Band 131
Ein Leben für den Kosmotarchax
Das Zeitchaos ist ihre Religion
Autor: Mark Kammerbauer
Titelbild: Mathias Rohlfs
Innenillustrationen: Mathias Rohlfs, Jürgen Rudig
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Gucky
Dem Mausbiber sind Mörderbanden zuwider.
Wulfar
Er bereitet sich auf den Kosmotarchax vor.
Wulgast
Wulfars Vater will seinen Sohn schützen.
Quirina
Eine junge Frau verbündet sich.
Lerror
Wulfars Lehrmeister gibt sich geheimnisvoll.
Nathaniel Creen
Der Rhodanjäger gibt sich ehrlich.
PROLOG
Der Blick aus der Kuppel über der Kommandozentrale der NOVA ließ
Constance schaudern.
Dieser Planet ist unerträglich, dachte sie.
Der gewittrige Himmel des Planeten Gray Beast umtoste die Space-Jet,
die auf ihren Teleskoplandestützen auf der Oberfläche des Höllenplaneten
stand. Gelbgraue Schlieren waberten um das Schiff.
Immer wieder blitzte es auf. Die Lichterscheinungen erzeugten
Spiegelungen im Panzertroplon der Kuppel. In den Spiegelungen erkannte
sie sich selbst: Constance Zaryah Beccash, eine junge Frau vom Planeten
Entropia. Jung, aber nicht mehr jugendlich, mit brünetten, wallenden
Haaren, die ein hellhäutiges Gesicht mit grünbraunen Augen umrahmten.
Die Spiegelung verschwand, so schnell sie gekommen war.
Nathaniel Creen stand ein paar Schritte abseits. Der schlanke,
hochgewachsene Terraner hatte die Hände auf der Konsole abgestützt. In
seinem Raumanzug wirkte er wie ein Fremdkörper in der Zentrale.
Constance erinnerte er an ein Raubtier, das auf der Lauer lag.
Aurec saß in einem der Kontursessel und studierte ein Holo. Der
Saggittone und Freund Perry Rhodans wirkte selbst im Sitzen wie eine
gespannte Feder. Die schwarzen Haare des athletischen Mannes glänzten im
Licht der Zentrale. Plötzlich schnellte er aus dem Kontursitz hoch. Sein
Gesichtsausdruck verriet Freude.
Gucky erschien. Er stieg den zentralen Antigravschacht hoch, betrat
jedoch nicht den Boden der Zentrale, sondern hielt sich telekinetisch in der
Luft. Er schwebte auf Augenhöhe vor Constance.
Der Ilt rieb sich die pelzigen Backen, mal links, mal rechts und
verschränkte die Arme vor der Brust. Seine dunkle Kombination wirkte
martialisch. Sein platter Biberschweif hing locker herab.
»Also Leute, es ist so. Diese Takhal Gud Looter sind Räuber, Plünderer.
Und dabei nicht zimperlich. Sie holen sich, was sie wollen. Kampf und Gier
nach Reichtum bestimmen ihr Leben. Ihre Moral ist grundlegend von
unserer verschieden. Und mit uns meine ich Galaktiker. Kurz gesagt, sie
sind eine Plage. Constance?«
Der Ilt blickte sie fragend an. Sie spürte, dass es Gucky zuwider war,
über die Takhal zu sprechen. Das betraf sowohl den Eindruck, den er
vermittelte, mit halb geschlossenen Augen, gesenkter Nase, nach hinten
gezogenen Ohren und verschränkten Armen. Doch er hatte sich Constance
psychisch geöffnet, trotz seiner Mentalstabilisierung. Seine Emotionen
waren für sie eindeutig spürbar. Er mochte die Takhal nicht. Für Gucky
reihten sie sich in eine lange Liste von Mörderbanden ein. Sie begriff
jedoch auch, dass Gucky trotz seiner Vorbehalte einem Austausch mit den
Takhal nicht im Wege stehen würde. Dazu war ihre Aufgabe zu wichtig.
»Gucky hat recht. Wir konnten telepathisch einiges über die Takhal Gud
Looter in Erfahrung bringen. Es ist nicht schön.« Sie lächelte verlegen.
»Wir haben jedoch auch erfahren, warum sie so sind, wie sie sind. Das
erlaubt uns, sie zu verstehen.«
Creen, um eine Handspanne größer als Constance, beugte sich vor.
Aurec räusperte sich, die Fäuste in die Hüfte gestemmt. »Wir können uns
also mit ihnen verständigen?«, fragte er.
»Ja«, antwortete Gucky an der Stelle der »Gefühlvollen« aus dem Volk
der Entropen.
Constance las sein Verhalten so, dass er ihr das Gespräch überließ, aber
bereit war, Eckpunkte zu setzen, wenn es erforderlich war. Um festzulegen,
in welche Richtung es gehen sollte.
So niedlich er aussieht, er ist und bleibt ein uraltes Wesen mit
unglaublich viel Erfahrung in kosmischen Konflikten. Seine
parapsychischen Fähigkeiten machen ihn fast unbesiegbar. Er hat
Gespräche wie dieses immer und immer wieder erlebt. Er kann sich bereits
vorstellen, wo die Reise hingeht, ohne ein Visionär zu sein, dachte
Constance. Oder eine Visionärin wie ich.
Die Frau lachte kurz und kehrte aus ihren Gedanken in die Realität
zurück. Creen und Aurec sahen sie gespannt an.
»Für die Takhal sind Stärke, Kampf und Ehre wichtig. Das ist, was sie
antreibt. Ihre Religion gibt dem Bedeutung. Sie glauben an etwas, das sie
Kosmotarchax nennen. Darunter verstehen sie das Ende des Universums.
Das Zeitchaos, so wie sie es erlebt haben, leitet den Kosmotarchax ein. Aus
ihrer Sicht kämpfen sie am Ende der Zeit, um ihre Welt zu retten. Das
rechtfertigt zwar nicht ihre Ausübung von Gewalt ...« Sie stockte und
blickte kurz zu Gucky, der nach wie vor senkrecht in der Luft schwebte, die
Augenlider gesenkt. »Aber es beschreibt zumindest ihr Weltbild. Gucky
meinte, es hätte in der terranischen Frühgeschichte eine ähnliche Kultur
gegeben ...«
»Die Wikinger«, ergänzte der Ilt schnell.
»Und wie hilft uns das weiter?« wollte Aurec wissen. »Hat Rhodan mit
diesen Wikingern zu tun gehabt?«
»Nicht direkt,« erwiderte Gucky. »Aber der Ehrbegriff der Takhal wird
für uns wichtig sein. Dadurch werden sie berechenbar
»Kann man ihnen vertrauen?« fragte Aurec.
»So weit würde ich nicht gehen«, antwortete der Ilt.
Constance seufzte. »Du hast Rhodan erwähnt, Aurec. Dazu haben wir
auch Informationen erhalten. Rhodan spielt für die Takhal eine Rolle. Sie
kennen ihn entweder oder sind ihm irgendwann begegnet. Und zwar im
Zusammenhang mit einem konkreten Vorfall, der mit dem Zeitchaos zu tun
hat. Gucky hat mir schon gesagt, dass er sich keinen rechten Reim daraus
machen kann. Rhodan hat Zeitreisen durchgeführt, aber wenn er den Takhal
dabei begegnet ist, war Gucky nicht dabei.«
»So ist es«, bestätigte der Mausbiber.
»Oder diese Zeitreise findet erst in der Zukunft statt?« fragte Aurec.
»Das könnte sein«, bestätigte Constance. »Oder Rhodan ist lediglich ein
Mythos. Eine Legende. Etwas in der Art haben wir auch aufgeschnappt. Im
Rahmen des Kosmotarchax soll Rhodan erscheinen oder verschwinden.
Die Ideen dahinter sind verworren. Im Grunde wissen die Takhal nicht,
worum oder gar um wen es sich bei Rhodan überhaupt handelt. Er ist für
die Takhal ein Aspekt des Zeitchaos. Und das Zeitchaos wollen sie
rückgängig machen.«
»Könnte man sagen, die Takhal stehen auf unserer Seite?«
»Das würde ich nur unter der größten Vorsicht bejahen«, stellte Gucky
fest.
»Aber unmöglich ist es nicht«, ergänzte Constance.
»Dann reden wir doch mit einem von ihnen«, schlug Aurec vor.
»Genau das werden wir tun«, erwiderte Gucky. »Leute, bereitet euch auf
die Ankunft eines Gasts auf der NOVA vor
Ein Signalton erklang. Gucky, Constance und Aurec drehten sich zu
Creen, der sein Handgelenk hob und auf sein Multikom blickte. Er wirkte
überrascht.
»Ich muss kurz etwas erledigen«, sagte Creen knapp. Es schien, als warte
er die Reaktion der anderen ab. Einen Augenblick später verließ er ohne
Hast die Zentrale der NOVA.
»Muss wohl wichtig sein«, stellte Gucky fest, schwebte in einen
Kontursessel und schlug die Beine entspannt übereinander. Die Augen des
Ilt blitzten belustigt.
So gefällst du mir viel besser, dachte Constance, und sie spürte, dass sie
sich selbst ebenfalls entspannte.
Creen sprang in den Antigravschacht und ließ sich nach unten treiben. Auf
dem Maschinendeck trat er aus dem Schacht und lief an den
Speicherbänken der Energieanlagen vorbei. Auf seinem Multikom ging ein
Anruf ein.
Es ist Eleonore, stellte Creen überrascht fest.
»Creen?« rief die personifizierte Positronik der NOVA. »Können wir
sprechen?«
»Ja.«
»Ich habe es geschafft, meinen gesamten Dateikomplex in deinem
Multikom zu speichern. Du musst bitte gut darauf aufpassen!«
»In Ordnung«, sagte Creen.
»Stelle bitte eine gesicherte Datenverbindung zwischen dem Multikom
und der positronischen Rechnerstruktur der NOVA her. Dann kann ich
versuchen, meinen Dateikomplex wieder in die NOVA zu übertragen.«
»Ich verstehe.«
»Ich brauche unbedingt einen neuen Androidenkörper, Creen. Anders
geht es nicht. Aber ...«
»Aber was?«, fragte Creen.
»Es gibt da etwas, das mir Sorgen macht«, bemerkte Eleonore.
»Nun sag es schon, damit ich dir nicht alles aus der Nase ziehen muss«,
erwiderte Creen.
Undifferenzierte Störgeräusche drangen aus dem Multikom.
Solche Gespräche machten ihn unruhig. Und wenn er Unruhe spürte,
konnte daraus Wut und Zorn werden. In der Folge stiegen Erinnerungen an
die Konflikte der Vergangenheit wieder an die Oberfläche seines
Bewusstseins.
Creen beherrschte sich, straffte seinen hochgewachsenen Körper.
»Erkläre mir bitte, was los ist, Eleonore.«
Ein digitales Seufzen erklang. »Wer bist du wirklich, Nathaniel?« fragte
sie unvermittelt.
Creen traf die Frage direkt ins Herz.
»Bist du mit Cauthon Despair identisch? Bitte sei ehrlich zu mir!«
Er senkte den Kopf und antwortete. »Ja, der bin ich. Ich gebe es dir
gegenüber zu, Eleonore. Weil wir uns vertrauen.« Er pausierte für wenige
Sekunden. »Du musst mir etwas versprechen. Und es geht dabei gar nicht
um mich, sondern um das, was wir hier tun. Ich möchte den anderen noch
nicht offenbaren, wer ich wirklich bin. Bitte sag Gucky, Constance und
Aurec nichts darüber
»Ich verstehe es noch nicht ganz, Nathaniel ... was ist der Grund dafür,
dass die anderen nicht wissen dürfen, dass du Cauthon Despair bist?«
Sein behelmter Kopf drehte sich zur Seite, als müsse er sich abwenden.
»Es ist so ... ich weiß einfach noch nicht, welcher Pfad der richtige ist. Mir
fällt es im Moment schwer, den anderen mehr über mich zu erzählen, weil
es unsere Lage gefährden könnte. Denn wir verstehen insgesamt noch zu
wenig über die Situation hier auf Gray Beast. Außerdem verbindet uns
bislang keine wirklich gute Vergangenheit. Wenn wir mehr über die Takhal
Gud Looter wüssten, wäre es einfacher für mich ...«
»Also gut, Nathaniel, ich verspreche dir, dass ich dein Geheimnis für
mich behalte.«
Er ließ den Kopf in den Nacken fallen und spürte die Erleichterung, als
wäre die Schwerkraft an Bord der Space-Jet herabgeregelt worden.
»Solange wir alleine sind ... darf ich dich Cauthon nennen?«
»Gut.« Sofort war Cauthon Despair angespannt.
»Ich habe einen Plan, wie wir mit unserem Gast verfahren können.«
Ein Lächeln umspielte Despairs Lippen hinter der Maske, doch darin war
nur wenig Freude und eine Spur Grausamkeit.
Er beendete den Kontakt zu Eleonore und rief die Zentrale über das
Multikom. Es musste nun schnell gehen.
Gucky beantwortete seinen Anruf. »Was gibt es, das nicht warten kann,
bis du in die Zentrale gekommen bist? So groß ist die Space-Jet nun ...«
»Hört mir zu! Wenn der Gast mentalstabilisiert ist, brauchen wir einen
anderen Weg als Telepathie, um an Informationen zu kommen. Ich habe
einen Plan.«
Cauthon Despair alias Nathaniel Creen stand breitbeinig im Schleusenraum
im unteren Bereich der Space-Jet. Das Schleusentor stand offen, die
Landerampe war ausgefahren.
Ein Mann stieg die Rampe hoch. Er war 1,85 Meter groß , hatte eine
helle Hautfarbe, dunkelblonde Haare und wirkte kräftig und durchtrainiert.
Der Ankömmling trug eine dunkelbraune Hose über schlichten, schwarzen
Raumfahrerstiefeln. Der Brustkorb wurde durch eine braune Weste
verdeckt. An der Hüfte hing eine primitiv wirkende Waffe, eine
doppelseitige Axt aus Stahl oder ähnlichem Material, durch einen Gurt am
Körper festgebunden.
Der Takhal sieht wie ein Terraner aus, fand Despair. Wenn es so war,
dann schätzte er das Alter des Gastes auf Mitte Dreißig. Außer dem
Dreitagebart fielen ihm die Tätowierungen an den Armen, den Händen und
dem Hals des Besuchers auf. Er erkannte geometrische Muster, Flugwesen
und Wappen. Auf einem Arm sah er ein scharfkantiges Gesicht mit
gebogener Nase und schmalem Mund. Darunter befand sich ein Zeichen. Er
stutzte. War das ein USO-Dogtag? Wie war das möglich?
Er blickte dem Ankömmling in die blauen Augen. »Willkommen an Bord
der NOVA, Kommandant Wulfar von den Takhal Gud Lootern.«
»Wulfar genügt. Ebenso Takhal. Kurz und knapp ist gut.«
»Ich bin Nathaniel Creen«, sagte Cauthon Despair und ergänzte, wie um
abzulenken, »schöne Tinte trägst du.«
»Man dankt.«
»Wer ist das auf deinem Arm?«
Wulfar hob den Arm, blickte auf die Tätowierung und sah auf das
maskierte Gesicht vor ihm. »Das ist der Gott der Piloten. Wir nennen ihn
Redhorse.«
Doch nicht etwa Don Redhorse, der legendäre Oberst der Solaren
Flotte?, dachte Despair. Das wird ja immer interessanter. Dann müssen die
Takhal Nachkommen von Terranern sein!
»Ich führe dich gern durch das Schiff, Wulfar«, bot er an. »Die Frage ist,
ob du deine Waffen ablegen willst.« Er sprach absichtlich in der Mehrzahl,
obwohl er nur die Axt sehen konnte. Er zweifelte nicht daran, dass der
Takhal noch mehr Waffen bei sich führte.
Wulfar zeigte ein beherztes Grinsen. Die zusammengekniffenen Augen
verrieten jedoch, dass er nicht lustig gestimmt war. Er klopfte mit der
Handfläche auf die Schneide der Axt. »Bryntroll bleibt bei mir. Es ist eine
Sache der Ehre, dass die Waffen ruhen, wenn man Gast ist. Die Waffen
sprechen nur, wenn die Gastfreundschaft gebrochen wird.«
Damit wies Wulfar die Verantwortung für eine mögliche bewaffnete
Auseinandersetzung klar der Besatzung der NOVA zu.
Ein geschickter Zug, dachte Despair. Und ein Weg, so etwas wie
Vertrauen zu schaffen. Wenn wir nicht in der Lage sind, auf unserem
eigenen Schiff die Kontrolle zu behalten, wie soll er vor uns Respekt haben?
Dem Takhal ist es wichtig, herauszufinden, mit wem er es zu tun hat.
Genauso wie uns.
Despair grinste breit. Etwas an dem »Räuber und Plünderer«, wie Gucky
sich ausgedrückt hatte, gefiel ihm.
»So sei es. Dann komm mit!«
Despair bediente ein Feld neben dem Schott, das mit einem Zischen seitlich
in die Korridorwand glitt.
»Hier ist unser Labor«, erklärte er dem Takhal und ging voran. In der
Raummitte drehte er sich um und blickte Wulfar an, der langsam in das
Labor trat.
»Als Kommandant meines Schiffs bin ich selten in Labors«, gab er
unumwunden zu.
Ehrlich scheint er ja zu sein, dachte Despair.
»Aber ohne Forschung geht es auch bei den Takhal nicht. Verrätst du mir,
woran hier geforscht wird?«
Despair schritt zu einer Konsole, worauf die Rückwand des Raums von
opak zu transparent schaltete. Hinter einer Glassitscheibe wurden die
Umrisse eines humanoiden Körpers sichtbar.
»Das ist Eleonore. Sie ist ein künstliches Lebewesen. Wir entwickeln hier
ihren Körper«, erklärte er .
»Welche Aufgabe hat dieses künstliche Wesen?«
»Das ist eine sehr direkte Frage«, entgegnete Despair. Interessant, dachte
er. Wulfar ist weder überrascht, noch zeigt seine Stimme oder Wortwahl
irgend eine Art von Voreingenommenheit gegenüber komplexen technischen
Androidensystemen. Lässt sich daraus ein Schluss ziehen, was die
Zusammensetzung der Gesellschaft der Takhal betrifft?
»Du scheinst dich nicht darüber zu wundern«, entgegnete Wulfar.
Diesmal war sein Lächeln tatsächlich freundlich und offen.
»Nun, ich denke, die Einstellung zu künstlichem Leben sagt auch etwas
über die Gesellschaft aus, mit der man in Kontakt tritt.«
»Ebenfalls direkt«, sagte Wulfar. »Wir Takhal haben ein Ziel, und alle
müssen ihren Teil dazu beitragen. Was ist euer Ziel?«
Der freundliche Schlagabtausch gefiel Despair, aber ihm wurde klar, dass
er aufpassen musste, dem Takhal nicht zu viel Sympathie
entgegenzubringen. Immerhin war er ein Fremder. Auch ein Kämpfer, ganz
offenbar, aber noch lange kein Verbündeter oder gar ein Freund.
»Das Ziel Eleonores ist, virtuelle Realitäten zu erforschen. Durch ihre
positronische Persönlichkeit, den Synthokörper und die virtuellen
Realitäten können wir wichtige Erkenntnisse gewinnen, die für eine ganze
Reihe von Technologien relevant sind. Ursprünglich haben wir auf einem
Planeten namens Stellacasa die Interaktionen zwischen virtuellen Realitäten
und Avataren erforscht und Pilotprojekte durchgeführt.« Despair machte
eine Kunstpause. »Ein im weitesten Sinn als temporal verstandenes
Phänomen hat jedoch dazu geführt, dass wir die Arbeit auf Stellacasa
einstellen mussten.«
»Ein temporal verstandenes Phänomen«, entgegnete Wulfar gedehnt.
»Eine Art ... Zeitchaos, vielleicht?« Seine Augen wurden wieder schmal.
Vorsicht!, schoss es durch Despairs Gedanken.
»Das ist auch der Grund, warum wir Eleonore rekonstruieren müssen«,
versuchte er, von dem Thema Zeit abzulenken.
Wulfar ging darauf ein.
»Wie kommuniziert ihr mit dem Kunstwesen, solange der Körper noch
nicht voll entwickelt ist?«
Ȇber eine Schnittstelle, die organische Gehirne mit der virtuellen Welt
verknüpft. Eigentlich eine Standardtechnologie.« Und gedanklich ergänzte
er, kann es sein, dass du neugierig darauf bist, Wulfar von den Takhal?
Despair entschloss sich, den entscheidenden Zug in diesem Spiel zu spielen.
»Ich möchte dich dazu einladen, die Schnittstelle zu nutzen.«
»Ich bin dabei«, sagte Wulfar ohne zu zögern.
»Willkommen, Wulfar«, erklang Eleonores körperlose Stimme.
Die beiden Männer schienen in einem Raum zu stehen, der einer Schleuse
ähnelte.
»Die Simultane Emotio- und Reflextransmission ist eine Technologie, die
seit Jahrtausenden in Gebrauch ist. Sie diente zunächst zur
Signalübertragung zwischen besonders geschultem Personal und
hochkomplexen technischen Systemen. Später wurde sie für etwas genutzt,
das Simusense genannt wurde, was mit unserer Anlage hier auf der NOVA
vergleichbar ist. SERT-Systeme sorgen grundsätzlich für eine wesentliche
Beschleunigung von Reaktionszeiten, insbesondere in Konfliktsituationen«,
erklärte der Gastgeber.
»So etwas dachte ich mir schon«, erwiderte Wulfar. »Da wir Takhal aus
vielen Völkern zusammengesetzt sind, ist die Schnittstellenproblematik
insbesondere biologisch definiert. Ich bin jedoch kein Rhetor Scientia. Mich
interessiert, ob es im Kampf funktioniert.«
Rhetor Scientia ... die Takhal eine Mehrvölkerkultur ... für diese
Informationen hat sich das Geplänkel bereits gelohnt, dachte Despair und
achtete darauf, dass die Gedanken nicht über das Interface im virtuellen
Raum hörbar wurden.
»Die Takhal und wir weisen biogenetische Symmetrien auf, die eine
Verwendung der Technologie ohne Problem zulassen. Wir haben das bereits
im Labor geprüft.«
»Na, dann bin ich ja froh!«, rief Wulfar erheitert.
»Und mit einem Kampf können wir auch dienen, Wulfar«, hörte er
Eleonore sagen.
Ganz nach Plan.
»Das gefällt mir. Ich nehme an, ich muss lediglich die Schleuse
passieren, und ich erlebe ein passendes Szenario?«
»So ist es, Wulfar
Der Takhal schritt auf das virtuelle Schleusentor zu. »Na dann, los!«
Wulfar hatte bereits festgestellt, dass nicht seine gesamte Ausrüstung
simuliert worden war. Bryntroll war nicht mehr bei ihm. Ein kurzes
Abtasten der entsprechenden Stellen seiner Weste und Hose bestätigte, dass
das für seine versteckten Waffen ebenfalls galt. Er grinste innerlich. Das
machte die kommende Auseinandersetzung nur interessanter.
Er befand sich in einer Steppenlandschaft. Dürre Sträucher und
vertrocknete Bäume tauchten sporadisch auf. Hier und da wuselten kleine,
geschuppte Echsenwesen und pelzige Nager zwischen Felsen hin und her.
Über dem bergigen Horizont stand eine tiefrote Sonne. Der Himmel trug
eine bl augraue Farbe mit grünen Spuren, die Wulfar an Giftgas erinnerte.
Reflexhaft hielt er den Atem an, schalt sich und atmete weiter. So schien es
jedenfalls.
Präzise und realistisch, diese Simulation, befand er.
Wulfar war klar, dass seine Gastgeber alles aufzeichnen konnten, was in
diesem virtuellen Raum geschah. Das lag in der »Natur« solcher Systeme.
Aber man musste einen Schritt nach vorne machen, wenn man nicht den
Rückzug antreten wollte. Die Takhal waren nach Gray Beast gekommen,
um vorwärts zu schreiten. Wenn ihre Gastgeber daraus Rückschlüsse ziehen
konnten, dann war es so. Anders hätte er ihnen auch keinen Respekt
entgegenbringen können. Er hätte sich umgekehrt ähnlich verhalten.
Ein anderer Kommandant oder ein Krigsleder der Takhal hätte die
Fremden gefangen gesetzt, vielleicht gefoltert oder zum Spaß in eine Arena
zum Kampf ohne Wiederkehr geschickt. Doch Wulfar wusste, wer er war
und wie er Gewalt einsetzen musste, um dem Klan einen Vorteil zu
verschaffen. Nämlich gezielt und chirurgisch. Aber wer weiss?, dachte er.
Vielleicht werden unsere Gastgeber sogar brauchbare Takhal. Dieser Creen
ist jedenfalls nicht zu unterschätzen. Er würde die Mannschaft der
ROVERSTJERNER gut ergänzen.
Wulfar spürte die Hitze der Sonne auf seiner Haut. Er roch die staubige
Luft, die wenigen Duftspuren der Pflanzen. Er lief geradeaus, auf eine
felsige Anhöhe zu.
Überblick verschaffen.
Die rote Sonne warf helle Schlieren auf die Felsen. An manchen Stellen
bildeten schwarze, gezackte Formen einen starken Kontrast.
Felsspalten. Gute Verstecke.
Aus einer der dunklen Flächen schälte sich eine Gestalt heraus. Ein
Mann. So groß wie Wulfar, jedoch wesentlich breiter gebaut.
Könnte ein Pariczaner sein, dachte er.
Der simulierte Fremde schritt auf ihn zu. Er ließ die Arme locker
herabhängen und drehte Wulfar die offenen Handflächen entgegen.
Keine Waffen. Zumindest keine sichtbaren.
Wulfar konnte nun das Gesicht erkennen.
Ha! Er lachte innerlich auf. Er sieht ja fast aus wie Hogun Buranu!
Der Simulierte trat kräftig auf. Staub stieg hoch. Vom Schrecken
getrieben, sprintete kleines Getier in alle Richtungen davon, Flugwesen
flatterten aufgebracht.
Plötzlich rannte der Mann los, ballte die Hände zu Fäusten und zog die
Ellenbogen hoch. Im Lauf drehte er den Oberkörper nach rechts. Einen
Schritt vor Wulfar vollzog er eine gegenläufige Drehung, der rechte Arm
schnellte gestreckt nach vorn. Ein Sprung, und mit der Faust voran flog der
Fremde beinahe auf Wulfar zu.
Der Takhal ließ sich fallen, drehte sich und trat mit dem Fuß gegen eines
der Beine des Angreifers. Der kam ins Straucheln, fing sich jedoch schnell,
drehte sich um und raste wieder auf Wulfar zu.
Verfluchter Umweltangepasster, dachte der Takal und sprang erneut zur
Seite. Diesmal war der Angreifer vorbereitet und traf mit der Linken.
Ein stechender Schmerz fuhr durch Wulfars Körper.
Verfluchte Simulation! Aber zum Glück nur knapp getroffen. Sonst hätte
der Schlag mehrere Rippen gebrochen.
Der Angreifer trat zu. Der Takhal rollte sich zur Seite, sprang auf und
verschaffte sich Abstand.
Mit geübten Griffen nahm er seine Weste ab und zog sie mit beiden
Händen auseinander. Einen Fuß hatte er auf einen Stein gestellt. Gebeugt
wartete er den nächsten Angriff ab.
Der kam prompt, der Mann lief auf Wulfar zu, beide Fäuste im Stil eines
Boxers vor das Gesicht gehoben.
Wulfar musste grinsen.
Er glaubt, den Trick durchschaut zu haben.
Als der Angreifer kurz vor ihm war, duckte sich Wulfar, spannte die
Weste, wickelte sie um den Unterschenkel des Angreifers und zog kräftig.
Der fiel der Länge nach hin, mit dem Gesicht auf seine eigenen Fäuste.
Schnell ließ Wulfar die Weste los, packte den Stein, auf dem er gestanden
war und schlug ihn mit voller Wucht auf den Hinterkopf des Fremden. Der
rührte sich nicht mehr.
Er hat gedacht, ich versuche hochzuspringen und seinen Kopf mit der
Weste zu umwickeln. Tja, reingelegt.
»Ich bin fertig, Freunde!« rief er in den Himmel unter der roten Sonne
und gähnte.
Ein helles Rechteck bildete sich in der Landschaft. Die virtuelle Schleuse
wartete auf ihn. Er ließ den Fremden und seine Weste liegen und schritt
darauf zu.
KAPITEL 1
Zufrieden klopfte Wulfar gegen Bryntroll, der nun wieder am Gurt an seiner
Seite hing. Zum einen hatte er den virtuellen Kampf gewonnen, was ihm
Spaß gemacht hatte. Zum anderen hatte er sich ein Bild von der
Technologie und Mentalität der Gastgeber in der Milchstrasse machen
können. Er hatte ein gutes Gefühl bei der Sache. Die Takhal konnten auf
diese Weise ihre Ziele in der Milchstrasse erreichen. Vielleicht nicht sofort,
aber in absehbarer Zeit. Wulfar war geduldig.
Nachdem er sich von Creen verabschiedet hatte, verließ Wulfar die
NOVA aus der unteren Schleuse und lief geschmeidig die Rampe hinunter
auf die Oberfläche von Gray Beast. Nur wenige Schritte entfernt stand der
autonome Transmitter. Er betrat das Transmissionsfeld und kam auf der
ROVERSTJERNER wieder heraus. Der Transmitter würde eigenständig
den Standort neben der NOVA ver lassen und breiten Adlerraumschiff vom
Typ Vesus zurückkehren.
Seine Adjutantin empfing ihn, eine Oxtornerin mit dunkler Haut. Typisch
für ihr Volk war sie gut 1,90 Meter groß, aber mit einem Meter
Schulterbreite fast schmal. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, dass ihr
etwas Mädchenhaftes gab. Wulfar mochte sie und vertraute ihr, jedoch nicht
bis in seine Privatgemächer. Zum einen hätte Quirina etwas dagegen
gehabt, zum anderen wäre das Verletzungsrisiko für ihn einfach zu groß
gewesen. Eine Oxtornerin war selbst für andere Umweltangepasste zuviel
des Guten.
Wulfar musste schmunzeln.
»Kommandant – der Rhetor Scientia unseres Taka ist an Bord.«
»Kurush?«
»Ja, Kommandant!«
»Bring mich zu ihm.«
»Er wartet im lateralen Besprechungszimmer
Die Adjutantin ging voran. Vom Transmitterraum passierten sie einen
Sicherheitsbereich. Es machte Sinn, dass Besucher schnell vom Transmitter
zu einer Besprechung mit dem Kommandanten der ROVERSTJERNER
gelangen konnten, doch man durfte es solchen Besuchern nicht zu einfach
machen. Nicht alle Klans waren befreundet. Vergleichbares galt für die
Familien innerhalb eines Klans. Sicherheit ging vor, mit analytischen
Geräten und defensiven wie offensiven Waffen.
Das Tor bildete einen kunstvollen Rahmen, der das profane
Schleusenschott mit vergoldeten Ornamenten veredelte, die Körperteile,
Symbole und abstrakte Formen darstellten und zu einem umlaufenden,
dreidimensionalen Bild verschmolzen. Die Dorgonen hatten als
ursprüngliche Erbauer des Schiffs stets aufs Repräsentative Wert gelegt, auf
sichtbare Zeichen ihrer Kultur, die sie ihren Besuchern in der Form von
Luxus präsentierten.
Das Schott öffnete sich mit einem Zischen.
Die Adjutantin wies mit einer Hand in den Raum dahinter und blieb mit
gesenktem Kopf stehen.
Wulfar ging an ihr vorbei. Die Oxtornerin schloss das Tor hinter ihm.
Der Raum war luxuriös eingerichtet, mit edlem Mobiliar ausgestattet und
der Boden mit dicken Teppichen belegt. Wandgemälde zeigten Mythen und
Symbole der Takhal. Ein breites Panoramafenster erlaubte den Blick auf die
unwirtliche Umwelt von Gray Beast.
Kurush stand mi t dem Rücken zum Panorama. Sein kybernetisches Auge
schien Wulfar anzustarren.
»Wulfar freut sich über deinen Besuch, Rhetor Scientia«, sprach er die
Grußformel.
»Und Taka Raym freut sich über deine Gastfreundschaft, Kommandant
Wulfar«, entgegnete der Zyklop.
Als Rhetor Scientia des Taka Raym stand Kurush dem Anführer des Kl
an Atilla zur Seite. Er war eine imposante Erscheinung, hochgewachsen,
mit einem geflochtenen Bart, der als grauer Zopf vor dem nackten
Oberkörper des Mannes hing. Kurush trug eine braune Hose aus Leder und
Raumfahrerstiefel in der selben Farbe. Lediglich ein Umhang bedeckte den
Rücken, mit einer Kette von Schlüsselbein zu Schlüsselbein als
Befestigung.
Am eindrucksvollsten war sein Gesicht. Unten schloss das kantige Kinn
es ab. Die Lippen waren dünn, die Nase scharf gebogen. Es schien, als hätte
er die Augen geschlossen. Das täuschte jedoch, denn Kurush hatte keine
natürlichen Augen. Er war seit seiner Geburt blind, die Augenhöhlen von
Gesichtshaut überzogen.
Sein Kopf war kahl und tätowiert. Flammen loderten von den Schläfen in
die Mitte der Stirn, trafen sich dort und verliefen am Schädel entlang.
Die Flammenspur verläuft bis in den Nacken hinab, wusste Wulfar. An
den Schultern endet sie jeweils, was der Umhang jedoch verbirgt.
Die Arme Kurushs waren eher drahtig als muskulös. Links war eine
Rakete vom Handgelenk bis zur Schulter tätowiert, rechts ein
langgezogener Totenschädel und eine schwarze Blume.
Das eigenartigste Merkmal Kurushs waren jedoch weder seine
Tätowierungen, noch seine zugewachsenen Augenhöhlen. Obgleich er blind
geboren worden war, konnte der Rhetor sehen. Mittig auf der Stirn befand
sich ein Implantat – ein einziges kybernetisches Auge.
Darum nannte man Kurush auch den Zyklopen.
»Womit kann ich Taka Raym dienen?« fragte Wulfar.
»Du hast die Gastgeber getroffen?«
»Ja.«
»Sie sind uns sehr ähnlich, nicht wahr?«
»So ist es.«
»Das ist eine gute Gelegenheit, darüber zu sprechen, wer wir sind«,
stellte Kurush fest. »Damit Klarheit darüber besteht, wer Takhal ist und wer
nicht.«
»Zweifelt jemand daran?« fragte Wulfar belustigt.
»Niemand zweifelt deine Loyalität an«, hörte er eine Stimme neben sich.
Sein eigener Berater, Lerror, hatte sich genähert. Seine roten Augen
strahlten, die weißen Haare hingen lang den kantigen Schädel hinab.Die
Arme hatte er in der schlichten grauen Kutte verborgen, sicherlich
verschränkt, wie so oft.
»Dann kann mir vielleicht jemand erklären, warum wir hier über uns
reden und nicht über unsere neuen ...«, er machte eine kleine Kunstpause,
zog mit dem Finger einen Kreis in der Luft, »... Freunde?«
»Sind sie das denn?« wollte Kurush wissen. Seine S timme blieb ruhig
und unaufgeregt.
Wulfar verstand, dass es nicht um eine Anklage ging. Dennoch hatte er
ein Problem mit dieser Situation. Kurush kam auf sein Schiff sein Schiff!
Dessen Kommando Taka Raym ihm übertragen hatte! – und verlangte etwas
von ihm.
Nun gut, wir sind nicht in der STERNENZITADELLE, dann wäre die
Situation eine andere. Taka Raym hätte dort von mir alles verlangen
können.
Kurush trat einen Schritt auf Wulfar zu. »In diesem Moment findet ein
Gespräch zwischen dem Taka und Aurec von der NOVA statt. Ich möchte
die Zeit nutzen, um ein neues Psychogramm von dir zu erstellen. Dazu
möchte ich dich fragen ...«
Er bittet nicht!, begriff Wulfar.
»... ob du deine Erfahrungen in einer Chronik festhalten möchtest. Es
wäre für das Rhetoricum Scientia wichtig, auf dieser Grundlage Daten an
den Taka weiterzuleiten.«
»Warum willst du, dass ich das alles wiederhole? Es ist doch in den
Protokollen gespeichert!«
Kurush entgegnete prompt. »Ich möchte es so von dir hören, wie du dich
daran erinnerst.«
Wulfars Anspannung nahm zu. Er klopfte mit der Handfläche auf das
Blatt seiner Axt, die seitlich an seinem Gurt hing. Er wurde laut. »Ich sehe
nicht ein, warum ...«
Der Zyklop zeigte in keiner Weise, wie er Wulfars Auftritt empfand. Er
stand still da, an seiner Mimik veränderte sich nichts. Sein mechanisches
Zyklopenauge verriet ebenfalls keinerlei Regung.
Wulfar zog langsam Bryntroll vom Gurt. Mit geübter Hand wechselte er
den Griff vom Kopf zum Stielknauf der Doppelaxt. E in Fingerdruck
genügte, und die Klinge erhitzte sich langsam.
Kurushs Mundwinkel zuckte, doch ansonsten rührte er sich nicht.
Nein, bemerkte Wulfar. Er hebt die rechte Hand und dreht gleichzeitig
die linke Hand nach hinten ... Hat er dort eine Klinge versteckt?
Es schien, als erhitzte sich nicht nur die Schneide seiner Doppelaxt,
sondern die gesamte Luft in dem Besprechungszimmer. Wulfars Hals wurde
trocken, seine Luftröhre schien sich zu verengen. Instinktiv hatte er eine
Kampfhaltung angenommen, die Beine breit, in einer Linie zum Gegner, die
Rechte mit der Axt locker, die Linke hinter dem Rücken.
Ich bin bereit, dachte er. Gut so!
»Warum was?« fragte Kurush endlich.
Wulfar räusperte sich, grinste breit, senkte den Kopf und hob die Augen.
»Warum ich dir entgegenkommen ...«
Lerror unterbrach ihn. »Geehrter Kurush, da ich der Berater der Familie
Wulfars bin, biete ich mich an, das Verfahren zu begleiten.«
Wulfar schnaubte. Lerror hatte es wieder einmal geschafft, eine Situation
zu entschärfen, bevor ein offener Konflikt losbrach. Ein Kampf mit Kurush
wäre auch schwer abzuschätzen gewesen. Der Berater des Taka hielt viel
zurück und hütete seine Geheimnisse. Es war nicht selbstverständlich, dass
ein Rhetor einem Krigser wie Wulfar im Kampf unterlegen sein sollte.
Zwar hatte er keine Angst davor, sich mit Kurush zu messen, doch es stellte
sich die Frage, ob es sinnvoll war, in dieser Situation Gewalt anzuwenden.
Selbst wenn es klar war, dass ein Berater unter einem Kommandanten
stand, zudem auf dessen eigenen Schiff Kurush war der Berater des Taka
Raym, und der stand eindeutig über Wulfar.
»Ich bin nicht begeistert von deiner Bitte, Kurush. Aber ich bin bereit
dazu, wenn es der Sache des Klans und der Takhal hilft.«
»Dann fangen wir an!«
KAPITEL 2
»Au!« rief der Junge.
Der Berater seiner Familie legte die Rute aus elastischem Kunststoff
zurück auf seinen Schoß.
»Nur die härtesten Schläge vergisst man nicht, Wulfar. Merk dir das.«
»Aber darum muss es doch nicht so weh tun«, erwiderte der Junge mit
kindlicher Logik.
»Doch, muss es. Sonst lernt man nicht. Sonst kann man die Dimension d
es Schmerzes nicht abschätzen. Weil der Gegner diese Dimension
verschleiert oder selbst nicht abschätzen kann.«
Der Berater streckte den Rücken, blickte auf den Jungen herab.
»Das ist die Lehre: Du musst wissen, wie es ist, Schmerz zu empfinden,
denn es ist die Aufgabe eines Takhal, im gegebenen Fall Schmerz
auszuteilen.«
»Weil wir Takhal sind!«, rief Wulfar mit plötzlich aufkeimender
Begeisterung.
»Weil wir Takhal sind, Wulfar
Die beiden saßen in einem Lehrzimmer des Rhetoricums. Vor ihnen
spannte sich ein Hologramm auf. Es zeigte eine Wiesenlandschaft, die sich
bis zu einem virtuell Horizont erstreckte. Blaues Gras wogte in einem
imaginären Wind unter gelben Himmel. Für die beiden wirkte es, als säßen
sie auf einer Anhöhe unter Bäumen und blickten bis zum Ende einer
unbekannten Welt. Eine Welt, die Takhal irgendwann erobert hatten. Auf
der ein Mitglied des Rhetoricums holografische Aufnahmen gemacht hatte,
um genau dieses Szenario auf einem Takhalschiff zu reproduzieren.
Das, oder irgend jemand hatte einen Satz Holosuiten irgendwo gestohlen.
»Erzählst du mir vom Kosmotarchax?«
»Nicht heute, Junge. Die Lektion ist vorbei. Ich muss zum Familienrat,
dein Vater erwartet mich.«
»Dann kann ich spielen gehen?«
»Das kannst du.«
Der Junge sprang wie eine gespannte Feder von der Bank hoch und lief
ein paar Schritte, bevor er sich umdrehte und Lerror fragend anblickte.
»Ich berichte dir später
Wulfar nickte und verschwand im Korridor, der an das Lehrzimmer
angrenzte.
Lerror versiegelte das Lehrzimmer. Das Holo der Wiesenlandschaft
verschwand. Kurz war kein Bild zu sehen, dann erschien ein Takhal in
Kampfmontur in einer technisch hochinstallierten Kabine.
Wulgast, Wulfars Vater, stellte Lerror fest. Der Krigsleder des Atilla-
Klans, über dem nur Taka Raym stand.
»Ist die Leitung gesichert?«, fragte der Takhal mit terranischen und
dorgonischen Wurzeln.
»Ist si e«, antwortete Lerror.
»Hier ist der Stand der Situation. Ich berichte selbst. Das geht schneller.
Die letzten Reste der Topthors sind beseitigt. Sie haben sich in einer
Erholungsanlage verschanzt. Als würden sie Urlaub machen! Als würden
wir es ausgerechnet ihnen erlauben, Urlaub zu machen.«
Wulgast lachte herzhaft.
»Was kann ich zur Situation beitragen?« fragte Lerror.
»Ich sag dir was, Berater antwortete der Krigsleder. »Wir haben hier
etwas gefunden, dass sich für unsere Sache in mehrerlei Hinsicht eignet.«
Wulgast nestelte an irgendetwas unterhalb des Kameraausschnitts. Die
Bildübertragung brach ab, der Ton lief jedoch weiter. »Sieh mal, was
außerhalb unseres Kommandowagens steht«, sagte der Oberbefehlshaber
des Klanmilitärs.
Das Bild baute sich wieder auf, Zeile für Zeile. Die Armee des Atilla-
Klans befand sich einige hunderttausend Kilometer von der Sternenburg
entfernt, umgeben von Störsendern der Topthors, die noch nicht zur Gänze
ausgeschaltet worden waren.
Das Bild zeigte ein imposantes Gebäude. Fast quadratisch in der Ansicht,
zwanzig Geschosse hoch und reichlich mit Fenstern ausgestattet. Lerror
schätzte die Außenmaße auf gut 75 Meter. Weiße Fassade, hervorstehende
Eck- und Mittelrisalite, ein geneigtes Dach mit dunkler Deckung.
»Was siehst du?«
»Ein Hotel?«
»Richtig. Es ist schließlich ein Erholungsort, an dem wir uns befinden.
Auch wenn sich hier kei ner mehr erholt.« Wieder lachte Wulgast, so laut,
dass der Ton verzerrt wurde.
»Es wird GRAND HOTEL genannt. Wir werden es mitnehmen. Es wird
unser Quartier in der neuen Sternenburg, der STERNENZITADELLE. Es
ist genau das, was wir gesucht haben! Lerror, du musst dafür eine Lieferung
Spittocks organisieren. Wir brauchen sie sofort. Dann können wir das ganze
Bauwerk von der Planetenoberfläche holen!«
Lerror kalkulierte. Wulgast und er hatten darüber gesprochen, in der
neuen STERNENZITADELLE des Taka Raym einen Ort zu schaffen, der
Wulgasts Familie Sicherheit bieten sollte. Das wäre nicht einmal das
primäre Argument für diese Maßnahme gewesen. Die Takhal suchten auch
aus religiösen Gründen nach Orten dieser Art, denen sie eine Bedeutung vor
dem Hintergrund des Kosmotarchax zuschreiben konnten. Sicherheit war
jedoch der wichtigste Aspekt Sicherheit für den Klan, die Familie und
sich selbst.
»Ich kläre das.«
Lerror führte eine k ritische Datenanalyse durch, als Wulgast zu einer
Erwiderung ansetzte. Spittocks. Ihm war klar, was der Krigsleder mit den
Spittocks wollte. Im Zusammenspiel mit konventionellen
Andruckabsorbern sorgten sie für die strukturelle Integrität einer
technischen Konstruktion mit anderen Worten, dass etwas nicht
auseinanderfiel, wenn man es durch den Raum bewegte. Wulgast wollte sie
zweifellos nutzen, um den Transfer des GRAND HOTEL in die
STERNENZITADELLE zu bewerkstelligen und dabei Schäden an dem
Bauwerk zu vermeiden.
Plötzlich brach das Bild ab, Wulgast löste sich in Schlieren auf, der Ton
wurde zu abgehacktem Krach. Nach einigen Sekunden kehrte das Bild
zurück. Die Kabine des Kommandofahrzeugs, in dem Wulgast sich befand,
war nun um neunzig Grad gedreht. Der Krigsleder war kurz im Bild und
schien nach der Kamera zu greifen. Es fand eine schnelle Bewegung statt,
das Bild stabilisierte sich und zeigte die freie Umgebung vor dem Hotel.
Wulgasts Hand erschien und wurde kleiner. Die Kamera bewegte sich von
ihr fort.
Eine Kameradrohne, erkannte Lerror.
»Was sollte das?«, schrie Wulgast wutentbrannt. Sein Gesichtsausdruck
war verzerrt, Schlieren von schwarzem Öl liefen vom Helm seitlich den
Kopf hinunter.
»Wir wurden angegriffen! Di e Topthors sollten doch besiegt sein?«
Hinter dem Krigsleder liefen Soldaten des Klans. Eine Explosion brannte
pixelige Artefakte in das Bild. Splitter rasten wie bleierne Pfeile den
Krigsern hinterher. Die Kameradrohne schwankte, blieb aber in der Luft.
Lerror sah, wie Wulgast den gepanzerten Arm hob und schrie: »Hier haben
sich Topthors verschanzt! Die machen mir noch mein schönes Hotel kaputt!
Wir brauchen Luftunterstützung!«
»Verstanden«, antwortete Lerror, schaltete sich mit Überrangcode in den
Kommandokanal und damit in die strategische Luftüberwachung. Auch hier
gab es zahlreiche Störungen der Übertragung, doch mit gut fünfundsiebzig
Prozent Wahrscheinlichkeit hatte Lerror die Position kleiner Topthor-
Gruppen ausgemacht. Mit einem weiteren Überrangcode griff er auf die
Positionskoordinaten der strategischen Atmosphärenbomber des Atilla-
Klans zu. Von insgesamt sieben Maschinen waren zwei in Reichweite der
Position Wulgasts. Hier griff Lerror nicht zu, sondern schickte eine
Prioritätsbotschaft an die jeweiligen Kommandanten.
Vier Raketen aus zwei Bombern brachen aus ihrer Arretierung hervor
und rasten mit glühenden Triebwerken auf die Oberfläche zu.
Lerror konzentrierte sich nun wieder auf Wulgasts Bild. In den Augen
des Krigsleders war Wut, jedoch auch Konzentration und Entschlossenheit
erkennbar.
Blitze zuckten auf, gefolgt von tiefem Grollen. Rauchschwaden wurden
im Hintergrund sichtbar. Wulgast drehte sich um, streckte eine Hand nach
links. Der Ton war noch gestört, aber der Krigsleder muss ein Kommando
gegeben haben. Im Bild erschien die Hand eines Krigsers, womöglich
jemand aus dem Kommandostab, und hielt ein Fernsichtgerät. Wulgast
nahm es an sich, hob es vor seine Augen.
»Ah! Gute Arbeit, Lerror. Damit dürfte das Thema erledigt sein.« Er
drehte sich wieder in Richtung der schwebenden Kamera. »Und wann
können wir mit den Spittocks rechnen?«
Die nachtschwarzen Augen des Taka blickten auf Wulgast herab, der mit
seiner Familie und seinem Stab vor dem großen Bildschirm stand. Das Bild
zeigte niemand anderen als Taka Raym, den unbestrittenen Anführer des
Atilla-Klans. Der Dscherro war zwar nur 1,62 Meter groß, besaß dennoch
eine eindrucksvolle Gestalt. Mit seiner Schulterbreite von 1,10 Metern
wirkte er gedrungen und muskulös. Über den schwarzen Augen in dem
grünhäutigen Gesicht ragte ein 26 Zentimeter langes Horn angsteinflößend
hervor. Dort, wo man die grüne Haut des Dscherro sehen konnte, war sie
mit Narben übersäht.
Lerror behielt beide im Blick. Als Berater Wulgasts musste er sowohl das
Verhalten des Taka als auch das des Krigsleders beobachten, deuten und
daraus Ratschläge entwickeln können.
»Gute Arbeit, Krigsleder Wulfar. Der Planet wurde von den Topthors
gesäubert. Ein Problem weniger für die Atilla. Du hast deine Beute
verdient. Nimm dir dieses Artefakt, dieses GRAND HOTEL, wie du es
nennst. Ich gestatte dir, es in die neue STERNENZITADELLE zu
integrieren. Möge es dir und deiner Familie der heilige Ort sein, von dem
aus ihr den Kosmotarchax meistert.«
Wulfar streckte sich und sagte die Dankesformel auf.
»Wulgast bedankt sich bei Taka Raym für dessen Großzügigkeit. Wulgast
steht in der Schuld des Taka Raym. Wulgast steht dem Taka Raym stets zur
Verfügung.«
Der Dscherro senkte und hob sein Horn in einer knapp bemessenen
Geste.
»Taka Raym freut sich über den Dank seines Krigsleders. Ruhm den
Atilla! Und nun wieder an die Arbeit. Wir haben eine
STERNENZITADELLE fertigzustellen!«
Das Bild verwischte und verschwand.
Wulgast drehte sich um und stellte sich vor seine Familie und seinen
Stab.
Wieder beobachtete Lerror aufmerksam.
Vor Wulgast stand seine Partnerin Monuki mit den zwei Kindern, Wulfar
und Otnand. Neben ihnen regte sich sein Subkommandant Kalnoss in einer
legeren Pose. Die anderen Stabsmitglieder machten sich ebenfalls locker.
Wulgast vollzog mit der Hand eine Geste. Lerror verstand und rief: »Nur
der Familienrat«.
Die Stabsmitglieder nickten, verabschiedeten sich knapp und verließen
den Kommandoraum.
© Jürgen Rudig
»Dann hast du erreicht, was du wolltest, Wulgast?«, fragte Monuki. Die
Frau konnte gleichzeitig Lust wie Angst bei denen hervorrufen, die sie
ansprach. Die großen, schwarz umrandeten Augen mit den fast weißen
Iriden verstrahlten ein kosmisches Licht. Die schmalen Lippen in ihrem
herzförmigen Gesicht gaben diesem Licht eine ebenso kosmische Kälte.
Die schwarzen Locken ringelten sich an ihrer sehnigen Statur entlang. Ihre
Schultern waren eine Spur breiter als ihre Hüfte, was der Grund war, dass
sie mit ihren 1,82 Metern Körpergröße sehr athletisch wirkte. Ein knappes
Oberteil aus schwarzem Samt bedeckte ihre kuppelförmigen Brüste
bestenfalls notdürftig. Ein geschlitzter Rock verlief von der Taille bis zu
den Fußknöcheln. Eine schmale Kette aus Stahl, mit Schwingquarzen
besetzt, umlief den Bund. Um die Hüfte trug sie einen breiten Gürtel aus
groben Leder mit einem Holster, der einen brachialen Strahler trug.
»Hast du doch gesehen«, sagte Wulgast mit einem knappen Grinsen.
»Bevor es zu einem Streit um die Zimmer kommt«, fragte Kalnoss, »hat
Lerror schon einen Raumverteilungsplan aufgestellt, wer welches Zimmer
bekommt?«
Lerror blickte auf den hochgewachsenen, fast dürren Mann. Kalnoss
wirkte ausgehungert und trug stets eine Spur Gier in seinem hageren
Gesicht. Die Augen waren zweifarbig, das eine grau, das andere braun. Sein
Gesicht hatte dennoch etwas Knabenhaftes. Mit der Stupsnase, den runden
Augen, dem überraschend weichen Mund und den jugendlich
geschnittenen, halblangen Haaren wirkte es kindlich. Auch seine Kleidung
war ein Widerspruch den Oberkörper bedeckte eine mit blumigen
Mustern bestickte Weste aus Samt, die stark mit der schwarzen
Funktionshose und ihren vielen Taschen kontrastierte. Man durfte den 1,90
Meter großen Mann mit der samtbraunen Haut jedoch nicht unterschätzten.
Kalnoss neigte zur Grausamkeit. Wulgast wusste, wie er sich diese
Grausamkeit zu Nutze machen konnte. Wulgast und Lerror wussten beide,
dass genau diese Eigenschaft verhinderte, dass Kalnoss die Stellung des
Krigsleders jemals wirksam in Frage stellen konnte. Kalnoss war ein
Schläger und kein Stratege. Er wüsste gar nicht, wie er eine Familie oder
einen Feldzug anführen sollte. Aber Kalnoss und Wulgast waren
letztenendes Freunde und hatten ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander.
Zumindest bislang.
Lerror machte eine Notiz, dass er die Balance zwischen den beiden
kritisch analysieren sollte.
»Darauf kann ich dir antworten, Kalnoss,« sagte Wulfar. »Sobald das
GRAND HOTEL in der STERNENZITADELLE verbaut ist, machen wir
beide einen Rundgang. Du und ich! Aber ...«, stellte er kurz fest, mit einem
Blick auf Monukis strahlende Augen, »Monuki hat als die Mutter der
Familie das Vorrecht, ihre Räume als erste auszusuchen.«
»Recht so«, meinte Monuki und legte jeweils eine sehnige Hand auf die
Schulter eines ihrer Kinder. Die Finger spielten in einem unergründlichen
Takt.
Lerror meinte, im Gesicht Monukis als auch in dem von Kalnoss eine
Spur Befriedigung erkannt zu haben.
Die STERNENZITADELLE war für die Mitglieder des Klans Atilla vor
allem eine Baustelle, für die Kinder jedoch ein riesiger Spielplatz.
Wulfar und Fastrad liefen durch die Gänge, durchquerten Säle, sprangen
in Schächte und fanden immer neue geheime Orte, die niemandem außer
ihnen gehörten wenn auch nur solange, bis sie wieder nach Hause
mussten.
Wulfar folgte dabei stets ein Trio aus Drohnen aus Lerrors Arsenal. Das
musste der Junge nicht wissen, er sollte möglichst unbeschwert aufwachsen.
Doch er war für Wulgast als Krigsleder viel zu wichtig, um unbeaufsichtigt
durch die kosmische Baustelle zu laufen. Das war auch Lerror klar. Darum
hatte er die Überwachung des Jungen als eine seiner Beraterpflichten
übernommen.
Die beiden Kinder balgten sich. Sie spielten gerne Klanfeinde nach.
Wulfars Freund Fastrad stammte von Terranern ab, war etwas jünger als
Wulfar und hatte eine helle Haut. Auffallend war, dass er seit seiner Geburt
haarlos geblieben war. Was man ihm nicht ansah war, dass seine Kindheit
bisher nicht glücklich verlaufen war. Die Eltern, Mitglieder der untersten
Klanschichten, lebten nicht mehr. Da er eine Affinität zu technischen
Dingen demonstriert hatte, hatte ihn das Rhetoricum Scientia
aufgenommen.
Wulfar braucht Freunde in verschiedenen Schichten der
Klangesellschaft, wenn er sich später behaupten will, reflektierte Lerror.
Dann stutzte er. In das Bild der Aufnahme schob sich eine weitere
Person. Nicht so groß wie ein Erwachsener. Ebenfalls ein Junge?
Vielleicht zehn Jahre alt, kalkulierte Lerror anhand des Unterschieds in
der Körpergröße zu den beiden anderen. Jetzt wird es interessant.
Wulfar und Fastrad hielten inne, blickten den Neuankömmling an.
Zornig, so schien es Lerror.
Fastrad zeigte mit dem Finger auf sich, Erstaunen zeigte sich auf seinem
Gesicht.
Der neue Junge schlug zu. Fastrad stolperte und fiel aus dem
Bildausschnitt.
Warum bekomme ich nur ein Drohnenbild?, frage sich Lerror. Ich
brauche einen Überblick!
Er wollte die Kamerakanäle der anderen Drohnen auf die
Bildschirmoberfläche rufen, erhielt jedoch nur graue Schlieren statt eines
Bilds.
Wo sind die Drohnen zwei und drei?, sendete Lerror dem Komsystem,
bekam jedoch keine Antwort.
Eine Drohne konnte ausfallen, aber zwei?
Wulfar warf sich nun auf den Angreifer. Der schlug mit beiden Fäusten
zu. Wulfar fiel um. Der Angreifer stürzte sich auf ihn und prügelte
enthemmt auf den Jüngeren ein.
Wo ist Fastrad?
Kameradrohne eins vollzog einen Schwenk.
Wulfars Freund erschien im Bild, stürzte sich auf den Angreifer und
versuchte, ihn von Wulfar wegzuziehen. Der lag verkrümmt auf dem
Boden, die Arme schützend um den Kopf gelegt.
Nun sah Lerror endlich das Gesicht des Angreifers. Ein schneller Zugriff
auf die Datenbank führte ihn schließlich zur Information, die er suchte.
So ist das also, konstatierte er.
Der Angreifer war ein elfjähriger Junge namens Hogun. Im gesicherten
Datenbereich war bereits ein Dossier über ihn angelegt.
Lerror durfte dennoch nicht eingreifen. Die Kinder mussten lernen, wie
sie sich durchzusetzen hatten. So war das unausgesprochene Gesetz der
Takhal. Dies galt umso mehr für den Sohn des Krigsleders.
Hogun stieß Fastrad von sich und trampelte auf Wulfar ein. Der blieb
jedoch nicht passiv und trat Hogun gegen das Knie, der nun rückwärts
stolperte.
Fastrad erschien wieder und hatte nun einen Gegenstand in der Hand, der
wie eine Metallstange aussah. Er stellte sich breitbeinig vor Wulfar, der sich
mühevoll aufrappelte und an Fastrads Schulter festklammerte. Gemeinsam
drohten sie Hogun und warfen ihm sicher allerlei Flüche zu.
Gut so, schlussfolgerte Lerror.
Hogun verließ die Szene.
Wulfar und Fastrad gaben ein elendes Bild ab. Sie bluteten aus Mund und
Nase. Der ältere Junge hatte den beiden ganz schön übel zugesetzt.
Aber sie haben ihn dennoch vertrieben, stellte Lerror fest. Aus ihnen wird
ein gutes Team werden.
Jetzt konnte er den Jungen auch einen Mediker schicken, um
sicherzugehen, dass sie keine bedrohlicheren oder gar inneren Verletzungen
hatten.
Lerror spürte so etwas ähnliches wie Zufriedenheit, als er die Position der
Kameradrohne eins an die Bereitschaftszentrale der Mediker schickte.
KAPITEL 3
»Wir landen«, ordnete Wulgast an und trommelte mit den Fingern gegen die
Lehne des Kontursessels. Neben ihm saßen sein Sohn Wulfar und
Subkommandant Kalnoss. Während Wulfar gespannt die Aktivitäten in der
Zentrale der Space-Jet beobachtete, wirkte Kalnoss desinteressiert. Seine
Augen waren geschlossen und die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
Die Pilotin des dreißig Meter durchmessenden Schiffs nahm an der
Steuerkonsole Schaltungen vor, als sie in die Atmosphäre eindrangen. Ein
aerodynamisch geformtes Prallfeld baute sich um sie herum auf.
Die Daten des Planeten wurden vor Wulgast in ein Holofeld projiziert.
Hesophia war die vierte Welt eines sechszehn Planeten umfassenden
Systems. Ihr Mittelpunkt war Sorus, eine gelbe Sonne vom Typ G3V, die
27 475 Lichtjahre vom Dorgoniasystem entfernt war.
Solche Entfernungen haben bestenfalls eine abstrakte Bedeutung, denn
selbst ein Bruchteil davon ist nur durch Hypertechnologie zu bewältigen,
dachte Wulgast. Und M 100 hat immerhin einen Durchmesser von 120 000
Lichtjahren. Unsere Begegnung wird jedoch alles andere als abstrakt sein.
Sie wird zeigen, ob die Botschaft des Taka Raym unmissverständlich
angekommen ist.
»Wir gehen nach Plan vor, Krigsleder?«, fragte Kalnoss, die Augen noch
immer geschlossen.
Wulgast mochte die entspannte Art seines Subkommandanten. Letztlich
war sie eine Maske, die dem Umfeld einen Eindruck von Sicherheit
vermittelte. Er wusste, dass Kalnoss ganz bei der Sache war.
»Wir gehen nach Plan vor, Subkommandant«, erwiderte Wulgast
beiläufig. Er beobachtete seinen Sohn. Der Junge blickte mit weit
geöffneten Augen auf die Wolkenformationen, an denen sie vorbei- und
hindurchrasten. Der Krigsleder musste grinsen. Für einen kurzen Moment
dachte er an seinen ersten Einsatz mit seinem Vater. Welch herrliches Chaos
das gewesen war!
Die Landung stand unmittelbar bevor. Hesophia war eine Welt, die den
Takhal ideale Lebensbedingungen bot. Sie besaß eine
Sauerstoffatmosphäre, hatte einen Durchmesser von 11 158 Kilometern
entlang des Äquators und eine Schwerkraft von 0,99 g. Ein Tag dauerte
knapp neununzwanzig Stunden und durchschnittliche Temperaturen lagen
bei dreiundzwanzig Grad Celsius. Der Planet war 183,4 Millionen
Kilometer von seiner Sonne entfernt, und ein Umlauf dauerte 401,2 Tage.
Gut zwei Milliarden Dorgonen bewohnten diese Welt. Ihren politischen
Vertreter würden sie nun treffen. Der vorgeschlagene Treffpunkt befand
sich auf einer Hochebene auf einem der vier großen Kontinente, mit Blick
auf die Hauptstadt Hesathan mit ihren sechsunddreißig Millionen
Einwohnern. Sie hatte den Ruf, eine der schönsten Metropolen der Galaxis
M 100 zu sein.
Die Jet überflog die Stadt in knapper Höhe, eine fast selbstverständliche
Machtgeste. Das Raumfahrzeug war zwar klein, doch über ihm, im All,
standen die Flotte des Klans Atilla und die STERNENZITADELLE des
Taka Raym. Und die – war groß.
Im Zentrum der Stadt ragten hohe Türme in den Himmel. Das Bild
wechselte über der schier endlosen Peripherie des Stadtrands. Hier nahm
die Höhe der Gebäude ab, die sich eher in der Breite ausdehnten. Die
Fassaden der Bauwerke waren ebenso begrünt wie die freien Flächen
dazwischen.
Die Hochebene kam in Sicht. Im Gegensatz zur üppigen Vegetation der
Stadtlandschaft sah sie aus wie eine Steppe.
Das Plateau wirkt aus der Zeit gefallen, als ob es sich seit Jahrmillionen
nicht verändert hätte, dachte Wulgast. Ein geeigneter Ort, um Dinge
festzulegen.
Das Schiff landete. Die Kameras unterhalb des Ringwulstes zeigten den
Anwesenden in der Zentrale, wie die Landestützen Staub aufwirbelten. Hier
und dort zeigten huschende Bewegungen, dass kleine Tiere flüchteten.
Gut so, dachte Wulgast.
Kalnoss klatschte mit den Handflächen auf seine Oberschenkel, riss den
Krigsleder aus seinen Gedanken und zwinkerte ihn an. »Dann steigen wir
aus?«
»Dann steigen wir aus«, bestimmte Wulgast.
Etwa zweihundert Meter entfernt standen drei zeremonielle Gleiter der
Planetenregierung. Zwei Roboter hatten einen roten Teppich ausgerollt, der
bis zur Kante der ausfahrbaren Rampe der Space-Jet reichte. Wulgast war
die Rampe hinuntergeschritten und stand auf dem Teppich, Kalnoss und
Wulfar neben ihm. Die Space-Jet warf einen kreisförmigen Schatten auf
dem staubigen Boden.
Die drei Takhal traten ins Sonnenlicht.
Ein dutzendköpfiges Begrüßungskomitee der Hesophier empfing sie.
Der Krigsleder und der Subkommandant tauschten einen kurzen Blick
aus. Sie waren beide erstaunt, offenbarten es jedoch ihren Gastgebern nicht.
Die Abordnung vor ihnen präsentierte nämlich einen Gefangenen.
»Krigsleder Wulgast vom Klan Atilla«, begann einer der Hesophier, in
diplomatischem Ornat gekleidet und mit würdevoller Stimme, »der
bisherige Princips Protector hat aus der Sicht des Hesophischen Rats nicht
im Sinne des Planeten gehandelt, als er euer großzügiges Angebot nicht
entgegengenommen hat.«
Gut formuliert, dachte Wulgast. Mein Angebot war schließlich die
Drohung, die Stadt dem Planetenboden gleichzumachen, falls man Taka
Rayms Befehl nicht gehorchen sollte.
»Wen präsentierst du uns also hier in Ketten und auf den Knien?«, fragte
der Krigsleder.
»Den Princips Protector, der jedoch nicht mehr dieses Amt bek leidet.«
»Und was sollen wir mit ihm?«
»Es handelt sich um eine symbolische Geste, die ...«
»Wir sind nicht für Symbolik hier, sondern um Fakten zu schaffen.«
»Wir verstehen, dass der Klan Atilla Tributansprüche besitzt, die wir im
Sinne des Klans unterstützen ...«
»Was wisst ihr schon davon, was im Sinne des Klans ist?«, brüllte
Kalnoss zornentbrannt.
Die Vertreter Hesophias zuckten verwirrt zusammen.
Wulgast lächelte innerlich und blickte zu seinem Sohn. »Was meinst du,
Wulfar?«
»Vater?« Der Junge schien das Begrüßungskomitee mit seinem Blick zu
sezieren.
»Ich finde, die Planetenbewohner sind sehr schnell bereit, ihren Anführer
aufzugeben.«
»Gut beobachtet,« lobte Wulfar. »Wir sollten daher ein Exempel ...«
Weiter kam der Krigsleder nicht, denn plötzlich explodierte die
Wirklichkeit um sie herum wie ein Tonkrug im Kugelhagel.
Ein Krach wie von berstendem Metall brach über sie herein, gefolgt von
einem alles überstrahlenden Blitz. Der Krach setzte sich wie ein Echo fort,
und dem Blitz folgte ein allumfassendes, violettes Leuchten. Es wirkte auf
Wulgast, als ob ein einziger Augenblick in die Ewigkeit gestreckt und
gezogen würde.
So weit er sehen konnte, waren alle unter Schock, sowohl Kalnoss und
Wulfar als auch die Mitglieder des Begrüßungskommittees und der in
Ketten gelegte Princips Protector.
Dann bebte die Erde heftig. Wulgast schwankte und griff reflexhaft nach
seinem Sohn. Er bekam die Schulter Wulfars zu fassen und hielt ihn fest.
Das Beben endete, so schnell es begonnen hatte. Ebenso verschwanden
der Krach sowie das violette Leuchten.
Verwirrung stand in den Gesichtern der Hesophier.
Wulfar sah zu Kalnoss. Der blickte ihn entschlossen an. »Wir sollten ...«
Das Komarmband des Krigsleders sprach an. Eine Prioritätsbotschaft aus
dem Stab. »Ja?«
»Krigsleder! Etwas stimmt mit dem Planeten nicht. Wir empfehlen den
sofortigen Start.«
»Das reicht mir nicht! Was heißt das, etwas stimmt mit dem Planeten
nicht?«
»Die Albedo verfinstert sich.«
Da bemerkte es auch Wulgast. Es war merklich dunkler geworden.
»Dann stimmt etwas mit der Sonne nicht?«, fragte er das Stabsmitglied.
Und dann war es mit einem Mal Nacht. Sorus war verschwunden.
Wulgast hielt Wulfars Schulter noch immer im Griff.
Umgehend wurde es wieder Tag. Und wieder Nacht. Und wieder Tag.
Die Takhal sahen sich verwundert an. Ein Blick auf die Hesophier zeigte,
dass es ihnen ähnlich ging.
Der Wechsel wurde schneller und immer schnel ler, bis ein schattiges
Dämmerlicht herrschte. Eine graue Decke bedeckte den Himmel über dem
Hochplateau, wie das zittrige Wetterleuchten eines stummen Bildschirms,
von toten Kanälen gespeist.
»Da!«, rief einer der Hesophier. »Die Stadt!«
Von der Anhöhe aus hatte man einen Blick auf die Tiefebene, in der sich
Dutzende Kilometer weit die Stadtlandschaft Hesathans ausbreitete, mit den
hohen Türmen in ihrem Zentrum.
Wulfar kniff die Augen zusammen. Zuerst verstand er nicht, was er sah.
Ein Turm waberte und verschwand. Das Wabern umfasste mehr und
mehr Türme, jedoch auch Teile der Peripherie. Die Vegetation zitterte und
wuchs.
Irgendwann verschwand die ganze Stadt. Nur der Urwald blieb, wie ein
grünes Vexierbild.
Die Hesophier gerieten in Panik. Sie liefen zu ihren zeremoniellen
Gleitern zurück und ließen den Princips zurück.
Kalnoss bewies auch in diesem Moment des totalen Chaos seinen Humor.
»Kannst du kochen, Princips? Wir brauchen nämlich einen guten Koch.«
Weiter kam er nicht, denn ein schrilles Pfeifen erfüllte die Luft. Geröll
schien blitzschnell aus der Tiefebene zu schießen, sich in glühende Magma
zu verwandeln und verschwand in einem Berg, der nun dort stand, wo
vorhin noch die Metropole Hesathan gewesen war.
Dieser Berg ... er verschluckt das Magma! Er ist ein Vulkan im
Rückwärtsgang, stellte Wulgast entgeistert fest.
Das Bild verwischte, als ob jemand einen Eimer Lösungsmittel über ein
Ölgemälde geschüttet hatte, für die traditionsbewußte dorgonische Künstler
bekannt waren.
Die zeremoniellen Gleiter verschwanden in einer Nebelbank, die sich um
das Hochplateau herum gebildete hatte und es nun umschloss.
»Die Zeit ... sie bewegt sich rückwärts!«, rief Wulgast.
»Der Kosmotarchax!«, schrie Kalnoss.
Wulgast drückte Wulfar schützend an sich. Der Boden schwankte nicht
mehr, und die Jet stand noch immer hinter ihnen. Der Krigsleder rief die
Zentrale an. »Bereitmachen zum Start!«
»Verstanden, Krigsleder! Kommen Sie schnell an ...«
Weiter kam der Funker nicht.
Kalnoss hatte es als erster gemerkt. Mit dem Arm drängte er Wulgast und
Wulfar von der Space-Jet weg.
Um sie herum hatte sich der Ring aus Nebel enger gezogen. Das schrille
Pfeifen war lauter geworden. Als der Nebel die Jet berührte, schien der
gesamte rückwärtige Teil, den drei Takhal abgewandt, verschwunden zu
sein.
Die halbierte Jet kippte um, es gab vereinzelte Explosionen,
Flammenzungen schossen aus der geöffneten Polschleuse hervor.
Die Takhal waren von der Jet weggestolpert und lagen nun zu dritt auf
dem staubigen Boden der Hochebene. Der kniende Princips starrte sie
entsetzt an, sprang mit einem Satz hoch und versuchte, in die Nebelwand zu
laufen. Als er sie berührte, verwandelte er sich in eine Wolke roten
Sprühregens, der langsam auf das Plateau herabsank.
Wulgast hatte schon einiges in seinem Leben gesehen, doch selbst er war
erschüttert.
Ist das unser Ende? dachte der Krigsleder. Ist das der Kosmotarchax?
Wie sollen wir hier um die Zeit selbst kämpfen, wenn sie es ist, die uns
bekämpft? Wulfar hat das nicht verdient, er ist noch ein Kind!
Plötzlich erscholl ein dumpfer, tiefer Knall. Das Bild des umlaufenden
Nebels veränderte sich und wurde von einem anderen, neuen Bild
überlagert.
Das Plateau und die Tiefebene waren wieder in ihrer ganzen Ausdehnung
bis zum Horizont sichtbar. Sorus stand tief im Himmel und schüttete
dunstiges Licht über den Planeten aus.
Und noch etwas stellte Wulgast fest.
Etwa 200 Meter von ihnen entfernt stand ein Objekt, das ihnen vertraut
war. Eine Space-Jet.
Wulfar löste mit seiner kleinen Hand den Griff des Vaters von seiner Weste.
»Das ist keine von unseren«, stellte Kalnoss neben ihm fest.
»Deflektoren an!«, befahl Wulgast.
Die beiden Erwachsenen reagierten schnell und verschwanden aus
Wulfars Sichtfeld. Der Junge schaltete ebenfalls seinen Deflektor ein.
Nervös fummelte er die Antiflexbrille aus der Brusttasche und setzte sie
auf. Die Erwachsenen wurden wieder sichtbar.
Der Vater klopfte seinem Sohn beruhigend auf die Schulter.
»Gut so«, sagte Wulfar. »Sicherheit geht jetzt und hier vor
»Machen wir die Jet zu unserer?«, fragte Kalnoss.
»Wenn wir von hier wegkommen wollen, bleibt uns nichts anderes
übrig«, stellte Wulgast fest.
»Erkundung?«
»Eines noch. Wulfar?«
»Ja, Vater?«
»Du bleibst genau hier!« Wulgast wies mit dem Zeigefinger auf den
staubigen Boden der Hochebene.
Der Junge nickte.
Wulgast und Kalnoss liefen los.
Wulfar lag auf dem Boden und beobachtete die beiden. Einer lief rechts,
der andere links in einer steilen Kurve auf die fremde Space-Jet zu. Beide
nutzten trotz der Deflektoren die Deckung, die ihnen Büsche, Gestrüpp und
Felsbrocken auf der Hochebene boten.
Wulfar vermutete, dass es den beiden einfach Spaß machte, sich so an
den Gegner heranzuschleichen. Oder sie wollten sicher gehen, dass man
keine Spuren in der Jet erkannte, trotz der Deflektoren. Fußabdrücke
vielleicht?
Kalnoss hatte irgend etwas in der Hand, das er aus dem Dickicht gezogen
hatte. Er rannte blitzschnell auf die offene Schleuse der Space-Jet zu und
warf es die Rampe hoch. Auf unzähligen Beinen wuselte es hoch, ins Innere
der Jet.
Ein Tier!, erkannte Wulfar.
Kalnoss hatte sich inzwischen hinter die Rampe gestellt.
Ein Blitz irrlichterte aus der Jet. Eine Person erschien, trat etwas bis zur
Unkenntlichkeit Verbranntes aus der Schleuse und stürmte die Rampe
hinunter.
Was ist das für eine Uniform?, fragte sich der Junge. Lindgrün? Noch nie
gesehen.
Nun sprang sein Vater auf, packte den Fremden und hielt ihm eine Waffe
unter das Kinn.
Der Fremde versteifte sich.
Sein Vater rief etwas, Kalnoss erschien und stieß dem Fremden etwas in
den Nacken. Der kippte um, von den beiden Takhal gehalten.
Kalnoss zog ihn hinter die Rampe. Sein Vater sprang ins Schiff.
Ein neuer Blitz brach aus der Schleuse. Ein Mann rutschte die Rampe
herunter.
Vater!, dachte Wulfar entsetzt.
Doch er irrte sich, es war ein weiterer Fremder in lindgrüner Uniform.
Sein Vater erschien auf der Rampe und winkte ihm zu.
Ich komme!
Wulfar lief auf die Jet zu. Sein Vater zog ihn in den Schleusenraum.
Kalnoss stieg ebenfalls die Rampe hoch und sprang beherzt in den zentralen
Antigravschacht, der ihn nach oben trug.
Fast alles sah so aus, wie in einer Space-Jet der Takhal. Doch vieles war
anders angeordnet, die Bedienfelder waren anders, und die Zeichen waren
fremd.
»Was ist das hier ...?«, wollte Wulfar fragen.
Sein Vater hielt den Finger an die Lippen gepresst. Still!
»Ihr könnt hochkommen«, hörten sie Kalnoss rufen.
Die drei Takhal hatten die Deflektoren abgeschaltet und die Antiflexbrillen
wieder in ihren Brusttaschen verstaut.
»Der Pilot ist paralysiert«, berichtete Kalnoss. »Es war auch eine Spur zu
einfach, denn er ist mit der Steueranlage mehr oder weniger verwachsen.«
»Und das bedeutet?« fragte Wulgast.
»Diese Leute haben etwas, das unserer Mentalkommando-Hardware
entspricht. Aber die Vernetzung zwischen Pilot und Steuersystem ist nicht
nur temporär. Der Pilot ist mit der Jet hybridisiert. Davon abgesehen haben
wir ein ganz anderes Problem.«
Kalnoss wies auf die Seite des Hochplateaus, die bislang von der
fremden Space-Jet verdeckt worden war.
Etwa einen Kilometer entfernt stand ein seltsames Gebäude, wenn es
denn eines war.
Wulfar musste sich auf Zehenspitzen stellen, um es über den
Konsolenrand hinweg sehen zu können. Es war ein Zylinder, etwa fünfzig
Meter im Durchmesser, mit einem kuppelförmigen Dach. Insgesamt war die
Konstruktion siebzig Meter hoch. Sie leuchtete in strahlendem Gold.
Der Vater hielt seinem Sohn das Vergrößerungsglas vor die Augen.
Wulfar konnte die goldenen Verzierungen auf der Kuppel erkennen.
Kunstvoll geschwungene Motive, die ineinander verschlungene Wesen und
technische Objekte darstellten. Vierarmige Riesen mit Kuppelköpfen und
drei Augen. Große Humanoide mit tierhaften Köpfen. Etwas, das wie ein
Pelzwesen aussah, von dem Sonnenstrahlen ausgingen. Ein kantiges
Gesicht in einem Helm, von einer umlaufenden Antenne konturiert.
Pistolen, Kanonen, Bomben. Keine Schwerter, keine Äxte.
In der Kuppel öffnete sich eine Schleuse in Bodennähe. Ein Dutzend
Humanoide verließen es in flugfähigen Anzügen.
»Wir bekommen Besuch!«
»Fahr die Rampe hoch!« befahl Wulgast.
Kalnoss hob die Schultern. »Wenn ich den Schalter finde, gern!«
Plötzlich meldete sich das Komgerät an Wulgasts Arm.
»Krigsleder! Wir haben dich wieder in der Ortung! Wir schicken ein
Kommando zu dir!«
»Vorsicht, Feindberührung!«, schrie Wulgast.
Zwei Space-Jets der Takhal rasten heran. Gleichzeitig landeten die
Humanoiden aus der Kuppel etwa hundert Meter entfernt.
Ein Geschütz aus der Kuppel feuerte und traf eine der Space-Jets. Sie
brach im Flug auseinander, die Teile rasten brennend weiter und stürzten
irgendwo in der Tiefebene ab.
Die zweite Jet drückte aggressiv nach unten und vollzog eine brachiale
Risikolandung, gut fünfhundert Meter entfernt. Wulgast konnte sich
vorstellen, wie das gepeinigte Material der Landestützen aufschrie.
Gleichzeitig öffnete sich die Schleuse des Raumschiffs und zwei Dutzend
schwerbewaffnete Krigser der Takhal in vollem Kampfornat liefen heraus,
auf ihren Standort zu.
»Wir sind in der feindlichen Jet!«, rief Wulgast in das Komgerät.
Einer der gegnerischen Humanoiden flog mit hoher Geschwindigkeit auf
das gelandete Raumschiff der Takhal zu. Die Krigser feuerten unentwegt
auf ihn, konnten ihn jedoch nicht aufhalten. Der Fremde brannte,
Körperteile fielen im Flug ab. Was auch immer auf die Takhal-Jet zuraste,
hatte keine Ähnlichkeit mehr mit einem Humanoiden.
Die Takhal-Jet explodierte, Bruchstücke flogen herum. Die Krigser
hatten zum Glück ihre Schirme aktiviert, doch ein großes Bruchstück hatte
zwei Takhal unter sich begraben.
»Ich muss nach unten«, sagte Wulgast. »Bleib hier bei Wulfar«, befahl er
Kalnoss.
Sein Subkommandant sah ihn betroffen an.
Wulgast warf drei Kameradrohnen in die Luft. Zwei wurden nach kurzem
Flug vom Gegner erkannt und abgeschossen. Eine sendete ihr Signal an
Wulfar. Das genügt, dachte er.
Die Humanoiden waren nicht alle gleich. Einer war ein Terraner oder
Dorgone und trug eine schwere Raumrüstung. Der hochgewachsene Fremde
bewegte sich locker und kontrolliert. Wulgast vermutete, dass die Rüstung
eine schlanke, sportliche Figur verbarg. Der Kopf war entblößt.
Mit seinem Fernerfassungsgerät erkannte der Krigsleder Details. Unter
dunkelblonden Haaren sah er graublaue Augen in einem hageren,
hellhäutigen Gesicht. Auf dem rechten Nasenflügel war etwas, das eine
Narbe zu sein schien.
Der Blick des Fremden machte Wulgast instinktiv Angst. Er war über
seine Reaktion selbst überrascht. Noch nie hatte er einen solchen Blick
wahrgenommen. Er sprach Herrschaft aus, die keinen Widerspruch
tolerierte. Willen, der keine Schwäche erlaubte. Fanatismus, der keine
Botschaft und kein Ziel nötig hatte.
Dieser Mann ist gefährlich.
Ebenso gefährlich sah seine Leibwache aus. Ihre Mitglieder waren 2,20
Meter groß und hatten eine Schulterbreite von 1,50 Metern. Auch sie staken
in Rüstungen, die nur den Kopf freiließen. Über den Augen sah Wulgast
Knochenwülste und eine fliehende Stirn, von einem braunschwarzen Pelz
bedeckt.
Wie der Kopf eines Tieres, dachte Wulgast.
Dank der Fernwiedergabe hörte er auch, was sie sagten.
»Zwiebus-Garde, Achtung!«
Und: »Schützt Exec-1 um jeden Preis!«
Und weiter: »Für den Großadministrator!«
Die Takhal-Krigser stürmten auf die Feinde zu. Zwei von ihnen scherten
aus, um de n Zugang zur Rampe zu sichern. Wulgast nickte ihnen zu.
Sechs Mitglieder der Zwiebus-Leibgarde schritten, nein, schlenderten auf
die heranstürmenden Takhal zu.
Die Krigser feuerten.
Was Wulgast nun sah, erschütterte ihn zutiefst.
Irgend etwas schaltete die Schutzschirme der Takhal einfach ab. Einer
der Zwiebus-Gardisten packte einen Takhal und zerriss ihn entlang der
Taille in zwei Hälften, die er achtlos in den Staub der Hochebene warf.
Andere Gardisten schlugen mit Keulen auf die Krigser ein.
Der Angriff kam zum Stillstand. Die Takhal versuchten, ihre Stellung zu
halten, und feuerten aus allen Rohren.
Ein Zwiebus-Gardist rannte zwischen sie und explodierte. Die Krigser
wurden wie Spielzeug in die Luft geworfen.
Ein weiterer Tierköpfiger wurde ins Kreuzfeuer genommen. Sein Körper
verbrannte. Darunter kam ein Ei aus Metall zum Vorschein, das auf zwei
Tentakelbeinen lief. Zwei weitere Tentakel dienten als Arme.
Aus den Tentakelarmen schoß Impulsfeuer. Als das Ding sich den Takhal
näherte, blitzen Vibroklingen daraus hervor.
Die Takhal wurden nicht einfach nur abgewehrt. Es war ein Massaker,
eine orchestriertes Gemetzel, eine inszenierte Demütigung.
Die Gardisten richteten ihre Blicke nun auf die Space-Jet. Hinter ihnen
ahnte Wulgast die Person, die sie als »Exec-1« bezeichnet hatten. Der
Krigsleder nahm ihn noch einmal in die Vergrößerung. Der Fremde lächelte
das Lächeln eines Raubtiers, kurz bevor es seinem Opfer die Kehle
durchbiss.
»Rückzug!«, schrie Wulgast in sein Kom-Armband.
Die verbliebenen Takhal rannten auf Wulgast zu, der die Rampe
hochstürmte und über sein Kom Kalnoss anrief. »Wir müssen sofort
starten!«
Er schwebte den zentralen Antigravlift hoch, da ergriff der
Subkommandant schon seine Hand. »Das Schott ist zu, Krigsleder. Den
Piloten haben wir auch im Griff. Notstart?«
»Notstart!«
Die Triebwerke der Space-Jet flammten allesamt auf, der Ringwulst
wurde zu einem feuerspeienden Kranz. Kurzer, harter Andruck rüttelte sie,
als wären sie gerade aus einem Albtraum erwacht. Unter ihnen ließen sie
Hesophia zurück.
Die Oberfläche des Planeten hatte sich in flüssiges Magma verwandelt,
bis auf die Hochebene. Die letzten Bilder nach Verlassen der Atmosphäre
zeigten schließlich, wie auch dieser Teil der Welt an Stabilität verlor.
Auf halbem Weg zum Kommandoschiff der Klansflotte explodierte
Hesophia.
»Der Kosmotarchax!«, flüsterte Kalnoss. »Er beginnt.«
Wulgasts Herz pumpte wie wild. Auf seiner Stirn stand kalter Schweiß.
Hatte sein Subkommandant recht?
Aus dem Schleusenraum kam eine Nachricht. Fünf Krigser des
Landungskommandos hatten sich an Bord retten können. Der Krigsleder
sah das Gesicht der Ertruserin, die die Meldung machte. Er kannte sie. Die
Frau kämpfte schon seit Jahrzehnten für den Klan und besaß erhebliche
Kampferfahrung. In ihren Augen konnte er schieres Entsetzen sehen. Ihre
Stimme war gebrochen, ihre Moral auch.
Fünf Krigser von fünfundzwanzig! Erfahrene, teils umweltangepasste
Kämpfer, die an vielen hochgefährlichen Kampagnen erfolgreich
teilgenomme n hatten. Keine Amateure, sondern Vollprofis.
Wulfar blickte seinen Vater fragend an, da öffnete sich ein Prioritätskanal
zur STERNENZITADELLE.
»Subkommandant Kalnoss! Mach mir sofort Meldung!«, forderte eine
harte Frauenstimme in scharfem Tonfall.
Das Holobild konkretisierte sich. Es zeigte Monuki.
Warum rief sie Kalnoss an und nicht mich?, fragte sich Wulgast.
»Krigslederhörte er seine Partnerin schließlich sagen. Offenbar sah sie
ihn nun auch im Aufnahmebereich der Kamera.
Da war noch etwas, ein Eindruck, der sofort wieder verschwand.
Blickte Monuki etwa erstaunt?
KAPITEL 4
Künstliches Sonnenlicht erhellte den gewaltigen Saal im Dachgeschoss des
GRAND HOTEL. Das Bauwerk war intakt in die Baustelle der
STERNENZITADELLE integriert worden. Eine stählerne Kuppel umhüllte
es auf einem der Hauptdecks. Die Innenseite der Kuppel war mit
Holoprojektoren ausgestattet. Die Simulation einer natürlichen Umwelt war
perfekt.
»Wulfar, du bist jetzt soweit«, sagte sein Vater. »Die Schmerzentfaltung
kann stattfinden.«
Lerror stand neben ihm, wie stets die Arme unter der Kutte ineinander
verschränkt, und nickte. Seine langen, weißen Haare lagen auf den
Schultern, die Lider über den roten Augen waren halb geschlossen.
Der Weg zum medizinischen Zentrum der STERNENZITADELLE führte
aus der Kuppel über dem GRAND HOTEL hinaus, die große Ringstraße
entlang. Sie war mehr als ein Verkehrsweg, denn hier spielte sich ein großer
Teil des öffentlichen Lebens der Takhal an Bord ab. Hier gingen sie hin,
wenn sie auf dem Weg von ihrer Kabine zur Arbeit, in eine der Messen oder
den anderen Versammlungsstätten waren. Hier stellten Marketender ihre
Artikel aus. Hier fanden auch alltägliche Streitereien statt, sofern sie nicht
in kleinere Scharmützel mündeten. Aus diesem Grund patrouillierte hier
auch eine besondere Abteilung der Krigser. Sie waren jedoch eher
Polizisten als Soldaten.
Nichts für mich, dachte Wulfar.
Eine Schleuse trennte das medizinische Zentrum vom großen Korridor
auf dem Hauptdeck.
Wulgast und Lerror verabschiedeten sich von dem Jungen, der von drei
Medikern in Empfang genommen wurde.
»Wulfar!«, rief der Mittlere der Mediker. Alle drei trugen rote Kittel,
knappe rote Hauben und rote Masken. Lediglich die Augen blieben frei.
Alle hatten die Hände hinter dem Rücken verborgen. »Wie lautet das
Motto?«
»Lebe mit dem Schmerz, kämpfe mit dem Schmerz«, antwortete Wulfar,
ohne zu zögern.
Wie er im Lauf seiner Krigserausbildung erfahren hatte, war der
Schwerpunkt der medizinischen Praxis die physische Wiederherstellung
verwundeter Soldaten des Klans sowie die Erforschung von Strategien, die
zur physischen Schwächung von Gegnern beitrugen. Unterstellt waren die
Mediker dem Rhetoricum Scientia, dessen Mitglied auch Lerror war. Er
hatte im Vorfeld die Planung der Schmerzentfaltung übernommen.
»Dann folge uns!«
Hinter der Schleuse herrschte grelles Licht. Alle Flächen Böden,
Wände, Decken – waren mit Kacheln aus Kunststoff verfliest.
Die drei führten ihn einen Flur entlang. Leuchtende Bänder verliefen
knapp unterhalb der Decke und strahlten grelles Licht aus. Es roch
chemisch. Seine Stiefel machten schmatzende Geräusche auf den
Kunststoffkacheln.
Sie hielten vor einem Schott, das sich zischend öffnete. Der Mediker zur
rechten wies mit einer Hand in den Raum dahinter. »Nach dir
Wulfar trat in den quadratischen Raum. Die Oberflächen waren hier mit
einem keramischen Material verkleidet, und die gesamte Decke schien zu
leuchten. Ein schmaler Tisch trennte den Raum in zwei Hälften. Auf einer
Seite des Tisches stand ein Stuhl aus gebogenen Metallrohren mit einer
keramischen Sitzfläche, auf der Seite gegenüber drei vom selben Typ.
© Mathias Rohlfs
Es ist damit klar, wo ich sitze, dachte Wulfar.
Alle nahmen Platz.
»Wir erklären dir die Prozedur, auch wenn du schon von eurem Rhetor
Scientia informiert worden bist. Das ist Teil unserer Pflicht.«
»Gut,« sagte Wulfar und nickte.
»Wir beginnen mit dem schmerzfreien Aufsetzen des posit ronischen
Schmerzmonitors. Er dient dazu, im nächsten Schritt das Schmerzmilieu
deines Körpers zu überwachen, damit es zu keinen langfristigen Schäden
oder einem Exitus kommt.«
»Verstanden.«
»Danach werden die Schmerzmodule eingesetzt. Diese Prozedur bedingt
aktiven Schmerz. Hast du das verstanden?«
»Ja.«
»Danach gibt es eine Monitoring-Phase, um die Folgen der
Implantierung zu überwachen. Hast du auch das verstanden?«
»Verstanden.«
»Die Prozedur ist automatisiert. Ihre Dauer ist jedoch von deinen
physiologischen Reaktionen abhängig. Daher werden wir jetzt keine
Prognose abgeben, wie lange sie dauern wird. Unsere Pflicht als
Schmerzkommission ist damit getan. Wir übergeben dich hiermit in die
Verantwortung des Schmerzwächters, der die Prozedur der
Schmerzentfaltung begleiten wird.«
Die drei standen auf, Wulfar tat es ihnen nach.
Der links Stehende der drei wies auf die Wand hinter Wulfar.
Er drehte sich um. Vor ihm schob sich nun die gesamte Wand in die
Decke hoch. Dahinter sah er einen rechteckigen Raum, ebenso mit
keramischen Oberflächen und greller Beleuchtung ausgestattet. In der Mitte
stand ein medizinischer Tank für Standardhumanoide, zu denen viele
Takhal zählten. Wulfar erkannte, dass der Tank schwenkbar war und in eine
liegende Position gebracht werden konnte.
Eine Konsole umlief hüfthoch die Wände, mit einer Aussparung für eine
Schleuse an einer der Längsseiten.
» Zieh dich aus und steige in den Tank. Anordnungen des
Schmerzwächters sind Folge zu leisten.«
Wulfar betrat den Raum. Hinter sich hörte er ein schleifendes Geräusch.
Die Wand senkt sich wieder, begriff er und zog die Stiefel, die Weste, die
Hose und seine Unterwäsche aus. Er stieg in den Tank und lehnte sich
gegen die weiche Fläche aus Kunststoff, die ihn innen verkleidete.
Ein Signa lton erklang, der Tank drehte sich in die Horizontale. Wulfar
stand nicht mehr, er lag und sah die Decke des Raums über sich. Darin
waren Klappen eingearbeitet, die sich nun öffneten. Dahinter wurde
technische Ausrüstung sichtbar.
Metallene Tentakel ragten heraus, näherten sich, umringten geschmeidig
seine Handgelenke und Fußfesseln und rasteten ein. Wulfar war nun fixiert
und konnte sich bestenfalls minimal bewegen. Ein weiterer Tentakel mit
einer Gesichtsmaske erschien. Sie bedeckte die Nase und schob etwas in
seinen Mund. Wulfar spürte mit der Zunge eine Art Nut, in die er
hineinbiss.
Seitlich drückten sich Kopfhörer in seine Gehörgänge.
»Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen«, befahl eine
mechanische Stimme. »Die Augen können offen bleiben oder geschlossen
werden.«
Eine zähe Flüssigkeit wie Gel quoll gurgelnd in den Tank und füllte ihn
bald vollständig aus.
Tauchen wollte ich schon immer, dachte Wulfar mit einer Spur
Galgenhumor.
Mit einem klickenden Geräusch näherte sich etwas seinem Kopf und
umschloss ihn wie mit einer kalten Hand.
Der Schmerzmonitor!, begriff Wulfar.
Eisige Kälte dehnte sich in seinem Kopf aus und von do rt in alle
Nervenbahnen.
»Und nun fangen wir an,« hörte er eine Person sprechen.
Wulfar stutzte. Kenne ich die se Stimme etwa?
Er sah zwei, vier, sechs, insgesamt acht weitere Tentakel, die aus der
Decke herabsanken und sich ihm näherten. An ihren Spitzen trugen sie
komplizierte Vorrichtungen.
Injektoren?, mutmaßte er. Das Gel erlaubte ihm jedoch keinen richtig
klaren Blick.
Die Spitzen kamen seinen Ober- und Unterarmen, seinen Oberschenkeln
als auch seinem Oberkörper näher. Sie machten alle gleichzeitig Kontakt.
Grenzenloser Schmerz dehnte sich von allen acht Kontaktpunkten aus.
Die Spitzen bohrten sich in seinen Körper. Das Gel färbte sich rot.
»So, nun tun wir dir mal so richtig weh, du privilegiertes Miststück«, rief
die Person.
Die Stimme klingt bekannt, aber älter, dachte Wulfar. Dann begriff er.
Natürlich! Es ist dieser Hogun!
Seine Gedanken schrien. Hören konnte ihn niemand.
Wulfar hatte in der Krigserausbildung einiges erlebt und einiges einstecken
dürfen. Sadistische Ausbilder, die man nicht im Kampf gebrauchen konnte,
weil sie ihre Kameraden in Gefahr brachten, fanden hier eine Spielwiese,
die vom Taka und den Krigsledern toleriert wurde. Unlösbare Tests, in
denen jeder Auszubildende scheiterte, sich die Knochen brach,
verzweifelte, gehörten zum Alltag. Ebenso sinnlose Aufgaben, wie das
Zählen von Munitionsvorräten oder das Putzen der Ausbildungskabinen
dienten dazu, die zukünftigen Krigser auf Enthaltsamkeit und Entbehrungen
vorzubereiten. Oder um sie einfach sinnlos zu quälen, was wieder im Sinn
der sadistischen Ausbilder war.
Schmerzen gehörten also dazu.
Aber Hogun ... warum tat er ihm das an? Weil er ein »privilegiertes
Miststück« war? Wer war dieser Kerl überhaupt?
Es spielte eigentlich keine Rolle, warum er es tat. Aber Wulfar begriff
durchaus, was Hogun tat. Er spielte mit dem positronischen
Schmerzmonitor und justierte ihn neu. Damit gerieten die Schmerzen, die
durch die Implantate hervorgerufen wurden, in einen unkontrollierbaren
Bereich. Das Risiko bestand, dass Wulfar langfristige Schäden davontragen
würde.
Er hatte bereits seine Blase und seinen Darm entleert. Zusammen mit
dem Blut, das er durch das brutale Eindringen der Implantate in seinen
Körper verloren hatte, verfärbte sich das Gel im Tank auf eine widerliche
Weise und überforderte die Desinfektionsroutinen.
Neue und immer neue Wellen des Schmerzes rasten durch Wulfars
Körper. Seine Herzrate stieg. Ihm fiel es immer schwerer, klare Gedanken
zu fassen.
Will er, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?, fragte sich Wulfar in der
kurzen Pause zwischen zwei Schmerzwellen.
Die Implantatinjektoren bohrten sich nach wie vor in seinen Körper,
saßen an acht Stellen fest, die nach wie vor Blut verströmten.
Wenn ich hier sterbe ... was bedeutet ihm das?
Sein Herz schlug immer schneller. Ein heftiger Schmerz durchzuckte
seine linke Körperhälfte und zog sich den linken Arm entlang.
Er will meinen Vater demütigen!, brandete ein Gedanke durch seinen
Kopf. Positronische Kälte hielt sein Gehirn nach wie vor fest umklammert.
Wulfar hörte Hogun albern lachen.
Wieder bohrten die Tentakel, tiefer als zuvor. Wieder entbrannten
Schmerzen, und diesmal war es selbst für den leidgeprüften Wulfar zuviel.
Ein heftiger Schlag ließ sein Herz erzittern, bis es stillstand.
Das letzte, was er hörte, war ein schrilles Fiepen ...
»Wir müssen die Zeremonie abhalten, das weißt du«, sagte Lerror.
Immer belehrend, fand Wulfar.
Er fühlte sich elend, aber jedenfalls nicht mehr tot.
Das ist zumindest ein Fortschritt, fand er.
Lerror hatte ihm erklärt, was passiert war. Der Berater seines Vaters hatte
ein Signal erhalten, dass Wulfar einen Herzinfarkt erlitten hatte. Seine
Kontakte unter den Medikern hatten sofort dafür gesorgt, dass die
Schmerzentfaltung unterbrochen wurde. Dazu mussten sie erst in den Raum
mit dem Tank gelangen. Hogun hatte mit einem Überrangcode sowohl den
Raum abgeriegelt, als auch die Kontrolle über den positronischen
Schmerzmonitor erlangt. Sie hatten Hogun schließlich aufgehalten, aber zu
diesem Zeitpunkt war Wulfar bereits klinisch tot gewesen.
Hogun war von den Medikern zunächst festgesetzt worden. Da sie jedoch
keine Befugnisse dieser Art besaßen, mussten sie Hogun gehen lassen.
Dieser hatte sich in die unteren Bereiche der STERNENZITADELLE
zurückgezogen. Was mit ihm geschah, war nun Sache des Stabs des Taka
Raym. Der Familie Wulgasts war ein direktes Eingreifen untersagt. Es gab
keine Blutrache auf der STERNENZITADELLE.
Im Prinzip hatte Hogun sogar der Sache der Takhal gedient. Wulfar, der
Proband, hatte maximalen Schmerz erfahren. Die Injektoren hatten die
Implantate eingesetzt, die man traditionell bei den Takhal dazu verwendete,
Krigser auf Schmerzen im Kampf zu gewöhnen. Und Wulfar hatte die
Schmerzentfaltung letztlich überlebt.
Das Problem, dass sich nun stellt, ist ein ganz anderes, dachte Wulfar.
»Wieviel Zeit habe ich?«, erkundigte er sich bei Lerror.
»Du kannst dich anziehen, dann müssen wir auch schon los«, antwortete
der Berater mit gefühlloser Stimme.
Immer der objektive Beobachter, dachte Wulfar. Nun gut, so sei es.
Er war so zittrig und erschöpft, dass es ihm schwerfiel, sich anzuziehen.
Als er es geschafft hatte, stand ihm kalter Schweiß auf der Stirn.
»Können wir gehen?« fragte Lerror.
»Wir können gehen.«
Neben Lerror schleppte sich Wulfar mehr schlecht als recht durch die
Gänge der STERNENZITADELLE. Nun standen sie vor dem großen
Schott, das in den zeremoniellen Hangar führte.
Wulfars Knie zitterten, er war nassgeschwitzt. Genau so habe ich mir
meinen fünfzehnten Geburtstag immer vorgestellt, dachte er.
Lerror betätigte ein Signalfeld, das Schott öffnete sich, und sie traten ein.
Wulfar hatte immer wieder Aussetzer in seinem Sichtfeld, als sprühten
graue Funken aus allen Richtungen und überlagerten das Bild, das er sah.
Mein Kreislauf ist total im Eimer.
Die drei Personen, die zwischen ihm und einem Raumjäger standen,
erkannte er sofort.
Wulgast, sein Vater, Krigsleder des Atilla-Klans. Kurush, der Zyklop,
Rhetor Scientia und Berater des Taka Raym. Er würde Meister des
Zeremoniells sein. Und Ross Malhony, der Krigsleder des Amelus-Klans,
der Zeuge der Zeremonie sein würde. Nur bei den Kindern eines
Krigsleders wurde ein gleichrangiger Zeuge eines anderen Klans berufen.
Wulfar erkannte den Terraner Malhony von Holobildern. Sie waren sich
noch nicht persönlich begegnet, obwohl Malhony bereits oft auf der
STERNENZITADELLE war. Er trug eine eng geschnittene, graue Uniform,
hatte gebräunte Haut und weiße Stachelhaare. Über einem schmallippigen
Mund breitete sich ein buschiger, weißer Schnauzbart aus. Die Augen
waren zugekniffen, die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt.
Das Gesicht seines Vaters war hart, doch in seinen Augen fand er einen
Hinweis darauf, wie er sich wirklich fühlte.
Besorgt, stellte Wulfar fest. Dann kam die Erkenntnis. Es geht darum,
meinen Vater vor dem Zeugen zu diskreditieren. Der Sohn soll kein
Krigseranwärter werden ... dann gilt der Krigsleder als schwach!
Der Zyklop sprach. »Ich, Kurush, Berater des Taka Raym, bin der
Meister dieser Zeremonie. Sie bestimmt, ob Wulfar, Sohn des Wulgast,
Krigsleder des Atilla-Klans, zum Krigseranwärter erklärt wird. Wer ist
anwesend?«
»Wulgast, Krigsleder des Atilla-Klans!«
»Ross Malhony, Krigsleder des Katron-Klans!«
»Lerror, Berater des Wulgast!«
Wulfar krächzte irgend etwas Unhörbares und schwankte breitbeinig hin-
und her, den Oberkörper weit nach vorne gebeugt. Kalter Schweiß tropfte
von seiner Stirn auf den stählernen Belag des Hangars. Er hatte einen
Geschmack wie nach Blech im Mund.
Kurushs Zyklopenauge schien ihn durchbohren zu wollen.
»Wer ist anwesend?«
Wulfar streckte sich, ballte die Fäuste und schrie es hinaus. »Wulfar!
Sohn des Wulgast! Krigsleder!«
»Dann«, setzte Kurush fort, »beginnen wir das Zeremoniell.«
Wulfar musste vor Anstrengung keuchen. Er gab sich Mühe, seinen Vater
zu beobachten. Der ging zu dem Raumjäger im Hintergrund, zog sein
Vibromesser und schien ein Stück der metallenen Verkleidung aus dem
Raumfahrzeug herauszuschneiden.
Das war ein Teil der Zeremonie. Selbstverständlich konnte niemand mit
einem Vibromesser ein Stück der Außenhülle eines Raumjägers
herausschneiden. Aber so bestimmte es nunmal der Mythos der Takhal. Die
Stelle war für die Zeremonie entsprechend präpariert worden. Die dünne
Platte aus Stahlblech war jedenfalls echt.
Wulgast stellte das Vibromesser ab und steckte es mit einer Hand in die
Scheide, die an seiner Hüfte festgeschnallt war. Mit der anderen hielt er ein
etwa 25 mal 15 Zentimeter großes und ein Zentimeter dickes Rechteck aus
Stahl.
Er kehrte zur Gruppe zurück, schritt an Kurush und Malhony vorbei und
blieb vor Wulfar stehen. Er hielt die Stahlplatte hoch, so dass sie jeder der
Anwesenden sehen konnte. Dann rief er: »Ein Krigser, der ein Pilot sein
will, muss aushalten, wenn ihm im Flug etwas auf den Kopf knallt!«
Er sah seinen Sohn besorgt an.
Es tut mir leid, Vater, dachte Wulfar.
Wulgast hieb die Stahlplatte auf Wulfars Kopf, warf sie zur Seite und
ging einen Schritt zurück.
Eine Platzwunde vergoß heißes Blut, dass den kalten Schweiß von
Wulfars Stirn spülte. Instinktiv schloss er die Augen.
Eine Welle der Übelkeit stieg in ihm hoch. Er schwankte, krümmte sich,
bückte sich. Seine Hände griffen ins Leere. Mit den Fingerspitzen einer
Hand berührte er den Boden.
Nicht ohnmächtig werden!, schrie er innerlich. Ich muss stehen bleiben.
Er erbrach sich. Galle platschte auf den Hangarboden.
Ich muss stehen bleiben.
Krämpfe schüttelten ihn, er zog den Oberkörper zusammen, würgte,
röchelte. Seine Beine verkrampften. Breitbeinig schwankte er hin- und her.
Ich muss stehen bleiben!
Er spürte schmerzhaft die Stellen seines Körpers, in die die Stahltentakel
Implantate hineingebohrt hatten, und konzentrierte sich darauf.
Wulfar merkte nicht, wie er röhrte: »Stehen bleiben! Stehen bleiben!
Stehen bleiben!«
Das Blut rauschte so intensiv in seinen Ohren, dass er die Stimme
Kurushs nur dumpf vernahm.
»... zeremoniell die Aufnahme in den Stand des Krigseranwärters zur
Zufriedenheit des Meisters und des Zeugen der Zeremonie vollzogen.«
Er spürte Hände, die ihn hielten. Die Hände seines Vaters.
»Du kannst dich nun hinknien«, sagte Wulgast leise.
Wulfar blickte hoch. Er sah seinen Vater, sah Lerror und Kurush. Und zu
seinem Erstaunen sah er auch, wie sich ein breites, wenn auch grausames
Grinsen unter Ross Malhonys weißem Schnauzbart langsam ausdehnte.
Dann durfte Wulfar endlich in Ohnmacht versinken.
»Erzähl mir mehr!«, verlangte Otnand.
Wulfar seufzte. Kaum, dass er von seiner ersten sechsmonatigen Fahrt als
Krigseranwärter an Bord eines Schiffes der Atilla-Flotte, der
ROVERSTJERNER, zur STERNENZITADELLE zurückgekehrt war,
löcherte ihn sein jüngerer Bruder mit Fragen.
»Also, das war so. Wir lagen am Waldrand auf einem Hügel. Über uns
waren die Baumkronen. Eine leichte Brise bewegte die Blätter, sie
rauschten. Es roch nach Erde und Gras.«
»Wie lahm!« Otnand lachte. »Und weiter?«
»Sie lag neben mir und atmete heftig. Ich stand auf, nahm ihr Kleid und
machte mich damit im Schritt sauber
Otnand lachte schallend. »Und dann?«
»Dann hat sie mich angeschrien, dass sie nun nichts mehr anzuziehen
hätte.«
»Und was hast du geantwortet?«
»Dass das aus meiner Sicht auch nicht notwendig sei.«
Otnand klatsche mit den Händen auf seine Knie und kicherte
unenthemmt.
Wie Kalnoss in der Zentrale der Jet, als wir auf Hesophia landeten,
dachte Wulfar.
Ein Signal erklang gleichzeitig an Wulfars und Otnands Komgeräten.
»Wir sollen kommen«, sagte Wulfar zu seinem Bruder.
Sie liefen barfuß von Wulfars Zimmersuite im fünfzehnten Stock des
GRAND HOTEL hoch zum großen Saal im obersten Geschoss. Zwei
Legionäre der Familiengarde ließen sie passieren. Der Saal war leer, aber
aus dem Konferenzraum dahinter hörten sie laute Stimmen.
Die Pforte mit der Doppeltür aus dunklem Holz stand offen.
Als sie eintraten, erstarrten sie vor Schreck.
»Weil du uns in eine Position der Schwäche manövrierst!«, schrie eine
kraftvolle Frauenstimme. Ihre Mutter, Monuki.
Am Kopfende des großen, dunklen Holztisches in der Mitte des hohen
Raums stand Wulgast, ihr Vater, mit einem Kombistrahler in der Hand. Sein
Kopf war rot vor Zorn, seine Gesichtszüge verzerrt.
»Wenn ich falle, fallen wir alle!«, brüllte er. Speichelflocken flogen aus
seinem Mund.
»Leute!«, versuchte Kalnoss zu beschwichtigen, hob und senkte die
Hände, wie um die beiden zu beruhigen.
Wo ist Lerror?, dachte Wulfar.
»Wir sind nicht deine Leute!«, brüllte Wulgast enthemmt.
»Ac h, auf einmal nicht, oder wie?«, entgegnete Kalnoss in gespielter
Empörung.
Der Krigsleder des Atilla-Klans richtete den Kombistrahler auf seinen
Subkommandanten. »Komm mir nicht mit deinem Mist!«, zischte er,
Tonfall ansteigend, hinter zusammengepressten Zähnen.
Kalnoss wurde weiß im Gesicht, seine Augen weiteten sich vor
Entsetzen.
Eine ehrliche Reaktion, fand Wulfar.
»Wenn du mich tötest ...«, fing der Subkommandant an.
»Schweig, Kalnoss!« schrie Monuki. »Und wer hat die Kinder gerufen?«
In diesem Moment öffnete sich die Tür hinter Wulgast. Lerror trat ins
Konferenzzimmer.
»Das bin wohl ich gewesen«, gab der Berater zu.
»Mein Sohn ...«, fing Wulgast an.
»Dein Sohn, dein Sohn!«, schrie Monuki in hysterischem Tonfall.
»Immer nur geht es um deinen Sohn, wie er dich aussehen lässt vor den
anderen! Was ist denn mit meinem Sohn?«
Wulfar und Otnand sahen sich verwirrt an. Was meinte sie damit?
Wulgast hielt immer noch den Kombistrahler auf Kalnoss gerichtet.
»Die Situation ist klar, Krigsleder,« sagte Lerror mit ruhiger Stimme.
Der Subkommandant sah Wulgast an und hob einen Mundwinkel,
gespielt lässig. »Mal gewinnt man ein bisschen, mal verliert man ein ...«
Wulgasts Waffe unterbrach Kalnoss. Ein Thermostrahl verbrannte seinen
Kopf vollständig. Der verkohlte Schädel wurde durch die kinetische Wucht
des Strahls von den Schultern gerissen und knallte gegen die holzgetäfelte
Rückwand. Sein Körper stand noch sekundenlang da, ein einsamer
Blutschwall schoss fontänengleich aus dem Hals, bevor er umkippte.
Monuki entfuhr ein bestialischer Schrei. Sie sprang auf den Tisch,
rutschte auf Knien auf Wulgast zu und griff hinter sich. Als sie das
Tischende erreicht hatte, drehte sie sich, bekam das Bein frei und trat nach
Wulgasts Kopf.
Der Tritt kam für den Krigsleder nicht unvorbereitet, er drehte sich
routiniert zur Seite.
»Du bist ein Schwächling, Wulgast! Ich hätte mich nie mit dir einlassen
sollen!«
Monuki landete mit den Füßen auf dem Steinboden hinter dem Kopfende
des Tischs, breitbeinig, kampfbereit. Sie zog ihre Hände vom Rücken nach
vorne. Sie hielt zwei Klingen, die fast transparent waren. Wulfar konnte sie
nur sehen, weil sie im hellen Kunstlicht des Konferenzraums Spiegelungen
hervorriefen. Er umklammerte seinen Bruder, drückte sein Gesicht an seine
Schulter, damit er nicht zusehen musste.
Wulgast stand zwei Schritte von Monuki entfernt an der holzgetäfelten
Wand und wartete ab.
»Die Situation klärt sich zunehmend«, stellte Lerror fest.
Der Krigsleder feuerte einen Thermostrahl auf die rechte Hand seiner
Frau ab. Aus den verbrannten Knochen fiel die Klinge klirrend auf den
Kunststeinboden. Die kinetische Kraft warf Monuki auf den Tisch zurück,
sie landete mit dem Oberkörper voran auf der Tischplatte.
Wulgast machte einen schnellen Schritt, ergriff mit der freien Hand
Monukis verbliebene Waffenhand und drückte sie samt Klinge nach unten.
Er beugte sich über seine Partnerin. Mit dem Unterarm seiner eigenen
Waffenhand übte er Druck auf ihren Nacken aus.
Monuki konnte sich nicht befreien. Sie keuchte, ihr verletzter Arm
blutete.
»Seit Monaten geht das so«, kreischte Wulgast mit schriller Stimme.
»Wulgast, du bist verweichlicht! Wulgast, du bringst uns in Gefahr! Mein
Kind, dein Kind! Mein Kind, dein Kind!« Der Krigsleder hob die
Waffenhand, schwenkte den Kombistrahler hin- und her. »Vielleicht liegt ja
hier das Problem!«
In den Augen des Vaters sah Wulfar fiebrigen Glanz.
Otnand riss sich von seinem Bruder los.
Ein Ruck ging durch Monukis Körper, als sie sich straffte. Sie konnte den
Kopf heben und drehen, ebenso den Arm mit der verbrannten Hand.
»Was ...« begann Wulgast erstaunt.
»Bemerkenswert«, rief Lerror, sprang aus dem Stand auf den Tisch und
drückte mit seiner Hand auf Monukis Genick.
Es knackte laut. Monuki zuckte noch einmal hoch und erschlaffte dann
auf der Tischplatte.
»Soviel Kraft«, entfuhr es dem Berater.
Wulgast senkte die Waffe, drehte sich um und verließ wortlos den Raum
durch die hintere Tür, in der kurz zuvor Lerror erschienen war.
Otnand rannte durch den Saal, durch die Pforte, an den Legionären
vorbei und verschwand irgendwohin in die Tiefe des GRAND HOTEL.
Wulfar fiel auf die Knie und schluchzte.
Durch die Beine des Tischs und der Stühle hindurch konnte er sehen, wie
Monukis Knie einsanken, der Unterleib von der Tischplatte rutschte, gefolgt
vom Oberkörper, den ausgestreckten Armen und dem zwischen den
Schultern hängenden Kopf. Mit dumpfen Geräuschen kam Monukis Körper
nach und nach auf dem Steinboden zum Liegen wie die Glieder einer
zerbrochenen Puppe.
KAPITEL 5
Die Zeit konnte den Schock über den Tod der Mutter nicht heilen. Wulfar
und sein Bruder Otnand spürten diesen Schock immer noch in ihren
Knochen und ihrer Seele.
Die beiden saßen in einer offenen Schänke an der großen Ringstraße der
STERNENZITADELLE und bliesen Trübsal. Bier stand in
Kunststoffbechern vor ihnen, es waren auch nicht die ersten.
Die Brüder blickten zur Theke, wo es Nachschub gab. Sie stand unweit
vom Rand der großen Ringstraße und war von einer schmutzigen,
gestreiften Markise überdeckt.
Völlig unsinnig, dachte Wulfar und grinste. Als würde es hier jemals
regnen. Irgend ein Takhal wird sie auf irgend einem Planeten geklaut
haben.
Buntes Treiben herrschte um sie herum, ein ständiges Kommen und
Gehen von Krigsern und anderen Besatzungsmitgliedern mit ihren
Familien. Der Geruch von gebratenen Speisen und allerlei Gewürzen
umwehte sie. Die Positronik der Lüftungsanlage achtete auf das
entsprechende Ambiente, denn die Schiffsführung wusste, wie sehr das
Milieu den Takhal als Erholungsort bedeutete. Es fanden ja nicht ständig
Raubzüge auf Planeten statt und selbst die waren oftmals eher Arbeit und
weniger Vergnügen.
Wulfar sah seinen Bruder an, der mit der Hand an der Stirn den Kopf
abstützte. »Vater hat sich verändert.«
»Was hatte er zu uns gesagt?«, wollte Otnand wissen. »Das mit der Frau
und den Sternen? Kannst du dich daran erinnern? Ich bin nämlich zu
besoffen dazu.«
»Vater sagte so etwas in der Art von ... Wenn du die richtige Frau an
deiner Seite hast, wirst du die Sterne vom Himmel holen. Wenn du die
falsche Frau an deiner Seite hast, wirst du die Sterne bestenfalls sehen.«
»Er hat wohl nie daran gedacht, dass einer von uns eine Tochter sein
könnte, was?«
»Oder ein Sohn mit anderen Vorlieben.«
»Der Spruch ist ohnehin Blödsinn. War Mutter nun die richtige oder die
fa lsche Frau?«
»Ich schätze, beides. Womit wir bei dem eigentlichen Problem wären.«
»Das wäre?«
»Dass sich Menschen ändern können.«
Wulfar bemerkte eine Veränderung in den Bewegungen der Takhal um
ihn herum. Zwei Personen näherten sich, jedoch unauffällig und sehr
geschickt. Sie nutzten die anderen besetzten Tische am Rand der großen
Ringstraße als Deckung und schlichen nun zur Theke.
Unter dem Tisch trat Wulfar gegen Otnands Schienbein. Der Bruder
blickte ihn an. Wulfar nahm eine Gebäckstange aus dem Behälter in der
Tischmitte und legte sie so, dass sie mit einer Spitze zur Theke wies.
Otnand verstand, blickte sich jedoch nicht um.
»Ich finde es gut, dass du dich nicht sofort umdrehst, wenn ich dir ein
Signal gebe«, kommentierte Wulfar mit einem Grinsen.
»Ich bin zwar besoffen, aber nicht so besoffen, dass ich mich verraten
würde«, sagte Otnand. »Was siehst du, Bruder?«
Er wollte gerade antworten, als die zwei Figuren auf sie zuschlenderten.
Sie hatten schlanke, fast hagere Figuren und trugen ärmellose Tops und
kurze Röcke mit schlierigen Mustern in Erdfarben, die mehr offenbarten als
sie verbargen. Athletische Beine, sehnige Arme, knochige Schultern. Ein
schwindelerregender Tattoomix. Überhaupt, erregend. Lange Hälse mit
Gesichtern, die noch weich waren und von einem Ohr zum anderen
grinsten. Die Haare waren spektakulär nach allen Seiten frisiert und
schillerten bunt. Sie hielten sich an der Hand, die größere der beiden zog
die andere mit sich. Schon standen sie an Wulfars und Otnands Tisch.
Zwei Mädchen!
Wulfar blickte erstaunt auf. Otnand hob den Kopf, sah die beiden mit
offenem Mund an.
»Was blast ihr hier Trübsal, ihr beiden?« rief die größere mit schriller
Stimme.
Wulfars Wahrnehmung fokussierte mit einem Schlag auf die Frau, auf ihr
Gesicht, auf ihren Mund. Die Welt um ihn herum verblasste. Sie existierte
nicht mehr, hatte keine Bedeutung. Er sah, wie sich ihr Mund bewegte. Es
war das Schönste, das er in seinem Leben bislang beobachten durfte. Er
hörte nicht mal, was sie sagte, denn in seinen Ohren schien Watte zu sein.
Er war verzaubert worden!
Ein Schlag auf die Hand rief ihn in die Wirklichkeit zurück. »Wulfar!«,
zischte sein Bruder.
»Ihr seid langweilig«, blökte nun die kleinere der beiden mit erstaunlich
tiefer, rauchiger Stimme.
Wie eine Bardame, fand Wulfar. Ein Blick zu Otnand zeigte ihm, dass
nun der Bruder an der Reihe war, verzaubert zu sein.
Die Größere stieß Wulfars Becher mit Bier um, die Kleinere tat bei
Otnand dasselbe. Dann rannten sie lachend davon, Hand in Hand.
Schäumend lief das Bier über die kreisförmige Tischplatte, suchte und fand
die Hosenbeine der beiden jungen Männer.
Wulfar und Otnand sprangen von ihren Stühlen auf, stolperten, fielen um,
rissen Takhal von benachbarten Tischen mit sich, wälzten sich auf dem
Boden, rappelten sich auf, drückten andere Takhal von sich, die sie schlagen
wollten, und sprangen an den Tischen und Stühlen der Schänke vorbei auf
die offene, große Ringstraße. Sie stießen Passanten von sich, blickten nach
links, rechts ...
Sie sind verschwunden! Wulfar fühlte unendlichen, schmerzhaften
Verlust.
»Wo sind sie hin?«, rief Otnand.
»Ich habe keine Ahnung, sie waren zu schnell!«
»Du bist schuld, wenn ich einsam sterbe«, lallte sein Bruder.
»Hey, du bist ja ganz schön blau!«
Otnand kicherte, schlug die Hände auf die Oberschenkel und torkelte ein
paar Schritte.
»Aber nicht blau genug!«
Wulfar blickte sich um. Hinter ihnen hatte sich ein Mob der
Angerempelten gebildet. Fäuste wurden in Richtung der beiden jungen
Männer geschüttelt.
»Wir sollten woanders weitertrinken.« Wulfar packte seinen Bruder an
der Schulter und lief los. Otnand stolperte mehr schlecht als recht hinterher.
Bald hatten sie den Mob abgehängt. Lachend liefen sie ein ganzes Stück die
Ringstraße entlang, bevor sie sich in die nächste Schänke in tiefliegende
Plastiksessel fallen ließen. Unte r ihren Füßen knirschte künstlicher Sand,
schwebende Lautsprecher verbreiteten die hörbare Illusion von
Meeresrauschen.
»Ooober! Biiier!« riefen die Brüder gleichzeitig.
»Ich ko-mm-ee«, knarzte eine mechanische Stimme.
Otnand blickte in die funzelige kleine Kunstsonne über ihnen und fiel aus
dem Sessel in den Sand.
Die bereits dritte sechsmonatige Fahrt Wulfars als Krigseranwärter an Bord
der ROVERSTJERNER stand kurz bevor, als Lerror ihn zu einer
Unterredung zwang.
Zwei Gardisten hatten ihn höchst betrunken aus einer illegalen Kneipe in
den unteren Decks der STERNENZITADELLE abgeführt. Ihn! Den Sohn
Wulgasts, des Krigsleders!
Mit dem Berater seines Vaters hatte er seit dem Tod der Mutter nicht
mehr gesprochen. Otnand und er hatten einen Pakt geschlossen. Sie würden
Lerror ignorieren, da er es gewesen war, der die Mutter getötet hatte.
Zudem hatte ihn Taka Raym davonkommen lassen, ohne Urteil, ohne
Strafe.
Doch auch mit dem Vater hatte Wulfar seitdem nur wenig gesprochen.
Denn er musste seinen Pflichten als Krigseranwärter nachkommen, und das
zog längere Abwesenheit mit sich. Sein Bruder Otnand war nun ebenfalls
Krigseranwärter, für ihn galt dasselbe. Zumindest hatte Otnand während
seiner Schmerzentfaltung nicht mit Hogun zu tun gehabt. Aber das Problem
Hogun bestand weiterhin.
Die Legionäre brachten ihn in einen Raum im achten Stockwerk des
GRAND HOTEL.
Zumindest nicht in den großen Saal oder den Konferenzraum dahinter,
dachte Wulfar.
Mehrere Sessel waren in einer lockeren Runde angeordnet. Lerror saß in
einem davon. Auf einem Beistelltisch stand eine Karaffe mit einer klaren
Flüssigkeit sowie ein volles Glas.
»Trink erstmal etwas«, sagte Lerror beiläufig.
Wulfar packte das Glas, trank es aus, stellte es wieder ab, ging zum
Sessel, der am weitesten von Lerror entfernt war, und ließ sich hineinfallen.
Das Getränk arbeitete bereits in seinem Kreislauf. Wulfar bemerkte, wie
die Wirkung des Alkohols nachließ und er wieder nüchtern wurde.
»Hör mir jetzt einfach zu, Wulfar. Wir müssen die Situation klären, weil
sonst diese Familie komplett auseinanderfällt.«
»Ist sie das nicht längst schon?«
»Wir haben das Mitleid nach dem Tod deiner Mutter nun ausgeschöpft.
Die Familie Wulgasts muss wieder geschlossen auftreten, sonst ist die
Position deines Vaters als Krigsleder in Gefahr. Das war nämlich von
vornherein die Absicht bestimmter Akteure.«
»Ach, und darum hast du meine Mutter umgebracht?«
»Die Situation konnte nicht anders geklärt werden, denn sonst hätte dein
Vater Monuki getötet. Das musste unter allen Umständen vermieden
werden. Monuki hat ... hatte mächtige Verbündete auf der
STERNENZITADELLE. Kalnoss bedrohte Wulgast, und Wulgast hat das
geklärt, das akzeptiert jeder. Monukis Tod konnten wir als Unfall
darstellen.«
»Das versöhnt mich nicht!«
»Das ist mir klar
Wulfar blickte verblüfft.
»Lass mich erklären. Taka Raym hat selbstverständlich interveniert. Die
Kommission, die er eingesetzt hat, arbeitete jedoch im Geheimen , um dich
und deinen Bruder nicht zu belasten. Die Kommission war
klanübergreifend. Du und dein Bruder hatten einen mächtigen Fürsprecher
in dieser Hinsicht.«
»Was? Wen?«
»General Ross Malhony, Krigsleder des Katron-Klans.«
Wulfar war erstaunt. Noch erstaunter war er darüber, dass Lerror zu
lächeln schien. Eine emotionale Regung? Bei dem eiskalten Berater?
»Die Kommission befand, dass Kalnoss den Konflikt suchte und den
rechtmäßigen Tod fand, indem er Wulgast herausforderte. Monuki geriet
zwischen die Fronten und wurde versehentlich getötet. Durch mich.
Krigsleder Wulfar wurde daher kein Vorwurf gemacht. Taka Raym hat
diesen Befund bestätigt. Das Urteil bestand ferner darin, dass ich bei der
Familie zu bleiben habe. Der Grund wurde nicht offen diskutiert.«
»Aber?«
»Ich bin froh, dass du über das Ereignis hinausdenkst.«
Das Ereignis, dachte Wulfar bitter. »Sag es mir!«
Lerror faltete die Hände in den Schoß. »So bleibt das bestehende
Machtgefüge erhalten. Wulgasts Ablösung wurde durchaus gefordert. Wir
wissen, das hätte seinen Tod, deinen Tod und den deines Bruders bedeutet.
Ich wäre abberufen und einem anderen Krigsleder zugeteilt worden. Kurush
und Taka Raym fanden, dass damit der Klan insgesamt geschwächt würde.«
»Was dich ehrt«, kommentierte Wulfar.
»Das ist richtig, entspricht jedoch auch den Tatsachen. So erhält auch
kein anderer Klan Zugriff auf unsere Daten und meine Kapazitäten.
Faktisch sind wir geschwächt, denn Kalnoss war der Subkommandant und
spielte somit eine wichtige Rolle, die nun vakant ist. Darüber hinaus
verspricht sich Taka Raym durch seine Haltung die Loyalität der Familie.«
»Die er stets hatte und weiterhin haben wird.«
»So ist es.«
»Was noch?«
Lerrors Kopf ruckte leicht zur Seite. Eine Tür an der Rückwand des
Raums öffnete sich. Sein Vater trat in vollem Ornat hindurch. In beiden
Händen hielt er etwas, das Wulfar nicht sehen konnte.
»Krigseranwärter Wulfar!«, rief Wulgast.
Wulfar stand auf und nahm Haltung an. Lerror erhob sich ebenfalls.
»Wulfar meldet sich, Wulgast, Krigsleder des Atilla-Klans!«
»Lerror, Berater der Familie?«, fragte Wulgast.
»Krigsleder, ich diene als Zeuge.«
»Wulfar, du bist ab sofort Krigser. Ich gratuliere«, sagte der Vater und
heftete dem Sohn das Abzeichen auf den Brustteil der braunen Weste.
»Krigsleder, ich ...«, fing Wulfar an.
»Sei still!«, donnerte sein Vater.
Mit der anderen Hand schlug er Wulfar ein weiteres Abzeichen auf die
andere Brustseite.
»Wulfar, Krigser des Klan Atilla, du bist ab sofort Subkommandant der
Legion der Familie!«
Der Sohn wusste nicht, was er sagen sollte. Er stand mit offenem Mund
da, blickte den Vater und den Berater an und schloss den Mund wieder.
Sein Hals fühlte sich trocken an.
Der Vater sprach weiter. »Wir müssen uns jetzt alle auf unsere Aufgaben
konzentrieren. Du, Wulfar, wirst auf die ROVERSTJERNER zurückkehren.
Otnand hat ebenfalls eine Aufgabe zu erfüllen. Es ist von jetzt an wichtig«,
sagte er mit einem Seitenblick zu Lerror, »dass du und ich nicht zu lange
am selben Ort verweilen. Hast du das verstanden?«
»Verstanden«, antwortete er knapp.
»Und noch etwas.«
»Ja?«
Nun sprach Lerror. »Traue Ross Malhony nicht über den Weg.«
Jetzt hätte er einen guten Schluck gebrauchen können.
War die STERNENZITADELLE bislang eine Baustelle gewesen oder
zumindest als solche deklariert worden, womöglich, um andere Klans im
Unklaren über den Zustand der Raumfestung zu lassen war sie nach der
Rückkehr Wulfars von seiner Fahrt mit der ROVERSTJERNER definitiv
voll einsatzfähig.
Die Ankündigung, dass Kurush an Bord kommen würde, hatte sie alle
auf dem 300 Meter langen und 60 Meter breiten Adlerschiff des Typs Vesus
wachgerüttelt. Die 500 Meter breiten Adlerschwingen schwebten in
perfekter waagrechter Position und identischem Abstand zum Rahmen des
Hangartors, als Wulfar das Schiff in seinen Heimathafen steuerte und dort
landete. Der nun vollwertige Krigser war außerdem zu einem der Zweiten
Piloten der ROVERSTJERNER ernannt worden.
Fast alle 2000 Mitglieder der Besatzung strömten über die Hauptrampe in
den Hangar und von dort in die inneren Bereiche der
STERNENZITADELLE. Darunter waren auch die Besatzungen der
Beiboote. Nur die Kommandoebene sowie die Schiffsgarde blieben an
Bord.
Zwei Gardisten flankierten die Rampe, als Kurush in Begleitung zweier
Stabsmitglieder des Taka Raym sowie zwei Legionären den Hangar betrat
und auf die ROVERSTJERNER zuging. Vor der Rampe empfing sie ein
Offizier des Schiffs und führte die Besucher ins Innere.
Die Kommandantin, der Erste Offizier, die Funkerin, der Erste Pilot und
Wulfar beobachteten die Szene in der Übertragung der Unterrumpfkameras.
Wenig später wurden die Besucher am Zentraleschott angemeldet.
Czania Letorom, die Kommandantin der ROVERSTJERNER, eine
vierschrötige Pariczanerin, lud sie ein, die Zentrale zu betreten.
Nur Kurush und die beiden Stabsmitglieder traten ein, die Legionäre
blieben vor der Zentraleschleuse.
Letorom wies mit einer breiten Hand zum Besprechungsraum, der an die
Zentrale anschloss. Sie ging mit kräftigen Schritten voran, die den
Zentraleboden zum Dröhnen brachten. Kurush und seine Begleiter folgten,
dahinter schloss sich der Erste Offizier an.
»Zweiter Pilot?«, rief die Kommandantin mit harter, tiefer Stimme und
drehte den massigen Kopf zur Seite. Sie besaß ein erstaunlich elegantes und
damenhaftes Profil, mit spitzer Nase unter einer glatten Stirnpartie und
vollen, geschwungenen Lippen über einem ebenfalls spitzen Kinn.
»Kommandantin?«, fragte Wulfar.
»Du bist Schiffszeuge. Mitkommen!«
Wulfar empfand dieses Treffen als eines der seltsamsten, an denen der
jemals teilgenommen hatte.
Sie saßen in bequemen Sesseln um den Tisch der Kommandantin.
Langweilig ist es nicht, dachte er. Gut so!
Der Zyklop berichtete über die Pläne des Taka Raym.
»Es geht darum, einen Klan zu destabilisieren. Den Topthor-Klan haben
wir vor einigen Jahren im offenen Kampf zerschlagen. Das müssen wir nun
anders handhaben, da sich die Zeiten geändert haben. Der Stab«, Kurush
blickte dabei abwechselnd zu den Takhal, die neben ihm saßen, »hat einen
Plan entwickelt, wie wir eine diskrete Destabilisierung vornehmen
können.«
»Um welchen Klan geht es?«, fragte die Kommandantin.
»Dabrifa.«
»Oh!«, entfuhr es dem Ersten Offizier der ROVERSTJERNER, einem
knochigen, bronzehäutigen Terraner namens Ronan Tevris.
»Was willst du damit andeuten?«, fragte Kurush streng.
Letorom und Tevris wechselten einen kurzen Blick. Sie nickte ihm zu.
»Wir haben an Bord einige ehemalige Dabrifa-Klanmitglieder«, sagte er.
»Das ist genau der Punkt. Dieser Umstand gilt nämlich auch für die
STERNENZITADELLE. Der Stab hat das in seiner Planung berücksichtigt.
Die diskrete Destabilisierung soll dafür sorgen, dass wir nicht als
Aggressoren auftreten, aber dennoch bewirken, dass die Reichweite des
Klans Dabrifa eingeschränkt wird.« Kurush lehnte sich in seinem Sessel
zurück.
»Kommandantin?«, fragte Wulfar.
»Schiffszeuge?«
»Darf ich eine Frage stellen?«
»Protokollarisch nicht«, antwortete Tevris. Wieder ein Blick zur
Kommandantin, wieder nickte diese. »Aber es gibt die Möglichkeit, dass
der Schiffszeuge im Vorfeld eine wichtige Frage an den Ersten Offizier
gerichtet hat, die dieser in der Runde nun ausspricht.«
Tevris machte eine Kunstpause. Wulfar sah ihn an.
»Es kann in der Folge durchaus erlaubt sein, wenn man den Ersten
Offizier an die Fragestellung erinnert«, ergänzte Tevris und zwinkerte.
»Das unterstützen wir«, reagierte Kurush schnell.
Wulfar räusperte sich. »Es geht doch nur vordergründig um den Klan
Dabrifa. Mir kommt diese diskrete Destabilisierung wie eine Vorbereitung
auf eine größere Kampagne vor. Wer oder was ist das eigentliche Ziel?«
Letoroms Mundwinkel zuckte. Kurush blieb regungslos. Sein
Zyklopenauge strahlte mechanisch.
Einer der Stabsmitglieder warf einen Datenkristall auf den Tisch. »Wir
können mit offenen Karten spielen, da der Schiffszeuge das Spiel
durchschaut hat.«
Kurush nickte. »So ist es. Das spricht für ihre Mannschaft,
Kommandantin Letorom.«
»Schmeichelei gewinnt uns keine Kampagnen, sondern Wissen«,
konterte die Kommandantin.
Der Zyklop richtete sich gerade im Sessel auf.
»Wir wollen das Königreich Harrisch«, platzte es aus ihm heraus.
»Was hat Harrisch mit den Dabrifa zu tun?«
Der zweite Stabsoffizier neben Kurush nahm eine Schaltung vor, der
Datenkristall auf dem Tisch warf ein Holobild. Es zeigte, wie ein
zylinderförmiger Körper mit konischer Spitze im Weltraum in einer
Explosion verging.
»Erinnern wir uns. Was sehen wir hier?«
Alle blickten auf Wulfar. Er nahm das als Aufforderung wahr. »Das ist
die Sternenburg des Topthor-Klans. Krigsleder Wulgast hat sie infiltriert
und zerstört.«
Mein Vater, dachte er, sagte es aber nicht laut.
»Und was ist das hier?«
Die Aufnahme zeigte scheinbar denselben zylinderförmigen Körper mit
konischer Spitze, diesmal jedoch über einem Planeten, dessen Oberfläche
grau, blau und grün meliert war.
»Wieder die Sternenburg der Topthors?«
»Nein. Der Dabrifa-Klan hat nun ebenfalls eine Sternenburg. Der
Bauplan ist der gleiche wie bei den Topthors. Die übrigens bei dem Bau
Hilfe geleistet haben. Und sie steht über Harrisch. Nur dürfen wir sie
diesmal nicht in die Luft sprengen.«
Nun waren Wulfar, der Erste Offizier und die Kommandantin doch
verblüfft.
Im Zuge der üblichen Fluktuation unter den Besatzungsmitgliedern der
ROVERSTJERNER kamen neue Takhal an Bord. Wulfar wusste, dass
darunter wieder ehemalige Angehörige des Dabrifa-Klans sein würden.
Über die genauen Personalien war er als Zweiter Pilot nicht informiert.
Zwei Neue waren ihm jedoch bereits genannt worden. Am Fußpunkt der
Rampe zur Hauptschleuse erwartete er sie.
Otnand und Fastrad schlenderten auf ihn zu, ihre schweren Rucksäcke
umgeschnallt und ihre Mannschaftstaschen über die Schultern gezurrt. Als
sie Wulfar sahen, warfen sie die Taschen ab, liefen auf ihn zu und
umarmten ihn.
»Wir haben es schon gehört«, sagte Otnand, »du bist wieder strafversetzt
worden!«
»Zu den Raumaufklärern!«, rief Fastrad, der mit seinen Arm Wulfars
Schulter fest umklammerte.
»Wer ist hier versetzt worden?«, fragte Wulfar belustigt. »Ich bin
immerhin noch auf dem selben Schiff!«
»Doch eher vor dem Schiff«, konterte Fastrad und boxte seinem Freund
mit dem freien Arm in den Bauch. »Lange nicht gesehen, Wulfar!«
»Lange nicht gesehen, Fastrad.«
»Fastrad wird nur eine Fahrt mitmachen, dann muss er zu Kurush
zurück«, ergänzte Otnand.
»Zu Kurush? Schon wieder?« Wulfar streckte die Zunge heraus.
»He, das ist eine gute Stelle!«, reagierte Fastrad empört und zog die Stirn
in Falten.
»Das weiß ich doch«, antwortete Wulfar versöhnlich.
»Was weißt du sonst noch?«, wollte Otnand wissen.
»Nun, dass ...«, setzte Wulfar an.
Doch sein Bruder unterbrach ihn. »Stopp. Das hier«, sagte er und zog
einen Datenkristall aus der Brusttasche, »soll ich dir von unserem Vater
geben. Es ist wichtig.«
KAPITEL 6
Wulfar schlenderte die Korridore des Schiffs entlang und ließ sich seine
Anspannung nicht anmerken. Besatzungsmitglieder kamen ihm entgegen,
grüßten, gingen vorbei. In seiner Kabine stöpselte er sich in den
Datenkristall ein und hörte eine Stimme.
Es war sein Vater.
»Vertraue Czania Letorom. Sie hat unter mir im Mesophischen Krieg
gedient. Aber – vertraue nur ihr!«
Kurz bevor Otnand und Fastrad zur Besatzung der ROVERSTJERNER
stießen, rief die Kommandantin Wulfar in ihren Besprechungsraum hinter
der Zentrale.
Das Schott zischte zur Seite. Wulfar trat ein. Die Beleuchtung war
gedämpft. Der Holoschirm an der Stirnseite verblasste gerade.
Mit wem wird sie gerade kommuniziert haben?
Czania Letorom stand neben dem Holoschirm und rückte
gedankenverloren den Schieber am Reißverschluss ihrer Kombination
zurecht. Wulfars Augen folgten der Bewegung und sahen schließlich den
entspannten Gesichtsausdruck der Pariczanerin.
»Zweiter Pilot?«, fragte sie mit gespitzten Lippen.
Eine Frau mit zwei Metern Körpergröße und einer Schulterbreite von
1,50 Metern bei 500 Kilogramm Körpergewicht schüchterte selbst Wulfar
ein.
»Kommandantin?« fragte er.
»Ich ordne hiermit an, dass du von deinem Posten als zweiter Pilot
abkommandiert wirst, um als Aufklärerpilot der Ersten Aufklärerflottille
der ROVERSTJERNER zu dienen.«
Wulfar versteifte sich, seine Mine versteinerte.
»Das ist keine Degradierung«, sagte sie und warf ihre Pranke in
gespielter Dramatik in die Luft. »Es erscheint dir vielleicht so. Aber ich
brauche dich dort. Wegen der Harrisch-Kampagne.«
Wulfars Blick verf insterte sich. »Es fällt mir schwer, mich damit
anzufreunden, aber wenn du es mir befiehlst, Kommandantin ...«
»Ich befehle es und will, dass du begreifst, dass es in dieser Phase der
Vorbereitung der Kampagne das Richtige ist. Mit dieser Aussage komme
ich dir bereits sehr entgegen. Mehr Information bekommst du unmittelbar
vor der Kampagne. Protokoll?«
Eine mechanische Stimme meldete sich. »Kommandantin?«
»Für das Protokoll: Krigser Wulfar wird vom Posten des Zweiten Piloten
der ROVERSTJERNER abgezogen und abkommandiert zur ersten
Aufklärerflottille, wo er als Aufklärerpilot dienen wird. Gezeichnet, Czania
Letorom, Kommandantin, ROVERSTJERNER, Atilla-Klan.«
»Protokolliert!«
Wulfar drehte sich um und verließ den Besprechungsraum.
Der Postenwechsel bedeutete für Wulfar auch einen Kabinenwechsel. Also
nahm er seine Sachen, packte sie in seine Raumtasche und seinen
Raumrucksack und stieg in den Mannschaftsbereich für das Hangar- und
Technikpersonal hinab. Es gab zwar Räume für die Mannschaften der
Flottille, jedoch hatte sein Vorgänger kurz nach seiner Entlassung seine
Kabine komplett mit einem Thermostrahler neu dekoriert. Sie war nun
unbewohnbar und musste renoviert werden.
Da jedoch Fastrad bei den Tech nikern war und ein Zweierzimmer
bezogen hatte, war der Entschluss schnell gefasst, bei dem Freund
einzuziehen.
Die Entscheidung der Kommandantin verwirrte Wulfar. Zwar blieb er
Pilot. Das war, was er besser konnte als jeder andere, was er tun wollte, und
damit war die Welt grundsätzlich für ihn in Ordnung. Es war dennoch in der
Rangordnung abgestiegen war, was Probleme mit sich brachte. Er musste
wieder aufsteigen, was wiederum Reibung verursachte, die ihm andere
Besatzungsmitglieder übel nehmen würden. Auch von daher war es gut,
Fastrad in seiner Nähe zu haben. Sein Bruder Otnand war bei einer
Kompanie der Landetruppen und damit ebenfalls nicht weit entfernt.
Was die Botschaft seines Vaters anging ... er begriff, dass der Alte
zuallererst seine eigenen Pläne verfolgte.
Wulfar konnte nicht schlafen. Er ging zum Hangar, in dem die Beiboote
der Aufklärungsflottille standen. Schotte öffneten sich, er passierte die
Personenschleuse und betrat den Hangarraum. Die dritte Schicht würde
Dienst haben. Da keine Einsätze unmittelbar bevorstanden, würde sie mit
Instandsetzung und Wartung beschäftigt sein.
Wulfars Aufgabe bestand darin, entweder eine Space-Jet vom Typ Wespe
zu fliegen, oder einen der Raumjäger, die mit Geräten für Fern- und
Nahaufklärung ausgestattet waren. Er mochte beide Raumschiffstypen,
wenn auch das Fluggefühl grundsätzlich anders war. Eine Space-Jet ließ
interessante Manöver im Ein- und Austrittsbereich zwischen Einstein- und
Linearraum zu. Schleichfahrten im Orbit um Riesensterne, solche Dinge.
Ein Raumjäger war etwas Ruppiges, Brutales, als ob man ein mechanisches
Tier reiten würde. Man war der tödlichen Umwelt des Kosmos beinahe
unmittelbar ausgesetzt. Eine Jet bot Möglichkeiten. Ein Jäger schränkte sie
ein. Mit beidem kam er zurecht.
Wulfar stand unterhalb einer Space-Jet und sah sich die Kriegsbemalung
auf der Außenhülle an. Zahnbewehrte Mäuler grienten ihn an.
»He!«, krächzte jemand. »Das ist mein Hangar!«
Wulfar drehte sich überrascht um. Er sah zuerst den massigen
Schraubenschlüssel, der auf ihn gerichtet war. Er war im Griff einer Person,
die schnell auf ihn zuschritt. Sie schlug mit der Breitseite des Werkzeugs
gegen Wulfars Brust. Er stieß prustend die Luft aus seinen Lungen,
stolperte und fiel auf seinen Hintern.
Überrascht blickte er die Person an.
Deren Blick war zornerfüllt. Sie hatte eine schlanke, fast hagere Figur.
Sie hatte den Oberteil des Overalls herabgezogen und die Ärmel knapp
unter dem Bauchnabel verknotet. Ein ärmelloses Top mit schlierigen
Ölflecken offenbarte mehr der kuppelförmigen Brüste, als es verbarg. Die
Arme waren sehnig, die Schultern knochig. Die sichtbare Haut zierte ein
schwindelerregender Tattoomix: Schädel- und Beinknochen, Herzen und
Messer, Blumen und Blaster. Ein langer Hals trug ein Gesicht, das sich trotz
kantiger Wangenknochen etwas Weiches bewahrt hatte. Die Haare waren
unregelmässig kurz geschnitten, standen nach allen Seiten stachelig ab und
schillerten in allen Farben, mit einer Art Tolle über der Stirn.
»Was machst du hier?«, rief sie schrill und fuchtelte mit dem
Schraubenschlüssel vor Wulfars Nase herum.
Wulfar erkannte sie. Diese Frau! Gleichzeitig spürte er seine Erregung.
Was für eine Frau!
Er musste grinsen. »Wer will das wissen?«
»Ich stelle hier die Fragen!«, sagte sie. »Ich bin schließlich die
Hangarmeisterin!«
»Na, dann freue ich mich auf unsere Zusammenarbeit, Hangarmeisterin.
Ich bin der ehemalige Zweite Pilot Wulfar, abkommandiert zur
Aufklärerflottille. Ich sehe mir gerade meinen neuen Arbeitsplatz an.«
»Dann gewöhne dich daran, dass du dich bei mir an- und abzumelden
hast, Wulfar«, keifte sie, drehte sich um und schritt mit ihren langen Beinen
davon.
»Es wäre gut zu wissen, bei wem genau ich mich anzumelden habe«, rief
ihr Wulfar hinterher.
»Hangarmeisterin Quirina!«
»Gehst du mit mir was trinken, Hangarmeisterin Quirina?«
»Nur, wenn du nicht wieder dein Bier verschüttest!«
Da wußte er, es war sie. Das Mädchen von der großen Ringstraße.
Sie ist erwachsen geworden. Wulfar leckte sich die Lippen.
Quirina ging Wulfar aus dem Weg. Sie blieb frostig, wenn es
unausweichlich war zu kommunizieren. Wulfar meldete sich über das
Hangarsystem an, Quirina nahm es zur Kenntnis, er schleuste mit einer Jet
oder einem Raumjäger aus, flog seine Einsätze, kehrte zurück, schleuste ein
und meldete sich ab. Quirina verstand es meisterlich, Abstand zwischen ihn
und sich zu wahren.
Eines Abends gingen Wulfar und Fastrad in eine der vier kleinen
Hangarkneipen, jede für einen Haupthangar der ROVERSTJERNER. Es
waren Abstellkammern, die man zweckentfremdet hatte. Jede Mannschaft
brauchte solche Bereiche, um abzuschalten, sich abzureagieren,
Kameradschaft zu schließen und vielleicht sogar Liebschaften zu knüpfen.
Wenn es sich ergab unter dem Jubel der Anwesenden. Manchmal tauchten
sogar Mitglieder der Kommandoebene auf.
»Hey«, stieß Fastrad ihn an der Bar an. »Ist das nicht die
Hangarmeisterin, dieses Biest?«
Aus allerlei Drogenschüsseln stieg Rauch hervor, trübte den Blick und
juckte in den Augen. Dennoch erkannte Wulfar Quirina sofort, als er sich
umdrehte. Sie spielte mit zwei Männern und zwei Frauen der
Hangarmannschaft Karten. Der Geräuschpegel war wie bei einem
Alarmstart eines Raumjägers hoch. Alle waren bester Laune.
Wulfar bedeutete Fastrad, an der Bar zu bleiben. Er nahm zwei Bier in
Plastikbechern und ging zum Kartentisch.
Quirinas vier Mitspieler kuckten etwas verschüchtert hoch, als sie Wulfar
sahen. Quirina reagierte überhaupt nicht.
Sie ignoriert mich, dachte Wulfar belustigt.
Kaum, dass Quirina ihre Karten auf den Tisch gelegt hatte, stellte Wulfar
eines der zwei Bierbecher darauf ab.
Mit einem Mal wurde es still, Rauchschwaden zitterten nervös zur Decke
hoch.
Wulfar hielt ihr den zweiten Becher vor die spitze Nase.
»Vielleicht trinkst du jetzt mit mir?«
Quirina lehnte sich im Stuhl zurück. Wieder trug sie einen Overall, das
Oberteil herabgezogen, die Ärmel um die schlanke Taille verknotet, das
dünne Top wie eine zweite Haut. Sie zog langsam ihre Arme hoch,
verschränkte sie geschmeidig hinter dem Kopf und stierte den Piloten mit
ihren hellen Augen an.
Sofort stieg ihr Aroma Wulfar in die Nase. Sein Atem stockte, er
verkrampfte sich für einen Moment innerlich. Ihr Anblick zog wie ein Blitz
durch sein Innerstes, als würde ein helles Licht durch seine Nervenbahnen
strömen und jede andere Empfindung auslöschen. Der Bruchteil einer
Sekunde schien endlos, dann hatte er sich wieder gefasst.
Quirina wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als Wulfar mit der
freien Hand den Bierbecher umstieß. Schäumend ergoss sich das Bier über
Quirinas Oberkörper und ihren Schoß. Durch das nasse Top konnte Wulfar
einen guten Eindruck von ihrem Körper erhalten.
Wieder stockte ihm der Atem. Sie ist ...
Er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, denn Quirina explodierte
förmlich, sprang aus dem Sitz hoch, rammte ihm eine Faust unter sein Kinn
und die andere in den Magen.
Ächzend stieß er die Luft aus, kippte um und musste vor Verblüffung
schallend lachen.
Er merkte noch, dass Fastrad ihn an seinen Schultern packte und aus der
Bar zog, als die Schlägerei ausbrach. Den gesamten Weg zurück zur Kabine
konnte er nicht aufhören zu lachen.
© Jürgen Rudig
Quirina ließ ihre Tattoos im Dämmerlicht der Kabine spielen. Sie wußte,
dass es Wulfar gefiel, ebenso wie ihr Geruch und alles weitere. Ihr gefiel
Wulfar ja auch. Davon abgesehen wusste sie, wer er war. Der Sohn des
Krigsleders.
Das wäre für sie unter normalen Umständen des Bordlebens ein
Alarmsignal gewesen, nicht nur ihrer Herkunft wegen. Doch sie wollte
seine Nähe spüren, zumindest hier, in der Kabine.
Bei der Arbeit konnten sie problemlos ihre Feindschaft pflegen. Sie
beleidigten sich gegenseitig, bewarfen sich mit Werkzeug oder
Ausrüstungsgegenständen und stritten sich. Dem Dienst stand dies nicht im
Weg, aber es erheiterte die Mannschaft und sorgte für eine vor sich
hinköchelnde Gerüchteküche. Und das war eine gute Ablenkung dafür, wie
sie wirklich zueinander standen.
Quirina zog mit dem Finger die Linien des Redhorse-Tattoos auf Wulfars
Haut nach. Der Takhal rekelte sich.
»Glaubst du eigentlich an den Kosmotarchax?«, fragte sie.
»Hm.«
»Das ist keine Antwort!«
»Ich bin mir nicht sicher, ob glauben das richtige Wort ist.«
»Was ist denn das richtige Wort? Es gibt ja den Kosmotarchax nicht, wir
denken nur ständig daran, dass er irgendwann eintritt.«
»Das meine ich nicht«, sagte er und legte sich auf die Seite, das Gesicht
im Schatten.
»Hey, dreh dich nicht weg!«, rief sie und kniff ihn in den Hintern.
»Aua«, sagte er und lachte.
»Ich meine es ernst.« Sie packte ihn an der Schulter und drehte ihn
wieder um.
»Weisst du, was auf Hesophia passiert ist?«
»Der temporale Tsunami hat den Planeten zerstört.«
»Wir, mein Vater und ich, wir waren dort.«
»Was?« fragte Quirina erstaunt.
»Wir haben den temporalen Tsunami erlebt. Der Teil Hesophias, auf dem
wir standen, blieb einige Zeit stabil. Wir haben dabei jemanden gesehen,
vielmehr, mein Vater hat jemanden gesehen.«
»Wen?«
»Er glaubt, dass es Rhodan war
»Ach!«, stieß sie aus und warf sich rittlings auf Wulfar. Sie packte seine
Handgelenke, drückte sie hinter seinen Kopf und hielt sie dort fest.
Soll er sich doch wehren, dachte sie.
»Er glaubt, dass es Rhodan war! Dass Rhodan den temporalen Tsunami
ausgelöst hat. Und er hat eine Armee aus mutierten Menschen, die wahre
Bestien sind. Wenn das die Armee ist, gegen die wir Takhal am Ende des
Universums kämpfen sollen, um unsere Welt zu retten, dann sieht es böse
aus!«
»Hm«, sagte Quirina.
»Wie sollen wir das Universum neu erschaffen, wenn Rhodan unser
Gegner ist?«
»Vielleicht war es ja nur ein Missverständnis«, meinte Quirina.
Wulfar blickte einen Moment lang überrascht. »Vielleicht.«
»Bis wir den Kosmotarchax erleben, vergeht hoffentlich noch etwas
Zeit«, sagte sie und lockerte ihren Griff.
»Vielleicht ist es ja die Kosmotarchax?«
»Pfff!«
Er nutzte den Moment und ergriff ihre Brüste, zog die Hände dann
langsam ihre Flanken entlang und legte sie auf ihren Hüften ab.
Sie beugte ihren Kopf vor, küsste ihn und schob ihm ihre Zunge tief in
den Mund. Dann löste sie sich, sprang vom Bett, nahm sein Hemd und
trocknete damit ihren Schritt.
»Hey!« rief Wulfar verblüfft. »Das wollte ich nachher zur Arbeit
anziehen!«
»Dann arbeitest du eben nackt, Krigser«, sagte sie und lachte.
Wulfars mittlerweile fünfzehnte sechsmonatige Fahrt mit der
ROVERSTJERNER ging zu Ende. Fastrad würde das Schiff wieder
verlassen und in den Dienst Kurushs zurückkehren. Der Freund hatte bereits
seine Sachen gepackt. Otnand und Wulfar wollten ihn gemeinsam
verabschieden, als das allgemeine Mannschaftssignal ertönte.
»Was ist nun schon wieder? Kaum, dass wir in der
STERNENZITADELLE angekommen sind ...«, nölte Otnand.
»Dies ist eine Mannschaftsmeldung«, tönte die akustische Wiedergabe.
»Alle Mannschaften haben sich in Bereitschaft zu halten. Die
ROVERSTJERNER hat den Befehl zur Mobilisierung erhalten. Es spricht
nun die Kommandantin.«
Die drei Männer blickten sich an. Sie waren gefasst. Jeder musste, jeder
sollte immer mit einer Mobilisierung rechnen. So waren die Takhal.
Das Signal Czania Letoroms erklang.
»Hier spricht die Kommandantin. Soeben habe ich von Taka Raym und
Krigsleder Wulgast den Befehl erhalten, die Kampagne gegen das
Königreich Harrisch anzuführen. Die Mannschaftsrotation nach Landung
findet nicht statt, wir starten umgehend. Folgende Mannschaftsmitglieder
haben sich unverzüglich am Zentraleschott zu melden ...«
Sie nannte einige Namen, alles Takhal, die sie kannten. Wulfars Name
wurde ebenfalls genannt.
»Das wars, Freunde! So viel zu unserem sechsmonatigen Landurlaub.
Und ich wollte dein Bett schon an jemand anderen vergeben«, sagte Wulfar
und rollte die Augen.
»Wir wissen schon, an wen!«, rief Otnand, legte die Hände an seine
Brust, schürzte die Lippen, schloss die Augen und wiegte die Hüften hin-
und her.
Alle drei lachten.
»Tja, jetzt musst du weiterhin mit mir vorlieb nehmen«, sagte Fastrad,
schloss die Augen und schürzte ebenfalls die Lippen.
»Ugh!«, raunte Wulfar. »Dann doch lieber die Hangarmeisterin!«
Fastrad und Otnand streckten ihm zum Abschied die Zunge heraus.
»Unser neues Schwesterschiff, die KALNOSS, wird uns begleiten.«
Wulfar kniff die Augen zusammen. Er wusste nicht, wie er diese
Entscheidung bewerten sollte.
»Wir haben den Auftrag, die Kampagne gegen das Königreich Harrisch
mit einer Kommandoaktion gegen die Sternenburg des Dabrifa-Klans
einzuläuten. Die Sternenburg soll von uns eingenommen werden. Dies gilt
es vorzubereiten. Aufklärungspilot Wulfar, hier ist dein Auftragsdossier.
Lies es hier durch und stelle deine Fragen, wenn du welche hast.«
Czania Letorom saß im Kommandantinnensessel im Besprechungsraum
hinter der Zentrale, die Ellenbogen auf den Sitzlehnen abgestellt und die
Fingerspitzen vorm Mund zusammengelegt. Ihre sonst glatte Stirn hatte
sich gekräuselt.
Selbst sie fühlt die Anspannung, dachte Wulfar.
Vor ihm auf dem Tisch schimmerte der Dossierkristall. Wulfar betätigte
einen Schalter, und eine Textfläche öffnete sich vor ihm. Er las das Dossier
durch.
»Also, Fastrad als qualifiziertester Techniker und ich als qualifiziertester
Pilot? Mit einem zweisitzigen Raumjäger? Wir fliegen in die Sternenburg
und greifen auf den inneren Datenkomplex zu? Danach ziehen wir uns
zurück? Klingt einfach.« Er machte eine kurze Pause. »Was kommt
danach?«
»Zum Einsatz selbst hast du keine Fragen?«
»Nein. Entweder es klappt, oder wir müssen improvisieren.«
Letorom nickte.
»Die KALNOSS und wir werden unsere Raumlandekompanien mit
schweren Mannschaftstransportern zur Sternenburg hinüberschicken.
Zweimal eine Kompanie. Euer Einsatz wird bewirken, dass sie nicht geortet
werden. Sie übernehmen dann das Kommando an Bord.«
»Einfach so, ohne Widerstand?«
»Mehr kann ich im Moment nicht sagen.«
Die Pariczanerin stand auf, ging vor den Tisch zu Wulfar und hielt ihm
die Hand entgegen.
Sie hat Respekt vor mir, dachte er, stand auf, ergriff ihre Hand, drückte so
fest er konnte und löste den Griff.
Czania Letorom lächelte dann ihr feinstes Damenlächeln.
»Nun raus hier und ab in deinen Schlitten, Pilot, bevor ich es mir anders
überlege!«
Während Wulfar mit der Kommandantin sprach, erhielt Fastrad vom Leiter
des technischen Dienstes der ROVERTSTJERNER Besuch. Fastrad hatte
sich bereits auf eine bestimmte Aufgabe vorbereitet, wobei ihm der
Geheimdienst des Atilla-Klans mit Informationen versorgt hatte. Es ging
um die Übernahme des positronischen Netzwerks der Sternenburg des
Dabrifa-Klans.
Der Erste Offizier drückte ihm einen Datenträger mit einem Dossier in
die Hand. Er verabschiedete sich mit dem Befehl, sich sofort bei der
Hangarmeisterin zu melden.
Als Fastrad eintraf, standen ihm Quirina und Wulfar gemeinsam
gegenüber.
Wulfar spielt den Entspannten, aber ich erkenne seine Anspannung,
dachte Fastrad. Aber Quirina? Sie ist vielleicht wirklich eiskalt. Die beiden
haben etwas miteinander, aber sie wirkt, als wäre es irgend ein
Routineeinsatz. Dabei ist es gar nicht klar, ob wir überhaupt zurückkehren.
»Der Raumjäger ist zugeteilt. Ihr habt Freigabe zum Start. Und jetzt
verschwindet und haltet nicht den Betrieb auf. Wir haben einen Kampf zu
gewinnen, Takhal!«, presste Quirina zwischen den Lippen hervor.
»Dein Wort in Rhodans Ohr«, antwortete Wulfar knapp und schlenderte
an der Hangarmeisterin vorbei. Er schlug spielerisch die Faust auf Fastrads
Schulter. »Auf geht’s, Techniker! Und spuck bloß nicht dein Essen in
meinen Nacken.«
»Solange du nicht wie ein Anfänger fliegst!«
Quirinas Mundwinkel umspielte ein Lächeln, wie das Aufblitzen eines
Meteoriten am Morgenhimmel eines gewittrigen Sauerstoffplaneten.
Fastrad war zwar Techniker, hatte aber ein Gespür für Menschen. Ihm
war nicht entgangen, wie sich Wulfars und Quirinas Zeigefinger kurz
berührt hatten, als der Pilot an der Hangarmeisterin vorbeigeschlendert war.
Das wird doch nicht etwas mit längerfristigem Potential sein zwischen
den beiden?, dachte er und freute sich für seinen Freund.
KAPITEL 7
Der Flug des Raumjägers verlief ereignislos. Der verstärkte Ortungsschutz
bewahrte sie vor einer Entdeckung. Bislang und vorerst, dachte Wulfar.
Die Sternenburg des Dabrifa-Klans zog im Orbit um Jungle, der
Thronwelt des Königreichs Harrisch. Wulfar rief sich in Erinnerung, was er
über die Welt wusste.
Das Harron-System befand sich im Norden ihrer Galaxis, 67.670
Lichtjahre von Dorgon entfernt. Die gelbe Sonne war vom Typ G5V. Von
hier aus wurde der Harrisch-Sektor verwaltet. Jungle war der vierte Planet
des Systems, durchmaß 9930 Kilometer, war zu 70 Prozent von Wasser
bedeckt und besaß vier Kontinente. Die Welt trug ihren Namen nicht
grundlos, sie war von Dschungeln überzogen, mit feuchtwarmen
Temperaturen zwischen 30 bis 40 Grad, einer Luftfeuchtigkeit von gut 90
Prozent sowie einer schier endlosen Zahl an Pflanzen- und Tierarten. Die
Bewohner nannten sich Harriden.
»Was meinst du, welche der drei Optionen werden wir umsetzen
müssen?«, fragte Fastrad zum wiederholten Mal.
»Das wirst du schon sehen«, antwortete er, »wenn du die Wette
verlierst.«
Um den Planeten herrschte reger Raumschiffsverkehr. Sie wären auch
ohne Ortungsschutz in der Masse verschwunden, für jedermann sichtbar
und zugleich unsichtbar.
Um die Raumfestung der Dabrifas war ein Sicherheitskordon gezogen
worden, tief genug, dass man mit kleineren Waffen große Schäden bei
ungewünschten Besuchern anrichten konnte. Größere Kaliber waren nicht
erlaubt, sie hätten auch dem Planeten geschadet.
Ewiges Dilemma eines Orbits um einen Planeten, dachte Wulfar.
Ein Signal ertönte. Eingehender Funk. Fastrad übernahm und schaltete
den Kanal frei, so dass sie beide hören konnten. Eine Stimme ertönte im
Raumhelm.
»Unbekanntes kleines Raumschiff ohne Kennung, schaltet euren
verdammten Ping ein. Sonst pusten wir euch aus dem All«, rief eine
mechanisch verzerrte Stimme.
Wulfar hätte nicht sagen können, ob sie von einer Positronik oder einem
Takhal stammte.
»Machen wir. Ich schicke jetzt meine Kennung. Achtung, jetzt schicke
ich sie. Händeschütteln und Hydrauliköl, Hydrauliköl und Händeschütteln.
So, ich habe sie geschickt«, antwortete Fastrad und betätigte einen Schalter.
Was war das denn? Wulfar wollte sich instinktiv an die Stirn fassen, doch
das Visier des Helms hinderte ihn daran.
»Oh!«, kam es vom Anrufer. »Hoher Besuch. Wir schalten einen
Einflugkorridor frei. Ihr könnt den Sicherheitskordon passieren. Denkt
trotzdem nicht daran, irgend einen Unfug anzustellen!«
Mit einem Krachen trennte der Anrufer die Verbindung, gefolgt von
digitalem Rauschen. Fastrad schaltete den Kanal ab.
»Mist«, entfuhr es dem Freund. »Du hast gewonnen, Wulfar. Wieder
einmal.«
»Biere gehen also auf dich?«
»Biere gehen auf mich.«
»Ich werde dich pleite trinken, mein Freund. Jetzt bleibt nur die Frage, ob
man dort drüben anbeißt.«
»Wird man, Wulfar, wird man.«
Das Signal ertönte wieder.
»Oder doch nicht?«
»Was wird das jetzt sein?«, fragte Fastrad verwirrt und aktivierte den
Kanal wieder. Die Prioritätskennung der ROVERSTJERNER ging ein.
»Was soll das denn? Sind die verrückt? Wir hatten doch Funkstille
vereinbart!«
Ein lautes Knacken kündigte den Anruf an.
»Raumjäger R2-15! Hier ist die ROVERSTJERNER. Der Einsatz ist
sofort abzubrechen. Die Kommandantin wurde soeben verhaftet. Grund:
Putschversuch gegen den Taka Raym! Der Erste Offizier Ronan Tevris
wurde zum neuen Kommandanten berufen und befiehlt: Kehrt sofort zur
ROVERSTJERNER zurück! Der Einsatz ist abzubrechen!«
Fastrad schaltete den Kanal auf stumm. »Uff! Was tun wir?«
Wulfar holte tief Luft. Das war eine unerwartete Entwicklung. Sofort
musste er an die Botschaft seines Vaters denken. Was hatte Wulgast gesagt?
Vertraue Czania Letorom. Nicht irgend einem neuen Kommandanten.
Vertraue Czania Letorom!
Irgend etwas kann an dem Funkanruf nicht stimmen, schlussfolgerte er.
»Wir antworten nicht und fliegen weiter«, sagte Wulfar.
»Wir könnten sowieso nicht abbrechen«, ergänzte der Techniker.
»Was meinst du?«
»Der Einsatz läuft bereits.«
»Wir können immer noch zurückfliegen.«
»Es spielt keine Rolle. Der Einsatz läuft bereits. Auch ohne uns.«
»Und wann wolltest du mir das erklären?«, rief Wulfar wütend.
Das Prioritätssignal klang wiederholt durch.
»Antworte nicht! Das ist ein Befehl!«
»Du musst mir nichts befehlen, Wulfar«, sagte Fastrad. »Es ist so. In dem
Moment, als ich den Dabrifas unsere Kennung geschickt habe, ist bereits
unser Angriff erfolgt. Schau nur. Gleich müsste es soweit sein.«
Sie flogen auf die Sternenburg der Dabrifas zu. Der Zylinder mit dem
Konusaufbau schien immer größer zu werden. Die stählerne Oberfläche,
durch Aufbauten, Schotte und Ausrüstung in ein unregelmäßiges
Schachbrettmuster unterteilt, wurde durch Lichter aller Art erhellt.
Wulfar wusste aus seinem Dossier nur, dass Fastrad als Techniker einen
Prozess auslösen würde, der es ihnen ermöglichte, die Sternenburg zu
betreten. Dafür waren drei verschiedene Szenarien definiert worden: Der
Ortungsschutz hielt und sie drangen unerkannt ein; der Ortungsschutz hielt
nicht, sie wurden erkannt und in die Station geleitet; der Ortungsschutz hielt
nicht, sie wurden erkannt ... und mussten improvisieren.
Ein Risiko besteht so oder so. Ich verlasse mich auf Fastrad. Er weiß,
was er tut.
Da musste er plötzlich mit den Augen zwinkern. Was ist das? Flackert es
dort drüben?
Auf einmal gingen alle Lichter der Sternenburg aus. Nur an einer Stelle
blieb ein Rechteck sonnenhell. Ein offener Hangar.
»Siehst du? Wir sind schon so gut wie drin«, sagte Fastrad ruhig.
Der Flug war ruppig, so wie es sich für einen Truppentransporter gehörte.
Das fahle Licht ließ alle Insassen wie Leichen aussehen. Der Innenraum
stank wie die Umkleide einer Bordschule auf einem Raumschiff vor der
Ausmusterung. Niedrigfrequente Maschinengeräusche erfüllten die Kabine
mit stetem Brummen.
Es ist schließlich kein Ausflug, dachte Otnand.
Er saß mit seiner Kompanie zusammen im Mannschaftsraum des
Transporters rund hundert Takhal in voller Einsatzmontur, bis auf die
Zähne bewaffnet mit individuell gestalteten Totschlägern, Äxten,
Schwertern, Morgensternen und anderen handgemachten Waffen. In
Holstern steckten Kombistrahler, um die Hälse hingen tragbare
Kontrollpulte, in Schultertaschen und Rucksäcken häuften sich
Granatwerfer, Sprengsätze, Minen und Kampfdrohnen. Frauen, Männer,
einige weder noch und wieder einige, bei denen selbst Otnand nicht genau
sagen konnte, wer sie waren. Grimmige Gesichter und angespannte Körper,
die Kampfeswut verströmten. Sie hielten sich am Gestänge des Innenraums
fest und waren bereit, zur Luke im Heckbereich hinauszuspringen, sobald
sie sich öffnete.
Ein wenig fühlte sich Otnand an eine finstere Klinik der Verdammnis
erinnert, deren Ärzte das Gegenteil der Lebenserhaltung im Sinn hatten.
Ihm gefiel dieser Gedanke. Ein grausames Lächeln nahm in seinen
Mundwinkeln Gestalt an.
Der Innenraum war zur Pilotenkanzel hin offen. Otnand bekam alles mit,
was die Piloten und der Funker machten.
Gut so, dachte er.
Ein Prioritätssignal ging ein, der Funker blickte auf sein Pult.
Otnand stand auf und rief: »Nicht antworten! Wir hatten Funkstille
beschlossen!«
Der Angesprochene drehte seinen Kopf. Otnand konnte sich im
verspiegelten Visier sehen.
Langsam wandte der Funker sich wieder dem Pult zu. Ebenso langsam
streckte er den Arm aus, um den Kanal freizuschalten.
Otnand zog sein Schwert, machte zwei schnelle Schritte und hieb die
Breitseite der Waffe auf den Arm des Funkers, der vor Schmerz aufschrie.
Der Kopilot drehte sich schnell herum, zog im Sitz die Waffe und richtete
sie auf den Schwertträger.
Hinter Otnand blitzte es kurz auf. Kellis, seine Stellvertreterin, hatte mit
ihrem Nadler geschossen. Der Kopilot ließ die Waffe fallen und sank in
seinen Kontursitz zurück.
Der Pilot zuckte und drehte sich um.
»Funkstille und Kurs halten«, befahl Otnand.
Kellis ging zum Funker, packte grob die Flugkombination an seiner
Schulter und hielt ihm den Nadler an den Funkhelm.
Otnand hatte Respekt vor der Frau. Kellis hatte ihre rotblonden Locken
zu einem Dutt zusammengebunden. Sie hatte ein etwas rundliches Gesicht
mit braunen Augen, einer dicken Stupsnase und schmalen Lippen. Sie hatte
einen sehr weiblichen Oberkörper angesichts erstaunlich schmaler Hüften
und trug eine dicke, gepolsterte Kampfmontur.
Der Kompaniechef richtete seinen Blick zur Kanzel hinaus, in
Flugrichtung.
Vor ihnen war die Sternenburg des Dabrifa-Klans, hell erleuchtet in
ihrem Kleid aus tausenden Positionslichtern.
Plötzlich flackerte die gewaltige Raumstation und wurde dunkel.
Ein Raunen ging durch den Truppentransporter.
»Funkstille und Kurs halten«, wiederholte Otnand.
Geschmeidig landete Wulfar den Raumjäger im Hangar. Das Schott wurde
geschlossen, Luft strömte ein, eine Robotleiter näherte sich der Kanzel.
Wulfar und Fastrad entkoppelten sich vom Bordsystem und ihren Sitzen
und stiegen aus. Als sie den Hangarboden betraten, erwartete sie eine
Überrasch ung.
Genau ein Besatzungsmitglied stand ihnen gegenüber.
Die Frau hätte eine Dorgonin oder Terranerin sein können. Sie trug eine
Art Kittel, der bis zum Boden fiel, jedoch die Arme freiließ. Der linke Arm
war eine mechanische Prothese, die mit ihrer metallenen Haut wie ein
natürlicher Arm geformt war. Der Kopf war rasiert, auf der Stirn sahen sie
eine Tätowierung: ein liegendes Dreieck mit einem Auge darin.
Kurush?, war Wulfars erster gedanklicher Reflex. Er bemerkte den
Seitenblick Fastrads, hielt jedoch seine Konzentration auf die Frau
gerichtet.
»Es ist alles vorbereitet«, sagte sie ohne Begrüßung. »Das Rhetoricum
Scientia widersetzt sich der Logik nicht. Und die Logik in diesem Falle gibt
vor, wer der Stärkere ist.«
»Klan Atilla«, erwiderte Wulfar.
»Ihre Kompanien schleusen gerade ein«, sagte die Frau. »Es empfiehlt
sich der Gang zur Zentrale, um die Situation an Bord zu überblicken.
Händeschütteln und Hydrauliköl, Hydrauliköl und Händeschütteln.«
Wulfar blickte zu Fastrad, der ihm schnell zunickte.
»Also dann, gehen wir«, sagte er.
Der Takhal klopfte sich an die Seite. Die harte, kalte Schneide Bryntrolls
unter seiner Hand gab ihm ein Gefühl der Kontrolle über die Situation.
Der Truppentransporter setzte so grob auf, wie er geflogen war.
Der Kopilot war tot. Otnands Leute legten seinen Körper im Hangar ab.
Dem Funker wurden Hand- und Fußfesseln angelegt sowie ein Knebel. Ihn
sperrten sie in einen leeren Waffenschrank, der Teil der spärlichen
Innenausstattung des Transporters war.
Zwei Takhal würden zurückbleiben und den Piloten bewachen, für den
Fall, dass ein schneller Rückzug erforderlich war.
Otnand vertraute darauf, dass Wulfar und Fastrad der Einsatz gelungen
war. Er war nicht in alle Details des Plans eingeweiht, wusste aber, dass es
zu keiner Gegenwehr der Dabrifas kommen sollte.
»Kompaniechef!«, rief Kellis.
»Ja?«
»Wir haben Verbindung zur zweiten Kompanie von der KALNOSS. Wir
treffen uns in der Mitte der Sternenburg, vor der Zentrale.«
Der Plan war, dass beide Kompanien einen Sicherheitskordon um die
Zentrale errichten sollten.
»Gut so. Wenn die Dabrifas meinen, sich widersetzen zu können, lernen
sie uns kennen.«
Otnand schritt in die Mitte seiner Meute. Die Takhal beäugten ihn und
gingen vorsichtig auf Abstand. Er drehte sich einmal um die Achse, bevor
er sein Schwert zog, es über den Kopf hob und »Abmarsch! schrie.«
Aus hundert Takhalhälsen brandete ein wütender Kampfschrei auf.
Es herrschte Notlicht auf der Station.
Auf dem Weg zur Zentrale begegnete ihnen Takhal, die im Dabrifa-Klan
alle möglichen Aufgaben erfüllten. Sie sahen Mediker, Mitglieder des
Rhetoricums, Dienstpersonal. Selbst einen Betreuer mit einer Gruppe
Kinder, die die Kompanie der Atilla-Krigser mit zumeist ängstlichen, aber
auch frechen und wütenden Augen verfolgten.
Aber sie sahen keinen einzigen Kämpfer, keinen einzigen Gegner.
Die Rhetora Scientia ging Wulfar und Fastrad voraus. Auch auf ihrem
Hinterkopf hatte sie ein liegendes Dreieck mit einem Auge tätowiert, von
dem Blitze ausgingen.
Das Zentraleschott öffnete sich vor ihnen, zwei Panzertüren schoben sich
in die Wand. Der gesamte Zentralebereich war wie ein eigenständiges,
kugelförmiges Raumschiff konstruiert.
In der Zentrale der Sternenburg arbeiteten Stabsoffiziere der Dabrifa-
Kommandantur und Mitglieder des Rhetoricum Scientia. Als Wulfar,
Fastrad und die Rhetora eintraten, standen sie von ihren Sitzplätzen hinter
Pulten und Holoschirmen auf und blickten den Neuankömmlingen
entgegen.
Hinter ihnen schloss sich das Panzerschott.
Wulfar fand das Licht unnatürlich hell. Ein Entgegenkommen an
Umweltangepasste?, fragte er sich.
Die Rhetora drehte si ch um und sah Wulfar in die Augen.
Irgendetwas blitzte in der Zentrale kurz auf. Wulfar konnte es nicht
genau ausmachen, es war so schnell vorbei, wie er es bemerkt hatte.
Unbewusst griff er zum Holster, der Bryntroll fixierte.
»Da wir nun ...«, begann die Rhetora feierlich.
Sie hat die Hände unter der Kutte, bemerkte Wulfar.
Etwas krachte seitlich neben ihm und flog mit extrem hoher
Geschwindigkeit auf die Rhetora zu. Ihr Kopf wurde in den Nacken
geschleudert, sie fiel nach hinten.
Wulfar spürte einen Tritt in die Kniekehle. Fastrad!, dachte er.
In die Zentralebesatzung kam Bewegung. Einige sprangen zur Seite.
Gleichzeitig bemerkte Wulfar wieder ein Aufblitzen.
Waffen! Sie reflektieren das helle Licht in der Zentrale!
Er knickte ein, fiel auf die Knie. Fastrad warf ihn endgültig um. Keine
Sekunde zu früh, denn schon blitzten Thermostrahlen auf.
Es ist eine Falle!, wurde Wulfar bewusst.
Fastrad sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Wir brauchen
Deckung!«
Wulfar rollte sich zur Seite, zog Bryntroll aus dem Holster, drückte einen
Knopf und warf die Axt in die Luft. Mit der anderen Hand zog er Fastrad zu
sich, hielt ihn umklammert.
Die Schüsse konzentrierten sich nun auf die Axt, die in der Luft schwebte
und blitzschnell auf den am nächsten stehenden Takhal des Dabrifa-Klans
zuflog. Und auf den nächsten. Und den nächsten.
Bryntroll verschwand aus Wulfars Blickfeld.
Die Schüsse nahmen an Heftigkeit ab, bis Stille herrschte. Nur ein lautes
Scheppern erklang.
Wulfar atmete durch und sah Fastrad an. Das Adrenalin pumpt, dachte er.
»Es ist vorbei«, sagte er und stand auf. In den Augen des Freundes sah er
Unverständnis. »Na, da kuckst du, was? Glaubst du wirklich, ich würde
ohne Rückversicherung in eine solche Falle tappen?«
»Meinst du ich?«, erwiderte Fastrad und zeigte ihm den Bolzenschießer,
der an einem mechanischen Arm hinter seinem Rücken befestigt war und
sich an seiner linken Flanke nach vorne schob.
Wulfar ging zur Rhetora, die in einer Blutlache lag, die sich von ihrem
kahlgeschorenen Kopf aus über den Boden ausbreitete.
Fastrad hatte ganze Arbeit geleistet. Der Bolzen hatte ein Loch in die
Stirn der Frau geschossen. Genau durch ihr Augentattoo.
»Warum hast du auf sie geschossen?«
»Ich mochte sie nicht«, sagte Fastrad und rieb sich mit der Hand über die
eigene Glatze.
Gleich und gleich gesellt sich offenbar doch nicht gern, stellte Wulfar
fest.
Währenddessen sah sich der Freund um. Immer und immer wieder
schüttelte er den Kopf, als er an Leiche neben Leiche, Blutlache neben
Blutlache vorbeiging.
»Wann wolltest du mir sagen, dass du Bryntroll aufgerüstet hast?«, fragte
er mürrisch. »Und was wäre passiert, wenn du mich nicht festgehalten
hättest?«
»Das wäre genau nicht passiert, Fastrad.«
»Sag es!«, forderte der Freund.
»Bryntroll hätte dir den Schädel eingeschlagen wie allen lebenden Wesen
hier im Raum, die nicht durch meine Biosignatur geschützt sind.«
»Solche Signale kann man fälschen!« rief Fastrad aufgebracht.
»Keine Sorge, das wüsste ich«, antwortete der Krigser. »Wir müssen uns
um unsere Kompanie kümmern ...«
»... damit sie nicht ebenfalls in eine Falle tappt!«, beendete Fastrad den
Satz des Freundes.
»Wenn das nicht bereits eingetreten ist. Ich versuche, Otnand
anzufunken. Du versuchst, das Überwachungssystem für uns zu nutzen.«
Schnell tippte Wulfar gegen sein Komarmband. Fieberhaft bediente
Fastrad ein Zentralepult, um zu erfahren, wo die beiden Kompanien der
Atilla waren.
Ein Bildschirm sprang an.
»Das ist der Schutzbereich vor dem Zentraleschott«, sagte Fastrad.
»Es sind Krigser in der Halle«, erkannte Wulfar.
Gleichzeitig ertönten dumpfe Geräusche, als würde eine Faust gegen die
Panzerung der Zentrale schlagen.
Die Übertragung wurde unterbrochen, graue Schlieren zogen von
Bildrand zu Bildrand.
Ein Signal ertönte auf Wulfars Komarmband. Es war Otnand.
Otnand, Kellis und die Mitglieder der Kompanie trafen im breiten
Perimeterkorridor ein, der die Zentrale umlief. Sie wussten, dass es zwei
Zugänge gab, die jeweils in eine zwanzig mal zwanzig Meter große Halle
mündeten. Diese Hallen konnten separat abgeschottet werden, falls es die
Bordsicherheit verlangte.
Otnand kannte solche räumlichen Situationen aus größeren Raumschiffen
und Stationen zur Genüge.
»Was ist mit der zweiten Kompanie?«, fragte er Kellis.
»Wir wissen nur, dass sie an Bord gegangen ist. Ebenfalls keine
Feindberührung bislang. Nur Takhal, die keine Krigser sind. Die Truppen
und die Führungsebene der Dabrifa haben sich entweder zurückgezogen,
oder ...«
»Oder was? Wir kennen nicht alle Einzelheiten des Plans. Ein Verrat ist
möglich«, sagte Otnand und ergänzte in Gedanken, ebenso ein Hinterhalt.
Er beschloss, die Kompanie aufzuteilen. Das erste Drittel, von Kellis
angeführt, sollte die linke Korridormündung zur Halle sichern. Das zweite
Drittel würde an der gegenüberliegenden Mündung Stellung beziehen. Das
letzte Drittel ging mit ihm direkt vor die Zentraleschleuse.
Was ist mit Wulfar und Fastrad? Warum melden sie sich nicht?
Plötzlich erschütterte eine Explosion den Boden der Halle. Die Takhal
kämpften um ihr Gleichgewicht. Aus dem Korridor, an dessen Mündung
Kellis Stellung bezogen hatte, drangen Schreie und Kampfgeräusche.
»Er kommt aus dem Gang!«
»Haltet ihn fest!«
An Kellis vorbei schlitterte ein Mann mit hoher Geschwindigkeit den
Korridorboden entlang und kam in der Halle zum Stillstand. Zwei Takhal
packten ihn und hievten ihn hoch. Sein Gesicht war mit Ruß verschmiert.
Auf seiner Kampfmontur war das Abzeichen des Klan Atilla sichtbar.
»Wir werden angegriffen! Es ist eine Falle!«
Eine neue Explosion zerstörte den Stahlrahmen der zweiten
Korridormündung. Metall schmolz, Glut schoss umher, Wandpaneele
zersplitterten. Takhal wurden durch die Halle gewirbelt, ein rot gefärbter
Sprühnebel hüllte sie ein wie eine blutige Aura. Zerbrochene
Ausrüstungsteile, Fetzen von Kampfmonturen, blutspritzende Körperteile
klatschten auf den Hallenboden, gefolgt von Schreien und Stöhnen.
»Sichern!«
»Sammeln und Schirme hoch!«
»Schützt den Kompaniechef!«
Der Takhal in seinem Kompaniedrittel, der den Generator für den
Gruppenschutzschirm trug, war ein Ertruser. Entsprechend groß war das
Aggregat, dass um die zwei Dutzend Takhal herum einen starken
Schutzschirm aufbauen sollte. Er kam nicht dazu, die Schaltung
vorzunehmen. Eine Messerdrohne traf seinen Kopf und explodierte. Die
Takhal um Otnand wurden zur Seite geschleudert. Mit einem Krachen fiel
der Ertruser der Länge nach hin, begrub das Schirmaggregat unter sich.
Sie mussten sich nun auf ihre individuellen Schutzschirme verlassen.
Alles passiert so schnell, dachte Otnand, doch ich werde ruhiger statt
aufgeregter.
Das Schott zur Zentraleschleuse öffnete sich. Dahinter erkannte Otnand
das Tor zur Zentrale. Es war geschlossen.
Wenn wir in die Schleuse gehen, sitzen wir in der Falle, begriff er.
Er drückte einen Schalter auf seinem Armbandkom, schickte ein
Prioritätssignal los.
Weitere Explosionen erschütterten die Halle. Auf dem Boden lagen Tote
und Verletzte.
Die Kompanie wird zerrieben, begriff Otnand.
»Gebt auf!«, rief eine Stimme, wie durch einen Lautsprecher verzerrt.
Diese Stimme!, dachte Otnand.
Im selben Moment öffnete sich das Zentraleschott.
Wulfar trat aus dem gesicherten Bereich der Zentrale heraus, gefolgt von
Fastrad. Er sah, was von der Kompanie übrig geblieben war. Er sah seinen
Bruder, schritt auf ihn zu und umarmte ihn. Dann bemerkte er den Mann,
der in der Mitte der Halle vor der Zentraleschleuse stand.
Es war einfach für Wulfar, ihn zu erkennen.
Hogun ... Hogun Buranu!
Ein breites Gesicht, weit auseinanderstehende Augen, eine massige,
geknickte Nase und ein schmallippiger Mund über dem eckigen Kinn. Seine
Statur war ebenso massig, er hätte ein Umweltangepasster sein können. Er
war 1,90 Meter groß und hatte eine Schulterbreite von 1,25 Metern. Den
Körper verbarg eine graue Uniform mit einem Kompanieabzeichen des
Atilla-Klans.
»Du bist erledigt, du privilegiertes Miststück«, fauchte Hogun. »Du und
deine gesamte Kompanie.«
»Meting!«, schrie Fastrad.
Wulfar sah sich um, nahm die Szene auf. Vor ihm war Hogun Buranu,
hinter ihm Leute der Kompanie der KALNOSS.
Das Notlicht flackerte. Er roch den verbrannten Gestank, den die
Lüftungsanlage nicht beseitigen konnte, und spürte den Rauch, der im Hals
brannte. Er sah die Überlebenden und Verletzten von Otnands Kompanie,
die vorgehaltenen Waffen des Gegners. Er sah den Bruder zu seiner Linken
und den Freund zu seiner Rechten.
Wulfar nickte Fastrad zu.
Sein Blick kehrte zu Hogun und seiner Truppe zurück. Sie sind Verräter
am Klan oder gehören gar nicht zu Atilla, dachte er. Aber sie sind Takhal
und somit an übergeordnete Regeln gebunden, die alle Klans akzeptieren.
Fastrad stand neben Wulfar und rief, »ihr könnt euch dem Meting nicht
verweigern. Selbst, wenn ihr uns hier und jetzt alle niedermacht, es kommt
heraus, und ihr werdet von allen Klans verstoßen. Das Zentralepersonal
wird es aufnehmen, senden, bezeugen.«
Hoguns Augenbrauen krümmten sich. Seine Begleiter rührten keinen
Finger, keine Klaue. Sie waren wie eingefroren. Die Botschaft war
angekommen.
Fastrads Bluff hat sie im Griff, dachte Wulfar.
»Und wer«, sagte Hogun mit rauer Stimme, »tritt an?«
»Ich«, erwiderte Wulfar bestimmt.
KAPITEL 8
Der Ruf nach Meting führte zum Abbruch der Kämpfe zwischen den beiden
Kompanien. Die Dabrifa-Klanmitglieder verhielten sich ebenfalls ruhig,
auch wenn Wulfar nicht wusste, warum das der Fall war. Über die Zentrale
forderte er medizinisches Personal an, das sich zumindest provisorisch um
die verletzten Krigser aus Otnands Kompanie kümmern konnte. Sie wurden
in die Korridore gebracht, die in die Halle vor der Zentrale führten. In der
Halle selbst standen die unverletzten Krigser beider Kompanien bereit und
bildeten einen Kreis um Wulfar und Hogun.
Der Sohn Wulgasts wusste, wie hoch das Risiko war, diesen Kampf zu
verlieren. Sein Gegner war größer und stärker. Zudem war er ein
Psychopath, er kannte keinerlei Hemmungen in irgendeiner Hinsicht.
Wulfar hatte seinen wachen Verstand, seine Fähigkeiten als Krigser und
sein Talent zur überraschenden Improvisation.
Ein wenig Glück kann auch nicht schaden, dachte er. Aber selbst, wenn
ich den Zweikampf verliere, können Fastrad, mein Bruder und seine Leute
abziehen. So waren die Regeln.
Mittlerweile war der Kontakt zur Kommandoebene des Atilla-Klans
hergestellt worden. Der Ruf nach Meting bedingte auch dort stilles
Abwarten. Das strategische Ziel war mit der Übernahme der Dabrifa-
Station erreicht worden.
Die Frage, was wirklich mit den Krigsern des Dabrifa-Klans passiert war
oder warum sie sich passiv verhielten, verdrängte Wulfar in den hintersten
Winkel seiner Gedanken. Sein Griff um Bryntrolls Stiel war fest, seine
Haltung gespannt wie eine Feder. Er fokussierte auf den Gegner, der ihm
mit einem Abstand von fünf Metern gegenüberstand und ihn aggressiv aus
weit auseinanderliegenden Augen anstierte.
Wie ein Fisch, fand Wulfar.
Hoguns Waffe sah eigenartig aus. Sie bestand aus einem dünnen
Schlauch, der zu einem etwa fünfzig Zentimeter durchmessenden Ring
verbunden und der Länge nach von einer Nut durchzogen war. Der
Psychopath hielt das Gerät mit der Linken fest und schüttelte es. Ein
sirrendes Geräusch erklang und schwoll zu einem schrillen Pfeifen an.
Wulfar sah blendend helles Flirren, das an der Nut des Rings entlanglief.
Dort, wo Hogun den Schlauch hielt, verschwand es.
Eine Art Säge, begriff er.
Sein Blick fand Fastrad, der im Kreis der Krigser stand und ernst
dreinschaute. Der Freund hatte nach Meting gerufen, er würde auch den
Kampf ansagen.
Fastrad nickte unmerklich. Wulfar richtete seine Aufmerksamkeit auf den
Gegner.
»Meting!«
Im selben Moment sprang Hogun auf Wulfar zu, hob den Ring und
schlug damit zu.
Wulfar machte einen Schritt rückwärts und schwang sich zur Seite,
dennoch wurde er überrascht. Die sirrende Säge pfiff an ihm entlang,
schlitzte seine Brusttasche auf, ein Stofffetzen flog davon.
Der Ring dehnt sich aus, begriff er.
Hogun setzte energisch nach, doch Wulfar hielt ihm die Schneide
Bryntrolls quer entgegen, um den nächsten Hieb zu blockieren.
Eine scheppernde, krachende Geräuschkaskade brach los, als die zwei
Waffen aufeinandertrafen. Blitze zuckten auf und blendeten Wulfar für
einen Moment.
Seine Waffe ist wie eine rotierende Säge, nur flexibel, erkannte Wulfar.
Sind die Sägezähne aus Formenergie?
Hogun zog seine Waffe zurück und machte zwei Schritte zur Seite.
Wulfar konnte die Hand nicht mehr sehen, die den Schlauch hielt. Er
nutzte den Moment, packte Bryntroll mit zwei Händen, zog die Axt hoch
über den Kopf und machte zwei schnelle Sätze auf Hogun zu. Als Wulfar
zuschlug, wich Hogun blitzschnell zur Seite und trat ihn mit einem Fuß.
Durch den Schwung seiner eigenen Waffe getragen, segelte Wulfar an
seinem Gegner vorbei. Er nahm eine Hand vom Griff der Axt, rollte sich
mit dem freien Arm ab und streckte den Waffenarm zur Seite.
Er stand fast wieder, hatte noch ein Knie am Boden, da war Hogun neben
ihm und hieb mit der Ringsäge einen Teil der Sohle seines
Raumfahrerstiefels ab.
Wulfar rotierte aus der Hüfte heraus, streckte den Waffenarm und
schwang die Axt. Er spürte, wie Bryntroll traf.
Schnell war der Pilot der ROVERSTJERNER wieder auf den Beinen.
Hogun stolperte rückwärts und blieb stehen.
Das wars?, wunderte sich Wulfar. Ich habe ihn doch erwischt, ich bin
mir sicher!
Die Kontrahenten standen sich wieder mit ein paar Meter Abstand
gegenüber. Wulfar atmete heftig und suchte sein Gleichgewicht. Er hielt
Bryntroll fest im Griff, bereit für den nächsten Hieb, und fuhr den
Temperaturregler hoch. Die Klinge würde nun heiß genug sein, um selbst
Metall zu durchschneiden.
Hogun stand mit wirrem Blick da, schien aber die Wunde an seinem Arm
zu ignorieren, aus der Blut pulsierte. Rot platschte es auf den Hallenboden.
Wulfar bereute, dass er nicht den Waffenarm des Gegners getroffen hatte.
Hogun hielt die Ringsäge immer noch so, dass die Hand hinter dem Rücken
verborgen war, leicht zur Seite gedreht, dabei den verletzten Arm nach
vorne weisend.
Seltsam, wie er die Waffe hält, dachte Wulfar. Die Sägezähne ... sie
erscheinen überall, nur dort nicht, wo ...
Hogun setzte zum nächsten Angriff an. Wieder sprang er, hieb mit dem
Ring zu. Wieder parierte Wulfar mit der quer gehaltenen Schneide
Bryntrolls. Er hielt den Axtstiel mit beiden Händen und musste in die Knie
gehen, um die Kraft des Schlags abzufedern.
Hoguns Faust traf den Waffenarm Wulfars. Etwas krachte. Durch den
Schlag verlor er das Gleichgewicht und stolperte zur Seite.
Verdammt, Mein rechter Arm ist gebrochen. Zumindest kann ich Bryntroll
mit der Linken halten.
Wieder standen die Gegner ein paar Schritte voneinander entfernt.
Wieder gab es einen Moment, um Luft zu holen.
Wulfar sah, wie Hoguns Gesichtsmuskeln konvulsivisch zu zucken
begannen. Etwas tropfte von seiner ringförmigen Waffe und fiel zischend
auf den Hallenboden.
Die Hitze Bryntrolls hat gewirkt, begriff Wulfar. Aber sie reicht nicht aus,
um Hoguns Waffe zu zerstören.
Hoguns Hand, die den Ringschlauch hielt, war wieder nach hinten
gezogen, verborgen.
Jetzt habe ich es verstanden, erkannte Wulfar. Er muss den Schlauch
immer festhalten!
Wulfar krümmte sich, schnellte sich knapp über dem Boden auf den
Gegner zu und stieß Bryntroll mit aller Gewalt nach oben. Hogun hob
seinen Arm, um mit dem Schlauch zuschlagen zu können. Die Axt war
schneller, Hoguns Unterarm platzte der Länge nach auf, Blut schoss daraus
hervor, und
der Geruch von verbranntem Fleisch breitete sich aus.
Hogun schrie, unmenschlich, tierhaft.
Bryntroll hackt und brennt, dachte Wulfar und rollte sich zur Seite, um
aus der unmittelbaren Gefahrenzone des Sägerings zu kommen. Dennoch
glaubte er, die Sägezähne am Rücken entlang zu spüren. Der neue Schmerz
blendete zumindest den des gebrochenen Arms aus.
Wulfar biss die Zähne zusammen. Er sah, wie mehrere Objekte durch die
Luft flogen, von rotem Blutnebel umwabert. Sie klatschten auf den
Hallenbogen, eines klirrend und mehrere weitere schmatzend.
Hogun schrie immer noch, die Halsmuskulatur zum Bersten angespannt.
Sein Kopf war hochrot. Er hielt eine Hand krampfhaft in der anderen fest.
Bryntroll hat seinen Unterarm getroffen! Wulfar spürte einen kurzen
Siegestaumel. Dann musste er die Waffe loslassen, die Sägezähne liefen
ohne Unterbrechung durch und sägten seine Finger ab.
Der Schmerz pochte durch Wulfars Arm, durch seinen Rücken. Schweiß
rann in Strömen. Sein Atem ging kurz und schnell.
Ich darf nicht ohnmächtig werden. Ich muss stehen bleiben. Für Otnand,
für Fastrad, für unsere Leute!
Hogun blickte ihn hasserfüllt an. »Jetzt töte ich dich!«, schrie er.
Kellis sah, wie Wulfar in die Knie ging und sich zur Seite drehte, um den
gebrochenen Arm zu schützen.
Der Krigser hielt die Axt fest im Griff und stützte sich mit ihr vom Boden
ab. Seinen Kopf hielt er hoch, hohlwangig, die Augen tiefliegend, das Haar
schweißdurchtränkt. Um ihn herum waren Blutflecken, Uniformfetzen, die
Finger Hoguns und dessen seltsame Waffe.
Der Gegner, dieses Scheusal, hielt sich die blutenden Fingerstumpen.
»Jetzt töte ich dich!«, hörte sie ihn schreien.
Hogun trat mit voller Wucht gegen den Griff der Axt. Wulfar fiel nach
hinten, fing sich, stellte sich gerade hin, hob Bryntroll hoch. Hogun trat
erneut zu, schneller, als Wulfar mit der Axt zuschlagen konnte.
Wulfar darf nicht sterben, schrien ihre Gedanken. Auf keinen Fall!
Es gab einen Weg, das zu verhindern, aber keinen Weg zurück.
Kellis fasste sich, blickte den am nächsten stehenden Krigser aus Hoguns
Kompanie an und sprang auf ihn zu. Überraschte Blicke folgten ihr. Die
Frau rammte dem Verräter den Ellenbogen unter das Kinn, setzte nach,
drückte ihn mit dem Gewicht ihres Körpers zur Hallenwand und zog seinen
Kombistrahler aus dem Holster. Sie drehte sich um, hielt die erbeutete
Waffe hoch und rief: »Für Atilla!«
Hogun ließ von seinem Gegner ab und starrte sie erstaunt an.
Ein Krigser aus Hoguns Kommando zog die Waffe und erschoss Kellis.
Wie eine verwelkende Blume sank die junge Frau langsam auf den
Hallenboden.
Ihr Herz stand still, ihre Augen schlossen sich, ihre Gedanken verwehten.
Kellis war tot, von einem der Verräter erschossen.
»Verstoß gegen das Meting!«, blaffte Fastrad.
Die Krigser beider Kompanien standen wie eingefroren da.
Das Chaos war ein paradoxer Augenblick vollkommener Stille.
Kellis hat uns Luft verschafft, dachte Otnand dankbar. Wulfar kann
Hogun nicht allein besiegen.
Er blickte zu Fastrad, der ihm unmerklich zunickte.
Beide Männer sprangen auf Hogun zu. Fastrad packte den verletzten
Arm, Otnand den unverletzten.
»Jetzt, Wulfar!«, schrie Otnand. »Mach’ ihn fertig!«
Mit beiden Händen pressete er Hoguns Arm fest an seine Brust. Der
Gegner hatte unheimliche Kräfte. Mindestens ein Elternteil musste
umweltangepasst sein. Oder er besaß Implantate, irgendwelche technische
Bestandteile.
Irgendwie schaffte es Hogun, mit der gesunden Hand Otnands Gesicht zu
packen.
»Wulfar!«
Der Bruder stand auf, wankte, nahm Bryntroll fest in seinen Griff. Die
Doppelaxt dampfte vor Hitze.
Der Sohn des Krigsleders stolperte auf Hogun zu.
Etwas knackte mechanisch. Aus dem Augenwinkel sah Otnand, wie eine
Wange der Doppelaxt umknickte. Nun waren beide Schneiden auf Hoguns
Körper gerichtet.
Wulfar presste mit seinem Oberkörper die Axt gegen die Bauchdecke des
Gegners. Zischend verbrannte das Material der Uniformkombination. Es
zischte auch, als die Axt durch das Fleisch der Bauchdecke drang, immer
tiefer.
Hogun bekam Otnands rechte Gesichtshälfte besser in den Griff und
schob ihm einen Finger in die Augenhöhle, Millimeter um Millimeter.
»Jetzt, Wulfar!«, schrie er mit allen Kräften, bis das tierische Brüllen
Hoguns ihn übertönte.
Otnand spürte, wie Blut seine Wange hinunterlief.
Dann ließ Hogun auf einmal von ihm ab. Otnand sah, wie Wulfar nach
hinten stolperte und Bryntroll mit sich zog. Brennendes Fleisch bedeckte
die Schneide.
Mehrfaches Schmatzen und Klatschen ertönte.
Otnand sah, dass er in Blut stand, dass Hoguns Innereien auf den
Hallenboden fielen.
Dennoch stand der Gegner immer noch, Otnand und Fastrad mussten ihn
immer noch festhalten.
Mit seinem verbliebenen Auge sah Otnand, wie sein Bruder aufstand, die
Axt über den Kopf hob und damit auf Hoguns Schädel einschlug.
Er erinnerte sich an etwas, das Lerror ihm gesagt hatte, als er noch ein
Kind gewesen war: »Nur die härtesten Schläge vergisst man nicht.«
Er dachte an Kellis.
Wulfar war bei Bewusstsein. Mediziner der Dabrifa-Sternenburg versorgten
ihn auf einer Trage. Er fühlte sich vollkommen erschöpft, aber gleichzeitig
erleichtert, dass sie es geschafft hatten, die Lage zu meistern. Die
Sternenburg gehörte ihnen, und Hogun war besiegt.
Otnand hatte ihm erzählt, dass Kellis sich geopfert hatte, um einen der
gegnerischen Kompaniemitglieder zum Meting-Verstoß zu provozieren.
Den Bruder hätte er mit dem Augenverband fast nicht erkannt.
Was ihn zunächst überraschte, dann nachdenklich machte, war das
Erscheinen von zehn Kompanien des Amelus-Klans. Den Anführer
erkannte Wulfar sofort. Ein gebräuntes Gesicht, von weißen stacheligen
Haaren gekrönt und mit einem buschigen, weißen Schnauzbart geschmückt.
Schmale Lippen, zugekniffene Augen.
»Ich grüße dich, Ross Malhony, Krigsleder des Amelus-Klans«, sagte
Wulfar mit so fester Stimme, wie es ihm in der Situation möglich war.
»Ich gratuliere dir, Wulfar, Sohn des Wulgast, Krigsleder des Atilla-
Klans«, sagte Malhony mit tiefer, knarriger Stimme. »Du hast die Situation
hier bereinigt. Eine Intrige sollte unser Abkommen mit dem Klan Dabrifa,
das wir getroffen hatten, zunichte machen. Du hast das Problem gelöst und
die Übernahme der Station nach Plan vorbereitet. Dafür gebührt dir unser
Dank. Wir wünschen dir eine gute Heimkehr in die
STERNENZITADELLE. Taka Raym ist informiert.«
Malhony klopfte ihm hart auf die Schulter über dem gebrochenen Arm.
Wulgast sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken.
Den Schmerz bekommst du nicht zu sehen, dachte er.
Wulgasts Kommandostab feierte in der großen Thronburg des Königreichs
Harrisch auf Jungle. Sie hatten die Welt wie geplant eingenommen. Der
Amelus-Klan hatte den Dabrifa-Klan erfolgreich dazu bewogen abzuziehen.
Es war eine ehrenhafte Sache, im Kampf zu sterben. Es war eine wichtige
Sache, im Kampf um den Kosmotarchax zu sterben. Es war eine unkluge
Sache, einen sinnlosen Kampf gegen zwei mächtige, verbündete Klans zu
führen. Die Dabrifas hatten das schnell verstanden. Wie das der Klan intern
regelte, war eine andere Sache.
Wulgast vermutete, es würde gewaltsame Veränderungen im Dabrifa-
Klan geben. Er selbst war auch nicht in Feierlaune. Ihm war klar, dass es für
seinen Sieg einen Preis zu zahlen gab. Alles, was seiner Familie in den
letzten Jahren passiert war, deutete darauf hin. Mit Lerror hatte er seine
Beobachtungen im Detail diskutiert. Der Berater hatte ein entsprechendes
Szenario berechnet, das er für plausibel hielt. Es gab keinen Ausweg.
Der Krigsleder ging zur großen Glassitwand, die den Thronsaal von dem
Garten der Thronburg trennte. Hier war es den Gestaltern gelungen, den
wilden Dschungel dieser Welt zumindest ein kleines bisschen zu
zivilisieren.
Bei Pflanzen scheint das trotzdem besser zu gelingen, als bei Menschen,
dachte er.
Das Prioritätssignal ging auf seinem Armbandkom ein.
Genau, wie geplant, dachte er grimmig.
»Krigsleder?« Es war Kurush.
»Rhetor?«
»Es war knapp, aber Wulfar hat seinen Auftrag erledigt.«
»Das ist das eine. Das andere ist sein Leben. Was ist damit?«
»Er ist verletzt, lebt aber und ist auf dem Weg zurück auf die
STERNENZITADELLE. Und noch etwas«, ergänzte der Zyklop.
»Was?«
»Otnand hat seinen Auftrag ebenso erledigt.«
»Gut so«, antwortete Wulgast. »Sonst noch etwas?«
»Der Taka Raym dankt seinem Krigsleder für seine Treue.«
»Sag dem Taka, dass ich ihm sein dummes Horn absägen werde,« knurrte
Wulgast.
»Das werde ich nicht tun«, erwiderte der Zyklop.
Der Krigsleder schaltete die Verbindung grußlos ab.
Er machte ein paar Schritte in den Dschungel, drehte sich um und blickte
seine Spiegelung in der Fensterfront des Thronsaals an. Dann hob er den
Kopf und holte tief Luft.
So sei es, dachte er. Gut gemacht. Soll der Kosmotarchax meinetwegen
kommen.
Die Messerdrohne drang so schnell in seinen Rücken ein und flog zu
seiner Brust wieder heraus, dass er es nicht einmal spürte.
Sie flog so schnell, dass sie das Glas der Fassade zerschmetterte.
Die fallenden Glassplitter waren wie ein seltsamer Regen, das Klirren
wie Musik in einem falschen Tempo.
Wie der Kosmotarchax, der die Zeit beschleunigt, war sein letzter
Gedanke.
Mit einem grimmigen Grinsen in seinem Gesicht fiel Wulgast vornüber
in den feuchten Erdboden.
© Mathias Rohlfs
Auf dem Flug zurück zur STERNENZITADELLE erfuhren Wulfar, Otnand
und Fastrad, dass die Kommandantin, Czania Letorom, bei einem
Zwischenfall nach ihrer Verhaftung umgekommen war. Das Kommando
hatte nun der vormalige Erste Offizier, Ronan Tevris.
Die ROVERSTJERNER flog in ihren Hangar in der
STERNENZITADELLE ein. Sie landete, und eine Abteilung der
Familiengarde seines Vaters traf am Fuß der Rampe ein. Sie empfingen und
begleiteten die Mediker und Wulgasts Antigravbahre, die ein
Deflektorschirm verbarg. Als er in der Bordklinik eintraf, wartete dort
Lerror, begleitet von einem Schwebekoffer. Vor dem Behandlungszimmer
hielten die Gardisten Wache.
Der Berater brachte schlechte Nachrichten. Wulgast, sein Vater, war bei
einem Attentat getötet worden. Und das GRAND HOTEL, das Heim seiner
Familie an Bord der STERNENZITADELLE, war bis auf die Grundmauern
abgebrannt.
Kaum, dass Lerror diese Nachrichten überbracht hatte, ging ein
Prioritätssignal auf seinem Armbandkom ein. Es war Kurush, der Zyklop.
Lerror streckte seinen Arm aus und ließ das Armbandkom ein
Hologrammbild des Rhetors aufbauen.
Kurushs mechanisches Auge blitzte in der Wiedergabe auf. Er fing ohne
Begrüßung an zu sprechen.
»Der Taka Raym ordnet Folgendes an. Wulfar, Sohn des Wulgast, des
Krigsleders des Klan Atilla, wird mit sofortiger Wirkung zum
Kommandanten des Adlerschiffs ROVERSTJERNER ernannt. Otnand,
Sohn des Wulgast, wird mit sofortiger Wirkung zum Chef der
Raumlandetruppen an Bord des Adlerschiffs PAKHIRAWETU ernannt.«
Es gab eine kurze Pause, in der Kurush an irgendwas zu hantieren schien,
an einem Pult oder einem Gerät.
»Taka Raym gratuliert dem Krigsleder Wulgast zu seiner erfolgreichen
Kampagne gegen das Königreich Harrisch. Die feigen Mörder, die für
seinen Tod verantwortlich sind, konnten den Sieg nicht verhindern. Man
wird sie zur Verantwortung ziehen. Ruhm dem Atilla-Klan, Ruhm Wulgast
im Leben nach dem Leben, Ruhm seinen Söhnen!«
Das Hologramm verblasste, Lerror schaltete den Kanal auf seinem
Armband ab. Er machte eine Handbewegung. Das medizinische Personal
verließ den Behandlungsraum. Der Berater drückte eine Taste auf der
Oberseite des Koffers. Ein Energiefeld baute sich um ihn und Wulfar auf.
»Damit ist wohl alles geklärt«, sagte Lerror zu Wulgast. »Hast du noch
grundsätzliche Fragen zu dem, was passiert ist?«
»Eigentlich nicht«, sagte Wulfar mit leiser Stimme. »Es war mir schon
seit einer Weile klar, dass es darum ging, meinen Vater zu schwächen. Das
ist nicht neu. Dieser Hogun hat seit langem eine Rolle dabei gespielt. Die
Frage ist, wer dahintersteckt.«
»Was vermutest du?«
»Es wäre zu einfach zu sagen, dass der Klan Katron verantwortlich ist.«
»Das wäre es. Aber eine Nachricht hat Taka Raym uns nicht durch
Kurush mitteilen lassen.«
»Du sprichst das so aus, als hättest du schon eine Ahnung von dieser
Nachricht?«
»So ist es. Kurz gesagt, Amelus wird in Kürze zum neuen Krigsleder des
Atilla-Klans ernannt.«
»Amelus? Und wer wird an seiner Stelle der neue Taka des Katron-
Klans?«
»Taka Raym.«
»Was?«
»Es gibt langfristige strategische Überlegungen. Man sollte sie
tatsächlich nicht persönlich nehmen.«
»Das ist ein starkes Stück, Lerror! Schließlich wollte jemand uns alle
umbringen«, rief Wulfar laut und aufgebracht.
»Ja, das ist so, aber es ändert an der Gesamtsituation nichts. Es geht um
wesentlich mehr als die Wulgast-Familie, das Königreich Harrisch oder
irgend eine andere Domäne in dieser Galaxis.«
»Sondern?«
»Du erinnerst dich an die Landung auf Hesophia?«
»Als mein Vater diesem vermeintlichen Rhodan begegnete?«
»Ja. Und woher soll dieser vermeintliche Rhodan angeblich gekommen
sein?«
»Aus einer Galaxis namens Milchstraße.«
Wulfar wollte zu einer Erwiderung ansetzen, hielt sich jedoch zurück. Es
gab eine Zeit für den Angriff und es gab eine Zeit, um Kräfte zu sammeln.
Heute sammle ich meine Kräfte, dachte er. Morgen übernehme ich mein
Kommando auf der ROVERSTJERNER. Und übermorgen befasse ich mich
damit, was der Taka will.
KAPITEL 9
Die große Besprechung mit der Führung des Atilla-Klans und des Katron-
Klans fand in der Kuppel statt, die zuvor das GRAND HOTEL umhüllt
hatte. Vor der Zerstörung der Heimstatt des toten Krigsleders Wulgast
hatten Holoprojektoren eine natürliche Landschaft vorgetäuscht, nun zeigte
Stahl sein blankes Gesicht. Im Scheitelpunkt der Kuppel hing eine
Kunstsonne, die strahlendes Licht verbreitete. Der darunterliegende Raum
war geräumt und für besondere Zwecke wiederhergerichtet worden.
Ringförmig umlaufende Stufen führten auf ein erhöhtes, kreisförmiges
Podest. In dessen weitläufigem Zentrum befand sich nun ein großer ovaler
Tisch. Um ihn herum standen vierundzwanzig vernetzte Kontursessel, die
Zugriff auf verschiedene technische Einrichtungen erlaubten.
Wulfar sah sich in der Runde um. Es waren Kommandanten der Vesus-
Adlerschiffe beider Klans anwesend. Neben ihm saß Ronan Tevris, der
ehemalige Erste Offizier der ROVERSTJERNER, der Czania Letorom als
Kommandantin gestürzt und ihren Platz eingenommen hatte. Er hatte
daraufhin das Kommando des Schwesterschiffs erhalten, der
PAKHIRAWETU. So hatte es Taka Raym entschieden.
Je zwei Stabsoffiziere der Kommandoebene der beiden Klans waren
anwesend, ebenso der Taka des Katron-Klans, Amelus. Sie standen in einer
Gruppe zusammen und unterhielten sich leise.
Taka Raym war nicht persönlich gekommen. In der Mitte des Tisches
baute sich jedoch sein Konterfei als Hologramm auf. Er beäugte die Runde,
drehte sein Horn hin und her.
Kurush stand an einem Scheitelpunkt des elliptischen Tisches.
Ein Signal ertönte. Die Takhal, die noch standen, gingen zu ihren
Kontursesseln und setzten sich. Bis auf Kurush und Amelus, der sich neben
ihn stellte.
Der Zyklop sprach. »Im Namen des Taka Raym begrüße ich alle
Anwesenden. Ein besonderer brüderlicher Gruß geht an den Taka des Klans
Katron, Amelus.«
Das Hologramm des Taka Raym nickte. Amelus nickte zurück.
Tevris flüsterte Wulfar zu. »Ross Malhony ist nicht anwesend,
genausowenig wie unser Taka Raym. Sicherheit geht immer vor, was?«
Es ist ohnehin nie hundertprozentig sicher, dachte Wulfar und schwieg.
Ein ewiges Dilemma.
»Als Rhetor Scientia des Klan Atilla und Berater des Taka Raym wurde
mir die Leitung dieser Besprechung übertragen. Bevor ich den Grund für
unser Treffen erläutere, wird Taka Amelus eine Erklärung vortragen.«
Der Dorgone war 1,82 Meter groß und muskulös. Sein kurzes Haupthaar
war schwarz mit grauen Spuren. Seine gebräunte Haut kontrastierte stark
mit seinen blauen Augen. Ein präzise barbierter Oberlippenbart hob seine
strengen Gesichtszüge hervor. Er trug eine schlichte Weste, auf den
unbekleideten Armen konnte man die Domadler der Dorgonen erkennen.
Ein Traditionalist durch und durch, dachte Wulfar. Ohne seine Härte und
Durchsetzungsfähigkeit wäre er jedoch nie Taka geworden. Die Frage ist,
was ist ihm letztenendes wichtiger? Dorgonisches Kaiserreich oder
Kosmotarchax?
»Wir konnten Hesophia nicht retten«, begann Amelus und blickte Wulfar
direkt ins Gesicht.
Daher weht also der Wind, erkannte er.
»Der Kosmotarchax hat auf Hesophia begonnen. Das bedeutet, dass die
Takhal endlich ihrer wahren Bestimmung nachkommen können. Dazu
müssen verschiedene Schritte erfolgen.«
»Er macht es spannend«, zischte Tevris auf dem Kontursessel neben ihm.
»Der Schlüssel zur Bewältigung des Kosmotarchax liegt in der Galaxie
Milchstraße, der Heimat Rhodans. Die Klans Atilla und Katron verbünden
sich, um dort gemeinsam diesen Schlüssel zu suchen. Dazu wird die
Organisationsstruktur der Klans angepasst. Ziel ist ein möglichst effektives
Kommando.«
Leises Gemurmel erklang am Tisch. Kurush schlug mit der flachen Hand
auf die Tischplatte.
»Zu diesem Zweck und zu diesem Zweck alleine werde ich, Taka
Amelus, meinem Bruder, Taka Raym, das Takanat des Klans Katron
brüderlich übertragen.«
Erstaunte Rufe beantwortete Kuru sh erneut mit einem Schlag der
flachen Hand auf den Tisch.
»Taka Raym ist mit sofortiger Wirkung Großtaka beider Klans. Die
Klans bleiben, wer sie sind, doch sie werden von einem Taka geführt. Ruhm
Großtaka Raym!«
Die Versammelten standen auf und riefen »Ruhm Großtaka Raym!«.
Kurush klatschte in die Hände. Die Versammelten setzten sich wieder.
Amelus und Kurush blickten auf das Hologramm.
Raym sprach. »Als Großtaka der beiden Klans Atilla und Katron, Katron
und Atilla, ernenne ich hiermit Amelus zum Krigsleder beider Klans. Ruhm
Krigsleder Amelus!«
Wieder standen alle auf und riefen im Chor »Ruhm Krigsleder A
melus!«.
Dieses Theater wird langsam lästig, dachte Wulfar, aber es ist nicht die
Zeit oder der Ort, sich mit Amelus anzulegen. Der Hinweis mit Hesophia
bedeutet, dass es für ihn etwas Persönliches ist. Wirft er etwa meinem Vater
vor, Hesophia nicht gerettet zu haben? Was hätten wir denn tun sollen?
Oder ist es nur ein Vorwand, einen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen
was ja auch geschehen ist?
Rayms Hologramm nickte. Kurush war wieder an der Reihe.
»Der Grund für diese neue Organisationsstruktur unserer beiden Klans
liegt nicht nur in dem Ziel, die Kampagne in der Milchstraße
durchzuführen. Wir wissen mittlerweile, wie Rhodan, gegen den der
ruhmreiche Krigsleder Wulgast auf Hesophia kämpfte, seine Truppen
befehligt.«
Wenn du nur dabei gewesen wärst, dachte Wulgast.
»Er fungiert als sogenannter Großadministrator eines Imperiums, dem
viele Welten angehören. Die unmittelbaren Ausführenden seiner Befehle
sind die Solarmarschälle. Zur Berechnung von Strategien für Kampagnen in
der Milchstraße dient eine Großpositronik, die als NATHAN bezeichnet
wird. Diese Kommandostruktur hat dazu geführt, dass Rhodan offenbar die
Zeit selbst in der Milchstraße beherrscht und diese Herrschaft auf
verschiedene Galaxien ausweiten konnte, etwa die Nachbargalaxie
Andromeda. Der Versuch auf Hesophia ist jedoch gescheitert.«
Kurush warf Amelus einen Seitenblick zu. »Das geschah durch die
Intervention des ehemaligen Krigsleders Wulgast.«
»Die Vorbereitungen der Kampagne beginnen sofort. Wir haben auf der
TRÄGERKONSTRUKTION des Klan Katron eine Großpositronik
eingerichtet. Das Kommando beider Klans ist nun positronisch konsolidiert.
Alle anwesenden Kommandanten erhalten jetzt ihre Dossiers.«
Vor jedem Kontursessel öffneten sich Klappen im Tisch. Darunter kamen
kristalline Datenträger zum Vorschein und wurden auf die Tischoberfläche
geschoben.
»Das Schlusswort hat Großtaka Raym.« Kurush senkte sein Haupt.
Amelus machte es ihm nach, ebenso alle anderen Takhal, die am Tisch
saßen.
»Takhal! Wir dringen in die Milchstraße ein. Dann werden wir Rhodan
mit seinen eigenen Waffen schlagen!«
Nach der Versammlung unter der Kuppel befahl Wulfar Lerror, dem
ehemaligen Berater seines Vaters, an Bord der ROVERSTJERNER zu
kommen.
Der Weißhaarige mit der grauen Kutte trat in das Zimmer hinter der
Kommandozentrale. Wulfar saß in lockerer Haltung in dem Sessel, der
zuvor Czania Letorom gehört hatte. Ein weiterer Sessel war neben ihm
aufgestellt worden. Dahinter stand Quirina, die Arme auf der Rückenlehne
verschränkt, und starrte Lerror mit ihren hellen Augen an.
»Du bist nun Teil meines Kommandos, Lerror. Ich möchte dich hier an
Bord haben.«
»Der Großtaka hat keinen Einspruch erhoben«, antwortete der knapp.
»Was hältst du von dieser Angelegenheit?«
»Mit Angelegenheit meinst du die neue Kommandostruktur und die
Kampagne gegen die Milchstraße?«
Anstatt eine Antwort auf die Frage zu geben, schwieg Wulfar und
schaltete den kristallinen Datenträger ein. Das Hologramm einer Kuppel,
die auf einem Zylinder saß, wurde sichtbar. Die Kuppel glänzte golden, auf
der Oberfläche deutete sich eine reichhaltige Ornamentierung an.
»Der Taka«, sagte er und korrigierte sich gleich darauf, »der Großtaka
denkt, dass Rhodan den Kosmotarchax mit diesem Instrument ausgelöst hat.
Wir sollen es holen, koste es was es wolle. Zwei Klans gegen ein Imperium.
Was hältst du davon?«
»Ob es realistisch ist? Wir sind bereits auf dem Weg in die Milchstraße,
sowohl die STERNENZITADELLE der Atilla als auch die
TRÄGERKONSTRUKTION der Katron. Zwei Klans gegen ein Imperium
klingt übermütig. Aber es geht nicht um einen Kampf zwischen uns und
dem Gegner um des Kampfes willen. Wir suchen Rhodan und das
Instrument. So deute ich den Auftrag.«
Wulfar faltete die Hände vor das Kinn und schloß die Augen.
»Das ist wesentlich präziser, als das Dossier aussagt«, meinte er.
»So wird geführt, das weißt du«, antwortete Lerror kühl. »Man bekommt
nur die Information, die man braucht. Auch als Kommandant eines Vesus-
Raumschiffs.«
Wulfar sah auf. »Gut so, oder? Das gibt mir bestimmte Freiheiten, nicht
wahr?«
Lerror hob die Augenbrauen. Beide schwiegen einen Moment.
Der Berater straffte sich. »Wenn ich einen Rat geben darf, Kommandant
Wulfar?«
»Dazu bist du schließlich Berater
»Du und Quirina solltet eure Verbindung offiziell bekannt geben. Das
wird eure Position innerhalb der neuen Klanstruktur festigen.«
Quirina blickte überrascht. »Wieso das? Ich gehörte doch früher zum
Dabrifa-Klan. Das macht mich angreifbar, oder nicht? Wird das Wulfar
nicht schaden?«
»Gerade nicht. Durch die neue Allianz wird der Umstand, dass
Verbindungen zwischen Klans hergestellt werden, eher zum Normalfall.
Wenn nicht sogar zum Prinzip. Welche Klans, spielt dabei fast keine Rolle
für die Takhal der einfachen Ränge. Eine offizielle Verbindung zwischen
euch beiden hat dabei eine emotionale und symbolische Funktion.«
Nun blickten sowohl Quirina als auch Wulfar erstaunt.
»Die Takhal werden sich mit euch i-den-ti-fi-zier-en!« Lerror sprach das
letzte Wort übertrieben gedehnt aus.
»Was meinst du?«
Quirina nickte.
»Ich muss dennoch mit Wulfar über ein wichtiges Thema nur unter vier
Augen sprechen«, fügte der Berater hinzu.
Quirina grinste Wulfar an und schritt langbeinig aus dem
Kommandozimmer. Kurz bevor sie das Schott passierte, warf sie Lerror
einen eiskalten Blick zu.
»Worum geht es?«, fragte Wulfar. »Um Otnand?«
»Nein, es geht um etwas anderes. Es geht um die Frage, warum dieses
temporale Rhodan-Artefakt so wichtig ist.«
»Weil wir ein eigenes temporales Artefakt besitzen?«
»Genau.«
»Und?«
»Lass uns kurz die wesentlichen Eigenschaften des Cagehall
durchsprechen.«
»Was bezweckst du damit?«
»Ich möchte schlussfolgern können, worin sich die Cagehall und das
Rhodan-Artefakt unterscheiden oder womöglich gleichen.«
»Du denkst, dieser Rhodan ... hat eine Cagehall?«
»Nein. Das ist zwar grundsätzlich denkbar, ich vermute jedoch, dass das
Rhodan-Artefakt etwas anderes ist. Ich denke, es ist eine Maschine auf
Sextadim-Basis, die temporale Verzerrungen hervorruft und mittels einer
Nullzeitbrücke passierbar macht. Das ist meine Hypothese. Niemand sonst
im Rhetoricum diskutiert darüber in dieser Form.«
»Gut, und weiter?«
»Wir sollten dennoch kurz reflektieren, wozu die Cagehall da ist. Bitte.«
Wulfar blickte skeptisch.
»Wir wollen nicht unvorbereitet in eine Situation wie auf Hesophia
geraten.«
Das überzeugte den Sohn Wulgasts. »Also gut. Die dorgonische
Cagehall! Sie ist eine Maschine mit einem künstlichen Bewusstsein, das
dazu dient, verschiedene Berechnungen durchzuführen, die
transuniverseller und transtemporaler Art sind.« Wulfar grinste. »Klingt das
wissenschaftlich genug für dich?«
»Du könntest in das Rhetoricum Scientia übernommen werden, wenn du
wolltest.«
Der Kommandant der ROVERSTJERNER lachte kurz auf und fuhr fort.
»Die Cagehall kann berechnen, wie man relativ sicher die Tiefe des Chaos
durchquert. Ebenso berechnet sie, wie man durch temporale Anomalien
reisen kann. Die entsprechenden technischen und organisatorischen
Anforderungen erfüllt die Cagehall ebenfalls. Sie nutzt die Informationen
von Eorthor über den Kosmotarchax, um eine geeignete Besatzung für
solche Reisen auszuwählen. Ferner dient sie als Trägermedium für die
Kosmogene Chronik. Habe ich etwas vergessen?«
»Wozu ist die Kosmogene Chronik wichtig?«
»Um den Moralischen Kode des Universums wiederherzustellen. Aber,
ganz ehrlich, Lerror: Was soll das überhaupt bedeuten? Entweder gibt
dieser Kode chaotische Verhältnisse vor oder er funktioniert einfach nicht
so, wie gedacht.«
»Du wendest eine menschliche Perspektive an. Ich bin mir nicht sicher,
ob Begriffe wie Verhältnisse, Funktion oder Denken auf den Moralischen
Kode übertragbar sind.«
»Wir führen aber keine philosophische Diskussion bei Kerzenschein,
Lerror, wir haben eine Kampagne zu führen. Takhal werden sterben, so oder
so.«
»So oder so werden sie das.«
»Sonst noch irgend etwas?«
»Die Cagehall scheint den Takhal wohlgesonnen zu sein.«
»War das eine Frage?«
»Eher eine Feststellung.«
Wulfar streckte sich in dem Kommandosessel.
Für seinen Körper ist er zu groß, stellte Lerror fest. Aber für seine
Persönlichkeit genau richtig.
Wulfar und Quirina feierten ihr romantisches Meting in »ihrer«
Hangarkneipe. Als Otnand eintraf, war der Raum zum Bersten gefüllt. Die
Musik war laut, es war heiß, und allerlei Gerüche von Takhalkörpern,
Speisen, Getränken und berauschenden Dämpfen hingen in der Luft, die
zum Schneiden dick war.
Sein Bruder tanzte mit Quirina in der Mitte des Raums. Otnand kämpfte
sich vor, immer wieder klatschen Hände kameradschaftlich auf seine
Schulter und seinen Kopf.
Wulfar trug eine schlichte Weste und eine passende Hose. Seine Haut
glänzte, die Tattoos stachen hervor. Redhorse tanzte auf Wulfars Arm mit.
Sein Haar war schweißnass und klebte am Kopf, seine Augen leuchteten,
sein Mund war weit aufgerissen, als schnappte er nach Luft und müsste
gleichzeitig lachen.
Quirina sah atemberaubend aus. Sie trug ein weißes Kleid, das die Taille
aufwärts hauteng war und abwärts aufgebauscht wie der Triebwerksstrahl
bei einem Raketenstart. Ihre hellen Augen verschossen leuchtende Strahlen
durch die Hangarkneipe. Ihr Haar stand kreuz und quer in alle Richtungen.
Sie sprang auf und ab und hatte ebenfalls den Mund weit aufgerissen.
Otnand wollte dem Bruder auf die Schulter schlagen, als jemand sein
Handgelenk packte.
Er blickte erstaunt zur Seite.
Eine junge Frau stand neben ihm, pechschwarze Haare. Mindestens eine
Handspanne kleiner, richtete sie ihre tiefschwarzen Augen auf ihn. Schlank
war sie, leicht gebaut, und wog bestimmt nur halb so viel wie er. Sie hatte
sich lediglich einen Streifen grauen Hangartape über die Brüste geklebt,
dazwischen ein tiefes Tal voller Schweißperlen. Um die feminine Hüfte war
eine Art Rock aus langen Fellstreifen gebunden, der die Beine freiließ. Im
Blitzlichtgewitter erkannte er, dass sie von Tattoos übersät war. Bisspuren
am Hals, darunter stilisierte Tropfen Blut. Unter dem Busen zog etwas
Schlangenartiges einen Bogen den Leib hinab bis zum Oberschenkel und
schien dort gar nicht mehr aufzuhören.
Kenne ich sie irgendwo her?
Sie hielt immer noch sein Handgelenk fest und kam mit ihrem Mund
ganz nah an sein Ohr.
»Ihr seid alle langweilig«, sagte eine überraschend rauchige Stimme und
biss ihm in sein Ohrläppchen.
»Au!«
»Au? Ist das alles?« Die Frau lachte. Ihre schmalen Lippen entblößten
kleine, spitze Zähne.
»Du bist es!«, rief er. »Die kleine Schwester! Von der Kneipe an der
Ringstraße«, begriff Otnand.
»Na, der Schnellste bist du nicht, aber ich verzeihe dir ein letztes Mal,«
sagte sie und stieß Otnand hart die Faust gegen die Brust. Er stolperte und
fiel gegen seinen Bruder.
»Otnand!«, rief Wulfar.
»Bruder!«
Sie umarmten sich und hieben die Fäuste spielerisch auf die Schultern.
»Kommst du von der PAKHIRAWETU?«
»Ja!«
»Wie lange bleibst du?«
»Nicht lange, leider!«
»Wir haben eine Überraschung für dich.«
Wulfar drehte sich um, packte Quirina am Oberarm, zog sie grob zu sich.
Die Frau stolperte, fiel aber nicht um, weil die Leiber um sie herum dicht
gedrängt waren. Sie lachte schallend und sah Otnand mit ihren strahlenden
Augen an.
»Der kleine Bruder!«, schrie sie gegen das Klanggewitter der Kneipe an.
»Du hast verdammtes Glück!«
»Habe ich das?« Otnand grinste und zeigte auf seine Augenklappe.
»Ja-aa-aa!«, rief Quirina gedehnt, den Kopf weit vorgestreckt, den Mund
aufgerissen.
»Sagst du mir auch, warum?«
Quirina schob ihren Mund ganz nah an Otnands Ohr.
»Weil meine kleine Rasha auf dein Schiff abkommandiert wurde!«
Otnand fühlte, wie jemand ihm mit dem Knie hart in den Hintern trat.
»Was, diesmal kein Aufschrei?«, hörte er im anderen Ohr eine tiefe,
rauchige Frauenstimme sagen.
Er drehte den Kopf zur Seite und streifte mit seiner Nase die ihre, mit
seinen Lippen ihren Mund. Sie presste ihren Lippen auf seine, biß ihm in
die Oberlippe und stieß ihn von sich.
Otnand taumelte auf die Tanzfläche, stieß gegen andere Takhal, die
lachten und ihn schubsten. Die Tanzenden zogen ihn mit sich, bildeten
einen kleinen Zirkel, der schnell frei war.
Wulfar und Quirina traten in den Zirkel. Sie zog ein Messer aus dem
Rückenteil ihres Kleids und machte einen Schnitt durch den Stoff entlang
ihrer Taille. Wulfar zog den bauschigen Teil des Kleids nach unten. Quirina
stieg aus dem Stoff und schnitt Wulfars Hosenbund durch. Seine Hose fiel
langsam herunter, wobei Wulfar springend nachhalf.
Das schallende Lachen der Takhal in dem Raum übertönte selbst die
Musik aus den Lautsprechern.
Otnand spürte, wie die Schwerkraft herabgeregelt wurde.
Quirina sprang seinen Bruder an und umklammerte ihn mit den Beinen.
Einen Arm hielt sie um seinen Hals, den anderen Arm schob sie zwischen
sich und Wulfar, der mit beiden Händen ihren Hintern hielt. Sie krümmte
den Rücken und machte ein, zwei kurze Sprünge aufwärts, bei denen ihr
Partner mithalf. Sie bewegten sich nun tänzerisch, rhythmisch, die Münder
und Körper aneinandergepresst.
Die tanzende Menge jaulte, schrie, jubelte.
Otnand rieb sich mit dem Handrücken einen Blutfaden vom Mund. Er
spürte, wie zwei Hände ihn von hinten an den Hüften packten, an seinen
Flanken rieben und von dort nach vorne wanderten. Er fühlte im Rücken
zwei Brüste, im Nacken einen heißen Atem und zwei Hände in seinem
Schritt.
Sein Atem ging mit einem Mal schwer, seine Haut schien ihm eine Spur
zu eng um den Körper gespannt.
Der Krigser hörte eine rauchige Stimme in seinem Ohr.
»Einen Tanz, zukünftiger Kommandant?«
Die STERNENZITADELLE und die TRÄGERKONSTRUKTION
erreichten die lokale Galaxiengruppe Rhodans.
Bald lag der Halo der Milchstraße vor ihnen. Die Vesus-Adlerschiffe
wurden ausgeschleust, um längere Erkundungen vorzunehmen. Wulfars
Schiff übernahm dabei die Koordination.
Ein halbes Jahr später ging ein Prioritätssignal von der PAKHIRAWETU
ein.
Das Schiff, auf dem Otnand und Rasha dienen! dachte er.
Der Funker machte Meldung. »Der Kommandant der PAKHIRAWETU
möchte mit dem Kommandanten der ROVERSTJERNER sprechen!«
»In mein Zimmer schalten«, befahl Wulfar und winkte Lerror zu sich, der
als Berater des Kommandanten regelmäßig in der Zentrale war.
In seinem Kommandoraum angekommen, setzte er sich in den
Kontursessel, nahm eine Schaltung auf seinem Tisch vor. »Stell
Kommandant Tevris durch.«
»Der Anruf kommt nicht von Kommandant Tevris!«.
»Sag das nochmal,« verlangte er.
»Der Anruf kommt nicht von Tevris. Es gab einen Kommandowechsel
auf der PAKHIRAWETU.«
»Hologramm aufbauen!«
Aus dem Hologra mm vor Wulfar und Lerror schälten sich zwei Personen
heraus, zuerst verwaschen und verpixelt, dann präziser.
Wulfar war überrascht.
Mein Bruder, Otnand! Und Rasha! Aber wie sehen die beiden aus?
Otnand trug eine enganliegende schwarze Uniform, die nur Kinn, Mund,
Nase und ein Auge freiließ.
Rasha trug eine Kampfweste, der schlanke Hals und die dürren Arme
ragten daraus hervor. Ein Arm glänzte metallisch. Ihr Gesicht aber
schockierte Wulfar. Eine auffällige Narbe entstellte ihren rechten
Mundwinkel und lief die Wange hoch, an der Schläfe vorbei, bis auf die
Stirn. Ihr Blick war kühl.
Was ist auf dem Schiff passiert?
Otnands verbliebenes Auge starrte ihn an.
»Kommandant der Vorhut, Otnand von der PAKHIRAWETU, richtet
dem koordinierenden Kommandanten Wulfar von der ROVERSTJERNER
seinen Gruß aus!«
»Kommandant grüßt Kommandant«, antwortete Wulfar. »Darf ich
annehmen, dass Ronan Tevris das Kommando über die PAKHIRAWETU
nicht mehr führt?«
»So ist es«, sagte sein Bruder mit einem grausamen Ton in der Stimme.
»Dann bestätige ich und gratuliere zur Kommandoübernahme«, erwiderte
Wulfar. »Wann sehen wir uns?«
»Bald.«
»Meldest du dich deswegen mit Prioritätskennung?«
»Nein. Es geht um Rhodan.«
»Was ist mit ihm und seinem Imperium? Seid ihr einem Solarmarschall
begegnet?«
»Wir sind Milchstraßenbewohnern begegnet, ja. Pass auf, das ist jetzt
wichtig. Es gibt kein Imperium, keine Solarmarschälle. Es gibt keinen
Rhodan. Er ist nur ein Mythos! Was das temporale Instrument Rhodans
betrifft ...«
Plötzlich sprang Lerror auf die Kontrollen des Tischhologramms zu und
unterbrach die Verbindung. Wulfar starrte ihn entgeistert an.
»Was soll das?«
»Lass uns kurz die wesentlichen Eigenschaften des Cagehall
durchsprechen.«
»Bist du verrückt geworden?«
»Ich möchte schlussfolgern können ...«
Wulfar sprang von seinem Kontursessel hoch.
»Das ist jetzt völlig unangebracht!«
»Wir sollten dennoch kurz reflektieren, wozu die Cagehall da ist.«
Die Konturen des Kommandozimmers verschwanden, wurden zu
wirbelnden Farbschlieren in grauen, braunen und gelben Tönen. Die
Umrisse und Farben nahmen Gestalt an, wurden konkreter.
Wulfar erkannte eine Steppenlandschaft mit dürren Sträuchern und
vertrockneten Bäumen. Ein Himmel in blaugrauer Farbe wölbte sich über
ihm, zeigte grünen Spuren, die an Giftgas erinnerten. Reflexhaft hielt er den
Atem an, schalt sich und atmete weiter.
Die Simulation!
Noch war der Tisch seines Kommandozimmers vor ihm. Er drückte einen
Knopf, eine Klappe verschwand und legte Bryntroll frei.
Wulfar packte die Doppelaxt am Griff und warf sie mit voller Wucht auf
Lerror. Die Waffe schlug in den Körper des Beraters ein und spaltete ihn
entlang seiner Hüfte. Der Oberkörper fiel in den Staub der Steppe und der
Unterleib folgte, als die Beine einknickten.
Er ging um den Tisch, holte sich Bryntroll und sah in die starren, roten
Augen des Beraters. Dessen Mund ging auf und wieder zu, wie bei einem
Fisch, den man aus dem Wasser gezogen hatte.
Er blickte auf die Schnittfläche zwischen den beiden Körperhälften.
Es glitzert, dachte Wulfar erschüttert. Lerror, was bist du? Was warst du?
Es gab einen berstenden Knall, dann erlosch die Szene. Um Wulfar
wurde es dunkel. Er spürte noch eine Weile den Griff Bryntrolls, dann
nichts mehr.
EPILOG
Wulfar rechnete damit, im virtuellen Schleusentor zu erscheinen.
Stattdessen wachte er in einem Kontursessel auf, seinen Kopf bis zur
Nasenwurzel von dem Helm des SERT-Systems bedeckt. Über den Augen
waren opake Augenschoner, die langsam auf transparent umschalteten. Der
Takhal sah Nathaniel Creen, der leicht gebeugt vor ihm stand.
»Was ist passiert?«, fragte Wulfar. Sein Mund fühlte sich pelzig an. Es
roch medizinisch, und in den Ohren erklang ein leises Pfeifen.
»Du hast geträumt«, hörte er die mechanisch angereicherte Stimme
Eleonors.
Das SERT-System samt Augenschonern klappte zurück, Wulfar konnte
nun den gesamten Laborraum sehen. An der Rückwand schwamm der
unfertige Körper Eleonores hinter der Glassitwand.
»Ich habe ... geträumt?«
»Ja, nachdem du den Kampf im virtuellen Szenario für dich entschieden
hattest, bis du in den virtuellen Schleusenraum eingetreten und
eingeschlafen, einfach so.«
»Einfach so!«, wiederholte Creen.
»Ich kann mich gar nicht daran erinnern«, entgegnete der Takhal leise
und stand langsam auf.
Mein Körper schein unbeeinträchtigt zu sein, dachte er. Gut so.
»Wie lange habe ich ... geträumt?«, fragte er misstrauisch.
»Eine halbe Stunde. Wir haben dich aufgeweckt.«
»So.«
»Genau«, stellte Creen fest.
»Wurde davon etwas aufgezeichnet?«
»Du meinst, ob wir deinen Traum beobachtet haben?«
»War es so?«
Einen kurzen Moment war es still in dem Labor. Dann sprach Eleonore.
»Das SERT-System ist auf lineares kognitives Feedback ausgelegt.
Traumsignale können nichtlinear sein. Sie müssen noch nicht mal zur
SERT-kompatiblen Signalgenerierung führen. Ihre Dokumentation ist oft
so, als würde ein Kind die Hand in Farbe tauchen und dann ein Bild zu
malen versuchen.«
Wulfar merkte, wie seine Augen unwillkürlich zu Schlitzen wurden. Er
war Gast und musste hier und jetzt die Antwort akzeptieren, ob es ihm
gefiel oder nicht.
»Dann wird es Zeit für mich.«
»Ja, das verstehen wir. Wir haben uns sehr über deinen Besuch gefreut
und hoffen, dich bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen«, sagte Eleonore.
»Ich hoffe, bis dahin ist dein Körper wiederhergestellt«, sagte Wulfar
reflexhaft.
»Danke!«
Ob Androiden erröten können?, dachte Wulfar leicht erheitert.
Umgehend wurde er wieder ernst. »Wir bleiben in Kontakt. Der Aufenthalt
war sehr lehrreich. Wir haben Interesse an euren Technologien und werden
mögliche Handelsoptionen vorschlagen.«
»Ich danke dir, Wulfar, Sohn des Wulgast, Kommandant der
ROVERSTJERNER«, entgegnete Creen förmlich.
»Ich schließe mich dem an«, ergänzte Eleonore.
»Dann mache ich mich auf den Weg«, stellte Wulfar fest und klopfte
gegen die Doppelaxt an seiner Seite.
Creen begleitete den Takhal bis zum Fußpunkt der Rampe im Staub des
Planeten Gray Beast. Böige Winde bliesen die trübe Atmosphäre in
Schlieren um die Unterseite der NOVA.
Die beiden so unterschiedlichen Männer verabschiedeten sich. Creen
stieg die Rampe hoch. Wulfar drehte sich um und schritt auf den autonomen
Transmitter zu. Er fragte sich, wieviel Geduld er aufbringen müsste, bis
eine echte Zusammenarbeit mit diesen Galaktikern zustande kam.
Vor ihm baute sich das Gerät auf, das ihn ohne Zeitverlust auf sein Schiff
bringen würde. Das Metall der umlaufenden Verkleidung wirkte fahl im
trüben Licht der Sonne Gray Beasts.
Etwas stimmt an der Sache mit dem Traum nicht, fand er. Es hatte sich
alles so ereignet, bis zu dem Moment, an dem Lerror sich so seltsam
benahm. Als Otnand uns sagte, dass Rhodan ein Mythos war, haben wir
noch stundenlang weiterdiskutiert. Ich würde Lerror doch nicht mit
Bryntroll angreifen ... oder? Und die Art, wie er auseinanderfiel ...
Der Kommandant der ROVERSTJERNER war unmittelbar davor, in das
Transmissionsfeld zu steigen, da hörte er einen lauten Ruf.
»Wulfar!«
Er drehte sich um. Creen schritt bedachtsam auf ihn zu, blieb unmittelbar
vor ihm stehen und packte ihn mit beiden Händen an den Schultern.
»Du solltest etwas wissen.«
»Ich höre«, sagte er dem hochgewachsenen Terraner.
»Wir konnten deinen Traum mitverfolgen. Nenne es eine
Vorsichtsmassnahme.«
Wulfar sahen nur Creens Maske, doch sein Instinkt verriet ihm mehr als
jeder Blick.
Dieser Terraner läuft aus seinem Schiff, ohne Schutz, um mir, einem
Takhal, zu sagen, dass er meinen Traum beobachtet hat? Warum sollte ich
ihn nicht hier und jetzt mit meiner Axt in zwei schlagen?
Wulfar biss die Zähne zusammen und schlug zuerst auf sein Redhorse-
Tattoo und dann hart auf Bryntrolls Seite. Creen nahm ruhig die Hände von
seinen Schultern und bewegte sich einen Schritt rückwärts.
Ich erziele nichts, wenn ich Creen angreife. Gewalt soll nicht willkürlich
sein, sondern präzise.
Wulfar entspannte sich.
»Weisst du, Terraner, es gehört schon Einiges dazu, so etwas
durchzuziehen. Aber ich muss dir ganz ehrlich sagen, wir hätten es
wahrscheinlich nicht anders gemacht. Ihr habt von mir gelernt und ich von
euch. Aus meiner Sicht ist die Sache damit klar. Es hat keinen Sinn, mit
Leuten zusammenzuarbeiten, die nichts wagen.«
Atmete Creen auf? Wulfar konnte es nicht feststellen. Wieder verbargen
der Raumanzug und die Maske jeden Ausdruck.
»Da ist noch etwas, Wulfar
»Was?«
»Dieses Bild von Lerror, kurz bevor du aufwachtest. Die Wunde an
seinem Körper
Wulfar spürte, wie sein Mundwinkel zuckte. »Was soll damit sein?«
»Eleonore sagt Folgendes: Du bist dir selbst nicht sicher, wer oder was
Lerror ist. Du weißt es nicht. Sonst wäre der Traum anders ausgegangen.«
»Das hat Eleonore gesagt? Und was denkst du, Creen?«
Creen hob den Kopf, blickte in den Himmel über Gray Beast.
»Lerror ist kein Mensch. Du spürst es.«
Wulfar nickte, drehte sich um und stieg ins Transmissionsfeld, dass
seinen Körper als Signalfolge durch den Hyperraum zurück in die
Gegenstation auf der ROVERSTJERNER schickte.
ENDE
Impressum
Die DORGON-Serie ist eine Publikation der
PERRY RHODAN-FanZentrale e. V., Rastatt (Amtsgericht Mannheim, VR
520740)
vertreten durch Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf
www.dorgon.net
Autor: Mark Kammerbauer
Titelbild: Mathias Rohlfs
Innenillustrationen: Mathias Rohlfs, Jürgen Rudig
Lektorat: Norbert Fiks
Layout: Burkhard Lieverkus
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