Band 130
Die Takhal Gud Looter
Sie sind die Sternenräuber von M100
Autor: Roland Triankowski
Titelbild und Innenillustrationen: Gaby Hylla
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Gucky
Der Mausbiber muss Dampf ablassen.
Constance
Die Entropin bekommt einen Tee serviert.
Kurush
Der Dorgone lernt zu sehen.
Aemelia
Die Dorgonin liest gern vor.
Raym
Der Dscherro enthauptet gern.
Kapitel 1: Allein
5633 A.D., Raumschiff CASSIOPEIA, irgendwo zwischen den
Sternen der Milchstraße
Die Panikattacke traf ihn aus heiterem Himmel. Gucky hatte gerade seine
Kabine in der CASSIOPEIA betreten, klassisch zu Fuß, denn er hatte den
Weg dorthin gebraucht, um nachzudenken. Es fühlte sich an, als würde die
Pranke eines Haluters seine Brust packen und zusammenquetschen, ein
dumpfer Schmerz, heiß und kalt zugleich. Ebenso schlagartig wurde sein
ganzes Wesen nur noch von einem Gedanken beherrscht: »Ich bin allein!«
Der Mausbiber ging in die Knie, beugte sich vornüber und stützte sich
auf den Oberschenkeln ab.
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
Er zwang sich zur Ruhe. Nach fast viertausend Jahren Lebenszeit hatte
man alles schon erlebt, auch die ein oder andere Panikattacke. Wäre doch
gelacht, wenn er sie nicht durch ein paar Dagorübungen seines guten alten
Freundes Atlan …
Gucky fiel vornüber und fing sich mit seinen Pfotenhänden ab. Die
Ohren angelegt, auf allen Vieren kriechend, versuchte er, seinen Atem
wieder in den Griff zu bekommen. Es wollte ihm nicht gelingen. Mit
offenem Mund hechelte er wie ein überhitzter terranischer Hund. Atlan war
tot oder hatte nie gelebt. Was auch immer hier gerade vorging, er war nicht
mehr da. Ebenso die anderen Freunde und Gefährten, die ihm in solchen
Momenten zur Seite gestanden hätten, indem sie über seine Witzchen
lachten oder ihm die Ohren kraulten. Niemand war mehr da erst recht
keine anderen Ilts …
Ihm war bewusst, dass ihn diese Gedanken immer tiefer in den
Panikstrudel rissen. Er durfte dem Sog nicht nachgeben, musste sich
dagegenstemmen und buchstäblich auf andere Gedanken kommen.
Vielleicht half es, wenn er sich erst einmal hinlegte, am besten gleich an
Ort und Stelle. Er rollte sich auf dem Fußboden zusammen, wie ein
Neugeborenes. Tatsächlich beruhigte sich sein Atem. Er schlang seine
Arme um die angezogenen Knie und versuchte einstweilen, an gar nichts zu
denken. Dieser Moment der Ruhe währte jedoch nicht allzu lange. Mit der
nächsten schmerzhaften Erinnerungswelle an seine Freunde stellte sich sein
Nacken und Rückenfell auf. Er presste seine Augen zusammen, seine
Muskeln verkrampften, bis er nur noch ein wimmernder, zitternder Ball
war. Sein Geist schrie seinen Schmerz in den Hyperraum hinaus. Mit einem
Teil seines Verstandes nahm er die anderen Besatzungsmitglieder in
unmittelbarer Nähe wahr, in den Korridoren und angrenzenden Kabinen.
Trotz des alles beherrschenden Schmerzes wollte er sie nicht gefährden.
Instinktiv teleportierte er an den unbelebtesten Ort im Schiff, einen
Frachtraum im Unterdeck.
Gucky hatte seine Körperhaltung kaum verändert, als er im selben
Augenblick mitten in der Halle zwischen den Containern erschien.
Allerdings schwebte er nun von seinen telekinetischen Kräften gehalten,
einem Embryo gleich gut anderthalb Meter über dem Hallenboden. Mit
eben diesen Kräften ertastete er seine Umgebung, griff nach dem
nächstbesten Container und schleuderte ihn mit aller Kraft davon.
Das tat gut, stellte er fest. Ein weiterer Container wurde von ihm gepackt,
emporgehoben und wie eine Dose aus dünnem Blech zerquetscht. Er
machte sich viel zu selten bewusst, wie groß seine Macht in Wahrheit war.
Falsch.
Er wusste sehr wohl um seine Macht und welchen Schaden er damit
anrichten konnte. Genau deshalb hielt er sie die meiste Zeit, so gut es ging,
im Zaum, um jene, die er liebte, nicht zu gefährden. Doch nun war er,
Gucky …
Nein, diesen Namen hatten ihm einst seine Freunde gegeben, er erinnerte
ihn zu sehr an all jene, die nun nicht mehr da waren. Davor hatte er anders
geheißen, das war besser.
Nun war er, Plofre, allein. Auf wen musste er nun noch Rücksicht
nehmen?
Der Gedanke ließ ihn innehalten. Er war mit einem unheimlichen Gefühl
von Freiheit einhergegangen. Unheimlich deshalb, weil es die Freiheit von
Verantwortung, von Rücksicht und von Gnade war und er dieses Gefühl
einen winzigen Moment lang begrüßt hatte.
Doch dieser Moment war vorübergegangen. Die Angst vor dem Weg, den
er damit eingeschlagen hätte, war zu groß und überlagerte alle anderen
Ängste und Sorgen. Er war trotz allem noch immer Gucky, der Retter des
Universums, und würde es immer bleiben.
Der Mausbiber öffnete die Augen, stellte seine Ohren wieder auf und
streckte seinen Körper. Langsam sank er auf den Hallenboden zu und
betrachtete dabei den Schaden, den er angerichtet hatte. In dieser verqueren
Zeitlinie gab es leider keine Bank, auf der er ein Konto mit dem einen oder
anderen Notgroschen hatte, mit dem er das alles hätte bezahlen können. Der
Gedanke, seine Schuld mit jahrelangem Tellerwaschen und Möhrenschälen
begleichen zu müssen, ließ ihn schmunzeln und den Nagezahn kurz
hervorblitzen.
Am Boden wollten ihn seine Beine fast nicht tragen. Sie waren
butterweich und zitterten, als er stand. Auch das gehörte zur Wahrheit über
seine Fähigkeiten: Ihre exzessive Nutzung war auf Dauer furchtbar
anstrengend. Dank der Stütze seines Biberschwanzes stand er dennoch
stabil und konnte sich einen Moment lang erholen. Der Zellaktivatorchip
unter seinem Schlüsselbein erzeugte dieses merkwürdige Gefühl, das
irgendwo zwischen Brennen, Pochen und taubem Kribbeln lag und immer
dann auftrat, wenn das Gerät gegen Verletzungen oder große Erschöpfung
anarbeiten musste. Er atmete tief durch, klatschte schließlich in die Hände,
wie um sich selbst aufzumuntern, und nutze die leidlich aufgefüllten
Kraftreserven für einen Teleportersprung in seine Kabine.
Gucky materialisierte direkt über der Matratze seiner Koje und ließ sich
einfach fallen. Viel Ruhe war ihm jedoch nicht vergönnt. Zwar hatte er sein
Armbandkom schon vor seinem kleinen Ausflug in den Frachtraum stumm
geschaltet, die Kabinenpositronik entschied nun jedoch, ihn auf die
zahlreichen aufgelaufenen Nachrichten und Kontaktversuche aufmerksam
zu machen. Zumal ihre Absenderin in diesem Moment auf dem Weg zu ihm
war und in ein paar Augenblicken vor seiner Kabinentür stehen würde.
Der Ilt seufzte und rappelte sich wieder auf. Er watschelte in die
Nasszelle und machte sich im Spiegel einen Eindruck von seinem
Erscheinungsbild. Er sah furchtbar aus. Sein Fell war stumpf und struppig,
seine Ohren hingen kraftlos herunter, und seine Augen hatten jeden Glanz
verloren. Zum Glück war er für alle anderen Wesen an Bord ein exotisches
Alien, dessen Aussehen niemand einschätzen und deuten konnte. Niemand
hatte eine Vorstellung davon, wann ein Ilt fit und gesund aussah und wann
er erschöpft und ausgelaugt war. Außerdem wurde man nicht
dreitausendachthundert Jahre alt, ohne sich glaubhaft verstellen zu können.
Ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht, den Nagezahn blitzen lassen und
schon zwinkerte ihm im Spiegelbild wieder der gute alte, zu Späßen
aufgelegte Mausbiber von nebenan entgegen. So ging er zur Kabinentür und
öffnete sie nur wenige Sekunden, ehe seine Besucherin den Klingelsensor
betätigen konnte.
»Constance, alte Hexe«, sagte er beschwingt und blickte schelmisch zu
ihr empor. »Was verschafft mir die Ehre?«
Bei aller betonten Flapsigkeit meinte er den Titel nicht abfällig. Das
Interkosmo-Wort für »Hexe« wurde zwar auch für die altterranische
Märchenfigur verwendet, stand ursprünglich aber für die weisen
Feuerfrauen der arkonidischen Zhy-Religion. Es war also ein Ehrentitel
und so hatte es Constance auch verstanden.
Sie ging in die Hocke, um mit ihm, dem deutlich kleineren Ilt, auf
Augenhöhe zu sein. Gucky blickte in ein offenes freundlich lächelndes
Gesicht, die Augen darin drückten ehrliches Mitgefühl aus.
Als Entropin sah Constance exakt wie eine Menschenfrau aus, ihre
Gestik und Mimik war ebenfalls vergleichbar. Und damit kannte Gucky
sich aus. Er hatte den überwiegenden Teil seines Lebens unter Menschen
verbracht, Terranern, Arkoniden und wie sie alle hießen. Der Stammbaum
dieses Volks war absurd kompliziert und weit verzweigt erst recht, wenn
man die Cappins oder gar die V’Aupertir einbezog. Das Ergebnis war, dass
man praktisch überall im Universum auf Angehörige und mehr oder
weniger entfernte Verwandte treffen konnte. Ein Mensch würde niemals
allein sein.
Gucky verscheuchte den letzten Gedanken sofort wieder. Er durfte nicht
erneut in Schwermut verfallen, als Empathin würde Constance das sofort
bemerken. Deswegen war sie mit Sicherheit hier.
»Ich habe mir Sorgen gemacht«, sagte sie dann auch.
Gucky beschloss spontan, dass es genug der Schauspielerei war. Hier
stand eine Person vor seiner Tür, die ihm aufrichtig helfen wollte. Ein
weiser alter Ilt wie er nahm so ein Angebot natürlich an.
Daher trat er einen Schritt zur Seite und fragte: »Möchtest du nicht
reinkommen?«
Es gab Zeiten, da hätte Gucky seinem Gast ein hochprozentiges Getränk
angeboten und sich selbst ebenfalls nicht zurückgehalten. Diese Zeiten
waren jedoch lange vorbei. Mit Mühe verdrängte er den Gedanken daran,
wann genau er zuletzt einen Drink genommen hatte und vor allem, mit
wem.
Dennoch wusste der Ilt, was sich gehörte und dass es Situationen gab, in
denen ein süßlicher Möhrensaft einfach nicht passte. Über die Jahrhunderte
hatte er eine große Bandbreite sehr interessanter und auch anregender
Obst und Gemüsesäfte kennengelernt und auf dem Gebiet einige
Expertise entwickelt. Selbst Bully hatte das einmal zugeben müssen.
Gucky hielt inne, schloss kurz die Augen und atmete tief durch.
Was sollte dieser Gedanke, schalt er sich selbst. Da er erst seit kurzer Zeit
auf diesem Schiff war und diese Kabine bewohnte, konnte er ohnehin nur
auf das zugreifen, was vorrätig war. Das war in diesem Fall Tee. Das war
auch gut so, denn dies war sowieso eindeutig eine Situation für Tee.
Er setzte seine Gastgebermiene auf und brachte das Tablett mit den
Getränken zu der Sitzecke, wo Constance auf ihn wartete.
Die Entropin bedankte sich mit einem Nicken, nahm die dampfende
Tasse und roch an dem noch heißen Getränk. Ganz offensichtlich wartete
sie darauf, dass der Ilt von sich aus zu reden begann.
Gucky hatte auf einem Sitzkissen Platz genommen und sie einen Moment
lang nachdenklich angeschaut. Dann seufzte er tief durch und sagte: »Es
geht mir schon wieder besser. Etwas. Aber es geht mir noch immer nicht
gut. Deswegen bin ich sehr froh und dankbar, dass du gekommen bist.«
Constance nahm einen kleinen Schluck und weitete leicht ihre Augen.
Gucky sollte weiterreden.
»Ich tue mich schwer mit Einsamkeit«, gab er freiheraus zu. »Du kennst
meine Geschichte und kannst daher erahnen, dass mich der Verlust meiner
Freunde mitnimmt.«
»Ich konnte es sogar spüren«, sagte die Empathin und stellte ihre Tasse
ab. »Deine Mentalstabilisierung ist vorhin komplett zusammengebrochen.
Unabhängig davon weiß ich, dass fast jede intelligente Daseinsform unter
Einsamkeit leidet. Sie ist nicht gut für uns, und wir dürfen nicht zulassen,
dass einer der Unsrigen ihr länger als nötig ausgesetzt ist.«
»Danke«, sagte Gucky erneut und ließ seine Teetasse zu sich
heranschweben. Nach einem kleinen Schluck fragte er:
»Wie ist die Lage?«
»Soweit ich weiß, sind wir der ROVERSTJERNER einstweilen
entkommen. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis sie uns wieder
aufspüren und die Jagd weitergeht.«
»Unbefriedigend«, murmelte der Mausbiber in seine Tasse.
»Ich glaube, das sehen wir alle so«, sagte Constance. »Auf diese Weise
kommen wir weder mit unserem Plan voran noch werden sich uns
irgendwelche neuen Optionen auftun.«
Gucky richtete sich auf, ließ die Tasse sinken und schaute der Entropin in
die Augen. Er wusste genau, was sie mit ihm anstellte, wohin sie seine
Gedanken lenkte. Doch er ließ es geschehen, war ihr sogar dankbar dafür.
Das war genau das, was er gebraucht hatte: gebraucht zu werden, Zuspruch
zu erhalten, eingebunden zu sein.
»Wir müssen den Spieß umdrehen«, sagte er fest, »das Heft des Handelns
in die Hand nehmen. Diese Burschen wollen die Kosmogenen Chroniken?
Tja, wir auch! Schnappen wir uns also die, die sie schon haben.«
Nun konnte Constance ein breites Lächeln nicht mehr zurückhalten. »Ich
nehme an, du hast einen ungefähren Plan?«, fragte sie.
»Und was für einen Plan ich habe!«, rief der Ilt mit blitzendem
Nagezahn. Er ließ sich telekinetisch über den Tisch schweben und hielt der
Entropin die Pfote hin. Mit ihr teleportierte er in die Zentrale der
CASSIOPEIA.
»Wo ist die ROVERSTJERNER jetzt?«, rief Gucky in dem Moment, in
dem er mit Constance in der Zentrale erschien.
Die Diensthabenden reagierten zunächst nicht auf seine Frage. Einige
starrten ihn entgeistert an, andere sogar feindselig. Die meisten hatten sehr
damit zu tun, sich von dem Schreck zu erholen. Es war nicht leicht, sich an
Teleporter zu gewöhnen. Dass sich die Crew aus einem sehr explosiven
Gemisch aus IVANHOE-II-Leuten und Quarterialen zusammensetzte,
machte es nicht einfacher.
Doch darauf konnte und wollte Gucky keine Rücksicht nehmen. Diese
Crew musste funktionieren, wenn sie dieses Chaos irgendwie bewältigen
wollten.
»Na, was ist?«, hakte er nach, bemühte sich aber, dabei freundlich zu
klingen.
In dem Moment betraten Aurec und Nathaniel Creen die Zentrale. Man
hatte sie offenbar über Guckys Erscheinen und sein Ansinnen informiert.
»Antworte ihm, ENGUYN«, befahl Aurec. Die Bordpositronik der
CASSIOPEIA gehorchte umgehend: »Die letzte Ortung erfolgte vor
sechsunddreißig Stunden aus dem Myrtha-System.«
»Können wir das bestätigen?«, hakte Gucky nach. Bei dem Namen
klingelte irgendwas bei ihm, aber er verdrängte den Gedanken zunächst.
»Frühestens in sechs Stunden«, antwortete die KI. »Die
ROVERSTJERNER hat den Stern Myrtha bislang in einem engen Orbit
umkreist. Wenn das noch der Fall ist, tritt sie dann erst aus seinem Schatten
hervor. Wir kennen ihre 5D-Signatur inzwischen so gut, dass wir sie aus
dem Spektrum des Sterns herausfiltern können, solange sie nicht, von uns
aus gesehen, dahinter liegt.«
»Das heißt, wir sehen sie immer noch bevor sie uns sehen?«, fragte der
Mausbiber.
»Ja.« Diesmal übernahm es Aurec zu antworten. »Aber die Zeitspanne, in
der wir unentdeckt bleiben, wird zusehends kürzer
Er nahm auf einem der Sitze Platz und bedeutete dem Ilt mit einer
einladenden Geste, es ihm gleichzutun.
»Worauf willst du eigentlich hinaus, Gucky?«
In einer Kurzteleportation bugsierte er sich direkt über den angebotenen
Stuhl und schwebte langsam darauf hinab.
»Wie fliegen ins Myrtha-System und sagen diesen Lootern, dass sie uns
ihre Kosmogene Chronik rausrücken sollen.« Gucky war wieder ganz der
Alte, fläzte sich in den Sitz und präsentierte seinen Nagezahn.
»Das ist …« Aurec zögerte, den Satz zu beenden. »… durchaus nach
meinem Geschmack. Aber auch etwas gewagt, meinst du nicht?«
»Wer nichts wagt, der nichts gewinnt!«
Der Ilt liebte es, Intelligenzwesen aus entfernten Galaxien mit
abgedroschenen terranischen Redensarten zu verblüffen. Wie erhofft, nickte
Aurec anerkennend, als hätte er gerade eine tiefgründige Weisheit
vernommen.
»Aber im Ernst«, fügte Gucky hinzu. »Wenn wir alle Chroniken
brauchen, fangen wir am besten mit jener an, die uns am nächsten liegt. Je
eher wir uns mit den Lootern einigen, desto besser. Wer weiß, vielleicht
helfen sie uns sogar dabei, die übrigen einzusammeln.«
»Mit den Weltraumpiraten einigen?«, warf Creen ein. »Wie soll das
gehen? Bislang haben sie uns gejagt und sich wenig gesprächsbereit
gezeigt.«
Gucky schaute den einstigen Kopfgeldjäger einen Moment lang
nachdenklich an. Es beunruhigte ihn, dass er dessen Gedanken nicht lesen
konnte, denn sein Gefühl sagte ihm, dass der Knabe irgendetwas
verheimlichte. Dass er ständig mit einem Helm über Kopf und Gesicht
herumrannte, machte es nicht einfacher. Aber das musste warten wie so
vieles andere auch.
»Bisher haben wir ihnen auch noch nicht gesagt, dass wir die Standorte
der anderen Chroniken kennen.«
Aurec lachte auf. »Meinst du nicht, dass diese Information ihre Jagd auf
uns nur befeuern würde?«, fragte er.
»Deswegen fliegen wir ja auch mit der NOVA zu ihnen, verstecken die
CASSIOPEIA und behaupten, dass die Koordinaten nur dort gespeichert
sind«, antwortete Gucky und zwinkerte mit einem Auge wohl wissend,
dass niemand etwas mit dieser Geste anfangen konnte.
Kapitel 2: Patt
5633 A.D., Raumschiff NOVA, auf dem Weg ins Myrtha-System,
Milchstraße
»Jetzt weiß ich!«, rief Gucky mit einem Mal und durchbrach damit das
Schweigen in der Zentrale der NOVA. Kurz tippte er mit einer Pfote gegen
seine Stirn.
»Gray Beast! Die Peepsies!«, ergänzte er und schaute mit strahlenden
Augen seine Mitreisenden an.
Constance und Aurec tauschten irritierte Blicke aus, sagten jedoch nichts.
Creen ließ sich ohnehin nur selten zu Äußerungen hinreißen.
Der Ilt winkte ab und erklärte: »Ach nichts, ich erinnere mich nur wieder,
woher ich das Myrtha-System kenne. Vor drei-, viertausend Jahren hatten
wir dort mit den Druuf und dem Robotregenten zu tun.«
Auch diese Information zauberte kein Erkennen in die Gesichtszüge der
Anderen. Gucky beachtete ihre Reaktion jedoch kaum noch, sein Blick glitt
in die Ferne, und er murmelte: »Wir dachten damals auch, wir hätten sie
verloren.«
Die Entropin kniff daraufhin leicht die Augen zusammen. Sie spürte ganz
offensichtlich, dass er wieder in schwermütige Gedanken abzugleiten
drohte.
»Sag mal, Gucky«, sprach sie ihn mit neutralem Tonfall an, »bei deiner
Erfahrung, was ist die beste Strategie in einer solchen Pattsituation?«
»Hm?«
Fast verträumt blickte er Constance an. Auch ohne telepathische Kräfte
sah man ihm an, dass das Gehörte nur langsam in sein Bewusstsein sickerte.
Aurec griff das Thema auf und half ihm auf die Sprünge: »Eine geradezu
klassische Situation. Zwei verfeindete Parteien brauchen alle Teile eines
Puzzles, haben aber jeweils nur Zugriff auf einige davon. Gibt es da
überhaupt eine perfekte Strategie?«
»Das kommt darauf an, was die beiden Parteien mit dem Puzzle anstellen
wollen, wenn es fertig ist«, antwortete der Ilt. »Sollte sich herausstellen,
dass sie damit dasselbe Ziel verfolgen, ist es auf einmal ganz einfach.
Deswegen ist Teil eins des Plans: herauskriegen, was die Looter mit den
Chroniken vorhaben.«
»Und falls uns das nicht gefällt?«, hakte Creen nach.
»Dann können wir ihnen die Dinger immer noch mopsen. Aber so weit
sind wir noch nicht. Jetzt müssen wir die Leutchen erst einmal anfunken.
Wer möchte?«
Sie hatten sich dem Myrtha-System aus einer anderen Richtung genähert,
um die ursprüngliche Position der CASSIOPEIA bestmöglich zu
verschleiern. Dabei hatten sie auf jegliche Tarnung verzichtet.
Ohnehin: In dem Moment, in dem sie sich in Reichweite der
Ortungsgeräte der ROVERSTJERNER wähnten, ging per
Hyperfunkrichtstrahl ihre unverschlüsselte Kontaktaufnahme raus. Das
Risiko dieses Manövers war enorm, auch wenn sie noch etliche Lichtjahre
von Myrtha entfernt waren, war es den Takhal Gud Looter nun ein leichtes,
sie exakt zu lokalisieren, in Sekundenbruchteilen an ihre Position zu
springen und das Feuer zu eröffnen.
Und doch harrten sie mit der NOVA aus und blieben im freien Fall
zwischen den Sternen auf Warteposition.
Die Antwort erfolgte zu ihrem Glück so, wie sie es sich erhofft hatten.
Die ROVERSTJERNER stellte ihrerseits eine Funkverbindung her.
Gucky einer Eingebung folgend hatte er entschieden, den Kontakt
persönlich aufzunehmen blickte in die holografische Darstellung des
Gesichts eines Dscherro. Der vollkommen haarlose Schädel wirkte insofern
recht menschenähnlich, weil die beiden Augen, die Ohren, die
Nasenöffnung und der Mund genauso wie bei Humanoiden angeordnet
waren. Damit hatte sich die Ähnlichkeit jedoch erledigt. Die grünliche
Schuppenhaut erinnerte an reptiloide Wesen, die gewaltigen Hauer, die aus
dem Unterkiefer ragten, und die rüsselartige kurze Nase ließen Gucky an
irdische Keiler denken. Am auffälligsten war aber das gut dreißig
Zentimeter lange Horn, das aus der Stirn des Dscherro ragte und jene, die
mit der Fauna von Terra vertraut waren, an Narwale erinnerte. Wofür dieses
Horn eigentlich diente, blendete Gucky lieber aus.
Er kannte diese Geschöpfe nur zu gut aus der THOREGON-Epoche, als
sie Terrania terrorisierten. Später erfuhr er, dass es einige von ihnen nach
Cartwheel verschlagen hatte. Vermutlich stammte dieser hier aus jener
Population.
Der Translator konnte das Gebell problemlos übersetzen:
»Ergebt euch, wie es jämmerlichen Feiglingen eurer Art gebührt!
Übergebt uns …«
Der Dscherro unterbrach sich und schien sein Empfangsholo genauer zu
fokussieren. Dann wandte er sich ab und brüllte ein Wort, das der Translator
nicht auf Anhieb übersetzte – vermutlich einen Namen.
»Sprich du!«, befahl er schließlich und verschwand aus dem
Erfassungsbereich der Aufnahmeoptik.
Gucky hatte nun wirklich schon in alle denkbaren Gesichter geblickt,
dennoch weiteten sich seine ohnehin schon großen Augen um eine
Winzigkeit, als der Kopf des herbeizitierten Mannes das Holo ausfüllte. Er
war ganz offensichtlich ein Mensch oder Dorgone, auch dieses Völkchen
war von den Lemurerabkömmlingen kaum zu unterscheiden. Allerdings
fehlten ihm beide Augen, und zwar auf eine Art und Weise, die vermuten
ließ, dass er ohne sie geboren worden war. Damit nicht genug, prangte
mitten in seiner Stirn ein knapp fünf Zentimeter durchmessendes
metallisches Bauteil, das offenbar sein Augenlicht ersetzen sollte.
Zumindest öffnete sich in seiner Mitte gerade eine Irisblende und legte eine
Kameralinse frei.
»Oh«, sagte der Dorgone und setzte ein Lächeln auf, das irgendwie
einstudiert wirkte. Aber das lag vermutlich an den fehlenden Augen, wies
Gucky sich selbst zurecht.
»Verzeih meine Unhöflichkeit«, sagte der Dorgone. »Mein Name ist
Kurush, und ich bin der Rhetor Scientia des Attila-Clans. Die Ähnlichkeit
mit den Legenden ist einfach zu verblüffend, daher verzeih nochmals meine
Direktheit. Stammst du etwa vom Volke der Tramper?«
Guckys Nagezahn sprang geradezu hervor. Seine Eingebung hatte sich
bestätigt. Sein Anblick war in der kollektiven Erinnerung der dorgonischen
Völker verankert. Man hatte ihn nicht vergessen.
»Sei gegrüßt, Kurush!«, sagte er. »Mein Name ist Gucky, und ich stamme
vom Planeten Tramp, falls das deine Frage beantwortet.«
Aus dem Akustikfeld drang ehrfürchtiges Geflüster, der Translator
konnte die leisen Wortfetzen nicht vollständig erfassen, errechnete jedoch
eine hohe Wahrscheinlichkeit für »der Überall-zugleich-Töter«.
Schlagartig schnellte Guckys interne Erfolgsprognose für die
anstehenden Verhandlungen um einige Prozentpunkte nach oben.
»Wie wäre es, o Kurush«, ergriff er wieder das Wort, »wenn wir uns
irgendwo treffen und ganz zwanglos darüber unterhalten, wie wir mit
unseren jeweiligen Kosmogenen Chroniken umgehen?«
Als Treffpunkt wurde Gray Beast, der siebte Planet, ausgemacht, der in
dieser Zeitlinie natürlich nicht so hieß. Hier war er auch keine vom
Atombrand verzehrte Schlackekugel, sondern noch immer eine vor Leben
sprühende Welt. Die von einem der Nachbarplaneten stammenden Peepsies
hatten eine kleine Kolonie darauf errichtet, sich aber kaum über den
Planeten ausgebreitet.
Gucky war jedoch der Einzige, der sich für diese Details interessierte.
Bei Einflug ins Myrtha-System stürzten sich alle anderen in der NOVA
auf die Sensor und Messdaten über Schiffs und Flottenbewegungen der
Takhal. Die ROVERSTJERNER hatte sich inzwischen aus dem
Ortungsschutz der Sonne in einen stationären Orbit um den siebten Planeten
begeben – und sie war nicht mehr allein.
Das dreihundert Meter lange Adlerraumschiff – selbst Gucky konnte sich
daran erinnern, dass dies eine der vorherrschenden Raumschiff-Formen der
Galaxie Dorgon war hing neben einem gewaltigen kegelförmigen,
mattgrauen Koloss. Mit drei Kilometern Länge und einem
Basisdurchmesser von zwei Kilometern brauchte sich das Riesenraumschiff
sicher nicht hinter den Ultraschlachtschiffen des alten Solaren Imperiums
zu verstecken. Den Messungen war zu entnehmen, dass dies nicht nur für
seine Größe, sondern auch für seine Offensiv und Defensivbewaffnung
galt. Die Sensordaten wiesen auf Paratronkonverter und eine ganze Menge
hochkalibriger Transformgeschütze hin.
Dem Funkverkehr und den offen zugänglichen Teilen der Datensphäre
war zu entnehmen, dass es sich um die STERNENZITADELLE handelte,
die fliegende Burg der vereinigten Clans Attila und Katron. Die Takhal Gud
Looter waren also buchstäblich mit ihrer Hauptstadt angereist und stellten
somit den größten Machtfaktor in diesem System dar – wenn nicht sogar im
gesamten umliegenden Sektor.
»Wie konnte uns dieser Koloss bislang entgehen?«, fragte Constance.
»Schließlich haben wir die ROVERSTJERNER über tausende Lichtjahre
hinweg angemessen.«
»Von der kannten wir auch die exakte Signatur«, antwortete Aurec.
»Womöglich ist die STERNENZITADELLE aber auch erst vor Kurzem in
dieses System gesprungen.«
»Genug geplaudert«, unterbrach Gucky die Unterhaltung. »Wir haben
eine Verabredung.«
5633 A.D., Planet Gray Beast, Milchstraße
Wie mit den Anführern der beiden Clans abgesprochen landete die NOVA
in der Nähe des abgestimmten Treffpunkts, einem ausgedehnten Felsplateau
an einem Fluss, bei dem Gucky ziemlich sicher war, dass es sich um den
Green River handelte, an dem damals in seiner Zeitlinie die unfreiwilligen
terranischen Siedler notgelandet waren. Aber vermutlich war der Wunsch
Vater dieser Überzeugung, schließlich kannte Gucky die damaligen
Ereignisse nur aus Flottenberichten und Perrys Erzählungen.
Nur wenige hundert Meter entfernt ging das Beiboot der Takhal Gud
Looter nieder.
Die kurze Zeit bis zu diesem Treffen hatten Gucky, Constance, Aurec
und Creen genutzt, um sich gemeinsam auf den bestmöglichen
Wissensstand bezüglich der Sternenräuber im Allgemeinen und den
vereinigten Clans Attila und Katron im Speziellen zu bringen. Bekannt war,
dass die Takhal Gud Looter von Cartwheel-Flüchtlingen abstammten, die es
nach Dorgon verschlagen hatte. Ihre Kultur war stark von der Lebensweise
der Dscherro beeinflusst, wie sie zogen sie plündernd zwischen den Sternen
umher. Für den Attila-Clan galt dies anscheinend besonders, denn der
Anführer war ein Dscherro namens Taka Raym wobei der Titel »Taka«
ebenfalls aus dem Dschett stammte.
Höchstpersönlich trat er aus der Schleuse des Beiboots und führte die
Delegation an. An seiner Seite waren drei Menschenähnliche, vermutlich
Dorgonen: zum einen Kurush, der Rhetor Scientia, was das Amt des
Chefwissenschaftlers und Hohepriesters vereinte, und zum anderen ein
Mann namens Amelus, der als so genannter Krigsleder die Truppen an
und die Befehle des Taka ausführte, und schließlich ein weiterer ranghoher
Krieger namens Wulfar, seines Zeichens Kommandant der
ROVERSTJERNER.
Auf einen Wink Kurushs kamen vier Dienstroboter herbeigeflogen, die in
Windeseile eine Art Zeltpavillon mit einem großen Tisch und der passenden
Anzahl an Sitzgelegenheiten errichteten eine davon sichtlich größer als
die anderen. Zuletzt entzündeten sie sogar ein Lagerfeuer, was die
archaische Szenerie perfekt machte.
Ehe die Takhal Gud Looter den Pavillon erreichen konnten, teleportierte
Gucky kurzerhand voraus und erwartete die anderen. Er hatte keineswegs
vor, den Bogen zu überspannen, daher setzte er sich nicht schon gar nicht
in den thronartigen Sitz. Es reichte, den Takhal den letzten Beweis für seine
Identität zu liefern. Besser konnten sie ihre Verhandlungsposition nun nicht
mehr machen – höchstens wieder schlechter, wenn er es übertrieb.
Nur kurz tastete er mit seinen telepathischen Sinnen nach den Gedanken
der Takhal-Delegation. Er stieß damit jedoch sofort gegen
undurchdringliche Gedankenschilde. Im Falle des Dscherro war die Abwehr
sogar recht unangenehm. Der Geist des Taka strahlte ununterbrochen einen
unartikulierten Hass ab. Diese Leute waren gut auf Psi-begabte Gegner
vorbereitet.
Damit waren die Fronten endgültig abgesteckt. Nun kam es auf das pure
Verhandlungsgeschick an.
Etwa gleichzeitig erreichten die beiden Gruppen den Pavillon. Aufseiten
der Takhal übernahm Kurush das Reden. Raym, Amelus und Wulfar hielten
sich zurück, grunzten nur eine Art Gruß und warfen sich auf ihre
Sitzgelegenheiten – Raym selbstverständlich auf den Thron.
Kurush blieb vorerst stehen, breitete die Arme aus und sprach: »Herzlich
willkommen auf Rayms Rastplatz! Wir hatten noch keine Gelegenheit, auf
dem neu erworbenen Planeten des Attila-Clans angemessen Beute zu
machen, daher vergebt uns, dass ich nur unsere Gastfreundschaft als
Geschenk anbieten kann. Es ist uns eine große Ehre, die Bekanntschaft des
legendären Retters des Universums zu machen. Dies sind wahrlich heilige
Zeiten! Der Kosmotarchax ist gekommen!«
Auf den letzten Satz hin murmelten die drei sitzenden Takhal etwas,
vermutlich wiederholten sie ihn einfach wie eine rituelle Formel.
Obwohl man sich schon per Hyperfunk bei den Vorverhandlungen zu
diesem Treffen gegenseitig vorgestellt hatte, nannte Kurush noch einmal die
Namen, Ränge, Funktionen und Ehrbezeichnungen seiner Delegation.
Aurec übernahm dasselbe für ihre Gruppe.
Gucky nutzte die Gelegenheit und betrachtete den Rhetor Scientia ein-
gehend.
Er war eine beeindruckende Gestalt, vor allem wenn man bedachte, dass
es sich um den Chefwissenschaftler und Hohepriester seines Clans
handelte. Gucky schätzte ihn auf deutlich über zwei Meter, und er mochte
gut und gern zwei Zentner auf die Waage bringen allerdings ohne ein
Gramm Fett am Leib. Der Ilt fragte sich, wann er zwischen all seinen
Studien die Zeit für ein derart intensives Muskeltraining finden mochte.
Aber was wusste er schon über die üblichen Freizeitbeschäftigungen auf so
einer Takhal-Burg.
Das eigentlich Beeindruckende – sein Gesicht – kannte Gucky bereits aus
dem Funkverkehr. Die fehlenden Augen und das technische Sehorgan
mitten auf der Stirn des bis auf den grauen Kinnbartzopf haarlosen Schädels
fesselten den Blick jedes Gegenüber. Wäre das nicht gewesen, hätte es
vermutlich das Flammentattoo auf dem Kopf oder das eintätowierte
Adlerraumschiff auf der Brust getan. Über die Bekleidung ein loser
Umhang über ansonsten freiem Oberkörper sowie braune Hosen und
Stiefel verlor Gucky hingegen kaum einen Gedanken. In den
Jahrhunderten, die er unter Menschen und Menschenähnlichen gelebt hat,
hat er schon wesentlich exzentrischere Moden kommen und gehen sehen.
»Nun nehmt Platz an unserem Feuer!«, sagte Kurush schließlich, strich
sich seinen geflochtenen Bart und wählte seinerseits einen Sitz. »Preiset die
Sternengötter, dass ihr in diesem Kreise weder Beute noch Feinde der
Takhal Gud Looter seid.«
Gucky und seine Gefährten warfen sich bezeichnende Blicke zu,
kommentierten jedoch auch diese kulturellen Eigenarten ihrer
Verhandlungspartner nicht weiter. Gucky nahm sich allerdings fest vor, zum
Besitzstatus von Gray Beast noch ein paar Worte zu sagen, ja, ihn vielleicht
sogar zum Gegenstand der Verhandlungen zu machen.
Doch schon die nächste Bemerkung des Rhetor Scientia ließ ihn
zweifeln, ob sie überhaupt so weit kommen würden.
»Taka Raym ist hoch erfreut, dass ihr bereit seid, die euch bekannten
Chroniken den vereinigten Clans Attila und Katron zugänglich zu machen,
damit sich diese dem Kosmotarchax angemessen stellen können.«
Gucky war gerade dabei, für eine Erwiderung Luft zu holen, als
Constance kurzerhand das Wort ergriff: »Wir bedanken uns sehr herzlich
für eure Einladung. Es ist uns eine Ehre, mit euch sprechen und beraten zu
dürfen. Und wir stellen mit Freude fest, dass wir von euch offenbar einiges
über die Vorgänge lernen können, die diese Sternenregion heimsuchen.«
Kurushs Gesichtszüge blieben naturgemäß ausdruckslos, doch er nickte
auffordernd, worauf Constance fortfuhr: »Verzeih unsere Unwissenheit, o
Kurush, aber magst du uns auseinandersetzen, was es mit dem
Kosmotarchax auf sich hat? Zumindest das Wort ist uns nicht geläufig
und …«
»Sorgt euch nicht!«, unterbrach Kurush. »Wir wissen, dass die
Sternengötter den Ungläubigen viel Wissen vorenthalten haben, das den
Takhal Gud Looter zuteilwurde.
Die heiligste dieser Gaben ist das Wissen um den Kosmotarchax, das Ziel
und Ende allen Seins. Schon seit Jahrzehnten wissen wir, dass diese Endzeit
gekommen ist, und schließlich haben uns die Sternengötter mit der Cagehall
ein sehr konkretes Zeichen gesandt, wie und wo der ruhmreiche Endkampf
stattfinden wird. Ihr seht, wir halten euch keine Informationen zurück. Fragt
also gern weiter
Constance behielt die Rolle der Sprecherin einstweilen inne. Gucky war
es ganz recht. Endzeitreligionen wie diese kannte er nur zur Genüge und
hatte eine dezidierte Meinung dazu, die er vorerst besser für sich behielt.
Andererseits war eine begründete Endzeitstimmung aktuell nicht von der
Hand zu weisen.
»Dann sage mir, o Kurush«, fuhr sie fort, »was wäre denn das Ziel eurer
Clans in diesem Endkampf? Gilt es, das Ende allen Seins noch einmal
abzuwenden?«
»Oder dabei zu sterben«, kam die schnelle Antwort. »In jedem Fall
werden wir auf dem Wege dorthin unermesslichen Ruhm ernten, nie
dagewesene Beute machen und die glorreichsten Siege erringen.«
Diesmal blickte Constance sich zu ihren Gefährten um, erntete aber
ermutigende Blicke. Also sprach sie weiter:
»Dann ist eurer Überzeugung nach das Zeitchaos, das wir alle gerade
erleben, Bestandteil des Kosmotarchax, und eine Abwendung dieses
Weltenendes würde die richtige Zeitlinie wiederherstellen.«
Sie bemühte sich redlich, den Satz nicht wie eine zutiefst skeptische
Frage klingen zu lassen.
»Ja«, antwortete Kurush erneut ohne jedes Zögern. »Tatsächlich ist es
sogar andersherum. Beenden wir das Zeitchaos, dann ist automatisch der
Kosmotarchax abgewandt und den beiden Clans wird allerhöchster Ruhm
zuteil. Dies haben uns die Sternengötter aus der Cagehall prophezeit.«
»Nun«, sagte Constance nach kurzer Pause, »ich habe den Eindruck, dass
sich unsere Ziele wahrhaftig sehr gleichen. Wie sehr sie das im Einzelnen
tun und was wir gemeinsam daraus beschließen, bedarf sicher noch einiger
Erörterung. Doch sag, o Kurush, ist es uns gestattet, uns zu kurzen
Beratungen zurückzuziehen? Ich würde mich gern mit meinen Gefährten
besprechen.«
Diesmal zögerte der Rhetor Scientia und wandte sich sogar zu seinem
Taka um. Dieser grunzte nur unwirsch und wischte mit dem linken Arm
durch die Luft, als wolle er mit dem Handrücken eine Ohrfeige verteilen.
»Es sei gewährt«, sagte Kurush und erhob sich.
Constance, Aurec und Creen taten es ihm gleich. Gucky hielt es für
angemessen, per Telekinese aus seinem Sitz zu schweben, ehe er sich zu
den anderen stellte.
Sie verabschiedeten sich und wandten sich zum Gehen, als Taka Raym
erneut einen Grunzlaut von sich gab. Daraufhin rief Kurush ihnen hinterher:
»Seid in einer Stunde wieder an diesem Platz. Und teilt uns dann mit, ob
ihr uns die Koordinaten der Chroniken kampflos übergebt oder ob Taka
Raym sie sich erobern muss. Es ist beides recht.«
Vorsorglich bedachte Constance Gucky mit einem strengen Blick, doch
es war Aurec, der nicht an sich halten konnte.
»Ihr droht uns?«, stieß er hervor, was Kurush jedoch nicht aus der Ruhe
brachte. Er klang sogar fast etwas erstaunt, als er erwiderte: »Keineswegs,
das ist schlicht der Stand der Dinge.«
Constances Blick wechselte zu Aurec und dann zu Kurush.
»In einer Stunde dann«, sagte sie und drängte ihre Gefährten sanft zum
Gehen.
»Mit denen kann man nicht verhandeln«, platzte es aus Aurec heraus,
sobald sie außer Hörweite waren. »Es sind brutale Barbaren, die nur die
Sprache der Gewalt verstehen. Sie respektieren niemanden, der nicht gegen
sie im Kampf besteht. Für die sind wir unbedeutende Opfer. Höchstens
nützliche Geiseln.«
»Ich weiß nicht«, erwiderte Constance. Sie hatten sich am Landeplatz der
NOVA versammelt. Da es mild und trocken war, verzichteten sie darauf,
sich in das Schiff zurückzuziehen.
»Mir klang das alles zu ritualisiert und gestelzt. Sicher, auf der
Inhaltsebene haben sie kompromisslos gefordert und gedroht. Aber wieso
sprechen sie dann überhaupt mit uns? Dieser Kurush will uns überzeugen.
Und habt ihr die verstohlenen Blicke der anderen drei auf Gucky bemerkt?
Die haben gewaltigen Respekt vor ihm.«
Aurec schnaufte. »Nichts für ungut, Gucky, aber genauso gut können sie
dich für ein Fabelwesen aus ihren Kindergeschichten halten. Wenn du zum
ersten Mal den Pfingsthasen leibhaftig vor dir siehst, wirst du ihn auch
ständig anstarren müssen.«
»Osterhase«, sagte Gucky trocken.
»Was?«
»Das terranische Fabelwesen, das du meinst, heißt Osterhase. Zu
Pfingsten kam, glaube ich, ein Ochse. Bin mir aber nicht so sicher
»Wie auch immer. Konntest du ihre Gedanken überhaupt lesen? Und du
Constance, hast du etwas gespürt?«
Beide schüttelten die Köpfe.
»Seht ihr!« Aurec streckte beide Arme aus mit den Handflächen nach
oben. »Sie sind gegen Esper und Mutanten gewappnet. Sie haben keine
Angst vor uns, halten uns hin und schüchtern uns ein, um mit dem
geringsten Einsatz von Ressourcen an die Koordinaten zu kommen.
Womöglich schwärmen gerade ihre Beiboote aus, um nach der
CASSIOPEIA zu suchen, oder sie versuchen, die KI der NOVA zu hacken.«
»Das wüsste ich aber«, drang es aus seinem Armbandcom.
Trotz der ernsten Lage konnte Gucky seinen Nagezahn nicht mehr
zurückhalten. Er liebte Bordrechner mit Humor.
»Nehmen wir mal an, du hast Recht«, schaltete sich Constance ein. »Was
sollen wir deiner Meinung nach jetzt tun?«
Aurec warf in einer hilflosen Geste die Arme in die Höhe. »Wir müssen
einen Plan schmieden. Sie werden uns früher oder später attackieren. Wir
müssen ihnen zuvorkommen. Halten wir sie hin und forschen sie derweil
aus. Vielleicht gelingt es uns, ihr Beiboot zu kapern. Mit ihren Anführern
als Geisel hätten wir ein ziemlich gutes Blatt in Händen. Schließlich wissen
wir genau, wo ihr großes Schiff mit ihrer Cagehall und der Chronik ist.«
Zum letzten Satz zeigte er mit der rechten Hand himmelwärts.
»Na klar!« Constance verdrehte die Augen. »Wir vier gegen eine
Clansburg der Takhal Gud Looter. Wenn’s weiter nichts ist.«
»Wenn nur die Hälfte der Geschichten stimmen, hat Gucky schon ganz
andere Hochrisikoeinsätze gemeistert. Und wir drei sind in diesen Dingen
auch nicht völlig unbeleckt.«
»Doch kein Osterhase?« Gucky hatte die Eitelkeit schon vor
Jahrhunderten hinter sich gelassen. Dennoch konnte er sich die Spitze nicht
verkneifen.
»Aber jetzt mal im Ernst«, fuhr der Ilt fort. »Bei allem Respekt für
deinen Enthusiasmus, Aurec, unser Plan B kann nur die Flucht sein.
Entweder wir erzielen eine Einigung, bei der wir unsere Handlungsfähigkeit
bewahren können. Falls sich dann eine Gelegenheit ergeben sollte, die
Rabauken übers Ohr zu hauen, bin ich gern dabei. Oder aber wir gehen
stiften, ehe es zu brenzlig wird. Und meiner Meinung nach ist es noch nicht
so weit.«
Aurec blickte Creen an, der bislang geschwiegen hatte. »Was meinst du
dazu, Nathaniel?«
Der einstige Kopfgeldjäger zuckte mit den Schultern. »Ich habe dazu
keine Meinung«, sagte er. »Ja, die Typen sind Barbaren, aber sie wollen
auch etwas von uns, das sie mit blanker Gewalt nicht kriegen können.
Keine Ahnung, ob sie das kooperativer macht. Entscheidet ihr, ich bin zu
allem bereit.«
Wieder schnaufte Aurec und verschränkte die Arme.
»Also gut«, übernahm Constance wieder das Wort. »Dann sind wir uns
einig, dass wir ihnen eine gleichberechtigte Zusammenarbeit anbieten und
abwarten, wie sie darauf reagieren.«
Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen in Richtung des Lagers.
»Was machen die da?«, murmelte sie. »Seht ihr das?«, fügte sie lauter
hinzu. »Bauen die da etwa Betten auf?«
Tatsächlich waren erneut die vier Dienstroboter am Werk, schwirrten
umher und gestalteten das Mobiliar in dem Pavillon um.
»Gut!« Gucky klatschte mit seinen Pfötchen. »Wir sind hier ja fertig,
oder? Wollen wir uns die neue Einrichtung anschauen?«
Er reichte Constance die Pfote und sagte an Aurec und Creen gewandt:
»Ihr schafft die paar Meter allein, oder?«
Gemeinsam mit der Entropin teleportierte er zum Pavillon.
Die Roboter schwirrten gerade ab und hinterließen das Lager mit drei
Liegen, je einem Tischchen daneben und dem Lagerfeuer. Alle anderen
Möbel waren wieder entfernt worden. Kurush erwartete Gucky, Constance,
Aurec und Nathaniel Creen allein.
»Ich nehme nicht an, dass ihr uns nun eure bedingungslose Unterwerfung
verkünden wollt«, sagte er, als auch die beiden Männer zu ihnen gestoßen
waren.
Kurush grinste auf eine Weise, die ohne Beteiligung der Augen kalt
wirkte, tatsächlich aber wohl herzlich gemeint war. Zumindest hatte Gucky
so eine Ahnung. Er nickte Constance anerkennend zu, anscheinend hatte sie
mit ihrer Vermutung Recht gehabt.
Kurush wartete keine Reaktion auf seinen Scherz ab und fuhr fort: »Taka
Raym und sein Gefolge haben sich zurückgezogen und mir die weiteren
Verhandlungen übertragen. Als Rhetor Scientia beider Clans ist es mir
gestattet, eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zu vereinbaren. Und ich
weiß, dass die Grundlage für eine solche Zusammenarbeit gegenseitiges
Vertrauen ist.«
»Große Worte«, ergriff Gucky für die Delegation das Wort. »Da wir die
Formalitäten damit hinter uns gelassen haben, frage ich frei heraus: Wie soll
das gelingen?«
Kurush neigte sein Haupt und sagte: »Indem ich euch meinen Geist
öffne. Von den telepathischen Fähigkeiten des Überall-zugleich-Töters
künden die Legenden. Unsere Messungen haben ergeben, dass auch du,
Constance, über PSI-Potential verfügst. Ich bin bereit, euch beide meine
Gedanken lesen zu lassen, auf dass ihr all unsere Ziele und Beweggründe
ohne Täuschung, Lüge oder Verhüllung ergründen könnt. Ihr sollt wissen,
was ich weiß und was mich antreibt. Entscheidet dann, ob ihr uns glaubt,
dass unsere Ziele die euren sind und ob es sich lohnt, Seite an Seite mit den
Takhal Gud Looter im Kosmotarchax zu streiten.«
Gucky zuckte mit den Schultern. »Okay«, sagte er. »Nichts leichter als
das. Dann lass mal deinen Gedankenschirm runter
Kurush neigte erneut leicht sein Haupt und antwortete: »Leider ist die
Mentalstabilisierung, die ich erfahren habe, nicht so einfach zu
durchdringen. Ohnehin dachte ich an eine intensivere Verbindung.«
Er deutete auf die drei Liegen, neben denen jeweils ein Tischchen mit
einer dampfenden Trinkschale stand.
»Dazu bedarf es eines Rituals, das ich vorbereitet habe. Wie ich schon
sagte, hatten wir noch keine Gelegenheit für angemessene Beutezüge auf
diesem Planeten. Aber immerhin habe ich zwei der einheimischen Spezies
genauer untersuchen können, die beide über interessante Parafähigkeiten
verfügen. Ihre Ausscheidungen strahlen im hochfrequenten Hyperspektrum,
und ein Sud daraus hat sich als hochgradig psychoaktiver Wirkstoff
erwiesen. Damit wird es mir gelingen, meinen Gedankenschirm zu öffnen.
Zu zielgerichteten Gedanken werde ich dann zwar nicht in der Lage sein
aber ihr werdet komplett in mein Sein eintauchen und all meine
Erinnerungen und tiefsten Überzeugungen erfahren können. Euch wird der
Trank schnell in den notwendigen Geisteszustand versetzen und eure Gaben
womöglich um einiges steigern.«
Nach seiner Rede setzte Kurush sich auf eine der Liegen und griff nach
seiner Schale. Constance und Gucky warfen sich einen skeptischen Blick
zu, zuckten mit den Schultern und ließen sich ebenfalls nieder.
Der Mausbiber schnupperte kurz an der Schale und sagte dann: »Ich
glaube, wir versuchen es erst einmal ohne den Sud.«
An Aurec und Creen gewandt fügte er hinzu: »Habt ein Auge auf uns,
vermutlich werden wir eine Weile in Trance versinken und nicht
ansprechbar sein.«
»Wir sichern die Umgebung und halten die NOVA starbereit«, bestätigte
Aurec und zog sich dann mit Creen zurück.
Kurush hatte inzwischen seine Schale geleert und sich hingelegt. Seine
Arme lagen gekreuzt auf seiner Brust, und er murmelte eine Art Mantra vor
sich hin. Die Irisblende seines Kunstauges auf der Stirn hatte sich
geschlossen.
»Na, dann wollen wir mal.« Gucky blieb aufrecht auf der Liege hocken,
Constance hatte sich im Lotussitz darauf niedergelassen.
»Greif zunächst nach meinem Geist, Constance«, sagte der Ilt und
schloss seine Augen. »Wir bilden einen Parablock und gehen gemeinsam
rein. Das stärkt uns besser und sicherer als diese komische Brühe aus
Mungosabber und Blaue-Zwerge-Schweiß.«
Dann leitete er sie zu einer gemeinsamen Atemübung an und fühlte
behutsam nach ihren Gedanken. Er wusste aus Erfahrung, dass er sich in
einem Parablock zurückhalten musste, um andere Teilnehmer nicht zu
überwältigen. Aber er merkte schnell, dass Constance ebenfalls Übung in
solchen Dingen hatte. Problemlos verbanden sie ihre Kräfte und suchten
gemeinsam nach dem Bewusstsein Kurushs. Sie fanden es sofort, da es wie
ein Leuchtfeuer im Hyperraum strahlte. Der Sud hatte tatsächlich alle
Schranken seines Geistes niedergerissen, so dass er völlig unverschlossen
vor ihnen lag.
Vorsichtig berührten Constance und Gucky Kurushs Geist, fanden etliche
Wege, die sich ihnen öffneten und schlüpften hinein.
Dann wurde es schlagartig finster.
Kapitel 3: Der Untergang des Dorgonischen
Imperiums
1860 NGZ, Götteralltempel zu Dom, Planet Dorgon, Galaxie
Dorgon
»Fühlt sich gut an, nicht wahr?«
Kurush zuckte zusammen und riss seine rechte Hand reflexartig an sich.
Mit lautem Klatschen landete sie auf seiner Brust, mit seiner Linken fixierte
er sie dort, als wollte er sie von weiteren Alleingängen abhalten. Er rührte
sich nicht und atmete so flach, wie er konnte.
»Keine Angst, Kurush.« Die sanfte Stimme der Mater Aemelia erklang
nun direkt neben ihm. Er konnte sogar das leise Rascheln ihres Gewandes
hören, als sie ihren Arm hob. Daher erschrak er nicht erneut, als er ihre
weiche Hand auf seiner Schulter spürte.
»Soll ich dir eines der Bücher rausholen?«, fragte sie. »Die Buchdeckel
fühlen sich noch interessanter an als die Buchrücken. Und wenn du magst,
lese ich dir gern ein bisschen daraus vor
Kurush nahm all seinen Mut zusammen und nickte unbeholfen. Gesten
wie diese hatte er sich schon als ganz kleines Kind mühsam antrainiert,
fühlte sich aber stets unwohl damit.
»Ich habe dich beobachtet, wie du den Predigten und den Lektionen
gelauscht hast.«
Aemelias Stimme strahlte eine ehrliche Freundlichkeit aus. Dennoch
blieb der Junge skeptisch. Als Tempelsklave war er Zeit seines Lebens, also
seit nunmehr sieben Jahren, Eigentum des Ordens und wurde folglich wie
ein Gegenstand behandelt. Er hatte schon sehr früh lernen müssen, dass er
von diesem Leben nichts zu erwarten hatte. Er durfte keine
Aufmerksamkeit erwecken und musste tun, was man ihm sagte. Nur dann
konnte er hoffen, dass ihm zusätzliches Leid erspart blieb zusätzlich zum
Hunger, zur Kälte und zur Dunkelheit. Und doch waren da diese Neugier
und dieser Wissensdurst, denen er einfach nicht widerstehen konnte.
Aemelia war die neue Ordensmutter des Tempels. Er hatte sie noch nicht
oft sprechen hören. In den seltenen Momenten hatte sie ihre Stimme aber
nie im Zorn erhoben. Das musste nichts heißen, schließlich musste man
kein Schreihals wie der alte Pater Pomerius sein, um Sklaven und
Untergebene umherzuschubsen.
Ein Teil von ihm rechnete daher jeden Moment mit einer strengen
Zurechtweisung oder gar mit Schlägen. Die Geräusche, die er vernahm,
klangen aber eindeutig danach, dass die Mater einen der dicken Folianten
aus dem Regal zog.
»Komm!«, sagte sie. »Setzen wir uns auf die Bank.«
Er spürte ihren Handrücken an seinem Oberarm. Nach kurzem Zögern
ergriff er ihre Hand und ließ sich führen.
Kurush bemühte sich, möglichst gerade und aufrecht zu sitzen und dabei
den geringstmöglichen Platz einzunehmen. Behutsam griffen zwei Finger
nach seinem dürren Handgelenk und hoben seine Rechte auf den
Buchdeckel. Diese zärtliche Geste war so völlig anders als alles, was er
gewohnt war. Seit er denken konnte, wurde er höchstens am Handgelenk
gepackt und irgendwo hingezerrt, um dort zu arbeiten oder still zu
schmoren, bis man ihn wieder brauchte.
Mater Aemelia hatte recht, der Buchdeckel fühlte sich äußerst interessant
an. Er ließ seine Finger über die schrundige Oberfläche gleiten. An einer
schmalen glatten Stelle hielt er inne. Sie war etwa so breit wie sein
Zeigefinger, führte jedoch in einer Linie weiter. Er folgte dem Schwung
dieser Linie, was bei ihm einen Eindruck von Eleganz hinterließ.
»Das ist der Buchstabe Aleva aus dem altdorgonischen Alphabet«,
erklärte die Mater.
Da er keine Reaktion zeigte, fügte sie hinzu: »Weißt du, was Buchstaben
sind?«
Kurush nickte, auch wenn er nur eine vage Vorstellung davon hatte. Im
Zweifel war es immer besser zuzustimmen, wenn man keinen Ärger
bekommen wollte.
»Aleva steht für den Laut a«, fuhr sie fort. »Und damit beginnt auch der
Titel dieses Buches, Almanacus Dorgonica, was so viel heißt wie
Dorgonisches Zeitenbuch. Es ist fast 200 Jahre alt und fasst in kurzen
Kapiteln die Geschichte des Dorgonischen Imperiums zusammen. Es sind
also keine Predigten, sondern Lektionen aus der Vergangenheit, die jedoch
auch sehr lehrreich sind. Es ist damals für junge Tempelschüler geschrieben
worden. Höchste Zeit, dass es wieder zum Einsatz kommt. Welches Kapitel
soll ich dir vorlesen? Für welchen Imperator interessierst du dich?«
Kurushs Neugier hatte endgültig seine Angst und Vorsicht
niedergerungen.
»Erzähle mir vom letzten Imperator«, sagte er.
Aemelia gab einen Laut von sich, der Verwunderung oder Anerkennung
zum Ausdruck bringen mochte aber vielleicht bildete sich Kurush das
auch nur ein und es war ein schlichtes Räuspern.
»So sei es«, sagte sie. »Dann höre nun die Geschichte von Kaiser Falcus.
Doch um diese Geschichte begreifbar zu machen, sollte ich mit seinem
Vorgänger Vesus beginnen, den man auch den Glücklosen nannte.«
Die nun folgenden Geräusche waren Musik in Kurushs Ohren. Das hohle
Krachen, Knacken und Knistern stand stets für den Moment, kurz bevor
Wissen und Weisheit verkündet wurden: Mater Aemelia schlug das Buch
auf und begann damit, die Lektion aus der dorgonischen Geschichte über
das letzte Jahrhundert des Imperiums vorzulesen:
»Der Niedergang des Dorgonischen Kaiserreichs ist in späteren
Jahrhunderten oft dem vermeintlich glücklosen oder gar ungeschickten
Wirken von Kaiser Vesus zugeschrieben worden. Zu diesem Bild haben vor
allem populäre Bühnenstücke wie die Tragödie ›Vesus der Glücklose‹ oder
die komische Oper ›Kaiser Pechvogel‹ beigetragen, die etwa ein
Jahrhundert nach seinem Tod sehr beliebt waren. Mit den wahren
Ereignissen haben sie indes nur wenig zu tun. Chronisten, die ihre Pflicht
ernst nehmen, erkennen den Brand als alleinige Ursache des Untergangs des
Imperiums an.
Als an jenem schicksalshaften Tage mit einem Mal fast alle
Hyperkristalle nutzlos wurden, gingen die Gelehrten zunächst von einem
kollektiven Ausbrennen der Schwingungsquarze aus. Erst später erkannte
man, dass sich in Wahrheit eine fundamentale kosmologische Größe, die
man bis dato für eine Konstante gehalten hatte, spontan geändert hatte. Der
Begriff Brand ist dennoch in zahlreichen Aufzeichnungen erhalten
geblieben.
Mit dem flächendeckenden Ausfall der kompletten fünfdimensionalen
Technologie und Wirtschaft oder zumindest ihrer drastischen
Leistungsreduzierung war allen interstellaren Staatengebilden jede
Grundlage für ihren weiteren Fortbestand entzogen worden. Für das
Kaiserreich als größtes und mächtigstes Staatengebilde in Dorgon galt dies
ganz besonders. Energieproduktion, Rechnerleistung, Kommunikation und
Handel, all das brach buchstäblich vom einen auf den anderen Tag
zusammen und musste von Grund auf neu aufgebaut werden. Tatsächlich
stellte sich Kaiser Vesus dieser Aufgabe anfänglich außerordentlich
erfolgreich. Vor allem die Wirtschaft und das Finanzwesen des Imperiums
konnte er durch massive Investitionen in einen schnellen Umbau der
Rechnernetzwerke vor dem Zusammenbruch bewahren. Dabei
vernachlässigte er jedoch seine Kriegsflotte und somit das Rückgrat der
kaiserlichen Militärmacht.«
Beim Vorlesen des letzten Satzes sprach die Mater immer langsamer.
Kurush hatte ihr an den Unterarm gefasst.
»Hast du eine Frage, Kurush?« Ihre Stimme blieb sanft und zugewandt.
Daher wagte es der Jungen zu nicken.
»Dann frag ruhig!«, ermutigte sie ihn. »Nur so kannst du lernen und dein
Wissen vergrößern.«
»Ich würde gern mehr über diesen Brand erfahren«, sagte er. »Was hat es
damit auf sich? Wie kann so ein Ereignis ein ganzes Reich zu Fall
bringen?«
Darauf hörte er ein Schnauben von Aemelia, das ihm irgendwie belustigt
vorkam.
»Weißt du«, sagte sie schließlich, »damit hast du genau den Punkt
angesprochen, über den ich dir am wenigsten sagen kann. Aber das, was ich
weiß, will ich dir erklären. Man spricht schon lange nicht mehr vom Brand.
Heute wird das Phänomen als Erhöhung der sogenannten Hyperimpedanz
bezeichnet. Um zu verstehen, was genau das bedeutet, müsstest du
Hyperphysik studieren. Das ist eine …«, sie zögerte kurz, »… andere Art
von Weisheit als jene, die wir hier praktizieren. Vereinfacht gesagt
beschreibt ein Hyperphysiker die Welt mit Zahlen, Größen und Konstanten.
Damit kann er sehr gut Vorhersagen machen, so lange die Zahlen sich so
verhalten, wie er es gewohnt ist. So konnten die Physiker sehr dabei helfen,