Band 128
Zeitfamulus
Er ist der Begleiter der Zeitlinien
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Roland Wolf
Innenillustrationen: Roland Wolf, Gaby Hylla, Raimund Peter & Stefan Wepil
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Der Saggittone trifft auf historische Persönlichkeiten
Thora da Zoltral
Der Arkonidin ist auf 666-Rückwärts gestrandet
Nathaniel Creen
Der Kopfgeldjäger erlebt die Anfänge des Untergangs der
Menschheit
Eleonore
Die Positronik im Androidenkörper ist der moralische Kompass für
Creen
Olaf Peterson
Der Reporter erlebt den Dritten Weltkrieg
Gustav Adolph Larsen, Björn Lessing, Tenzing
Der Zeitfamulus
Was bisher geschah
Nistant brachte im Jahre 2046 NGZ das Zeitchaos in die
Milchstraße. Temporale Anomalien fegten durch die Galaxis und
löschten die Zeitlinie aus. Eine Handvoll Überlebender auf der
CASSIOPEIA trifft auf andere in der Zeit Gestrandete.
Aurec hingegen verschlägt es in die Vergangenheit der Erde. Im
Jahre 1776 strandet er in der Stadt Eutin und wird Zeuge einer
Zeitmanipulation, die den jungen Don Philippe de la Siniestro
betrifft.
Nathaniel Creen landet zunächst im Jahr 1944 auf der Erde und
erlebt dort schreckliche Dinge. Dann trifft er im Jahre 2063 auf seine
Crew der NOVA und erlebt den erneuten Untergang der Menschheit.
Und ein Berliner Reporter namens Olaf Peterson wird 1971 Zeuge
der Mondlandung der STARDUST, bei der jedoch nicht Perry
Rhodan der Kommandant ist. Peterson erlebt den Tod Rhodans nur
wenige Wochen später.
In allen Epochen war stets ein rätselhafter Weggefährte dabei: 1944
Lars Born, ein SS-Offizier; 1776 Gustav Larsen, der Haushofmeister
des Schlosses Eutin; 1971 Björn Lessing als Zeitungsredakteur von
Olaf Peterson; 2063 der bhutanische Wohlfühlkoordinator Tenzing.
Sie alle scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen, denn sie sind
der ZEITFAMULUS …
Prolog – Der Zeitfamulus
Der Zeitfamulus stand in der Zentrale seiner Zeitkapsel und betrachtete die
Zeitströme auf den Monitoren. Die Brücke war – wie die Kapsel selbst –
oval gebaut. Er hatte somit einen guten Überblick und brauchte sich nur um
die eigene Achse zu drehen, um die Geschehnisse der Zeitebenen zu
verfolgen.
Im Hintergrund spielte die Positronik zur Einstimmung auf die
bevorstehende Mission das Lied »Auf der Heide blüht ein kleines
Blümelein«. Dieses Lied aus der nationalsozialistischen Zeit war zackig,
und man konnte es gut mitsingen. Darauf kam es bei Marschliedern an. Sie
waren banal, damit jeder Trottel in Uniform sie sich merken konnte. Der
Zeitfamulus ging in die angrenzende Kabine, die er als Ankleideraum
bezeichnete. Dort hingen viele Kostüme auf gesichtslosen Puppen.
Die Wände der Kabine waren verspiegelt. Er stellte sich vor eine Puppe,
und betrachtete die schwarze Uniform, die ihn an jene aus seinem
ursprünglichen Leben erinnerte. Er betrachtete den Totenkopf auf der
Mütze, die rote Armbinde mit dem weißen Kreis und dem schwarzen
Hakenkreuz. Diese Montur repräsentierte seine Rolle als SS-
Sturmbannführer Lars Born. Er würde sie nachher anziehen, doch zuerst
schlenderte er durch den Raum voller Anzüge.
Das Musikstück wechselte zu einem Lied aus dem Jahr 1979 mit dem
Namen »London Calling«.
Ein zweiter Anzug war der eines typischen Geschäftsmannes von der
Erde. Ein grauer Dreiteiler mit teurem Jackett, Weste und Hose. Dazu
glänzende braune Schuhe und eine rote Krawatte. Er mochte keine
gemusterten Schlipse. Diese Garderobe würde er in einer anderen Zeitlinie
ausprobieren, sollte ihr erstes Experiment fehlschlagen. Er wäre ein reicher,
einflussreicher Manager, der zwischen Berlin, Rom, London und Paris
reisen würde.
Anzüge waren wie Uniformen. Sie waren schick, aber dienten einem
anderen Zweck. Die Front eines Managers waren Büros, Meetings und
Computer statt Schlachtfelder und Gefängnisse, wenn er an sein Alter Ego
Lars Born denken musste.
Er blickte sich um. Es gab mehrere Variationen der Anzüge in
verschiedenen Farben. Einer sogar mit zeitgenössischen weiten
Hosenbeinen, den sogenannten Schlaghosen. Auch diese Bekleidung würde
er benötigen.
Die Musik wechselte auf ein klassisches Stück von Wolfgang Amadeus
Mozart aus »Die Zauberflöte«. Es war beschwingt, aufmunternd. Der
Zeitfamulus sah auf das letzte Kleidungsstück mit seinen Rüschen, den
kurzen Hosen, die durch weiße Kniestrümpfe ergänzt wurden, und der
feinen Jacke. Auf dem Kopf trug die Puppe eine graue Perücke. Dieses
Kostüm würde er für eine weitere Zeitlinie benötigen. Persönlich sah er in
diesem Unterfangen die größten Erfolgschancen.
Er dachte an seine Zeit im Quarterium zurück, als er sich auf einen Stuhl
im Ankleideraum setzte. Er war als Pionier 1297 nach Cartwheel
aufgebrochen, als er gehört hatte, wie großartig sich dort alles entwickelte.
Er hatte seine Chance dort gesehen, denn der Alltag auf Plophos gefiel ihm
nicht mehr – und er wollte der eigenen Nutzlosigkeit entrinnen. Damals
hatte er eine Anstellung als Produktmanager bei der Shorne Industries
Gesellschaft gefunden. Es war eine durchweg spannende und
herausfordernde Tätigkeit, seine Karriere bekam jedoch mit der Verhaftung
von Michael Shorne einen Knick. Er dümpelte einige Zeit herum, und dann
überschatteten die Alien-Kriege Cartwheel. Er hatte es für seine Pflicht,
aber auch seine Chance erachtet, sich dem Terrablock als Soldat
anzuschließen. Es waren Gefechte gegen die Aliens geführt worden, und
schnell war er in den Geheimdienst gerückt. Mit Gründung des Quarterium
im Jahr 1303 und der Cartwheel Intelligence Protective war seine Zeit
gekommen. Nicht als grober Schlächter in der geheimen
Artenbestandsregulierung, vielmehr als Berater der geschassten Spezies. Er
hatte seine Rolle gefunden als ein Mensch, der sich um die Integration von
minderwertigen oder widerwilligen Leben im Quarterium kümmerte. Dabei
ließ er ihnen stets die Wahl zwischen einem Leben ihrer Rasse angemessen
unter dem großen Schutzschirm des Quarteriums und dem Tod auf Objursha
oder in anderen Lagern. Natürlich war es eine Kunst, das Individuum
langsam auf die Konsequenzen vorzubereiten. Man musste mit ihnen sanft,
freundlich und zaghaft anfangen und sie dann langsam an die furchtbare
Realität heranführen. So gab es immer noch die Möglichkeit, sich als
Diener oder Zwangsarbeiter nützlich zu machen. Nicht jede Tätigkeit sollte
durch Roboter oder Positroniken ausgeführt werden. Es hatte viele Reiche
im Quarterium gegeben, die es gerne hatten, wenn sie von lebenden Wesen
bedient wurden.
Er war im Quarterium eine kleine Nummer gewesen und oftmals von CIP-
Kollegen müde belächelt worden. Niemand hatte damals seine Fähigkeiten
wirklich zu schätzen gewusst und das Projekt als Spielerei abgetan.
Es war ein Zufall gewesen, dass er im August 1308 NGZ an Bord der
PARICZA gewesen war. Eigentlich war er für die Beschwichtigung der
Som-Ussadi vorgesehen, doch als Som-Ussad stark bombardiert worden
war, war er auf die PARICZA evakuiert worden. So war er auf das
Rideryon gekommen und hatte an der Schlacht von Amunrator
teilgenommen, war durch die Harmonie von DORGON beeinflusst worden,
und bei der Befreiung war er gefallen. Er war tot gewesen. Doch es war
weitergegangen, irgendwie, und das war das Sonderbare gewesen ... Er
konnte sich nur vage an die Details erinnern. War da ein Tunnel und ein
Licht am Ende des Tunnels? Nein, es war eher Dunkelheit, ein
fortwährendes Grau. Es hatte Asche geregnet, und der Sand zu seinen
Füßen war grau. Er erinnerte sich noch an die Last auf den Schultern, die
sein Huckup ihm bereitet hatte. Dieses kleine Ärgernis, das ihm die
Vitalenergie raubte und dem Schleier der Lethe näher brachte. Doch er war
klug und mental stark genug gewesen, nicht zu vergessen, wer er war, und
das hatte offenbar irgendwelchen Hohen Mächten imponiert.
So war er ziellos umhergewandert und hatte einen düsteren Wald betreten,
als der Huckup sich von ihm löste und verschwand. Das war die erste
Begegnung mit dem Fürsten gewesen. Ihm war bis heute nicht klar, wie viel
Zeit er genau in der Tiefe des Chaos verbracht hatte, denn die Zeit war nun
wahrlich verschwommen. Die Zeitlinien änderten sich inzwischen
fortwährend, und er war ein Reisender der Zeiten gewesen. Der Fürst hatte
ihm diese neue Bestimmung gegeben, und er hatte sie dankend
angenommen. Der Plan des Fürsten und seiner Auftraggeber entsprach
haargenau seinen Wünschen, und es bedurfte viel Fingerspitzengefühl bei
der Umsetzung. Er war ein Diener der Zeit und des Aufbaus einer neuen,
universellen Zeitlinie. Man konnte nicht einfach auf den Knopf drücken und
das Universum komplett neu erfinden. Vielmehr waren es punktuelle
Änderungen mit großen Auswirkungen. Sie zielten vor allem darauf ab,
Perry Rhodan aus der Geschichte der Menschheit zu streichen. Und das war
so wunderschön kreativ. Der Fürst und er hatten sich verschiedene
Szenarien ausgedacht. Das führte ihn wieder zurück zu seinen Kostümen.
Sie waren historisch akkurat, wie es sein musste. Er legte viel Wert auf
Authentizität. Er war schließlich ein Zeitfamulus und kein Zeitkasper. Er
sah sich als Diener der neuen Zeit.
Und es gab gewisse Personen, die geeignet waren, überzeugt zu werden,
in dieser neuen Zeit zu leben. Jene aus der alten, bald erloschenen Zeitlinie
des Perry Rhodan. Es lag an ihm, die nötige Überzeugungsarbeit zu leisten.
Es lag auch an ihm festzustellen, welche neue Zeitvariante die beste war. Er
streifte sich die schicke SS-Uniform über und salutierte vor dem Spiegel.
Modenschau mit dem Zeitfamulus von Roland Wolf
»Heil Hitler«, rief er und streckte den Arm aus.
»Sieg Heil« war nun der Ausruf. Er streckte zackig den Arm aus und
schlug die Hacken zusammen.
»Ave Adi«, scherzte er und wiederholte dutzende Mal die
Ehrenbezeugung der Nationalsozialisten, um sie zu beherrschen. Seine
Reise würde ins Jahr 1942 gehen, zwei Jahre vor seiner eigentlichen
Mission. Es galt, sich vorzubereiten, die Weichen zu stellen. Seine
Zeitkapsel transportierte ihn zum 30. Januar 1942, zu einem idyllischen
Schlösschen am Berliner Wannsee in Deutschland. Dort fand gerade eine
historische und diabolische Konferenz statt. Sie wurde nicht von geifernden
Gehörnten durchgeführt, sondern von tristen Männern in Uniformen oder
Anzug und Krawatte, die über die Auslöschung einer Zivilisation berieten,
als würden sie den Bau einer neuen Straße planen. Das war die
bürokratische Gründlichkeit der Nationalsozialisten. Ihn erinnerte das an
das Quarterium.
Als SS-Hauptscharführer Lars Born würde er auf der Wannsee-Konferenz
auf sich aufmerksam machen und seine Karriere bei den Nationalsozialisten
beginnen. Natürlich zunächst unauffällig. Es galt, im Hintergrund zu
bleiben und sich Macht aufzubauen. Denn seine eigentliche Mission begann
im Juni 1944 in Frankreich, in der Normandie. Der 6. Juni 1944 würde
einen Wendepunkt in der Zeitlinie markieren und de facto die Ereignisse
danach auslöschen. Der Fürst hatte ihm die notwendigen Mittel zur
Verfügung gestellt. Es war ein großer Einschnitt, dessen Vorbereitungen
nun begannen.
Der Zeitfamulus schreckte hoch. Er hatte das Ende der Welt gesehen und
seinen Tod miterlebt. Natürlich war er nicht wirklich gestorben, doch es
hatte sich sehr real angefühlt. Die Zeitkapsel schützte ihn und war darauf
programmiert, ihn am Ende des Projektes an Bord zurückzuholen. Sie hatte
auch dafür gesorgt, dass der Protagonist seiner Bemühungen unverletzt in
eine andere Zeitlinie versetzt wurde. Er wurde quasi in die Normalzeit
zurück geholt. An Bord seiner Zeitkapsel und in einem unversehrten,
lebendigen Zustand. Wie das funktionierte, wusste er nicht. Die
Technolonie dahinter stammte von den Söhnen des Chaos, von Fürst
Medvecâ und Nistant.
Born schlurfte müde und erschöpft in seine Ankleidekabine. Er betrachtete
sich im Spiegel. Die SS-Uniform hatte mehr Orden bekommen, im
Vergleich zu jenem Zeitpunkt, als er die Zeitkapsel verlassen hatte. Doch
sie war durch die Asche des Feuersturms über Germania dreckig geworden.
Er setzte sich auf seinen Stuhl und warf die Mütze seufzend in die Ecke,
stand auf und entledigte sich der Uniform. Das Projekt war gescheitert.
Adolf Hitler hatte sich als unfähig erwiesen, mit Weitsicht zu handeln.
Nein, er hatte diesen Mann falsch eingeschätzt. Hitler war nicht der
Künstler gewesen, wie er es stets von sich behauptet hatte. Er war nur ein
Zerstörer. Seine Psyche war zu instabil gewesen. Das war kein Ersatz für
Perry Rhodan als Herrscher der Menschheit.
Aber es gab andere Szenarien. Der Fürst und er hatten andere
Zielpersonen ausgewählt oder auch gar keine. Es mochte interessant
anmuten, wie es der Menschheit ohne Perry Rhodan ergehen würde. Darauf
waren auch einige Testprojekte ausgelegt.
Der Zeitfamulus brauchte nun erst einmal etwas zu essen. Ihm war nach
einem Bœuf bourguignon mit einem schönen Pinot Noir.
Terra 2027 – Paris
Die NOVA verließ die temporale Anomalie im Alpha-Centauri-System und
legte die 4,3 Lichtjahre innerhalb weniger Minuten zurück. Ich saß mit
Eleonore allein im Cockpit der Space-Jet. Wie üblich hatte ich keinerlei
Lust auf die Gesellschaft von Cilgin At-Karsin oder Kuvad Soothorn.
Ich vertraute nur Eleonore. Sie war die Positronik der NOVA und hatte
sich einen schönen weiblichen, terranischen Androidenkörper gebaut, der
sie repräsentierte. Sie wollte menschlicher werden und versuchte es mit viel
Gefühl. Das war das Ausschlaggebende. Sie wollte als Künstliche
Intelligenz Gefühle entwickeln. Ich wusste nicht, ob es möglich war, aber
sie war zumindest moralisch besser aufgestellt als der Rest der Crew, mich
eingeschlossen.
Ich wusste nicht einmal, wer ich war. Lautete mein Name wirklich
Nathaniel Creen? Was war vor meiner Zeit auf Gongolis passiert? War ich
immer schon ein Zeitreisender gewesen? Wer sagte mir denn, dass meine
Zeit auf Gongolis in der Milchstraße nicht auch nur eine Episode war?
Ich war als Carl Nathan im Dienst der Wehrmacht und SS im Zweiten
Weltkrieg gewesen und hatte Perry Rhodan als Kleinkind erschossen. Vor
Kurzem war ich mit Jevran Wigth auf einer dystopischen Erde im Jahre
2063 gelandet. Der Planet war von einem Atomkrieg gezeichnet gewesen,
und am Ende hatte sich die Menschheit sogar mit unserer Hilfe selbst
vernichtet.
Nun flog die Crew der NOVA zurück, und ich wusste nicht, in welcher
Zeit sie nun gelandet waren. Im Grunde genommen waren sie völlig
verloren in der Zeit. Es gab nur eine Konstante und darüber musste ich
mehr herausfinden. Ein Mann namens Lars Born oder Tenzing. Ich war ihm
in beiden Zeitlinien begegnet, nicht jedoch in der cairanischen Epoche.
Beide Male war ich in die Tiefe gestürzt. An seinem Tod 2063 war ich
nicht unschuldig gewesen, da er uns ausgenutzt hatte, um die Welt
vollständig zu zerstören.
»Wir erreichen die Erde«, sagte Eleonore.
Ich sah den blauen Planeten und den Mond. Es war durchaus ein schöner
und inzwischen vertrauter Anblick. In der Cairanischen Epoche waren Terra
und Luna nicht im Solsystem. Sie waren verschwunden, und die Cairaner
hatten behauptet, es hätte Terra, den Mond und auch Perry Rhodan niemals
gegeben. Damals hatte ich daran geglaubt und war Rhodanjäger geworden.
Inzwischen wusste ich es besser. Es gab Perry Rhodan wirklich – oder hatte
ihn gegeben, denn ich hatte ihn als Kind in einer anderen Zeitlinie
ermordet. Was aus Rhodan in der Atomkrieg-Zeitlinie geworden war,
wusste ich nicht. Als der Krieg 2037 ausgebrochen war, war er schon
vermutlich lange tot.
»Ich orte Satelliten. Die Kommunikation ist rege. Es herrschen regionale
Konflikte, denn es wird über Bombenangriffe auf ein Land mit dem Namen
Ukraine berichtet.«
»Ist es möglich, dass wir noch in derselben Zeitlinie sind? Nur früher?«
Ich rief über Interkom Jevran Wigth zu uns in die Zentrale. Ein
Terraforscher war hier nützlich. Der Tefroder betrat nur eine Minute später
das Cockpit.
»Das ist durchaus realistisch«, sagte Eleonore und begrüßte Jevran
freundlich.
Ich unterrichtete den Terraforscher, der als Rhodanmystiker von mir noch
vor Kurzem als Feind gejagt worden war, über unsere These.
»Der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten trägt den Vornamen
Donald und der Präsident Russlands Vladimir. Das lässt Rückschlüsse auf
die Roboter zu«, erklärte Eleonore.
»Wir positionieren uns erst einmal zwischen Terra und Mond. Ich möchte
mehr in Erfahrung bringen«, sagte ich. »Findest du Informationen über
Perry Rhodan?«
»Perry Rhodan, geboren am 8. Juni 1936 in Manchester. Gestorben am
31.5.1966 in Vietnam. Er war Pilot der US-Air-Force und wurde während
des Vietnam-Kriegs abgeschossen.«
»Das bedeutet, Perry Rhodan ist 1971 niemals zum Mond geflogen«,
stellte Wigth nüchtern fest.
»Das ist korrekt. Die erste Mondlandung fand bereits 1969 unter dem
Kommando von Neil Armstrong statt. Es folgten bis 1972 weitere
sogenannte Apollo-Missionen zum Mond. Seitdem wurde er nicht mehr
angeflogen.«
»Welches Jahr schreibt man?«
»Es ist der 5. Juli 2027. Die Welt ist von den Auswirkungen regionaler
Kriege in der Ukraine und in Israel zerrüttet.«
Das waren die untrüglichen Vorzeichen des Dritten Weltkriegs, der zur
Apokalypse 2037 führen könnte, wenn es sich um dieselbe Zeitlinie
handelte. Dort würde es am 17. Juni 2037 zum Atomkrieg kommen.
Wir mussten Tenzing alias Lars Born ausfindig machen. Das war schwer
genug, denn der Mann war nicht als Tenzing bekannt.
»Versuche Tenzing zu finden«, bat ich Eleonore.
»Das ist einfach. Ich durchsuche alle Einwohnermeldeämter in Europa. Er
sprach davon, dass er zwischen den großen Städten reiste. Ich kann ein Bild
von ihm aus meinen Aufzeichnungen rekonstruieren, und irgendwo wird
dieses bei der ausstellenden Administration seines Personalausweises oder
Führerscheins zu finden sein.«
Eleonore war beeindruckend. Während sie schweigend suchte, holte uns
Jevran Wigth zwei Kaffee. Ich nahm den Helm ab – Eleonore und Jevran
waren mein vernarbtes Gesicht gewohnt – und trank den starken, schwarzen
Kaffee.
»Treffer, Claude Chevalier, Broker der Firma GTH mit Niederlassungen
in London, Paris, Rom, Madrid und Berlin. Ich durchsuche die sozialen
Medien nach ihm. Dort steht, dass er sich in Paris aufhält. Genauer gesagt
in der Rue Mazarine.«
»Wir sollten ihm einen Besuch abstatten«, schlug ich vor.
»Nicht mit der NOVA«, wandte Eleonore ein. »Die Menschen im Jahre
2027 kennen keine Raumschiffe, wie wir sie benutzen. Sie haben den
Weltraum nicht erkundet und kennen keine extraterrestrischen
Lebensformen. Wir müssen also mit der NOVA abseits landen.« Sie sah
mich an. »Und du bekommst eine Gesichtsmaske, denn Raumanzüge wie
deiner sind auch nicht bekannt.«
»Ich kann meinen Helm tragen.«
»Nein, das wäre zu auffällig. Ich erstelle eine Maske, die wie eine zweite
Haut anliegt. Außerdem habe ich soeben fünf Zimmer in einem Hotel im
Stadtteil Montmartre gebucht. Das ist ein Künstlerviertel. Wir werden dort
vermutlich aufgrund der vielen exzentrischen Personen nicht auffallen.«
»Dann darf ich doch meinen Helm aufsetzen?«
Eleonore stand auf und war um ein Lächeln bemüht.
»Nein, du kommst jetzt mit.«
Ich fühlte die Maske überhaupt nicht. Das Material lag wie eine dünne,
weitere Haut auf dem Gesicht und überdeckte die Narben. Eleonore
lächelte. »Sieht gut aus.«
Ich nickte nur und fühlte mich mit meinem Helm deutlich wohler, doch
wenn es für die Mission ausschlaggebend war, musste ich diese künstliche
Haut tragen.
»Ich habe uns eine Kreditkarte und EC-Karten sowie ein zugehöriges
Bankkonto erstellt. Es war nicht so schwer, die Bankrechner zu
manipulieren. Wir sind also liquide und sollten erst einmal shoppen gehen.
Wir brauchen neue Klamotten«, sagte Eleonore.
Ich legte den Umhang ab. Sicherlich sahen wir für Menschen des 21.
Jahrhunderts dieser Zeitlinie recht futuristisch aus. Außer Cilgin At-Karsin.
Mit seinem weißen Leinenhemd und den schwarzen Hosen würde er
vermutlich gut durchgehen, und der blaue Overall von Kuvad Soothorn
würde vermutlich auch passen. Eleonores blauer Anzug war sehr
körperbetont, aber sah zu sehr nach Uniform aus.
Wir kehrten ins Cockpit zurück, und ich übernahm wieder das Steuer. Die
Zentrale war nun voll, da Soothorn und At-Karsin ebenfalls da waren. Der
Springer klatschte in die Hände. »Oh, Paris! Was ich recherchiert habe,
klingt toll. Puffs, Partys und willige Mädels an den Straßenecken. Die Stadt
der Liebe.«
»In der Tat scheint Paris eine recht offene Stadt zu sein, in der sich allerlei
Lebensformen der menschlichen Gattung sammeln, um ihren Platz zu
finden. Es wird sicher eine interessante Erfahrung, die Herren und KI-
Dame«, stimmte der Hauri zu.
Es war unangenehm voll im Cockpit. Ich hasste diese Ansammlung an
Wesen. Ich musterte Jevran Wigth. Seine Kombination aus einer
braunweißen Jacke und Hose war ebenso schlicht wie unauffällig.
Ich steuerte die NOVA in den Orbit der Erde. Eleonore aktivierte den
Laurin-Tarnschutz. Sie öffnete eine holografische Karte von Frankreich und
zoomte in die Region von Paris. Es gab Landefelder, von denen
Flugmaschinen aufstiegen und landeten.
»Das sind Flugzeuge. Sie waren in der Zeit vor der Raumfahrt das
modernste Reisemittel zwischen Städten«, erklärte Wigth. »Es gab damals
keine Transmitter. Flugzeuge sind im Grunde genommen große Gleiter, nur
mit einer primitiveren Technologie.«
»Wie die Autos, die Benzin brauchten?«
»Richtig, Nathaniel! Auch Flugzeuge brauchten Treibstoff, um sich in die
Lüfte zu erheben. Fünfdimensionale Technologie ist hier gänzlich
unerforscht.«
Jedenfalls würden sie auch unseren Laurin-Tarnschutz nicht knacken. Die
NOVA war für die Menschen des 21. Jahrhunderts unsichtbar. Ich
navigierte zwischen den Flugzeugen, die ihre Landeschneise flogen und
setzte die NOVA auf einem Feld mit ein paar Bäumen auf. Wir waren am
Rand des Flughafens und nahe einer Hauptstraße, der Voie d’Orly.
»Und nun?«, wollte ich wissen.
»Immer der Nase nach«, riet Soothorn und schritt pfeifend voran. Beinahe
wäre er von einem Auto erwischt worden. Der Fahrer hupte und schimpfte.
Dann brauste er davon.
»Arschwichser«, rief Soothorn hinterher. »Gut, dass du abhaust, sonst …«
Drohend hob der Springer die Faust. At-Karsin schubste Soothorn in
Richtung Bürgersteig.
»Wir suchen uns eine U-Bahn-Station«, schlug Eleonore vor.
Vermutlich war das so etwas wie eine Rohrbahn.
»Wir müssen zum Place Lucien Boilleau«, sagte Eleonore und ging die
Voie D’Orly entlang. Dieser Pariser Vorort wirkte recht alt. Die Häuser
waren schmutzig und eng gebaut. Es schien jedenfalls nicht wie ein Teil der
Millionenstadt. Ein Bus mit der Aufschrift 299 stand an einer Parkbucht.
Ich stieg ein, und der Mann brummte etwas in seiner Sprache, derer ich
jedoch nicht mächtig war.
Ich blickte Eleonore fragend an. Sie drängte sich sanft an mir vorbei,
lächelte und sprach fließend Französisch. Sicher hatte das zu ihrer
Vorbereitung auf dem Flug hierher gehört.
Sie reichte die Zahlkarte, doch der Busfahrer schien wenig amüsiert und
meckerte sie an. Wir verließen den Bus wieder.
»Er akzeptiert nur Bares«, sagte sie. »Oder wir sollen uns Karten am
Automaten holen.«
At-Karsin deutete auf ein großes, kastenförmiges Gerät mit einem
Eingabeinterface und einer Ausgabe in der Ecke des Bushäuschens.
Er wollte mit dem Gerät sprechen, hielt dann inne.
»Vermutlich ist das keine Positronik?«
Jevran Wigth schüttelte den Kopf und wählte das Reiseziel und die Anzahl
der Reisenden, indem auf das Interface tippte. Nun sah er Eleonore
erwartungsvoll an, die die Karte gegen einen Sensor hielt. Der Automat
druckte die Fahrscheine aus.
Ich nahm einen und ging zum Bus. Diesmal ließ uns der unwirsche
Busfahrer passieren. Der Bus brachte uns schleichend in die Stadt. Der
Fahrer hupte und fluchte, bremste, beschleunigte. Es war kein Vergnügen.
Wir erreichten unser Ziel. Hier sah es mehr nach Großstadt aus. Tausende
Menschen tummelten sich in der Station, um ihre Verbindungen zu
erreichen. Vereinzelt musizierten einige von ihnen, andere bettelten, beteten
oder stopften sich mit Drogen voll. Vermutlich wollte keiner von denen die
Bahn wirklich nutzen, sondern suchten nur einen Platz, um die Dinge tun zu
können. Ein Mann im Morgenmantel ging durch die Gegend und putzte sich
die Zähne, ein anderer trug einen runden Kabelhut. Die Gestalten waren
skurril. Meine Sorge, dass wir auffallen würden, war völlig unbegründet.
Ein Zug hielt an, und Massen strömten aus dem Wagon. Ich drängte mich
rein und achtete darauf, dass auch die anderen mitkamen. Die meisten
Plätze waren besetzt. Ich fand eine Bank für zwei Personen. Soothorn
schlich sich an mir vorbei und setzte sich hin. Doch ich packte ihn am
Kragen und zog ihn wieder hoch. Eleonore nahm Platz, und danach ich.
Soothorn murmelte so etwas wie »Schon gut, schon gut, schon gut«.
Uns gegenüber saß eine alte Frau mit einem rundlichen Gesicht. Ihr
langes, grauweißes Haar war zu einem Zopf zusammengebunden. Sie trug
viele bunte Schals, grüne, violette, dunkelrote und gelbe. Und sie sang.
Dabei starrte sie uns mit leeren Augen an.
An einer Station mussten wir aussteigen und den Zug wechseln, der
jedoch auch nicht gegenüber von uns hielt. So irrten wir durch die Station
und nahmen eine Rolltreppe, die uns zu einem Nebengleis führte. Eine
Gang Jugendlicher handelte dort ganz offensichtlich mit illegaler Ware.
»Vielleicht können wir von denen ja was kaufen?«, schlug Soothorn vor.
»Ich denke nicht, dass die Drogen der Reinheit der Chemikalien aus dem
21. Jahrhundert NGZ entsprechen«, meinte At-Karsin.