Band 130
Die Takhal Gud Looter
Sie sind die Sternenräuber von M100
Autor: Roland Triankowski
Titelbild und Innenillustrationen: Gaby Hylla
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Gucky
Der Mausbiber muss Dampf ablassen.
Constance
Die Entropin bekommt einen Tee serviert.
Kurush
Der Dorgone lernt zu sehen.
Aemelia
Die Dorgonin liest gern vor.
Raym
Der Dscherro enthauptet gern.
Kapitel 1: Allein
5633 A.D., Raumschiff CASSIOPEIA, irgendwo zwischen den
Sternen der Milchstraße
Die Panikattacke traf ihn aus heiterem Himmel. Gucky hatte gerade seine
Kabine in der CASSIOPEIA betreten, klassisch zu Fuß, denn er hatte den
Weg dorthin gebraucht, um nachzudenken. Es fühlte sich an, als würde die
Pranke eines Haluters seine Brust packen und zusammenquetschen, ein
dumpfer Schmerz, heiß und kalt zugleich. Ebenso schlagartig wurde sein
ganzes Wesen nur noch von einem Gedanken beherrscht: »Ich bin allein!«
Der Mausbiber ging in die Knie, beugte sich vornüber und stützte sich
auf den Oberschenkeln ab.
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
Er zwang sich zur Ruhe. Nach fast viertausend Jahren Lebenszeit hatte
man alles schon erlebt, auch die ein oder andere Panikattacke. Wäre doch
gelacht, wenn er sie nicht durch ein paar Dagorübungen seines guten alten
Freundes Atlan …
Gucky fiel vornüber und fing sich mit seinen Pfotenhänden ab. Die
Ohren angelegt, auf allen Vieren kriechend, versuchte er, seinen Atem
wieder in den Griff zu bekommen. Es wollte ihm nicht gelingen. Mit
offenem Mund hechelte er wie ein überhitzter terranischer Hund. Atlan war
tot oder hatte nie gelebt. Was auch immer hier gerade vorging, er war nicht
mehr da. Ebenso die anderen Freunde und Gefährten, die ihm in solchen
Momenten zur Seite gestanden hätten, indem sie über seine Witzchen
lachten oder ihm die Ohren kraulten. Niemand war mehr da erst recht
keine anderen Ilts …
Ihm war bewusst, dass ihn diese Gedanken immer tiefer in den
Panikstrudel rissen. Er durfte dem Sog nicht nachgeben, musste sich
dagegenstemmen und buchstäblich auf andere Gedanken kommen.
Vielleicht half es, wenn er sich erst einmal hinlegte, am besten gleich an
Ort und Stelle. Er rollte sich auf dem Fußboden zusammen, wie ein
Neugeborenes. Tatsächlich beruhigte sich sein Atem. Er schlang seine
Arme um die angezogenen Knie und versuchte einstweilen, an gar nichts zu
denken. Dieser Moment der Ruhe währte jedoch nicht allzu lange. Mit der
nächsten schmerzhaften Erinnerungswelle an seine Freunde stellte sich sein
Nacken und Rückenfell auf. Er presste seine Augen zusammen, seine
Muskeln verkrampften, bis er nur noch ein wimmernder, zitternder Ball
war. Sein Geist schrie seinen Schmerz in den Hyperraum hinaus. Mit einem
Teil seines Verstandes nahm er die anderen Besatzungsmitglieder in
unmittelbarer Nähe wahr, in den Korridoren und angrenzenden Kabinen.
Trotz des alles beherrschenden Schmerzes wollte er sie nicht gefährden.
Instinktiv teleportierte er an den unbelebtesten Ort im Schiff, einen
Frachtraum im Unterdeck.
Gucky hatte seine Körperhaltung kaum verändert, als er im selben
Augenblick mitten in der Halle zwischen den Containern erschien.
Allerdings schwebte er nun von seinen telekinetischen Kräften gehalten,
einem Embryo gleich gut anderthalb Meter über dem Hallenboden. Mit
eben diesen Kräften ertastete er seine Umgebung, griff nach dem
nächstbesten Container und schleuderte ihn mit aller Kraft davon.
Das tat gut, stellte er fest. Ein weiterer Container wurde von ihm gepackt,
emporgehoben und wie eine Dose aus dünnem Blech zerquetscht. Er
machte sich viel zu selten bewusst, wie groß seine Macht in Wahrheit war.
Falsch.
Er wusste sehr wohl um seine Macht und welchen Schaden er damit
anrichten konnte. Genau deshalb hielt er sie die meiste Zeit, so gut es ging,
im Zaum, um jene, die er liebte, nicht zu gefährden. Doch nun war er,
Gucky …
Nein, diesen Namen hatten ihm einst seine Freunde gegeben, er erinnerte
ihn zu sehr an all jene, die nun nicht mehr da waren. Davor hatte er anders
geheißen, das war besser.
Nun war er, Plofre, allein. Auf wen musste er nun noch Rücksicht
nehmen?
Der Gedanke ließ ihn innehalten. Er war mit einem unheimlichen Gefühl
von Freiheit einhergegangen. Unheimlich deshalb, weil es die Freiheit von
Verantwortung, von Rücksicht und von Gnade war und er dieses Gefühl
einen winzigen Moment lang begrüßt hatte.
Doch dieser Moment war vorübergegangen. Die Angst vor dem Weg, den
er damit eingeschlagen hätte, war zu groß und überlagerte alle anderen
Ängste und Sorgen. Er war trotz allem noch immer Gucky, der Retter des
Universums, und würde es immer bleiben.
Der Mausbiber öffnete die Augen, stellte seine Ohren wieder auf und
streckte seinen Körper. Langsam sank er auf den Hallenboden zu und
betrachtete dabei den Schaden, den er angerichtet hatte. In dieser verqueren
Zeitlinie gab es leider keine Bank, auf der er ein Konto mit dem einen oder
anderen Notgroschen hatte, mit dem er das alles hätte bezahlen können. Der
Gedanke, seine Schuld mit jahrelangem Tellerwaschen und Möhrenschälen
begleichen zu müssen, ließ ihn schmunzeln und den Nagezahn kurz
hervorblitzen.
Am Boden wollten ihn seine Beine fast nicht tragen. Sie waren
butterweich und zitterten, als er stand. Auch das gehörte zur Wahrheit über
seine Fähigkeiten: Ihre exzessive Nutzung war auf Dauer furchtbar
anstrengend. Dank der Stütze seines Biberschwanzes stand er dennoch
stabil und konnte sich einen Moment lang erholen. Der Zellaktivatorchip
unter seinem Schlüsselbein erzeugte dieses merkwürdige Gefühl, das
irgendwo zwischen Brennen, Pochen und taubem Kribbeln lag und immer
dann auftrat, wenn das Gerät gegen Verletzungen oder große Erschöpfung
anarbeiten musste. Er atmete tief durch, klatschte schließlich in die Hände,
wie um sich selbst aufzumuntern, und nutze die leidlich aufgefüllten
Kraftreserven für einen Teleportersprung in seine Kabine.
Gucky materialisierte direkt über der Matratze seiner Koje und ließ sich
einfach fallen. Viel Ruhe war ihm jedoch nicht vergönnt. Zwar hatte er sein
Armbandkom schon vor seinem kleinen Ausflug in den Frachtraum stumm
geschaltet, die Kabinenpositronik entschied nun jedoch, ihn auf die
zahlreichen aufgelaufenen Nachrichten und Kontaktversuche aufmerksam
zu machen. Zumal ihre Absenderin in diesem Moment auf dem Weg zu ihm
war und in ein paar Augenblicken vor seiner Kabinentür stehen würde.
Der Ilt seufzte und rappelte sich wieder auf. Er watschelte in die
Nasszelle und machte sich im Spiegel einen Eindruck von seinem
Erscheinungsbild. Er sah furchtbar aus. Sein Fell war stumpf und struppig,
seine Ohren hingen kraftlos herunter, und seine Augen hatten jeden Glanz
verloren. Zum Glück war er für alle anderen Wesen an Bord ein exotisches
Alien, dessen Aussehen niemand einschätzen und deuten konnte. Niemand
hatte eine Vorstellung davon, wann ein Ilt fit und gesund aussah und wann
er erschöpft und ausgelaugt war. Außerdem wurde man nicht
dreitausendachthundert Jahre alt, ohne sich glaubhaft verstellen zu können.
Ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht, den Nagezahn blitzen lassen und
schon zwinkerte ihm im Spiegelbild wieder der gute alte, zu Späßen
aufgelegte Mausbiber von nebenan entgegen. So ging er zur Kabinentür und
öffnete sie nur wenige Sekunden, ehe seine Besucherin den Klingelsensor
betätigen konnte.
»Constance, alte Hexe«, sagte er beschwingt und blickte schelmisch zu
ihr empor. »Was verschafft mir die Ehre?«
Bei aller betonten Flapsigkeit meinte er den Titel nicht abfällig. Das
Interkosmo-Wort für »Hexe« wurde zwar auch für die altterranische
Märchenfigur verwendet, stand ursprünglich aber für die weisen
Feuerfrauen der arkonidischen Zhy-Religion. Es war also ein Ehrentitel
und so hatte es Constance auch verstanden.
Sie ging in die Hocke, um mit ihm, dem deutlich kleineren Ilt, auf
Augenhöhe zu sein. Gucky blickte in ein offenes freundlich lächelndes
Gesicht, die Augen darin drückten ehrliches Mitgefühl aus.
Als Entropin sah Constance exakt wie eine Menschenfrau aus, ihre
Gestik und Mimik war ebenfalls vergleichbar. Und damit kannte Gucky
sich aus. Er hatte den überwiegenden Teil seines Lebens unter Menschen
verbracht, Terranern, Arkoniden und wie sie alle hießen. Der Stammbaum
dieses Volks war absurd kompliziert und weit verzweigt erst recht, wenn
man die Cappins oder gar die V’Aupertir einbezog. Das Ergebnis war, dass
man praktisch überall im Universum auf Angehörige und mehr oder
weniger entfernte Verwandte treffen konnte. Ein Mensch würde niemals
allein sein.
Gucky verscheuchte den letzten Gedanken sofort wieder. Er durfte nicht
erneut in Schwermut verfallen, als Empathin würde Constance das sofort
bemerken. Deswegen war sie mit Sicherheit hier.
»Ich habe mir Sorgen gemacht«, sagte sie dann auch.
Gucky beschloss spontan, dass es genug der Schauspielerei war. Hier
stand eine Person vor seiner Tür, die ihm aufrichtig helfen wollte. Ein
weiser alter Ilt wie er nahm so ein Angebot natürlich an.
Daher trat er einen Schritt zur Seite und fragte: »Möchtest du nicht
reinkommen?«
Es gab Zeiten, da hätte Gucky seinem Gast ein hochprozentiges Getränk
angeboten und sich selbst ebenfalls nicht zurückgehalten. Diese Zeiten
waren jedoch lange vorbei. Mit Mühe verdrängte er den Gedanken daran,
wann genau er zuletzt einen Drink genommen hatte und vor allem, mit
wem.
Dennoch wusste der Ilt, was sich gehörte und dass es Situationen gab, in
denen ein süßlicher Möhrensaft einfach nicht passte. Über die Jahrhunderte
hatte er eine große Bandbreite sehr interessanter und auch anregender
Obst und Gemüsesäfte kennengelernt und auf dem Gebiet einige
Expertise entwickelt. Selbst Bully hatte das einmal zugeben müssen.
Gucky hielt inne, schloss kurz die Augen und atmete tief durch.
Was sollte dieser Gedanke, schalt er sich selbst. Da er erst seit kurzer Zeit
auf diesem Schiff war und diese Kabine bewohnte, konnte er ohnehin nur
auf das zugreifen, was vorrätig war. Das war in diesem Fall Tee. Das war
auch gut so, denn dies war sowieso eindeutig eine Situation für Tee.
Er setzte seine Gastgebermiene auf und brachte das Tablett mit den
Getränken zu der Sitzecke, wo Constance auf ihn wartete.
Die Entropin bedankte sich mit einem Nicken, nahm die dampfende
Tasse und roch an dem noch heißen Getränk. Ganz offensichtlich wartete
sie darauf, dass der Ilt von sich aus zu reden begann.
Gucky hatte auf einem Sitzkissen Platz genommen und sie einen Moment
lang nachdenklich angeschaut. Dann seufzte er tief durch und sagte: »Es
geht mir schon wieder besser. Etwas. Aber es geht mir noch immer nicht
gut. Deswegen bin ich sehr froh und dankbar, dass du gekommen bist.«
Constance nahm einen kleinen Schluck und weitete leicht ihre Augen.
Gucky sollte weiterreden.
»Ich tue mich schwer mit Einsamkeit«, gab er freiheraus zu. »Du kennst
meine Geschichte und kannst daher erahnen, dass mich der Verlust meiner
Freunde mitnimmt.«
»Ich konnte es sogar spüren«, sagte die Empathin und stellte ihre Tasse
ab. »Deine Mentalstabilisierung ist vorhin komplett zusammengebrochen.
Unabhängig davon weiß ich, dass fast jede intelligente Daseinsform unter
Einsamkeit leidet. Sie ist nicht gut für uns, und wir dürfen nicht zulassen,
dass einer der Unsrigen ihr länger als nötig ausgesetzt ist.«
»Danke«, sagte Gucky erneut und ließ seine Teetasse zu sich
heranschweben. Nach einem kleinen Schluck fragte er:
»Wie ist die Lage?«
»Soweit ich weiß, sind wir der ROVERSTJERNER einstweilen
entkommen. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis sie uns wieder
aufspüren und die Jagd weitergeht.«
»Unbefriedigend«, murmelte der Mausbiber in seine Tasse.
»Ich glaube, das sehen wir alle so«, sagte Constance. »Auf diese Weise
kommen wir weder mit unserem Plan voran noch werden sich uns
irgendwelche neuen Optionen auftun.«
Gucky richtete sich auf, ließ die Tasse sinken und schaute der Entropin in
die Augen. Er wusste genau, was sie mit ihm anstellte, wohin sie seine
Gedanken lenkte. Doch er ließ es geschehen, war ihr sogar dankbar dafür.
Das war genau das, was er gebraucht hatte: gebraucht zu werden, Zuspruch
zu erhalten, eingebunden zu sein.
»Wir müssen den Spieß umdrehen«, sagte er fest, »das Heft des Handelns
in die Hand nehmen. Diese Burschen wollen die Kosmogenen Chroniken?
Tja, wir auch! Schnappen wir uns also die, die sie schon haben.«
Nun konnte Constance ein breites Lächeln nicht mehr zurückhalten. »Ich
nehme an, du hast einen ungefähren Plan?«, fragte sie.
»Und was für einen Plan ich habe!«, rief der Ilt mit blitzendem
Nagezahn. Er ließ sich telekinetisch über den Tisch schweben und hielt der
Entropin die Pfote hin. Mit ihr teleportierte er in die Zentrale der
CASSIOPEIA.
»Wo ist die ROVERSTJERNER jetzt?«, rief Gucky in dem Moment, in
dem er mit Constance in der Zentrale erschien.
Die Diensthabenden reagierten zunächst nicht auf seine Frage. Einige
starrten ihn entgeistert an, andere sogar feindselig. Die meisten hatten sehr
damit zu tun, sich von dem Schreck zu erholen. Es war nicht leicht, sich an
Teleporter zu gewöhnen. Dass sich die Crew aus einem sehr explosiven
Gemisch aus IVANHOE-II-Leuten und Quarterialen zusammensetzte,
machte es nicht einfacher.
Doch darauf konnte und wollte Gucky keine Rücksicht nehmen. Diese
Crew musste funktionieren, wenn sie dieses Chaos irgendwie bewältigen
wollten.
»Na, was ist?«, hakte er nach, bemühte sich aber, dabei freundlich zu
klingen.
In dem Moment betraten Aurec und Nathaniel Creen die Zentrale. Man
hatte sie offenbar über Guckys Erscheinen und sein Ansinnen informiert.
»Antworte ihm, ENGUYN«, befahl Aurec. Die Bordpositronik der
CASSIOPEIA gehorchte umgehend: »Die letzte Ortung erfolgte vor
sechsunddreißig Stunden aus dem Myrtha-System.«
»Können wir das bestätigen?«, hakte Gucky nach. Bei dem Namen
klingelte irgendwas bei ihm, aber er verdrängte den Gedanken zunächst.
»Frühestens in sechs Stunden«, antwortete die KI. »Die
ROVERSTJERNER hat den Stern Myrtha bislang in einem engen Orbit
umkreist. Wenn das noch der Fall ist, tritt sie dann erst aus seinem Schatten
hervor. Wir kennen ihre 5D-Signatur inzwischen so gut, dass wir sie aus
dem Spektrum des Sterns herausfiltern können, solange sie nicht, von uns
aus gesehen, dahinter liegt.«
»Das heißt, wir sehen sie immer noch bevor sie uns sehen?«, fragte der
Mausbiber.
»Ja.« Diesmal übernahm es Aurec zu antworten. »Aber die Zeitspanne, in
der wir unentdeckt bleiben, wird zusehends kürzer
Er nahm auf einem der Sitze Platz und bedeutete dem Ilt mit einer
einladenden Geste, es ihm gleichzutun.
»Worauf willst du eigentlich hinaus, Gucky?«
In einer Kurzteleportation bugsierte er sich direkt über den angebotenen
Stuhl und schwebte langsam darauf hinab.
»Wie fliegen ins Myrtha-System und sagen diesen Lootern, dass sie uns
ihre Kosmogene Chronik rausrücken sollen.« Gucky war wieder ganz der
Alte, fläzte sich in den Sitz und präsentierte seinen Nagezahn.
»Das ist …« Aurec zögerte, den Satz zu beenden. »… durchaus nach
meinem Geschmack. Aber auch etwas gewagt, meinst du nicht?«
»Wer nichts wagt, der nichts gewinnt!«
Der Ilt liebte es, Intelligenzwesen aus entfernten Galaxien mit
abgedroschenen terranischen Redensarten zu verblüffen. Wie erhofft, nickte
Aurec anerkennend, als hätte er gerade eine tiefgründige Weisheit
vernommen.
»Aber im Ernst«, fügte Gucky hinzu. »Wenn wir alle Chroniken
brauchen, fangen wir am besten mit jener an, die uns am nächsten liegt. Je
eher wir uns mit den Lootern einigen, desto besser. Wer weiß, vielleicht
helfen sie uns sogar dabei, die übrigen einzusammeln.«
»Mit den Weltraumpiraten einigen?«, warf Creen ein. »Wie soll das
gehen? Bislang haben sie uns gejagt und sich wenig gesprächsbereit
gezeigt.«
Gucky schaute den einstigen Kopfgeldjäger einen Moment lang
nachdenklich an. Es beunruhigte ihn, dass er dessen Gedanken nicht lesen
konnte, denn sein Gefühl sagte ihm, dass der Knabe irgendetwas
verheimlichte. Dass er ständig mit einem Helm über Kopf und Gesicht
herumrannte, machte es nicht einfacher. Aber das musste warten wie so
vieles andere auch.
»Bisher haben wir ihnen auch noch nicht gesagt, dass wir die Standorte
der anderen Chroniken kennen.«
Aurec lachte auf. »Meinst du nicht, dass diese Information ihre Jagd auf
uns nur befeuern würde?«, fragte er.
»Deswegen fliegen wir ja auch mit der NOVA zu ihnen, verstecken die
CASSIOPEIA und behaupten, dass die Koordinaten nur dort gespeichert
sind«, antwortete Gucky und zwinkerte mit einem Auge wohl wissend,
dass niemand etwas mit dieser Geste anfangen konnte.
Kapitel 2: Patt
5633 A.D., Raumschiff NOVA, auf dem Weg ins Myrtha-System,
Milchstraße
»Jetzt weiß ich!«, rief Gucky mit einem Mal und durchbrach damit das
Schweigen in der Zentrale der NOVA. Kurz tippte er mit einer Pfote gegen
seine Stirn.
»Gray Beast! Die Peepsies!«, ergänzte er und schaute mit strahlenden
Augen seine Mitreisenden an.
Constance und Aurec tauschten irritierte Blicke aus, sagten jedoch nichts.
Creen ließ sich ohnehin nur selten zu Äußerungen hinreißen.
Der Ilt winkte ab und erklärte: »Ach nichts, ich erinnere mich nur wieder,
woher ich das Myrtha-System kenne. Vor drei-, viertausend Jahren hatten
wir dort mit den Druuf und dem Robotregenten zu tun.«
Auch diese Information zauberte kein Erkennen in die Gesichtszüge der
Anderen. Gucky beachtete ihre Reaktion jedoch kaum noch, sein Blick glitt
in die Ferne, und er murmelte: »Wir dachten damals auch, wir hätten sie
verloren.«
Die Entropin kniff daraufhin leicht die Augen zusammen. Sie spürte ganz
offensichtlich, dass er wieder in schwermütige Gedanken abzugleiten
drohte.
»Sag mal, Gucky«, sprach sie ihn mit neutralem Tonfall an, »bei deiner
Erfahrung, was ist die beste Strategie in einer solchen Pattsituation?«
»Hm?«
Fast verträumt blickte er Constance an. Auch ohne telepathische Kräfte
sah man ihm an, dass das Gehörte nur langsam in sein Bewusstsein sickerte.
Aurec griff das Thema auf und half ihm auf die Sprünge: »Eine geradezu
klassische Situation. Zwei verfeindete Parteien brauchen alle Teile eines
Puzzles, haben aber jeweils nur Zugriff auf einige davon. Gibt es da
überhaupt eine perfekte Strategie?«
»Das kommt darauf an, was die beiden Parteien mit dem Puzzle anstellen
wollen, wenn es fertig ist«, antwortete der Ilt. »Sollte sich herausstellen,
dass sie damit dasselbe Ziel verfolgen, ist es auf einmal ganz einfach.
Deswegen ist Teil eins des Plans: herauskriegen, was die Looter mit den
Chroniken vorhaben.«
»Und falls uns das nicht gefällt?«, hakte Creen nach.
»Dann können wir ihnen die Dinger immer noch mopsen. Aber so weit
sind wir noch nicht. Jetzt müssen wir die Leutchen erst einmal anfunken.
Wer möchte?«
Sie hatten sich dem Myrtha-System aus einer anderen Richtung genähert,
um die ursprüngliche Position der CASSIOPEIA bestmöglich zu
verschleiern. Dabei hatten sie auf jegliche Tarnung verzichtet.
Ohnehin: In dem Moment, in dem sie sich in Reichweite der
Ortungsgeräte der ROVERSTJERNER wähnten, ging per
Hyperfunkrichtstrahl ihre unverschlüsselte Kontaktaufnahme raus. Das
Risiko dieses Manövers war enorm, auch wenn sie noch etliche Lichtjahre
von Myrtha entfernt waren, war es den Takhal Gud Looter nun ein leichtes,
sie exakt zu lokalisieren, in Sekundenbruchteilen an ihre Position zu
springen und das Feuer zu eröffnen.
Und doch harrten sie mit der NOVA aus und blieben im freien Fall
zwischen den Sternen auf Warteposition.
Die Antwort erfolgte zu ihrem Glück so, wie sie es sich erhofft hatten.
Die ROVERSTJERNER stellte ihrerseits eine Funkverbindung her.
Gucky einer Eingebung folgend hatte er entschieden, den Kontakt
persönlich aufzunehmen blickte in die holografische Darstellung des
Gesichts eines Dscherro. Der vollkommen haarlose Schädel wirkte insofern
recht menschenähnlich, weil die beiden Augen, die Ohren, die
Nasenöffnung und der Mund genauso wie bei Humanoiden angeordnet
waren. Damit hatte sich die Ähnlichkeit jedoch erledigt. Die grünliche
Schuppenhaut erinnerte an reptiloide Wesen, die gewaltigen Hauer, die aus
dem Unterkiefer ragten, und die rüsselartige kurze Nase ließen Gucky an
irdische Keiler denken. Am auffälligsten war aber das gut dreißig
Zentimeter lange Horn, das aus der Stirn des Dscherro ragte und jene, die
mit der Fauna von Terra vertraut waren, an Narwale erinnerte. Wofür dieses
Horn eigentlich diente, blendete Gucky lieber aus.
Er kannte diese Geschöpfe nur zu gut aus der THOREGON-Epoche, als
sie Terrania terrorisierten. Später erfuhr er, dass es einige von ihnen nach
Cartwheel verschlagen hatte. Vermutlich stammte dieser hier aus jener
Population.
Der Translator konnte das Gebell problemlos übersetzen:
»Ergebt euch, wie es jämmerlichen Feiglingen eurer Art gebührt!
Übergebt uns …«
Der Dscherro unterbrach sich und schien sein Empfangsholo genauer zu
fokussieren. Dann wandte er sich ab und brüllte ein Wort, das der Translator
nicht auf Anhieb übersetzte – vermutlich einen Namen.
»Sprich du!«, befahl er schließlich und verschwand aus dem
Erfassungsbereich der Aufnahmeoptik.
Gucky hatte nun wirklich schon in alle denkbaren Gesichter geblickt,
dennoch weiteten sich seine ohnehin schon großen Augen um eine
Winzigkeit, als der Kopf des herbeizitierten Mannes das Holo ausfüllte. Er
war ganz offensichtlich ein Mensch oder Dorgone, auch dieses Völkchen
war von den Lemurerabkömmlingen kaum zu unterscheiden. Allerdings
fehlten ihm beide Augen, und zwar auf eine Art und Weise, die vermuten
ließ, dass er ohne sie geboren worden war. Damit nicht genug, prangte
mitten in seiner Stirn ein knapp fünf Zentimeter durchmessendes
metallisches Bauteil, das offenbar sein Augenlicht ersetzen sollte.
Zumindest öffnete sich in seiner Mitte gerade eine Irisblende und legte eine
Kameralinse frei.
»Oh«, sagte der Dorgone und setzte ein Lächeln auf, das irgendwie
einstudiert wirkte. Aber das lag vermutlich an den fehlenden Augen, wies
Gucky sich selbst zurecht.
»Verzeih meine Unhöflichkeit«, sagte der Dorgone. »Mein Name ist
Kurush, und ich bin der Rhetor Scientia des Attila-Clans. Die Ähnlichkeit
mit den Legenden ist einfach zu verblüffend, daher verzeih nochmals meine
Direktheit. Stammst du etwa vom Volke der Tramper?«
Guckys Nagezahn sprang geradezu hervor. Seine Eingebung hatte sich
bestätigt. Sein Anblick war in der kollektiven Erinnerung der dorgonischen
Völker verankert. Man hatte ihn nicht vergessen.
»Sei gegrüßt, Kurush!«, sagte er. »Mein Name ist Gucky, und ich stamme
vom Planeten Tramp, falls das deine Frage beantwortet.«
Aus dem Akustikfeld drang ehrfürchtiges Geflüster, der Translator
konnte die leisen Wortfetzen nicht vollständig erfassen, errechnete jedoch
eine hohe Wahrscheinlichkeit für »der Überall-zugleich-Töter«.
Schlagartig schnellte Guckys interne Erfolgsprognose für die
anstehenden Verhandlungen um einige Prozentpunkte nach oben.
»Wie wäre es, o Kurush«, ergriff er wieder das Wort, »wenn wir uns
irgendwo treffen und ganz zwanglos darüber unterhalten, wie wir mit
unseren jeweiligen Kosmogenen Chroniken umgehen?«
Als Treffpunkt wurde Gray Beast, der siebte Planet, ausgemacht, der in
dieser Zeitlinie natürlich nicht so hieß. Hier war er auch keine vom
Atombrand verzehrte Schlackekugel, sondern noch immer eine vor Leben
sprühende Welt. Die von einem der Nachbarplaneten stammenden Peepsies
hatten eine kleine Kolonie darauf errichtet, sich aber kaum über den
Planeten ausgebreitet.
Gucky war jedoch der Einzige, der sich für diese Details interessierte.
Bei Einflug ins Myrtha-System stürzten sich alle anderen in der NOVA
auf die Sensor und Messdaten über Schiffs und Flottenbewegungen der
Takhal. Die ROVERSTJERNER hatte sich inzwischen aus dem
Ortungsschutz der Sonne in einen stationären Orbit um den siebten Planeten
begeben – und sie war nicht mehr allein.
Das dreihundert Meter lange Adlerraumschiff – selbst Gucky konnte sich
daran erinnern, dass dies eine der vorherrschenden Raumschiff-Formen der
Galaxie Dorgon war hing neben einem gewaltigen kegelförmigen,
mattgrauen Koloss. Mit drei Kilometern Länge und einem
Basisdurchmesser von zwei Kilometern brauchte sich das Riesenraumschiff
sicher nicht hinter den Ultraschlachtschiffen des alten Solaren Imperiums
zu verstecken. Den Messungen war zu entnehmen, dass dies nicht nur für
seine Größe, sondern auch für seine Offensiv und Defensivbewaffnung
galt. Die Sensordaten wiesen auf Paratronkonverter und eine ganze Menge
hochkalibriger Transformgeschütze hin.
Dem Funkverkehr und den offen zugänglichen Teilen der Datensphäre
war zu entnehmen, dass es sich um die STERNENZITADELLE handelte,
die fliegende Burg der vereinigten Clans Attila und Katron. Die Takhal Gud
Looter waren also buchstäblich mit ihrer Hauptstadt angereist und stellten
somit den größten Machtfaktor in diesem System dar – wenn nicht sogar im
gesamten umliegenden Sektor.
»Wie konnte uns dieser Koloss bislang entgehen?«, fragte Constance.
»Schließlich haben wir die ROVERSTJERNER über tausende Lichtjahre
hinweg angemessen.«
»Von der kannten wir auch die exakte Signatur«, antwortete Aurec.
»Womöglich ist die STERNENZITADELLE aber auch erst vor Kurzem in
dieses System gesprungen.«
»Genug geplaudert«, unterbrach Gucky die Unterhaltung. »Wir haben
eine Verabredung.«
5633 A.D., Planet Gray Beast, Milchstraße
Wie mit den Anführern der beiden Clans abgesprochen landete die NOVA
in der Nähe des abgestimmten Treffpunkts, einem ausgedehnten Felsplateau
an einem Fluss, bei dem Gucky ziemlich sicher war, dass es sich um den
Green River handelte, an dem damals in seiner Zeitlinie die unfreiwilligen
terranischen Siedler notgelandet waren. Aber vermutlich war der Wunsch
Vater dieser Überzeugung, schließlich kannte Gucky die damaligen
Ereignisse nur aus Flottenberichten und Perrys Erzählungen.
Nur wenige hundert Meter entfernt ging das Beiboot der Takhal Gud
Looter nieder.
Die kurze Zeit bis zu diesem Treffen hatten Gucky, Constance, Aurec
und Creen genutzt, um sich gemeinsam auf den bestmöglichen
Wissensstand bezüglich der Sternenräuber im Allgemeinen und den
vereinigten Clans Attila und Katron im Speziellen zu bringen. Bekannt war,
dass die Takhal Gud Looter von Cartwheel-Flüchtlingen abstammten, die es
nach Dorgon verschlagen hatte. Ihre Kultur war stark von der Lebensweise
der Dscherro beeinflusst, wie sie zogen sie plündernd zwischen den Sternen
umher. Für den Attila-Clan galt dies anscheinend besonders, denn der
Anführer war ein Dscherro namens Taka Raym wobei der Titel »Taka«
ebenfalls aus dem Dschett stammte.
Höchstpersönlich trat er aus der Schleuse des Beiboots und führte die
Delegation an. An seiner Seite waren drei Menschenähnliche, vermutlich
Dorgonen: zum einen Kurush, der Rhetor Scientia, was das Amt des
Chefwissenschaftlers und Hohepriesters vereinte, und zum anderen ein
Mann namens Amelus, der als so genannter Krigsleder die Truppen an
und die Befehle des Taka ausführte, und schließlich ein weiterer ranghoher
Krieger namens Wulfar, seines Zeichens Kommandant der
ROVERSTJERNER.
Auf einen Wink Kurushs kamen vier Dienstroboter herbeigeflogen, die in
Windeseile eine Art Zeltpavillon mit einem großen Tisch und der passenden
Anzahl an Sitzgelegenheiten errichteten eine davon sichtlich größer als
die anderen. Zuletzt entzündeten sie sogar ein Lagerfeuer, was die
archaische Szenerie perfekt machte.
Ehe die Takhal Gud Looter den Pavillon erreichen konnten, teleportierte
Gucky kurzerhand voraus und erwartete die anderen. Er hatte keineswegs
vor, den Bogen zu überspannen, daher setzte er sich nicht schon gar nicht
in den thronartigen Sitz. Es reichte, den Takhal den letzten Beweis für seine
Identität zu liefern. Besser konnten sie ihre Verhandlungsposition nun nicht
mehr machen – höchstens wieder schlechter, wenn er es übertrieb.
Nur kurz tastete er mit seinen telepathischen Sinnen nach den Gedanken
der Takhal-Delegation. Er stieß damit jedoch sofort gegen
undurchdringliche Gedankenschilde. Im Falle des Dscherro war die Abwehr
sogar recht unangenehm. Der Geist des Taka strahlte ununterbrochen einen
unartikulierten Hass ab. Diese Leute waren gut auf Psi-begabte Gegner
vorbereitet.
Damit waren die Fronten endgültig abgesteckt. Nun kam es auf das pure
Verhandlungsgeschick an.
Etwa gleichzeitig erreichten die beiden Gruppen den Pavillon. Aufseiten
der Takhal übernahm Kurush das Reden. Raym, Amelus und Wulfar hielten
sich zurück, grunzten nur eine Art Gruß und warfen sich auf ihre
Sitzgelegenheiten – Raym selbstverständlich auf den Thron.
Kurush blieb vorerst stehen, breitete die Arme aus und sprach: »Herzlich
willkommen auf Rayms Rastplatz! Wir hatten noch keine Gelegenheit, auf
dem neu erworbenen Planeten des Attila-Clans angemessen Beute zu
machen, daher vergebt uns, dass ich nur unsere Gastfreundschaft als
Geschenk anbieten kann. Es ist uns eine große Ehre, die Bekanntschaft des
legendären Retters des Universums zu machen. Dies sind wahrlich heilige
Zeiten! Der Kosmotarchax ist gekommen!«
Auf den letzten Satz hin murmelten die drei sitzenden Takhal etwas,
vermutlich wiederholten sie ihn einfach wie eine rituelle Formel.
Obwohl man sich schon per Hyperfunk bei den Vorverhandlungen zu
diesem Treffen gegenseitig vorgestellt hatte, nannte Kurush noch einmal die
Namen, Ränge, Funktionen und Ehrbezeichnungen seiner Delegation.
Aurec übernahm dasselbe für ihre Gruppe.
Gucky nutzte die Gelegenheit und betrachtete den Rhetor Scientia ein-
gehend.
Er war eine beeindruckende Gestalt, vor allem wenn man bedachte, dass
es sich um den Chefwissenschaftler und Hohepriester seines Clans
handelte. Gucky schätzte ihn auf deutlich über zwei Meter, und er mochte
gut und gern zwei Zentner auf die Waage bringen allerdings ohne ein
Gramm Fett am Leib. Der Ilt fragte sich, wann er zwischen all seinen
Studien die Zeit für ein derart intensives Muskeltraining finden mochte.
Aber was wusste er schon über die üblichen Freizeitbeschäftigungen auf so
einer Takhal-Burg.
Das eigentlich Beeindruckende – sein Gesicht – kannte Gucky bereits aus
dem Funkverkehr. Die fehlenden Augen und das technische Sehorgan
mitten auf der Stirn des bis auf den grauen Kinnbartzopf haarlosen Schädels
fesselten den Blick jedes Gegenüber. Wäre das nicht gewesen, hätte es
vermutlich das Flammentattoo auf dem Kopf oder das eintätowierte
Adlerraumschiff auf der Brust getan. Über die Bekleidung ein loser
Umhang über ansonsten freiem Oberkörper sowie braune Hosen und
Stiefel verlor Gucky hingegen kaum einen Gedanken. In den
Jahrhunderten, die er unter Menschen und Menschenähnlichen gelebt hat,
hat er schon wesentlich exzentrischere Moden kommen und gehen sehen.
»Nun nehmt Platz an unserem Feuer!«, sagte Kurush schließlich, strich
sich seinen geflochtenen Bart und wählte seinerseits einen Sitz. »Preiset die
Sternengötter, dass ihr in diesem Kreise weder Beute noch Feinde der
Takhal Gud Looter seid.«
Gucky und seine Gefährten warfen sich bezeichnende Blicke zu,
kommentierten jedoch auch diese kulturellen Eigenarten ihrer
Verhandlungspartner nicht weiter. Gucky nahm sich allerdings fest vor, zum
Besitzstatus von Gray Beast noch ein paar Worte zu sagen, ja, ihn vielleicht
sogar zum Gegenstand der Verhandlungen zu machen.
Doch schon die nächste Bemerkung des Rhetor Scientia ließ ihn
zweifeln, ob sie überhaupt so weit kommen würden.
»Taka Raym ist hoch erfreut, dass ihr bereit seid, die euch bekannten
Chroniken den vereinigten Clans Attila und Katron zugänglich zu machen,
damit sich diese dem Kosmotarchax angemessen stellen können.«
Gucky war gerade dabei, für eine Erwiderung Luft zu holen, als
Constance kurzerhand das Wort ergriff: »Wir bedanken uns sehr herzlich
für eure Einladung. Es ist uns eine Ehre, mit euch sprechen und beraten zu
dürfen. Und wir stellen mit Freude fest, dass wir von euch offenbar einiges
über die Vorgänge lernen können, die diese Sternenregion heimsuchen.«
Kurushs Gesichtszüge blieben naturgemäß ausdruckslos, doch er nickte
auffordernd, worauf Constance fortfuhr: »Verzeih unsere Unwissenheit, o
Kurush, aber magst du uns auseinandersetzen, was es mit dem
Kosmotarchax auf sich hat? Zumindest das Wort ist uns nicht geläufig
und …«
»Sorgt euch nicht!«, unterbrach Kurush. »Wir wissen, dass die
Sternengötter den Ungläubigen viel Wissen vorenthalten haben, das den
Takhal Gud Looter zuteilwurde.
Die heiligste dieser Gaben ist das Wissen um den Kosmotarchax, das Ziel
und Ende allen Seins. Schon seit Jahrzehnten wissen wir, dass diese Endzeit
gekommen ist, und schließlich haben uns die Sternengötter mit der Cagehall
ein sehr konkretes Zeichen gesandt, wie und wo der ruhmreiche Endkampf
stattfinden wird. Ihr seht, wir halten euch keine Informationen zurück. Fragt
also gern weiter
Constance behielt die Rolle der Sprecherin einstweilen inne. Gucky war
es ganz recht. Endzeitreligionen wie diese kannte er nur zur Genüge und
hatte eine dezidierte Meinung dazu, die er vorerst besser für sich behielt.
Andererseits war eine begründete Endzeitstimmung aktuell nicht von der
Hand zu weisen.
»Dann sage mir, o Kurush«, fuhr sie fort, »was wäre denn das Ziel eurer
Clans in diesem Endkampf? Gilt es, das Ende allen Seins noch einmal
abzuwenden?«
»Oder dabei zu sterben«, kam die schnelle Antwort. »In jedem Fall
werden wir auf dem Wege dorthin unermesslichen Ruhm ernten, nie
dagewesene Beute machen und die glorreichsten Siege erringen.«
Diesmal blickte Constance sich zu ihren Gefährten um, erntete aber
ermutigende Blicke. Also sprach sie weiter:
»Dann ist eurer Überzeugung nach das Zeitchaos, das wir alle gerade
erleben, Bestandteil des Kosmotarchax, und eine Abwendung dieses
Weltenendes würde die richtige Zeitlinie wiederherstellen.«
Sie bemühte sich redlich, den Satz nicht wie eine zutiefst skeptische
Frage klingen zu lassen.
»Ja«, antwortete Kurush erneut ohne jedes Zögern. »Tatsächlich ist es
sogar andersherum. Beenden wir das Zeitchaos, dann ist automatisch der
Kosmotarchax abgewandt und den beiden Clans wird allerhöchster Ruhm
zuteil. Dies haben uns die Sternengötter aus der Cagehall prophezeit.«
»Nun«, sagte Constance nach kurzer Pause, »ich habe den Eindruck, dass
sich unsere Ziele wahrhaftig sehr gleichen. Wie sehr sie das im Einzelnen
tun und was wir gemeinsam daraus beschließen, bedarf sicher noch einiger
Erörterung. Doch sag, o Kurush, ist es uns gestattet, uns zu kurzen
Beratungen zurückzuziehen? Ich würde mich gern mit meinen Gefährten
besprechen.«
Diesmal zögerte der Rhetor Scientia und wandte sich sogar zu seinem
Taka um. Dieser grunzte nur unwirsch und wischte mit dem linken Arm
durch die Luft, als wolle er mit dem Handrücken eine Ohrfeige verteilen.
»Es sei gewährt«, sagte Kurush und erhob sich.
Constance, Aurec und Creen taten es ihm gleich. Gucky hielt es für
angemessen, per Telekinese aus seinem Sitz zu schweben, ehe er sich zu
den anderen stellte.
Sie verabschiedeten sich und wandten sich zum Gehen, als Taka Raym
erneut einen Grunzlaut von sich gab. Daraufhin rief Kurush ihnen hinterher:
»Seid in einer Stunde wieder an diesem Platz. Und teilt uns dann mit, ob
ihr uns die Koordinaten der Chroniken kampflos übergebt oder ob Taka
Raym sie sich erobern muss. Es ist beides recht.«
Vorsorglich bedachte Constance Gucky mit einem strengen Blick, doch
es war Aurec, der nicht an sich halten konnte.
»Ihr droht uns?«, stieß er hervor, was Kurush jedoch nicht aus der Ruhe
brachte. Er klang sogar fast etwas erstaunt, als er erwiderte: »Keineswegs,
das ist schlicht der Stand der Dinge.«
Constances Blick wechselte zu Aurec und dann zu Kurush.
»In einer Stunde dann«, sagte sie und drängte ihre Gefährten sanft zum
Gehen.
»Mit denen kann man nicht verhandeln«, platzte es aus Aurec heraus,
sobald sie außer Hörweite waren. »Es sind brutale Barbaren, die nur die
Sprache der Gewalt verstehen. Sie respektieren niemanden, der nicht gegen
sie im Kampf besteht. Für die sind wir unbedeutende Opfer. Höchstens
nützliche Geiseln.«
»Ich weiß nicht«, erwiderte Constance. Sie hatten sich am Landeplatz der
NOVA versammelt. Da es mild und trocken war, verzichteten sie darauf,
sich in das Schiff zurückzuziehen.
»Mir klang das alles zu ritualisiert und gestelzt. Sicher, auf der
Inhaltsebene haben sie kompromisslos gefordert und gedroht. Aber wieso
sprechen sie dann überhaupt mit uns? Dieser Kurush will uns überzeugen.
Und habt ihr die verstohlenen Blicke der anderen drei auf Gucky bemerkt?
Die haben gewaltigen Respekt vor ihm.«
Aurec schnaufte. »Nichts für ungut, Gucky, aber genauso gut können sie
dich für ein Fabelwesen aus ihren Kindergeschichten halten. Wenn du zum
ersten Mal den Pfingsthasen leibhaftig vor dir siehst, wirst du ihn auch
ständig anstarren müssen.«
»Osterhase«, sagte Gucky trocken.
»Was?«
»Das terranische Fabelwesen, das du meinst, heißt Osterhase. Zu
Pfingsten kam, glaube ich, ein Ochse. Bin mir aber nicht so sicher
»Wie auch immer. Konntest du ihre Gedanken überhaupt lesen? Und du
Constance, hast du etwas gespürt?«
Beide schüttelten die Köpfe.
»Seht ihr!« Aurec streckte beide Arme aus mit den Handflächen nach
oben. »Sie sind gegen Esper und Mutanten gewappnet. Sie haben keine
Angst vor uns, halten uns hin und schüchtern uns ein, um mit dem
geringsten Einsatz von Ressourcen an die Koordinaten zu kommen.
Womöglich schwärmen gerade ihre Beiboote aus, um nach der
CASSIOPEIA zu suchen, oder sie versuchen, die KI der NOVA zu hacken.«
»Das wüsste ich aber«, drang es aus seinem Armbandcom.
Trotz der ernsten Lage konnte Gucky seinen Nagezahn nicht mehr
zurückhalten. Er liebte Bordrechner mit Humor.
»Nehmen wir mal an, du hast Recht«, schaltete sich Constance ein. »Was
sollen wir deiner Meinung nach jetzt tun?«
Aurec warf in einer hilflosen Geste die Arme in die Höhe. »Wir müssen
einen Plan schmieden. Sie werden uns früher oder später attackieren. Wir
müssen ihnen zuvorkommen. Halten wir sie hin und forschen sie derweil
aus. Vielleicht gelingt es uns, ihr Beiboot zu kapern. Mit ihren Anführern
als Geisel hätten wir ein ziemlich gutes Blatt in Händen. Schließlich wissen
wir genau, wo ihr großes Schiff mit ihrer Cagehall und der Chronik ist.«
Zum letzten Satz zeigte er mit der rechten Hand himmelwärts.
»Na klar!« Constance verdrehte die Augen. »Wir vier gegen eine
Clansburg der Takhal Gud Looter. Wenn’s weiter nichts ist.«
»Wenn nur die Hälfte der Geschichten stimmen, hat Gucky schon ganz
andere Hochrisikoeinsätze gemeistert. Und wir drei sind in diesen Dingen
auch nicht völlig unbeleckt.«
»Doch kein Osterhase?« Gucky hatte die Eitelkeit schon vor
Jahrhunderten hinter sich gelassen. Dennoch konnte er sich die Spitze nicht
verkneifen.
»Aber jetzt mal im Ernst«, fuhr der Ilt fort. »Bei allem Respekt für
deinen Enthusiasmus, Aurec, unser Plan B kann nur die Flucht sein.
Entweder wir erzielen eine Einigung, bei der wir unsere Handlungsfähigkeit
bewahren können. Falls sich dann eine Gelegenheit ergeben sollte, die
Rabauken übers Ohr zu hauen, bin ich gern dabei. Oder aber wir gehen
stiften, ehe es zu brenzlig wird. Und meiner Meinung nach ist es noch nicht
so weit.«
Aurec blickte Creen an, der bislang geschwiegen hatte. »Was meinst du
dazu, Nathaniel?«
Der einstige Kopfgeldjäger zuckte mit den Schultern. »Ich habe dazu
keine Meinung«, sagte er. »Ja, die Typen sind Barbaren, aber sie wollen
auch etwas von uns, das sie mit blanker Gewalt nicht kriegen können.
Keine Ahnung, ob sie das kooperativer macht. Entscheidet ihr, ich bin zu
allem bereit.«
Wieder schnaufte Aurec und verschränkte die Arme.
»Also gut«, übernahm Constance wieder das Wort. »Dann sind wir uns
einig, dass wir ihnen eine gleichberechtigte Zusammenarbeit anbieten und
abwarten, wie sie darauf reagieren.«
Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen in Richtung des Lagers.
»Was machen die da?«, murmelte sie. »Seht ihr das?«, fügte sie lauter
hinzu. »Bauen die da etwa Betten auf?«
Tatsächlich waren erneut die vier Dienstroboter am Werk, schwirrten
umher und gestalteten das Mobiliar in dem Pavillon um.
»Gut!« Gucky klatschte mit seinen Pfötchen. »Wir sind hier ja fertig,
oder? Wollen wir uns die neue Einrichtung anschauen?«
Er reichte Constance die Pfote und sagte an Aurec und Creen gewandt:
»Ihr schafft die paar Meter allein, oder?«
Gemeinsam mit der Entropin teleportierte er zum Pavillon.
Die Roboter schwirrten gerade ab und hinterließen das Lager mit drei
Liegen, je einem Tischchen daneben und dem Lagerfeuer. Alle anderen
Möbel waren wieder entfernt worden. Kurush erwartete Gucky, Constance,
Aurec und Nathaniel Creen allein.
»Ich nehme nicht an, dass ihr uns nun eure bedingungslose Unterwerfung
verkünden wollt«, sagte er, als auch die beiden Männer zu ihnen gestoßen
waren.
Kurush grinste auf eine Weise, die ohne Beteiligung der Augen kalt
wirkte, tatsächlich aber wohl herzlich gemeint war. Zumindest hatte Gucky
so eine Ahnung. Er nickte Constance anerkennend zu, anscheinend hatte sie
mit ihrer Vermutung Recht gehabt.
Kurush wartete keine Reaktion auf seinen Scherz ab und fuhr fort: »Taka
Raym und sein Gefolge haben sich zurückgezogen und mir die weiteren
Verhandlungen übertragen. Als Rhetor Scientia beider Clans ist es mir
gestattet, eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zu vereinbaren. Und ich
weiß, dass die Grundlage für eine solche Zusammenarbeit gegenseitiges
Vertrauen ist.«
»Große Worte«, ergriff Gucky für die Delegation das Wort. »Da wir die
Formalitäten damit hinter uns gelassen haben, frage ich frei heraus: Wie soll
das gelingen?«
Kurush neigte sein Haupt und sagte: »Indem ich euch meinen Geist
öffne. Von den telepathischen Fähigkeiten des Überall-zugleich-Töters
künden die Legenden. Unsere Messungen haben ergeben, dass auch du,
Constance, über PSI-Potential verfügst. Ich bin bereit, euch beide meine
Gedanken lesen zu lassen, auf dass ihr all unsere Ziele und Beweggründe
ohne Täuschung, Lüge oder Verhüllung ergründen könnt. Ihr sollt wissen,
was ich weiß und was mich antreibt. Entscheidet dann, ob ihr uns glaubt,
dass unsere Ziele die euren sind und ob es sich lohnt, Seite an Seite mit den
Takhal Gud Looter im Kosmotarchax zu streiten.«
Gucky zuckte mit den Schultern. »Okay«, sagte er. »Nichts leichter als
das. Dann lass mal deinen Gedankenschirm runter
Kurush neigte erneut leicht sein Haupt und antwortete: »Leider ist die
Mentalstabilisierung, die ich erfahren habe, nicht so einfach zu
durchdringen. Ohnehin dachte ich an eine intensivere Verbindung.«
Er deutete auf die drei Liegen, neben denen jeweils ein Tischchen mit
einer dampfenden Trinkschale stand.
»Dazu bedarf es eines Rituals, das ich vorbereitet habe. Wie ich schon
sagte, hatten wir noch keine Gelegenheit für angemessene Beutezüge auf
diesem Planeten. Aber immerhin habe ich zwei der einheimischen Spezies
genauer untersuchen können, die beide über interessante Parafähigkeiten
verfügen. Ihre Ausscheidungen strahlen im hochfrequenten Hyperspektrum,
und ein Sud daraus hat sich als hochgradig psychoaktiver Wirkstoff
erwiesen. Damit wird es mir gelingen, meinen Gedankenschirm zu öffnen.
Zu zielgerichteten Gedanken werde ich dann zwar nicht in der Lage sein
aber ihr werdet komplett in mein Sein eintauchen und all meine
Erinnerungen und tiefsten Überzeugungen erfahren können. Euch wird der
Trank schnell in den notwendigen Geisteszustand versetzen und eure Gaben
womöglich um einiges steigern.«
Nach seiner Rede setzte Kurush sich auf eine der Liegen und griff nach
seiner Schale. Constance und Gucky warfen sich einen skeptischen Blick
zu, zuckten mit den Schultern und ließen sich ebenfalls nieder.
Der Mausbiber schnupperte kurz an der Schale und sagte dann: »Ich
glaube, wir versuchen es erst einmal ohne den Sud.«
An Aurec und Creen gewandt fügte er hinzu: »Habt ein Auge auf uns,
vermutlich werden wir eine Weile in Trance versinken und nicht
ansprechbar sein.«
»Wir sichern die Umgebung und halten die NOVA starbereit«, bestätigte
Aurec und zog sich dann mit Creen zurück.
Kurush hatte inzwischen seine Schale geleert und sich hingelegt. Seine
Arme lagen gekreuzt auf seiner Brust, und er murmelte eine Art Mantra vor
sich hin. Die Irisblende seines Kunstauges auf der Stirn hatte sich
geschlossen.
»Na, dann wollen wir mal.« Gucky blieb aufrecht auf der Liege hocken,
Constance hatte sich im Lotussitz darauf niedergelassen.
»Greif zunächst nach meinem Geist, Constance«, sagte der Ilt und
schloss seine Augen. »Wir bilden einen Parablock und gehen gemeinsam
rein. Das stärkt uns besser und sicherer als diese komische Brühe aus
Mungosabber und Blaue-Zwerge-Schweiß.«
Dann leitete er sie zu einer gemeinsamen Atemübung an und fühlte
behutsam nach ihren Gedanken. Er wusste aus Erfahrung, dass er sich in
einem Parablock zurückhalten musste, um andere Teilnehmer nicht zu
überwältigen. Aber er merkte schnell, dass Constance ebenfalls Übung in
solchen Dingen hatte. Problemlos verbanden sie ihre Kräfte und suchten
gemeinsam nach dem Bewusstsein Kurushs. Sie fanden es sofort, da es wie
ein Leuchtfeuer im Hyperraum strahlte. Der Sud hatte tatsächlich alle
Schranken seines Geistes niedergerissen, so dass er völlig unverschlossen
vor ihnen lag.
Vorsichtig berührten Constance und Gucky Kurushs Geist, fanden etliche
Wege, die sich ihnen öffneten und schlüpften hinein.
Dann wurde es schlagartig finster.
Kapitel 3: Der Untergang des Dorgonischen
Imperiums
1860 NGZ, Götteralltempel zu Dom, Planet Dorgon, Galaxie
Dorgon
»Fühlt sich gut an, nicht wahr?«
Kurush zuckte zusammen und riss seine rechte Hand reflexartig an sich.
Mit lautem Klatschen landete sie auf seiner Brust, mit seiner Linken fixierte
er sie dort, als wollte er sie von weiteren Alleingängen abhalten. Er rührte
sich nicht und atmete so flach, wie er konnte.
»Keine Angst, Kurush.« Die sanfte Stimme der Mater Aemelia erklang
nun direkt neben ihm. Er konnte sogar das leise Rascheln ihres Gewandes
hören, als sie ihren Arm hob. Daher erschrak er nicht erneut, als er ihre
weiche Hand auf seiner Schulter spürte.
»Soll ich dir eines der Bücher rausholen?«, fragte sie. »Die Buchdeckel
fühlen sich noch interessanter an als die Buchrücken. Und wenn du magst,
lese ich dir gern ein bisschen daraus vor
Kurush nahm all seinen Mut zusammen und nickte unbeholfen. Gesten
wie diese hatte er sich schon als ganz kleines Kind mühsam antrainiert,
fühlte sich aber stets unwohl damit.
»Ich habe dich beobachtet, wie du den Predigten und den Lektionen
gelauscht hast.«
Aemelias Stimme strahlte eine ehrliche Freundlichkeit aus. Dennoch
blieb der Junge skeptisch. Als Tempelsklave war er Zeit seines Lebens, also
seit nunmehr sieben Jahren, Eigentum des Ordens und wurde folglich wie
ein Gegenstand behandelt. Er hatte schon sehr früh lernen müssen, dass er
von diesem Leben nichts zu erwarten hatte. Er durfte keine
Aufmerksamkeit erwecken und musste tun, was man ihm sagte. Nur dann
konnte er hoffen, dass ihm zusätzliches Leid erspart blieb zusätzlich zum
Hunger, zur Kälte und zur Dunkelheit. Und doch waren da diese Neugier
und dieser Wissensdurst, denen er einfach nicht widerstehen konnte.
Aemelia war die neue Ordensmutter des Tempels. Er hatte sie noch nicht
oft sprechen hören. In den seltenen Momenten hatte sie ihre Stimme aber
nie im Zorn erhoben. Das musste nichts heißen, schließlich musste man
kein Schreihals wie der alte Pater Pomerius sein, um Sklaven und
Untergebene umherzuschubsen.
Ein Teil von ihm rechnete daher jeden Moment mit einer strengen
Zurechtweisung oder gar mit Schlägen. Die Geräusche, die er vernahm,
klangen aber eindeutig danach, dass die Mater einen der dicken Folianten
aus dem Regal zog.
»Komm!«, sagte sie. »Setzen wir uns auf die Bank.«
Er spürte ihren Handrücken an seinem Oberarm. Nach kurzem Zögern
ergriff er ihre Hand und ließ sich führen.
Kurush bemühte sich, möglichst gerade und aufrecht zu sitzen und dabei
den geringstmöglichen Platz einzunehmen. Behutsam griffen zwei Finger
nach seinem dürren Handgelenk und hoben seine Rechte auf den
Buchdeckel. Diese zärtliche Geste war so völlig anders als alles, was er
gewohnt war. Seit er denken konnte, wurde er höchstens am Handgelenk
gepackt und irgendwo hingezerrt, um dort zu arbeiten oder still zu
schmoren, bis man ihn wieder brauchte.
Mater Aemelia hatte recht, der Buchdeckel fühlte sich äußerst interessant
an. Er ließ seine Finger über die schrundige Oberfläche gleiten. An einer
schmalen glatten Stelle hielt er inne. Sie war etwa so breit wie sein
Zeigefinger, führte jedoch in einer Linie weiter. Er folgte dem Schwung
dieser Linie, was bei ihm einen Eindruck von Eleganz hinterließ.
»Das ist der Buchstabe Aleva aus dem altdorgonischen Alphabet«,
erklärte die Mater.
Da er keine Reaktion zeigte, fügte sie hinzu: »Weißt du, was Buchstaben
sind?«
Kurush nickte, auch wenn er nur eine vage Vorstellung davon hatte. Im
Zweifel war es immer besser zuzustimmen, wenn man keinen Ärger
bekommen wollte.
»Aleva steht für den Laut a«, fuhr sie fort. »Und damit beginnt auch der
Titel dieses Buches, Almanacus Dorgonica, was so viel heißt wie
Dorgonisches Zeitenbuch. Es ist fast 200 Jahre alt und fasst in kurzen
Kapiteln die Geschichte des Dorgonischen Imperiums zusammen. Es sind
also keine Predigten, sondern Lektionen aus der Vergangenheit, die jedoch
auch sehr lehrreich sind. Es ist damals für junge Tempelschüler geschrieben
worden. Höchste Zeit, dass es wieder zum Einsatz kommt. Welches Kapitel
soll ich dir vorlesen? Für welchen Imperator interessierst du dich?«
Kurushs Neugier hatte endgültig seine Angst und Vorsicht
niedergerungen.
»Erzähle mir vom letzten Imperator«, sagte er.
Aemelia gab einen Laut von sich, der Verwunderung oder Anerkennung
zum Ausdruck bringen mochte aber vielleicht bildete sich Kurush das
auch nur ein und es war ein schlichtes Räuspern.
»So sei es«, sagte sie. »Dann höre nun die Geschichte von Kaiser Falcus.
Doch um diese Geschichte begreifbar zu machen, sollte ich mit seinem
Vorgänger Vesus beginnen, den man auch den Glücklosen nannte.«
Die nun folgenden Geräusche waren Musik in Kurushs Ohren. Das hohle
Krachen, Knacken und Knistern stand stets für den Moment, kurz bevor
Wissen und Weisheit verkündet wurden: Mater Aemelia schlug das Buch
auf und begann damit, die Lektion aus der dorgonischen Geschichte über
das letzte Jahrhundert des Imperiums vorzulesen:
»Der Niedergang des Dorgonischen Kaiserreichs ist in späteren
Jahrhunderten oft dem vermeintlich glücklosen oder gar ungeschickten
Wirken von Kaiser Vesus zugeschrieben worden. Zu diesem Bild haben vor
allem populäre Bühnenstücke wie die Tragödie ›Vesus der Glücklose‹ oder
die komische Oper ›Kaiser Pechvogel‹ beigetragen, die etwa ein
Jahrhundert nach seinem Tod sehr beliebt waren. Mit den wahren
Ereignissen haben sie indes nur wenig zu tun. Chronisten, die ihre Pflicht
ernst nehmen, erkennen den Brand als alleinige Ursache des Untergangs des
Imperiums an.
Als an jenem schicksalshaften Tage mit einem Mal fast alle
Hyperkristalle nutzlos wurden, gingen die Gelehrten zunächst von einem
kollektiven Ausbrennen der Schwingungsquarze aus. Erst später erkannte
man, dass sich in Wahrheit eine fundamentale kosmologische Größe, die
man bis dato für eine Konstante gehalten hatte, spontan geändert hatte. Der
Begriff Brand ist dennoch in zahlreichen Aufzeichnungen erhalten
geblieben.
Mit dem flächendeckenden Ausfall der kompletten fünfdimensionalen
Technologie und Wirtschaft oder zumindest ihrer drastischen
Leistungsreduzierung war allen interstellaren Staatengebilden jede
Grundlage für ihren weiteren Fortbestand entzogen worden. Für das
Kaiserreich als größtes und mächtigstes Staatengebilde in Dorgon galt dies
ganz besonders. Energieproduktion, Rechnerleistung, Kommunikation und
Handel, all das brach buchstäblich vom einen auf den anderen Tag
zusammen und musste von Grund auf neu aufgebaut werden. Tatsächlich
stellte sich Kaiser Vesus dieser Aufgabe anfänglich außerordentlich
erfolgreich. Vor allem die Wirtschaft und das Finanzwesen des Imperiums
konnte er durch massive Investitionen in einen schnellen Umbau der
Rechnernetzwerke vor dem Zusammenbruch bewahren. Dabei
vernachlässigte er jedoch seine Kriegsflotte und somit das Rückgrat der
kaiserlichen Militärmacht.«
Beim Vorlesen des letzten Satzes sprach die Mater immer langsamer.
Kurush hatte ihr an den Unterarm gefasst.
»Hast du eine Frage, Kurush?« Ihre Stimme blieb sanft und zugewandt.
Daher wagte es der Jungen zu nicken.
»Dann frag ruhig!«, ermutigte sie ihn. »Nur so kannst du lernen und dein
Wissen vergrößern.«
»Ich würde gern mehr über diesen Brand erfahren«, sagte er. »Was hat es
damit auf sich? Wie kann so ein Ereignis ein ganzes Reich zu Fall
bringen?«
Darauf hörte er ein Schnauben von Aemelia, das ihm irgendwie belustigt
vorkam.
»Weißt du«, sagte sie schließlich, »damit hast du genau den Punkt
angesprochen, über den ich dir am wenigsten sagen kann. Aber das, was ich
weiß, will ich dir erklären. Man spricht schon lange nicht mehr vom Brand.
Heute wird das Phänomen als Erhöhung der sogenannten Hyperimpedanz
bezeichnet. Um zu verstehen, was genau das bedeutet, müsstest du
Hyperphysik studieren. Das ist eine …«, sie zögerte kurz, »… andere Art
von Weisheit als jene, die wir hier praktizieren. Vereinfacht gesagt
beschreibt ein Hyperphysiker die Welt mit Zahlen, Größen und Konstanten.
Damit kann er sehr gut Vorhersagen machen, so lange die Zahlen sich so
verhalten, wie er es gewohnt ist. So konnten die Physiker sehr dabei helfen,
die Technologie wieder zum Laufen zu bekommen, als die Zahlen wieder
stabil waren. Vor dem Hyperimpedanzschock warnen konnten sie jedoch
nicht. Eine Erklärung haben sie bis heute nicht liefern können.«
»Habt Ihr und die anderen Priester denn eine Erklärung?«
Mater Aemelia ließ mit ihrer Antwort einen Moment lang auf sich
warten.
»Wir sind der Überzeugung, dass alle Dinge, die geschehen, auf den
Willen der Götterall DORGON und MODROR zurückzuführen sind. Sie
sind Schöpfer und Zerstörer des Universums und stehen somit am Anfang
und am Ende aller Dinge. Die Frage, warum DORGON und MODROR es
so wollten, ist Gegenstand jahrhundertelanger religiöser Erörterungen und
letztlich eine Frage des Glaubens. Dass sie es so wollten, ist indes eine
Tatsache. Das ist im Übrigen auch der Grund, aus dem wir solche
Chroniken und ihre Lehren in diesem Tempel in Ehren halten. Was
geschieht und geschehen ist, ist Ausdruck des Willens der Götterall.«
Kurush schwieg daraufhin eine ganze Weile und dachte über das Gehörte
nach. Aemelia gönnte ihm die Zeit und fragte schließlich:
»Soll ich weiterlesen?«
Kurush bejahte, und so fuhr sie fort:
»Die Princips Protectoren der vier Provinzen des Dorgonischen Reiches
nutzen diese militärische Schwäche aus und forderten immer mehr
Vollmachten und unabhängige Entscheidungsgewalt vom Kaiser, meist
unter dem Vorwand, dass sie ihrerseits gegen rebellierende Preconsusse
vorgehen mussten. Vesus hatte kaum eine Wahl, als ihnen Jahrzehnt um
Jahrzehnt immer mehr Autonomie zu gewähren. Eine Autonomie, die er
nicht mehr so leicht zurücknehmen konnte, selbst als die ersten kaiserlichen
Adlerflotten wieder zwischen den Sternen kreuzten.
Als sich sechzig Jahre nach dem Brand das Protektorat Harrish offiziell
vom Kaiserreich lossagte, war der Erste Bürgerkrieg nicht mehr zu
verhindern. Nach knapp zwanzig Jahren konnten die kaiserlichen Truppen
zwar einen Sieg erringen, kurz darauf verstarb Vesus jedoch im Alter von
einhundertneunundachtzig Jahren.
Damit war der kurze Sieg für die Einheit des Reiches wieder dahin. Der
Nachfolgestreit riss die Protektorate sofort auseinander. Zwar konnte mit
dem greisen Falcus bald ein Kompromisskandidat für den Thron gefunden
werden, doch seine Regentschaft war von immer größeren Zugeständnissen
an die Princips Protectoren geprägt. Dadurch konnte schon zu seiner Zeit
von einem zusammenhängenden Imperium keine Rede mehr sein.
Seine einzige nennenswerte Entscheidung war der Umgang mit den
Flüchtlingen aus der Galaxie Cartwheel, die wenige Jahre nach Falcus’
Thronbesteigung am Sternenportal von Dorgon auftauchten. Im Gegensatz
zu den Princips Protectoren stufte er die Fremden als große Bedrohung ein
und drängte zunächst darauf, sie allesamt zu vernichten oder wenigstens aus
der Galaxie zu vertreiben. Die Cartwheeler waren kein homogenes Volk,
sondern eine bunt zusammengewürfelte Mischung aus Terranern,
Dscherros, Skoars, Hauri und einigen mehr. So unterschiedlich sie waren,
stammten sie alle aus besonders kriegerischen Völkern, was Falcus für eine
enorme Gefahr für ganz Dorgon hielt. Mit seiner radikalen Forderung
konnte er sich jedoch nicht durchsetzen. Immerhin folgte man seinem
Kompromissvorschlag, die Cartwheeler auf drei abgelegenen Welten
anzusiedeln und weitgehend zu demilitarisieren. Die fürchterlichen Folgen
davon, dass dieser letzte Befehl bald schon hintertrieben wurde, sollte er
nicht mehr erleben. Falcus starb nach knapp dreißig Jahren Regentschaft,
und mit ihm endete das Imperium. Buchstäblich am selben Tage erklärten
die Princips Protectoren ihre Provinzen zu unabhängigen
Sternenkönigreichen und sich selbst zu ihren alleinigen Herrschern.«
Mit einem lauten Knall schlug Aemelia unvermittelt das Buch zu. Als
Kurush zusammenzuckte, lachte sie glockenhell auf.
»Verzeih, Kurush«, sagte sie. »Aber für heute soll es genug sein.«
»Aber ich habe noch so viele Fragen«, begehrte er auf.
»Das weiß ich«, antwortete Aemelia. »Und deswegen werde ich dir von
nun an jeden Tag eine Stunde lang deine Fragen beantworten.«
Kurush wusste buchstäblich nicht, was er darauf sagen sollte. Daher
schwieg er.
»Was sagst du dazu?«, fragte sie nach.
»Ich ich muss Meister Seon fragen. Er teilt mir jeden Morgen meine
Arbeit zu.«
Der Gedanke an seinen unmittelbaren Herrn ließ ihn schaudern. Er
sprang auf und rang mit den Worten.
»Ich sollte doch Staub wischen«, brachte er schließlich hervor, »und
mich danach in der Küche zum Spülen melden.«
Sein Atem ging schnell, als die Panik ihn zu übermannen drohte. Seon
würde es nicht bei strengen Worten belassen. Stock und Rute saßen bei ihm
stets locker.
Aemelias warme Hand auf seiner Schulter beruhigte ihn ein wenig. Ihre
folgenden Worte taten ein Übriges:
»Ich habe mit Seon gesprochen. Du bist fürs Erste von deinen bisherigen
Pflichten befreit. Und morgen wirst du nach dem ersten Schrei des
Argusvogels gleich zu mir kommen und deine Fragen stellen. So wollen wir
es jeden Tag halten – und erst wenn dir keine Fragen mehr einfallen, kannst
du zurück zu Seon gehen.«
Als Kurosh darauf zögerlich nickte, lachte sie wieder auf. Der Junge
begann Gefallen an diesem Lachen zu finden. Sie nahm seine Hände und
legte ihm ein rundliches Gerät hinein.
»Damit dir die Fragen so schnell nicht ausgehen, gebe ich dir dies. Es ist
ein Apparat, der dir Bücher vorliest. Du musst nur diesen Knopf hier
drücken, damit er beginnt, drückst du ihn noch einmal, hört er wieder auf.«
Behutsam führte sie seine Finger an die entsprechende Stelle und erklärte
noch ein paar weitere Funktionen.
»So«, sagte sie schließlich. »Nun gehst du in die Küche, isst etwas und
ziehst dich dann mit dem Gerät in deine Kammer zurück. Morgen erwarte
ich deine Fragen, mein Schüler
Kapitel 4: Meuchler zwischen den Sternen
1862 NGZ, Götteralltempel zu Dom, Planet Dorgon, Galaxie
Dorgon
Jahre vergingen, die Dunkelheit blieb.
»Eile dich, Kurush! Folge meiner Stimme!«
Der Junge stolperte an der Türschwelle und ließ einige der Bücher fallen,
die er auf dem Arm trug.
»Lass sie liegen«, sagte Mater Aemelia. Mit schnellen Griffen nahm sie
ihm die restlichen Bücher ab und fasste ihn am Handgelenk.
»Vorsicht, hier kommen gleich drei Stufen.«
Nachdem die Hürde überwunden war, ließ sie seinen Arm wieder fahren.
Das Rascheln ihres Gewandes verriet Kurush, dass sie schnell voranlief.
»Rasch!«, rief sie.
Kurush fühlte, wie der Boden unter seinen Füßen zu vibrieren begann.
Das ferne Donnergrollen, das seit Tagen überall herrschte, wurde erneut
eine Nuance lauter.
»Sie sind bald hier«, sagte er.
»Ich weiß.«
Die Stimme der Mater klang gepresst, als würde sie gerade etwas
Schweres heben. Ein dumpfes Knarren drang an Kurushs Ohren.
»Hier drin haben wir einstweilen unsere Ruhe. Komm und hilf mir mit
der Tür
Ein hohles Knallen zeugte davon, dass Aemelia die Bücher achtlos
beiseite geworfen hatte.
Nun zogen sie beide an dem kalten Metallring, bis die schwere Tür in
ihre Fassung fiel.
»So!«, sagte die Mater mit einem Händeklatschen. »Kommen wir zu
unserer heutigen Lektion, mein Schüler. Welche Fragen hast du?«
Sie führte ihn zu einem Stuhl und setzte sich offenbar daneben. Dem Hall
ihrer Stimme und aller Geräusche nach, war es eine karge, aber recht kleine
Kammer. Da sie sich sehr tief in den Gewölben des Tempels befanden,
könnte es sich um eine alte Kerkerzelle handeln, von denen er selbst zu
seinen Zeiten als Tempelsklave nur gerüchteweise gehört hatte.
Doch das war nicht Gegenstand seines aktuellen Interesses. Vielmehr
stellte er folgende Frage:
»Warum?«
Obwohl er es gar nicht lustig gemeint hatte, erklang das von ihm so
geliebte helle Lachen der Mater.
»Danke«, sagte sie, »das habe ich gebraucht.«
Nach einem Moment fügte sie jedoch ernster hinzu: »Ich weiß, das sollte
kein Scherz sein. Verzeih.«
Sie holte seufzend Luft und fuhr fort:
»Du stellst diese wichtigste aller Fragen zum richtigen Zeitpunkt.
Erlaube mir, sie zunächst ganz profan historisch herzuleiten. Ich glaube,
diese Zeit haben wir
Kurush hörte das vertraute Rascheln und Atemholen, mit dem Aemelia
sich stets zurechtsetzte und für eine längere Lektion vorbereitete.
»Du kennst die Geschichte der Geißel, die gerade über uns kommt.
Dennoch will ich sie dir noch einmal genau herleiten. Als der letzte
Dorgonische Kaiser starb, waren die Flüchtlinge aus Cartwheel fast in
Vergessenheit geraten. Man hatte sie auf abgelegene Planeten deportiert und
sie dort sich selbst überlassen. Kaiser Falcus hatte sie als große Gefahr
eingestuft und eigentlich viel drastischere Dinge mit ihnen geplant.
Aufgrund seiner schwindenden Macht hatte er aber nie mehr als die
Deportation durchsetzen können.
Als die Protektorate gleich nach seinem Tod ihre Unabhängigkeit
erklärten, erinnerten sie sich an die Cartwheeler, die als geübte Kämpfer
galten. Zwanzig Jahre lang rüsteten die selbsternannten Sternenkönigreiche
auf und rekrutierten dabei fleißig eben diese Cartwheeler als Söldner,
Ausbilder und Offiziere.
Bei Ausbruch des unvermeidlichen Zweiten Bürgerkriegs kämpften sie
auf fast jeder Seite. Einheiten, die von diesen Söldnern angeführt wurden
oder komplett aus ihnen gebildet waren, erwiesen sich als besonders
grausam und erfolgreich im Gefecht. Nach ein paar Jahren entglitten diese
Einheiten immer mehr der Kontrolle der Sternenkönigreiche und
verselbständigten sich zusehends. Viele Historiker sind heute überzeugt,
dass der Zweite Bürgerkrieg ohne die Cartwheel-Einheiten nach wenigen
Jahren beendet gewesen wäre. So aber tobte er fast einhundert Jahre.
Die Versuche der Sternenkönige, diese Einheiten loszuwerden, führten
schließlich dazu, dass diese sich als eigene Fraktion zusammentaten und
damit begannen, ein eigenes Sternenreich zu bilden. Das Sternenreich
Cartwheel entwickelte sich schnell zu einer dermaßen großen Bedrohung
für ganz Dorgon, dass die einstigen Protektorate ihren Zwist schnell
vergaßen und sich gegen Cartwheel zusammenschlossen. Unter großen
Verlusten konnte das Sternenreich schließlich zerschlagen werden, und
seine Truppen wurden zerstreut. Besiegt waren die Cartwheeler dennoch
nicht. Ihre Kampfflotten und Einheiten verbargen sich in der unfassbaren
Leere zwischen den Sternen. Zweihundert Jahre lang ging in Dorgon das
Gerücht von den Meuchlern zwischen den Sternen umher. Man flüsterte
von barbarischen Sternenpiraten, die ohne Warnung über schutzlose
Randplaneten herfielen und sie restlos ausplünderten. Man raunte von
Söldnern und Freibeutern, die man nur in den entlegensten und übelsten
Raumfahrerspelunken anheuern konnte und die für den richtigen Preis jede
Grausamkeit begingen, die man sich nur vorstellen konnte. Hinter
vorgehaltener Hand warnte man vor der Reise in entlegene Sternensektoren,
falls man mit all seinen Gütern und Gliedmaßen in die Zivilisation
zurückkehren wollte.
Und als aus den Jahrzehnten schließlich Jahrhunderte wurden, bekam
dieses Gerücht einen neuen Namen, der allein ausreichte, um Angst und
Schrecken zu verbreiten: Takhal Gud Looter
»Bekam?«, unterbrach Kurush ihren Vortrag. »Ich dachte immer, es wäre
ihr Eigenname.«
»Teils, teils«, antwortete Aemelia. »Meuchler oder Räuber zwischen den
Sternen oder Sternenmörder oder ›Sternenpiraten‹ waren zunächst
Fremdbezeichnungen, so nannte man die Cartwheeler in Dorgon schon vor
einigen hundert Jahren. Sie übernahmen diese Begriffe schließlich und
übertrugen sie in ihre Sprache.«
»Welche Sprache soll das sein? ›Looter‹ scheint mir aus dem
Altterranischen zu kommen, ›Gud‹ vielleicht auch. ›Takhal‹ kann ich aber
nicht zuordnen.«
»In Ordnung«, sagte Aemelia, und Kurush konnte das Schmunzeln aus
ihrer Stimme heraushören. »Reden wir über ihre Sprache. Wir sollten den
Exkurs aber knapphalten, sonst kommen wir gar nicht mehr zum Kern
deiner Frage.«
Wie zur Bestätigung drang eine weitere dröhnende Erschütterung an ihre
Ohren und fuhr ihnen durch die Glieder.
»Die Cartwheel-Flüchtlinge haben in den Jahrhunderten eine recht bunte
Kreolsprache entwickelt, die sich stetig verändert hat. Vor allem in den
Bürgerkriegsjahrzehnten haben die Dscherro unter ihnen an Bedeutung
gewonnen, weshalb immer mehr Begriffe aus dem Dschett hinzukamen.
Takhal ist so ein Begriff. Er bezeichnet einen Stamm beziehungsweise eine
Gruppe, der ein Taka vorsteht.«
»Und das alles zusammen soll dann Räuber zwischen den Sternen
bedeuten?«
»Nach mehrfachen Hin und Herübersetzen über die Jahrhunderte ist
das schwer zu beantworten. Manche sagen, dass es ursprünglich Taq al
Guud hieß, was Alt-Harrish für Plage der Götter ist.« Aemelias Stimme
klang unverändert freundlich und doch erkannte Kurush ihre wachsende
Anspannung darin. Erneut raschelte es, als sie sich zu ihm vorbeugte. Sie
atmete tief durch und fuhr dann fort: »Mein lieber Kurush, diesmal hilft es
nichts, wenn du unser Gespräch durch Abschweifungen in die Länge ziehst.
Du wirst das Unvermeidliche nicht hinauszögern können. Im Gegenteil, wir
werden nicht mehr zur Antwort auf deine eigentliche Frage vordringen
können, wenn sich unsere Gedanken in Nebenschauplätzen verlieren.«
Kurush schluckte und nickte dann heftig. Er brauchte einen Moment, ehe
er wieder sprechen konnte.
»Du hast recht.« Die ersten Worte klangen krächzend, wurden dann
jedoch immer klarer. »Im Angesicht des Endes will ich wenigstens wissen,
warum dies alles geschehen muss.«
»Genau«, sagte die Mater. »Es muss geschehen, denn es ist DORGONs
und MODRORs Wille. Um diesen Willen zu ergründen, müssen wir genau
wissen, was geschehen ist. Nur aus der möglichst exakten und detaillierten
Wiedergabe des Geschehenen ist er herauszulesen. Insofern war deine
Frage nach dem Namen und der Sprache nicht unwichtig, zeigt die Antwort
darauf doch die wachsende Bedeutung der Dscherro im Völkergemisch der
einstigen Cartwheel-Flüchtlinge. Man sagt, dass diese schon immer
vagabundierende Plünderer waren, die in gigantischen Weltraumburgen von
Stern zu Stern fuhren, um ganze Planeten auszurauben. Diese Lebensweise
haben sie auf die Takhal übertragen. Sie haben seit Jahrhunderten kein
Interesse mehr daran, ein Sternenreich zu erobern und zu beherrschen,
stattdessen ziehen sie in einem guten Dutzend Clans durch die Sterneninsel
und plündern, wo sie nur können. Wo sie auf Widerstand stoßen, stürzen sie
sich mit Begeisterung in den Kampf, oft sind die Clans auch untereinander
in Machtkämpfe verwickelt. Einer von ihnen, der Attila-Clan, hat sich zum
Ziel gesetzt, den Kern des einstigen Imperiums auszurauben, die Welt
Dorgon und die Stadt Dom höchstselbst. Und nun sind sie hier
Damit beendete Mater Aemelia vorerst ihren Vortrag. Kurush und sie
lauschten einen Moment lang schweigend dem Kriegsdonner über ihnen.
Nach einigem Nachdenken unterbrach der Schüler das Schweigen:
»Somit ist der Grund für diesen Überfall der Einfluss der Dscherro bei
den Takhal, die Ursache dafür ist wiederum der Bürgerkrieg vor vierhundert
Jahren, der wiederum die Folge des Zerfalls des Imperiums ist, der auf den
Hyperimpedanzschock folgte.«
»Das wäre eine mögliche Antwort.«
»Doch wenn man diese Kausalkette immer weiter fortführt, landet man
schließlich bei der Entstehung des Kosmos. Soll das heißen, dass alles, was
geschieht, eine unweigerliche Folge der Existenz an sich ist? Es geschieht,
weil es geschieht?«
»Die reine Wissenschaft würde sich vermutlich mit genau dieser Antwort
zufriedengeben. Die Dinge folgen nach strengen Naturgesetzen aufeinander,
ohne dass jemand darauf Einfluss nehmen könnte. Selbst das
Zufallselement auf der Ebene der kleinsten Teilchen ergänzt das Ganze
lediglich um etwas Willkür
Nach einer erneuten Pause fügte sie hinzu: »Alles sehr unbefriedigend,
nicht?«
Kurush hatte den Lärm und das nahende Ende, das er verkündete,
inzwischen vollkommen ausgeblendet. Es galt in diesem Moment, einen
Gedanken zu fassen und zu verinnerlichen. Gespräche dieser Art hatten die
Mater und er schon oft geführt, auf einer theoretischen intellektuellen
Ebene wusste er auch, worauf sie hinauswollte. Doch nun, im vermutlich
letzten Augenblick seines Daseins hatte er die Chance, wirklich zu
verstehen.
»Es geht also nicht darum zu wissen, sondern zu glauben«, sagte er und
wiederholte damit zunächst nur einen Satz, den er schon oft vernommen
und rezitiert hatte. »Erkenne ich in dem, was geschieht, mehr als die
unweigerliche Abfolge von Ereignissen, sondern einen Plan, einen Willen
und das Wunder, das daraus folgt?«
Mater Aemelia kommentierte seine Worte nicht, auch als er eine längere
Pause machte.
Kurush holte tief Luft. Ein leichtes Kribbeln lief ihm den Nacken hinauf.
War er da etwas auf der Spur? Einer tieferen Erkenntnis? Oder begann er
einfach nur zu akzeptieren, dass er in sehr naher Zukunft eines gewaltsamen
Todes sterben würde?
»Was ich da erkenne, ist Niedergang«, sagte er schließlich. »Aber ich
will nicht glauben, dass dies der Wille des Schicksals oder der Götterall ist.
DORGON lässt kein strahlendes Reich und prosperierende Kulturen
entstehen, nur um sie dann von MODROR in den Staub treten zu lassen.
Genauso wenig wird Leben erschaffen, nur um den Tod zu ermöglichen,
oder das Universum ins Werk gesetzt, nur damit man dereinst seinen Zerfall
beobachten kann. Das kann kein Selbstzweck sein.«
Kurush war so ergriffen, dass er sich von seinem Platz erhob, ehe er
weitersprach.
»Nein!«, rief er aus. »Selbst im Angesicht des unvermeidlichen Endes
trotzt das Leben dem Tod. Jeder Atemzug ist ein Sieg. Der Niedergang wird
uns vor Augen gehalten, um stetig dagegen anzukämpfen.«
Er tastete auf der Tischplatte vor ihm nach den wenigen Büchern, die sie
bis hierher gerettet hatten. Er konnte drei davon finden und merkte freilich
nicht, dass Aemelia sie ihm sanft zuschob. Er nahm den Stapel in beide
Arme und presste ihn fest an seine Brust.
Es war unheimlich leise geworden, nur ein Rauschen, Knacken und
Knistern drang an seine Ohren, als würde ein gigantisches feuerspeiendes
Monster noch einmal für den letzten alles vernichtenden Brodem tief Luft
holen. Oder war es das Pochen seiner Blutbahnen, das er da hörte?
Leise fuhr er fort:
»Auch wenn wir heute sterben sollten, wird uns das Wissen, das wir
bewahrt und verinnerlicht haben, überdauern. Irgendetwas wird bleiben und
einst die Saat für neues …«
Dann wurde es mit einem Mal unfassbar laut. Ein heißer Orkan packte
ihn und warf ihn wie eine Gliederpuppe durch die Luft. Er verlor sofort das
Gefühl dafür, wo oben und unten war, konnte sich nur noch krampfhaft an
den Büchern festklammern. Hart schlug er gegen eine feste Oberfläche,
wurde von schweren Gegenständen getroffen und verlor das Bewusstsein.
Das erste, das er wieder wahrnahm, war ein beißender Geruch, der sich
schwallweise über ihn ergoss. Begleitet von einem schnaufenden Geräusch
direkt an seinem Ohr und warmfeuchten Luftstößen auf seinem Gesicht
kamen immer neue Aromen hinzu, die er nur aus dem Küchen und
Latrinendienst in seiner Zeit als Tempelsklave kannte. Sein Magen begann
zu rebellieren und ließ ihn am ganzen Leib zittern.
»Guck an, du lebst ja noch.«
Nun zuckte Kurush richtig zusammen. Die Stimme war rau und laut. Die
Worte wurden mit einem Schwall Speicheltropfen hervorgebellt. Aber
immerhin konnte er sie verstehen.
»Was hast du da?«
In seiner Vorstellung hielt Kurush die Bücher in einer eisernen
Umklammerung, die keine Macht des Universums je würde lösen können.
Das Wesen neben ihm zupfte sie ihm mit einer Leichtigkeit aus den Armen,
als hätte es ein Blümchen gepflückt.
»Bücher?« Das geblaffte Wort sollte wohl ein höhnisches Lachen sein.
»Was will jemand ohne Augen mit Büchern?«
Zu seiner eigenen Überraschung wurde Kurush ganz ruhig und
antwortete mit klarer Stimme: »Sie wurden mir vorgelesen. Ich weiß
auswendig, was darin steht.«
»Ha!«, drang es an seine Ohren. »Ein schlaues Kerlchen also. Das wird
unseren Rhetor interessieren.«
Dann wurde er von einer enorm breiten Pranke am Unterarm gepackt, die
niemals von einem Dorgonen stammen konnte. Kurush fühlte sich
emporgerissen.
»Koscha!«, rief das Wesen mit unglaublicher Lautstärke.
Kurushs wenige Jahre in Freiheit hatten damit jäh ihr Ende gefunden.
Kurush hatte es nie gewagt, nach Mater Aemelia und ihrem Schicksal zu
fragen. Auch wenn es absurd und zutiefst irrational war, wollte er sich diese
Ungewissheit und somit die zumindest theoretische Möglichkeit bewahren,
dass sie den furchtbaren Überfall irgendwie überlebt und sich ihre Freiheit
bewahrt haben könnte.
Fast noch absurder empfand er die Tatsache, dass ihm seine Erfahrungen
als Tempelsklave dabei halfen, die erste Zeit bei den Takhal Gud Looter mit
abgestumpftem Gleichmut zu überstehen. Tatsächlich griffen diese
Gedanken ineinander. Er wusste genau, wie es war, als Gegenstand
behandelt zu werden, daher ertrug er es. Und er richtete sich an der
Erinnerung an die Gespräche mit der Mater auf, ein Teil seiner Selbst, den
ihm niemand nehmen konnte.
Die ersten Tage verbrachte er eingepfercht mit unzähligen anderen
Gefangenen in einer Halle, in der sie sich weitgehend selbst überlassen
wurden. Wie er es in frühester Kindheit gelernt hatte, suchte er sich einen
Platz ganz am Rand an einer der Wände und versuchte, so wenig
Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen.
Das erwies sich schon bald als hilfreich, da die anderen Gefangenen
untereinander in Streit gerieten. Viel später begriff Kurush, dass dies voll
und ganz im Sinne der Takhal und ihrer erbarmungslosen Philosophie vom
Recht des Stärkeren war. Ein paar Tage bei wenig Nahrung, ohne
zivilisatorische Annehmlichkeiten und vor allem ohne Aufsicht und
Perspektive sollten die Schwächsten unter ihnen aussieben.
Nun war Kurush zu diesem Zeitpunkt alles andere als stark, aber er war
zäh, ausdauernd und hatte die bedürfnislose Langmut eines hoffnungslosen
Sklaven voll verinnerlicht. Er verbrachte diese Zeit damit, in seinem Kopf
die auswendig gelernten Bücher und Lektionen zu rezitieren.
Und er lauschte, hörte zu, nahm mit allen ihm zur Verfügung stehenden
Sinnen wahr, was um ihn herum vorging abgesehen vom immer
schlimmer werdenden Geruch, den er bald ausblendete. Die sich
entwickelnde Hackordnung unter den Gefangenen hatte er schnell
durchschaut. Emotionslos nahm er zur Kenntnis, dass man ihn dem Tode
nah wähnte und daher ignorierte.
Hin und wieder spürte er Gekrabbel auf seinem Leib, vermutlich
kulturfolgende Schädlinge, die in den Schiffen der Takhal lebten und alle
Kammern und Hallen nach Essbarem durchsuchten. Doch auch das ließ er
über sich ergehen. Aus Erfahrung wusste er, dass solche Tiere hin und
wieder Krumen hinterließen, mit denen sich solche Wartezeiten
überbrücken ließen. Zusammen mit dem Kondenswasser, das an der Wand
herablief, konnte ein genügsames Wesen wie er einige Zeit durchhalten.
Das Einzige, was sein Interesse weckte, waren die Stimmen, die er
manchmal durch die Wand hören konnte. Ob sie vom Raum nebenan
stammten oder durch Leitungen in der Wand zufällig weitergetragen
wurden, wusste er nicht zu sagen. Zu einigen Stunden vernahm er auf
diesem Wege rituelle Sprechgesänge und Litaneien, die ihm merkwürdig
vertraut vorkamen. Verstehen konnte er kaum etwas davon, lediglich einen
Chorus, der immer wieder vorkam und in einem altdorgonischen Idiom
rezitiert wurde, setzte er sich schließlich wie folgt zusammen: »Der
Kosmotarchax kommt! Er bringt Kampf, er bringt Ruhm, er bringt Beute
und er bringt den Tod.«
Diese gebetsartigen Sätze faszinierten ihn auf unerklärliche Weise. Trotz
ihres primitiv-morbiden Inhalts und obwohl er mit dem Begriff
»Kosmotarchax« nichts anfangen konnte.
In seinen Gedanken verwob er sie mit seiner Erinnerung an das letzte
Gespräch mit Mater Aemelia. War mit dem Kosmotarchax das
unvermeidliche Ende gemeint, dem jedes Leben entgegenstrebte? Und kam
es nur darauf an, wie man sich diesem Ende stellte? In bedürfnisloser
Gelassenheit oder schreiend, kämpfend und jede Sekunde des Lebens
auskostend?
»Hoch mit dir, Kleiner!«
Kurush erschrak fürchterlich, denn die Stimme erklang direkt neben
seinem linken Ohr, ohne dass er die Annäherung des Sprechenden
irgendwie bemerkt hätte. Sicher, er war nach den Tagen oder gar Wochen
bis an den Rand der Ohnmacht geschwächt und hatte sich mehr und mehr in
seinen Gedanken verloren. Dennoch hätte er spätestens jetzt die Gegenwart
des Anderen hören und riechen müssen.
Als er hochzuckte, spürte er jedoch nur das Gekrabbel fliehender
Kleintiere auf seinem Leib.
Oder nicht?
Die Pfötchen wanderten über seinen Rücken hoch zur rechten Schulter.
Mit einer kraftlosen Bewegung wischte er über diese Stelle, traf dabei
jedoch nichts.
»Lass den Unsinn!«, ertönte es nun an seinem rechten Ohr. »Steh auf!
Merkst du nicht, dass es losgeht?«
Einen Moment lang war Kurush überfordert. Ungewohnte Geräusche
drangen an seine Ohren. Der geheimnisvolle Sprecher hatte Recht, etwas
ging vor in der Halle. Es kam Bewegung in die Gefangenen.
Er überlegte fieberhaft, woher die Stimme gekommen sein konnte.
Natürlich. Es gab auch sehr kleine Intelligenzwesen. Zumindest hatte er
davon gehört. Dann war das womöglich von Anfang an gar kein Tier
gewesen, dass da …
»Nun mach schon!«
Diesmal war es wieder das linke Ohr. Und tatsächlich fühlte er auf der
entsprechenden Schulter ein ganz leichtes Gewicht.
»Wer bist du?«, fragte Kurush mit krächzender Stimme. Gleichzeitig
rappelte er sich langsam auf. Denn tatsächlich war die Ansammlung
zunehmend lethargischer Gefangener auf einmal in Bewegung geraten. Aus
der Richtung, in der er das Eingangsschott der Halle vermutete, drang
Gebrüll.
»Dafür ist jetzt keine Zeit«, zischte die Stimme an seinem Ohr. »Hoch
mit dir und raus aus dem Hangar!«
»Hangar?«, murmelte er. »Was für ein Hangar?«
»Glaubst du etwa, das ist ein Kinderhort hier? Gleich machen sie das
Schott zu und die Hangartore auf. Wer dann nicht draußen ist, bekommt
einen Gratisflug ins All. Also vorwärts!«
Zitternd setzte Kurush ein Bein vor das andere, was die Stimme stets
kommentierte.
»Vorsicht, da liegt einer!«
»Jetzt einen großen Schritt nach links.«
»Und immer auf die Stimmen der Schreihälse zu.«
Bald fand er sich in einem Pulk aus Leibern wieder, die alle in dieselbe
Richtung drängten. Das Gedränge wurde immer größer, die Gefangenen
begannen vor Schmerz oder Panik immer lauter zu schreien. Offenbar hatte
jeder erkannt, welches Schicksal allen blühte, die nicht rechtzeitig
hinauskamen.
Das Gebrüll der Gefangenenwärter oder welche Rolle die Schreihälse
auch immer innehaben mochten übertönte sie jedoch mühelos. Sie
wiederholten immer wieder den Befehl, durch das Schott zu gehen und sich
gefälligst zu beeilen.
»Was ist das denn? Der hat ja gar keine Augen! Den schmeißt ihr gleich
wieder rein!«
Kurush hing völlig kraftlos in der Luft, am Arm von einer Pranke
gehalten, die erneut von keinem Dorgonen stammen konnte.
»Nichts da, Vierauge!«, brüllte die Stimme an seinem Ohr. Wobei sie gar
nicht mehr so dicht an seinem Kopf ertönte. Die kleinen Füßchen
krabbelten wie wild um seinen Leib herum und an seinem Arm empor.
»Was willst du, Krabbelmade? Verzieh dich in deine Wartungsschächte!
Du hast hier nichts verloren. Und schon gar nichts zu melden.«
Das kleine Wesen ließ sich jedoch nicht beirren.
»Der Kleine ist ein Geschenk an den Rhetor. Taka Ekkol persönlich hat
ihn mitgebracht. Aber gut, schmeiß ihn ruhig raus ins All, aber dann hüpf
besser gleich hinterher. Denn Ekkol wird dir sonst alle vier Arme einzeln
ausreißen.«
Kurush vernahm ein Grollen, das offenbar von Vierauge kam. Zumindest
theoretisch wusste er natürlich, was ein Auge war. Bisher war er aber davon
ausgegangen, dass die meisten Intelligenzwesen üblicherweise zwei davon
besaßen.
Einen winzigen Moment lang spürte Kurush den Sog der Schwerkraft
vermutlich künstlicher Natur, wenn sie sich wirklich im Weltall befanden.
Die Pranke hatte ihn losgelassen. Er plumpste auf den Boden und sackte
dort zusammen. Er war viel zu schwach, um sich auf den Beinen abfedern
zu können.
»Dann sieh zu, wie du dein Geschenk zum Rhetor schaffst«, knurrte
Vierauge. »Wenn ihr in fünf Minuten noch hier seid, trete ich ganz aus
Versehen auf euch drauf.«
Diesmal bedurfte es keiner Aufmunterung durch das kleine Wesen.
Kurush rappelte sich auf und tapste auf wackeligen Beinen weg von dem
Gebrüll, das Gefangene und Wärter noch immer veranstalteten.
»Genau«, ertönte die Stimme nun wieder direkt neben seinem Ohr. »Erst
einmal immer geradeaus. Ich zeige dir schon den Weg.«
Nach einer Weile schnaufte das kleine Wesen und fügte hinzu: »Pah!
Skoars! Halten sich für was Besseres, weil sie vier Arme und vier Augen
haben. Dabei kann sie jeder Dscherro aufs Kreuz legen. Selbst zwei
Dorgonen oder Terraner schaffen das.«
Skoars, stimmt. Von denen hatte Kurush gehört.
Das kleine Wesen war ein Foote und hieß Tessaor. Von denen hatte Kurush
allerdings noch nie gehört. Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis er es
vollständig begriff, aber diese etwa dreißig Zentimeter langen
Salamanderartigen waren offenbar mit den Dscherro verwandt oder sie
waren sogar Dscherro, denn sie wurden zusammen mit ihnen geboren und
spielten eine wesentliche Rolle bei der Fortpflanzung. In seinen ersten
Jahren bei den Takhal Gud Looter durchschaute er die Zusammenhänge
noch nicht so ganz, und Tessaor war auch nicht gewillt, es ihm genauer
auseinanderzusetzen.
Kurush nahm einfach zur Kenntnis, dass er ein Geschwister von Taka
Ekkol, dem Anführer des Attila-Clans, war und in seinem Auftrag nach
dem Geschenk für den Rhetor sehen sollte. Dieser, ein Hauri namens
Heptor ald Attil, war von dem Geschenk zunächst nur wenig beeindruckt.
Dies änderte sich jedoch schnell, als er Kurushs Gedächtnisleistung und
Auffassungsgabe erkannte, eine Ressource, die in der Gesellschaft der
Takhal rar war und vom Rhetor dringend benötigt wurde. Und so diente er
diesem einige Jahre als persönlicher Archivsklave, der all seine Gedanken
und Aussagen memorierte, ihn an Termine und Aufgaben erinnerte und
immer häufiger im Gespräch auf neue hilfreiche Gedanken brachte.
Der Rhetor Scientia hatte eine Sonderstellung in der Hierarchie der
Takhal. Er war so ziemlich der Einzige, der nicht ausschließlich nach Stärke
und Kriegstüchtigkeit bewertet wurde. Er war oberster Wissenschaftler,
Mediker und Chefingenieur in einem. Ihm oblag die Aufgabe, die Krieger
kampftüchtig und die Technik der Raumschiffe und Burgen am Laufen zu
halten und stetig weiterzuentwickeln besonders die Waffen. Darüber
hinaus war er so etwas wie der Chronist und Hohepriester des Clans, der die
Heldentaten des jeweiligen Takas dokumentierte und den religiösen
Überbau dieser gewalttätigen Gesellschaft lieferte.
Heptor war ein besonders gläubiger Rhetor und delegierte die
wissenschaftlichen und technischen Aufgaben gern an seine zwanzig
Rethori, die ihm direkt untergeben und für die jeweiligen Forschungs und
Wissensbereiche zuständig waren. Das gab ihm Zeit für seine religiösen
Studien. Dass Kurushs Kenntnisse und Interessen in dieselbe Richtung
gingen, freute ihn besonders. Schon bald band er ihn immer tiefer in seine
theologischen Überlegungen und Forschungen ein. Dabei lernte Kurush
alles über den Glauben der Takhal Gud Looter, der ähnlich wie ihre Sprache
ein wildes Gemisch unzähliger Religionen und Legenden darstellte.
Es sprach alles dafür, dass sich dieser Glaube erst in der Galaxie Dorgon
entwickelt hatte – oder dass die Cartwheeler ihre heidnischen Vorstellungen
zugunsten der einzig wahren Religion, zumindest zum Teil, abgelegt hatten.
Denn auch die Takhal Gud Looter erkannten die Göterall DORGON und
MODROR als Schöpfer und Zerstörer des Universums an.
Da sie nicht ganz von ihrem Aberglauben lassen konnten solche
Gedanken behielt Kurush allerdings besser für sich –, bewahrten sie sich
einen bunten Pantheon zahlreicher niederer Gottheiten, an die sie sich bei
konkreten Bitten und Problemen wandten. Einem guten Dutzend dieser
Göttinnen und Götter kam dabei eine prominente Rolle zu, allen voran dem
Kriegsgott Goshkan, als dessen Hohepriester und Inkarnation der jeweilige
Takha eines Clans galt. Horus und Redhorse waren als Gott des Raumflugs
und Schutzgott der Raumpiloten sehr beliebt, doch auch Rodrom und Osiris
waren als Götter des Todes und der Unterwelt stets präsent.
Im Rhetoricum Scientias verehrte man naturgemäß vor allem den Gott
der Wissenschaft: Waringer-Kalup auch wenn Heptor eine auffällige
Vorliebe für den Feuergott Afu-Metem zeigte.
Aus theologischer Sicht fand Kurush diese Vielgötterei nicht sonderlich
anspruchsvoll, er sah aber ein, dass es in dieser gnadenlosen Gesellschaft,
die jeden Tag den Tod bringen konnte, nicht unwichtig war, einfache
persönliche Ansprechpartner zu haben, die vermeintlich jeden Wunsch
erfüllen konnten – wenn sie es denn wollten.
Viel interessanter fand er hingegen den Glauben an den Kosmotarchax.
Damit bezeichneten die Takhal Gud Looter das Ende und die
Neuerschaffung der Welt, die jederzeit als ultimative Prüfung über sie und
das gesamte Universum kommen konnte.
Es war eine erstaunlich konkrete und detaillierte Ausgestaltung des
Grundprinzips von der Erschaffung und Zerstörung des Universums durch
die Götterall. Denn während die dorgonisch-imperiale Staatsreligion das
Werden und Vergehen des Kosmos durch DORGON und MODROR eher
als Symbol für das Wesen von Geburt und Tod allen Seins betrachtete, war
der Kosmotarchax für die Takhal Gud Looter eine historische Tatsache, die
allerdings noch bevorstand. In ihren Legenden, Schriften und Weissagungen
fanden sich sehr detaillierte Angaben über den letzten Kampf, der dem
Weltenende vorausgeht, und über die Zeichen, die sein Kommen
ankündigen. Die Götter selbst würden diesen letzten Krieg beobachten und
nur den tapferen und siegreichen Kämpfern einen Platz auf der Sterneninsel
Rideryon gewähren, die allein Teil des neuen Universums wird.
Der Glaube an den unmittelbar bevorstehenden Kosmotarchax war bei
den Takhal Gud Looter tief verankert und ganz offensichtlich Kern, Dreh
und Angelpunkt ihrer Weltanschauung. Er war der ideologische Überbau
ihrer gewalttätigen Gesellschaft, denn alles Streben diente nur dem Zweck,
sich in der letzten Schlacht als tapfer und siegreich zu erweisen.
Und doch, so erkannte Kurush bald, war dies nicht alles, was dieser
Mythos zu bieten hatte. Die Geschichten und Deutungen, die sich darum
rankten, erwiesen sich als erstaunlich komplex und oftmals unerwartet
tiefsinnig.
Die Faszination für den Kosmotarchax sollte Kurush nie wieder
loslassen.
Seine Sonderstellung beim Rhetor, die inzwischen eher der eines
Assistenten denn eines Sklaven glich, verschaffte Kurush jedoch nicht nur
Vorteile. Der unter den Takhal vorherrschende andauernde
Konkurrenzdruck sorgte nicht selten für Anfeindungen seitens der Scientia
Apprenti oft robuster Natur. Als Lehrlinge und Assistenten des
Rhetoricums war es ihre Aufgabe, den Rhetori und dem Rhetor zur Hand zu
gehen, ihre Anweisungen auszuführen und sich ihre Gunst zu erarbeiten.
Ein dahergelaufener blinder Sklave, der einen Platz direkt an der Seite des
Rhetors blockierte, weckte Neid und Missgunst. Kurz gesagt setzte es für
Kurush regelmäßig Hiebe.
Zu seinem Glück erfuhr er in diesen Jahren einen enormen
Wachstumsschub. Gepaart mit seiner Zähigkeit und Duldsamkeit machten
ihn diese Angriffe auf Dauer stärker. Dank seiner Ausdauer, seiner
mittlerweile recht imposanten Gestalt und seiner unverändert hohen
Stellung beim Rhetor erfuhr er schließlich Respekt und Achtung im
gesamten Rhetoricum.
Dennoch blieben ihm weitere Unannehmlichkeiten und Schmerzen nicht
erspart.
1873 bis 1964 NGZ, KARAKORUM, Clansburg des Attila-Clans,
irgendwo zwischen den Sternen der Galaxie Dorgon
»Ich habe ein Geschenk für dich, Kurush.« Die Stimme des Rhetors klang
wie immer rau und trocken wie Sandpapier.
Kurush hatte den Weg in Heptors Büro ganz ohne Hilfe gefunden. Zwar
pflegte er noch immer gute Beziehungen zu Tessaor und den anderen
Footen, die Zeit, in der sie ihm als Augen gedient hatten, war jedoch lange
vorbei. Aber das machte nichts. Kurush fand sich im Rhetoricum und in
einigen Teilen der übrigen Burg inzwischen genauso gut zurecht wie damals
im Tempel auf Dorgon.
Auch die furchtbar trockene und heiße Luft, mit der Heptor seine
Räumlichkeiten klimatisierte, machte ihm längst nichts mehr aus.
»Wobei es kein ganz selbstloses Geschenk ist«, fuhr der Rhetor fort. »So
sehr mich die Gespräche mit dir erbauen, werde ich dir nicht ewig alle
Texte und Daten vorlesen können. Auch die anderen Schüler müssen sich
auf ihre eigenen Studien konzentrieren können. So wie du selbst.«
Er machte eine Pause, in der er Luft holte. Kurush kannte das
einzigartige Geräusch. So musste sich, seiner Vorstellung nach, das Röcheln
eines Verdursteten anhören.
»Du sollst fürderhin kein Sklave mehr sein, sondern ganz offiziell als
Scientia Apprenti ins Rhetoricum Scientia aufgenommen werden. Doch
mein eigentliches Geschenk ist ein anderes. Um deine künftigen Aufgaben
erfüllen zu können, wird es Zeit, dass du sehen kannst.«
Kurush sagte nichts darauf. Einerseits schätzte Heptor es nicht, wenn ein
Untergebener ohne ausdrückliche Aufforderung sprach, andererseits hätte
Kurush auch keine Worte gefunden. Das Angebot war – wenn es tatsächlich
wörtlich gemeint war – so unfassbar, wunderbar und absurd gleichermaßen,
dass er nicht einmal wusste, wie ernst er es nehmen konnte.
Ehe er weiter darüber nachdenken konnte, fuhr der Rhetor fort: »Doch
wisse, dass dieses Geschenk mit einer schweren Prüfung einhergeht. Es
wird dir bei deiner Initiation in den Clan zuteilwerden. Falls du die
Prozedur überlebst, bist du vollwertiges Mitglied und darfst dich zu den
Takha Gud Looter zählen.«
Kurush schluckte, was in diesem trockenen Raumklima nicht so einfach
war. Den Mitgliedern des Rhetoricums Scientia wurden oft sehr harte
Initiationsriten abverlangt. Da sie im Gegensatz zu den Kriegern keine
Zweikämpfe auf Leben und Tod absolvieren konnten, mussten es andere
lebensbedrohliche Prüfungen sein. Von Heptor ging zum Beispiel das
Gerücht um, dass er durch einen Wassertank tauchen musste. Wie er das als
Hauri, für die Wasser in großen Mengen giftig ist, überlebt hatte, konnte
Kurush sich gar nicht vorstellen.
»Und nun geh, Kurush!«, befahl Heptor. »Ziehe dich in deine Kammer
zurück und ruhe dich so gut es geht aus. Man wird nach dir schicken.«
Das Metall der Arm und Rückenlehnen fühlte sich kalt an seinen
Unterarmen und seinem freien Oberkörper an. Die lederartigen Riemen an
seinen Hand und Fußgelenken waren stramm angezogen. Man hatte ihm
den Kopf kahlgeschoren und den Schädel in eine Art Gerüst eingespannt,
sodass er ihn nicht mehr bewegen konnte. Wie eine Schraubzwinge hielten
je zwei Druckpunkte an seiner rechten und linken Schädelhälfte seinen
Kopf fixiert.
Kalte behandschuhte Hände platzierten Sensoren an seinem Körper, ihm
war sogar, als huschte einmal ein Foote über seine Brust.
Die Geräuschkulisse klang weniger nach einer Krankenstation als nach
einer Werkstatt. Es schien, als würden um ihn herum Gerätschaften
installiert und eingerichtet. Die anwesenden Personen es mochten ein
Dutzend sein, niemand hatte sich Kurush vorgestellt schwiegen
geschäftig. Nur hin und wieder wurde eine Anweisung geflüstert.
Dann klang mit einem Mal die krächzende Stimme des Rhetors an sein
Ohr.
»Öffne deinen Mund, Kurush«, sagte er. Als er der Aufforderung Folge
leistete, wurde etwas Hartes zwischen seine Zähne geschoben. Es schien
eine Art Stange zu sein, war jedoch vollkommen geschmacksneutral.
»Beiß drauf, das wird helfen«, erklärte Heptor. Das war das
Freundlichste, das dieser im wahrsten Sinne trockene Mann jemals für
Kurush getan hatte.
Dann wurde ihm mit einem kalten Tuch über die Stirn gewischt, und es
folgte ein sirrendes Geräusch wie von einem Bohrer. Die nächsten Minuten
und Stunden Kurush verlor vollkommen sein Zeitgefühl war von
unsagbaren Schmerzen erfüllt.
Als das Loch in seine Stirn gebohrt wurde, verlor er das Bewusstsein, er
wurde jedoch kurz darauf mit einem Aufputschmittel geweckt.
»Wir brauchen deine Mitarbeit«, drang eine Stimme an sein Ohr. Durch
den Nebel aus Schmerz und Benommenheit konnte er sie nicht
identifizieren. »Wir setzen dir nun ein neuronales Interface ein, dabei
messen wir deine Hirnströme, sind aber auch auf deine Rückmeldung
angewiesen. Hebe deinen rechten Zeigefinger, wenn du verstanden hast.«
»Gut«, sagte die Stimme. Offenbar war der Befehl an seinen Finger
angekommen. »Als erstes aktivieren wir dein brachliegendes Sehzentrum.
Wir bringen dieser Hirnregion im Schnelldurchlauf bei, was Helligkeit
bedeutet, und gehen die verschiedenen Abstufungen durch. Wenn dein
Bewusstsein das überlebt, sehen wir weiter
Für das, was dann folgte, kannte er keine Worte beziehungsweise
kannte er die Worte, aber nicht die Bedeutung. Sein ganzes Sein war auf
einmal mit etwas erfüllt, das man wohl Licht nannte. Sein Geist versuchte,
diesen völlig neuen Eindruck einzuordnen und assoziierte ihn mit Hitze und
Eiseskälte gleichermaßen, mit einem schrillen durchdringenden Kreischen
und mit Nadeln, die durch seinen Kopf schossen.
Die Prozedur dauerte tatsächlich noch etliche Tage. Man hatte das Loch in
seiner Stirn provisorisch verschlossen und mit einem Zugang versehen.
Über diesen wurden seinem heranwachsenden Sehzentrum immer
komplexere Impulse eingespeist: Kontraste, Formen, eine einfache Form
räumlicher Vorstellungskraft und schließlich sogar Farben.
Er entdeckte in dieser Zeit eine völlig neue Welt, ein unbeschreiblicher,
geradezu religiöser Vorgang. Im wahrsten Sinne eine Erleuchtung.
Nach einer letzten Operation, bei der ihm das künstliche Auge in die
Stirn eingesetzt wurde, kam schließlich der entscheidende Moment. Erneut
lag er halb aufrecht in einer Behandlungsliege, die diesmal jedoch deutlich
bequemer war.
»Öffne es«, sagte Afra Lasko. Die Terranerin war die für die
medizinische Versorgung zuständige Rhetori Scientias und galt als die
begabteste Medikerin des Clans aller Zeiten. Sie hatte seine Behandlung
konzipiert und durchgeführt. »So wie wir es geübt haben.«
Kurush wusste, dass noch andere Personen bei ihm waren. Er hörte sie
atmen und nahm ihren Körpergeruch war. Er war ziemlich sicher, dass
Heptor darunter war, sowie mindestens ein Dscherro. Ersteres erkannte er
am trockenen Atemgeräusch, letzteres am Geruch.
Kurush atmete dennoch durch und gab den Gedankenbefehl. Dieser ließ
die Irisblende inmitten seiner Stirn auffahren. Winzige Motoren
fokussierten mit kaum hörbarem Summen das freigelegte Linsensystem,
wodurch das einfallende Licht auf den Rezeptor gebündelt und in
elektrische Impulse umgewandelt wurde. Damit stimulierte der
nachgeschaltete neuronale Chip die entsprechenden Nervenzellen und
Hirnregionen, was wiederum ein Bild in seinem Geist entstehen ließ.
Kurzum: Er sah.
Zumindest versuchte er es. Es sollte noch sehr lange dauern, bis er in den
Formen und Schattierungen konkrete Gegenstände und Personen erkennen
konnte. Mit nur einem Auge und einem Sehzentrum, das es nie gelernt
hatte blieb es ihm fast unmöglich, räumliche Tiefe wahrzunehmen. Er
konzentrierte sich darauf, Schriften und Diagramme zu erkennen. So lernte
er alsbald lesen und dankte fast täglich den Sternengöttern für diese
wunderbare Gabe. Doch im Alltag behielt er das Auge meist geschlossen
und verließ sich auf seine angeborenen Sinne.
Unabhängig davon war dies der Tag, an dem das Licht in sein Leben
getreten war. Und von diesem Moment an war er Scientia Apprenti des
Rhetoricums Scientia und ein vollwertiger Teil des Attila-Clans der Takhal
Gud Looter.
Vier Jahre später starb Taka Ekkol, traditionsgemäß im Kampf mit seinem
Nachfolger Zeff Calhey. Wie Kurush erfahren musste, gehörte es ebenfalls
zur Tradition der Takhal Gud Looter, dass bei einer solchen Gelegenheit
weite Teile der Clanführung ausgetauscht wurden und das auf die in
dieser Kultur übliche rabiate Weise. Zeff Calhey ließ regelrecht Hatz auf die
Gefolgsleute seines Vorgängers machen. Dem fielen zu Kurushs großem
Bedauern unter anderem der Foote Tessaor und Heptor ald Attil zum Opfer.
Obwohl auch er als Findling Ekkols in höchstem Maße gefährdet war,
entging er dieser Säuberung vermutlich, weil die neue Rhetor Afra Lasko
ihre schützende Hand über ihn hielt.
In den folgenden Jahrzehnten vertiefte sich Kurush in die
Hinterlassenschaften Heptors, studierte den Glauben der Takhal Gud
Looter, die Legenden Dorgons und suchte nach Hinweisen auf den
kommenden Kosmotarchax. Daneben erwies er sich als fleißiger
Mitarbeiter des Rhetoricums, der sich auch für trockene Ingenieursarbeiten
nicht zu schade war. Andere wie Lasko mochten denken, dass er es aus
Dankbarkeit tat, doch das stimmte nicht, es war schlicht sein Interesse, in
allen wissenschaftlichen Bereichen aktiv zu sein. Zudem hatte Kurush
längst erkannt, dass Loyalität in dieser Gesellschaft eine vergängliche
Ressource war. Er würde sie von der Rhetor nicht in alle Ewigkeit erwarten
können und sah sich daher nur begrenzt dazu verpflichtet. Daran änderte
sich auch nichts, als sie ihn bald in den Rang eines Rhetori erhob. Dennoch
blieb er stets hilfsbereit und pflegte gute Beziehungen zu den anderen
Mitgliedern des Rhetoricums – sowie zu den Footen.
Der Wechsel der Taka-Würde auf Juke Key nach knapp vierzig Jahren
verlief deutlich unblutiger. Der neue Taka wollte den Clan nicht durch eine
zügellose Säuberung schwächen und beließ sogar Lasko in ihrem Amt,
zumal sie noch immer eine hervorragende Medikerin war. Es war ihr sogar
vergönnt, ihr Leben erst nochmals vierzig Jahre später in hohem Alter am
Ende ihrer natürlichen Lebensspanne auszuhauchen. So etwas war bei den
Takhal Gud Looter eine absolute Ausnahme, galt der Tod durch
Altersschwäche unter den Kriegern doch als denkbar ehrlos. Im Umfeld des
Rhetoricums kam dergleichen aber durchaus vor.
Da Kurush als ihre rechte Hand schon lange de facto die Aufgaben des
Rhetors erfüllte, war es keine Frage, dass Taka Juke Key ihn in diesem
Jahre 1964 NGZ zum neuen Rhetor Scientia des Attila-Clans ernannte.
Kapitel 5: Kosmotarchax
1973 bis 1991 NGZ, KARAKORUM, Clansburg des Attila-Clans,
irgendwo zwischen den Sternen der Galaxie Dorgon
Auch als Rhetor hatte Kurush seine Beziehungen zu den Footen nie
abreißen lassen, sie im Gegenteil stets gepflegt und ausgebaut. Unter den
Takhal Gud Looter galten sie als kleine und schwächliche Wesen und
wurden in den Clans daher sehr gering geschätzt außerhalb der
Paarungszeiten sogar von ihren Dscherro-Geschwistern. Man ließ sie in den
Wartungsschächten hausen und einfache Reparaturarbeiten durchführen,
behandelte sie ansonsten aber wie gerade so geduldetes Ungeziefer.
Aus Kurushs Sicht war das eine ungeheure Verschwendung von
Ressourcen. Über die Jahrzehnte hatte er die Footen-Gemeinschaft mehr
und mehr in die Arbeit des Rhetoricums eingebunden. Auch dadurch hatte
er die jahrhundertealte Clansburg wieder einigermaßen auf Vordermann
bringen können – eine Aufgabe, die seine beiden Vorgänger ziemlich hatten
schleifen lassen.
Eines Tages waren die Footen sehr in Aufruhr, denn sie hatten Zuwachs
von außen bekommen. Neuzugänge waren selten. Denn auch wenn mit
jedem Dscherro ein Foote geboren wurde, überlebten nur sehr wenige die
ersten Minuten ihres Lebens. Dass jedoch ein Foote aus einem anderen
Clan in die Burg einzog, war praktisch noch nie vorgekommen.
Haemmeor stammte aus dem DaGlausch-Clan. Ihn verband ein
ungewöhnlich enges Verhältnis mit seinem Dscherro-Geschwister Raym,
das in diesem Clan jedoch in Ungnade gefallen war und fliehen musste. Ihre
gemeinsame Flucht hatte sie zum Attila-Clan geführt, wo man ihnen
Unterschlupf gewährte.
Selbstverständlich war dies kein Akt der Gnade. Dergleichen war den
Takhal Gud Looter fremd. Raym hatte sich die Aufnahme durch den Clan
erkämpfen müssen. Erst nachdem er ein »Empfangskomitee« aus einem
Skoar und zwei Dorgonen überwunden hatte, wurde er überhaupt angehört.
Taka Juke Key nahm sodann sein Leben zum Pfand und erlegte ihm eine
erhöhte Tributschuld auf. Solange er stets die doppelte Pflichtbeute bei ihm
ablieferte, sollte er im Clan geduldet sein. Sobald er einmal seiner
Tributschuld nicht nachkam, wäre sein Leben verwirkt.
All dies berichtete Haemmeor dem Rhetor. Gewöhnlich interessierte sich
Kurush für derartige Dinge kaum. Da sich der Foote jedoch als sehr kluger
Techniker und aufmerksamer Beobachter erwies, entwickelte er mit der Zeit
ein gewisses Interesse am Schicksal der ungleichen Geschwister.
Besagtes Interesse nahm jedoch erst richtig Fahrt auf, als Raym eines Tages
persönlich um eine Audienz beim Rhetor Scientias ersuchte. Kurush konnte
sich nicht erinnern, dass sich jemals ein einfacher Krieger in die Hallen des
Rhetoricums verirrt hatte, nicht einmal zu Heptors Zeiten. Für die Kämpfer
des Clans galten die Gelehrten kaum mehr als die Footen. Lediglich der
Taka und seine Führungsriege wussten ihren wahren Wert zu schätzen. Alle
anderen machten sich meist über sie lustig.
Es war ein fast belustigender Anblick, als der kleine, aber kompakte
Dscherro mit der gewaltigen Kriegsaxt an der Hüfte mitten im Büro des
Rhetors stand und wie ein Schüler im ersten Jahr ein großes Buch
umklammert hielt.
Es lag Kurush jedoch fern, sich lustig zu machen. Allzu leicht konnten
sich die Krieger in ihrer Ehre verletzt fühlen. Dann würden ihn weder seine
Körpergröße noch sein Status vor einer Bekanntschaft mit der Axt
bewahren. Ohnehin blieb sein Antlitz bar jeder Regung. Auch wenn er
inzwischen mit seinem Kunstauge Gesichter gut erkennen konnte, hatte er
nie ernsthaft versucht, die Gefühlsregungen der Anderen zu imitieren.
»Was ist dein Begehr, Krieger?«, eröffnete er das Gespräch. »Womit
kann ich dir helfen?«
Raym wirkte beinahe verlegen, als er sich nach dem Gehilfen umsah, der
ihn in das Büro geführt hatte. Dass dieser bereits verschwunden war und die
Tür hinter sich geschlossen hatte, gab dem Dscherro offenbar den
verlorenen Mut zurück. Er räusperte sich und begann zu berichten.
»Bei unserem letzten Raubzug auf dem Planeten Keorgius nahm ich mir
eine kleine Insel vor. Dort gab es eine Art Tempel, von dem durch unser
Bombardement allerdings nicht mehr viel übrig war
Kurush konnte sich gut vorstellen, dass Raym bei der Auswahl dieser
Insel kaum eine Wahl gehabt hatte. Die anderen Krieger machten es dem
Neuling nach fast einem Jahr noch immer schwer, obwohl oder gerade
weil – er sich bei seinen ersten Einsätzen sehr hervorgetan hatte. Der Rhetor
regte sich jedoch nicht und ließ Raym weiterreden.
»Die Gewölbe waren jedoch noch gut intakt, und in einer der Kammern
fand ich auf einer Art Podest dieses Buch. Es schien mir sehr wichtig zu
sein, daher nahm ich es mit.«
Kurush betrachtete den Dscherro weiter schweigend mit seinem
Stirnauge. Er wusste, dass im Clan die wildesten Gerüchte darüber in
Umlauf waren und machte sich dies schon lange zu Nutzen. Ein stummer
Blick mit seiner künstlichen Linse verschaffte ihm Respekt, Gehorsam
und er brachte Gesprächspartner stets zuverlässig dazu, auf den Punkt zu
kommen.
»Ich …«, Raym zögerte kurz, »… habe gehört, dass du alle
Weissagungen über den Kosmotarchax sammelst und erforschst. Dieses
Buch hat den Titel ›MODRORs Plan‹ und handelt von der kommenden
Vernichtung des Universums. Ich dachte, es würde dich interessieren.«
Einen Moment lang bedauerte Kurush, dass er seine Überraschung und
Begeisterung nicht durch Mimik zum Ausdruck bringen konnte. Doch so
blieb das Mysterium, das ihn umgab, gewahrt obwohl er innerlich
jubilierte.
»Zeig es mir«, sagte er nur und streckte fordernd die Hände aus.
Nach eingehender Betrachtung auf seinem Stehpult fragte er ohne den
Blick von den Seiten abzuwenden: »Du kannst Altdorgonisch lesen?«
»Ja«, antwortete Raym, der die ganze Zeit reglos ausgeharrt hatte. Er
korrigierte sich jedoch schnell. »Nein, ich hatte Hilfe.«
Nach Kurushs Meinung war dieses Eingeständnis mit das Mutigste, was
er seit Langem von einem Dscherro gehört hatte. Diese Hilfe konnte kein
anderer als Haemmeor gewesen sein und ein gutes Verhältnis zu seinen
Footen-Geschwistern einzugestehen, gereichte den Dscherro in den Clans
nicht zur Ehre.
Und doch kam eine solche Partnerschaft immer wieder vor. Es waren
meist die klügsten unter ihnen, die sie pflegten. Kurush erinnerte sich noch
gut an Taka Ekkol und Tessaor.
Ja, diesen Raym musste er im Auge behalten.
»Ich danke dir, Krieger!«, sagte Kurush. »Du hast mir und somit dem
ganzen Clan mit dieser Beute einen großen Dienst erwiesen.«
Auch wenn er es nicht imitieren konnte, konnte er die Mimik der
Dorgonen, Terraner und Dscherro inzwischen sehr gut lesen. Und dieser
Dscherro hier grinste mit einem Mal über das ganze Gesicht als er sagte:
»Wärst du so freundlich, das gelegentlich dem Taka gegenüber zu
erwähnen?«
Die damit beginnende Verbindung zwischen Kurush und Raym von
Freundschaft zu sprechen wäre in einem Clan der Takhal Gud Looter
unangebracht entwickelte sich für beide Seiten von Vorteil. Raym erwies
sich als ausgesprochen klug und wurde bald zu Kurushs inoffiziellem
Archäologen, der nach allerlei interessanter und wertvoller Beute für seine
Forschungen Ausschau hielt. Im Gegenzug lobte und förderte der Rhetor
den aufgenommenen Krieger beim Taka, wo er konnte.
Gepaart mit seinem eigenen Ehrgeiz und Eifer arbeitete Raym sich in den
folgenden Jahren im Clan nach oben sowohl was Ansehen und Ehre als
auch Einfluss und Rang betraf. Schnell hatte er seine erhöhte Tributschuld
abgegolten und wurde nach erfolgreich absolviertem Todesturnier zum
vollwertigen Clansmitglied ernannt. Nur wenig später erhielt er eigene
kleine Kommandos, führte Plündertrupps und Kampfeinheiten an, bis er
Kapitän des kleinen Adlerschiffes SURFATS OPFERGANG wurde.
Auch dieses Kommando war einer von unzähligen schweren Prüfungen
auf seinem Weg. Das Schiff war veraltet und schwach bewaffnet, die
Mannschaft unerfahren und wenig ambitioniert. Doch auch diese
Herausforderung meisterte er bravourös, formte den ehrlosen Haufen zu
einer schlagkräftigen Mannschaft und führte das Schiff von einem
unglaublichen Sieg zum nächsten.
Raym bewies in all diesen Jahren unvergleichliche Führungsstärke und
taktisches Geschick. Sein Ansehen war 1991 NGZ schließlich so sehr
gewachsen, dass er es wagen konnte, den amtierenden Krigsleder
herauszufordern. Er besiegte ihn im Duell und stand dem Taka von da an als
rechte Hand zur Seite.
2001 NGZ, KARAKORUM, Clansburg des Attila-Clans,
irgendwo zwischen den Sternen der Galaxie Dorgon
Mit bluttriefender Axt stapfte Raym vom Duellplatz. Dem sterbenden Leib
von Juke Key schenkte er keine Beachtung. Ihm dieses Duell und einen
ehrenvollen Tod zu gewähren, war sein letztes Zugeständnis an ihn
gewesen. Auch den tosenden Jubel des Clans seines Clans ignorierte er.
Er hielt direkt auf Kurush zu.
Der Rhetor Scientias neigte respektvoll sein Haupt und beglückwünschte
ihn.
»Lang lebe Taka Raym«, stimmte er in den Schlachtruf der Krieger ein
allerdings in der ihm eigenen emotionslosen und ruhigen Art.
Der neue Taka ging darauf jedoch nicht ein. »Wir haben viel Arbeit vor
uns«, sagte er. »Seit gut fünf Jahren beobachten wir schon die zunehmenden
Anomalien in Dorgon. Du kennst meine Berichte. Wenn das der
Kosmotarchax ist, wie du immer sagst, müssen wir gerüstet sein.«
»Und wir müssen Gewissheit haben. Gib mir freie Hand für meine
Forschungen und …«
Raym winkte ab. »Geschenkt!«, fuhr er dazwischen. »Vor allem brauchen
wir eine neue Burg. Die KARAKORUM fällt buchstäblich unter unseren
Hintern auseinander. Nächste Woche legst du mir erste Pläne vor
Dann rammte er seine Axt in den Stahlboden der Halle.
»Lass sie reinigen und schleifen!«
Sprachs und verschwand unter dem anhaltenden Gejohle seines Clans in
die Gemächer des Takas. Seine Gemächer.
2017 NGZ, Raumschiff SURFATS OPFERGANG, Orbit des
Planeten Hesophia, Sorussystem, Galaxie Dorgon
Der Attila-Clan war stärker denn je. Mit der STERNENZITADELLE
verfügte er über die modernste und schlagkräftigste Burg aller Takhal Gud
Looter. Kein Clan hat in den letzten hundert Jahren mehr Beute gemacht,
mehr Siege erkämpft und mehr Ehre errungen. Und doch reichte es Taka
Raym nicht. Es ging etwas vor in der Galaxie Dorgon. Die Anzeichen
wurden immer deutlicher. Die Berichte über Raum-Zeit-Anomalien nahmen
Jahr um Jahr zu. Deshalb sandte Taka Raym seinen Rhetor Scientias Kurush
ins Sorussystem, um eine solche Anomalie zu beobachten erstmals
während ihres Auftretens, denn bislang hatte man nur die Zerstörungen
gesehen, die sie hinterließen. Es galt, endlich Gewissheit zu erlangen, ob
der Kosmotarchax wirklich unmittelbar bevorstand.
Der Rhetor Scientia konzentrierte seinen Blick auf die holografische
Darstellung des Planeten Hesophia, die inmitten der Zentrale der SURFATS
OPFERGANG hing. Das Gewusel rund um die Holokugel blendete er so
gut es ging aus.
Normalerweise war die Zentrale eines Adlerschiffs der Takhal Gud
Looter mit verdienten Kämpfern und Plünderern besetzt, Dorgonen,
Dscherro und Terraner, die ihrem Clan Ruhm und Beute verschafft hatten,
allesamt verwegene und ehrfurchtgebietende Gestalten. Nicht so in der
SURFATS OPFERGANG, hier waren die meisten Kontursitze entfernt
worden. Auf den Konsolen huschten zwei, drei Dutzend knapp dreißig
Zentimeter große, salamanderartige Kreaturen hin und her und bedienten in
einer Tour plappernd die Kontrollen.
Kurush machte sich darüber keine Gedanken. Er wusste um die Footen
und ihre Qualitäten, er wusste zudem um die ruhmreiche Geschichte dieses
Schiffes.
Sein Schüler Garrentus, der direkt neben ihm saß, hatte hingegen keine
Ahnung. »Es ist eine Schande«, murmelte der junge Dorgone und
wiederholte damit eine Litanei, die sich Kurush anhören musste, seit sie in
das Sorussystem aufgebrochen waren.
Kurush war ein nachsichtiger Lehrer, doch irgendwann war auch seine
Geduld am Ende. Er wandte dem maulenden jungen Mann sein Gesicht zu,
worauf dieser schlagartig verstummte und sich aufrichtete, als wolle er im
Sitzen strammstehen.
Der alte Lehrmeister gestattete sich ein zufriedenes Lächeln. Noch immer
reichte ein Blick aus seinem künstlichen Auge als disziplinierende
Maßnahme aus. Es genügte aber nicht, Garrentus zum Schweigen zu
bringen. Er brauchte ihn und seinen frischen Geist in voller Bereitschaft
und nicht zuletzt seine funktionierenden Augen. Schließlich trat ihr
Unternehmen nun in die entscheidende Phase. Bislang hatte er das
Gejammer ignoriert, doch nun galt es, ein Machtwort zu sprechen.
»Muss ich dich daran erinnern, dass jeder Foote gemeinsam mit einem
Dscherro zur Welt kommt, Garrentus?«
Kurush sprach laut und deutlich. Die Footen wussten ganz genau,
welchen Ruf sie unter den größeren und stärkeren Mitgliedern der Takhal
Gud Looter hatten, seien es Dorgonen, Terraner oder sogar ihre Dscherro-
Geschwister. Es war nicht nötig, hinter ihrem Rücken über sie zu reden.
Ohnehin begegneten sie dem Spott und der Geringschätzung in der robusten
Gesellschaft der Sternenpiraten stets mit selbstbewusstem Trotz.
Entsprechend wurde Kurushs Ansprache durch Jubelrufe begleitet, was
dieser durchaus einkalkuliert hatte.
Also fuhr er fort: »Die gesamte Besatzung der SURFATS OPFERGANG
besteht aus den Geschwistern großer Krieger und erfolgreicher Plünderer,
denen mindestens genauso viel Respekt gebührt. Unser Kommandant
Haemmeor ist mit niemand geringerem als Taka Raym geboren worden. Es
ist also eine Ehre, dass uns genau dieses Schiff für unsere Mission zur
Verfügung gestellt wurde.«
»So sieht’s nämlich aus!«, kommentierte die hohe, aber nicht minder
laute Stimme eben jenes Kommandanten, was erneutes Gejohle der übrigen
Footen zur Folge hatte.
»Und nun genug davon!«
Kurush ließ seine Stimme donnern, was die Ausgelassenheit sofort
beendete. Soweit er es mit seinem optischen Hilfsmittel erkennen konnte,
war die Wirkung auf Garrentus so, wie er es beabsichtigt hatte. Sein Schüler
war beschämt in sich zusammengesunken.
Natürlich war die SURFATS OPFERGANG trotz ihrer Vorgeschichte ein
völlig veraltetes, kleines Adlerschiff, in das kein wahrer Krieger freiwillig
einen Fuß gesetzt hätte. Doch das spielte keine Rolle. Für Kurush ging es
um bedeutsamere Dinge als um Piratenstolz. Sein Schüler würde das bald
erkennen.
»Jetzt aber sage mir, Garrentus, was ich da vor mir sehe«, sagte er mit
versöhnlicherer Stimme.
Der Schüler räusperte sich und antwortete: »Ja, Rhetor, verzeih, Rhetor!
Wir sehen eine Echtzeitdarstellung des Planeten Hesophia,
zusammengesetzt aus unseren Sensordaten und jenen der im Orbit
befindlichen königlichen Einheiten. Es ist den …«, Garrentus zögerte, um
keinen der zahlreichen Schmähnamen zu verwenden, »… Footen gelungen,
sich in einen Großteil der Schiffe, Raumstationen und Sensorplattformen zu
hacken, sodass wir …«
»Wir haben uns in alle gehackt!«, rief ein Foote dazwischen, was von
einem Zischen des Kommandanten unterbunden wurde. Die Zeit des
Rumalberns war vorbei.
Erneut räusperte sich Garrentus und fuhr fort: »Es haben sich
eintausendzweihundert Adlerraumschiffe des Königlichen Protektorates
Dom um den Planeten versammelt, etwa die Hälfte in einem geostationären
Orbit, die restlichen in exakt abgestimmten oberflächennahen
Umlaufbahnen. Sie haben ihre Schutzschirme zusammengeschaltet und
erzeugen ein mehrfach gestaffeltes, rotierendes 5D-Schutzfeld, das den
Planeten lückenlos umgibt. Es ist wahrlich eine Meisterleistung.«
Kurush nickte ernst. Er kannte die Begeisterung seines Schülers für das
alte Dorgonische Imperium. Doch dafür war nun keine Zeit.
»Wird es halten?«, fragte er.
»Einen Moment, RhetorGarrentus rief in einem Holokubus die Werte
auf und begann, sie vorzulesen.
Der Schüler sollte seinen Geist benutzen! Erneut unterbrach ihn Kurush:
»Das mag alles sehr beeindruckend klingen. Aber reicht es aus, um den
Planeten vor dem Phänomen zu schützen?«
Gehorsam wischte Garrentus den Holokubus beiseite. »Man ist im
Großen und Ganzen sehr zuversichtlich«, sagte er gedehnt.
»Also weiß es in Wahrheit niemand«, stellte Kurush fest. »Kein Wunder,
ein solches Phänomen ist auch noch nie beobachtet worden.
›Hypertektonische raumzeitliche Verwerfung‹ pah!« Kurush lachte
trocken. »Allein der Begriff zeigt, dass sie allesamt nur raten.«
Der Rhetor Scientia beugte sich in seinem Sitz vor und fokussierte den
Blick seines Auges wieder auf die große Holodarstellung.
»Wann ist es so weit?«, fragte er.
»Man rechnet in wenigen Minuten mit ersten Effekten«, antwortete
Garrentus. »Unser Kurs ist perfekt abgestimmt, unsere Umlaufbahn erreicht
in wenigen Augenblicken ihren planetennächsten Punkt. Wir werden uns
bis auf eine Lichtsekunde an Hesophia annähern und dann …«
In diesem Moment schrillten die Sirenen.
»Kollisionsalarm!«, rief der Ortungsoffizier. »Wo kommt das denn auf
einmal her?«
Die Darstellung in der zentralen Holokugel flackerte auf und zeigte im
nächsten Moment ein verändertes Bild. Neben dem Planeten befand sich
auf einmal ein weiterer Himmelskörper, groß, grau und er lag direkt auf
dem Kurs der SURFATS OPFERGANG.
»Hesophia hat keinen Mond!« Garrentus war aufgesprungen und vor das
Hologramm getreten, als wolle er es für seine Darstellung anklagen.
»Jetzt schon«, stellte Kurush fest. Die Gelassenheit seiner Stimme
brachte den jungen Mann kurzzeitig aus dem Konzept. Er drehte sich zu
seinem Lehrmeister um und rang mit den Worten.
»Wir wir müssen …« Er brauchte mehrere Anläufe, um seine
Gedanken zu ordnen. Dann drehte er sich um und rief den Footen zu: »Ihr
müsst ausweichen! Erhöht die Geschwindigkeit, um einen höheren Orbit zu
erreichen!«
Inzwischen war Kurush aufgestanden und an die Seite seines Schülers
getreten. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und spürte seine
Aufregung, viel mehr, als dass er sie optisch erfassen konnte. Garrentus
bebte am ganzen Leib.
»Lass sie ihre Arbeit machen«, sagte er. »Erzähle mir lieber, was mit
Hesophia geschieht.«
Tatsächlich verschob sich im Holo bereits die Linie, die ihren Kurs
beschrieb. Bald führte sie an der planetenabgewandten Seite an dem auf
unerklärliche Weise aufgetauchten Mond vorbei. Sie leuchtete nicht mehr in
bedrohlichem Rot, sondern in beruhigendem Blau.
»Der der Schutzschirm steht unverändert …« Garrentus rief
zusätzliche Datenholos auf, was ihn sichtlich beruhigte. »Moment, wir
haben den Kontakt zu den Sensoren der königlichen Flotte verloren, ich
schalte um …«
Erneut flackerte die Holodarstellung. Die Markierungen, die für die
zwölfhundert Adlerschiffe standen, verschwanden schlagartig. Im selben
Augenblick erschienen im Raum rund um den Planeten tausende neuer
Markierungen für unbekannte Energiequellen.
»Das sind Raumschiffe«, kommentierte Garrentus mit belegter Stimme.
»Mindestens zehntausend, definitiv keine dorgonischen. Die Signaturen
sind nicht in unseren Datenbanken verzeichnet.«
Mit ein paar Handgriffen zoomte er die Ansicht eines der Schiffe im
großen Holo heran. Es wirkte exakt würfelförmig, doch bei genauerem
Hinsehen erkannte man zahlreiche Aufbauten, Furchen und Öffnungen, die
Hangars sein mochten.
Kurush hatte keine Gelegenheit, seinen Blick auf die eingeblendeten
Daten zu fokussieren oder seinen Schüler danach zu fragen. Denn schon
wieder flackerte das Holo und zeigte die fremden Schiffe von einem
Moment auf den anderen nicht mehr an. Auch der Mond war
verschwunden.
»Was messen die Gravo und Hypertaster?«, fragte der Rhetor Scientia
stattdessen. »Haben wir Strangenesswerte? Da draußen muss die Raumzeit
doch beben.«
»Wir haben gerade einen Schwarm Sonden reingeschickt«, antwortete
Garrentus endlich funktionierte er so, wie Kurush es sich wünschte. »Die
ersten Messwerte kommen rein … Das ist … unglaublich!«
»Was?«
»Der Zeitablauf. Er kommt vollständig zum Erliegen. Man kann es mit
bloßem Auge nicht erkennen, aber der Planet dreht sich immer langsamer.
Alle Abläufe in einem Radius von einer Lichtsekunde stehen nun
still …«
»Haemmeor!« Kurush rief den Kommandanten und bemerkte dabei mit
Schrecken, dass seine Gedanken immer träger durch seinen Geist flossen.
Mühsam formulierte er Worte: »Mehr … Abstand!«
Es war ihr Glück, dass sie ihr Kurs bereits von Hesophia fortführte. Der
Kommandant war zudem geistesgegenwärtig genug, um sofort Schub zu
geben und so die Umlaufbahn nochmals zu erhöhen …
… die Umlaufbahn nochmals zu erhöhen …
… die Umlaufbahn nochmals zu erhöhen …
Kurush stutzte. Er kannte das Gefühl des Déjà-vu – doch so intensiv hatte
er es noch nie empfunden.
»Was war das?«, fragte er, eher an sich selbst gerichtet.
Garrentus antwortete dennoch: »Am Lichtsekunden-Radius baut sich
eine Raumzeitwelle auf. Ihre Ausläufer müssen uns berührt haben. Wie es
scheint, rollt sie nun in konzentrischen Wellen auf Hesophia zu.«
Das Gesicht des Schülers war kreidebleich geworden.
»Wie ein Tsunami«, murmelte Kurush. Ihm wurde kalt angesichts der
Naturgewalten, die über den Planeten hereinbrachen. War die
Ursprungswelt mehrerer dorgonischer Kaiser unwiederbringlich verloren?
Mit der Kälte eines Forschers, der Insekten lebendig auf Nadeln spießt,
ließ er den Blick seines Kunstauges über das holografische Abbild wandern.
Wie beiläufig griff er nach den Kontrollen seines Schülers und zog sie zu
sich herüber. Er wählte eine Region auf der Oberfläche aus und zoomte sie
heran. Eine eingefrorene Feuersäule ragte dort aus der Atmosphäre hervor,
offenbar ein startendes Fluchtraumschiff mit Leuten an Bord, die in letzter
Sekunde ihr Vertrauen in die Königliche Flotte verloren hatten – oder in die
Würfelschiffe.
»Sieh, Garrentus! Die Zeit läuft rückwärts!«, stellte er sachlich fest.
Zunächst war es nur zu erahnen, dann wurde es immer deutlicher: Die
Feuersäule wurde kürzer, das Raumschiff kehrte an seinen Startpunkt
zurück. Der Vorgang beschleunigte sich zusehends, die rückläufige Rotation
des Planeten war bald mit bloßem Auge zu erkennen. Auch dieser Zustand
währte nur kurz. Hesophia drehte sich bald so rasend schnell, dass man die
Kontinente und Meere nur noch als Schlieren sah.
Im Holo blitzten derweil zahllose Markierungen auf und verschwanden
sofort wieder. Die Sensoren der SURFATS OPFERGANG waren damit
überfordert, die orbitalen Ereignisse der letzten Jahrhunderte im Zeitraffer
darzustellen. Oder waren es schon Jahrtausende? Es gab keinen
Anhaltspunkt, wie schnell die Zeit mittlerweile ablief.
»Erstaunlich, dass Hesophia dennoch weiter seiner Bahn um Sorus
folgt«, sagte Kurush. »Wie erklärst du dir das, Garrentus?«
Als der nicht sofort antwortete, schnipste der Rhetor Scientia ein paar
Mal in Richtung seines Schülers, ohne den Blick vom Holo abzuwenden.
»Ähm …« Garrentus sammelte sich. »Das Phänomen wird gravitatorisch
an den Planeten gebunden sein. Die Wirkung der Raumzeit-Anomalie reicht
über den Radius von ein bis zwei Lichtsekunden nicht hinaus.«
»Das klingt plausibel«, sagte Kurush. »Doch wir sollten das Phänomen
von nun an als temporalen Tsunami bezeichnen, das beschreibt es besser
Garretus blickte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. »Können wir
irgendetwas tun, Herr? Es aufhalten und rückgängig machen? Wo soll
dieser Wahnsinn denn enden?«
Es war gespenstisch still geworden in der Zentrale. Das alte Adlerschiff
folgte unbehelligt seiner Umlaufbahn um Hesophia. Im Funk und
Hyperfunkäther mochte die Hölle los sein, schließlich waren sie nicht die
einzigen Beobachter im System. Doch sie waren die einzigen Takhal Gud
Looter vor Ort, die Sorgen anderer scherten sie nicht.
Kurush überließ die Frage seines Schülers eine Weile dieser Stille. In
seinem Geiste malte er sich aus, wie die Geschichte des Planeten Hesophia
rasend schnell rückwärtslief. Stand in diesem Moment Kaiser Uleman von
den Toten auf, um seine Regentschaft erneut zu durchleben, bis hin zu
seiner Rebellion? Oder erhoben sich gerade die Raumschiffe der ersten
dorgonischen Siedler von der Oberfläche, nachdem sie ihre ersten Hütten
abgebaut hatten? Oder zerfloss gar gerade das erste indigene Leben in
seiner Ursuppe?
Dann begann der wirbelnde Ball, der vorher Hesophia war, rot zu glühen.
Kurush legte seinem schwer atmenden Schüler die Hand auf die Schulter.
Sie brachten beide kein Wort heraus, als sich die Ursprungswelt so vieler
dorgonischer Kaiser vor ihren Augen in eine protoplanetare Staubwolke
auflöste.
Der junge Mann durchbrach schließlich das Schweigen: »Das kann kein
Zufall gewesen sein.« Seine Stimme knarrte wie trockenes Holz.
Er schaute seinem Lehrmeister in das künstliche Stirnauge. Diesmal hielt
er dem Anblick stand.
»Was redest du da!«, herrschte dieser ihn an.
Doch diesmal sackte Garrentus nicht in sich zusammen. Gefasst lauschte
er Kurushs Ermahnung: »Nur Ignoranten sprechen von Zufall. Der Weise
erkennt die Fakten und gesteht sich ein, was ihm noch verborgen ist. Also
sprich, Garrentus! Wessen bist du gerade Zeuge geworden? Und dann ziehe
die richtigen Schlüsse!«
»Dieser Tsunami«, sagte Garrentus mit fester Stimme, »hat ausgerechnet
diesen einen Planeten getroffen, keinen der fünfzehn anderen im
Sorussystem, keinen der unzähligen Monde und auch nicht das
Schwerkraftzentrum, Sorus selbst. Im gesamten Protektorat Mesaphan hat
er ausgerechnet hier zugeschlagen, im Hauptsystem, bei der Hauptwelt
Hesophia. Der Tsunami ist kein natürliches Phänomen, er ist eine Waffe.«
»Du sprichst als Krieger?«
»Was spielt das für eine Rolle? Ob als Gelehrter, als Krieger oder als
Bäckermeister, in jedem Fall muss ich zu diesem Schluss kommen.«
»Falsch.« Kurush betonte dieses barsche Wort geradezu sanft. »Es spielt
eine große Rolle. Als Krieger, der einen Angriff wähnt, suchst du nach den
Kombattanten, ihren Taktiken und Strategien, um schließlich Sieg oder
Niederlage festzustellen. Ein Wissenschaftler hingegen hält sich
vorbehaltlos an die Messwerte, stellt Hypothesen auf, um diese zu erklären,
und überprüft sie mit weiteren Messungen. Als Gelehrte der Takhal Gud
Looter sind wir jedoch noch etwas Drittes und ich meine nicht
Bäckermeister
Garrentus zeigte einen fragenden Gesichtsausdruck.
»Wir sind auch und vor allem Priester der Sternengötter und als solche
erkennen wir hier etwas ganz anderes. Es spielt keine Rolle, ob wir es mit
einer Naturkatastrophe zu tun haben oder mit einem verborgenen Angreifer.
Denn in beiden Fällen kann etwas derart Furchtbares und Gewaltiges nur
eines bedeuten.«
Auch diese dramatische Pause gestand Garrentus dem Lehrmeister zu.
»So höre also meine Gewissheit, die meinem tiefen Glauben entspringt:
Wir wurden Zeuge des ersten der letzten Tage. Das Ende aller Welten naht.
Die Takhal Gud Looter müssen bereit sein für den Kosmotarchax!«
2017 bis 2022 NGZ, überall zwischen den Sternen der Galaxie
Dorgon
Taka Raym teilte die Einschätzung seines Rhetors ohne Einschränkungen
und ließ die Anstrengungen zur Aufrüstung und Stärkung seines Clans
nochmals vervielfachen. Sie mussten noch mehr Beute machen, mehr
Waffen und Raumschiffe anhäufen und sich noch intensiver im
Kriegshandwerk üben, um für die letzte Schlacht gerüstet zu sein.
Von nun an durften sie sich nicht mehr mit kleinen Überfällen und
Beutezügen aufhalten. Sie mussten groß denken. Ganze Sternenkönigreiche
mussten fallen und von ihnen in den Staub getreten werden. Nur so würden
sie die Aufmerksamkeit der Sternengötter wecken können.
Die Ehre gebot, die anderen Clans einzuweihen. Sie alle folgten den
Geboten der Sternengötter, und es wäre ehrlos, ihnen die Vorbereitung auf
den Kosmotarchax zu verwehren. Doch lediglich Taka Amelus vom Katron-
Clan würdigte Raym mit einer Antwort. Mehr noch, man beschloss,
gemeinsam in die Schlacht zu ziehen, um nie dagewesene Beute zu machen.
Als Kurush in den folgenden Monaten und Jahren seiner
Chronistenpflicht folgend die Raubzüge und Siege des Clans
dokumentierte, musste er oft an die Gespräche denken, die er als Kind mit
Mater Aemelia geführt hatte. Berichte dieser Art hatte sie ihm oft
vorgelesen, und er hatte ihr mit besonderer Freude dabei gelauscht.
Nun reiste er selbst zwischen den Sternen und wurde Zeuge solcher
Abenteuer, die einst die Geschichtsbücher füllen würden mehr noch, er
selbst schrieb eben jene Bücher, aus denen einst wissenshungrigen Schülern
vorgelesen werden sollte.
Entgegen der seit Jahrhunderten üblichen Art der Takhal Gud Looter
planten die Clans Attila und Katron gezielte auf größtmöglichen Profit
angelegte Feldzüge. Als erstes Opfer erkoren sie das Sternenkönigreich
Jerrat aus, das kaum Verbündete hatte, recht abgelegen lag und nur über
eine kleine, wenig schlagkräftige Flotte verfügte. Es war dennoch reich
genug, um die Schatz – und Waffenkammern der Clans gut zu füllen.
Mit gezielten Überfällen auf die wenigen Flottenstützpunkte schalteten
sie die Verteidigung Jerrats quasi über Nacht aus. Überraschende Raids auf
die Planeten machten die Regierung schnell mürbe und zwangen sie zu
hohen Tributzahlungen, damit die Angriffe eingestellt wurden.
Auch dies war nicht die übliche Art der Takhal Gud Looter zumindest
nicht mehr seit den längst vergangenen Tagen des Reiches Cartwheel. Doch
dies sollte alles nur der Vorbereitung dienen. Die Clans mussten Reichtum
und Ressourcen anhäufen, um ihre Kampfkraft massiv zu erhöhen. Ehe der
Kosmotarchax kam, mussten sie die mit Abstand stärkste militärische
Macht in Dorgon werden.
Das zweite Ziel sollte die Mesophische Republik sein. Der kleine
Sternenstaat fiel in eine ähnliche Kategorie wie Jerrat und sollte ein ähnlich
leichtes Opfer sein. Das Schicksal des Sternenkönigreichs hatte sich jedoch
herumgesprochen, und auch wenn es Mesoph ebenfalls an Verbündeten und
einer schlagkräftigen Flotte fehlte, hatte man dort doch genug Ressourcen,
um sich Hilfe zu erkaufen. Man hatte den Endredde-Clan als Söldnerheer
angeheuert, und wie die Geschichte bewies, hatten die Takhal Gud Looter
noch nie ein Problem damit gehabt, gegeneinander zu kämpfen. Im
Gegenteil, es galt als besondere Ehre, die besten Krieger der Galaxie zu
bezwingen.
So begannen in Dorgon die Clankriege, die etwa fünf Jahre anhalten
sollten.
Auch wenn Raym und Amelus den Waffengang gegen andere Clans zu
diesem Zeitpunkt noch nicht eingeplant hatten, kam er ihnen durchaus
gelegen. Wenn es ihnen gelang, bereits jetzt einen Clan auszuschalten,
würde ihnen dies außer der Beute unermessliche Ehre einbringen. Einen
solchen Sieg würde man in ganz Dorgon zur Kenntnis nehmen und
womöglich würde das Wort davon sogar den Sternengöttern zu Gehör
kommen.
Und der Sieg war gewaltig. Im Jahr 2021 NGZ gelang es unter enormen
Anstrengungen, den Endredde-Clan vollständig aufzureiben. Noch am Tag,
als die Burg des Clans im Orbit von Mesoph unter dem konzentrierten
Beschuss dutzender Adlerschiffe im Atomfeuer verging, erklärte die
Sternenrepublik ihre Kapitulation und die Bereitschaft, enorme Tribute an
die siegreichen Takas zu entrichten.
Doch so glorreich der Sieg und somit die Zukunft, die den Clans
bevorstand, auch waren es folgte unmittelbar darauf eine Phase der
Schwäche. Denn der Krieg gegen Endredde war verlustreich gewesen, und
die dadurch gewonnenen Ressourcen mussten erst in neue Raumschiffe und
Waffen umgewandelt werden. Stationäre Werften waren verwundbar und
banden Kräfte zur Verteidigung.
Auf diesen Moment hatte der Topthor-Clan nur gewartet.
Irgendwie hatte ihr Taka die Position einiger Sammelpunkte und
Rückzugssysteme der Clans Attila und Katron in Erfahrung gebracht. Dort
lauerten die Topthoren-Schiffe den siegreichen aber erschöpften Kriegern
auf.
Diese Hinterhalte kosteten sie erneut Verluste und es gelang den
Topthoren, ihnen einiges an Beute abspenstig zu machen.
Es folgte fast ein Jahr, in dem die Burgen und Schiffe von Attila und
Katron quer durch die Galaxie Dorgon gejagt wurden.
Es bedurfte einer List, die dem Sternengott Redhorse gefallen hätte und
die womöglich sogar dank seines Segens gelang. Mittels einer erbeuteten
Kampfwalze des Topthor-Clans gelang es dem Attila-Krigsleder Wulgast,
mit einem kleinen, aber schlagkräftigen Trupp in die Sternenburg Topthors
einzudringen und einen erfolgreichen Anschlag auf den Hauptreaktor
auszuführen. Damit war das militärische Machtzentrum ihres Gegners mit
einem Schlag vernichtet worden. Das Blatt hatte sich gewendet. Aus den
Jägern wurden die Gejagten, Schiff um Schiff wurden die Topthor-Krieger
zu Tode gehetzt, bis Raym höchstpersönlich ihren Taka stellen und
erschlagen konnte. Der Schädel des Überschweren ziert seither seinen
Thornsaal in der STERNENZITADELLE.
Mit diesem Sieg war die Vorherrschaft der Clans Attila und Katron unter
den Takhal Gud Looter endgültig besiegelt. Und auch jede andere Macht in
Dorgon würde es sich zweimal überlegen, diese beiden Clans zu
konfrontieren.
Als Sieger erklärten die Takas Raym und Amelus die Clankriege für
beendet und Kurush notierte als ihr Chronist:
»Die Sternengötter blicken gnädig auf die siegreichen Krieger der Clans
Attila und Katron. Sie allein sind nun für den Kosmotarchax gewappnet.«
Die Überzeugung, von den Sternengöttern auserwählt zu sein, wurde
zudem von einer ganz besonderen Beute bestärkt, die Raym den Topthoren
entreißen konnte. Denn in den Chroniken des Clans war der Ort einer
Cagehall verzeichnet, eines jener mysteriösen Göttergefängnisse, von denen
uralte Cartwheel’sche Legenden berichten. Und dieser Ort war kein
geringerer als der Planet Dorgon – seine einstige Heimat.
2023 NGZ, Ruinen des Pons Domus, Planet Dorgon, Galaxie
Dorgon
Dies war einer der Momente, in denen Kurush froh war, dass niemand seine
Gemütsverfassung an seinem Gesicht ablesen konnte. Es wäre ihm nicht
recht gewesen, dass Taka Raym und Krigsleder Wulgast das Gefühlschaos
bemerkten, das ihn erfasste, seit sie auf Dorgon gelandet waren.
Der alte und weise Rhetor konnte sich selbst nicht erklären, warum er so
nervös war, seit die blaue Kugel seines Heimatplaneten im Holo
aufgetaucht war obwohl er ihn zum ersten Mal in seinem Leben sah. Nur
mühsam hatte er das Zittern seiner Glieder unterdrücken können, als er den
Fuß auf den Boden seiner einstigen Heimatstadt setzte. Dabei lag diese
Episode seiner Kindheit und Jugend bereits weit über einhundert Jahre
hinter ihm und machte nur noch einen winzigen Bruchteil seines Lebens
aus.
Doch er musste sich eingestehen, dass der schmächtige Tempelsklave
noch immer tief in ihm steckte und eine feste Bindung zu diesem Ort hatte.
Daran würden auch weitere Jahrzehnte bei den Takhal Gud Looter nichts
ändern.
Man hatte das Beiboot des Attila-Clans unbehelligt landen lassen. Selbst
hier, mitten im Zentrum des einstigen Reiches Dorgon, war der Respekt vor
Raym und seinem Clan gewaltig zudem hatte man den Überfall eben
dieses Clans vor über hundertfünfzig Jahren nicht vergessen. Etliche Ruinen
und Krater zeugten immer noch davon.
Ob auch der Pons Domus in dieser Zeit oder bei einer anderen
Gelegenheit zerstört worden war, hatte Kurush nicht in Erfahrung bringen
können. Entgegen seiner Art hat er sich vor dieser Mission so wenig wie
möglich mit der Geschichte dieses Ortes befasst. Sie wussten aus den
Chroniken der Topthoren, dass hier die Cagehall zu finden war, mehr
mussten sie nicht wissen.
Und so standen sie nun nur wenige hundert Kilometer von jener Stelle
entfernt, an der einst Kurushs Tempel stand, vor einem Hügel inmitten der
Trümmer einstiger imperialer Herrlichkeit. An einigen Stellen ragten
Mauerreste aus dem Schuttberg hervor, vieles deutete darauf hin, dass
dieser Hügel vor Urzeiten ein großer Gebäudekomplex war womöglich
ein Tempel.
Sie wussten, nach welchen Emissionen sie suchen mussten. Auch wenn
die Sensoren nur schwach ansprachen, unter diesem Trümmerhaufen
musste sich die Cagehall befinden.
Das Beiboot schwebte direkt darüber. Raym, Wulgast und Kurush waren
ausgestiegen, um nach einem Zugang zu suchen. Es gab jedoch keinen, das
einstige Gebäude war komplett zerstört, verschüttet und zugewuchert. Ohne
die Messergebnisse wären sie achtlos daran vorbeigegangen.
Der Rhetor betrachtete in einem kleinen Holo die aktuellen Messdaten,
die das Beiboot in Echtzeit übertrug. Der Taka und der Krigsleder nahmen
derweil Kontakt mit der kleinen Adlerflotte im Orbit auf, um den Status
abzufragen. Dann hielten sie nach Bedrohungen vor Ort Ausschau.
Vergebens. Vermutlich zu ihrem Bedauern, wie Kurush annahm. Die
planetare Obrigkeit ließ sie völlig unbehelligt, in der Hoffnung, dass sie
umso schneller wieder abzögen.
»Und?«, bellte Raym Kurush nach Dscherro-Art an.
»Die Scans liegen vor«, antwortete der Rhetor. »In gut fünf Metern Tiefe
ist ein intakter Hohlraum. Die Strahlungssignatur, von der in der Topthor-
Chronik die Rede ist, hat hier ihren Ursprung.«
»Gut«, kommentierte Raym und stellte den Funkkontakt zum Beiboot
her.
»Hügel abtragen!«, befahl er. »Alles bis fünf Meter Tiefe desintegrieren!
Wenn die Cagehall beschädigt wird, schlage ich euch allen eigenhändig die
Köpfe ab! Koscha!«
Als sich der grünliche Dunst verzogen hatte, kletterten die drei Takhal Gud
Looter in die entstandene Grube. Der Bordschütze am schweren
Schiffsdesintegrator hatte Präzisionsarbeit geleistet. Der Hohlraum war
sauber freigelegt, in seiner Mitte war ein Quader von fünf mal zwei mal
zwei Meter Größe zu sehen.
Ehrfürchtig schritt Kurush auf das Gebilde zu. Raym und Wulgast hielten
sich im Hintergrund.
Die Oberfläche des Quaders war mattschwarz und wies keinerlei
Unebenheiten oder Verschmutzungen auf, als wäre das Objekt frisch aus
einem Marmorblock gehauen und gewissenhaft gereinigt worden. Als
Kurush genauer hinsah, erkannte er Fugen an den beiden langen
Seitenflächen, die Rechtecke formten, je zwei auf einer Seite.
»Das scheinen Klappen oder Türen zu sein«, sagte er und begann, mit
einem Handscanner Messungen vorzunehmen.
Er konnte nicht verhindern, dass er zusammenzuckte, als die beiden
Rechtecke auf der ihm zugewandten Seite mit einem plötzlichen Zischen
und Knirschen in dem Quader versanken und zur Seite glitten.
»Die Cagehall öffnet sich!«, rief er und ging schnell auf die andere Seite.
Dort blieben die Öffnungen jedoch verschlossen.
»Der Kosmotarchax ist da! Er bringt Kampf, er bringt Ruhm, er bringt
Beute – und er bringt den Tod.«
Kurush war nicht sicher, ob er die Stimme wirklich gehört hatte oder sie
nur in seinem Kopf erklungen war. Er wandte sich zu Raym und Wulgast
um.
»Habt ihr das auch gehört?«, fragte er tonlos.
Taka Raym antwortete nicht, griff aber zur Kriegsaxt an seiner Hüfte.
Krigsleder Wulgast zeigte mit dem Finger auf die Cagehall und rief:
»Schau!«
Kurush wandte sich wieder um, im gleichen Moment erklang ein hoher
Schrei, und ein Vogel ließ sich mit weit gespreizten Flügeln auf der
Cagehall nieder. Der Rhetor erkannte sofort, dass dies kein einheimisches
Tier war, es war ein mythologischer Vogel, der in den alten Schriften
»Falke« genannt wurde. Ähnliches galt für das zweite Tier, das nun aus
einer der Öffnungen trat und mit einem Satz zu dem Falken sprang. Es war
tiefschwarz und man nannte es »Schakal«.
Die beiden Tiere schienen einen Moment lang zu flackern und
verwandelten sich in dorgonenähnliche Gestalten. Lediglich ihre Köpfe
behielten die Tiergestalt bei. Während der Verwandlung waren sie
durchsichtig, und es schien Kurush auch danach noch, dass er Objekte
hinter ihnen durchschimmern sehen konnte. Offenbar waren es
Hologramme.
»Der Zeuge des Kosmotarchax sei gegrüßt!«
Wieder war nicht zu erkennen, ob diese Worte laut gesprochen oder
direkt ins Gehirn übertragen wurden. Und auch wenn die Mäuler der beiden
Gestalten reglos geöffnet waren, hatte Kurush keinen Zweifel, dass sie der
Ursprung waren.
»Ich grüße euch, o Horus und Anubis«, sagte er, denn genauso wurden
die beiden Sternengötter in den Legenden genannt. »Ich stehe hier mit dem
mächtigen Taka Raym und seinem Krigsleder Wulgast. Der Clan Attila hat
hart für Ruhm, Beute und Ehre gekämpft. Sagt uns, sind wir würdig, uns
dem Kosmotarchax zu stellen?«
»Das seid ihr«, kam prompt die Antwort. Raym und Wulgast waren
inzwischen an Kurushs Seite getreten. Der Taka ergriff das Wort.
»Dann sagt uns, Sternengötter, wo wir uns der letzten Schlacht stellen
sollen. Wir sind bereit, uns unseren Platz in Rideryon zu erkämpfen.«
»Mehr als das, o tapferer Raym«, ertönten die Stimmen. »Es wird euch
mit unserer Hilfe und Anleitung gelingen, den Kosmotarchax noch einmal
abzuwenden.«
Daraufhin tauschten die drei Takhal Gud Looter fragende Blicke aus.
Erneut ergriff Kurush das Wort:
»Wie, o Sternengötter, soll uns das gelingen?«
»Bringt uns nach Apsuhol! In dieser fernen Galaxie entscheidet sich
erneut das Schicksal des Universums. Dort gilt es, einen Mythos
auszulöschen, der diese Ereigniskette festigt und unumkehrbar macht. Erst
wenn er aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt ist, wird das Universum
wieder frei sein. Der Kosmotarchax ist dann nicht mehr zwingend
vorgezeichnet, und die Takhal Gud Looter sind wieder frei in ihren
Entscheidungen.«
»Was ist das für ein Mythos, dass das gesamte Schicksal des Universums
von ihm abhängt?«
»Es ist der Mythos eines bedeutenden Wesens, der untrennbar mit dem
Schicksal dieses Universums verbunden ist. Es ist der Mythos Perry
Rhodan. Und der Mythos Perry Rhodan muss ausgelöscht werden!«
Nach diesen Worten lösten sich die Holobilder der beiden Sternengötter
auf, und die Kammern der Cagehall schlossen sich wieder.
»Der Name kommt mir bekannt vor«, durchbrach Raym nach einer Weile
das Schweigen.
»Ja«, sagte Kurush. »Die Legenden wissen viel über Perry Rhodan zu
berichten. Er ist unsterblich, verkehrt mit Sternengöttern und hat etliche
glorreiche Siege errungen. Er ist ein bedeutender Held, und es wird den
Takhal Gud Looter zu großer Ehre gereichen, ihn zu töten.«
Epilog
»Diese Barbaren wollen Perry töten!«
Gucky riss die Augen auf und fand sich unverändert auf der Liege
hockend wieder. Sein Blick suchte und fand Constance, die sich gerade
schwer atmend aus einer zusammengesackten Sitzhaltung erhob.
»Sollten wir das nicht besser unter uns besprechen?«, fragte sie.
»Keine Sorge.« Gucky winkte ab. »Der Zyklop ist noch vollkommen
groggy von seinem Gebräu. Der schläft mindestens noch ein paar Stunden.«
Er erhob sich von seiner Liege und trat an Constance heran. Sie waren
komplett allein in dem Lager, das die Takhal hier errichtet hatten. Kurush
lag tatsächlich gleichmäßig atmend mit geschlossener Optik auf seiner
Liege und rührte sich nicht.
»Aber im Ernst«, fuhr der Mausbiber fort. »Wie können wir mit diesen
Massenmördern zusammenarbeiten? Wir würden mit denen an unserer Seite
doch auf Schritt und Tritt in ein moralisches Dilemma nach dem anderen
stolpern. Mal abgesehen davon, dass sie auf die Gefahr hin, dass ich mich
wiederhole – Perry Rhodan töten wollen.«
»Wozu sie ihn erst einmal finden müssten, was angesichts des Zeitchaos
schwierig werden könnte. Aber ich gebe dir Recht.« Ehe Gucky etwas
erwidern konnte, hob sie abwehrend die Hände. »Diese Leute sind
gewaltverherrlichende Fanatiker. Und Kurushs Klugheit in allen Ehren
auch er hat nach über hundert Jahren unter ihnen einen mächtigen Schaden
davongetragen.«
»Was also schlägst du vor?«, fragte Gucky.
»Ich weiß es nicht. Eigentlich müssen wir sofort von hier verschwinden
und so viele Lichtjahre zwischen uns und die Takhal bringen wie möglich.
Andererseits brauchen wir dringend ihre Kosmogene Chronik, denn wir
brauchen sie alle. In jedem Fall sollten wir uns jetzt mit Aurec und Creen
beraten.«
Gucky nickte daraufhin und hielt ihr seine Pfote hin. Mit einem Knall
stürzte die Luft in das Vakuum, das die beiden Körper nach der
Teleportation hinterlassen hatten.
Mit leisem Surren öffnete sich daraufhin die Irisblende auf Kurushs Stirn.
ENDE
Impressum
Die DORGON-Serie ist eine Publikation der
PERRY RHODAN-FanZentrale e. V., Rastatt (Amtsgericht Mannheim, VR
520740 )
vertreten durch Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf
www.dorgon.net
Autor: Roland Triankowski
Titelbild und Innenillustrationen: Gaby Hylla
Lektorat: Norbert Fiksg
Korrektorat: Arndt Büssing
Redaktion & Layout: Burkhard Lieverkus
Sofern nicht anders vermerkt, bedarf die Vervielfältigung, Verbreitung und-
öffentliche Wiedergabe der schriftlichen Genehmigung der Rechteinhaber.
Perry Rhodan®, Atlan®, Icho Tolot®, Reginald Bull® und Gucky®
sind eingetragene Marken der Heinrich Bauer Verlag KG, Hamburg.