Band 129
Zeit für das Quarterium
Das Zeitchaos endet mit dem neuen Quarteriu
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Raimund Peter
Innenillustrationen: Gaby Hylla, Stefan Wepil, Roland Wolf
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Don Philippe de la Siniestro
Der spanische Monarch wird zur wichtigsten Person der Menschheit
Olaf Peterson
Der Reporter flieht im Jahre 1971 auf die Azoren und erkennt seine
echte Identität
Nathaniel Creen
Der Rhodanjäger findet ebenso seine wahre Identität heraus
Aurec
Der Saggittone trifft 1793 auf Don Philippe de la Siniestro
Gustav Adolph Larsen, Björn Lessing, Tenzing
Der Zeitfamulus
Was bisher geschah
Das Zeitchaos ist ausgebrochen. Die uns bekannte Zeitlinie ist
erloschen, und eine neue Zeit formt sich ohne Perry Rhodan. Die
Dualität der Kosmotarchen – MODROR und DORGON gelten als
Initiatoren eines diabolischen Plans zur Neuprogrammierung des
Moralischen Codes.
Gucky und eine Handvoll Überlebender befinden sich auf der
CASSIOPEIA, welche von der geheimnisvollen Positronik
ENGUYN gesteuert wird.
Sie entdecken die Tiefe des Chaos, einen interdimensionalen Raum,
der wohl ein Schlüssel zum Plan der Kosmotarchen ist. Eine
geheime Organisation, die Loge des Kosmos, ist in den Zeiten
gestrandet und muss den Weg zur CASSIOPEIA finden.
Der Rhodanjäger Nathaniel Creen durch streift mehrere Zeitlinien,
die alle mit dem Untergang der Menschheit enden.
Der Zeitfamulus, eine Art Zeitberater der Kosmotarchen, bereitet
derweil die neue Zeitlinie vor. Denn, es ist ZEIT FÜR DAS
QUARTERIUM …
Prolog
Vor 18 Millionen von Jahren …
Ein Schwarm Evoesa bewegte sich filigran durch einen Dimensionstunnel
im Hyperraum. Die Evoesa waren friedfertig, bestanden aus Psi-Materie
und erinnerten an eine blau leuchtende, gallertartige Seehkuh. Sie waren die
Bewohner und Hüter von INSHARAM, der Brutstätte von
Superintelligenzen.
Die STERNENMEER raste durch den grauen Dimensionstunnel und
kreuzte ihren Pfad und bahnte sich mitten durch sie hindurch einen Weg.
Nistant stand in der Kommandozentrale des großen Raumschiffes,
welches zum Teil organisch war. Die Vyr schwebten in ihrer Erscheinung
als goldene Energiekugel der Zentrale und bedienten die Kontrollen. Die
Vyr bildeten die Besatzung des uralten Raumschiffes, es waren
Energiewesen aus dem Ridyeron. Der Kommandant Tashree nahm seine
ursprüngliche Form als Harekuul an, die halb Mensch und halb Pferd
waren. Auch die Harekuul waren ein Volk aus dem Rideryon. Und Tashree
gehörte seit 700 Jahren zur Besatzung der STERNENMEER. Nach seinem
natürlichen Tode wurde er ein Vyr und es hieß seine Seele ist an die
STERNENMEER gebunden.
Nistant betrachtete die bläulich wabernde Energie am Ende des Tunnels.
Dort lag INSHARAM, eine Hyperraumblase aus Psi-Materie.
Ultrahochfrequente Energie aus dem Hyperraum diffundierte unablässig
durch die Hülle ins Innere von INSHARAM. Diese herzförmige Blase lag
in der Tiefe und war mit 15 Dimensionstunneln verbunden.
INSHARAM war eine Brutstätte für Superintelligenz. Die Wesen, wie die
Evoesa, die in INSHARAM wohnen waren für Nistant reines Brutmaterial
und vergänglich, sie lebten nur zum Zweck als Rohstoff für eine
Supterintelligenz.
INSHARAM wurde zwar von Evoesa und von manch anderen Wesen
bewohnt, welche für die Transformation zu einer Superintelligenz
notwendig waren, doch Nistant sah in ihnen nur Brutmaterial.
INSHARAM war durchaus faszinierend und ein kosmisches Wunder
sogar. Diese geballte psionische Energie war wie ein köstliches Mahl für
eine Superintelligenz, reichhaltig an Nährstoffe und Vitaminen, konnte man
so sagen.
Die Eveosa begrüßten Nistant telepathisch. Er spürte ihr Misstrauen.
Weshalb sei er mit so einem Raumschiff zurückgekehrt? Nistant hatte
INSHARAM schon vorher besucht, die Schwachstellen analysiert,
Zwietracht unter den Bewohnern gesät und sich auf diesen Moment
vorbereitet.
Es folgten Fragen, wo die Psi-Materie der Superintelligenz sei?
Die STERNENMEER drang weiter vor und Nistant spürte die Unruhe der
Wesen.
Sie erkannten die STERNENMEER als Bedrohung.
»Die Eveosa attackieren die Außenhülle der STERNENMEER«, meldete
Tashree. Der Zentaur wirkte besorgt. Nistant jedoch betrachtete die
Anzeigen auf dem Display der Konsole entspannt. Es würde Stunden
dauern, ehe die Angriffe der Hüter von INSHARAM den Schutzschirm der
STERNENMEER in Mitleidenschaft ziehen würde. Psi-Materie konnte
bereits in kleinsten Mengen großen Schaden anrichten. Doch ihr
Schutzschirm war stark, die Technologie der STERNENMEER über
Millionen Jahre gereift und von den fähigsten, mehrdimensional denkenden
Wesen entwickelt und verfeinert. Allerdings war die Strahlung von Psi-
Materie für die Vyr eine Belastung, wenn sie oberhalb des UHF-Bereichs
lag. Ein wenig länger würden die Besatzung es jedoch noch aushalten.
»Wir haben Zeit, Tashree! Genießen wir den Ausblick.«
Der Zentaur trat neben Nistant. Beide beobachteten das blau leuchtende
Meer an Psi-Energie und die transparenten Eveosa.
»Es heißt, der Kosmokrat Taurec hätte INSHARAM installiert. Wenn wir
den weit verbreiteten Mythos von Himmel und Hölle in Betracht ziehen, so
entstehen hier die Engel, die Superintelligenzen. Mächtige Wesen, die
jedoch keine Götter sind. Nun, wenn das hier der Himmel war, wie sah
denn die Hölle aus? In INSHARAM wurden auch negative
Superintelligenzen geboren, denn ihr Werdegang wurde erst später klar.«,
sinnierte Nistant.
»Zukünftig würde es nur DORGON und MODROR geben. Brauchen wir
überhaupt noch diese Engel?«
»Das Universum ist gigantisch. Die Dualität der Kosmotarchen wird
mächtige Diener benötigen, um Ordnung und Chaos in den Galaxien und
Dimensionen aufrecht zu erhalten«, riet Tashree.
Nistant würde den Vorschlag in Betracht ziehen. Jedoch war INSHARAM
eine besondere Brutstätte.
»Die Superintelligenz ES wird hier in Kürze entstehen. Wir befinden uns
in einer Zeit, in der die Ankunft der SOL kurz bevorsteht.«
Es kam Nistant so vor, als würde er einen transparenten Schmetterling in
INSHARAM sehen, der vor der STERNENMEER flatterte. War das nur
seine Phantasie oder ein Echo von ESTARTU? Möglicherweise eine
Warnung oder ein Appell.
Die Evoesa verstärkten ihre Präsenz um die STERNENMEER herum. Sie
erzeugten Hochspannung und lenkten diese Energie in Form von
Stromstößen an die STERNENMEER weiter. Die Angriffe nahmen zu.
Nistant fühlte ihre Angst.
Er lehnte sich an das Geländer des übergeordneten Bereichs der
Kommandozentrale. Von dort blickte er auf die Steuerkonsolen hinab, an
denen die Vyr ihre Arbeit verrichteten, und vor sich auf den breiten
Bildschirm, auf dem das blaue Wabern der Psi-Energie in INSHARAM
angezeigt wurde.
INSHARAM war ein elitärer Ort für auserwählte Superintelligenzen.
Dieses Gebilde passte zur Arroganz des Kosmokraten Taurec. Und doch
war die Verteidigungsfähigkeit überraschend schwach und die Evoesa für
die STERNENMEER keine Gefahr.
»Kapitän Tashree, aktivieren Sie die Waffensysteme«, lautete der Befehl
von Nistant.
Das Universum musste sich von seinen alten Gesetzen und Traditionen
verabschieden. Der Standesdünkel der sogenannten Hohen Mächte war im
Begriff unterzugehen. INSHARAM war ein Teil davon. Es war nur ein
kleiner Teil, doch seine Bedeutung für die Existenz der Terraner war groß.
Mit diesem Volk hatte Nistant andere Pläne.
»Feuer«, sagte er mit fester Stimme.
Die Psi-Materie in INSHARAM war entzündlich. Die STERNENMEER
feuerte – und die Flüssigkeit in der Blase ging umgehend in Flammen auf.
Das Gemisch explodierte und löste eine Kettenreaktion aus, welche die
Außenhülle zerfetzte. Die Evoesa und alle Energien wurde in den
Hyperraum gerissen. INSHARAM verwehte im Hyperraum, und die
Verbindung zu den Dimensionstunneln brach einfach zusammen. Nur noch
die STERNENMEER blieb übrig.
Nistant blickte zufrieden auf die letzten Fragmente der
mehrdimensionalen Apokalypse. ES würde nun nicht mehr entstehen – und
würde daher niemals Atlan, Perry Rhodan und die Menschheit protegieren
können. Das Geflecht der Zeit war dennoch fragil, für eine Weile musste es
einen Ersatz für ES geben, damit die Terraner ihren Weg nehmen würden.
Das würde der Zeitfamulus regeln. Doch Nistant hatte eine ernsthafte
Bedrohung für die Dualität der Kosmotarchen ausgeschaltet.
Die neue Zeitlinie war einen großen Schritt weiter gegangen in Richtung
Vollendung.
Kapitel 1 – Der Don aus Spanien
17. Mai 1793 – Eutin
Die Katze hatte die Beute fest im Blick. Die kleine Feldmaus schnüffelte
hektisch über den sandigen Boden, in der Hoffnung, etwas Nahrhaftes zu
finden. Die Katze lauerte, fuhr die Krallen und begab sich in
Sprungposition. Nur die Maus existierte für sie. Sie war eine Jägerin und
bereit, ihr Opfer zu greifen. Jetzt sprang sie – und geriet unter die Räder
einer heranrasenden Kutsche. Die metallbeschlagenen Holzräder zerbrachen
ihr Genick, und die Maus eilte unversehrt in ihr Loch zurück.
Der Passagier in der Kutsche machte einen kleinen Satz nach oben und
blickte sein Gegenüber ob der unangenehmen Fahrt grimmig an.
»Die Straßen dieses Herzogtums sind holprig. Mein Gesäß und mein
Rücken schmerzen von dieser Fahrt, Fernando«, sprach Don Philippe
Alfonso Jaime de la Siniestro zu seinem Kammerdiener.
»Eine Zumutung, eure Durchlaucht«, bestätigte der Diener demütig, denn
er wusste, dass Widerworte eine Strafe zur Folge hatte.
De la Siniestro betrachtete seine Kleidung und prüfte streng, ob sie sauber
und ordentlich war. Immerhin musste er vor dem Administrator des
Herzogtums Oldenburg und dem Fürstbischof von Lübeck einen guten
Eindruck hinterlassen. Und nicht nur vor dem, denn Fernando wusste nur zu
gut, dass de la Siniestro immer der am besten gekleidete Adelige sein
musste.
Der Kammerdiener prüfte also ebenfalls sehr genau, ob die Kleidung der
Hoheit angemessen war. Des Herren Jacke war rot mit goldenen
Verzierungen. Das Rüschenhemd strahlte in edlem weiß. Darüber die
zugeknüpfte Brokatwese. Über dem Oberteil war eine Schärpe mit
goldenem Untergrund und vier roten Streifen drapiert. Sie symbolisierte
Senyera, die stolze Region, in der auch das Fürstentum Siniestro lag. Die
schwarze Hose wurde von weißen Strümpfen ab dem Knie überdeckt. Die
Füße steckten in schwarzen Lackschuhen mit einer goldenen Schnalle.
Angemessen elegant, stellte Fernando zufrieden fest. Sogar das braune Haar
des Don lag penibel genau unter einer grauen Perücke.
»Wir waren bereits in unsere Jugend an dieser gottlosen Stätte«, erklärte
de la Siniestro und Fernando tat so, als hätte er die Geschichte nicht schon
mehrfach gehört.
»Sie ist gottlos, weil sie nicht dem Heiligen Vater in Rom dient, Su
Excelencia?«
»Gewiss doch, du Tor! Diese Protestanten und Aufklärungsphilosophen
haben die Traditionen geschwächt und Unsitte und Häresie gestärkt. Es ist
ja inzwischen selbst bei uns verpönt, die peinliche Befragung bei Ketzern
anzuwenden. Hier war das noch viel schlimmer.« Er winkte ab und blickte
verkniffen aus dem Fenster der Kutsche.
»Es geschah im Jahre 1615 des Herren«, erklärte er. »Der finstere Hans
Klindt verhexte den braven Bürgermeister Thomas Bahr, so dass dieser an
einer geheimnisvollen Krankheit litt. Der Mob erwies sich als antizipiert
und entlarvte Bahr schnell. Es hieß, dessen Frau war bereits als Hexe
verbrannt worden. So wurde der Dämon der gerechten Folter übergeben,
doch gestärkt durch den Leibhaftigen war er leider nicht geständig. Erst
spät folgte das Geständnis, was er widerrief. Trotz der Bestätigung durch
Klindt, sprach der Rat von Eutin ihn frei. Sollte man sich das vorstellen?
Eine bodenlose Beleidigung der heiligen Kirche und ihre bewährten
Praktiken. Der Pöbel bewies jedoch in diesem Fall einen frommen Sinn und
erwürgte den Klindt, um für göttliche Gerechtigkeit zu sorgen.«
»Ihr seid allwissend, Herr!«
Fernandos Lob zauberte ein kurzes Lächeln auf die schmalen Lippen des
Marqués.
Die Kutsche erreichte das Lübsche Tor und ein Landreuter ritt auf sie zu.
Der Fahrer stoppte die Pferde, während der Polizeidiener sich nach der
Fracht und dem Grund ihres Aufenthaltes erkundigte. Eine Zumutung, fand
De la Siniestro. Er lehnte sich aus dem Fenster und klopfte mit seinem
Zierdestock gegen die hölzerne Außenverkleidung.
Der Reiter drehte den Kopf und trabte mit dem Pferd zum Fenster. Er
tippte mit dem Finger an seinen Hut.
»So wird er uns seinen Namen verraten?«, sprach de la Siniestro scharf.
»Landreuter Jürgens, Hoheit.«
»Und ist es des Landreuters Dienst, Reisende von großer Wichtigkeit für
diese Provinzstadt aufzuhalten. Oder weshalb steht er im Sold des
Administrators und Fürstbischofs?«
Jürgens räusperte sich verlegen.
»Es ist des Landreuters Aufgabe für Sicherheit zu sorgen.«
»Und wirken wir in unserer prachtvollen Kutsche, welche mehr gekostet
hat, als er in seinem Leben besitzen wird, wie eine Gefahr für die Stadt
Eutin?«
Der Polizeidiener lachte.
»Nein, wahrlich nicht, Hoheit!«
De la Siniestro blickte Landreuter Jürgens ernst an und fragte: »Weshalb
wagt er es dann, unsere kostbare Zeit zu stehlen?«
Das Lächeln des Eutiners gefror. Er verneigte sich und ließ die Kutsche
passieren.
Fernando erlebte solche Ereignisse tagtäglich. Sein Herr musste jeden auf
dessen Macht und Bedeutung aufmerksam machen und benahm sich wie
ein desgraciado. Der Marqués empfand Freude daran, andere Menschen zu
demütigen. Manchmal erfreute sich Fernando sogar ob der Bösartigkeit
seines Herren, denn sie war voller Sarkasmus und Zynismus. Vielleicht war
er selber auch schon viel zu lange in den Diensten des Herren. Immerhin
betreute er Philippe seit 20 Jahren. In dieser Zeit waren andere
Kammerdiener in seinen Diensten den Freitod gestorben, anstatt unter ihm
weiter dienen zu wollen.
Die Kutsche setzte ihren Weg fort.
»Schneller«, rief de la Siniestro seinem Fahrer zu, und die Pferde
galoppierten durch die Straßen von Eutin. Die Passanten mussten zur Seite
springen und riefen ihnen wütend hinterher. Fernando wusste, dass das de la
Siniestro nicht kümmerte.
Die Kutsche erreichte das Tor zum Vorplatz Eutiner des Schlosses. Ob es
de la Siniestro nun grämte oder nicht, doch die Wachen des Administrators
des Herzogtums Oldenburg, dem Fürstbischof von Lübeck Peter Friedrich
Ludwig, kontrollierten die Besucher erneut. Erwartungsgemäß wurden sie
durchgewunken und erreichten den Vorplatz des Anwesens. Vier Soldaten
in roter Tracht marschierten mit angelegten Musketen die Brücke über den
Schlossgraben entlang und eskortierten den Kammerdiener Gustav Larsen,
der sich in ihrer Mitte befand. Die Soldaten salutierten mit der rechten Hand
und stellten sich mit den Säbeln in der linken Hand in Reihe auf.
De la Siniestro räusperte sich. Eilig öffnete Fernando die Kutschentür und
stieg aus, um umgehend das kleine Treppchen aufzuklappen. Langsam und
würdevoll entstieg der Edelmann aus Spanien der Kutsche.
Gustav Larsen trug einen roten Justaucorps, eine lange, taillierte Jacke.
Der Mantel reichte bis zum Knie und war mit goldenen Mustern reichlich
verziert. Larsen breitete die Arme aus.
»Herzlich willkommen Marquês Don Philippe Alfonso Jaime de la
Siniestro. Herzlich willkommen in der Residenz des Administrators von
Oldenburg und Fürstbischofs von Lübeck. Im Namen des Regenten des
Fürstentums Oldenburg und Fürstbistums Lübeck, Friedrich Peter Ludwig,
heiße ich eure Hoheit willkommen.«
De la Siniestro blickte ihn mürrisch an, hob sein Stöckchen zum Gruß und
schritt die zwei Stufen herunter. Dynamisch machte er einen Satz auf den
gepflasterten Boden. Gelangweilt betrachtete der Marquês den Vorplatz des
Schlosses.
»Wie ich sehe, hat sich seit meiner letzten Visite wenig verändert«, stellte
er er.
»Die Personen wechselten jedoch seit 1776, Eure Durchlaucht!«
»Hm, der alte Friedrich August ist tot, wie mi viejo. Der Behinderte wurde
demnach nicht Herzog und schmort immer noch in seiner
Luxusirrenanstalt?«
»Wenn ihr damit auf den Herzog Peter Friedrich Wilhelm anspielt, Herr,
so ist er formell Herzog von Oldenburg, weshalb auch Peter nicht diesen
Titel trägt. Nennen Sie es familiären Respekt. Der Herzog verweilt für den
Rest seines irdischen Daseins im Schloss Plön. Es ist lieblich dort.«
»Das kümmert uns überhaupt nicht, ob der Schwachsinnige dort haust
oder nicht. Euer Administrator erscheint uns doch recht sentimental.«
Zwei Kinder liefen in Begleitung von Kammerdienern aus dem Innenhof
über die Brücke auf sie zu.
»Oh«, machte Gustav Larsen. »Dies sind die Kronprinzen August und
Georg. Kommt her, eure Hoheiten und zeigt dem Herren von Siniestro eure
Gesangskünste. Los.«
Larsen winkte die beiden herbei, die nun neun Jahre alt waren. Der
jüngere der beiden Brüder war Georg, der erst kürzlich seinen Geburtstag
gefeiert hatte. Augusts zehnter Ehrentag lag im Juni. Die zwei
pausbäckigen Miniaturausgaben eines Edelmanns stellten sich
nebeneinander auf, während Gustav Larsen grinsen dirigierte.
Sie sangen ein wenig erquickendes Liedchen für einen Aristokraten.
Le député Guillotin
Dans la médecine
Très expert et très malin
Fit une machine
Pour purger le corps français
De tous les gens à projets
C’est la guillotine, ô gué
C’est la guillotine
De la Siniestro war ein Vertreter des Hochadels und keineswegs erbaut über
den Abgeordneten Guillotine. Der Text aus der französischen Revolution
war einer Melodie eines älteren französischen Volkslieds zugedichtet
worden und drückte den Hass auf das Ancient Regime und damit den
gesamten Adel aus. König Louis der XVI. war im Januar diesen Jahres
Opfer der Guillotine geworden, während dessen Gemahlin Marie Antoinette
noch in den Pariser Kerkern ihr Dasein fristete. Die neue Republik war ein
Affront gegen den Adel. Nein, es war eine sogar eine Kampfansage. Umso
mehr wunderte es Fernando, dass die Kronprinzen ausgerechnet diese
brutalen Verse mit der heiteren Musik vortrugen. Vielleicht bewies Larsen
damit auch einen Zynismus über die Rolle des Marqués de la Siniestro.
Um den Verrat zu bestrafen
Den großen Diebstahl
Diese Wappennarren
Diese Leute, man erratet welche
Für diese haben wir sie gemacht
Sie, deren Wirkung wir kennen
Das ist die Guillotine, hurra
Das ist die Guillotine
Durch das Anzetteln
Der meuterischen Horde
Holte man sich ohne daran zu denken
Furchtbare Kopfschmerzen
Um diese Herren zu heilen
Werden wir sie eines Tages führen
Zu der Guillotine, hurra
Zu der Guillotine
Von Frankreich aus haben wir gejagt
Das noble Gesindel
Haben alle wegrasiert, zerschlagen
Und alle ruiniert
Aber die Noblen sind vorbereitet
Mit durchtrenntem Hals zu sterben
Durch die Guillotine, hurra
Durch die Guillotine
Die Herren, die noblen Meuterer
Jene die sich abschinden
Leiden unter vergeblichen Bemühungen
Dem inneren Krieg
Wenn wir euch ernst nehmen
Werdet ihr sehr nobel sterben
Auf der Guillotine, hurra
Auf der Guillotine
Der Zehnte bescherte uns
Weitere Arbeit
Verräter gibt es reichlich
Es ist schlimmer als eine Pest
Wir wollen es nicht verfehlen
Ohne Ausnahmen zu bestrafen
Die Maschine bleibt, hurra
Die Maschine bleibt
Fernando klatschte ob der Darbietung der Kinder und erntete dafür einen
finsteren, tadelnden Blick seines Herren.
»Nun denn«, begann der Marqués de la Siniestro. »Der hoheitliche
Administrator wünscht uns sicher zu empfangen?«
»Gewiss, eure Hoheit!«
Fernando folgte Gustav Larsen und seinem Herrn de la Siniestro mit
gebührendem Abstand, jedoch immer noch in Hörweite.
»Ich fand dieses Lied doch ganz amüsant«, gestand Larsen.
»Soll das eine Andeutung sein, dass wir alle von Gottes Gnaden
auserwählten Edelmänner unter dem Fallbeil enden sollen?«, wollte de la
Siniestro wissen, während sie den Innenhof des Schlosses betraten.
Fernando sah sich um. Die Wände waren gelb gestrichen und
kontrastierten zu der mit rotem Backstein verputzten Außenmauer. Im
Zentrum stand ein Brunnen. Zur rechten Hand ging es in das Hauptgebäude.
Sie durchschritten einen Korridor und hielten sich rechtsseitig, um in den
Garten zu gelangen. Dort war eine Vielzahl an Gärtnern dabei, den
barocken Garten umzugestalten, Hecken und Statuen abzutragen und neue
Bäume zu pflanzen. De la Siniestro stoppte auf der Terrasse.
»Wir hatten keine Baustelle erwartet und sind äußert verwundert über die
Art der Gastbewirtung«, sagte er echauffiert.
»Nun, auch das Schloss von Eutin befindet sich im Wandel der Zeit. Dem
Administrator schien ein englischer Garten zeitgemäß. Immerhin verweilte
er einigen Jahre in London. Die Ära das Barock ist zu Ende«, erklärte
Larsen.
»Nun und wer an ihr festhält, der wird einen Kopf kürzer gemacht?«
Larsen lachte grunzend.
»Verstehen Sie es so, eure Hoheit, dass ein mächtiger Mann klug genug
sein sollte, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Besonders wenn die Macht
nicht gefestigt ist. In Frankreich waren die Bürger der Arroganz und
Dreistigkeit des Königs und des Adels satt. Die Aufklärung und die Sturm
und Drang Zeit hat die Geister des Pöbels berührt. Die Bereitschaft, für
einen König zu leiden und zu sterben, hat abgenommen. Gerade die
Selbstgefälligkeit des Adels hat zu ihrer eigenen Verachtung geführt.«
»Niemand verachtet uns. Unsere Diener lieben uns und die Ländereien der
de la Siniestros, auf denen sie leben und arbeiten dürfen. Ist es nicht so,
Fernando?«
De la Siniestro drehte sich zu seinem Diener um. Dieser verbeugte sich
unterwürfig.
»Natürlich, Herr. Alle lieben Euch. Ich liebe Euch.«
De la Siniestro blickte Larsen selbstgefällig, so als wolle er Habe ich es
nicht gesagt? sagen. Was er natürlich nicht nötig hatte.
Larsen machte eine ablehnende Geste.
»Euer Fernando hat Angst vor der Peitsche. Deshalb spricht er
wohlwollend.«
De la Siniestro blickte den aufmüpfigen Kammerdiener seltsam an. Es
wunderte auch Fernando, dass der Herr diesem Diener solch Unflätigkeit
durchgehen ließ.
»Weshalb erzählt er mir das?«, wollte de la Siniestro wissen.
»Ich handle im Auftrag des Fürsten. Euer Vater und Ihr erhieltet in den
letzten 17 Jahren stattlichen Summen, um Euch zu fördern. Und doch müsst
Ihr noch viel lernen. Speziell die Kunst der Diplomatie und ein
Fingerspitzengefühl sind notwendig, um Eure Aufgaben zu erfüllen. Doch
dazu später, lassen wir die Durchlaucht nicht länger warten.«
Fernando betrat mit gebührendem Abstand den Audienzsaal. Es war kühl
im Raum. Das lag jedoch nicht an der Temperatur, sondern dem Herzog
selber. Es war eine emotionale Kälte, die er ausstrahlte. Der Administrator
des Herzogtums Oldenburg und der Fürstbischof von Lübeck saß auf einem
der zwei Throne, die auf einem kleinen Podest standen und verzog keine
Miene, als Gustav Larsen den Marqués de la Siniestro vorstellte.
Peter Friedrich Ludwig hatte ein würdevolles Gesicht, einen schmalen
Mund und eine charakteristische Nase. Er trug einen dunkelblauen
Justaucorps. An der Brust hing ein Orden in Form eines Kreuzes. Er war
geschmackvoll gekleidet. Das weiße hochgebundene Halstuch deutete die
hohe Stellung an. Die gelben Hosen bildeten ein Kontrast zu seinem
dunklen Mantel. Sein Gesichtsausdruck wirkte ruhig und abgeklärt, fast
distanziert, als ob er mit kühler Überlegenheit die politischen und
gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit beobachtete. Seine leicht
gepuderten Haare, die akkurat frisiert waren, zeugten ebenfalls von einer
gewissen formellen Eleganz.
»Willkommen, Hoheit«, sprach Peter Friedrich Ludwig.
De la Siniestro vollzog eine Verbeugung.
»Vielen Dank, Hoheit.«
Dann lachte er.
»Der Raum ist gefüllt mit Hoheiten. Das ist nach meinem Geschmack.«
»Seit mein Gast, solange es euch beliebt«, erklärte Peter emotionslos. Er
wirkte auf Fernando, als sei er ein trauriger Fürst, so als ob ihm etwas
genommen wurde und er damit jede Freude und jegliches Glück der Welt
verloren hatte.
Fernando erinnerte sich, dass die Gattin des designierten Herzogs vor acht
Jahren in den Hallen dieses Schlosses verstorben war. Offenbar war dies der
Grund für den Gram des designierten Herzogs.
»Es war die Hoffnung des Fürsten, dass eure Hoheit den Marqués de la
Siniestro in die Kunst der Diplomatie und der Staatsführung unterweisen
könnt und dabei etwas von eurem Fundus an Erfahrungen aus St. Petersburg
und London preisgebt«, sagte Larsen.
Peter Friedrich Ludwig zog die Augenbraue hoch.
»Geben die meuchelnden Taten der Franzosen zu denken?«
»Nun …«, begann de la Siniestro, dann hielt er inne und blickte Gustav
Larsen an. Nach der kurzen Pause fuhr de la Siniestro fort: »Die
Hinrichtung von Louis dem Sechzehnten ist frevelhaft und unentschuldbar.
Dennoch will ich mich für mein kleines Fürstentum bemühen, ein gerechter
Herrscher zu werden, da ich nun das Erbe meines verstorbenen Vaters
ausübe. Unsere Häuser stehen seit 1776 in guter Verbindung. Ihr seid ein
Mündel von Katharina der Großen. Eure Schwester ist mit dem einem Sohn
des zukünftigen Zaren verheiratet, und Ihr unterhieltet in London Kontakt
zu Georg dem Dritten. Eure Expertise dürfte de la Siniestro weiterhelfen in
dieser turbulenten Zeit.«
Fernando war von seinem Herrn überrascht. Sonst war er nicht so
diplomatisch. Zweifelsfrei war Philippe intelligenter und weltmännischer
als dessen Vater Vicente es gewesen war, doch er war arrogant und
unmenschlich zugleich.
»Gustav, zeigt dem Don aus Spanien sein Gemach. Nehmt den Gelben
Salon. Ich erwarte euch, de la Siniestro, zu späterer Stunde zu einem
Spaziergang im Garten. Guten Tag!«
Larsen führte de la Siniestro und Fernando in das gelbe Zimmer. Wie es
der Name versprach, war er in gelb gehalten. Die Polsterung der Stühle und
des Sofas waren gelb, und selbst die Seidendraperien waren gelb. An der
Wand stand ein großer, nussbaumfurnierter Schrank mit drei goldenen
Beschlägen an den Türen. Eine Tür führte in das Schlafgemach des Dons.
Fernando würde dann auf der Couch seine Nachtruhe finden. So nobel hatte
er es auf dem alten Schloss von Siniestro nicht.
»Der Fürst wird in den nächsten Tagen eintreffen. Seid gierig an
Ratschlägen und Gedanken des Fürstbischofs von Lübeck«, sagte Gustav
Larsen. »Oh, und natürlich wartet auf Euch im Salon Speis und Trank.
Zartes Fasanenfleisch von unserer Insel, bestes Gemüse aus dem
Küchengarten und edler Wein.«
Larsen verneigte sich und schloss die Tür von außen.
»Fernando«, rief de la Siniestro. Der Diener eilte in das Schlafgemach.
»Vor dem Essen müssen wir uns erleichtern.« Der Herr hob die Arme.
Fernando verstand. Aus dem Gepäck holte er einen Eimer, eilte zurück und
öffnete die Hose des Herren, damit dieser sich in den Eimer entleeren
konnte.
Ein deftiger Rülpser bedeutete, dass der Herr de la Siniestro fertig war mit
dem Speis. Er hatte einen Fasan allein gegessen, das Gemüse liegen
gelassen und stattdessen eine Flasche Riesling getrunken. Er klatschte mit
den Händen auf den Bauch.
»Zeit für einen Verdauungsspaziergang. Folge mir Fernando. Und nimm
den Eimer mit, es kann sein, dass der Wein den Weg zur Natur sucht.«
Fernando verbeugte sich.
Ein Diener geleitete sie zur ausladenden Terrasse. Die Grünanlage war
eine Mischung aus einem barocken und unvollendeten, weitläufigen
englischen Garten. Von der linken Hand aus gesehen kam Peter Friedrich
Ludwig heran. Er trug eine dunklen Redingnote und hatte die Arme hinter
dem Rücken verschränkt.
De la Siniestro ging die wenigen Stufen herab, ging die Brücke über den
Teich entlang und wandte sich nach Links. Der Herrscher über Oldenburg,
Eutin und Lübeck kam ein paar Schritte auf de la Siniestro zu. Fernando
hielt Abstand und trug brav den Eimer.
»Gehen wir die Lindenallee entlang. Sie ist eine sehr schöne Passage in
unserem Garten«, beschloss Peter Friedrich Ludwig.
Der Weg führte am Eutiner See vorbei und war, wie es bereits der Name
verriet, zu jeder Seite von Linden umgeben.
»Euch ist bekannt, dass Preußen und Österreich eine Koalition gebildet
haben und gegen Frankreich Feldzug führen?«, fragte Peter Friedrich
Ludwig.
»Wohl an, und durchaus berechtigt nach dem Morde an dem König der
Franzosen. Erwägt auch ihr euch der Koalition anzuschließen?«
»Nein, um Herrgotts Willen, nein. Wir haben weder die finanziellen Mittel
noch ein Heer. Es ist mein Bestreben, mein Herzogtum aus dem Krieg
herauszuhalten.«
Don Philippe de la Siniestro und sein Diener Fernando. © Roland Wulf
»Weshalb wollt ihr das?«
Peter warf de la Siniestro einen verständnislosen Blick an.
»Um das Leben und das Wohl meiner Bürger zu schützen.«
»Untertanen sind dazu da, zu dienen und wenn nötig, zu sterben. Ich
verstehe eure moralischen Aspekte nicht.«
Peter atmete tief durch.
»Eure Denkweise ist absolutistisch geprägt, Don! Ich verstehe mich wie
der selige Friedrich der Große als ersten Diener des Staates. Das Herzogtum
existiert doch nicht nur für die Familie Schleswig-Holstein-Gottorf. Es ist
für jeden Bürger da. Es gilt, sie zu bilden, zu versorgen und ihnen Schutz zu
gewähren. Im Austausch dazu geben die Bürger freiwillig ihre Dienste.«
De la Siniestro hob die Hand.
»Ah, ich verstehe. Wir erreichen dasselbe Ziel. Nur wir gedenken die
Peitsche einzusetzen, während Ihr Sanftmut walten lässt, um den Pöbel
gefügig zu machen.«
Peter Friedrich Ludwig schüttelte den Kopf.
»Mein Ansinnen ist ein Anderes. Der Adel in Paris pervertierte, ließ sein
Volk hungern, während der Hof in Verschwendung sein Märchen lebte. Die
Gedanken der Bürger waren aber inzwischen gereift. Und das führte
letztlich zur Revolution.«
De la Siniestro winkte abfällig ab.
»Als ob Mademoiselle Bauer und Monsieur Metzger intelligenter
geworden wäre. Die sind auch weiterhin bescheiden im Geiste. Es ist ein
Mittelstand, der die Revolution führte und den Mob aufwiegelte. Sieyès,
Robespierre und Danton.«
»Ihr vergesst Voltaire, Rousseau und Montesquieu. Ihr lasst den Einfluss
der amerikanischen Revolution völlig außer Acht«, warf Peter Friedrich
Ludwig ein.
»Die sind zu intellektuell für das gemeine Volk. Ihre Gedanken wurden
dem Pöbel durch gebildete Leute beigebracht. Es bleibt also dabei, dass der
zweite Stand den dritten gegen den ersten Stand aufwiegelte.«
Der Administrator von Oldenburg schüttelte den Kopf.
»Wollt ihr denn nicht sehen, dass eine Diktatur durch den Adel zum
Untergang eines Reiches führen kann? Die Aufklärung wird niemand mehr
rückgängig machen. Und sie ist auch mehr als notwendig, Don! Eines noch.
Was macht Ihr, wenn Ihr nicht genug Soldaten habt, um die Bevölkerung zu
ängstigen? Oder wenn die Soldaten selber mehr wollen? Seht Ihr nicht, wie
brüchig diese Tyrannei ist? Wäre es nicht viel besser, wenn das Volk zu
Euch als Herrscher aufblickt, weil Ihr ehrlich am Wohl des Staates und des
Volkes und nicht nur an Eurem eigenen Wohl bedacht seid?«
De la Siniestro schwieg. Sein Kopf war auf den Boden gerichtet. Fernando
wusste, dass die Worte des Fürstbischofs durchaus die Gedanken de la
Siniestros erreicht hatten.
»Die Ungleichheit ist vielleicht das größte Problem. Warum glauben wir
vom Adel, dass wir besser sind als der Bäcker oder der Schmied?«, fuhr
Peter Friedrich Ludwig weiter. »Dieser Garten ist ein Beispiel wundervoller
Pracht. Wir gedenken, ihn für die Bürger von Eutin zu öffnen. Auf dass sich
jeder Eutiner daran erfreuen darf.«
»Welchen Sinn wird dieser Garten noch haben? Er wird keine Ruhe und
Erholung spenden, wenn der Pöbel hier verweilt. Stinkend, palavernd und
laut«, wandte de la Siniestro ein.
»Ihr hört Euch so an, als wären Eure Untertanen Eure Feinde. Doch sie
sind für mich eher wie Kinder. Sie müssen zum Teil angeleitet werden, aber
auch der Freiheit ausgesetzt werden, wenn sie flügge werden.«
»Deshalb lade ich das Pack noch lange nicht in meinen Garten ein«,
erwiderte de la Siniestro.
»Es war Euer Wunsch, von uns staatsmännisch angeleitet zu werden«,
wandte Peter ein. »Uns ist bewusst, dass von unserem Vorgänger Verträge
geschlossen worden sind, um Euch zu fördern. Es ist so einiges Gold nach
Spanien geflossen. Uns ist jedoch der Zweck dieses Bündnisses unklar, aber
wir vertrauen darauf, dass vor allem Zarin Katharina weiß, was sie tut. Nur
müsst Ihr Euch auch unterweisen lassen.«
»Ich bin wohl kein gelehriger Schüler, zumal meine Familie selbst ein
Fürstentum regiert – und dies seit Generationen erfolgreich.«
Der 32-jährige de la Siniestro hielt an und blickte den Fürstbischof trotzig
an. Dieser schien ungerührt davon zu sein und trat an de la Siniestro dicht
heran.
»Ihr seid ein ungehobelter, von sich selbst eingenommener, Provinzfürst.
Ihr seid durchaus intelligent, dennoch mangelt es euch zur Führung eines
größeren Reiches oder Staates an Weitblick, an Vernunft, an Herz und
Verstand. Ihr besitzt keine Demut vor dieser Aufgabe. Das ist mein Urteil.«
»Wohl an denn, Administrator eines ebenfalls provinziellen Fürstentums«,
erwiderte de la Siniestro zornig. Fernando kannte dieses Gebaren. De la
Siniestro war nicht kritikfähig und Fernando hoffte, dass es nicht gleich
zum Duell zwischen den beiden kommen würde.
»Wenn Ihr dies ändern wollt, sucht während Eures Besuchs Johann
Heinrich Voß auf. Seine Ansichten sind auch uns stets eine Hilfe. Oder Ihr
lasset diese Gelegenheit fahren und geht den Weg, frei von Beratung,
weiter. Denn offenbar seid Ihr selbst euer bester Lehrmeister, Don! Guten
Tag!«
Der Fürstbischof verließ das Gespräch und ging wieder in Richtung
Schloss. De la Siniestro stand nachdenklich unter den Linden. Fernando
wagte es nicht, ihn anzusprechen. Er erwartete jeden Moment einen
Wutausbruch des Herren.
»Sprecht mit Gustav Larsen. Er solle mir eine junge, devote, schöne Frau
besorgen. Mir ist nach Zerstreuung.«
»Sehr wohl, mein Herr«, antwortete Fernando und verbeugte sich
mehrmals demütig. Als er sich auf den Weg machen wollte, rief de la
Siniestro. »Nein, halt! Vergesst das Weib. Larsen soll ein Treffen mit
diesem Voß vereinbaren.«
Kapitel 2 – Der Weg der NOVA
Die NOVA materialisierte in der Temporalen Anomalie. Ich überprüfte die
Ortungsergebnisse. Wir wussten nicht, in welcher Zeit wir uns befanden.
Sofern diese Datenkarte des Zeitfamulus auch für andere Zeitlinien korrekt
arbeitete, befanden wir uns hoffentlich im Jahre 2046 NGZ.
»Es sind deutlich weniger Zeitschlieren«, sagte Eleonore und deutete auf
eine violette Schliere. »Sie lösen sich auf.«
Es wirkte so, als ende das Zeitchaos nun. Vielleicht warteten bereits die
CASSIOPEIA und ATOSGO außerhalb der Anomalie.
Ich steuerte die NOVA heraus. Kaum hatten wir sie verlassen, stotterte der
Antrieb und versagte schließlich. Ich blickte mich um. Zehntausende
Raumschiffe kreisten um die Anomalie, dazu tausende Raumstationen und
Satelliten. Es schien, als sei es Absicht, dass niemand die Anomalie
verlässt.
Die Raumschiffe waren Kugelraumer in verschiedenen Größen. Auffällig
war eine Verlängerung des Ringwulstes. Es wirkte wie ein Schwanz eines
Tieres auf mich. Der Durchmesser der Schiffe variierte von 250 Metern bis
zu gewaltigen 2.500 Metern.
»Fremdes Raumschiff, deaktivieren Sie Ihre Offensiv- und
Defensivbewaffnung und identifizieren Sie sich. Sie haben 10 Sekunden
Zeit, andernfalls werden Sie vernichtet«, klang eine unfreundliche Stimme
über den Interkom.
Eleonore nickte. Sie hatte den Schutzschirm heruntergefahren und die
Waffen deaktiviert. Ich öffnete einen Kanal.
»Wir sind die NOVA. Mein Name ist Nathaniel Creen. An Bord befinden
sich vier weitere Lebewesen. Wir gehörten der Camperna Agency Cloud
Company an. Und … wir suchen unsere Zeitlinie, so naiv das klingt.«
»Verstanden. Sie befinden sich im Hoheitsgebiet des Quarteriums und
erhalten Asyl. Warten Sie auf weitere Instruktionen. Zu ihrer Information:
Wir schreiben das Jahr 5633 anno Domini«, kam die prompte Antwort. Die
Stimme war diesmal freundlicher.
»Asyl?«, fragte Eleonore ungläubig.
»Das Jahr 5633 anno Domini bedeutet?«, wollte ich wissen.
»2046 NGZ«, antwortete Eleonore.
Wir waren zumindest also wieder in unserer Zeit gelandet. Das war eine
gute Nachricht. Doch offenbar hatte sich vieles verändert. Wo waren die
Cairaner?
»Das Quarterium …«, murmelte Jevran Wigth. Dann schnippte er mit dem
Finger. »Natürlich, dieses Imperium beherrschte ab dem Jahr 1303 NGZ die
Galaxis Cartwheel. Diese Raumschiffe trugen den Eigennamen Supremo.«
»War das Quarterium gut oder böse?«, wollte ich wissen.
»Das hängt vom Standpunkt ab. Es war zumindest aggressiv, militärisch
und totalitär. Und es war rassistisch. Es führte ab 1307 NGZ sogar Krieg
mit der LFT. Ihr Anführer Emperador de la Siniestro wollte die Milchstraße
erobern, die er als Wiege der Terraner ansah. Immerhin bestand das
Quarterium aus einer Allianz aus Terranern, Arkoniden, Pariczanern und
Bestien.«
Ein Supremo-Raumer scherte aus dem Verband aus und nahm Kurs auf
die NOVA. Er unterschied sich von den anderen Raumschiffen hinsichtlich
seiner Legierung. Sie war in einem helleren Grau gehalten.
»Hier ist die HAUNEBU XCI. Huhu lieber Nathaniel. Erkennen Sie
meine Stimme?«
Der Zeitfamulus! Das war die Stimme von Lars Born, von Claude
Chevalier und von Tenzing.
»Chevalier. Im Jahre 5633?«, sagte ich nur.
»Ich lebte gesund. Der Emperador de la Siniestro erwartet euch auf Terra.
Wir nehmen Sie nun per Traktorstrahl auf. Ich freue mich auf ein
Wiedersehen.«
Da war sie wieder – diese grunzende Lache des Zeitfamulus. Terra
existierte also in der Milchstraße wieder, und dieser de la Siniestro war der
Herrscher des Quarteriums in unserer Heimatgalaxis. Hatte das Quarterium
also den Krieg gewonnen? Das mussten wir später klären.
Ich bestätigte. Die NOVA wurde in die HANUEBU XCI gezogen.
»Kannst du etwas über diese Zeit herausfinden?«, fragte ich Eleonore.
»Ich habe den Hyperfunkverkehr gespeichert und analysiere ihn. Ein
Großteil ist verschlüsselt. Es sind eher bedeutungslose Nachrichten, die ich
dechiffrieren konnte. Der Trivid-Sender Augenklar-X sendet von Terra
Musik und Nachrichten. Der Musikstil ist eine Mischung aus gehobener
Klassik und Volksliedern.«
»Was für eine Kombination …«, kommentierte ich.
»Hm, es wird das Quarterium gepriesen und dem Emperador ewige
Gesundheit und Weisheit gewünscht. Wir schreiben den 17. März 5633
anno Domini. Der Moderator spricht von einem neuen Trivid-Film über die
Kindheit des Emperador mit dem Titel Die Legende Siniestros. Nun geht er
zum Wetter über, welches in weiten Teilen auf Terra trüb und regnerisch
sei.«
Eleonore seufzte, weil wir offenbar so schnell bekamen keine brauchbaren
Informationen. Wir wussten schon vorher, in welchem Jahr wir uns
befanden und wer der Herrscher des Quarteriums war.
Es dauerte eine halbe Stunde, ehe sich der ewig gut gelaunte Born oder
Chevalier wieder meldete. »Ich komme an Bord. Der Antrieb der NOVA
wird nicht mehr gestört. Machen wir jetzt einen Ausflug.«
Ich schickte Kuvad Soothorn runter zu den Mannschaftsräumen, um
Cilgin At-Karsin Gesellschaft zu leisten. Es reichte, wenn Eleonore und
Jevran Wigth im Cockpit saßen.
Ich nahm den Quarterialen in Empfang. Er wirkte adrett. Die Uniform war
für mich seltsam vertraut. Die Jacke war grau, Hose und Stiefel schwarz.
Die Schirmmütze war ebenfalls grau. Auffällig war das Quarteriale Emblem
auf der Stirn der Mütze. Es war das Q aus dem Interkosmo, ein
geschlossenes V mit einem Strich durch die Mitte. Ich kannte das Zeichen,
auch wenn ich es vorher noch nie gesehen hatte.
Ich geleitete den Zeitfamulus zum Cockpit.
»Kuckuck«, grüßte er die Anwesenden und nahm auf dem freien Sessel
Platz.
»Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?«, fragte er heiter. »Bei den
vielen Zeitlinien kommt man ja langsam durcheinander. Doch ich darf
Ihnen versichern, Sie sind nun am Ziel Ihrer Bestimmung angelangt. Das ist
die neue, vollende Zeit.«
Lächelnd wandte er sich an mich.
»Seien Sie so gut und bringen uns nach Terra, ja, mein Lieber?«
Kapitel 3 – Die Azoren
Ein milder Wind blies mir entgegen. Ich stand auf der Reling des
Frachtschiffes und blickte auf das blaue Meer. Der Atlantik war ruhig, die
Wellen ein bis zwei Meter hoch, und die Fahrt war bisher ruhig.
Die Stimmung der Crew und Passagiere, es waren vielleicht 1200 Seelen,
war natürlich gedrückt. Jeder haderte mit den eigenen Verlusten und
machten sich Gedanken, wie es weitergehen würde, seit die Atombomben
ab dem 10. August gefallen waren. Wir waren am 11. August von
Antwerpen aus Richtung Azoren aufgebrochen. Währenddessen war der
Atomkrieg zwischen der NATO und dem Ostblock und der Asiatischen
Föderation in vollem Gange gewesen. Es würde mich wundern, wenn die
belgische Hafenstadt noch existierte.
Wir, das waren der Zeitungsmitarbeiter Enrico, meine Wenigkeit Olaf
Peterson und natürlich meine innere Stimme. Wenn ich denn wirklich Olaf
Peterson war.
Du bist eben nicht Olaf Peterson. Du bist kein mittelklassiger Reporter.
Du bist Atlan, sagte Harry, meine innere Stimme.
Wieso hast du mir das vorher nicht gesagt?
Auch ich dachte eine Weile, dass ich nur aus deiner schizophrenen
Persönlichkeit entstamme. Doch langsam kehren die Erinnerungen zurück.
Bei dir nicht auch?
Nein, sie kamen nicht zurück. Ich wusste nicht, wer Atlan war.
Vielleicht spielte mein Verstand mir erneut einen Streich und ich versuchte
die entsetzlichen Ereignisse so zu erklären. Nein, ich war nicht Olaf
Peterson aus Berlin, sondern ein Außerirdischer namens Atlan. Das schaffte
die nötige Distanz zu den realen Ereignissen. Auf den Azoren würde
bestimmt mein Raumschiff auf mich warten, auf dem ich nach Hause
fliegen würde.
Das war doch lächerlich. Selbst für einen Geisteskranken wie mich.
Warum hat Björn Lessing dich als Atlan bezeichnet?
Hat er das wirklich oder habe ich mir das eingebildet?
Zweifel ruhig weiter. Auf den Azoren wirst du Klarheit finden.
Es war unwahrscheinlich, dass Atombomben auf Sao Miguel und die
anderen Inseln geworfen worden waren. Die portugiesische Inselgruppe im
Atlantik hatte keinen strategischen Wert für kriegsführende Parteien.
Welche Städte wohl inzwischen dem Erdboden gleich gemacht wurden?
Aufgrund der elektromagnetischen Impulse durch die Atomangriffe war das
Festland nicht zu erreichen. Die Bordelektronik war zwar in Ordnung, doch
eben nicht jene elektronischen Empfänger in den Städten und ihre
Sendestationen. Es gab ungesicherte Informationen von anderen Schiffen,
die von Atompilzen in London, New York und Bordeaux gesprochen
hatten. Niemand wusste genaueres.
Man muss kein Hellseher sein. Nachdem offenbar der Ostblock den
Erstschlag durchgeführt hatte, zündete die Asiatische Föderation wohl
parallel dazu Raketen auf die USA, Japan und Australien. Die
Gegenantwort wird dann schnell gefallen sein. Wir sind seit sechs Tagen
unterwegs. Mittlerweile dürften also alle Großstädte von NATO-Ländern,
dem Ostblock und der Asiatischen Föderation vernichtet sein.
Die Regionen dort sind nun verstrahlt und ein Fallout wird die radioaktive
Strahlung erhöhen. Die Überlebenden werden in den nächsten Tagen und
Wochen an den Verletzungen sterben oder an der Strahlenkrankheit.
Diejenigen, die das überleben, werden verhungern und verdursten, da auch
die Nahrung verstrahlt ist. Sie werden nicht die Mittel und die Kraft haben,
aus den zerstörten Regionen rechtzeitig zu fliehen. Sicherlich wird er
vereinzelt Überlebende geben, die sich durchschlagen, doch der Großteil
der Bevölkerung ist schon tot – oder wird es bald sein.
Als wir den Hafen von São Miguel erreichten, lag eine unnatürliche Stille
über dem Wasser. Der Frachter, der uns sicher über den Atlantik gebracht
hatte, tuckerte mit gleichmäßigem Geräusch vor sich hin, doch in der Luft
lag eine Spannung, die selbst die gleichmäßigen Wellen des Meeres nicht
lindern konnten. Ich stand an der Reling und blickte auf die Küste, die sich
allmählich aus dem Dunst erhob. Normalerweise wäre das ein Augenblick
der Erleichterung – Land nach Tagen auf See. Doch diesmal fühlte es sich
anders an. Viel düsterer.
Der Hafen von Ponta Delgada, sonst ein geschäftiger Knotenpunkt, wirkte
wie ausgestorben. Keine Schiffe im Dock, keine Arbeiter, die ihre Ladung
entluden oder sich zur Mittagszeit laut unterhielten. Stattdessen war es, als
hätte die ganze Insel den Atem angehalten. Es war totenstill und ich blickte
auf das Wasser. Nur die Wellen, die gegen die Hafenmauer schlugen, waren
zu hören. Sonst nichts.
Der Himmel war leicht bedeckt, aber es war nicht der übliche Nebel, der
sich über den Atlantik legte. Eine merkwürdige Schwere hing über der
Stadt, fast wie eine Bedrohung, die in der Ferne lauerte, unsichtbar, aber
spürbar. Ich zog die Luft tief ein, doch selbst der Geruch des Meeres war
anders – weniger frisch. Irgendwie metallisch.
Unser Kapitän war schweigsam geworden, seit wir von den ersten
Berichten gehört hatten. Atombomben rund um die Welt. Der Gedanke ließ
mir einen Schauer über den Rücken laufen. Ich fragte mich, ob der Fallout
uns bereits erreicht hatte, ob er sich durch die Luft zog, unsichtbar, aber
tödlich.
Als wir uns dem Dock näherten, sah ich einige Männer, die aus den
Schatten ans Pier getreten waren, in dunkle Jacken gehüllt, die Hände tief in
die Taschen gesteckt. Kein Winken. Nur leere Blicke, die uns musterten, als
wüssten sie mehr, als wir je erfahren würden. Die Welt hatte sich verändert.
Und mit ihr auch wir.
»Komm jetzt«, rief Enrico. Er stand bereits an der Gangway, welche
gerade an dem Schiff montiert wurde, nachdem die Hafenarbeiter aus ihrer
Starre erwacht waren. Ich ging zu ihm und schon war die Absperrung
aufgehoben. Wir betraten die Insel. Enrico ging zielstrebig auf eine
Lagerhalle aus Wellblech zu. Er schloss das Tor auf und nickte mir zu. Ich
folgte ihm wortlos in die Halle. Hier lag allerlei Gerümpel und es roch nach
Motoröl.
Er kramte eine Art Fernbedienung hervor und drückte auf einen Knopf.
Mit einem leisen Surren schob sich ein vollgepackter Tisch zur Seite und
eine Tür öffnete sich, indem sie in den Boden fuhr. Dahinter befand sich ein
Raum, aus dem es bläulich leuchtete. Ich ging hinein und vor mir stand eine
Konstruktion, die wie ein Tor in eine Welt aussah. Da bläuliche Licht kam
aus dem Torbogen.
»Das ist ein Transmitter. Er befördert uns in eine Unterwasserstation. Sie
liegt 2.500 Meter in der Tiefe.«
»Eine Art Fahrstuhl also?«
»Nein, der Transmitter löst deine Atome auf und setzt sie in der
Gegenstation wieder zusammen. Nun komm, es ist völlig ungefährlich.«
Meine Atome?
Jetzt sei keine Memme, ätzte Harry.
Ich atmete tief durch und folgte Enrico in das blaue Leuchten. Und kam
wieder heraus. Dann blieb ich stehen und blickte mit staunend um. Ich war
nicht mehr in dem Raum von eben. Der Transmitter sah zwar identisch aus,
aber der Raum war ein anderer. Er war heller und fensterlos. Durch einen
Korridor erreichte ich eine Art Kontrollraum. Enrico saß bereits an einer
Konsole. Vor ihm projizierten sich Hologramme. Das kann nur eine Station
von Außerirdischen, sagte ich mir immer wieder, denn wir Menschen waren
noch nicht so weit.
War ich wirklich dieser Atlan? Das war unmöglich.
Enrico stand auf und entschuldige sich für einen Moment. Dann ging er in
einen Nebenraum und ließ die Tür offen. Er stand unter einer Art Dusche.
Seine Haut fiel ab und zerfloss regelrecht. Ich erschrak – und konnte doch
nicht wegschauen. Übrig blieb eine metallische Hülle. Rico drehte sich um
und blickte mich mit den tiefliegenden roten Augen an. Er war ein Mensch
aus Metall. Ein Roboter?
»Was bist du?«, stammelte ich.
»Ich bin Rico, eine arkondische Überwachungs- und
Maschinenwartungseinheit. Ich diene Atlan seit über 10.000 Jahren.«
Ich schwankte und suchte einen Platz zum Setzen, als sich plötzlich ein
weißer Sessel neben mir projizierte. Ich tippte ihn ungläubig mit der
Fingerspitze an – er war real – und setzt mich hin. Er war sogar bequem.
»Der Sessel wird mittels Formenergie erstellt. Diese Unterwasserstation
ist das letzte Überbleibsel der arkonidischen Kolonie auf Larsaf III –
Atlantis. Atlan war der Kommandant, als sie von den Druuf vernichtet
wurde. Da Atlan von der Superintelligenz ES einen Zellaktivator erhielt, ist
er relativ unsterblich, aber ohne Raumschiff auf der Erde gefangen. So
nutzte er seine Zeit, um die Menschheit technologisch und moralisch immer
ein Stückchen voran zu bringen. So lautet der Auftrag von ES.«
Ich hatte so viele Fragen. Rico setzt sich wieder an die Kontrollen.
»Wir haben Satelliten und Sonden überall auf der Erde. Das Ausmaß des
nuklearen Krieges ist gewaltig. Keine Hauptstadt auf der Erde wurde
verschont. Tausende weitere Städte fielen dem Atomkrieg zum Opfer sowie
hunderte militärische Einrichtungen. Seit drei Tagen schweigen die
Atomwaffen. Es gibt wohl niemanden mehr, der sie bedienen könnte. Ein
Großteil der Menschheit wurde ausgelöscht.«
Ich stand auf betrachtete die Anzeigen auf den Displays und den
Hologrammen. So viel Zerstörung innerhalb weniger Tage machte mich
fassungslos. Das war also der Tag des Jüngsten Gerichts für die Menschen.
Was sollte jetzt werden? War ich auf den Azoren sicher oder würde eine
Atomrakete sich auf die Inseln verirren?
Und wer war ich? Wer war Enrico? Er bezeichnete mich als Atlan. Auch
Harry hatte ich so genannt, der wer war diese Atlan? War ich das und wer
war dann?
Das war alles so fantastisch und schwer zu glauben, was mir in diesen
Momenten widerfuhr.
»Bitte begib dich in den linken Nebenraum zwecks eines körperlichen
Scans.«
Ich sah mich um. Neben der Kammer, aus der Rico gekommen war,
befand sich ein weiterer Raum. Also ging ich dort hinein. Die Tür schloss
sich, und rote und grüne Lichter erfassten mich. Sie glitten über meinen
Körper. Dann öffnete sich eine kleine Tür in der Wand und ein
kugelförmiger Roboter schwebte hervor.
»Bitte entkleide dich für die Reinigung«, hörte ich Ricos Stimme. Der
andere Roboter nahm meine Sachen. Er schwebte dann hoch zu meinem
Gesicht. Aus einem Tentakelarm kam ein rötlicher Strahl und meine Augen
brannten. Dann ließ er von mir ab und verschwand in der Kammer in der
Wand. Wasser fiel von oben herab. Offenbar war das auch eine Dusche. Ich
bemerkte braune Farbe an meinem Körper entlang fließen. Nach der
Dusche folgte ein warmer Wind, als sei die ganze Kabine ein Föhn. Die Tür
öffnete sich und ich stand nackt vor Rico. Er hielt Kleidung in der Hand
und reichte sie mir. Während ich mich anzog, sagte er: »Die Scans
beweisen, dass du Atlan bist. Deine DNS ist identisch. Es gibt jedoch eine
Veränderung. Dein Zellaktivator ist dir in der Schulter eingepflanzt. Es ist
zwar klar, dass du Atlan bist, aber nicht mein Atlan. Du bist ein anderer
Atlan.«
Ein anderer Atlan? Ich wusste ja nicht einmal, wer Atlan war. Und wieso
sagte Harry nichts dazu.
Du bist Atlan. Und ich bin nicht Harry. Ich bin dein Extrasinn. Ich wurde
dir schon vor Jahrtausenden während der ARK SUMMIA eingepflanzt.
Allerdings haben wir alles mehr oder weniger vergessen – oder eher
verdrängt. Ich besitze ein fotografisches Gedächtnis und kann eigentlich
nichts vergessen. Es ist seltsam. Jedenfalls stammst du nicht von der Erde,
hast hier aber gelebt und bist relativ unsterblich.
ARK SUMMIA? Extrasinn? Ich verstand nicht, wovon Harry sprach. Ich
war der relativ unsterbliche Arkonide Atlan? Was bedeutete das Wort
relativ? War er unsterblich oder nicht? Wieso erinnerte ich mich nicht
daran?
Kapitel 4 – Das Vermächtnis von Eutin
Die Sonne ging früh auf und erfüllte den Ukleisee mit einem morgendlichen
Glanz. Aurec stand am Ufer und sah sich um. Über ihm lag auf einer
Anhöhe das Lustschlösschen des Herzogs, in dem er den Grafen Leopold zu
Stolberg 1776 getroffen hatte. Und im See wartete vermutlich diese
seltsame Bestie in Frauengestalt, der er ebenfalls 1776 begegnet war.
Den Anzeigen des Kosmogenen Seglers zufolge befand sich Aurec nun im
Jahre 1793. Er war dem Rat von Kathy Scolar gefolgt, aus dem Jahre 1785
in die Zukunft zu reisen. Würde er sie in diesem Jahr hier wiedersehen?
Sein Herz pochte wild. Er liebte sie immer noch und war völlig verwirrt,
sie im Jahre 1785 getroffen zu haben. Noch schlimmer war die Tatsache,
dass sie offenbar gemeinsame Sache mit dem Ylorsfürsten Medvecâ
machte. Aber wieso hatte sie Aurec dann aus dem Gefängnis befreit? Was
waren ihre tatsächlichen Motive? Und weshalb sollte er ausgerechnet in
dieses Jahr ausgerechnet reisen? Was hatte sich in diesen acht Jahren
verändert? Es gab viele Fragen – und die Antworten fand er nicht in dem
glitzernden Wasser des Ukleisee, sondern in Eutin.
Er drehte sich um und pfiff. Bencho kam angetrottet. Der Posbi in Gestalt
einer terranischen Bulldogge war seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter
Aurecs. Das vermutete er zumindest, obwohl Kathy ihn mit ihrer Aussage,
Bencho zu kennen, ins Grübeln brachte. Hatte es etwa eine Begegnung
zwischen ihr und Aurec in der Tiefe des Chaos gegeben, an die er sich nicht
mehr erinnern konnte?
»Du bewachst den Kosmogenen Segler wieder. Ich werde nach Eutin
gehen. Das ist nur ein kleiner Fußmarsch.«
Bencho antwortete mit einem Bellen und lief zum Raumschiff zurück. Der
Posbihund konnte zwar nicht sprechen, war jedoch in der Lage, gewisse
Schalter im Segler umzulegen. Aurec richtete seinen braunen Redingote-
Mantel und ging los. Nach zwei Stunden erreichte er die Stadt. Wurde noch
nach ihm gesucht? Vermutlich nicht, denn er war das letzte Mal vor knapp
acht Jahren in der Stadt gewesen.
Auf dem Marktplatz wartete Aurec geduldig in einem Caféhaus, trank
Kaffee und las eine Zeitung namens Lübeckische Anzeigen. Er war
erleichtert, dass über Reformen und Verordnungen von Peter Friedrich
Ludwig berichtet wurden. Er lebte also. Interessant waren auch die
Nachrichten über die Französische Revolution, die blutigen
Ausschreitungen und die Feldzüge von Österreich und Preußen gegen die
Franzosen. Aurec war in einer bewegten Zeit gelandet. Überhaupt war das
letzte Vierteljahrhundert in diesem Jahrhundert voller Ereignisse, wie der
amerikanische Unabhängigkeitskrieg, die Französische Revolution und der
Aufklärung.
Dann sah er ein bekanntes Gesicht. Der große, breitschultrige Kutscher
hatte erste graue Haare in dem vollen Bart. Bernhard von Hollen war wohl
immer noch im Dienste der Schleswig-Holstein-Gottorfer Familie. Aurec
stand auf und ging zu von Hollen, der ihn gleich erkannte.
»Es gleicht an ein göttliches Wunder, Euch hier zu sehen.«
»Die Polizeidiener machten vermutlich noch monatelang Jagd auf mich«,
meinte der Saggittone.
Von Hollen winkte ab.
»Nein. Der Fürstbischof verbot eine Suche. Es gab Gerüchte. Niemand
genau weiß, was jener Tage, als die Herzogin zum lieben Gott ging,
wirklich passiert ist.«
Der Kutscher druckste rum.
»Sprecht frei, alter Freund«, forderte Aurec.
Von Hollen sah Aurec aus seinen braunen Augen an. Er hatte diesen
berühmten Dackelblick. Dann fragte er: »Ihr habt doch nicht die Herzogin
wirklich ermordet?«
Aurec atmete tief durch.
»Die Herzogin verstarb an diesem Abend nicht durch meine Hand. Ihr
Leichnam wurde jedoch von etwas beseelt, was nach dem Leben des
designierten Herzogs trachtete. Um sein Leben zu retten, tötete ich diese
Bestie.«
»Auch wenn wir aufklärt sind, so gibt es doch vieles zwischen Himmel
und Hölle, was wir nicht verstehen«, gestand von Hollen und lachte dann
schallend. Er schlug mit der Hand auf Aurecs Schulter. Diese freundliche
Geste tat ihm jedoch weh, weil der Schlag von von Hollen etwas zu kräftig
war.
»Weder der Graf von Stoltenberg noch Herr Voß und ich waren von Eurer
Schuld überzeugt. Offiziell hieß es denn, die Herzogin sei ihrer Krankheit
erlegen. Der Fürstbischof sprach nicht darüber und auch der
Haushofmeister Larsen unterließ eine Fahndung nach Ihnen.«
Das war beruhigend. Trotzdem konnte Aurec nicht einfach so auf dem
Schloss auftauchen und fragen, wie es denn so ging. Er fühlte sich trotzdem
schuldig. Peter Friedrich Ludwig verdiente Antworten.
»Was bringt Euch nach Eutin? Alle Jubeljahre taucht Ihr auf, wenn große
Ereignisse anstehen. Gibt es wieder eine Geheimkonferenz – oder tötet Ihr
einen Dämon?«
Von Hollen sprach für Aurecs Geschmack viel zu laut. Der Saggittone
ging vom Marktgeschehen weg.
»Ich weiß es nicht«, gestand er. »Ich suche einen ausländischen Fürsten.
In dessen Dienste steht Gustav Larsen. Es ist gut möglich, dass dieser Fürst
von einer wunderschönen Frau begleitet wird, an der mir etwas liegt.«
Von Hollen zuckte die Schultern.
»Derzeit verweilt seit zwei Wochen ein spanischer Marqués im Schloss
und nimmt Privatunterricht bei dem Herren Voß. Aber er ist nur in
Begleitung eines schmalgesichtigen Dieners. Eine bildhübsche Frau ist
nicht dabei«, sagte von Hollen.
»Tatsächlich?«
»Ihr kennt ihn sogar. Er war 1776 mit seinem Vater Vicente de la Siniestro
hier. Aus dem Jungsporn ist ein erwachsener Adliger geworden. Offenbar
geht es um Allianzen und Verträge. Voß soll ihm den Horizont erweitern.
Der Herr aus Spanien scheint jedoch eher ein überzeugter Vertreter des
Absolutismus zu sein. Und die landen andernorts unter dem Fallbeil.«
Don Philippe Alfonso Jaime de la Siniestro war also hier. Vielleicht hatte
deshalb Kathy genau deshalb Aurec geraten, das Jahr 1793 aufzusuchen.
Aurec bat von Hollen darum, ihm ein Treffen mit Johann Heinrich Voß zu
vermitteln. Er wollte herausfinden, was de la Siniestro in Eutin machte.
Immerhin war der Spanier in seiner Zeitlinie der Emperador des
Quarteriums und einer seiner ärgsten Widersacher. Er musste unbedingt
herausfinden, welche Pläne der Zeitfamulus Gustav Larsen mit de la
Siniestro hatte.
Von Hollen stimmte zu und brachte Aurec sogleich zum Haus des
Intendanten.
Ernestine Voß wirkt überrascht, als sie Aurec und Bernhard von Hollen an
der Tür sah. Natürlich lud sie die beiden höflich zum Eintritt in das Haus
des Dichters und Schulrektors ein.
»Noch ein Gast. Da wird Johann aber erfreut sein. Bitte, die Herren,
warten Sie einen Moment. Wir haben noch einen weiteren Besucher.«
Ernestine begab sich in ein anderes Zimmer. Es dauerte einige Momente,
ehe sie wieder herauskam und die beiden ins Wohnzimmer bat. Von Hollen
hob beschwichtigend die Hände.
»Vielen Dank, Frau Voß. Doch in dieser vornehmen Gesellschaft mit all
den intellektuellen Themen fühle ich mich fehl am Platze. Grüßt euren
Gemahl. Ich freue mich auf seinen Besuch im Schloss«, verabschiedete sich
von Hollen höflich und verließ das Haus.
Als Aurec die Stube betrat, war Voß in einem Dialog mit seinem Gast
verwickelt. Den erkannte er sofort, auch wenn er ihn viel, viel älter in
Erinnerung hatte. Don Philippe de la Siniestro trug eine weiße Perücke. Das
Gesicht war streng, ein jüngeres Abbild seines Vaters, aber unverkennbar.
Der Adlige trug einen taillierten Frack aus feinstem Stoff, dessen lange
Schöße elegant bis zu den Knien fielen. Darunter zeichnete sich ein reich
besticktes Wams ab, das mit glänzenden Knöpfen und feinen Goldfäden
verziert war. Seine Hose war aus Seide gefertigt und endete knapp
unterhalb der Knie, wo sie in weißseidenen Strümpfen mündete. Fein
gearbeitete Schnallenschuhe rundeten das edle Erscheinungsbild ab, das die
Stellung des Trägers unmissverständlich zur Schau stellte.
»Aber, Ihr müsst einsehen, dass die Arroganz des Agamemnon dazu
führte, dass Achilles sich von dessen Truppen abwandte. Ein weiteres
Lehrstück dafür, wozu die Taten fehlgeleiteter Herrscher führen können«,
sprach Voß.
»Und doch bekam er seinen Willen. Achilles kehrte zurück und letztlich
wurde Troja erobert«, erwiderte de la Siniestro.
Voß gestikulierte. »Agamemnon war ein Herrscher, der nicht respektiert
wurde. Wollt ihr denn genauso sein?«
»Wenn es Erfolg bringt, Herr Voß. Wieso nicht? Ein Herrscher muss nicht
verstanden werden. Man muss des Herrschers Befehle befolgen. Gehorsam
ist das Schlagwort. Wie erreichen wir das durch Freundlichkeit?«
»Gebt einem Bürger das Gefühl der Fürsorge, der Sicherheit und der
Anerkennung.«
De la Siniestro machte ein ungläubiges Gesicht.
»Nur das Gefühl? Wir sollen den Untertanen also etwas vorgaukeln und
sie im Glauben lassen, sie erhielten Wertschätzung? Dann sind diese
aufgeklärten Bürger also Willens, uns zu Folgen? Das klingt heuchlerisch.«
Voß seufzte.
»Ich sprach mit keiner Silbe von Heuchelei. Meint es ehrlich. Als Regent
werdet Ihr an Euren Taten gemessen.«
Voß wandte sich nun Aurec zu.
»Kommt her, alter Freund. Wo seid ihr die letzten acht Jahre denn
gewesen? Darf ich vorstellen. Don Diego de la Aurec aus Kalifornien und
Don Philippe de la Siniestro aus Spanien.«
Aurec machte eine galante Verbeugung. De la Siniestro trank sein Glas
leer und fragte: »¿Siguen creciendo los cactus en California sin espinas?«
Der Saggittone schmunzelte. Natürlich hatte eine Hypnoschulung in alten
Sprachen Terras schon vor Jahrhunderten erhalten und insbesondere das
Spanisch in letzter Zeit durch die Positronik im Kosmogenen Segler
aufgefrischt, um seine Rolle als spanischer Don aus Amerika gerecht zu
werden.
»Las espinas de los cactus californianos siempre han sido puntiagudas y
dolorosas.«
Damit konnte de la Siniestro ihn nicht ködern.
»Sí, sí, como ustedes dicen«, sagte der Spanier und winkte ab.
Aurec fragte sich, ob de la Siniestro eine Ahnung hatte, wer er war.
Eigentlich war das unmöglich. Diese Version de la Siniestros war 1793 nie
in Kontakt mit Außerirdischen gekommen. Er würde erst über vierzig Jahre
später von der Spezies der Casaro entführt und zu Versuchszwecken in einer
Stasiskammer gehalten werden. Erst Ende des 13. Jahrhunderts Neuer
Galaktischer Zeitrechnung wurde de la Siniestro vom Ritter der Tiefe
Gal’Arn und dem Terraner Jonathan Andrews gefunden und befreit werden.
Ab da begann der erstaunliche Aufstieg des Relikts aus der terranischen
Vergangenheit zum Politiker in Cartwheel, einem Minister und späteren
Vorsitzenden im Paxus-Rat und letztlich dem Emperador des Quarteriums.
Im Jahre 1793 war de la Siniestro nur ein snobistischer Aristokrat ohne
kosmische Bedeutung.
»Nun, Euer Ruf eilt Euch voraus, Don Diego de la Aurec«, sagte de la
Siniestro schließlich.
Aurec schmunzelte.
»Vermutlich spricht der Haushofmeister Larsen in höchsten Tönen von
mir.«
»Er klingt eher wie eine verstimmte Gabel, wenn er von Ihnen redet,
teurer Aurec. Ebenso sprach mein Vater wenig erbaulich über Sie. Wir
haben Sie kaum noch in Erinnerung. Während meines Aufenthalts
erachteten wir Sie als wenig bedeutsam. Ein Fehler unsererseits, so
befürchten wir.«
Voß bot mir ein Glas Cherry an, das ich freundlich ablehnte. Von dem
Zeug bekam ich sofort Sodbrennen. Wir einigten uns auf ein Glas
Weißwein. Seine Frau brachte etwas Gebäck.
»Seine Hoheit de la Siniestro nimmt meinen Rat seit einigen Tagen auf
Geheiß des Fürstbischofs in Anspruch.«
»Lasst mich raten, in Diplomatie und Höflichkeit?«
Voß nickte.
»In der Tat, denn daran mangelt es meinem Schüler. Der spanische Adel
scheint noch nicht so aufgeklärt zu sein. Wir diskutieren und philosophieren
über die moderne Staatsführung, über das wider den Absolutismus´ und der
Rolle des Adels in einer aufgeklärten Zeit. Wir sind uns darüber einig, dass
die Französische Revolution zu einer furchtbaren Zäsur für ganz Europa
wird. Im Namen der Bürgerrechte und Freiheit ist in Frankreich zu viel Blut
vergossen worden. Der Krieg gegen Österreich, England und Preußen sorgt
mich sehr.«
»Die Monarchie, in welchem Land auch immer, ist ein Vorrecht der
adeligen Familien. Ich lasse mit mir durchaus diskutieren, dem Pöbel mehr
Rechte zu geben, doch die Hinrichtung von Königen ist ein Verbrechen
gegen die naturgemäße Ordnung dieser Welt«, warf de la Siniestro ein.
»Und wie steht Ihr zu solchen Dingen, Don Diego?«, wollte er schließlich
wissen.
»Nun, Kalifornien ist Teil der spanischen Krone. Der Vizekönig regiert
von Mexiko aus, und es droht hier kein Unabhängigkeitskrieg. Der
amerikanische Unabhängigkeitskrieg hat zu mehr Willen nach Freiheit beim
Volk geführt. Dennoch, der einfache Kalifornier will sein Land bestellen
und freut sich über weniger Steuern. Mehr Gedanken macht er sich nicht.
Die meisten können ja nicht einmal lesen.«
De la Siniestro ließ sich Cherry in sein Glas einschenken.
»Eure Aufklärung überfordert den Geist eines Untertanen. Das kindliche
Gemüt verlangt nach einer leitenden, strengen Hand. Ihr fordert mehr
Mitspracherecht für die Bürger. Ich frage: Sind diese überhaupt in der Lage,
damit umzugehen?«
Siniestro setzte sich auf das Sofa und trank seinen Cherry.
»Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann schon«, warf Voß
ein. »Ein moderner Regent weiß dies. Die Liebe zu einem Herrscher nimmt
in dieser Zeit ab, jedoch nicht die Liebe zur Region. Ich denke, der
Absolutismus hat ausgedient und wir werden in Zukunft mehr in Staaten
denken«, fügte er hinzu.
De la Siniestro sah Aurec erwartungsvoll an.
»So sagt uns doch freundlichst, weshalb Ihr uns mit Eurer Anwesenheit
überhaupt beglückt?«
»Es ist lange her, dass ich Eutin besuchte, und es wurde einfach mal
wieder Zeit. Ich ahnte keineswegs, solche interessanten Menschen hier zu
treffen«, antwortete Aurec und erhob charmant das Glas auf de la Siniestro.
Nachdem der Spanier leer getrunken hatte, erhob er sich.
»Wir müssen Gustav Larsen über Euren Besuch informieren. Wir sind der
sicheren Gewissheit, der Haushofmeister wird das mit Interesse hören.
Vielleicht erfolgt auch eine Einladung in das Schloss. Sagen Sie uns, in
welcher Gaststätte Sie nächtigen?«
»Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht«, antwortete Aurec.
»Nicht doch, Sie sind mein Gast. Es wäre mir eine Ehre«, meldete sich
Voß.
De la Siniestro klatschte in die Hände.
»Ein famoser Einfall. Eure Gattin bereitet hervorragendes Gebäck zu. Nun
denn, wir danken Ihnen Herr Voß für eine weitere Lektion in Sachen Politik
und Menschenführung. Wir freuen uns auf unser nächstes Treffen.«
Voß verbeugte sich und Aurec nickte zum Abschied. Immerhin war er ja
auch ein Adliger und sollte es mit der Huldigung nicht übertreiben.
Am Abend suchte Bernhard von Hollen das Haus von Voß auf und ersuchte
Aurec im Namen von Gustav Larsen um ein Gespräch. Aurec nahm sein
Degen, denn er erwartete eine Falle. Von Hollen brachte ihn mit der
Kutsche zum Jagdschlösschen am Ukleisee.
Der kleine Pavillon wirkte in der Abenddämmerung ruhig und verlassen,
als ob er seit Tagen keine Besucher mehr gesehen hätte. Das Gebäude war
ein barocker Bau, schlicht und doch elegant, mit symmetrisch angeordneten
Fenstern und einer mittigen Doppeltür, die auf eine kleine Treppe führte.
Die Fassade war in dezenten Grautönen gehalten, die im schwachen Licht
des Abends fast unheimlich wirkten. Über den Fenstern erhoben sich
kleine, runde Oberlichter, die dem Bau einen fast strengen, aber zugleich
feinen Ausdruck verliehen. Die Dachziegel glänzten noch leicht im
abendlichen Licht, während der Innenhof bereits im Schatten lag. Kein Laut
war zu hören, keine Bewegung zu sehen, doch hinter den Fenstern des
Pavillons glomm schwaches Licht, das die Stille noch unheilvoller
erscheinen ließ.
Aurec stieg aus.
»Bleibt sitzen. Es ist sicherer so«, flüsterte er von Hollen zu. Der Kutscher
gehorchte und blieb auf der Fahrerbank. Aurec zog den Degen. Die
Doppeltür des Pavillons öffnete sich. Gustav Larsen grinste ihn schelmisch
an.
»Lieber Aurec. Es ist so schön, Sie wiederzusehen. Kommen Sie doch
herein.«
Larsen ging ein paar Schritte zurück. Aurec blickte sich misstrauisch um.
Er erwartete einen Hinterhalt. Jeden Moment würden wahrscheinlich
Lakaien von Larsen aus einer dunklen Ecke springen.
Er erreichte den Innenraum. Larsen war offenbar allein. Aurec senkte den
Degen ein wenig.
»Nun, ich muss sagen, eine Zeitlang war ich Ihnen richtig böse«, sagte
Larsen und öffnete eine Flasche Wein. Auf einem Tisch standen zwei
Gläser. Er schenkte ein. »Ich hatte mir so viel Mühe mit dem Plan gemacht.
Es war so genial. Die verstorbene Gattin bringt den Fürstbischof um.
Medvecâ konnte dann selber entscheiden, ob er Peter Friedrich Ludwig als
Ylors brauchen würde oder wir Don Philippe de la Siniestro als neuen
Herzog etablieren.«
»Wie wäre das denn möglich gewesen? Er ist weder Mitglied der
Schleswig-Holstein-Gottorfer Familie noch irgendwie hier assoziiert.«
Larsen lächelte und hob tadelnd den Finger.
»Das ist nicht ganz richtig. 1776 wurden Verträge geschlossen, die de la
Siniestro in den Stand eines Herzogs gehoben hätte, würde ein Herzog aus
der Familie ohne Nachfolger dastehen. Da die Kinder noch nicht
regierungsfähig sind, wir Katharina und den Hof der Zarin als Fürsprecher
haben, hätten wir da etwas regeln können. Vielleicht hätte Don Philippe
auch irgendeine Dame aus der Familie heiraten können, um den Anspruch
zu zementieren. Das Schöne an dieser Zeit ist, dass Vetternwirtschaft völlig
normal ist. Da hätten wir etwas gedeichselt.«
Er hob die Flasche und blickte stolz auf die vollen Gläser. Bedächtig nahm
er das eine und reichte es Aurec, der zögerlich ergriff. Dann nahm Larsen
sein eigenes Glas.
»À la santé du Roi!«, sagte Larsen und trank. Beinahe spuckte er den
Wein wieder aus, da er kicherte. »Wie dumm von mir. Der König ist ja tot.
Zumindest der Französische. Das hatte ich ganz vergessen.«
Larsen schien sich richtig zu freuen, denn er prustete noch eine Weile
weiterund stellte das Glas wieder ab. Als er sich endlich beruhigt hatte, sah
er Aurec seltsam an. Er breitete die Arme aus.
»Jedenfalls habe ich inzwischen durchaus Gefallen daran gefunden, dass
Peter Friedrich Ludwig noch lebt. Er ist ein exzellenter Lehrmeister in
Sachen Staatsgeschäfte für de la Siniestro. Und Voß bringt ihm das nötige
Fingerspitzengefühl bei. Ohne es zu wissen, formen sie einen
Rohdiamanten.«
»Dann habe ich Ihnen wohl einen Gefallen getan«, knirschte Aurec. Den
Degen in der rechten Hand, nahm er das Glas mit der Linken. Er nahm nun
auch einen Schluck von dem Weißwein.
»In der Tat. Ich weiß nur nicht, was ich mit Ihnen machen will. Wir wären
eigentlich ein gutes Team. Sie könnten mit Kathy wieder zusammen sein
und gemeinsam formen wir die neue Menschheit.«
»Ohne Perry Rhodan?«
Larsen neigte den Kopf leicht zu Seite und lächelte.
»Im Jahre 1793 gibt es keinen Perry Rhodan und es wird auch keinen
geben. Jedoch wird es jemand geben, der die Arkoniden 1971 in Empfang
nehmen wird. Doch das ist nicht Perry Rhodan. Kommen Sie, Aurec, lassen
Sie uns diese Welt so gestalten, wie wir wollen. Wir sind Architekten,
Künstler.«
Aurec stellte das Glas ab. Er wanderte durch den Saal, in dem
vornehmlich viel Platz war. Auf einem kleinen Podium standen Geigen, ein
Chello und Flöten.
»Ich kannte einen Architekten und Künstler. Eine Weile wollte ich, dass
genau dieser Mann Rhodans Platz einnimmt. Aber er war ein Architekt der
Apokalypse und ein Künstler der Zerstörung. Terra hielt nicht lange. Und
das meine ich wörtlich«, meinte Larsen.
»Was hat Nistant davon, die Erde zu manipulieren? Warum zerstört er sie
nicht einfach? Auch dann würde es Perry niemals geben.«
»Ein guter Einwand, Saggittone!« Larsen leerte sein Glas und füllte nach.
Währenddessen sagte er: »Die Zeit ist sehr komplex. Die Änderungen
können extrem weitreichend sein. Deshalb nehmen wir chirurgische
Eingriffe vor. Nimm einen Spieler vom Feld und ersetze ihn durch jemand
anderen.«
Aurec zuckte mit den Schultern.
»Damit verändert ihr aber trotzdem die Zeit. Ihr könnt unmöglich alles
vorhersehen und berechnen.«
Larsen winkte ab.
»Ein Kosmokrat und ein Kosmotarch haben Äonen an diesem Plan
gearbeitet. Es gab dutzende Hilfsvölker, die mehrdimensional denken. Und
ein weiterer Kosmotarch hat den Plan quasi verifiziert. Und half bei der
Planung zur Beseitigung von Abweichungen.« Larsen stellte das Glas hin
und breitete beide Hände aus. »Dafür bin ich zuständig.«
Er nahm die Arme wieder runter und ergriff das Glas.
»Wie zum Beispiel die Loge des Kosmos. Ihr seid nicht Teil des Plans
oder der neuen Zeitlinie. In der neuen Zeit wäre Aurec niemals auf Terraner
gestoßen.«
»Ziemlich fade«, antwortete der Saggittone.
»Nun ja, aber Ihr hättet euer wohliges Leben als Prinz weiterleben können
und Eure Familie wäre nicht von Rodrom gemeuchelt worden.«
Larsen wollte provozieren. Es war sicherlich kein Geheimnis, dass der
Tod von Aurecs Familie ihm damals sehr an die Nieren gegangen war. Aber
das war lange her und es reichte nicht aus, um ihn aus der Fassung zu
bringen. Seit dieser Zeit war sehr viel geschehen.
»Das ist das Leben. Ich kann nicht das Universum neu stricken, nur weil
es mir nicht gefällt«, antwortete der Saggittone.
Larsen lächelte.
»Nistant kann es.«
Der Zeitfamulus leerte sein Weinglas und füllte es erneut nach.
»Aurec, schließen Sie sich uns an. Sehen Sie doch ein, dass Ihr Vorhaben
sinnlos ist. Ihre Loge des Kosmos will die alte Zeitlinie wiederherstellen,
richtig? Sie wollen Perry Rhodan zurückholen, alle retten und danach Ihr
verbittertes, einsames Leben weiter führen. Ich kann Ihnen ein Leben in
Verantwortung, Liebe und Erfüllung bieten. Wir brauchen fähige Wesen in
unserem neuen Universum. Sie sind so einer, der uns effektiv unterstützen
kann.«
Er streckte die Hand in Aurecs Richtung aus.
»Gestalten wir dieses Universum doch zusammen.«
Plötzlich öffnete sich die Türe und der Abendwind zog kalt herein. Kathy
Scolar und Fürst Medvecâ betraten das Jagdschlösschen. Die aufziehende
Dunkelheit des Abends begleitet sie wie eine unsichtbare Präsenz, die sich
mit ihnen durch die knarrende Holztür in den Saal schob. Kathy trug ein
bodenlanges Kleid aus tiefrotem Samt, dessen Rüschen den Boden kaum
berührten, und darüber einen schwarzen, mit Spitzen besetzten Umhang. Ihr
Haar fiel in lockeren Wellen über die Schultern, während ihre Augen unter
den zarten Schatten des Kerzenlichts in der Eingangshalle funkelten. Sie
strahlte eine ungreifbare Eleganz aus, die sowohl die Vornehmheit der Zeit
als auch eine unerklärliche Andersartigkeit in sich trug.
Neben ihr wirkte Fürst Medvecâ wie ein düsterer Schatten,
hochgewachsen und majestätisch, die bleiche Haut kontrastierend zum
tiefschwarzen Gehrock, der seine schlanke Gestalt umhüllte. Ein schwarzes
Halstuch lag um seinen Hals, und sein dunkles Haar war in einem strengen
Pferdeschwanz nach hinten gebunden, was seine aristokratischen
Gesichtszüge noch schärfer wirken ließ. Er trug schwere, silberne Ringe an
seinen bleichen Fingern, die im flackernden Licht matt schimmerten. Beide
bewegten sich mit einer gewissen Gelassenheit durch den Eingangsbereich,
ihre Schritte hallten leise wider, während sich die Schatten der Kerzen über
die hohen Wände zogen, als wollten sie die Neuankömmlinge selbst
willkommen heißen.