Band 127
Die Zeitagenten
Aurec ist in der Vergangenheit der Menschheit gestrandet
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Gaby Hylla
Innenillustrationen: Roland Wolf, Raimund Peter, Jürgen Rudig, Stefan Wepil, Foto Povolen
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Der Saggittone trifft auf historische Persönlichkeiten
Thora da Zoltral
Die Arkonidin ist Opfer des Zeitchaos
Nathaniel Creen
Der Kopfgeldjäger erlebt zum zweiten Mal den Untergang der
Menschheit
Eleonore
Die Positronik der NOVA wird immer menschlicher
Olaf Peterson
Der Reporter aus Berlin trifft Perry Rhodan
Gustav Adolph Larsson
Der Haushofmeister spricht für den Fürsten zu den Herrschern
Europas
Was bisher geschah
Nistant brachte im Jahre 2046 NGZ das Zeitchaos in die
Milchstraße. Temporale Anomalien fegten durch die Galaxis und
löschten die Zeitlinie aus. Eine Handvoll Überlebender trifft auf der
CASSIOPEIA auf andere in der Zeit gestrandete Lebewesen.
Aurec strandet aus ungeklärten Gründen im Jahre 1776 im
beschaulichen Eutin auf der Erde.
Nathaniel Creen erlebt eine Wendung im 2. Weltkriegs im Jahre
1944 und ermodet den jungen Perry Rhodan. 200 Jahre später geht
die Erde bei einem Angriff der Akonen und Blues unter.
Im Jahre 1971 erlebt der Journalist Olaf Petersen die Mondlandung
der STARDUST, jedoch mit dem Kommandanten Michael Freyt.
Und die CASSIOPEIA unter dem Kommando von Gucky und
Constance Beccash sammeln die Überlebenden des Zeitchaos von
2046 NGZ ein.
Es scheint als würden Aurec, Creen und Olaf Peterson von fremden
Gestalten überwacht werden, welche die Geschicke im Hintergrund
lenken. Doch wer sind die ZEITAGENTEN?
Prolog – Der Dämon in Eutin
Aus den Erinnerungen von Prinz Peter Friedrich Wilhelm von Schleswig-
Holstein-Gottorf
Es war der 17. März 1761 als wir uns anschickten, vor der Bettruhe einen
beaufsichtigen Spaziergang zu unternehmen. Spielen durften wir das nicht
nennen, denn unsere Erziehung sah das nutzlose Vergeuden von Zeit durch
Spielereien nicht vor.
Meine Kammerdienerin Guinevere war jedoch guten Herzens und
bescherte ihrem Prinzen die ein oder andere Auszeit mit jenem sinnlosen
herumtoben in der Natur. Sie war zierlicher als es Mama war. Und sie war
kleiner. Ihre Augen blau und ihr langes Haar braun.
Sie war gut zu uns und wir hatten sie ins Herz geschlossen. Das Mädchen
mit dem ungewöhnlichen Vornamen tammte aus Wales, einem Land der
Britischen Krone, genauer gesagt, sogar ein Teil dieser auf deren
Mutterinsel.
Wie dem auch sei, jener 17. März war vom Morgengrauen an etwas
bedeckt und trübseligen Wetters. Es schien, als wolle die Sonne ihr Antlitz
nicht zeigen, ehe sie nicht vom Monde geküsst wurde, um ihren
wohlverdienten Schlaf zu finden. Wir näherten uns der sechsten
Abendstunde. Eigentlich hätten wir bereits bettfertig sein müssen. Doch wir
hatten die Orientierung verloren lediglich Guinevere schien den Weg zu
kennen. Dabei dämmerte der Abend und mit jeder verstrichenen Minute
hüllte die Dunkelheit mehr und mehr ihren finsteren Mantel über unsere
Köpfe. Wo wir nur waren? War dies schon die Wildkoppel? Wir bekamen
es mit der Angst zu tun, unser Herz klopfte wie die Trommeln vom
schwarzen Kontinent.
Ein kalter Wind zischte über die Gartenanlage. Waren wir überhaupt noch
dort? Das starke Knistern und Rascheln der Blätter in den Bäumen fuhr uns
wie ein eiskalter Schauer über den Rücken. Dann zuckte, zischte und
donnerte es am Himmel, als würde Gott selbst in größter Gram ein Unheil
auf die ihm geweihte Erde entsenden.
Guinevere nahm meine Hand.
»Keine Sorge, kleiner Prinz. Die Götter sind uns wohl gesonnen«, sagte
sie. Die Vielgötterei war ein geheimes Überbleibsel ihrer Familie. Sie
waren Kelten gewesen und praktizierten ihre heidnischen Bräuche im
Stillen. Das war ihr einziger Makel, und ein Wort von mir hätte sie
vermutlich ins Gefängnis gebracht oder Schlimmeres. Sie verschmähte
Gott und war unfromm. Und doch trug sie keine Hörner auf dem Kopf oder
flog auf ihrem Besen. Wie passte das nur zusammen?
Es regnete in Strömen und wir waren verloren. Wir würden bitterlich in
den Fluten des Schauers über Eutin ertrinken. Doch Guinevere zog mich
weiter, wir eilten über die Brücke, die über den Schlossgraben in Richtung
Stadt führte. Ich blieb stehen, auch wenn mir kalt war.
»Aber wir dürfen nicht in die Stadt. Unser Vater hat es uns auf das
Strengste verboten.«
Guinevere beugte sich zu mir herab. Ihr langes Haar war durchnässt, wie
auch ihr weißes Kleid, weshalb wir Dinge an ihr sahen, die uns verwirrten.
»Suchen wir doch in der Sankt Michaelis Kirche Schutz. Pastor Balemann
wird uns mit Freuden ein warmes Obdach geben. Sie ist keine hundert
Meter von uns entfernt.«
»Aber … das Schloss doch auch nicht …«
Sie zog uns mit sich, und wir eilten über die Brücke. Das Tor zum
Stadtteil war nicht bewacht. Die Garde würde sich vor meinem Vater zur
Verantwortung ziehen müssen. Wir rannten durch den Regen und hielten an
einer Häuserwand. Das war nicht die Kirche. Das war ein ruchloser Gang
zur Finsternis. Hier trieben sich die untreuen Ehemänner herum und
lästerten wider Gott und ihren Eheweibern.
Der dickbäuchiger Mann grabschte ungeniert an einer ebenso beleibten
Frau. Uns wurde anders bei diesem Anblicke.
»Weg hier«, bettelte ich. Guinevere zog uns mit. Aus feisten, verlebten
Gesichtern starrten uns Weibsvolk und ehrenlose Männer düster an. Es
stank nach Fäkalien. Dieser Gang war ein Sündenpfuhl der ungenierten
Wollust.
Endlich waren wir wieder in der Achter Straße und eilten entlang der
Mauer zum heiligen Grundstück der Kirche. Plötzlich fühlte ich einen
unsanften Ruck an meinem Arm und Guinevere ließ meine Hand los …
Wo war sie hin? Als hätte sich der Boden aufgetan und ein Dämon aus
Satans Schoß sie mit seinem gierigen Maul verschluckt. Aber das Gegenteil
war der Fall: Vor unserer Nase tropfte Blut auf den Boden der Straße. Wir
starrten auf die rote Lache und trauten uns nicht in den Himmel zu blicken.
»Fürchtet Ihr Euch, junger Mensch?«
Wir sahen schwarze, saubere Stiefel. Sie glänzten und schienen im Besitz
eines Edelmannes zu sein. Langsam fuhr unser Blick höher und wir
erblickte eine schwarze Hose, einen silbernen Gürtel, ein dunkelrotes
Hemd, und den Körper des Mannes in einen bis zu den Knien gehenden,
ebenso schwarzen Mantel gehüllt, der vom Regen durchnässte Mantel
tropfte das Wasser auf den Boden tropfte.
Der Edelmann beugte sich zu uns herab, und wir starrten in die Fratze des
Teufels höchstpersönlich, die dunklen Haare nass und strähnig. Das Gesicht
eingefallen, wie das eines wandelnden Toten. Wir vermochten nicht zu
schreien, nicht zu weinen –wir waren wie in einem Bann.
»Oh Sohn des Seins, fürchtest Du den Tod?«
Er hielt eine Zierstock in der linken Hand, dessen Knauf den gehörnten
Kopf eines Widders darstellte. Ein Tier des Teufels. Ein Vieh des Satans,
des Bezelbubs, von Luzifer. Damit deutete der Unheilige nach oben und es
tropfte noch immer Blut auf uns hinab, und die Lache zwischen uns wuchs
an. Zögerlich, als wollte ich die gewissbringende Wahrheit verdrängen oder
hinaus zögern, hoben wir unser Haupt in den Himmel. Auf dem Dach vor
dem Haus der St. Michaelis Kirche saß ein Wesen, so schrecklich, dass wir
es nicht beschreiben wollten. Es war eine geflügelte Bestie aus einem der
Höllenkreise und sie hielt Guinevere Körper in den Armen und nagte an
ihrem Hals. Es wirkte, als lutsche er an ihrem Hals, während Guineveres
starre Augen auf uns hinabblickten.
»Fürchtet Euch nicht, Prinz«, sprach das Wesen vor uns. »Der Fürst ist nur
hungrig und Euer Kammermädchen hatte sich ihm schon im Garten
angeboten. Hm.« Genüsslich blickte der fremde Dämon nach oben.
»Für jemand wie den Fürsten ist das ein Abendbrot mit vielen nützlichen
Stoffen für seinen Körper. Aber das versteht Ihr natürlich nicht. Für Euch
sind wir Dämonen, wenn nicht gar der Satan höchstpersönlich.«
»Sei … seid Ihr das denn nicht?«, fragten wir zögerlich.
Das Wesen auf dem Dach glitt mit Guinevere im Arm herab. Es war
furchteinflößend, wie eine menschengroße Fledermaus, und doch war sie
elegant, wie sie die Magd trug und sanft auf die Straße ablegte. Dann
vollzog es eine Verwandlung, wie sie nur Hexen möglich war. Sie
verwandelte sich in einen stattlichen Edelmann mit weißem Rüschenhemd,
schwarzer Hose und braunen Stiefeln. Er richtete sein Hemd, welches zum
Rücken hin zerrissen war. Das glatte, schwarze Haar war zu einem Zopf
zusammengebunden, die Haut des Mannes war bleich – und dennoch war er
von großer Anmut..
Blut klebte an der Lippe, und er fuhr mit der Zunge darüber. Der Fürst,
wie der Andere ihn bezeichnet hatte, gab der sterbenden Guinevere einen
Kuss und streichelte ihr nasses Haar. Dann erhob er sich, erblickte uns und
macht eine höfliche Verbeugung.
»Merkt Euch, kleiner Prinz aus Eutin. Schenkt niemals einer Frau Euer
Herz, doch nehmt ihre Lieblichkeit und ihren Körper, wenn es Euch danach
düngt. Frauen können ein verwirrtes Männerherz vernichten. Seht sie wie
einen edlen Tropfen Wein. Doch der muss auch ausgetrunken werden.«
Wir wussten nicht, was wir erwidern sollten. Wir zitterten, waren selber
verwirrt und verstanden, dass diese Wesen aus der Hölle oder wo auch
immer sie herkamen – Guinevere ermordet hatten.
Der Andere beugte sich wieder herab.
»Wir haben Eure Provinz auserkoren, die Geschichte Eures lausigen
Planeten zu verändern. Doch Eure Guinevere wird das nicht mehr erleben.«
Er stand auf, nur um sich über sie zu beugen. Er nahm ihren Kopf in seinen
Arm.
»Oh Tochter des Seins, lege jeden Tag Rechenschaft ab, als sei es dein
letzter Tag. Denn nun ist der jüngste Tag für dich angebrochen.«
Ihr Arm und ihre Hand zuckten, ehe sie schlaff wurden. Guinevere war
tot.
»Prinz? So meldet Euch!«, hörten wir Stimmen aus der Dunkelheit. Sie
suchten nach uns.
Die beiden Monster blickten sich an. Der Fürst packte uns mit hartem
Griff.
»Wir werden uns wiedersehen, Hoheit!«
Dann ließ er uns los, und wir sackten zusammen. Dann schrien wir.
Guinevere war tot und lag vor uns in ihrem Blut. Wir schrien um Hilfe,
stießen Gebete zum Herren im Himmel aus, er möge uns beschützen als
uns endlich die Wachen aus dem Schoss erreichten und den Leichnam von
Guinevere mit einer Decke verhüllten. Während wir grübelten, wieso die
Aura der Kirche des heiligen St. Michaelis keinen Schutz vor den Dämonen
geboten hatte, wurden die Überreste der Guinevere von den
Kammerdienern auf einen Karren verfrachtet und wir zum Schloss
gebracht. Wir verstanden noch nicht, wieso, doch was wir verstanden war,
dass nur Gott allein uns helfen konnte. Und dass wir niemals eine Frau an
unser Herz heranlassen durften. Guinevere hatte uns doch verraten. Wären
wir im Garten geblieben, wären wir den arg abscheulichen Höllenkreaturen
niemals begegnet. Wir mussten uns also vorbereiten auf die Rückkehr des
Fürsten und auf das Ende aller Tage.
Mit diesen Worten beendete Prinz Peter Friedrich Wilhelm von Schleswig-
Holstein-Gottorf seine Geschichte und blickte Aurec erwartungsvoll an. Für
Aurec gab es zwei Möglichkeiten: Der Prinz war völlig verrückt oder er
hatte eine Begegnung im Jahre 1761 mit waschechten Außerirdischen
gehabt, die Aurec nicht ganz unbekannt waren. Die Schilderung des Fürsten
erinnerten ihn ganz klar an einen Ylors, die offenbar auch auf der Erde einst
ihr Unwesen getrieben hatten und als Vampire bezeichnet wurden. Der
Andere war offenbar kein Vampir gewesen, doch auch hier wusste er die
Beschreibung einzuordnen. Das klang nach Nistant.
Es war kein Zufall, dass sie dem Prinzen als Kind über den Weg gelaufen
waren und es war auch kein Zufall, dass Aurec in diese Epoche gelandet
war. Ein Mann der Außerirdische getroffen hatte, war etwas besonderes.
Besonders da es sich um Medevecâ und Nistant handelte. Er musste dieses
Rätsel lösen.
1. Die Suche nach dem Fürsten
Es war Nacht über Eutin, doch Aurec war noch wach. Er hatte vorsichtig
die Rollläden in seinem Gemach verschlossen, so dass niemand von außen
das Licht seiner Mikropos sehen konnte. Außerdem trug er kleine
Kopfhörer, damit er die Informationen von Mr. Terrapedia auf dem
Kosmogenen Segler hören konnte. Er selber gab die Anweisungen nur
schriftlich über das Touchpad vom Display. Es würde ihn nicht wundern,
wenn Gustav Larsen des Nachts durch die Gänge schlich und an den Türen
lauschte.
Aurec ließen die Erzählungen des Kronprinzen Peter Friedrich Wilhelm
keine Ruhe. Das war kein Hirngespinst eines labilen Adligen, der als Kind
den Mord an seiner Kammerdienerin erlebt hatte und das irgendwie
versuchte zu verarbeiten. Diese Beschreibung des Mörders, eines Vampirs,
trafen auf einen Ylors zu. Die Bezeichnung Fürst deutete auf Fürst
Medvecâ hin. Gab es eine Verbindung zwischen Medvecâ und dem Haus
Schleswig-Holstein-Gottorf? Gustav Larsen hatte doch auch von einem
Fürsten erzählt. Bisher dachte Aurec, dass es einfach eine saloppe
Bezeichnung für den Herzog war. Dochwas, wenn nicht?
Der zweite Fremde in der Geschichte des Prinzen war eindeutig Nistant.
Aurec war aufgeregt und angespannt zugleich. Was wollten die beiden in
dieser Epoche, die so lange vor der Zeit Perry Rhodans war? Es war
offensichtlich, dass in dieser Zeit irgendetwas an der Geschichte der
Menschheit verändert wurde.
Wieso in Eutin?
Hätten sie dafür gesorgt, dass die rebellierenden Amerikaner gegen
Großbritannien verlieren, dann wäre sicherlich niemals die USA gegründet
worden und hätten Perry Rhodan auf den Mond geschickt. Doch Eutin war
weltpolitisch völlig bedeutungslos, sah man von ihren Verbindungen zum
russischen Zarenhaus einmal ab. Peter Ulrich und die spätere Katharina die
Zweite hatten sich 1739 hier kennengelernt. Aber das hatte keine
Auswirkungen auf Perry Rhodan. Dessen Vorfahren stammten aus Bayern
und Lothringen.
Mr. Terrapedia konnte auch keine Hinweise auf Vampirismus finden.
Natürlich suchte er auch nach Hinweisen auf Medvecâ, doch es gab keinen
Adligen mit diesem Namen in geschichtlichen Erwähnungen.
»Ich empfehle Ihnen, das Stadtarchiv aufzusuchen. Dort könnten Sie
vielleicht Hinweise auf Mythen und unerklärliche Ereignisse finden, die auf
die Anwesenheit eines Ylors Rückschlüsse ziehen.«
Aurec seufzte, aber Mr. Terrapedia hatte wohl recht. Er deaktivierte den
Mikropos und legte sich schlafen.
Am nächsten Morgen brach er früh in Richtung Stadtarchiv auf, welches
sich im Eutiner Rathaus am Markt befand. Einige Bürger schlenderten
bereits über den Markt und prüften das Angebot der Händler, die ihre
Stände und Wagen bereits errichtet hatten. Es duftete nach frisch
gebackenem Brot. Aurec ging an einigen der Stände vorbei. Es wurde
Fisch, der weniger gut duftete, angeboten, allerlei Gemüse und Fleisch von
Wild und Geflügel. Das war wohl der übliche Handelsmarkt einer Stadt –so
etwas würde es vermutlich noch in hunderten von Jahren geben.
Am Tor zum Rathaus wartete ein Mann in einem blauen Anzug und
weißen, zeitgemäßen Kniesocken. Das Haar war schwarz, und er trug keine
Perücke. Er wünschte Aurec einen guten Tag und stellte sich als Franz
Jakob vor, der stellvertretende Archivar der Stadt.
»Kommt, Herr, ich führe euch eiligen Schrittes zum Archivar
höchstpersönlich.«
Sie betraten das Ratsarchiv, das voller Bücher und Dokumente war, die
wild durcheinander auf Schemeln und Tischen lagen. Einige waren auch in
Holzregale einsortiert. Es roch modrig in diesem Raum.
»Sie wissen gar nicht, wie viel Arbeit das macht, hier Ordnung zu
einzuführen. Das wird meine Lebensaufgabe.«
»Jakob, der Stadtarchivar. Das hört sich doch nach einer ehrenvollen
Aufgabe an«, sagte Aurec. Der Staatsdiener lächelte, ehe ein unangenehm
lautes »Franz, wo ist er denn?« hinter den Regalen zu hören war. Dann
lugte ein altes Gesicht zwischen Bücherstapeln hervor. Es war eingefallen,
das Haar weiß, die Bartstoppeln auch, und er selber wirkte ganz und gar
nicht gepflegt.
»Das ist der Herr Ratsarchivar, Professor …«
»Ich stelle mich selbst vor, wenn ich es für nötig halte«, unterbrach der
Alte und stand auf. Er stützte sich mit zitternden Armen auf dem Tisch ab.
»Nun, denn, was wünscht der Herr, Gast des Herzogs.«
Bevor Aurec antworten konnte, winkte der Alte schon ab und seufzte.
»Ach, dieser Friedrich August. Vier Fürstbischöfe habe ich schon überlebt.
Und den alten Friedrich August, ja den überlebe ich auch noch.«
»Wie alt seid Ihr denn, wenn ich fragen darf?«
»87 Jahre sind es schon. Geboren im Jahre 1689 des Herren.«
Das war für diese Zeit schon ein biblisches Alter, so nannte man das wohl
auf Terra in Anlehnung an alte Leute in der Religionsschrift Bibel. Aurec
nahm Platz. Franz Jakob brachte eine Karaffe Wein. Aurec würde nicht mit
der Tür ins Haus fallen und ließ den alten Mann erst einmal erzählen.
»Damals, da hieß der Herr von Eutin nur Fürstbischof. Der Fürstbischof
des Hochstifts zu Lübeck. In dieser Zeit fiel der letzte Angriff auf das
Schloss. Damals war ich nur zehn Jahre alt und ich erinnere mich noch
gut …«
»Wenn ich unterbrechen dürfte. Der Angriff fand 1705 statt«, korrigierte-
Jakob.
Der Alte wurde aggressiv. »Was weiß er denn schon? Ist er dabei
gewesen?«
»Nein, entschuldigt bitte«, antwortete Jakob und verneigte sich.
»Nun, schenke er mir Wein ein. Dann erzähle ich die Geschichte vom
großen Nordischen Krieg oder auch einem Eutiner Erbfolgekrieg …«
Der Ratsarchivar schilderte die Problematik. Fürstbischof August
Friedrich war kinderlos gewesen, als er am 2. Oktober 1705 gestorben war.
Der Leibmedicus hatte damals die Nachricht geheim gehalten, bis eine
Kompanie an Gottorfer Soldaten aus Neustadt in Holstein das Schloss
erreicht hatte. Das Königreich Dänemark wollte ihren Favoriten einsetzen,
während die Gottorfer Prinz Christian August wollten. Aurec wusste nun,
dass der Kompanieführer der Gottorfer Familie Capitain Nummers hieß.
Der Leibmedicus, Doktor Förtsch, rief Christian August sodann als neuen
Fürstbischof aus. Und damals gab es das Domkapitel, welches von
Christian August mit reichlich Geld überzeugt wurde, ihn zu akzeptieren.
Der Medicus wurde dann als Justizrat ein Mitglied der Regierung.
»Der neue Fürstbischof Christian August reiste wieder nach Schleswig zu
seinem Familiensitz. Nachdem die Dänen ihren Favoriten nicht durchsetzen
konnten, marschierten sie im Dezember von Segeberg los. Ein Regiment
Dragoner, ein Regiment Infanterie sowie vier Feldkanonen und einen
Mörser unter dem Kommando von General Passow erreichten am 30.
Dezember 1705 die Stadt und besetzten sie. Daran kann ich mich noch gut
erinnern. Wir fürchteten die Rache der Dänen und hatten Angst vor
Brandschatzung und Vergewaltigung. Capitain Nummers verweigerte die
Übergabe des Schlosses. Die Dänen schafften es noch nicht einmal über den
Schlossgraben und mussten sich zurückziehen.«
Der Alte lachte.
»Dann sprachen die Sechspfünder am nächsten Tag und richteten großen
Schaden an. Ich verfolgte damals, wie die Dänen die schweren Kanonen auf
die Wildkoppel brachten. Nur drei von denen, denn das vierte Geschütz
hatten sie vor der hochgezogenen Schlossbrücke platziert. Im Gefecht
wurde General Passow verwundet. Sein Bein musste amputiert werden, und
er starb am 7. Januar 1706. Dann folgte auf Befehl von Fürstbischof
Christian August die Kapitulation der Gottorfer. Sie marschierten unter
Nummers Kommando zurück nach Neustadt. Es dauerte bis in den April,
ehe die Dänen nach Verhandlungen und vielen Zahlungen endlich aus Eutin
abzogen und die Gottorfer wieder die Kontrolle übernahmen. Ja, das war
quasi der Aufstieg von Christian August.«
Eine durchaus interessante Geschichte, wenn man sich für die Historie
irgendwelcher Dörfer im Nirgendwo interessierte. Aurec suchte jedoch
weniger nach Machtkämpfen, sondern nach Mysterien in der Geschichte
Eutins.
Doch der Alte fuhr unbeirrt fort. »Es war sehr turbulent unter diesem
Fürstbischof, der seine Ländereien schließlich doch eine gewisse Zeit an die
Dänen verlor. Aber er war es auch, der das Schloss ausbaute und den
wunderschönen Barockgarten anlegte. Ja, ja. Da habe ich selber geholfen
und stand unter des Fürstbischofs Dienst. Nun ja, dessen Sohn Karl ging
eine Verbindung mit der Tochter von Zar Peter dem Großen ein. Der Bund
zwischen dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf und dem russischen Reich
war mehr als folgenreich.«
Der Archivar seufzte und trank den Wein. Franz Jakob grinste gequält und
warf Aurec einen vielsagenden Blick zu.
»Doch Christian August starb 1726 und sein Sohn Karl wurde
Fürstbischof. Zu dieser Zeit litt der junge Kerl bereits an den Blattern,
woran er in St. Petersburg auch verstarb. Den habe ich nur als junger Bub
getroffen. Ich selber war bereits Kammerdiener der erlauchten Herrschaften
und übernahm Sekretariatsdienste von allerhöchster Wichtigkeit. So wurde
ich Verantwortlicher für das Ratsarchiv und Stadtarchiv. Und Adolf
Friedrich wurde 1727 neuer Fürstbischof. Der Hochstift Lübeck war immer
noch ein begehrtes Objekt für Dänemark, Schweden und nun auch
Russland. Adolf Friedrich war ein Liebhaber der prunkvollen Kultur, doch
sein Weg führte ihn nach Schweden. Dort wurde er König, und 1750 bestieg
Friedrich August den Thron in Eutin und Lübeck. Und der lebt heute noch.
Im Gegensatz zu Adolf Friedrich, der sich 1771 mit 14 Semlor, Hummer
und Heringe zu Tode gefressen hatte.«
Aurec hatte nun die Fürstbischöfe aus dem 18. Jahrhundert kennen
gelernt. Nun war die Zeit der Höflichkeit aber vorbei.
»Erzählt mir von Mythen. Was gab es für unerklärliche Dinge in Eutin
und Umgebung?«
Der Alte starrte ihn erschrocken an.
»Ihr sprecht von Ereignissen wie dem des Bauernmädchens aus dem
Ukleisee? Soll ich euch davon erzählen?«
Aurec winkte ab.
»Oh nein, diese Geschichte ist mir noch bestens in Erinnerung«,
antwortete er in Anspielung auf seine Begegnung mit der Untoten.
»Hm, die Akten der Hexenverbrennung sind sehr umfangreich. Der
Zauber des Hexers Hans Klindt zum Beispiel, der 1615 den guten
Bürgermeister Thomas Bahr verhexte. Der Rat sprach Klindt für nicht
schuldig, doch brave Bürger aus Eutin richteten diesen gefährlichen Unhold
dann auf eigene Faust.«
Die Gesinnung des Mannes wurde Aurec noch deutlicher vor Augen
geführt. Die Begriffe Selbstjustiz und brave Bürger passten nicht
zusammen. Ein Mob dummer, aber gefährlicher Abergläubischer hatten
diesen Mann ermordet.
»Nein, gibt es Berichte über Vampire?«
Der alte Archivar starrte Aurec entsetzt an und schwieg mit offenem
Mund.
»Gibt es keine Untersuchungsberichte über den Tod der Kammerdienerin
des Prinzen? Sicherlich gab es eine polizeiliche Untersuchung?«
»Ihr geht jetzt besser, Herr«, forderte der Alte und versteckte sich wieder
hinter den Bücherstapeln. Aurec sah fragend zu Franz Jakob, der auch eine
ratlose Geste machte. Der junge Mann geleitete den Saggittonen aus dem
Raum.
Als sie draußen waren, wurde er redseliger. »Der Tod der Kammerdienerin
in den Kindertagen des Prinzen ist ein Mysterium. Der offizielle Bericht ist
nur wenigen bekannt. Aufgrund der Grausamkeit vermutet man einen
groben Mörder, einen Metzger. Ihr wurde damals der Kehlkopf
herausgerissen. Der junge Prinz musste das mit ansehen. Der Mörder ward
nie gefunden. Seine Phantasien von Vampiren und Dämonen schienen wohl
eine Rechtfertigung des Geistes zu sein, das unvorstellbare zu erklären.
Herr, seid kein Narr. Vampire gibt es im schönen Eutin nicht.«
Franz Jakob lächelte und verneigte sich, ehe er wieder ins Rathaus ging.
Aurec kehrte zum Schloss zurück. Die Kammerdiener waren arg beschäftigt
und Soldaten durchsuchten alles. Aurec ging zu Gustav Larsen.
»Sagt, was ist geschehen?«, wollte Aurec wissen.
»Nun, die Wachen sind vorsorglich, bevor die erlauchten Herren zur
Konferenz eintreffen.«
»Die Konferenz?«
»Ja, deshalb seid auch Ihr ja hier, nicht wahr?«
Gustav Larsen lachte grunzend.
Eine Kutsche donnerte auf den Vorplatz. Hinter ihr vier Reiter in gelber
Uniform. Die Kutsche hielt, und Bernhard von Hollen kümmerte sich
sogleich um die Pferde.
»Das dürfte unser erster Gast sein«, vermutete Larsen.
Die kastenförmige Kutsche war vergoldet. Rote Vorhängen hingen in der
Kabine. Vier stattliche weiße Pferde zogen das Gefährt. Bernhard von
Hollen öffnete die Tür. Hinaus schritt ein wohl genährter Mann im mittleren
Alter. Seine Haut war gebräunt, was bedeutete, dass er aus einer sonnigen
Region stammte. Er trug eine weiße Perücke und einen gelbroten, reichlich
verzierten Anzug mit weißen Kniestrümpfen zu den schwarzen
Lackschuhen.
Die braunen Augen des Mannes warfen einen verächtlichen Blick auf den
Vorhof des Eutiner Schlosses. Dann stieg er die Treppe hinab.
Gustav Larsen eilte an Aurec vorbei und begrüßte demütig den Gast.
»Oh, edler Herr! Seid willkommen in unserer kleinen Residenz des
Herzogtums Oldenburg. Im Namen des Herzogs von Oldenburg heiße ich
demütigst den Marquese willkommen.«
Der Mann stellte sich vor Larsen. Er betrachtete ihn, wie ein geringeres
Wesen. Das gefiel Aurec nicht.
»Wohl an, Señor, wir sind hungrig und durstig von der beschwerlichen
Reise. Sie führte uns durch allerlei Länder, deren Gastwirte nicht für eine
angemessene Verpflegung sorgen konnten.«
Der Adlige war nicht unbedingt groß, aber dafür breit gebaut. Er fing nun
schallend an zu lachen, wobei Aurec die Pointe entgangen war.
»Also, gebratene Fasane in meinen Bauch, Gustav
»Ein Buffet zur Stärkung steht im Garten für euch bereit, Don Señor
»Worauf warten wir dann noch? Sohn, komm endlich!«
Aus der Kutsche stieg ein vielleicht 15 Jahre alter Knabe, schlaksig und
mit harten, unfreundlichen Gesichtszügen. Er wirkte so, als würde er sich
nicht wohl fühlen. Gelangweilt stieg er aus der Kutsche.
Gustav winkte nun Aurec herbei.
»Darf ich euch bekannt machen? Das ist Don Diego de la Aurec aus
Übersee. Er ist ein Grundbesitzer in Kalifornien.«
Aurec nickte dem Adelsmann zu.
»Und das ist der Marquese Rodrigo Vicente de la Siniestro aus Spanien.
Nebst seinem Sohn, dem Kronprinzen Don Philippe Alfonso Jaime de la
Siniestro.«
Aurec starrte beide eine Weile perplex an. Dann musste er kämpfen, seine
Verwunderung zu kaschieren. Vor ihm stand der Emperador des
Quarteriums. Natürlich würde es Jahrtausende dauern, bis er diese Position
innehaben würde, doch Aurec sah hier die junge Version des Despoten.
»So, so, einer aus Neuspanien. Wir sind gespannt auf eure Geschichten.
Wie geht es dem alten Antonio Maria de Bucareli y Ursua?«, fragte Vicente
de la Siniestro.
»Wie immer damit beschäftigt, Strukturen zu schaffen«, antwortete Aurec
und vermutete, das sei eine naheliegende Antwort für den Gouverneur der
Kolonien. Er bemerkte den abfälligen Blick von Don Philippe.
»Nun denn, mein Bauch ist leer und will gefüllt werden. Wo geht es zum
Garten?«, fragte der Marquese Rodrigo Vicente de la Siniestro. Bevor
Gustav Larsen antworten konnte, fuhr eine weitere Kutsche auf den Hof.
»Ah, der nächste Gast«, frohlockte Larsen.
Auf der weißen Kutsche, die von vier Pferden gezogen wurde, stach ein
weißes Wappen mit einer Vielzahl von Lilien hervor.
»Die Franzosen«, grummelte der alte de la Siniestro.
Ein schlanker, stattlicher Mann mit blauem Oberteil und weißer Hose,
dazu schwarze Reiterstiefel stieg aus der Kutsche aus.
»Capitaine Marie-Joseph-Paul du Motier de la Lafayette aus Frankreich«,
stellte Larsen vor.
»Wer soll das sein?«, wollte der alte de la Siniestro wissen.
»Ein aufstrebender, junger Franzose, der nach Amerika reisen will, um
dort gegen die Briten zu kämpfen«, flüsterte Larsen, der sodann den
Capitaine auch begrüßte. Dieser wirkte recht zurückhaltend.
»Wohl an, die Herren. Im Garten wartet eine Stärkung.«
Die Gruppe bewegte sich zum Schloss. Aurec war gespannt, welche
Persönlichkeiten aus der terranischen Geschichte noch zu Besuch kommen
würden. Er wurde hellhörig, als er ein Gespräch zwischen Vater und Sohn
de la Siniestro hörte.
»Der Herzog ist doch ein Provinzler«, flüsterte Don Philippe.
»Denk dran, Sohn! Er ist nur der Gastgeber. Der Fürst ist der Initiator des
Treffens.«
3. Das königliche Treffen
Aurec saß mit Rodrigo Vicente de la Siniestro, Captaine Marie de la
Lafayette und Gustav Larsen in einem Salon bei Wein, Spiel und Zigarillos.
Sie diskutierten über das Weltgeschehen, Geld, das sie noch mehren
wollten, und Frauen, die sie bereits erobert hatten. Vielmehr redete vor
allem der Marquese de la Siniestro –und die anderen hörten zu.
»Der Ehrenmann paclt sich seine Senorita , ergießt sich in ihr und geht
zufrieden von dannen, meine Herren. So habe ich es auch meinen Sohn
gelehrt. Die Frau ist ein Objekt seiner Begierde. Ein schöner Gegenstand.«
Der Marquese nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch aus.
»Es gibt welche, die behaupten, dass Frauen auch denken können und
einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft haben sollten«, warf
Lafayette ein.
Der Marquese fing an zu husten.
»Sie darf sich Gedanken um ihre Schönheit machen, mehr aber auch
nicht.«
Er lachte ekelig.
»Nun, vielleicht könnt Ihr das mit der Zarin diskutieren, wenn sie hier
eintrifft?«, fragte Gustav Larsen mit einem süffisanten Lächeln.
De la Siniestro winkte ab.
»Das ist ja so ein Beispiel. Frauen in der Weltpolitik bringen nur Unruhe.
Sie sind wie kleine Kinder, die sich beweisen wollen und machen am Ende
alles falsch. Der Herr hat ihnen eben ein kleineres Gehirn gegeben. Das ist
nun einmal so und da kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Mehr
Wein!«
Lafayette blickte Aurec an.
»Wie ist Eure Meinung dazu?«
»Nun, es ist nur meine persönliche Meinung. Aber ein Mensch sollte das
tun und lassen können, wozu er befähigt ist. Wenn eine Frau regiert, wieso
nicht, wenn sie es kann? Edler, Marquese, wie würdet Ihr euch denn fühlen,
wenn man euch nur aufgrund eures nun, recht stattlichen Körpers
bewerten würde?«
Vicente lachte los und rieb sich sein Bäuchlein.
»Ich könnte die Senoritas verstehen. Wirklich, ich könnte sie verstehen.
Aber nein, Don Diego de la Aurec. Eine Frau ist dazu eben nicht befähigt.
Wie ich schon sagte, der liebe Gott hat ihre Gehirne kleiner gemacht. So
einfach ist das. Das was ihnen im Kopfe fehlt, hat er in ihre Brüste gepackt.
Deshalb wird es niemals eine weibliche Voltaire geben.«
Gustav Larsen hob seinen Becher.
»Auf diese spanischen Weisheiten.«
De la Siniestro lachte laut und schallend.
»Erzählt, Don Diego de la Aurec. Wie steht ihr zum amerikanischen
Unabhängigkeitskrieg?«, fragte Lafayette.
»Nun, Captaine, ich denke, den Amerikanern sollte sie gewährt werden.
Die britische Krone ist zu weit entfernt, gemessen am technologischen
Fortschritt unserer Zivilisation. Ja, sie sollten sich selber regieren.«
»Technologischer Fortschritt«, blubberte de la Siniestro. »Ihr hört euch an,
wie mein Sohn, der mit seinem Fernrohr die Sterne anschaut.«
Der Marquese rülpste und ließ sich den Wein erneut nachfüllen.
»Oh, ich fand die Somnium von Kepler und Bergeracs Die Staaten und
Reiche des Mondes’ höchst unterhaltsam«, warf Gustav Larsen ein.
»Auch Voltaire schrieb in den Micromégas, dem Wesen vom Stern Sirius,
über die Möglichkeiten, die der Weltraum bietet«, warf Lafayette ein.
»Jeder, der davon träumt, zu diesen Sternen zu fliegen, gehört einem
peinlichen Verhör unterzogen«, sagte de la Siniestro und spielte damit auf
die Inquisition an.
»Einschließlich Ihres Sohnes?«, fragte Aurec provozierend.
»Das übernehme ich selber. Das Balg kriegt eine Tracht Prügel von mir,
bis ich ihm die Flausen aus dem Kopf gehauen habe. Da sagte das Gör doch
tatsächlich zu mir und seiner Mutter, er würde eines Tages zwischen den
Sternen reisen. Welcher Dämon haust in ihm bitteschön?«
Rodrigo Vicente leerte das nächste Glas Wein. Ein Dämon hauste definitiv
im Kopf de la Siniestros, doch nicht, weil er an die Raumfahrt glaubte. Es
war interessant, dass der junge Emperador des Quarteriums in seiner
Kindheit und Jugend zu den Sternen blickte. Vielleicht hatte ihm dieser
offene Geist geholfen, sich nach der Befreiung aus den Klauen der Casaro
in die Neue Galaktische Zeitrechnung so gut einzufügen und keinen
Kulturschock zu erleiden. Dennoch schien ihn auch die konservative
Erziehung seines Vaters geprägt zu haben.
»Zuhause hatten wir einen Strolch namens Carlos. Der hatte behauptet,
dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht das Zentrum des
Universums ist.« De la Siniestro lachte. »Den haben wir drei Wochen lang
in unserem wunderschönen Keller gefoltert, bis er tot war. So eine Sünde
vor dem Herren gehört bestraft.«
»Die Erde dreht sich doch auch um die Sonne. Das ist wissenschaftlich
belegt und anerkannt«, erklärte Lafayette.
»Nicht in Spanien. Da drehen sich die Gestirne anders«, beharrte de la
Siniestro und beugte sich hervor. »Wir haben so einen schönen Folterkeller
mit einer Eisernen Jungfrau, Streckbänken und sogar einem Pendel. Ich
verbringe gerne Zeit dort, wissen Sie?«
Aurec räusperte sich.
»Nun, wie sind wir nur von dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg
zu solch Themen gekommen? Captaine, wie denn ist Ihre Position?«
»Ich teile die Ihrige und bereite mich auf meine Reise nach Amerika vor.
Mit einer Freiwilligentruppe werde ich Washington unterstützen.«
Aurec erfuhr, dass der französische Adlige von einem Herzog protegiert
wurde und sogar ein Musketier des Königs von Frankreich gewesen war.
Doch Lafayette hatte das öde Leben am Hofe satt gehabt und 1776 seinen
Dienst quittiert. Er hatte einen revolutionären Geist, war für
Gleichberechtigung und Demokratie. Lafayette war sinnbildlich für die
Aufklärung, wenngleich er das auch mit Waffengewalt durchsetzen wollte.
Das war in dieser Epoche durchaus normal.
Draußen wurde es laut. Ein weiterer Gast schien anzukommen.
»Ah, die Preußen«, sagte Larsen verzückt.
Etwa ein Dutzend uniformierte Soldaten marschierten im Innenhof auf.
An der Spitze war ein alter Mann in einem schwarzen Mantel mit rotem
Kragen. Er nahm den Dreispitz ab und betrat das Schloss. Gustav Larsen
war bereits aufgesprungen und zum Eingang geeilt. Es dauerte eine Weile,
bis er mit dem preußischen Gast in den Salon kam. Aurec, de la Siniestro
und Lafayette erhoben sich.
»Friedrich II., König von Preußen«, stellte Larsen den Mann vor, der
würdevoll und diszipliniert wirkte.
»So, so, nun hat meine Schwester also doch noch ihren Wunsch erfüllt
bekommen«, meinte der König.
»Mit Verlaub, wie meinen?«, wollte Larsen wissen.
Der König winkte ab.
»Ach, Luise Ulrike wohnte hier eine Weile. Sie ist die Königin von
Schweden. Ihr Mann hat sich zu Tode gefressen. Ein unwürdiger Tod für
einen König. Naja, die Gute hat jedenfalls, als ihr Gatte noch Fürstbischof
von Lübeck war und hier residierte, ein Bett für mich anfertigen lassen.
Und ich Schelm habe sie in Eutin nie besucht. Ist ja auch kein Sanssouci.«
Larsen verneigte sich.
»Oh, nun verstehe ich den Wunsch des Herzogs, Sie in jenem Zimmer
einzuquartieren. Das Bett ist aus feinster Seide aus Lyon. Das kaiserliche
rot ist mit goldenen Fäden durchzogen. Der Baldachin ist traumhaft.«
Deshalb war Aurec am heutigen Morgen in ein anderes Zimmer gebracht
worden. Er hatte in dem Bett geschlafen, welches eigens für den König der
Preußen gefertigt worden war.
»Hauptsache der Baldachin schützt mich vor Bettwanzen«, meinte
Friedrich nüchtern und schlug mit den Händen auf die Seitenschenkel.
»Wohl an, wo sind meine langen Kerle?«
Wie aufs Kommando stürmten zwei Windspiel-Hunde in den Salon und
schnüffelten in jeder Ecke. Friedrich lachte. Die grimmige Miene
verwandelte sich in ein glückliches Gesicht, als er seinee Hund auf ihrer
Entdeckungstour im Salon beobachtete.
»Alcméne, Hasenfuß, kommt.«
Der König von Preußen winkte mit zwei getrockneten Stücken Fleisch,
und sie machten Sitz, Platz, Männchen, drehten sich um die eigene
Achse,und als er »Peng« sagte, legten sie sich wie vom Blitz getroffen hin.
Friedrich lachte, streichelte die Hunde und gab ihnen ihre verdienten
Leckerlis. »Hunde sind was Feines. Sie sind scharfsinniger und treuer als
der Mensch an sich.«
»Perro …«, murmelte Rodrigo de la Siniestro.
Alcméne knurrte in Richtung des spanischen Marquese.
»Hunde haben eine ausgezeichnete Menschenkenntnis«, stellte Aurec fest.
»Wohl wahr, Ihr seid uns sympathisch.«
Aurec stellte sich vor, und Friedrich wurde neugierig auf Kalifornien.
Aurec erzählte ihm von Wüsten mit Kakteen, spärlich besiedelten
Landschaften im Süden und üppigen Landschaften im Norden. Und er
berichtete von der Westküste am Pazifik. Natürlich musste er dran denken,
dass es gewisse Städte noch nicht gab. Alcméne und Hasenfuß waren
gegenüber Aurec recht zutraulich und ließen sich streicheln. Hasenfuß ließ
von ihm ab, schnupperte an Lafayette und ließ sich kraulen.
»So, der querköpfige französische Hauptmanne. So hat er denn sein
Regiment bereits zusammen?«
»Ich arbeite daran, Hoheit. So rechne ich damit, im nächsten Jahr
aufzubrechen, um meine Dienste Washington anzubieten. Sicher wäre auch
Preußen willkommen.«
Friedrich schüttelte den Kopf.
»Junger Hauptmann, wir haben unzählige Kriege geführt und uns viele
Feinde gemacht. Ich sympathisiere mit Washington durchaus, doch es gibt
in Europa genug zu tun, um Preußens Macht zu festigen. Zu viele Frauen
regieren mächtige Staaten auf diesem Kontinnt. Sie sind unberechenbar
»Hört, hört«, rief der Marquese de la Siniestro. »Endlich spricht Vernunft
aus dem Mund des Soldatenkönigs. Wir sprechen nicht für Spanien, doch
wir wünschen der britischen Krone jenes Glück, ihre Ländereien vor dem
revoltierenden Pöbel zu behaupten.«
»Hm«, machte Lafayette nur, während sich Friedrich einen Becher Wasser
servieren ließ.
»Markige Worte, edler Spanier. Dabei ist euer König Carlos der Dritte ein
Anhänger der Aufklärung und wie wir hörten, ein tatkräftiger Reformer.«,
wandte Friedrich ein, nachdem er sein Becher geleert hatte.
De la Siniestro schwieg und starrte grummelnd auf den Boden.
»Frauen sollte dennoch keine Verantwortung in der Regierung haben. «,
wandte er ein.
»Ein guter und wichtiger Punkt, in dem wir euch recht geben. Sie gehören
auch nicht in eine intelligente Konversation«, stimmte Friedrich zu. »Um so
mehr sind wir verwundert über die Teilnahme jener königlichen Damen an
dieser Konferenz.«
Gustav Larsen lächelte gequält.
»Bei allem Respekt, Hoheit, wir dürfen Österreich und Russland nicht
ignorieren. Und deren Herrscher sind nun einmal Maria Theresia und
Katharina.«
»Wohl an. Sie mögen hoffentlich zumindest mit Pünktlichkeit gesegnet
sein, wenn Morgen unsere Konferenz beginnt. Nun wollen wir einmal das
Bette begutachten, welches meine Schwester einst für uns fertigen ließe.
Guten Abend, die Herren!«
Aurec nickte dem König von Preußen zu. Auch de la Siniestro und
Lafayette verabschiedeten sich, so dass Aurec nun auch in sein Gemach
ging. Er wusste nicht, was ihn bei dieser geheimnisvollen Besprechung
erwarten würde. Offenbar war sie aber der Grund, weshalb er überhaupt in
dieser Zeit verweilte.
Erinnerungen – Vampir-Szene von Gaby Hylla.
Auch in dieser Nacht hatte Aurec wenig Schlaf gefunden und war früh zu
einem Morgenausritt aufgebrochen.
Ihm war so schwer ums Herz, und seine Gedanken kreisten
ununterbrochen um Kathy. Er wusste nicht, wieso ausgerechnet heute.
Natürlich dachte er regelmäßig an sie, doch heute Nacht war es besonders
erdrückend gewesen. Ein schwerer Stein lag auf seinem Herzen, das
unablässig schmerzte und eine innere Unruhe verursachte.Er seufzte tief. Er
hoffte jeden Tag aufs Neue , sie wiederzusehen und in seine Arme zu
schließen und jeden Tag wurde er aufs Neue enttäuscht. Keine Frau
vermochte sie auch nur annähernd zu ersetzen. Er hatte es abrr auch nie
wirklich versucht und wollte es auch nicht.
Der Ausritt verschaffte ihm keine Ablenkung. Doch er war nötig gewesen.
Er war zu seinem Raumschiff geritten war, um anständig zu duschen und
die üblichen Morgenrituale durchzuführen. Die Hygienestandards im 18.
Jahrhundert waren für Aurecs Geschmack viel zu unterentwickelt.
Als ich zurückkam, kümmerte sich Bernhard von Hollen schnaufend um
das Gepäck aus einer anderen Kutsche. Zwei neue Kutschen waren
inzwischen angekommen, und sowohl Soldaten und Offiziere in weißer
Uniform als auch welche in grüner Uniform wuselten dazwischen. Einige
Husaren in blauer Jacke und roter Hose ritten an mir vorbei. Die Uniformen
waren schwer voneinander zu unterscheiden.
Ich stieg ab und beobachtete den Tross an Dienern und Offizieren, welche
die Insassen der Kutsche begleiteten. Aus der einen Kutsche stieg eine
rundliche, alte Frau in edlen schwarzen Kleidern aus.
Bernhard von Hollen stellte sich neben mich.
»Die Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Kaiserin des
Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Maria Theresia.«
Die Frau wirkte würdevoll, aber traurig.
»Ist jemand ihrer Familie kürzlich verstorben?«
»Nun ja, ihr Ehemann, Kaiser Franz vor 9 Jahren. Seitdem trägt sie
schwarz.«
Das war romantisch, und Aurec verstand sie gut. Auch er trug innerlich
schwarz und trauerte jeden Tag um Kathy. Die Österreicher schritten an
Aurec und von Hollen vorbei. Beide verneigten sich höflich. Maria
Theresia nickte ihnen leicht zu und entschwand über die Brücke in
Richtung Innenhof des Schlosses.
Die nächste Gruppe eskortierte ebenfalls eine Dame im mittleren Alter.
Sie war ebenso gut genährt und wirkte auf Aurec charismatisch. Sie blieb
vor ihnen stehen und betrachtete Bernhard von Hollen.
»Kutschmeister? Euer Name ist von Hollen, nicht wahr?«
Er wirkte überrascht.
»Ja, Zarin das ist er. Woher wisst Ihr das, wenn ich die unterwürfige Frage
erlauben darf?«
»Nun, Ihr seht eurem Vater sehr ähnlich. Als ich als Prinzessin in diesem
Schloss meinen verblichenen Gemahl kennen lernte, so war er der
Kutschmeister
Die Frau war demnach Zarin Katharina II. Sie war die Herrscherin von
Russland und damit eine der mächtigsten Figuren dieser Epoche. Aurec
hatte zuvor recherchiert. Katharina war als Sophie Auguste Frederike von
Anhalt-Zerbst im Jahre 1729 geboren worden. Demnach war sie jetzt 47
Jahre alt. Für ihr Zeitalter und ihren Lebenswandel waren die Jahre nicht
spurlos an ihr vorbeigezogen. Jedenfalls hatte sie 1739 das erste Mal ihren
späteren Mann in Eutin getroffen. Sie war mit der Familie Schleswig-
Holstein-Gottorf auch schon vor der Vermählung mit Peter Ulrich
verwandt. Jedenfalls hatte das die Bande zwischen Russland und
Schleswig-Holstein geprägt, obwohl ihre Ehe schlecht verlaufen war und
sie gegen ihren Mann als Zar erfolgreich geputscht hatte. Der Stoff war
bestens für Trivid-Serien geeignet, fand Aurec.
»Wie ist es eurem Vater ergangen?«
»Oh, er starb 1760 an den Blattern«, murmelte von Hollen. »Ich war noch
ein Knabe, doch der Herzog kümmerte sich um die Familie.«
»Hm, Friedrich August hat ein gutes Herz.«
Der Herzog war russischer Statthalter in Kiel gewesen, hatte als Vormund
von Großfürst Peter die Hochzeit zwischen Katharina und Peter in Sankt
Petersburg besucht und war danach zum Fürstbischof von Lübeck
geworden. Nach dem Tod des Zaren wurde Friedrich August von Katharina
zum zweiten Mal zum russischen Statthalter ernannt. Russland wollte
seinen Einfluss an der Ostsee festigen, und am Ende gelang es Katharina,
ein Arrangement mit Dänemark zu treffen, woraus das Herzogtum
Oldenburg entstand, dessen Herzog Aurec ja bereits als Gastgeber kennen
gelernt hatte. Katharina war außerdem die Cousine des Nachfolgers Peter
Friedrich Ludwig, und sie hatte die Vormundschaft übernommen. Katharina
war die Strippenzieherin der Familie Schleswig-Holstein-Gottorf.
»Nun denn, sagt eurem Stallburschen, die Pferde müssen versorgt
werden«, sprach Katharina und blickte Aurec beiläufig an. Von Hollen
räusperte sich. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, ergriff Aurec selber die
Initiative.
»Nun denn, der besagte Stallbursche ist leider nicht in dieser trauten
Runde.« Er vollzog eine galante Verbeugung. »Don Diego de la Aurec aus
Neuspanien.«
»Hm«, machte Katharina nur und beäugte ihn mit einer gewissen Lust in
ihren Augen, die Aurec unbehaglich machte.
»So sei es denn, wir sind von der Reise müde und werden noch unsere
Familie aufsuchen. Gehabt euch wohl.«
Aurec blickte Katharina hinterher. Im Schloss Eutin hatte sich die Elite
Europas versammelt. Katharina, die Zarin von Russland. Maria Theresia,
die Herrscherin über Österreich und Ungarn und Repräsentantin des
Heiligen Römischen Reiches. Mit Lafayette ein aufstrebender französischer
Adliger, der den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mitentscheidend auf
amerikanischer Seite führen würde und dessen Ideen die Französische
Revolution beeinflussen würden. Und Friedrich der Große, der König von
Preußen..
Nur, wie passten er selber und de la Siniestro in dieses Bild?
Aurec verweilte im Garten, wie auch Herzog Friedrich August und Zarin
Katharina, die Zweite. Er belauschte sie nicht, doch ihre Konversation war
nicht zu überhören.
»Der Gesundheitszustand Eures Sohnes besorgt mich erneut. Die Stabilität
des neuen Herzogtums ist in unserem Interesse«, sagte sie. Damit spielte sie
auf Friedrich Peter Wilhelm an. »Die Untersuchungen der Ärzte
versprechen wenig Gutes. Wir fürchten, Euer Sohn ist nicht fähig, Eure
Nachfolge zu gegebener Zeit anzutreten.«
Der Herzog seufzte.
»Wir haben es mit allem versucht. Mit strenger Hand, mit Güte, mit
Ärzten, mit Reisen. Sein Geist bleibt vernebelt.«
»Nun, mit eurem Neffen Peter Friedrich Ludwig steht ein würdiger und
überaus fähiger Mann als Ersatz bereit.«
»Meine Frau kann ihn nicht leiden. Sie denkt, er drängt sich an die
Macht«, erklärte der Herzog.
»Bändigt Eure Frau. Peter Friedrich Ludwig sollte zügig zum Kojudator
des Bistums Lübeck ernannt werden und euer Sohn aus der Thronfolge
ausgeschlossen. Es ist das Beste für das Herzogtum und für Russland. Und
für Euren Sohn.«
Aurec wusste, dass der Einfluss von Katharina auf das Herzogtum groß
war. Ihr Wort hatte Gewicht und aus den Recherchen wusste er auch, dass
Peter Friedrich Wilhelm entmachtet wurde. Dessen Nachfolger hatte sich
tatsächlich als ein guter und intelligenter Herrscher entpuppt.
Das königliche Treffen fand im Rittersaal statt, der von unzähligen
Gemälden der Familie aus Schleswig-Holstein gespickt war. Aurec ließ den
Blick über die Anwesenden streifen. Am Kopf der Tafel saß der Gastgeber
Herzog Friedrich August, am anderen Ende König Friedrich der Zweite von
Preußen. Neben ihm Zarin Katharina und Rodrigo Vicente da la Siniestro.
Zur Seite von Friedrich August war Maria Theresia platziert. Ihr Verhältnis
zu Friedrich war nach ihren Kriegen nicht sehr gut.
Auf der anderen Seite saßen Lafayette, Gustav Larsen und offenbar war
der leere Stuhl für Aurec bestimmt. Er nahm Platz.
Gustav Larsen erhob sich. »Im Namen des Herzogs von Oldenburg und
des Fürsten heißen wir die erlesene, hoheitliche Gesellschaft im
bescheidenen Eutin willkommen. Wir wählten diesen Ort aufgrund der
Unauffälligkeit seiner Natur. Dennoch ist dieses Treffen von entscheidender
Bedeutung. Es geht um nichts weniger als die Zukunft dieses Planeten.«
Aurec beobachte die Gesichtsausdrücke. Einige wirkten gelangweilt oder
ungläubig. Larsen verließ die Tafel und schritt durch den Raum. Er schien
mehr als nur ein Haushofmeister zu sein. Er führte diese Konferenz.
»Sie repräsentieren einige der mächtigsten Häuser Europas. Die
Monarchie der Habsburger wurde durch Maria Theresias Beharrlichkeit
gefestigt. Preußen ist zu einem Machtblock aufgestiegen, welcher die
kommenden beiden Jahrhunderte prägen wird. Katharina hat das Erbe
Peters, des Großen gefestigt. Auf dieser Welt wird Russland immer wieder
eine entscheidende Rolle spielen. Captaine Lafayette wird Amerika zu einer
neuen Nation verhelfen und den liberalen Gedanken nach Europa tragen. Es
wird sich viel ändern. Doch es wird auch viel Blut vergossen werden. Wir
haben uns hier versammelt, um die Menschheit selber zu retten.«
»Hört, hört! Sprecht Ihr von einem Kaiser der Welt? Ein kühner
Gedanke«, warf Friedrich ein.
»Und wer sollte das sein? Etwa der elende König selbst?«, zischte Maria
Theresia.
»Nun, werte Dame, Ihr seht auch elendig aus, wenn Ihr gestattet«,
konterte Friedrich scharf.
»Das dürft Ihr nicht.«
Maria Theresia nahm ein Schluck Tee.
»Die Stabilität wird durch Hochzeiten der einzelnen Häuser gesichert.
Vereinzelt gibt es Kriege, doch man arrangiert sich. Es gibt außerdem nur
einen Herren über die Erde und das ist der liebe Gott. Alles andere wäre
blasphemisch.«
»Wir beherrschen ein Gebiet, welches gigantisch ist. Wir erweitern
unseren Einfluss mit Stetigkeit. Die Welt ist womöglich selbst für eine
Zarin zu viel«, meinte Katharina recht bescheiden.
»Für Preußen wäre das eine Überlegung wert«, erklärte Friedrich und
lachte. Dann streichelte er einen seiner Windhunde.
»Müssen diese Köter zu Tische sein?«, fragte Maria Theresia pikiert und
wedelte mit der Hand vor ihrer Nase.
»Ich ziehe die Gesellschaft der Köter der Ihren vor«, antwortete Friedrich.
Gustav Larsen lachte schelmisch und grunzend.
»Ich sehe hier gewisse Spannungen zwischen den Königshäusern. Und
doch haben Sie sich bekriegt, aber auch unterstützt. Und es gibt eines, was
Sie verbindet: Die Aufklärung. Sie alle mit Ausnahme von Marquês de la
Siniestro natürlich sind weltoffene, kluge Köpfe, die sich als Diener des
Staats betrachten und erkannt haben, dass der degenerierte Absolutismus
keine Zukunft hat. Sie sind auf gewisse Weise Reformer , wenn ich mir das
erlauben darf zu sagen.«
Marquês de la Siniestro räusperte sich.
»Was fällt diesem schwedischen Lümmel ein, uns als nicht aufgeschlossen
zu bezeichnen? In meinen Landen wurden seit meiner Regentschaft keine
Hexen mehr verbrannt und damit berauben wir dem Pöbel gesellschaftlich
freudige Ereignisse.«
»Nun, ich habe mich informiert. Sie lassen die Hexen nun am Pranger
hängen, bis sie verrotten. Natürlich ist das nichts für einen kurzweiligen
Familienausflug«, erklärte Gustav Larsen aus dessen Stimme etwas
Bedauern klang.
»Diesem Aberglauben zu frönen, ist ein Verbrechen«, beklagte sich
Lafayette. »Die katholische Kirche hat die Menschen über Jahrhunderte in
einem Joch aus Dummheit gehalten.«
»Versündigt euch nicht am Herren«, rief Maria Theresia.
»Die Kirche ist nicht Gott«, erwiderte Friedrich nüchtern.
»Was wisst Ihr schon, gottloses Monstrum?«
»Wir sehnen uns nach intelligenter Konversation. Wie sehr vermissen wir
unsere Runden mit Voltaire. Wohl der Entscheidung von damals, keine
Frauen an geistreichen Gesprächen zuzulassen. Es ist ja ersichtlich, zu was
das führt«, sagte Friedrich mürrisch.
»Na, na, ich muss doch bald mal die Streithähne aus Österreich und
Preußen in andere Räume bitten, wenn das so weitergeht«, tadelte Gustav
Larsen lächelnd.
Dann wurde er wieder ernst. Er tippte sich mit dem Finger an die Schläfe.
»So viele unterschiedliche Meinungen und doch im Geiste verbunden.
Das ist es doch, was kluge Köpfe ausmacht. Stellen Sie sich vor, der
Mensch wird in weniger als 200 Jahren zum Mond reisen und den
Weltraum erforschen. Dort oben existieren Zivilisationen, die es zu
entdecken gilt. Die Menschheit steht doch erst am evolutionären Anfang.«
Aurec wurde hellhörig. Wer war Gustav Larsen? Er orakelte nicht nur, er
schien über die Zukunft der Menschheit Bescheid zu wissen. Wieso weihte
er diese Hoheiten in die Zukunft ein. Das könnte die Menschheit doch
verändern. Im nächsten Moment schalt er sich einen Narren: Das war es
doch, was das Zeitchaos ausmachte. Er begriff nun endlich, dass er einem
der entscheidenden Momente beiwohnte, welcher dafür sorgten, dass sich
die Zeitlinie verändern würde.
»Ihr sprecht von Dingen, die Ihr nicht wissen könnt«, sagte Aurec.
»Oh, mein lieber Don de la Aurec. Ich glaube, wir beide wissen sehr gut
über die Zukunft der Menschheit Bescheid, nicht wahr?«
Gustav Larsen entlarvte sich mit seinen Anspielungen. Nun wusste Aurec,
dass er nicht ohne guten Grund in dieser Zeit gestrandet war. Er sollte an
dieser Konferenz teilnehmen. Es war nur die Frage, wer für diese
Manipulation verantwortlich gewesen war? Er wusste nicht, in welche
Richtung sich diese Konferenz noch bewegen würde. Und was genau seine
Rolle dabei sein würde.
Kammerdiener brachten neuen Kaffee, Tee, Bier und Wein und servierten
Kuchen, gebratene Fasane und Gemüse aus dem Küchengarten. Friedrich
August und de la Siniestro griffen als erste zu.
»Wie lautet denn nun das konkrete Ansinnen und Ziel dieser geheimen
Konferenz?«, fragte Katharina und blickte zum Gastgeber, der sich gerade
mit zwei Stück Kuchen stärkte. »Friedrich August, bin ich den weiten Weg
aus Sankt Petersburg gekommen, um mir Märchen anzuhören? Das ist
enttäuschend.«
»Nein, nein, liebe Katharina, das wird noch sehr konkret«, blubberte der
Herzog mit vollem Mund.
»Denkt an das Schicksal eures Bruders und zügelt euren Hunger«,
scherzte Friedrich der Große gegenüber dem Herzog.
»Nun«, sagte Gustav Larsen und wanderte im Raum umher. »Werfen wir
doch einmal einen Blick auf die Zukunft. Der Fürst, in dessen Namen ich
spreche, hat folgende Prognose aufgestellt: Amerika gewinnt den Krieg und
wird die Krone entscheidend schwächen. Der Gedanke von Freiheit fürs
Volk springt auf Frankreich über. Der König wird gestürzt werden. Die
nächsten beiden Jahrhunderte werden viele Kriege und hunderte Millionen
Todesopfer mit sich bringen. Doch die Menschheit geht erst unter, als das
Kriegsmaterial so zerstörerisch ist, dass es Städte in Sekunden auslöschen
kann. Das Vermächtnis der Habsburger, der Hohenzollern, der Romanow,
der Schleswig-Holsteiner-Gottorfer all das wird ausgelöscht, bis nur
noch Asche von der Menschheit und ihren Bauwerken übrig ist. Die Welt
wird einfach untergehen.«
Larsen wirkte ernst und ließ seine Worte nachwirken. Die einen waren
blass geworden, andere wütend.
»Wenn das alles in 200 bis 300 Jahren geschehen soll, so können wir das
nicht ändern. Dann sind wir doch alle längst tot«, sagte Friedrich trotzig.
»Gewiss, manche früher, manche später. Einige an dieser Tafel werden
schon den Beginn des nächsten Jahrhunderts nicht erleben. Doch, es gibt
Abhilfe.«
»Hat er ein Serum erfunden zur Unsterblichkeit?«, unkte Friedrich.
»So in der Art. Das nennt sich Physiotron und ist kein Serum eines
Medicus. Es ist ein hochkomplexes Gerät zum Erhalt und Erneuerung des
Zellgewebes eines sterblichen Wesens, begrenzt auf ein paar Jahrzehnte.«
Herzog Friedrich August lachte laut.
»Gustav, Ihr erzählt uns einen Garn.«
Larsen verneigte sich.
»Wie dem auch sei, der Fürst regt zur Gründung eines Geheimbundes an,
zur Wahrung der Interessen sowohl Ihrer Häuser als auch der Menschheit
selber. Dafür werden freilich Gelder benötigt, denn dieses Projekt wird
noch Ihre Urahnen beschäftigen.«
»Es läuft also darauf hinaus, dass der geheimnisvolle Fürst nur unser Geld
haben möchte? Ist das nicht etwas schäbig?«, fragte Katharina provokant.
»Gestatten Sie mir, Hoheit, eine Gegenfrage: Hat sich der Fürst in der
Vergangenheit nicht schon oft als hilfreich in der Beseitigung Ihrer
Probleme gezeigt? Hat er nicht allerlei Schwierigkeiten delikater Natur von
allen den hier Anwesenden immer wieder dezent geregelt? Hat er je etwas
dafür verlangt?«
»Irgendwann wird wohl immer eine Gegenleistung fällig«, sinnierte
Lafayette.
Larsen zeigte mit dem Finger auf den Franzosen und grinste.
»Nehmen wir an, wir stellen Gelder zur Verfügung. Was wird damit genau
gemacht?«, wollte Maria Theresia wissen.
»Nun, da sind zum einen Ausgaben für die Administration und
Verwaltung, der Unterhalt von geheimen Stationen, die Rekrutierung von
Personal und deren Ausrüstung, Bestechungsgelder und Gelder für
Forschung und Entwicklung. All das, was ein kleiner, geheimer Bund eben
so benötigt, teure Kaiserin.«
Larsen schien die Bedenken in der Runde zu bemerken.
»Der Fürst wird sich erkenntlich zeigen. Friedrich, träumt Ihr nicht davon,
dass sich euer kleines Preußen eines Tages mit Österreich vereinen wird.
Das mag für Maria Theresia derzeit noch ein Alptraum sein, doch denkt in
späteren Generationen. Eine Gesamtdeutsche Lösung.«
Maria Theresia und Friedrich wechselten vielsagende Blicke. Doch schien
keiner der beiden von einem großen Deutschen Reich abgeneigt zu sein.
Immerhin waren es auch Bruderstaaten.
»Und Ihr, Zarin, träumt ihr nicht davon, dass Russland zur etablierten
Weltmacht wird?«
Gustav wandte sich nun Captaine Lafayette zu.
»Dass Frankreich aufgeklärter wird und es den Bürgern besser geht? Dass
Amerika sich von der Britischen Krone dauerhaft lossagen kann?«
Larsen schlich wie eine Katze hinter den Stühlen. Er legte die Hände auf
die Rückenlehne des Stuhls von Aurec.
»Oder, dass Ihr eure geliebte Katherina nicht wieder in die Arme
schließen könnt?«
Aurec zuckte kurz. Larsen hatte einen Nerv getroffen.
»Sie ist unerreichbar«, antwortete Aurec.
Gustav beugte sich hervor und flüsterte in sein Ohr: »Nicht für den
Fürsten!«
»Und was springt für uns dabei raus?«, wollte de la Siniestro wissen.
»Hm«, machte Larsen. »Der größte Kuchen von allen: Der Name de la
Siniestro wird in Galaxien ein Begriff werden. Euer Sohn wird die Zeiten
überdauern und Ruhm und Macht erlangen, von denen Ihr nur träumen
könnt.«
»Hah«, stieß de la Siniestro. »Wieso mein nichtsnutziger Sohn und nicht
ich selbst?«
Nun lachte Gustav Larsen.
»Weil Ihr bei weitem geistig nicht befähigt seid, die Aufgaben zu
bewältigen. Doch es wird in den Gnaden eures Sohnes liegen, welch
Verwendung er für Euch noch haben wird. Schlecht wird es euch jedenfalls
nicht ergehen.«
Friedrich der Große erhob sich. Er streckte die Arme von sich und gab
einen Seufzer von sich. Dann war er wieder bei der Sache. »Verstehen wir
das richtig, der Spross des Spaniers soll regieren?«
»Das ist nur eine logische Annahme. Er ist jung, intelligent und formbar.
Er wird einst ein geschickter Politiker mit einer gesunden Mischung aus
Weisheit und Entschlossenheit sein.«
»Wir hoffen, dass der Apfel dann weit vom Stamm gefallen ist«, meinte
Maria Theresia trocken.
»Sollten Sie dem Bund beitreten, so tun Sie das für sich selbst, für die
Zukunft Ihrer Reiche. Mein Fürst ist ein Freund der Menschheit, wissen
Sie?«
»Fürst Medvecâ?«, fragte Aurec.
Für einen Moment war Gustav Larsen irritiert, dann setzte er wieder sein
Lächeln auf und nickte eifrig. »Korrekt.«
Larsen war also ein Abgesandter von Medvecâ – und der stand im Dienste
von Nistant und MODROR. Aurec war sich ziemlich sicher, dass sie
Zugang zum Rideryon hatten. Vielleicht würde er so nach über 700 Jahren
das Schicksal von Kathy in Erfahrung bringen können.
»Wohl an, wir sind neugierig auf die Bemühungen und stellen euch Gelder
zur Verfügung. Wir nehmen an, dass sich Preußen und Österreich ebenfalls
beteiligen und zusammen mit dem Herzogtum Oldenburg den jungen
Spanier für einige Jahre fördern und wir dann sehen werden, was sich
daraus entwickelt«, sagte Katharina die Große.
»Nun, der Haushalt unseres Herzogtums ist angespannt, doch wir geben,
was wir können. Holmer wird schon was ermöglichen«, gestand Friedrich
August zu.
»Wenn die alte Schabracke aus Wien was dazu gibt, werden wir ebenfalls
einige Reichstaler erübrigen.«
Friedrich erntete dafür einen finsteren Blick von Maria Theresia.
»Wenn es denn dem Fortbestand unserer Linien dient, so unterstützen wir
das Vorhaben des Fürsten Medvecâ für einige Jahre. Wir erwarten bis dahin
Ergebnisse«, entschloss sich Friedrich.
»Hervorragend«, rief Björn Larsen. »Bravissimo!«
»Ich kann nicht für Frankreich sprechen. Meine Gelder werden für meine
Vorhaben in Amerika beansprucht«, lehnte Lafayette ab.
»Wir werden unseren Sohn bestens auf seine Rolle vorbereiten und uns
den Anweisungen des Fürsten beugen«, sagte de la Siniestro geradezu devot
in Anbetracht der Förderungsbereitschaft der Beteiligten.
Gustav Larsen blickte nun zu Aurec und lächelte aufgesetzt.
»Was sagt unser Don aus Kalifornien?«
Aurec stand auf.
»Ich bin dankbar für die Gelegenheit, berühmte Menschen aus der
Geschichte Terras getroffen zu haben. Doch ich weiß, dass die Menschheit
in 200 Jahren einen Mann hervorbringt, der die Probleme der Menschheit
lösen kann und sie vereinen wird. Es bedarf keines Zeitchaos´, Gustav! Sagt
eurem Fürsten, ich finde ihn und dann wird er für alles bezahlen.«
Larsen breitete die Arme aus.
»Warum so grimmig, lieber Freund! Ich werte eure Worte als Ablehnung.
Vielleicht braucht ihr noch mehr Zeit. Besucht uns doch in ein paar Jahren
nochmals.«
Er gab Aurec eine Umarmung und flüsterte: »Vielleicht labt sich ja der
Fürst derweil noch einmal an eurer geliebten Kathy?«
Aurec atmete tief durch.
»Die Wachen begleiten euch heraus. Euer Besuch ist hiermit beendet.
Ebenso ersuche ich höflich Captaine Lafayette, uns jetzt zu verlassen. Die
nun folgenden Angelegenheiten sind nur für die Mitglieder des neuen
Bundes bestimmt. Guten Tag, die Herrschaften!«
Lafayette erhob sich. Aurec starrte Larsen an. Dann lächelte er.
»Gewiss doch. Wir werden uns wiedersehen.«
Aurec verabschiedete sich von dem französischen Hauptmann und
wünschte ihm viel Glück bei seinem Unterfangen in Amerika. Bernhard
von Hollen stellte Aurec ein Pferd zur Verfügung.
»Wo immer auch euer Weg euch hinführt, es ist besser mit einem Pferd.
Ein Dankeschön des Grafen von Stolberg.«
Aurec stieg auf das Pferd.
»Sprecht ihm meinen Dank aus. Ihr werdet das Pferd nahe Fissau finden.
Ach, und übrigens: Der Bartansatz steht euch. Ihr solltet es mit einem
Vollbart versuchen.«
Aurec trieb das Pferd an und trabte vom Vorhof des Schlosses von Eutin.
Er warf noch mal einen Blick auf das mit rotem Backstein verputzte
Barockschloss, in dem eindeutig eine Zeitmanipulation stattgefunden hatte.
Er hätte gerne noch einmal mit dem Kronprinzen und Don Philippe de la
Siniestro gesprochen, doch die Wachen hatten Aurec höflich, aber bestimmt
aus dem Schloss geworfen. Trotzdem wusste er, dass er nicht das letzte Mal
hier gewesen war.
Aurec ritt zum Kosmogenen Segler. Bencho begrüßte ihn mit lautem
Bellen. Er war wieder in seinem Zuhause seit 700 Jahren. Er startete das
Raumschiff, verließ den Orbit der Erde und steuerte nach Alpha-Centauri.
Er würde die Einladung von Gustav Larsen beherzigen. Die Positronik
suchte nun nach einer Zeitschleife, die ihn in die Zukunft bringen würde. Es
dauerte einige Stunden, bis eine Temporale Schliere auftauchte, welche die
Positronik als geeignet ansah. Ein Flug dorthin würde Aurec ins Jahr 1785
bringen. Er zögerte nicht und stürzte sich in das nächste Abenteuer.
4. Old McDonald has a farm
Maisfelder soweit der Blick reichte, sah ich Maisfelder. Es gab hier keine
großen Städte, denn nur Ruinen waren von den Metropolen der Vereinigten
Staaten von Amerika übriggeblieben. Sie waren nuklear verseucht, und
nach nur 25 Jahren war eine erneute Besiedlung im Interesse der eigenen
Gesundheit nicht ratsam.
Als wir mit der NOVA aus dem einstigen Russland Richtung ehemaliger
USA flogen, sahen wir die Überreste von Los Angeles, San Francisco und
Portland. Nun näherten wir uns dem, was früher als Mittlerer Westen
bezeichnet worden war. Im Grunde genommen war es eine sehr
landwirtschaftlich geprägte Region gewesen.
Wir überflogen das, was von Denver übrig geblieben war.
»Es heißt, in Denver gab es einen Klan namens Carrington, die viel Macht
hatten«, erzählte Jevran Wigth. »Ich bin mir aber nicht sicher, ob das nicht
aufgrund der Datensintflut eine falsche Information ist.«
Denver war im Grunde genommen ein großer Schutthaufen. Doch die
meisten Bereiche waren mit Beton und Stahl bedeckt. Im Zentrum der Stadt
stand in einem Umkreis von vielleicht zwei Kilometern nichts mehr.
»Einst lebten hier fast 800.000 Menschen. Sie wurden innerhalb weniger
Minuten ausgelöscht, wenn sie Glück hatten«, sagte Tenzing im seltsamen
Unterton. »Jene, die überlebten, starben innerhalb weniger Tage oder
Wochen an einer akuten Strahlenvergiftung . Wer das Pech hatte, überlebt
zu haben, den raffte trotzdem der Krebs dahin. Denver ist ein anschauliches
Beispiel für die nukleare Apokalypse.«
Die Städte waren vernichtet, und die Besiedlung in den Bundesstaaten
Kansas, Nord- und Süddakota, Missouri, Nebraska, Oklahoma und Iowa
war spärlich. Es gab unzählige Dörfer und Farmen. Und hier hatte sich das
neue Amerika aufgebaut. Als wir die Grenze zu Kansas erreichten, trafen
wir auch auf Überlebende der Apokalypse.
Natürlich sahen wir sie nur von oben. Ich befand mich mit Eleonore,
Jevran Wigth und diesem Wohlfühlkoordinator von Bhutan, Tenzing, in der
Zentrale der NOVA. Tenzing war mir bereits in einer anderen Zeit als Nazi
Lars Born begegnet. Waren das ein und dieselben Person, nur in anderer
Ausprägung und Funktion? Ich wusste es nicht und bis auf Eleonore sollte
auch keiner davon wissen, dass mir Tenzing schon einmal begegnet war.
»Kansas, das hat mich auch schon vor der Apokalypse nicht interessiert.
Heimat von Hillbillys und Preppers. Doch beide Gruppen war gut auf den
Krieg vorbereitet«, erklärte Tenzing und grinste süffisant.
»Ihr habt keine Ahnung, wovon ich spreche, oder?«
Nein, hatten wir nicht.
»Oh, lieber Nathaniel Creen, lieber Jevran Wigth und auch liebe
Künstliche Intelligenz. Ich erhelle gerne eure Ahnungslosigkeit. Die
ländlichen Gebiete waren nicht nur voller friedlicher Farmer mit Latzhose
und Schweinchen Dick. Nein, es gab auch viele Aussteiger und
Eigenbrödler. Menschen, die noch so lebten, wie im sogenannten Wilden
Westen.«
Auch das sagte mir nicht viel. Jevran half dabei. So erzählte er mir, dass
die USA aus einer Revolution gegen ein Königreich in Europa entstanden
sei. Antrieb war die Unabhängigkeit von einer weit entfernten Regierung,
und dieser Gedanke hielt sich über Jahrhunderte. Deshalb hatten die
Bundesstaaten auch viel Macht, und Gesetze eines Bundesstaates in den
USA galten noch lange nicht für das ganze Land und umgekehrt. Im Wilden
Westen wurde Amerika vollständig erforscht und besiedelt. Oft waren
Selbstjustiz oder irgendwelche regionalen Gesetzeshüter wichtiger als
Verordnungen aus Washington, der Hauptstadt der USA, die in einer Zeit
ohne Autos, Flugzeuge, Gleiter oder Raumschiffe nur innerhalb mehrerer
Wochen zu erreichen waren. Also störte sich auch niemand daran.
Farmer nahmen das Gesetz lieber selbst in die Hand, um ihren Grund und
Boden zu verteidigen, den sie sich selbst einfach genommen hatten. Das
hatte den Amerikanern eine nicht sehr gesunde Liebe zu ihren eigenen
Waffen gegeben und ein ungesundes Misstrauen gegenüber allen möglichen
überregionalen Institutionen.
»Um es kurz zu machen«, warf Tenzing ein, »Der Hillbilly oder Redneck
ist froh über sein eigenes Maschinengewehr und verkehrt nur mit seinen
Leuten. Sein Grips ist oftmals auch arg begrenzt.«
»Ist das nicht rassistisch?«, wollte Jevran Wigth wissen.
Tenzing breitete die Arme aus. »Willkommen im 21. Jahrhundert? Was
glauben Sie denn, wieso die Menschheit fast untergegangen ist? In dieser
Zeit war Heuchelei besonders in Mode. Man schmückte sich mit schönen
Phrasen, verbot Worte, betrieb eine Art Geschichtskorrektur und am Ende
drückten sie doch auf die falschen Knöpfe. Jeder faselte von Demokratie
und Menschenrechten. Es war wie ein Spiel: Mache etwas und erzähle
etwas anderes.«
»Welche Regierung hat Amerika nun?«
Tenzing spitzte die Lippen und antworte gedehnt »Nun …« Dann folgte
ein Räuspern. »Das ist nicht anders als in Russland. Ihr Präsident hat als
Roboter überlebt. Er nennt sich POTS One-X. Amerika lebt nun in einer
geführten Demokratie. Das ist eigentlich ganz praktisch für das Herdenvieh,
das lieber hinterherläuft als selbst zu entscheiden.«
Ich hielt auch nicht unbedingt viel von Demokratie. Demokraten waren
verlogen. Sie heuchelten, gute Galaktiker zu sein, aber mehr als leere Worte
kam für die Bürger ehi nicht heraus. Politiker egal welcher Richtung
wollten die Gunst des Wählers und versprachen, um gewählt zu werden
alles, was es zwischen den Sternen gab. Die Politiker in dieser Zeitlinie der
Erde waren offenbar noch schlimmer, denn sie hatten einen Krieg
gegeneinander geführt und ihre Zivilisation an den Rand der Vernichtung
gebracht. Denver war nun ein Wahrzeichen ihrer Inkompetenz, wie viele
weitere hunderte Städte. Für einen Planeten ganz ohne Transformgeschütze
und Arkonbomben hatten sie sehr effektiv hinbekommen, ihre eigene
Spezies zu dezimieren. Nun regierten Roboter als Abklatsch ihrer Erbauer
die Reste ihrer mageren Errungenschaften.
»Unser Ziel ist die neue Hauptstadt der USA mit dem harmonischen
Namen Bird City. Sie liegt unweit des Dorfes McDonald, welches den
Regierungssitz von POTS bildet. Im Grunde genommen ist es ein langer
Bunker, der von McDonald nach Bird City reicht.«
Ich rief mir die Ortungsergebnisse auf, um Tenzings Ausführungen zu
visualisieren. Die beiden Dörfer lagen 15 Kilometer voneinander entfernt,
und offenbar gab es in dreihundert Metern Tiefe eine langgezogene
Bunkeranlage.
»Bird City hatte beim Ausbruch des Krieges knapp 400 Einwohner.
McDonald nicht mal 200. Nun sind sie das Zentrum Amerikas. POTS will
make Amerika great again.«
Tenzing klang spöttisch.
»Die Webseite von Bird City wurde sogar während des neuen Kalten
Krieges gesperrt, um Cyber-Attacken auszuschließen. Die Leute dieser
Stadt waren nicht sehr gast- oder fremdenfreundlich.«
Tenzing berichtete, dass die Städte einst von Landbesitzern und
Rinderzüchtern Ende des 19. Jahrhunderts gegründet worden waren. Im
Grunde genommen waren beide Städte politisch völlig unbedeutend
gewesen, was ihnen einerseits den Untergang ersparte und andererseits nun
zu einer zweifelhaften Blüte brachte.
»Die Einwohnerzahl hat sich auf 2.000 in Bird-City erhöht. Ein Teil lebt
in der Bunkeranlage. Das ist auch unser Ziel. Wir brauchen den Nuclear
Football des Präsidenten. Den Atomkoffer
Ich atmete tief durch. Warum machten wir das noch einmal? Ach ja, um
die kläglichen Reste dieser Bevölkerung vor dem wirklich finalen
Atomkonflikt zu bewahren. Ob die es auch wirklich Wert waren? Eleonore
war zumindest davon überzeugt. Ausgerechnet ein künstliches Wesen war
mein moralischer Kompass geworden.
»Wir landen außerhalb. Tenzing und Soothorn bleiben an Bord der NOVA.
Eleonore, Jevran, At-Karsin und ich sehen uns in Bird-City um«, entschied
ich. Natürlich würde Eleonore als Positronik die Kontrolle über die NOVA
behalten. Ich traute weder Tenzing noch Soothorn.
»Gewiss doch, lieber Raumritter! Bedenkt, dass die Leute dort sehr
misstrauisch sind. Ihr seid Fremde. Versucht also ihr Vertrauen zu
gewinnen.«
Die NOVA landete mit aktiviertem Laurin-Ortungsschutz vier Kilometer
von Bird City entfernt. Wir wählten einen Landeplatz zwischen einer
verlassenen Scheune und ein paar Bäumen. Den restlichen Weg legten wir
zu Fuß zurück.
»Sie folgen gerade dem alten indianischen Handelspfad, welcher in die
Interstate 36 mündet. Falls Sie das interessiert«, erzählte Tenzing über
Interkom.
Nein, das tat es nicht. Ich wollte nur den Weg wissen, der mich in meine
Zeitlinie zurückbrachte, damit ich Damit ich eigentlich was tun konnte?
Ich hatte mein altes Leben gehasst. Jegliche Veränderung war eine
Verbesserung. Es gab nur einen Grund, wieso ich meine Zeit zurück wollte:
Ich wollte herausfinden, wer ich war. Wer ich war, bevor ich als
Kopfgeldjäger arbeitete. Das wollte ich wissen.
Der Weg zur Stadt war vor Eintönigkeit kaum zu überbieten. Nichts als
Felder und Felder und Felder. Man konnte schon von Weitem die Häuser
der Vogelstadt sehen.
Endlich erreichten wir die Außenbezirke. Zu meiner Verwunderung gab es
hier keine Wachen. Vielleicht war es im Atomzeitalter auch gar nicht
erforderlich. Der Bunker war sicherlich bewacht. Wir standen an der
Kreuzung zur Interstate 36. Links von uns befanden sich Silos und jede
Menge Bau geräte und Schutt. Wir nahmen den sandigen Weg links, vorbei
an Silos und einem verrosteten, weißen Speicher.
»Was sind das für Masten?«, fragte Eleonore.
»In der prärhodanistischen Zeit wurden über diese Masten entweder Strom
oder die Telekommunikation übermittelt«, erklärte Jevran und zeigte auf
dünnen Drähte, die von Mast zu Mast verliefen.
Rechts von uns lag eine sogenannte Tankstelle. Das waren Stationen,
welche es den Vehikeln, den sogenannten Automobilen, ermöglichte, ihren
Treibstoff aufzufüllen. Das Thema hatte ich mit Jevran bereits auf der Insel
Föhr diskutiert.
Gehwege gab es hier nicht. Wir bewegten uns einfach auf dem Gras fort,
das zwischen Fahrbahn und Einfahrt zu den Grundstücken wuchs. Offenbar
gab es bei den Amerikanern im mittleren Westen keine Fußgänger.
Nach der Tankstelle kamen wir an einem Schild mit der Aufschrift »Daily
bread« Vorbei. Das bedeutete soviel wie täglich frisches Brot. Offenbar
waren wir bei Art Lebensmittelgeschäft angekommen. Doch drinnen war
niemand zu sehen. Vielleicht war es längst verlassen oder einfach nur
kurz geschlossen. Alles in allem wirkte Bird City recht verschlafen.
Nach einigen weiteren hundert Metern bogen wir in die Bird Avenue ab.
Es folgten wieder einige hundert Meter mit vereinzelt stehenden Häusern.
Dann gab es plötzlich auch einen Gehweg. So langsam wurde ein
beschaulicher Ort daraus, bei dem die Häuser jedoch regelrecht einsam auf
den weitläufigen Grundstücken mit ihren den trostlosen und verkümmerten
Gärten wirkten. Sie hatten eine Holzverkleidung, Schornsteine, und meist
stand ein großes Auto mit Ladefläche auf dem Parkplatz.
An einem roten, länglichen Haus mit der Aufschrift »Bargain Corner«
kamen vier Männer zusammen, die gut sichtbar Waffen trugen. Alle vier
waren groß und kräftig, wobei aber nicht unbedingt trainiert.
Ich wurde langsamer und die anderen drei passten sich meinem Tempo an.
Eleonore kramte eine Kugel aus ihrer Tasche und ließ sie vor uns
schweben.
»Legt eure Waffen dort rein. Das Antigravfeld versteckt sie vor Ortung
und physischer Abtastung. Sie wird aber unerkannt mit uns schweben.«
Ich legte meinen Strahler hinein. Die Blase vergrößerte sich automatisch,
nachdem auch Eleonore und Jevran ihre Strahler hineinlegten. At-Karsin
besaß keine Waffe, denn ich traute ihm nicht. Nachdem sich diese
energetische Kugel verschloss, war sie tatsächlich nicht mehr zu sehen.
Die Bewohner sahen allesamt nicht sonderlich freundlich aus, und sie
wirkten auch nicht so, als seien es offizielle Ordnungshüter. Sie trugen
keine Uniformen, sondern zwei von ihnen blaue Latzhosen, ein anderer ein
rotkariertes Baumwollhemd. Der Vierte eine weite, weiße Hose und ein
buntes Hemd und einen Strohhut. Der kam auf uns zu.
»Yo«, rief er. »Habt ihr euch verlaufen?«
Während des Fluges hatten wir eine kurze Hypnoschulung in der
englischen Sprache absolviert.
»Nein, wir wollten das neue, große Amerika sehen«, antwortete ich.
Der Mann mit dem Hut stellte sich vor mich. Dann spuckte er mir vor die
Füße und betrachtete mich misstrauisch.
»Bist du so hässlich, dass du eine Maske tragen musst? Ihr Typen sieht
aus, wie Leute, die Ärger machen.«
Damit hatte der Mann nicht mal unrecht. Wir wollten den Atomkoffer
ihres Präsidenten. Also, aus ihrer Sicht brachten wir jede Menge Ärger.
Denver-Apokalypse von Roland Wolf
»Er ist entstellt«, sagte Eleonore. »Doch er hat ein gutes Herz. Wir wollen
keinen Ärger machen. Doch wir haben gehört, dass hier der Sitz des
Präsidenten ist.«
»Ja, da hat du verdammt recht, Lady, ja«, rief ein zweiter mit langen
Haaren und einem zauseligen Bart. Die anderen beiden richteten ihre
Gewehre auf uns. Der Mann mit dem Strohhut breitete die Arme aus.
»Willkommen in der Hauptstadt der guten alten US of A. Das ist Bird-
City, die 1885 von Mister Benjamin Bird gegründet wurde. Hier leben
seither hart arbeitende und anständige Farmer und Rinderzüchter. Aufrechte
Patrioten – und beim letzten Zensus 2020 kein einziger Schwarzer
»Dafür aber zwei Chinamänner«, warf der Mann mit dem karierten Hemd
ein.
»Ich glaube, das sind Japse oder Koreaner. Also nicht die Hundefresser
Strohhut schniefte gedehnt.
»Nachdem die Atombomben fielen, gab es so viele Tote. Unsere Dörfer
wurden verschont, doch leicht war es nicht. Der Fallout aus Denver kam,
die Wasserversorgung und der Strom waren unterbrochen. Die Phase nach
dem Abwurf war am gefährlichsten. Es dauerte eine ganze Zeit, bis wir das
wieder auf der Reihe hatten. Und dann kamen die Plünderer. Wir wehrten
sie ab, doch sie kamen immer wieder
Das klang wie eine typische postapokalyptische Geschichte.
»Und dann kam der US-Präsident mit seinen Panzern und Konvois und
hat uns gerettet. Er hat Bird City wieder groß gemacht.«
»Yeah«, rief der Vierte im Bunde, ein Glatzkopf mit langem roten Bart.
»Und seitdem sind wir ihm zu Dank verpflichtet. Jeder Bürger verteidigt
Bird City mit seinem Leben.«
Ich legte die Hände an meinen Helm, öffnete die Verschlüsse und nahm
ihn ab. Der Mann hielt meinem Anblick stand und lachte.
»Die Lady hat recht. Du siehst echt scheiße aus. Strahlenkrankheit?«
»Nein, die hätte mich schon getötet. Schwere Verbrennungen während der
Apokalypse«, log ich.
»Was ist mit dem Neger und dem magersüchtigen Glatzkopf?«
Der Mann mit dem Strohhut zeige auf Jevran Wigth und Cilgin At-Karsin.
»Nun, werter Herr Sicherheitsbeamter von Bird-City. Das Leben ist hart
und ich habe viel an Gewicht verloren. Die Herrschaften haben mich
aufgelesen und seitdem bin ich ihnen zu Dank verpflichtet«, erklärte At-
Karsin. »Außerdem hat die Radioaktivität meine Haarpracht ausfallen
lassen.«
Der Mann mit dem Hut drehte sich zu dem Anderen mit dem wirren
Haaren und Bart. Er nickte ihm zu. Der kramte ein Gerät aus dem Beutel.
Es war eine Art Scanner, welches ein knarzendes Geräusch von sich gab. Er
scannte uns alle vier und schüttelte den Kopf.
»RAD-Werte sind im Normalbereich«, sagte er.
»Das Verschissene an Radioaktivität ist, dass, wenn ihr stahlt wie ein
Kronleuchter, das auch übertragen werden kann. Wir sind zwar aktiv, aber
nicht radioaktiv«, erklärte der Hutträger.
»Bringen wir sie in die City-Hall, Bryan?«, fragte der im Holzfällerhemd.
Der nickte.
»Sorry für meine Manieren. Ich bin Bryan Windham. Der mit dem starken
Haarwuchs ist Brody Windham, mein Bruder. Die Glatze mit dem langen
Bart ist mein Cousin, Roddy Windham. Und der Große mit dem
Holzfällerhemd ist mein anderer Cousin, Steve Windham.«
Auch wir stellten uns vor.
»Seid ihr Araber?«, wollte Brody wissen und starrte Cilgin At-Karsin an.
»Du klingst wie so ein Osama bin Laden.«
Der Hauri schüttelte den Kopf.
»Meine Familie lebt seit zweihundert Jahren in Amerika. Wir kamen aus
Schweden und kämpften immer auf amerikanischer Seite.«
»Ach ja? Und im Bürgerkrieg? Kämpfte dein Ur-Opa für den Süden oder
Norden?«
At-Karsin blickte sich ratlos um.
»Hattest du nicht erzählt, dass dein Ur-Ur-Großvater mal unter Stonewall
Jackson diente?«, warf Jevran Wigth ein.
»Ja?«, machte At-Karsin ratlos.
Bis auf Wigth hatte wohl weder einer eine Ahnung, wer Stonewall
Jackson war, noch worum es in diesem amerikanischen Bürgerkrieg
gegangen war.
»Gut, dann war er auf der richtigen Seite«, stellte Brody Windham fest.
Dessen Bruder Bryan seufzte und deutete auf Wigth. »Ihr habt es ja
trotzdem überlebt. Naja, wir sind ja aufgeklärt und modern. Kannst also
mit, Neger
»Danke, Bwana«, erwiderte Wigth zynisch.
»Da steht unser Pickup. Auf die Ladefläche. Ich fahre. Brody kommt mit.
Die anderen beiden gehen zu Fuß«, entschied Bryan Windham und lachte
laut. Wir stiegen auf die Ladefläche und fuhren auch schon los. Ich setzte
meinen Helm auf.
»Wer ist dieser Stonewall Jackson?«, wollte ich wissen.
»Im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte der industrielle Norden gegen
den landwirtschaftlich geprägten Süden. Kernthema war die
Sklavenhaltung. Der Süden wollte seine Sklaven nicht freilassen. Das Land
teilte sich, und Thomas Jackson war General in der sogenannten
Konföderation, also dem Süden.«
»Und das ist für diese Leute gut?«, hakte At-Karsin nach.
»Kansas war im Bürgerkrieg auf Seiten der Union, also den Nordstaaten.
Es gab hier trotzdem viele Sklavereibefürworter. Außerdem machte die
Windhams eher den Eindruck, als seien sie ziemlich konservativ
»Das ist eine freundliche Umschreibung für Menschen, die befürworten,
einen anderen Menschen besitzen zu können«, stellte Eleonore fest.
Jevran Wigth zuckte mit den Schultern.
»Wir können die Werte des 21. Jahrhunderts NGZ nicht ls Maßstab
nehmen. Letztlich wurde der Süden besiegt und die Sklaven freigelassen.
Doch das führte noch lange nicht zu wirklicher Freiheit. Die Sklaven waren
dunkler Hautfarbe und lebten noch hundert Jahre später mit Rassentrennung
und Benachteiligung. Erst dann änderte sich das langsam«, erklärte Wigth.
At-Karsin kicherte.
»Nun, als die Atombomben fielen, waren Schwarze wie Weiße
gleichermaßen tot. Da waren sie wenigstens vereint …«
Wir erreichten die City-Hall von Bird-City. Einige Männer und Frauen in
schwarzen und blauen Uniformen standen davor und beäugten uns
misstrauisch. Die City-Hall war aus hellgrauem Stein gebaut oder
zumindest verputzt. Sie war nicht besonders groß, eher unscheinbar, und
hatte nur eine Etage. Neben ihr stand ein Fahnenmast, an dem eine weißrot
gestreifte Fahne mit einem blauen Rechteck mit vielen Sternen wehte.
Hinter dem Gebäude standen zwei große Masten zu jeder Seite. Ihre
Bedeutung war mir unklar.
»Hey Bryan, was sind das für Leute?«, rief ein Mann in einer schwarzen
Uniform vor dem Gebäude.
Ich bemerkte, dass sich immer mehr Leute hier versammelten. Die waren
vermutlich nicht wegen uns hier.
»Fremde, die wir eingesammelt haben. Vielleicht kann der Bürgermeister
ja mit ihnen sprechen oder Chief Bronson?«
Der Uniformierte hielt seine Hand an dem Halfter seiner Handfeuerwaffe.
Die waren hier alle sehr misstrauisch.
»Später, der Große spricht gleich zu uns. Heute ist doch Sonntag.«
»Ach verdammt, stimmt ja«, sagte Windham und spuckte auf den Boden.
Er kratzte sich am Bart und seufzte. »Na dann, Leute. Behaltet Platz und
schaut auch das Spektakel an. Der US-Präsident wird gleich zu seiner
Bevölkerung sprechen.«
Die breite Straße vor dem Gemeindehaus füllte sich mit Menschen. Es
waren vornehmlich ältere Leute. Ein Zischen war zu hören. Ich blickte zu
den beiden Masten. Aus jedem Mast fuhr ein Querbalken heraus, so dass sie
sich in der Mitte trafen. Als sich die beiden Stangen verbanden, fuhr eine
Leinwand herunter. Aus den Lautsprechern ertönte eine pathetische Musik,
die Wigth als Nationalhymne der USA identifizierte. Auf der Leinwand
erschien die Abbildung eines Adlers, dann sah ich einen orangefarbigen
Roboter. Das mechanische Wesen sah humanoid aus, dennoch mit Kanten
und war gazn bestimmt kein Android. Es wirkte auf mich, als sei der
Roboter eher aus nicht aufeinander abgestimmten Teilen konstruiert
worden.
Auf dem Kopf trug der Blechhaufen eine blonde Perücke. Um den
silbernen Hals war eine lange rote Krawatte gebunden. Alles in allem
wirkte das auf mich eher lächerlich. Die Menge aber jubelte und johlte. Ihr
Präsident war da und sprach zu ihnen.
»Es ist interessant, wie die Terraner in dieser Zivilisationsstufe es
geschafft haben, offenbar Gehirne in Roboter einzubauen. Das bemerkte ich
schon bei meinem Besuch bei den Russen«, flüsterte mir Eleonore zu.
Der Roboter hob eine dünnen Arme.
»Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Heute ist ein wundervoller
Sonntag. Vielleicht ist es der beste und schönste Sonntag von allen. Ich bin
euer Präsident, ich liebe euch und ihr liebt mich. Zusammen machen wir
Amerika wieder groß!«
Die Zuhörer klatschten und jubelten.
»Die USA sind das schönste Land der Welt«, fuhr der Roboter fort. »Es
hat die wundervollsten Ruinen, den stärksten Fallout und die tollsten
Bombenkrater. Und es hat noch viele, viele Atomraketen, um den Ivan
mit dem kleinen Lümmel zum Mond zu bomben.«
Fast jedes Wort wurde mit frenetischem Jubel begleitet.
»Das sollten Sie sich ansehen«, hörte ich Tenzings Stimme in meinem
Helmfunk. Und schon wurde mir eine Echtzeitaufnahme der Region
zwischen Bird City und McDonald aufgezeigt. In den 15 Kilometern fuhren
hunderte Raketen aus dem Boden, wie zu einer Parade.
»Das sind seine Atomwaffen. Jede Rakete ist mit einer Atombombe
bestückt. Verstehen Sie mich jetzt?«
»Sollten der Russe oder der Schlitzauge uns anpissen, was machen wir
dann?«, fragte POTS.
»Wir pissen zurück«, schrien die Zuhörer und klatschten.
Es erklang erneut die Nationalhymne. Alle Männer und Frauen legten ihre
Hand ans Herz und sangen sie mit. Nachdem das Spektakel vorbei war, kam
einer der Uniformierten uns.
»Absteigen, der Bürgermeister will euch sehen.«
Der Bürgermeister John Abott war ein Durchschnittstyp. Sein kurzes Haar
wurde an der Stirn schon licht. Er war nicht dick, aber auch nicht sportlich.
Der Mund war schmal, die Nase breit. Er blickte uns mit seinen kleinen
Mandelaugen an und rauchte eine Zigarette. Abott trug einen blauen Anzug
und auch eine rote Krawatte.
»Wissen Sie«, begann er und nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Das
Schöne an Kansas ist, dass es hier ruhig zugeht. Die Leute haben ihr Haus,
ihre Arbeit und ihren normalen Tagesablauf. Sie müssen sich nicht fürchten,
dass irgendwo ein Gangster-Rapper oder ein Mullah an der Ecke steht. Wir
sind eine Gemeinde, wissen Sie? Nach der Apokalypse haben wir
zusammen die Stadt verteidigt und die Versorgung wieder hergestellt. Die
Bürger konnten also ihren Traum vom friedlichen Leben in harter Arbeit
weiterleben. Und ich will, dass das so bleibt, wissen Sie?«
Er drückte seine Zigarette aus und blies den Rauch aus.
»Ich will, dass Oma Maggy friedlich durch die Stadt schlendert, ohne dass
sie überfallen wird. Ich will, dass Betty Sue und Danny nachts aus dem
Haus schleichen, um ihre jugendliche Liebe auf dem Rücksitz eines Chevys
zu genießen, ohne, dass ein Neger mit Knarre sie bedroht und vergewaltigt.
Ich will einfach das normale, schnöde amerikanische Leben, wissen Sie?
Und was ich nicht will, sind Störenfriede Fremde und Ausländer, die jede
Menge Ärger bringen.«
»Wir wollen auch keinen Ärger. Alles was wir möchten, ist POTS so nah
wie möglich zu sein«, heuchelte Eleonore durchaus glaubwürdig für eine
Positronik.
Abott lachte.
»Was habt ihr dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu
bieten?«
»Die Codes der russischen Atombomben«, antwortete ich.
Das war keine Lüge. Tenzing stieß einen Fluch aus, der über Interkom in
meinen Helm schallte. Jevran Wigth und Cilgin At-Karsin blickten
skeptisch zu mir und der Terraner Abott war nun still. Ich erhob mich.
»Das ist der Deal. Wir bekommen eine Audienz mit POTS und handeln
eine Vereinbarung aus.«
»Und … und wie soll die aussehen?«
»Das übersteigt bei Weitem ihre Gehaltsklasse, Herr Bürgermeister! Wir
sprechen nur mit dem Präsidenten.«
Die Verlockung war zu groß für den Typen. Er zündete eine zweite
Zigarette an und lachte. Dann nickte er zustimmend. »Okay, Deal!«
Er rief Sheriff Bronson, einen kräftigen, dickbäuchigen Mann mit
kurzgeschorenem Haar und einem fein geschnittenen Bart. Er trug ein
blaues Hemd mit einem großen Sherriffstern und schwarze Hosen. In seiner
Hand hielt er einen Schlagstock, mit dem er immer wieder leicht in die
linke Handfläche schlug, während Abott ihm die Situation erklärte.
»Bringen Sie die vier zum Bunkereingang in McDonald. Dann soll sich
die Secret Service um sie kümmern.«
»Und wenn es Stress mit denen gibt?«
Bronson deutete auf uns und machte damit klar, dass er nicht den Secret
Service meinte.
»Erschieß einen von ihnen. Wir brauchen am Ende nur einen Lebendigen,
falls sie nicht gelogen haben. Aber wenn das friedlich geht, wird der
Präsident der Staaten glücklich sein. Na los jetzt.«
Abott setzte sich echauffiert in seinen Sessel und wedelte mit der Hand.
Bronson deutete mit dem Kopf zum Ausgang. Draußen hatte sich die Masse
aufgelöst. Vor der City Hall standen zwei dunkelblaue Autos mit der
Aufschrift Kansas City, KS Police. Drei Polizisten standen davor. Sie
hielten ihre Hände an den Waffenholstern und blickten uns grimmig an. Ich
stieg mit Eleonore in den einen Wagen, Wigth und At-Karsin in den
anderen. Unser Beifahrer vorne war Sheriff Bronson. Er stelle den
Rückspiegel so, dass er uns immer im Auge behalten konnte. Dieser
Provinzwichtigtuer kümmerte mich wenig. Tenzing schimpfte wie ein
Rohrspatz. Doch das hörten nur ich über das Interkom in meinem Helm und
Eleonore, die ein Interkom direkt in ihrem Androidenkopf hatte. Sie
lächelte mich an und schien sich offenbar über das Gezeter von Tenzing zu
amüsieren.
Ich blickte aus dem Fenster. Hinter einem Zaun tummelten sich Tiere.
Doch etwas stimmte mit ihnen nicht. Ich sah genauer hin. Einige Kühe
hatten zwei Köpfe. Ich sah ein Pferd mit acht Beinen und einen Kopf an
jedem Ende des Torsos. Schafe, deren Fell grün leuchteten. Die Schweine
standen aufrecht und starrten uns grimmig hinterher. Das mussten die
Auswirkungen des Fallouts sein.
Die Autos bogen links in die Rawlins Ave ab und fuhren bis zum United
States Postal Service, einem kleinen Gebäude aus rotem Backstein mit einer
schwarzen Markise vor der Eingangstür. Wie auch in Bird City war hier
alles provinziell. Für den Sitz des Präsidenten eines großen Landes hatte ich
mehr erwartet. Dort standen vier Männer in schwarzen Anzügen.
»Willkommen in McDonald. Hier gibt es den BigMac der Vereinigten
Staaten«, sagte Bronson und lachte über seinen eigenen Witz, den ich nicht
verstand.Beunruhigend standen zwei Panzer am Eingang. Die zwei alten
Krieggerärte dienten eher der Abschreckung, doch sie zeigten aus welchem
Holz dieser US-Präsident geschnitz war.
5. Der nukleare Football
Da stand der BigMac der USA nun vor uns. Ich wusste nicht einmal, ob das
wirklich ein Mann war, aber vermutlich war diese Konstruktion dem
männlichen Präsidenten im Jahre 2037 angelehnt. Der Roboter war in etwa
1,70 Meter groß. Der eckige Torso ruhte auf einem Kettenfahrgestell. An
der Seite des Torsos ragten zwei Arme heraus. Der eckige Kopf mit den
großen Augen ruhte auf einem langen, schwarzen Hals. Der Rest des
Stahlkörpers war orange. Auf dem Kopf saß eine blonde Perücke.
Abgerundet wurde das Erscheinungsbild von einer langen roten Krawatte,
die um den dünnen Hals gebunden war.
Während POTS X-One auf uns zu rollte, spielte im Hintergrund ein
zackige Marsch, den Jevran als Präsidentenmarsch identifizierte. Er war
umringt von etwa einem Dutzend Männern in schwarzen Anzügen – seinem
Secret Service.
Ich ließ meinen Blick durch den Raum werfen, der prunkvoll und sauber
war. Der Boden war mit einem glänzenden Laminat ausgelegt, darüber
lagen rote Teppiche . Es gab einen Bereich mit einem großen
Konferenztisch. Auf der anderen Seite eine gemütliche Couchecke mit
Fernseher und einer Minibar. Am Konferenztisch saßen zwei glatzköpfige
Offiziere, der eine mit weißer, der andere mit dunkler Haut.
Als die Fanfare zu Ende war, sprach der Roboter mit sanfter Stimme.
»Herzlich willkommen im Weißen Haus. Das ist das neue Oval Office. Es
ist nicht oval, aber es ist mein Office. Es ist eigentlich das schönste Büro
überhaupt. Haben Sie schon einmal ein so schönes Büro gesehen? Ich nicht.
Es freut mich, dass Sie da sind. Das ist so schön. So bombastisch. Ich freue
mich auf die Atomcodes vom Genossen. Nehmen Sie doch Platz.«
Zwei attraktive, dunkelhaarige Frauen in knappen Sachen brachten uns
Getränke.
»Greifen Sie zu. Meine beiden Angestellten sind vielseitig. Ich nennen sie
im Duo Blase-Hase. Sie können einfach prima putzen. Einfach phänomenal.
Sie säubern regelmäßig meine Mininuke . Aus dem unteren Torso öffnete
sich eine Klappe und ein dickes Rohr fuhr heraus.
»Es ist mit den Neuronen in meinem Gehirn verbunden, was umgepflanzt
wurde. So was Tolles haben Sie noch nie gesehen, oder? Ich wette, meiner
ist größer als der vom Genossen Ivan dem Ersten.«
»Ich habe mir diese Details nicht angesehen«, erwiderte Eleonore. Sie
konnte sogar witzig sein.
»Oh, wirklich? Nun ja, dafür kannst du dir meine Details ganz genau
anschauen. Willst du mal anfassen? Ich verspreche, das wird phänomenal
und einfach nur galaktisch super
»Ähm, später vielleicht«, log Eleonore. Wir mussten uns aber das
Vertrauen des eitlen Roboterpräsidenten ergaunern. Das konnte sie deutlich
besser als ich. In ihrem Androidenkörper war sie nun mal eine attraktive
Frau – und deutlich kommunikativer und diplomatischer als ich.
»Damit bin ich auch fein. So, so… alles fein. Also, wer von euch ist denn
ein waschechter Amerikaner? Ihr seht ja nicht so aus. Europäer? Araber?«
»Nun, ich stamme aus New York«, sagte Eleonore. »Die Stadt der
Freiheitsstatue und des Big Apple. Des Madison Square Garden.«
Vermutlich hatte sie diese Informationen von Jevran Wigth bekommen.
»Korrekt, wir waren Arbeitskollegen dort«, ergänzte Jevran. »Wir waren
vor dem Atomkrieg Wissenschaftler. Ich bin außerdem Veterinär
Der Roboterarm von POTS winkte ab.
»Ich mag keine Leute, die kein Fleisch essen. Aber gut und der kahle
Kopf dort?«
»Aus dem Süden der USA. Mein Urahn kämpfte unter Stonewall
Jackson.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Amrum«, fiel mir ein.
»Aha«, machte der Präsident und fuhr zum Tisch. »Nun, ich war früher
auch Business-Man. Ich war der Big Boss, die Number One, The Hit. Also,
was wollen Sie für die Codes? Und ich bin nicht dumm. Sie müssen
verifiziert werden.«
Eleonore legte ihre Hand auf meinen Schenkel und antwortete: »Wir
wollen hier leben. Geben Sie uns zwei Häuser, ein großzügiges Startkapital
und ein paar von ihren doppelköpfigen Kälbern und etwas Land zum
Anbauen.«
»Ich weiß nicht. Bird City ist eine großartige, phantastische Stadt. Einfach
toll, man muss diese wundervollen Menschen dort einfach lieben. Doch sie
sind auch etwas traditionell. Blacky wird da nicht leben können.«
Bird City – Tankstelle von Roland Wolf
»Dann geben Sie uns Grund in der Nähe. Wir wollen ja nicht die braven
Menschen von Bird City mit meiner Anwesenheit in Verlegenheit bringen«,
schlug Wigth vor. Ich vernahm seinen sarkastischen Unterton.
»Okidoki, so machen wir es. Die Codes bitte. Wir müssen sie natürlich auf
ihre Echtheit prüfen.«
»Alles zu seiner Zeit, Herr Präsident. Genießen Sie diesen Moment. Sie
sind bald in Besitz aller Atombomben der Welt. Wo ist denn Ihr Football?«
Eleonores Stimme klang so sanft und säuselnd.
»Ich zeige ihn dir, Süße. Aber wenn du den Football willst, musst du auch
mein Rohr anfassen. Lange anfassen …«
Ein notgeiler Roboter war selten. Seine Einzigartigkeit war mir aber auch
nicht sympathisch. In der Postapokalypse lebten so einige von Trieben
gesteuerte Menschen. POTS würde sich sicher mit dem Eremiten auf Föhr
verstehen.
Einer der Uniformierten erhob sich.
»Mister Präsident, ich lege meinen Protest ein. Das sind
Staatsgeheimnisse! Wir haben die russischen Codes noch nicht einmal
gesehen.«
POTS rollte zu dem dunkelhäutigen Mann.
»General King Luther Jones. Ich bin der Präsident, okay? Und was ist das
überhaupt für ein dummer Vorname. Wer heißt denn King Luther?«
Der Mann atmete tief durch.
»Meine Eltern tauften mich nach dem großen Martin Luther King.«
»Ach so, naja, wir sind ihm ja alle dankbar, dass er die Sklaverei
abgeschafft hat. Aber ehrlich, so heißt man nicht. Das ist erbärmlich,
schwach. Sie sind General Erbärmlich. Bringen Sie den Football oder soll
ich ihre Eier quetschen?« POTS hob bedrohend die Hand. Sie war aus Stahl
und wurde von einer sehr kräftigen Hydraulik gelenkt. Ein Griff mit dieser
Roboterhand würde Rührei aus den Juwelen des Generals machen. Das
schien er auch zu erkennen und nickte eilig.
»Nun raus mit euch allen«, rief er dem Secret Service zu. »Meine
Kumpels und ich haben Daddysachen zu besprechen.«
Ich ging die potenziellen Szenarien durch. Diesen notgeilen Roboter zu
vernichten, war einfach. Die Codes wären dann in unserem Besitz. Eine
Flucht stellte für mich und Eleonore auch kein Problem dar. Die anderen
beiden würden wir schon durchbringen. Das Problem bei diesem Plan war
jedoch, dass die Amerikaner die Zugriffcodes ändern würden. Sie wären
dann nutzlos für uns. Nein, wir mussten es so anstellen, dass POTS es nicht
bemerkte. Natürlich würde er auch nur Fälschungen der russischen Codes
erhalten.
Die menschliche Gesellschaft war nach dem Atomkrieg wahrlich am
Tiefpunkt angelangt. Zwei Roboter regierten die Überreste der Weltmächte.
Der eine war aufgrund der gescheiterten Vergangenheit melancholisch und
der andere glaubte, ein großer Frauenheld zu sein. Zumindest dieser
amerikanische Roboter ging recht arglos mit den Zugriffcodes der
Atomraketen um.
»Früher, da waren die Go Codes und die Gold Codes noch voneinander
getrennt. Das war mir zu mühselig, deshalb habe ich alles ins Köfferchen
gelegt.«
POTS öffnete den schwarzen Koffer und nahm eine Plastikkarte heraus.
Er gab Eleonore die Karte, auf der einige Zahlenabfolgen standen.
»Beeindruckend, so viel Macht in den Händen zu halten«, sagte sie und
drehte die Karte. Sie speicherte die Codes ab. Es reichte, sich die
Reihenfolge anzusehen. Letztlich war Eleonore trotz ihres Äußeren und
ihrem innerlichen Bestreben nach Menschlichkeit eine leistungsfähige
Maschine. Sie gab POTS the Greatest die Karte zurück. Sie warf mir einen
Blick zu. Die Codes der Russen hatte sie digital aus dem System
entnommen und auf einem sogenannten USB-Stick gespeichert. Dieses
Speichermedium war zu der damaligen Zeit weit verbreitet gewesen. Sie
holte den Stick aus ihrer Brusttasche und überreichte ihn dem Roboter.
Dieser griff sofort zu und lachte mechanisch.
»So wundervoll. Das ist wahrlich der schönste Moment in der Geschichte
dieses Planeten. Nur, wie verifizieren wir diesen? Wir müssten ja deren
Atomraketen starten. Machen wir das mal zum Test, ja?«
»Nein«, sagte Eleonore und lächelte. »Das würde doch das Ende der
restlichen Menschheit bedeuten. Geben Sie den Stick Ihren Analysten und
verwahren ihn gut. Nutzen Sie ihn nur einmal. Wir kehren in ein paar
Wochen zurück und werden dann um Asyl bitten.«
»So sei es! Kleines, du kannst in meinem Bett schlafen. Nichts für ungut,
Maskenmann!«
Eleonore lachte gestellt.
Die Sicherheitsleute des Secret Service betraten wieder den Raum. POTS
öffnete nochmals den Nuclear Football und legte den USB-Stick dazu.
Dann warf er den Koffer in die Arme des Sicherheitsberaters.
»Checkt das mal, Jungs!«
Er wandte sich wieder an Eleonore: »Ich habe nun eine wichtige Partie
Golf mit dem größten Gegner überhaupt zu spielen, mir selbst. Wenn Sie
mich entschuldigen, Ladies and Gentleman.« Wir wurden hinausgebracht.
Der Algorithmus der russischen Codes war von Eleonore auf der NOVA gut
gefälscht worden . Die amerikanischen Analysten würden kein Verdacht
schöpfen. Wir waren nun im Besitz der Zugriffcodes und konnten Tenzing
jetzt helfen, alle Atomraketen in Richtung Sonne zu schießen. Dann hatte
die Menschheit noch einmal eine Chance.
6. Der Koordinator der Apokalypse
Der Himalaya lag vor uns. Es war das höchste Gebirge des Planeten und der
größte Berg war der Mount Everest. Die Berge erstreckten sich über sechs
Länder, denn damals oder in der Zeit, in der wir uns befanden gab es
keine vereinte Menschheit mehr. Die Welt war in vielen Nationalstaaten
aufgeteilt gewesen. Nach dem Atomkrieg 2037 waren die Staaten
zusammengebrochen und entvölkert. Bhutan bildete eine der Ausnahmen,
geschützt durch das Gebirge des Himalaya und durch eine gewisse
Unbedeutsamkeit war es von Atomangriffen verschont geblieben.
Die NOVA flog nach Thimpu, der Hauptstadt des Landes. Tenzing grinste
während der Landung vergnügt vor sich hin. Eleonore übergab ihm zwei
Datenträger mit den russischen und den amerikanischen Codes.
»Nutzen Sie diese Codes weise«, sagte sie mahnend zu Tenzing.
Dieser nahm die zwei Datenträger.
»Selbstverständlich. Ich begebe mich unverzüglich ins Tigernest. Dort
steht die größte Computeranlage des Landes.«
Wir verließen die NOVA und wurden von bunt gekleideten Männern und
Frauen empfangen, die uns anlächelten und zujubelten. Sie führten
ausgelassen Tänze in traditioneller Kleidung vor. Tenzing hielt die
Codekarten hoch und wurde bejubelt.
Die tanzende und singende Menge machte Platz für den Drachenkönig
Wangchuck und sein Gefolge.
Tenzing schritt zu seinem Gebieter und verneigte sich. Demütig reichte er
ihm die beiden Codekarten. Der König nahm sie in die Hand und sah sie
ehrfürchtig an. Dann gab er sie wieder zurück.
»Ihr bringt sie nach Paro Taktsang und bereitet den Start vor. Je eher die
Welt von diesen Waffen der Apokalypse befreit ist, desto besser. Brecht
unverzüglich auf, Wohlfühlkoordinator
Wangchuck wandte sich an mich und Eleonore.
»Wir danken euch, Freunde des Lebens. Bleibt hier und speist an meiner
Tafel, seht und erfahrt die Liebe des Volkes von Bhutan.«
»Wir nehmen gerne an, König«, antwortete Eleonore.
Ich legte meine Hand auf Tenzings Schulter.
»Soll ich Sie begleiten?«
Der lächelte und schüttelte den Kopf.
»Oh, das ist nicht nötig. Paro Taktsang, auch als Tigernest bezeichnet, ist
eine kleine Siedlung in den Bergen. Sie diente vor dem Krieg als Bitcoin
Mining-Farm und reichte tief in den Berg hinein. Windkraft verhalf uns
zum Strom, und nach dem Krieg brauchten wir die Mining-Farm nicht,
doch clevere Wissenschaftler bauten ein Netzwerk, welches sich in die noch
übrigen Netzwerke der Großmächte hackte. Einzig die Codes fehlten, um
die Waffen fernzulenken. Seit über 20 Jahren warten die Überlebenden auf
diesen großen Moment. Er ist dank euch möglich geworden.«
Tenzing legte nun seine Hand auf meine Schulter.
»Genießt diesen Augenblick. Feiert mit den Bhutanesen. Kostet von der
Schönheit dieses Landes. Ich habe mich um meine Mission zu kümmern
und führe sie alleine durch. Das ist meine größte Genugtuung.«
Tenzing drehte sich um und ging in Richtung eines Hubschraubers. Nach
einigen Minuten hob der ab und verschwand in den Wolken. Cilgin At-
Karsin und Kuvad Soothorn hatten sich bereits unters Volk gemischt. Die
Bhutanesen sahen die beiden Idioten als Helden an, auch wenn sie nichts
Sinnvolles zu unserer Mission beigetragen hatten. Der Ruhm galt eigentlich
Eleonore. Sie war der kluge Kopf gewesen und wusste als Positronik doch
sehr, menschliche Taktiken anzuwenden.
Der Drachenkönig hatte auf seinem goldenen Thron Platz genommen. Vor
ihm tanzten eine Reihe Frauen und Männer einen traditionellen Tanz.
Eleonore erklärte mir, dass diese Aufführung als Dechen Lhundrup Tanz
bezeichnet wurde. Die Männer trugen einen Gho und die Frauen einen Kira.
Ich machte mir wenig aus Folklore und war nicht empfänglich für den Tanz
der Bergschönheiten. Eleonore kam auf mich zu und lächelte. Es war ein
warmes Lächeln. Sie hatte ihre Mimik perfektioniert.
»Nathaniel, ist es nicht eine wunderbare Erfahrung, Leben zu retten? Sieh
dir ihre Euphorie und ihr aufrichtiges Glück an.«
Verdammt, Eleonore! Ihre Begeisterung steckte mich etwas an. Ich blickte
in die Gesichter von lächelnden, glücklichen Menschen. Es war schwer,
sich dieser Freude zu entziehen. Der Drachenkönig erhob sich und streckte
die Arme in die Höhe.
»Unser Wohlfühlkoordinator Tenzing arbeitet in diesem Moment daran,
die Atomwaffen der ehemaligen Supermächte der USA und Russland zu
kontrollieren und in die Sonne abzufeuern. Dann wird die Welt frei sein von
den zerstörerischen Waffen und die Menschheit kann neu beginnen.«
»Es ist Zeit zu gehen«, sagte ich zu Eleonore. »Suchen wir eine Temporale
Anomalie und versuchen mehr darüber herauszufinden.«
Ich sendete ein Signal über mein Interkom an Soothorn und At-Karsin,
dass sie nun zur NOVA zurückkehren sollten. Es wurde Zeit, dass wir uns
über unsere Situation Gedanken machten. War eine Rückkehr zu unserer
Zeitlinie möglich? Das galt es nun vordringlich zu untersuchen.
Bird City – Gebäude von Roland Wolf
Ich erreichte zusammen mit Eleonore die NOVA. Wir warteten auf die
Ankunft der anderen beiden und die Zeit verstrich. Endlich schlenderte
Cilgin At-Karsin in unsere Richtung. Dann blieb er stehen und winkte. Ich
erkannte nun auch Kuvad Soothorn, der von zwei kräftigen bhutanesischen
Frauen umgeben war, die ihn liebkosten.
»Es gibt ein Problem«, sagte Eleonore unvermittelt. »Sofort in die
NOVA!«
Ich fragte nicht nach und eilte die Rampe hoch. Sie winkte Soothorn und
At-Karsin. Der Hauri schien als erstes zu verstehen und zog Soothorn mit
sich, der sich nur widerwillig aus der Umklammerung der beiden Frauen
ziehen ließ. Während wir noch im Laderaum waren, wurden die Maschinen
aktiviert.
Ich folgte Eleonore in das Cockpit. Sofort bemerkte ich die
Hologrammkarte der Erde. Sie zeigte einige rote Punkte, die sich schnell
bewegten.
»Die Raketen?«, vermutete ich.
»Zehn Atomraketen steuern nach meinen Berechnungen direkt auf
Thimpu zu. Soothorn und At-Karsin sind an Bord. Ich aktiviere den
Schutzschirm.«
»Können wir die Stadt nicht mit dem Schutzschirm schützen?«
Sie sah mich traurig an.
»Das ist nicht möglich. Die energetischen Ressourcen dieser Space-Jet
reichen dafür nicht aus. Er umschließt die NOVA und ist um das doppelte
ausdehnbar, das bedeutet, wir könnten einen Radius von nur 70 Metern
schützen. Mit steigendem Radius sinkt die Energiedichte im Schirm
proportional zum Radius im Quadrat, weil die vorhandene Energie auf eine
immer größere Fläche verteilt werden muss.«
Ich aktivierte die Offensivbewaffnung und die Zielerfassung. Doch die
Raketen waren verdammt nahe. Ich feuerte das MVH-Geschütz ab und drei
Raketen wurden getroffen. Der Himmel färbte sich orange. Dann detonierte
eine der Raketen. Es ging alles so schnell. Ein greller Blitz, dann war die
NOVA schon von einem Feuersturm eingehüllt. Ich startete das Schiff und
hob mit einem Alarmstart ab. Rings um uns herum war nur Feuer zu sehen,
ehe wir eine Höhe erreichten, die der Atompilz noch nicht erreicht hatte.
Ich schaffte Abstand zum Herd der Explosion. Eine Wolke aus Feuer und
Asche stieg auf und formte den berüchtigten Atompilz.
Thimpu wurde Opfer einer nuklearen Apokalypse. Es gab keinen Zweifel,
dass die Bewohner vermutlich zum Großteil schon jetzt tot waren. Andere
mochten verbrennen, von der Druckwelle zerquetscht oder im Rauch
ersticken. Jene, die überlebten, würden binnen Tagen oder Wochen an der
Strahlenkrankheit zugrunde gehen.
»Die anderen vier Atomraketen fliegen zu anderen Siedlungen. Ich
lokalisiere insgesamt 271 Atomraketen aus Russland und 312 Raketen aus
Amerika, die unterschiedliche Ziele anfliegen«, meldete Eleonore.
»Tenzing«, knurrte ich und begriff, dass er uns alle reingelegt hatte.
Ich nahm Kurs auf Paro Taktsang.
Taktsang lag im Parotal. Das Kloster lag in einer Höhe von 3.120 Metern
und war für normale Menschen nur über einen steinigen, langen Bergpfad
zu erreichen. Für die NOVA stellte der direkte Flug dorthin kein Problem
dar. Taktsang bedeutete auf tibetisch »Tigers Versteck«. Die Anlage war an
die Felswand gebaut.. Wer hier hinwollte, mussten schwindelfrei sein, denn
trotz des überwältigen Ausblicks konnte ein Fehltritt den Sturz in den
sicheren Tod bedeuten. Die weißen Häuser besaßen eine ähnliche Struktur
wie die Paläste und Klöster in Thimpu. Goldene, dreifach gestaffelte
Dächer prägten diesen asiatischen Baustil. So viel hatte ich bereits über
diese mir fremde Zeit gelernt.
Auf einer Terrasse zum Bergabhang stand ein Mann. Aus der Distanz
konnte ich nicht erkennen, ob es sich um Tenzing handelte, doch ich war
mir sicher. Die NOVA konnte nirgends landen.
»Ich nehme das Gravopack und fliege zu ihm«, entschied ich.
Eleonore stand auf und berührte meinen Unterarm. »Sei vorsichtig und
komm heil zurück.«
Ich nickte nur, verließ das Cockpit und nahm den Antigrav hinunter und
schnallte es auf dem Weg zur Luke hin um. Als sie sich öffnete, blickte ich
auf das Parotal mit seinen idyllischen Bäumen und den Gipfel, an dem
Taktsang gebaut war. Beim Sprung aus der NOVA aktivierte ich das
Gravopack und steuerte sicher auf das Kloster zu, wo ich auf der Terrasse
landete.
Tenzing stand mit dem Rücken zu mir und blickte auf das Gebirge. Die
Windspiele auf dem Balkon seitlich gaben eine monotone Melodie von sich.
Aus einem Tonträger säuselte eine Frauenstimme: »We will meet again,
don’t know where, don’t know when, but I know we will meet again some
sunny day«. Der Horizont war orange gefärbt und zeugte von der erneuten
atomaren Apokalypse.
»Ist das nicht ein schöner Anblick, Nathaniel?«, fragte Tenzing.
»Verstehen Sie das unter Ihrer Jobbezeichnung Wohlfühlkoordinator?«
Tenzing winkte ab.
»Ich war schon vieles. Doch meine eigentliche Bezeichnung ist der
Zeitfamulus
Er drehte sich um.
»Ich begleite jene, die ihren Platz in der neuen Zeit noch nicht gefunden
haben.«
Er breitete die Arme aus.
»Das hier alles ist eine gescheiterte Zeit. Es gab keinen Retter für die
Menschheit, und ihre Auslöschung war nur eine Frage der Zeit. Ich habe
diesen Vorgang nur beschleunigt. Wenn es für ein Tier keine Heilung gab,
so erschoss man es, damit man es vor weiterem Leid bewahrte. Die
Menschen hätten sich früher oder später wieder die Köpfe eingeschlagen.
Auch ohne Atombomben wäre das geschehen.«
»Und Sie sind jemand, der das entscheidet?«
Tenzing nickte.
»Ja, ich gehe davon aus, dass ich eine gesunde und fundierte Expertise
habe. Diese Menschheit war definitiv verloren. Es war ein interessantes
Projekt, doch bereits das zweite, das gescheitert ist. Du erinnerst dich ja an
den ersten Versuch?«
Tenzing streckte den Arm zum Hitlergruß aus und schlug die Hacken
zusammen.
»Er führte die Menschheit zielstrebig und sicher in den Untergang. Das
muss man ihm lassen …«
Er wandte sich wieder den Bergen zu.
»Ich habe euch belogen, das gebe ich zu. Und ich habe eure Naivität
ausgenutzt. Ich brauchte die Codes, um die letzten Siedlungen der
Menschen zu vernichten. Ein letzter nuklearer Schlag, der dieses Kapitel
beendet.«
Er lachte grunzend.
»Und wieder stehen wir beide am Tag des Jüngsten Gerichts zusammen.
Ironisch, oder?«
»Es gibt einen Unterschied diesmal«, sagte ich und trat näher.
»Ach, und welchen?«
Ich packte Tenzing am Hals und drückte zu. Er grinste immer noch,
obwohl er sichtlich nach Luft rang.
»Diesmal wirst nur du in die Tiefe fallen.«
Ich drückte Tenzing über die Brüstung und ließ los. Er fiel zunächst in
eine Ansammlung von Bäumen. Dann knackten die Äste und er stürzte
schreiend in die Tiefe. Er hatte den Tod verdient.
Ich sah zum zweiten Mal den Untergang der Menschheit.
Atompilze stiegen über Bhutan auf. Thimpu war ausgelöscht. Die Ortung
bestätigte nicht nur die Zerstörung der wichtigsten Städte im Land Bhutan,
auch andere Zufluchtsorte der Überlebenden wurden mit den letzten
Atomraketen beschossen.
Siedlungen in Südamerika, Afrika und Asien wurden mit dem nuklearen
Holocaust überzogen.
Es berührte mich ein wenig, auch wenn ich Zeit meines Lebens gegen die
bloße Existenz der Terraner gekämpft hatte. Obwohl ich vielleicht selber
ein Terraner war. Ich war mir sicher, dass es Soothorn und At-Karsin
herzlich egal war. Jevran Wigth musste bestimmt leiden. Er hatte lebhaft
und mit ganzem Herzen für die Existenz von Terra gekämpft. Nun sah er
seinen gelobten Planeten – und der lag in Trümmern.
»Immerhin wissen wir nun, dass Terra real ist. Wir müssen nur die Erde in
unserer Zeitlinie finden«, sagte ich.
»Es existiert eine Temporale Anomalie im Alpha Centauri-System«,
stellte Eleonore fest. »Die CASSIOPEIA befand sich in Alpha Centauri, als
in unserer Zeitlinie die Anomalie ausbrach. Möglicherweise können wir so
zurück in die unsere.«
»Vielleicht könnten wir ja in eine andere Zeitebene wechseln. Ich hätte
jedenfalls keine Ahnung, wie wir unsere finden könnten. Versuchen wir es
also.«
Ich beschleunigte die NOVA und verließ den Orbit der Erde. Der blaue
Planet sah friedlich aus – jetzt, wo die Menschheit beinahe ausgelöscht war.
Der Flug ins Alpha Centauri System dauerte weniger als eine Stunde . Es
war seltsam, denn es fühlte sich so an, als wäre ich die Strecke der 4,3
Lichtjahre schon einmal im Traum geflogen. Eine verblasste Erinnerung als
Raumherr des Germanischen Reiches an Bord seines HAUNEBU-
Schlachtkreuzers spukte im Hinterkopf herum.
Das blaue Leuchten des Artefaktes wurde intensiver, als wir die
Temporale Anomalie erreichten. Vor uns lagen Tryortan-Schlünde.
Mehrfarbige Schlieren zogen ihre Bahnen und Blitze zuckten vor uns. Jede
Schliere und jeder Blitz schien ein Portal in eine andere Zeit zu sein. Doch
welche sollten wir nehmen?
Ich sah Eleonore an.
»Wo auch immer wir landen. Immerhin gehen wir zusammen.«
Sie lächelte und wusste offenbar mit meinem romantischen Ansatz nichts
anzufangen.
Ich steuerte auf eine violette Schliere zu und flog hinein. Hinein ins
Ungewisse.
7. Der gefallene Pilot
Perry Rhodan stand im Licht des Mondes und der Sterne. Dort, wo er
eigentlich hätte sein sollen. Doch irgendetwas war schiefgelaufen, und nun
befand ich mich mit dem ehemaligen Astronauten der US-Space-Force in
einem Tagebaubetrieb nahe der Stadt Köln. Unser Treffen war geheim, denn
wir beide hatten etwas zu befürchten.
Nicht nur du!
Ach ja, und dann war da auch noch Harry. Harry war meine innere
Stimme. Vielleicht war ich auch hochgradig schizophren. Innere Stimme
klang jedenfalls besser.
Seit ich vor einigen Tagen Köln erreicht hatte, war ich gejagt und
angegriffen worden. Der Chef der IIA höchstpersönlich, Allan D. Mercant
hatte mir gedroht. Mein Leben stand auf dem Spiel. Irgendetwas sagte mir,
dass auch Perry Rhodan gerade nicht auf der Sonnenseite des Lebens stand.
Vielleicht konnten wir uns gegenseitig weiterhelfen.
»Darf ich nun wissen, weshalb Sie mich treffen wollten, Mister Olaf
Peterson?«
»Sie sind Perry Rhodan?«
Der Mann zeigte den Ansatz eines Lächelns.
»Wäre ich sonst hier?«
Er zog seinen Ausweis aus der Hemdtasche und reichte ihn mir. Ich sah
mir das kleine Dokument an, aber es war zu dunkel. Ich entzifferte den
Namen Perry Rhodan, und auch das Bild schien zu passen. Es hätte auch
gefälscht sein können. Den Unterschied würde ich nicht bemerken.
»Danke sehr, Mister Rhodan. Ich möchte nur wissen, was Sie während
Ihrer Mondumrundung gefunden haben, sodass Sie und Bull von der
Mission abgezogen worden sind.«
»Hm, Sie haben eine gute Kombinationsgabe. Doch warum sollte ich
Ihnen das erzählen? Sie sind ein drittklassiger Reporter in Berlin und ich
würde Hochverrat begehen.«
Na wenn schon, dann zweitklassig, meinte Harry. Ich selber empfand
meine Arbeit stets als erstklassig. Ich berichtete Rhodan von meiner
Begegnung mit Allan D. Mercant, dem Tumult mit den russischen Agenten
und der täglich schlechter werdenden politischen Lage.
Wolltest du nicht Rhodan ausfragen? Harry verstand nicht, dass Rhodan
mir vertrauen musste. Wir standen in einer dunklen Sommernacht in der
gigantischen, mehrschichtigen Grube eines Tagebaus, weil wir uns
fürchteten, entdeckt zu werden. Jeder hatte etwas zu verlieren. Im
schlimmsten Fall das Leben.
»… doch, lieber gebe ich mein Leben und rette die Menschheit, als dass
ich zusehe, wie unser Planet untergeht. Mir ist klar, dass Sie etwas auf dem
Mond gesehen haben. Nicht umsonst waren alle Geheimdienste hinter mir
her
Rhodan ging auf mich zu. Ich zuckte kurz zusammen, dann behielt ich
meine Fassung. Es konnte ja alles passieren. Rhodan schritt an mir vorbei
und ich nahm das als Angebot an, gemeinsam mit ihm etwas herum zu
gehen.
»Selbst,wenn ich Ihnen etwas erzähle würde und wir bereit wären, unser
Leben zu opfern ... Wie gedenken Sie mit den Informationen umzugehen?«
»Nun, ich werde alle Zeitungen, Radiosender und Fernsehsender
informieren. Keiner bekommt das exklusiv. Das ist für alle bestimmt, damit
es schnell die Runde macht.«
Rhodan nickte leicht und blickte in den Himmel.
»Was schlummern dort oben nur für Möglichkeiten für die Menschheit?«,
fragte sich Perry Rhodan leise.
Ich spürte, dass wir ähnlich tickten. Auch ich blickte in den Himmel und
sah die unzähligen Sterne und Galaxien, die erhaben über unseren winzigen
Köpfen funkelten. Wäre ich in der Vergangenheit nicht so ein Feigling
gewesen und die Raumfahrt etwas komfortabler, so hätte ich mich auch als
Astronaut gemeldet. Nach der Überwindung der Erdanziehungskraft,
welche sicherlich nicht angenehm war, musste es einfach wundervoll sein,
durch den Weltraum zu fliegen, Kurs auf eine fremde Welt zu nehmen.
Der Mond, Mars, Saturn, Pluto es gab viele Ziele in unserem
Sonnensystem. Sicherlich war keiner davon ein Ausflugsziel, doch sie alle
waren andere Planeten, fremde Welten. Reisen, wohin noch nie ein Mensch
zuvor gereist war. Dieses Gefühl, ein Pionier zu sein, ein Entdecker zu sein
– das war unbezahlbar.
»Dort oben kommen wir unserem Schicksal näher«, sagte ich. Das klang
hohl, das wusste ich auch. »Wir erweitern unseren Horizont, unser Wissen,
die Seele und das Herz. Welche Potenziale schlummern dort? Nun, ich
denke, dass die Erforschung des Weltraums essentiell für den Fortbestand
der Menschheit ist.«
»Exakt, Mister Peterson! Wenn die Menschen erkennen, dass wir nicht
allein im Universum sind, wenn die Menschen die Wunder des Kosmos
sehen könne, dann würden sie auch zueinander finden und ihren Krieg
untereinander beenden.«
»Dieser Krieg steht uns noch bevor«, flüsterte ich.
Als Reporter war das eigentlich eine tolle Nachricht. Krieg bot täglich
Nachrichten und damit einen vollen Geldbeutel. Abgesehen von dem
moralischen Dilemma würde dieser Krieg kein regionaler
Stellvertreterkrieg im Dschungel oder in der Wüste sein. Dieser Krieg
würde uns alle betreffen, denn sie würden Atombomben einsetzen. Die
menschliche Zivilisation würde untergehen.
Rhodan blieb stehen. Er schmunzelte.
»Schon als kleines Kind interessierte ich mich für den Weltraum.
Weihnachten 1946 bekam ich einen Sternenatlas und verbrachte viel Zeit
mit Dad auf dem Case Mountain, um die Sterne zu studieren. 1947
schenkten meine Eltern mir ein Spiegelteleskop. Schon immer war mein
Blick in den Weltraum gerichtet.«
Rhodan setzte seinen Weg fort.
»Die Menschen sind zu so viel fähig, doch sie bekämpfen sich lieber
selber«, erklärte er. »Neid, Gier und Rassismus prägen unsere Gesellschaft.
Es fehlt den Menschen, die zweifellos tatkräftig sind, an Visionen.«
Versuchte Rhodan die Menschen in Schutz zu nehmen?
Dieser Rhodan ist ein Philanthrop. Rechtfertigen fehlende Visionen Mord
und Totschlag? Die Bereitschaft, jeden auszulöschen, weil er nicht der
eigenen Meinung ist? Die Menschen sind im Kleinen wie im Großen
egozentrisch und zutiefst verdorben, ätzte Harry.
»Gier, Egoismus und das Streben nach Macht wird durch eine Vision nicht
verschwinden«, antwortete ich.
»Nein«, meinte Rhodan. »Nicht über Nacht. Vielleicht über
Generationen.«
Er seufzte und blieb erneut stehen. Mit dem rechten Fuß schob er etwas
Sand von links nach rechts und wieder zurück.
»Sie wollen also wissen, was ich auf dem Mond entdeckt habe und warum
ich von dem Unternehmen Stardust abgezogen wurde?«
Ich nickte. Rhodan blickte mich mit seinen wasserblauen Augen prüfend
an. Er überlegte wohl, ob er mir vertrauen konnte. War ich denn in der Lage
die Informationen, die er mir geben würde, tatsächlich richtig einzuordnen?
Sag es ihm doch, drängte Harry.
Was denn? Ach das? Als ob er sich dran erinnern würde.
Gemeinsamkeiten verbinden.
Diesmal war ich es, der stehen blieb und Rhodan mit einem feinen
Lächeln anblickte.
»Nun, Rhodan, Sie sind jedenfalls schon immer ein Querdenker gewesen.
Sie erinnern sich nicht, aber 68 in Paris ...«
Rhodan starrte mich ungläubig an.
»Veronique? Hast du dich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen?«
»Was?«
Was zum Teufel faselte Rhodan da? Der winkte nun ab und lachte.
»Kleiner Scherz. Ich habe Sie doch hoffentlich nicht verprügelt, wenn Sie
die Demonstration meinen. Damals tat ich, was ich für richtig hielt. Der
Einsatz von Gas gegen Studenten war ein Verbrechen. Und das konnte ich
der Polizei ja schlecht melden, die ja verantwortlich dafür war
Ich winkte ab.
»Ich war ein Reporter, den Ihre Freunde davon abhielten, seine Arbeit zu
machen.« Rhodan sagte nichts und schmunzelte nur. »Ich fand Ihren
Einsatz halt couragiert.«
»Genug des Lobes, Olaf!«
Rhodan seufzte und betrachtete die Bahnen im Tagebau.
»Der Mensch ist zu großen Leistungen fähig, wie wir hier sehen. Und
trotzdem könnten wir vermutlich mit viel weniger Aufwand irgendwann
Energie erzeugen. Wir müssten nur dort oben hin. All die Welten bieten
sicher eine Lösung.«
Er wandte sich wieder mir zu.
»Also gut. Als wir den Mond umrundeten und Fotos machten, kam es zu
einem Zwischenfall. Die Bordcomputer und der Funk fielen aus, und ich
musste das Schiff manuell in der Umlaufbahn des Mondes halten. Nach ein
paar Minuten war das Phänomen vorbei, wir beendeten die Umrundung und
kehrten planmäßig auf die Erde zurück .«
Rhodan berichtete, dass er und Reginald Bull die Entwicklung der Bilder
in einer engen, mit Rotlicht beleuchteten Kammer tief in einem US-Space-
Force Komplex in Nevada selber vorgenommen hatten. Eigentlich hatte es
für so etwas einen Filmentwickler gegeben, der aber plötzlich erkrankt war.
Rhodan und Bull hatten sich nichts dabei gedacht bis sie auf den Bildern
etwas gefunden hatten, was sie nicht erwartet hatten.
Mr. POTS Roboter von Raimund Peter
»Was wir beide dort sahen, war ein rundes metallisches Objekt mit einem
Durchmesser von ungefähr 500 Metern. Wir gingen sofort zu unserem
Kommandanten Lesly Pounder und zeigten ihm die Aufnahmen. Ich war
überzeugt, dass es sich um ein Raumschiff handelte und schlug Pounder
vor, dass wir genau dort landen sollten. Es war eine einmalige Chance für
die Menschheit. Ich riet ihm, mit dem Ostblock und der Asiatischen
Föderation zu sprechen, um eine gemeinsame Expedition zu organisieren.
Doch ich war naiv
Rhodan trat gegen einen kleinen Stein, der ein paar Meter weit flog.
»Ich wurde aufgrund emotionaler Instabilität und mangelnder
Entscheidungskompetenz schon wenige Stunden später abgezogen. Es kam
zum Streit, bei dem Bully beleidigend wurde und auch er wurde versetzt.
Die zweite Mannschaft rückte in den Vordergrund. Michael Freyt und Rod
Nyssen ersetzten uns. Eric Manoli war nicht glücklich darüber, er blieb
aber, da er sich als Bordarzt verpflichtet fühlte. Ebenfalls Clark G. Flipper
als vierter Mann.«
Ein Raumschiff? Ich hörte Rhodans Story mit Interesse, doch seine erste
Aussage beherrschte meine Gedanken. Ein fremdes Raumschiff auf dem
Mond? Das klang so abenteuerlich wie in einem Groschenroman. Auf dem
Mond gab es doch nichts, was für Aliens von Bedeutung sein konnte. Ja, er
war für uns Menschen ein wichtiger Meilenstein zur Erkundung des
Weltraums, doch warum sollte ich als außerirdische Intelligenz auf einem
Gestirn ohne Atmosphäre landen?
Vielleicht sind diese Außerirdischen ja anders als die Menschen. Sie
brauchen keine Atmosphäre und freuen sich, in einer Kraterlandschaft zu
leben.
Sehr unwahrscheinlich.
Rhodans Aussagen würden jedenfalls erklären, wieso alle durchdrehen.
Wenn die STARDUST Kontakt zu den Aliens aufgenommen hat, dann
wollen der Ostblock und die Asiatische Föderation auch etwas davon
wissen. Das Gleichgewicht der Macht wird nun zu den USA hin
verschoben. Und das ist eine Gefahr.
»Wie ist der Name Ihres inneren Gesprächspartners?«, fragte Rhodan.
Ich zuckte zusammen. Woher wusste er das? Was sollte ich tun?
Antworte ihm einfach, riet meine innere Stimme.
»Der Name lautet Harry. Sie denken bestimmt, ich bin völlig verrückt.«
»Medizinisch nennt man das Schizophrenie. Vielleicht ist Harry auch ein
vergeistigtes Wesen und wir stufen nur alles als krank ein, was wir nicht
verstehen. Es gibt mehr im Weltraum, als wir uns vorzustellen vermögen
und nicht verstehen. Ich verurteile Sie nicht oder stufe Sie nicht als
Geisteskranker ein, sollte das Ihre Befürchtung sein.«
»Danke, doch woher wussten Sie das?«
»Ihre Pausen waren auffällig lang, so als ob Sie noch mit jemand anderen
besprechen würden.«
Ich nickte nur, während Rhodan seine Geschichte weitererzählte.
»Jedenfalls wurden Bully und ich zur US Air-Force auf eine Basis in
Deutschland versetzt. Den Rest kennen Sie ja.«
»Was glauben Sie, was die dort gefunden haben und was Sie damit
gemacht haben?«, wollte ich wissen.
Rhodan machte eine abschätzende Geste.
»Wenn ich recht habe, dann ein havariertes Raumschiff einer
außerirdischen Zivilisation. Da sie uns technologisch überlegen zu sein
scheinen, müssen sie wohl angeschlagen sein. Sonst könnten sie doch
einfach den Mond wieder verlassen.« Er überlegte kurz. »Nein, sie sitzen
dort fest. Vermutlich gab es ein Gefecht, was die Funkstille begründet.
Dann haben Freyt und sein Team offenbar die Oberhand gewonnen und die
Besatzung des fremden Schiffes auf die Erde gebracht.«
»Auf die Erde? Demnächst erzählen Sie mir noch, in wären in der Area-
51.«
»Das wäre gut möglich. Zumindest in eine Basis in Nevada.«
»Wie wäre es, wenn wir in die Station einbrechen?«
Rhodan winkte ab.
»Dafür bräuchte man eine Armee oder die besten Spione der Welt. Alles,
was wir machen können, ist die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam
machen. Sie müssen wissen, dass wir vermutlich nicht allein im Universum
sind, und die USA müssen gezwungen werden, die UNO zu informieren
und mögliche Gefangene oder Technologien an die Vereinten Nationen
auszuhändigen. Nur so können wir einen Krieg verhindern.«
Ich dachte darüber nach. Rhodan hatte recht. Der Ostblock und die
Asiatische Föderation mussten in ihrem eigenen Interesse unter allen
Umständen verhindern, dass die USA die Technologie der Aliens für sich
beanspruchte. Aber erst einmal mussten sie es ja wissen. Die Welt war
politisch und ideologisch zweigeteilt. Ein Gleichgewicht dieser Kräfte, die
alle Atomwaffen besaßen, der sogenannte Kalte Krieg, verhalf dazu, dass es
zu keinem Krieg kam. Jede Seite musste sonst damit rechnen, selber
ausgelöscht zu werden. Doch wenn nun die USA an Alientechnologie kam,
wer sagte nicht, dass nicht irgendein Hardliner an die Macht kommen und
einen Krieg beginnen würde? Die Russen und Chinesen wollten keineswegs
ins technologische Hintertreffen geraten. Sie mussten handeln. Ein
frühzeitiger Angriff war aus deren Sicht vielleicht die beste Chance auch
wenn das bedeutete, dass es zu einem Dritten Weltkrieg kommen würde.
»Haben wir denn Beweise?«, wollte ich schließlich wissen.
Rhodan zog aus seiner Manteltasche einen Umschlag.
»Das sind Kopien und Negative der Fotos, die wir bei der Umrundung
gemacht haben. Das sollte reichen, um die Neugierde zu wecken und eine
UN-Vollversammlung einzuberufen.« Rhodan reichte mir den Umschlag.
»Nutzen Sie Ihre Kontakte bei der Presse. Je eher das in den Nachrichten
steht, desto besser
Mir fiel sogleich ein Kontakt beim Kölner Stadtanzeiger ein. Ich blickte
auf die Uhr. Es war 01:25 Uhr. Der Druck konnte noch gestoppt werden.
Ich musste zurück nach Köln, um mit ihm zu reden. Wie war sein Name
nochmal? Enrico irgendwas. Deutschitaliener oder so.
Nachdrücklich schob Rhodan den Umschlag in meine Hände.
»Ich vertraue Ihnen … beiden.«
Rhodan schmunzelte, nickte mir zum Abschied zu und machte dann kehrt
und verschwand kurz darauf im Dunkel der Nacht. Ich sah ihm hinterher,
bis auch die Umrisse nicht mehr zu erkennen waren.
Was wäre wohl passiert , wenn Perry Rhodan seine Mission auf der
STARDUST hätte beenden können?
Was hätte Perry Rhodan gemacht, wenn er die Aliens auf dem Mond
angetroffen hätte?
8. Brisante Veröffentlichung
Es war 3 Uhr morgens, als mir jemand die Tür zum Verlagsgebäude des
Kölner Stadtanzeigers öffnete.
»Enrico, danke«, sagte ich nur.
Der Mann mir gegenüber war schlank, fast schon dürr. Sein braunes Haar
war lang. Er würde wohl als Hippie durchgehen. Er führte mich zur
Redaktion. Um diese Uhrzeit waren wir alleine, doch ich hörte die
Geräusche der Druckerei. Eilig setzte ich mich auf einen Stuhl, zündete eine
Zigarette an und wählte die private Telefonnummer von Björn Lessing.
Nach einer Weile ging Lessing endlich ans Telefon.
»Ich habe mit Rhodan gesprochen. Er hat ein außerirdisches Raumschiff
entdeckt und mir Fotos als Beweis geliefert. Das wird das große Geheimnis
sein. Die Welt muss davon erfahren.«
Stille, dann Lachen.
»Mensch Olaf, dafür kriegen wir den Pulitzerpreis. Hör zu, ich telefoniere
mit dem Kölner Chefredakteur. Das muss groß angelegt werden. Schreib
die Story. Beeile dich, es ist schon 3 Uhr. Um 4 Uhr muss alles in den
Druck. Ich werfe einen letzten Blick drauf.«
Innerhalb einer halben Stunde füllte sich die Redaktion mit Journalisten
und Reportern. Ich faxte meinen Entwurf an die Berliner Morgenpost. Ich
fühlte mich gut und war aufgeregt. Ich wusste, es war das Richtige.
Vielleicht verhinderten wir einen Dritten Weltkrieg, wenn die Menschen die
Wahrheit kannten. Die USA konnte diese Entdeckung nicht runter spielen.
Sie musste Rede und Antwort stehen. Ich schloss meinen Artikel mit den
Worten:
Die Tatsache, dass wir Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation
haben, beweist, dass wir nicht allein im Universum sind. Sofort erscheinen
unsere Konflikte und unsere Ideologien kleinlich und unwichtig. Wenn wir
Teil einer kosmischen Gesellschaft sein wollen, dann müssen wir als
Menschheit zusammenwachsen und mit einer Stimme friedlich sprechen.
Ich war müde. Ein paar Stunden Schlaf würden mir sicher guttun. Es gab
einen Ruheraum in der Redaktion mit einer Couch. Die würde reichen. Ins
Hotel konnte ich nicht zurück, denn dort würden Agenten der IIA auf mich
warten.
Die ersten Sonnenstrahlen auf meiner Haut weckten mich. Ich brauchte ein
paar Momente, um mich zu orientieren. Dann wusste ich wieder, dass ich
auf einer Couch in einem Nebenraum der Redaktion des Kölner
Stadtanzeigers lag. Auf dem Tisch lag schon die Zeitung von heute, dem 7.
August 1971.
Ich war aufgeregt, wie ein Schuljunge. Ich sprang förmlich auf und packte
die Zeitung. Und dann erstarrte ich: »NATO hat den Schlüssel zur
Weltmacht Ostblock und Asiatische Föderation haben ausgespielt.« Der
Leitartikel war nicht der von mir. Es stand Björn Lessing darunter. Dieses
Arschloch! Er schrieb von der Entdeckung von Aliens, dem Landesverrat
von Perry Rhodan und zeigte Fotos. Lessing schrieb die Empfehlung aus,
die Technologie der Aliens zu nutzen, um den Sieg des Kapitalismus und
des Westens zu zementieren. Er schrieb wörtlich »Die Kommis und Roten
haben ausgespielt.«
Ich zerknüllte die Zeitung. Das war doch eine Kriegseinladung. Wütend
lief ich aus dem Zimmer. Enrico passte mich ab und drückte mich zurück
ins Zimmer.
»Es ist gefährlich hier. Lessing hat dich verraten. Du musst
verschwinden.«
Enrico drückte mir Schlüssel in die Hand.
»Das ist meine Wohnung, Luisenstraße 3. Warte dort auf mich.«
Ich verließ das Gebäude über einen Hinterausgang . Ich konnte es einfach
nicht fassen.
Der Weg zu Fuß würde etwa eine Dreiviertelstunde dauern. Doch das war
sicherer, als ein Taxi oder den Bus zu nehmen. Ich blieb an einem Café
stehen. Im Fernsehen brachte Das Erste eine Sondersendung, die von Karl-
Heinz Köpcke sachlich moderiert wurde. Experten und Politiker
diskutierten die Neuigkeiten. Der Ostblock forderte umgehend die
Auslieferung der außerirdischen Technologien. Die Asiatische Föderation
verlangte eine UN-Sondersitzung, und bestanden darauf, die
Außerirdischen oder deren Technologie in neutrale Hände zu geben. Beide
sprachen von der ernsten Bedrohung der Menschheit durch die
kapitalistische Gier. Der russische General-Staatssekretär Leonid
Breschnew betonte, dass die UdSSR alle zur Verfügung stehenden Mittel
nutzen werde, um ihre Interessen zu schützen. Der Präsident Chinas, Mao
Tse-tung, erklärte, dass die Zeit nun der wichtigste Faktor sei. Je länger eine
Weigerung der USA zur Kooperation dauerte, desto mehr stieg die
Wahrscheinlichkeit, dass die Asiatische Föderation und der Ostblock
handeln mussten.
Aus dem Weißen Haus war bis dato noch keine offizielle Stellungnahme
zu hören. Der US-Präsident Richard Nixon zögerte. Wieso nur? Bob
Haldman, der Stabschef unter Nixon stand vor dem legendären Pult im
Weißen Haus und erzählte nichtssagende Anekdoten. Es war eine
Hinhaltetaktik. Vermutlich überlegten Nixon, John Ehrlichman und Henry
Kissinger, was sie tun sollten.
Ich pfiff erst einmal auf die Bude von Enrico und setzt mich ins Café.
Eine Kellnerin mit lockigen, blonden Haaren in einem bauchfreien Top
nahm die Bestellung eines großen Kaffees entgegen. Ich platzierte mich so
nah am Fernseher, wie es ging. Erstaunlicherweise waren nicht so viele
Leute interessiert, wie ich es angenommen hatte.
Die Dummen erkennen ihr Ende erst wenn es fünf nach Zwölf ist. Sie
zeigen noch auf den Atompilz und rufen, schau mal, Liebling …
Harry konnte mit seinem Sarkasmus richtig liegen.
Nun endlich tat sich was im East Room. Ich schaute gebannt auf den
Fernseher. Nixon und Kissinger betraten die Bühne. Der Präsident stellte
sich hinter das Podium und räusperte sich.
»Wir wurden heute von den Nachrichten überrascht. Ein inzwischen
ehemaliger Major der US-Space-Force und der US-Air Force mit dem
Namen Perry Rhodan hat uns alle einen Bären aufgebunden. Er war bei der
Mondmission nicht dabei und weiß also auch nicht, was die Besatzung der
STARDUST gefunden hat. Es waren aber sicher keine Aliens, oder Mister
Kissinger?«
»Nein, Sir, ich habe in Area-51 heute Morgen keinen Kaffee mit einem
Alien getrunken. Sie etwas, Sir?«
Nixon schüttelte den Kopf.
»Wir wollten warten, bis wir sicher sind. Die Besatzung der STARDUST
hat ein sehr, sehr altes Raumschiff einer uns unbekannten Spezies entdeckt,
welches schon vor Ewigkeiten auf dem Mond abgestürzt sein muss. Das
wird noch genauer untersucht. Um es vorweg zu nehmen an, und das ist
besonders an unsere Freunde aus der UdSSR und der Asiatischen
Föderation gerichtet: Wir haben keine Technologie gefunden, die uns einen
Vorteil verschaffen würde. Unsere Wissenschaftler werten das Material aus,
doch es sind sicherlich keine phantastischen Energiequellen oder
gigantischen Laserkanonen, wie Sie befürchten. Es ist alles viel harmloser,
als man es vermuten würde. Natürlich werden wir mit den Vereinten
Nationen kooperieren und nach einer eingehenden Prüfung unsere
Ergebnisse vorlegen.«
Tigernest in Bhutan – auch Taktshang genannt – von Roland Wolf
Er machte eine Pause und schürzte die Lippen. Dann fuhr er fort: »Wir
bitten aber auch zu akzeptieren, dass dieses fremdartige Material von
Amerikanern entdeckt wurde und wir uns vorbehalten, alles erst einmal in
Ruge selber zu analysieren. Eventuelle Errungenschaften würden wir bei
gegebener Zeit sicherlich unseren Partnern der NATO zur Verfügung
stellen.« Und nun blickte er ernst in die Kamera. »Spionageversuche
werden nicht toleriert. Und sollte jemand auf den Gedanken kommen, die
USA anzugreifen, werden wir antworten. Und die Antwort wird nuklear
sein.«
Nixon hatte seine Rede beendet. Mir war nicht wohler danach. Natürlich
würden sich Breschnew und Mao Tse-tung damit nicht zufriedengeben. Ich
trank erst einmal das heiße Getränk. Im Fernsehen diskutierten die Experten
und Politiker weiter. Es wurden Szenarien besprochen, was passieren
würde, falls die Situation eskaliert. Im Grunde genommen war dann alles
vorbei. Die Interkontinentalraketen konnten innerhalb weniger Minuten
jeden Punkt der Welt erreichen. Deutschland war natürlich im Arsch. Die
Atomraketen aus der DDR waren innerhalb von zwei Minuten in Bonn,
Köln, Hamburg, München oder Frankfurt. Der Ostblock war im Besitz von
20.000 Atomraketen, die USA besaß vielleicht 18.000. Das reichte, um die
Erde mehrmals auszulöschen. Die größte Atombombe besaß die UdSSR mit
der Zarbombe. Mit 100 Megatonnen war die einfach nur gewaltig.
Wenn eine 100 MT Atombombe über Bonn detoniert, so würde der Radius
des Feuerballs 6,71 Kilometer betragen. Der Radius der Explosion würde
32,6 Kilometer betragen. Sogar weite Teile von Köln würden zerstört
werden. Die Gebäude würden einfach einstürzen, Feuer würden ausbrechen
und dann kommen noch die Verbrennungen durch die Hitze der
Explosion. Zwar würde Leverkusen noch stehen, doch durch die Hitze
würden die Menschen Verbrennungen dritten Grades bis nach Düsseldorf
erleiden. Sogar bis in Bottrop würden die Auswirkungen der Explosion
noch zu spüren sein. Natürlich werden die Russen keine 100 MT auf Bonn
werfen. Um Bonn und Köln zu vernichten, reicht auch eine 5 MT Bombe
oder je eine Kleinere.
Die Erläuterungen von Harry waren wenig beruhigend. Ich schaute noch
eine Weile Fernsehen. Die Antwort von Leonid Breschnew folgte eine
halbe Stunde nach Nixons Rede. Er unterstellte den USA auf Zeit zu spielen
und wichtige Informationen vorzuenthalten. Die Sowjetunion und der
gesamte Ostblock würden den technologischen Wettlauf nicht verlieren und
alles tun, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Mao Tse-tung stellte
den USA ein Ultimatum bis zum 9. August. Außerdem kündigte er neue
Mondmissionen an.
Die Antwort der USA folgte dann auch wieder recht schnell. Sie
untersagte der Asiatischen Föderation und China eigenmächtige
Mondmissionen. Als ob der Mond der Besitz der Amerikaner wäre.
Die UNO hingegen appellierte an Ruhe und Geduld und berief für den 8.
August eine Dringlichkeitssitzung ein.
Ich zahlte und wollte aufstehen, als sich zwei Leute zu mich setzten. Beide
blickten mich grimmig an. Ich erkannte sie sofort. Es waren Perry Rhodan
und Reginald Bull.
»Mister Peterson, wir müssen dringend reden«, sagte Rhodan.
9. Schusswechsel und Flucht
»Schmierfink«, rief Reginald Bull wütend und warf die Zeitung auf den
Tisch. Die Gäste in dem Café blickten uns schon ungläubig an, was mir
weniger peinlich war, doch wir erregten zu viel Aufmerksamkeit.
»So lautete unsere Vereinbarung nicht«, sagte Perry Rhodan.
Die beiden Piloten setzten sich zu mir und starrten mich aufgebracht
nieder. Ich konnte sie ja verstehen. Sie waren zurecht wütend auf mich.
Schweigend öffnete ich meinen Koffer, holte den Originalartikel heraus und
legte ihn auf den Tisch.
»Das habe ich geschrieben. Mein Redakteur hat uns alle verarscht.«
Rhodan nahm das Papier und las es durch. Dann gab er es Bull, der einen
Pfiff ausstieß.
»Das ist gar nicht mal schlecht. Dann verhauen wir jetzt deinen
Redakteur?«
Ich musste lachen.
»Der sitzt in Berlin.«
Dann wurde ich wieder ernst. Wie sollte es jetzt nur weitergehen? Die
Mächte drohten mit Krieg. Es war egal, ob der Westblock oder der Ostblock
den Knopf zuerst drücken würden, die Menschheit würde am Ende
verlieren.
»Wir werden wohl alle drei gesucht«, stellte Rhodan nüchtern fest. »Dort
drüben stehen bereits Agenten der IIA .«
»Sollen sie nur kommen«, knurrte Bull und legte die Hand in seine Jacke.
Ich vermutete, er und Rhodan waren bewaffnet.
»Nicht doch, Dicker! Hier sind zu viele Zivilisten«, warf Rhodan ein.
Ein schwarzer Mercedes-Benz fuhr vor und hielt am Café. Rhodan und
Bull beobachteten das Auto wachsam und ich hatte einfach nur Angst.
Hauptsache nicht schon wieder dieser Allan D. Mercant.
Die Tür öffnete sich und Mercant stieg aus. Der Mann mit der
Halbglatze und dem Schnurrbart trug einen weißen Dreiteiler mit Krawatte.
Hinter ihm stieg ein Mann aus, den ich ebenfalls bestens kannte: Björn
Lessing. Mein Chefredakteur und der Geheimdienstchef der NATO
arbeiteten zusammen?
Mercant räusperte sich.
»Darf ich mich zu Ihnen setzen, meine Herren?«
»Nehmen Sie Platz«, antwortete Rhodan prompt.
»Guten Tag«, sagte Lessing gedehnt. »Ich denke, es ist ebenfalls genehm,
wenn ich hier Platz nehme.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte sich der Redakteur und ächzte
kurz. Er blickte auf seine Uhr.
»Es ist zwar noch nicht Vier, aber wider den bekannten Spruch möchte ich
ein Bier Er winkte die Kellnerin zu sich. »Fräulein? Seien Sie doch so
nettund bringen uns eine Spezialität Ihrer Stadt. Ein Kölsch, bitte.Ich nehme
an, die Herren trinken mit? Ach, bringen Sie uns einfach fünf Kölsch,
meine Liebe.«
»Ich nehme lieber einen grünen Tee«, wandte Mercant ein.
»Aber natürlich, für den Herren einen grünen Tee. Wie unachtsam von
mir
Lessing lachte. Es war wieder dieses grunzende, unangenehme Lachen.
Es wurde still, sah man von dem Gemurmel der anderen Gäste ab. Jeder
blickte verstohlen auf den Tisch. Lessing schob die Bierdeckel hin und her.
Nur Rhodan und Mercant blickten sich an.
»Das war sehr dumm von Ihnen, Major Rhodan«, sagte Mercant und sah,
wie eine Wespe auf dem Tisch landete. Reginald Bull nahm mein Skript
und holte zum Schlag aus.
»Nicht«, rief Mercant kurz aufgebracht. Bull hielt inne.
»Ach ja, der Tierliebhaber. Der drohende Untergang der Menschheit
scheint Sie ja nicht zu kümmern, aber das Wohlergehen einer Wespe.
Hoffentlich sticht Sie sie in Ihren Allerwertesten«, grollte Bull.
»Bully«, mahnte Rhodan.
»Ach, die Kölsch«, warf Lessing ein, als die Kellnerin zurückkam und die
Getränke verteilte.
Lessing erhob lächelnd das Glas.
»Prost«, rief er und leerte das kleine Glas mit zwei Zügen.
»Nun, Sie haben uns gefunden. Ich sehe jedoch keine amerikanische
Militärpolizei, welche für Bull und mich zuständig wären. Was haben Sie
also mit uns vor?«, wollte Perry Rhodan von dem Chef der IIA wissen.
»Was hätten Sie gemacht, wenn sie auf Außerirdische auf dem Mond
gestoßen wären und sie mit ihnen gesprochen hätten?«, stellte Mercant die
Gegenfrage.
Bully lehnte sich zurück und stieß einen Pfiff aus.
»Da Brat mir doch einer einen Storch. Wir lagen also richtig, Perry!«
Rhodan kratze sich am Nasenflügel und antwortete: »Wenn sie mit uns
gesprochen hätten, dann hätten wir sie zu einer friedlichen Zusammenarbeit
überzeugt. Wir hätten ihr Wissen und ihre Technik der gesamten
Menschheit zur Verfügung gestellt. Denn damit wäre eine neue Epoche für
die Menschheit angebrochen. Sie hätte begreifen müssen, dass wir nicht
allein im Universum sind und dass wir nur vereint den Weltraum erforschen
und seine Gefahren trotzen können.«
Die Kellnerin brachte den grünen Tee. Mercant süßte das Getränk und
verteilte mit dem Löffel die Zuckerstücke. Er atmete tief durch.
»Das ist genau das Problem, Rhodan! Dieses Wissen kann die USA nicht
mit dem Feind teilen.«
»Menschen sollten auf diesem Planeten keine Feinde mehr sein«, konterte
Rhodan.
Mercant lächelte abfällig.
»Das Wunschdenken eines naiven Idealisten. Die Realpolitik sieht anders
aus. Die Menschen sind nicht bereit dafür und Sie haben alles nur noch viel
schlimmer gemacht. Statt Geheimhaltung müssen wir nun in die Offensive
gehen. Die USA und ihre NATO-Bündnispartner müssen nun als
Machtblock Nummer Eins angesehen werden und sich behaupten. China
und Russland müssen Angst vor uns haben, sonst funktioniert die
Abschreckung nicht. Wir müssen jetzt die Suppe auslöffeln, die Sie und Ihr
Reporterfreund uns eingebrockt haben.«
Rhodan wirkte gelassen.
»Die Agenten des Ostblocks und der Asiatischen Föderation waren ihnen
doch schon vorher auf die Spur gekommen. Sie suchen Sündenböcke für
Ihre Geheimniskrämerei, die sich von IIA über MI6, BND und CIA
erstreckt hat. Sie belügen die Bewohner dieses Planeten und sind brüskiert,
wenn Sie dabei ertappt werden.«
»Sie wissen nicht, wie die Welt tickt«, warf Mercant ihm vor.
Rhodan schmunzelte. Er nahm das Kölsch und trank es aus.
»Sie wussten es mal, Mercant. Doch Sie haben nicht begriffen, dass die
Menschheit weitergehen muss. Eine Demokratie darf sich doch nicht wie
ein Regime aufführen. Doch genau dorthin sind wir abgedriftet. Feuer mit
Feuer bekämpfen ist zu Ihrer Ideologie geworden. Das ist der falsche Weg!«
Mercant nahm einen Schluck von seinem Tee. Die Wespe schwirrte
wieder zwischen den Gläsern umher.
»Fräulein, noch eine Runde Kölsch bitte«, orderte Lessing. »Aus den
Reagenzgläsern ist das so schnell leer«, entschuldigte er sich.
»Was würden Sie jetzt tun, Rhodan?«
»Die UNO in alles einweihen und eine öffentliche Konferenz mit dem
Ostblock und der Asiatischen Föderation machen. Seien Sie ehrlich und
präsentieren Sie das, was Freyt und die anderen vom Mond mitgebracht
haben. Übergeben Sie das der UNO.«
»Ich bin Sicherheitschef der NATO und nicht der Präsident der
Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn die sich weigern?«
»Sie genießen großes Ansehen. Der Präsident wird auf sie hören«, sagte
Rhodan fast schon schmeichelnd mit einem Lächeln. Dann wurde er wieder
ernst. »Die Alternative wäre eine Spirale des Misstrauens, die im
Atomkrieg eskaliert.«
Die Brünette brachte den Nachschub,
»Es ist gut, dass Mister Mercant ein vernünftiger Mann ist und nicht auf
Sie hört, Herr Rhodan.« Lessing leerte sein Bier wieder in zwei Zügen,
bevor er fortfuhr. »Immerhin habe ich das selber auch erkannt und ihn
informiert. Olaf, Ihr Artikel war völliger Mist. Sie sollten lieber
Kinderbücher schreiben. Ich konnte mich noch nie mit diesem Hippie-
Peace-Zeug anfreunden.«
»Die STARDUST hat ein Raumschiff auf dem Mond gefunden. Freyt und
Nissen sind mit dem Mondvehikel dorthin gefahren. Doch diese Arkoniden
wollten sie nicht wieder gehen lassen. Eine starrsinnige Frau namens Thora
und ihr alter kranker Onkel namens Crest befehligten ein Schiff, auf dem
der Rest der Crew degeneriert war. Sie hielten Funkkontakt, da ihr
Raumschiff gestrandet war. Sie brauchten also unsere Hilfe. Während der
Tage des Kontaktabbruchs schickten wir die GREYHOUND zum Mond.
Sie war bewaffnet und wir drohten ihnen ein bisschen. Daraufhin ließen sie
Freyt und Nissen frei und verschanzen sich weiterhin auf dem Mond.«
Was Mercant erzählte, was phantastisch. Der Erstkontakt mit einer
fremden Zivilisation namens Arkoniden war der vielleicht größte Moment
in der Geschichte der Menschheit. Und diesen versuchten sie zu vertuschen.
Es gab also keine Technologie in deren Besitz. Nur das Wissen um den
Standort von Außerirdischen auf unserem Mond.
»Lassen Sie mich mit den Arkoniden reden und verhandeln«, schlug
Rhodan vor. »Wir stellen eine Crew mit Bull und mir sowie einem Vertreter
des Ostblocks und der Asiatischen Föderation zusammen. Internationaler
geht es nicht. Sie erwähnten, sie sind gestrandet, also brauchen sie vielleicht
unsere Technologie. Sie sagten, einer sei krank. Vielleicht können wir ihnen
helfen. Oder sie leiten uns ans, damit wir Technik und Medizin für sie
produzieren. Verdammt, Mercant, das ist die Chance für die Menschen!«
Lessing zündete sich eine Zigarette an und lachte.
»Rhodan, Sie sind wir ein windiger Aal, der seinen Hals aus der Schlinge
ziehen will. Sie werden wegen Hochverrat hinter Gittern gesperrt. Und
lieber, Olaf, für dich sieht es auch nicht viel besser aus.«
»Nun, ich neige dazu, mit dem Präsidenten zu sprechen«, sprach Mercant
mit Bedacht. Lessing fing an zu husten. Er starrte zu Mercant.
»Vielleicht haben sie recht, Rhodan. Vielleicht ist ihr Weg der beste. Doch
die letzte Entscheidung liegt beim Präsidenten der Vereinigten Staaten.«
Mercant nahm einen Schluck Tee und blickte plötzlich entsetzt in die
Runde. Er röchelte und fasste sich an die Kehle. Er zitterte, bekam jedoch
kein Wort mehr raus.
»Oje, das muss die böse Wespe gewesen sein«, meinte Lessing. Rhodan
sprang auf, während Mercant von seinem Stuhl rutschte. »Einen
Luftröhrenschnitt. Bully, hilf mir
Ich war wie paralysiert. Lessing stand ruhig auf, zog aus seiner
Jackettasche eine Pistole. Ich wollte noch etwas rufen, doch er schoss zuerst
Bull in die Brust und dann Rhodan in den Rücken. Ich starrte Björn Lessing
entsetzt an, wagte aber kein Wort zu sagen. Ich wusste, ich war der Nächste.
Die Gäste schrien und liefen weg.
Lessing sah mich an und grinste diabolisch.
»Nun lauf, Olaf! Lauf!«
Mach, was er sagt! Der knallt dich sonst auch ab, schrie Harry mental.
Lauf, Atlan! Lauf!
Apokalypse von Roland Wolf
10. Der Pakt mit der CACC
Die Tiefe des Chaos schien auf Thora wie eine endlose Aneinanderreihung
von Planeten zu sein, die wie eine Doppelhelix durch einen ihr
unbekannten, dunklen Weltraum gezogen waren. Noch nie hatte sie so
etwas gesehen und kein noch so intelligenter Wissenschaftler von Arkon
hätte sich das in seinen kühnsten Träumen ausdenken können. Welchen
Grund das überhaupt hatte, und ob das physikalisch überhaupt möglich war,
war ihr rätselhaft. Und doch war es da.
Sie befand sich an Bord der CASSIOPEIA. Einem Raumschiff, dessen
Kommandant die Positronik ENGUYN war. Thora war die Technologie
dahinter unbekannt, genauso wie der Erbauer der Positronik.
Sie war gefangen in einem Zeitchaos. Alles war einfach nur schrecklich.
Noch vor wenigen Tagen war sie machtpolitisch auf ihrem Zenit gewesen.
Sie war die Ehefrau des Beherrschers der Milchstraße, regierte als
Imperatrice des Quarteriums die arkonidischen Kolonien im Alleingang.
Natürlich war die Ehe mit Don Philippe de la Siniestro keine
Liebeshochzeit gewesen. Es war eine Zweckehe. Thora bot sie viele
Freiheiten. Aber das war nun alles vorbei.
Es hatte mit einer seltsamen Vision begonnen. Thora war eine andere
Thora gewesen und hatte einen Mann mit einer Maske getroffen. Sie hatte
das als Traum eingestuft, allenfalls als eine unheilvolle Vorahnung, denn zu
diesem Zeitpunkt hatte sich der quarteriale Raumschiffverband bereits in
der Temporalen Anomalie befunden.
Sie wusste inzwischen, dass diese Begegnung mit Alaska Saedelaere
vermutlich kein Traum war. Denn sie hatten sich in der Tiefe des Chaos
getroffen. Es war ein Omen gewesen. Vielleicht hatte sie das sogar selber
erlebt, als diese Zeitschlieren zwei Zeitlinien miteinander verbunden hatten.
Ihr Leben hatte sich seitdem grundlegend verändert. Sie galt seit dem Jahr
2043 als tot, nachdem ihr Verband in der Temporalen Anomalie
verschwunden war. Ihre Nachfolgerin war eine gewisse Mirona Thetin,
Herrscherin über die Galaxis Andromeda.
Thora fühlte sich machtlos und unbedeutend. Sie kannte ihren Mann. Don
Philippe de la Siniestro war machtbesessen und nur auf seinen eigenen
Vorteil aus. Diese Mirona schien klug und schön zu sein, wenn sie Guckys
Aussagen Glauben schenken durfte. Natürlich war das Thora selber auch,
doch Mirona herrschte über eine ganze Galaxis, Thora nur über einen
Kugelsternhaufen. In der Denkweise des Emperadors war diese Mirona
Thetin damit weitaus attraktiver. Zumal Thora nicht wusste, ob die
Arkoniden sich nach 3500 Jahren überhaupt noch an ihre ehemalige
Regentin erinnern würden.
Vielleicht die schlimmste Erfahrung neben ihrer Bedeutungslosigkeit war
dieses Verschmelzen mit der fremden Thora. Eine Frau, die ebenfalls im
Jahre 2043 gestorben war, deren Schicksal also dem ihren ähnlich war
und doch waren sie so verschieden. Diese andere Thora war so devot, und
ihr Herz schlug für diesen Perry Rhodan. Selbst als sie im Sterben lag,
dachte sie an Rhodan und sorgte sich um ihn und fragte sich, was aus ihm
und ihren gemeinsamen Sohn werden würde.
Thora hatte sich solche Gefühle nie zugestanden. Sie war aber auch keine
Mutter. Im Jahr 2043 war es für relativ Unsterbliche zudem noch viel zu
früh für die Fortführung einer neuen Dynastie gewesen. Da hatte sie andere
Dinge vor. Sie hätte aber auch nicht als inaktive Kaiserin getaugt, die sich
mit dem Aufziehen von Kindern, der Gartenpflege oder sinnlosen
Gesellschaftsspielen beschäftigen wollte. Sie war Forscherin, sie war
Eroberin. Das Universum bot so viele phantastische Abenteuer und
Regionen, die es galt zu entdecken. Daran hing ihr Herz.
Und das war der einzige Trost in ihrer sonst so tristen Situation. Das
Zeitchaos, die Temporalen Anomalien und die Tiefe des Chaos waren
faszinierend. Ihr Herz schlug höher bei jedem Gedanken an dieses
kosmisches Wunder. Es war beängstigend und spannend zugleich. Die
Auswirkungen auf ihr Leben, auf das Leben aller Existenzen waren so
gewaltig, dass man schwindlig wurde, je mehr man darüber nachdachte.
Doch Thora wollte sich damit beschäftigen. Sie wollte nach vorne, weiter
gehen als andere, sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen. Die
Alternative wäre, eine verbitterte, mittellose, alte Schachtel zu sein, die
ihrem vergangenen Ruhm hinterher trauerte.
Dann hätte sie auch gleich aus der nächsten Schleuse springen können.
Doch noch wollte sie nicht aufgeben. Dazu war alles hier zu groß und sie
war ein Teil davon.
Thora blickte in den Spiegel. Ihre roten Augen glänzten im künstlichen
Licht des Badezimmers. Sie war zu allem entschlossen und heute so
tatkräftig, wie lange nicht mehr. Sie würde etwas tun, was sie lange nicht
mehr getan hatte: Mit Galaktikern frühstücken, die ihr alle völlig zum Hals
raushingen .
Thora trug ihre schwarz-silberne Kombination, als sie den Sternenlicht-Saal
betrat. Dieser befand sich an der Spitze des Milton-Turms im hinteren
Mittelstück der CASSIOPEIA. Offenbar war dieser Saal für große Feste
und Anlässe konstruiert, denn die knapp 12 Wesen wirkten an der viel zu
langen Tafel recht verloren.
Thora überwand sich und gesellte sich zu ihnen. Der Glosneke Yeremiah
Cloudsky sprang auf und begrüßte sie. Dann wandte er sich an eine alte
Frau. Aufgrund derer roten Augen vermutete Thora, dass sie arkonidischer
Abstammung war. Die ekelhaft beharrte Erscheinung ließ auf eine
Mehandor schließen. Geldgierige Glosneken und ebenso geldgierige
Springer. Sie wusste zumindest, womit sie diesen beiden einen Anreiz für
eine Kooperation geben könnte.
»Darf ich die Edelste aller Edelsten, Ragana ter Camperna mit der
Arkonidin Thomy bekanntmachen?«
»Thora«, korrigierte sie kühl und nickte Ragana ter Camperna zu. »Wie
ich hörte, sind Sie die Matriarchin Ihrer Organisation.« Thora setzte sich.
Sofort schwirrte ein Servoroboter an und servierte einen frischen Kaffee
und Orangensaft. Die Mehandor sah Thora mit prüfenden Blick an.
»Sie sind dann wo dazu gestiegen?«
Thora nahm einen Croissant und strich etwas Nuss-Creme darauf. Sie biss
ab, kaute bedächtig, schluckte und spülte alles mit etwas Kaffee herunter,
bevor sie antwortete.
»So betrachtet stamme ich wohl aus Ihrer Vergangenheit und außerdem
aus einer anderen Zeitlinie. Nun sitzen wir buchstäblich im selben Boot.«
»Aha, nun ist also auch die Zeit zerfallen. Das hat auch positive Aspekte.«
Thora blickte sich um. Ragana saß am Kopfende. Rechts neben ihr waren
zwei dunkelhäutige Wesen mit einem leuchtenden Kristall auf der Stirn.
Beide rochen streng. Neben Thora saß Yeremiah Cloudsky, gefolgt von
Theofyr Sobrasky, einer grünhäutigen Frau mit einem tonnenförmigen
Vorbau und einem Wesen mit Tellerkopf. Denen gegenüber saßen eine
kräftige Frau, ein Unither und eine blauhäutige Frau. Dieser Hunter fehlte
dem Gelage.
»Das ist Ihre Crew?«
»Das sind meine verbliebenen Mitarbeiter der Camperna Agency Cloud
Company. Mein Raumschiff wurde in der Temporalen Anomalie vernichtet
und mit ihr sind viele geliebte Freunde und Familienmitglieder gestorben.«
Für Thora klang das zu gestellt. Ragana ter Camperna schien eine sehr
berechnende Frau zu sein.
»Nun und mit dieser Besatzung wollen Sie Ihre Zeitlinie wiederherstellen,
wenn ich ENGUYN und Gucky richtig verstanden habe«, sagte Thora.
Der Mann ihr gegenüber nickte und sagte: »Nein, wir sind nicht mit denen
verbündet.«
Thora grübelte über die nicht zusammenpassende Gestik und Worte nach.
Sie blickte fragend zu Ragana ter Camperna.
»Was mein Sohn Vopp meint, ist, dass die CASSIOPEIA von diesem
ENGUYN kontrolliert wird. Diese Ratte und diese fremde Frau sind auf
seiner Seite. Sie erzählen uns sehr wenig. Offenbar wissen Sie mehr darüber
als wir. Ich bin eine bescheidene Geschäftsfrau, deren Unternehmung von
der Liga Freier Galaktiker sabotiert wurde. Wer ersetzt mir mein
Raumschiff?«
»Aber beunruhigt es niemand hier, dass sich alles verändert hat? Ihr Leben
hat sich grundlegend verändert, und alles, was Sie kannten, hat aufgehört zu
existieren.«
Ragana winkte ab und aß ihr Rührei.
»Ich habe vernommen, dass dieser Gucky und diese Constance beklagen,
dass Perry Rhodan nicht mehr existiert.« Sie tippte sich an die Schläfe. »Als
ob der jemals existiert hat. Die Cairaner hatten doch recht. Es gab niemals
eine Erde und ihren Mond. Das ist lächerlich. Und jetzt ist der Beweis dafür
da.«
»Ich selber war auf Terra«, stellte Thora nüchtern fest. »Es gibt diese
Welt. Und sie gibt es auch in dieser Zeitlinie. Doch ich bin mit Ihrer alten
Zeitlinie nicht vertraut. Gibt es dazu Geschichtsaufzeichnungen?«
Die Runde schwieg. Es war kein Wunder, dass diese Leute glaubten, die
Erde würde nicht existieren. Diese Gruppe war seltsam desinteressiert und
schien sehr selbstbezogen zu sein. Sie diskutierten über das Frühstück und
klagten ihr Leid, weil sie nun alles selber machen mussten. Dabei
schwirrten dutzende Servoroboter herum.
Thora trank noch eine weitere Tasse Kaffee und beobachtete diese
Galaktiker. Ihre quarterialen Soldaten könnten die CASSIOPEIA einfach im
Handstreich einnehmen. Nur ENGUYN und Gucky waren eine Gefahr. »Ist
jemand im Besitz von Konstruktionsplänen der CASSIOPEIA?«, wollte sie
schließlich wissen.
Dieser Vopp schüttelte den Kopf.
»Ja, ich habe offizielle Dokumente von der Milton-Company. Ich erstelle
einen Datenträger. Ich denke, dass diese Daten nicht komplett sind.
ENGUYN scheint viele Geheimnisse zu haben«, erklärte Vopp.
Thora zeigte den Ansatz eines Lächelns, welches unerwidert blieb.
Stattdessen leuchtete der Kristall auf der Stirn ihres Gegenübers in
dunkelrot.
Nach dem Essen suchte Thora ihre Crew auf. Die Lagerräume befanden
sich im Bauch des Raumschiffes. Sie schwebte einen Antigrav vom Milton-
Turm langsam hinunter zum Lager, wo die 166 Offiziere und Soldaten des
Quarterium in einem großen Lagerraum unterbracht waren, den sie mittels
Formenergie zu einem netten Platz mit Trennwänden umfunktioniert hatten.
Captain Hergox da Norian trat an sie heran. Beide waren durch ein leicht
gelb schimmerndes Energiefeld voneinander getrennt. Das kantige Gesicht
des ehemaligen Kommandanten der KASTILIEN wirkte entspannt. Glaubte
sie, ein Lächeln auf den Lippen zu erkennen?
»Fühlen Sie und ihre Besatzung sich wohl?«
»Uns geht es den Umständen entsprechend. Doch unsere Gastgeber
versorgen uns mit Lebensmitteln und Annehmlichkeiten. Wir befinden uns
in einem goldenen Käfig. Das ist uns bewusst und sicherlich für jeden
aufrechten Soldaten eine Qual.«
Thora hörte Gelächter im Hintergrund.
»Ich sehe die Betroffenheit Ihrer Mannschaft«, erwiderte Thora zynisch.
Dann wurde sie ernst. »Ich fürchte, diese Nachricht wird jedoch die ganze
Crew erschüttern. Wir sind im Jahre 5633 gelandet. Offiziell gilt die
Besatzung der KASTILIEN seit 3500 Jahren als tot. Und… und auch ich
gelte als tot. Das Quarterium hat eine neue Kaiserin.«
Jetzt verlor da Norian für eine Weile die Fassung. Die roten Augen
tränten. Er musste begreifen, dass alle Arkoniden, die ihm etwas bedeutet
hatten, schon lange tot waren. Seine Gattin, seine Kinder, seine Freunde.
Thora ließ ihm den Moment der Trauer.
Leutnant Samuel Blackthorne, der ehemalige Navigator der KASTILIEN
und die Funkerin Leutnant Deria Perron traten näher. Instinktiv schienen sie
zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Da Norian drehte das Gesicht von
ihnen ab und entfernte sich ein paar Schritte.
Thora blickte in die Luft.
»ENGUYN, ich muss meiner Besatzung eine wichtige Mitteilung machen.
Es wäre freundlich, wenn du mich in den Raum lässt.«
Sofort erlosch der Energieschirm. Sie schritt durch die freie Passage und
kurz darauf schloss sich die Lücke wieder. Thora sah eine Kiste und stieg
darauf.
»Soldaten des Quarterium! Ich habe euch wichtige Informationen
mitzuteilen. Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass wir uns nicht mehr im
Jahre 2043 befinden. Durch die Temporale Anomalie wurde unser
Raumschiff in die Zeit 5633 transferiert. Für alle anderen sind also 3500
Jahre vergangen.« Jedes Besatzungsmitglied hatte Angehörige, die schon
lange zu Staub zerfallen waren. Thora hob beschwichtigend die Arme.
»Ich weiß, das ist ein Schock. Doch wir sind Quarteriale. Wir sind in der
Lage, damit umzugehen. Wir sind in eine Konstellation von kosmischen
Ausmaß gestoßen worden. Zeitlinien sind offenbar miteinander kollidiert,
und dieses Raumschiff hier, die CASSIOPEIA, reist zwischen diesen
Zeiten. Wir befinden uns in einem interdimensionalen Raum mit der
Bezeichnung Tiefe des Chaos. Das ist auch eine Chance für uns, kosmische
Geschichte zu schreiben. Jeder von uns ist berufen, ein Abenteuer
ohnegleich zu erleben. Trauert um den Verlust eurer Angehörigen, doch
schaut voller Pioniergeist und mit geschärftem Verstand und
Kampfbereitschaft der Zukunft entgegen. Wir sind Quarteriale und werden
uns immer wieder behaupten.«
Es gab hunderte Fragen und die Stimmen überschlugen sich.
»Ruhe«, rief da Norian. »Einer nach dem anderen!«
»Können wir nicht einfach Kontakt mit dem Quarterium aufnehmen?«,
rief jemand.
»Das haben wir schon getan. Doch sie glauben uns nicht. Wir sind für sie
tot. Relikte aus der Vergangenheit. Wenn wir einen Platz in der
Gemeinschaft dieses 3500 Jahre älteren Quarteriums haben wollen, müssen
wir ihn uns erarbeiten. Sonst landen wir als erstes in den Gefängnissen der
CIP und werden dort sicherlich auch bleiben. Nein, meine tapferen
Soldaten, wir sind auf uns alleine gestellt.«
Daran glaubte Thora auch selber. Ihr Ehemann Don Philippe de la
Siniestro hatte sie längst vergessen und diese Mirona Thetin zur Frau
genommen. Ein Weib, welches viel mächtiger war, als es Thora jemals
gewesen war. Sie machte sich keine Illusionen, dass sie jetzt nur noch
zweite Wahl war. Sie atmete tief durch, musste ihren Leuten Mut machen.
»Ich stehe in Kontakt mit den Kommandanten dieses Raumschiffes und
habe erwirkt, dass ich mich frei bewegen kann. Sobald wir das Vertrauen
dieser Fremden gewonnen haben, werdet auch ihr euch frei bewegen
dürfen. Bis dahin bleibt vorbereitet.«
Sie stieg von der Kiste ab und ging auf den Energieschirm zu, der sich
öffnete und sie schritt hindurch. Thora warf keinen Blick mehr zurück. Das
würden die Quarterialen sonst vielleicht als Schwäche auslegen. Schließlich
war sie immer noch ihre Imperatrice.
Thora musste vorsichtig sein, als sie den Korridor entlangging. Sie musste
damit rechnen, dass jedes Wort von ENGUYN mitgehört wurde. Umso
verwunderlicher fand sie die Nachricht von Vopp ter Camperna. Er wollte
sich mit ihr in einem Abdrücksaal treffen. Thora hatte keinen blassen
Schimmer, was das war.
Sie betrat den gekennzeichneten Raum und erblickte Vopp der Camperna
mit herunter gelassenen Hosen auf einer Toilettenschüssel. Das war wohl
ein schlechter Scherz von diesem Onryonen. Sie machte kehrt, doch Vopp
rief. »Der Raum ist abhörsicher. Der einzige Saal auf der CASSIOPEIA.«
Sie blieb stehen. Vopp ter Camperna war ein Onryone. Sie kannte das
Volk nicht aus ihrer Zeit und sie wusste herzlich wenig über ihre Kultur.
Wenn es zu ihrer Sitte, ihre Stuhlgänge öffentlich zu zelebrieren, dann
waren sie definitiv ein Volk von Barbaren, schlimmer noch als die Terraner,
die sie kannte. Thora rümpfte die Nase, als Vopp sein Gas ausstieß.
»Nehmen Sie doch Platz.«
»Ich verzichte.«
Sie lehnte sich an die Wand. Als sie mehr sah, als sie sehen wollte, drehte
sie angeekelt den Kopf weg.
»Wissen Sie, in meiner Spezies ist es ganz normal«, sagte Vopp, dessen
Emot-Organ in rosa leuchtete. Auch diese Gefühlslage wusste die
Arkonidin nicht zu deuten.
»Kommen Sie zur Sache.«
Er pupste erneut und zeigte auf den Tisch vor ihr.
»Dort liegt eine Mikropositronik. Ich habe sie hier an diesem Ort
angepasst, damit ENGUYN meine Pläne nicht entdeckt. Das Vorderteil der
CASSIOPEIA ist ein eigenes Raumschiff. Das Kugelraumer-Modul kann
von dem Rest abgetrennt werden und autark agieren.«
Das weckte Thoras Interesse. Sie nahm den flachen Miniaturrechner und
betrachtete das Display.
»Ich habe Arkonidisch in Schrift und Bild eingestellt, sofern Sie des
Interkosmo nicht mächtig sind.«
»Das Interkosmo wurde in der Galaxis gesprochen schon lange bevor die
Terraner den Weltraum erforschten«, erwiderte sie abfällig.
Sie hob das scheibenförmige Gerät hoch.
»Was kann ich damit nun genau machen?«
Vopp furzte gedehnt und dann plätscherten seine Ausscheidung gut hörbar
in die Schüssel. Er ächzte dabei und zitterte. Er hielt sich an der Schüssel
fest, spreizte die Beine und zappelte. Die Hausschuhe flogen nach links und
rechts. Dann schrie er noch einmal und entspannte sich. Er atmete schwer.
»Das war geil…«
Thora hatte in ihrem Leben wohl noch nie so ein abstoßendes und
groteskes Wesen getroffen.
»Ich fasse zusammen«, sagte sie kühl. »Mit diesem Gerät stören Sie den
Einflussbereich von ENGUYN? Ich kann meine Leute unbemerkt befreien,
in den vorderen Bereich des Raumschiffes eindringen, die Steuerung
übernehmen und fliehen, korrekt?«
Vopp schüttelte den Kopf: »Ja.«
Thora verdrehte die Augen.
»Und was springt für Sie dabei raus?«
»Wir kommen mit allerdings müssen wir noch ein weiteres Gerät
mitnehmen. Die sogenannte Cagehall.«
Thora wurde skeptisch.
»Wieso das?«
»Wenn ENGUYN und diese Hexe richtig liegen, so kann die Cagehall
wenn alle acht Kosmogenen Chroniken mit ihr verbunden sind das
Zeitchaos rückgängig machen. Das würde bedeuten, dass Perry Rhodan
wieder die Relevanz bekommt, die er vorher hatte. Und das würde Mami
traurig machen. Mami hatte so sehr an die Nichtexistenz von Rhodan
geglaubt, dass das ein Schock für sie war. Und was Mami glücklich macht,
ist richtig.«
Thora war erstaunt.
»Sie wollen also die Geschichte des Universums nicht wieder reparieren,
nur damit Ihre Mutter glücklich ist?«
Vopp schüttelte den Kopf. Das bedeutete wohl ja bei ihm.
Thora lächelte.
»Einverstanden.«
11. 666-Rückwärts
Der Energieschirm erlosch. Die Quarterialen Soldaten blickten Thora mit
einer Mischung aus Verwunderung und Hochachtung an. Ihre Imperatrice
hatte es geschafft. Sie hatte sie befreit.
»Schnell jetzt«, flüsterte Thora und winkte die Leute zu sich. Captain da
Norian ging voran, gefolgt von Navigator Blackthorne und der zalitischen
Funkerin Deria Perron. Thora wusste nicht, wie lange der Ausbruch
unbemerkt bleiben würde. Dieser seltsame Onryone hatte einen Code
programmiert, den der Mikropos mittels Funkwellen in das Schiffssystem
einspeiste. Vopp ter Camperna hatte es so erklärt, dass er die Sensoren und
innere Ortung manipuliert hatte. ENGUYN wurde also vorgespielt, dass
nichts passierte. Das würde wohl so lange funktionieren, bis sich das
Kugelraumer-Modul von dem Raumschiff abkoppelte. Doch dann sollte die
Kontrolle gekappt werden. Es war ein Spiel auf Zeit. Sie mussten schnell
handeln. Es war praktisch, dass sich die ihnen abgenommen Waffen im
Lagerraum neben ihnen befanden. Thora war klar, dass die CASSIOPEIA
kein Kriegsraumschiff war und eine Waffenkammer an Bord nicht
existierte. Es gab auch keine Wächter, denn der eigentliche Wächter war
ENGUYN selbst.
Sie mussten nun die etwa 500 Meter bis zum Kugelraumer-Modul zu Fuß
durchqueren. Thora hatte ter Camperna versprochen, ihn und seine Familie
abzuholen. Doch die konnten lange warten. Das abscheuliche Schauspiel im
Abdrücksaal hatte Thora klargemacht, dass sie ohne ihn besser dran waren.
Sie schritten einen langen Gang entlang, der sie durch den Mittelteil
führte. Dieser Korridor war etwa sechs Meter breit, vier Meter hoch und
leer. Es war niemand anzutreffen und das war gut so. An einigen Stellen
wurde der Gang breiter und bildete eine Art Sammelplatz mit Zugängen zu
Geschäften, Restaurants und Vergnügungseinrichtungen. Dann wurde er
wieder schmaler. Das wiederholte sich einige Male. Thora vernahm an
einem Wegweiser die Bezeichnung »Milton Meile«. Sie hatte nur brüchiges
Wissen, doch offenbar war dieser Kulag Milton der Geldgeber für den Bau
der CASSIOPEIA gewesen und ein Putschist. Er war jedenfalls auf der
ATOSGO gestorben, doch neben dem Milton-Tower hat er also auch einen
Weg nach sich benannt. Bescheiden war der jedenfalls nicht gewesen.
Das Raumschiff hatte offiziell den Zweck von Luxuskreuzfahrtreisen.
Doch niemand war da, um die Geschäfte zu führen oder Reisen zu
besuchen. Alle Passagiere waren ebenfalls auf der ATOSGO gestorben. Bis
auf den kläglichen Rest der CACC-Leute, die so eine Art Überbleibsel einer
ganzen Zeitlinie darstellten. Genauer betrachtet empfand Thora das als
ziemlich armselig. Bis auf Gucky und diese Constance Zaryah Beccash
hatte auch keiner den Drang, die alte Zeitlinie wieder herzustellen. Im
Gegenteil, die ter Campernas wollten den Versuch sogar sabotieren. Sollten
sie nur. Thora war es gleich, es war nicht ihre Zeit. Sie hatte auch nicht die
Absicht, diese Cagehall mitzunehmen. Ihr Plan war es, mit dem
Kugelraumer-Modul in ihre Zeit, ins Jahr 2043 zurückzukehren.
Sie würde sich zurückholen, was ihres war: Die Krone des Quarteriums.
Sie war die Imperatrice und nicht diese Mirona Thetin. Thora fühlte sich
beraubt. Diese Anomalie hatte ihr ihr ganzes Leben gestohlen. Und jetzt
wollte sie es sich zurückholen.
Auf dem Weg zum Kugelraumer-Modul las Blackthorne die Anleitung zur
Steuerung des Schiffes auf ter Campernas Mikropos . Es musste schnell
gehen. Sie hatten keine Zeit des alles lange ausprobieren.
Nach endlosen 17 Minuten erreichten die ersten Soldaten den Übergang
zum Kugelraumer. Schwarzgelb gestreifte Türrahmen dürften wohl jeden
Galaktiker auf einen Warnhinweis aufmerksam machen. Jetzt kamen ihr
plötzlich Zweifel. War es der richtige Weg, auf eigene Faust diese Tiefe des
Chaos zu erkunden? Und hätte sie nicht zumindest den Positroniker, diesen
Vopp ter Camperna mitnehmen sollen? Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Thora blieb kurz am Übergang zur Schleuse stehen. Sie blickte nach oben,
zur Seite und hinter sich. Dort stand Capitain da Norian und nickte ihr
entschlossen zu. Also gut! Sie wandte sich wieder nach vorne und ging bis
zur Konsole. Sie ließ sich von Blackthorne das Mikropos geben und hielt es
davor. Ein »pling« und ein grünes »Willkommen« auf der Anzeige ließ sie
aufatmen. Der Schott glitt in die Decke. Thora ging weiter. Die Lichter
aktivierten sich, sobald sie den Korridor betrat. Sie hoffte, dass das
Programm von ter Camperna noch so lange funktionierte, bis sie die
CASSIOPEIA verließen.
Die Mannschaft machte sich sofort daran, die wichtigsten Stationen zu
besetzen. Da Norian übernahm die Koordination, anhand der
Informationen, die im Mikropos vorhanden waren, welches ständig von
Thora zu Blackthorne und da Norian wechselte. Innerhalb weiterer 15
Minuten waren sie auf ihren Posten.
Thora setzte sich in den Kommandosessel und blickte ihre Mannschaft
ernst an.
»Starten Sie.«
Blackthorne salutierte und setzte sich die Haube auf, die wohl in dieser
Zeit eine Art Steuerungsmodul war. Nichts geschah. Thora verstand.
»Nutzen Sie die manuelle Steuerung«, befahl sie Blackthorne.
Offenbar bedurfte es einer speziellen Ausbildung zur Steuerung des
Schiffes mit dieser Haube.
»Schleusen schließen«, rief da Norian.
»Andockvorrichtungen trennen«, war der nächste Befehl des Arkoniden.
Das androgyne Gesicht der Positronik von ENGUYN erschien als riesiges
Hologramm in der Zentrale des Kugelraumer-Moduls.
»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass der Diebstahl von
ATHENA widerrechtlich ist? Da Sie definitiv keine Anfrage an mich
gestellt haben, vermute ich, dass Sie eine Erlaubnis der Kosmogenen
Chronikträgerin Constance Zaryah Beccash erhalten haben?«
»Klar doch. Wir können also starten«, meinte Thora lapidar.
Die ATHENA setzte sich in Bewegung und schwebte langsam aus der
hufeisenförmigen Andockvorrichtung.
»Die Rücksprache mit der Lilim brachte kein positives Ergebnis. Ich gehe
deshalb davon aus, dass Sie mich anlügen.«
»Wie kannst du es wagen, Positronik. Ich lüge niemals«, log Thora und
spielte einfach nur auf Zeit.
»Eine erneute Unwahrheit. Sie sind sich offenbar der Konsequenzen Ihres
Handelns nicht bewusst. Die Navigation durch die Tiefe des Chaos wird
Ihnen nicht gelingen.«
Thora betrachtete die Anzeige. Die ATHENA hatte sich nun schon 15
Kilometer entfernt und mit jeder Sekunde wurden es fünf Kilometer mehr.
»Und wieso wird uns das nicht gelingen?«, wollte Thora wissen.
»Nun, zum einen müssen Sie dem Schleier der Lethe trotzen. Dieser führt
zu einem Erinnerungsverlust und einer Desorientierung. Sie verlieren so
gesehen die Erinnerung an Ihre eigene Existenz. Zum anderen sind es die
Psionischen Wellen in der Tiefe, welche den Verlust von Vitalenergie
verursachen. Sie gehen mit dem Erinnerungsverlust einher. Am Ende
verlieren Sie also sowohl physische als auch mentale Energie in einem
Maße, der Sie zu einem antriebslosen Wesen machen wird, welches ziellos
durch die Tiefe des Chaos streifen wird.«
Thora dachte nach. Sie spürte die Blicke von Blackthorne, da Norian und
Perron auf ihr ruhen. Schickte sie die Besatzung in den sicheren Tod?
»Die ATHENA wird Schutzmechanismen haben«, gab sich Thora nun
trotzig.
»Das ist korrekt. Die ATHENA ist ein Teil der CASSIOPEIA. Sie verfügt
über ein psionisches Schirmfeld und das Anti-Anomalien-Aggregat zum
Schutz vor den Auswirkungen der Temporalen Anomalien. Doch wissen
Sie, wie Sie diese einsetzen?«
Thora atmete tief durch. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ob genau diese
wichtigen Details auch in dem eilig zusammengestellten Handbuch von
Vopp ter Camperna stehen würden, bezweifelte sie.
Die ATHENA war inzwischen 12.000 Kilometer von der CASSIOPEIA
entfernt. Wo sollten sie eigentlich hin? Ihr Plan war, erst einmal weg, dann
die ATHENA studieren, eine Temporale Anomalie finden und in die
richtige Zeit und Ort zurückkehren.
Auf der Anzeige wurde ein näher kommendes anderes Raumschiff
gemeldet. Thora ließ sich die Ortungsergebnisse im Detail anzeigen. Sie
erkannte die Form des Schiffes. Es war die eines Adlers –die Takhal Gud
Looter.
»Ich nehme einmal an, Ihr registriert die Ankunft der ROVERSTJERNER
ebenfalls« meldete sich ENGUYN in seinem sachlichen Tonfall.
»Korrekt«, bestätigte Thora und wies Blackthorne an, auf
Überlichtgeschwindigkeit zu gehen.
»Nun, vielleicht erweist sich der Umstand Ihrer Kaperung noch als
taktisch sinnvoll. Die ATHENA fliegt jetzt zur Welt 666-Rückwärts. Die
CASSIOPEIA wird die ROVERSTJERNER ablenken. Alles Weitere
besprechen wir auf 666-Rückwärts.«
Thora schüttelte den Kopf. Diese Positronik litt offenbar unter
Realitätsverlust oder sie hatte einfach eine Schraube locker. Plötzlich aber
verlor die ATHENA an Geschwindigkeit.
»Ich kann nichts machen«, meldete Blackthorne und starrte verwundert
auf das Display. »Das Schiff setzt einen neuen Kurs.«
Thora begriff, dass sie von Anfang an der Neugier oder Gnade von
ENGUYN ausgesetzt waren. Dieser Müll von Vopp ter Camperna hatte sie
nie wirklich vor ENGUYN verborgen. Dieser Onryone war ein Narr und sie
ebenfalls, denn sie hatte ihm Glauben geschenkt. Thora krallte sich in den
Knauf ihrer Armlehne. Dann seufzte sie und lehnte sich zurück. Sie konnte
sowieso nichts machen. ENGUYN hatte das Sagen und sie waren nur
Statisten. Vielleicht würde sich auf dieser Welt 666-Rückwärts eine Chance
ergeben.
»Blackthorne, lassen Sie es gut sein. Wir überlassen ENGUYN den Flug
und sehen, was uns dort erwarten wird.«
Sie hatten verloren. Vorerst!
666-Rückwärts: Die Proto-Welt 666-Rückwärts von Stefan Wepil
Die ATHENA erreichte den Orbit von 666-Rückwärts. Die Welt funkelte
sandfarben. Es gab nur wenig blaue Zonen, was auf wenig Wasser
hindeutete.
»Der Planet hat einen Durchmesser von 7.323 Kilometern. 89 Prozent
sind mit Wüste und Staub bedeckt. Es gibt drei Kontinente, die von einem
dünnen Ozean getrennt werden, welcher wiederum 91 Prozent des
Oberflächenwassers ausmacht. Die Welt ist entsprechend mit Wüsten
geprägt«, meldete Leutnant Ernst Lutz, ein hagerer Terraner mit schütterem,
blondem Haar und blauen Augen, der aus dem Harz auf Terra stammte.
»Ich empfange ein mir unverständliches Signal. Es scheint so, als wäre es
an die ATHENA gerichtet, aber es ist verschlüsselt«, sagte Funkerin Deria
Perron.
»Leutnant Lutz, können Sie die Quelle lokalisieren?«
Der Mann presste die schmalen Lippen zusammen und verengte die
Augen.
»Schwer, aber ich tippe auf diese Region. In einem Umkreis von 100
Kilometern sollten wir fündig werden. Der Sender verschleiert seine
Energiesignatur jedenfalls.«
Thora sah den Ausschnitt der Karte als großes Hologramm in der Zentrale.
Wüste und nochmals Wüste. Würde sich jedoch der Absender des Signals
tarnen, so war das nicht ungewöhnlich. In einer Entfernung von 981
Kilometern zu dem Radius gab es eine Oase mit Siedlungen.
»Wir bereiten ein Beiboot vor. Ich übernehme das Kommando. Da Norian,
Sie halten mit Blackthorne die Stellung auf der ATHENA. Leutnants Perron
und Lutz kommen mit mir
»Ich insistiere«, antwortete da Norian. »Das ist viel zu gefährlich.«
Thora blieb stehen und legte die Hand auf seine Schulter. So eine
freundschaftliche Geste hätte sie sich eigentlich niemals erlaubt.
»Alles in dieser surrealen Welt ist gefährlich. Sie werden mich nicht
immer beschützen können, Captain. Halten Sie hier die Stellung. Ich nehme
50 Soldaten mit.«
Da Norian nickte.
Die ATHENA besaß insgesamt vier Beiboote. Zwei Space-Jets und zwei
Kugelraumer mit einem Durchmesser von 30 Metern. Auf 666-Rückwärts
wartete nun ein neues Abenteuer auf sie. Thora erinnerte sich an ihre
Vision, als sie auf diesen Maskenträger Alaska Saedelaere getroffen war.
Immer mehr glaubte sie daran, dass sie in der Nacht damals bereits mit
ihrem Bewusstsein mit einer Temporalen Anomalie verbunden gewesen
war. Das war damals kein Zufall gewesen. Wenn sie also schon mit ihrem
Geiste auf einem Planeten in der Tiefe des Chaos gewesen war, hatte sie
einen Vorteil.
In ihrem Traum waren sie auf eine Terra-Station gestoßen, in der sie einen
freundlichen und hilfsbereiten Roboter mit der Bezeichnung Mr. Terrapedia
getroffen hatten. Und sie waren zuvor von Banditen angegriffen worden. Es
galt also diese Banditen zu meiden und solch eine Terra-Station zu finden.
Der Kreuzer verließ den Hangar und steuerte auf die Oberfläche. Außer
Sand und noch mal Sand war dort wenig Bedeutsames. Es gab Dünen,
sandige Berge und endlose Täler aus steinernem Sand. Nur vereinzelt waren
kleine Oasen mit blauem Wasser und grünen Pflanzen zu sehen.
Achtbeinige Arachnoiden tummelten sich dort und versuchten große
Insekten mit violetten Flügeln zu fangen.
Die nächste Oase war mit Häusern besiedelt. Es waren vielleicht zwanzig
Gebäude. Sie lag in einem Tal und war von Erhebungen, die die
Bezeichnung Berg nicht verdienten, umgeben. Der Kreuzer landete hinter
dem Hügel. Sie waren noch etwa zwei Kilometer entfernt. Thora ließ einen
Shiftpanzer und zwei Gleiter bemannen. Drei Leute blieben beim Kreuzer
zurück. Die Gleiter überquerten die natürliche Anhöhe und landeten vor
dem Dorf. Es war niemand zu sehen. Thora, Leutnant Perron und Leutnant
Lutz stiegen aus und sahen sich um. Der Sand blies ihnen unangenehm ins
Gesicht und die Sonne brannte schon jetzt.
Endlich kam ihnen ein humanoides Wesen entgegen. Es war in Lumpen
gekleidet, Kopf und Gesicht waren von Tüchern bedeckt.
Sie sagte etwas auf Interkosmo, dann auf arkonidisch, doch das Wesen
antwortete nicht. Thora ließ den aktivierten Translator laufen, der rasselte
die Grußformel in dutzenden Sprachen weiter, doch das vermummte Wesen
ging gebeugt an ihr vorbei. Es war gruselig. Nun kamen zwanzig, dreißig
weitere Wesen, allesamt Humanoiden, und streiften in gebückter Haltung an
ihnen vorbei. Einige murmelten etwas, andere waren stumm. Sie schienen
einer gewissen Route zu folgen, denn sie wanderten durch die Siedlung
hindurch und dann drumherum und wiederholten diese Prozedur.
»Die Scanner zeigen, dass ihre Vitalwerte sehr gering sind. Einige dürften
praktisch gar nicht mehr am Leben sein«, meldete Ernst Lutz.
»Sind sie menschenähnlich?«, wollte Thora wissen.
»Sehr sogar. Sie haben definitiv DNS von Terranern und Arkoniden in
sich. Viele zumindest.«
Lutz seufzte und schwieg. Auch Thora lief ein Schauer über den Rücken.
Diese trostlosen Gestalten waren einmal Menschen gewesen. Was war mit
ihnen geschehen? Wie waren sie auf diesem öden Planeten gelandet und
was hatte sie zu diesen Zombies gemacht? Einer von ihnen brach vor
Thoras Augen zusammen. Er sackte auf die Knie. Thoras Herz pochte
höher. Instinktiv beugte sie sich herab und wollte dem Wesen hoch helfen.
Wieso tat sie das nur? Das war doch nicht sie selbst. Das Quarterium vertrat
die Ideologie des Starken und sie wollte einem schwachen Wesen auf die
Beine helfen? Das musste diese andere Thora sein. Anders konnte sie es
sich nicht erklären. Es half aber nichts, denn das Wesen brach erneut
zusammen, schlug mit dem Gesicht auf den sandigen Boden auf und blieb
einfach liegen.
Die anderen gingen teilnahmslos vorbei oder darüber. In dieser Siedlung
würden sie keine Antworten erhalten.
»Gibt es noch weitere Siedlungen?«, wollte Thora wissen.
Leutnant Lutz schüttelte den Kopf.
»Gut, dann gehen wir den Radius, den wir nicht orten können. Sofern
dieser ENGUYN die Wahrheit sagte, sollte sich dort eine Terra-Station
befinden. Wieso hatte er uns sonst hierher geschickt?«
Sie stiegen in die Gleiter. Thora entschied, die 1.000 Kilometer mit den
Gleitern zurückzulegen und den Kreuzer als Reserve bei der Oase zu
belassen. Eintausend Kilometer bedeute einen Flug von etwa einer Stunde,
und sie wollte die Station nicht gleich auf ihr Ankommen mit einem
Kreuzer aufmerksam machen.
Thora überkam ein sonderbares Gefühl der Verwirrtheit. Was wollten sie
hier nocheinmal,und wie hieß dieser Planet? Sie atmete tief durch.
Möglicherweise hatte ENGUYN recht und sie konnten die Schiffe nicht
korrekt bedienen. Sie konnten in dieser lebensfeindlichen Umgebung
jedenfalls nicht endlos verbleiben. Vielleicht wäre die Nutzung des
Kreuzers die weisere Entscheidung gewesen. Als ob kleine Gleiter der
Ortung dieser Terra-Station entgehen würden. Sie flogen in einer offenen
Wüste entlang. Thora verwünschte sich für ihre Dummheit. War es zu spät,
um umzukehren? Wo waren sie überhaupt? Sie blickte auf ein Display, was
anzeigte, dass sie noch 218 Kilometer von ihrem Ziel entfernt waren. Sie
wusste aber nicht mehr, wie viel sie zurückgelegt hatten und was eigentlich
ihr genaues Ziel war. Doch, wusste sie. Sie hatte es ja eben gesagt. Hatte sie
doch? Thora schüttelte sich. War das dieses Schleiers der Lethe? Wenn ja,
dann hatte sie seine Auswirkungen wohl unterschätzt.
»Wir kehren zum Kreuzer zurück.«
»Aber wir sind fast da«, wandte Perron ein.
»Keine Widerrede. Der Kreuzer verwendet die Technologie der
CASSIOPEIA und schützt uns vor dem Raub der Vitalenergie und diesem
Schleier der Lethe. Sofort jetzt.«
Einer der Gleiter driftete ab. Leutnant Deria Perron funkte ihn an, dann
setzte der Gleiter mehr oder weniger Sanft auf den Boden auf. Leutnant
Lutz gähnte und wirkte fahrig. Das war fatal, denn er steuerte ihren Gleiter.
Thora zwängte sich nach vorne und schob Lutz zur Seite. Dann hielt sie den
Gleiter an. Der Shiftpanzer stoppte nun ebenfalls.
Sie hatten Halt in einer steinigen Wüste gemacht. Es gab hier nur große
Steine, einige Felsen und ansonsten Sand. Die Außentemperatur maß nun
schon 51 Grad Celsius und war lebensfeindlich. An Bord gab es nicht
genügend Schutzanzüge. Gemeinsam mit ihr waren es 48 Quarteriale, die
jetzt mitten in der Wüste gestrandet waren.
Thora aktivierte das Interkom.
»Thora an ATHENA-Beiboot. Holen Sie uns unverzüglich ab.«
Keine Antwort.
Thora wiederholte ihre Anfrage.
Auch diese blieb unbeantwortet.
»Thora an ATHENA. Das ist ein Notfall.«
Ein Schatten legte sich über sie. Sie beobachtete, wie die Sonne am Boden
einem länglichen Umriss wich. Thora legte den Kopf in den Nacken und
blickte in den Himmel. Über ihnen schob sich ein walzenförmiges
Raumschiff entlang. Es war laut, denn das Metall knarzte und knackte. Die
Legierung war rostig braun und das ganze Schiff wirkte zusammengeflickt.
»Leutnant Lutz, was können Sie sagen?«
Auch er antwortete nicht, sondern schnarchte. Aus dem Schiff kamen nun
mehrere Beiboote, die zielgerichtet neben den zwei Gleitern landeten. Es
waren zwei Kugelraumer mit vielen Antennen auf der Oberfläche und zwei
rechteckige Schiffe, die genauso zusammengeflickt und rostig wirkten, wie
ihr Mutterschiff.
»Was sollen wir tun? Kämpfen?«, fragte Deria Perron.
Thora schüttelte den Kopf.
»Unter normalen Umständen schon, doch die Hälfte der Besatzung ist
vermutlich desorientiert und geschwächt.«
Doch was war die Alternative? Einfach kapitulieren? Sollte das der erste
Eindruck des Quarteriums in der Tiefe des Chaos sein? Ein Haufen
Schwächlinge? Nein!
»Der Rest kann aber noch kämpfen. Alle verfügbaren Soldaten sollen sich
bereithalten, sollten die Verhandlungen scheitern.«
Thora stieg aus und die Hitze war erdrückend. Aus dem rechteckigen
Schiff traten ebenfalls einige Gestalten. Es waren vier Leute, sie hatten zwei
Arme und zwei Beine und trugen ein Durcheinander an Uniformen, die
aussehen, als seien sie aus mehreren Rüstungssets zusammengestellt
worden.
Ein Wesen war groß, mit einer orangefarbenen Irokesenfrisur und blauer
Haut. Das zweite Wesen war kleiner und trug am ganzen Leib Bandagen.
Das Gesicht war ebenso bandagiert, nur eine schwarze Brille und ein
Atemgerät mit Schläuchen deutete auf die Position der Seh- und
Riechorgane hin.
Der Dritte hatte einen schirmförmigen Hut, war Mensch und trug außer
weißen Unterhosen nichts. Sein ganzer Körper war verschmutzt. Der letzte
schien eine Art Anführer zu sein. Nicht, weil er groß oder kräftig wäre,
nein, das war er nicht. Er war unscheinbar, hielt sich im Hintergrund und
beobachtete sie mit kleinen, braunen Knopfaugen. Das Wesen war kein
Mensch, es ähnelte er einer Nacktmulle mit zwei großen Nagezähnen.
Thora stelle sich vor die Gruppe. Aus dem Shift stiegen fünf Quarteriale,
aus jedem Gleiter noch einmal jeweils zwei. Damit hatte sie neun
kampfbereite Soldaten. Sie hatte auf deutlich mehr gehofft.
Thora stellte sich breitbeinig vor sie, stemmte die Hände in die Hüfte und
versuchte Macht zu demonstrieren.
»Wer von euch versteht mich?«
Das Wesen mit dem Gesicht der Nacktmulle trat hervor.
»Ich verstehe euch. Wir können also die Bedingungen eurer Kapitulation
verhandeln. Es geht auch schnell. Sie ist bedingungslos.«
Das Nagetierwesen kicherte und die anderen drei lachten lauthals mit.
»Ihr seid sowas von bedingungslos, kapiert?«, rief der Große mit dem
Irokesenschnitt.
Thora blickte ihn verständnislos an. Dann wandte sie sich wieder dem
Wesen mit den großen Vorderzähnen zu.
»Ihr missversteht eure Position. In diesem Shiftpanzer befinden sich 30
kampferfahrene Soldaten. Mein Raumschiff befindet sich im Orbit. Ein
weiteres Beiboot auf dieser Welt. Ihr zieht besser eurer Wege.«
Die Nacktmulle zuckte mit der Nase und sah eher komisch aus, doch sie
war ernst: »Spielt Ihr damit auf den Kreuzer aus Salkrit-Legierung bei der
Oase an? Diesen haben wir erledigt. So viel Salkrit. Das ist so wertvoll.«
Die Ratte kicherte. Sie trat an Thora heran und schnupperte an ihr. Sie
roch seinen unangenehmen Eigengeruch und wandte den Kopf ab.
»Wisst Ihr den Vorteil von Salkrit? So sagt es große Ayatollah of
Rock’n’Rolla!«
Die letzten Worte schrie das Wesen und die anderen drei stimmten
ehrfürchtig ein.
»Salkrit schützt uns davor, in den Zeiten verloren zu gehen. Salkrit schützt
uns auch vor dem Vergessen und dem Raub unserer Lebensenergie. Es ist
das Heilmittel in der Tiefe des Chaos. Wir sammeln das Metall, wo es nur
geht. So sagt es der große Ayatollah of Rock’n’Rolla!«
»Der große Ayatollah of Rock’n’Rolla!«, wiederholten die anderen.
Das Nagetierwesen wanderte umher, dann sprang es auf alle Viere und
grub sich in den Sand, um ein paar Meter später wieder aus dem Boden zu
kommen. »Der Ayatollah of Rock’n’Rolla nahm mich von diesem Planeten
und schenkte mir ein neues Leben. Sein Wort ist Gesetz, seine Worte sind
weise und wir Deep Raider folgen ihm. Amen, denn er ist der große
Ayatollah of Rock’n’Rolla!«
»Nun, dann fordere ich, mit diesem Ayatollah zu sprechen.«
Alle lachten sie aus. Sie lachten Thora da Zoltral einfach aus. So sehr war
sie noch nie in ihrem Leben gedemütigt worden. Sie ballte die Fäuste. Dann
öffnete sie die rechte Faust, zog ihren Strahler und schoss alle vier nieder.
Jetzt würden sie nicht mehr über sie lachen! Jetzt war sie es, die lachte, sie,
die Imperatrice des Solaren Imperiums!
Sie mussten hier weg. Thora sah, wie zwei andere Soldaten müde in den
Shiftpanzer schlurften.
»Lady Thora, hier ist es so heiß. Lassen Sie uns doch in den Gleiter gehen
und etwas ausruhen, ja?«, schlug ein Soldat vor.
Ausruhen? Das klang nicht schlecht. Woher kam diese Lethargie. Das
musste der Raub der Vitalenergie sein.
Nein, sie riss sich zusammen.
»Durchsucht die Rüstungen und die Schiffe. Offenbar scheint Salkrit uns
zu schützen.«
Doch sie wusste nicht, was Salkrit war. Offenbar eine Art von Metall? Sie
kannte es nicht. Dabei hatte sie eine wissenschaftliche Ausbildung
genossen.
Plötzlich donnerte es und ein Energiestrahl rauschte aus dem großen
Walzenschiff und zerstörte ihrenShiftpanzer. Thora wurde durch die
Druckwelle zu Boden geschleudert.
Sie konnte nicht glauben, was sie sah. Mit einem Schuss waren 35
quarteriale Soldaten getötet worden. Aus den beiden gelandeten Schiffen
stürmten weitere Deep Raider heraus und eröffneten das Feuer. Der zweite
Gleiter explodierte. Thora begriff sofort, dass es vorbei war. Sie rannte in
den Gleiter, wartete noch auf Perron und flog los. Sechs weitere Soldaten
waren dort drinnen gestorben. Sie eingeschlossen waren noch sieben
Soldaten am Leben, davon vier jedoch im schläfrigen und müden Zustand.
Sie mussten fliehen. Sie beschleunigte den Gleiter, doch sie wusste, dass
es töricht war, denn wenn sie eine funktionierende Ortung besaßen, würden
sie den Gleiter nicht verlieren. Es sei denn, sie erreichten die Zone, die vor
der Ortung geschützt wurde.
»Perron, sorgen Sie dafür, dass Lutz wieder fit wird. Wir brauchen ihn
vielleicht.«
Thora kämpft in der Oase von 666-Rückwärts von Foto Povolen
Es wurde Nacht als sie eine Oase erreichten und Halt machten. Thora stieg
aus dem Gleiter aus. Leutnant Ernst Lutz war mit allen Aufputschmitteln,
die das Medo-Kit aufzubieten hatte, vollgepumpt. Thora betrachtete die
felsige Umgebung. Davor und dahinter lagen kleine Bäche. Die Flora war
jedoch sehr spärlich. Sie blickte in den Himmel und sah die Sterne oder
Planeten. Sie wusste die Ausdehnung der Tiefe des Chaos nicht. Ganz in
der Nähe lag jedenfalls ein kosmischer Nebel, der goldrot über dieser Welt
lag. Er sah schön aus.
Die Temperatur war auf 38 Grad gesunken. Sie blickte Leutnant Lutz
erwartungsvoll an.
»Nach meinen Berechnungen und der Anzeige des Ortungsgeräts sind wir
nur noch wenige Kilometer von der Zone, die keine Ortung erlaubte
entfernt.«
»Dann beeilen wir uns. Alle einsteigen.«
Der Boden bebte.
»Los!«, rief Thora. Doch aus dem Sand brach ein riesiges Insekt mit zwei
mächtigen Kiefernzangen hervor. Der Kopf war flach und länglich. Sie
erkannte ein kleines Beinpaar dahinter, gefolgt von einem noch größeren.
Der Hinterleib des Insektoiden wirkte wie eine dicke Blase. Thora
versteckte sich hinter einem Felsen und feuerte mit ihrem Strahler auf ihn.
Doch die grünen Energiestrahlen schienen zu verpuffen. Das Wesen sah in
dem Gleiter offenbar eine Art Angreifer. Es stieß das Vehikel um und
zertrümmerte das Cockpit. Eine Explosion zischte aus dem Inneren des
Gleiters und ließ das Insektenwesen Abstand nehmen. Thora schoss weiter,
und als die Anderen ebenfalls das Feuer eröffneten, brach das
Insektenwesen zusammen und blieb regungslos liegen.
Thora betrachtete den Gleiter und seufzte.
»Da ist nichts zu machen, Lady Thora«, sagte Leutnant Lutz. »Im Cockpit
gab es einen Kurzschluss.« Er trat gegen das Blech.
»Sammelt alles, was ihr tragen könnt«, entschied Thora. »Wir gehen zu
Fuß weiter. Hier sind wir eine zu gute Beute für unsere Verfolger und
andere Kreaturen.«
Die Gruppe von sieben Quarterialen brach auf.
Epilog – Die IVANHOE II
Die Sonne brannte gnadenlos auf ihre Köpfe nieder. Thora hatte Durst,
schrecklichen Durst. Die Kehle tat weh. Jeder Schritt fiel ihr schwer.
Sie blickte zu Leutnant Lutz und Perron, denen es ähnlich ging. Nur sie
drei waren von den 48 quarterialen Soldaten noch übrig geblieben. Mit
sieben Leuten waren sie entkommen, von denen vier vor Erschöpfung in
der endlosen Wüste zurückgeblieben waren. Thora schallte sich eine Närrin.
Sie hatte die Hälfte ihrer Besatzung geopfert. Wenn sie noch wüsste, wo die
anderen waren, dann würde sie sie warnen.
Sie gingen endlos durch diese Wüste. Immer weiter. Einfach nur
geradeaus. Oder anderswo hin. Es war eigentlich egal.
Wer waren nochmal die beiden, die neben ihr gingen? Ach ja, Lutz und
Perron. Sie war Thora.
Sie wusste nicht, ob der Durst ihr mehr zu schaffen machte, der Raub der
Vitalenergie oder der Schleier der Lethe. Vermutlich alles auf einmal.
Beinahe hoffte sie schon darauf, dass die Deep Raider sie finden würden.
So bestand immerhin die Chance auf Rettung oder auf einen schnellen
Tod.
Wäre doch nur Perry hier. Er würde sie retten. Ja, ihr geliebter Perry,
dieser sture Terraner.
Moment Mal, wer ist Perry? Ihr Ehemann war doch Ja, wer war das?
Sie wusste es nicht mehr.
Die Sonne!
Die Hitze!
Der Durst!
Wasser!
Sie blickte zu den beiden neben ihr. Wer waren die?
Ihre Knie wurden plötzlich weich, als ob sie einen schweren Sack voller
Steine tragen würde. Die Last war so groß.
»Fürchte dich nicht. Ich bin dein Huckup. Ich geleite dich in deine neue
Existenz.«
Jeder Schritt fiel ihr schwer, war quälend, und dazu kam der erdrückende
Schmerz auf den Schultern, der Durst und die Vergesslichkeit.
Ihr Blick war getrübt, sie sah nur noch verschwommen. Neben ihr zwei
Schatten. Jetzt nur noch einer. Sie blickte zurück und sah einen Umriss im
Sand liegen, den sie selber nur noch verschwommen wahrnahm. Gelb und
blau, die ineinander übergingen.
Komm, einen Schritt weiter und weiter.
Sie sank auf die Knie.
Vor sich sah sie etwas Großes auf sich zukommen. Es war unklar, was es
war. Sie war nicht mehr in der Lage, richtig zu sehen.
Sie hörte das Summen eines Motors, der Umriss hielt vor ihr. Dann wurde
sie von beiden Seiten an den Armen gepackt, hochgezogen und in etwas
hineingebracht. Ein kurzer Schmerz im Arm. Es war offenbar eine Injektion
. Sie hörte schleifende Geräusche, konnte es aber nicht zuordnen. Die Last
auf den Schultern und dem Rücken war gewichen.
»Keine Sorge, ich habe Ihnen soeben einen richtigen Muntermacher
injiziert. Trinken Sie«, hörte sie eine freundliche, irgendwie metallisch
klingende Stimme.
Ihr Blick wurde klarer. Sie sah in ein Robotergesicht. Die Haut war
silbern, der Kopf oval und zwei große, rote Augen blickten sie an.
»Du … Du bist ein Roboter …«, flüsterte Thora.
»Ihre Auffassungsgabe entspricht dem eines Kleinkinds, bravo!«
Der Roboter war außerdem sarkastisch.
»Kennen Sie Ihren Namen?«, fragte er und reichte ihr eine Flasche
Wasser.
Sie leerte diese in drei hastigen Zügen und hustete anschließend.
»Sie sind dehydriert. Lassen Sie es langsam angehen.«
»Mein Name«, flüsterte sie. Die Kehle war rau, das Sprechen fiel ihr
schwer, denn die Kehle schmerzte. »Wo … Besatzung?«
»Wir haben zwei von Ihrer Crew mit Ihnen zusammen gefunden. Ihr
Zustand ist stabil. Weitere Crewmitglieder sind nicht am Leben. Die
ATHENA befindet sich auch nicht mehr im Orbit von 666-Rückwärts. Wir
vermuten, dass sie zurück zur CASSIOPEIA berufen wurde, als die
Raumschiffe der Deep-Raider hier auftauchten. Sie wissen nicht, wer Sie
sind, oder?«
Thora starrte den Roboter mit dem starren Gesicht und den großen roten
Augen an. Dennoch wirkte es so, als würde er sie mit einem sanften
Lächeln bedenken.
»Thora da Zoltral ist mein Name. Ich bin oder vielmehr war die
Imperatrice des Quarterium.«
Jemand im vorderen Bereich prustete.
»Ich bitte den Zwischenruf meines Freundes zu entschuldigen. Ihre
Angaben sind verwirrend und resultieren zweifellos aus den
Nachwirkungen des Schleiers der Lethe. Wir kennen das Quarterium nur zu
gut und wissen, dass Thora da Zoltral niemals Kaiserin dieses Imperiums
war. Thora da Zoltral war die Ehefrau von Perry Rhodan und starb bereits
vor 3.500 Jahren.«
»Erzähl mir was Neues, Blechbirne. Wo bin ich und wo bringt ihr mich
hin?«
Thora richtete sich auf. Sie befand sich in einem Gleiter, dessen
Kuppeldach transparent war. Vor ihr saßen zwei Männer. Der eine wirkte
wie ein Terraner, doch sie konnte nur sein dunkelblondes, langes Haar
erkennen. Der Beifahrer war groß, kräftig und hatte eine Glatze.
Neben diesem Gleiter schwebte ein zweites Vehikel, welches offenbar ihre
beiden Crewmitglieder transportierte. Sie erkannte in der Kanzel ein
tellerköpfiges, blaues Wesen. Eine blonde Frau schien sich auf dem
Rücksitz um die beiden zu kümmern.
»Ich frage nicht noch einmal«, sagte Thora barsch.
»Na, hier haben wir uns ja ein Schätzchen an Bord geholt. Lady, wie wäre
es erst einmal mit einem kleinen Dankeschön?«
Der Terraner drehte sich zu ihr herum und grinste schelmisch.
»Wer sagt mir, dass Ihr nicht genauso ein Gesindel wie die Deep Raider
seid?«
»Wir sollten sie wieder in der Wüste aussetzen«, schlug der Beifahrer vor.
»Und schau gefälligst nach vorne«, rügte er den Terraner.
Der zuckte mit den Schultern.
»Da ist nur Wüste. Außer die Terra-Station. Moment …« Der Terraner
schien etwas zu kontrollieren. »Jupp, wir sind jetzt im Wirkungsbereich der
Terra-Station.«
»Nun, dann wiederhole ich meine Frage«, meinte der Roboter. »Wer sind
Sie?«
»Du scheinst eine Fehlfunktion zu haben. Ich bin Thora da Zoltral de la
Siniestro, bis 2043 Imperatrice des Quarterium. Und ja, ich wurde über eine
Temporale Anomalie ins Jahre 5633 gerissen. Das ist für mich schon
schwer zu verarbeiten, aber ihr scheint ja noch begriffsstutziger zu als die
hohlen Deep Raider zu sein!«
»Die hat Feuer«, meinte der Große.
»Wir fliegen also zu einer Terra-Station und …« Sie stockte, als sie von
weitem eine große, runde Silhouette erkannte. Je näher sie dorthin flogen,
desto deutlicher war, dass es sich um das Wrack eines riesigen
Kugelraumers handelte, der im Sand gelandet war. Der Schweif des
Schiffes ragte in die Luft. Thora erkannte den Raumschiffstyp sofort. Nur
ein Supremo-Raumer des Quarteriums hatte diese Verlängerung des
Ringwulstes.
»Das … das? Was geht hier vor?«
»Nun, die Terra-Station von 666-Rückwärts wurde im Schatten des
Wracks unseres Raumschiffes errichtet.«
»Eures Raumschiffes?«
Thora lachte abfällig. Das war Eigentum des Quarterium.
»Ja, wir haben es damals geklaut. Das waren noch Zeiten«, sagte der
große Glatzkopf.
Thora lachte erneut und diesmal schriller als gedacht. Sie glaubte diesen
drei komischen Figuren kein Wort. Und doch lag vor ihnen dieser gewaltige
Kugelraumer. Vor ihm sah sie ein Gebäude, vielleicht 50 Meter lang. Das
musste die Terra-Station sein. Sie erkannte sie wieder. So sah auch das
Gebäude aus, welches sie in ihrer Vision mit dem Maskenträger aufgesucht
hatte.
Die Terra-Station hatte ein breites, flaches Dach, das von vier schrägen
Säulen getragen wurde. Darunter befand sich das eigentliche Gebäude,
welches sich in einen Art Diner, eine Werkstatt und einen Verkaufsshop
aufteilte.
Damals hatte sie in dem Diner etwas mit diesem seltsamen Alaska
Saedelaere getrunken. Damals Das war doch nur ein paar Tage her. Und
doch waren mehr als 3500 Jahre vergangen.
Zur linken und rechten Seite lagen zwei runde Landeplattformen für
kleinere Raumschiffe. Eine Gangway führte geschwungen von jeder
Plattform zum Eingang der Terra-Station.
Das Gebäude wirkte so winzig vor der Kulisse des gewaltigen Supremo-
Raumers, der überall Einschusslöcher und Abschürfungen auf dem Metall
aufwies.
Sie erkannte nun den Namen des Raumschiffes, der in roten Lettern in
Interkosmo auf der Außenhülle stand: IVANHOE II.
»Nun, wenn Sie tatsächlich Thora sind, so sind wir Ihnen ebenfalls eine
Vorstellung schuldig«, sagte der Roboter. »Der Fahrer mit dem
schelmischen Grinsen ist Mathew Wallace. Sein Beifahrer der Oxtorner
Irwan Dove. Ich bin ein Posbi und höre auf den Namen Lorif. Wir gehören
zur Crew der IVANHOE II und sind ebenso wie Sie in der Tiefe des Chaos
gestrandet…«
ENDE
Vorschau
Im nächsten Roman gehen wir im Detail auf das Wesen ein, welcher
offenbar die Fäden in den Zeiten in den Händen hält. Es ist der
ZEITFAMULUS. Das ist auch der Titel, den Nils Hirseland in DORGON
128 ausgewählt hat.
Glossar
Das geheime königliche Treffen
Im Jahre 1776 fand ein geheimes Treffen im Schloss von Eutin statt. Es
wurde von dem Kammerdiener Gustav Larsen im Auftrag des Ylorsfürsten
Medvecâ ausgetragen, um einen geheimen Bund zur Förderung von Don
Philippe de la Siniestro zu gründen. Ziel war, eine finanzielle Förderung für
diesen Geheimbund zu sichern. Die Teilnehmer waren:
– König Friedrich II. von Preußen
– Königin Maria Theresia von Österreich-Ungarn
– Zarin Katharina II. von Russland
– Capitaine Lafayette aus Frankreich
– Herzog Friedrich August vom Herzogtum Oldenburg
– Marquese de la Siniestro (der Vater von Don Philippe)
– Aurec
Bis auf Lafayette und Aurec stimmten alle Beteiligten einer Finanzierung
zu. Aurec war klar, dass dies eine Zeitmanipulation war.
Die Deep Raider
Die Deep Raider waren eine Organisation von Plünderern in der Tiefe des
Chaos. . Ihr Anführer war der Ayatollah of Rock’n’Rolla. Sie verfügten
über alte, meist zusammengeschusterte Raumschiffe und waren auf der
Suche nach dem hyperkristallischen Salkrit, da es wohl vor dem
Erinnerungsverlust und dem Verlust von Vitalenergie schützt.
Die Deep Raider waren wild und roh.
666-Rückwärts
Der Planet 666-Rückwärts hatte einen Durchmesser von 7.323 Kilometern.
89 Prozent der Oberfläche waren von Wüsten bedeckt. Es existierten drei
Kontinente, die von einem dünnen Ozean getrennt wurden, welcher
wiederum 91 Prozent des gesamten Oberflächenwassers ausmachte. Die
Welt war entsprechend von Wüsten geprägt.
Es gab dort eine Terra-Station. Außerdem befand sich dort das Wrack der IVANHOE II.
Impressum
Die DORGON-Serie ist eine Publikation der
PERRY RHODAN-FanZentrale e. V., Rastatt (Amtsgericht Mannheim, VR
520740 )
vertreten durch Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf
www.dorgon.net
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Gaby Hylla
Innenillustrationen: Roland Wolf, Raimund Peter, Stefan Wepil, Foto
Povolen
Lektorat: Arndt Büssing
Korrektorat: Arndt Büssing, Alexandra Trinley
Layout, Cover und digitale Formate: Burkhard Lieverkus
Sofern nicht anders vermerkt, bedarf die Vervielfältigung, Verbreitung und-
öffentliche Wiedergabe der schriftlichen Genehmigung der Rechteinhaber.
Perry Rhodan®, Atlan®, Icho Tolot®, Reginald Bull® und Gucky®
sind eingetragene Marken der Heinrich Bauer Verlag KG, Hamburg.