Band 128
Zeitfamulus
Er ist der Begleiter der Zeitlinien
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Roland Wolf
Innenillustrationen: Roland Wolf, Gaby Hylla, Raimund Peter & Stefan Wepil
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Der Saggittone trifft auf historische Persönlichkeiten
Thora da Zoltral
Der Arkonidin ist auf 666-Rückwärts gestrandet
Nathaniel Creen
Der Kopfgeldjäger erlebt die Anfänge des Untergangs der
Menschheit
Eleonore
Die Positronik im Androidenkörper ist der moralische Kompass für
Creen
Olaf Peterson
Der Reporter erlebt den Dritten Weltkrieg
Gustav Adolph Larsen, Björn Lessing, Tenzing
Der Zeitfamulus
Was bisher geschah
Nistant brachte im Jahre 2046 NGZ das Zeitchaos in die
Milchstraße. Temporale Anomalien fegten durch die Galaxis und
löschten die Zeitlinie aus. Eine Handvoll Überlebender auf der
CASSIOPEIA trifft auf andere in der Zeit Gestrandete.
Aurec hingegen verschlägt es in die Vergangenheit der Erde. Im
Jahre 1776 strandet er in der Stadt Eutin und wird Zeuge einer
Zeitmanipulation, die den jungen Don Philippe de la Siniestro
betrifft.
Nathaniel Creen landet zunächst im Jahr 1944 auf der Erde und
erlebt dort schreckliche Dinge. Dann trifft er im Jahre 2063 auf seine
Crew der NOVA und erlebt den erneuten Untergang der Menschheit.
Und ein Berliner Reporter namens Olaf Peterson wird 1971 Zeuge
der Mondlandung der STARDUST, bei der jedoch nicht Perry
Rhodan der Kommandant ist. Peterson erlebt den Tod Rhodans nur
wenige Wochen später.
In allen Epochen war stets ein rätselhafter Weggefährte dabei: 1944
Lars Born, ein SS-Offizier; 1776 Gustav Larsen, der Haushofmeister
des Schlosses Eutin; 1971 Björn Lessing als Zeitungsredakteur von
Olaf Peterson; 2063 der bhutanische Wohlfühlkoordinator Tenzing.
Sie alle scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen, denn sie sind
der ZEITFAMULUS …
Prolog – Der Zeitfamulus
Der Zeitfamulus stand in der Zentrale seiner Zeitkapsel und betrachtete die
Zeitströme auf den Monitoren. Die Brücke war wie die Kapsel selbst
oval gebaut. Er hatte somit einen guten Überblick und brauchte sich nur um
die eigene Achse zu drehen, um die Geschehnisse der Zeitebenen zu
verfolgen.
Im Hintergrund spielte die Positronik zur Einstimmung auf die
bevorstehende Mission das Lied »Auf der Heide blüht ein kleines
Blümelein«. Dieses Lied aus der nationalsozialistischen Zeit war zackig,
und man konnte es gut mitsingen. Darauf kam es bei Marschliedern an. Sie
waren banal, damit jeder Trottel in Uniform sie sich merken konnte. Der
Zeitfamulus ging in die angrenzende Kabine, die er als Ankleideraum
bezeichnete. Dort hingen viele Kostüme auf gesichtslosen Puppen.
Die Wände der Kabine waren verspiegelt. Er stellte sich vor eine Puppe,
und betrachtete die schwarze Uniform, die ihn an jene aus seinem
ursprünglichen Leben erinnerte. Er betrachtete den Totenkopf auf der
Mütze, die rote Armbinde mit dem weißen Kreis und dem schwarzen
Hakenkreuz. Diese Montur repräsentierte seine Rolle als SS-
Sturmbannführer Lars Born. Er würde sie nachher anziehen, doch zuerst
schlenderte er durch den Raum voller Anzüge.
Das Musikstück wechselte zu einem Lied aus dem Jahr 1979 mit dem
Namen »London Calling«.
Ein zweiter Anzug war der eines typischen Geschäftsmannes von der
Erde. Ein grauer Dreiteiler mit teurem Jackett, Weste und Hose. Dazu
glänzende braune Schuhe und eine rote Krawatte. Er mochte keine
gemusterten Schlipse. Diese Garderobe würde er in einer anderen Zeitlinie
ausprobieren, sollte ihr erstes Experiment fehlschlagen. Er wäre ein reicher,
einflussreicher Manager, der zwischen Berlin, Rom, London und Paris
reisen würde.
Anzüge waren wie Uniformen. Sie waren schick, aber dienten einem
anderen Zweck. Die Front eines Managers waren Büros, Meetings und
Computer statt Schlachtfelder und Gefängnisse, wenn er an sein Alter Ego
Lars Born denken musste.
Er blickte sich um. Es gab mehrere Variationen der Anzüge in
verschiedenen Farben. Einer sogar mit zeitgenössischen weiten
Hosenbeinen, den sogenannten Schlaghosen. Auch diese Bekleidung würde
er benötigen.
Die Musik wechselte auf ein klassisches Stück von Wolfgang Amadeus
Mozart aus »Die Zauberflöte«. Es war beschwingt, aufmunternd. Der
Zeitfamulus sah auf das letzte Kleidungsstück mit seinen Rüschen, den
kurzen Hosen, die durch weiße Kniestrümpfe ergänzt wurden, und der
feinen Jacke. Auf dem Kopf trug die Puppe eine graue Perücke. Dieses
Kostüm würde er für eine weitere Zeitlinie benötigen. Persönlich sah er in
diesem Unterfangen die größten Erfolgschancen.
Er dachte an seine Zeit im Quarterium zurück, als er sich auf einen Stuhl
im Ankleideraum setzte. Er war als Pionier 1297 nach Cartwheel
aufgebrochen, als er gehört hatte, wie großartig sich dort alles entwickelte.
Er hatte seine Chance dort gesehen, denn der Alltag auf Plophos gefiel ihm
nicht mehr und er wollte der eigenen Nutzlosigkeit entrinnen. Damals
hatte er eine Anstellung als Produktmanager bei der Shorne Industries
Gesellschaft gefunden. Es war eine durchweg spannende und
herausfordernde Tätigkeit, seine Karriere bekam jedoch mit der Verhaftung
von Michael Shorne einen Knick. Er dümpelte einige Zeit herum, und dann
überschatteten die Alien-Kriege Cartwheel. Er hatte es für seine Pflicht,
aber auch seine Chance erachtet, sich dem Terrablock als Soldat
anzuschließen. Es waren Gefechte gegen die Aliens geführt worden, und
schnell war er in den Geheimdienst gerückt. Mit Gründung des Quarterium
im Jahr 1303 und der Cartwheel Intelligence Protective war seine Zeit
gekommen. Nicht als grober Schlächter in der geheimen
Artenbestandsregulierung, vielmehr als Berater der geschassten Spezies. Er
hatte seine Rolle gefunden als ein Mensch, der sich um die Integration von
minderwertigen oder widerwilligen Leben im Quarterium kümmerte. Dabei
ließ er ihnen stets die Wahl zwischen einem Leben ihrer Rasse angemessen
unter dem großen Schutzschirm des Quarteriums und dem Tod auf Objursha
oder in anderen Lagern. Natürlich war es eine Kunst, das Individuum
langsam auf die Konsequenzen vorzubereiten. Man musste mit ihnen sanft,
freundlich und zaghaft anfangen und sie dann langsam an die furchtbare
Realität heranführen. So gab es immer noch die Möglichkeit, sich als
Diener oder Zwangsarbeiter nützlich zu machen. Nicht jede Tätigkeit sollte
durch Roboter oder Positroniken ausgeführt werden. Es hatte viele Reiche
im Quarterium gegeben, die es gerne hatten, wenn sie von lebenden Wesen
bedient wurden.
Er war im Quarterium eine kleine Nummer gewesen und oftmals von CIP-
Kollegen müde belächelt worden. Niemand hatte damals seine Fähigkeiten
wirklich zu schätzen gewusst und das Projekt als Spielerei abgetan.
Es war ein Zufall gewesen, dass er im August 1308 NGZ an Bord der
PARICZA gewesen war. Eigentlich war er für die Beschwichtigung der
Som-Ussadi vorgesehen, doch als Som-Ussad stark bombardiert worden
war, war er auf die PARICZA evakuiert worden. So war er auf das
Rideryon gekommen und hatte an der Schlacht von Amunrator
teilgenommen, war durch die Harmonie von DORGON beeinflusst worden,
und bei der Befreiung war er gefallen. Er war tot gewesen. Doch es war
weitergegangen, irgendwie, und das war das Sonderbare gewesen ... Er
konnte sich nur vage an die Details erinnern. War da ein Tunnel und ein
Licht am Ende des Tunnels? Nein, es war eher Dunkelheit, ein
fortwährendes Grau. Es hatte Asche geregnet, und der Sand zu seinen
Füßen war grau. Er erinnerte sich noch an die Last auf den Schultern, die
sein Huckup ihm bereitet hatte. Dieses kleine Ärgernis, das ihm die
Vitalenergie raubte und dem Schleier der Lethe näher brachte. Doch er war
klug und mental stark genug gewesen, nicht zu vergessen, wer er war, und
das hatte offenbar irgendwelchen Hohen Mächten imponiert.
So war er ziellos umhergewandert und hatte einen düsteren Wald betreten,
als der Huckup sich von ihm löste und verschwand. Das war die erste
Begegnung mit dem Fürsten gewesen. Ihm war bis heute nicht klar, wie viel
Zeit er genau in der Tiefe des Chaos verbracht hatte, denn die Zeit war nun
wahrlich verschwommen. Die Zeitlinien änderten sich inzwischen
fortwährend, und er war ein Reisender der Zeiten gewesen. Der Fürst hatte
ihm diese neue Bestimmung gegeben, und er hatte sie dankend
angenommen. Der Plan des Fürsten und seiner Auftraggeber entsprach
haargenau seinen Wünschen, und es bedurfte viel Fingerspitzengefühl bei
der Umsetzung. Er war ein Diener der Zeit und des Aufbaus einer neuen,
universellen Zeitlinie. Man konnte nicht einfach auf den Knopf drücken und
das Universum komplett neu erfinden. Vielmehr waren es punktuelle
Änderungen mit großen Auswirkungen. Sie zielten vor allem darauf ab,
Perry Rhodan aus der Geschichte der Menschheit zu streichen. Und das war
so wunderschön kreativ. Der Fürst und er hatten sich verschiedene
Szenarien ausgedacht. Das führte ihn wieder zurück zu seinen Kostümen.
Sie waren historisch akkurat, wie es sein musste. Er legte viel Wert auf
Authentizität. Er war schließlich ein Zeitfamulus und kein Zeitkasper. Er
sah sich als Diener der neuen Zeit.
Und es gab gewisse Personen, die geeignet waren, überzeugt zu werden,
in dieser neuen Zeit zu leben. Jene aus der alten, bald erloschenen Zeitlinie
des Perry Rhodan. Es lag an ihm, die nötige Überzeugungsarbeit zu leisten.
Es lag auch an ihm festzustellen, welche neue Zeitvariante die beste war. Er
streifte sich die schicke SS-Uniform über und salutierte vor dem Spiegel.
Modenschau mit dem Zeitfamulus von Roland Wolf
»Heil Hitler«, rief er und streckte den Arm aus.
»Sieg Heil« war nun der Ausruf. Er streckte zackig den Arm aus und
schlug die Hacken zusammen.
»Ave Adi«, scherzte er und wiederholte dutzende Mal die
Ehrenbezeugung der Nationalsozialisten, um sie zu beherrschen. Seine
Reise würde ins Jahr 1942 gehen, zwei Jahre vor seiner eigentlichen
Mission. Es galt, sich vorzubereiten, die Weichen zu stellen. Seine
Zeitkapsel transportierte ihn zum 30. Januar 1942, zu einem idyllischen
Schlösschen am Berliner Wannsee in Deutschland. Dort fand gerade eine
historische und diabolische Konferenz statt. Sie wurde nicht von geifernden
Gehörnten durchgeführt, sondern von tristen Männern in Uniformen oder
Anzug und Krawatte, die über die Auslöschung einer Zivilisation berieten,
als würden sie den Bau einer neuen Straße planen. Das war die
bürokratische Gründlichkeit der Nationalsozialisten. Ihn erinnerte das an
das Quarterium.
Als SS-Hauptscharführer Lars Born würde er auf der Wannsee-Konferenz
auf sich aufmerksam machen und seine Karriere bei den Nationalsozialisten
beginnen. Natürlich zunächst unauffällig. Es galt, im Hintergrund zu
bleiben und sich Macht aufzubauen. Denn seine eigentliche Mission begann
im Juni 1944 in Frankreich, in der Normandie. Der 6. Juni 1944 würde
einen Wendepunkt in der Zeitlinie markieren und de facto die Ereignisse
danach auslöschen. Der Fürst hatte ihm die notwendigen Mittel zur
Verfügung gestellt. Es war ein großer Einschnitt, dessen Vorbereitungen
nun begannen.
Der Zeitfamulus schreckte hoch. Er hatte das Ende der Welt gesehen und
seinen Tod miterlebt. Natürlich war er nicht wirklich gestorben, doch es
hatte sich sehr real angefühlt. Die Zeitkapsel schützte ihn und war darauf
programmiert, ihn am Ende des Projektes an Bord zurückzuholen. Sie hatte
auch dafür gesorgt, dass der Protagonist seiner Bemühungen unverletzt in
eine andere Zeitlinie versetzt wurde. Er wurde quasi in die Normalzeit
zurück geholt. An Bord seiner Zeitkapsel und in einem unversehrten,
lebendigen Zustand. Wie das funktionierte, wusste er nicht. Die
Technolonie dahinter stammte von den Söhnen des Chaos, von Fürst
Medvecâ und Nistant.
Born schlurfte müde und erschöpft in seine Ankleidekabine. Er betrachtete
sich im Spiegel. Die SS-Uniform hatte mehr Orden bekommen, im
Vergleich zu jenem Zeitpunkt, als er die Zeitkapsel verlassen hatte. Doch
sie war durch die Asche des Feuersturms über Germania dreckig geworden.
Er setzte sich auf seinen Stuhl und warf die Mütze seufzend in die Ecke,
stand auf und entledigte sich der Uniform. Das Projekt war gescheitert.
Adolf Hitler hatte sich als unfähig erwiesen, mit Weitsicht zu handeln.
Nein, er hatte diesen Mann falsch eingeschätzt. Hitler war nicht der
Künstler gewesen, wie er es stets von sich behauptet hatte. Er war nur ein
Zerstörer. Seine Psyche war zu instabil gewesen. Das war kein Ersatz für
Perry Rhodan als Herrscher der Menschheit.
Aber es gab andere Szenarien. Der Fürst und er hatten andere
Zielpersonen ausgewählt oder auch gar keine. Es mochte interessant
anmuten, wie es der Menschheit ohne Perry Rhodan ergehen würde. Darauf
waren auch einige Testprojekte ausgelegt.
Der Zeitfamulus brauchte nun erst einmal etwas zu essen. Ihm war nach
einem Bœuf bourguignon mit einem schönen Pinot Noir.
Terra 2027 – Paris
Die NOVA verließ die temporale Anomalie im Alpha-Centauri-System und
legte die 4,3 Lichtjahre innerhalb weniger Minuten zurück. Ich saß mit
Eleonore allein im Cockpit der Space-Jet. Wie üblich hatte ich keinerlei
Lust auf die Gesellschaft von Cilgin At-Karsin oder Kuvad Soothorn.
Ich vertraute nur Eleonore. Sie war die Positronik der NOVA und hatte
sich einen schönen weiblichen, terranischen Androidenkörper gebaut, der
sie repräsentierte. Sie wollte menschlicher werden und versuchte es mit viel
Gefühl. Das war das Ausschlaggebende. Sie wollte als Künstliche
Intelligenz Gefühle entwickeln. Ich wusste nicht, ob es möglich war, aber
sie war zumindest moralisch besser aufgestellt als der Rest der Crew, mich
eingeschlossen.
Ich wusste nicht einmal, wer ich war. Lautete mein Name wirklich
Nathaniel Creen? Was war vor meiner Zeit auf Gongolis passiert? War ich
immer schon ein Zeitreisender gewesen? Wer sagte mir denn, dass meine
Zeit auf Gongolis in der Milchstraße nicht auch nur eine Episode war?
Ich war als Carl Nathan im Dienst der Wehrmacht und SS im Zweiten
Weltkrieg gewesen und hatte Perry Rhodan als Kleinkind erschossen. Vor
Kurzem war ich mit Jevran Wigth auf einer dystopischen Erde im Jahre
2063 gelandet. Der Planet war von einem Atomkrieg gezeichnet gewesen,
und am Ende hatte sich die Menschheit sogar mit unserer Hilfe selbst
vernichtet.
Nun flog die Crew der NOVA zurück, und ich wusste nicht, in welcher
Zeit sie nun gelandet waren. Im Grunde genommen waren sie völlig
verloren in der Zeit. Es gab nur eine Konstante und darüber musste ich
mehr herausfinden. Ein Mann namens Lars Born oder Tenzing. Ich war ihm
in beiden Zeitlinien begegnet, nicht jedoch in der cairanischen Epoche.
Beide Male war ich in die Tiefe gestürzt. An seinem Tod 2063 war ich
nicht unschuldig gewesen, da er uns ausgenutzt hatte, um die Welt
vollständig zu zerstören.
»Wir erreichen die Erde«, sagte Eleonore.
Ich sah den blauen Planeten und den Mond. Es war durchaus ein schöner
und inzwischen vertrauter Anblick. In der Cairanischen Epoche waren Terra
und Luna nicht im Solsystem. Sie waren verschwunden, und die Cairaner
hatten behauptet, es hätte Terra, den Mond und auch Perry Rhodan niemals
gegeben. Damals hatte ich daran geglaubt und war Rhodanjäger geworden.
Inzwischen wusste ich es besser. Es gab Perry Rhodan wirklich – oder hatte
ihn gegeben, denn ich hatte ihn als Kind in einer anderen Zeitlinie
ermordet. Was aus Rhodan in der Atomkrieg-Zeitlinie geworden war,
wusste ich nicht. Als der Krieg 2037 ausgebrochen war, war er schon
vermutlich lange tot.
»Ich orte Satelliten. Die Kommunikation ist rege. Es herrschen regionale
Konflikte, denn es wird über Bombenangriffe auf ein Land mit dem Namen
Ukraine berichtet.«
»Ist es möglich, dass wir noch in derselben Zeitlinie sind? Nur früher?«
Ich rief über Interkom Jevran Wigth zu uns in die Zentrale. Ein
Terraforscher war hier nützlich. Der Tefroder betrat nur eine Minute später
das Cockpit.
»Das ist durchaus realistisch«, sagte Eleonore und begrüßte Jevran
freundlich.
Ich unterrichtete den Terraforscher, der als Rhodanmystiker von mir noch
vor Kurzem als Feind gejagt worden war, über unsere These.
»Der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten trägt den Vornamen
Donald und der Präsident Russlands Vladimir. Das lässt Rückschlüsse auf
die Roboter zu«, erklärte Eleonore.
»Wir positionieren uns erst einmal zwischen Terra und Mond. Ich möchte
mehr in Erfahrung bringen«, sagte ich. »Findest du Informationen über
Perry Rhodan?«
»Perry Rhodan, geboren am 8. Juni 1936 in Manchester. Gestorben am
31.5.1966 in Vietnam. Er war Pilot der US-Air-Force und wurde während
des Vietnam-Kriegs abgeschossen.«
»Das bedeutet, Perry Rhodan ist 1971 niemals zum Mond geflogen«,
stellte Wigth nüchtern fest.
»Das ist korrekt. Die erste Mondlandung fand bereits 1969 unter dem
Kommando von Neil Armstrong statt. Es folgten bis 1972 weitere
sogenannte Apollo-Missionen zum Mond. Seitdem wurde er nicht mehr
angeflogen.«
»Welches Jahr schreibt man?«
»Es ist der 5. Juli 2027. Die Welt ist von den Auswirkungen regionaler
Kriege in der Ukraine und in Israel zerrüttet.«
Das waren die untrüglichen Vorzeichen des Dritten Weltkriegs, der zur
Apokalypse 2037 führen könnte, wenn es sich um dieselbe Zeitlinie
handelte. Dort würde es am 17. Juni 2037 zum Atomkrieg kommen.
Wir mussten Tenzing alias Lars Born ausfindig machen. Das war schwer
genug, denn der Mann war nicht als Tenzing bekannt.
»Versuche Tenzing zu finden«, bat ich Eleonore.
»Das ist einfach. Ich durchsuche alle Einwohnermeldeämter in Europa. Er
sprach davon, dass er zwischen den großen Städten reiste. Ich kann ein Bild
von ihm aus meinen Aufzeichnungen rekonstruieren, und irgendwo wird
dieses bei der ausstellenden Administration seines Personalausweises oder
Führerscheins zu finden sein.«
Eleonore war beeindruckend. Während sie schweigend suchte, holte uns
Jevran Wigth zwei Kaffee. Ich nahm den Helm ab Eleonore und Jevran
waren mein vernarbtes Gesicht gewohnt – und trank den starken, schwarzen
Kaffee.
»Treffer, Claude Chevalier, Broker der Firma GTH mit Niederlassungen
in London, Paris, Rom, Madrid und Berlin. Ich durchsuche die sozialen
Medien nach ihm. Dort steht, dass er sich in Paris aufhält. Genauer gesagt
in der Rue Mazarine.«
»Wir sollten ihm einen Besuch abstatten«, schlug ich vor.
»Nicht mit der NOVA«, wandte Eleonore ein. »Die Menschen im Jahre
2027 kennen keine Raumschiffe, wie wir sie benutzen. Sie haben den
Weltraum nicht erkundet und kennen keine extraterrestrischen
Lebensformen. Wir müssen also mit der NOVA abseits landen.« Sie sah
mich an. »Und du bekommst eine Gesichtsmaske, denn Raumanzüge wie
deiner sind auch nicht bekannt.«
»Ich kann meinen Helm tragen.«
»Nein, das wäre zu auffällig. Ich erstelle eine Maske, die wie eine zweite
Haut anliegt. Außerdem habe ich soeben fünf Zimmer in einem Hotel im
Stadtteil Montmartre gebucht. Das ist ein Künstlerviertel. Wir werden dort
vermutlich aufgrund der vielen exzentrischen Personen nicht auffallen.«
»Dann darf ich doch meinen Helm aufsetzen?«
Eleonore stand auf und war um ein Lächeln bemüht.
»Nein, du kommst jetzt mit.«
Ich fühlte die Maske überhaupt nicht. Das Material lag wie eine dünne,
weitere Haut auf dem Gesicht und überdeckte die Narben. Eleonore
lächelte. »Sieht gut aus.«
Ich nickte nur und fühlte mich mit meinem Helm deutlich wohler, doch
wenn es für die Mission ausschlaggebend war, musste ich diese künstliche
Haut tragen.
»Ich habe uns eine Kreditkarte und EC-Karten sowie ein zugehöriges
Bankkonto erstellt. Es war nicht so schwer, die Bankrechner zu
manipulieren. Wir sind also liquide und sollten erst einmal shoppen gehen.
Wir brauchen neue Klamotten«, sagte Eleonore.
Ich legte den Umhang ab. Sicherlich sahen wir für Menschen des 21.
Jahrhunderts dieser Zeitlinie recht futuristisch aus. Außer Cilgin At-Karsin.
Mit seinem weißen Leinenhemd und den schwarzen Hosen würde er
vermutlich gut durchgehen, und der blaue Overall von Kuvad Soothorn
würde vermutlich auch passen. Eleonores blauer Anzug war sehr
körperbetont, aber sah zu sehr nach Uniform aus.
Wir kehrten ins Cockpit zurück, und ich übernahm wieder das Steuer. Die
Zentrale war nun voll, da Soothorn und At-Karsin ebenfalls da waren. Der
Springer klatschte in die Hände. »Oh, Paris! Was ich recherchiert habe,
klingt toll. Puffs, Partys und willige Mädels an den Straßenecken. Die Stadt
der Liebe.«
»In der Tat scheint Paris eine recht offene Stadt zu sein, in der sich allerlei
Lebensformen der menschlichen Gattung sammeln, um ihren Platz zu
finden. Es wird sicher eine interessante Erfahrung, die Herren und KI-
Dame«, stimmte der Hauri zu.
Es war unangenehm voll im Cockpit. Ich hasste diese Ansammlung an
Wesen. Ich musterte Jevran Wigth. Seine Kombination aus einer
braunweißen Jacke und Hose war ebenso schlicht wie unauffällig.
Ich steuerte die NOVA in den Orbit der Erde. Eleonore aktivierte den
Laurin-Tarnschutz. Sie öffnete eine holografische Karte von Frankreich und
zoomte in die Region von Paris. Es gab Landefelder, von denen
Flugmaschinen aufstiegen und landeten.
»Das sind Flugzeuge. Sie waren in der Zeit vor der Raumfahrt das
modernste Reisemittel zwischen Städten«, erklärte Wigth. »Es gab damals
keine Transmitter. Flugzeuge sind im Grunde genommen große Gleiter, nur
mit einer primitiveren Technologie.«
»Wie die Autos, die Benzin brauchten?«
»Richtig, Nathaniel! Auch Flugzeuge brauchten Treibstoff, um sich in die
Lüfte zu erheben. Fünfdimensionale Technologie ist hier gänzlich
unerforscht.«
Jedenfalls würden sie auch unseren Laurin-Tarnschutz nicht knacken. Die
NOVA war für die Menschen des 21. Jahrhunderts unsichtbar. Ich
navigierte zwischen den Flugzeugen, die ihre Landeschneise flogen und
setzte die NOVA auf einem Feld mit ein paar Bäumen auf. Wir waren am
Rand des Flughafens und nahe einer Hauptstraße, der Voie d’Orly.
»Und nun?«, wollte ich wissen.
»Immer der Nase nach«, riet Soothorn und schritt pfeifend voran. Beinahe
wäre er von einem Auto erwischt worden. Der Fahrer hupte und schimpfte.
Dann brauste er davon.
»Arschwichser«, rief Soothorn hinterher. »Gut, dass du abhaust, sonst …«
Drohend hob der Springer die Faust. At-Karsin schubste Soothorn in
Richtung Bürgersteig.
»Wir suchen uns eine U-Bahn-Station«, schlug Eleonore vor.
Vermutlich war das so etwas wie eine Rohrbahn.
»Wir müssen zum Place Lucien Boilleau«, sagte Eleonore und ging die
Voie D’Orly entlang. Dieser Pariser Vorort wirkte recht alt. Die Häuser
waren schmutzig und eng gebaut. Es schien jedenfalls nicht wie ein Teil der
Millionenstadt. Ein Bus mit der Aufschrift 299 stand an einer Parkbucht.
Ich stieg ein, und der Mann brummte etwas in seiner Sprache, derer ich
jedoch nicht mächtig war.
Ich blickte Eleonore fragend an. Sie drängte sich sanft an mir vorbei,
lächelte und sprach fließend Französisch. Sicher hatte das zu ihrer
Vorbereitung auf dem Flug hierher gehört.
Sie reichte die Zahlkarte, doch der Busfahrer schien wenig amüsiert und
meckerte sie an. Wir verließen den Bus wieder.
»Er akzeptiert nur Bares«, sagte sie. »Oder wir sollen uns Karten am
Automaten holen.«
At-Karsin deutete auf ein großes, kastenförmiges Gerät mit einem
Eingabeinterface und einer Ausgabe in der Ecke des Bushäuschens.
Er wollte mit dem Gerät sprechen, hielt dann inne.
»Vermutlich ist das keine Positronik?«
Jevran Wigth schüttelte den Kopf und wählte das Reiseziel und die Anzahl
der Reisenden, indem auf das Interface tippte. Nun sah er Eleonore
erwartungsvoll an, die die Karte gegen einen Sensor hielt. Der Automat
druckte die Fahrscheine aus.
Ich nahm einen und ging zum Bus. Diesmal ließ uns der unwirsche
Busfahrer passieren. Der Bus brachte uns schleichend in die Stadt. Der
Fahrer hupte und fluchte, bremste, beschleunigte. Es war kein Vergnügen.
Wir erreichten unser Ziel. Hier sah es mehr nach Großstadt aus. Tausende
Menschen tummelten sich in der Station, um ihre Verbindungen zu
erreichen. Vereinzelt musizierten einige von ihnen, andere bettelten, beteten
oder stopften sich mit Drogen voll. Vermutlich wollte keiner von denen die
Bahn wirklich nutzen, sondern suchten nur einen Platz, um die Dinge tun zu
können. Ein Mann im Morgenmantel ging durch die Gegend und putzte sich
die Zähne, ein anderer trug einen runden Kabelhut. Die Gestalten waren
skurril. Meine Sorge, dass wir auffallen würden, war völlig unbegründet.
Ein Zug hielt an, und Massen strömten aus dem Wagon. Ich drängte mich
rein und achtete darauf, dass auch die anderen mitkamen. Die meisten
Plätze waren besetzt. Ich fand eine Bank für zwei Personen. Soothorn
schlich sich an mir vorbei und setzte sich hin. Doch ich packte ihn am
Kragen und zog ihn wieder hoch. Eleonore nahm Platz, und danach ich.
Soothorn murmelte so etwas wie »Schon gut, schon gut, schon gut«.
Uns gegenüber saß eine alte Frau mit einem rundlichen Gesicht. Ihr
langes, grauweißes Haar war zu einem Zopf zusammengebunden. Sie trug
viele bunte Schals, grüne, violette, dunkelrote und gelbe. Und sie sang.
Dabei starrte sie uns mit leeren Augen an.
An einer Station mussten wir aussteigen und den Zug wechseln, der
jedoch auch nicht gegenüber von uns hielt. So irrten wir durch die Station
und nahmen eine Rolltreppe, die uns zu einem Nebengleis führte. Eine
Gang Jugendlicher handelte dort ganz offensichtlich mit illegaler Ware.
»Vielleicht können wir von denen ja was kaufen?«, schlug Soothorn vor.
»Ich denke nicht, dass die Drogen der Reinheit der Chemikalien aus dem
21. Jahrhundert NGZ entsprechen«, meinte At-Karsin.
Eleonore, Jevran Wigth und Nathaniel Creen in einem Café von Paris von Gaby Hylla
Wir gingen die Rolltreppe wieder hinunter. Die nächste U-Bahn brachte uns
in das Stadtviertel Montmartre. Dort stiegen wir aus. Unser Weg führte
durch einige mit Kopfstein gepflasterte Straßen zu unserem Hotel. Das
Gebäude war alt, wenngleich sauber. Eine Wendeltreppe führte zu den
Zimmern. Der Boden meines Zimmers hatte einen abfallenden Fußboden.
Solange das Haus nicht in der Nacht zusammenbrechen würde, war ja alles
gut.
Es gab zum Frühstück sogenannte Croissants in allen möglichen
Variationen. Das Gebäck schmeckte. Mir gegenüber saß Jevran Wigth, der
Unmengen an Kaffee in sich hineinschüttete. Eleonore war früh zum
Einkaufen aufgebrochen, während ich nichts von Soothorn und At-Karsin
gehört hatte. Vermutlich hatten sie nachts das Viertel unsicher gemacht.
Mittels Hypnoschulung hatte ich über Nacht Französisch gelernt. Ich
beherrschte die zeitgenössischen Sprachen Deutsch und Englisch seit
meiner Zeit ab dem Jahre 1944. Wie es mir beigebracht wurde, wusste ich
nicht. Es sorgte mich, dass offenbar jemand von außerhalb so einen Einfluss
auf mein Leben hatte. Vielleicht war es dieser Tenzing oder Lars Born oder
Claude Chevalier.
Ich informierte mich über das Weltgeschehen. Eine Demonstration war in
Paris angekündigt. Ein Volk namens Palästinenser oder ihre Vertreter in
Frankreich würden sich versammeln, um gegen die Angriffe des Staates
Israel zu demonstrieren. Sofern ich das richtig verstanden hatte, bestand ein
großer Hass der beiden Völker aufeinander, die in einer Region lebten, die
jeder für sich beanspruchte. Dieser Konflikt schwelte schon seit
Jahrhunderten, und Religion spielte eine große Rolle. Zumindest wurde sie
als Vorwand genutzt, um Gebietsansprüche zu erheben, die nicht mehr
zeitgemäß waren. Es zeigte mir, dass die Menschen im Jahre 2027 nicht in
der Lage waren, rational zu denken, wenn sie von gelobten Ländern und
heiligen Stätten sprachen und bereit waren, dafür zu töten und zu sterben.
Der andere große Konflikt war der Krieg in der Ukraine. Die Großmacht
Russland hatte 2022 eine Invasion begonnen und Teile des Nachbarlands
erobert. Mit Hilfe von Waffenlieferungen des Nato-Bündnisses hielt sich
die Ukraine aber noch wacker. Die Front zog sich entlang des großen
Flusses Djnepr. Westlich des Djnepr war ukrainisches Land und östlich
davon alles in russischen Händen.
Die ukrainische Hauptstadt Kiew lag am Djnepr und war täglich Ziel von
Angriffen. Die Regierung war deshalb nach Lwiw verlegt worden.
Offenbar drohte nun eine weitere Invasion, und der französische Präsident
hatte angekündigt, eine französische Legion aufzustellen. Außerdem
forderte er die Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft und der Nato auf,
Frankreichs Beispiel zu folgen. Wörtlich sagte er: »In der Ukraine wird sich
das Schicksal der Menschheit entscheiden.«
Auch in Asien brodelte es. Es gab drei Krisenherde. Der Iran machte
Stimmung gegen Israel und schmiedete eine »Allianz Allahs«. Das war
jedoch wohl schwierig, denn die Glaubensrichtungen der arabischen Welt
waren sich selbst nicht einig.
Die Großmacht China intensivierte seine Vorbereitungen zur Eroberung
der vorgelagerten Insel Taiwan. Hier jedoch machte das wohl mächtigste
Land der Erde, die United States of Amerika, unmissverständlich klar, dass
sie Taiwan helfen würde. Und das Land Nordkorea drohte immer wieder
mit Angriffen auf ihr Nachbarland Südkorea.
Das reichte aus, um die Welt ins völlige Chaos zu stürzen. So würde es
auch geschehen. Die Kriegsparteien würden sich noch fast eine Dekade die
Köpfe einschlagen, ehe sie die Nuklearwaffen einsetzten. Am 17. Juni 2037
kam dann der Tag des Jüngsten Gerichts. Im westlichen Volksmund auch
als »Judgement Day« bezeichnet. Das Ende der Welt, oder vielmehr der
menschlichen Zivilisation.
Ich trank noch einen Kaffee und dachte über die Menschen nach. Ich
selber war auch einer, und die Ärzte im 21. Jahrhundert NGZ hatten mich
sogar als Terraner bezeichnet, als sie mich untersucht hatten. Kam ich also
in meiner Zeitlinie von diesem Planeten? Jedenfalls war diese Menschheit
völlig zerstritten.
Eleonore kam mit einigen Taschen in den Frühstücksraum.
»Ich war shoppen«, sagte sie vergnügt. »Ich kann Frauen verstehen, die
eine große Freude daran haben, Unmengen an Geld für Klamotten und
andere Dinge auszugeben. Ich habe euch auch etwas mitgebracht.«
Sie legte zwei flache Rechner auf den Tisch. Auf ihren Displays waren
Symbole zu erkennen. Einen für Jevran und einen für mich.
»Das sind iPads. Ich habe sie gekauft und eingerichtet. Seht euch die
Social-Media-Bereiche genauer an. Sie vermitteln ein gutes Bild der
Gesellschaft, in der wir uns befinden.«
Sie hatte auch so ein Gerät. Sie trug eine enge schwarze Lederjacke, ein
weißes Top, das bauchfrei war, und enge Leggins und halbhohe Stiefel. Sie
sah hinreißend aus.
Eleonore stellte eine Tasche neben mich.
»Da sind deine Kleider
Ich navigierte durch die Kommunikationsplattformen und
Nachrichtendienste wie X, Facebook, Instagram und Telegram. Zum einen
wurden mir viele halbnackte Frauen gezeigt, die Selfies von sich gemacht
hatten und von ihrer tollen Welt schrieben oder wie notgeil sie seien.
Dann gab es viele Postings mit Katzen, was wohl niedlich sein sollte.
Sogenannte Memes mit Politikern und Stars wurde für bestimmte
Situationen genutzt, oftmals mit einer Sprechblase. Die politischen
Diskussionen wurden aufgrund des »Anti Hate & Crime & Racist & Gender
Act von 2026« moderiert. Nutzer konnten gemeldet werden, zuvor aber
kamen sie an den virtuellen Pranger. Das bedeutete, ihr Chatverlauf und
Browserverlauf sowie private Fotos und Videos konnten veröffentlicht
werden. Anschließend wurde der “böse” Benutzer gelöscht und der Zugang
für die Person auf Lebenszeit verweigert. Eine Künstliche Intelligenz suchte
dabei permanent nach anrüchigen Beiträgen. Natürlich war die Kommission
des AHCRGA auf Meldung von Benutzern ebenso angewiesen. Die Liste
der anstößigen Nachrichten war lang. Natürlich gab es Dinge, die man sich
bei einer gepflegten Konversation ersparen sollte, doch offenbar gab es
sehr, sehr viele Fettnäpfchen, in die man bei einer Diskussion treten konnte.
Auf dem Display leuchtete nun eine Warnmeldung: »Achtung, dieser
Beitrag wurde im Rahmen des AHCRGA als widerrechtlich eingestuft. Die
Löschung wurde beantragt. Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr
Na dann. Ich klickte drauf. Nutzer RoterSternParsisForever5718 schrieb:
»Die transatlantisch-kapitalistisch-jüdisch-militärische Rothschild und
Bilderberger Verschwörer sind mal wieder tätig. Glaubt ihnen kein Wort.
Die bereiten die Invasion auf Russland vor. Aber die tapferen russischen
Soldaten werden die europäische Transenarmee zerschlagen!«
»Interessant, welche Beiträge du liest«, warf Eleonore ein. »In der Tat gibt
es künstliche Intelligenzen, die Hetzschriften sogar entwerfen und verteilen.
Allerdings erscheint mir der Nutzer real, denn er kann nicht einmal den
Namen seiner Stadt korrekt schreiben. Jedenfalls sind die sozialen Medien
vor allem eine Wiese für Propaganda. Ob im großen Stil oder einfacher
Bürger. Jeder präsentiert sich so gut es geht und lügt dafür auch. Das
ergeben zumindest meine Analysen.«
Heuchler!
Doch hatte sich im 21. Jahrhundert NGZ so viel daran geändert? Die
Cairaner hatten eine ganze Galaxis belogen und den Posizid und die
Datensintflut für ihre Zwecke missbraucht. Und die Meinungsmacherin
Rasha war auch nicht das, was sie vorgegeben hatte. Sie war eine Spionin
dieser Takhal Gud Looter.
Täuschung und Heuchelei war Taktiken, die oft von Humanoiden
angewendet wurden. Ich war eher der gradlinige Typ.
»Die Onlinedienste von Russland, China und Iran sind weitaus stärker
zensiert als die Westlichen«, stellte Jevran Wigth fest. »Ein wenig erinnert
das sogar an die Datensintflut, denn vieles, was dort steht, ist entweder frei
erfunden, übertrieben oder wurde heruntergespielt.«
Es ging nicht nur um die Konflikte der Welt in den Diskussionen, die
Leute kriegten sich auch wegen viel weniger in die Haare. So wurde
gestritten, ob es Geschichtsrevisionismus sei, wenn schwarze Schauspieler
weiße Rollen spielen würden, um die Diversitätsanforderungen zu erfüllen.
Doch weiße Schauspieler durften keine Schwarzen spielen, denn das sei
Blackfacing.
Hass und Ablehnung erfuhren jene, die behaupteten, dass es nur zwei
Geschlechter gab. Es gab Boykottaufrufe gegen solche Nutzer, die auch
recht erfolgreich zu sein schienen. Ein weiterer Streitpunkt war das Klima.
Auch hier führten die Befürworter und Gegner eines möglichen
Klimawandels hitzige Diskussionen.
Es schien so, als seien alle Zweifler des Klimawandels sowie Anhänger
der These der zwei Geschlechter allesamt rechtsradikale weiße alte Männer.
Die andere Seite waren aufgeweckte, moderne junge Leute, die die Welt
retten wollten. Zumindest auf den ersten Blick.
Mir fehlten die Visionäre. Blickte denn kein Mensch zu den Sternen und
träumte von Reisen zu fremden Planeten? Die Moral dieser Gesellschaft auf
jeder Seite erschien mir unehrlich. Die Regierungen von Russland, China,
Iran und Nordkorea waren, soweit ich das beurteilen konnte, Diktaturen
oder Halbdiktaturen und behaupteten trotzdem von sich, Demokratien zu
sein.
Jeder wollte in einem guten Licht dastehen und tat trotzdem dunkle Dinge.
Das war im Kleinen wie im Großen so. Die einen verwendeten eine
auffällig naive Sprachweise, die anderen hingegen eine betont derbe
Sprache. Es wurde diskutiert, ob bestimmte Wörter verwendet werden
sollten oder nicht besser verboten gehörten. Ich überflog endlose
Diskussionsthreads zum Thema Gendern und Geschlechter. So gab es
Fraktionen, die behaupteten, dass Geschlechter nur eine Erfindung von
weißen Männern seien, was ein Widerspruch in sich war. Biologische
Merkmale wurden ignoriert.
Für diesen Planeten und die menschliche Spezies waren die Geschlechter
biologisch relativ eindeutig. In der Milchstraße gab es durchaus Völker, die
mehr als zwei Geschlechter hatten oder die Geschlechter in sich vereinten.
Es gab Haluter, es gab die Zwotter und Roboter und Androiden durften
man nicht vergessen. Doch das war die Milchstraße und nicht ein Planet mit
begrenzt intelligenten Lebensformen. Es gab natürlich Ausnahmen auch auf
der Erde, die jedoch deutlich in der Minderheit waren. Offenbar glaubte
jeder das zu sein, was ihm in den Kram passte. Heute ein Mann, Morgen
eine Frau und Übermorgen ein Hund. Das mochte phantasievoll sein, ich
empfand es jedoch als dekadent und dumm. Die Menschen schienen mit
sich selbst beschäftigt zu sein, dabei agierten sie in einem sehr begrenzten
geistigen Horizont und nur mit geheuchelter Empathie. Es schien mir so, als
sei es schick, sich mit hochtrabender Moral zu brüsten, die man jedoch
nicht verinnerlicht hatte.
Den Menschen fehlte die feste Hand eines aufrichtigen, globalen
Imperiums. Die Ideologien der Reiche waren nicht geradlinig. Der
sogenannte Westen beanspruchte Demokratie und Freiheit für sich und
setzte dabei auf den Kapitalismus. Geld würde alles regeln. Russland und
China waren nicht so frei, sie zensierten mehr, sahen sich aber auch als
Demokraten, waren Kapitalisten und früher Kommunisten. Unterm Strich
ging es wohl einfach um die Erweiterung von Macht und Vergrößerung der
Territorien. Schon allein die halbe Stunde in diesen sozialen Medien zeigte
mir, wie uneins die Menschen waren und wie gerne sie sich hier
zumindest verbal bekriegten und wie wenig jemand von seiner eigenen
Position abwich. Ich hätte mich noch stundenlang durch die Threads
wühlen können, doch wir wollten Claude Chevalier finden.
Cilgin-At-Karsin und seine Sternenstaub von Gaby Hylla
»Brechen wir in die Rue Mazarine auf«, schlug ich vor.
Vor dem Hotel trafen wir Cilgin At-Karsin und Kuvad Soothorn. Der
Springer wirkte, als hätte er die Nacht durchzecht. At-Karsin war in
Begleitung. Das Wesen an seiner Seite war schillernd, trug eine goldene
Perücke, war bunt geschminkt und in einem engen Ganzkörperanzug
gekleidet. Ich erkannte sowohl männliche als auch weibliche Wölbungen.
Die beiden hielten Händchen.
»Das ist mein Auftraggeber, Nathaniel Creen«, sagte At-Karsin zu dem
Menschen.
»Salut, ma belle«, sagte das hochgewachsene Wesen. »Je suis de la
poussière d’étoiles.« Es fuhr sich mit den Fingern durch das goldene Haar.
»Ein neuer Freund?«
At-Karsin lachte. Es war das erste Mal, dass der Hauri wirklich glücklich
wirkte. Ich kannte ihn sonst nur als steifen, verschlagenen Bürokraten.
»Poussie ist Dragqueen im Theatre des Abbesses. Kuvad und ich waren
gestern dort und haben die Kunst des Alternativen hautnah erlebt, Herr
Kopfgeldjäger. Poussie ist aufgeschlossen. Es ist aus Sternenstaub.«
Ich schwieg.
Karsins Begleiter fuchtelte mit den Armen.
»Ich bin geboren aus Sternenstaub. Heute ein Mann, morgen eine Frau
und übermorgen ein Kakadu, Cherie! Nennt mich Sternenstaub. Das ist
mein Künstlername.«
Es kicherte und sagte: »Ich demonstriere für die Freiheit der
Unterdrückten auf dieser Welt.«
Auf der anderen Straßenseite versammelten sich einige Demonstranten.
»Ach, das sind also die Islamisten«, meinte Eleonore unbekümmert.
»Vorsicht«, mahnte Wigth. »Ich habe mich informiert. Die Muslime sind
in dieser Epoche der Menschheit religiös sehr fanatisch und nicht
aufgeschlossen. Nur weil sie in der westlichen Welt leben, bedeutet das
nicht, dass alle von ihnen Demokratie und Freiheit wollen. Es gibt einige,
die sich ein islamisches Kalifat wünschen. Besonders die Frau ist im Islam
noch untergeordnet. Es ist paradox, dass ausgerechnet viele westliche
Frauen den Islam fördern.«
Ich sah einige Frauen mit Kopftüchern, andere trugen Schleier, und andere
waren ganz verhüllt. Offensichtlich war das kein modischer Gag, sondern
hatte eine tiefgründige Bedeutung.
Sternenstaub winkte ab.
»Das ist die typische Vorstellung eines Mannes, Cherie! Denke nicht mit
deinem Lümmel. Die Frauen tragen ihre Vermummung gerne und sind die
Tonangebenden im Haus. Ich geh jetzt mal zu meinen Freunden.«
Sternenstaub drückte At-Karsin einen dicken Schmatzer auf die Lippen,
winkte noch einmal und stolzierte zu einer anderen Gruppe skurril
aussehender Menschen.
»Der Krieg zwischen Israel und die vielen Toten auf beiden Seiten heizt
die Stimmung noch mehr an. Die Palästinenser sind militärisch unterlegen.
Es sterben mehr von ihnen. Sie sind aber nicht bereit aufzugeben und sehen
sich als Freiheitskämpfer«, fuhr Wigth fort.
»Für andere sind es dann Terroristen«, sagte Cilgin At-Karsin. »Die
wirken hier aber friedlich. Wie meine kleine Poussie.«
Die Demonstranten wurden von vermummten Männern, aber auch ganz
normal aussehenden Leuten begleitet, die vermutlich keinen islamischen
Hintergrund hatten.
»Es gibt solche und solche«, sagte Jevran Wigth. »Das islamistische
Gefühl ist vor allem entstanden, weil Perry Rhodan nicht die Menschheit
vereint hatte, denke ich. Rhodan hatte den Grundstein gelegt, dass Israel
und Palästina friedlich lebten. Durch moderne Technologien gab es auch
viel mehr Lebensraum, und Wüsten konnten fruchtbar gemacht werden. Die
Konflikte, die durch die islamische Revolution 1979 entstanden waren,
wurden in den 80er Jahren überwunden. Mit der Erforschung des
Weltraums erweiterte sich der Blick der Menschen, und der Fanatismus und
Hass wich dem Pioniergeist. Und es gab die Möglichkeit, Kolonien zu
gründen. So konnten sich verfeindete Gruppen aus dem Weg gehen.«
Das passierte also mit den Menschen, wenn sie keine echten Visionen
mehr hatten. Es war gut möglich, dass sie evolutionär einfach nur diese eine
Chance hatten, die ihnen Perry Rhodan 1971 geboten hatte, und sie nun
degenerierten.
Wir bahnten uns einen Weg zwischen den Demonstranten zur U-Bahn-
Station und machten uns auf den Weg zu Claude Chevalier, der vielleicht
der Schlüssel der Zeitveränderungen war.
Terra 1785 – Rückkehr nach Eutin
Der Kosmogene Segler glitt im Regen über die aufgewühlte Ostsee. Das
Raumschiff nahm Kurs auf die Lübecker Bucht. Der Name war ihm
inzwischen längst bekannt
Aurec scannte die Gegend. Es gab keine fünfdimensionalen Energiewerte,
noch nicht einmal Elektrizität. Daraus schloss er, dass er nicht allzu weit in
die Zukunft gereist war. Die Messungen wiesen eine Außentemperatur von
nur fünf Grad aus. Er musste also in einer kalten Jahreszeit angekommen
sein.
Der Segler erreichte schnell die Außenbezirke von Eutin und landete mit
aktiviertem Tarnfeld einige hundert Meter vor dem Tor zur Stadt.
»Pass auf das Raumschiff auf«, sagte Aurec zum Posbihund Bencho und
streichelte ihn, ehe er das Schiff verließ und den restlichen Weg zu Fuß
bestritt. Auf der Straße kamen ihm Bauern mit Karren entgegen, der von
zwei Pferden gezogen wurde. Hinter ihnen trabten zwei Kavalleristen her.
Ihre Mode entsprach dem, was Aurec 1776 gesehen hatte. Die Reiter trugen
Dreispitze, blaue Uniformen und Stiefel. Einer von ihnen sah Aurec so an,
als würde er ihn erkennen, was so gut wie unmöglich war.
Aurec ging vorbei und hielt auf das bewachte Stadttor zu. Ein älterer
uniformierter Mann wollte den Anlass von Aurecs Aufenthalt wissen.
Aurec antwortete, er sein zum Handeln hier und besuche alte Freunde, wie
den Grafen Leopold von Stolberg. Der Mann ließ ihn passieren. Die Straße
führte zum Markt. Von weitem sah Aurec die St. Michaelis Kirche. Er
betrachtete die Marktstände mit dem frischen Obst und Gemüse. Es duftete
nach frischem Brot und gegrilltem Fleisch.
Es war kalt. Aurec zog es vor, in eine der Gaststätten zu gehen. Er
bemerkte, dass an einem der großen Gebäude aus rotem Backstein
gearbeitet wurde. War das nicht das Rathaus? Jedenfalls wurden zur
Marktseite hin ein Anbau vorgenommen, der mit einer Ziegelfassade
versehen wurde, was den Übergang vom Spätbarock zum Klassizismus
symbolisierte. Aurec war über sich selbst erstaunt, sich so etwas gemerkt zu
haben. Er hatte die gängigen Schriften über Eutin aus dessen Zukunft in den
letzten Wochen gut studiert. Doch der Umbau dieses Gebäudes gab ihm
einen wichtigen Hinweis. Der Herzog von Oldenburg, Friedrich August,
war tot. Der Umbau dieses Gebäudes war die Errichtung des Witwenpalais
für die Herzogin. Er musste sich demnach irgendwann in zweiten Hälfte des
Jahres 1785 oder im Jahre 1786 befinden.
Aurec ging in eine Schenke und bestellte ein Bier, ein Brathähnchen und
etwas Brot. Pommes mit Ketchup kannten die Leute vermutlich noch nicht.
Auch misstraute er der Sauberkeit der Lebensmittel. Das Hähnchen war
gegrillt, das Brot frisch gebacken und das Bier gebraut. Die
Wahrscheinlichkeit von Keimen war damit gering. Während Aurec aß,
kamen zwei Männer herein. Der eine war hochgewachsen und trug einen
langen Kutschermantel. Er blickte grimmig drein. Der andere wirkte
galanter. Er hatte ein längliches, freundliches Gesicht. Der Bärtige blickte
mich an. Ich widmete mich wieder dem Essen.
Der Kosmogene Segler von Raimund Peter
»Don Diego de la Aurec«, rief der Mann mit dem Bart.
Ich sah ihn an. Jetzt dämmerte es mir.
»Bernhard von Hollen!«
Die beiden kamen zu mir. Von Hollen umarmte mich kräftig.
»Eure Hoheit, es sind neun Jahre vergangen. Es ist schön, dass Ihr den
Weg zurück in unsere bescheidene Stadt gefunden habt.«
Ich bedankte mich für die freundliche Begrüßung und erkundigte mich
nach Stolberg.
»Der Graf ist im Auftrag des Fürstbischofs in Sankt Petersburg am Hof
der Zarin. Ihr habt …« Er zögerte. »Der Herzog Friedrich August ist im
Juni des Jahres bei einem Ausritt verschieden.«
»Das ist bedauerlich.«
Ich stellte die Frage nach dem Nachfolger, obwohl ich die Antwort kannte.
Doch ein Besucher aus Kalifornien wusste sie bestimmt nicht. »Sein Neffe,
Peter Friedrich Ludwig, ist nun Administrator. Er weigert sich aus Respekt
vor Friedrich Peter Wilhelm, den Titel Herzog anzunehmen. Er ist
zumindest Fürstbischof und de facto auch der Herzog.«
Friedrich Peter Wilhelm war nach dessen Begegnung mit Medvecâ und
Nistant als Kind mental mehr als instabil. Auf Drängen von Zarin Katharina
war er schließlich 1777 für geisteskrank erklärt und von der Thronfolge
ausgeschlossen worden. Natürlich hielt wohl jeder die Begegnung mit
einem Vampir und einen Untoten für wahnsinnige Hirngespinste des
Kronprinzen. Aurec wusste es besser.
»Stolberg informierte die Zarin über den Tod.«
Sein Begleiter räusperte sich.
Von Hollen duckte sich demütig.
»Wo bleiben meine Manieren. Ich habe die Ehre vorzustellen: Johann
Heinrich Voß, Rektor des Gymnasiums von Eutin. Er ist ein Freund
Stolbergs.«
»Er hat mir tatsächlich von Ihnen erzählt, Fremder aus Übersee. Es freut
mich. Sagt uns, was führt Euch her? Und das noch kurz vor dem Winter
»Oh, durch die Reise habe ich das Zeitgefühl verloren. Manchmal kommt
es mir doch noch wie Sommer 1776 vor. Welchen Tag haben wir heute?«
Voß lachte, dann blickte er Aurec verwirrt an, als er merkte, dass dieser es
ernst meinte.
»Wir schreiben den 21. November des Jahres 1785«, sagte Voß.
»Wohlan. Ich suche nach einer Unterkunft. Vermutlich werde ich im
Schloss nicht mehr willkommen sein, solange Gustav Larsen noch der
Haushofmeister ist?«
»Das ist er noch. Und ich bin Kammerdiener und Hauptkutscher«,
erwiderte von Hollen. »Sicherlich dürfte Fürstbischof Peter neugierig auf
Euch sein, doch ich weiß nicht, ob er Zeit hat. Er ist in großem Gram«,
ergänzte der Kutscher und bestellte sich ein Bier. Trinken und fahren waren
damals noch erlaubt.
Voß schien Aurecs fragende Blicke zu bemerken.
»Vor nicht einmal einen Monat gebar seine Gemahlin, Friederike
Elisabeth Amalie Auguste von Württemberg, ein Kind, welches keinen
Atemzug mehr tat, dessen kleines Herz nicht schlug, dessen königliche
Seele bereits zum Herrn gegangen ist. Überdies leidet sie an einer
Krankheit. Sie ist sehr schwach«, berichtete Voß betrübt.
Eine Totgeburt war zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Die terranische
Medizin war im Grunde genommen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts
eher ein Glücksspiel.
»Welche Beschwerden äußert ihre Krankheit?«
Von Hollen räusperte sich.
Aurec verstand nicht.
»Nun, was Kutscher von Hollen unbeholfen zu sagen versucht, ist, dass
die Gelehrten offenbar nicht genau wissen, woran sie leidet. Ihre
Gesundheit war stets zart, doch von der Totgeburt hat sie sich nicht erholt.
Es scheint eine Anämie vorzuliegen. Des Fürstbischofs Herz ist in großer
Sorge.«
Das war verständlich. Aurec dachte an Kathy Scolar. Als er sie 1308 NGZ
für immer verlor, hatte es ihm das Herz zerbrochen und ihn innerlich
getötet. Nichts hatte seine Trauer und seinen Kummer vergessen machen
können. Es gab Männer, für die nur eine einzige Frau im Leben zählte
diejenige, mit der sie für immer verbunden sein wollten. Aurec hatte diese
ständigen Partnerwechsel bei einigen Leuten nie verstanden. Dazu war er zu
romantisch, zu vertrauensselig. Fürstbischof Peter fühlte genauso. Aurec
wusste aus seinen Recherchen, dass Friederike schon bald sterben würde.
Peter würde nie wieder heiraten und fortan in Trauer und Melancholie sein
Leben als »erster Diener des Staates« dem Herzogtum widmen.
Peter Friedrich Ludwig würde das Herzogtum als Administrator zu einer
Blüte führen und sogar Napoléon Bonaparte treffen. In seiner über 40 Jahre
andauernden Regentschaft hatte er zahlreiche Reformen für die Bürger
eingeführt. Doch wie passte das in die Machenschaften von Fürst Medvecâ
und dessen Handlanger Gustav Larsen? Das musste Aurec herausfinden.
»Voß, können Sie mir dennoch eine Audienz beim Fürstbischof
arrangieren? Vielleicht darf ich auch im Schloss nächtigen, was vermutlich
Gustav Larsen missfallen wird.«
»Nun, ich werde mich bemühen. Der herzogliche Haussegen hängt derzeit
noch schief. Die Witwe von Friedrich August misstraut Peter Friedrich
Ludwig, seit er vor neun Jahren zum Koadjutor gewählt wurde. Ulrike
Friederike Wilhelmine hatte bis zuletzt auf eine Regentschaft ihres Sohnes
und ihrer selbst als Nachfolgerin gerechnet. Dabei will der Fürstbischof
wirklich nur das Beste für die Familie. Am Markt wird der Witwenpalais
gebaut, und aus Respekt vor seinem Vetter Peter Friedrich Wilhelm
verweigert er, den Titel Herzog zu tragen«, führte V aus und ließ sich
einen Wein von der beleibten Kellnerin bringen.
»Was ist aus dem Sohn des Herzogs geworden?«, wollte Aurec wissen.
Zwar kannte er das Todesjahr 1823 –, doch viele Details waren ihm
unbekannt.
»Nun, seit dem Jahre 1777 wohnt der regierungsunfähige Kronprinz im
Schloss zu Plön. Es fehlt ihm dort an nichts. Sein Geisteszustand ist jedoch
weiterhin instabil. Es heißt, im einen Moment sei er friedlich und bestaunt
die Schönheit der Blumen und im anderen kann er jähzornig und auch
tätlich werden. Nahezu täglich spricht er vom Jüngsten Gericht, und wir
sollten alle bußfertige Männer werden.«
Peter Friedrich Wilhelm hatte die Begegnung mit Medvecâ und Nistant
niemals überwunden. Er war für sein Leben gezeichnet. Immerhin war
seine Irrenanstalt ein Schloss, doch ein freier Geist hinter Gittern war
vielleicht die höhere Strafe.
Johann Heinrich Vgewährte Aurec Platz in seinem Haus als Gast für die
Nacht. Dort lernte er seine Gattin Ernestine kennen, die wie Vliterarisch
begabt war. V selbst war nicht nur Rektor der Eutiner Schule, sondern
auch Dichter und Übersetzer antiker Geschichten, wie die Odyssee des
griechischen Dichters Homer.
Aurec merkte, dass V einen unabhängigen, aufgeklärten Geist besaß
und sehr intelligent war. Er war wohl einer dieser Menschen, die ihrer Zeit
voraus waren. Er fragte ihn, während sie zu Kaffee und Kuchen saßen, was
er über Haushofmeister Gustav Larsen wisse und ob er jemals einem Fürst
Medvecâ begegnet sei.
»Nun, der Herr Haushofmeister ist ein gewissenhafter und intelligenter
Mensch, der zu Sarkasmus und Zynismus neigt«, sagte Voß.
»Er ist ein unangenehmer Mensch. So glatt wie der Aal eines Fischers aus
Sierksdorf«, warf Ernestine ein. Aurec konnte beiden zustimmen.
»Einem Fürsten Medvecâ bin ich nicht begegnet. Wenngleich es durchaus
Geheimniskrämereien am Hofe des Herzogs gab. Ich nahm an, es hätte mit
der Freimaurerloge zu tun.«
V nahm einen Schluck Kaffee. Dann schien ihm etwas einzufallen.
»Hm! Wo Sie diesen Fürsten erwähnen, so gab es doch eine kuriose
Begebenheit. Ich erhielt zu meinem Umzug in dieses Haus ein Geschenk
von Larsen. Das Gemälde einer schönen Frau. Larsen selber hatte es einst
von diesem Fürsten Medvecâ erhalten. Es heißt, sie sei dessen Gemahlin
gewesen.«
»Dürfte ich das Bild sehen?«, fragte Aurec aufgeregt.
»Gewiss doch, Don Diego de la Aurec.«
Er führte ihn in einen Salon. Aurec erstarrte, sein Herz pochte wild. Über
dem Kaminsims hing das Bild einer wunderschönen Frau. Die brünette
Haar war hochgesteckt, wie es in dieser Zeit Mode war. Die braunen Augen
schienen auf den Beobachter gerichtet. Das Haar, die Augen, die vollen
Lippen: Das war Kathy! Er blickte auf Gemälde von Kathy Scolar!
»Erwähnte Larsen, welchen Namen die Dame auf dem Bild trug?«, fragte
Aurec benommen.
»Er sagte, das sei Katherina aus dem Lande Rideryon. Es ist seltsam, denn
es gibt kein Land mit diesem Namen, und ich habe auch nichts in den
Geschichtsbüchern gefunden. Vielleicht entsprangen die Namen der
blühenden Phantasie des namenlosen Künstlers«, erklärte Voß.
Aurec starrte gebannt auf das Bild.
»Vielleicht«, murmelte er, um überhaupt etwas zu sagen.
Es war seltsam, denn er war in der terranischen Vergangenheit, und Kathy
Scolar würde erst in 3073 Jahren geboren werden. Und doch blickte er in
ihr unvergleichliches Gesicht. De facto war dies das erste Lebenszeichen
von ihr seit mehr als siebenhundert Jahren. Das war kein Zufall. Als Kathy
im Jahre 1307 NGZ von Medvecâ entführt worden war, hatte er sie zu einer
Ylors gemacht. Sie war zur Fürstin der Finsternis geworden und fortan als
Katherina bekannt gewesen, ehe Aurec mit Hilfe eines alyskischen Serums
ihre endgültige Verwandlung zur Ylors aufgehalten hatte.
»Diese Frau war jedoch nicht in Eutin?«
Ein Hoffnungsschimmer keimte bei Aurec auf. Vsollte einfach nur ja
sagen. Dann gab es die Chance, Kathy zu sehen und zu retten.
»Es ist mir nicht bekannt, dass sie in Eutin weilte. Es heißt, diese Region
mit dem seltsamen Namen Rideryon liegt im Großfürstentum
Siebenbürgen. Es ist also Teil der Habsburger Monarchie.«
Aurec wusste nicht genau, wo sich dieses Siebenbürgen befand.
Vermutlich in Osteuropa. Jedoch war ihm die Habsburger Monarchie
durchaus bekannt, war doch Maria Theresia 1776 Gast auf dieser geheimen
Konferenz gewesen, die Gustav Larsen im Auftrag von Medvecâ geleitet
hatte. Die Herrscherin von Österreich war seit fünf Jahren tot. Ob ihr Sohn
und Nachfolger Joseph II. mit diesem Bund sympathisierte und de la
Siniestro finanziell unterstützte?
Aurec starrte noch lange auf das Gemälde. V machte aus Aurecs
Verhalten eine Tugend und brachte Wein in den Salon. Sie saßen
stundenlang dort. Aurec wollte auch gar nicht woanders hin, denn das Bild
zog ihn magisch an.
»Die Privilegien des Adels sind grotesk«, stellte V als Fazit einer
Diskussion über die Gleichheit von Menschen fest. »Friedrich August war
zwar ein guter Herzog, doch die Geschichte ist voll mit Despoten und
Gaunern. Wir werden erleben, was der neue Herzog diesem Lande bringen
wird. Größer gedacht, ob die Bürger diese Form der Regierung noch ewig
akzeptieren werden.«
»Es wird immer Herrscher und Beherrschte geben«, wandte Aurec ein.
»Die Beherrscher werden keine Krone mehr tragen und die Menschen mit
Geld statt der Peitsche gefügig machen.«
»Entnehme ich Ihren Worten, dass es sinnlos sei, sich für Freiheit
einzusetzen?«
»Oh nein, werter Voß! Es lohnt sich immer, dafür zu kämpfen. Ich sage
nur, dass sich die Erscheinungsformen der Unterdrücker ändern werden.
Und ich gebe Ihnen recht, der Dünkel des Adels ist grotesk und sehr
abhängig vom Charakter des Herrschers. Das Herzogtum Oldenburg hat
jedenfalls Glück.«
Anschließend diskutierten sie über den griechischen Dichter Homer und
die Irrfahrt des Odysseus. Es erinnerte ihn an seine Reise durch die Tiefe
des Chaos. Das waren Dinge, die er Voß natürlich nicht erzählen durfte.
So aufgeschlossen dieser Mann auf ihn wirkte, sicherlich würde er diese
Geschichte nicht verstehen und akzeptieren. Das war so surreal, dass selbst
Wesen aus dem 21. Jahrhundert NGZ ihre Probleme damit haben würden.
Falls sie denn noch existierten. Aurec wusste nicht, ob überhaupt noch
jemand aus seiner Zeitlinie existierte. Die einzige Hoffnung war, dass sich
fähige Wesen auf die CASSIOPEIA retten konnten. Das Raumschiff würde
sich vermutlich irgendwo zwischen den Zeiten oder in der Tiefe des Chaos
aufhalten. Sollte es die CASSIOPEIA nicht geschafft haben, war ohnehin
alles verloren und er würde ein einsamer Wanderer zwischen den Zeitlinien
sein.
Aurec warf einen letzten Blick auf das Gemälde von Kathy. Sollte sie
noch am Leben sein, würde er einen Weg finden, sie wiederzusehen. Eines
war ihm dabei klar: Er musste Medvecâ finden.
Am frühen Nachmittag des 22. November 1785 erhielt Aurec eine Audienz
bei Peter Friedrich Ludwig, dem Fürstbischof von Lübeck und neuen
Regenten des Herzogtum Oldenburgs. Er wurde von einem schweigsamen
Kammerdiener wortlos in die obere Etage geleitet. Der dem Audienzsaal
vorgelagerte Empfangsraum war nicht leer. An einem Sekretär saß ein
vertrautes Gesicht. Es war Gustav Larsen. Er schrieb etwas und ließ sich
dabei nicht stören. Aurec sah sich um. Der Raum war komplett in Weiß
gehalten. Von der verzierten Decke hing ein großer Kronleuchter.
Auf einem Tisch neben dem Sekretär stand eine goldene Boulle-Uhr. Über
dem Zifferblatt thronte ein Adler in seinem Nest. Zu jeder Seite saßen zwei
Figuren in ihren Gewändern. Der Mann schrieb etwas, und die Frau las in
einem Buch. Aurec ging näher und legte den Finger auf den Adler.
»Bitte nehmen Sie Ihre Hände von diesem wertvollen Schatz. Diese Uhr
stammt aus der Zeit von Ludwig XIV. Es würde einem Kammerdiener
Stunden seines Lebens kosten, diese Uhr von Ihrem schmutzigen Schweiß
zu reinigen«, sagte Larsen ruhig. Dann kritzelte er zu Ende und legte die
Feder zur Seite. Seufzend erhob er sich und blickte Aurec ernst an.
»Wo ist der Fürst?«, fragte Aurec gerade heraus.
»Pardon? Friedrich Wilhelm Ludwig ist Fürstbischof von Lübeck und
Regent des Herzogtums Oldenburg. Er weigert sich, aus mir
unverständlichen Gründen, den Titel des Herzogs anzunehmen. Er ist
jedoch kein Fürst.«
»Medvecâ!«
»Ich hörte, Ihr ersucht um eine Audienz mit dem Regenten des
Herzogtums Oldenburg und nicht mit dem Fürsten Medvecâ. Wünscht Ihr
eine Absage? Das wäre durchaus peinlich, denn der Fürstbischof wartet im
Audienzsaal. Die Laune seiner Hoheit ist gelinde ausgedrückt unleidig bis
grämlich. Sein dritter Sohn kam vor wenigen Wochen als toter Kadaver zur
Welt, und seine Frau wurde von einer Krankheit dahingerafft. Eure
Anwesenheit ist deshalb bestenfalls störend, ich empfinde sie als empörend
und sekkant.«
Larsen sprach diese Beleidigungen charmant aus. Er erhob sich, räusperte
sich und streckte die Hand aus in Richtung Seitentür. Ich ging voraus. Ein
Kammerdiener öffnete die Tür. Sie führte in einen Raum mit zwei blauen
Thronen auf der rechten Seite. Dort saß der designierte Herzog von
Oldenburg. Er wirkte nachdenklich und betrübt. Seine Körperhaltung war
schlaff, der Blick ging ins Leere.
Larsen räusperte sich.
Stille.
»Ich habe Ihr Kommen vernommen, Haushofmeister Larsen«, sagte Peter
Friedrich Ludwig leise. Sein Blick war nun auf Larsen und Aurec gerichtet.
Der Regent zwang sich zu einem müden Lächeln. Peter Friedrich Ludwig
war dreißig Jahre alt. Er trug eine blaue Jacke, über der eine rote Schärpe
hing. Auf seinem Kopf saß eine braune Perücke, wie es zu dieser Zeit noch
üblich war. Er wirkte müde und traurig.
Aurec trat vor und machte eine Verbeugung.
»Ich bekunde meine Anteilnahme über die Sorge wegen Eurer Gemahlin
und den Verlust Eures Jüngstgeborenen.«
Peter Friedrich Ludwig blickte ihn ernst an. Aurec wusste, dass er ihm
nicht helfen könnte. Peters Frau würde in zwei Tagen ihrem Leiden erlegen.
»Ich war im Jahre 1776 Gast eures Onkels. Nun hat mich mein Pfad
erneut hierher verschlagen, und ich hielt es für angebracht, dem Eutiner Hof
einen Besuch abzustatten.«
»In der Zeit Eures Besuchs verweilte ich in England. Mein Vetter sprach
in freundlichen Worten von Euch. Eure Gesellschaft hatte ihm gutgetan. Ich
danke Euch dafür. Nun, fühlt Euch als Gast in meinem Schloss
willkommen. Gustav, stellt ihm ein Gemach zur Verfügung.«
»Wenn Ihr es denn wünscht«, murmelte Larsen unzufrieden.
»Das tue ich. Sowohl mein Vetter als auch mein Onkel erwähnten, Ihr seid
ein intelligenter und aufgeschlossener Adliger aus Amerika. Ich wünschte,
die Zeiten wären anders, so hätten wir lange diskutieren können, doch
dunkle Wolken liegen über unserem Leben. Jedenfalls gastiert im Schloss,
bis Ihre Eure Angelegenheiten erledigt habt. Gestattet, dass ich mich
zurückziehe, um mich um meine Gattin zu kümmern.«
»Ich danke euch, Fürstbischof«, sagte Aurec und verbeugte sich.
Peter Friedrich erhob sich und ging in den Nebenraum. Aurec wusste von
seinem letzten Besuch, dass dort das Gemach der Ehefrau lag. Im Anbau
rechts befand sich das Büro des Regenten. Eine geheime Tür mit einer
Treppe führte eine Etage tiefer zu seinem Schlafgemach. Es war in der
damaligen Zeit üblich, dass vor allem aristokratische Ehepaare getrennt
schliefen und das Bett nur für sexuelle Akte teilten.
In diesem Fall wollte Peter seiner Frau vermutlich einfach nur nahe sein,
um sich von ihr zu verabschieden.
»Nun denn, Kammerdiener, führt mich in mein Gemach«, sagte ich zu
Gustav Larsen.
»Haushofmeister«, korrigierte dieser mit hochgezogener Augenbraue.
»Lakai von Medvecâ dürfte Ihre Tätigkeit am besten beschreiben.«
»Der Fürst ist eine angesehene Persönlichkeit im Großherzogtum
Siebenbürgen. Er unterhält höfische Kontakte zum Kaiser des Heiligen
Römischen Reiches. Er wird die Zukunft gestalten.«
»Die Zukunft de la Siniestros«, ergänzte Aurec.
Sie erreichten den Flur. Es wurde kühl, da die Flure nicht beheizt waren.
»Sie können noch Teil der Zukunft der Menschheit werden, anstatt ein
Dasein als Vagabund der Zeiten zu fristen. Wie ich hörte, waren Sie zu Gast
bei Johann Heinrich Voß?«
»Sie hören viel …«
»Das ist meine Aufgabe. Ich nehme an, Sie erblickten das Gemälde?«
Aurec blieb gelassen. Er hatte damit gerechnet.
»Sie werden mir verraten, wie ich das Rideryon erreiche, um Kathy zu
befreien.«
»Ihr Humor wird nur von Ihrer Infantilität übertroffen«, lautete die
Antwort. Es reichte Aurec. Er packte Larsen an dessen Rüschenkragen und
drückte ihn polternd gegen die Wand.
»Ihr Fürst wird Ihnen nicht helfen können. Reden Sie!«
»Sonst was, Aurec? Sie sind kein Mörder. Und Sie sollten etwas über
Frauen lernen.«
Er ließ den Haushofmeister los.
»Und das wäre?«
Larsen grinste.
»Frauen sind berechenbar. Sie wünschen sich ein Heim, einen Versorger,
jemand, der ihnen sagt, sie sind noch hübsch. Die emanzipierten Frauen
brauchen auch eine Aufgabe, die ihnen vermittelt, dass sie nützlich sind.
Und in der Not arrangieren sie sich mit den bösen Buben, um zu überleben.
Sie sollten sich also fragen, ob Sie Kathy Scolar wirklich wiedertreffen
wollen? Möglicherweise werden Sie enttäuscht.«
Aurec dachte über die Worte nach. Natürlich traute er Gustav Larsen
nicht, aber vielleicht gehörte es zu seinem Spiel, ab und zu die Wahrheit zu
sagen.
»Dürfen wir den Weg fortsetzen?«
Aurec nickte konsterniert. Während sie den Flur entlanggingen, sagte
Larsen: »Sie haben Ihre Kathy Scolar in Abwesenheit idealisiert. Sie ist Ihr
Lebenstraum. Sie starrten auf Hologramme und wünschten sich eine
gemeinsame Zukunft. Sie dachten an ihre tiefen braunen Augen, ihre
sinnlichen Lippen. Waren Sie denn nie auf den Gedanken gekommen, dass
diese Lippen die eines anderen Mannes küssen würden? Oder noch ganz
andere, ungezogene Dinge machen würden? Nein?«
Larsen verstand es, Aurec zu verletzen.
»Sie müssen noch etwas lernen, Aurec!«
Wir erreichten mein Zimmer.
»Frauen sind der wertvollste Gegenstand, den ein Mann besitzen kann.
Doch sie sind ein Gegenstand. Ein Mann sollte sein Handeln und sein
Denken nicht der Laune einer schönen Frau unterwerfen. Sie sind ein
jämmerlicher Sklave Ihrer verlorenen Liebe. Schließen Sie sich uns an, und
der Fürst würde Ihnen Kathy als Geschenk machen. Gute Nacht!«
Larsen drehte um und ging den Flur entlang. Aurec blickte ihm
nachdenklich hinterher.
Es war kalt und dunkel an diesem Morgen des 23. November 1785, doch
Aurec hatte es vorgezogen, früh durch den Barockgarten zu spazieren. Was
tat er nur in dieser Zeit? Das Gemälde von Kathy und die indirekte
Bestätigung von Gustav Larsen, dass es sich tatsächlich um Kathy handelte,
hatten ihn aus der Bahn geworfen. Seine Gedanken kreisten mehr als sonst
um seine geliebte Terranerin. Fragen über Fragen ratterten durch seinen
Kopf. War sie nach 738 Jahren noch am Leben? Falls ja, war sie noch
dieselbe oder hatte sie einen anderen Gefährten gefunden. Oder schlimmer,
hatte sie sich aus Verzweiflung wieder mit Medvecâ alliiert? Vielleicht war
es das, was Larsen meinte, als er sagte, sie sei nicht mehr die Kathy, die
Aurec kannte.
War der Ausblick, den DORGON ihm damals auf das Schicksal von
Kathy gewährt hatte Wahrheit oder eine Täuschung gewesen? Sie war in
dieser Vision mit einem anderen Mann zusammen und glücklich gewesen.
War es das, worauf Larsen angespielt hatte, dass Frauen pragmatisch
dachten und sich mit dem Leben arrangierten, während Aurec romantisch
und naiv ihr hinterhertrauerte?
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Eines wusste Aurec jedoch ganz genau.
Er würde sich Medvecâ nicht anschließen. So schwer Aurecs Herz auch
war, so sehr es schmerzte, ihn die Sehnsucht nach Kathy geradezu lähmte,
so standen er und Larsen doch auf unterschiedlichen Seiten. Ihm Kathy als
Geschenk anzubieten, war grotesk. Sie war eben kein Gegenstand. Das war
ein grundlegender Unterschied zwischen ihm und Larsen und auch zu
Medvecâ. Der Respekt vor einem Lebewesen. Die Liebe zu einem
bestimmten Wesen. Aurec hatte in den vergangenen fast 800 Jahren viel
erlebt und gesehen, was ihn durchaus zu einem verbitterten und moralisch
verrohten Saggittonen hätte machen können.
Er hatte viel Verlust und Entbehrungen erdulden müssen, weil er das tat,
was er getan hatte. Sein Leben wäre leichter gewesen, wenn er sich dem
Quarterium angeschlossen oder in die Dienste von MODROR gestellt hätte.
Er hätte nur seine Prinzipien, seinen Anstand und seine Moral opfern
müssen. Doch er hätte auch sein Gewissen verloren. Dazu war er nicht
bereit gewesen und war es noch immer nicht. Perry Rhodan hatte ihn
damals inspiriert. Weiß SAGGITTORA, Aurec war 1285 NGZ noch grün
hinter den Ohren gewesen.
Doch schnell war er erwachsen geworden, denn die Ereignisse hatten ihn
dazu gezwungen. Die Ermordung seiner Familie, der Putsch, dessen
Niederschlagung, der Kampf gegen Rodrom, die Vertreibung seiner
Streitkräfte in Saggittor und die Abenteuer mit Perry Rhodan hatten ihn
reifen lassen. Die flüchtige Liebe zur Terranerin Shel Norkat hatten ihm
eher geschadet. Sie war auf der LONDON gestorben, und Aurec war in ein
tiefes Loch gefallen, bis er Kathy Scolar getroffen hatte. Die Terraner hatten
es ihm jedenfalls angetan. Aurec war zum Regenten Saggittors geworden
und hatte Perry Rhodan im Kampf gegen die Terrororganisation
MORDRED und später gegen die Dorgonen geholfen. Rhodan war für ihn
ein Vorbild in jeder Hinsicht. Der Terraner besaß Weitsicht, Güte und
Verantwortungsbewusstsein, er war neugierig auf die Rätsel des Kosmos
und mutig genug, die Interessen seiner Terraner und der ganzen Galaxis
durchzusetzen. Rhodan war voller Tatendrang.
Nun drohte er einfach aus der Geschichte geschrieben zu werden. Die
Veränderungen des Moralischen Kodes hatten zu dem Zeitchaos geführt
die Zeitlinien änderten sich. Weichen wurden offenbar schon hier gestellt.
Aurec war kein Kenner der terranischen Geschichte, doch er wusste, dass
Gustav Larsen und Fürst Medvecâ nicht in diese Zeit gehörten. Das
Geheimtreffen in Eutin zur Förderung von Don Philippe de la Siniestro war
in der normalen Zeitlinie bestimmt nicht geschehen. Allerdings verstand er
noch nicht, wie das den Aufstieg von Perry Rhodan verhindern würde. Die
Begegnung Rhodans mit den Arkoniden war für die Terraner ein
Wendepunkt und hatte den Weg zu einer interstellaren Großmacht geebnet.
Die Terraner brauchten also eine Begegnung mit einer ihnen
wohlgesonnenen außerirdischen Kultur.
Ein Krachen riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte zum Schloss und
erkannte eine Gestalt, die aus dem Fenster des Arbeitszimmers des
Fürstbischofs kletterte und, als wäre es ein Insekt, an der Hausfassade
entlangkrabbelte. Dann stieß es sich ab, breitete seine Flügel aus und
segelte über den Barockgarten.
Das war ein Ylors! Fürst Medvecâ!
Aurec rannte durch den Garten, doch schon bald verlor er den Ylors im
Dunkel aus den Augen.
Aurec sah den Fürstbischof Peter Friedrich Ludwig den ganzen Tag nicht.
Eine Reihe von Ärzten, die zu dieser Zeit als Medicus bekannt waren,
erreichten und verließen das Schloss. Sie untersuchten natürlich Friederike
von Württemberg.
Auch Gustav Larsen ließ sich nicht blicken. Einzig Bernhard von Hollen
traf er beim Gestüt, und der treue Kutscher wusste auch einiges zu erzählen.
»Ein Medicus berichtete, dass die Prinzessin Friederike über die Nacht
schwächer geworden ist. Es wirkt, als würde ihre Lebensenergie weichen.
Die Ärzte sind ratlos«, so von Hollen.
Aurec war es nicht. Fürst Medvecâ hatte seine Hände im Spiel oder
vielmehr seine Zähne. Die Ylors würden in dieser Zeit als Vampire
bezeichnet werden, ließ man die wissenschaftlichen Erklärungen weg. Wie
ein Vampir entzogen sie ihrem Opfer die Vitalenergie, bis es starb. Und
dann entschied der Ylors selber über das Schicksal seiner Beute. Ließ er
genug Blut übrig, war eine Regenerierung nach dem Tode möglich. Das
Ylorsvirus mutierte, und der Tote wurde selber zu einem Ylors. Saugte der
Ylors vorher jedoch das Opfer zu sehr aus, starb es einfach.
»Wo verweilt Larsen?«, wollte Aurec wissen.
»Er ist heute Morgen nach Lübeck aufgebrochen und wird erst in drei
Tagen zurückerwartet«, sagte von Hollen.
Auf diese Gelegenheit hatte Aurec gewartet. Er kehrte ins Schloss zurück
und öffnete das abgeschlossene Zimmer des Haushofmeisters. Mit seinem
Multicom war es einfach, ein metallisches Schloss ohne Schäden zu öffnen.
Aurec sah sich um. Es war auf den ersten und zweiten Blick nichts
Ungewöhnliches zu erkennen. Er knackte die Schlösser und durchsuchte
den Sekretär.
In einem doppelten Boden in der Schublade fand er eine Ansammlung von
Dokumenten, die in einer Schrift verfasst waren, die für ihn unleserlich war.
Mit dem Multicom scannte Aurec die Seiten ein und ließ sie von der Mr.-
Terrapedia-Positronik des Kosmogenen Seglers übersetzen. Der Inhalt
überraschte ihn.
Herzog Friedrich August unterzeichnete 1776 ein Geheimabkommen mit
Vicente de la Siniestro, welches ebenfalls von Katharina der Großen
unterzeichnet worden war. Sollte im Falle des Endes der Herrscherlinie kein
geeigneter Nachfolger aus der Schleswig-Holsteiner Blutlinie gefunden
werden, wird das gesamte Herzogtum Oldenburg in die Verwaltung von
Don Philippe de la Siniestro übergeben. Peter Friedrich Wilhelm war eben
nicht regierungsfähig. Er saß in seinem Exil im Schloss Plön. Sollte Peter
Friedrich Ludwig etwas zustoßen, entstand ein Machtvakuum. Seine Kinder
August und Georg waren noch zu jung, und seine Frau würde morgen
sterben. Peter hatte keine anderen direkten Verwandten. Seine Eltern waren
bereits 1763 gestorben, sein Bruder Wilhelm August 1774. Natürlich würde
man vermutlich Cousinen und Cousins finden, doch aus diesem Dokument
ging hervor, dass diese nicht berücksichtigt werden würden.
Aurec lehnte sich zurück. Das war eine einfache Weise für de la Siniestro,
an das Herzogtum zu kommen. Er würde sich verpflichten, die Ländereien
nicht an Spanien abzutreten. Es gab sogar einen Namen für den potenziellen
Herrscher: Herzog über Lübeck und Oldenburg de la Siniestro. Das Land
würde dem Heiligen Römischen Reich assoziiert werden.
Aurec wusste nun, dass das Leben von Peter Friedrich Ludwig in höchster
Gefahr schwebte. Der spätere Herzog von Oldenburg würde erst 1829
sterben. Bis dahin hatte er viel für seine Untertanen erreicht, und war ein
sehr aufgeklärter Herrscher.
Aurec musste nun sehr vorsichtig sein. Er verwischte seine Spuren,
verließ das Zimmer und schloss mit Hilfe des Multicom die Tür wieder. Er
ging den kühlen Flur entlang, es gab keine Öfen in den Fluren. Da es
draußen kalt war, war es auch drinnen kalt.
Im Flur rannte ein pausbäckiges Kind mit blondem Schopf herum und
stürzte. Der Junge weinte. Eine gestresst wirkende Frau in züchtiger
Kleidung eilte hinterher.
»Paul Friedrich August, das geziemt sich nicht für einen Kronprinzen«,
sagte sie tadelnd.
Die Gouvernante half dem Jungen hoch. Als sie Aurec sah, machte sie
einen Knicks. Er nickte ihr höflich zu und trat näher. »Kinder sollten nicht
zu früh Strenge erleben. Sie sollen sich austoben.«
Die Frau sah ihn skeptisch an, als sei er geisteskrank.
»Das entspricht nicht der Erziehungsweise des Adels«, antwortete sie
pikiert. »Außerdem verschlechtert der Lärm den Gesundheitszustand der
Gemahlin des Regenten.«
Sie drehte sich um, nahm Paul Friedrich August an der Hand und ging den
Korridor wieder zurück. Aurec sah ihnen nach, bis sie in einem Zimmer
verschwanden.
Dann suchte er Peter Friedrich Ludwig auf. Der Adlige empfing ihn im
Vorzimmer zu seinem Audienzraum, weil er seine kranke Frau nicht durch
Besuche stören wollte. Der Fürstbischof sah ernst und traurig aus. Aurec
erkundigte sich nach dem Befinden von Friederike.
»Ich fürchte, jede Nacht kann die letzte sein«, sagte Peter mit belegter
Stimme, während er eine Urkunde unterzeichnete und auf einen Stapel
Papier legte.
»Ich mag ein Fremder für Sie sein, Hoheit, doch ich verstehe Euren
Schmerz nur zu gut. Meine Familie wurde früh ermordet, und die Liebe
meines Lebens ist unerreichbar. Ich kann Euch keinen Trost spenden, doch
ich kann die nächsten Tage an Eurer Seite.«
Der Fürst blickte ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und
Misstrauen an. Dann nickte er nur schwach.
»Wenn Ihr Euch meinen Schmerz mit aufbürden wollt, so ist Eure
Gesellschaft willkommen.«
Und so nahm er neben dem Fürstbischof Platz. Hin und wieder begab er
sich ins Gemach seiner Gattin. Nach dem dritten Mal wirkte er heiter.
»Ihr geht es besser, und sie fragt nach einer Brühe«, frohlockte er. Es war
das erste Mal, dass Aurec Peter Friedrich Ludwig lächeln sah. Er schickte
den Kammerdiener, um ein Mahl zuzubereiten. Auf einmal schien er voller
Tatendrang.
»Ich plane eine Bank zu errichten, welche Witwen und Waisen von
Seeleuten und Hollandgängern unterstützen soll. Mir schwebt der Name
Ersparungs-Casse vor
»Das ist ein nobles Ansinnen«, sagte Aurec und das meinte er auch
ehrlich.
»Die Armen liegen mir am Herzen. Sie haben ja nichts außer ihrer Armut,
und das ist betrüblich. Es ist des Staates Pflicht, sich um seine Schwächsten
zu kümmern und dies nicht allein der Kirche zu überlassen. Doch das ist
nicht so einfach, denn die Kassen sind leer. Der Herzog lebte nicht gerade
sparsam.«
Der Kammerdiener brachte uns Wein, Bier und Geflügel.
»Lieber auch Kaffee und Tee. Die Nacht kann lang werden«, bat Peter
Friedrich Ludwig. Nach ein paar Minuten brachte der Diener den Tee. Der
Herzog nahm das Tablett mit der Brühe und dem dampfenden Tee für seine
Frau. Aurec öffnete ihm die Tür und erblickte die Ehefrau. Friederike war
blass. Sie lag wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe in ihrem Bett.
»Oh, mein geliebter Gemahl. Ich danke Euch für Eure liebevolle
Zuwendung«, sagte sie schwach und lächelte. Dann sah sie Aurec und
richtete sich im Bett auf.
»Wir waren nicht auf Besuch vorbereitet. Ich sehe doch aus wie das
rachsüchtige Biest aus dem Ukleisee.«
Aurec winkte ab.
»Das tut Ihr gewiss nicht, Hoheit!«
Aurec ging zum Fenster und öffnete es. Es dämmerte bereits, und
Dunkelheit legte sich über Eutin.
»Frische Luft wird Euch guttun. Und nun lasse ich euch wieder alleine.«
Er verneigte sich und kehrte ins Büro des Haushofmeisters zurück. Die
Diener zündeten Kerzen an. Einer von ihnen stieg auf eine Leiter und
entzündete die Kerzen des Kronleuchters. Wie mühsam das Leben ohne
Elektrizität oder andere Energiequellen wie einen Daellian-Meiler oder
einen Nug-Schwarzschild-Reaktor war. In Aurecs Zeit war es üblich, dass
Solaranlagen und Konverter ein Haus mit Energie versorgten. Materie
wurde in Energie umgewandelt und belieferte die Wohneinheit mit Strom
und Wärme. Betrieben wurde ein Konverter mit einem Fusionsreaktor.
Davon waren die Terraner im Jahre 1785 noch gut 200 Jahre entfernt, bis
Perry Rhodan durch das Treffen mit den Arkoniden diese Technologie
kennenlernen würde.
Aurec blickte aus dem Fenster über den Barockgarten. Regen setzte ein.
Es war der 23. November 1785. Morgen würde Friederike laut
Geschichtsbüchern sterben. Er musste wachsam sein.
Terra 1971 – Verfolgt
Ich rannte um mein Leben.
Perry Rhodan und Reginald Bull waren tot und ich auf der Flucht. Ich
rannte durch die Kölner Innenstadt und zog bestimmt jede Menge
Aufmerksamkeit auf mich, doch was sollte ich machen? Björn Lessing
verfolgte mich, und schon bald würden alle Agenten der IIA hinter mir her
sein, da auch Allan D. Mercant tot war.
Während ich durch die Straßen von Köln eilte, ließ ich die Ereignisse
Revue passieren. Björn Lessing hatte Perry Rhodan und Reginald Bull in
aller Öffentlichkeit in einem Café erschossen, als sie Mercant helfen
wollten. Ich hatte überlebt. Lessing jagte mich.
Ich war der nächste.
Wir waren die nächsten, korrigierte Harry. Dein charmanter Chef ist ein
Killer. Er würde uns mit seinem grunzenden Lachen skrupellos über den
Haufen schießen.
Ich suchte einerseits Schutz und zum anderen meinen Verfolger. War er
noch hinter mir her oder war ich ihm entkommen?
Die Menschenmassen gaben mir unfreiwillig Deckung. Beinahe hätte ich
einen älteren, kleinen Mann mit Schnauzbart umgestoßen, hielt aber noch
inne.
»Pass doch auf, du Sozi-Hippie«, schimpfte der Mann.
»Nun reg’ du dich nicht so auf, Alfred«, mahnte seine Frau.
»Halt doch die Klappe, du dusselige Kuh, wenn zwei erwachsene Männer
diskutieren«, herrschte er sie an. Ich ging weiter, denn Aufmerksamkeit
konnte ich nicht gebrauchen. Dieser Alfred pöbelte weiter in meine
Richtung. Nach einer Weile verstummte das Gemecker.
Wo sollte ich hin?
Melde Dich bei diesem Enrico, riet Harry.
Ausgerechnet Enrico? Ich wusste nicht, ob ich ihm trauen konnte, denn
Björn Lessing schien über meine Schritte Bescheid zu wissen. Vielleicht
hatte er ja von Enrico den Tipp mit dem Café bekommen.
Negativ. Enrico erwartete uns in der Luisenstraße und wusste nichts von
unserem Aufenthalt im Café. Denk doch mal nach.
Harry hatte recht. Ich nahm die S-Bahn zur Luisenstraße. Enrico wohnte
unterm Dach eines fünfstöckigen Hauses, das keinen Fahrstuhl hatte.
Die Tür stand offen. Ich ging hinein. Die Wohnung von Enrico war klein
und pragmatisch eingerichtet. Es gab keine Pflanzen, keine Bücher oder
Bilder. Sie wirkte sehr spartanisch.
»Endlich sind Sie da«, sagte Enrico. Ich erschrak, denn ich hatte nicht
mitbekommen, dass er zu Hause war.
»Wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte Enrico.
»Rhodan und Bull wurden von Lessing erschossen. Er hat auch den Chef
des IIA getötet. Wenn er hierher kommt, sind wir die nächsten.«
Ich hatte Angst. Nur wie sollte mir Enrico weiterhelfen? Der Typ war
Volontär bei der Zeitung und kein James Bond. Er drückte mir etwas in die
Hand. Es war ein Ticket für einen Flug morgen früh nach Ponta Delgada.
Was zum Teufel sollte ich denn auf den Azoren? Und wieso hat Enrico ein
Flugticket für mich?
Ich sah Enrico fragend an.
»Du glaubst, der Arm von Lessing reicht so weit?«
»Dort gibt es einen Unterschlupf. Lessing ist das geringere Problem. Der
Konflikt zwischen West und Ost tritt in die heiße Phase«, erklärte Enrico
und packte Lebensmittel und Wasser in einen Rucksack.
Dann ging es ins Wohnzimmer und schaltete den Röhrenfenster an. Es
dauerte etwa zehn Sekunden, bis das Bild der ARD erschien. Die
Sondersendung von vorhin war zum Dauerprogramm geworden.
US-Präsident Richard Nixon warf dem Ostblock und der Asiatischen
Föderation ein aggressives Verhalten vor. Er habe am heutigen Tage mit
Staatssekretär Breschnew telefoniert. Nixon glaubte, die UdSSR würde in
ihren kriegerischen Absichten insbesondere von dem chinesischen Diktator
Mao Tse-tung aufgestachelt. Nixon betonte, dass die Streitkräfte in höchster
Alarmbereitschaft wären, um auf einen nuklearen Schlag mit voller Härte
zu reagieren. Ich wusste, dass in Ramstein Atomraketen stationiert waren.
Enrico ging zum Fernseher und drehte an dem Senderrad.
»Ich habe einen Verstärker für DDR-1«, erklärte er.
Wie aufs Stichwort erschien das Gesicht eines wohlgenährten Mannes mit
Brille und braunem Haar. Er trug einen Anzug mit Krawatte. Das war Karl
Eduard von Schnitzler.
»… ein bedauerlicher Tritt in eine braune Pfütze des transatlantischen
Kapitalismus. Nixon ist stur, weil er die Tatsachen verheimlicht, wohlig
unterstützt von dem Herrn Bundeskanzler Willy Weinbrand«, sagte
Schnitzler.
»Was sagen denn die Politiker, die selbst erklärten und keineswegs in
freien und nicht schon vorbestimmten Wahlen elektierten Herren der
Bundesrepublik Deutschland?«
Schnitzler drückte auf ein Abspielgerät.
»Es richten sich die Propagandakanonen auf Westeuropa. Die
Sozialdemokraten sollten tunlichst zusehen, Farbe zu bekennen in dieser
Krise und nicht eine Stimme des Kommunismus sein. Die Rote Gefahr steht
an den Grenzen. Die Bundesrepublik ist bereit, sich zu verteidigen gegen
des Honeckers Horden.«
Das war der CSU-Politiker Franz-Josef Strauß.
»Tja, der Strauß mal wieder. Honeckers Horden. Eine freundliche
Bezeichnung für die tapferen Soldaten der Nationalen Volksarmee, die zu
den Waffen gerufen wurden. Strauß, der Kommunistenfresser. Er wird
bestimmt beim Grenzübergang in Bayern mit Seppl-Hosen und Hut und
seiner Jagdflinte die modernste Armee abwehren«, sagte von Schnitzler
sarkastisch.
»Doch eines, meine lieben Volksgenossen, müssen wir wissen: Das
verlogene Regime der Kapitalisten wurde enttarnt. Die haben da oben auf
dem Mond was mitgebracht, und der Ostblock muss diese außerirdische
Technologie haben. Was soll denn sonst geschehen? Der Nixkann würde
uns angreifen. Das ist doch das Ziel dieses Schützenvereins Nato. Sie
wollen Sie aus euren Betten zerren und versklaven. Im Namen der
Demokratie und des Kapitalismus. Ihre Kinder werden in
Umerziehungslager geschickt, wo sie jeden Tag Eide auf Richard dem
Nixkann und Willy Weinbrand ablegen müssen. Deshalb müssen wir
kämpfen. Wir wollen ja gar nicht den Krieg, aber wenn die Kapitalisten ihn
wollen, dann stehen unsere Soldaten bereit. Ich höre, dass wir nun direkt in
die Volkskammer schalten. Der Erste Sekretär des ZK, der Genosse Erich
Honecker, hält eine Rede an die Volksgenossen.«
Honecker war erst seit wenigen Monaten Staatsführer der DDR. Er hatte
sich an die Macht geputscht und seinen Vorgänger Walter Ulbricht,
keinesfalls ein besserer Mensch, abgesetzt. Dabei hatte Ulbricht letztes Jahr
den ersten Zug gemacht, indem er seinen Rivalen entmachtet hatte. Doch
das Zünglein an der Waage war Breschnew gewesen, der sich auf
Honeckers Seite gestellt hatte.
»… den Genossen Breschnew und Mao-Tse-tung voll und ganz
zustimmen. Die Deutsche Demokratische Republik stellt sich
unerschütterlich in die Dienste des Ostblocks und der Asiatischen
Föderation. Mit unseren sowjetischen Kameraden wird just in diesem
Moment die Nationale Volksarmee mobilisiert und unsere militärische
Stärke an die Grenzen verlegt. Ab sofort sind sämtliche Grenzübergänge
geschlossen. Die Einreise nach West-Berlin sowie die Ausreise aus West-
Berlin ist ab sofort untersagt. Das Eindringen von Flugzeugen in unseren
Luftraum wird als Kriegsakt angesehen und angemessen vergolten. Es liegt
nun an der Vernunft des Präsidenten Nixon und der Nato, den Krieg zu
verhindern. Doch sollte es dazu kommen, ist die DDR bereit. Vorwärts
immer – rückwärts nimmer!«
Die Politiker applaudierten natürlich. Enrico schaltete wieder zur ARD.
Dort berichteten die Korrespondenten von Truppenaufmärschen in Polen,
der Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien. Sofern es zu einem
Angriff käme, war die BRD das erste Ziel, gefolgt von Österreich und
Italien im Süden. Der Angriff auf Westdeutschland würde laut
amerikanischen Militärexperten bei Fulda erfolgen.
Die Bundesrepublik würde vermutlich das Hauptziel sein, da die Nato
Truppenkontingente in unserem Land konzentriert hatte. Sollten mit dem-
Beginn des Krieges auch der Einsatz von Atombomben geplant sein, musste
ich kein Hellseher sein, um zu wissen, dass Bonn und Köln stark gefährdet-
waren.
Enrico hat recht. Je eher du die heiße Zone verlässt, desto besser. Auf die
Azoren wird man nicht so schnell eine Atombombe werfen, und eine
Invasion zur See oder Luft wird erst erfolgen, wenn die strategisch
wichtigen Punkte erobert oder zerstört sind. Jedoch darf ich das bezweifeln.
Vorher werden die Supermächte sich mit Nuklearwaffen pulverisieren.
Harry machte mir wenig Mut. Dann würde ich mit ein paar Urlaubern auf
einer Inselgruppe mein Dasein fristen, sofern der Fallout uns nicht alle
Ressourcen verstrahlen würde. RAD-Fische zum Mittag war kein
angenehmer Gedanke. Verstrahlter Regen konnte vor allem das Wasser
verseuchen.
Der Fallout wird nicht das Grundwasser erreichen, stellte Harry fest. Es
sei denn, der radioaktive Niederschlag gelangt ins Meer und sammelt sich
im Sediment. Der Sand wirkt bei der Aufnahme von Cäsium-137 wie ein
Schwamm. Das muss man dann berücksichtigen. Allerdings wäre dies in
einem starken Maße nur gefährlich bei dem Abwurf einer Kernwaffe über
den Azoren. Sollte Lissabon bombardiert werden, ist es unwahrscheinlich,
dass die radioaktive Strahlung sich bis dorthin ausbreitet. Es wird zu einem
Fallout mit kontaminiertem Regenwasser kommen, doch die
Radionukleotide würden voraussichtlich nicht bis ins Grundwasser
durchsickern. Ich schätze die Azoren im Fall eines atomaren Krieges als
sicher ein.
Draußen wurde es lauter. Ich ging zum Fenster und schaute auf die Straße.
Eine Menschenmasse zog vorbei. Es waren Zivilisten. Sie demonstrierten
gegen den Krieg. Einige von ihnen sangen. »Sag mir, wo die Blumen sind«
von Marlene Dietrich. Es folgte »Imagine« von John Lennon. Mir wurde
schwer ums Herz, als ich die Leute mit ihren Kindern sah. Sie hatten Angst.
Ich hatte Angst. Die Welt stand kurz vor dem Dritten Weltkrieg, und ich
hatte keine Ahnung, wie man aus dieser Aneinanderreihung von
Eskalationen ausbrechen konnte.
Das Misstrauen unter den Völkern war zu groß. Niemand glaubte Nixon,
als er behauptete, die auf dem Mond gefundene Technologie sei nicht
gefährlich. Er wollte diese Technik um keinen Preis mit der UdSSR und
China teilen. Diese fürchteten, dass die USA und die Nato einen Vorsprung
bekamen, mit dem sie jeden Krieg gewinnen könnten. Deshalb mussten sie
aus Sicht von Breschnew und Mao-Tse-tung jetzt handeln, solange die
Funde nicht ausreichend erforscht worden waren.
Ich fragte mich, was Perry Rhodan gemacht hätte, wenn er Kommandant
der STARDUST gewesen wäre? Würde die Welt auch dann am Abgrund
stehen oder hätte er etwas für die Menschheit getan?
Wir werden es nie erfahren, denn Perry Rhodan war tot. Und wenn ich
mich nicht beeilen würde, Köln zu verlassen, würde ich bestimmt auch bald
tot sein.
666-Rückwärts – Die Terra-Station
»Es ist mir stets ein Vergnügen, Ihnen zu Diensten zu stehen«, sagte der
Mr.-Terrapedia-Roboter mit der Stimme eines älteren Mannes freundlich.
Thora nickte nur. Sie war von ihrer Flucht durch die Wüste geschwächt
und froh, die Terra-Station erreicht zu haben.
Sie wurde von dem Terraner Mathew Wallace, dem Oxtorner Irwan Dove
und dem Posbi Lorif begleitet. Wallace stützte Thora, doch sie drückte
seinen Arm weg. Solche intime Fürsorge gehörte sich nicht. Auch wenn sie
wackelig auf den Beinen war, so wollte Thora Würde zeigen. Sie blickte
sich im um. Der Raum sah aus wie in ihrer Vision mit Alaska Saedelaere.
Der Empfangsbereich wirkte wie ein Shop. Vor ihr stand ein großer
Tresen. Links ging es zum Diner, der im amerikanischen Stil der 1950er
Jahre gehalten war. Hinter der rechten Tür befanden sich weitere Räume.
Sie ging zum Diner und nahm an einem der Tische auf einer roten
Sitzbank Platz.
»Kaffee«, murmelte sie.
»Oh, Sie wünschen ein belebendes Getränk. Wonach steht Ihnen der Sinn?
Nach einem Filterkaffee, einem Latte Macchiato, einem Cappuccino,
Espresso, einem Café Crème, einem Altreier Kaffee, einem Black Hole,
Café-gelb oder lieber einen K’amana, Hamhd oder Sofwor, meine Dame?«
Konnte der Roboter ihr nicht einfach einen starken, schwarzen Kaffee
servieren? Mathew Wallace stellte eine Kanne Kaffee auf den Tisch.
»Eine Kanne voller Kaffee. Stark und schwarz, dunkelschwarz.«
Er nahm neben Thora Platz und grinste. Der Terraner mit den blauen
Augen und den langen Haaren war attraktiv und charismatisch. Er füllte
Thoras Becher voll.
»Wer sind Sie?«, wollte Thora wissen.
»Mathew Wallace, Madame!«
»Das sagt mir nichts…«
Thora nahm einen Schluck.
»Was ist das für ein Raumschiffwrack? Das ist ein Supremo-Raumer
»Nun, ich weiß nicht, ob Sie das verstehen würden …«
»Lassen Sie sich nicht durch meine überwältigende Schönheit
einschüchtern, Terraner. Ich habe nicht nur fesselnde Augen, einen
sinnlichen Mund, eine Traumfigur und feste Brüste, auch mein Gehirn ist
extrem gut gewachsen und in der Lage alles zu verarbeiten, was Sie mir
erzählen.«
Wallace sah Thora irritiert an. Dieser Terraner unterschätzte sie eindeutig
und war offenbar den Umgang mit dümmeren Frauen gewohnt.
»Die IVANHOE IIist ein Raumschiff aus meiner Zeitlinie. Durch die
Kommunikation mit der CASSIOPEIA weiß ich, dass es ein Quarterium
auch in Ihrer Zeitlinie gibt. Das verwirrt mich schon, aber zu wissen, dass
Sie nicht die Thora aus meiner Zeitlinie sind, könnte doch auch Ihr Gemüt
ins Wanken bringen. Verzeihung, wenn ich nur rücksichtsvoll bin«, sagte
Wallace. »Außerdem kann ich nicht beurteilen, ob ihre Brüste fest sind.
Aber ich kann mich gerne davon selber überzeugen, wenn ich darf.«
»Der Kaffee ist noch heiß, Wallace. Wollen Sie sich davon überzeugen?«,
erwiderte Thora lächelnd.
Er lehnte sich zurück, grinste und hob beschwichtigend die Hände.
»Jetzt erzählen Sie einmal Ihre Geschichte. Was ist das für ein
Raumschiff? Was ist das für ein Planet und für eine Station? Ich will
endlich wissen, was diese ganze verfluchte Tiefe des Chaos genau ist.«
Wallace warf einen Blick auf den Posbi Lorif, der sofort zu uns kam. Ich
verdrehte die Augen, denn Lorif hatte war als Schwätzer bekannt.
»Ich beantworte gerne Ihre Fragen, Lady Thora. Allerdings werde ich
nicht alles erzählen können. Einiges wird den Trägern der Kosmogenen
Chroniken aus der Kosmischen Loge vorbehalten sein. Beginnen wir mit
diesem Planeten.«
666 sei die Nummerierung der bekannten Protowelten in der Tiefe des
Chaos, führte Lorif aus. Das waren jene Welten, die von einem
Chronikträger besucht und katalogisiert oder durch Messungen einer Terra-
Station erfasst worden waren. Protowelten waren unvollkommene Planeten.
Sie waren entweder durch eine Temporale Anomalie aus dem
Normaluniversum herausgerissen oder komplett in der Tiefe des Chaos
entstanden und neu aufgebaut worden. Offenbar war es das Ziel, in diesem
interdimensionalen Raum neue Welten zu schaffen und sie im
Normaluniversum auszutauschen.
»Wir haben arkonidische Protowelten entdeckt, aber auch eine Proto-
Terra. Das Besondere dabei ist, dass diese Welten aus mehreren Zeitlinien
bestehen, die sich immer wieder abwechseln. Ist das zu kompliziert für Sie?
Ich kann es verstehen, wenn Ihr Geist begrenzt ist. Allerdings sollte Ihre
Auffassungsgabe größer sein als die von Mathew beispielsweise, denn Sie
besitzen einen Extrasinn«, plapperte Lorif.
»Hey, Moment mal«, warf der Terraner ein.
»Fahr fort, ich kann noch folgen«, sagte Thora ruhig.
Sie war aufgeregt, obwohl sie erschöpft war. Doch sie ließ es sich nicht
anmerken. Natürlich waren die Erzählungen von Lorif phantastisch und
spannend. Sie befand sich in einer Dimension, von der sich nicht einmal zu
träumen gewagt hätte. Wer war das Wesen, das das geschaffen hatte und
diesen wahnwitzigen, aber geradezu bewundernswerten Plan verfolgte?
»Auf den Protowelten leben bedauernswerte Kreaturen«, fuhr Lorif fort.
Die Welten stammten also entweder aus dem Normaluniversum, aus
welcher Zeitlinie auch immer, oder waren die Seelen Verstorbener aus
Cartwheel, die dann offenbar recycelt wurden. Dieser Vorgang war nicht
genügend erforscht.
Lorif erklärte, dass die Kosmotarchen DORGON und MODROR die
Erschaffer dieses interdimensionalen Raumes waren und im Auftrag des
Kosmokraten Amun handelten und ihn vielleicht auch inzwischen
übertrumpft hatten.
»Und diese Weltraum-Diner?«, fragte Thora.
Die Terra-Stationen dienten in der Tiefe des Chaos in erster Linie als
Zufluchtsort für die Träger der Kosmogenen Chroniken. Sie wurden auch
gebaut, um die Erinnerung an Terra, besonders an Perry Rhodan, lebendig
zu erhalten. Die Terra-Stationen boten eine sichere Umgebung vor den
negativen Auswirkungen der Tiefe des Chaos, die Vitalenergie entzieht und
Vergesslichkeit verursacht. Sie waren mit einem psionischen Schutzschild
ausgestattet, der die Bewohner vor dem Schleier der Lethe und dem Verlust
von Lebensenergie schützte. Sie wurden als »Raststätte« für Reisende in der
Tiefe des Chaos beschrieben. Die Terra-Stationen wurden von Mr.-
Terrapedia-Robotern betrieben, die über umfangreiches Wissen über
verschiedene Kulturen verfügten und den Reisenden mit Informationen und
Unterstützung zur Seite standen. Es gab 126 Stationen. Ursprünglich waren
es 150 gewesen, doch einige waren von den Deep-Raidern vernichtet
worden oder hatten sich selbst zerstört, um vor den Söhnen des Chaos die
offenbar eine Eliteeinheit der Kosmotarchen waren – verborgen zu bleiben.
»Es ist mir stets ein Vergnügen und eine Ehre, Ihnen zu Diensten zu
stehen«, meldete sich der Mr.-Terrapedia-Roboter und fuchtelte mit den drei
Tentakelarmen herum. Die drei großen Stielaugen waren auf die Arkonidin
gerichtet. »Wünscht die Dame nun eine Stärkung? Wie wäre es mit einer
Manjase-Pastete? Oder eine Kristonsülze? Vielleicht ein Hubakkel-Steak?«
»Woher habt ihr denn ein Hubakkel?«
»Es gibt auf keiner Terra-Station einen Hubakkel. Wir haben aber
Synthofleisch aus der DNS eines Hubakkel gezüchtet, wie auch von
terranischen Schweinen, Kühen oder Geflügel. Es ist auch möglich, die
Nahrung so zu würzen, dass ein terranisches Hühnchen wie ein Hubakkel
schmeckt«, erklärte Mr. Terrapedia.
Thora wählte ein terranisches Gericht, Spaghetti Bolognese. Diese Nudeln
in Tomaten-Fleisch-Soße hatte sie geliebt. Dazu einen Rotwein. Die
mediterrane Küche hatte es ihr überhaupt angetan. Sie erinnerte sich an
Aufenthalte mit Perry in Rom und im nahe gelegenen Ostia am Mittelmeer.
Mit Perry? Thora schüttelte den Gedanken ab. Das mussten die
Erinnerungen der anderen Thora sein, die bei der Begegnung mit der
BURMA in der Temporalen Anomalie irgendwie in sie übertragen worden
waren. Ihr Ehemann war Don Philippe de la Siniestro und nicht Perry
Rhodan. Mit de la Siniestro war sie oft in Rom gewesen, da er die Überreste
des antiken römischen Reiches und die Vatikanstadt sehr schätzte. Mit Perry
Rhodan hatte sie nichts zu tun. Es war einfach nur eine falsche Erinnerung.
Der Roboter mit dem eiförmigen Torso, den drei Greifarmen und den
Stielaugen schwebte mit einem Teller in der Hand auf sie zu. Sie sah schon
von weitem den Haufen dampfender Nudeln. Sie hatte nach den Strapazen
ordentlich Hunger und freute sich auf das Essen, doch das Aufheulen eines
schrillen Alarms brachte sie auf andere Gedanken.
Wallace sprang auf.
»Drei Raumschiffe der Deep-Raider nähern sich der Station«, meldete
Lorif.
»Herrjemine, aber das Essen«, sagte Mr. Terrapedia und stellte den Teller
ab. »Die Sicherheitsprotokolle aktivieren sich automatisch. Ein HÜ-Schirm
schützt die Station nun. Das ist alles so aufregend.«
666-Rückwärts von Stefan Wepil
Der Roboter wirkte echauffiert, was er natürlich nicht sein konnte. Aber
seine Stimme klang so. Thora verließ das Gebäude und blickte in den
Himmel. Drei rostbraune Raumschiffe schwebten einige Kilometer vor der
Terra-Station. Unvermittelt eröffneten sie das Feuer. Die Energiestrahlen
detonierten auf dem Energieschirm, der grünlich aufleuchtete. Vor Thoras
Augen spielte sich ein farbenfrohes, zerstörerisches Feuerwerk ab. Die
Terra-Station wäre ohne Schutzschirm zerstört worden. Die drei Schiffe
stellten das Feuer ein. Die Kommandanten mussten die Sinnlosigkeit ihres
Angriffs erkannt haben. Thora wusste nicht, wie groß die Energiereserve für
den Schutzschirm war, doch offenbar hatte der Taktikoffizier der Schiffe
dieser Deep-Raider eine Einschätzung vorgenommen, die einen
Abnutzungsangriff als nicht aussichtsreich einstufte.
Mathew Wallace, Lorif und Irwan Dove gesellten sich zu Thora.
»Wer sind diese Deep-Raider?«
»Man könnte sie als Outlaws oder Gesetzlose bezeichnen, wenn die Tiefe
des Chaos denn eine Ordnung hätte«, sagte der Oxtorner.
»Sie sind eine Bande aus Bewohnern der Tiefe des Chaos. Seit
Jahrhunderten ist es den Mitgliedern gelungen, sich zum Teil vor den
Auswirkungen zu schützen, wie dem Schleier der Lethe und dem Verlust an
Vitalenergie«, ergänzte Wallace.
»Wie ist das möglich?«
»Oh, sie nutzen Salkrit für ihre Rüstungen und Raumschifflegierungen«,
begann Lorif. »Salkrit ist ein Metall, das im SHF-Bereich strahlt. Es wird
deshalb in Verbindung mit hochkomplexer SHF-Technik verwendet, um
Schutzfelder zu erzeugen. Sofern es Ihnen nicht geläufig ist, SHF bedeutet
Superhochfrequenztechnik.«
Die Schiffe eröffneten wieder das Feuer. Der HÜ-Schutzschirm leuchtete
auf. Das Bombardement dauerte nur zwanzig Sekunden, ehe das Feuer
wieder eingestellt wurde.
»Außerdem verringern Chemikalien den Verlust der Vitalenergie. Die
Deep-Raider sind dauerhaft high und aufgeputscht. Natürlich geht das auf
Kosten ihrer Gesundheit, aber das ist ihnen egal. Die Lebenserwartung in
der Tiefe des Chaos ist sowieso gering«, erzählte Wallace. Er zündete sich
eine Zigarette an.
Thora versuchte, die Zusammenhänge zu verstehen. Die Bewohner der
Protowelten waren entweder verstorbene Kreaturen aus Cartwheel oder
gehörten zu den Überlebenden der Planeten, die aus dem Normaluniversum
gerissen worden waren. Die Wesen verloren ohne Schutz ihre Erinnerungen
und Vitalenergie. Es gab also vermutlich nur wenig Fortpflanzung, um eine
neue Bevölkerung zu generieren.
Thora stellte sich vor, eine ganz gewöhnliche Terranerin auf einer
bedeutungslosen Kolonie zu sein. Dieser Planet wurde dann durch eine
Temporale Anomalie in die Tiefe des Chaos gezogen. Sie überlebte diese
Apokalypse, vergaß aber Stück für Stück, wer sie war. Ihre Lebenskraft
nahm ab. Sie zog wie eine Greisin durch die Gegend und war vermutlich
nur noch auf die ureigenen Instinkte wie die Nahrungsaufnahme
beschränkt.
Wallace nahm sein Interkom.
»Mister Wygal, hat die IVANHOE noch genug Saft?«
Eine schrille Stimme antwortete: »Für ein, zwei Spritzer aus dem Rohr
schon.«
Thora runzelte die Stirn, ob des Wortspiels.
»Feuer«, sagte Wallace knapp.
Thora warf einen Blick auf das Wrack des mächtigen Supremo-
Raumschiffes. Zwei Energiesalven zischten aus einem MVH-Geschütz in
den Himmel. Im Schutzschirm wurde für Millisekunden eine Strukturlücke
geschaffen, die die Strahlen passieren ließ. Die beiden Salven trafen ein
Raumschiff und zerstörten es. Die Druckwelle brachte die anderen beiden
Schiffe aus ihrer Position. Dann gab es eine weitere Explosion. Das zweite
Schiff der Deep-Raider brach auseinander und stürzte einige Kilometer von
ihrem Standort entfernt brennend ab. Thora spürte den Boden zittern, so
stark war der Aufprall der Trümmer.
Das dritte Schiff drehte ab. Am Firmament erkannte Thora die
CASSIOPEIA. Die Crew des Deep-Raider-Schiffs musste die Sinnlosigkeit
ihres Angriffs erkannt haben und ergriff die Flucht.
»Grüßt euren Ayatollah von uns«, flüsterte Wallace und schnippte die
Zigarette weg. Seine Worte klangen verbittert und wirkten nicht, als freue er
sich über das gewonnene Gefecht. Die CASSIOPEIA kam näher. Das
Mutterschiff war wieder mit der ATHENA verbunden. Offenbar hatte
ENGUYN immer die Kontrolle besessen. Irgendwie war Thora sogar
erleichtert, denn das bedeutete, dass da Norian und ihre Leute in Sicherheit
waren. 117 Soldaten des Quarteriums waren auf der CASSIOPEIA
inhaftiert, doch das war besser, als tot zu sein. 48 Soldaten waren den
vermutlich den Deep-Raidern und den Einflüssen dieses Planeten zum
Opfer gefallen. Thora machte sich Vorwürfe.
Sie waren wegen ihrer Sturheit gestorben. Nur Leutnant Deria Perron und
Leutnant Ernst Lutz hatten überlebt. Warum bereitete ihr das
Gewissensbisse? Das war doch früher nicht so gewesen. Sie tadelte sich für
ihr taktisches Fehlverhalten, aber Schuldgefühle in diesem Maße kannte sie
nicht.
Noch vor einigen Minuten hatte sie Hunger gehabt, doch der war ihr nun
gründlich vergangen. Es war, als wäre sie schizophren.
Thora seufzte leise. Sie musste nicht nur gegen all diese Fremden
kämpfen, sondern auch gegen sich selbst. Gegen die andere Thora in ihrem
Kopf.
»Sie wollten doch die Geschichte der IVANHOE IIhören«, sagte Wallace
und deutete mit dem Kopf zur Terra-Station. »Dann kommen Sie mal
wieder rein.«
Terra 2027 – Der Ritter von Paris
Die Demo wurde von Hunderten von Polizisten überwacht und eskortiert.
Die Demonstranten bewegten sich von Montmartre in Richtung
Stadtzentrum, dem 1. Arrondissement. Die Mehrzahl der Teilnehmer war
friedlich und schien sich für ein Ende des Konfliktes zwischen Israel und
Palästina einzusetzen.
Nicht jeder der Teilnehmer war ein Moslem, der sich für die Rechte der
Palästinenser einsetzte. Es waren Schüler dabei, die sich gegen die
Umweltzerstörung aussprachen. Es waren auch Schaulustige dabei, die
einfach nur Selfies von sich machten vor dem Hintergrund der Massen.
Dazwischen ehrliche Friedensapostel und Weltverbesserer.
Aber es gab auch die anderen, die gewaltbereit waren. Vermummte
Menschen mit Baseballschlägern und Macheten marschierten im Zentrum
der Demonstration mit.
Vereinzelt wurden Rufe wie »Alle Juden töten«, »Allahu Akbar« und
»Jetzt das Kalifat« laut. Ich spürte den Zorn in dieser Kundgebung und die
Unzufriedenheit mit der aktuellen Lage. Man konnte es auch als »Weg mit
dem Alten« zusammenfassen.
Wir hielten uns am Rand der Demonstration. Dummerweise lag unser Ziel
ebenfalls m 1. Arrondissement. Auf ein Taxi verzichteten wir, denn ich fand
es interessant, die Motive dieser Menschen kennenzulernen und ihre
Aktionen zu erleben. Eine weitere Gruppierung stieß aus einer Nebenstraße
hinzu. Sie trug rote Fahnen und Banner mit roten Sternen. Sie riefen
Parolen wie »Tod dem Kapitalismus«, »Ukraine gehört zu Russland« und
»Stopp der jüdisch-amerikanischen-transatlantischen Clique«.
»Das Volk der Juden wurde oft als Sündenbock abgestempelt. Diese
Epoche wirkte auf mich, als würden die Menschen all ihre alten Differenzen
noch einmal herauskramen und austragen wollen«, sagte Jevran Wigth.
Auf dem Bürgersteig standen Schaulustige, die mit ihren Mobilgeräten
den Aufmarsch filmten. Ohnehin schien das Mitteilungsbedürfnis in den
sozialen Medien sehr groß zu sein. Eine Demonstration zu filmen, war noch
ein Highlight im Vergleich zum Kaffee am Morgen, der Auswahl der
Schuhe oder dem obligatorischen Selfie und Statement, wie schön die Welt
doch sei und wie toll der Fotografierte war.
Die Teilnehmer versammelten sich auf einer großen Rasenfläche, einer
Art riesigen Garten oberhalb der Île de la Cité.
»Das sind die Tuilerien«, erklärte Wigth. »Der Palast war die Residenz der
Könige seit dem 16. Jahrhundert. Er wurde aber 1871 von Aufständischen
in Brand gesteckt. Die gigantischen Gärten sind geblieben und sind ein
beliebtes Ausflugsziel.«
Der Tefroder hörte sich wie ein Reiseführer an.
An den Seiten gab es jede Menge Verkaufsstände, die Souvenirs anboten.
So gab es jede Menge Versionen des Eifelturms als Anhänger, als
Briefbeschwerer oder Kettchen. Eine Frau versuchte, mir einen
goldfarbenen Eifelturm für 35,99 Euro anzudrehen, doch ich lehnte ab.
Am Ende des Geländes der Kundgebung war eine Bühne aufgebaut. Nun
würde es vermutlich einige markige Worte geben. Ich blickte mich um. Die
Gesichter vieler der Beteiligten waren grimmig. Die Hundertschaften der
Pariser Polizei waren sogar mit kleinen Panzerwagen aufgefahren.
Am Rand der Demo entstanden die ersten Anfeindungen.
Demonstrierende beschimpften die Polizisten in Kampfmontur. Aus
Richtung des Louvre bahnte sich eine Gegendemonstration, bestehend aus
französischen Nationalisten, ihren Weg. Sie sangen die »La Marseillaise«,
die Nationalhymne des Landes Frankreich.
»Verschwinden wir, bevor es eskaliert. Unser Ziel ist nicht weit entfernt.«
Die Brücken wurden von Polizisten und Soldaten streng bewacht. Sie
liefen mit Maschinengewehren auf und ab. Die Sorge vor Ausschreitungen
war wohl groß. Nachdem wir das andere Ende des Seineufers erreicht
hatten, führte unser Weg durch enge Gassen mit alten Gebäuden.
Schließlich landeten wir auf einem Hinterhof. Es sah hier für meinen
Geschmack recht schäbig aus. Hier sollte das Büro von Claude Chevalier
sein? Es gab keine Reklame, kein Schild oder eine Klingel. Zwei Männer
blickten uns misstrauisch an. Sie wirkten auf mich wie Drogendealer oder
zumindest wie Faktoten, die die Drecksarbeit für einen Verbrecherboss
machten. Eleonore hatte weniger Vorbehalte und fragte die beiden nach
dem Weg.
Sie zeigten nach oben.
Der Flur war eng. Eine Holztreppe führte uns in die zweite Etage. An der
Wand neben einer großen weißen Tür hing ein Schild mit den Buchstaben
»GTH«. Das war der Name von Chevaliers Firma. Wir waren also richtig.
Es ging in einen großen Raum, der sich in mehrere hintere Zimmer
aufteilte.
»Bonjour«, rief jemand aus dem hinteren Zimmer. Ich hörte Schritte, und
dann lugte das Gesicht von Claude Chevalier alias Tenzing oder auch Lars
Born hinter dem Zimmereingang hervor.
»Oh«, hörte ich ihn murmeln.
Dann verschwand Chevaliers Gesicht wieder, ehe er wenige Augenblicke
später komplett aus dem Zimmer trat.
»Was kann ich für Sie tun? Möchten Sie kaufen oder verkaufen? Brauchen
Sie eine Beratung für die richtige Anlage?«
Chevalier sprach Englisch mit uns.
»Nun, vielleicht möchte ich in einen Atomschutzbunker investieren«,
antwortete ich.
Chevalier hob den Finger.
»Ein sehr kluges Investment. Wünschen der Herr und die Dame einen
Familienbunker? Mit einem Extraraum für Ihre … illustren Freunde?«
Chevalier sah Jevran Wigth, Cilgin At-Karsin und Kuvad Soothorn an.
»Ich persönlich will lieber einen Bunker mit geilen Mädels und dicken
Titten«, sagte Soothorn und deutete mit den Händen die Größe der
Oberweite an. »Ich bin dann der letzte Mann auf dieser Welt und muss für
den Fortbestand der Spezies sorgen«, fügte der Springer hinzu und lachte
dreckig.
Chevalier schmunzelte.
»Marky?«, rief er dann.
Aus dem Nebenzimmer kam ein rundlicher, dunkelhäutiger Mann ohne
Haare auf dem Kopf, stattdessen hatte er einen langen, ungepflegten Bart.
»Bonjour, Madame et Messieurs.«
Er reichte mir die Hand.
»Sie suchen einen Atomschutzbunker? Das ist eine exzellente Wahl. Wir
alle wissen, dass die Überlebenschancen bei einem Einschlag gering sind.
Darf ich fragen, wie es mit dem Kapital steht?«
»Finanzierung?«, schlug Eleonore vor.
»Finanzierung! Das ist eine exzellente Wahl. Ich habe genau das Richtige
für Sie. Quasi ein Geheimtipp, der mir eben zugetragen wurde. Investieren
Sie in die Aktien eines ukrainischen Travel Tech Giganten, der sich auf
Urlaub am Schwarzen und am Asowschen Meer sowie am Dnejpr
spezialisiert hat.«
»Dort herrscht Krieg«, stellte ich fest.
»Dort herrscht Krieg! Ihre Annahme ist korrekt und genau das ist ja die
besondere, einmalige Chance. Die Aktie liegt bei 0,01 Euro und ist der
genialste Ansatz, um eine Firma nun kostengünstig zu erwerben. Der Krieg
dauert nicht ewig. Ich selber würde sie ja kaufen, doch ich habe schon alles,
was man braucht.«
»Wenn wir in etwas investieren wollen, weil wir es während des Krieges
benötigen, ist es doch schwachsinnig, auf das Ende des Krieges zu
spekulieren«, fand Eleonore.
»Spekulative Investments sind immer mit einem unkalkulierbaren Risiko
verbunden«, antwortete Marky.
»Ist gut«, sagte Chevalier. »Mach mit dem Musikvideo weiter
»Ich mache mit dem Musikvideo weiter. Das ist eine exzellente Wahl«,
meinte Marky. »Wollen Sie zuschauen?«
Ich sagte nein, Eleonore sagte ja. Wie sollte uns das weiterhelfen? Wir
gingen in den Nebenraum. Dort standen eine Kamera und ein Mischboard.
Marky zog sich einen schwarzen Hoody über und setzte die Kapuze auf.
Dann spielte er recht eintönige, elektronische Musik. Er grinste und starrte
mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera. Mal wippte er hin und her,
mal fuchtelte er mit den Fingern und wirkte so, als hätte er gerade den
besten Stoff konsumiert.
»Marky ist ein vielseitiger Marketingstratege. Er könnte Ihnen sogar
Dreck verkaufen. Seine Leidenschaft ist die Musik«, erzählte Chevalier.
»Wie viel Songs hat er denn verkauft?«
»Oh, gar keinen«, stellte Chevalier fest und verließ das Zimmer. Die
anderen folgten ihm. Ich warf noch einen Blick auf den komischen Kauz,
dann verließ auch ich das kleine Tonstudio.
»Sie wollen nicht wirklich einen Atomschutzbunker kaufen?«
»Nein, uns wurde eine Empfehlung ausgesprochen«, sagte ich.
»Ich habe viele zufriedene Klienten«, erwiderte Chevalier und machte den
Ansatz einer Verbeugung. »Wer redet denn so freundlich über mich?«
»Lars Born und Tenzing.«
Ich beobachtete die Reaktion. Claude Chevalier war keineswegs
überrascht. Er lachte grunzend. Er ging zu einer Vitrine, in der reichlich
Schnapsflaschen standen. Er nahm eine kunstvolle Karaffe mit einer
braunen Flüssigkeit darin. »Das ist ein Delamain le Voyage. Das komplexe
Aroma besteht aus Trockenfrüchten, Nüssen und Blumen.«
Er schenkte die Gläser voll.
»Sie könnten Kellner werden«, warf Soothorn ein. »Mir wäre Bier lieber
Chevalier rümpfte die Nase.
»Irgendwo steht vielleicht noch ein Palette 33 Export für Ihre niedrigen
Ansprüche herum. Für die anderen, et voila.«
Er reichte nacheinander die gefüllten Gläser mit dem Cognac. Ich machte
mir nichts aus Alkohol. Eleonore sah mich verwirrt an und roch daran. Sie
rümpfte die Nase. Jevran und At-Karsin nahmen die Gläser und wirkten
vertraut damit.
»Santé«, rief Chevalier als Trinkspruch.
Der Cognac schmeckte furchtbar.
»Ich habe schon Schlechteres getrunken«, meinte Eleonore mit einem
Lächeln.
»Wann?«, wollte ich wissen.
»Nun, werter Herr Creen. Wir werden uns ja erst in über dreißig Jahren
treffen. Was verschafft mir die Ehre Ihres Ausflugs in diese Zeit?«
»Wir wollen verstehen, wieso die Menschheit sich auslöscht und es
verhindern. Ihre Rolle ist mehr als dubios. Also warum nicht direkt bei
Ihnen anfangen.«
»Ach so. Nun …« Chevalier legte die Ellbogen auf den Tresen und wirkte
lässig. »Sie verstehen noch sehr wenig, Creen! Sie wissen nicht einmal, wer
Sie sind.«
Ich starrte ihn wütend an. Er lächelte überlegen.
»Ihr Schicksal ist noch lange nicht erfüllt. Ist es nicht Ihr größter Wunsch,
den Schleier der Lethe zu lüften, um Ihre wahre Natur kennenzulernen?«
»Sagen Sie mir, was Sie wissen.«
Chevalier winkte ab.
»Ich bitte Sie, Nathaniel! So einfach wird das nicht.«
»Dann fangen wir mit Ihnen an. Sie sind ein Zeitreisender
»Zeitfamulus, um ganz genau zu sein«, korrigierte Chevalier.
Erneut hob er den Finger.
»Doch: Aus welcher Zeit stamme ich? Wer ist mein Auftraggeber? Und
wie lautet mein Auftrag?«
Wieder schmunzelte er. Chevalier wirkte immer so freundlich. Er lächelte
und mordete oder ließ morden. Er lächelte, als sei er der liebe Nachbar, der
mal kurz »Hallo« sagen wollte und dann eine Atombombe zündet. Aalglatt
und eiskalt. Das fiel mir zu diesem Zeitfamulus ein.
»Ich zeige euch etwas.«
Chevalier griff nach der Fernbedienung und aktivierte den großen
Bildschirm, der an der Wand hing. In einer Sendung wurden abgemagerte
Kinder und Frauen in Flüchtlingslagern in Israel gezeigt. Es folgten
Meldungen über Raketenangriffe der Terrorgruppen der Palästinenser.
»Kinder hungern und sterben. Fragt sich nur einer mal, wieso? Warum
wird dort nicht eine Grenze gezogen? Nein, diese beiden Völker wollen
sich einfach nur umbringen. Sie sind unversöhnlich.«
Den Berichten zur Folge sollte es in wenigen Minuten zu einer
historischen Verkündung kommen.
Chevalier wechselte den Sender.
»… für die Bundeswehr. Dieser Meilenstein präsentiert die 1. Nachhaltige
Fahrraddivision der Bundeswehr. Die Fahrräder sind E-Bikes. Die Tandem-
Bikes können mit bis zu zwei Soldat*innen besetzt werden. Die
Bundesregierung ließ verlauten, dass sie sehr stolz auf diese Errungenschaft
sei und man deshalb auch auf Bewaffnung verzichtet habe. Es sei aber
möglich, im Fahrradkorb Schusswaffen mitzuführen. Die E-Bikes tragen
den Namen Kaninch*innen, weil sie flink an der Front einsetzbar sind.«
War das ein Witz?
»Sie sehen, die Nachbarländer sind für einen Krieg bestens vorbereitet,
oder? Die Menschen sehen nicht einmal, wenn der Tod über ihnen
schwebt.«
Der deutsche Sender brachte weitere Nachrichten. Die EU hätte wichtige
Gesetze auf den Weg gebracht. So dürfte zukünftig keine Technologie mehr
aus Russland, Iran oder China eingesetzt werden, die die kritische
Infrastruktur betraf.
Weitere Gesetze würden dem Schutz der Umwelt dienen. So war es
verboten, Nuklearwaffen über dem Territorium von EU-Ländern
abzuwerfen. Das angreifende Land müsste in diesem Falle eine Strafe in
den Weltklima-Fonds einzahlen.
Außerdem wurden verschärfte Maßnahmen gegen kulturelle Aneignungen
angekündigt, wie das Verbot von Rastalocken für Menschen weißer
Hautfarbe, samoanische Tattoos für Nichtsamoaner und das Beschreiben
von Figuren in Büchern aus der Ego-Perspektive, wenn man selber deren
Ethnie und Land nicht angehörte.
Chevalier schaltete um.
»Diese Menschheit ist eine Mischung aus Dummheit und
Gewaltbereitschaft. Selbst mir als Zeitfamulus fällt es schwer, die richtigen
Worte für diese Epoche zu finden. Vielleicht ist es Dekadenz. Die
Menschen vertrödeln ihre Zeit mit der Selbstdarstellung im Internet, folgen
wirren Identitätskrisen oder frönen einfach nur der Gier. Die Politiker sind
inkompetent, und die wenigen machthungrigen Idealisten sind dabei, das
Ende herbeizuführen. Willkommen im Jahre 2027, meine Dame und
Herren«
Draußen heulten die Sirenen. Chevalier, Eleonore und ich gingen auf den
Balkon. Am Horizont erschienen drei dunkle Silhouetten, die schnell größer
wurden. Die Rotorblätter der Hubschrauber zerschnitten die Luft mit einem
bedrohlichen Whop, whop, whop, das immer lauter wurde. Die Vibrationen
waren schon von Weitem zu spüren, als die Maschinen sich näherten.
Die drei Hubschrauber brausten nahe an diesem Haus vorbei und hielten
Kurs auf die Tuilerien.
»Das ist fast schon Alltag bei einer Demonstration«, erklärte Chevalier.
»Sie wird enden, indem das Pack marodierend durch die Straßen zieht.«
Wir gingen wieder rein. Im Fernsehen wurde die Rede des Königs von
Saudi-Arabien und des führenden Ayatollah des Irans übertragen. Der
saudische König kündigte einen Vertrag zwischen den Sunniten und
Schiiten an. Es würden drei mächtige Kalifate gegründet werden. Das
westliche Kalifat erstreckte sich von Algerien bis zu den Vereinigten
Arabischen Emiraten. Das östliche Kalifat bildeten Iran, Irak, Jordanien,
Afghanistan, Bahrein und Pakistan. Das nördliche Kalifat bestand aus der
Türkei, Syrien, Libanon und Aserbaidschan. Der türkische
Ministerpräsident trat als Überraschungsgast hervor. Jeder der Anführer
würde nun den Titel Kalif tragen.
Alle drei erklärten Israel den Krieg und riefen ihre Glaubensbrüder
weltweit auf, alle Juden umzubringen. Der Kampf für die Freiheit des
palästinensischen Volkes würde nur mit dem Tod aller Juden und ihrer
Unterstützer gelingen. Ich hörte bis hierher die Jubelrufe und
Schlachtgesänge der Demonstranten bei den Tuilerien.
»Das ist der Anfang vom Ende«, gestand Chevalier. »Fortan wird die
gesamte westliche Welt von inneren Unruhen erschüttert werden. Die
arabische Welt wird mit dem Westen brechen und Handel mit China und
Russland treiben. Israel wird sich militärisch wehren, doch die Welt wird
geteilter denn je sein.«
»Das Jahr 2027 war in der mir bekannten Zeitlinie ein Jahr des Aufbaus.
Im Jahr zuvor wurde das Terrania Institute of Technology gegründet.
Terraner besiedelten Ertrus. 2027 war der Baubeginn der KUBLAI
KHAN«, erzählte Jevran sichtlich betrübt. Er nahm sich noch einen
Cognac.
Chevalier zog die Augenbraue hoch und wirkte fast gleichgültig.
»Diese Menschheit musste ohne Perry Rhodan und andere Helden
zurechtkommen. Sie wird es nicht schaffen. Schauen Sie doch in die
sozialen Medien. Die Leute machen sich Gedanken, was aus ihrem Urlaub
in den Vereinigten Arabischen Emiraten wird und verstehen nicht das
Ausmaß des Ganzen. Immerhin, diese neuen Kalifen denken in großen
Dimensionen. Allerdings nur planetar bezogen. Die Raumfahrt und
Erforschung des Weltalls spielt in der Denkweise der Menschen keine
Rolle.«
»Sie werden im Jahre 2063 einen großen Anteil am Untergang der letzten
Menschen haben«, stellte Eleonore an Chevalier gerichtet fest.
Dieser breitete die Arme aus und grinste schelmisch. »Ertappt, schon jetzt
bin ich der Broker des bhutanischen Drachenkönigs. Ich habe auch kein
schlechtes Gewissen. Diese Menschen haben den Tod verdient.«
Draußen waren Schüsse und Schreie zu hören. Die Demonstration
eskalierte offenbar.
»Poussie!«, rief At-Karsin erschrocken. »Mein Sternenstäubchen.«
Er rannte aus der Wohnung und ich sah ihn wenig später den Hinterhof
entlang rennen.
»Wollen wir nicht hinterher?«, fragte Eleonore.
»Nein«, sagte ich.
Das Schicksal von Cilgin At-Karsin war mir herzlich egal. Ich konnte den
Zeitfamulus sogar verstehen. Diese dekadente Menschheit war zu nichts
Großem imstande. Sie bekriegte sich seit Jahrtausenden. Das Perfide daran
war, dass sie offenbar nur dann zu Höchstleistungen fähig war. Ansonsten
war sie egoistisch und ständig mit sich selbst beschäftigt. Die jüngere
Generation präsentierte sich vor ihrem virtuellen Publikum, um
Aufmerksamkeit zu erhaschen. Die Mittleren arbeiteten in bedeutungslosen
Jobs, und die Alten versuchten, mit ihrer kärglichen Rente und ihren
kaputten Körpern mühsam über die Runden zu kommen. Wer sah zum
Mond und sagte sich: Da will ich hin und darüber hinaus? Wo war der
Wahlspruch »Ad astra, Terraner«? Das einzige Astra, was diese Menschen
kannten, war die Billigbiersorte, die er kürzlich in einem Supermarkt
gesehen hatte. Die Intelligenten und die Beherzten waren viel zu wenige.
Sie konnten diesen Krieg nicht verhindern. Das war mir klar, denn ich
wusste ja, wie er ausging.
Mein Interesse galt dem Zeitfamulus. Wer war er und wer war sein
Auftraggeber? Was wusste er über mein früheres Leben?
Jevran Wigth schien aber mit meinem Nein nicht zufrieden zu sein.
»Hast du vergessen, dass er eine ziemlich verlorene Seele ist?«
»Wer ist das nicht von uns«, erwiderte ich.
»Jevran hat recht, wir sollten ihm hinterher«, schlug Eleonore vor.
»Ich bleib bei dem Herrn Chevalier und trinke Cognac«, entschied
Soothorn.
Eleonore blickte mich auffordernd an, während Wigth bereits auf dem
Weg zur Tür war. Ich war ihr keine Rechenschaft schuldig und doch fühlte
ich mich so, als müsste ich mich erklären.
»Ich bleibe beim Zeitfamulus, um mehr über mich selbst in Erfahrung zu
bringen. At-Karsin und Soothorn sind lästige Anhängsel. Ihr solltet nicht
Euer Leben für sie aufs Spiel setzen.«
»Ich denke, gerade das ist eben menschlich«, wandte Eleonore ein.
»Es ist dumm. Also ja, es ist menschlich.«
Sie wartete noch einige Sekunden, ob ich meine Meinung nicht doch noch
ändern würde. Vergeblich. Sie drehte sich um und verließ die Wohnung. Ich
ging auf den Balkon und blickte ihr und Wigth hinterher. Natürlich wollte
ich nicht, dass ihnen etwas passierte und verfluchte ihre Sturheit. At-Karsin
hatte auf der ATOSGO noch gegen mich gekämpft – und nun sollte ich ihm
helfen, seine seltsame Freundin zu retten? Nur weil der Hauri einer der
letzten Überlebenden aus meiner Zeitlinie war? Das war für mich nicht
Grund genug. Nicht, wenn ich Antworten über mein früheres Leben
bekommen konnte. Also wandte ich mich Claude Chevalier zu.
»Was wisst Ihr über mich?«
»Sie denken doch nicht, dass ich das so einfach verrate? Der Weg zu Euch
selbst ist steinig. Doch Ihr seid schon ein großes Stück davongegangen.«
Chevalier blickte mich mit etwas Stolz an.
»Ein Kopfgeldjäger mit Prinzipien. Einst seid Ihr ein Idol für Milliarden
gewesen, das kann ich Ihnen sagen. Armeen blickten zu Euch auf. Sie
liebten Euch und sie fürchteten Euch. Findet die richtige Zeitlinie. Diese ist
es nicht. Es ist ein Experiment, was genauso fehlgeschlagen ist, wie unsere
Nazi-Zeitebene.«
Chevalier wanderte auf dem Balkon umher. Er zündete sich eine Zigarette
an.
»Vielleicht ist der Hauri für eure Erinnerung doch wichtig? Wer vermag
das zu beurteilen? Selbst diese niedere Ratte im Wohnzimmer hat eine
Bedeutung in diesem Spiel.« Chevalier nahm einen Zug von der Zigarette.
»Nehmen Sie Abstand davon, diese Welt zu retten und finden Sie die
korrekte Zeitlinie. Die, in die Sie gehören.«
Verlangte er ernsthaft, ich sollte Eleonore und Wigth folgen, um diesen
Typen zu retten? Und das, obwohl gerade Eleonore und Jevran diese Welt
retten wollten? Ich konnte den Gedanken des Zeitfamulus noch nicht
folgen. Welche Zeitebene war die richtige für mich? Ich spürte, dass ich die
Antworten auf diese Fragen nicht heute bekommen würde.
Er drückte mir eine Platine in die Hand.
»Mit diesem Modul ist es einfacher, dieser Zeitlinie zu folgen. Beehren
Sie mich doch in drei Jahren wieder. Ich habe dann auch ein Geschenk für
Sie.«
Ich musste sein Spiel mitspielen und außerdem wollte ich nicht, dass
Eleonore etwas geschah. Ich machte mich auf den Weg zum Ausgang.
»Mitkommen«, knurrte ich in Richtung Soothorn, der mir erschrocken
folgte.
»Au revoir, Nathaniel Creen«, rief der Zeitfamulus mir hinterher.
Die Demonstration war aufgrund des Lärms unschwer zu finden. Die
Demonstranten skandierten laut ihre Parolen, während die Polizei mit
Panzerwagen und Wasserwerfern aufmarschiert war. Die Hubschrauber
zogen mit ihren laut knatternden Rotorblättern über die Île de la Cité.
»Frankreich muss in eines der Kalifate. Tötet die Ungläubigen«, rief ein
Mann mit langem Bart in ein Mikrofon.
Neben mir stand eine alte Frau, die den Rufen des Redners Applaus
spendete. Sie zuckte mit den Schultern. »Besser ein Kalifat als die
Faschisten des Front National.«
Es schien so, als hätten die Menschen dieser Zeit erst einmal grundsätzlich
nichts gegen eine Diktatur, sofern sie von den Richtigen unterdrückt
wurden.
Ich rief Eleonore über das Interkom. Für die Leute des 21. Jahrhunderts
war ein kleines tragbares Kommunikationsgerät nichts Außergewöhnliches.
Jeder hatte ein Handy bei sich. Und nicht jeder hielt es sich ans Ohr.
Manche hielten sich das Gerät an den Mund, an die Stirn oder in die Luft.
Sie war schwer zu verstehen. Ich verwünschte diese Maske. In meinem
Helm hätte ich sie bestens gehört. Sie aktivierte einen Peilsender, und ich
folgte dem Signal. Es führte uns in die Rue Chambon. Eleonore befand sich
inmitten einer Gruppe von jungen Männern, die gestenreich diskutierten.
Jevran Wigth stand neben ihr, hob immer wieder beschwichtigend die
Arme. At-Karsin und Sternenstaub dahinter.
»Wollen wir die aufmischen?«, fragte Soothorn. Ich blickte ihn nur an.
»Also du? Ich lenke sie ab …«
Einer aus der Gruppe warf ihnen ein paar arabische Worte entgegen, die so
voller Gift waren, dass ich ihre Bedeutung nicht verstehen musste, um zu
wissen, dass sie verächtlich waren. Offenbar waren Eleonore und
Sternenstaub der Anstoß ihres Zorns.
»Wo ist dein Hijab, Schwester?«, rief ein dicker Glatzkopf mit
Rauschebart.
Ein Jugendlicher rief »Mutakhanith« und »shadh«. Er zeigte auf
Sternenstaub, welche stolz mit der goldenen Perücke und Toga hinter Wigth
und Eleonore stand und einen Luftkuss vollzog. Nun wurde der Glatzkopf
mit dem Rauschebart ernst. »Ali, ta‘al huna. Bi sur‘ah!« Dann fügte der
Mann noch auf Französisch »Vite, vite! Ali!« hinzu. Ali trat aus der Tür des
gegenüberliegenden Hauses. Sein dunkles Haar war lang und wirr wie die
Mähne eines Löwen oder Gurrad. In seiner rechten Hand hielt er eine
Machete. Es wurde ernst.
Der Dicke schubste Eleonore nach hinten. Sie ließ es mit sich geschehen,
um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei waren ihre
Metallknochen stark genug, um standfest zu bleiben. Wigth, At-Karsin und
seine Gespielin, oder was auch immer dieses Geschöpf darstellte, waren in
Lebensgefahr. Hinter Ali traten zwei weitere Männer mit Macheten aus dem
Haus. Ich schob Soothorn zur Seite und ging zielstrebig auf Ali und seine
zwei Räuber zu. Der Linke sah mich an und wollte ausholen, ich packte
seinen Arm und drückte zu. Er ließ die Machete los, und ich schnappte sie
mir. Der Rechte war bereits zum Angriff übergegangen und hätte mich
beinahe erwischt. Ich wich aus und parierte seinen Schlag. Dann schlug ich
ihm mit der linken Faust ins Gesicht. Schreiend griff nun Ali von der Seite
an. Ich packte den anderen und schubste ihn gegen Ali. Beide prallten
zusammen, einer ging zu Boden. Ali berappelte sich und streifte mit der
Machete meine Schulter. Ich spürte einen ziehenden Schmerz und wurde
wütend. Alis zweiten Schlag parierte ich. Nun war ich am Zug. Mit drei
kräftigen Hieben zwang ich ihn in die Defensive. Der vierte Schlag
entwaffnete ihn, und der fünfte trennte den Kopf vom Körper.
Die Männer brüllten. Das schrille Geschrei gehörte Sternenstaub. Ich
wandte mich den Begleitern von Ali zu. Einer hatte sich aufgerappelt und
fuchtelte mit der Machete herum. Der andere lag noch benommen am
Boden. Eleonore, Wigth, At-Karsin und Sternenstaub waren von sieben
Männern umringt. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie der Dicke Eleonore
zu packen versuchte, doch sie warf ihn zu Boden. Ein Zweiter zog eine
Pistole und schoss auf sie. Nein! Die Kugel traf Eleonore, doch sie starrte
den Schützen nur an. Dann schnellte sie auf ihn zu und schlug ihn zu
Boden. Schon griff mich der Typ mit der Machete an. Ich parierte, konterte
und schlug ihm den Arm ab.
Dann ging ich auf den Dicken zu, der offenbar ihr Anführer war. Er
blickte mich entsetzt an, denn er begriff, dass ich es auf ihn abgesehen
hatte. Ohne Vorwarnung rammte ich ihm die Machete in den Leib. Er
gluckste und röchelte, dann sackte er zusammen. Die Gruppe löste sich auf.
Die Menschen flüchteten in alle Richtungen. Meine Sorge galt nun
Eleonore.
»Es wurden keine wichtigen Systeme beschädigt«, erklärte sie.
»Beim Spaghetti-Monster, das war aber übertrieben gewalttätig! Was hast
du denn für Freunde, Cherie?«, fragte Sternenstaub echauffiert.
»Wir haben dein Leben gerettet«, stellte ich fest.
Sternenstaub gestikulierte wild.
»Mein Leben? Mit deiner rohen, toxischen Männlichkeit? Ich bitte dich,
Cherie! Du hast zwei Menschen das Leben genommen. Ich hätte mich mit
denen schon arrangiert. Du bist ein Mörder! Ein toxischer, weißer cis-
Mann. Ach, ich bin so angewidert.« Sternenstaub wandte sich an At-Karsin.
»Wie kannst du nur mit solchen Menschen leben?«
Vielleicht hatte dieses Wesen sogar Recht. Ich hatte es genossen, diese
beiden Leute umzubringen. Das Adrenalin strömte durch meinen Körper
und vermittelte ein Gefühl der Überlegenheit. Doch ich war kein Mörder.
Es war ein Kampf gewesen, den sie begonnen hatten.
Ich verstand die Denkweise vieler Menschen in dieser Zeit nicht.
Sternenstaub wurde ganz offensichtlich mit seiner Lebensweise von dieser
Gruppe abgelehnt und doch verteidigte er oder sie die Peiniger. Die
Ablehnung des bestehenden Systems war wohl größer als alles andere. Ich
hatte erst einmal genug von dieser Zeit.
»Dann sind alle wohlauf. Wir verlassen diese Zeit. Chevalier hat mir ein
Ortungsmodul gegeben. Damit können wir diese Zeitlinie besser finden.«
»Wovon faselt der jetzt?«, fragte Sternenstaub irritiert. At-Karsin gebot
ihm, erst einmal zu schweigen. Der Hauri wandte sich mir zu.
»Ich bleibe«, entschied Cilgin At-Karsin und nahm die Hand von
Sternenstaub. »Ich habe mein Glück gefunden.
»Du weißt doch, was in zehn Jahren geschieht«, mahnte Wigth.
»Lieber zehn Jahre in Glück als hundert Jahre in Trauer«, antwortete der
Hauri trotzig und zog Sternenstaub näher zu sich.
»Wir kehren in drei Jahren zurück. Bis dahin kannst du es dir überlegen«,
antwortete ich und war nicht traurig, dass At-Karsin hierblieb. Warum auch
nicht? Diese Menschheit war zum Tode verurteilt. Was konnte er schon
verraten? Ein Zeitchaos existierte bereits es galten hier nicht die üblichen
Gesetze bei Zeitreisen.
»Ich bleibe auch«, sagte Soothorn.
Umso besser.
»Aber wieso?«, fragte Eleonore ihn.
»Ich habe gestern Kontakte geknüpft. Ich glaube, ich kann die drei Jahre
hier einen schönen Reibach machen. Mein Interkom reicht schon aus, um
mir einen Vorteil zu verschaffen.«
Soothorn lachte dreckig. Mir war es gleich. Von mir aus konnten die
beiden einfach verschwinden und nie wiederkommen.
Ich kehrte mit Jevran Wigth und Eleonore zur NOVA zurück. Ich
verschwendete keine Gedanken mehr an den Hauri und den Springer und
blickte auf das pyramidenförmige weiße Artefakt. Was bedeutete es genau?
Wie konnte ich es öffnen und verbarg es Informationen? Vielleicht würde
Claude Chevalier mir weiterhelfen.
Die NOVA nahm Kurs auf Alpha Centauri. Dort befand sich eine
temporale Anomalie, die uns in die Zukunft bringen würde.
Terra 1785 – Der Fürstbischof in Gefahr
Der Regen prasselte gegen die Fenster im Schloss. Aurec blickte in die
Nacht. Es war nicht stockdunkel, die Umrisse der Bäume waren zu
erkennen, da einige Laternen im barocken Garten standen, deren Kerzen ein
wenig Licht spendeten. Um den Garten herum war nichts zu erkennen. Der
Regen trübte zudem die Sicht auf den Garten. Alles in allem war diese
regnerische Nacht zum 24. November 1785 geradezu gemacht für die
Tragödie der Prinzessin Friederike Wilhelmine von Württemberg.
Aurec setzte sich hin und starrte in das halbleere Glas Wein. Er wusste,
dass Gustav Larsen etwas plante. Fürstbischof Peters Leben war in höchster
Gefahr.
Eine Tür zum Audienzsaal wurde aufgerissen. Ein Kammerdiener eilte mit
bleichem Gesicht aus dem Saal.
»Ihr geht es rapide schlechter, ich muss den Pfarrer holen«, sagte der
Diener verstört.
»Holt auch den Medicus«, riet Aurec und atmete tief durch. Es ging wohl
nun zu Ende mit ihr.
Er stand auf und blickte erneut aus dem Fenster. Der Regen war
schwächer geworden. Die Sicht auf den barocken Garten war nicht mehr so
getrübt. Da stand unweit der Terrasse eine Gestalt am Graben. Aurec eilte
aus dem Zimmer, die Treppe herunter und erreichte schnell die Terrasse.
»Hallo?«, sagte er laut.
Der Schatten im Dunkeln bewegte sich nicht. Aurec ging näher. Die
Gestalt trug einen Mantel mit Kapuze. Er war wohl rotschwarz. Das war bei
der schlechten Sicht nicht genau zu erkennen. Der Mensch wirkte zierlich.
Es musste eine Frau sein.
»Kann ich Ihnen helfen?«, wollte er wissen.
Die Frau schob die Kapuze vom Kopf und drehte sich um. Aurec erstarrte.
Sein Herz schlug höher. Ihm wurde heiß und kalt zugleich. Die Beine
zitterten. Der Anblick war ein Schock und eine Offenbarung
gleichermaßen. Die dunklen Augen, das braune, lange Haar und die vollen
Lippen kannte er.
Das war Kathy! Kathy Scolar!
»Kathy«, flüsterte er.
Sie lächelte gequält.
»Katherina trifft es besser. Kannst du dich nicht erinnern?«
Aurec schüttelte mechanisch den Kopf.
»Ich erinnere mich an 730 Jahre Einsamkeit.«
Er ging auf sie zu, doch sie hob die Hand und zeigte damit, dass er
stehenbleiben sollte. Was sollte das? War das ein böser Traum? Er wollte
sie in den Arm nehmen, ihre Lippen spüren, ihre Nähe einfach auskosten
und sie hielt ihm die Handfläche entgegen. Was stimmte hier nicht? Warum
nannte sie sich Katherina? Das war ihr Name als Ylorsbraut. Doch er hatte
sie doch vom Einfluss des Fürsten Medvecâ befreit. Allerdings konnte in
730 Jahren viel passiert sein. Ihr Gemälde und Gustav Larsens
Andeutungen schienen sich zu bestätigen.
»Du … du und Medvecâ?«
Sie nickte langsam.
Das tat weh. Es fühlte sich an, als würde man sein Herz in Flammen
setzen und gleichzeitig zerdrücken. Das durfte nicht wahr sein. Nicht schon
wieder!
»Wieso?«
Er war fassungslos. Presste nur dieses eine Worte zwischen den Lippen
heraus.
»Die Jahre auf dem Rideryon erforderten ein neues Vorgehen. Wir
konnten das Ende unserer Zeitlinie nicht aufhalten«, erklärte Kathy.
»Also helft ihr MODROR, Nistant und all den Söhnen des Chaos?«
»Es ist nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Offenbar bist du durch
den Schleier der Lethe gegangen, wenn du dich nicht erinnerst.«
Was meinte sie damit?
Er war oft durch den Schleier der Lethe gegangen, aber offenbar deutete
sie einen wichtigen Gedächtnisverlust an. Woher wusste sie überhaupt von
der Tiefe des Chaos? Er schallte sich einen Narren. Wenn sie mit Medvecâ
zusammenarbeitete, wusste sie alles über die Tiefe des Chaos, das
Zusammenspiel mit dem Rideryon, den Plan der Kosmotarchen. Sie wusste
bestimmt mehr als er selbst.
»Wie geht es Bencho?«
Woher kannte sie den Posbi-Hund? Aurec hatte den Hund lange nach ihrer
letzten Begegnung erhalten. Waren sie sich etwas in der Tiefe des Chaos
begegnet und er hatte es vergessen? Er atmete schwer.
»Du erinnerst dich wirklich nicht«, konstatierte sie. »Erforsche deine
Erinnerungen und begib dich auf die Welt 033-Rückwärts. Gehe in die
Terra-Station, um deinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.«
Kathy kam näher. Aurec wollte in ihrer Nähe sein, doch er wich instinktiv
einen Schritt zurück. So hatte er sich das Wiedersehen mit ihr wahrlich
nicht vorgestellt. So kalt, so rätselhaft und so enttäuschend, so unwirklich,
als befände er sich in einem Alptraum.
Sie blieb stehen und seufzte leicht.
»Der Zeitfamulus will dir helfen.«
»Dieser Gustav Larsen? Helfen? Wie denn? Indem er den Fürstbischof
umbringt?«
»Der Zeitfamulus ist ein Zeitreisender, der jenen, die von der alten Zeit
verblieben sind so wie du und ich –, hilft, sich in der neuen Epoche
zurechtzufinden. Er ist ein eine Art Freund, könnte man sagen.«
Aurec winkte ab.
»Diesen Schwachsinn glaubst du doch selber nicht.«
Kathy blickte auf den Boden. Dann sah sie Aurec wieder an.
»Was ist die Alternative? Du und deine Freunde von der Loge versauern
in einem Universum, in das sie nicht gehören. Andere werden in der Tiefe
des Chaos zu seelenlosen, gepeinigten Kreaturen. Manche werden
verwehen. Atlan ist in einer Zeitlinie gelandet ohne den Schutz der
Kosmogenen Chronik, ohne Salkrit oder das Anti-Anomalien-Aggregat.«
Ich wurde hellhörig. Atlan war also am Leben und in Gefahr. Kathy
wusste mehr. Wieso erzählte sie mir das?
»Wo ist Atlan?«, wollte ich wissen.
Sie blickte mich erneut an.
»Die Frage ist doch eher, wann ist er? 1971, wenn du es genau wissen
willst. Der Zeitfamulus ist seine letzte Chance, denn diese Zeitepoche wird
vergehen und Atlan dann mit ihr. Auch du solltest kooperieren.«
»Und alle Freunde dafür opfern? Das ist nicht dein Ernst.«
»Nein, aber um zu überleben.«
Sie trat nun an ihn heran und er wich nicht zurück. Sie packte ihn an den
Armen.
»Sei vernünftig. Es ist niemandem geholfen, wenn du im Jahre 1785
stirbst. Lass die Dinge geschehen. Flieg von mir aus zur CASSIOPEIA.«
Er verzog die Mundwinkel.
»Nicht einmal der Appell, mich dir anzuschließen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich weiß, dass du dafür zu stur bist, Saggittone.«
Er blickte hoch zum Fenster des Zimmers der sterbenden Herzogin.
Gustav Larsen war also ein Zeitreisender, der die bekannte Abfolge der
Ereignisse manipulierte. Dieses fadenscheinige Geschwafel von einem
guten Freund, der Aurec helfen wollte, konnte Kathy sich sparen. Das war
so, als würde dieser Zeitfamulus jemandes Heim niederbrennen und ihm
dann zu dessen Wohle eine schäbige Wohnung anbieten. Aurec durfte
sich nicht auf Gustav Larsen konzentrieren. Der war offenbar gar nicht in
Eutin. Kathy war es jedoch und mit ihr …
»Medvecâ ist im Schloss!«
Er riss sich von ihr los und rannte hinein.
»Es ist zu spät«, rief sie ihm hinterher, doch so sehr es ihn schmerzte, sie
wieder zu verlieren, so sehr musste er sich jetzt auf den Fürstbischof und
Administrator Peter Friedrich Ludwig konzentrieren.
Aurec eilte die Treppen hoch und erreichte den Vorraum. Er hielt vor der
Tür zum Gemach der Prinzessin kurz inne, dann ging er einfach hinein.
Peter Friedrich Ludwig sah ihn mit Tränen benetzten Augen verwundert
an. Er saß auf dem Bett und hielt seine Frau in den Armen.
»Verzeiht, Hoheit! Doch ich fürchte um Eure Sicherheit.«
»Sie ist tot. Friederike ist in meinen Armen gestorben«, sagte er mit
belegter Stimme und sah seine Frau an.
Aurec atmete tief durch.
»Soll ich den Medicus herbeirufen?«
Peter Friedrich Ludwig schüttelte den Kopf.
»Kein Medicus vermag ihr Herz erneut zum Schlagen zu bringen. Möge
ihre Seele zum Herren unbeschadet reisen. Oh, mein Engel. Sie war meine
Göttin, meine Flora. Die Göttin der Blüte.«
Er streichelte ihr Haar.
So unsentimental das war, doch Aurec hielt Ausschau nach Medvecâ. Er
legte eine Hand ans Schwert und blickte sich um. Dann ging er ins Büro des
designierten Herzogs. Es war leer. Die Tür zum Gemach der Gattin war
offen. Friedrich Peter Ludwig wanderte traurig umher.
»Was soll ich nur meinen Söhnen erzählen?«
Aurec konnte diese traurige Frage nicht beantworten.
»Mit ihrem Tod stirbt auch mein Herz. Ich werde mich nie wieder an eine
andere Frau binden, niemals mehr mein Herz öffnen. Glück kenne ich
fortan nicht.«
Aurec berührten die Worte. Er dachte ja nicht anders über Kathy. Betrübt
blickte er auf den trauernden Adligen. Friederike wurde schon blass. Sie
war gerade einmal zwanzig Jahre alt geworden.
Aurec blieb angespannt und rechnete in jedem Moment mit einem Angriff
von Medvecâ. Entweder stürzte der Ylors in Gestalt einer humanoiden,
großen Fledermaus durch ein Fenster oder stürmte aus dem
Ankleidezimmer herein. Vielleicht war er auch schon da. Aurec nahm einen
Kerzenleuchter und leuchtete die Zimmerdecke ab. Er hatte erwartet, dass
die Fratze Medvecâs ihn aus dem Dunkel anstarren würde, Hände und
Arme an die Decke gedrückt. Doch kein Ylors hing an der Decke. Aurec
atmete tief durch. Er ging erneut in den Anbau, der das Büro darstellte.
Von dort blickte er auf den seitlichen Eingang zum Garten. Kathy stand
noch immer dort, dem Fenster zugewandt. Aurec wollte am liebsten zu ihr,
aber er durfte den zukünftigen Herzog nicht aus den Augen lassen.
Vielleicht war es Medvecâs perfider Plan, dass Aurec sich auf Kathy
konzentrieren würde, damit niemand Peter Friedrich Ludwig schützen
konnte.
»Lasst mich allein, werter Don! Ich wünsche Abschied zu nehmen von
meiner Gemahlin.«
Das Problem an dieser Bitte war, dass sie gleichzeitig ein Befehl war.
Peter Friedrich Ludwig war der Herrscher über Lübeck und Oldenburg.
Aurec musste geschickt vorgehen.
»Sehr wohl, Hoheit. Ich fürchte dennoch um Eure Sicherheit und werde
die Türe zum Nebenraum offen halten.«
Das war eine Feststellung und keine Frage. Aurec ging durch den kleinen
Audienzsaal zurück ins große Zimmer, in dem der Haushofmeister sonst
seine Arbeit verrichtete. Worauf wartete Kathy? Gefühle und Erinnerungen
kamen in Aurec hoch. Und breite Enttäuschung, Wut, Trauer und dann
eine Leere. Er hatte 730 Jahre lang um sie getrauert, sie hingegen hatte sich
dem Feind an den Hals geworfen.
Aber war es so einfach? Aurec kannte nicht alle Hintergründe und wusste,
dass Frauen anders dachten als Männer.
Sie war da. Seine 730-jährige Sehnsucht hatte ein Ende gefunden. Sie
lebte und war in seiner Nähe. Das war unglaublich viel wert. Auch wenn sie
ganz offensichtlich auf der falschen Seite stand. Doch das war immer noch
besser, als wenn sie schon lange tot wäre. Es gab Hoffnung, es ging weiter.
Aurec grübelte über Kathys ersten Verrat vor vielen Jahren. Damals war
sie in der Galaxis Barym vom Sohn des Chaos Cau Thon konditioniert
worden und war eine Zeitlang als Spionin unterwegs. Ihr Auftrag war es
gewesen, die Bestrebungen, den SONNENHAMMER zu vernichten, zu
sabotieren. Das war ihr nicht gelungen, und sie hatte die Konditionierung
besiegen können, wenngleich sie psychische Schäden davongetragen und
lange Zeit in einer Anstalt verbracht hatte. Nachdem diese unter quarteriale
Kontrolle gefallen war und Joak Cascal dorthin abgeschoben wurde, hatte
sie Cascal geholfen, zu fliehen und wurde selber von dem Quarterium
gejagt.
Sie hatte sich in dieser Zeit rehabilitiert und war zu einer Freundin des
Chronisten Jaaron Jargon und dessen Nichte Nataly geworden, die ebenfalls
vom Quarterium gejagt worden waren. Dann war sie zusammen mit Roi
Danton zum Rideryon verschlagen worden und dem Einfluss des
Ylorsfürsten Medvecâ erlegen.
Die Ylors waren im Grunde genommen Vampire. Sie benötigten das
Blutplasma anderer Lebewesen. Die Ylors waren einst Alysker gewesen,
ehe sie von den Kosmokraten mit einem fürchterlichen Fluch belegt worden
waren. Die Alysker waren an die Strahlung ihrer Sonne gebunden waren
sie zu lange von ihrem Heimatsystem entfernt, mutierten sie zu den Ylors.
So war das Ylorsvirus entstanden. Er veränderte einen Alysker und auch
andere Wesen. Die Übertragung erfolgte durch einen Biss, wie bei einem
Vampir aus Gruselgeschichten, die auf dieser Welt erst noch geschrieben
werden mussten. Jedenfalls war Kathy zu einer Ylors geworden. Das hatte
Vorteile wie die relative Unsterblichkeit –, aber auch gravierende
Nachteile, wie diesen Blutdurst und die psychische Beeinflussung durch
Medvecâ.
Kathy hatte diesem getrotzt und dank des Heilserums zumindest den
Blutdurst besiegt und sich von der mentalen Beeinflussung der Ylors gelöst.
Doch das war im Jahr 1308 NGZ gewesen. Inzwischen war demnach viel
passiert. Aurec vermochte nicht zu beurteilen, ob sie wieder im Bann von
Medvecâ stand.
Es gab viele offene Fragen. Wo war Medvecâ? Und wo befand sich
Natalia, die ehemalige Nataly Andrews, die zu einer grausamen und
skrupellosen Ylors geworden war. War sie auch in dieser Zeit? Was hatte es
mit der Gestalt am Ukleisee auf sich, die ganz offenbar ein Ylors war?
Die Ylors verteilten ihren Virus in dieser Epoche, aber zu welchem
Zweck? War der große Plan von Nistant, dass die Ylors über die
Menschheit regieren sollten?
Ein Schrei ließ Aurec aus seinen Gedanken schrecken. Er kam von Peter
Friedrich Ludwig. Aurec rannte durch den Audienzsaal ins Schlafgemach
von Friederike.
Der Fürstbischof saß auf dem Boden und robbte nach hinten zur Wand.
Vor ihm stieg seine tote Frau aus dem Bett. Sie fletschte die unnatürlich
spitzen Zähne. Aurec begriff sofort, dass sie zu einer Ylors geworden war.
War das Kathys Werk? Oder war sie nur Zaungast und Ablenkung
gewesen?
Friederike streckte die Hände in Richtung ihres Gemahls aus.
»Geliebter, kommt in meine Arme. Ich möchte Euch liebkosen.«
Peter schüttelte den Kopf. Seine Mimik drückte Entsetzen aus.
Aurec packte Friederike und stieß sie zurück aufs Bett. Sie fauchte ihn an.
Dieses Geschöpf wurde getrieben von dem unnatürlichen Blutdurst und der
mentalen Beeinflussung durch Medvecâ. Sie wandte sich wieder ihrem
Mann zu und wollte auf ihn springen, doch Aurec packte sie erneut und
drückte sie zu Boden. Friederike stieß ihn von sich, rappelte sich auf und
wollte wieder auf den geschockten Peter Friedrich Ludwig zugehen. Aurec
schlug ohne weiteres Zögern mit dem Schwert zu. Er trennte den Kopf ab.
Das Haupt der Herzogin platschte auf den Holzboden und rollte in Richtung
Fürstbischof. Dieser verlor das Bewusstsein.
Aurec hörte laute, schwere Schritte. Mehrere Leute rannten offenbar in
den Raum. Dann erreichte auch schon zwei Kammerdiener das Gemach der
Herzogin. Hinter ihnen drängte sich Gustav Larsen in den Raum.
»Schützt seine Hoheit«, rief er entsetzt.
Zwei weitere uniformierte Soldaten eilten ins Zimmer und stürzten sich
auf Aurec. Er ließ es geschehen, wollte keinen Widerstand leisten. Im
Grunde war er sogar zufrieden, denn er hatte das Leben von Peter Friedrich
Ludwig gerettet.
Mit gespielter Betroffenheit und Fassungslosigkeit musterte Gustav
Larsen die Szene. Dann wandte er sich an Aurec.
»Bei allem was uns heilig ist. Mörder! Ihr habt das Gastrecht des
Fürstbischofs zu Lübeck und des Administrators des Herzogtums
Oldenburg auf das schändlichste missbraucht, seine Gemahlin ermordet und
... Bei Gott, wären wir nicht rechtzeitig gekommen, wäre auch seine
Durchlaucht Eurer Mordgier zum Opfer gefallen.«
Aurec schmunzelte.
»Richtet Fürst Medvecâ aus, dass euer Plan gescheitert ist«, sagte er nur.
Gustav Larsen trat näher an Aurec, der von den beiden Soldaten
festgehalten wurde. Eine der Wache nahm Aurecs Schwert an sich. Larsen
packte Aurecs rechten Arm und streifte den Ärmel hoch.
»Welch Teufelszeug Ihr tragt. Ich wünschte mir, die Inquisition existierte
noch in diesen Landen«, sagte Larsen und zog das Armband mit dem
Interkom herunter. Dann wandte er sich an den linken Soldaten.
»Informiert die Polizeidiener und eskortiert den Unhold ins Rathaus in die
Arrestzelle.«
Aurec wurde unsanft hinausgezogen. Die zwei Soldaten brachten ihn zum
Rathaus auf dem Marktplatz. Dort wurde er von zwei Polizeidienern in
Empfang genommen und auf den Dachboden gebracht, der voller
Spinnweben und Gerümpel war. Zu seiner Verwunderung lagen hier
Musikinstrumente herum, die für Spielmannszüge genutzt wurden. Es war
kalt, und der Wind zog durch die Ritzen im Holz. Er konnte Peter Friedrich
Ludwig nicht mehr schützen, doch er hoffte, dass Larsen nun von weiteren
Mordversuchen absehen würde.
Diese Arrestzelle war im Grunde genommen eine RumpelkammerSeine
Arrestzelle war , karg und dreckig. Das letzte Mal war er 1776 in diesem
Haus gewesen, als er den Stadtarchivar nach alten Aufzeichnungen gefragt
hatte. Vermutlich war der alte Mann schon tot. Er sah sich um und suchte
nach einer Fluchtmöglichkeit. Das Fenster war vergittert. Die schwere
Holztür natürlich abgeschlossen.
Er seufzte und dachte an Kathy. Hatte sie Friederike von Württemberg
gebissen, damit die ohnehin dem Tode geweihte Herzogin als Ylors noch
ihren Gemahl mit in den Tod nehmen würde? Oder sollte sie nur Wache
stehen, um Aurec abzulenken? Vielleicht war Friederike schon über
Wochen geschwächt worden.
Kathy lebte jedenfalls noch. Mehr als 700 Jahre hatte er getrauert und
nach Möglichkeiten gesucht, auf das Rideryon zu kommen, und nun war sie
selbst von dort entkommen – ganz offenbar mit der Hilfe von Medvecâ.
Wie sollte das alles nur weitergehen? Er lehnte an der Wand und fror, denn
das Fenster hatte keine Scheiben und in der Holzwand waren Lücken.
Aurec hörte ein Klacken und Knistern. Er blickte zum Fenster hoch. Es
qualmte. Die Gitterstäbe fingen an, sich aufzulösen. Neugierig stand er auf
und blickte durch das Fenster nach unten. Dort stand Kathy, die mit einem
Energiestrahler die Gitterstäbe desintegrierte. Neben ihr ein schwarzes
Pferd. Das Fenster war nun offen.
Sie winkte und deutete an, dass er durchs Fenster steigen sollte. Das
waren gut zehn Meter. Doch er hatte keine Wahl. Er zwängte sich hindurch
und hing baumelnd an der Außenwand.
»Hast du keinen Antigrav?«, fragte er.
»Stell dich nicht so an«, flüsterte sie. »Beeile dich.«
Er stieg langsam herab, verlor aber schnell den Halt und prallte gegen das
Pferd und dann auf den Boden. Er hörte das Kichern von Kathy. Aurec
rappelte sich auf. Alles tat ihm weh.
»Wieso tust du das?«, wollte er wissen.
»Larsen hätte dich nach Lübeck in ein tiefes Verlies gebracht. Du wärst
aus dem Radius des Kosmogenen Seglers gewesen, und die Gefahr ist hoch,
dass du dann in dieser Zeitlinie bleibst, weil du deine Erinnerungen verlierst
oder im schlimmsten Fall instabil wirst und dich auflöst. Denkst du, das
will ich?«
»Du arbeitest mit Medvecâ zusammen, was soll ich denn denken?«
Sie blickte mich böse an.
»Steig aufs Pferd. Der designierte Herzog dürfte fürs erste sicher sein.
Medvecâ wird Larsen raten, behutsam mit Änderungen der Zeit
vorzugehen.«
Sie zog sein Interkom aus dem Mantel hervor und reichte es mir. Ich stieg
aufs Pferd.
»Sein Plan war, dass Friederike als Ylors den Fürstbischof beißen sollte
und de la Siniestro der Nachfolger wird«, erklärte Kathy und blickte in den
Himmel. »Es bleibt keine Zeit mehr. Reite zum Segler und verschwinde aus
dieser Zeit. Reise ins Jahr 1793. Dann wird dir einiges klarer. Medvecâ und
Natalia sind auf dem Weg. Verschwinde.«
Sie klatschte dem Pferd auf den Hintern, das sich sofort in Bewegung
setzt. Dann übernahm Aurec die Kontrolle über das Pferd und galoppierte
über den Marktplatz in Richtung kleinen Eutiner See, der zur rechten Seite
lag.
Ein Mann rief ihm erbost hinterher, es sei verboten, in der Stadt so schnell
zu reiten. Die wütende Aussage des Mannes, war Aurec egal. Kathy hatte
ihn gerettet. Liebte sie ihn doch noch? Er verstand die Welt nicht mehr.
Er ritt nach Fissau und von dort in den Wald hinein zum Kosmogenen
Segler. Aurec stieg ab und ließ das Pferd frei. Er ging ins Raumschiff und
wurde von Bencho begrüßt.
»Ich soll dich von Kathy grüßen«, sagte Aurec und kraulte den Hund, der
fröhlich kläffte. Bencho war ein Posbiroboter mit niedriger Intelligenz. Er
konnte nicht sprechen oder ihm mitteilen, ob er mit dem Namen Kathy
etwas anfangen konnte.
Der Roboter mit dem Aussehen einer kleinen braunweißen terranischen
Bulldogge war ein Geschenk an ihn gewesen. Ein Geschenk von ...
Er stutzte und grübelte. Wer hatte ihm Bencho geschenkt? Der Botschafter
der Posbi in Cartwheel? Oder war es Eorthor? Wieso sollte Eorthor ihm
einen Posbihund schenken? Das ergab keinen Sinn. Er blickte den Hund
fragend an. Konnte es denn sein, dass die Erinnerungen ihm auch hier einen
Strich durch die Rechnung machten?
»Kennst du Kathy?«, wollte Aurec wissen. Er bekam natürlich keine
Antwort. Bencho schlabberte Aurecs Hand ab.
Der Saggittone setzte sich vor die Kontrollen des silbernen, pfeilförmigen
Raumschiffes und aktivierte das Antigravtriebwerk. Mit einem leisen
Surren stieg der Segler in den Himmel empor. Aurec nahm Kurs in den
Orbit von Terra und verweilte dort noch einige Stunden. Sollte er
zurückkehren und Kathy suchen oder ins Jahr 1793 reisen, wie sie ihm
geraten hatte? Er grübelte über sie nach und betrachtete zugleich fasziniert
den blauen Planeten.
Terra war eine schöne Welt, reich an Bodenschätzen und üppiger Natur.
Zumindest in dieser Epoche. Aus den Geschichtsaufzeichnungen wusste er,
dass im 20. Jahrhundert durch massiven Ressourcenabbau, steigende
Bevölkerung und den Einsatz von schädlichen Technologien die Natur in
Mitleidenschaft gezogen wurde. Das änderte sich durch die Arkoniden und
ihre saubere Technik. Doch ohne einen Perry Rhodan, der auf dem Mond
die AETRON finden würde, würde es wohl keine Hilfe für die Erde geben
und damit für so viele Spezies, denen Rhodan und die Terraner im Laufe
der Jahrtausende geholfen hatte.
Aurec wurde wieder einmal bewusst, wie wichtig die Mission der
Kosmogenen Chronikträger war. Es ging immerhin um die Rettung des
Universums, dessen unmanipulierte Erinnerungen und ihre eigene Zeitlinie.
Er seufzte. Er musste sich zusammenreißen, auf Kurs bleiben.
Der Kosmogene Segler verließ den Orbit und steuerte ins Alpha-Centauri-
System, das 4,3 Lichtjahre vom Solsystem entfernt lag. Dort befand sich
eine permanente Temporale Anomalie, die eine Verbindung zur Tiefe des
Chaos herstellte. Aurec erwartete dort eine Reise ins Jahr 1793.
Terra 1971 – Atom Bomb, Baby
Der Morgen des 9. August 1971 brach an. Der Himmel war bewölkt, und es
nieselte leicht. Es war kurz vor sechs Uhr, und ich hatte kaum geschlafen.
Mit einer Tasse Kaffee in der Hand saß ich auf der Couch und sah die
Sondersendung in der ARD.
»Der Ausbruch eines Dritten Weltkriegs kann nur durch ein einsichtiges
Verhalten der Vereinigten Staaten von Amerika verhindert werden. Der
Ostblock ist festen Willens und unumstößlich entschlossen, seine Interessen
durchzusetzen«, hieß es wörtlich aus dem Kreml. Die Chinesen gaben sich
gewohnt doppelzüngig. »Die Volksrepublik hat natürlich nicht den Wunsch,
in den Krieg zu ziehen. Wir müssen es dennoch weiterhin in Erwägung
ziehen, sollten die kapitalistischen Amerikaner die außerirdischen
Geheimnisse für sich behalten«, wurde Peking zitiert.
Enrico stand plötzlich vor mir. Ich zuckte zusammen. Wie macht er das
nur, sich so unbemerkt anzuschleichen? Außerdem sah er überhaupt nicht
so aus, als hätte er geschlafen. Er wirkte müde.
»Kaffee?«, fragte er nur.
»Oh ja, starker, schwarzer Kaffee.«
»Wir unterbrechen für eine Eilmeldung«, sagte der Moderator der ARD
mit gebrochener Stimme. »Wie soeben mitgeteilt wurde, haben Streitkräfte
des Ostblocks die Grenze der Bundesrepublik in kriegerischer Absicht
überschritten. Angriffe erfolgten auf Grenzposten in Niedersachsen und
Hessen. Sowjetische U-Boote tauchten in der Lübecker Bucht auf. Zu
dieser Stunde werden Bombenangriffe auf die Bundesrepublik geflogen
Die Nato hat angekündigt, das Staatsgebiet zu verteidigen. Es gibt noch
keine Stellungnahme vom Bundeskanzler
Jetzt brauchte ich eher einen Irish Coffee.
Enrico wirkte nicht überrascht. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen
wurde über den Äther verkündet. Die chinesische Marine startete im Pazifik
Angriffe auf die amerikanischen Militärbasen. Nordkorea griff die
entmilitarisierte Zone zur Republik Südkorea an. Innerhalb eines Morgens
entstand ein Weltenbrand.
»Aufgrund der Kriegserklärung des Ostblocks und der anhaltenden
Luftangriffe auf Militärbasen wird der zivile Flugverkehr bis auf weiteres
ausgesetzt«, verkündete der Nachrichtensprecher. »Reisen ins Ausland mit
dem Zug und dem Personenkraftwagen sind weiterhin möglich Oh, und
der Bundeskanzler nun ….«
Das Bild wechselte. Es wurde nach Bonn geschaltet. Bundeskanzler Willy
Brandt sah ernst in die Kamera.
»Verehrte Bundesbürger, seit heute, 5:58 Uhr, wird die Bundesrepublik
Deutschland von Streitkräften des Ostblocks angegriffen. Es gibt erbitterte
Gefechte an der innerdeutschen Grenze. Der Feind fliegt Luftangriffe auf
militärische Ziele, jedoch nicht auf zivile Einrichtungen. Früher oder später
wird das jedoch passieren. Es ist der Krieg, den wir immer gefürchtet
hatten, vor dem wir immer Angst hatten. Wir haben gerade erst die Wunden
und die Trümmer des letzten Krieges beseitigt, und nun droht alles in Schutt
und Asche zu zerfallen. Ich fordere die Verantwortlichen eindringlich dazu
auf, diesen sinnlosen Krieg zu beenden. Setzen Sie sich an einen Tisch mit
dem US-Präsidenten Nixon. Ich verstehe die Angst und Besorgnis, liebe
Bürgerinnen und Bürger. Vermeiden Sie Panik, bleiben Sie vernünftig.
Legen Sie sich Vorräte an und wenn möglich, meiden sie das Kriegsgebiet
und große Städte.«
Ich atmete tief durch. Das war also der Beginn des Dritten Weltkriegs. Am
9. August 1971 schickte sich die Menschheit an, sich endgültig
auszulöschen. Ich war kein Narr. Ich wusste, dass der Einsatz von
Atombomben wie ein Damoklesschwert über uns schwebte.
»Wir sind hier nicht mehr sicher«, sagte Enrico.
Ich blickte den jungen Volontär mit der Hippiemähne an.
»Das sind wir wohl nirgendwo.«
»Ich spreche von Lessing. Er wird meine Anschrift über den Verlag
herausbekommen und hier auftauchen. Das ist nur eine Frage der Zeit.«
»Und was sollen wir jetzt machen?«
»Ich organisiere ein Fluchtgefährt.«
»Sie haben doch gehört, dass der Luftraum für zivile Flugzeuge gesperrt
ist.«
»Ich finde schon eine Lösung. Sie müssen die Wohnung verlassen und in
Köln untertauchen. Wir treffen uns morgen um neun Uhr am Rheinufer
nahe der Claudius-Therme in Stadtteil Deutz.«
Enrico kramte einen Revolver aus der Tasche und drückte ihn mir in die
Hand.
»Er hat sechs Schuss. Gehen Sie weise damit um.«
Ich nickte stumm. Was sollte ich auch sagen?
Na danke, zum Beispiel, warf Harry ein.
Ich steckte die Waffe in die Hose, warf meine Jacke über und verdeckte
damit die Pistole. Enrico nickte mir zu und verließ die Wohnung. Ich war
nun mit Harry alleine hier. Sollte ich noch warten?
Worauf?
Ich wusste es nicht.
Dann warten wir nicht. Oder willst du noch länger vor der Glotze
hängen?
Vermutlich wollte ich den Zeitpunkt einfach nur hinauszögern. Dabei war
das idiotisch. Die Bude von Enrico bot mir keinen wirklichen Schutz.
Weder vor Lessing noch vor einem Bombenangriff. Ich atmete tief ein, ging
forschen Schrittes zur Tür und öffnete sie – und blickte in das Gesicht Björn
Lessings. Der wirkte verwundert, reagierte aber schnell, zückte seine
Pistole und hielt sie mir unter die Nase.
»Guten Morgen, Olaf! Ich hätte nicht erwartet, dass Sie so phlegmatisch
sind und ich Sie hier noch antreffe. Nun denn, wollen Sie mich nicht
hineinbitten?«
»Natürlich …«
Lessing war für einen Moment zu selbstsicher. Ich packte seinen Arm und
drückte ihn zur Seite. Ich schlug seine Hand gegen den Türrahmen, er ließ
die Waffe fallen. Dann holte ich aus, und mein rechter Haken schickte ihn
auf den Teppichboden.
Jetzt lauf endlich, Atlan. Lauf, rief Harry.
Ich war aufgeregt, doch es fiel mir auf, dass er mich Atlan genannt hatte,
wie in dem Café nach dem Mord an Perry Rhodan.
Wer zum Henker ist Atlan?
Was?
Wie was? Du hast mich Atlan genannt.
Wer?
Das war mir zu dumm. Ich öffnete die Tür und eilte aus der Wohnung,
rannte den Korridor entlang und die Treppe hinunter, hinaus zur Haustür
und auf die Straße. Wohin? Ich blickte nach links und nach rechts. Intuitiv
rannte ich nach rechts, stopp. Lieber nach links. Der Spiegel eines Autos
zerbrach mit einem Knall.
Der schießt auf uns, sagte Harry.
Der Gehweg verlief in einer Kurve, so dass Lessing vermutlich kein freies
Schussfeld mehr hatte. Ich wollte mich nicht ausruhen, um es
herauszufinden. Vielleicht verschaffte mir das einen Vorsprung. Ich rannte
so schnell es ging in eine Nebenstraße, bis ich nicht mehr konnte.
Du bist nicht fit, das wird uns noch umbringen.
Wen denn von uns allen? Dich, mich oder Atlan?
Wer ist Atlan?
Das will ich von dir wissen, Harry!
Wieso sollte ich das wissen?
Na, weil du mich zweimal als Atlan bezeichnet hast.
Daran kann ich mich nicht erinnern.
Ich hörte ein Zischen, verspürte einen Schmerz am Arm. Das Hemd färbte
sich rot. Lessing hatte mich erwischt.
Nur ein Streifschuss. Versteck dich hinter den Autos.
Als ob ich nicht selber darauf gekommen wäre. Ich ging in die Knie. Mehr
als mich verstecken und Deckung suchen konnte ich nicht. Lessing war
bewaffnet.
Hast du Alzheimer, du Beuteterraner? Enrico hat dir eine Waffe mit sechs
Schuss gegeben. Nutze sie!
Ach ja, da war ja was. In der ganzen Aufregung hatte ich die Pistole ganz
vergessen. Sie steckte in der Hose. Aber was zum Teufel war nun schon
wieder ein Beuteterraner? War Atlan so einer? Hatte er die Erde erbeutet?
Menschen wurden auch von komischen, weltfremden Science-Fiction-
Autoren als Terraner bezeichnet. Atlan war also ein Erdenbewohner mit
Beute?
Alter, konzentriere dich endlich mal.
Harry hatte recht. Ich zog die Pistole und öffnete die Trommel. Sechs
Kugeln waren drin.
»Olaaaaf? Kommen Sie hervor. Wir können noch über alles reden. Was
wollen Sie? Mehr Geld? Geht klar. Haus, Auto? Sie kriegen die besten?
Geile Blondinen vögeln? Die beschaffe ich ihnen. Sie können doch sowieso
nichts mehr machen. Der Krieg hat begonnen. Das ist die beste Zeit für uns
Journalisten. Wir schreiben unsere Artikel nun mit dem Blut von Soldaten
und Zivilisten. Die Kriegshölle ist der Traum eines jeden Reporters.«
Lessing würde mich abknallen, wenn ich aus der Deckung hervorkommen
würde. Warum sollte er mich auch am Leben lassen? Ich war Zeuge, wie er
Menschen ermordet hatte.
»Ich bin nicht blöd, Lessing! Sie oder ich. Ich weiß, dass es darauf
hinausläuft.«
Stille. Ich wechselte die Position und suchte hinter einem anderen Wagen
Schutz.
»Unter normalen Umständen gebe ich Ihnen recht, Olaf! Aber nichts ist
mehr normal. Der Dritte Weltkrieg hat begonnen, und wir beide leben eine
Lüge. Ich bewusst und Sie unbewusst. Aber wir sind beide nicht die, für die
wir uns ausgeben. Meine Wenigkeit heißt nicht Björn Lessing, und Sie sind
auch nicht Olaf Peterson.«
Das war doch lächerlich.
»Als nächstes behaupten Sie, Sie sind ein Alien und die Amerikaner
haben Ihre Technologie gefunden …«
»Ein amüsanter Gedanke, doch er stimmt nicht so ganz. Die Technologie,
die die Crew der STARDUST gefunden hat, ist ein Raumschiff der
Arkoniden mit der Bezeichnung AETRON. Die Crew ist bis auf die
Kommandantin und der Expeditionsleiter degeneriert. Sie tauchen in
virtuelle Spielwelten ab und verbringen ihre Tage nur noch damit. Es war
daher Freyt und den anderen möglich, Thora und Crest zu überwältigen und
die AETRON zu sichern. Schon ein Beiboot könnte Moskau und Peking
vernichten.«
Das war eine unglaubliche Geschichte. Wenn sie denn wahr war.
»Woher wissen Sie das, Lessing?«
»Weil ich ein Zeitfamulus bin. Ich kenne die Vergangenheit dieser
Zeitlinie. Sie hat sich nur ein wenig geändert. Das kann unter Umständen zu
einer temporären Verunsicherung führen. Denn auch Ihre Zeit hat sich
geändert. Sie erleben Ihre Vergangenheit mit alternativem Ende.«
Lessing lachte grunzend.
»Kennen Sie diese interaktiven Filme, wo der Zuschauer den Ausgang
selber bestimmen kann?«
»Nein, kenne ich nicht.«
Ich schlich nun in seine Richtung. Vielleicht konnte ich Nutzen aus
seinem selbstherrlichen Geplapper ziehen.
»Und wer bin ich in Ihrer Geschichte? Der König vom Mars?«
»Ihr Zynismus ist weder platziert noch unterhaltsam. Sie verkennen Ihre
Situation. Wenn Sie mich nicht anhören, sterben Sie spätestens Morgen,
vielleicht auch …«
Lessing tauchte plötzlich am Kofferraum eines PKW auf und richtete die
Waffe auf mich. Es war ein Reflex, dass ich mich seitlich zu Boden fallen
ließ und schoss. Dreimal hintereinander. Lessing wurde an der Schulter
getroffen, es löste sich ein Schuss aus seiner Waffe, der mich aber nicht traf.
Ein weiterer Schuss traf sein Bein. Er sackte zusammen und ließ die Waffe
fallen. Ich hatte ihn. Ein wenig fühlte ich mich wie James Bond. Der
Nervenkitzel war unbeschreiblich.
»So, Zeitfamulus. Zu Ende fabuliert.«
Lessing war anzusehen, dass er Schmerzen hatte. Trotzdem grinste er
schwach.
»Fliehen Sie nur. Ich werde Sie finden. Was wollen Sie denn jetzt noch
machen? Perry Rhodan und Reginald Bull sind tot. Der Weltkrieg hat
begonnen. Wollen Sie Ihre Artgenossen aus Area 51 befreien?«
»Meine Artgenossen?«
Lessing bewegte sich etwas, doch mit zwei Schusswunden fiel es ihm
schwer. Dennoch behielt er sein dummes, nerviges Grinsen.
»Sie sind Arkonide. Sie kommen nicht vom Mars, sondern von Arkon.
Diese Welt ist 32.000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Sie waren dort aber
schon lange nicht mehr
Lessing verzog das Gesicht. Ich streifte die Jacke ab und zerriss die Ärmel
des Hemdes. Damit band ich den Arm und Oberschenkel ab, damit er nicht
verblutete. Ich war im Gegensatz zu diesem selbsternannten Zeitfamulus
kein Mörder. Allerdings musste er sich schon selber zur nächsten
Notrufzelle schleppen oder auf sich aufmerksam machen. Seine Pistole
steckte ich ein. Ich war mir fast sicher, dass ich Lessing noch nicht los war,
doch ich hatte nun mehr Zeit, um mich zu verstecken.
»Sie sind nicht Olaf. Hören Sie auf die innere Stimme und Sie erinnern
sich an Ihren wahren Namen.«
Ich wollte das gar nicht mehr hören. Ich wollte nur weg von Björn
Lessing. Ich war nicht Olaf Peterson? Das war doch lächerlich. Wer sollte
ich denn sonst sein?
Etwa dieser Atlan?
Die aufgehende Sonne verdrängte die Wolken, tränkte den Himmel in ein
blutiges Orange. Der Himmel wirkte unheilschwanger, während die Vögel
munter und heiter ihre Morgenlieder trällerten. Der frühe Morgen des 10.
August war angebrochen.
Ich saß buchstäblich unter einer Rheinbrücke und blickte abwechselnd auf
den Kölner Dom und den Rhein.
Zwei Männer gingen am Strand entlang und unterhielten sich auf
Türkisch. Sie starrten mich an, während sie etwa zehn Meter entfernt an mir
vorbeigingen. Von der anderen Seite kam ein Hippie in einem weißen
Gewand und langen wallenden Haaren und genoss seinen Joint. Er drehte
sich um, grinste und machte das Peace-Zeichen.
»Auch dem Staat entsagt, Bruder? Unter der Brücke leben bedeutet
Freiheit, Bruder. Ich liebe dich.«
Ich winkte ab. Nein, das bedeutete, ich wurde von einem Mörder gejagt
und musste mich verstecken. Trotzdem hatte ich Hunger und Durst. Eine
Schrippe mit Wurst oder Nutella und dazu ein halber Liter schwarzen
Kaffee wäre nun ein Segen. Es war 6:50 Uhr. Enrico wartete ab neun Uhr
auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins auf mich. Ich musste über die
Brücke und dann vielleicht ein, zwei Kilometer nach links, bis ich die
Claudius-Therme erreichte.
Ich verließ den Brückenunterstand und ging Richtung Dom.
Die Welt ging vielleicht auch so oder so unter. Das Dröhnen der
Triebwerke dreier Kampfjets ließ mich in den Himmel blicken. In der
friedvollen Atmosphäre Kölns könnte man beinahe vergessen, dass seit
gestern ein Krieg tobte. Ich betrachtete die Vorderseite dieser gigantischen
Kirche mit Ehrfurcht. Generationen hatten über sechs Jahrhunderte daran
gearbeitet.
Ich suchte einen Bäcker und nahm ein Frühstück zu mir. Kaum war ich
zur Tür raus, stürmte mir Enrico entgegen.
»Schnell, wir haben keine Zeit.«
Er packte mich am Arm und zog mich zu einem zerbeulten roten VW-
Käfer.
»Einsteigen.«
Mechanisch folgte ich seiner Anweisung. Im Auto stank es nach
Haschisch. Enrico fuhr sofort los.
»Wie hast du mich gefunden? Und wo geht es hin?«
»Erkläre ich später wir müssen Köln sofort verlassen und Abstand
gewinnen. Anschließend fahren wir nach Antwerpen und von dort per
Schiff zu den Azoren. Flüge sind nicht mehr möglich.«
»Was sollen wir denn auf den Azoren?«, wollte ich wissen.
»Dort ist es sicher. Die Inselgruppe ist abgelegen und wird bestimmt nicht
bombardiert werden. Außerdem gibt es dort … Familienbesitz.«
Ich verstand nicht so recht, doch es war wohl alles besser, als mitten im
Krieg zu sein. Es galt nun einfach zu überleben, während sich die
Menschheit mit grausamen Waffen die Köpfe einschlug. Allerdings wäre
mir eine hübsche Frau zusätzlich an meiner Seite auch noch ganz recht.
Immerhin musste ich ja irgendwie die Zeit überbrücken.
Auf den Azoren gibt es bestimmt ein paar Miezen, warf Harry ein.
Nach einer Stunde im zähen Verkehr erreichten wir ein Bergbaugebiet bei
Leverkusen. Enrico hielt den Wagen an. Von dem Hügel hatten wir einen
tollen Blick auf die Stadt. Enrico kramte aus seiner Tasche zwei
Schutzbrillen hervor. Er reichte mir eine.
»Aufsetzen. Sofort!«
Der nukleare Horror über Köln von Roland Wolf
Wieso sollte ich jetzt eine Schutzbrille aufsetzen? Ich seufzte und tat es
ohne Widerworte. Ich fragte mich, ob wir nicht Sophia Loren oder Raquel
Welch mit auf die Azoren nehmen könnten? Oder Brigitte Bardot?
Diana Rigg wäre vielleicht auch was für dich? Oder wieso nicht alle,
fragte Harry sarkastisch.
Ja, die Rigg war eine tolle Frau. Ich fand die Idee …
Ein Blitz hinter Köln stoppte meine Gedanken. Oh, mein Gott. Ein greller
Feuerball wuchs und wuchs. Aus ihm stieg ein Feuer- und Rauchpilz in den
Himmel, während sich eine Feuerwalze auf uns zu schob. Sie hatten es
getan. Sie hatten es wirklich getan und eine Atombombe geworfen.
»Die Bombe ist über Bonn explodiert, oder?«, fragte ich mit brüchiger
Stimme.
»Das ist korrekt. Doch die Auswirkungen sind bis Köln-Deutz zu spüren,
sogar …«
Ich spürte eine leichte Druckwelle, und mir wurde flau im Magen. Die
Erde zitterte leicht. Sogar bis zu uns.
»Hätten wir uns in Deutz getroffen, wären wir tot«, stellte ich nüchtern
fest.
»Vermutlich oder stark geschädigt. Wir können für die Menschen nichts
mehr tun und müssen los, bevor eine Welle an Flüchtlingen aufbricht. In
Antwerpen steht ein Schiff für uns bereit.«
Die Menschen in Bonn und Köln starben grausame Tode. Jene in Bonn
wurde regelrecht pulverisiert. Andere verbrannten bei lebendigem Leib,
wurden von der Druckwelle zerfetzt oder von Trümmern erschlagen. Jene,
die überlebten, mussten schwere Verbrennungen erleiden und würden an
ihren Verletzungen oder der Strahlenkrankheit elendig verrecken.
Das apokalyptische Grauen würde sich in den nächsten Tagen in
Tausenden von Städten wiederholen. Solange, bis die Waffen verbraucht
waren oder die Abschussrampen nicht mehr einsatzfähig waren.
Ich blickte auf den Atompilz. Wo waren noch Bomben gefallen? Dieser
Angriff war vom Ostblock und der Asiatischen Föderation sicherlich
koordiniert gewesen. Die USA, Frankreich und Großbritannien würden
nicht lange mit einem Gegenangriff warten. Die größten Metropolen
würden in den nächsten vierundzwanzig Stunden aufhören zu existieren,
Millionen Menschen würden sofort den Tod finden und Milliarden in den
nächsten Wochen und Monaten.
Die Menschheit hatte ihre schlimmsten und zerstörerischsten Waffen
eingesetzt. Diese Wahnsinnigen hatten es wirklich getan.
Das war das Ende für den Großteil der Menschheit. Der 10. August 1971
war der Tag des Jüngsten Gerichts.
666-Rückwärts – Die IVANHOE II
August 1308 NGZ
Die IVANHOE IIstürzte ab!
Sie konnten einige hundert Besatzungsmitglieder evakuieren. Knapp 500
blieben an Bord während das erbarmungslose Feuer der drei Raumschiffe
auf sie einprasselt. Solange, bis sich der Boden buchstäblich unter der
IVANHOE IIauftaut und sie ins innere des Rideryon stürzte. Hunderte,
tausende Kilometer tief ins Innere der Weltrauminsel, bis sie aufschlugen.
Mathew Wallaces Körper schmerzte an jeder Stelle. Die Energie war
ausgefallen, aber er war am Leben. Etwa fünf Meter von ihm entfernt kniete
Jennifer Taylor über Tania Walerty. Tränen flossen über ihr Gesicht.
Wallaces Herz wurde schwer. Er wusste, was das bedeutete: Tania war tot.
Mühsam raffte er sich hoch und schlurfte zu der Bordärztin. Sie sah zu ihm
hoch, die Augen vom Weinen gerötet. Tania Walerty lag unnatürlich
verrenkt auf dem Boden in einer Lache ihres Blutes.
Jennifer schüttelte nur den Kopf und bestätigte damit wortlos Walterys
Tod. Wallace wusste, dass ihr das besonders nahe ging, denn beide hatte seit
ihrer Kadettenzeit eine Freundschaft verbunden.
Mathew legte ihr die Hand auf die Schulter.
»Der Kommandant ist bewusstlos«, sagte er mit belegter Stimme.
Sie stand auf und ging wortlos zu Jeamour.
Irwan Dove schob mit einem lauten Krachen den Stahlschrott zur Seite.
Der Oxtorner schien unverletzt, was aufgrund seiner Anatomie nicht
verwunderte. Von links kam auch der Posbi Lorif auf Wallace und Taylor
zu.
»Wir sind in eine Tiefe von 183.000 Kilometern abgestürzt. Wir haben
einen hohen Energieverlust. Das Metagravantrieb hat vermutlich noch
weiteren Schaden genommen. Ebenso das sekundäre Antigravtriebwerk«,
meldete Lorif.
»Gibt es Überlebende?«, wollte Wallace wissen.
»Der interne Bordfunk ist ausgefallen. Auch der Scanner funktionierte
nicht. Wir müssen zunächst die Energieversorgung wiederherstellen,
speziell die NUG-Schwarzschild-Reaktoren und Fusionsreaktoren. Es ist
anzunehmen, dass der Hypertrop Notfallgenerator ebenfalls in
Mitleidenschaft gezogen wurde oder Ableitungen beschädigt sind.«
»Wir brauchen Zyrak Wygal«, sagte Wallace. »Wie geht es dem
Kommandanten?«
»Er hat eine Gehirnerschütterung«, rief Jenny Taylor.
Das reichte Wallace. Er nickte Dove und Lorif zu. Sie verließen die
Zentrale. 523 Besatzungsmitglieder waren noch an Bord. Es musste
Überlebende geben. Auf dem Weg zum Maschinenraum fanden sie
sechzehn Tote und vier Verletzte, die notdürftig versorgt wurden. Ihr Ziel
war der Not-Hypertrop. Irwan Dove fiel als erstes der Lichtschein auf. Das
Licht wurde deutlicher und musste von Taschenlampen der anderen
Crewmitglieder stammen. Auf halbem Wege trafen sie auf Zyrak Wygal mit
etwa zwanzig anderen Technikern. Der Jülziish stieß einen schrillen
Freudenschrei aus.
»Bei der farblosen Kreatur der glücklichen Fügung, schön, dass ihr lebt.«
Lorif erklärte die Situation.
»Fast alle Scanner sind ausgefallen. Die letzten Informationen zeigten an,
dass die IVANHOE 183.000 Kilometer tief ins Innere des Rideryon gestürzt
ist.«
»Vermutlich sind die Hypertropzapfer dabei auch in Mitleidenschaft
gezogen worden und es ist zu einer Notabschaltung gekommen. Möglich
ist, dass auch Leitungen defekt sind. Wir müssen die Gravitrafspeicher
prüfen und die Leitungen reparieren. Das wird dauern, bei der grauen
Kreatur des Zeitdrucks«, erwiderte der Maschinenchef Wygal.
In den folgenden Tagen bildeten sich zwei Teams: eine
Reparaturmannschaft und eine Mannschaft, die nach Besatzungsmitglieder
suchte. Ohne Antigrav und Energie war die Suche schwer. Rund um die
Kommandozentrale funktionierten einige Notfallaggregate und hielten die
Lebenserhaltungssysteme am Laufen. Wygals Mannschaft gelang es nach
einigen Tagen, die Leitungen zu den Gravitrafspeichern zu reparieren,
während die Brückencrew systematisch Deck für Deck absuchte. In dieser
Zeit vermehrten sich Berichte über leuchtende Wesen, die erschienen und
wieder verschwanden, ohne Kontakt aufzunehmen. Wallace selber
begegnete ebenfalls so einer leuchtenden Kugel, die offenbar nur
beobachtete und nach einer Minute wieder verschwunden war.
Die Kugeln kommunizierten nicht uns mit ihnen. Wallace wusste nicht, ob
sie gefährlich waren oder nur neugierig.
Der Kommandant erholte sich wieder. Nach drei Tagen waren 437
Crewmitglieder lebend gefunden worden. 86 Besatzungsmitglieder hatten
den Absturz nicht überlebt. 116 waren verletzt und nicht einsatzfähig. Sie
hatten hauptsächlich Knochenbrüche und Kopfverletzungen erlitten. Jenny
Taylor tat ihr Möglichstes unter den erschwerten Bedingungen. Die
IVANHOE IIhatte volle Nahrungs- und Wasserlager. Zumindest darüber
musste man sich keine Sorgen machen. Die Außenhülle war jedoch stark in
Mitleidenschaft gezogen worden. Keine Antenne hatte den Absturz
überstanden. Einige Hüllenbrüche mussten repariert werden. Dazu wurde
Material aus dem Inneren des Schiffs verwendet. Einige Bereiche mussten
jedoch gänzlich abgeschottet werden, weil die Lecks zu groß waren. Xavier
Jeamour plante immer noch, die IVANHOE IIwieder flugfähig zu machen.
In einer Besprechung mit Wallace, Lorif, Wygal und Dove erklärte er:
»Wir müssen die IVANHOE wieder zur Oberfläche bringen. Dazu brauchen
wir einen Antrieb. Laut den Berichten von Lorif und Zyrak Wygal verfügen
unsere Gravitrafspeicher über ausreichend Energie wir müssen aber
Leitungen reparieren, die Außenhülle flicken und das Antigravtriebwerk
zum Laufen bekommen, meine Herren.«
Jeamour trank einen Tee und fasste sich an die Schläfe. Die
Gehirnerschütterung wirkte nach.
»Was machen wir mit diesen Erscheinungen?«, wollte Dove wissen.
Jeamour zuckte mit den Schultern.
»Da wir sie offenbar nicht aufhalten können, müssen wir sie weiter
beobachten und versuchen, Kontakt aufzunehmen. Lorif, würde ein
Schutzschirm sie denn überhaupt davon abhalten, uns aufzusuchen?«
»Das wäre durchaus möglich, Sir! Dennoch werden wir vermutlich die
Aggregate der Schutzschirme nicht reparieren können. Es fehlt der
IVANHOE IIan Ersatzteilen. Wir können sie in einigen Monaten flugfähig
machen, doch Offensiv- und Defensivbewaffnung werden stark
eingeschränkt sein. Ich rate außerdem dazu, den Wirkungsbereich zu
minimieren und die oberen Etagen zu verlassen.«
Jeamour nickte. Er wirkte angegriffen.
»Machen wir es so!«
Die Reparaturen zogen sich über Monate hin. Die Ungewissheit nagte an
jedem von ihnen. Wallace fragte sich andauernd, was aus seinen Freunden
Jonathan Andrews, Remus und Jan Scorbit, Joak Cascal und Elyn geworden
war. Hatten sie den Weg zur Stadt Amunrator gefunden und waren in
Sicherheit – oder tobte über ihnen ein großer Krieg?
Es musste inzwischen April 1309 NGZ sein und die Aussichtslosigkeit,
wieder 183.000 Kilometer nach oben steigen zu können, wurde größer.
Jeamour fasste den Entschluss, tiefer in das Rideryon vorzudringen.
Der Crew gelang es, Desintegratoren zu reparieren und einzusetzen. Auch
das Antigravtriebwerk war wieder einsatzfähig. So sank die IVANHOE II
über Wochen hinweg tatsächlich kontrolliert 20.000 Kilometer tiefer.
Während des Sinkflugs entdeckte Lorif ein seltenes Material außerhalb
des Schiffs.
Es war von außergewöhnlicher Natur und bestand aus einer speziellen Psi-
Materie, die sich um winzige Cluster von festen Atomstrukturen formte.
Diese Atome machten jedoch nur einen winzigen Teil der gesamten Masse
aus. Und nur diese waren mit herkömmlichen Methoden messbar. Der Rest
des Materials blieb verborgen und existierte als eine Kristallprojektion aus
Psi-Materie.
Das Besondere an diesem Material war seine Fähigkeit, Hyperstrahlung zu
emittieren, die weit über die Kapazitäten herkömmlicher Messtechnologien
hinausging. Es strahlte im sechsdimensionalen Bereich, mit einem Peak, der
selbst mit fortschrittlichsten Geräten nicht zu erfassen war. Diese Strahlung
war der Schlüssel zu seiner Macht und Effizienz: Sie verursachte eine
Verzerrung der Raum-Zeit-Struktur, wodurch sich die Realität in ihrer Nähe
verändern konnte.
Das Material beeinflusste auch das psionische Netz eines Raumes, indem
es dieses verdichtete.
Trotz seiner großen Macht war das Material extrem instabil. Bereits bei
der kleinsten mechanischen Belastung, wie dem Kontakt mit einem
herkömmlichen Werkzeug, zerfiel es spurlos und entlud dabei gewaltige
Mengen an Energie in den Hyperraum. Es war nur mit speziellen Klingen
aus Ynkelonium bearbeitbar, die den Zerfall kontrollieren konnten.
Es war der 27. Mai 1309 NGZ, als Lorif eine faszinierende Meldung
machte: »Wir durchstoßen das Gestein und erreichen eine Art Vakuum.«
Die Schubdüsen der IVANHOE IIreichten aus, um das Schiff in einen
konstanten Flug zu bringen. Nun schwebte sie stabilisiert durch einen
unbekannten Raum. Die Scanner und Ortungsgeräte waren rudimentär
repariert worden, wie auch die Außenbordkameras. Sie lieferten
erstaunliche Bilder.
Die Besatzung beobachtete hyperphysikalische Effekte. Sie kam einem
Gebilde näher, das wie ein Doppelberg im Weltall anmutete. Farbige Linien
durchzogen ihn. Einige tausend Kilometer entfernt befand sich eine Station.
Sie sah aus wie eine Burg auf einer Insel und leuchtete in einem dunklen
Grün.
»Der Berg scheint aus einer psionischen Energie zu bestehen. Sir, die
Vermutung liegt nahe, dass dies ein Berg der Schöpfung oder ein Neganer
Berg ist, der mit dem Moralischen Code verbunden ist«, erklärte Lorif.
Diese Erkenntnisse waren schwer fassbar. In den folgenden Wochen
machte die Besatzung der IVANHOE weitere Entdeckungen. Dreitausend
Kilometer von der Insel mit der grün leuchtenden Burg entfernt befand sich
ein Sternenportal. Der Aufbau war bekannt aus den anderen Galaxien. Vier
Stationen ordneten sich m Kreis an und erschufen einen Transmitter in der
Mitte. Das war der Weg in die Freiheit. Wo auch immer die Gegenstation
war, alles würde besser sein, als in dieser Welt zu existieren.
Jeamour spornte die 437 Überlebenden an. Die nächsten Monate wurde
die Außenhülle mit allen verwertbaren Materialien aus dem Schiffsinneren
repariert.
Doch dann tauchten die leuchtenden Erscheinungen wieder auf und
veränderten alles.
3. Januar 1310 NGZ
Mathew Wallace betrat den Besprechungsraum der IVANHOE II, um dem
Kommandanten Bericht zu erstatten. Jeamour hörte ihm nicht zu und starrte
an die Wand. Als Wallace dem Blick des Kommandanten folgte, erkannte er
eine golden leuchtende Kugel von der Größe eines Golfballs, die heller
wurde.
»Sie nennen sich Vyr«, flüsterte Jeamour.
»Es redet mit Ihnen, Sir?«
Jeamour nickte.
»Es kommuniziert telepathisch.«
»Was sagt es?«
Jeamour wirkte unsicher.
»Es ist schwer einzuordnen. Dieses Wesen spricht mit mehreren Stimmen.
Einige sind bereits verstorben, andere geistern in einer Tiefe des Chaos
durch den Schleier der Lethe zur … zur Wiedergeburt. Doch jedes spricht in
größter Demut von der Dualität der Kosmotarchen.«
Jeamour runzelte die Stirn.
»Von der Harmonie des DORGON, des ewigen Friedens, der
fortwährenden Glückseligkeit dort und von der Hölle des MODROR.«
Dann zog er eine Augenbraue hoch.
Dualer Berg der Kosmos von Stefan Wepil
»An dessen Tor wir uns offenbar befinden.«
Wallace blickte ihn nachdenklich an, dann wieder zu diesem
Energiewesen. Es war unheimlich. Die Dualität der Kosmotarchen. Was
bedeutete das? Eine Allianz zwischen DORGON und MODROR etwa? Sie
hatten wohl einiges verpasst, doch so eine Entwicklung bedeutete auch,
dass wohl kein Terraner oder sonst ein Wesen noch eine Chance gegen
diese übermächtigen Entitäten hatte.
»Dieses Vyr spricht davon, dass wir alle in der Tiefe des Chaos landen
werden, um unseren Weg zur Reinkarnation in ein neues, besseres
Universum zu erfahren«, sagte Jeamour.
Wallace lief ein Schauer über den Rücken.
Mit bedrückter Stimme ergänzte der Kommandant: »Und es kennt unsere
Pläne …«
In den nächsten Wochen suchten die Vyr immer wieder die IVANHOE IIauf
und sprachen auf verstörende Art und Weise mit den
Besatzungsmitgliedern. Sie versuchten, die Crew suggestiv zu beeinflussen.
Lorif bemerkte, dass sie den Bereich der IVANHOE IImieden, in dem der
seltene Kristall verstaut war. Eine Vyr-Erscheinung hatte es gegenüber
Mathew Wallace als Salkrit bezeichnet und die Crew aufgefordert, es über
Bord zu werfen. Zyrak Wygal hatte es tiefer im Schiff versteckt und mit
einem der wenigen Schutzschirme, die noch intakt waren, abgeschirmt, so
dass es unbemerkt blieb.
Die Monate verstrichen und die Besatzung verfiel in Lethargie. Die
Präsenz der Vyr war erdrückend. Sie lähmte die Crew und schien das Ziel
zu verfolgen, dass die IVANHOE IIauf ewig in dem verweilte, was von den
Vyr als Vorhof zur Tiefe des Chaos bezeichnet wurde.
Die Jahre vergingen, ohne dass es der Crew bewusst wurde. Erst im Jahre
1315 wurde die IVANHOE IIwieder aktiv, als Lorif die Initiative übernahm.
Als Posbi schien er gegen die Beeinflussung der Vyr immun zu sein. Die
IVANHOE IIsetzte sich dank der reparierten Schubdüsen in Bewegung und
trieb auf das Sternenportal zu. Das war Lorifs Motivation, die Vyr
loszuwerden.
Dunkelheit erfüllte die Gänge der IVANHOE II. Nur die flackernden
Anzeigen der Bordsysteme zeugten davon, dass das Schiff mit Leben
gefüllt war doch wie lange noch? Die Vyr, diese schattenhaften
Energiewesen, terrorisierten die Crew.
Doch keiner aus der Besatzung hatte eine Lösung gefunden, um diese
Wesen loszuwerden. Sie waren inzwischen zu lethargisch, als würden die
Vyr ihre Vitalenergie absaugen.
Keiner außer Lorif.
Der Posbi arbeitete seit Tagen unermüdlich in den Tiefen des Schiffs,
abgeschirmt vor den Vyr und ihren psionischen Ausläufern. Dort, in einem
nicht registrierten Abschnitt des Maschinenraums, hatte er etwas
geschaffen, das alles verändern sollte.
Vor ihm schwebte das Salkrit-Gerät. Eine Maschine, die auf dem Prinzip
eines Salkritstrahlers basierte, jedoch nicht dazu gedacht war, aus einer
Handwaffe abgefeuert zu werden. Stattdessen war das Gerät so modifiziert,
dass es die gesamte Struktur der IVANHOE IImit Salkritstrahlung
überfluten konnte. Lorif hatte jede Verbindung und jede Kabeleinheit des
Schiffs genau studiert, die Verläufe der Energieleitungen nachverfolgt und
das Gerät so angepasst, dass die Strahlung in das energetische Rückgrat der
IVANHOE IIeingespeist werden konnte.
Ein System, das nicht nur die Hülle schützte, sondern jeden Winkel des
Raumschiffs erfasste.
Er aktivierte das Interface. Die Salkritkristalle, die er in die
Strahlungsprojektoren eingebaut hatte, begannen zu vibrieren, ihre
Frequenz stieg an, bis sie ein durchdringendes Hyperfeld erzeugten. Lorif
wusste, dass dieses Feld die Schwingungsmuster der Vyr stören würde. Ihre
Existenz basierte auf psionischen und energetischen Resonanzen, wie er im
Laufe der Jahre herausgefunden hatte – und genau diese Resonanzen würde
die Salkritstrahlung verzerren, ihnen den Boden unter den Füßen entziehen.
Die Vyr würden nicht in der Lage sein, diese Strahlung zu ertragen.
»Bereit für die Aktivierung«, summte Lorif.
Mathew Wallace stand neben ihm und war sichtlich bemüht, nicht in
Gleichgültigkeit zu verfallen. Er war so kraftlos.
Ein letzter Blick auf die Anzeigen. Alle Systeme waren stabil. Die
Strahlung würde das Schiff nicht beschädigen. Es gab keinen physischen
Widerstand und doch würde die Strahlung wie ein unsichtbarer Hammer
wirken.
Er gab den Befehl zur Aktivierung.
Die Salkritstrahlung breitete sich mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit
durch das Netzwerk des Raumschiffs aus. Es gab keine plötzlichen
Explosionen, kein dramatisches Aufflackern von Energie. Stattdessen war
die Veränderung beinahe unmerklich, wie eine leise Welle, die durch die
IVANHOE IIfloss und jede Ecke erreichte.
Lorif und Wallace beobachteten auf den Monitoren, wie sich das
Energiefeld im Schiff veränderte. Auch die Vyr begannen zu reagieren. Ihre
psionischen Ausläufer flackerten, zogen sich zusammen, als ob sie nicht
mehr wussten, wohin. Die Schwingungen der Salkritstrahlung waren zu
fein, zu schnell für ihre Wesenheit sie konnten nicht greifen, sie konnten
nicht bestehen.
Die Vyr waren nicht mehr in der Lage, das Schiff zu halten.
»Es funktioniert«, sagte Lorif leise, doch seine mechanische Stimme
verriet keine Emotionen. Dies war der entscheidende Moment.
Er sah auf den Monitoren, wie die Vyr versuchten, sich zu wehren, sich
ihre psionischen Energien aufbäumten, in einem letzten verzweifelten
Versuch, das Schiff zu behalten. Doch es war zu spät.
Die Salkritstrahlung war zu stark, zu durchdringend.
Die Vyr zogen sich zurück. Zuerst in kleinen Wellen, dann als vollständige
Energiewesen. Einer nach dem anderen lösten sie sich auf, zerfielen in
nichts als verschwimmende Schatten. Innerhalb von Minuten waren sie
fort – keine Spur ihrer Existenz blieb.
»Ich fühle mich stärker«, meinte Wallace. »Es funktioniert!«
Er drückte Lorif einen Kuss auf die metallische Wange.
Lorif deaktivierte die Strahlung, als die letzten Vyr verschwunden waren.
Die IVANHOE IIkehrte zur Normalität zurück. Die Besatzungsmitglieder
erholten sich. Doch die Jahre unter der Beeinflussung der Vyr hatten ihren
Tribut verlangt: 189 Besatzungsmitglieder waren tot. Sie waren einfach
gestorben, hatten die Nahrung verweigert oder waren entkräftet einfach
liegengeblieben. Und niemand hatte die Kraft gehabt, ihnen zu helfen. Die
wenigen Medoroboter waren überfordert gewesen, aber hatten immerhin
121 Crewmitglieder am Leben erhalten können. Die würden jedoch lange
brauchen, um sich zu erholen. Damit war die Besatzung auf 248 Männer
und Frauen geschrumpft, von denen nur noch 127 einsatzbereit waren.
Trotzdem setzte die IVANHOE IIihren Flug durch das Sternenportal fort,
und am 18. Dezember 1315 war es soweit. Doch das Raumschiff landete
nicht in einer anderen Galaxis, sondern in einem unbekannten, fremdartig
anmutenden Terrain.
Die IVANHOE IIschwebte im stillen Raum, ihr Flug verlangsamt, während
sie die fremdartige Region durchquerte. Unterlichtgeschwindigkeit war
alles, was ihnen noch blieb.
Der Raum um sie herum fühlte sich fremd an, wie eine endlose Leere, die
auf sie lauerte. Die Crew vermutete, dass sie sich in der Tiefe des Chaos
befanden jenem gefährlichen Raum, von dem die Vyr gesprochen hatten,
bevor Lorif sie mit der Salkritstrahlung vertrieben hatte.
Die Ortung erfasste ferne Planeten, die seltsam in Reih und Glied wie an
einem unsichtbaren Faden aufgereiht waren. Eine Anomalie der Geometrie,
die keinen Sinn ergab. Doch es gab auch vereinzelte Planeten, die sich
außerhalb dieses kosmischen Bandes befanden, wie leuchtende Inseln,
bestrahlt von kleinen Kunstsonnen im Chaos. Einer dieser einsamen
Planeten zog die Aufmerksamkeit der Crew auf sich, und so setzte Xavier
Jeamour den Kurs.
Doch es war ein langer Weg. Zehn Jahre vergingen, während das Schiff
mit stoischer Beständigkeit durch die Tiefen des Unbekannten glitt. Die
Zeit zerrte an der Crew, die Einsamkeit und die stetige Ungewissheit, wie es
weiterging waren allgegenwärtig. Und es waren nicht nur die psychischen
Herausforderungen, die ihnen zusetzten.
Immer wieder tauchten fremdartige Raumschiffe aus der Dunkelheit auf.
Sie griffen an, als ob sie die IVANHOE IIvertreiben wollten. Diese Schiffe
wirkten zusammengeflickt, rostig und unheimlich, wie die Relikte einer
längst vergessenen Zivilisation. Die Angreifer nannten sich Deep Raider,
sie forderten die Kapitulation der Crew, als seien sie die Herren dieses
Raums. Doch gab nicht nach. Die Desintegratoren der
IVANHOE IIschlugen die Raider immer wieder zurück.
Xavier Jeamour blieb ruhig, fest entschlossen, sein Schiff und seine
Besatzung sicher durch das Chaos zu führen.
Doch jeder Angriff hinterließ Spuren. Die Crew wurde müde. Die
Schutzschirme des Schiffes erholten sich langsamer, und die Angriffe
schienen kein Ende zu nehmen. Die ständige Abwehr zermürbte die
Besatzung – doch aufgeben war keine Option.
Nach einem besonders heftigen Angriff gelang es der Crew, eines der
Raider-Schiffe zu kapern. An Bord fanden sie einen Gefangenen, den sie zu
gut kannten: Sruel Allok Mok, genannt Sam. Der Somer mit dem blauen
Gefieder war ein Freund des Lebens und der Menschheit, und ausgerechnet
ihn trafen sie auf dem Schiff.
Unter der Führung von Jeamour befreiten sie ihn. Doch der Sieg forderte
seinen Preis. Im Chaos des Rückzugs wurde Xavier Jeamour tödlich
verwundet.
»Es ist zu spät für mich«, sagte er, während das Blut durch die Nähten
seiner Uniform sickerte. Ihr müsst weitergehen.«Seine Hand, zitterte leicht,
doch seine Augen strahlten die gleiche Entschlossenheit aus, die ihn all die
Jahre an der Spitze der IVANHOE IIgehalten hatte.
Lorif kniete sich neben ihn und versuchte, mit seinen mechanischen
Gliedern, den Blutfluss zu stoppen, doch Xavier hielt ihn zurück.
»Eure Aufgabe ist es, zu überleben, die Mission zu beenden ... und Sruel
Allok Mok zu retten.«
Ein kurzer Blick zu Wallace und Dove bestätigte den beiden, dass sie
nichts mehr für ihn tun konnten. Sam stand hinter ihnen, seine braunen
Augen ruhig und tief, als ob er bereits das Ende des Kommandanten
vorausgesehen hatte. Sam trat vor und verneigte sich vor Xavier.
»Ihr seid ein großer Anführer, Xavier Jeamour. Und ihr seid ein Freund
der Menschheit und dieser Crew. Eure Opfer werden nicht vergessen
werden«, sagte Sam mit einer Stimme, die das Gewicht von Jahrtausenden
zu tragen schien.
Xavier starrte noch einmal durch das Sichtfenster der IVANHOE II. Die
Schiffe der Deep-Raider waren immer noch da, bereit zuzuschlagen.
»Geht«, flüsterte er schließlich. »Geht, bevor es zu spät ist.«
Wallace, Dove und Lorif zögerten, doch schließlich gehorchten sie . Sam
folgte ihnen.
Im letzten Moment drehte sich Lorif noch einmal um. Das Schicksal des
Mannes, der sie so weit geführt hatte, war besiegelt.
Die Flucht aus dem Raider-Schiff war hektisch, doch die Überlebenden
taten alles, um sich zu retten. Sam führte sie durch die verschlungenen
Gänge, während das Schiff unter dem kontinuierlichen Beschuss von außen
erbebte. Sam führte sie zu seinem Raumschiff, das er als Kosmogenen
Segler bezeichnete.
Als sie die Luftschleuse des Seglers erreichten hatten und die letzten
Sicherheitsprotokolle aktiviert waren, schossen die verbleibenden
Desintegratoren der IVANHOE IIauf das Raider-Schiff. Ein Lichtblitz
erfüllte den Raum, als es in einem letzten Feuerball explodierte. Für die
Crew der IVANHOE IIwar der Sieg bitter. Der Verlust von Xavier Jeamour
hatte eine Lücke hinterlassen, die nichts und niemand füllen konnte.
Die Überlebenden trieben mit der IVANHOE IIund Sams Segler in
Richtung des mysteriösen Planeten, den Sam als 666-Rückwärts
bezeichnete. Es war eine Welt, die sie zuvor nur in ihren Scannern gesehen
hatten ein unscheinbarer Ort im unendlichen Raum. Unter Sams Führung
schien alles klar zu sein, als ob er genau wüsste, wohin sie gehen mussten.
Sam führte sie zu einer Station, die eher wie eine Raststätte für
Raumfahrer aussah.
Wallace war der erste, der die Station betrat. Seine Hände zitterten, und
seine Augen verrieten die Erschöpfung der letzten Jahre. Sie hatten so viel
verloren.
»Was ist das hier?« fragte er leise, als sie die dunklen Korridore der
Station betraten. Sam führte sie weiter, seine Bewegungen ruhig und
zielstrebig.
»Das hier«, sagte Sam schließlich, »ist mehr als nur eine verlassene
Station. Es ist der Ort, an dem unsere Mission wirklich beginnt.«
Lorif trat nach vorne, seine mechanischen Augen scannten die Umgebung,
aber es schien nichts Ungewöhnliches zu finden.
»Was meinen Sie damit?« fragte Dove, seine Stimme angespannt. Der
Verlust von Jeamour lastete jedem schwer auf den Schultern.
Sam blieb stehen, drehte sich zu ihnen um und atmete tief ein. »Ich bin der
Träger einer Kosmischen Chronik. Unsere Aufgabe ist es, das Wissen, das
verloren gegangen ist, zu bewahren. Doch das ist noch nicht der größte
Schock für euch.«
Die drei standen still, unfähig, seine Worte zu verstehen. Wallace war der
Erste, der den Mut fand zu sprechen: »Was soll das bedeuten?«
Sam nickte, als ob er erwartet hätte, dass diese Frage kommen würde.
Dann ließ er die Bombe platzen: »Sie sprachen auf der IVANHOE davon,
dass Sie seit etwa zehn Jahren unterwegs sind. Doch wir schreiben das Jahr
2025 NGZ. Es sind über siebenhundert Jahre vergangen.«
Siebenhundert Jahre. Alles, was sie kannten, war längst Geschichte. Sie
selbst waren Relikte aus einer anderen Zeit. Die Stille, die sich über den
Raum legte, war unerträglich.
Sam trat näher, seine Augen strahlten Ruhe aus. »Wir sind diejenigen, die
den Schlüssel zur Zukunft in Händen halten. Aber für den Moment müssen
wir unsere Rückkehr geheim halten. Wir werden hierbleiben, bis weitere
Träger der Kosmischen Chronik kommen.«
Die Erkenntnis wuchs langsam in ihren Köpfen, doch es würde Zeit
brauchen, sie zu verarbeiten. Sie hatten die Reise durch das Sternenportal
überlebt, die Angriffe der Deep-Raider abgewehrt und das Opfer von
Xavier Jeamour miterlebt. Doch nun standen sie vor einer viel größeren
Herausforderung: Den Rest ihrer Existenz in einem Universum zu
überstehen, das sie längst vergessen hatte.
Thora hatte den Erzählungen von Mathew Wallace neugierig zugehört.
Viele der Begriffe waren ihr fremd, doch sie konnte ihre
Schlussfolgerungen daraus ziehen. Es war die Geschichte aus einem
anderen Leben, einer anderen Zeitlinie. Das Quarterium war hingegen auch
weiterhin ein expansives Imperium der Menschen unter der Regierung ihres
Ehemannes Don Philippe de la Siniestro. Doch in jener Zeitlinie waren sich
Thora und Philippe niemals begegnet. Ihr Ehemann war Perry Rhodan
gewesen, und sie war 2043 gestorben. Die Ereignisse, von denen dieser
Terraner erzählt hatte, waren Tausende Jahre nach ihrem Tod geschehen.
Eine dümmere Frau wäre daran gescheitert, all das zu verarbeiten, doch
Thora hielt sich in aller gegebenen Bescheidenheit für keine normale Frau.
Sie war hochintelligent und hatte eine gute Auffassungsgabe.
Mr. Terrapedia schwebte heran und richtete seine drei Stielaugen auf die
Anwesenden am Tisch.
»Ich darf Sie unterrichten, dass die CASSIOPEIA den Orbit von 666-
Rückwärts soeben erreicht hat. Die ATHENA befindet sich an ihrem
vorgesehenen Platz. In Kürze werden … oh.«
Mit einem Plopp tauchten drei Personen im Diner der Terra-Station auf.
Der Mausbiber Gucky, die Lilim Constance Beccash und Captain da
Norian. Thora war erleichtert, den Kommandanten der KASTILIEN
wohlbehalten zu erblicken. Sie atmete tief durch und stand auf. Bevor sie
etwas sagen konnte, rief Constance, »Mathew, du lebst?«, und eilte auf den
Terraner zu, um ihn zu umarmen. Dann folgte eine herzliche Begrüßung für
Irwan Dove und Lorif. Gucky stimmte ein. »Das sind die ersten guten
Neuigkeiten in diesem Zeitchaos«, piepste der Ilt. »Es tut so verdammt gut,
vertraute Gesichter zu sehen.«
Thora nickte da Norian mit einem Lächeln zu. Sie wollte sich nicht in den
Mittelpunkt stellen. Lorif berichtete in Kurzform über die Ereignisse auf der
IVANHOE II, von denen Wallace vorhin erzählt hatte.
»Das bedeutet wohl, dass unsere Freunde auf dem Rideryon noch am
Leben sind, wenn die Zeit dort langsamer vergeht«, meinte Gucky und stieß
einen Pfiff aus. »Dieses ganze Zeitgedöns ist kompliziert. Siebenhundert
Jahre waren für euch nur sieben Jahre.« Er wandte sich an Constance. »Und
dir hatte niemand was gesagt?«
Sie verzog den Mund.
»Nö, kein Mr.-Terrapedia-Roboter meinte wohl, dass ich als Kosmogene
Chronikträgerin würdig sei, über den Verbleib die Besatzung der
IVANHOE IIinformiert zu werden, noch darüber, dass dort die Zeit deutlich
langsamer vergeht«, antwortete sie und blickte vorwurfsvoll auf den
Roboter. Dieser hob in einer menschlichen Geste die drei Tentakelarme.
»Unsere Programmierung sah vor, dass wir mit den Erkenntnissen
zurückhaltend umgehen, bis ENGUYN mit uns in Kontakt tritt.«
»Aurec wäre sehr froh gewesen, diese Neuigkeiten zu erfahren. Mehr als
siebenhundert Jahre hatte er sich die Frage gestellt, was aus Kathy
geworden ist. Ihr seid unmenschliche Blechhaufen.«
Constance Beccash wirkte verärgert.
»Nun, Aurec hatte sich bereits davon überzeugt, dass Kathy Scolar am
Leben war. Allerdings hat wohl der Schleier der Lethe sein Gedächtnis
getrübt. Ich kommuniziere bei unserer nächsten Mr.-Terrapedia-
Netzwerksitzung in fünfzig Jahren gerne unser Fehlverhalten.«
Constance winkte ab.
Als es ruhiger wurde, sah Thora ihre Chance gekommen. Sie stand auf.
»Ich bin froh, dass Captain da Norian am Leben ist. Ich muss mich
entschuldigen.« Es fiel ihr schwer, diese Worte auszusprechen. »Es war
töricht von mir, auf eigene Faust diese fremde Dimension erkunden zu
wollen. Tapfere Quarteriale haben aufgrund meines Starrsinns ihr Leben
gelassen.«
»Es war die Entscheidung der gesamten Crew, Lady Thora«, warf da
Norian ein. »Die Positronik ENGUYN übernahm wieder die Steuerung, als
die drei Deep-Raider-Raumschiffe bei 666-Rückwärts erschienen. Wir
hatten keine Möglichkeit zur Hilfe zu kommen. Offenbar war das eine
erzieherische Maßnahme von ENGUYN, der nun der Überzeugung ist, dass
wir ein Teil der Crew der CASSIOPEIA werden können.«
»So wie auch die Überlebenden der IVANHOE II«, ergänzte Gucky. »Wir
alle sitzen in dem selben Boot. Die Quarterialen unter Thora sind nicht
diejenigen, gegen die wir jahrelang kämpften, auch wenn ihr derselben
Ideologie folgt. Doch letzten Endes müsst ihr wissen, dass ihr entbehrlich
für das Quarterium gewesen seid. Wir wissen aber noch zu wenig über die
neue Zeitlinie, die sich geformt hat«, führte der Mausbiber weiter aus und
setzte sich auf einen der Barhocker mit dem roten Polster.
»Wir müssen Aurec finden«, meinte Constance, die durch den Diner
wanderte.
»Und Atlan«, ergänzte Gucky.
Constance seufzte. Gucky hob die Hand.
»Ich weiß, was du sagen willst, doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass
wir ihn irgendwo in einer anderen Zeit finden. Auch wenn jeder Tag, der
verstreicht, die Chancen verringert.«
Constance presste die Lippen zusammen und nickte nur. Thora ging zu
Gucky Sie stellte sich vor das kleine, beharrte Wesen, das für sie eher wie
ein Haustier ansah. Sie hatte aber begriffen, dass dieses possierliche
Geschöpf über dreitausend Jahre Erfahrung mit sich trug und nicht
vergleichbar mit dem ungestümen Gucky ihrer Zeit war.
»Dann sollten wir keine Zeit verlieren«, sagte sie entschlossen. »Wenn
euer ENGUYN mit seinen Spielen fertig ist, sollten wir zur Tat schreiten.
Vorerst sind wir Verbündete, und meine Besatzung wird euch unterstützen.«
Sie streckte die Hand aus. Das war eine terranische Geste, doch Gucky
würde sie gewiss verstehen. Die pelzige Hand ergriff die ihre und drückte
fest zu.
Epilog – Die Zeit
Der Zeitfamulus war zufrieden. Die Ereignisse und die Zeit veränderten
sich so, wie er es geplant hatte. Die Fehlschläge aus anderen Zeiten
vergingen. Er betrat seine Zeitkapsel und lockerte die blaue Krawatte, die er
als Björn Lessing getragen hatte. Atlan schien langsam seine wahre
Identität zu begreifen. Ihn von der neuen Zeitlinie zu überzeugen, war eine
Herausforderung, die den Zeitfamulus reizte. Jene Zeit, in der er sich
befand, würde vergehen. Sie hatte kein Potenzial.
Er betrat die kleine Kommandozentrale des eiförmigen Raum- und
Zeitschiffes. Dort sah er auf den kreisförmig angeordneten Monitoren die
Bewegung der Zeitströme. Er hatte keinen Einfluss darauf, denn dies
geschah durch die Neuprogrammierung des Moralischen Kodes. Nicht
einmal eine Superintelligenz konnte alle Folgen einer Zeitveränderung
berechnen. Tausende der intelligentesten Wesen waren von DORGON und
MODROR rekrutiert worden, um dieses Projekt zu realisieren.
Der Zeitfamulus war nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe des
neuen Universums. Er musste gewisse Dinge in der Zeit korrigieren, um die
Ereignisse in die richtige Bahn zu lenken. Dabei konzentrierte er sich auf
Terra, denn die Eingriffe dort waren am größten. Es galt einen neuen Perry
Rhodan aufzubauen, sein Lieblingskandidat Adolf Hitler hatte sich als
ungeeignet erwiesen. Er hatte nun einen Mann mit mehr Weitsicht und einer
weniger destruktiven Vorgehensweise im Sinn, jemand, der machtbesessen
und manipulativ war, aber mit Bedacht vorging.
Hitler war ein manisch-depressiver Feuersturm gewesen, aber unfähig,
sowohl auf der Erde als auch in dem gescheiterten Zeitexperiment in der
Milchstraße. Die Menschheit brauchte einen Strategen. Durchaus
kompromisslos, wenn es der Umstand erforderte, aber ein Diktator mit Herz
und Verstand für seine Leibeigenen.
Seine Aufgabe war es, diesen Menschen zu protegieren. Die
Sekundärmission war es, jene aus der verlorenen Zeitebene zu integrieren.
Er hatte direkten Zugriff auf Atlan und auf Aurec. Auch sie waren durchaus
geeignete Wesen, wenn sie die neue Ordnung akzeptieren würden. Atlans
wunden Punkt kannte er noch nicht. Der von Aurec war ihm bestens
bekannt. Es war Kathy Scolar.
Sie stand zwar nun in den Diensten des Fürsten Medvecâ, doch der
Zeitfamulus vertraute ihr nicht. Sie war zu sehr Terranerin, zu sehr hing ihr
Herz noch an Aurec. Keineswegs teilte sie die Visionen des Ylorsfürsten
oder von Nistant. Aber Medvecâ war auf diesem Auge blind und hatte alle
geäußerten Bedenken in den Wind geschlagen. Die Bräute des Fürsten
waren seine Schwachstelle. Natalia war ein unberechenbarer Vulkan an
ungezügelter Bosheit, während Katherina alias Kathy Scolar ihr eigenes
Spiel trieb. Doch Macht über das weibliche Geschlecht auszuüben, war für
Medvecâ die größte Befriedigung. Der Fürst war durchaus weise mit seinen
vierzig Millionen Jahren, doch der Blutrausch und der Jagdinstinkt der
Ylors hielten ihn in einer Art Gefängnis fest. Die Ylors waren intelligente
Raubtiere, die jedoch wie die Alysker selber die nächsten
Evolutionsschritte verpasst hatten.
Nun, er war der Zeitfamulus und dazu da, Fehler in der neuen Zeit zu
korrigieren. Dazu konnte auch das Entfernen unliebsamer oder gefährlicher
Elemente zählen. Er dachte an sein drittes Projekt: Der Rhodanjäger
Nathaniel Creen war ein wichtiges Element im großen Plan von Nistant
alias MODROR. Er war auf gutem Wege, das Geheimnis seiner Identität
bald zu lüften, doch es bedurfte noch einiger Arbeit in seiner Rolle als
Claude Chevalier. Creen musste die Abgründe der Menschheit realisieren,
den Schmerz fühlen, den Hass auf seine eigene Existenz und die alte Welt
verinnerlichen. Dann würde er ein getreuer Diener der neuen Ordnung
werden. Auch hier gab es Elemente, die er entfernen musste, denn sie
hielten Creen von seiner vollen Entfaltung ab.
Creens närrische Begleiter waren ein Klotz am Bein. Vermutlich würde
der Rhodanjäger sie selbst entsorgen, sollte er seine wahre Natur erkannte.
Schwieriger war es mit Eleonore und diesem Rhodanmystiker. Ihre
moralischen Plattitüden vergifteten Creens Herz und Gedanken.
Es gab viel zu tun. Der Zeitfamulus klatschte in die Hände, dann
hämmerte er mit den Fingern auf die Konsole, legte zwei Schalter um und
rief »Alonsy«, um danach über seine eigene Anspielung grunzend zu
kichern.
Er musste als Björn Lessing im Jahre 1971 Jagd auf den Reporter Olaf
Peterson machen.
Im Jahre 2030 musste er als Claude Chevalier Creens weiteren Werdegang
leiten.
Und im Jahre 1793 würde er endgültig die Weichen für den neuen Perry
Rhodan stellen. Es fühlte sich gut an, in den Diensten der Kosmotarchen zu
stehen, und die neue Zeit zu formen.
Er war ein Schöpfer, ein Herr der Zeiten und fühlte sich wie ein Gott der
Zeit.
ENDE
Vorschau
Der Zeitfamulus arbeitet an der neuen, universellen Zeitlinie und protegiert
dabei eine besondere Person. Doch auch Aurec und Atlan müssen aus den
Zeitwirren entrinnen, wenn sie nicht in einer anderen Zeitlinie vergehen
wollen. Im nächsten Roman schildert Nils Hirseland das Finale des
Zeitchaos-Komplexes. Band 129 trägt den Titel »ZEIT FÜR DAS
QUARTERIUM«.
Glossar
IVANHOE II
Sie ist das Nachfolgeschiff der IVANHOE, die 1299 NGZ während der
Schlacht im Hell-Sektor vernichtet wurde.
Die IVANHOE IIgehört zu den quarterialen SUPREMO-Schlachtschiffen
des Typs A »Spezial«. Die Bauzeit betrug von 1302 NGZ an insgesamt drei
Jahre. Die Fertigstellung fand im Januar 1305 NGZ statt, der Jungfernflug
folgte im April 1305.
Wie alle SUPREMO-Schlachtschiffe des Typs A hat die
IVANHOE II2500 Meter Durchmesser und eine Gesamtlänge von 3000
Metern. Die Breite beträgt 2700 Meter.
Der Antrieb besteht aus einem modernen Hypterontriebwerk aus Dorgon.
Das Hypterontriebwerk entspricht in Aufbau und Funktionalität dem
Hypertakttriebwerk.
Außerdem verfügt die IVANHOE zusätzlich über ein Metagrav- und
Lineartriebwerk. Die maximale Beschleunigung liegt bei 1350 Kilometer in
der Quadratsekunde, der maximale Überlichtfaktor bei dem 150
millionenfachen der Lichtgeschwindigkeit.
Die Bewaffnung stellt sich wie folgt zusammen: 100 Mega-
Transformgeschütze, 100 MHV-Geschütze, 100 Intervallgeschütze, 100
Impulsgeschütze, 10 Transonatoren, 10 Arkonbomben, 5
Sternenfusionsbomben.
Die Defensivbewaffnung besteht aus den üblichen Paratron- und HÜ-
Schirmen. Hinzu kommt das dorgonische Semi-Transit-Feld.
Weitere technische Apparaturen sind: Maxim-Orter, Virtuellbildner,
Hyperraum-Resonator, Halbraumspürer, NUGAS-Schwarzschild-
Generatoren.
Die Legierung besteht aus Ynkeloniumstahl.
Der IVANHOE IIstehen folgende Einheiten zur Verfügung: 75 Space-Jets,
10 VESTA-Kreuzer, 25 MINOR GLOBES, 250 Jäger, 250 SHIFTS, 500
TARA-Cartwheel-I-Kampfroboter.
Die Besatzung setzt sich aus folgenden Einheiten zusammen: 550 Männer
und Frauen Stammbesatzung, 1500 Piloten für Space-Jets, MINOR
GLOBES, VESTA-Kreuzer und Jäger, 4000 Infanteristen. Die
Gesamtanzahl der Besatzung bleibt bei 6050 Mann.
Besatzung
Kommandant des Schlachtschiffes ist Admiral Xavier Jeamour.
Erster Offizier ist der Terraner Mathew Wallace (Navigation).
Zweiter Offizier ist der Oxtorner Irwan Dove
(Sicherheit/Feuerleitzentrale).
Dritter Offizier ist der Posbi Lorif (Wissenschaft).
Den Rang des Vierten Offiziers bekleidet der quarteriale Loyalist Glaus
Schyll.
Weitere Besatzungsmitglieder sind Doktor Ignaz Ruon, Doktor Jennifer
Taylor (beide Medostation), Tania Walerty (Funkleitstand) und der Blue
Zyrak Wygal (Maschinenchef).
Geschichte
Unter quarterialem Banner
Die IVANHOE IIwurde im Jahre 1305 NGZ in Cartwheel fertig gestellt und
in den Dienst des Quarteriums gestellt. Nach der Invasion des Kaiserreiches
Dorgon in den estartischen Galaxien wurde die Crew der IVANHOE IIfrüh
in einen Gewissenskonflikt gedrängt. Admiral Jeamour entschied sich für
die Rettung von Rebellen von Dorgon, obwohl diese streng genommen als
Feinde des Quarteriums galten.
Der Verbindungsoffizier Glaus Schyll leitete einen Prozess gegen Xavier
Jeamour, Mathew Wallace und Jenny Taylor ein, die den dorgonischen
Rebellen zur Flucht verhalfen.
Die Crew um Irwan Dove, Tania Walerty und Lorif kaperte schließlich die
IVANHOE IIund überrumpelte damit Schyll. Jeamour, Wallace und Jenny
Taylor wurden befreit, und Jeamour übernahm wieder das Kommando.
Im Dienst der USO und LFT
Die IVANHOE IIwurde nach Siom Som geschickt und diente offiziell unter
dem Banner der USO, obgleich es dort nur aus politischen Gründen keine
offizielle Führung unter der LFT gab, denn die Liga war zu dem Zeitpunkt
neutral.
Von 1305 bis 1308 NGZ kämpfte sie an verschiedenen Fronten in den
estartischen Galaxien.
Das Rideryon
Nach dem Frieden von Som Anfang 1308 NGZ nahm die IVANHOE IIim
Frühjahr an einer Expedition zum Rideryon teil und wurde dort so schwer
beschädigt, dass sie in einer Wüste abstürzte. Im Sommer 1308 NGZ wurde
sie von der EL CID, der PARICZA und der VOLCUS GLANZ angegriffen,
so dass sie buchstäblich ins Erdreich stürzte. Ein Teil der nicht evakuierten
Crew überlebte und versuchte, das Schiff zu reparieren. Sie sank langsam
tiefer ins Innere des Rideryon und fand einen Leerraum im Zentrum der
Sterneninsel mit dem Dualen Berg des Kosmos und MODRORS CASTLE.
In den Jahren bis 1315 NGZ stand die Crew unter dem Einfluss der Vyr und
verfiel in eine Lethargie, bis Lorif in der Lage war, mittels des
geheimnisvollen Metalls Salkrit diese vom Schiff zu vertreiben. Die
IVANHOE IIflog durch das Sternenportal und landete in der Tiefe des
Chaos. Die Besatzung trafen auf Sam, der sie zur Proto-Welt 666-
Rückwärts führte, wo die IVANHOE II2025 NGZ ihren letzten Landeplatz
fand.
Kommandant der IVANHOE II
Xavier Jeamour wurde auf Terra geboren und verlebte seine Kindheit in
Belgien. Mit dreizehn Jahren zog er zu seinem Onkel nach Frankreich, wo
er ihm bei der Winzerei half.
Erst spät entdeckte Jeamour sein Interesse für die Raumfahrt. Mit 25
beschloss er, zur Akademie zu gehen, wo er aufgrund hervorragender
Leistungen ein Stipendium erhielt. Er ging als einer der besten Taktiker in
die Geschichte der LFT-Akademie ein.
Im Jahre 1268 NGZ wurde er Kommandant des Explorerkreuzers
DESTINY, mit dem er einen noch relativ unergründeten Seitenarm in der
Westside der Milchstraße erforschte. Jeamour fand dort im Jahre 1270 NGZ
eine alte Station, deren Erbauer unbekannt waren. Einige Roboter wurden
wieder aktiviert, und es gab ein grauenvolles Gemetzel. Nur dank Jeamours
schnellem Reaktionsvermögen konnte die Hälfte der Besatzung gerettet
werden. Die LFT bedauerte diesen Vorfall und beorderte die DESTINY als
Aufklärungsschiff ab.
Jeamour hingegen wollte unbedingt die Station erforschen und
herausfinden, wer dahintersteckte, doch die LFT schickte ein anderes Schiff
hin, das den Planeten einäscherte. Später stellte sich heraus, dass die Station
bereits von der LFT entdeckt worden war, jedoch von der TLD zu geheimen
Forschungen genutzt wurde. Wütend über diese Täuschung kündigte
Jeamour bei der LFT und schloss sich im Jahre 1279 NGZ Camelot an.
Dort arbeitete er lange an sich selbst und half Attaca Meganon bei der
Entwicklung der IVANHOE.
Im Jahre 1283 NGZ kommandierte Jeamour den 500 Meter-
Schlachtkreuzer FREYJA und nahm an einem leider kläglich
gescheiterten – Rettungsversuch im Mashritunsystem teil. Zwei Jahre später
konnte die FREYJA die Überlebenden der LONDON-Katastrophe finden
und retten.
In den folgenden Jahren nahm die FREYJA an einigen Einsätzen teil, so
auch am Kampf gegen die Tolkander.
1290 NGZ gab Jeamour das Kommando der FREYJA ab und wurde
Oberbefehlshaber des neuen Schlachtraumschiffes IVANHOE.
Dorgon M100 – Expedition
Wallace spielte eine tragende Rolle während der Expedition. So gehörte
sein Team immer zu den ersten, die bei einer Mission dabei waren. Das Trio
um Wallace, dem Posbi Lorif und dem Oxtorner Irwan Dove entwickelte
sich zu einem guten Team. Sie waren die besten Leute des Kommandanten
Jeamour.
Cartwheel
Jeamour blieb auf der IVANHOE und machte vor allem in Cartwheel seinen
Dienst.
HELL-Sektor
1298 NGZ gehörte Wallace wie seine Besatzungsmitglieder zum
Himmelfahrtskommando während der Schlacht auf dem HELL-Sektor. Die
IVANHOE selber wurde zerstört. Jeamour musste widerwillig das Schiff
verlassen. Der Erste Offizier starb dabei.
Bis zum Quarterium
Die Crew bleibt zunächst im Dienst des Terrablocks, geht dann hier und da
getrennte Wege auf ihren Missionen und Abenteuern. Dann wurde die
IVANHOE IIfertiggestellt. Mathew Wallace wird unter dem Kommando
von Xavier Jeamour Erster Offizier .
Quarterium
1305 NGZ stieß die IVANHOE IIauf ein flüchtendes dorgonisches Schiff.
Ausgerechnet die Dorgonin Saraah war an Bord. Sie war die ehemalige
Frau von Wallace. Die Crew der IVANHOE IInahm sie auf und es kam zum
Gefecht mit dem dorgonischen Adlerraumschiff. Die Handlungen blieben
nicht folgenlos. Jeamour, Wallace und Taylor wurden verhaftet und sollten
hingerichtet werden. Doch die restliche Crew unter Lorif, Dove und
Walerty revoltierte, stahl die IVANHOE IIund berfreite die drei
Totgeweihten mit Hilfe von Gal’Arn, Jonathan Andrews und Gucky. Die
Besatzung der IVANHOE IIdesertierte zur USO in die estartischen
Galaxien. Jeamour blieb Kommandant.
Krieg in den estartischen Galaxien
Die IVANHOE IInahm 1305 und 1306 unter Flagge der USO an diversen
Einsätzen teil. Sie wurde mit ihrer eingespielten Crew für eine Weile das
Flaggschiff der USO. Die IVANHOE IInahm an den Gefechten um das
Sternenportal der Lokalen Gruppe teil, als MODROR Perry Rhodan mit
dem falschen WANDERER in die Falle lockte.
LFT
Nach der Kriegserklärung des Quarterium an die LFT wurde die
IVANHOE II wieder Teil der Liga-Flotte und kämpfte von 1306 NGZ bis
1308 NGZ bis zur Niederlage des Quarterium am Sternenportal in
Andromeda und nahe der Milchstraße.
Rideryon
1308 NGZ war die IVANHOE IIdas führende Raumschiff bei der
Expedition auf das Rideryon. Doch die IVANHOE IIwurde abgeschossen
und musste notlanden. Jeamour befand sich an Bord, als die
IVANHOE IIeinige Monate später erneut angegriffen wurde: diesmal von
dem Quarterium und den Dorgonen. Die IVANHOE IIversank dabei
buchstäblich im Erdboden des Rideryon. Ein Teil der nicht evakuierten
Crew überlebte und versuchte, das Schiff zu reparieren. Es sank langsam
tiefer ins Innere des Rideryon und fand einen Leerraum im Zentrum der
Sterneninsel. Dort fanden sie den Dualen Berg des Kosmos und
MODRORS CASTLE. In den folgenden Jahren bis 1315 NGZ stand die
Crew unter dem Einfluss der Vyr und verfiel in eine Lethargie, bis Lorif in
der Lage war, sie mittels des geheimnisvollen Metalls Salkrit vom Schiff zu
vertreiben. Die IVANHOE IIflog durch das Sternenportal und landete in der
Tiefe des Chaos. Sie trafen auf Sam, der sie zur Proto-Welt 666-Rückwärts
führte, wo die IVANHOE II2025 NGZ ihren letzten Landeplatz findet.
Tod
Xavier Jeamour starb im Jahre 2025 NGZ bei der Rettung des Kosmogenen
Chronikträgers Sruel Allok Mok in der Tiefe des Chaos.
Zeitfamulus
Der Zeitfamulus ist ein Terraner aus dem 14. Jahrhundert NGZ. Sein Name
ist unbekannt, doch nach eigenen Aussagen siedelte er im Jahre 1297 NGZ
als Pionier in die Galaxis Cartwheel über. Er war Berater bei der Shorne
Industries Gesellschaft und trat nach Gründung des Quarteriums 1303 NGZ
in die Cartwheel Intelligence Protective (CIP) ein. Im Jahre 1307 NGZ
starb er während der Schlacht um Amunrator auf dem Rideryon.
Danach sei er durch die Tiefe des Chaos gewandert und wiedergeboren
worden. Fürst Medvecâ rekrutierte ihn als Zeitfamulus, einem Berater für
die Zeitlinien, um die Gestrandeten der normalen Zeitlinie für die neue Zeit
zu begeistern und um Korrekturen in der Zeit vorzunehmen.
Bisher sind vier Erscheinungsformen des Zeitfamulus bekannt:
– Gustav Adolph Larsen (18. Jahrhundert)
– SS-Sturmbannführer Lars Born (20. Jahrhundert)
– Björn Lessing (20. Jahrhundert)
– Claude Chevalier / Tenzing (21. Jahrhundert)
Als Gustav Larsen manipulierte er die herzogliche Familie der Schleswig-
Holstein-Gottorfer in Eutin.
Als SS-Sturmbannführer Lars Born verhalf er Adolf Hitler zum Sieg und
sah das Scheitern des Sternenreiches Germania.
Als Redakteur Björn Lessing versuchte er Atlan, der sich nicht an seine
Identität erinnert, für die neue Zeitlinie zu gewinnen.
Als Claude Chevalier bzw. Tenzing zerstörte er im Jahre 2063 mit den
restlichen Atombomben der Erde die letzten Städte der Menschheit.
Der Zeitfamulus ist intelligent und manipulativ. Er selbst bezeichnete sich
als Schöpfer, als einen Herrn der Zeiten und fühlte sich wie ein Gott der
Zeit.
Impressum
Die DORGON-Serie ist eine Publikation der
PERRY RHODAN-FanZentrale e. V., Rastatt (Amtsgericht Mannheim, VR
520740 )
vertreten durch Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf
www.dorgon.net
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Roland Wolf
Innenillustrationen: Roland Wolf, Gaby Hylla, Raimund Peter & Stefan
Wepil
Lektorat: Norbert Fiks
Redaktion & Layout: Burkhard Lieverkus
Korrektorat: Jens Hirseland und Arndt Büssing
Glossar: IVANHOE II, Zeitfamulus, Zeitlinie 1971
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