tischplatte rutschte, gefolgt
vom Oberkörper, den ausgestreckten Armen und dem zwischen den
Schultern hängenden Kopf. Mit dumpfen Geräuschen kam Monukis Körper
nach und nach auf dem Steinboden zum Liegen wie die Glieder einer
zerbrochenen Puppe.
KAPITEL 5
Die Zeit konnte den Schock über den Tod der Mutter nicht heilen. Wulfar
und sein Bruder Otnand spürten diesen Schock immer noch in ihren
Knochen und ihrer Seele.
Die beiden saßen in einer offenen Schänke an der großen Ringstraße der
STERNENZITADELLE und bliesen Trübsal. Bier stand in
Kunststoffbechern vor ihnen, es waren auch nicht die ersten.
Die Brüder blickten zur Theke, wo es Nachschub gab. Sie stand unweit
vom Rand der großen Ringstraße und war von einer schmutzigen,
gestreiften Markise überdeckt.
Völlig unsinnig, dachte Wulfar und grinste. Als würde es hier jemals
regnen. Irgend ein Takhal wird sie auf irgend einem Planeten geklaut
haben.
Buntes Treiben herrschte um sie herum, ein ständiges Kommen und
Gehen von Krigsern und anderen Besatzungsmitgliedern mit ihren
Familien. Der Geruch von gebratenen Speisen und allerlei Gewürzen
umwehte sie. Die Positronik der Lüftungsanlage achtete auf das
entsprechende Ambiente, denn die Schiffsführung wusste, wie sehr das
Milieu den Takhal als Erholungsort bedeutete. Es fanden ja nicht ständig
Raubzüge auf Planeten statt und selbst die waren oftmals eher Arbeit und
weniger Vergnügen.
Wulfar sah seinen Bruder an, der mit der Hand an der Stirn den Kopf
abstützte. »Vater hat sich verändert.«
»Was hatte er zu uns gesagt?«, wollte Otnand wissen. »Das mit der Frau
und den Sternen? Kannst du dich daran erinnern? Ich bin nämlich zu
besoffen dazu.«
»Vater sagte so etwas in der Art von ... Wenn du die richtige Frau an
deiner Seite hast, wirst du die Sterne vom Himmel holen. Wenn du die
falsche Frau an deiner Seite hast, wirst du die Sterne bestenfalls sehen.«
»Er hat wohl nie daran gedacht, dass einer von uns eine Tochter sein
könnte, was?«
»Oder ein Sohn mit anderen Vorlieben.«
»Der Spruch ist ohnehin Blödsinn. War Mutter nun die richtige oder die
fa lsche Frau?«
»Ich schätze, beides. Womit wir bei dem eigentlichen Problem wären.«
»Das wäre?«
»Dass sich Menschen ändern können.«
Wulfar bemerkte eine Veränderung in den Bewegungen der Takhal um
ihn herum. Zwei Personen näherten sich, jedoch unauffällig und sehr
geschickt. Sie nutzten die anderen besetzten Tische am Rand der großen
Ringstraße als Deckung und schlichen nun zur Theke.
Unter dem Tisch trat Wulfar gegen Otnands Schienbein. Der Bruder
blickte ihn an. Wulfar nahm eine Gebäckstange aus dem Behälter in der
Tischmitte und legte sie so, dass sie mit einer Spitze zur Theke wies.
Otnand verstand, blickte sich jedoch nicht um.
»Ich finde es gut, dass du dich nicht sofort umdrehst, wenn ich dir ein
Signal gebe«, kommentierte Wulfar mit einem Grinsen.
»Ich bin zwar besoffen, aber nicht so besoffen, dass ich mich verraten
würde«, sagte Otnand. »Was siehst du, Bruder?«
Er wollte gerade antworten, als die zwei Figuren auf sie zuschlenderten.
Sie hatten schlanke, fast hagere Figuren und trugen ärmellose Tops und
kurze Röcke mit schlierigen Mustern in Erdfarben, die mehr offenbarten als
sie verbargen. Athletische Beine, sehnige Arme, knochige Schultern. Ein
schwindelerregender Tattoomix. Überhaupt, erregend. Lange Hälse mit
Gesichtern, die noch weich waren und von einem Ohr zum anderen
grinsten. Die Haare waren spektakulär nach allen Seiten frisiert und
schillerten bunt. Sie hielten sich an der Hand, die größere der beiden zog
die andere mit sich. Schon standen sie an Wulfars und Otnands Tisch.
Zwei Mädchen!
Wulfar blickte erstaunt auf. Otnand hob den Kopf, sah die beiden mit
offenem Mund an.
»Was blast ihr hier Trübsal, ihr beiden?« rief die größere mit schriller
Stimme.
Wulfars Wahrnehmung fokussierte mit einem Schlag auf die Frau, auf ihr
Gesicht, auf ihren Mund. Die Welt um ihn herum verblasste. Sie existierte
nicht mehr, hatte keine Bedeutung. Er sah, wie sich ihr Mund bewegte. Es
war das Schönste, das er in seinem Leben bislang beobachten durfte. Er
hörte nicht mal, was sie sagte, denn in seinen Ohren schien Watte zu sein.
Er war verzaubert worden!
Ein Schlag auf die Hand rief ihn in die Wirklichkeit zurück. »Wulfar!«,
zischte sein Bruder.
»Ihr seid langweilig«, blökte nun die kleinere der beiden mit erstaunlich
tiefer, rauchiger Stimme.
Wie eine Bardame, fand Wulfar. Ein Blick zu Otnand zeigte ihm, dass
nun der Bruder an der Reihe war, verzaubert zu sein.
Die Größere stieß Wulfars Becher mit Bier um, die Kleinere tat bei
Otnand dasselbe. Dann rannten sie lachend davon, Hand in Hand.
Schäumend lief das Bier über die kreisförmige Tischplatte, suchte und fand
die Hosenbeine der beiden jungen Männer.
Wulfar und Otnand sprangen von ihren Stühlen auf, stolperten, fielen um,
rissen Takhal von benachbarten Tischen mit sich, wälzten sich auf dem
Boden, rappelten sich auf, drückten andere Takhal von sich, die sie schlagen
wollten, und sprangen an den Tischen und Stühlen der Schänke vorbei auf
die offene, große Ringstraße. Sie stießen Passanten von sich, blickten nach
links, rechts ...
Sie sind verschwunden! Wulfar fühlte unendlichen, schmerzhaften
Verlust.
»Wo sind sie hin?«, rief Otnand.
»Ich habe keine Ahnung, sie waren zu schnell!«
»Du bist schuld, wenn ich einsam sterbe«, lallte sein Bruder.
»Hey, du bist ja ganz schön blau!«
Otnand kicherte, schlug die Hände auf die Oberschenkel und torkelte ein
paar Schritte.
»Aber nicht blau genug!«
Wulfar blickte sich um. Hinter ihnen hatte sich ein Mob der
Angerempelten gebildet. Fäuste wurden in Richtung der beiden jungen
Männer geschüttelt.
»Wir sollten woanders weitertrinken.« Wulfar packte seinen Bruder an
der Schulter und lief los. Otnand stolperte mehr schlecht als recht hinterher.
Bald hatten sie den Mob abgehängt. Lachend liefen sie ein ganzes Stück die
Ringstraße entlang, bevor sie sich in die nächste Schänke in tiefliegende
Plastiksessel fallen ließen. Unte r ihren Füßen knirschte künstlicher Sand,
schwebende Lautsprecher verbreiteten die hörbare Illusion von
Meeresrauschen.
»Ooober! Biiier!« riefen die Brüder gleichzeitig.
»Ich ko-mm-ee«, knarzte eine mechanische Stimme.
Otnand blickte in die funzelige kleine Kunstsonne über ihnen und fiel aus
dem Sessel in den Sand.
Die bereits dritte sechsmonatige Fahrt Wulfars als Krigseranwärter an Bord
der ROVERSTJERNER stand kurz bevor, als Lerror ihn zu einer
Unterredung zwang.
Zwei Gardisten hatten ihn höchst betrunken aus einer illegalen Kneipe in
den unteren Decks der STERNENZITADELLE abgeführt. Ihn! Den Sohn
Wulgasts, des Krigsleders!
Mit dem Berater seines Vaters hatte er seit dem Tod der Mutter nicht
mehr gesprochen. Otnand und er hatten einen Pakt geschlossen. Sie würden
Lerror ignorieren, da er es gewesen war, der die Mutter getötet hatte.
Zudem hatte ihn Taka Raym davonkommen lassen, ohne Urteil, ohne
Strafe.
Doch auch mit dem Vater hatte Wulfar seitdem nur wenig gesprochen.
Denn er musste seinen Pflichten als Krigseranwärter nachkommen, und das
zog längere Abwesenheit mit sich. Sein Bruder Otnand war nun ebenfalls
Krigseranwärter, für ihn galt dasselbe. Zumindest hatte Otnand während
seiner Schmerzentfaltung nicht mit Hogun zu tun gehabt. Aber das Problem
Hogun bestand weiterhin.
Die Legionäre brachten ihn in einen Raum im achten Stockwerk des
GRAND HOTEL.
Zumindest nicht in den großen Saal oder den Konferenzraum dahinter,
dachte Wulfar.
Mehrere Sessel waren in einer lockeren Runde angeordnet. Lerror saß in
einem davon. Auf einem Beistelltisch stand eine Karaffe mit einer klaren
Flüssigkeit sowie ein volles Glas.
»Trink erstmal etwas«, sagte Lerror beiläufig.
Wulfar packte das Glas, trank es aus, stellte es wieder ab, ging zum
Sessel, der am weitesten von Lerror entfernt war, und ließ sich hineinfallen.
Das Getränk arbeitete bereits in seinem Kreislauf. Wulfar bemerkte, wie
die Wirkung des Alkohols nachließ und er wieder nüchtern wurde.
»Hör mir jetzt einfach zu, Wulfar. Wir müssen die Situation klären, weil
sonst diese Familie komplett auseinanderfällt.«
»Ist sie das nicht längst schon?«
»Wir haben das Mitleid nach dem Tod deiner Mutter nun ausgeschöpft.
Die Familie Wulgasts muss wieder geschlossen auftreten, sonst ist die
Position deines Vaters als Krigsleder in Gefahr. Das war nämlich von
vornherein die Absicht bestimmter Akteure.«
»Ach, und darum hast du meine Mutter umgebracht?«
»Die Situation konnte nicht anders geklärt werden, denn sonst hätte dein
Vater Monuki getötet. Das musste unter allen Umständen vermieden
werden. Monuki hat ... hatte mächtige Verbündete auf der
STERNENZITADELLE. Kalnoss bedrohte Wulgast, und Wulgast hat das
geklärt, das akzeptiert jeder. Monukis Tod konnten wir als Unfall
darstellen.«
»Das versöhnt mich nicht!«
»Das ist mir klar.«
Wulfar blickte verblüfft.
»Lass mich erklären. Taka Raym hat selbstverständlich interveniert. Die
Kommission, die er eingesetzt hat, arbeitete jedoch im Geheimen , um dich
und deinen Bruder nicht zu belasten. Die Kommission war
klanübergreifend. Du und dein Bruder hatten einen mächtigen Fürsprecher
in dieser Hinsicht.«
»Was? Wen?«
»General Ross Malhony, Krigsleder des Katron-Klans.«
Wulfar war erstaunt. Noch erstaunter war er darüber, dass Lerror zu
lächeln schien. Eine emotionale Regung? Bei dem eiskalten Berater?
»Die Kommission befand, dass Kalnoss den Konflikt suchte und den
rechtmäßigen Tod fand, indem er Wulgast herausforderte. Monuki geriet
zwischen die Fronten und wurde versehentlich getötet. Durch mich.
Krigsleder Wulfar wurde daher kein Vorwurf gemacht. Taka Raym hat
diesen Befund bestätigt. Das Urteil bestand ferner darin, dass ich bei der
Familie zu bleiben habe. Der Grund wurde nicht offen diskutiert.«
»Aber?«
»Ich bin froh, dass du über das Ereignis hinausdenkst.«
Das Ereignis, dachte Wulfar bitter. »Sag es mir!«
Lerror faltete die Hände in den Schoß. »So bleibt das bestehende
Machtgefüge erhalten. Wulgasts Ablösung wurde durchaus gefordert. Wir
wissen, das hätte seinen Tod, deinen Tod und den deines Bruders bedeutet.
Ich wäre abberufen und einem anderen Krigsleder zugeteilt worden. Kurush
und Taka Raym fanden, dass damit der Klan insgesamt geschwächt würde.«
»Was dich ehrt«, kommentierte Wulfar.
»Das ist richtig, entspricht jedoch auch den Tatsachen. So erhält auch
kein anderer Klan Zugriff auf unsere Daten und meine Kapazitäten.
Faktisch sind wir geschwächt, denn Kalnoss war der Subkommandant und
spielte somit eine wichtige Rolle, die nun vakant ist. Darüber hinaus
verspricht sich Taka Raym durch seine Haltung die Loyalität der Familie.«
»Die er stets hatte und weiterhin haben wird.«
»So ist es.«
»Was noch?«
Lerrors Kopf ruckte leicht zur Seite. Eine Tür an der Rückwand des
Raums öffnete sich. Sein Vater trat in vollem Ornat hindurch. In beiden
Händen hielt er etwas, das Wulfar nicht sehen konnte.
»Krigseranwärter Wulfar!«, rief Wulgast.
Wulfar stand auf und nahm Haltung an. Lerror erhob sich ebenfalls.
»Wulfar meldet sich, Wulgast, Krigsleder des Atilla-Klans!«
»Lerror, Berater der Familie?«, fragte Wulgast.
»Krigsleder, ich diene als Zeuge.«
»Wulfar, du bist ab sofort Krigser. Ich gratuliere«, sagte der Vater und
heftete dem Sohn das Abzeichen auf den Brustteil der braunen Weste.
»Krigsleder, ich ...«, fing Wulfar an.
»Sei still!«, donnerte sein Vater.
Mit der anderen Hand schlug er Wulfar ein weiteres Abzeichen auf die
andere Brustseite.
»Wulfar, Krigser des Klan Atilla, du bist ab sofort Subkommandant der
Legion der Familie!«
Der Sohn wusste nicht, was er sagen sollte. Er stand mit offenem Mund
da, blickte den Vater und den Berater an und schloss den Mund wieder.
Sein Hals fühlte sich trocken an.
Der Vater sprach weiter. »Wir müssen uns jetzt alle auf unsere Aufgaben
konzentrieren. Du, Wulfar, wirst auf die ROVERSTJERNER zurückkehren.
Otnand hat ebenfalls eine Aufgabe zu erfüllen. Es ist von jetzt an wichtig«,
sagte er mit einem Seitenblick zu Lerror, »dass du und ich nicht zu lange
am selben Ort verweilen. Hast du das verstanden?«
»Verstanden«, antwortete er knapp.
»Und noch etwas.«
»Ja?«
Nun sprach Lerror. »Traue Ross Malhony nicht über den Weg.«
Jetzt hätte er einen guten Schluck gebrauchen können.
War die STERNENZITADELLE bislang eine Baustelle gewesen – oder
zumindest als solche deklariert worden, womöglich, um andere Klans im
Unklaren über den Zustand der Raumfestung zu lassen – war sie nach der
Rückkehr Wulfars von seiner Fahrt mit der ROVERSTJERNER definitiv
voll einsatzfähig.
Die Ankündigung, dass Kurush an Bord kommen würde, hatte sie alle
auf dem 300 Meter langen und 60 Meter breiten Adlerschiff des Typs Vesus
wachgerüttelt. Die 500 Meter breiten Adlerschwingen schwebten in
perfekter waagrechter Position und identischem Abstand zum Rahmen des
Hangartors, als Wulfar das Schiff in seinen Heimathafen steuerte und dort
landete. Der nun vollwertige Krigser war außerdem zu einem der Zweiten
Piloten der ROVERSTJERNER ernannt worden.
Fast alle 2000 Mitglieder der Besatzung strömten über die Hauptrampe in
den Hangar und von dort in die inneren Bereiche der
STERNENZITADELLE. Darunter waren auch die Besatzungen der
Beiboote. Nur die Kommandoebene sowie die Schiffsgarde blieben an
Bord.
Zwei Gardisten flankierten die Rampe, als Kurush in Begleitung zweier
Stabsmitglieder des Taka Raym sowie zwei Legionären den Hangar betrat
und auf die ROVERSTJERNER zuging. Vor der Rampe empfing sie ein
Offizier des Schiffs und führte die Besucher ins Innere.
Die Kommandantin, der Erste Offizier, die Funkerin, der Erste Pilot und
Wulfar beobachteten die Szene in der Übertragung der Unterrumpfkameras.
Wenig später wurden die Besucher am Zentraleschott angemeldet.
Czania Letorom, die Kommandantin der ROVERSTJERNER, eine
vierschrötige Pariczanerin, lud sie ein, die Zentrale zu betreten.
Nur Kurush und die beiden Stabsmitglieder traten ein, die Legionäre
blieben vor der Zentraleschleuse.
Letorom wies mit einer breiten Hand zum Besprechungsraum, der an die
Zentrale anschloss. Sie ging mit kräftigen Schritten voran, die den
Zentraleboden zum Dröhnen brachten. Kurush und seine Begleiter folgten,
dahinter schloss sich der Erste Offizier an.
»Zweiter Pilot?«, rief die Kommandantin mit harter, tiefer Stimme und
drehte den massigen Kopf zur Seite. Sie besaß ein erstaunlich elegantes und
damenhaftes Profil, mit spitzer Nase unter einer glatten Stirnpartie und
vollen, geschwungenen Lippen über einem ebenfalls spitzen Kinn.
»Kommandantin?«, fragte Wulfar.
»Du bist Schiffszeuge. Mitkommen!«
Wulfar empfand dieses Treffen als eines der seltsamsten, an denen der
jemals teilgenommen hatte.
Sie saßen in bequemen Sesseln um den Tisch der Kommandantin.
Langweilig ist es nicht, dachte er. Gut so!
Der Zyklop berichtete über die Pläne des Taka Raym.
»Es geht darum, einen Klan zu destabilisieren. Den Topthor-Klan haben
wir vor einigen Jahren im offenen Kampf zerschlagen. Das müssen wir nun
anders handhaben, da sich die Zeiten geändert haben. Der Stab«, Kurush
blickte dabei abwechselnd zu den Takhal, die neben ihm saßen, »hat einen
Plan entwickelt, wie wir eine diskrete Destabilisierung vornehmen
können.«
»Um welchen Klan geht es?«, fragte die Kommandantin.
»Dabrifa.«
»Oh!«, entfuhr es dem Ersten Offizier der ROVERSTJERNER, einem
knochigen, bronzehäutigen Terraner namens Ronan Tevris.
»Was willst du damit andeuten?«, fragte Kurush streng.
Letorom und Tevris wechselten einen kurzen Blick. Sie nickte ihm zu.
»Wir haben an Bord einige ehemalige Dabrifa-Klanmitglieder«, sagte er.
»Das ist genau der Punkt. Dieser Umstand gilt nämlich auch für die
STERNENZITADELLE. Der Stab hat das in seiner Planung berücksichtigt.
Die diskrete Destabilisierung soll dafür sorgen, dass wir nicht als
Aggressoren auftreten, aber dennoch bewirken, dass die Reichweite des
Klans Dabrifa eingeschränkt wird.« Kurush lehnte sich in seinem Sessel
zurück.
»Kommandantin?«, fragte Wulfar.
»Schiffszeuge?«
»Darf ich eine Frage stellen?«
»Protokollarisch nicht«, antwortete Tevris. Wieder ein Blick zur
Kommandantin, wieder nickte diese. »Aber es gibt die Möglichkeit, dass
der Schiffszeuge im Vorfeld eine wichtige Frage an den Ersten Offizier
gerichtet hat, die dieser in der Runde nun ausspricht.«
Tevris machte eine Kunstpause. Wulfar sah ihn an.
»Es kann in der Folge durchaus erlaubt sein, wenn man den Ersten
Offizier an die Fragestellung erinnert«, ergänzte Tevris und zwinkerte.
»Das unterstützen wir«, reagierte Kurush schnell.
Wulfar räusperte sich. »Es geht doch nur vordergründig um den Klan
Dabrifa. Mir kommt diese diskrete Destabilisierung wie eine Vorbereitung
auf eine größere Kampagne vor. Wer oder was ist das eigentliche Ziel?«
Letoroms Mundwinkel zuckte. Kurush blieb regungslos. Sein
Zyklopenauge strahlte mechanisch.
Einer der Stabsmitglieder warf einen Datenkristall auf den Tisch. »Wir
können mit offenen Karten spielen, da der Schiffszeuge das Spiel
durchschaut hat.«
Kurush nickte. »So ist es. Das spricht für ihre Mannschaft,
Kommandantin Letorom.«
»Schmeichelei gewinnt uns keine Kampagnen, sondern Wissen«,
konterte die Kommandantin.
Der Zyklop richtete sich gerade im Sessel auf.
»Wir wollen das Königreich Harrisch«, platzte es aus ihm heraus.
»Was hat Harrisch mit den Dabrifa zu tun?«
Der zweite Stabsoffizier neben Kurush nahm eine Schaltung vor, der
Datenkristall auf dem Tisch warf ein Holobild. Es zeigte, wie ein
zylinderförmiger Körper mit konischer Spitze im Weltraum in einer
Explosion verging.
»Erinnern wir uns. Was sehen wir hier?«
Alle blickten auf Wulfar. Er nahm das als Aufforderung wahr. »Das ist
die Sternenburg des Topthor-Klans. Krigsleder Wulgast hat sie infiltriert
und zerstört.«
Mein Vater, dachte er, sagte es aber nicht laut.
»Und was ist das hier?«
Die Aufnahme zeigte scheinbar denselben zylinderförmigen Körper mit
konischer Spitze, diesmal jedoch über einem Planeten, dessen Oberfläche
grau, blau und grün meliert war.
»Wieder die Sternenburg der Topthors?«
»Nein. Der Dabrifa-Klan hat nun ebenfalls eine Sternenburg. Der
Bauplan ist der gleiche wie bei den Topthors. Die übrigens bei dem Bau
Hilfe geleistet haben. Und sie steht über Harrisch. Nur dürfen wir sie
diesmal nicht in die Luft sprengen.«
Nun waren Wulfar, der Erste Offizier und die Kommandantin doch
verblüfft.
Im Zuge der üblichen Fluktuation unter den Besatzungsmitgliedern der
ROVERSTJERNER kamen neue Takhal an Bord. Wulfar wusste, dass
darunter wieder ehemalige Angehörige des Dabrifa-Klans sein würden.
Über die genauen Personalien war er als Zweiter Pilot nicht informiert.
Zwei Neue waren ihm jedoch bereits genannt worden. Am Fußpunkt der
Rampe zur Hauptschleuse erwartete er sie.
Otnand und Fastrad schlenderten auf ihn zu, ihre schweren Rucksäcke
umgeschnallt und ihre Mannschaftstaschen über die Schultern gezurrt. Als
sie Wulfar sahen, warfen sie die Taschen ab, liefen auf ihn zu und
umarmten ihn.
»Wir haben es schon gehört«, sagte Otnand, »du bist wieder strafversetzt
worden!«
»Zu den Raumaufklärern!«, rief Fastrad, der mit seinen Arm Wulfars
Schulter fest umklammerte.
»Wer ist hier versetzt worden?«, fragte Wulfar belustigt. »Ich bin
immerhin noch auf dem selben Schiff!«
»Doch eher vor dem Schiff«, konterte Fastrad und boxte seinem Freund
mit dem freien Arm in den Bauch. »Lange nicht gesehen, Wulfar!«
»Lange nicht gesehen, Fastrad.«
»Fastrad wird nur eine Fahrt mitmachen, dann muss er zu Kurush
zurück«, ergänzte Otnand.
»Zu Kurush? Schon wieder?« Wulfar streckte die Zunge heraus.
»He, das ist eine gute Stelle!«, reagierte Fastrad empört und zog die Stirn
in Falten.
»Das weiß ich doch«, antwortete Wulfar versöhnlich.
»Was weißt du sonst noch?«, wollte Otnand wissen.
»Nun, dass ...«, setzte Wulfar an.
Doch sein Bruder unterbrach ihn. »Stopp. Das hier«, sagte er und zog
einen Datenkristall aus der Brusttasche, »soll ich dir von unserem Vater
geben. Es ist wichtig.«
KAPITEL 6
Wulfar schlenderte die Korridore des Schiffs entlang und ließ sich seine
Anspannung nicht anmerken. Besatzungsmitglieder kamen ihm entgegen,
grüßten, gingen vorbei. In seiner Kabine stöpselte er sich in den
Datenkristall ein und hörte eine Stimme.
Es war sein Vater.
»Vertraue Czania Letorom. Sie hat unter mir im Mesophischen Krieg
gedient. Aber – vertraue nur ihr!«
Kurz bevor Otnand und Fastrad zur Besatzung der ROVERSTJERNER
stießen, rief die Kommandantin Wulfar in ihren Besprechungsraum hinter
der Zentrale.
Das Schott zischte zur Seite. Wulfar trat ein. Die Beleuchtung war
gedämpft. Der Holoschirm an der Stirnseite verblasste gerade.
Mit wem wird sie gerade kommuniziert haben?
Czania Letorom stand neben dem Holoschirm und rückte
gedankenverloren den Schieber am Reißverschluss ihrer Kombination
zurecht. Wulfars Augen folgten der Bewegung und sahen schließlich den
entspannten Gesichtsausdruck der Pariczanerin.
»Zweiter Pilot?«, fragte sie mit gespitzten Lippen.
Eine Frau mit zwei Metern Körpergröße und einer Schulterbreite von
1,50 Metern bei 500 Kilogramm Körpergewicht schüchterte selbst Wulfar
ein.
»Kommandantin?« fragte er.
»Ich ordne hiermit an, dass du von deinem Posten als zweiter Pilot
abkommandiert wirst, um als Aufklärerpilot der Ersten Aufklärerflottille
der ROVERSTJERNER zu dienen.«
Wulfar versteifte sich, seine Mine versteinerte.
»Das ist keine Degradierung«, sagte sie und warf ihre Pranke in
gespielter Dramatik in die Luft. »Es erscheint dir vielleicht so. Aber ich
brauche dich dort. Wegen der Harrisch-Kampagne.«
Wulfars Blick verf insterte sich. »Es fällt mir schwer, mich damit
anzufreunden, aber wenn du es mir befiehlst, Kommandantin ...«
»Ich befehle es und will, dass du begreifst, dass es in dieser Phase der
Vorbereitung der Kampagne das Richtige ist. Mit dieser Aussage komme
ich dir bereits sehr entgegen. Mehr Information bekommst du unmittelbar
vor der Kampagne. Protokoll?«
Eine mechanische Stimme meldete sich. »Kommandantin?«
»Für das Protokoll: Krigser Wulfar wird vom Posten des Zweiten Piloten
der ROVERSTJERNER abgezogen und abkommandiert zur ersten
Aufklärerflottille, wo er als Aufklärerpilot dienen wird. Gezeichnet, Czania
Letorom, Kommandantin, ROVERSTJERNER, Atilla-Klan.«
»Protokolliert!«
Wulfar drehte sich um und verließ den Besprechungsraum.
Der Postenwechsel bedeutete für Wulfar auch einen Kabinenwechsel. Also
nahm er seine Sachen, packte sie in seine Raumtasche und seinen
Raumrucksack und stieg in den Mannschaftsbereich für das Hangar- und
Technikpersonal hinab. Es gab zwar Räume für die Mannschaften der
Flottille, jedoch hatte sein Vorgänger kurz nach seiner Entlassung seine
Kabine komplett mit einem Thermostrahler neu dekoriert. Sie war nun
unbewohnbar und musste renoviert werden.
Da jedoch Fastrad bei den Tech nikern war und ein Zweierzimmer
bezogen hatte, war der Entschluss schnell gefasst, bei dem Freund
einzuziehen.
Die Entscheidung der Kommandantin verwirrte Wulfar. Zwar blieb er
Pilot. Das war, was er besser konnte als jeder andere, was er tun wollte, und
damit war die Welt grundsätzlich für ihn in Ordnung. Es war dennoch in der
Rangordnung abgestiegen war, was Probleme mit sich brachte. Er musste
wieder aufsteigen, was wiederum Reibung verursachte, die ihm andere
Besatzungsmitglieder übel nehmen würden. Auch von daher war es gut,
Fastrad in seiner Nähe zu haben. Sein Bruder Otnand war bei einer
Kompanie der Landetruppen und damit ebenfalls nicht weit entfernt.
Was die Botschaft seines Vaters anging ... er begriff, dass der Alte
zuallererst seine eigenen Pläne verfolgte.
Wulfar konnte nicht schlafen. Er ging zum Hangar, in dem die Beiboote
der Aufklärungsflottille standen. Schotte öffneten sich, er passierte die
Personenschleuse und betrat den Hangarraum. Die dritte Schicht würde
Dienst haben. Da keine Einsätze unmittelbar bevorstanden, würde sie mit
Instandsetzung und Wartung beschäftigt sein.
Wulfars Aufgabe bestand darin, entweder eine Space-Jet vom Typ Wespe
zu fliegen, oder einen der Raumjäger, die mit Geräten für Fern- und
Nahaufklärung ausgestattet waren. Er mochte beide Raumschiffstypen,
wenn auch das Fluggefühl grundsätzlich anders war. Eine Space-Jet ließ
interessante Manöver im Ein- und Austrittsbereich zwischen Einstein- und
Linearraum zu. Schleichfahrten im Orbit um Riesensterne, solche Dinge.
Ein Raumjäger war etwas Ruppiges, Brutales, als ob man ein mechanisches
Tier reiten würde. Man war der tödlichen Umwelt des Kosmos beinahe
unmittelbar ausgesetzt. Eine Jet bot Möglichkeiten. Ein Jäger schränkte sie
ein. Mit beidem kam er zurecht.
Wulfar stand unterhalb einer Space-Jet und sah sich die Kriegsbemalung
auf der Außenhülle an. Zahnbewehrte Mäuler grienten ihn an.
»He!«, krächzte jemand. »Das ist mein Hangar!«
Wulfar drehte sich überrascht um. Er sah zuerst den massigen
Schraubenschlüssel, der auf ihn gerichtet war. Er war im Griff einer Person,
die schnell auf ihn zuschritt. Sie schlug mit der Breitseite des Werkzeugs
gegen Wulfars Brust. Er stieß prustend die Luft aus seinen Lungen,
stolperte und fiel auf seinen Hintern.
Überrascht blickte er die Person an.
Deren Blick war zornerfüllt. Sie hatte eine schlanke, fast hagere Figur.
Sie hatte den Oberteil des Overalls herabgezogen und die Ärmel knapp
unter dem Bauchnabel verknotet. Ein ärmelloses Top mit schlierigen
Ölflecken offenbarte mehr der kuppelförmigen Brüste, als es verbarg. Die
Arme waren sehnig, die Schultern knochig. Die sichtbare Haut zierte ein
schwindelerregender Tattoomix: Schädel- und Beinknochen, Herzen und
Messer, Blumen und Blaster. Ein langer Hals trug ein Gesicht, das sich trotz
kantiger Wangenknochen etwas Weiches bewahrt hatte. Die Haare waren
unregelmässig kurz geschnitten, standen nach allen Seiten stachelig ab und
schillerten in allen Farben, mit einer Art Tolle über der Stirn.
»Was machst du hier?«, rief sie schrill und fuchtelte mit dem
Schraubenschlüssel vor Wulfars Nase herum.
Wulfar erkannte sie. Diese Frau! Gleichzeitig spürte er seine Erregung.
Was für eine Frau!
Er musste grinsen. »Wer will das wissen?«
»Ich stelle hier die Fragen!«, sagte sie. »Ich bin schließlich die
Hangarmeisterin!«
»Na, dann freue ich mich auf unsere Zusammenarbeit, Hangarmeisterin.
Ich bin der ehemalige Zweite Pilot Wulfar, abkommandiert zur
Aufklärerflottille. Ich sehe mir gerade meinen neuen Arbeitsplatz an.«
»Dann gewöhne dich daran, dass du dich bei mir an- und abzumelden
hast, Wulfar«, keifte sie, drehte sich um und schritt mit ihren langen Beinen
davon.
»Es wäre gut zu wissen, bei wem genau ich mich anzumelden habe«, rief
ihr Wulfar hinterher.
»Hangarmeisterin Quirina!«
»Gehst du mit mir was trinken, Hangarmeisterin Quirina?«
»Nur, wenn du nicht wieder dein Bier verschüttest!«
Da wußte er, es war sie. Das Mädchen von der großen Ringstraße.
Sie ist erwachsen geworden. Wulfar leckte sich die Lippen.
Quirina ging Wulfar aus dem Weg. Sie blieb frostig, wenn es
unausweichlich war zu kommunizieren. Wulfar meldete sich über das
Hangarsystem an, Quirina nahm es zur Kenntnis, er schleuste mit einer Jet
oder einem Raumjäger aus, flog seine Einsätze, kehrte zurück, schleuste ein
und meldete sich ab. Quirina verstand es meisterlich, Abstand zwischen ihn
und sich zu wahren.
Eines Abends gingen Wulfar und Fastrad in eine der vier kleinen
Hangarkneipen, jede für einen Haupthangar der ROVERSTJERNER. Es
waren Abstellkammern, die man zweckentfremdet hatte. Jede Mannschaft
brauchte solche Bereiche, um abzuschalten, sich abzureagieren,
Kameradschaft zu schließen und vielleicht sogar Liebschaften zu knüpfen.
Wenn es sich ergab unter dem Jubel der Anwesenden. Manchmal tauchten
sogar Mitglieder der Kommandoebene auf.
»Hey«, stieß Fastrad ihn an der Bar an. »Ist das nicht die
Hangarmeisterin, dieses Biest?«
Aus allerlei Drogenschüsseln stieg Rauch hervor, trübte den Blick und
juckte in den Augen. Dennoch erkannte Wulfar Quirina sofort, als er sich
umdrehte. Sie spielte mit zwei Männern und zwei Frauen der
Hangarmannschaft Karten. Der Geräuschpegel war wie bei einem
Alarmstart eines Raumjägers hoch. Alle waren bester Laune.
Wulfar bedeutete Fastrad, an der Bar zu bleiben. Er nahm zwei Bier in
Plastikbechern und ging zum Kartentisch.
Quirinas vier Mitspieler kuckten etwas verschüchtert hoch, als sie Wulfar
sahen. Quirina reagierte überhaupt nicht.
Sie ignoriert mich, dachte Wulfar belustigt.
Kaum, dass Quirina ihre Karten auf den Tisch gelegt hatte, stellte Wulfar
eines der zwei Bierbecher darauf ab.
Mit einem Mal wurde es still, Rauchschwaden zitterten nervös zur Decke
hoch.
Wulfar hielt ihr den zweiten Becher vor die spitze Nase.
»Vielleicht trinkst du jetzt mit mir?«
Quirina lehnte sich im Stuhl zurück. Wieder trug sie einen Overall, das
Oberteil herabgezogen, die Ärmel um die schlanke Taille verknotet, das
dünne Top wie eine zweite Haut. Sie zog langsam ihre Arme hoch,
verschränkte sie geschmeidig hinter dem Kopf und stierte den Piloten mit
ihren hellen Augen an.
Sofort stieg ihr Aroma Wulfar in die Nase. Sein Atem stockte, er
verkrampfte sich für einen Moment innerlich. Ihr Anblick zog wie ein Blitz
durch sein Innerstes, als würde ein helles Licht durch seine Nervenbahnen
strömen und jede andere Empfindung auslöschen. Der Bruchteil einer
Sekunde schien endlos, dann hatte er sich wieder gefasst.
Quirina wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als Wulfar mit der
freien Hand den Bierbecher umstieß. Schäumend ergoss sich das Bier über
Quirinas Oberkörper und ihren Schoß. Durch das nasse Top konnte Wulfar
einen guten Eindruck von ihrem Körper erhalten.
Wieder stockte ihm der Atem. Sie ist ...
Er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, denn Quirina explodierte
förmlich, sprang aus dem Sitz hoch, rammte ihm eine Faust unter sein Kinn
und die andere in den Magen.
Ächzend stieß er die Luft aus, kippte um und musste vor Verblüffung
schallend lachen.
Er merkte noch, dass Fastrad ihn an seinen Schultern packte und aus der
Bar zog, als die Schlägerei ausbrach. Den gesamten Weg zurück zur Kabine
konnte er nicht aufhören zu lachen.