Band 129
Zeit für das Quarterium
Das Zeitchaos endet mit dem neuen Quarteriu
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Raimund Peter
Innenillustrationen: Gaby Hylla, Stefan Wepil, Roland Wolf
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Don Philippe de la Siniestro
Der spanische Monarch wird zur wichtigsten Person der Menschheit
Olaf Peterson
Der Reporter flieht im Jahre 1971 auf die Azoren und erkennt seine
echte Identität
Nathaniel Creen
Der Rhodanjäger findet ebenso seine wahre Identität heraus
Aurec
Der Saggittone trifft 1793 auf Don Philippe de la Siniestro
Gustav Adolph Larsen, Björn Lessing, Tenzing
Der Zeitfamulus
Was bisher geschah
Das Zeitchaos ist ausgebrochen. Die uns bekannte Zeitlinie ist
erloschen, und eine neue Zeit formt sich ohne Perry Rhodan. Die
Dualität der Kosmotarchen MODROR und DORGON gelten als
Initiatoren eines diabolischen Plans zur Neuprogrammierung des
Moralischen Codes.
Gucky und eine Handvoll Überlebender befinden sich auf der
CASSIOPEIA, welche von der geheimnisvollen Positronik
ENGUYN gesteuert wird.
Sie entdecken die Tiefe des Chaos, einen interdimensionalen Raum,
der wohl ein Schlüssel zum Plan der Kosmotarchen ist. Eine
geheime Organisation, die Loge des Kosmos, ist in den Zeiten
gestrandet und muss den Weg zur CASSIOPEIA finden.
Der Rhodanjäger Nathaniel Creen durch streift mehrere Zeitlinien,
die alle mit dem Untergang der Menschheit enden.
Der Zeitfamulus, eine Art Zeitberater der Kosmotarchen, bereitet
derweil die neue Zeitlinie vor. Denn, es ist ZEIT FÜR DAS
QUARTERIUM …
Prolog
Vor 18 Millionen von Jahren …
Ein Schwarm Evoesa bewegte sich filigran durch einen Dimensionstunnel
im Hyperraum. Die Evoesa waren friedfertig, bestanden aus Psi-Materie
und erinnerten an eine blau leuchtende, gallertartige Seehkuh. Sie waren die
Bewohner und Hüter von INSHARAM, der Brutstätte von
Superintelligenzen.
Die STERNENMEER raste durch den grauen Dimensionstunnel und
kreuzte ihren Pfad und bahnte sich mitten durch sie hindurch einen Weg.
Nistant stand in der Kommandozentrale des großen Raumschiffes,
welches zum Teil organisch war. Die Vyr schwebten in ihrer Erscheinung
als goldene Energiekugel der Zentrale und bedienten die Kontrollen. Die
Vyr bildeten die Besatzung des uralten Raumschiffes, es waren
Energiewesen aus dem Ridyeron. Der Kommandant Tashree nahm seine
ursprüngliche Form als Harekuul an, die halb Mensch und halb Pferd
waren. Auch die Harekuul waren ein Volk aus dem Rideryon. Und Tashree
gehörte seit 700 Jahren zur Besatzung der STERNENMEER. Nach seinem
natürlichen Tode wurde er ein Vyr und es hieß seine Seele ist an die
STERNENMEER gebunden.
Nistant betrachtete die bläulich wabernde Energie am Ende des Tunnels.
Dort lag INSHARAM, eine Hyperraumblase aus Psi-Materie.
Ultrahochfrequente Energie aus dem Hyperraum diffundierte unablässig
durch die Hülle ins Innere von INSHARAM. Diese herzförmige Blase lag
in der Tiefe und war mit 15 Dimensionstunneln verbunden.
INSHARAM war eine Brutstätte für Superintelligenz. Die Wesen, wie die
Evoesa, die in INSHARAM wohnen waren für Nistant reines Brutmaterial
und vergänglich, sie lebten nur zum Zweck als Rohstoff für eine
Supterintelligenz.
INSHARAM wurde zwar von Evoesa und von manch anderen Wesen
bewohnt, welche für die Transformation zu einer Superintelligenz
notwendig waren, doch Nistant sah in ihnen nur Brutmaterial.
INSHARAM war durchaus faszinierend und ein kosmisches Wunder
sogar. Diese geballte psionische Energie war wie ein köstliches Mahl für
eine Superintelligenz, reichhaltig an Nährstoffe und Vitaminen, konnte man
so sagen.
Die Eveosa begrüßten Nistant telepathisch. Er spürte ihr Misstrauen.
Weshalb sei er mit so einem Raumschiff zurückgekehrt? Nistant hatte
INSHARAM schon vorher besucht, die Schwachstellen analysiert,
Zwietracht unter den Bewohnern gesät und sich auf diesen Moment
vorbereitet.
Es folgten Fragen, wo die Psi-Materie der Superintelligenz sei?
Die STERNENMEER drang weiter vor und Nistant spürte die Unruhe der
Wesen.
Sie erkannten die STERNENMEER als Bedrohung.
»Die Eveosa attackieren die Außenhülle der STERNENMEER«, meldete
Tashree. Der Zentaur wirkte besorgt. Nistant jedoch betrachtete die
Anzeigen auf dem Display der Konsole entspannt. Es würde Stunden
dauern, ehe die Angriffe der Hüter von INSHARAM den Schutzschirm der
STERNENMEER in Mitleidenschaft ziehen würde. Psi-Materie konnte
bereits in kleinsten Mengen großen Schaden anrichten. Doch ihr
Schutzschirm war stark, die Technologie der STERNENMEER über
Millionen Jahre gereift und von den fähigsten, mehrdimensional denkenden
Wesen entwickelt und verfeinert. Allerdings war die Strahlung von Psi-
Materie für die Vyr eine Belastung, wenn sie oberhalb des UHF-Bereichs
lag. Ein wenig länger würden die Besatzung es jedoch noch aushalten.
»Wir haben Zeit, Tashree! Genießen wir den Ausblick.«
Der Zentaur trat neben Nistant. Beide beobachteten das blau leuchtende
Meer an Psi-Energie und die transparenten Eveosa.
»Es heißt, der Kosmokrat Taurec hätte INSHARAM installiert. Wenn wir
den weit verbreiteten Mythos von Himmel und Hölle in Betracht ziehen, so
entstehen hier die Engel, die Superintelligenzen. Mächtige Wesen, die
jedoch keine Götter sind. Nun, wenn das hier der Himmel war, wie sah
denn die Hölle aus? In INSHARAM wurden auch negative
Superintelligenzen geboren, denn ihr Werdegang wurde erst später klar.«,
sinnierte Nistant.
»Zukünftig würde es nur DORGON und MODROR geben. Brauchen wir
überhaupt noch diese Engel?«
»Das Universum ist gigantisch. Die Dualität der Kosmotarchen wird
mächtige Diener benötigen, um Ordnung und Chaos in den Galaxien und
Dimensionen aufrecht zu erhalten«, riet Tashree.
Nistant würde den Vorschlag in Betracht ziehen. Jedoch war INSHARAM
eine besondere Brutstätte.
»Die Superintelligenz ES wird hier in Kürze entstehen. Wir befinden uns
in einer Zeit, in der die Ankunft der SOL kurz bevorsteht.«
Es kam Nistant so vor, als würde er einen transparenten Schmetterling in
INSHARAM sehen, der vor der STERNENMEER flatterte. War das nur
seine Phantasie oder ein Echo von ESTARTU? Möglicherweise eine
Warnung oder ein Appell.
Die Evoesa verstärkten ihre Präsenz um die STERNENMEER herum. Sie
erzeugten Hochspannung und lenkten diese Energie in Form von
Stromstößen an die STERNENMEER weiter. Die Angriffe nahmen zu.
Nistant fühlte ihre Angst.
Er lehnte sich an das Geländer des übergeordneten Bereichs der
Kommandozentrale. Von dort blickte er auf die Steuerkonsolen hinab, an
denen die Vyr ihre Arbeit verrichteten, und vor sich auf den breiten
Bildschirm, auf dem das blaue Wabern der Psi-Energie in INSHARAM
angezeigt wurde.
INSHARAM war ein elitärer Ort für auserwählte Superintelligenzen.
Dieses Gebilde passte zur Arroganz des Kosmokraten Taurec. Und doch
war die Verteidigungsfähigkeit überraschend schwach und die Evoesa für
die STERNENMEER keine Gefahr.
»Kapitän Tashree, aktivieren Sie die Waffensysteme«, lautete der Befehl
von Nistant.
Das Universum musste sich von seinen alten Gesetzen und Traditionen
verabschieden. Der Standesdünkel der sogenannten Hohen Mächte war im
Begriff unterzugehen. INSHARAM war ein Teil davon. Es war nur ein
kleiner Teil, doch seine Bedeutung für die Existenz der Terraner war groß.
Mit diesem Volk hatte Nistant andere Pläne.
»Feuer«, sagte er mit fester Stimme.
Die Psi-Materie in INSHARAM war entzündlich. Die STERNENMEER
feuerte und die Flüssigkeit in der Blase ging umgehend in Flammen auf.
Das Gemisch explodierte und löste eine Kettenreaktion aus, welche die
Außenhülle zerfetzte. Die Evoesa und alle Energien wurde in den
Hyperraum gerissen. INSHARAM verwehte im Hyperraum, und die
Verbindung zu den Dimensionstunneln brach einfach zusammen. Nur noch
die STERNENMEER blieb übrig.
Nistant blickte zufrieden auf die letzten Fragmente der
mehrdimensionalen Apokalypse. ES würde nun nicht mehr entstehen und
würde daher niemals Atlan, Perry Rhodan und die Menschheit protegieren
können. Das Geflecht der Zeit war dennoch fragil, für eine Weile musste es
einen Ersatz für ES geben, damit die Terraner ihren Weg nehmen würden.
Das würde der Zeitfamulus regeln. Doch Nistant hatte eine ernsthafte
Bedrohung für die Dualität der Kosmotarchen ausgeschaltet.
Die neue Zeitlinie war einen großen Schritt weiter gegangen in Richtung
Vollendung.
Kapitel 1 – Der Don aus Spanien
17. Mai 1793 – Eutin
Die Katze hatte die Beute fest im Blick. Die kleine Feldmaus schnüffelte
hektisch über den sandigen Boden, in der Hoffnung, etwas Nahrhaftes zu
finden. Die Katze lauerte, fuhr die Krallen und begab sich in
Sprungposition. Nur die Maus existierte für sie. Sie war eine Jägerin und
bereit, ihr Opfer zu greifen. Jetzt sprang sie und geriet unter die Räder
einer heranrasenden Kutsche. Die metallbeschlagenen Holzräder zerbrachen
ihr Genick, und die Maus eilte unversehrt in ihr Loch zurück.
Der Passagier in der Kutsche machte einen kleinen Satz nach oben und
blickte sein Gegenüber ob der unangenehmen Fahrt grimmig an.
»Die Straßen dieses Herzogtums sind holprig. Mein Gesäß und mein
Rücken schmerzen von dieser Fahrt, Fernando«, sprach Don Philippe
Alfonso Jaime de la Siniestro zu seinem Kammerdiener.
»Eine Zumutung, eure Durchlaucht«, bestätigte der Diener demütig, denn
er wusste, dass Widerworte eine Strafe zur Folge hatte.
De la Siniestro betrachtete seine Kleidung und prüfte streng, ob sie sauber
und ordentlich war. Immerhin musste er vor dem Administrator des
Herzogtums Oldenburg und dem Fürstbischof von Lübeck einen guten
Eindruck hinterlassen. Und nicht nur vor dem, denn Fernando wusste nur zu
gut, dass de la Siniestro immer der am besten gekleidete Adelige sein
musste.
Der Kammerdiener prüfte also ebenfalls sehr genau, ob die Kleidung der
Hoheit angemessen war. Des Herren Jacke war rot mit goldenen
Verzierungen. Das Rüschenhemd strahlte in edlem weiß. Darüber die
zugeknüpfte Brokatwese. Über dem Oberteil war eine Schärpe mit
goldenem Untergrund und vier roten Streifen drapiert. Sie symbolisierte
Senyera, die stolze Region, in der auch das Fürstentum Siniestro lag. Die
schwarze Hose wurde von weißen Strümpfen ab dem Knie überdeckt. Die
Füße steckten in schwarzen Lackschuhen mit einer goldenen Schnalle.
Angemessen elegant, stellte Fernando zufrieden fest. Sogar das braune Haar
des Don lag penibel genau unter einer grauen Perücke.
»Wir waren bereits in unsere Jugend an dieser gottlosen Stätte«, erklärte
de la Siniestro und Fernando tat so, als hätte er die Geschichte nicht schon
mehrfach gehört.
»Sie ist gottlos, weil sie nicht dem Heiligen Vater in Rom dient, Su
Excelencia?«
»Gewiss doch, du Tor! Diese Protestanten und Aufklärungsphilosophen
haben die Traditionen geschwächt und Unsitte und Häresie gestärkt. Es ist
ja inzwischen selbst bei uns verpönt, die peinliche Befragung bei Ketzern
anzuwenden. Hier war das noch viel schlimmerEr winkte ab und blickte
verkniffen aus dem Fenster der Kutsche.
»Es geschah im Jahre 1615 des Herren«, erklärte er. »Der finstere Hans
Klindt verhexte den braven Bürgermeister Thomas Bahr, so dass dieser an
einer geheimnisvollen Krankheit litt. Der Mob erwies sich als antizipiert
und entlarvte Bahr schnell. Es hieß, dessen Frau war bereits als Hexe
verbrannt worden. So wurde der Dämon der gerechten Folter übergeben,
doch gestärkt durch den Leibhaftigen war er leider nicht geständig. Erst
spät folgte das Geständnis, was er widerrief. Trotz der Bestätigung durch
Klindt, sprach der Rat von Eutin ihn frei. Sollte man sich das vorstellen?
Eine bodenlose Beleidigung der heiligen Kirche und ihre bewährten
Praktiken. Der Pöbel bewies jedoch in diesem Fall einen frommen Sinn und
erwürgte den Klindt, um für göttliche Gerechtigkeit zu sorgen.«
»Ihr seid allwissend, Herr!«
Fernandos Lob zauberte ein kurzes Lächeln auf die schmalen Lippen des
Marqués.
Die Kutsche erreichte das Lübsche Tor und ein Landreuter ritt auf sie zu.
Der Fahrer stoppte die Pferde, während der Polizeidiener sich nach der
Fracht und dem Grund ihres Aufenthaltes erkundigte. Eine Zumutung, fand
De la Siniestro. Er lehnte sich aus dem Fenster und klopfte mit seinem
Zierdestock gegen die hölzerne Außenverkleidung.
Der Reiter drehte den Kopf und trabte mit dem Pferd zum Fenster. Er
tippte mit dem Finger an seinen Hut.
»So wird er uns seinen Namen verraten?«, sprach de la Siniestro scharf.
»Landreuter Jürgens, Hoheit.«
»Und ist es des Landreuters Dienst, Reisende von großer Wichtigkeit für
diese Provinzstadt aufzuhalten. Oder weshalb steht er im Sold des
Administrators und Fürstbischofs?«
Jürgens räusperte sich verlegen.
»Es ist des Landreuters Aufgabe für Sicherheit zu sorgen.«
»Und wirken wir in unserer prachtvollen Kutsche, welche mehr gekostet
hat, als er in seinem Leben besitzen wird, wie eine Gefahr für die Stadt
Eutin?«
Der Polizeidiener lachte.
»Nein, wahrlich nicht, Hoheit!«
De la Siniestro blickte Landreuter Jürgens ernst an und fragte: »Weshalb
wagt er es dann, unsere kostbare Zeit zu stehlen?«
Das Lächeln des Eutiners gefror. Er verneigte sich und ließ die Kutsche
passieren.
Fernando erlebte solche Ereignisse tagtäglich. Sein Herr musste jeden auf
dessen Macht und Bedeutung aufmerksam machen und benahm sich wie
ein desgraciado. Der Marqués empfand Freude daran, andere Menschen zu
demütigen. Manchmal erfreute sich Fernando sogar ob der Bösartigkeit
seines Herren, denn sie war voller Sarkasmus und Zynismus. Vielleicht war
er selber auch schon viel zu lange in den Diensten des Herren. Immerhin
betreute er Philippe seit 20 Jahren. In dieser Zeit waren andere
Kammerdiener in seinen Diensten den Freitod gestorben, anstatt unter ihm
weiter dienen zu wollen.
Die Kutsche setzte ihren Weg fort.
»Schneller«, rief de la Siniestro seinem Fahrer zu, und die Pferde
galoppierten durch die Straßen von Eutin. Die Passanten mussten zur Seite
springen und riefen ihnen wütend hinterher. Fernando wusste, dass das de la
Siniestro nicht kümmerte.
Die Kutsche erreichte das Tor zum Vorplatz Eutiner des Schlosses. Ob es
de la Siniestro nun grämte oder nicht, doch die Wachen des Administrators
des Herzogtums Oldenburg, dem Fürstbischof von Lübeck Peter Friedrich
Ludwig, kontrollierten die Besucher erneut. Erwartungsgemäß wurden sie
durchgewunken und erreichten den Vorplatz des Anwesens. Vier Soldaten
in roter Tracht marschierten mit angelegten Musketen die Brücke über den
Schlossgraben entlang und eskortierten den Kammerdiener Gustav Larsen,
der sich in ihrer Mitte befand. Die Soldaten salutierten mit der rechten Hand
und stellten sich mit den Säbeln in der linken Hand in Reihe auf.
De la Siniestro räusperte sich. Eilig öffnete Fernando die Kutschentür und
stieg aus, um umgehend das kleine Treppchen aufzuklappen. Langsam und
würdevoll entstieg der Edelmann aus Spanien der Kutsche.
Gustav Larsen trug einen roten Justaucorps, eine lange, taillierte Jacke.
Der Mantel reichte bis zum Knie und war mit goldenen Mustern reichlich
verziert. Larsen breitete die Arme aus.
»Herzlich willkommen Marquês Don Philippe Alfonso Jaime de la
Siniestro. Herzlich willkommen in der Residenz des Administrators von
Oldenburg und Fürstbischofs von Lübeck. Im Namen des Regenten des
Fürstentums Oldenburg und Fürstbistums Lübeck, Friedrich Peter Ludwig,
heiße ich eure Hoheit willkommen.«
De la Siniestro blickte ihn mürrisch an, hob sein Stöckchen zum Gruß und
schritt die zwei Stufen herunter. Dynamisch machte er einen Satz auf den
gepflasterten Boden. Gelangweilt betrachtete der Marquês den Vorplatz des
Schlosses.
»Wie ich sehe, hat sich seit meiner letzten Visite wenig verändert«, stellte
er er.
»Die Personen wechselten jedoch seit 1776, Eure Durchlaucht!«
»Hm, der alte Friedrich August ist tot, wie mi viejo. Der Behinderte wurde
demnach nicht Herzog und schmort immer noch in seiner
Luxusirrenanstalt?«
»Wenn ihr damit auf den Herzog Peter Friedrich Wilhelm anspielt, Herr,
so ist er formell Herzog von Oldenburg, weshalb auch Peter nicht diesen
Titel trägt. Nennen Sie es familiären Respekt. Der Herzog verweilt für den
Rest seines irdischen Daseins im Schloss Plön. Es ist lieblich dort.«
»Das kümmert uns überhaupt nicht, ob der Schwachsinnige dort haust
oder nicht. Euer Administrator erscheint uns doch recht sentimental.«
Zwei Kinder liefen in Begleitung von Kammerdienern aus dem Innenhof
über die Brücke auf sie zu.
»Oh«, machte Gustav Larsen. »Dies sind die Kronprinzen August und
Georg. Kommt her, eure Hoheiten und zeigt dem Herren von Siniestro eure
Gesangskünste. Los.«
Larsen winkte die beiden herbei, die nun neun Jahre alt waren. Der
jüngere der beiden Brüder war Georg, der erst kürzlich seinen Geburtstag
gefeiert hatte. Augusts zehnter Ehrentag lag im Juni. Die zwei
pausbäckigen Miniaturausgaben eines Edelmanns stellten sich
nebeneinander auf, während Gustav Larsen grinsen dirigierte.
Sie sangen ein wenig erquickendes Liedchen für einen Aristokraten.
Le député Guillotin
Dans la médecine
Très expert et très malin
Fit une machine
Pour purger le corps français
De tous les gens à projets
C’est la guillotine, ô gué
C’est la guillotine
De la Siniestro war ein Vertreter des Hochadels und keineswegs erbaut über
den Abgeordneten Guillotine. Der Text aus der französischen Revolution
war einer Melodie eines älteren französischen Volkslieds zugedichtet
worden und drückte den Hass auf das Ancient Regime und damit den
gesamten Adel aus. König Louis der XVI. war im Januar diesen Jahres
Opfer der Guillotine geworden, während dessen Gemahlin Marie Antoinette
noch in den Pariser Kerkern ihr Dasein fristete. Die neue Republik war ein
Affront gegen den Adel. Nein, es war eine sogar eine Kampfansage. Umso
mehr wunderte es Fernando, dass die Kronprinzen ausgerechnet diese
brutalen Verse mit der heiteren Musik vortrugen. Vielleicht bewies Larsen
damit auch einen Zynismus über die Rolle des Marqués de la Siniestro.
Um den Verrat zu bestrafen
Den großen Diebstahl
Diese Wappennarren
Diese Leute, man erratet welche
Für diese haben wir sie gemacht
Sie, deren Wirkung wir kennen
Das ist die Guillotine, hurra
Das ist die Guillotine
Durch das Anzetteln
Der meuterischen Horde
Holte man sich ohne daran zu denken
Furchtbare Kopfschmerzen
Um diese Herren zu heilen
Werden wir sie eines Tages führen
Zu der Guillotine, hurra
Zu der Guillotine
Von Frankreich aus haben wir gejagt
Das noble Gesindel
Haben alle wegrasiert, zerschlagen
Und alle ruiniert
Aber die Noblen sind vorbereitet
Mit durchtrenntem Hals zu sterben
Durch die Guillotine, hurra
Durch die Guillotine
Die Herren, die noblen Meuterer
Jene die sich abschinden
Leiden unter vergeblichen Bemühungen
Dem inneren Krieg
Wenn wir euch ernst nehmen
Werdet ihr sehr nobel sterben
Auf der Guillotine, hurra
Auf der Guillotine
Der Zehnte bescherte uns
Weitere Arbeit
Verräter gibt es reichlich
Es ist schlimmer als eine Pest
Wir wollen es nicht verfehlen
Ohne Ausnahmen zu bestrafen
Die Maschine bleibt, hurra
Die Maschine bleibt
Fernando klatschte ob der Darbietung der Kinder und erntete dafür einen
finsteren, tadelnden Blick seines Herren.
»Nun denn«, begann der Marqués de la Siniestro. »Der hoheitliche
Administrator wünscht uns sicher zu empfangen?«
»Gewiss, eure Hoheit!«
Fernando folgte Gustav Larsen und seinem Herrn de la Siniestro mit
gebührendem Abstand, jedoch immer noch in Hörweite.
»Ich fand dieses Lied doch ganz amüsant«, gestand Larsen.
»Soll das eine Andeutung sein, dass wir alle von Gottes Gnaden
auserwählten Edelmänner unter dem Fallbeil enden sollen?«, wollte de la
Siniestro wissen, während sie den Innenhof des Schlosses betraten.
Fernando sah sich um. Die Wände waren gelb gestrichen und
kontrastierten zu der mit rotem Backstein verputzten Außenmauer. Im
Zentrum stand ein Brunnen. Zur rechten Hand ging es in das Hauptgebäude.
Sie durchschritten einen Korridor und hielten sich rechtsseitig, um in den
Garten zu gelangen. Dort war eine Vielzahl an Gärtnern dabei, den
barocken Garten umzugestalten, Hecken und Statuen abzutragen und neue
Bäume zu pflanzen. De la Siniestro stoppte auf der Terrasse.
»Wir hatten keine Baustelle erwartet und sind äußert verwundert über die
Art der Gastbewirtung«, sagte er echauffiert.
»Nun, auch das Schloss von Eutin befindet sich im Wandel der Zeit. Dem
Administrator schien ein englischer Garten zeitgemäß. Immerhin verweilte
er einigen Jahre in London. Die Ära das Barock ist zu Ende«, erklärte
Larsen.
»Nun und wer an ihr festhält, der wird einen Kopf kürzer gemacht?«
Larsen lachte grunzend.
»Verstehen Sie es so, eure Hoheit, dass ein mächtiger Mann klug genug
sein sollte, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Besonders wenn die Macht
nicht gefestigt ist. In Frankreich waren die Bürger der Arroganz und
Dreistigkeit des Königs und des Adels satt. Die Aufklärung und die Sturm
und Drang Zeit hat die Geister des Pöbels berührt. Die Bereitschaft, für
einen König zu leiden und zu sterben, hat abgenommen. Gerade die
Selbstgefälligkeit des Adels hat zu ihrer eigenen Verachtung geführt.«
»Niemand verachtet uns. Unsere Diener lieben uns und die Ländereien der
de la Siniestros, auf denen sie leben und arbeiten dürfen. Ist es nicht so,
Fernando?«
De la Siniestro drehte sich zu seinem Diener um. Dieser verbeugte sich
unterwürfig.
»Natürlich, Herr. Alle lieben Euch. Ich liebe Euch.«
De la Siniestro blickte Larsen selbstgefällig, so als wolle er Habe ich es
nicht gesagt? sagen. Was er natürlich nicht nötig hatte.
Larsen machte eine ablehnende Geste.
»Euer Fernando hat Angst vor der Peitsche. Deshalb spricht er
wohlwollend.«
De la Siniestro blickte den aufmüpfigen Kammerdiener seltsam an. Es
wunderte auch Fernando, dass der Herr diesem Diener solch Unflätigkeit
durchgehen ließ.
»Weshalb erzählt er mir das?«, wollte de la Siniestro wissen.
»Ich handle im Auftrag des Fürsten. Euer Vater und Ihr erhieltet in den
letzten 17 Jahren stattlichen Summen, um Euch zu fördern. Und doch müsst
Ihr noch viel lernen. Speziell die Kunst der Diplomatie und ein
Fingerspitzengefühl sind notwendig, um Eure Aufgaben zu erfüllen. Doch
dazu später, lassen wir die Durchlaucht nicht länger warten.«
Fernando betrat mit gebührendem Abstand den Audienzsaal. Es war kühl
im Raum. Das lag jedoch nicht an der Temperatur, sondern dem Herzog
selber. Es war eine emotionale Kälte, die er ausstrahlte. Der Administrator
des Herzogtums Oldenburg und der Fürstbischof von Lübeck saß auf einem
der zwei Throne, die auf einem kleinen Podest standen und verzog keine
Miene, als Gustav Larsen den Marqués de la Siniestro vorstellte.
Peter Friedrich Ludwig hatte ein würdevolles Gesicht, einen schmalen
Mund und eine charakteristische Nase. Er trug einen dunkelblauen
Justaucorps. An der Brust hing ein Orden in Form eines Kreuzes. Er war
geschmackvoll gekleidet. Das weiße hochgebundene Halstuch deutete die
hohe Stellung an. Die gelben Hosen bildeten ein Kontrast zu seinem
dunklen Mantel. Sein Gesichtsausdruck wirkte ruhig und abgeklärt, fast
distanziert, als ob er mit kühler Überlegenheit die politischen und
gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit beobachtete. Seine leicht
gepuderten Haare, die akkurat frisiert waren, zeugten ebenfalls von einer
gewissen formellen Eleganz.
»Willkommen, Hoheit«, sprach Peter Friedrich Ludwig.
De la Siniestro vollzog eine Verbeugung.
»Vielen Dank, Hoheit.«
Dann lachte er.
»Der Raum ist gefüllt mit Hoheiten. Das ist nach meinem Geschmack.«
»Seit mein Gast, solange es euch beliebt«, erklärte Peter emotionslos. Er
wirkte auf Fernando, als sei er ein trauriger Fürst, so als ob ihm etwas
genommen wurde und er damit jede Freude und jegliches Glück der Welt
verloren hatte.
Fernando erinnerte sich, dass die Gattin des designierten Herzogs vor acht
Jahren in den Hallen dieses Schlosses verstorben war. Offenbar war dies der
Grund für den Gram des designierten Herzogs.
»Es war die Hoffnung des Fürsten, dass eure Hoheit den Marqués de la
Siniestro in die Kunst der Diplomatie und der Staatsführung unterweisen
könnt und dabei etwas von eurem Fundus an Erfahrungen aus St. Petersburg
und London preisgebt«, sagte Larsen.
Peter Friedrich Ludwig zog die Augenbraue hoch.
»Geben die meuchelnden Taten der Franzosen zu denken?«
»Nun …«, begann de la Siniestro, dann hielt er inne und blickte Gustav
Larsen an. Nach der kurzen Pause fuhr de la Siniestro fort: »Die
Hinrichtung von Louis dem Sechzehnten ist frevelhaft und unentschuldbar.
Dennoch will ich mich für mein kleines Fürstentum bemühen, ein gerechter
Herrscher zu werden, da ich nun das Erbe meines verstorbenen Vaters
ausübe. Unsere Häuser stehen seit 1776 in guter Verbindung. Ihr seid ein
Mündel von Katharina der Großen. Eure Schwester ist mit dem einem Sohn
des zukünftigen Zaren verheiratet, und Ihr unterhieltet in London Kontakt
zu Georg dem Dritten. Eure Expertise dürfte de la Siniestro weiterhelfen in
dieser turbulenten Zeit.«
Fernando war von seinem Herrn überrascht. Sonst war er nicht so
diplomatisch. Zweifelsfrei war Philippe intelligenter und weltmännischer
als dessen Vater Vicente es gewesen war, doch er war arrogant und
unmenschlich zugleich.
»Gustav, zeigt dem Don aus Spanien sein Gemach. Nehmt den Gelben
Salon. Ich erwarte euch, de la Siniestro, zu späterer Stunde zu einem
Spaziergang im Garten. Guten Tag!«
Larsen führte de la Siniestro und Fernando in das gelbe Zimmer. Wie es
der Name versprach, war er in gelb gehalten. Die Polsterung der Stühle und
des Sofas waren gelb, und selbst die Seidendraperien waren gelb. An der
Wand stand ein großer, nussbaumfurnierter Schrank mit drei goldenen
Beschlägen an den Türen. Eine Tür führte in das Schlafgemach des Dons.
Fernando würde dann auf der Couch seine Nachtruhe finden. So nobel hatte
er es auf dem alten Schloss von Siniestro nicht.
»Der Fürst wird in den nächsten Tagen eintreffen. Seid gierig an
Ratschlägen und Gedanken des Fürstbischofs von Lübeck«, sagte Gustav
Larsen. »Oh, und natürlich wartet auf Euch im Salon Speis und Trank.
Zartes Fasanenfleisch von unserer Insel, bestes Gemüse aus dem
Küchengarten und edler Wein.«
Larsen verneigte sich und schloss die Tür von außen.
»Fernando«, rief de la Siniestro. Der Diener eilte in das Schlafgemach.
»Vor dem Essen müssen wir uns erleichtern.« Der Herr hob die Arme.
Fernando verstand. Aus dem Gepäck holte er einen Eimer, eilte zurück und
öffnete die Hose des Herren, damit dieser sich in den Eimer entleeren
konnte.
Ein deftiger Rülpser bedeutete, dass der Herr de la Siniestro fertig war mit
dem Speis. Er hatte einen Fasan allein gegessen, das Gemüse liegen
gelassen und stattdessen eine Flasche Riesling getrunken. Er klatschte mit
den Händen auf den Bauch.
»Zeit für einen Verdauungsspaziergang. Folge mir Fernando. Und nimm
den Eimer mit, es kann sein, dass der Wein den Weg zur Natur sucht.«
Fernando verbeugte sich.
Ein Diener geleitete sie zur ausladenden Terrasse. Die Grünanlage war
eine Mischung aus einem barocken und unvollendeten, weitläufigen
englischen Garten. Von der linken Hand aus gesehen kam Peter Friedrich
Ludwig heran. Er trug eine dunklen Redingnote und hatte die Arme hinter
dem Rücken verschränkt.
De la Siniestro ging die wenigen Stufen herab, ging die Brücke über den
Teich entlang und wandte sich nach Links. Der Herrscher über Oldenburg,
Eutin und Lübeck kam ein paar Schritte auf de la Siniestro zu. Fernando
hielt Abstand und trug brav den Eimer.
»Gehen wir die Lindenallee entlang. Sie ist eine sehr schöne Passage in
unserem Garten«, beschloss Peter Friedrich Ludwig.
Der Weg führte am Eutiner See vorbei und war, wie es bereits der Name
verriet, zu jeder Seite von Linden umgeben.
»Euch ist bekannt, dass Preußen und Österreich eine Koalition gebildet
haben und gegen Frankreich Feldzug führen?«, fragte Peter Friedrich
Ludwig.
»Wohl an, und durchaus berechtigt nach dem Morde an dem König der
Franzosen. Erwägt auch ihr euch der Koalition anzuschließen?«
»Nein, um Herrgotts Willen, nein. Wir haben weder die finanziellen Mittel
noch ein Heer. Es ist mein Bestreben, mein Herzogtum aus dem Krieg
herauszuhalten.«
Don Philippe de la Siniestro und sein Diener Fernando. © Roland Wulf
»Weshalb wollt ihr das?«
Peter warf de la Siniestro einen verständnislosen Blick an.
»Um das Leben und das Wohl meiner Bürger zu schützen.«
»Untertanen sind dazu da, zu dienen und wenn nötig, zu sterben. Ich
verstehe eure moralischen Aspekte nicht.«
Peter atmete tief durch.
»Eure Denkweise ist absolutistisch geprägt, Don! Ich verstehe mich wie
der selige Friedrich der Große als ersten Diener des Staates. Das Herzogtum
existiert doch nicht nur für die Familie Schleswig-Holstein-Gottorf. Es ist
für jeden Bürger da. Es gilt, sie zu bilden, zu versorgen und ihnen Schutz zu
gewähren. Im Austausch dazu geben die Bürger freiwillig ihre Dienste.«
De la Siniestro hob die Hand.
»Ah, ich verstehe. Wir erreichen dasselbe Ziel. Nur wir gedenken die
Peitsche einzusetzen, während Ihr Sanftmut walten lässt, um den Pöbel
gefügig zu machen.«
Peter Friedrich Ludwig schüttelte den Kopf.
»Mein Ansinnen ist ein Anderes. Der Adel in Paris pervertierte, ließ sein
Volk hungern, während der Hof in Verschwendung sein Märchen lebte. Die
Gedanken der Bürger waren aber inzwischen gereift. Und das führte
letztlich zur Revolution.«
De la Siniestro winkte abfällig ab.
»Als ob Mademoiselle Bauer und Monsieur Metzger intelligenter
geworden wäre. Die sind auch weiterhin bescheiden im Geiste. Es ist ein
Mittelstand, der die Revolution führte und den Mob aufwiegelte. Sieyès,
Robespierre und Danton.«
»Ihr vergesst Voltaire, Rousseau und Montesquieu. Ihr lasst den Einfluss
der amerikanischen Revolution völlig außer Acht«, warf Peter Friedrich
Ludwig ein.
»Die sind zu intellektuell für das gemeine Volk. Ihre Gedanken wurden
dem Pöbel durch gebildete Leute beigebracht. Es bleibt also dabei, dass der
zweite Stand den dritten gegen den ersten Stand aufwiegelte.«
Der Administrator von Oldenburg schüttelte den Kopf.
»Wollt ihr denn nicht sehen, dass eine Diktatur durch den Adel zum
Untergang eines Reiches führen kann? Die Aufklärung wird niemand mehr
rückgängig machen. Und sie ist auch mehr als notwendig, Don! Eines noch.
Was macht Ihr, wenn Ihr nicht genug Soldaten habt, um die Bevölkerung zu
ängstigen? Oder wenn die Soldaten selber mehr wollen? Seht Ihr nicht, wie
brüchig diese Tyrannei ist? Wäre es nicht viel besser, wenn das Volk zu
Euch als Herrscher aufblickt, weil Ihr ehrlich am Wohl des Staates und des
Volkes und nicht nur an Eurem eigenen Wohl bedacht seid?«
De la Siniestro schwieg. Sein Kopf war auf den Boden gerichtet. Fernando
wusste, dass die Worte des Fürstbischofs durchaus die Gedanken de la
Siniestros erreicht hatten.
»Die Ungleichheit ist vielleicht das größte Problem. Warum glauben wir
vom Adel, dass wir besser sind als der Bäcker oder der Schmied?«, fuhr
Peter Friedrich Ludwig weiter. »Dieser Garten ist ein Beispiel wundervoller
Pracht. Wir gedenken, ihn für die Bürger von Eutin zu öffnen. Auf dass sich
jeder Eutiner daran erfreuen darf.«
»Welchen Sinn wird dieser Garten noch haben? Er wird keine Ruhe und
Erholung spenden, wenn der Pöbel hier verweilt. Stinkend, palavernd und
laut«, wandte de la Siniestro ein.
»Ihr hört Euch so an, als wären Eure Untertanen Eure Feinde. Doch sie
sind für mich eher wie Kinder. Sie müssen zum Teil angeleitet werden, aber
auch der Freiheit ausgesetzt werden, wenn sie flügge werden.«
»Deshalb lade ich das Pack noch lange nicht in meinen Garten ein«,
erwiderte de la Siniestro.
»Es war Euer Wunsch, von uns staatsmännisch angeleitet zu werden«,
wandte Peter ein. »Uns ist bewusst, dass von unserem Vorgänger Verträge
geschlossen worden sind, um Euch zu fördern. Es ist so einiges Gold nach
Spanien geflossen. Uns ist jedoch der Zweck dieses Bündnisses unklar, aber
wir vertrauen darauf, dass vor allem Zarin Katharina weiß, was sie tut. Nur
müsst Ihr Euch auch unterweisen lassen.«
»Ich bin wohl kein gelehriger Schüler, zumal meine Familie selbst ein
Fürstentum regiert – und dies seit Generationen erfolgreich.«
Der 32-jährige de la Siniestro hielt an und blickte den Fürstbischof trotzig
an. Dieser schien ungerührt davon zu sein und trat an de la Siniestro dicht
heran.
»Ihr seid ein ungehobelter, von sich selbst eingenommener, Provinzfürst.
Ihr seid durchaus intelligent, dennoch mangelt es euch zur Führung eines
größeren Reiches oder Staates an Weitblick, an Vernunft, an Herz und
Verstand. Ihr besitzt keine Demut vor dieser Aufgabe. Das ist mein Urteil.«
»Wohl an denn, Administrator eines ebenfalls provinziellen Fürstentums«,
erwiderte de la Siniestro zornig. Fernando kannte dieses Gebaren. De la
Siniestro war nicht kritikfähig und Fernando hoffte, dass es nicht gleich
zum Duell zwischen den beiden kommen würde.
»Wenn Ihr dies ändern wollt, sucht während Eures Besuchs Johann
Heinrich Vauf. Seine Ansichten sind auch uns stets eine Hilfe. Oder Ihr
lasset diese Gelegenheit fahren und geht den Weg, frei von Beratung,
weiter. Denn offenbar seid Ihr selbst euer bester Lehrmeister, Don! Guten
Tag!«
Der Fürstbischof verließ das Gespräch und ging wieder in Richtung
Schloss. De la Siniestro stand nachdenklich unter den Linden. Fernando
wagte es nicht, ihn anzusprechen. Er erwartete jeden Moment einen
Wutausbruch des Herren.
»Sprecht mit Gustav Larsen. Er solle mir eine junge, devote, schöne Frau
besorgen. Mir ist nach Zerstreuung.«
»Sehr wohl, mein Herr«, antwortete Fernando und verbeugte sich
mehrmals demütig. Als er sich auf den Weg machen wollte, rief de la
Siniestro. »Nein, halt! Vergesst das Weib. Larsen soll ein Treffen mit
diesem Voß vereinbaren.«
Kapitel 2 – Der Weg der NOVA
Die NOVA materialisierte in der Temporalen Anomalie. Ich überprüfte die
Ortungsergebnisse. Wir wussten nicht, in welcher Zeit wir uns befanden.
Sofern diese Datenkarte des Zeitfamulus auch für andere Zeitlinien korrekt
arbeitete, befanden wir uns hoffentlich im Jahre 2046 NGZ.
»Es sind deutlich weniger Zeitschlieren«, sagte Eleonore und deutete auf
eine violette Schliere. »Sie lösen sich auf.«
Es wirkte so, als ende das Zeitchaos nun. Vielleicht warteten bereits die
CASSIOPEIA und ATOSGO außerhalb der Anomalie.
Ich steuerte die NOVA heraus. Kaum hatten wir sie verlassen, stotterte der
Antrieb und versagte schließlich. Ich blickte mich um. Zehntausende
Raumschiffe kreisten um die Anomalie, dazu tausende Raumstationen und
Satelliten. Es schien, als sei es Absicht, dass niemand die Anomalie
verlässt.
Die Raumschiffe waren Kugelraumer in verschiedenen Größen. Auffällig
war eine Verlängerung des Ringwulstes. Es wirkte wie ein Schwanz eines
Tieres auf mich. Der Durchmesser der Schiffe variierte von 250 Metern bis
zu gewaltigen 2.500 Metern.
»Fremdes Raumschiff, deaktivieren Sie Ihre Offensiv- und
Defensivbewaffnung und identifizieren Sie sich. Sie haben 10 Sekunden
Zeit, andernfalls werden Sie vernichtet«, klang eine unfreundliche Stimme
über den Interkom.
Eleonore nickte. Sie hatte den Schutzschirm heruntergefahren und die
Waffen deaktiviert. Ich öffnete einen Kanal.
»Wir sind die NOVA. Mein Name ist Nathaniel Creen. An Bord befinden
sich vier weitere Lebewesen. Wir gehörten der Camperna Agency Cloud
Company an. Und … wir suchen unsere Zeitlinie, so naiv das klingt.«
»Verstanden. Sie befinden sich im Hoheitsgebiet des Quarteriums und
erhalten Asyl. Warten Sie auf weitere Instruktionen. Zu ihrer Information:
Wir schreiben das Jahr 5633 anno Domini«, kam die prompte Antwort. Die
Stimme war diesmal freundlicher.
»Asyl?«, fragte Eleonore ungläubig.
»Das Jahr 5633 anno Domini bedeutet?«, wollte ich wissen.
»2046 NGZ«, antwortete Eleonore.
Wir waren zumindest also wieder in unserer Zeit gelandet. Das war eine
gute Nachricht. Doch offenbar hatte sich vieles verändert. Wo waren die
Cairaner?
»Das Quarterium …«, murmelte Jevran Wigth. Dann schnippte er mit dem
Finger. »Natürlich, dieses Imperium beherrschte ab dem Jahr 1303 NGZ die
Galaxis Cartwheel. Diese Raumschiffe trugen den Eigennamen Supremo.«
»War das Quarterium gut oder böse?«, wollte ich wissen.
»Das hängt vom Standpunkt ab. Es war zumindest aggressiv, militärisch
und totalitär. Und es war rassistisch. Es führte ab 1307 NGZ sogar Krieg
mit der LFT. Ihr Anführer Emperador de la Siniestro wollte die Milchstraße
erobern, die er als Wiege der Terraner ansah. Immerhin bestand das
Quarterium aus einer Allianz aus Terranern, Arkoniden, Pariczanern und
Bestien.«
Ein Supremo-Raumer scherte aus dem Verband aus und nahm Kurs auf
die NOVA. Er unterschied sich von den anderen Raumschiffen hinsichtlich
seiner Legierung. Sie war in einem helleren Grau gehalten.
»Hier ist die HAUNEBU XCI. Huhu lieber Nathaniel. Erkennen Sie
meine Stimme?«
Der Zeitfamulus! Das war die Stimme von Lars Born, von Claude
Chevalier und von Tenzing.
»Chevalier. Im Jahre 5633?«, sagte ich nur.
»Ich lebte gesund. Der Emperador de la Siniestro erwartet euch auf Terra.
Wir nehmen Sie nun per Traktorstrahl auf. Ich freue mich auf ein
Wiedersehen.«
Da war sie wieder diese grunzende Lache des Zeitfamulus. Terra
existierte also in der Milchstraße wieder, und dieser de la Siniestro war der
Herrscher des Quarteriums in unserer Heimatgalaxis. Hatte das Quarterium
also den Krieg gewonnen? Das mussten wir später klären.
Ich bestätigte. Die NOVA wurde in die HANUEBU XCI gezogen.
»Kannst du etwas über diese Zeit herausfinden?«, fragte ich Eleonore.
»Ich habe den Hyperfunkverkehr gespeichert und analysiere ihn. Ein
Großteil ist verschlüsselt. Es sind eher bedeutungslose Nachrichten, die ich
dechiffrieren konnte. Der Trivid-Sender Augenklar-X sendet von Terra
Musik und Nachrichten. Der Musikstil ist eine Mischung aus gehobener
Klassik und Volksliedern.«
»Was für eine Kombination …«, kommentierte ich.
»Hm, es wird das Quarterium gepriesen und dem Emperador ewige
Gesundheit und Weisheit gewünscht. Wir schreiben den 17. März 5633
anno Domini. Der Moderator spricht von einem neuen Trivid-Film über die
Kindheit des Emperador mit dem Titel Die Legende Siniestros. Nun geht er
zum Wetter über, welches in weiten Teilen auf Terra trüb und regnerisch
sei.«
Eleonore seufzte, weil wir offenbar so schnell bekamen keine brauchbaren
Informationen. Wir wussten schon vorher, in welchem Jahr wir uns
befanden und wer der Herrscher des Quarteriums war.
Es dauerte eine halbe Stunde, ehe sich der ewig gut gelaunte Born oder
Chevalier wieder meldete. »Ich komme an Bord. Der Antrieb der NOVA
wird nicht mehr gestört. Machen wir jetzt einen Ausflug.«
Ich schickte Kuvad Soothorn runter zu den Mannschaftsräumen, um
Cilgin At-Karsin Gesellschaft zu leisten. Es reichte, wenn Eleonore und
Jevran Wigth im Cockpit saßen.
Ich nahm den Quarterialen in Empfang. Er wirkte adrett. Die Uniform war
für mich seltsam vertraut. Die Jacke war grau, Hose und Stiefel schwarz.
Die Schirmmütze war ebenfalls grau. Auffällig war das Quarteriale Emblem
auf der Stirn der Mütze. Es war das Q aus dem Interkosmo, ein
geschlossenes V mit einem Strich durch die Mitte. Ich kannte das Zeichen,
auch wenn ich es vorher noch nie gesehen hatte.
Ich geleitete den Zeitfamulus zum Cockpit.
»Kuckuck«, grüßte er die Anwesenden und nahm auf dem freien Sessel
Platz.
»Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?«, fragte er heiter. »Bei den
vielen Zeitlinien kommt man ja langsam durcheinander. Doch ich darf
Ihnen versichern, Sie sind nun am Ziel Ihrer Bestimmung angelangt. Das ist
die neue, vollende Zeit.«
Lächelnd wandte er sich an mich.
»Seien Sie so gut und bringen uns nach Terra, ja, mein Lieber?«
Kapitel 3 – Die Azoren
Ein milder Wind blies mir entgegen. Ich stand auf der Reling des
Frachtschiffes und blickte auf das blaue Meer. Der Atlantik war ruhig, die
Wellen ein bis zwei Meter hoch, und die Fahrt war bisher ruhig.
Die Stimmung der Crew und Passagiere, es waren vielleicht 1200 Seelen,
war natürlich gedrückt. Jeder haderte mit den eigenen Verlusten und
machten sich Gedanken, wie es weitergehen würde, seit die Atombomben
ab dem 10. August gefallen waren. Wir waren am 11. August von
Antwerpen aus Richtung Azoren aufgebrochen. Währenddessen war der
Atomkrieg zwischen der NATO und dem Ostblock und der Asiatischen
Föderation in vollem Gange gewesen. Es würde mich wundern, wenn die
belgische Hafenstadt noch existierte.
Wir, das waren der Zeitungsmitarbeiter Enrico, meine Wenigkeit Olaf
Peterson und natürlich meine innere Stimme. Wenn ich denn wirklich Olaf
Peterson war.
Du bist eben nicht Olaf Peterson. Du bist kein mittelklassiger Reporter.
Du bist Atlan, sagte Harry, meine innere Stimme.
Wieso hast du mir das vorher nicht gesagt?
Auch ich dachte eine Weile, dass ich nur aus deiner schizophrenen
Persönlichkeit entstamme. Doch langsam kehren die Erinnerungen zurück.
Bei dir nicht auch?
Nein, sie kamen nicht zurück. Ich wusste nicht, wer Atlan war.
Vielleicht spielte mein Verstand mir erneut einen Streich und ich versuchte
die entsetzlichen Ereignisse so zu erklären. Nein, ich war nicht Olaf
Peterson aus Berlin, sondern ein Außerirdischer namens Atlan. Das schaffte
die nötige Distanz zu den realen Ereignissen. Auf den Azoren würde
bestimmt mein Raumschiff auf mich warten, auf dem ich nach Hause
fliegen würde.
Das war doch lächerlich. Selbst für einen Geisteskranken wie mich.
Warum hat Björn Lessing dich als Atlan bezeichnet?
Hat er das wirklich oder habe ich mir das eingebildet?
Zweifel ruhig weiter. Auf den Azoren wirst du Klarheit finden.
Es war unwahrscheinlich, dass Atombomben auf Sao Miguel und die
anderen Inseln geworfen worden waren. Die portugiesische Inselgruppe im
Atlantik hatte keinen strategischen Wert für kriegsführende Parteien.
Welche Städte wohl inzwischen dem Erdboden gleich gemacht wurden?
Aufgrund der elektromagnetischen Impulse durch die Atomangriffe war das
Festland nicht zu erreichen. Die Bordelektronik war zwar in Ordnung, doch
eben nicht jene elektronischen Empfänger in den Städten und ihre
Sendestationen. Es gab ungesicherte Informationen von anderen Schiffen,
die von Atompilzen in London, New York und Bordeaux gesprochen
hatten. Niemand wusste genaueres.
Man muss kein Hellseher sein. Nachdem offenbar der Ostblock den
Erstschlag durchgeführt hatte, zündete die Asiatische Föderation wohl
parallel dazu Raketen auf die USA, Japan und Australien. Die
Gegenantwort wird dann schnell gefallen sein. Wir sind seit sechs Tagen
unterwegs. Mittlerweile dürften also alle Großstädte von NATO-Ländern,
dem Ostblock und der Asiatischen Föderation vernichtet sein.
Die Regionen dort sind nun verstrahlt und ein Fallout wird die radioaktive
Strahlung erhöhen. Die Überlebenden werden in den nächsten Tagen und
Wochen an den Verletzungen sterben oder an der Strahlenkrankheit.
Diejenigen, die das überleben, werden verhungern und verdursten, da auch
die Nahrung verstrahlt ist. Sie werden nicht die Mittel und die Kraft haben,
aus den zerstörten Regionen rechtzeitig zu fliehen. Sicherlich wird er
vereinzelt Überlebende geben, die sich durchschlagen, doch der Großteil
der Bevölkerung ist schon tot – oder wird es bald sein.
Als wir den Hafen von São Miguel erreichten, lag eine unnatürliche Stille
über dem Wasser. Der Frachter, der uns sicher über den Atlantik gebracht
hatte, tuckerte mit gleichmäßigem Geräusch vor sich hin, doch in der Luft
lag eine Spannung, die selbst die gleichmäßigen Wellen des Meeres nicht
lindern konnten. Ich stand an der Reling und blickte auf die Küste, die sich
allmählich aus dem Dunst erhob. Normalerweise wäre das ein Augenblick
der Erleichterung Land nach Tagen auf See. Doch diesmal fühlte es sich
anders an. Viel düsterer.
Der Hafen von Ponta Delgada, sonst ein geschäftiger Knotenpunkt, wirkte
wie ausgestorben. Keine Schiffe im Dock, keine Arbeiter, die ihre Ladung
entluden oder sich zur Mittagszeit laut unterhielten. Stattdessen war es, als
hätte die ganze Insel den Atem angehalten. Es war totenstill und ich blickte
auf das Wasser. Nur die Wellen, die gegen die Hafenmauer schlugen, waren
zu hören. Sonst nichts.
Der Himmel war leicht bedeckt, aber es war nicht der übliche Nebel, der
sich über den Atlantik legte. Eine merkwürdige Schwere hing über der
Stadt, fast wie eine Bedrohung, die in der Ferne lauerte, unsichtbar, aber
spürbar. Ich zog die Luft tief ein, doch selbst der Geruch des Meeres war
anders – weniger frisch. Irgendwie metallisch.
Unser Kapitän war schweigsam geworden, seit wir von den ersten
Berichten gehört hatten. Atombomben rund um die Welt. Der Gedanke ließ
mir einen Schauer über den Rücken laufen. Ich fragte mich, ob der Fallout
uns bereits erreicht hatte, ob er sich durch die Luft zog, unsichtbar, aber
tödlich.
Als wir uns dem Dock näherten, sah ich einige Männer, die aus den
Schatten ans Pier getreten waren, in dunkle Jacken gehüllt, die Hände tief in
die Taschen gesteckt. Kein Winken. Nur leere Blicke, die uns musterten, als
wüssten sie mehr, als wir je erfahren würden. Die Welt hatte sich verändert.
Und mit ihr auch wir.
»Komm jetzt«, rief Enrico. Er stand bereits an der Gangway, welche
gerade an dem Schiff montiert wurde, nachdem die Hafenarbeiter aus ihrer
Starre erwacht waren. Ich ging zu ihm und schon war die Absperrung
aufgehoben. Wir betraten die Insel. Enrico ging zielstrebig auf eine
Lagerhalle aus Wellblech zu. Er schloss das Tor auf und nickte mir zu. Ich
folgte ihm wortlos in die Halle. Hier lag allerlei Gerümpel und es roch nach
Motoröl.
Er kramte eine Art Fernbedienung hervor und drückte auf einen Knopf.
Mit einem leisen Surren schob sich ein vollgepackter Tisch zur Seite und
eine Tür öffnete sich, indem sie in den Boden fuhr. Dahinter befand sich ein
Raum, aus dem es bläulich leuchtete. Ich ging hinein und vor mir stand eine
Konstruktion, die wie ein Tor in eine Welt aussah. Da bläuliche Licht kam
aus dem Torbogen.
»Das ist ein Transmitter. Er befördert uns in eine Unterwasserstation. Sie
liegt 2.500 Meter in der Tiefe.«
»Eine Art Fahrstuhl also?«
»Nein, der Transmitter löst deine Atome auf und setzt sie in der
Gegenstation wieder zusammen. Nun komm, es ist völlig ungefährlich.«
Meine Atome?
Jetzt sei keine Memme, ätzte Harry.
Ich atmete tief durch und folgte Enrico in das blaue Leuchten. Und kam
wieder heraus. Dann blieb ich stehen und blickte mit staunend um. Ich war
nicht mehr in dem Raum von eben. Der Transmitter sah zwar identisch aus,
aber der Raum war ein anderer. Er war heller und fensterlos. Durch einen
Korridor erreichte ich eine Art Kontrollraum. Enrico saß bereits an einer
Konsole. Vor ihm projizierten sich Hologramme. Das kann nur eine Station
von Außerirdischen, sagte ich mir immer wieder, denn wir Menschen waren
noch nicht so weit.
War ich wirklich dieser Atlan? Das war unmöglich.
Enrico stand auf und entschuldige sich für einen Moment. Dann ging er in
einen Nebenraum und ließ die Tür offen. Er stand unter einer Art Dusche.
Seine Haut fiel ab und zerfloss regelrecht. Ich erschrak und konnte doch
nicht wegschauen. Übrig blieb eine metallische Hülle. Rico drehte sich um
und blickte mich mit den tiefliegenden roten Augen an. Er war ein Mensch
aus Metall. Ein Roboter?
»Was bist du?«, stammelte ich.
»Ich bin Rico, eine arkondische Überwachungs- und
Maschinenwartungseinheit. Ich diene Atlan seit über 10.000 Jahren.«
Ich schwankte und suchte einen Platz zum Setzen, als sich plötzlich ein
weißer Sessel neben mir projizierte. Ich tippte ihn ungläubig mit der
Fingerspitze an – er war real – und setzt mich hin. Er war sogar bequem.
»Der Sessel wird mittels Formenergie erstellt. Diese Unterwasserstation
ist das letzte Überbleibsel der arkonidischen Kolonie auf Larsaf III
Atlantis. Atlan war der Kommandant, als sie von den Druuf vernichtet
wurde. Da Atlan von der Superintelligenz ES einen Zellaktivator erhielt, ist
er relativ unsterblich, aber ohne Raumschiff auf der Erde gefangen. So
nutzte er seine Zeit, um die Menschheit technologisch und moralisch immer
ein Stückchen voran zu bringen. So lautet der Auftrag von ES.«
Ich hatte so viele Fragen. Rico setzt sich wieder an die Kontrollen.
»Wir haben Satelliten und Sonden überall auf der Erde. Das Ausmaß des
nuklearen Krieges ist gewaltig. Keine Hauptstadt auf der Erde wurde
verschont. Tausende weitere Städte fielen dem Atomkrieg zum Opfer sowie
hunderte militärische Einrichtungen. Seit drei Tagen schweigen die
Atomwaffen. Es gibt wohl niemanden mehr, der sie bedienen könnte. Ein
Großteil der Menschheit wurde ausgelöscht.«
Ich stand auf betrachtete die Anzeigen auf den Displays und den
Hologrammen. So viel Zerstörung innerhalb weniger Tage machte mich
fassungslos. Das war also der Tag des Jüngsten Gerichts für die Menschen.
Was sollte jetzt werden? War ich auf den Azoren sicher oder würde eine
Atomrakete sich auf die Inseln verirren?
Und wer war ich? Wer war Enrico? Er bezeichnete mich als Atlan. Auch
Harry hatte ich so genannt, der wer war diese Atlan? War ich das und wer
war dann?
Das war alles so fantastisch und schwer zu glauben, was mir in diesen
Momenten widerfuhr.
»Bitte begib dich in den linken Nebenraum zwecks eines körperlichen
Scans.«
Ich sah mich um. Neben der Kammer, aus der Rico gekommen war,
befand sich ein weiterer Raum. Also ging ich dort hinein. Die Tür schloss
sich, und rote und grüne Lichter erfassten mich. Sie glitten über meinen
Körper. Dann öffnete sich eine kleine Tür in der Wand und ein
kugelförmiger Roboter schwebte hervor.
»Bitte entkleide dich für die Reinigung«, hörte ich Ricos Stimme. Der
andere Roboter nahm meine Sachen. Er schwebte dann hoch zu meinem
Gesicht. Aus einem Tentakelarm kam ein rötlicher Strahl und meine Augen
brannten. Dann ließ er von mir ab und verschwand in der Kammer in der
Wand. Wasser fiel von oben herab. Offenbar war das auch eine Dusche. Ich
bemerkte braune Farbe an meinem Körper entlang fließen. Nach der
Dusche folgte ein warmer Wind, als sei die ganze Kabine ein Föhn. Die Tür
öffnete sich und ich stand nackt vor Rico. Er hielt Kleidung in der Hand
und reichte sie mir. Während ich mich anzog, sagte er: »Die Scans
beweisen, dass du Atlan bist. Deine DNS ist identisch. Es gibt jedoch eine
Veränderung. Dein Zellaktivator ist dir in der Schulter eingepflanzt. Es ist
zwar klar, dass du Atlan bist, aber nicht mein Atlan. Du bist ein anderer
Atlan.«
Ein anderer Atlan? Ich wusste ja nicht einmal, wer Atlan war. Und wieso
sagte Harry nichts dazu.
Du bist Atlan. Und ich bin nicht Harry. Ich bin dein Extrasinn. Ich wurde
dir schon vor Jahrtausenden während der ARK SUMMIA eingepflanzt.
Allerdings haben wir alles mehr oder weniger vergessen oder eher
verdrängt. Ich besitze ein fotografisches Gedächtnis und kann eigentlich
nichts vergessen. Es ist seltsam. Jedenfalls stammst du nicht von der Erde,
hast hier aber gelebt und bist relativ unsterblich.
ARK SUMMIA? Extrasinn? Ich verstand nicht, wovon Harry sprach. Ich
war der relativ unsterbliche Arkonide Atlan? Was bedeutete das Wort
relativ? War er unsterblich oder nicht? Wieso erinnerte ich mich nicht
daran?
Kapitel 4 – Das Vermächtnis von Eutin
Die Sonne ging früh auf und erfüllte den Ukleisee mit einem morgendlichen
Glanz. Aurec stand am Ufer und sah sich um. Über ihm lag auf einer
Anhöhe das Lustschlösschen des Herzogs, in dem er den Grafen Leopold zu
Stolberg 1776 getroffen hatte. Und im See wartete vermutlich diese
seltsame Bestie in Frauengestalt, der er ebenfalls 1776 begegnet war.
Den Anzeigen des Kosmogenen Seglers zufolge befand sich Aurec nun im
Jahre 1793. Er war dem Rat von Kathy Scolar gefolgt, aus dem Jahre 1785
in die Zukunft zu reisen. Würde er sie in diesem Jahr hier wiedersehen?
Sein Herz pochte wild. Er liebte sie immer noch und war völlig verwirrt,
sie im Jahre 1785 getroffen zu haben. Noch schlimmer war die Tatsache,
dass sie offenbar gemeinsame Sache mit dem Ylorsfürsten Medvecâ
machte. Aber wieso hatte sie Aurec dann aus dem Gefängnis befreit? Was
waren ihre tatsächlichen Motive? Und weshalb sollte er ausgerechnet in
dieses Jahr ausgerechnet reisen? Was hatte sich in diesen acht Jahren
verändert? Es gab viele Fragen und die Antworten fand er nicht in dem
glitzernden Wasser des Ukleisee, sondern in Eutin.
Er drehte sich um und pfiff. Bencho kam angetrottet. Der Posbi in Gestalt
einer terranischen Bulldogge war seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter
Aurecs. Das vermutete er zumindest, obwohl Kathy ihn mit ihrer Aussage,
Bencho zu kennen, ins Grübeln brachte. Hatte es etwa eine Begegnung
zwischen ihr und Aurec in der Tiefe des Chaos gegeben, an die er sich nicht
mehr erinnern konnte?
»Du bewachst den Kosmogenen Segler wieder. Ich werde nach Eutin
gehen. Das ist nur ein kleiner Fußmarsch.«
Bencho antwortete mit einem Bellen und lief zum Raumschiff zurück. Der
Posbihund konnte zwar nicht sprechen, war jedoch in der Lage, gewisse
Schalter im Segler umzulegen. Aurec richtete seinen braunen Redingote-
Mantel und ging los. Nach zwei Stunden erreichte er die Stadt. Wurde noch
nach ihm gesucht? Vermutlich nicht, denn er war das letzte Mal vor knapp
acht Jahren in der Stadt gewesen.
Auf dem Marktplatz wartete Aurec geduldig in einem Caféhaus, trank
Kaffee und las eine Zeitung namens Lübeckische Anzeigen. Er war
erleichtert, dass über Reformen und Verordnungen von Peter Friedrich
Ludwig berichtet wurden. Er lebte also. Interessant waren auch die
Nachrichten über die Französische Revolution, die blutigen
Ausschreitungen und die Feldzüge von Österreich und Preußen gegen die
Franzosen. Aurec war in einer bewegten Zeit gelandet. Überhaupt war das
letzte Vierteljahrhundert in diesem Jahrhundert voller Ereignisse, wie der
amerikanische Unabhängigkeitskrieg, die Französische Revolution und der
Aufklärung.
Dann sah er ein bekanntes Gesicht. Der große, breitschultrige Kutscher
hatte erste graue Haare in dem vollen Bart. Bernhard von Hollen war wohl
immer noch im Dienste der Schleswig-Holstein-Gottorfer Familie. Aurec
stand auf und ging zu von Hollen, der ihn gleich erkannte.
»Es gleicht an ein göttliches Wunder, Euch hier zu sehen.«
»Die Polizeidiener machten vermutlich noch monatelang Jagd auf mich«,
meinte der Saggittone.
Von Hollen winkte ab.
»Nein. Der Fürstbischof verbot eine Suche. Es gab Gerüchte. Niemand
genau weiß, was jener Tage, als die Herzogin zum lieben Gott ging,
wirklich passiert ist.«
Der Kutscher druckste rum.
»Sprecht frei, alter Freund«, forderte Aurec.
Von Hollen sah Aurec aus seinen braunen Augen an. Er hatte diesen
berühmten Dackelblick. Dann fragte er: »Ihr habt doch nicht die Herzogin
wirklich ermordet?«
Aurec atmete tief durch.
»Die Herzogin verstarb an diesem Abend nicht durch meine Hand. Ihr
Leichnam wurde jedoch von etwas beseelt, was nach dem Leben des
designierten Herzogs trachtete. Um sein Leben zu retten, tötete ich diese
Bestie.«
»Auch wenn wir aufklärt sind, so gibt es doch vieles zwischen Himmel
und Hölle, was wir nicht verstehen«, gestand von Hollen und lachte dann
schallend. Er schlug mit der Hand auf Aurecs Schulter. Diese freundliche
Geste tat ihm jedoch weh, weil der Schlag von von Hollen etwas zu kräftig
war.
»Weder der Graf von Stoltenberg noch Herr Vund ich waren von Eurer
Schuld überzeugt. Offiziell hieß es denn, die Herzogin sei ihrer Krankheit
erlegen. Der Fürstbischof sprach nicht darüber und auch der
Haushofmeister Larsen unterließ eine Fahndung nach Ihnen.«
Das war beruhigend. Trotzdem konnte Aurec nicht einfach so auf dem
Schloss auftauchen und fragen, wie es denn so ging. Er fühlte sich trotzdem
schuldig. Peter Friedrich Ludwig verdiente Antworten.
»Was bringt Euch nach Eutin? Alle Jubeljahre taucht Ihr auf, wenn große
Ereignisse anstehen. Gibt es wieder eine Geheimkonferenz oder tötet Ihr
einen Dämon?«
Von Hollen sprach für Aurecs Geschmack viel zu laut. Der Saggittone
ging vom Marktgeschehen weg.
»Ich weiß es nicht«, gestand er. »Ich suche einen ausländischen Fürsten.
In dessen Dienste steht Gustav Larsen. Es ist gut möglich, dass dieser Fürst
von einer wunderschönen Frau begleitet wird, an der mir etwas liegt.«
Von Hollen zuckte die Schultern.
»Derzeit verweilt seit zwei Wochen ein spanischer Marqués im Schloss
und nimmt Privatunterricht bei dem Herren Voß. Aber er ist nur in
Begleitung eines schmalgesichtigen Dieners. Eine bildhübsche Frau ist
nicht dabei«, sagte von Hollen.
»Tatsächlich?«
»Ihr kennt ihn sogar. Er war 1776 mit seinem Vater Vicente de la Siniestro
hier. Aus dem Jungsporn ist ein erwachsener Adliger geworden. Offenbar
geht es um Allianzen und Verträge. Vsoll ihm den Horizont erweitern.
Der Herr aus Spanien scheint jedoch eher ein überzeugter Vertreter des
Absolutismus zu sein. Und die landen andernorts unter dem Fallbeil.«
Don Philippe Alfonso Jaime de la Siniestro war also hier. Vielleicht hatte
deshalb Kathy genau deshalb Aurec geraten, das Jahr 1793 aufzusuchen.
Aurec bat von Hollen darum, ihm ein Treffen mit Johann Heinrich Vzu
vermitteln. Er wollte herausfinden, was de la Siniestro in Eutin machte.
Immerhin war der Spanier in seiner Zeitlinie der Emperador des
Quarteriums und einer seiner ärgsten Widersacher. Er musste unbedingt
herausfinden, welche Pläne der Zeitfamulus Gustav Larsen mit de la
Siniestro hatte.
Von Hollen stimmte zu und brachte Aurec sogleich zum Haus des
Intendanten.
Ernestine Vwirkt überrascht, als sie Aurec und Bernhard von Hollen an
der Tür sah. Natürlich lud sie die beiden höflich zum Eintritt in das Haus
des Dichters und Schulrektors ein.
»Noch ein Gast. Da wird Johann aber erfreut sein. Bitte, die Herren,
warten Sie einen Moment. Wir haben noch einen weiteren Besucher
Ernestine begab sich in ein anderes Zimmer. Es dauerte einige Momente,
ehe sie wieder herauskam und die beiden ins Wohnzimmer bat. Von Hollen
hob beschwichtigend die Hände.
»Vielen Dank, Frau Voß. Doch in dieser vornehmen Gesellschaft mit all
den intellektuellen Themen fühle ich mich fehl am Platze. Grüßt euren
Gemahl. Ich freue mich auf seinen Besuch im Schloss«, verabschiedete sich
von Hollen höflich und verließ das Haus.
Als Aurec die Stube betrat, war V in einem Dialog mit seinem Gast
verwickelt. Den erkannte er sofort, auch wenn er ihn viel, viel älter in
Erinnerung hatte. Don Philippe de la Siniestro trug eine weiße Perücke. Das
Gesicht war streng, ein jüngeres Abbild seines Vaters, aber unverkennbar.
Der Adlige trug einen taillierten Frack aus feinstem Stoff, dessen lange
Schöße elegant bis zu den Knien fielen. Darunter zeichnete sich ein reich
besticktes Wams ab, das mit glänzenden Knöpfen und feinen Goldfäden
verziert war. Seine Hose war aus Seide gefertigt und endete knapp
unterhalb der Knie, wo sie in weißseidenen Strümpfen mündete. Fein
gearbeitete Schnallenschuhe rundeten das edle Erscheinungsbild ab, das die
Stellung des Trägers unmissverständlich zur Schau stellte.
»Aber, Ihr müsst einsehen, dass die Arroganz des Agamemnon dazu
führte, dass Achilles sich von dessen Truppen abwandte. Ein weiteres
Lehrstück dafür, wozu die Taten fehlgeleiteter Herrscher führen können«,
sprach Voß.
»Und doch bekam er seinen Willen. Achilles kehrte zurück und letztlich
wurde Troja erobert«, erwiderte de la Siniestro.
V gestikulierte. »Agamemnon war ein Herrscher, der nicht respektiert
wurde. Wollt ihr denn genauso sein?«
»Wenn es Erfolg bringt, Herr Voß. Wieso nicht? Ein Herrscher muss nicht
verstanden werden. Man muss des Herrschers Befehle befolgen. Gehorsam
ist das Schlagwort. Wie erreichen wir das durch Freundlichkeit?«
»Gebt einem Bürger das Gefühl der Fürsorge, der Sicherheit und der
Anerkennung.«
De la Siniestro machte ein ungläubiges Gesicht.
»Nur das Gefühl? Wir sollen den Untertanen also etwas vorgaukeln und
sie im Glauben lassen, sie erhielten Wertschätzung? Dann sind diese
aufgeklärten Bürger also Willens, uns zu Folgen? Das klingt heuchlerisch.«
Voß seufzte.
»Ich sprach mit keiner Silbe von Heuchelei. Meint es ehrlich. Als Regent
werdet Ihr an Euren Taten gemessen.«
Voß wandte sich nun Aurec zu.
»Kommt her, alter Freund. Wo seid ihr die letzten acht Jahre denn
gewesen? Darf ich vorstellen. Don Diego de la Aurec aus Kalifornien und
Don Philippe de la Siniestro aus Spanien.«
Aurec machte eine galante Verbeugung. De la Siniestro trank sein Glas
leer und fragte: »¿Siguen creciendo los cactus en California sin espinas?«
Der Saggittone schmunzelte. Natürlich hatte eine Hypnoschulung in alten
Sprachen Terras schon vor Jahrhunderten erhalten und insbesondere das
Spanisch in letzter Zeit durch die Positronik im Kosmogenen Segler
aufgefrischt, um seine Rolle als spanischer Don aus Amerika gerecht zu
werden.
»Las espinas de los cactus californianos siempre han sido puntiagudas y
dolorosas.«
Damit konnte de la Siniestro ihn nicht ködern.
»Sí, sí, como ustedes dicen«, sagte der Spanier und winkte ab.
Aurec fragte sich, ob de la Siniestro eine Ahnung hatte, wer er war.
Eigentlich war das unmöglich. Diese Version de la Siniestros war 1793 nie
in Kontakt mit Außerirdischen gekommen. Er würde erst über vierzig Jahre
später von der Spezies der Casaro entführt und zu Versuchszwecken in einer
Stasiskammer gehalten werden. Erst Ende des 13. Jahrhunderts Neuer
Galaktischer Zeitrechnung wurde de la Siniestro vom Ritter der Tiefe
Gal’Arn und dem Terraner Jonathan Andrews gefunden und befreit werden.
Ab da begann der erstaunliche Aufstieg des Relikts aus der terranischen
Vergangenheit zum Politiker in Cartwheel, einem Minister und späteren
Vorsitzenden im Paxus-Rat und letztlich dem Emperador des Quarteriums.
Im Jahre 1793 war de la Siniestro nur ein snobistischer Aristokrat ohne
kosmische Bedeutung.
»Nun, Euer Ruf eilt Euch voraus, Don Diego de la Aurec«, sagte de la
Siniestro schließlich.
Aurec schmunzelte.
»Vermutlich spricht der Haushofmeister Larsen in höchsten Tönen von
mir
»Er klingt eher wie eine verstimmte Gabel, wenn er von Ihnen redet,
teurer Aurec. Ebenso sprach mein Vater wenig erbaulich über Sie. Wir
haben Sie kaum noch in Erinnerung. Während meines Aufenthalts
erachteten wir Sie als wenig bedeutsam. Ein Fehler unsererseits, so
befürchten wir
V bot mir ein Glas Cherry an, das ich freundlich ablehnte. Von dem
Zeug bekam ich sofort Sodbrennen. Wir einigten uns auf ein Glas
Weißwein. Seine Frau brachte etwas Gebäck.
»Seine Hoheit de la Siniestro nimmt meinen Rat seit einigen Tagen auf
Geheiß des Fürstbischofs in Anspruch.«
»Lasst mich raten, in Diplomatie und Höflichkeit?«
Voß nickte.
»In der Tat, denn daran mangelt es meinem Schüler. Der spanische Adel
scheint noch nicht so aufgeklärt zu sein. Wir diskutieren und philosophieren
über die moderne Staatsführung, über das wider den Absolutismus´ und der
Rolle des Adels in einer aufgeklärten Zeit. Wir sind uns darüber einig, dass
die Französische Revolution zu einer furchtbaren Zäsur für ganz Europa
wird. Im Namen der Bürgerrechte und Freiheit ist in Frankreich zu viel Blut
vergossen worden. Der Krieg gegen Österreich, England und Preußen sorgt
mich sehr
»Die Monarchie, in welchem Land auch immer, ist ein Vorrecht der
adeligen Familien. Ich lasse mit mir durchaus diskutieren, dem Pöbel mehr
Rechte zu geben, doch die Hinrichtung von Königen ist ein Verbrechen
gegen die naturgemäße Ordnung dieser Welt«, warf de la Siniestro ein.
»Und wie steht Ihr zu solchen Dingen, Don Diego?«, wollte er schließlich
wissen.
»Nun, Kalifornien ist Teil der spanischen Krone. Der Vizekönig regiert
von Mexiko aus, und es droht hier kein Unabhängigkeitskrieg. Der
amerikanische Unabhängigkeitskrieg hat zu mehr Willen nach Freiheit beim
Volk geführt. Dennoch, der einfache Kalifornier will sein Land bestellen
und freut sich über weniger Steuern. Mehr Gedanken macht er sich nicht.
Die meisten können ja nicht einmal lesen.«
De la Siniestro ließ sich Cherry in sein Glas einschenken.
»Eure Aufklärung überfordert den Geist eines Untertanen. Das kindliche
Gemüt verlangt nach einer leitenden, strengen Hand. Ihr fordert mehr
Mitspracherecht für die Bürger. Ich frage: Sind diese überhaupt in der Lage,
damit umzugehen?«
Siniestro setzte sich auf das Sofa und trank seinen Cherry.
»Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann schon«, warf V
ein. »Ein moderner Regent weiß dies. Die Liebe zu einem Herrscher nimmt
in dieser Zeit ab, jedoch nicht die Liebe zur Region. Ich denke, der
Absolutismus hat ausgedient und wir werden in Zukunft mehr in Staaten
denken«, fügte er hinzu.
De la Siniestro sah Aurec erwartungsvoll an.
»So sagt uns doch freundlichst, weshalb Ihr uns mit Eurer Anwesenheit
überhaupt beglückt?«
»Es ist lange her, dass ich Eutin besuchte, und es wurde einfach mal
wieder Zeit. Ich ahnte keineswegs, solche interessanten Menschen hier zu
treffen«, antwortete Aurec und erhob charmant das Glas auf de la Siniestro.
Nachdem der Spanier leer getrunken hatte, erhob er sich.
»Wir müssen Gustav Larsen über Euren Besuch informieren. Wir sind der
sicheren Gewissheit, der Haushofmeister wird das mit Interesse hören.
Vielleicht erfolgt auch eine Einladung in das Schloss. Sagen Sie uns, in
welcher Gaststätte Sie nächtigen?«
»Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht«, antwortete Aurec.
»Nicht doch, Sie sind mein Gast. Es wäre mir eine Ehre«, meldete sich
Voß.
De la Siniestro klatschte in die Hände.
»Ein famoser Einfall. Eure Gattin bereitet hervorragendes Gebäck zu. Nun
denn, wir danken Ihnen Herr Vfür eine weitere Lektion in Sachen Politik
und Menschenführung. Wir freuen uns auf unser nächstes Treffen.«
Vverbeugte sich und Aurec nickte zum Abschied. Immerhin war er ja
auch ein Adliger und sollte es mit der Huldigung nicht übertreiben.
Am Abend suchte Bernhard von Hollen das Haus von Vauf und ersuchte
Aurec im Namen von Gustav Larsen um ein Gespräch. Aurec nahm sein
Degen, denn er erwartete eine Falle. Von Hollen brachte ihn mit der
Kutsche zum Jagdschlösschen am Ukleisee.
Der kleine Pavillon wirkte in der Abenddämmerung ruhig und verlassen,
als ob er seit Tagen keine Besucher mehr gesehen hätte. Das Gebäude war
ein barocker Bau, schlicht und doch elegant, mit symmetrisch angeordneten
Fenstern und einer mittigen Doppeltür, die auf eine kleine Treppe führte.
Die Fassade war in dezenten Grautönen gehalten, die im schwachen Licht
des Abends fast unheimlich wirkten. Über den Fenstern erhoben sich
kleine, runde Oberlichter, die dem Bau einen fast strengen, aber zugleich
feinen Ausdruck verliehen. Die Dachziegel glänzten noch leicht im
abendlichen Licht, während der Innenhof bereits im Schatten lag. Kein Laut
war zu hören, keine Bewegung zu sehen, doch hinter den Fenstern des
Pavillons glomm schwaches Licht, das die Stille noch unheilvoller
erscheinen ließ.
Aurec stieg aus.
»Bleibt sitzen. Es ist sicherer so«, flüsterte er von Hollen zu. Der Kutscher
gehorchte und blieb auf der Fahrerbank. Aurec zog den Degen. Die
Doppeltür des Pavillons öffnete sich. Gustav Larsen grinste ihn schelmisch
an.
»Lieber Aurec. Es ist so schön, Sie wiederzusehen. Kommen Sie doch
herein.«
Larsen ging ein paar Schritte zurück. Aurec blickte sich misstrauisch um.
Er erwartete einen Hinterhalt. Jeden Moment würden wahrscheinlich
Lakaien von Larsen aus einer dunklen Ecke springen.
Er erreichte den Innenraum. Larsen war offenbar allein. Aurec senkte den
Degen ein wenig.
»Nun, ich muss sagen, eine Zeitlang war ich Ihnen richtig böse«, sagte
Larsen und öffnete eine Flasche Wein. Auf einem Tisch standen zwei
Gläser. Er schenkte ein. »Ich hatte mir so viel Mühe mit dem Plan gemacht.
Es war so genial. Die verstorbene Gattin bringt den Fürstbischof um.
Medvecâ konnte dann selber entscheiden, ob er Peter Friedrich Ludwig als
Ylors brauchen würde oder wir Don Philippe de la Siniestro als neuen
Herzog etablieren.«
»Wie wäre das denn möglich gewesen? Er ist weder Mitglied der
Schleswig-Holstein-Gottorfer Familie noch irgendwie hier assoziiert.«
Larsen lächelte und hob tadelnd den Finger.
»Das ist nicht ganz richtig. 1776 wurden Verträge geschlossen, die de la
Siniestro in den Stand eines Herzogs gehoben hätte, würde ein Herzog aus
der Familie ohne Nachfolger dastehen. Da die Kinder noch nicht
regierungsfähig sind, wir Katharina und den Hof der Zarin als Fürsprecher
haben, hätten wir da etwas regeln können. Vielleicht hätte Don Philippe
auch irgendeine Dame aus der Familie heiraten können, um den Anspruch
zu zementieren. Das Schöne an dieser Zeit ist, dass Vetternwirtschaft völlig
normal ist. Da hätten wir etwas gedeichselt.«
Er hob die Flasche und blickte stolz auf die vollen Gläser. Bedächtig nahm
er das eine und reichte es Aurec, der zögerlich ergriff. Dann nahm Larsen
sein eigenes Glas.
»À la santé du Roi!«, sagte Larsen und trank. Beinahe spuckte er den
Wein wieder aus, da er kicherte. »Wie dumm von mir. Der König ist ja tot.
Zumindest der Französische. Das hatte ich ganz vergessen.«
Larsen schien sich richtig zu freuen, denn er prustete noch eine Weile
weiterund stellte das Glas wieder ab. Als er sich endlich beruhigt hatte, sah
er Aurec seltsam an. Er breitete die Arme aus.
»Jedenfalls habe ich inzwischen durchaus Gefallen daran gefunden, dass
Peter Friedrich Ludwig noch lebt. Er ist ein exzellenter Lehrmeister in
Sachen Staatsgeschäfte für de la Siniestro. Und Vbringt ihm das nötige
Fingerspitzengefühl bei. Ohne es zu wissen, formen sie einen
Rohdiamanten.«
»Dann habe ich Ihnen wohl einen Gefallen getan«, knirschte Aurec. Den
Degen in der rechten Hand, nahm er das Glas mit der Linken. Er nahm nun
auch einen Schluck von dem Weißwein.
»In der Tat. Ich weiß nur nicht, was ich mit Ihnen machen will. Wir wären
eigentlich ein gutes Team. Sie könnten mit Kathy wieder zusammen sein
und gemeinsam formen wir die neue Menschheit.«
»Ohne Perry Rhodan?«
Larsen neigte den Kopf leicht zu Seite und lächelte.
»Im Jahre 1793 gibt es keinen Perry Rhodan und es wird auch keinen
geben. Jedoch wird es jemand geben, der die Arkoniden 1971 in Empfang
nehmen wird. Doch das ist nicht Perry Rhodan. Kommen Sie, Aurec, lassen
Sie uns diese Welt so gestalten, wie wir wollen. Wir sind Architekten,
Künstler
Aurec stellte das Glas ab. Er wanderte durch den Saal, in dem
vornehmlich viel Platz war. Auf einem kleinen Podium standen Geigen, ein
Chello und Flöten.
»Ich kannte einen Architekten und Künstler. Eine Weile wollte ich, dass
genau dieser Mann Rhodans Platz einnimmt. Aber er war ein Architekt der
Apokalypse und ein Künstler der Zerstörung. Terra hielt nicht lange. Und
das meine ich wörtlich«, meinte Larsen.
»Was hat Nistant davon, die Erde zu manipulieren? Warum zerstört er sie
nicht einfach? Auch dann würde es Perry niemals geben.«
»Ein guter Einwand, Saggittone!« Larsen leerte sein Glas und füllte nach.
Währenddessen sagte er: »Die Zeit ist sehr komplex. Die Änderungen
können extrem weitreichend sein. Deshalb nehmen wir chirurgische
Eingriffe vor. Nimm einen Spieler vom Feld und ersetze ihn durch jemand
anderen.«
Aurec zuckte mit den Schultern.
»Damit verändert ihr aber trotzdem die Zeit. Ihr könnt unmöglich alles
vorhersehen und berechnen.«
Larsen winkte ab.
»Ein Kosmokrat und ein Kosmotarch haben Äonen an diesem Plan
gearbeitet. Es gab dutzende Hilfsvölker, die mehrdimensional denken. Und
ein weiterer Kosmotarch hat den Plan quasi verifiziert. Und half bei der
Planung zur Beseitigung von Abweichungen.« Larsen stellte das Glas hin
und breitete beide Hände aus. »Dafür bin ich zuständig.«
Er nahm die Arme wieder runter und ergriff das Glas.
»Wie zum Beispiel die Loge des Kosmos. Ihr seid nicht Teil des Plans
oder der neuen Zeitlinie. In der neuen Zeit wäre Aurec niemals auf Terraner
gestoßen.«
»Ziemlich fade«, antwortete der Saggittone.
»Nun ja, aber Ihr hättet euer wohliges Leben als Prinz weiterleben können
und Eure Familie wäre nicht von Rodrom gemeuchelt worden.«
Larsen wollte provozieren. Es war sicherlich kein Geheimnis, dass der
Tod von Aurecs Familie ihm damals sehr an die Nieren gegangen war. Aber
das war lange her und es reichte nicht aus, um ihn aus der Fassung zu
bringen. Seit dieser Zeit war sehr viel geschehen.
»Das ist das Leben. Ich kann nicht das Universum neu stricken, nur weil
es mir nicht gefällt«, antwortete der Saggittone.
Larsen lächelte.
»Nistant kann es.«
Der Zeitfamulus leerte sein Weinglas und füllte es erneut nach.
»Aurec, schließen Sie sich uns an. Sehen Sie doch ein, dass Ihr Vorhaben
sinnlos ist. Ihre Loge des Kosmos will die alte Zeitlinie wiederherstellen,
richtig? Sie wollen Perry Rhodan zurückholen, alle retten und danach Ihr
verbittertes, einsames Leben weiter führen. Ich kann Ihnen ein Leben in
Verantwortung, Liebe und Erfüllung bieten. Wir brauchen fähige Wesen in
unserem neuen Universum. Sie sind so einer, der uns effektiv unterstützen
kann.«
Er streckte die Hand in Aurecs Richtung aus.
»Gestalten wir dieses Universum doch zusammen.«
Plötzlich öffnete sich die Türe und der Abendwind zog kalt herein. Kathy
Scolar und Fürst Medvecâ betraten das Jagdschlösschen. Die aufziehende
Dunkelheit des Abends begleitet sie wie eine unsichtbare Präsenz, die sich
mit ihnen durch die knarrende Holztür in den Saal schob. Kathy trug ein
bodenlanges Kleid aus tiefrotem Samt, dessen Rüschen den Boden kaum
berührten, und darüber einen schwarzen, mit Spitzen besetzten Umhang. Ihr
Haar fiel in lockeren Wellen über die Schultern, während ihre Augen unter
den zarten Schatten des Kerzenlichts in der Eingangshalle funkelten. Sie
strahlte eine ungreifbare Eleganz aus, die sowohl die Vornehmheit der Zeit
als auch eine unerklärliche Andersartigkeit in sich trug.
Neben ihr wirkte Fürst Medvecâ wie ein düsterer Schatten,
hochgewachsen und majestätisch, die bleiche Haut kontrastierend zum
tiefschwarzen Gehrock, der seine schlanke Gestalt umhüllte. Ein schwarzes
Halstuch lag um seinen Hals, und sein dunkles Haar war in einem strengen
Pferdeschwanz nach hinten gebunden, was seine aristokratischen
Gesichtszüge noch schärfer wirken ließ. Er trug schwere, silberne Ringe an
seinen bleichen Fingern, die im flackernden Licht matt schimmerten. Beide
bewegten sich mit einer gewissen Gelassenheit durch den Eingangsbereich,
ihre Schritte hallten leise wider, während sich die Schatten der Kerzen über
die hohen Wände zogen, als wollten sie die Neuankömmlinge selbst
willkommen heißen.
Medvecâ und Katharina betreten das Jagdschloss. © Gaby Hylla
Aurec hielt den Degen fester und fühlte, wie sich seine Muskeln
anspannten. Er konnte den Blick nicht von den beiden Neuankömmlingen
lassen. Die Art, wie Medvecâ sich bewegte, mit einer majestätischen
Gelassenheit, die nichts Gutes verhieß, ließ Aurec klar werden, dass Larsen
nicht einfach nur eine Falle vorbereitet hatte dies hier war Teil eines
größeren Plans. Kathy und Medvecâ wirkten wie perfekt inszenierte
Figuren in einem Schauspiel, das Larsen für ihn vorbereitet hatte.
Kathy warf Aurec einen flüchtigen Blick zu, ihre Augen wirkten kalt und
distanziert, während Medvecâ lediglich lächelte, ein Lächeln, das keinerlei
Wärme zeigte.
Aurec erkannte fröstelnd, dass er hier tief in etwas hineingezogen wurde,
das weit über ein einfaches Gespräch hinausging und dass er keine
Ahnung hatte, was genau hier gespielt wurde. Ein Gefühl von kaltem
Unbehagen kroch ihm den Rücken hinauf, als Medvecâ und Kathy sich zu
Larsen gesellten, der ihnen lächelnd die Hand entgegenstreckte.
Er blieb an seinem Platz, beobachtete jede Bewegung der beiden und
wartete ab, was als Nächstes geschehen würde.
Medvecâ schritt langsam und mit einer Selbstverständlichkeit durch den
Raum. Die bleiche Haut, das schwarze Halstuch, der in einem
Pferdeschwanz gebundene Haarzopf alles an ihm wirkte wie eine
überzeichnete Darstellung eines Adligen, der mit der Dunkelheit selbst
paktierte.
Larsen ließ es sich nicht nehmen, Kathy und Medvecâ mit einem breiten
Grinsen zu begrüßen. Seine Freude schien aufrichtig, als ob gerade zwei
alte Freunde angekommen wären, auf die er schon lange gewartet hatte.
Aurec fühlte, wie der Druck auf seine Schultern wuchs. Er war in
Unterzahl und seine Gefühle für Kathy vermochten seine Sinne zu
beeinflussen, während Larsen, Medvecâ und Kathy miteinander Worte
wechselten, die ihm unverständlich blieben. Der Raum, in dem sie sich
befanden, hatte plötzlich etwas Unwirkliches als wäre dies alles eine
inszenierte Szene, in der er nur die Rolle eines unwissenden Statisten
spielte. Und doch war er derjenige, der den Degen hielt, derjenige, der eine
Entscheidung treffen musste, was sein nächster Schritt war
Als Larsen ihm schließlich einen auffordernden Blick zuwarf, entschloss
sich Aurec, den ersten Schritt zu machen. Er senkte den Degen, aber nur ein
wenig, jedoch genug, um zu zeigen, dass er bereit war, zumindest für den
Moment, diesem Schauspiel zu folgen. Doch innerlich war er angespannt,
jede Faser seines Körpers bereit, auf das kleinste Anzeichen einer Gefahr zu
reagieren. Denn eines war ihm jetzt völlig klar: Dies war kein einfaches
Gespräch, sondern der Beginn einer Konfrontation, deren Ausgang niemand
voraussagen konnte.
»Aurec«, sprach Medvecâ dunkel und sanft. »Ihr wart auf dem Rideryon
und in diesem Zeitspiel ein würdiger Gegner. Schließt euch uns an. Vergesst
den törichten Plan Eorthors. Eure Zeitlinie ist verloren. Euer Volk ist
verloren, wie auch Perry Rhodan.«
Kathy wanderte um Aurec herum und schenkte ihm ein fast diabolisches
Lächeln.
»Ihr seid mit unserem Plan zur Reformierung des Universums nicht
einverstanden?«, lächelte Medvecâ ihn kalt an. »Dann gestaltet diesen
Prozess mit. Ihr werdet Herrscher über die Saggittonen, die eng von M 64
aus mit der Milchstraße zusammenarbeiten werden. Kathy wird eure
Gemahlin. Der Traum wird endlich wahr
Aurec umklammerte den Griff seines Degens fest.
»Und was verlangt Ihr dafür?«
»Akzeptiert die Dualität der Kosmotarchen DORGON und MODROR.
Schwört Nistant eure Treue. Lasst die hoffnungslosen Anhänger der alten
Zeitlinie fahren. Sie haben nur ein Raumschiff und eine Crew, die aus
Dilettanten besteht. Sie haben keine Chance. Sie werden sterben. Akzeptiert
das, rettet eure eigene Haut und die eurer Spezies.«
Medvecâ spielte auf Aurecs größte Sehnsüchte an. Er wollte seine
Saggittonen wieder anführen, ihnen ein guter Regent sein und sich ihrer
würdig erweisen. Und natürlich liebte er Kathy. Sie war die Frau mit der er
zusammen sein wollte. Über 750 Jahre währte dieses Martyrium nun schon.
Es hatte damals 1285 NGZ mit der Entdeckung des terranischen
Raumschiffes LONDON begonnen, auf dem sich auch Perry Rhodan
befunden hatte. Aurec und die Saggittonen waren schnell in einen
kosmischen Kampf gezogen worden, der seiner Familie das Leben gekostet
hatte. Eine Dekade später war Saggittor durch den unheilvollen
SONNENHAMMER zerstört worden. MODROR und seine Vasallen hatte
die Heimatgalaxis der Saggittonen vernichtet, die zu Flüchtlingen geworden
waren. Aurec hatte die Überlebenden in die Galaxis Cartwheel geführt.
Dort waren sie in die Völkergemeinschaft aufgenommen worden, und er
hatte einen Platz im Paxus-Rat bekommen. Dann wurde er in die Galaxis
Barym entführt, hatte Kathy kennen und lieben gelernt. Es war die
Vernichtung des SONNENHAMMERS gefolgt. Dann der erste Verrat von
Kathy an ihm. Die Gründung des Quarteriums. Kathy und er hatten später
wieder zueinander gefunden, doch Saggittor lag inzwischen im Krieg mit
dem Quarterium und war besetzt worden. Die Saggittonen hatten einen
Stellvertreterkrieg für Terra geführt, während Rhodan lange gezögert hatte
und erst dem Quarterium den Krieg erklärt hatte, als diese in der Galaxis
Andromeda eingefallen waren.
Es waren unzählige Schlachten in fremden Galaxien ausgefochten
worden und am Ende hatte DORGON die Oberhand gewonnen. Damals
hatten auch die Saggittonen gedacht, dass es endlich den Frieden bringen
würde. Die Saggittonen waren frei, doch die Harmonie des DORGON hielt
nicht das, was sie versprochen hatte. Es herrschte zwar Frieden nach
Cartwheel, doch es war nur eine Art Suggestion, welche die Völker zu
Pazifisten gemacht hatte. DORGON selber hatte den Zutritt zum Rideryon
verwehrt und somit auch ein Wiedersehen zwischen Kathy und ihm
verhindert. Dann war die Hyperimpedanz gekommen, welche ein Kontakt
zur Milchstraße unmöglich gemacht hatte. Osiris und Eorthor hatten
erstmals über die wahren Pläne von DORGON und MODROR Kenntnis
erhalten, und die Loge des Kosmos war gegründet worden. Es folgten 700
Jahre Kampf gegen MODROR, zehrende Jahre in der Tiefe des Chaos. Ein
Leben voller Entbehrungen und Ungewissheit.
Sollte das alles umsonst gewesen sein? Sollte Aurec die Jahre ab 1285
NGZ einfach zurücksetzen? Zu welchem Preis? Er würde seine Ideale
verraten, seine Mitstreiter und seine Gefährten im Stich lassen. Er würde
auch Perry selber im Stich lassen. Wie viel Milliarden Wesen aus diversen
Generationen verdankten Perry Rhodan und den Terranern ihr Leben und
ihren Frieden? All das würde einfach nie passieren.
Die Loge des Kosmos stand dafür, die alte Zeitlinie wieder herzustellen.
Sein Verrat würde dann definitiv das Ende des Bestrebens bedeuten. Die
Geschichte der Terraner würde einen anderen Verlauf nehmen und zwar
ohne Perry Rhodan. Und damit würde sich alles verändern alles würde
vollkommen anders sein. Er sah Kathy Scolar an. Sie öffnete den Mund ein
wenig und warf ihm einen tiefen Blick zu, eine Mischung aus Unschuld und
Sinnlichkeit. Wie sehr er sich nach ihrer Nähe sehnte …
Würde es den Saggittonen nicht besser ergehen, wenn sie niemals Perry
Rhodan treffen würden? Seine Familie würde noch leben. Er könnte der
Prinz Saggittors sein und Kathy seine Prinzessin. Wäre das nicht wunderbar
Alles könnte anders sein, Aurec kein gebrochener Mann, der seit 700
Jahren in einem Raumschiff nur mit einem Roboterhund lebt. Das sagte
wohl schon einiges aus. All seine Freunde hatte er auf dem Rideryon
verloren. Und der Kontakt zu den anderen Kosmogenen Chronikträgern war
aus Sicherheitsgründen auf das Nötigste beschränkt.
Seit 700 Jahren hatte er auch fast keinen Kontakt mehr zu seinem Volk
gehabt, sah man von Gelegenheitsbesuchen in Cartwheel ab, die jedoch
ebenfalls unter größer Vorsicht durchgeführt worden waren.
Ja, er war einsam, unendlich einsam, musste er sich eingestehen. War es
daher nicht endlich Zeit, sein Leiden zu beenden? Hatte er nicht auch etwas
Glück verdient?
Kathy hatte ihn zu einem besseren Mann gemacht ...
Doch nicht Katherina. Nicht diese Frau, die in dem Jagdschlösschen stand.
Würde er denn ein besserer Mann sein, wenn er Medvecâs Angebot
annahm? Er wäre ein Vasall der Kosmotarchen, ein Diener Nistants
vielleicht sogar ein Sohn des Chaos. Natürlich würden sie anfangs
freundlich sein, aber im Laufe der Zeit würden sie Opfer verlangen.
Er würde nicht edler werden an der Seite von Katharina, der Ylorsbraut.
Vielmehr zu einem Saggittonen werden, dem sein eigenes Wohl über dem
aller anderer stehen würde.
Das bin ich nicht, ich bin Aurec!, schrie es in ihm.
Ja, seine Hingabe, seine Bereitschaft die eigenen Belange hinten
anzustellen, hatten ihn zu einem einsamen Mann gemacht. Aber würde er es
wirklich anderes machen wollen – und können?
Bei der ersten Ungerechtigkeit würde seine Allianz mit den finsteren
Mächten doch sowieso in die Brüche gehen.
Perry Rhodan war sein Freund. Sollte er einfach zusehen, wie dessen
Vermächtnis erlosch? Er durfte nicht vergessen, dass er seit 1285 NGZ
gegen die Mächte von MODROR kämpfte.
MODROR war es, der Aurecs Heimatgalaxis vernichten ließ.
MODROR war es, der Cartwheel durch die Söhne des Chaos destabilisiert
hatte.
MODROR war es, der das Quarterium und de la Siniestro gefördert hatte.
MODRORs Söhne des Chaos hatten Kathy beeinflusst.
MODRORs Vasall Medvecâ hatte Kathy erneut in seinen Bann gezogen.
Unzählige Saggittonen waren auf MODRORS Befehl hin in Schlachten
gestorben.
Aurec war verwirrt und wusste nicht, wo er stehen wollte …
Doch, stellte er fest, er wusste es sehr wohl!
»Tragt Ihr die Kosmogene Chronik bei euch?«, fragte der Zeitfamulus
freundlich. »Oder ist sie in Eurem Kosmogenen Segler?«
Aurec lächelte.
»Natürlich! Sie ist dort. Ich hole sie und schenke sie Euch. Dann gehen
wir auf die Suche nach Rhodans Vorfahren und bringen jeden um. In
Ordnung?«
Medvecâ blickte zu Larsen.
»Ich hätte nicht gedacht, dass die Läuterung so schnell erfolgt«, gestand
der Ylors.
»Das ist nur Aurecs Sarkasmus«, sagte Kathy und hob ihr Glas in seine
Richtung.
»Oh je«, murmelte der Zeitfamulus und leerte sein nächstes Glas Wein.
»Das ist bedauerlich. Ihr lehnt Reichtum ab …« Er zeigte auf Kathy. »Ihr
lehnt diesen Körper ab.« Larsen hob die Hand und streckte den Zeigefinger
in die Höhe. »Doch Ihr werdet uns nicht aufhalten.«
Aus jeder Ecke des Raumes trat ein Soldat aus dem Schatten. Es waren
Menschen in zeitgenössischer Uniform. Jeder von ihnen hielt einen Degen
in der Hand. Der Erste griff mit seinem Degen an und Aurec wich aus, er
parierte den Hieb des Zweiten und trat in den Bauch des ersten Angreifers.
Aurec musste in Bewegung bleiben. Er attackierte den dritten Mann, ehe
dieser kampfbereit war, parierte den Schlag von Nummer vier. Die ersten
beiden Soldaten kamen sich bei ihrer Aktion selber in den Weg. Aurec nutzt
den Moment der Verwirrtheit und entwaffnete den Ersten. Ein Schlag ins
Gesicht ließ diesen zu Boden gehen. Aurec wich zurück und ließ den
Zweiten ins Leere laufen. Er gab ihm einen Tritt in den Rücken. Durch den
Schwung fiel er gegen das Cello.
Der Dritte war hartnäckiger und ein geübter Kämpfer. Aurec hatte Mühe,
ihn unter Kontrolle zu halten. Der Vierte war jedoch zu ungestüm,
unterbracht die Kombination des eigenen Verbündeten, als er dazwischen
stürmte. Aurec drückte mit einem Hieb die Waffe des Angreifers herunter
und brachte ihn ins Taumeln. Dann stach er ihm in die Brust. Mit einem
erstickten Schrei ging der Soldat zu Boden.
Der erste Angreifer hatte sich wieder aufgerappelt und stürmte mit dem
Degen voran auf Aurec zu. Er wich zur Seite aus, griff den Arm und zog
den Soldaten nach vorne, so dass er in den Degen des Vierten Mannes
rannte und aufschrie. Der war nun damit beschäftigt, seine Waffe aus dem
Bauch des Anderen zu ziehen. Aurec streckte den Vierten nieder. Dann war
er mit wenigen langen Schritte bei Gustav Larsen und drückte ihm die
Degenspitze an die Kehle. Larsen lehnte sich zurück und stieß mit dem
Rücken an einen Tisch. Schweiß bildete sich auf dessen Stirn und perlte
sich ab.
Aurec kostete diesen Moment aus. Larsen wirkte nun nicht mehr
souverän. Das verschmitzte Lächeln war weg und auch kein grunzendes
Lachen mehr. Der selbst ernannte Zeitfamulus hatte Todesangst.
Aurec drückte die Spitze der Klinge noch etwas fester an den Hals von
Larsen.
»Hör auf«, rief Kathy.
Sie kam zu Aurec und legte die Hand auf den Degen.
»Bitte«, flüsterte sie und blickte ihn aus ihren braunen Augen an.
Er setzte die Klinge ab und senkte die Waffe.
Gustav Larsen atmete schwer und fasste sich an die Kehle. Er hustete und
spuckte auf den Boden, aufgrund seiner lächerlich kleinen Wunde. Sein
aufgesetztes Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück.
»Sie werden Eutin nicht lebend verlassen. Draußen warten ein halbes
Dutzend fähiger Söldner darauf, Ihnen die Haut abzuziehen. Geben Sie uns
die Kosmogene Chronik. Dann wird Fürst Medvecâ Sie auch schnell
sterben lassen.«
Aurec nahm die Drohung durchaus ernst und warf einen Blick auf den
Ylors, der sich bisher passiv verhalten hatte. Dann sah er zu Kathy, die
neben ihm stand. Ihre Mimik war schwer zu interpretieren. Er wusste nicht,
was sie wollte, es war jedoch nicht seinen Tod. Sie hätte ihn sonst 1785
einfach im Eutiner Rathaus in der Gefängniszelle versauern lassen können.
Aurec hob den Degen hoch und ging langsam rückwärts aus dem
Jagdschloss. Kathy ließ ihn gewähren. Larsen blieb am Tisch und hielt sich
immer noch den Hals. Er blickte Aurec verächtlich an. »Dort draußen
stehen weitere Söldner. Es ist sinnlos.«
Ein blutroter Ukleisee. © Gaby Hylla
Aurec verließ das kleines Lustschloss und eilte auf die Kutsche zu.
»Von Hollen, verschwinden Sie hier. Von Hollen?«
Der Kutscher saß leblos auf dem Sitz. Ein Messer steckte in seiner Brust.
Aurec legte die Hand auf von Hollen. Dann blickte er sich um. Im Dunkeln
sah er schemenhaft einige Menschen. Medvecâ betrat nun auch den Vorhof.
»Wer diesen Mann ergreift, erhält eintausend Reichstaler«, sprach der
Ylors.
Sechs Leute kamen näher. Sie waren mit Messern, Säbeln und Degen
bewaffnet. Es waren keine Soldaten des Fürstbischofs, denn ihre Kleidung
wirkte schäbig, soweit er es in dem spärlichen Mondlicht ausmachen
konnte.
Die Meute rannte brüllend auf Aurec zu. Der lief die Treppe zum See
hinunter. Der Kosmogene Segler war in der Nähe. Aurec hielt nur knapp die
Balance, als er die Stufen zum Ufer herunterrannte. Ein Heulen ließ ihn
aufhorchen. Etwas flog hoch oben über ihm. Das musste Medvecâ sein.
Ylors waren in der Lage, sich in menschengroße Fledermäuse zu
verwandeln.
Aurec lief nach links den Pfad am Ufer entlang. Er blickte nach hinten.
Die Verfolger teilten sich auf, da eine Gruppe in den Wald lief. Seitlich
blubberte das Wasser und er vernahm Glockenschläge.
Aus dem Wasser schnellte eine Gestalt. Mit übermenschlicher Kraft
sprang das Geschöpf auf das Ufer und packte sich einen Söldner. Sie sprang
mit dem Söldner zurück ins Wasser und versuchte ihn unter Wasser zu
reißen. Er kreiselte und schrie nach Hilfe, dann verschwand er für immer
unter Wasser. Zwei Söldner auf dem Weg blieben sehen, auch Aurec hielt
inne.
Da tauchte die Kreatur wieder auf und stieg langsam aus dem Wasser des
Ukleisees. Einer der beiden Söldner stürmte auf sie zu und stach mit dem
Degen auf sie ein. Die Stichwunden zeigten keine Wirkung, sie nahm den
Degen und riss ihn dem Söldner aus der Hand. Er starrte in das Gesicht
eines Fledermauswesens, halb Mensch halb Fledermaus mit großen
Eckzähnen. Sie biss ihn. Das Schicksal des Mannes war besiegelt. Der
dritte Söldner blickte Aurec an, ließ den Degen fallen und lief davon.
Aurec blickte die Kreatur aus dem See an. Ihre Fratze verwandelte sich in
ein schönes Gesicht einer Frau. Ihr nasses, blondes Haar war verfilzt und
voller Algen. Es hing ihr bis zur Brust. Er kannte sie. Dieses Geschöpf hatte
1776 die vier Wegelagerer, die ihn gefangen genommen hatten, getötet. War
er ihr jetzt wieder zu Dank verpflichtet?
Sie richtete ihren Blick auf ihn. Langsam bewegte sie sich auf ihn zu.
Aurec hielt den Knauf des Degens fest.
»Wo ist Atlan?«, wisperte sie. Ein Heulen jagte durch den Wald. Sie
blickte nach oben und fletschte die Zähne. »Medvecâ ist hierSie wandte
sich wieder Aurec zu. »Sag Atlan, er soll mich erlösen.«
Ihr hübsches Gesicht wich der Fratze des Fledermauswesens. Große
Flügel mit ledriger Haut wuchsen aus dem Rücken. Sie war vermutlich eine
Ylors, denn die Flügel, das Gesicht sowie die Tatsache, dass sie jemanden
ausgesaugt hatte, passten zu der Spezies der Ylors. Das Wesen stieg in den
Nachthimmel auf und flog in den dunklen Wald. Aurec blickte ihr kurz
hinterher, grübelte nicht lange, um keine Zeit zu verlieren, machte sich
wieder auf dem Weg zu seinem Raumschiff. Während er den Pfad durch
den Wald entlangeilte, hörte er Schreie. Sie gehörte vermutlich den
Söldnern. Sein Mikropos gab einen stillen Alarm in Form einer Vibration
an seinem Arm. Er hatte den Kosmogenen Segler erreicht und deaktivierte
den Tarnschutz. Das silberne, keilförmige Raumschiff tauchte vor ihm auf.
»Willst du einfach so gehen, ohne dich zu verabschieden, Schatz?«
Kathy tauchte hinter einem Baum auf. Aurec hoffe, dass sie ihn nicht
ernsthaft aufhalten wollte.
»Komm mit mir«, forderte er.
Sie lächelte gequält.
»Das ist nicht möglich.«
Sie hielt inne.
»Medvecâ kämpft gegen ein Wesen. Er wird Hilfe brauchen.«
Sie ging zu ihm, nahm zögerlich seine linke Hand und blickte ihm tief in
die Augen.
»Finde deine Erinnerungen wieder. Wenn du weißt, was der Schleier der
Lethe in deinem Kopf angerichtet hat, wird dir einiges klarer. Nun muss ich
gehen.«
Ihr Kopf kam näher und sie küsste ihn. Dann drehte sie sich weg und lief
zurück in den Wald. Schon bald war sie im Dunkeln verschwunden.
Aurec ließ sich keine Zeit und lief in den Segler. Lautlos hob er ab und
verließ den Ukleisee. Es wurde Zeit, dass er in seine Zeit zurückkehrte, um
die CASSIOPEIA zu suchen.
Kapitel 5 – Die Engelsburg
Ich verließ mit der NOVA den Hangar der HAUNEBU XCI und flog nach
Terra. Den Weg vom Alpha Centauri-System in das Solsystem konnte ich
schon fast im Schlaf. In letzter Zeit waren wir ihn ja öfters geflogen.
Das Sonnensystem des Quarteriums wirkte wie man ein System einer
Raumfahrermacht erwarten würde. Die Planeten und ihre Monde waren
besiedelt. Kampfstationen säumten den Weg zur Erde.
Im Orbit schwebten tausende Satelliten, dutzende Raumstationen, und der
Raumverkehr zwischen der Erde und dem Mond war rege. Dieses Terra war
nicht mit der apokalyptischen Erde aus dem 21. Jahrhundert zu vergleichen.
Es war eine blühende, galaktische Metropole.
»Bitte nach Rom fliegen.«
»Rom?«
Ich hätte ein Terrania erwartet, doch der Zeitfamulus bestand auf dieser
»ewigen Stadt«, wie sie genannt wurde. Das hatte ich in meiner Zeit auf
Terra in den anderen Zeitebenen bereits gelernt. Sie war jetzt über 6000
Jahre alt. Also steuerte ich nach Europa und speziell nach Rom. Ein
Geschwader Abfangjäger eskortierte die NOVA. Vor uns lag ein rundes
Gebäude an deren Spitze eine Engelsstatue stand.
»Das ist die Engelsburg. Sie wurde als Mausoleum für den römischen
Kaiser Hadrian im 1. Jahrhundert gebaut. Sie war Festung, Palast,
Gefängnis und später auch ein Museum«, erzählte Jevran Wigth.
»Jetzt macht sich der Terraforscher bezahlt, nicht wahr?«, kommentierte
der Zeitfamulus heiter.
Die Engelsburg erhob sich am Ufer des Tiber, ein rundlicher, massiver
Bau, der sowohl antike Größe als auch kirchliche Macht verkörperte. Über
dem zylinderförmigen Bau thronte ein Turm mit der vergoldeten Statue des
Erzengels Michael, der mit gezogenem Schwert über die Stadt zu wachen
schien. Darüber schwebte ein Hologramm des Wappens des Quarterium.
Die Ponte Sant‘Angelo, die Engelsbrücke, führte in eleganter Harmonie
zur Festung. Ihre Marmorstatuen von Engeln mit Symbolen der Passion
Christi verliehen ihr eine sakrale Aura.
Die NOVA landete vor der am Anfang der Via della Conciliazione., auf
der ein freier Platz war für Gleiter und kleinere Raumschiffe.
»Da Rom als ewige Stadt gilt, hat der Emperador de la Siniestro ihr eine
zentrale Rolle zuteil kommen lassen. Die Engelsburg dient ihm persönlich
oft als Residenz. Die Hauptstadt der Erde ist jedoch Terrania in der Wüste
Gobi. Da gab es damals einen Wink mit dem Zaunpfahl von mir«, erzählte
der Zeitfamulus.
»Perry Rhodan hatte 1971 Galacto-City gegründet. Einig Jahre später
wurde es in Terrania umbenannt. Ihr de la Siniestro schmückt sich mit
fremden Federn«, sagte Jevran Wigth mit vorwurfsvollen Unterton.
Der Zeitfamulus lächelte gequält.
»Ein Perry Rhodan ist mir als Politiker des 20. Jahrhunderts gänzlich
unbekannt. Gründer von Terrania City ist Don Philippe de la Siniestro. Sie
scheinen ja eine Art Rhodanmystiker zu sein.«
Der Zeitfamulus lachte glucksend. Diese Heiterkeit von ihm ging mir auf
die Nerven. Auf der anderen Seite wollte ich seine skrupellose Art nicht
noch einmal erleben. Als Lars Born hatte er die Rhodans ermorden lassen
und als Tenzing Städte mit Atomwaffen zerstört. Ich sollte mich von dieser
dauerhaften freundlichen Art nicht täuschen lassen. Er setzte seinen Charme
als Waffe ein.
»Wie soll ich Sie denn überhaupt nennen?«, wollte ich wissen.
»Gustav Larsen ist mein ältestes Alter-Ego. Ich trage diesen Namen
ungefähr seit dem Jahre 1770.«
Begegnung zwischen Aurec und Kathy am Ukleisee.© Gaby Hylla
Wir stiegen aus, und eine Kompanie an quarterialen Soldaten schritt die
Brücke entlang und empfing uns. An ihrer Spitze ging ein Mann, der etwa
1,90 Meter groß war, braune Augen hatte und dunkelbraunes Haar trug. Es
war eine unauffällige Gestalt in einer weißen Uniform.
»Ah, General-Kommandeur Deighton«, grüßte Larsen.
Deighton musterte mich und die anderen.
»Der Emperador erwartet Sie bereits«, sagte er nur und schritt voran.
»Was ist ein General-Kommandeur?«, wollte ich wissen.
»Er ist stellvertretender Befehlshaber des Geheimdienstes Central
Intelligence Protective, kurz auch CIP. Der Marschall-Kommandeur ist
Allan D. Mercant. Ein Mann der ersten Stunde.«
Während sie die Brücke entlanggingen, erzählte Wigth einiges über das
Quarterium in ihrer Zeitlinie.
»Das Quarterium war im 14. Jahrhundert eine Art menschliches
Gegenimperium zur LFT. De la Siniestro übernahm schleichend die Macht
in Cartwheel, einer 500 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxis, welche
durch Galaktiker und andere bekannte Völker besiedelt worden war. De la
Siniestro diente den Söhnen des Chaos und dem Kosmotarchen MODROR.
Das Quarterium radierte systematisch Gegner des Regimes aus und führte
Kriege in anderen Galaxien. Auf Geheiß von MODROR wurde auch die
Milchstraße angegriffen, doch das Quarterium verlor schließlich gegen
Perry Rhodan.«
»Doch sein Schicksal ist unklar?«, wollte ich wissen.
Jevran zuckte mit den Schultern.
»Er war jedenfalls bis 1332 NGZ trotzdem Machthaber des Quarterium,
wenn auch geschwächt. Die Hyperimpendanz ließ den Kontakt zu
Cartwheel abbrechen, und seit dem Posizid kannten eh nur eingefleischte
Rhodanmystiker noch die Geschichte.«
»Dann wird die Zeit ihn dahingerafft haben«, meinte Eleonore.
Jevran schüttelte den Kopf.
»Unwahrscheinlich, denn de la Siniestro trug wie alle Söhne des Chaos
einen Zellaktivator
»Wer sind die Söhne des Chaos?«, fragte Eleonore.
»Oh, die Elitetruppe von MODROR«, warf der Zeitfamulus ein. »Die
Söhne des Chaos ähneln mir in gewisser Weise. Sie werden dort eingesetzt,
wo Dinge in die richtige Bahn geschoben werden müssen. Der Emperador
ist einer von ihnen und erhielt von dem Kosmotarchen MODROR einen
Zellaktivator
»Und wer ist dieser Kosmotarch?«, hakte ich nach, während wir die
Brücke entlanggingen.
»Er ist einer unserer zwei Götter. Die Dualität der Kosmotarchen
DORGON und MODROR symbolisiert Himmel und Hölle. DORGON steht
für die Harmonie und MODROR für das Chaos. Die Dualität der
Kosmotarchen ist seit 1633 Jahren die Staatsreligion im Quarterium, sogar
im gesamten Sternenreich Lemuria. Die Religionen auf Terra mussten ihre
Predigten etwas ändern, aber das Prinzip bleibt ja gleich.«
Wir blieben am Ende der Brücke vor einem Hologramm eines jungen,
milchbubig wirkenden Mannes stehen.
»Das ist die Begrüßung für Touristen und Neuankömmlinge im
Quarterium. Hört es euch an«, sagte Larsen.
Ich sah zuerst zu Wigth, dann zu Eleonore und schließlich fragend zum
Hologramm.
»Hallo, ich bin der Max. Meine Freunde nennen mich auch Maxy und ihr
dürft mich ja gerne so nennen. Es ist super duper schön, dass ihr hier seid,
und ich erkläre euch im Kurzdurchlauf die phänomenale, einmalig tolle
Geschichte des Quarteriums. Fein damit? Top! Na dann los: 1971 stand die
Welt vor einem bösen Atomkrieg. Hier war gar nichts fein, und die
Menschen drohten alle zu sterben. Da entdeckte der Don Philippe de la
Siniestro auf dem Mond ein gestrandetes Raumschiff mit Arkoniden an
Bord. Das war top. Und es entstand eine mega Freundschaft. Die bösen
Leute auf der Erde wurden besiegt, und mit der neuen coolen Technologie
rockte de la Siniestro die Erde mal so richtig ab. Und so ging die
Erfolgsgeschichte des Quarterium so richtig ab: Neue Kolonien, neue
extraterristrische Völker, neue Abenteuer, Erforschungen und Eroberungen.
Die Männer und Frauen des Quarterium sind einmalig. Alle sind 100 %
Workaholics, so great awesome Menschen, die ihr Leben der Menschheit
verschrieben haben. Und an der Spitze der Macht steht der Vater der
Nation: Der Emperador Don Philippe de la Siniestro. Er liebt euch alle, ist
gütig, sieht mega toll aus und hat auch mega viel im Kopf. Und seine Frau
ist die starke Mirona Thetin aus Andromeda. Sie hat die Schönheit eines
Gemäldes, hohe Intelligenz und ist eine Frau der Tat. Sie sind das mega
geile Powercouple der Lokalen Gruppe. Die Lokale Gruppe ist das Vereinte
Imperium der Menschheit, auch als Sternenreich Lemuria bezeichnet. Dank
dem Emperador und der Tamrätin leben die Bürger in ungeahntem
Wohlstand. Es ist die geilste, allerbeste und supertollste Geschichte im
Universum. Danke sehr, ich wünsche einen superben Aufenthalt im
Quarterium.«
Schweigend gingen wir nach diesem seltsamen Geschichtsexkurs direkt in
die Engelsburg. Der Weg führte uns durch einen langen Korridor.
Die NOVA über Der Engelsburg. © Raimund Peter
»Demnach hat de la Siniestro die Rolle von Perry Rhodan eingenommen.
Denn bekanntlich waren es Rhodan und Reginald Bull, die mit der
STARDUST das arkonidische Raumschiff AETRON entdeckt hatten.
Rhodan hatte die Dritte Macht gegründet«, flüsterte Jevran Wigth, als er
neben mir ging. Möglich, dass ihm das klar war, mir jedoch nicht. Welchen
Unterschied machte es, ob Perry Rhodan oder Siniestro die Arkoniden
entdeckt hatte? Die Menschheit war zu einem intergalaktischen Imperium
geworden und das gefiel mir. Dieser de la Siniestro schien ein Idealist und
Visionär zu sein. Jemand, der offenbar die letzten 3000 Jahre etwas
richtiggemacht hatte.
Wir erreichten einen großen Saal. Ein großer, runder Holztisch stand vor
uns. Dahinter befand sich ein Thron, auf dem ein Mann in einer golden
roten, langen Jacke saß. Der Kragen war recht hoch und ging ihm bis zur
Nase, es sah fast aus, als trug er einen Schleier. Auf der Brust erkannte er
das Symbol des Quarteriums, ein Q in Interkosmo. An den Seiten standen
Ritterrüstungen, hingen uralte Gemälde und flimmerten Holobilder und
Monitore. Neben dem Mann auf dem Thron stand ein Roboter in einer
langen roten Robe mit silbernem Kopf.
»Willkommen, alter Freund«, sagte der Mann. Er mochte vielleicht Mitte
40 Jahre alt sein.
Larsen und Deighton verneigten sich.
Dann wandte sich Larsen mir zu.
»Darf ich vorstellen? Das ist der Emperador Don Philippe Alfonso Jaime
de la Siniestro. Der Regent der Menschheit und der Vater der Nation seit
nunmehr 1971 anno Domini. Zu seiner Seite steht sein loyaler Ratgeber
Diabolo.«
Kapitel 6 – Atlans Ende
Ich war Atlan. Nur erinnerte ich mich nicht daran. Harry fütterte meine
Gedanken mit allerlei Geschichten, doch es waren zu viele, um sie alle
verarbeiten zu können. Wieso wusste ich rein gar nichts von meinem
Leben? Ich war Olaf Peterson, Reporter in West-Berlin. Aber das war nur
ein Alter-Ego von mir gewesen, habe ich erfahren. So wie Atlan da Arkon,
Adlar Arcaud oder Phil Holding.
Ich wanderte durch den Raum und trank Kaffee. Rico führte weitere
Analysen durch.
»Wenn ich nicht aus deiner Zeitlinie stamme, so habe ich zwei Fragen:
Aus welcher Zeit stamme ich, und was ist mit Atlan hier passiert?«
Rico wandte sich mir zu.
»Mein Atlan starb während des Amerikanischen Bürgerkriegs. Er wurde
Opfer des Psychovampirs Nahith Nonfarmale. Seitdem friste ich hier mein
Dasein. Seine Begleiterin Amoustrella ließ ich die Tiefseekuppel verlassen
und in Beauvallon leben.« Rico betrachtete die Holodaten und fuhr fort:
»Du bist jedenfalls älter als mein Atlan. Dein Zellaktivator ist anders
beschaffen. Er ist in deine Schulter eingepflanzt. Früher war er eiförmig
und wurde in einer Kette um den Hals getragen. Ich vermute, dass bei dem
Wechsel in meine Zeitebene ein Gedächtnisverlust eingetreten ist, der selbst
die Erinnerungen von deinem Extrasinn vernebeln.«
Meine Daten sind noch vorhanden. Ich erinnere mich inzwischen
bruchstückhaft. Aber es wird Zeit brauchen, bis die Erinnerungen wieder
komplett greifbar sind. Ich habe Erinnerungen aus dem Jahre 1971, die ganz
anders sind. Es gab in diesem Jahr keinen Atomkrieg, sondern die
Gründung der Dritten Macht durch Perry Rhodan. Du hast diese Ereignisse
verschlafen und bist erst 2040 wieder erwacht. Du und Perry wurde nach
Startschwierigkeiten Freunde …
Rhodan überlebte also in meiner Zeitlinie?
Korrekt, ich weiß ganz sicher, dass er der Kommandant der STARDUST
war. Sie entdeckten ein havariertes arkonidisches Forschungsraumschiff.
Rhodan desertierte und gründete mit Hilfe der Arkoniden die Dritte Macht.
Er führte die Menschheit dann innerhalb weniger Jahre in die Milchstraße‹,
führte der Roboter weiter aus.
»Und… und ich bin eine Art Hüter der Menschheit?«, wollte ich wissen.
»Korrekt«, antwortete Rico. »Du warst der Kommandant der
arkonidischen Kolonie Larsaf III und hattest deine Residenz auf dem
Kontinent Atlantis. Dieser wurde jedoch von den Druuf vernichtet. Wir
befinden uns in den Überresten des Kontinents. Du bekamst von der
Superintelligenz ES einen Zellaktivator und hast dich die letzten 10.000
Jahre um die Zivilisation der Menschheit gekümmert. Du hast zahlreiche
Gefährtinnen gehabt und diverse Persönlichkeiten der
Menschheitsgeschichte getroffen.«
»Frauen? Was ist mit ihnen geschehen?«
»Nun, zum einen haben sie keinen Zellaktivator und dein Leben war
gefährlich. Einige welkten dahin, andere starben einen gewaltsamen Tod.
Deine Abenteuer zollten einen hohen Preis.«
Ich hatte viele Frauen gehabt? Und offensichtlich erinnerte ich mich an
keine einzige von ihnen. Aber das war nebensächlich. Offenbar erinnerte
sich Harry oder vielmehr mein Extrasinn teilweise an mein Leben. Was
immer meine Erinnerungen genommen hatte, sie waren nicht
verschwunden, sondern nur tief in meinem Kopf begraben.
Ich setzte mich an einen der Rechner.
Ausgerechnet Harry erkläre mir die Funktionsweise. Ich konnte
Kommandos verbal oder mit Klicks auf einer Tastatur eingeben. Rico hatte
eine Art Chronik über meine Abenteuer geführt. Ich war im alten Ägypten,
dem Römischen Reich, im Dreißig Jährigen Krieg, am Hofe von König
Louis dem XIV und hatte mehrere Abenteuer bei Napoléon Bonaparte
erlebt. Das war surreal, aber irgendwie wusste ich tief in meinem Inneren,
dass es stimmte. Ich war Arkonide. Ich war Atlan, eine Art Hüter dieser
Menschheit. Dass mein Leben ein anderes war, schockierte mich. Doch dass
mein Leben plötzlich an Bedeutung gewonnen hatte, machte es interessant
und zufriedenstellend.
Ich setzte meine Prioritäten neu.
Zuerst musste ich meine Erinnerungen zurückerlangen.
Dann sollte ich in meine Zeitlinie zurückkehren und herausfinden, was
geschehen war. Nur, wie gelangte ich dorthin? Rico verfügte ja nicht einmal
über ein Raumschiff, und ich war kein Wissenschaftler, der sich mit
Zeitreisen auskannte. Die Lage war aussichtslos. Würde ich in dieser Zeit
versauern?
Ein Alarm summte auf. Es war ein dumpfer Warnton. Rico erhob sich.
»Jemand hat den Lagerraum betreten«, sagte der Roboter.
Ich betrachtete das Video der Kamera. Björn Lessing sah sich in der Halle
um und ging dann zielstrebig auf den Transmitterraum zu.
»Ich deaktiviere den Transmitter«, meldete Rico.
»Nein«, rief ich. »Nein, bitte nicht. Wenn wir an Informationen kommen,
dann nur über Björn Lessing.«
Wir laden einen Mörder in unser Versteck ein. Es gibt kein Zurück mehr,
wenn er hier unten ist.
Es gab sowieso kein Zurück mehr. Lessing trat durch den Transmitter und
materialisierte einen Augenblick später in der Gegenstation der
Tiefseekuppel. Er blickte sich um und machte zögerliche Schritte. Als er
mich sah, winkte er grinsend.
»Bom dia«, sagte er freundlich.
Das war Portugiesisch und bedeutete Guten Tag.
»Lessing«, antwortete ich knapp. »Sie haben uns gefunden. Wie geht es
weiter?«
Der vermeintliche Redakteur ließ den Blick durch den Raum schweifen
und wirkte beeindruckt.
»Das ist also die alte Station von Atlan. Hier kehrten Sie nach Ihren
Abenteuern oft zurück und stets, wenn sie den Tiefschlaf wählten. Es ist
bedauerlich, dass sie sich nicht erinnern. Oder tun Sie es doch? Sie müssen
ja irgendwie hergekommen sein.«
»Das hatte ich Rico zu verdanken. Sie kennen Ihn noch als Enrico.«
»Oh … oh ja. Clever
Lessing zog eine Pistole.
»Nun, hier sind wir nun am Grund des Atlantiks in einem sicheren
Bunker, während auf der Oberfläche der Nukleare Winter Einzug hält. Ich
werde diese Welt bald verlassen. Es stellt sich nun die Frage, was aus Ihnen
wird, Olaf.«
»Atlan«
»Sie haben die Wahrheit akzeptiert. Das ist famos. Diese Zeitlinie ist
gescheitert und wird in der Tiefe des Chaos vergehen. Kommen Sie mit mir
in eine andere Zeit. Ihre Persönlichkeit wird dort gebraucht.«
»Ihr Angebot erscheint wenig aufrichtig mit einer gezogenen Waffe.
Sagen Sie mir, Lessing. Was ist, wenn ich hierbleibe? Und was erwartet
mich, wenn ich Ihnen folge?«
Er senkte die Waffe tatsächlich und grinste wieder so überheblich, so
arrogant und so unaufrichtig.
»Wie ich sagte, diese Zeitlinie stirbt. Sie werden den Atomkrieg nicht
ausschlafen können. Es nützt nichts, sich in den Tiefschlaf zu versetzen. Sie
wird buchstäblich aufhören zu existieren und die Energie wird wieder in die
Tiefe des Chaos abfließen. Begleiten Sie mich und wir gehen in eine andere
Zeitlinie. Sie ist ausgereifter und wird einen Platz für Atlan haben. Seite an
Seite mit der regierenden Macht.«
Ich lächelte gequält und wanderte um einen runden Tisch.
»Und wie gelangen wir dorthin?«
»In meiner Zeitkapsel.«
Schweigen.
»Und wo ist diese Zeitkapsel?«
Lessing grinste.
»Sie ist ganz in der Nähe. Die Stunde der Wahrheit ist nun gekommen. Sie
sind ein Atlan aus dem Jahre 2046 Neuer Galaktiker Zeitrechnung. Das
entspricht dem Jahre 5633 anno Domini. Wir werden in diese Zeit
zurückkehren, doch es wird sich vieles verändert haben. Sie werden dem
neuen Perry Rhodan dienen und das terranische wie auch das arkonidische
Volk zu grenzenlosem Ruhm im Universum führen. Formen Sie mit mir die
Geschichte, Atlan.«
Lessing streckte die Hand aus.
»Oder sterben sie hier. Es gibt auf diesem Planeten kein Raumschiff mit
Überlichtgeschwindigkeit. Sie müssten von hier ins Nachbarsystem Alpha-
Centauri, um zur Temporalen Anomalie zu gelangen. Diese ist ein Portal
zur den anderen Zeitlinien und zur Tiefe des Chaos. Doch ohne einen
Kompass finden sie sich dort nicht zurecht. Ohne Salkrit sind Sie verloren
in den Zeiten. Also, auf eigene Faust schaffen sie es sicherlich nicht. Sie
sind auf mich angewiesen.«
Hast du eine Wahl, Beuteterraner?
Nein, Harry, ich habe keine andere Wahl. Ich ergriff die Hand von Björn
Lessing.
»Was wird aus Rico? Rico, willst du mitkommen?«
Ein Schuss ließ mich zusammenzucken. Der Roboter wurde ins Gesicht
getroffen. Blitze züngelten aus dem verschmorten Loch. Rico fiel nach
hinten auf den Rücken.
»Ich gedenke, den mechanischen Gefährten nicht mitzunehmen«, sagte
Lessing freundlich.
Ich beugte mich über Rico. Der Schuss ins Gesicht musste offenbar seine
Steuerzentrale getroffen haben oder wie man das bei einem Roboter
bezeichnete. Ich erhob mich wieder. Lessing war mein Feind, doch ich
musste mit ihm zusammenarbeiten, um zu dieser Temporalen Anomalie zu
gelangen.
»Gehen wir nun«, forderte Lessing bestimmt.
Ich nickte und wir betraten den Transmitter und landeten wieder im
Lagerhaus des Hafens. In der Halle stand ein eiförmiges Raumschiff. Das
war also die Zeitkapsel. In der Außenhülle bildete sich eine Tür und eine
Rampe fuhr auf den Boden. Wir gingen ins Innere des Schiffes. Es war hell
eingerichtet und die Kabinen ringförmig angeordnet.
»Wir verlassen nun die Erde. Sagen Sie Lebewohl. Wobei Sie selber auch
erst seit Juni 1971 in dieser Zeit und auf dieser Erde sind. Ihr Herz dürfte
also nicht daran hängen.«
Ich betrachtete einen Monitor. Er zeigte offenbar die Position der
Zeitkapsel an.
Wir verließen die Erde und steuerte in die Tiefen des Weltraums. Was
wusste ich über das Alpha-Centauri Sonnensystem? Nicht viel.
Alpha-Centauri war ein System mit zwei Sonnen und ohne Planeten. Es
lag 4,3 Lichtjahre von dem Solsystem entfernt, referierte mein Extrasinn.
Nach wenigen Minuten erreichten wir das planetenlose System. Die
Anzeige in der Zeitkapsel schien von Außenbordkameras zu stammen. Das
System war in einen mehrfarbigen Nebel gehüllt. Die Farben rot und grün
dominierten den Hintergrund. Das war vermutlich die Temporale Anomalie.
»Von hier aus kommt man also in diverse Zeitlinien?«
»Das ist korrekt, Atlan da Gonozal. Unser Weg führt uns zu einem Terra
einer anderen Zeit.«
»Meine Zeit? Mein Terra?«
Lessing schüttelte den Kopf.
»Eure Zeit existiert nicht mehr. Sie ist Anfang März 2046 NGZ erloschen.
Das Raumschiff auf dem ihr euch befunden hattet, war in diese Temporale
Anomalie gelangt und ihr in der Temporalen Anomalie verweht, um auf
Terra 1971 aufzutauchen. Freilich, ich habe bei dem Ziel etwas
nachgeholfen.«
Lessing machte eine unschuldige Geste.
»Und wieso kann ich mich daran nicht mehr erinnern?«
»Nun, es gibt gewisse Vorgänge in der Tiefe des Chaos. Es gibt Energien,
die Ihnen die Vitalenergie entziehen und das Gedächtnis durch den
sogenannten Schleier der Lethe vernebeln. Reisen Sie ungeschützt durch
die Zeitlinien enden sie als vergessliches und lethargisches Individuum in
einer Gosse.«
Du befandst dich mit Gucky auf der ATOSGO als das Zeitchaos ausbrach.
Suche Gucky, suche den Mausbiber in den Zeitwirren, mahnte mein
Extrasinn eindringlich.
Ich wanderte durch den runden Raum und erhaschte Blicke in die
angrenzenden Kabinen. Eine Nasszelle, eine Küche, ein Schlafzimmer, ein
Ankleideraum, dazu eine Art Abstellraum. Der letzte Raum sah wie eine
Rettungskapsel aus.
»Ich will die Tiefe des Chaos sehen. Erlauben Sie mir diesen Wunsch?«
Lessing sah mich neugierig an und machte eine abschätzende Geste.
»Ich sehe, Sie gewinnen Interesse. Ich zeige Ihnen die Tiefe. Sehen Sie
selbst das kosmische Wunder der Kosmotarchen.«
Lessing tippte auf das Display auf der zentralen Konsole. Vermutlich war
das Steuerungseinheit.
Die Kapsel flog in eine der Zeitschlieren und tauchte wenige Momente
später in dem interdimensionalen Raum, der Tiefe des Chaos auf. Ich
betrachtete die Messungen der Anzeigen, betrachtete das Holobild der
Außenbordkameras. Eine Doppelhelix an eng aneinander liegenden
Planeten war mit bloßem Auge zu erkennen. Die Tiefe sah aus wie eine
Fließbandfabrik für Planeten.
»Hier wird die Zukunft des Universums geschmiedet«, sprach Lessing.
»Und die Vergangenheit entsorgt?«, wollte ich wissen.
»Das richtige Wort wäre eher recycelt«, korrigierte Lessing.
Ich ließ das Bild der Tiefe des Chaos auf mich wirken und vermochte die
tatsächliche Größe nicht einzuschätzen. Aber hier entstanden ganze
Sonnensysteme, vielleicht sogar ausreichend Planeten für eine Galaxis.
An der rechten Seite der Konsole blinkte es. Lessing tippte hastig auf dem
Display und sah sich verschiedene Auswertungen an. Es herrschte für
einige Minuten Still in der Zentrale. Ich nutzte die Zeit, um mir die
Rettungskapsel genauer anzusehen. Die Steuerkonsole zeigte Interkosmo
als Schrift an und ich verstand sie, ich konnte sie lesen. Wieso konnte ich
das auf einmal.
Deine Erinnerungen kommen zurück, Beuteterraner. Somit erweitert sich
auch dein Horizont. Interkosmo ist seit Jahrtausenden die Verkehrssprache
in der Milchstraße. Unser Zeitfamulus scheint also aus eben jener zu
stammen.
Jedenfalls war ich mir sicher, ich könnte mit der Steuerung umgehen. Ich
arbeitete an einem Fluchtplan, denn diesen Knilch bis an dessen Ziel zu
begleiten, lag nicht in meiner Absicht. Harrys Plan, Gucky zu finden,
erschien mir als einzig sinnvolle Option. Ich sah auf den Kontrollen, dass
wir einen Kurwechsel vornahmen und Ziel auf die Planetenkette nahmen.
»Erweitern Sie die Sightseeing-Tour?«, fragte ich neugierig.
Lessing hob die Hand und machte nur »Hm.« Dann wandte er sich zu mir.
»Nun, vielleicht habe ich etwas geortet, was den Plan des Feindes erheblich
bremsen wird, wenn ich daran gelange.«
»Der Feind? Sie meinen also ...?«
»Oh, es gibt extrem subversive Elemente in der Tiefe des Chaos. Sie
nennen sich die Loge des Kosmos, und nun denn, sie haben den
lächerlichen Vorsatz, den heiligen Plan der Dualität der Kosmokraten zu
sabotieren.«
Er wandte sich wieder an die Konsole. »Und deshalb wurden sogenannte
Kosmogene Chroniken erschaffen. Es besteht die Chance einer
Möglichkeit, dass sie damit die geistige Errungenschaft der Reformierung
des Universums rückgängig machen«, murmelte er weiter und winkte
wieder ab. »Natürlich lächerlich, dennoch nun. Wenn ich an so eine
Kosmogene Chronik gelange, werden der Fürst und Nistant sehr zufrieden
sein.«
»Und sie orten so eine Chronik in der Tiefe des Chaos?«, bohrte ich
weiter.
»Korrekt. Normalerweise dürfte man annehmen, sie wären durch
Tarnfelder geschützt. Doch auf der Welt 791-Rückwärts werden Ergebnisse
angezeigt, die einen Alarm ausgelöst haben. Es gib tausende Sonden in der
Tiefe des Chaos. Wir fliegen gerade dorthin.«
»Wer hat diese Kosmogenen Chroniken gebaut?«
»Spinner …«
»Und die heißen?«
»In dieser Situation ist das durchaus irrelevant.«
Die Kapsel nahm Kurs auf die Welt 791-Rückwärts. Mir war sonnenklar,
dass Lessing etwas vor mir verbarg. Ich sah mich in seinem
Ankleidezimmer um und fand dort Waffen. Ich nahm einen Säbel, ging in
die Zentrale und legte ihn an die Kehle des Zeitfamulus.
»Für mich ist diese Information keineswegs unwesentlich.«
Lessing hob die Hände hoch, ein schmieriges Grinsen auf den Lippen. „Ist
das alles, was du hast?“, höhnte er, während er plötzlich nach meinem Arm
griff, um mich von sich zu drücken.
Es war instinktiv. Ich schnitt durch seinen Hals. Die Klinge hatte das
Fleisch tief aufgeschnitten.
Lessing hielt sich die Kehle, taumelte zurück. Seine Augen weiteten sich,
für einen Moment wirkte er überrascht, fast belustigt. Dann wankte er und
fiel zu Boden. Seine Finger pressten sich verzweifelt auf die klaffende
Wunde, doch das Blut sickerte unaufhaltsam hindurch.
Er röchelte, versuchte Luft zu holen, aber es kam nichts außer einem
erstickten Gurgeln. Vermutlich lief Blut in die Speiseröhre. Seine Augen
suchten die meinen, und für einen Moment schien er etwas sagen zu
wollen – doch dann grinste er.
Frag ihn nach Biomolplast, hallte die Stimme in meinem Kopf, wie ein
Echo, das von irgendwo anders kam. Aber es war zu spät.
»Wo finde ich die medizinische Versorgung an Bord?«, fragte ich panisch.
Lessing hob den Arm, seine Finger zuckten, als ob er mir etwas zeigen
wollte. Doch dann, mit einer letzten verzweifelten Kraftanstrengung,
formten sie einen Mittelfinger. Blut tropfte von seiner Hand, sein Grinsen
blieb schief auf seinem Gesicht stehen, während er die Augen schloss.
Er zuckte noch ein paar Mal, bevor er schließlich reglos liegen blieb.
Das Blut, das sich unter ihm ausbreitete, glänzte im fahlen Licht. Das
hatte ich nicht gewollt. Ich spürte den kalten Griff der Realität und die
bittere Erkenntnis, dass ich ihn getötet hatte.
Nicht zu ändern. Deine Reflexe waren gut, aber du warst zu impulsiv. Wie
geht es nun weiter?
Ich wusste es auch nicht.
Sieh dir die Kontrollen an, riet mein Extrasinn.
Ich ging an die Konsole. Die Zeitkapsel bewegte sich wieder von 791-
Rückwärts weg. Offenbar ein Autopilot, der aktiviert wurde, nachdem
Lessing gestorben war.
Das Signal der Kosmogenen Chronik auf dieser Welt ist unser einziger
Anhaltspunkt. Wir müssen dorthin.
Ich wollte auf diese Welt. Ich blickte zur Rettungskapsel. Das war meine
einzige Hoffnung. Ich griff mir an Nahrungspaketen, was ich auf die
Schnelle finden konnte, warf sie in die Kapsel und eilte hinein. Dann starrte
ich auf die Konsole.
Was ist?
Sie war in Interkosmo. Ich hatte die Sprache vergessen.
Meine Erinnerungen sind deine Erinnerungen. Ich leite dich.
Und plötzlich verstand ich die Schriftzeichen auf dem Display. Ich leitete
die Abkoppelung ein, wähle 791-Rückwärts als Ziel ein. Sie lag drei
Milliarden Kilometer von meiner Position entfernt. Vier Milliarden, fünf
Milliarden. Fünfzehn. Die Zeitkapsel beschleunigte, doch die
Rettungskapsel startete nun endlich.
Die Distanz zwischen der Kapsel und Welt verringerte sich wieder. Die
Zeitkapsel jedoch verschwand aus dem Ortungsbereich.
Ich betrachtete nun diese Welt in der Tiefe des Chaos. Gigantische
Gebirge, umgeben von dichten Wäldern und Seen prägten knapp ein Drittel
des Planeten. Die südliche Halbkugel war mit Schnee und Eis bedeckt. Es
waren jedoch keine Städte zu finden.
Die Atmosphäre war für Menschen atembar, und auch die Schwerkraft lag
im grünen Bereich. Ich konnte mich also auf der Welt fortbewegen.
Denk an die Aussagen von dem Zeitfamulus. Es gibt offenbar in der Tiefe
des Chaos Kräfte, die sich schädlich auf deinen Organismus auswirken. Sei
also vorsichtig mit Ausflügen.
Ich konnte aber auch nicht nur in der Zeitkapsel herumsitzen. Ich musste
aktiv werden. Wenn diese mir einen Schutz vor diesen Einflüssen gab,
durfte ich mich nicht zu weit von ihr entfernen.
So folgte ich den Koordinaten der Kosmogenen Chronik. Sie befand sich
offenbar in einem Gebirge. Auf einem Plateau sah ich ein torpedoförmiges
Raumschiff. Es eröffnete sofort das Feuer und traf die Rettungskapsel. Die
Kontrollen reagierten einige Momente nicht, dann hatte ich das Schiff
wieder unter Kontrolle. Ich navigierte es unterhalb des Plateau, säbelte bei
der Landung einige Bäume ab und setzt mehr oder weniger sanft auf. Ich
atmete tief durch. Nun musste ich zu Fuß zum unbekannten Raumschiff.
Mein Abenteuer in der Tiefe des Chaos begann…
Kapitel 7 – Die Kosmische Loge
Aurec sah aus dem Cockpit des Kosmogenen Seglers und betrachtete die
Doppelhelix der Proto-Welten in der Tiefe des Chaos. Er war wieder
zurück. Die Abenteuer auf Terra im 18. Jahrhundert anno Domini lagen nun
hinter ihm.
Es war an der Zeit, die CASSIOPEIA zu finden, um herauszufinden, was
von seiner Zeitlinie überhaupt noch übriggeblieben war. Der Kosmogene
Segler verfügte über eine spezielle Ortungs- und
Kommunikationsausrüstung, die dem Funkverkehr zwischen den Terra-
Stationen und den Seglern selbst diente.
Aurec sendete einen Code und wartete nun auf Antwort. Bencho
schmiegte sich an seine Beine. Er nahm den Posbihund hoch und streichelte
ihn. Nach einer halben Stunde folgte endlich die Antwort. Sie kam codiert
an und wurde von der Positronik des Seglers dechiffriert. Sie war
unpersönlich. Es war keine Begrüßung, keine freundlichen Floskeln. Es
waren nur die Koordinaten einer Proto-Welt. Es war der Planet 666-
Rückwärts.
Aurec wusste nichts über die CASSIOPEIA, außer, dass sie wohl aus
schützendem Salkrit-Material gebaut worden war und ein Anti-Anomalien-
Aggregat besaß.
Die Welt lag vor ihm. Sie war größtenteils von Sand bedeckt. Doch sofort
fiel ihm das Raumschiff auf, welches im Orbit schwebte. Das war offenbar
die CASSIOPEIA. Die Abtastung der Oberfläche zeigte den Standort der
Terra-Station und ein weiteres Wrack. Es war ein Supremo-Raumer des
Quarteriums. Die Schrift auf dem Wrack war einwandfrei zu entziffern:
IVANHOE II.
Aurec schossen Erinnerungen an die vielen Abenteuer mit Mathew
Wallace und den anderen durch den Kopf. Der Segler landete im Hangar
der CASSIOPEIA. Aurec bekam kein Empfangskomitee. Lebte überhaupt
noch ein Wesen auf diesem Schiff? Oder wurde es nur noch von
Positroniken gesteuert?
Bencho wuselte zwischen seinen Beinen hin und her und rannte dann
zielstrebig auf einen Aufzug zu. Aurec folgte dem Hund und sie gingen in
den Lift, der sie vermutlich in die oberste Etage brachte. Auf dem Display
wurde der Name der Etage angezeigt: Milton Tower – Restaurant.
Das sagte ihm nichts. Die Tür des Lifts öffnete sich und er blickte in zwei
Gesichter. Die des Mausbibers Gucky und in das Gesicht der Lilim
Constance Zaryah Beccash. Sie lächelten. Aurecs Herz schlug vor Freude
höher. Er umarmte zuerst die schöne Hexe der Entropen und dann beugte er
sich herab und nahm den Ilt in den Arm.
Der Moment war eine Mischung aus Freude und Wärme, aber auch Trauer
und Verlust. Als er losließ, kamen Mathew Wallace, Irwan Dove und Lorif
auf ihn zu.
»Wie zum Teufel habt ihr es in die Tiefe geschafft?«, wollt der Saggittone
wissen und umarmte auch die drei Freunde, von denen er dachte, sie seien
vor über 700 Jahren gestorben.
Ohne eine Antwort der IVANHOE II Besatzungsmitglieder abzuwarten,
wandte er sich an Gucky. »Ruf bitte alle zusammen. Wir müssen reden und
Erkenntnisse austauschen.«
Aurec musterte diese illustre Truppe, die sich im großen Saal des Milton-
Towers versammelt hatte. Gucky und Constance standen neben ihm. Zum
einen war Gucky als einziger Zellaktivatorträger eine Führungsperson und
zum anderen war Constance eine Trägerin der Kosmogenen Chronik, wie
Aurec selbst. Das machte die drei wohl zu den Anführern.
Der Mausbiber und die Lilim informierten Aurec über einige Personen,
die sich in drei Gruppen einteilen ließen.
Eine Gruppe bestand aus elf Galaktikern aus dem Jahre 2046 NGZ. Sie
waren keine Freunde Perry Rhodans. Ihre Anführerin war Ragana ter
Camperna. Eine Mehandor-Patriarchin. Gucky schätzte sie alles andere als
vertrauenswürdig ein. Kompetent schon mal gar nicht.
Die zweite bestand aus ehemaligen Crewmigliteder der IVANHOE II.
Mathew Wallace, Irwan Dove, Doktor Jennifer Taylor, Zyrak Wygal und
Lorif kannte Aurec bestens. Dazu kamen 143 Überlebende der Besatzung.
Auf sie war Verlass, denn sie stammten aus dem 14. Jahrhundert NGZ. Es
waren Männer und Frauen mit denen Aurec bereits gekämpft hatte.
Die dritte Fraktion bestand aus 117 Terranern und Arkoniden. Ihre
Herkunft überraschte Aurec und machte ihn nachdenklich. Sie stammten
aus einer anderen Zeitlinie, in der das Quarterium die Milchstraße
beherrschte. Ihre Kommandantin war die Arkonidin Thora. Sie war
wunderschön und ebenso intelligent – aber auch unberechenbar.
Dazu kamen noch ein Mr. Terrapedia Roboter aus der Terra-Station von
666-Rückwärts sowie die Positronik der CASSIOPEIA, ENGUYN. Das
waren weniger als 300 Lebewesen, um diese Mission zu meistern. Und sie
war denkbar schwer.
Aurec fühlte sich innerlich genötigt, vorzutreten und etwas zu sagen: »Die
Zeitlinie die wir kennen, existiert nicht mehr. Ihr habt viele Fragen und ich
versuche sie zu beantworten. Wir haben Vertreter aus zwei Zeitlinien hier.
Ich stamme wie die Crew der IVANHOE, wie Constance, Gucky und die
Mitarbeiter der CACC aus einer Zeitlinie, die erloschen ist. Die
Quarterialen stammen aus einer Zeitebene, die wir allenfalls als alternativ
bezeichnen würden.«
»Was bedeutet erloschen?«, rief Ragana ter Camperna dazwischen.
»Es bedeutet, dass sie nicht mehr existiert. Unsere Geschichte, unsere
Vergangenheit und unsere Zukunft sind nicht mehr da. Es ist so, als wurden
wir aus unserer vertrauten Umgebung gerissen, die dann einfach aufgehört
hat zu existieren, nie da war«, antwortete Aurec.
»Das ist Quatsch. Wir sollten einfach nach Rudyn zurückkehren«, schlug
Yeremiah Cloudsky vor, ein blauhäutiger Glosneke mit strubbeligen
Haaren.
»Wer steckt dahinter?«, stellte Thora eine berechtigte Frage.
Aurec nickte.
»In unserer Zeitlinie gibt es zwei Kosmotarchen: DORGON und
MODROR. Es sind Brüder, die sich lange Zeit bekämpften. DORGON
symbolisierte das Gute im Universum, MODROR die Dunkelheit. Doch im
Jahre 1308 NGZ alliierten sich die Kosmotarchen und offenbar nahm
dann alles seinen Anfang. Es wurde ein interdimensionaler Raum bei der
Galaxis Cartwheel errichtet: die Tiefe des Chaos. Das Rideryon bildete eine
Verbindung zwischen dem Moralischen Code in Form von TRIICLE-3 nahe
Cartwheel, dem Standartuniversum und der Tiefe des Chaos. Das
Kosmonukleotid TRIICLE-3 wurde auch UDJAT genannt und war über
viele Jahrhunderttausende Anlass für Kriege in seinem Wirkungsbereich.
Kosmonukleotide bilden ein Kosmogen wie TRIICLE oder DORIICLE.
Diese tragen alle Informationen aus der Regionen des Universums, wie
dessen Geschichte, quasi die DNA des Bereichs des Universums. Die
Bewohner Cartwheels wurden mit der Harmonie von DORGON gefügig
gemacht. Die Hyperimpedanz 1332 NGZ tat ihr übriges und isolierte
Cartwheel vom Rest des Universums.«
Ich blickte in die Gesichter der überwiegend menschlichen Zuhörer.
Skepsis in der Mimik der Quarterialen und Unverständnis in den Gesichtern
der CACC-Leute. Sie hatten vermutlich weniger als die Hälfte verstanden.
»Die Aktivitäten der Kosmotarchen blieben deshalb den meisten
verborgen. Der Alysker Eorthor und der Kemete Osiris jedoch wurden
skeptisch und fanden die Tiefe des Chaos. Sie stellten Nachforschungen an
und entdeckten die Proto-Welten, die Verbindung zum Moralischen Kode
durch das Kosmonukleotid TRIICLE-3 und zogen ihre Rückschlüsse
daraus: MODROR und DORGON wollen den Moralischen Code
umprogrammieren, um ihr eigenes Universum mit ganz neuen Planeten zu
schaffen alles zu ihren Bedingungen. Nein, anders gesagt. Sie wollen
unser Universum so verändern, dass es ihren Vorstellungen entspricht.«
Ich ließ meine Worte wirken.
»Und sie haben es Anfang März 2046 NGZ tatsächlich getan«, fügte ich
hinzu.
»Aber warum sind wir dann noch hier?«, wollte ter Camperna wissen.
»Der Schutz durch die CASSIOPEIA«, warf ENGUYN ein. »Doch dazu
später. Lassen wir den Träger einer Kosmogenen Chronik chronologisch die
Geschichte fortführen. Ich befürchte sonst, dass ihr die Zusammenhänge
nicht verstehen werdet. Also, fahre bitte fort, Saggittone.«
»Danke. Nun, Eorthor und Osiris gründeten einen Geheimbund. Die Loge
des Kosmos. Bis Mitte des 14. Jahrhunderts wurde analysiert, welche DNS
des Moralischen Kodes umgeschrieben werden konnte. Die Kosmotarchen
verfolgten hierbei ein bestimmtes Ziel. Eorthor erstellte Kopien von den
Bereichen des Moralischen Kodes, die verändert werden könnten und
speicherte sie mit der Geschichte der Region des Universums. in den
Kosmogenen Chroniken. So wurden acht dieser Chroniken mit dem Wissen
des Moralischen Kodes erstellt. Es handelt sich dabei um Informationen der
Kosmogene DORIFER und TRIICLE.«
Aurec ließ auch diese Informationen sacken. Die Quarterialen aus dem 21.
Jahrhundert hatten sich bestimmt keine Gedanken um den Moralischen
Kode gemacht, während die Vertreter des 21. Jahrhunderts NGZ vermutlich
nur rudimentäre Informationen dazu hatten. Einzig den
Besatzungsmitgliedern der IVANHOE II traute er mehr zu.
»Nun, Eorthor und Osiris formten also als Gegengewicht die Loge des
Kosmos. Sie bestand aus Gegnern der Harmonie von DORGON und der
Dualität der Kosmo tarchen. Eorthor baute neben den Chroniken auch
Kosmogene Segler, Raumschiffe, die in der Lage waren, sich durch die
Tiefe des Chaos zu bewegen. Er errichtete im Laufe der Zeit die Terra-
Stationen und baute die Mr. Terrapedia-Roboter. Doch im Jahre 1352 wurde
unsere Organisation durch die Hexe Adelheid verraten. Drei Jahre später
begann unsere Mission, die Kosmogenen Chroniken vor dem Zugriff durch
Nistant und den Söhnen des Chaos zu schützen. Es gab acht Träger:
Constance, SAM, Stewart Landry, Anubis, Mirus Traban, Brettany de la
Siniestro, die Hexe Niada und ich«, erklärte Aurec den Zuhörern, auf deren
Gesichtern er in unterschiedlichem Maße Erkenntnis dämmern sah. »Wir
reisten durch die Tiefe des Chaos, welche sich mit den Kosmogenen
DORIFER und TRIICLE verbunden hatte und deshalb genug
Möglichkeiten gab, schnell zu den Kosmonukleotiden zu reisen.«
Das Ganze klang unglaublich, schien aber der Wahrheit zu Entsprechen.
Zumindest der Wahrheit, die sie zu verstehen versuchten.
Nun erzählte Constance einige ihrer Abenteuer, und auch Mathew Wallace
schilderte den Weg der IVANHOE II auf dem Rideryon zur Tiefe des
Chaos. Er erwähnte dabei, dass sie von dem Somer Sam gerettet worden
sind und er vor einigen Monaten in die Tiefe des Chaos zurückgekehrt war.
Demnach war er noch am Leben, was Aurec erleichterte.
»Dennoch waren die letzten 730 Jahre für uns Träger sehr verlustreich.
Das Schicksal von vier Trägern ist ungewiss. Ich weiß, dass Mirus Traban
schon sehr früh gestorben war. Die Tiefe des Chaos raubt Vitalenergie.
Auch wenn wir den Segen des Osiris Mitte des 14. Jahrhunderts NGZ
erhalten haben und diese Form einer Zelldusche vielleicht tausend Jahre
andauert, so sind wir gegen diesen Raub nicht gefeit. Er kostet uns ebenfalls
Vitalenergie. Hinzu kommt der Schleier der Lethe. Diese bringt uns dazu,
zu vergessen, wer wir sind. Schutz gibt es in den Terra-Stationen, im
Kosmogenen Segler und offenbar auch auf der CASSIOPEIA«, ergänzte
Aurec.
»Das ist korrekt und hängt mit dem Anti-Anomalie Aggregat und dem
Salkrit zusammen«, bestätigte ENGUYN.
Aurec setzte sich an den Rand des Podiums.
»Ich weiß, dass diese Informationen für alle ein Schock sein müssen.
Doch, wieso gibt es die Kosmogenen Chroniken und ihre Träger? Wir
waren vorbereitet auf den Ausbruch des Zeitchaos. Doch eine Frage habe
ich vorher noch. ENGUYN, wie bist du entstanden?«
»Oh, der Träger Stewart Landry trug die Konstruktionspläne für die
Positronik der Cagehall und der CASSIOPEIA mit sich. Landry und Anubis
erreichten 1787 NGZ die Milchstraße. Landry versteckte seine Chronik in
der Solaren Residenz und Anubis die seine auf der Welt Mashratan. Er
gründete dann die Firma Startech und hinterlegte die Konstruktionspläne
für mich. So entstand ich dann. Doch mein Erbauer geriet ab 1857 in die
Fänge der Cairaner und musste in eine ausweglose Straße. Landry starb
1861 NGZ. Ich hielt noch bis 1862 NGZ Kontakt mit den Kosmogenen
Chroniken in der Milchstraße, ehe ich mich aus Sicherheitsgründen in
Ruhemodus schaltete. Die Startech-Firma wechselte mehrmals den Besitz,
bis Kulag Milton auf mich aufmerksam wurde und die CASSIOPEIA unter
meiner Anleitung baute. Natürlich verfolgte ich meinen eigenen Plan,
installierte eine Cagehall, beschaffte jede Menge Salkrit und ließ ein AAA
installieren. Milton wusste eigentlich gar nicht, was ich tat. Er war so davon
fasziniert, dass eine Positronik ganz allein ein Raumschiff bauen, steuern
und warten konnte, dass ihm alles andere egal war. Ein nützlicher Idiot,
wenn ich das bemerken darf.«
Aurec dachte darüber nach. Dass Stewart Landry tot war, berührte ihn.
Immerhin war der TLD-Agent über viele Jahr lang ein Weggefährte
gewesen. ENGUYN erzählte auch vom Opfer des Anubis, der Ende des 18.
Jahrhunderts in seinem Exil auf Mashratan gestorben war. Die Seele des
Kemeten sein Ka würde vermutlich den langen Rückweg zur
Superintelligenz KEMET angetreten sein. Damit wusste Aurec vom Tod
von drei Trägern. Das Schicksal von Brettany de la Siniestro, der
rebellischen Tochter des Emperador de la Siniestro und der Hexe Niada,
war ungewiss.
»Jedenfalls«, begann er wieder zögerlich. »Jedenfalls haben wir einen
Plan. Die Cagehall ist ein Zeitkorrektor. Sie stellt die Verbindung zum
Moralischen Kode her und speist die Daten einer Kosmogenen Chronik in
dessen psionisches Netz des Moralischen Kodes. Wir brauchen aber alle
acht Chroniken für dieses Unterfangen und müssen durch die Tiefe des
Chaos reisen, um die beschädigten Stellen im Moralischen Code zu finden.
Jede Chronik hat einen anderen Inhalt, denn es werden auch
unterschiedliche Regionen betroffen sein. Es ist gut, dass wir schon drei
Chroniken haben.«
Constance räusperte sich. Aurec sah sie verwundert an.
»Nun, das ist nicht ganz richtig. Wir haben deine Chronik. Jetzt. Die
Chronik von Mashratan ist durch eine Temporale Anomalie an einen
unbekannten Platz in der Tiefe des Chaos gelandet. Die Chronik der Solaren
Residenz wurde von den Takhal Gud Lootern gestohlen.«
»Wer ist das denn?«
»Die Nachkommen des Kaiserreiches Dorgon und Flüchtlinge von
Cartwheel. Sie sind sehr kriegerisch und verfolgen ihren eigenen Kodex.
Derzeit beschießen sie uns lieber, als sich mit uns zu unterhalten. Sie wollen
vermutlich auch die anderen Chroniken in ihrem Besitz haben.«
Constance seufzte und lächelte gequält.
»Offenbar gibt es auch noch die Chronik, die der Rhodanjäger Nathaniel
Creen hat. Doch er verschwand ebenfalls im Zeitchaos«, warf Gucky ein.
»Jedoch verfügt Creen mit der NOVA über ein Raumschiff und hat eine
intelligente Positronik als Hilfe. Ich denke, wir könnten ihn finden«, sagte
ENGUYN.
»Und wie gehen wir jetzt weiter vor?«, wollte Ragana ter Camperna
wissen. »Unsere Fraktion will nach Rudyn. Sehen wir dort nach dem
Rechten.«
Nun stand Thora auf.
»Wir wollen Kontakt mit dem Quarterium in unserer Zeitlinie
aufnehmen.«
»Die Damen vergessen aber noch ein wichtiges Detail«, meinte Gucky.
»Als wir ins Jahr 2046 NGZ zurückkehrten, wurde die Milchstraße vom
Quarterium regiert.«
Die Zwischenrufe mehrten sich und Aurec dachte über die Situation nach.
Wie sollte er mit dieser Besatzung ernsthaft ein kosmisches Projekt
durchführen können? Und wer würde ihm überhaupt folgen?
»Das Zeitchaos neigt sich dem Ende«, erklärte ENGUYN. »Was immer
wir im Jahre 2046 NGZ vorfinden werden, ist die neue und damit normale
Zeitlinie. Es gilt also zunächst die festzustellen, was alles verändert wurde.«
Aurec stand wieder auf.
»Ich verstehe, dass jeder von euch seine eigene Motivation und Ziele hat.
Doch wir müssen an einem Strang ziehen, wenn wir das Zeitchaos
korrigieren wollen. Wir werden noch viel besprechen müssen. Doch zuerst
verlassen wir die Tiefe des Chaos und sehen, was uns 2046 NGZ erwartet.
Dann werden wir die Änderungen erfassen, die Chroniken suchen, die
geänderten Kosmogene finden und das Zeitchaos rückgängig. Es geht hier
um unsere Zeit, nicht um Einzelinteressen, so begründet sie auch sein
mögen.«
Seine Ansprache bekam keinen Applaus. Selbst die Crew der IVANHOE
II wirkte desillusioniert.
Gucky erklärte, dass Perry Rhodan vermutlich in der Zeit verweht wurde.
Atlan wäre noch auf der CASSIOPEIA gewesen, doch auch er sei im
Zeitchaos verschwunden. Bull war auf der SOLAREN RESIDENZ
gestorben.
Auf Aurec prasselten viele zu viele Informationen auf einmal ein, die er
verarbeiten musste. Das konnte doch alles nicht wahr sein ….
Als nächstes berichtete er von seinen Abenteuern im 18. Jahrhundert auf
der Erde und dass er Don Philippe de la Siniestro dort getroffen hatte, dass
Fürst Medvecâ und ein Zeitfamulus dort ihre Manipulationen durchführten
und dass Kathy eine dubiose Rolle als Vasall von Medvecâ einnahm. Nichts
davon machte es besser, nur aussichtsloser.
»Also gut, wir müssen es trotzdem versuchen«, erklärte er mit einem
Kopfschütteln, das mehr trotzig als überzeugt war. »Ich denke, das würde
Perry Rhodan von uns erwarten. Wir müssen herausfinden, was noch von
den Strukturen in der Milchstraße übrig ist. Gibt es noch die LFT?«
»Nö, die hieß 2046 Liga Freier Galaktiker, also LFG«, warf Gucky ein.
»Nun, wie dem auch sei. Finden wir heraus, ob es die LFG noch gibt.
Mathew, seid ihr bereit, die IVANHOE II zu verlassen und Stammcrew der
CASSIOPEIA zu werden?«
»Darauf kannst du einen lassen«, erwiderte Wallace salopp.
»Dann packt bitte eure sieben Sachen. Mr. Terrapedia, die Station wird
nun erst einmal leer stehen. Schaffe alle Vorräte an Bord der CASSIOPEIA.
Du begleitest uns ebenfalls.«
Kapitel 7 – De la Siniestro
Gustav Larsen breitete die Arme aus.
»Dieser Raum steht Euch während Eurer Besuche in Eutin stets zur Ver-
fügung. Der gelbe Salon wird fortan nur von eurer Hoheit bewohnt
werden.«
Der Anblick des Salons war seiner Hoheit, dem edelsten Marquese Don
Philippe Alfonso Jaime de la Siniestro und mir, seinem demütigen,
unwürdigen Diener Fernando, bereits bekannt. Nun würde es das
Studienzimmer für gutes Benehmen, Diplomatie und Staatskunst werden.
Mit dem designierten Herzog von Oldenburg, dem Rektor Vund anderen
Gelehrten würde de la Siniestro seine Ausbildung zum Regenten schon
abschließen.
»Demnach haben wir für die nächsten Jahre zwei Wohnsitze. Das erachten
wir als durchaus angemessen. Dennoch haben wir eine Forderung. Weist
Fernando ein eigenes Gemach zu. Er soll nicht wie ein Hund im Vorzimmer
ruhen.«
Der Marquese war so unglaublich großzügig. Ich verneigte mich vor ihm.
Und so begann ich die Fortschritte seines Handelns in ein Tagebuch
einzutragen.
Wir besuchten das beschauliche Eutin stets von Mai bis Ende August,
denn der Marquese hasste die Winter und die Kälte. Er hasste Regen und
Schnee. Doch die Lehren des Johann Heinrich Vtrugen gehaltvoll dazu
bei, dass der Marquese besonnener agierte.
Die Jahre verstrichen.
1795 heiratete de la Siniestro die schöne Isabella. Sie brachte Wärme ins
Schloss Siniestro.
1799 kam der General Napoleon Bonaparte in Frankreich an die Macht.
De la Siniestro und Larsen sympathisieren durchaus mit dem Korsen.
Larsen sah in Napoleon jedoch keinen würdigen Weltherrscher, eher einen
genialen Strategen und General.
Der Marquese suchte Gustav Larsen auf.
»Wir haben in den letzten sieben Jahren eifrig gelernt. Doch wir fragen
uns, wofür wir das getan haben?«
»Ihr seht den Langzeitplan nicht, Hoheit«, sagte Larsen tröstend.
»Und Ihr vergesst, dass wir kein Gott sind. Wir altern. Wir werden in 20
oder 30 Jahren tot sein.«
Larsen winkte ab.
»Nicht doch, Hoheit. Ihr seid nun 39 Jahre alt. Es ist ein würdiges Alter
für ein Geschenk.«
Eine Weile später kehrte Larsen mit einer Schatulle zurück. Der Marquese
war neugierig und Larsen öffnete sie schließlich. Darin lag ein
quadratisches, geschliffenes Stück Metall. De la Siniestro sah Larsen
erwartungsvoll an.
»Ein Stück Metall? Das ist euer Geschenk?«
»Das ist nicht ganz korrekt. Es ist ein Chip. Er erneuert eure Vitalenergie
und konserviert den Körper auf dessen biologisches Alter. Mit diesem Chip
erneuern sich die Zellen Eures Körpers immer wieder. Sie können nicht
mehr vergiftet werden. Essen Sie doch ihren Fasan mit einem
Brathähnchen es wird Sie nicht mehr kümmern. Der Nachteil ist jedoch,
dass auch die Rauschwirkung des Alkohols reduziert ist sodass Sie mehr
trinken müssen. Aber dafür wirkt sich das nicht negativ auf die Leber aus.«
Larsen kramte aus seiner braunen Ledertasche ein Art Pistole hervor. Sie
sah jedoch nicht wie eine bekannte Schwarzpulver-Pistole aus, irgendwie
anders. Er hob den Chip hoch und steckte ihn in den Lauf.
»Der Zellaktivatorchip wird in die Brust implantiert. Ich darf einmal?«
Larsen trat an de la Siniestro heran, drückte die Pistole an dessen linke
Brust und zog den Abzug so schnell durch, dass der verwirrte Marquese
nicht mehr reagieren konnte. Der gab einen kurzen Laut von sich und setzte
stöhnend sich auf einen der Stühle mit dem gelben Bezug.
»Welch Teufelei ist das? Ihr habt uns erschossen. Fernando, welch Luzifer
bist du, dass du uns nicht geholfen hast?«
De la Siniestro fasste sich an die Brust und atmete schwer. Larsen
schüttelte amüsiert den Kopf.
»Nein, ich habe den Chip implantiert. Dieses Gerät, welches Sie als
Pistole verwechseln, ist ein Injektor. Mit einem Injektor injizieren wir
wenige Geräte im Körper. Die kleine Wunde wird verheilen. Dennoch, der
Zellaktivator bewahrt Sie nicht vor einer Schusswunde oder Stichwunde,
nicht vor einer Explosion. Gewaltsame Angriffe kann er nicht
kompensieren. Doch von nun an, de la Siniestro, bleiben sie 39 Jahre alt.
Sie sind jetzt relativ unsterblich.«
Larsen beendete seine Ansprache mit einem grunzenden Lachen.
Siniestro und der Zeitfamulus im Schloss Eutin. © Roland Wulf
Und wieder vergingen die Jahre. Tatsächlich schien seine Hoheit um keinen
Tag mehr zu altern. Im Jahre 1802 verließ Johann Heinrich Vdie Stadt
Eutin und zog nach Jena. Damit ging der wichtigste Lehrmeister de la
Siniestros fort und die Suche nach einem passenden Nachfolger dauerte
seine Zeit. Der designierte Herzog Peter Friedrich Ludwig war mit der
Erhaltung seines Herzogtums beschäftigt, denn die Kampagnen Napoleons
verschonten auch das Heilige Römische Reich nicht, welches mit der
Abdankung von Kaiser Franz dem II. ein Ende fand. Die Sorge im
Herzogtum Oldenburg wurde größer, und französische Truppen eroberten
1807 schließlich Lübeck.
1808 verblieb seine Hoheit in Spanien. Der Krieg Frankreichs gegen
Europa machte nun auch vor Spanien nicht halt. Es wurde von Frankreich
okkupiert, und de la Siniestro unterstützte die französischen Besatzer wie
auch die Widerständler. So hielt die Hoheit Kontakte zu Arthur Wellesley,
der für das Vereinigte Königreich in Portugal operierte. In dieser Zeit zeigte
die Hoheit de la Siniestro Geschick und Raffinesse, die beiden Parteien
gegeneinander auszuspielen.
Anfang 1811 kehrte de la Siniestro trotz der Kälte nach Eutin zurück und
riet dem Herzog, die Stadt zu verlassen. Napoleon verleibte das Herzogtum
in das Grand Empire ein. Peter Friedrich Ludwig verließ zusammen mit
seinem Erstgeborenen Paul die Stadt Eutin in Richtung St. Petersburg. Dort
verbrachte der Herzog einige Jahre und musste den Tod seines jüngsten
Sohnes 1812 verkraften. An seiner statt leitete Hans Albrecht von Maltzan
die Regierungsgeschäfte in Eutin. 1813 wurde Eutin dann im Spätsommer
besetzt. De la Siniestro verweilte zu dieser Zeit in Eutin, da sich die
Kämpfe in Spanien zuspitzten. Er riet dem lokalen französischen
Kommandeur insgeheim, eine horrende Anzahl an Nahrungsmitteln
einzufordern und von Maltzen einfach zu verhaften, sollte die Forderung
nicht erfüllt werden.
Im Dezember desselben Jahres zogen die Franzosen und Dänen ab und
überließen das Feld den heranrückenden Russen und Schweden. Auch
Spanien wurde befreit und es kam, dass sich der Herzog von Oldenburg und
der Marquese de la Siniestro nicht wiedersahen, dann seine Hoheit kehrte
nach Siniestro zurück, während Peter Friedrich Ludwig in seine Lande
zurückkehrte.
De la Siniestro hielt sich während des Falls von Napoleon und dessen
finale Niederlage im belgischen Waterloo zurück. Er baute Kontakte zu
allen Königshäusern auf und war ein gern gesehener Gast an den Höfen von
Sankt Petersburg, Wien, Berlin, Madrid und London. Ihn störte auch das
Ableben seiner Ehefrau Isabella 1818 nicht. So sagte er zu Fernando: »Das
Weib ähnelte doch langsam unserer Mutter, denn einer rassigen Spanierin.
Ihre Zeit war gekommen und wir müssen in anderen Dimensionen denken.«
Und de la Siniestro machte sich nun älter als er es war. Denn so war sein
Gesicht das eines 39-jährigen, obwohl er im Jahre 1821 die 60 Jahre
überschritten hatte. Und auch der Haushofmeister des Eutiner Schlosses,
Gustav Larsen, war seit 1776 um keinen Tag gealtert. Trug er auch diesen
magischen Aktivator in seiner Brust?
De la Siniestro befasste sich die folgenden Jahre mit Astronomie und
konsultierte in Königsberg Friedrich Bessel, Johann Encke in Gotha, Piazzi
Giuseppe in Italien und Franz von Zach in Österreich. Fernando war nicht
klar, wieso er sich mit den Sternen beschäftigte. Er spürte aber, dass seine
Zeit gekommen war. Immerhin war er im Jahre 1824 schon 75 Jahre alt.
Zeit seines Lebens war er der Betreuer und Diener de la Siniestros gewesen.
Der Körper war müde, während der Geist noch wach war.
Sie reisten im Juni 1824 erneut nach Eutin. Der Weg war beschwerlicher,
was vielleicht einfach an ihm selber lag. Die Kutsche musste öfters für
Pausen halten – und so dauerte alles länger.
Auch der Herzog Peter Friedrich Ludwig war alt geworden. Das Haar war
schlicht und die Dynamik war verloren gegangen. Sein Vetter Peter
Friedrich Wilhelm war im vergangenen Jahr in Plön verstorben, so dass
Peter Friedrich Ludwig nun auch offiziell den Titel Herzog trug.
»Wir sehen die Jugend des Marquese de la Siniestro. Es ist dieselbe
Jugend, die das Antlitz unseres Haushofmeisters umspielt. So ist es
tröstlich, dass der Diener des Marquese wenigstens mit uns zusammen in
Würde altert«, sagte der Herzog zu unserer Begrüßung.
Nach etwas politischem Meinungsaustausch gingen Fernando und sein
Herr in den Gelben Salon. Der Marquese war so freundlich und gab seinem
Diener ein Glas Champagner.
»Danke, oh, Herr. Danke sehr«, sagte Fernando demütig und trank das
Glas.
»Fernando, du warst mir von Geburt an ein treuer Diener und Begleiter.
Doch wir beide wissen, dass deine weltliche Zeit sich dem Ende nähert.«
Gustav Larsen betrat den Gelben Salon.
»Wir empfinden dein Dahinscheiden jedoch als Affront gegen uns. Es soll
an uns liegen, wann du stirbst, Diener!«
»Aber Herr, einzig Gott entscheidet über Leben und Tod.«
»Nun, Ihr wisst, dass euer Herr mit der relativen Unsterblich gesegnet
ist«, sprach Larsen nun und setzte sich ebenfalls auf das Sofa. »Allerdings
steht euch ein Zellaktivator nicht zu und schon gar nicht in diesem
gebrechlichen Zustand. Es gibt aber eine Möglichkeit. Seid zuversichtlich,
lieber Fernando. Im Übrigen, in dem Glas ist ein schnell wirkendes Arsen,
damit wir zur Tat schreiten können.«
Fernando wurde schwächer. Er verstand Larsen und seinen Herren nicht.
Was meinten sie nur? Er wurde müde, schloss die Augen und dämmerte
dahin.
Fernando öffnete die Augen. Ihm fiel sofort auf, dass er keine Augenlider
mehr besaß. Die Augen gingen einfach »an«.
Wo war er? Der Raum war mit ei nem fahlen Licht aus den Wänden
beleuchtet.
Er sah Leitungen, blinkende Lichter, Knöpfe. Er verstand nicht, was er da
genau sah.
Bootprogramm gestartet. Systeminstallation, sagte jemand in seinem
Kopf. Wer war das?
Dann wurde er wieder müde und schloss die Augen. Als sie erneut
angingen, war der Raum heller.
»Willkommen, Diabolo. Deine Herstellung ist nun komplett. Du bist
wahres Leben.«
Wer? Was war ich?, fragte sich Fernando.
Er sah sich um und befand sich offenbar in einer transparenten Röhre.
Diese öffnete sich und er verließ sie. Seine Beine waren silbern, wie auch
die Arme und Hände. Er sah einen Spiegel an der Wand und blieb abrupt
stehen. Wollte er das sehen? Doch er musste.
So schritt Fernando vor den Spiegel und sah einen silbernen Metallmann.
Er trug keine Haare, seine Augen waren rot und die Haut glatt.
Was bin ich?, fragte sich Fernando.
»Du bist ein Positronisch-Biologischer Roboter«, antwortete die innere
Stimme.
Eine Tür öffnete sich. Gustav Larsen und Don Philippe de la Siniestro
traten ein.
»Ah, da ist er ja. Verzeih dein schnelles Ableben damals in Eutin. Doch es
war nötig für die Umwandlung.«
»Die … Umwandlung? Was habt Ihr aus mir gemacht?«
»Bleib ruhig, Fernando! Wir brauchen dich weiter als Berater. Deshalb
haben wir den Vorschlag von Herrn Larsen angenommen, eine
außerirdische Technologie einzusetzen. Ja, du hast richtig gehört, eine
außerirdische Technologie. Larsen, erläutern sie das im Detail.«
»In der Milchstraße und darüber hinaus gibt es viele Zivilisationen,
welche die Menschheit erst noch entdecken werden, sobald sie in 120
Jahren den Weltraum erkunden. Doch ich kenne diese Zivilisationen schon
und habe eine Übereinkunft mit dem Volk der Posbis getroffen. Die Posbis
haben zwar noch ihre Probleme mit den Laurins, doch nach gutem Zureden
verwerteten sie deinen Körper, Fernando. Du bist nun ein Posbi, ein
Roboter mit biologischer Komponente. Die biologische Komponente ist
dein Gehirn. Der Rest ist ein Roboter«, erklärte der Zeitfamulus vergnügt.
»Fernando ist tot. Dein neuer Name ist Diabolo«, ergänzte de la Siniestro.
»Larsen schlug diese Bezeichnung vor
»Dein Gehirn steuert nicht nur diesen Roboter, er hat auch Zugriff auf eine
große Datenbank mit modernster Wissenschaft, Analysetools und der
Weltgeschichte. Du wirst ein würdiger Berater für den zukünftigen
Regenten der Menschheit sein«, prognostizierte Larsen.
Diabolo! Das war nun sein Name. Er war nun wie de la Siniestro relativ
unsterblich, wenn er regelmäßig gewartet wurde. Er brauchte keine
Nahrung mehr, musste sie weder einnehmen noch ausscheiden. Doch er
würde auch keine Empfindungen wie Liebe oder Hass mehr fühlen. Alles
hatte seine Vor- und Nachteile.
Wir schrieben das Jahr 1841. Es hatte also einige Jahre gedauert, bis
Fernando zu Diabolo geworden war. Im Jahre 1841 hatte sich auch die Welt
verändert. Herzog Peter Friedrich Ludwig war bereits 1829 gestorben. Ihm
war sein Sohn Paul als Großherzog von Oldenburg auf den Thron gefolgt.
Es keimte mehr und mehr Liberalismus und Nationalismus in den Ländern
auf. Die Deutschen träumten von einem Deutschen Reich und keinen
Flickenteppich aus Fürstentümern. Die Idee des Staats wurde größer. Die
Ländereien wurden industrieller, doch die Reichen blieben reich und die
Armen blieben arm. Sie fingen nun an in Fabriken zu schuften, statt auf
Feldern.
Auch die ehemals britischen Kolonien in Amerika hatten sich emanzipiert
und führten nun selber Kriege um die Vorherrschaft auf dem großen
Kontinent.
Die Menschen bauten die ersten Eisenbahnstrecken und wurden dadurch
deutlich mobiler.
Eisenbahn und Telegrafen ermöglichten schnellere Reisen und
Kommunikationen über elektrische Leitungen.
Friedrich Bessel hatte durch die Messung der Sternparallaxe die
Entfernung zum Stern 61 Cygini gemessen.
Heute war der 80. Geburtstag von Don Philippe de la Siniestro.
Freilich waren all seine Bekannten bereits verblichen. Nur Gustav Larsen
und Diabolo waren noch übrig. Die drei saßen im Speisesaal des Schlosses
in Siniestro und Gustav Larsen erhob sein Glas auf den Marquese de la
Siniestro.
Fernando wird Lucifer. © Roland Wulf
»Seit 1793 erweist Ihr Euch als gefolgsamer Schüler. Ihr habt Euren
Intellekt erweitert und Eure Staatskunst und Diplomatie verbessert. Ihr habt
Euch als würdig erwiesen, Ereignisse zu verstehen, die andere Menschen zu
sabbernden Narren gemacht hätte. Ihr akzeptiert die Wissenschaft, den
Fortschritt und erkennt, dass die Menschheit eben diesen braucht, um zu
dem zu werden, wofür wir sie erkoren haben. Und ich will Euch nun
verraten, wann es soweit sein wird.« Er machte eine kurze Pause, um das
Unglaublich, das nun folgen würde, besser wirken lassen zu können.
»Im Jahre 1971 werdet Ihr die Macht auf der Erde übernehmen. Es ist das
Jahr, an dem die Menschen zum Mond fliegen und ein Raumschiff der
Arkoniden entdecken werden. Doch es wird nicht der Risikopilot Perry
Rhodan sein, der die Menschheit vereint. Nein, Ihr werdet es sein. Ihr
werdet die Arkoniden entdecken und mit ihrer Technologie die
Machtverhältnisse auf der Erde zu Euren Gunsten ändern.«
»Ich frage mich, wieso wir das nicht schon jetzt tun?«, wollte de la
Siniestro wissen. Er konnte es kaum mehr abwarten, dass es endlich
begann.
»Nun, warum nicht gleich die Erde mit einer fremden Alientechnologie
überschwemmen? Warum sagen wir ihnen nicht, Gott gibt es nicht und es
gibt tausende Spezies auf anderen Planeten? Dass man zwischen den
Sternen reisen kann, wo der Mensch noch nicht einmal fliegen kann.«
»Nein«, sagte de la Siniestro und trank sein Glas Wein leer. Ein Diener
füllte das Glas nach. »Nein, das wäre selbstverständlich fatal für die
Menschheit.«
»Richtig, die Menschen müssen erst einmal bestimmte Fortschritte
machen«, sagte Larsen. »Elektrischer Strom, Autos, Radio, Computer,
Fernsehen, Flugzeuge, Toilettenspülung. Sie braucht Zeit, um zu
akzeptieren, dass es so viel mehr bereits hier bei ihnen auf der Erde zu
entdecken gibt. Und dann auch noch galaktische Zivilisationen, welche der
Menschheit um Jahrtausende voraus ist. Sie müssen geistig und technisch
reif für einen Erstkontakt sein.«
»Dennoch, können wir uns vorbereiten?«, warf Diabolo ein.
Larsen griff auf einen der langen Teller und nahm sich einen
Hähnchenschenkel.
»Ja, das wäre mein nächstes Anliegen. Wir haben viel Geld in den letzten
50 Jahren gesammelt. Nutzen wir es nun, um eine Organisation zu gründen,
die im Verborgenen agiert. Ich spreche von einer geheimen Basis mit
moderner Technologie, dem Einsatz von Robotern und modernen
Computern. Diese Technik steht nur Ihnen beiden zur Verfügung. Abseits
dessen gründen Sie offizielle Firmen, welche sich um die Wissenschaft und
Finanzen kümmern. Versammeln Sie über die Jahrzehnte kluge Köpfe dort
und sorgen Sie dafür, dass die Firmen liquide sind. Denn im Jahre 1971,
also in 130 Jahren, werden Sie ein mächtiger Berater des Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika sein und ihn bei der Mondlandung
unterstützen.«
De la Siniestro stand auf.
»Woher kennen Sie dieses Datum? Sie sind ein Zeitreisender?«
»Zeitfamulus, Euer Hoheit! Meine Herren und Meister verändern bereits
jetzt die Zeitlinie. Und was ich Ihnen eröffne, müssen Sie gut verdauen. Ich
kenne Sie aus der anderen Zeitlinie.«
»Tatsächlich? Woher?«
»Aus dem Jahre 1297 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Sie waren ein
Relikt aus der prärhodanistischen Zeit. Ja, auch in meiner Zeit waren Sie im
Jahre 1761 geboren und lebten so vor sich hin als brutaler und grimmiger
Marquese. Es gab keinen Geheimbund, der Sie förderte, Sie waren nie in
Eutin gewesen. Sie lebten als verbitterter alter Mann im Jahre 1841, als eine
außerirdische Zivilisation Sie zu Forschungszwecken entführte und niemals
mehr zurückbrachte. Sie wurden untersucht und in ein Stasisfeld gelegt, um
nicht zu altern. Sie wurden 1295 NGZ von Galaktikern während einer
Auseinandersetzung mit einem anderen Volk entdeckt, den Casaro. Es war
erstaunlich, denn Sie arrangierten sich hervorragend mit der neuen Zeit,
wurden Politiker, verbündeten sich mit den Chaosmächten und stiegen
innerhalb von weniger als zehn Jahren zum Herrscher eines neuen
Imperiums auf.«
De la Siniestro wirkte beeindruckend und betroffen zugleich. Er setzte
sich wieder in und schien über alles nachzudenken.
»Wenn ich ein Herrscher war, wieso muss die Zeit geändert werden?«
Larsen stand nun auch auf. Mit seinem Weinglas wanderte er im Saal
umher.
»Ihr Quarterium führte Krieg gegen Terra. Die Geschicke der Menschheit
drehten sich seit dem Jahre 1971 um einen einzigen Mann: Perry Rhodan.
Er und seine Klicke machten sich Terra mit Hilfe der arkonidischen
Technologie Untertan. Ihre Stunde kam erst dreitausend Jahre später. Doch
Rhodan lebte da immer noch und war mit Ihrer Politik nicht einverstanden.
In seiner über dreitausend Jahre andauernden Herrschaft hat er durchaus die
Menschheit zu höheren Aufgaben geführt die jedoch im krassen
Gegensatz zu den Zielen meiner Herren und Meister stehen.«
»Wieso töten Sie Rhodan nicht einfach? Es reicht doch dazu, am Tag
seiner Geburt ins Krankenhaus zu reisen?«, warf Diabolo ein.
Larsen wedelte mit dem Zeigefinger.
»Dann geht die Menschheit aber unter. Wir haben durchaus dieses
Szenario in Betracht gezogen und auch durchgespielt. Die Menschheit wird
sich im 20. und 21. Jahrhundert am Scheideweg befinden. Rhodan gelang
es, die Menschen zu vereinen und zu Raumfahrern zu machen. Ohne einen
Anführer mit ebenso einer Vision wird sich die Menschheit in einem 3.
Weltkrieg selber auslöschen.«
Der Diener füllte die Weingläser erneut auf.
»Und dieser Anführer sind wir«, stellte de la Siniestro fest.
»In meiner Zeit wurdet Ihr aufgrund Eures Alters und Eurer Weisheit als
Vater der Nation bezeichnet. Nehmt diese Rolle für die Menschheit in
einhundertdreißig an und schmiedet ein Imperium genau hier
Larsen stellte sich vor de la Siniestro: »Nehmt Perry Rhodans Platz ein!«
Der Marquese de la Siniestro akzeptierte natürlich den Plan von Gustav
Larsen. Von 1841 bis 1849 wurde unterhalb des Schlosses von Siniestro von
acht Robotern eine geheime Station errichtet. Woher die Roboter stammten,
war weder Diabolo noch de la Siniestro klar. Die Maschinen vermochten es
auch nicht mitzuteilen. Sie waren Diener des Zeitfamulus und des Don.
Weitere Informationen preiszugeben, entsprach nicht ihrer
Programmierung. Diabolo gründete nun mehrere Unternehmen, um auch in
der Öffentlichkeit operieren zu können: Die Maritime Handelsgesellschaft
Siniestro, das Verlagshaus Siniestro und das Maschinenwerk Siniestro.
Die Menschen entwickelten sich langsam weiter. Die Fotografie kam
hinzu, Ende des 19. Jahrhunderts wurden Strom und fließendes Wasser in
vielen Haushalten zum Standard. Das Auto wurde erfunden, die ersten
Flugversuche fanden Anfang des 20. Jahrhunderts statt. Die Macht der
Unternehmen de la Siniestros wuchs und seine Hoheit spielte bei
öffentlichen Anlässen sowohl seine Nachfahren als auch seine Vorfahren.
Sie gingen dezent vor. De la Siniestro war in den Königshäusern und
Parlamenten, in der High Society ein Begriff, wenngleich man ihn selten zu
Gesicht bekam. Marionetten leiteten die Unternehmen und repräsentierten
sie nach außen.
Obwohl die Menschheit technologisch weiterkam, blieb sie bei ihren
andauenden Kriegen und der sozialen Ungleichheit. Die Wirtschaft löste
den Glauben an Gott als neue Religion ab. Dabei ging es den Armen
weiterhin schlecht. Die neuen Reichen waren Industrielle.
Und Kriege wurden weiter gefochten. 1861 bis 1865 der Amerikanische
Bürgerkrieg. 1866 bis 1871 diverse kleinere Kriege in Preußen, die zur
Gründung des 2. Reiches der Deutschen führte. Überall auf der Welt gab es
kleinere Kriege.
Sie alle wurden vom großen Krieg 1914 bis 1918 übertroffen. Millionen
Menschen starben auf einmal, und der geschlossene Frieden ebnete den
Weg für den 2. Weltkrieg von 1939 bis 1945. Doch die Menschheit ging
noch nicht unter.
Emperador de la Siniestro mit Lucifer. © Roland Wulf
De la Siniestro konzentrierte sich nun auf die Raketenwissenschaft und
überzeugte den US-Präsidenten, das Wissen des Deutschen Reiches zu
nutzen. Auf sein Anraten hin wurde die US-Space-Force als
Unterorganisation der NASA gegründet, welche ihre Gelder zu einem
Großteil aus der Privatwirtschaft bekam. So stellte de la Siniestro sicher,
dass er die Kontrolle über das Mondprojekt hatte.
Diabolo war damit beschäftigt, die Technologien weiterzuentwickeln,
damit sie 1971 zum Einsatz kamen. Der Schutzschirm eines Beibootes des
havarierten arkonidischen Raumschiffes würde nicht reichen. Dank der
Pläne von Gustav Larsen wurden bis Ende der 1960er Jahre mehr als ein
Dutzend Fusionsmeiler, hunderte Thermostrahler, Kampfroboter und
Reparaturroboter, Impulsstrahler und Raketen hergestellt. Die Wüste von
Sierra Nevada in Spanien diente für die unterirdischen Anlagen. Ab 1960
begann die Anwerbung und Ausbildung von Menschen als Crew und
Soldaten.
Die US-Präsidenten wechselten. Truman, Eisenhower, Kennedy, Johnson
und zuletzt Nixon. De la Siniestro hatte den Titel Marquese inzwischen
abgelegt. Er nannte sich nur noch Don und trat als lässiger, schwer reicher
Playboy auf, inspiriert durch Filme der 60er Jahre. Dank der Hinweise
Larsens stellte Diabolo eine loyale Stammgefolgschaft zusammen. Die
Leitung und Ausbildung dieser begabten Menschen, die im Zuge von
Atomtests und Atombombenabwürfe verschiedenste Mutationen
ausgebildet hatte, oblag Clifford Monterny.Er war für die Drecksarbeit
zuständig. Sein Mutanenkorps war nichts anderes als eine Ansammlung von
Killern. Das Mutantenkorps wurde mit einem heiklen Auftrag betraut. Perry
Rhodan und Reginald Bull sollten niemals der US-Space-Force zugehörig
sein. De la Siniestro erwirkte den Einsatz der beiden Piloten im
Vietnamkrieg und trug Sorge, dass beide Maschinen 1966 abstürzten. Ob
sie nun in vietnamesische Gefangenschaft gerieten oder gestorben waren,
wurde nie ganz aufgeklärt. Beide standen jedoch der Raumfahrt nicht mehr
zur Verfügung und der Weg war frei für de la Siniestros eigene Crew. Das
Schiff hieß STARDUST.
Und de la Siniestro inszenierte sich selber als Raumfahrer. Natürlich war
die echte STARDUST bequemer mit Prallfeldern, Antigrav und Künstlicher
Schwerkraft ausgestattet, als es die offiziellen Datenblätter vorgaben.
Allerdings hatte de la Siniestro das Training für den unbequemen
Weltraumflug selber absolvieren müssen. So hatte er oft angemerkt, wie
primitiv die Menschen doch waren.
Am 19. Juni 1971 startete die STARDUST. Diabolo kontrollierte die
Ereignisse von der Erde aus. Parallel startete die IBERIA NOVA, ein Schiff
des Don der Erde. Die IBERIA NOVA trug Material und Roboter bei sich.
Am 22. Juni kehrte die STARDUST zurück und wurde von drei
arkonidischen Beibooten begleitet. De la Siniestro ließ die STARDUST in
der Wüste Gobi landen und verkündete die Gründung einer Dritten Macht.
Er präsentierte die Arkoniden Crest und Thora als intelligente und
friedliche Vertreter ihrer Spezies, zeigte deren technischen Möglichkeiten
und erklärte, dass diese Technik und das dazugehörige Wissen nun der
Menschheit insgesamt gehöre und nicht allein den USA oder der
Sowjetunion.
Gustav Larsen war sehr zufrieden. Er beobachtete zusammen mit Diabolo
die Entwicklung von Siniestro.
»Die Idee mit der Wüste Gobi stammt übrigens von mir. Nun ja,
eigentlich von Perry Rhodan. Aber der ist ja aus dem Spiel«, sagte der
Zeitfamulus.
In den folgenden Tagen und Wochen starteten die NATO und die
Sowjetunion Angriffe auf die vier Raumschiffe in der mongolischen Wüste.
Selbst Atomraketen wurden von den Energieschirmen neutralisiert.
Larsen befahl nun den finalen Schlag. Diabolo gab den Befehl, die
Kampfroboter und Soldaten nach New York, Moskau, Peking und London
zu schicken, um zentrale Plätze und Parlamente zu besetzen. De la Siniestro
gab Interviews und hielt im Fernsehen Ansprachen, während der Welt ihre
Machtlosigkeit vor Augen geführt wurde.
Und de la Siniestro sprach: »Menschen der Erde! Heute ist ein
schicksalsträchtiger Tag, denn der Kurs unserer Rasse ändert sich mit dem
Wissen, dass es außerirdisches Leben gibt. Wir müssen nun als Menschheit
zusammenwachsen, um in der Galaxis bestehen zu können. Andere Völker
werden von unserer Existenz wissen und können zu einer potenziellen
Bedrohung werden. Mit der Erforschung und auch der Eroberung des
Weltraums werden wir die Probleme auf der Erde lösen. Ich werde nun
vorerst die Regentschaft über die Erde übernehmen, bis wir einen Weltrat
wählen können. Freut euch, Menschen. Dieser Planet wird in der
Milchstraße als Terra bekannt werden und seine Bewohner als Terraner
Kapitel 8 – 5633
Die CASSIOPEIA verließ die Temporale Anomalie und ging sofort auf
Überlichtgeschwindigkeit, um der quarterialen Wachflotte zu entgehen. Das
Ziel des CASSIOPEIA war das Ephelegon-System mit der Welt Rudyn. Im
Jahre 2046 NGZ war Rudyn die Zentralwelt der Liga Freier Galaktiker
gewesen und genoss den Status der Heimatwelt für die Menschen.
Aurec sah sich im Milton-Saal um. Die Crew der IVANHOE II kannte
Rudyn nur als Kolonie Terras und hatte keinen Bezug dazu. Die
Quarterialen unter Thora erging es in ihrer Zeitlinie vermutlich ebenso.
Einzig diese skurrilen Figuren der Camperna Agency Cloud Company
legten Wert darauf, dass Rudyn ihre Heimat war.
Die Arkonidin Thora wandte sich an Aurec.
»Sobald wir Rudyn erreichen, melde ich mich freiwillig, um mit einer
Space-Jet das System zu erkunden. Ein kleiner Spähtrupp ist viel
unauffällig als dieses Raumschiff«, schlug Thora vor.
Aurec kannte sie nicht. Er empfand Thora als eine zielstrebige Frau, die
wenig Widerspruch gewohnt war. Wallace und Gucky hatten ihm berichtet,
dass die ehemalige Imperatrice des Quarteriums kooperieren wollte.
»Sie erstatten regelmäßig Bericht. Ich hoffe, Sie verstehen, dass unsere
Allianz neu und brüchig ist.«
Thora sah Aurec mit ihren funkelnden roten Augen an. Aurec forschte in
ihren Augen, denn er war sich absolut unschlüssig über sie. Diese Thora
war nicht Perry Rhodans erster Frau, sie war die Gattin von de la Siniestro.
War sie nicht eigentlich unsere Feindin? Jedenfalls misstraute er ihr.
»Vielleicht ist das meine Zeitlinie. Möglich, dass aus meiner Zeitlinie
sogar die eine geworden ist.«
»Und was wäre Ihre Erkenntnis daraus?«, wollte Aurec von ihr wissen.
Thora verschränkte die Arme vor der Brust.
»Dass ich seit 3500 Jahren tot bin und ich offenbar nicht mehr hierher
gehöre. Finden wir deshalb schnell heraus, ob es wirklich so ist.«
Thora nahm einen Co-Piloten aus ihren Reihen mit und verschwand wenig
später im Hangar der CASSIOPEIA. Aurec begab sich in die
Kommandozentrale. Ursprünglich war diese sehr klein, doch Mathew
Wallace hatte einen Nebenkontrollraum umbauen lassen. ENGUYN musste
sich daran gewöhnen, dass nun Lebewesen sein Raumschiff kontrollierten.
Die neue Zentrale war ein runder Raum. In der Mitte standen drei Sessel,
die für Aurec selber, Gucky und Constance bestimmt waren. Aurec nahm
an, dass de Kosmogenen Chronikträger die Kommadanten der
CASSIOPEIA nun waren. Das waren demnach er selbst und Constance.
Gucky als letzter Zellaktivatorträger wurde wahrscheinlich auch die Rolle
des Kommandanten von ENGUYN verliehen.Auch wenn die Positronik
dazu schwieg. Vorgelagert befanden sich drei Konsolen für Mathew
Wallace, Irwan Dove und Lorif. An den Seiten war Platz für sechs weitere
Crewmitglieder.
Die Space-Jet startete. Die Langstreckenortung der CASSIOPEIA
registrierte hunderte quarterialer Raumschiffe. ENGUYN entschlüsselte
Momente danach den Hyperfunk. Es waren hauptsächlich die Signale von
Trivid-Sendungen.
»Meinen Analysen zufolge befinden wir uns auch weiterhin im Jahre 5633
anno Domino. Rudyn ist eine Kolonialwelt des Quarteriums. Ich nehme an,
das Zeitchaos ist nun beendet und wir haben eine neue, einheitliche
Zeitlinie. Daher empfehle ich eine detaillierte, intensive Recherche der
geschichtlichen Ereignisse.«
»Wir können ja schlecht als Touristen auf Rudyn oder gar Terra
ankommen«, meinte Constance.
Ein Alarm schrillte auf.
»Da kommt etwas aus dem Hyperraum«, meldete Irwan Dove.
Die Ortung fokussierte sich auf diesen Bereich. Ein Adlerraumschiff
erschien als Ortungsergebnis. Aurec blickte fragend in die Gesichter der
anderen.
»Das ist die ROVERSTJERNER. Ein Raumschiff der Takhal Gud Looter,
die im Besitz einer Kosmogenen Chronik sind und uns immer wieder
verfolgen«, erklärte Gucky.
»Wir kehren umgehend in die Tiefe des Chaos zurück«, entschied Aurec.
»Dort planen wir die weiteren Schritte. Wir müssen uns vielleicht zuerst mit
den Takhal beschäftigen, wenn sie uns so leicht finden können.«
Eine weitere Flotte von 500 Supremo-Raumschiffen tauchte ebenfalls aus
dem Hyperraum auf. Die Funkverbindung zur Space-Jet brach ab und die
Ereignisse überschlugen sich. Die ROVERSTJERNER feuerte auf die
CASSIOPEIA, während die Space-Jet von der Flotte umkreist wurde. Thora
und ihr Begleiter wurden vom Quarterium entdeckt.
»Unsere Offensivbewaffnung ist noch zu schwach. Ich schlage die
sofortige Rückkehr in die Anomalie vor«, empfahl die Positronik
ENGUYN.
Aurec nickte zustimmend.
»Wir sollten uns besser vorbereiten. Machen wir es so. Wir müssen Thora
später befreien.«
Die CASSIOPEIA ging auf Lichtgeschwindigkeit und kehrte ins Alpha
Centauri-System zurück. Die Präsenz quarterialer Raumschiffe wurde
deutlich größer im Alpha Centauri System. Sie errichteten eine Art
Abfangnetz aus Raumschiffen und Stationen um die Anomalie herum. Die
ROVERSTJERNER kam beinahe zeitgleich aus dem Hyperraum. Beide
Schiffe nutzten das noch offene Netz und gelangten in die Anomalie und
von dort in die Tiefe des Chaos. Aurec bezweifelte, dass sie diesen Weg in
der Zukunft noch nutzen konnten.
Kapitel 9 – Die Rückkehr des Silbernen Ritters
Wir befanden uns im Thronsaal des Emperador de la Siniestro. Der
Monarch sah mich an. Ich trat vor, denn ich spürte etwas Vertrautes in
diesem Terraner. Meine Odyssee durch die Zeit hatte mich hierhin geführt.
So hatte ich die Vernichtung der Erde mehrmals gesehen und befinde mich
hier offenbar in der Zeitlinie, die für uns neu erdacht worden war.
»Es ist lange her, doch nun habt Ihr endlich den Weg nach Hause
gefunden.«
Ich verstand nicht. Es war gut, dass ich meine Maske trug, so bemerkte
der Monarch nicht meine ratlose und vermutlich dümmliche Miene. De la
Siniestro deutete auf eine Rüstung. Sie war meiner nicht unähnlich, sah
jedoch gepflegter aus und der Helm hatte ein durchgängiges Visir.
»Einst war dies Eure Rüstung. Habt Ihr das Schwert?«
Das Schwert? Schwert? Ah, natürlich das Schwert, welches mir Chevalier
im Jahre 2030 geschenkt hatte. Es hing an meinem Gürtel. Die Wachen
hatte es mir nicht abgenommen. Ich fühlte auch meinen Strahler im Holster.
Ich zog das Schwert aus der Scheide. Es glänzte golden.
»Es wurde von den Hohen Mächten aus dem Ultimaten Stoff geschmiedet.
Es ist würdig für einen Ritter der Sterne, für einen Sohn des Chaos …«
Die letzten Worte flüsterte de la Siniestro beiläufig und blickte auf den
teuren Perserteppich. »Ihr erinnert euch nicht, nicht wahr?«
De la Siniestro blickte wieder hoch.
»Nein, mein Emperador. Er erinnert sich überhaupt nicht«, antwortete
Larsen statt meiner. »Seine Erinnerungen an sein früheres Leben wurden im
Schleier der Lethe vernebelt. Wir wissen nicht, was mit ihm in der Tiefe des
Chaos genau geschah. Doch er tauchte dann in den 30er Jahren des 21.
Jahrhunderts NGZ in der Milchstraße auf und wurde Kopfgeldjäger. Und er
trug eine Kosmogene Chronik bei sich. Sie ist in dem kleinen und durchaus
unauffälligen Rucksack der Positronik.«
De la Siniestro blickte uns verwirrt an. Dann schien er zu verstehen.
»Ah, die Frau ist keine Frau.«
»Ich bezeichne mich durchaus als Frau. Wenngleich ich künstlicher Natur
bin, so strebe ich doch ein menschliches Leben an«, wandte Eleonore ein.
»Ist das so?«, fragte de la Siniestro und blickte mit dem Anflug eines
Lächelns zu Diabolo.
»Mein treuer Diabolo ist ebenfalls mehr Maschine denn Mensch.
Natürlich nur rein physisch betrachtet. Sein Geist, die Fähigkeit der
Analyse und sein Zynismus sind ausgesprochen menschlich.
De la Siniestro stand auf.
»Ich bin also die Gesellschaft von Künstlichen Intelligenzen gewohnt.
Mein Diabolo war erst ein Mensch und als seine Zeit gekommen war,
wurde er ein Posbi. Wie ist euer Name, Señorita?«
»Ich bin Eleonore, die Positronik der NOVA. Und ja, ich trage in meiner
Tasche die Kosmogene Chronik. Ich nehme an, Ihr wisst mehr über das
Leben von Nathaniel Creen?«
De la Siniestro nickte.
»Oh ja, das tue ich. Uns verbindet gewissermaßen eine Freundschaft aus
einem anderen Leben. Der Zeitfamulus hat mir das Wissen und Gedächtnis
jenes de la Siniestro gegeben, der in der Zeitlinie im Jahre 2046 NGZ
erloschen ist. Ich verstehe das selber nur schwer, aber ich weiß, was er
getan hatte, was er fühlte, zu wem er Freundschaft empfand. Wen er hasste,
wen er fürchtete.«
Er nahm die Hand von Eleonore und küsste sie auf die Handfläche.
»Ihr seid ein Wunderwerk der Technologie einer Zeit, die nicht mehr
existiert. Es ist einerseits bedauerlich, denn wir haben Freunde in jener
anderen Zeitlinie gelassen. Doch seht nun, worüber wir herrschen. Wir
haben endlich Gerechtigkeit für die Terraner erreicht. Allerdings muss diese
Billigkeit bewahrt werden. Und hier kommt Ihr ins Spiel, Freund.«
»Wer seid Ihr?«, wollte ich wissen.
»Der Emperador des Quarteriums. Sagt euch dieses heilige Wort
Quarterium denn nichts? Das Symbol? Die Supremo-Raumschiffe? Das war
Euer Leben.«
Meine Knie wurden weich.
»Ihr müsst mit dem Leben des Nathaniel Creen brechen«, sagte Larsen
und grinste. »Das geht auch ganz schnell. Das ist wie einem Hund das
Genick brechen, der unartig warEr ging zu einer Konsole und tippte auf
das Interface. Wir sahen die NOVA auf dem Platz vor der Brücke.
»Und das tut halt manchmal weh.«
Ein Energiestrahl zerfetzte die NOVA. Ich zuckte zusammen. Ich sah zu
Eleonore. In ihren Augen stand Entsetzen. Sie hatten unser Schiff zerstört.
Eleonore ging zu Gustav Larsen. »Warum haben Sie das gemacht? Die
NOVA war unsere Heimat.«
Larsen lächelte wie immer charmant.
»Nun, die NOVA ist ein Bezugspunkt für unseren Freund ohne
Erinnerung. Sie, Eleonore sind es ebenfalls. Sie sind wie eine Freundin für
ihn. Doch er muss sich jetzt an die Trauer, an das Leid und an den Schmerz
erinnern. Er braucht den Hass in ihm. Wie kann jemand hassen, wenn ein so
schönes Gesicht ihn anlächelt?«
Er zog seinen Strahler und feuerte dreimal auf Eleonores Torso. Sie sank
auf die Knie. »Nathaniel …« Ich rannte zu ihr und nahm sie in den Arm.
Ich begriff erst jetzt, dass sie starb. Die NOVA war zerstört. Es gab keinen
Weg in eine sichere Basis für die Positronik. Sie streifte den Rucksack mit
der Chronik ab und legte ihre Hand auf mein Interkom am Handgelenk.
»Pass auf beides auf, hörst du?«
Eleonore durfte nicht gehen. Das konnte sie nicht. Sie war doch meine
einzige Freundin.
»Helft mir«, rief ich. Ich sah flehend zu de la Siniestro, der jedoch nur
traurig um mich herumwanderte.
Larsen sagte nun sehr eindringlich: »Denken Sie an die Leichen von
Sanna Breen, von Pyla und Brettany de la Siniestro. Spüren Sie den Zorn
der Zurückweisungen. Sie sind immer allein und einsam gewesen. Das ist
Ihr Schicksal, Cauthon Despair
Ich blickte den Zeitfamulus an.
»Sie sind der Silberne Ritter Cauthon Despair«, stellte er fest. »Sie sind in
Ihrer Zeit ein Gründungsmitglied des Quarterium gewesen und gehören an
unsere Seite.«
»Das ist Wahnsinn, hör nicht auf sie, Nathaniel«, warnte Jevran Wigth.
Larsen drehte sich zu ihm.
»Ist das Wahnsinn? Despair verschwand im Jahre 1308 NGZ in der Tiefe
des Chaos. Nathaniel Creen tauchte im Jahre 2033 NGZ ohne Erinnerung
auf und trug eine Kosmogene Chronik bei sich. Er trägt ja sogar Despairs
geflickten Raumanzug. Wir können ihm mittels eines Geräts mit der
Bezeichnung Reminiscitron helfen, die Erinnerung wieder zu erlangen. Sie
und diese beiden Faktoten sind jedoch störend. Wachen.«
Larsen schnippte mit dem Finger. Sechs Soldaten umstellen Jevran Wigth,
Cilgin At-Karsin und Kuvad Soothorn und brachten sie dann hinaus.
Ich streichelte durch Eleonores Haar.
»Du darfst nicht sterben. Es gibt keine NOVA mehr, wohin du
zurückkannst.«
»Du wirst nie allein sein. Ich bin immer da.«
Eleonore erhob sich und drückte mich zur Seite. Dann wandte sie sich an
Gustav Larsen und breitete die Arme aus, als wolle sie sage, leg los. Der
Zeitfamulus richtete erneut seine Waffe auf Eleonore und feuerte. Der
Strahl desintegrierte nun den Androidenkörper, bis nichts mehr davon übrig
war. Eleonore war tot. Ich war allein, wieder allein.
Erinnerungen kamen hoch. Es musste der Zorn in mir sein über Eleonores
Tod.
Der Tod meiner Eltern Ivan und Selina Despair, mein Leben bei meiner
Tante.
Der Verrat Perry Rhodans auf Mashratan an mich. Mein zerschmetterter
Körper.
Meine erste Liebe Zantra Solynger hatte mich verlassen und war auf der
Welt Sverigor gestorben.
Ich ersäufte den Dorgonen Valerus auf der Welt Dorgon, weil er am Tod
von Sanna Breen Schuld war. Sie hatte mich wegen dem dorgonischen
Offizier allein gelassen.
Der Weg zu dem Kosmotarchen MODROR.
Cartwheel. Ich war der Silberne Ritter. Ein Sohn des Chaos mit einer
silbernen Rüstung und einem Schwert aus Ultimatem Stoff. Ein Vernichter,
ein Zerstörer, aber auch ein Miterschaffer des Quarteriums. Mein Weg war
von Leichen gepflastert, von Tod und Trauer. Die meiner Opfer und meiner
eigenen Trauer.
Myrielle Gatto, Pyla, Constance Zaryah Beccash, Virginia Mattaponi und
Brettany Brettany de la Siniestro. Die Erinnerung an diese Frauen waren
mit Schmerz verbunden. Und nun Eleonore. Ich war stets auf der Suche
nach der einen Liebe gewesen. Und stets war ich zurückgewiesen worden.
Ich war im Grunde genommen immer allein.
Und nun war auch Eleonore tot. Ermordet von dem Zeitfamulus Gustav
Larsen. Ich stand auf.
Der Silberne Ritter bestrafte jene, die ihm Schmerz bereiteten.
Ich sah zur Rüstung des Despair, ging zu ihr und streifte meinen Helm ab.
Wortlos griff ich den Helm von Despair und setzte ihn auf. Er passte, wie
angegossen. Verschlüsse rasteten mit einem leisen Zischen ein.
»Ich sehe, die Erinnerungen kommen zurück«, sagte Larsen und lachte.
Ich drehte mich um und schritt auf ihn zu. Instinktiv wich er zurück. Dann
packte ich seine Kehle, presste ihn gegen den großen Holztisch und drückte
zu. Er verlor das Lächeln, patschte mit den Händen gegen meinen Arm.
Sein Gesicht lief rot an. Ich betrachtete seine graublauen Augen. Um die
Pupillen herum riss das feine Bindegewebe und flutete die Sklera mit Blut.
Larsen zappelte. Er röchelte. Aber ich ließ nicht los. Er hatte Eleonore
umgebracht.
»Despair, lassen Sie ihn los«, rief de la Siniestro.
Doch ich hörte nicht auf ihn. Die Gegenwehr wurde schwächer. Er öffnete
den Mund und versuchte irgendwie Luft zu bekommen.
Ich ließ los. Der Zeitfamulus röchelte und hustete. Langsam rappelte er
sich auf und lehnte am Tisch. Ich zog mein Caritschwert und betrachtete die
goldene Legierung. Es wurde Zeit, dass es eingesetzt wurde. Ich schlug ihm
voller Hass den rechten Arm und das rechte Bein ab und trennte gleich
danach den linken Arm und das linke Bein ab, während er sich im Fallen
befand. Er hatte es verdient. Mit ausgestreckter Zunge erschlaffte Gustav
Larsen. Der Torso des Zeitfamulus rutschte auf den Fußboden.
De la Siniestro betrachtete den ausblutenden Zeitfamulus.
»Sie erinnern sich wieder?«, fragte de la Siniestro.
»Ja«, sagte ich nur.
»Dann benötigen wir den Reminiscitron nicht?«
»Ich weiß nicht, was in der Tiefe des Chaos geschehen ist. Vielleicht wird
dieses Gerät nützlich sein. Doch ich vertraue Euch nicht. Vorerst verzichte
ich darauf.«
De la Siniestro nickte, während er Gustav Larsens kurzen Todeskampf
beobachtete.
»Dann war das Opfer des Zeitfamulus nicht umsonst. Er war mir ein
Berater über Jahrtausende und ein Helfer im Aufbau gewesen. Der
Zeitfamulus hat auch meine Feinde in der Zeit gekämpft. Bedauerlich.«
De la Siniestro wirkte ehrlich betrübt.
»Ihr seid nicht der Emperador aus meiner Zeitlinie. Das ist nicht mein
Quarterium.«
De la Siniestro legte die Hand auf meine Schulter.
»Doch es kann Euer Quarterium werden, Despair! Ich brauche Euch, um
die neue Zeitlinie zu vollenden. Es gibt Eure Linie nicht mehr. Der Weg
wäre sehr mühsam, sie zu rekonstruieren. Ich könnte es nicht.«
De la Siniestro nahm die Hand runter und wanderte um den Tisch herum.
Er beobachtete die Wachen, die Larsens Überreste entfernten.
»Ihr müsst alle acht Kosmogenen Chroniken finden. Ihr müsst zu den
manipulierten Orten im Universum reisen, die Daten der Chroniken
einspielen und hoffen, dass alles auch funktioniert. Und dann? Dann kehrt
Perry Rhodan wieder zurück. Das Quarterium existiert in Cartwheel und ist
weit davon entfernt, das Reich der Menschheit zu werden, welches wir uns
erträumt hatten. Und Ihr wärt weiterhin einsam und verloren.«
De la Siniestro stellte eine Vase wieder auf, die umgefallen war, während
ich Larsen umbrachte.
»Doch, wenn wir diese Neuprogrammierung nun nutzen, müssen wir uns
nicht mit Perry Rhodan und seinen Vasallen ärgern und können die
Menschheit zu ihrem Schicksal führen. Und Ihr, Despair, werdet bestimmt
nicht länger alleine bleiben.«
Ich war mein ganzes Leben allein. Ob ich nun auf den Namen Cauthon
Despair hörte oder auf Nathaniel Creen. Der Verlust meiner Identität als
Rhodanjäger war nicht schlimm. Ich hatte mich als Creen ohnehin verloren
gefühlt.
»Begleitet mich auf das Dach der Engelsburg«, bat de la Siniestro.
Deighton wurde unruhig.
»Soll ich nicht mitkommen, Sir?«
Der Emperador winkte ab.
»Nein, sorgen Sie für die neue Space-Jet.«
Wir schritten die Stufen hinauf auf das Dach der Burg und blickten in den
Abendhimmel über Rom.
»Julius Caesar, Augustus, Mussolini, die Päpste und andere große
Herrscher blickten hier vor Jahrtausenden ebenfalls in den Himmel,
betrachteten die Sterne und fügten der Geschichte der Menschheit ihr
Kapitel hinzu. Wir sind relativ unsterblich. Wir können ganze Bücher
hinzufügen. Warum sollten wir freiwillig all das wegwerfen?«
So viele Erinnerungen und Gedanken prasselten auf mich ein. Es war
schwer zu verarbeiten. Ich würde Tage oder Wochen dafür brauchen und
hatte niemand, mit dem ich drüber reden konnte.
»Perry Rhodan und seine Bande existieren nicht mehr. Sie haben in
meiner Zeit nie die Rolle gespielt, die sie in Ihrer Zeit gespielt haben.
Belassen wir es dabei«, sagte de la Siniestro eindringlich.
»Was erwartet Ihr nun?«
De la Siniestro ballte die Faust.
»Kehrt zu dieser erbärmlichen Loge in die Tiefe des Chaos zurück.
Verratet nicht, dass Ihr Despair seid. Noch nicht. Findet heraus, wo sich die
anderen Kosmogenen Chroniken befinden und nehmt sie an Euch. Erst
wenn wir alle acht in unserem Besitz haben und sie dann zerstören, werden
wir endlich unseren Frieden haben. Die Narren werden sicherlich
versuchen, Rhodans Zeitlinie wieder herzustellen.«
»Wer auch immer sie sind, sie werden misstrauisch sein, wenn ich ohne
die NOVA zurückkehre.«
»Deighton parkt gerade die NOVA II für Sie. Wir haben die Positronik
sogar Eleonore benannt. Allerdings ist sie nun eine quarteriale Eleonore.
Sie, der Springer und der Hauri kehren in die Temporale Anomalie zurück.«
»Was ist mit Wigth?«
»Dieser Terraforscher würde gleich Ihre Identität verraten. Vermutlich
werden Sie in der Tiefe des Chaos auf Aurec, Sam und Constance Beccash
treffen und wer weiß, auf wen noch alles.«
Ich verstand und musste mir eine Geschichte einfallen lassen, die nahe an
der Wahrheit war, aber nicht alles verriet.
»Zu seinem eigenen Interesse nehmen wir ihn in Schutzhaft. Suchen Sie
die CASSIOPEIA, richtig?« De la Siniestro seufzte. »Diese
Informationen hatte Larsen alle im Kopf.«
»Er wäre noch am Leben, wenn er Eleonore nicht zerstört hätte«, stellte
ich nüchtern fest.
De la Siniestro nickte.
»Es ist trotzdem bedauerlich. Er war ein loyaler Diener gewesen.«
»Ich hatte den Zeitfamulus zweimal sterben sehen in anderen Zeitlinien.
Wieso steht er nicht wieder auf?«
De la Siniestro sah mich mit einem leichten Schmunzeln an. Er lehnte die
Arme auf die Brüstung des Balkons.
»Der Zeitfamulus kann nur einmal in jeder Zeitlinie existieren. Stirbt er in
einer, so kehrt sein Bewusstsein in die Zeitkapsel zurück und wird wieder
belebt für eine andere Zeit. Doch die Kapsel ging verloren. Wie man es
dreht oder wendet, er ist nun tot.«
Es tat mir nicht leid. Gustav Larsen hatte mir das letzte genommen, was
mir noch etwas bedeutet hatte.
»Nehmen Sie außerdem Ihren echten Raumanzug mit und verstecken ihn
in der NOVA II. Nutzen Sie den Sender im Anzug, um mit uns zu
kommunizieren, wenn Sie sich außerhalb der Tiefe des Chaos befinden«,
befahl de la Siniestro.
Ich sah hinab auf die Stadt Rom. Zur linken Seite marschierten Soldaten
zu Marschmusik die Straße entlang. Zur rechten Seite flog weit oben im
Himmel ein kleiner Verband Supremo-Raumschiffe. Viele alte Bauwerke,
teilweise Ruinen, wechselten sich mit modernen Häusern ab. Rom
symbolisierte die Geschichte Terras.
»In der NOVA II liegt ein ausführlicher Datenträger über die Gründung
des Quarteriums und unseren größten Errungenschaften. Machen Sie sich
selber ein Bild. Doch ich verspreche Ihnen schon jetzt, aufgrund Ihrer
Errungenschaften in Ihrer Zeitlinie, ist Ihnen hier der Titel des Quarterium-
Marschalls sicher. Akzeptieren Sie dieses Terra als Ihre neue Heimat.«
Ich war also der Silberne Ritter Cauthon Despair. Seit meiner Jugend war
ich immer wieder ein Gegner Perry Rhodans gewesen. Die Einsamkeit
begleitete mich mein ganzes Leben lang und jene, für die ich arbeitete, die
Söhne des Chaos, hatten im Auftrag des Kosmotarchen MODROR einen
großen Anteil daran. Mein Bruder des Chaos Cau Thon hatte meine Eltern
ermordet, als ich ein Säugling war und mein Leben die nächsten Jahre
immer wieder manipuliert. Viele im Quarterium waren Verbrecher gewesen
und selbst meine väterliche Freundschaft zu den de la Siniestro war nicht
immer unkompliziert gewesen.
Aber es war alles besser als ein Kopfgeldjäger zu sein. Das Quarterium
war von Bedeutung und ich war es als einer der Anführer auch. Ich lenkte
zusammen mit de la Siniestro die Geschicke der Menschheit.
»Sind Sie auf unserer Seite, Despair?«, fragte der Emperador nun.
Ich starrte in den Himmel über Rom.
Vorerst war ich auf Seiten des Quarteriums. Doch ich musste mir auch ein
Bild von der anderen Seite machen. Was war noch übrig von der alten
Zeitlinie, wer lebte noch und was war ihr Plan.
»Ich bin auf der Seite des Quarteriums«, antwortete ich.
De la Siniestro nickte gütig.
»Dann brecht nun auf. Ach, eines noch. Bitte übergebt mir die Chronik
zur Verwahrung. Unsere Wissenschaftler würden sie gerne untersuchen.«
»Sie wurde als meine Geschichte beschrieben«, sagte ich.
»Nun, vermutlich trägt sie noch verlorenen Wissen von Euch in sich.
Vergesst nicht, Ihr wisst nicht, was von 1308 NGZ bis 2030 NGZ
geschehen ist. Doch meine Wissenschaftler werden es herausfinden«, sagte
Siniestro väterlich.
»Sie liegt in Eleonores Rucksack …«
Die neue NOVA war moderner als das Original. Die Positronik hieß zwar
Eleonore, doch ich wusste, dass es nicht die echte Eleonore war. Sie war
zerstört. Während des Flugs zur Temporalen Anomalie und durch den
Anker in die Tiefe des Chaos hatte ich Soothorn und Karsin eine simple
Geschichte erklärt. Wigth war tot und die Chronik in den Händen des
Quarterium.
Ich las den Datenträger über die Geschichte des Quarteriums.
Don Philippe de la Siniestro rettete im Jahr 1971 die Erde vor einem
Bürgerkrieg, der die Welt in einem verheerenden Atombrand hätte zerstören
können. Mit Hilfe der gestrandeten Arkoniden unter der Führung von Thora
und Crest vereinte Siniestro die Menschheit und gründete 1972 das Solare
Imperium, das als Grundlage für das spätere Quarterium diente. Bis 1975
wurde das Solsystem systematisch erforscht und ausgebaut.
Im Jahr 1975 begann der heimtückische Angriff der Topsider. Der
anschließende Topsider-Krieg dauerte drei Jahre, in denen das Solare
Imperium siegreich hervortrat jedoch musste es dabei auch den Verlust
eines wahren Freundes der Menschheit hinnehmen, Crest.
1978 setzte die Befreiung Arkons ein, und der Sturz des Robotregenten
wurde 1982 vollendet. 1983 wurde Thora zur Imperatrice Arkons ernannt
und erhielt einen Zellaktivator von Medvecâ, dem ältesten Freund der
Menschheit.
Der CIP-Chef Werner Niesewitz und der Innenminister Reinhard
Katschmarek erhielten zusammen mit Clifford Monterny eine Zelldusche,
und 1985 gründete Monterny das legendäre Mutantenkorps der Erde. 1990
wurde der lange vermisste Kontakt mit den Akonen wiederhergestellt.
Im Jahr 2000 wurde ein Bund der Vier Mächte ins Leben gerufen
bestehend aus Terranern, Arkoniden, Akonen und Mehandor, der als Bund
der Vier bekannt wurde. Zwischen 2030 und 2042 fand der Druuf-Krieg
statt, der mit einem glorreichen Sieg des Bundes der Vier endete und die
Verteidigung der Milchstraße vor den fremden Druuf sicherte.
2042 erfolgte die Gründung des Quarteriums. Don Philippe de la Siniestro
wurde als Emperador eines galaktischen Sternenreiches anerkannt und
nahm Thora da Zoltral zur Ehefrau. 2043 starb Thora da Zoltral unter
mysteriösen Umständen, während das Schiff KASTILIEN offenbar von
Topsidern zerstört wurde. Es folgte ein Strafkommando des Quarteriums,
das die Eroberung von Topsid einleitete.
2044 wurde das arkonidische Imperium vollständig in das Quarterium
eingegliedert ebenso wie Zalit sowie die Systeme der Mehandor und der
Pariczaner. 2050 trat Akon offiziell als Kolonie dem Quarterium bei.
2099 begann der hundertjährige Blues-Krieg, der 2199 mit dem
glorreichen Sieg des Quarteriums endete. Ab 2199 wurden die Blues im
Rahmen der Artenbestandsregulierung in autonome Friedenszonen der
Milchstraße umgesiedelt. Bis zum Jahr 2350 entstanden so entmilitarisierte
Wohlfühl- und Lebensräume für Blues, Topsider, Naats, Cheborparner,
Peepsies und andere nichtmenschliche Galaktiker.
2351 brach der Haluterkrieg aus. Die Haluter weigerten sich, sich dem
Quarterium zu unterwerfen verheerende Schlachten bestimmten diese
Zeit.
2401 wurde der erste Kontakt mit den Tefrodern hergestellt, woraufhin es
zum Tefroder-Krieg zwischen dem Quarterium und dem Tamanium unter
der Führung der Meister der Insel kam. 2403 griffen die
Zweitkonditionierten die Milchstraße an, und 2404 formierte sich eine
Allianz der Bestien zwischen Uleb, den Zweitkonditionierten und den
Halutern, der von Angriffen auf die Milchstraße und Andromeda begleitet
wurde. 2405 schlugen sich die Maahks auf der Seite der Bestien, während
2406 die geheimnisvollen Meister der Insel erneut in Erscheinung traten,
um in Andromeda gegen die Bestien zu kämpfen. Schließlich wurde ein
Friedensvertrag zwischen dem Tamanium und dem Quarterium
geschlossen.
2647 wurde nach einem langen Krieg die letzte Bestie besiegt und
befriedet.
2700 wurde die Allianz der Lemurer verkündet. Das Quarterium
(Milchstraße) und das Tamanium (Andromeda) galten als Wiege der
Menschheit und definierten das Ziel, ein Sternenimperium der Lemurer
über zahlreiche Galaxien auszudehnen. 2710 fand die Hochzeit zwischen
dem Emperador de la Siniestro und Faktor I, Meghan Mirona Thetin, statt –
ein Ereignis, dem glorreiche Jahrhunderte der Expansion und Erforschung
der Lokalen Gruppe folgten.
3161 wurde ein Vertrag mit Gruelfin geschlossen und ein Bündnis mit den
Takerern eingegangen. Zwischen 3312 und 3320 ereignete sich eine
Schwarm-Krise, die erfolgreich gelöst wurde. Von 3415 bis 3591 tobt der
große Krieg gegen das Konzil der Sieben, der schließlich mit einem Sieg
des Sternenreiches Lemuria endete. 3501 trat Gruelfin dem Sternenreich
Lemuria bei, und 3600 schloss sich Saggittor diesem Reich an.
3731 wurde ein Bündnis mit dem Sternenreich Dorgon in M100
geschlossen. 3759 begann der Virgo-Konflikt, in dessen Verlauf die
feindlichen Upanishad aus der Mächtigkeitsballung ESTARTU Dorgon
angriffen. 3822 errang man einen Sieg über die Upanishad der ESTARTU.
Im Jahr 4000 verkündete der Emperador, dass die Dualität der
Kosmotarchen DORGON & MODROR zur Staatsreligion im Sternenreich
Lemuria etabliert worden sei. 4042 fand die 2000-Jahrfeier des Quarteriums
statt.
4317 wurde Werner Niesewitz Opfer der Terrorgruppe »Ritter der Tiefe«
und starb, während 4318 Allan D. Mercant zum Leiter der CIP ernannt
wurde. Zwischen 4555 und 4913 fand die Sonderaktion THOREGON
statt ein Kampf gegen das verbrecherische Syndikat abtrünniger
Superintelligenzen, der mit einem entscheidenden Sieg über das
THOREGON und dessen endgültiger Auslöschung am PULS endete.
5042 wurde schließlich die 3000-Jahrfeier des Quarteriums begangen.
Der Silberne Ritter Cauthon Despair. © Gaby Hylla
Viele neue Informationen. Es gab Perry Rhodan Getreue aus der
Vergangenheit, die nun dem Quarterium dienten und einige Leuten aus
meiner Zeit, die gar nicht mehr am Leben waren. Ich musste mich fragen,
ob diese Zeitlinie besser war und ob ich es akzeptieren würde, in ihr zu
Leben. Doch vorher wollte ich die andere Seite anhören. Gab es überhaupt
irgendwelche Rhodan-Freunde auf der ATOSGO und CASSIOPEIA oder
kommandierten die ter Campernas nun die Schiffe?
In meinem Interkom waren die Signaturen der ATOSGO und
CASSIOPEIA gespeichert. Das half bei der Suche.
Plötzlich summte mein Interkom.
»Nathaniel«, meldete sich Eleonore über Helmfunk. Es war eindeutig ihre
Stimme. »Da sowohl die NOVA als auch mein Androidenkörper vernichtet
wurden, blieb mir nur die Flucht in dein Interkom«, erklärte sie.
Ich atmete tief durch. Sie existierte noch.
»Eleonore wie schön, dich zu hören. Ich bin allerdings nicht mehr
Nathaniel Creen, sondern Cauthon Despair. Meine Erinnerungen kommen
bruchstückhaft zurück. Es ist aber das Beste, wenn das erst einmal unter uns
bleibt.«
»Wie du möchtest.«
»Das Quarterium hat eine neue Eleonore in diese NOVA II gesteckt«,
erklärte ich.
»Sie ist nur eine billige Kopie. Es ist besser, wenn niemand weiß, dass
meine Daten nun in dem Interkom sind. Wenn ich verdeckt operieren kann,
könnte uns das von Nutzen sein.«
Ich stimmte ihr zu. Und es war gut, die echte Eleonore an meiner Seite zu
wissen.
Es dauerte einige Tage, ehe die CASSIOPEIA Kontakt zu uns aufnahm.
ENGUYN hieß mich willkommen. Ich erzählte die Geschichte von unseren
Abenteuern auf der Erde, welche zweimal durch Atombomben verwüstet
wurde, erfand eine Flucht vor dem Quarterium und dem Verlust der
Chronik und Jevran Wigth sowie dem Androidenkörper von Eleonore. Ich
verschwieg mein Treffen mit dem Emperador de la Siniestro – und natürlich
meine wahre Identität. Ich wusste noch nicht, wem ich trauen durfte. Doch
meine Mentalstabilisierung verhinderte, dass sie in meinen Gedanken
herumschnüffelten.
Aurec, Gucky, Constance und Mathew Wallace standen vor mir. Aurec
und Wallace waren zurückhaltend, Gucky kannte mich ja bereits und
Constance war ohnehin stets offen und vertrauensselig.
»Wir werden uns um die verlorenen Chroniken später kümmern«, sagte
Aurec. »Zuerst werden wir uns um diese Takhal Gud Looter kümmern
müssen, da sie sonst immer wieder unsere Aktionen sabotieren«, entschied
der Saggittone.
Keiner von ihnen stellte mir weitere Fragen. Sie ahnten nicht, dass
Cauthon Despair zurückgekehrt war.
Epilog
Nistant saß auf der Veranda und blickte in die Ferne der namenlosen Welt.
Sein Haus stand auf einem Berg und er überblickte einen Wald, einen
großen See und ein Tal. Die drei Sonnen waren im Begriff unterzugehen
und zwei der elf Monde waren bereits zu sehen.
Nistant lauschte den Geräuschen der Tiere und genoss die frische Luft.
Ajinah trat aus dem Inneren des Hauses hervor. Sie trug einen roten Bikini
und saß hinreisend aus. Sie stellte zwei Gläser gekühlter Limonade auf den
Tisch und gab dann Nistant einen innigen Kuss, bevor sie sich neben ihn
setzte und ihren Kopf auf seine Schulter legte.
»Ist es das, was du dir erträumt hast«, fragte sie schließlich.
»Ja, das ist es. Das Universum hat endlich seinen Frieden.«
Sie kicherte und sah ihn aus ihren strahlenden blauen Augen an.
»Du meinst, deinen Frieden.«
Nistant zuckte mit den Schultern.
»Das ist ein und dasselbe. Das Zeitchaos ist nun beendet und eine neue
Zeitlinie hat sich geformt. Und das Beste daran ist, Perry Rhodan existiert
nicht mehr
Er nahm sie wieder in den Arm und genoss das kalte Getränk.
Nistant hatte ein Universum geschaffen, dessen Erbe nun nicht mehr Perry
Rhodan war, sondern er selbst.
ENDE
Vorschau
Die neue Zeitlinie ist etabliert. Perry Rhodan und seine Gefährten wurden
aus ihr entfernt. Der neue Anführer der Menschheit ist Don Philippe de la
Siniestro. Er regiert nun mit dem Quarterium über Terra. Nathaniel Creen
hat seine Erinnerungen zurückerhalten. Er ist der Silberne Ritter Cauthon
Despair. Im nächsten Roman schreibt Roland Triankowski über die
TAKHAL GUD LOOTER. So lautet auch der Titel von DORGON 130
Glossar
Die neue Zeitlinie
Aufgrund der Manipulationen am Moralischen Kode ist eine neue Zeitlinie
entstanden, in der es Perry Rhodan nicht mehr gibt. Den Protagonisten auf
der CASSIOPEIA sind alle Auswirkungen noch nicht gänzlich bekannt.
Wir kennen jedoch folgende Veränderungen:
18. Millionen Jahre: Vernichtung der Hyperraumblase INSHARAM und
damit die Verhinderung der Geburt von ES.
ab 1776: Gezielter Aufbau der Familie de la Siniestros durch Bündnisse
und Finanzen. Don Philippe de la Siniestro wird durch den Zeitfamulus
protegiert.
1966: Perry Rhodan und Reginald Bull sterben im Vietnamkrieg.
Don Philippe de la Siniestro »rettete« die Erde 1971 vor einem
Bürgerkrieg, der die Welt in einem Atombrand zerstört hätte.
Mit Hilfe der gestrandeten Arkoniden unter Thoras und Crests Führung
einte Siniestro die Menschheit und gründete 1972 das Solare Imperium,
welches Grundlage für das Quarterium war.
Bis 1975 wird das Solsystem erforscht und ausgebaut.
1975 begann der heimtückische Angriff der Topsider. Der Topsider-Krieg
dauerte drei Jahre, aus dem das Solare Imperium siegreich hervorging,
jedoch mit Crest einen Freund der Menschheit verlor.
1978 begann die Befreiung Arkons und der Sturz des Robotregenten, der
1982 vollendet wurde.
Thora wird 1983 Imperatrice Arkons und erhält einen Zellaktivator vom
ältesten Freund der Menschheit: Medvecâ.
Der CIP-Chef Werner Niesewitz und Innenminister Reinhard
Katschmarek erhalten zusammen mit Clifford Monterny eine Zelldusche.
Monterny gründet 1985 das legendäre Mutantenkorps der Erde.
1990 wurde der verlorene Kontakt mit den Akonen hergestellt.
Im Jahre 2000 wurde ein Bund der Vier Mächte gegründet: Terraner,
Arkoniden, Akonen und Mehandor – der Bund der Vier.
2030 2042: Der Druuf-Krieg, der mit einem glorreichen Sieg des
Bundes der Vier endet und damit die Verteidigung der Milchstraße vor den
fremden Druuf.
2042 Gründung des Quarterium. Don Philippe de la Siniestro wurde als
Emperador der Beherrscher eines galaktischen Sternenreiches und nahm
Thora da Zoltral zur Ehefrau.
2043 stirbt Thora da Zoltral unter mysteriösen Umständen. Das Schiff
KASTILIEN wird offenbar von Topsidern zerstört. Es folgt ein
Strafkommando des Quarterium, welches die Eroberung von Topsid zur
Folge hat.
2044 wird das arkonidische Imperium gänzlich dem Quarterium
einverleibt. Mit ihm auch Zalit, die Systeme der Mehandor und Pariczaner.
2050: Akon tritt offiziell als Kolonie dem Quarterium bei.
2099: Beginn des hundertjährigen Blues-Krieges.
2199: Ende des Hundertjährigen Blues-Krieges mit dem glorreichen Sieg
des Quarteriums. Ab 2199 werden die Blues im Rahmen der
Artenbestandsregulierung in autonome Friedenszonen in der Milchstraße
umgesiedelt.
Bis zum Jahr 2350 werden so entmilitarisierte Wohlfühl- und Schöne-
Lebens-Bereiche für Blues, Topsider, Naats, Cheborparner, Peepsies und
andere Nichtmenschliche Galaktiker geschaffen.
Beginn des Haluterkrieges 2351. Die Haluter werden entdeckt und
weigern sich, sich dem Quarterium zu beugen. Verheerende Schlachten
werden geführt.
2401: Kontakt mit den Tefrodern. Es kommt zum Tefroder-Krieg
zwischen dem Quarterium und dem Tamanium unter der Führung der
Meister der Insel.
2403: Die Zweitkonditionierten greifen die Milchstraße an.
2404: Allianz der Bestien zwischen Uleb, Zweitkonditionierten und
Halutern. Angriffe auf die Milchstraße und Andromeda folgen.
2405: Die Maahks schlagen sich auf die Seite der Bestien.
2406: Die geheimnisvollen Meister der Insel treten erneut in Erscheinung
und bekämpfen die Bestien in Andromeda.
Friedensvertrag zwischen dem Tamanium und dem Quarterium.
2647: Nach einem langen Krieg wird die letzte Bestie besiegt und
befriedet.
2700: Die Allianz der Lemurer wird verkündet. Das Quarterium
(Milchstraße) und das Tamanium (Andromeda) gelten als die Wiege der
Menschheit und definieren das Ziel, ein Sternenimperium der Lemurer
über viele Galaxien auszudehnen.
2710: Hochzeit zwischen dem Emperador de la Siniestro und Faktor I,
Meghan Mirona Thetin.
Es folgen die glorreichen Jahrhunderte der Expansion und Erforschung
der Lokalen Gruppe.
3161: Vertrag mit Gruelfin und Bündnis mit den Takerer.
3312 – 3320: Schwarm-Krise, die erfolgreich gelöst wird.
3415 – 3591: Der große Krieg gegen das Konzil der Sieben, der mit einem
Sieg des Sternenreiches Lemuria endet.
3501: Gruelfin tritt dem Sternenreich Lemuria bei.
3600: Saggittor tritt dem Sternenreich Lemuria bei.
3731: Bündnis mit dem Sternenreich Dorgon in M100.
3759: Beginn des Virgo-Konfliktes in dem die feindlichen Upanishad aus
der Mächtigkeitsballung ESTARTU Dorgon angreifen.
3822: Sieg über die Upanishad der ESTARTU.
4000: Der Emperador verkündet, dass die Dualität der Kosmotarchen
DORGON & MODROR Staatsreligion im Sternenreich Lemuria wird.
4042: 2000-Jahrfeier des Quarteriums.
4317: Werner Niesewitz wird Opfer der Terrorgruppe »Ritter der Tiefe«
und stirbt.
4318: Allan D. Mercant wird Leiter der CIP.
4555 4913: Sonderaktion THOREGON. Kampf gegen das
verbrecherische Syndikat abtrünniger Superintelligenzen, der mit einem
Sieg über das THOREGON und dessen Auslöschung am PULS endet.
5042: 3000-Jahrfeier des Quarterium
Das Quarterium
In der ursprünglichen Zeitlinie war das Quarterium aus dem Bund der Vier
entstanden (Terraner, Arkoniden, Pariczaner und Bestien). Das Imperium
regierte ab 1303 NGZ über große Bereiche der 500 Millionen Lichtjahre
entfernten Galaxis Cartwheel. Sie wurde regiert vom Emperador Don
Philippe de la Siniestro und den vier Quarteriumsfürsten. Das Quarterium
war von den Auftraggebern (Söhne des Chaos, MODROR) immer dazu
bestimmt, Kriege zu führen. Cartwheel wurde als Gegenpool zur LFT
geschaffen, und so kam es ab 1307 NGZ auch zum offenen Krieg.
In der neuen Zeitlinie wurde das Quarterium anstatt dem Solaren
Imperium viel früher gegründet. Der Emperador de la Siniestro war seit
1971 Herrscher über Terra und nahm den Platz von Perry Rhodan ein.
Im Jahre 5633 erstreckt sich das Quarterium zusammen mit dem
Tamanium aus Andromeda über die gesamte Lokale Gruppe.
Die Raumflotte des Quarteriums setzt sich aus diversen Klassen der
Supremo-Raumer zusammen.
Philippe Alfonso Jaime de la Siniestro
Der Terraner Philippe Alfonso Jaime de la Siniestro war in der bekannten
Zeitlinie von 1303 NGZ bis mindestens 1332 NGZ Emperador des
Quarterium in der Galaxis Cartwheel. Er wurde am 13.01.1761 a.D. in
Spanien als Sohn eines reichen Marquese geboren. In der alten Zeitlinie
lebte de la Siniestro als grausamer Herrscher und verbrachte den
Lebensabend allein und verbittert, als er von Außerirdischen als
Forschungsobjekt entführt wurde und erst 1291 NGZ wieder entdeckt
wurde. De la Siniestro gewöhnte sich schnell in der neue Zeit ein und
gehörte zu den Pionieren in Cartwheel, wo er eine politische Laufbahn
einschlug. Doch aufgrund seines fortgeschrittenen Alters drohte er zu
sterben. Da bot ihm MODROR durch den Sohn des Chaos einen
Zellaktivator an. De la Siniestro nahm das Angebot an und schlug sich auf
die Seite des Kosmotarchen. Er gründete den Bund der Vier, aus dem dann
das Quarterium hervorging.
In der neuen Zeitlinie nach dem Zeitchaos änderte sich das Schicksal de la
Siniestro jedoch bereits ab dem Jahre 1776 a.D. als seinem Vater bereits ein
Bündnis mit dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf, den Hohenzollern,
Habsburgern und Romanovs vorgeschlagen wurde. Er wurde in Sachen
Staatskunst und Diplomatie von klugen Köpfen ausgebildet und stand stets
unter Beobachtung des Zeitfamulus.
Er erhielt 1800 im Altervon 39 Jahren einen Zellaktivator und agierte
mittels der modernen Technologie des Zeitfamulus bis 1971 im
Verborgenen. De la Siniestro reifte zu einem intelligenten, besonnenen und
dennoch machthungrigen Terraner heran. Im Jahre 1971 erntete er die
Früchte der Arbeit und nahm den ersten Mondflug und die Entdeckung der
Arkoniden auf der AETRON als Anlass der Machtergreifung und
Vereinigung des Planeten unter einer Regierung. In den folgenden Jahren
gründete de la Siniestro das Quarterium und regiert auch im Jahre 5633, als
das Zeitchaos beendet ist.
Cauthon Despair
Cauthon Despair wurde im Jahre 1264 NGZ auf einer terranischen Kolonie
geboren. Der Silberne Ritter Cauthon Despair war ein Sohn des Chaos im
Dienst des Kosmotarchen MODROR und als Quarteriums-Marschall
oberster Befehlshaber des Militärs des Quarteriums. Despair war
Zellaktivatorträger. Der voller Hass, Einsamkeit und Zweifel zerrissenen
Despair wird oft als ein negatives Gegenstück zu Perry Rhodan gesehen.
Es gibt keinen Despair in der neuen Zeitlinie, aber der Despair aus der
erloschenen Zeitlinie hat als Nathaniel Creen das Zeitchaos überstanden.
Sein Gedächtnis war durch den Schleier der Lethe getrübt und er erinnerte
sich nicht an sein Leben als Silberner Ritter. Als Kopfgeldjäger Nathaniel
Creen schloss er sich als der CACC an, unwissend wer er war und dass er
eine Kosmogene Chronik bei sich trug.
Es bleibt ein Geheimnis, was Despair zwischen den Jahren 1308 NGZ und
2033 NGZ erlebt hatte. Es ist aber offensichtlich, dass der Silberne Ritter in
der Tiefe des Chaos verweilte.
Impressum
Die DORGON-Serie ist eine Publikation der
PERRY RHODAN-FanZentrale e. V., Rastatt (Amtsgericht Mannheim, VR
520740 )
vertreten durch Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf
www.dorgon.net
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Raimund Peter
Innenillustrationen: Gaby Hylla, Stefan Wepil, Roland Wolf
Lektorat: Arndt Büssing
Korrektorat: Arndt Büssing und Jens Hirseland
Redaktion & Layout: Burkhard Lieverkus
Sofern nicht anders vermerkt, bedarf die Vervielfältigung, Verbreitung und-
öffentliche Wiedergabe der schriftlichen Genehmigung der Rechteinhaber.
Perry Rhodan®, Atlan®, Icho Tolot®, Reginald Bull® und Gucky® sind
eingetragene Marken der Heinrich Bauer Verlag KG, Hamburg.