Band 127
Die Zeitagenten
Aurec ist in der Vergangenheit der Menschheit gestrandet
Autor: Nils Hirseland
Titelbild: Gaby Hylla
Innenillustrationen: Roland Wolf, Raimund Peter, Jürgen Rudig, Stefan Wepil, Foto Povolen
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Der Saggittone trifft auf historische Persönlichkeiten
Thora da Zoltral
Die Arkonidin ist Opfer des Zeitchaos
Nathaniel Creen
Der Kopfgeldjäger erlebt zum zweiten Mal den Untergang der
Menschheit
Eleonore
Die Positronik der NOVA wird immer menschlicher
Olaf Peterson
Der Reporter aus Berlin trifft Perry Rhodan
Gustav Adolph Larsson
Der Haushofmeister spricht für den Fürsten zu den Herrschern
Europas
Was bisher geschah
Nistant brachte im Jahre 2046 NGZ das Zeitchaos in die
Milchstraße. Temporale Anomalien fegten durch die Galaxis und
löschten die Zeitlinie aus. Eine Handvoll Überlebender trifft auf der
CASSIOPEIA auf andere in der Zeit gestrandete Lebewesen.
Aurec strandet aus ungeklärten Gründen im Jahre 1776 im
beschaulichen Eutin auf der Erde.
Nathaniel Creen erlebt eine Wendung im 2. Weltkriegs im Jahre
1944 und ermodet den jungen Perry Rhodan. 200 Jahre später geht
die Erde bei einem Angriff der Akonen und Blues unter.
Im Jahre 1971 erlebt der Journalist Olaf Petersen die Mondlandung
der STARDUST, jedoch mit dem Kommandanten Michael Freyt.
Und die CASSIOPEIA unter dem Kommando von Gucky und
Constance Beccash sammeln die Überlebenden des Zeitchaos von
2046 NGZ ein.
Es scheint als würden Aurec, Creen und Olaf Peterson von fremden
Gestalten überwacht werden, welche die Geschicke im Hintergrund
lenken. Doch wer sind die ZEITAGENTEN?
Prolog – Der Dämon in Eutin
Aus den Erinnerungen von Prinz Peter Friedrich Wilhelm von Schleswig-
Holstein-Gottorf
Es war der 17. März 1761 als wir uns anschickten, vor der Bettruhe einen
beaufsichtigen Spaziergang zu unternehmen. Spielen durften wir das nicht
nennen, denn unsere Erziehung sah das nutzlose Vergeuden von Zeit durch
Spielereien nicht vor.
Meine Kammerdienerin Guinevere war jedoch guten Herzens und
bescherte ihrem Prinzen die ein oder andere Auszeit mit jenem sinnlosen
herumtoben in der Natur. Sie war zierlicher als es Mama war. Und sie war
kleiner. Ihre Augen blau und ihr langes Haar braun.
Sie war gut zu uns und wir hatten sie ins Herz geschlossen. Das Mädchen
mit dem ungewöhnlichen Vornamen tammte aus Wales, einem Land der
Britischen Krone, genauer gesagt, sogar ein Teil dieser auf deren
Mutterinsel.
Wie dem auch sei, jener 17. März war vom Morgengrauen an etwas
bedeckt und trübseligen Wetters. Es schien, als wolle die Sonne ihr Antlitz
nicht zeigen, ehe sie nicht vom Monde geküsst wurde, um ihren
wohlverdienten Schlaf zu finden. Wir näherten uns der sechsten
Abendstunde. Eigentlich hätten wir bereits bettfertig sein müssen. Doch wir
hatten die Orientierung verloren – lediglich Guinevere schien den Weg zu
kennen. Dabei dämmerte der Abend und mit jeder verstrichenen Minute
hüllte die Dunkelheit mehr und mehr ihren finsteren Mantel über unsere
Köpfe. Wo wir nur waren? War dies schon die Wildkoppel? Wir bekamen
es mit der Angst zu tun, unser Herz klopfte wie die Trommeln vom
schwarzen Kontinent.
Ein kalter Wind zischte über die Gartenanlage. Waren wir überhaupt noch
dort? Das starke Knistern und Rascheln der Blätter in den Bäumen fuhr uns
wie ein eiskalter Schauer über den Rücken. Dann zuckte, zischte und
donnerte es am Himmel, als würde Gott selbst in größter Gram ein Unheil
auf die ihm geweihte Erde entsenden.
Guinevere nahm meine Hand.
»Keine Sorge, kleiner Prinz. Die Götter sind uns wohl gesonnen«, sagte
sie. Die Vielgötterei war ein geheimes Überbleibsel ihrer Familie. Sie
waren Kelten gewesen und praktizierten ihre heidnischen Bräuche im
Stillen. Das war ihr einziger Makel, und ein Wort von mir hätte sie
vermutlich ins Gefängnis gebracht – oder Schlimmeres. Sie verschmähte
Gott und war unfromm. Und doch trug sie keine Hörner auf dem Kopf oder
flog auf ihrem Besen. Wie passte das nur zusammen?
Es regnete in Strömen und wir waren verloren. Wir würden bitterlich in
den Fluten des Schauers über Eutin ertrinken. Doch Guinevere zog mich
weiter, wir eilten über die Brücke, die über den Schlossgraben in Richtung
Stadt führte. Ich blieb stehen, auch wenn mir kalt war.
»Aber wir dürfen nicht in die Stadt. Unser Vater hat es uns auf das
Strengste verboten.«
Guinevere beugte sich zu mir herab. Ihr langes Haar war durchnässt, wie
auch ihr weißes Kleid, weshalb wir Dinge an ihr sahen, die uns verwirrten.
»Suchen wir doch in der Sankt Michaelis Kirche Schutz. Pastor Balemann
wird uns mit Freuden ein warmes Obdach geben. Sie ist keine hundert
Meter von uns entfernt.«
»Aber … das Schloss doch auch nicht …«
Sie zog uns mit sich, und wir eilten über die Brücke. Das Tor zum
Stadtteil war nicht bewacht. Die Garde würde sich vor meinem Vater zur
Verantwortung ziehen müssen. Wir rannten durch den Regen und hielten an
einer Häuserwand. Das war nicht die Kirche. Das war ein ruchloser Gang
zur Finsternis. Hier trieben sich die untreuen Ehemänner herum und
lästerten wider Gott und ihren Eheweibern.
Der dickbäuchiger Mann grabschte ungeniert an einer ebenso beleibten
Frau. Uns wurde anders bei diesem Anblicke.
»Weg hier«, bettelte ich. Guinevere zog uns mit. Aus feisten, verlebten
Gesichtern starrten uns Weibsvolk und ehrenlose Männer düster an. Es
stank nach Fäkalien. Dieser Gang war ein Sündenpfuhl der ungenierten
Wollust.
Endlich waren wir wieder in der Achter Straße und eilten entlang der
Mauer zum heiligen Grundstück der Kirche. Plötzlich fühlte ich einen
unsanften Ruck an meinem Arm und Guinevere ließ meine Hand los …
Wo war sie hin? Als hätte sich der Boden aufgetan und ein Dämon aus
Satans Schoß sie mit seinem gierigen Maul verschluckt. Aber das Gegenteil
war der Fall: Vor unserer Nase tropfte Blut auf den Boden der Straße. Wir
starrten auf die rote Lache und trauten uns nicht in den Himmel zu blicken.
»Fürchtet Ihr Euch, junger Mensch?«
Wir sahen schwarze, saubere Stiefel. Sie glänzten und schienen im Besitz
eines Edelmannes zu sein. Langsam fuhr unser Blick höher und wir
erblickte eine schwarze Hose, einen silbernen Gürtel, ein dunkelrotes
Hemd, und den Körper des Mannes in einen bis zu den Knien gehenden,
ebenso schwarzen Mantel gehüllt, der vom Regen durchnässte Mantel
tropfte das Wasser auf den Boden tropfte.
Der Edelmann beugte sich zu uns herab, und wir starrten in die Fratze des
Teufels höchstpersönlich, die dunklen Haare nass und strähnig. Das Gesicht
eingefallen, wie das eines wandelnden Toten. Wir vermochten nicht zu
schreien, nicht zu weinen –wir waren wie in einem Bann.
»Oh Sohn des Seins, fürchtest Du den Tod?«
Er hielt eine Zierstock in der linken Hand, dessen Knauf den gehörnten
Kopf eines Widders darstellte. Ein Tier des Teufels. Ein Vieh des Satans,
des Bezelbubs, von Luzifer. Damit deutete der Unheilige nach oben und es
tropfte noch immer Blut auf uns hinab, und die Lache zwischen uns wuchs
an. Zögerlich, als wollte ich die gewissbringende Wahrheit verdrängen oder
hinaus zögern, hoben wir unser Haupt in den Himmel. Auf dem Dach vor
dem Haus der St. Michaelis Kirche saß ein Wesen, so schrecklich, dass wir
es nicht beschreiben wollten. Es war eine geflügelte Bestie aus einem der
Höllenkreise und sie hielt Guinevere Körper in den Armen und nagte an
ihrem Hals. Es wirkte, als lutsche er an ihrem Hals, während Guineveres
starre Augen auf uns hinabblickten.
»Fürchtet Euch nicht, Prinz«, sprach das Wesen vor uns. »Der Fürst ist nur
hungrig und Euer Kammermädchen hatte sich ihm schon im Garten
angeboten. Hm.« Genüsslich blickte der fremde Dämon nach oben.
»Für jemand wie den Fürsten ist das ein Abendbrot mit vielen nützlichen
Stoffen für seinen Körper. Aber das versteht Ihr natürlich nicht. Für Euch
sind wir Dämonen, wenn nicht gar der Satan höchstpersönlich.«
»Sei … seid Ihr das denn nicht?«, fragten wir zögerlich.
Das Wesen auf dem Dach glitt mit Guinevere im Arm herab. Es war
furchteinflößend, wie eine menschengroße Fledermaus, und doch war sie
elegant, wie sie die Magd trug und sanft auf die Straße ablegte. Dann
vollzog es eine Verwandlung, wie sie nur Hexen möglich war. Sie
verwandelte sich in einen stattlichen Edelmann mit weißem Rüschenhemd,
schwarzer Hose und braunen Stiefeln. Er richtete sein Hemd, welches zum
Rücken hin zerrissen war. Das glatte, schwarze Haar war zu einem Zopf
zusammengebunden, die Haut des Mannes war bleich – und dennoch war er
von großer Anmut..
Blut klebte an der Lippe, und er fuhr mit der Zunge darüber. Der Fürst,
wie der Andere ihn bezeichnet hatte, gab der sterbenden Guinevere einen
Kuss und streichelte ihr nasses Haar. Dann erhob er sich, erblickte uns und
macht eine höfliche Verbeugung.
»Merkt Euch, kleiner Prinz aus Eutin. Schenkt niemals einer Frau Euer
Herz, doch nehmt ihre Lieblichkeit und ihren Körper, wenn es Euch danach
düngt. Frauen können ein verwirrtes Männerherz vernichten. Seht sie wie
einen edlen Tropfen Wein. Doch der muss auch ausgetrunken werden.«
Wir wussten nicht, was wir erwidern sollten. Wir zitterten, waren selber
verwirrt und verstanden, dass diese Wesen aus der Hölle – oder wo auch
immer sie herkamen – Guinevere ermordet hatten.
Der Andere beugte sich wieder herab.
»Wir haben Eure Provinz auserkoren, die Geschichte Eures lausigen
Planeten zu verändern. Doch Eure Guinevere wird das nicht mehr erleben.«
Er stand auf, nur um sich über sie zu beugen. Er nahm ihren Kopf in seinen
Arm.
»Oh Tochter des Seins, lege jeden Tag Rechenschaft ab, als sei es dein
letzter Tag. Denn nun ist der jüngste Tag für dich angebrochen.«
Ihr Arm und ihre Hand zuckten, ehe sie schlaff wurden. Guinevere war
tot.
»Prinz? So meldet Euch!«, hörten wir Stimmen aus der Dunkelheit. Sie
suchten nach uns.
Die beiden Monster blickten sich an. Der Fürst packte uns mit hartem
Griff.
»Wir werden uns wiedersehen, Hoheit!«
Dann ließ er uns los, und wir sackten zusammen. Dann schrien wir.
Guinevere war tot und lag vor uns in ihrem Blut. Wir schrien um Hilfe,
stießen Gebete zum Herren im Himmel aus, er möge uns beschützen … als
uns endlich die Wachen aus dem Schoss erreichten und den Leichnam von
Guinevere mit einer Decke verhüllten. Während wir grübelten, wieso die
Aura der Kirche des heiligen St. Michaelis keinen Schutz vor den Dämonen
geboten hatte, wurden die Überreste der Guinevere von den
Kammerdienern auf einen Karren verfrachtet und wir zum Schloss
gebracht. Wir verstanden noch nicht, wieso, doch was wir verstanden war,
dass nur Gott allein uns helfen konnte. Und dass wir niemals eine Frau an
unser Herz heranlassen durften. Guinevere hatte uns doch verraten. Wären
wir im Garten geblieben, wären wir den arg abscheulichen Höllenkreaturen
niemals begegnet. Wir mussten uns also vorbereiten auf die Rückkehr des
Fürsten und auf das Ende aller Tage.
Mit diesen Worten beendete Prinz Peter Friedrich Wilhelm von Schleswig-
Holstein-Gottorf seine Geschichte und blickte Aurec erwartungsvoll an. Für
Aurec gab es zwei Möglichkeiten: Der Prinz war völlig verrückt oder er
hatte eine Begegnung im Jahre 1761 mit waschechten Außerirdischen
gehabt, die Aurec nicht ganz unbekannt waren. Die Schilderung des Fürsten
erinnerten ihn ganz klar an einen Ylors, die offenbar auch auf der Erde einst
ihr Unwesen getrieben hatten und als Vampire bezeichnet wurden. Der
Andere war offenbar kein Vampir gewesen, doch auch hier wusste er die
Beschreibung einzuordnen. Das klang nach Nistant.
Es war kein Zufall, dass sie dem Prinzen als Kind über den Weg gelaufen
waren und es war auch kein Zufall, dass Aurec in diese Epoche gelandet
war. Ein Mann der Außerirdische getroffen hatte, war etwas besonderes.
Besonders da es sich um Medevecâ und Nistant handelte. Er musste dieses
Rätsel lösen.
1. Die Suche nach dem Fürsten
Es war Nacht über Eutin, doch Aurec war noch wach. Er hatte vorsichtig
die Rollläden in seinem Gemach verschlossen, so dass niemand von außen
das Licht seiner Mikropos sehen konnte. Außerdem trug er kleine
Kopfhörer, damit er die Informationen von Mr. Terrapedia auf dem
Kosmogenen Segler hören konnte. Er selber gab die Anweisungen nur
schriftlich über das Touchpad vom Display. Es würde ihn nicht wundern,
wenn Gustav Larsen des Nachts durch die Gänge schlich und an den Türen
lauschte.
Aurec ließen die Erzählungen des Kronprinzen Peter Friedrich Wilhelm
keine Ruhe. Das war kein Hirngespinst eines labilen Adligen, der als Kind
den Mord an seiner Kammerdienerin erlebt hatte und das irgendwie
versuchte zu verarbeiten. Diese Beschreibung des Mörders, eines Vampirs,
trafen auf einen Ylors zu. Die Bezeichnung Fürst deutete auf Fürst
Medvecâ hin. Gab es eine Verbindung zwischen Medvecâ und dem Haus
Schleswig-Holstein-Gottorf? Gustav Larsen hatte doch auch von einem
Fürsten erzählt. Bisher dachte Aurec, dass es einfach eine saloppe
Bezeichnung für den Herzog war. Dochwas, wenn nicht?
Der zweite Fremde in der Geschichte des Prinzen war eindeutig Nistant.
Aurec war aufgeregt und angespannt zugleich. Was wollten die beiden in
dieser Epoche, die so lange vor der Zeit Perry Rhodans war? Es war
offensichtlich, dass in dieser Zeit irgendetwas an der Geschichte der
Menschheit verändert wurde.
Wieso in Eutin?
Hätten sie dafür gesorgt, dass die rebellierenden Amerikaner gegen
Großbritannien verlieren, dann wäre sicherlich niemals die USA gegründet
worden und hätten Perry Rhodan auf den Mond geschickt. Doch Eutin war
weltpolitisch völlig bedeutungslos, sah man von ihren Verbindungen zum
russischen Zarenhaus einmal ab. Peter Ulrich und die spätere Katharina die
Zweite hatten sich 1739 hier kennengelernt. Aber das hatte keine
Auswirkungen auf Perry Rhodan. Dessen Vorfahren stammten aus Bayern
und Lothringen.
Mr. Terrapedia konnte auch keine Hinweise auf Vampirismus finden.
Natürlich suchte er auch nach Hinweisen auf Medvecâ, doch es gab keinen
Adligen mit diesem Namen in geschichtlichen Erwähnungen.
»Ich empfehle Ihnen, das Stadtarchiv aufzusuchen. Dort könnten Sie
vielleicht Hinweise auf Mythen und unerklärliche Ereignisse finden, die auf
die Anwesenheit eines Ylors Rückschlüsse ziehen.«
Aurec seufzte, aber Mr. Terrapedia hatte wohl recht. Er deaktivierte den
Mikropos und legte sich schlafen.
Am nächsten Morgen brach er früh in Richtung Stadtarchiv auf, welches
sich im Eutiner Rathaus am Markt befand. Einige Bürger schlenderten
bereits über den Markt und prüften das Angebot der Händler, die ihre
Stände und Wagen bereits errichtet hatten. Es duftete nach frisch
gebackenem Brot. Aurec ging an einigen der Stände vorbei. Es wurde
Fisch, der weniger gut duftete, angeboten, allerlei Gemüse und Fleisch von
Wild und Geflügel. Das war wohl der übliche Handelsmarkt einer Stadt –so
etwas würde es vermutlich noch in hunderten von Jahren geben.
Am Tor zum Rathaus wartete ein Mann in einem blauen Anzug und
weißen, zeitgemäßen Kniesocken. Das Haar war schwarz, und er trug keine
Perücke. Er wünschte Aurec einen guten Tag und stellte sich als Franz
Jakob vor, der stellvertretende Archivar der Stadt.
»Kommt, Herr, ich führe euch eiligen Schrittes zum Archivar
höchstpersönlich.«
Sie betraten das Ratsarchiv, das voller Bücher und Dokumente war, die
wild durcheinander auf Schemeln und Tischen lagen. Einige waren auch in
Holzregale einsortiert. Es roch modrig in diesem Raum.
»Sie wissen gar nicht, wie viel Arbeit das macht, hier Ordnung zu
einzuführen. Das wird meine Lebensaufgabe.«
»Jakob, der Stadtarchivar. Das hört sich doch nach einer ehrenvollen
Aufgabe an«, sagte Aurec. Der Staatsdiener lächelte, ehe ein unangenehm
lautes »Franz, wo ist er denn?« hinter den Regalen zu hören war. Dann
lugte ein altes Gesicht zwischen Bücherstapeln hervor. Es war eingefallen,
das Haar weiß, die Bartstoppeln auch, und er selber wirkte ganz und gar
nicht gepflegt.
»Das ist der Herr Ratsarchivar, Professor …«
»Ich stelle mich selbst vor, wenn ich es für nötig halte«, unterbrach der
Alte und stand auf. Er stützte sich mit zitternden Armen auf dem Tisch ab.
»Nun, denn, was wünscht der Herr, Gast des Herzogs.«
Bevor Aurec antworten konnte, winkte der Alte schon ab und seufzte.
»Ach, dieser Friedrich August. Vier Fürstbischöfe habe ich schon überlebt.
Und den alten Friedrich August, ja den überlebe ich auch noch.«
»Wie alt seid Ihr denn, wenn ich fragen darf?«
»87 Jahre sind es schon. Geboren im Jahre 1689 des Herren.«
Das war für diese Zeit schon ein biblisches Alter, so nannte man das wohl
auf Terra in Anlehnung an alte Leute in der Religionsschrift Bibel. Aurec
nahm Platz. Franz Jakob brachte eine Karaffe Wein. Aurec würde nicht mit
der Tür ins Haus fallen und ließ den alten Mann erst einmal erzählen.
»Damals, da hieß der Herr von Eutin nur Fürstbischof. Der Fürstbischof
des Hochstifts zu Lübeck. In dieser Zeit fiel der letzte Angriff auf das
Schloss. Damals war ich nur zehn Jahre alt und ich erinnere mich noch
gut …«
»Wenn ich unterbrechen dürfte. Der Angriff fand 1705 statt«, korrigierte-
Jakob.
Der Alte wurde aggressiv. »Was weiß er denn schon? Ist er dabei
gewesen?«
»Nein, entschuldigt bitte«, antwortete Jakob und verneigte sich.
»Nun, schenke er mir Wein ein. Dann erzähle ich die Geschichte vom
großen Nordischen Krieg oder auch einem Eutiner Erbfolgekrieg …«
Der Ratsarchivar schilderte die Problematik. Fürstbischof August
Friedrich war kinderlos gewesen, als er am 2. Oktober 1705 gestorben war.
Der Leibmedicus hatte damals die Nachricht geheim gehalten, bis eine
Kompanie an Gottorfer Soldaten aus Neustadt in Holstein das Schloss
erreicht hatte. Das Königreich Dänemark wollte ihren Favoriten einsetzen,
während die Gottorfer Prinz Christian August wollten. Aurec wusste nun,
dass der Kompanieführer der Gottorfer Familie Capitain Nummers hieß.
Der Leibmedicus, Doktor Förtsch, rief Christian August sodann als neuen
Fürstbischof aus. Und damals gab es das Domkapitel, welches von
Christian August mit reichlich Geld überzeugt wurde, ihn zu akzeptieren.
Der Medicus wurde dann als Justizrat ein Mitglied der Regierung.
»Der neue Fürstbischof Christian August reiste wieder nach Schleswig zu
seinem Familiensitz. Nachdem die Dänen ihren Favoriten nicht durchsetzen
konnten, marschierten sie im Dezember von Segeberg los. Ein Regiment
Dragoner, ein Regiment Infanterie sowie vier Feldkanonen und einen
Mörser unter dem Kommando von General Passow erreichten am 30.
Dezember 1705 die Stadt und besetzten sie. Daran kann ich mich noch gut
erinnern. Wir fürchteten die Rache der Dänen und hatten Angst vor
Brandschatzung und Vergewaltigung. Capitain Nummers verweigerte die
Übergabe des Schlosses. Die Dänen schafften es noch nicht einmal über den
Schlossgraben und mussten sich zurückziehen.«
Der Alte lachte.
»Dann sprachen die Sechspfünder am nächsten Tag und richteten großen
Schaden an. Ich verfolgte damals, wie die Dänen die schweren Kanonen auf
die Wildkoppel brachten. Nur drei von denen, denn das vierte Geschütz
hatten sie vor der hochgezogenen Schlossbrücke platziert. Im Gefecht
wurde General Passow verwundet. Sein Bein musste amputiert werden, und
er starb am 7. Januar 1706. Dann folgte auf Befehl von Fürstbischof
Christian August die Kapitulation der Gottorfer. Sie marschierten unter
Nummers Kommando zurück nach Neustadt. Es dauerte bis in den April,
ehe die Dänen nach Verhandlungen und vielen Zahlungen endlich aus Eutin
abzogen und die Gottorfer wieder die Kontrolle übernahmen. Ja, das war
quasi der Aufstieg von Christian August.«
Eine durchaus interessante Geschichte, wenn man sich für die Historie
irgendwelcher Dörfer im Nirgendwo interessierte. Aurec suchte jedoch
weniger nach Machtkämpfen, sondern nach Mysterien in der Geschichte
Eutins.
Doch der Alte fuhr unbeirrt fort. »Es war sehr turbulent unter diesem
Fürstbischof, der seine Ländereien schließlich doch eine gewisse Zeit an die
Dänen verlor. Aber er war es auch, der das Schloss ausbaute und den
wunderschönen Barockgarten anlegte. Ja, ja. Da habe ich selber geholfen
und stand unter des Fürstbischofs Dienst. Nun ja, dessen Sohn Karl ging
eine Verbindung mit der Tochter von Zar Peter dem Großen ein. Der Bund
zwischen dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf und dem russischen Reich
war mehr als folgenreich.«
Der Archivar seufzte und trank den Wein. Franz Jakob grinste gequält und
warf Aurec einen vielsagenden Blick zu.
»Doch Christian August starb 1726 und sein Sohn Karl wurde
Fürstbischof. Zu dieser Zeit litt der junge Kerl bereits an den Blattern,
woran er in St. Petersburg auch verstarb. Den habe ich nur als junger Bub
getroffen. Ich selber war bereits Kammerdiener der erlauchten Herrschaften
und übernahm Sekretariatsdienste von allerhöchster Wichtigkeit. So wurde
ich Verantwortlicher für das Ratsarchiv und Stadtarchiv. Und Adolf
Friedrich wurde 1727 neuer Fürstbischof. Der Hochstift Lübeck war immer
noch ein begehrtes Objekt für Dänemark, Schweden und nun auch
Russland. Adolf Friedrich war ein Liebhaber der prunkvollen Kultur, doch
sein Weg führte ihn nach Schweden. Dort wurde er König, und 1750 bestieg
Friedrich August den Thron in Eutin und Lübeck. Und der lebt heute noch.
Im Gegensatz zu Adolf Friedrich, der sich 1771 mit 14 Semlor, Hummer
und Heringe zu Tode gefressen hatte.«
Aurec hatte nun die Fürstbischöfe aus dem 18. Jahrhundert kennen
gelernt. Nun war die Zeit der Höflichkeit aber vorbei.
»Erzählt mir von Mythen. Was gab es für unerklärliche Dinge in Eutin
und Umgebung?«
Der Alte starrte ihn erschrocken an.
»Ihr sprecht von Ereignissen wie dem des Bauernmädchens aus dem
Ukleisee? Soll ich euch davon erzählen?«
Aurec winkte ab.
»Oh nein, diese Geschichte ist mir noch bestens in Erinnerung«,
antwortete er in Anspielung auf seine Begegnung mit der Untoten.
»Hm, die Akten der Hexenverbrennung sind sehr umfangreich. Der
Zauber des Hexers Hans Klindt zum Beispiel, der 1615 den guten
Bürgermeister Thomas Bahr verhexte. Der Rat sprach Klindt für nicht
schuldig, doch brave Bürger aus Eutin richteten diesen gefährlichen Unhold
dann auf eigene Faust.«
Die Gesinnung des Mannes wurde Aurec noch deutlicher vor Augen
geführt. Die Begriffe Selbstjustiz und brave Bürger passten nicht
zusammen. Ein Mob dummer, aber gefährlicher Abergläubischer hatten
diesen Mann ermordet.
»Nein, gibt es Berichte über Vampire?«
Der alte Archivar starrte Aurec entsetzt an und schwieg mit offenem
Mund.
»Gibt es keine Untersuchungsberichte über den Tod der Kammerdienerin
des Prinzen? Sicherlich gab es eine polizeiliche Untersuchung?«
»Ihr geht jetzt besser, Herr«, forderte der Alte und versteckte sich wieder
hinter den Bücherstapeln. Aurec sah fragend zu Franz Jakob, der auch eine
ratlose Geste machte. Der junge Mann geleitete den Saggittonen aus dem
Raum.
Als sie draußen waren, wurde er redseliger. »Der Tod der Kammerdienerin
in den Kindertagen des Prinzen ist ein Mysterium. Der offizielle Bericht ist
nur wenigen bekannt. Aufgrund der Grausamkeit vermutet man einen
groben Mörder, einen Metzger. Ihr wurde damals der Kehlkopf
herausgerissen. Der junge Prinz musste das mit ansehen. Der Mörder ward
nie gefunden. Seine Phantasien von Vampiren und Dämonen schienen wohl
eine Rechtfertigung des Geistes zu sein, das unvorstellbare zu erklären.
Herr, seid kein Narr. Vampire gibt es im schönen Eutin nicht.«
Franz Jakob lächelte und verneigte sich, ehe er wieder ins Rathaus ging.
Aurec kehrte zum Schloss zurück. Die Kammerdiener waren arg beschäftigt
und Soldaten durchsuchten alles. Aurec ging zu Gustav Larsen.
»Sagt, was ist geschehen?«, wollte Aurec wissen.
»Nun, die Wachen sind vorsorglich, bevor die erlauchten Herren zur
Konferenz eintreffen.«
»Die Konferenz?«
»Ja, deshalb seid auch Ihr ja hier, nicht wahr?«
Gustav Larsen lachte grunzend.
Eine Kutsche donnerte auf den Vorplatz. Hinter ihr vier Reiter in gelber
Uniform. Die Kutsche hielt, und Bernhard von Hollen kümmerte sich
sogleich um die Pferde.
»Das dürfte unser erster Gast sein«, vermutete Larsen.
Die kastenförmige Kutsche war vergoldet. Rote Vorhängen hingen in der
Kabine. Vier stattliche weiße Pferde zogen das Gefährt. Bernhard von
Hollen öffnete die Tür. Hinaus schritt ein wohl genährter Mann im mittleren
Alter. Seine Haut war gebräunt, was bedeutete, dass er aus einer sonnigen
Region stammte. Er trug eine weiße Perücke und einen gelbroten, reichlich
verzierten Anzug mit weißen Kniestrümpfen zu den schwarzen
Lackschuhen.
Die braunen Augen des Mannes warfen einen verächtlichen Blick auf den
Vorhof des Eutiner Schlosses. Dann stieg er die Treppe hinab.
Gustav Larsen eilte an Aurec vorbei und begrüßte demütig den Gast.
»Oh, edler Herr! Seid willkommen in unserer kleinen Residenz des
Herzogtums Oldenburg. Im Namen des Herzogs von Oldenburg heiße ich
demütigst den Marquese willkommen.«
Der Mann stellte sich vor Larsen. Er betrachtete ihn, wie ein geringeres
Wesen. Das gefiel Aurec nicht.
»Wohl an, Señor, wir sind hungrig und durstig von der beschwerlichen
Reise. Sie führte uns durch allerlei Länder, deren Gastwirte nicht für eine
angemessene Verpflegung sorgen konnten.«
Der Adlige war nicht unbedingt groß, aber dafür breit gebaut. Er fing nun
schallend an zu lachen, wobei Aurec die Pointe entgangen war.
»Also, gebratene Fasane in meinen Bauch, Gustav.«
»Ein Buffet zur Stärkung steht im Garten für euch bereit, Don Señor.«
»Worauf warten wir dann noch? Sohn, komm endlich!«
Aus der Kutsche stieg ein vielleicht 15 Jahre alter Knabe, schlaksig und
mit harten, unfreundlichen Gesichtszügen. Er wirkte so, als würde er sich
nicht wohl fühlen. Gelangweilt stieg er aus der Kutsche.
Gustav winkte nun Aurec herbei.
»Darf ich euch bekannt machen? Das ist Don Diego de la Aurec aus
Übersee. Er ist ein Grundbesitzer in Kalifornien.«
Aurec nickte dem Adelsmann zu.
»Und das ist der Marquese Rodrigo Vicente de la Siniestro aus Spanien.
Nebst seinem Sohn, dem Kronprinzen Don Philippe Alfonso Jaime de la
Siniestro.«
Aurec starrte beide eine Weile perplex an. Dann musste er kämpfen, seine
Verwunderung zu kaschieren. Vor ihm stand der Emperador des
Quarteriums. Natürlich würde es Jahrtausende dauern, bis er diese Position
innehaben würde, doch Aurec sah hier die junge Version des Despoten.
»So, so, einer aus Neuspanien. Wir sind gespannt auf eure Geschichten.
Wie geht es dem alten Antonio Maria de Bucareli y Ursua?«, fragte Vicente
de la Siniestro.
»Wie immer damit beschäftigt, Strukturen zu schaffen«, antwortete Aurec
und vermutete, das sei eine naheliegende Antwort für den Gouverneur der
Kolonien. Er bemerkte den abfälligen Blick von Don Philippe.
»Nun denn, mein Bauch ist leer und will gefüllt werden. Wo geht es zum
Garten?«, fragte der Marquese Rodrigo Vicente de la Siniestro. Bevor
Gustav Larsen antworten konnte, fuhr eine weitere Kutsche auf den Hof.
»Ah, der nächste Gast«, frohlockte Larsen.
Auf der weißen Kutsche, die von vier Pferden gezogen wurde, stach ein
weißes Wappen mit einer Vielzahl von Lilien hervor.
»Die Franzosen«, grummelte der alte de la Siniestro.
Ein schlanker, stattlicher Mann mit blauem Oberteil und weißer Hose,
dazu schwarze Reiterstiefel stieg aus der Kutsche aus.
»Capitaine Marie-Joseph-Paul du Motier de la Lafayette aus Frankreich«,
stellte Larsen vor.
»Wer soll das sein?«, wollte der alte de la Siniestro wissen.
»Ein aufstrebender, junger Franzose, der nach Amerika reisen will, um
dort gegen die Briten zu kämpfen«, flüsterte Larsen, der sodann den
Capitaine auch begrüßte. Dieser wirkte recht zurückhaltend.
»Wohl an, die Herren. Im Garten wartet eine Stärkung.«
Die Gruppe bewegte sich zum Schloss. Aurec war gespannt, welche
Persönlichkeiten aus der terranischen Geschichte noch zu Besuch kommen
würden. Er wurde hellhörig, als er ein Gespräch zwischen Vater und Sohn
de la Siniestro hörte.
»Der Herzog ist doch ein Provinzler«, flüsterte Don Philippe.
»Denk dran, Sohn! Er ist nur der Gastgeber. Der Fürst ist der Initiator des
Treffens.«
3. Das königliche Treffen
Aurec saß mit Rodrigo Vicente de la Siniestro, Captaine Marie de la
Lafayette und Gustav Larsen in einem Salon bei Wein, Spiel und Zigarillos.
Sie diskutierten über das Weltgeschehen, Geld, das sie noch mehren
wollten, und Frauen, die sie bereits erobert hatten. Vielmehr redete vor
allem der Marquese de la Siniestro –und die anderen hörten zu.
»Der Ehrenmann paclt sich seine Senorita , ergießt sich in ihr und geht
zufrieden von dannen, meine Herren. So habe ich es auch meinen Sohn
gelehrt. Die Frau ist ein Objekt seiner Begierde. Ein schöner Gegenstand.«
Der Marquese nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch aus.
»Es gibt welche, die behaupten, dass Frauen auch denken können und
einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft haben sollten«, warf
Lafayette ein.
Der Marquese fing an zu husten.
»Sie darf sich Gedanken um ihre Schönheit machen, mehr aber auch
nicht.«
Er lachte ekelig.
»Nun, vielleicht könnt Ihr das mit der Zarin diskutieren, wenn sie hier
eintrifft?«, fragte Gustav Larsen mit einem süffisanten Lächeln.
De la Siniestro winkte ab.
»Das ist ja so ein Beispiel. Frauen in der Weltpolitik bringen nur Unruhe.
Sie sind wie kleine Kinder, die sich beweisen wollen und machen am Ende
alles falsch. Der Herr hat ihnen eben ein kleineres Gehirn gegeben. Das ist
nun einmal so und da kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Mehr
Wein!«
Lafayette blickte Aurec an.
»Wie ist Eure Meinung dazu?«
»Nun, es ist nur meine persönliche Meinung. Aber ein Mensch sollte das
tun und lassen können, wozu er befähigt ist. Wenn eine Frau regiert, wieso
nicht, wenn sie es kann? Edler, Marquese, wie würdet Ihr euch denn fühlen,
wenn man euch nur aufgrund eures … nun, recht stattlichen Körpers
bewerten würde?«
Vicente lachte los und rieb sich sein Bäuchlein.
»Ich könnte die Senoritas verstehen. Wirklich, ich könnte sie verstehen.
Aber nein, Don Diego de la Aurec. Eine Frau ist dazu eben nicht befähigt.
Wie ich schon sagte, der liebe Gott hat ihre Gehirne kleiner gemacht. So
einfach ist das. Das was ihnen im Kopfe fehlt, hat er in ihre Brüste gepackt.
Deshalb wird es niemals eine weibliche Voltaire geben.«
Gustav Larsen hob seinen Becher.
»Auf diese spanischen Weisheiten.«
De la Siniestro lachte laut und schallend.
»Erzählt, Don Diego de la Aurec. Wie steht ihr zum amerikanischen
Unabhängigkeitskrieg?«, fragte Lafayette.
»Nun, Captaine, ich denke, den Amerikanern sollte sie gewährt werden.
Die britische Krone ist zu weit entfernt, gemessen am technologischen
Fortschritt unserer Zivilisation. Ja, sie sollten sich selber regieren.«
»Technologischer Fortschritt«, blubberte de la Siniestro. »Ihr hört euch an,
wie mein Sohn, der mit seinem Fernrohr die Sterne anschaut.«
Der Marquese rülpste und ließ sich den Wein erneut nachfüllen.
»Oh, ich fand die Somnium von Kepler und Bergeracs ‘Die Staaten und
Reiche des Mondes’ höchst unterhaltsam«, warf Gustav Larsen ein.
»Auch Voltaire schrieb in den Micromégas, dem Wesen vom Stern Sirius,
über die Möglichkeiten, die der Weltraum bietet«, warf Lafayette ein.
»Jeder, der davon träumt, zu diesen Sternen zu fliegen, gehört einem
peinlichen Verhör unterzogen«, sagte de la Siniestro und spielte damit auf
die Inquisition an.
»Einschließlich Ihres Sohnes?«, fragte Aurec provozierend.
»Das übernehme ich selber. Das Balg kriegt eine Tracht Prügel von mir,
bis ich ihm die Flausen aus dem Kopf gehauen habe. Da sagte das Gör doch
tatsächlich zu mir und seiner Mutter, er würde eines Tages zwischen den
Sternen reisen. Welcher Dämon haust in ihm bitteschön?«
Rodrigo Vicente leerte das nächste Glas Wein. Ein Dämon hauste definitiv
im Kopf de la Siniestros, doch nicht, weil er an die Raumfahrt glaubte. Es
war interessant, dass der junge Emperador des Quarteriums in seiner
Kindheit und Jugend zu den Sternen blickte. Vielleicht hatte ihm dieser
offene Geist geholfen, sich nach der Befreiung aus den Klauen der Casaro
in die Neue Galaktische Zeitrechnung so gut einzufügen und keinen
Kulturschock zu erleiden. Dennoch schien ihn auch die konservative
Erziehung seines Vaters geprägt zu haben.
»Zuhause hatten wir einen Strolch namens Carlos. Der hatte behauptet,
dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht das Zentrum des
Universums ist.« De la Siniestro lachte. »Den haben wir drei Wochen lang
in unserem wunderschönen Keller gefoltert, bis er tot war. So eine Sünde
vor dem Herren gehört bestraft.«
»Die Erde dreht sich doch auch um die Sonne. Das ist wissenschaftlich
belegt und anerkannt«, erklärte Lafayette.
»Nicht in Spanien. Da drehen sich die Gestirne anders«, beharrte de la
Siniestro und beugte sich hervor. »Wir haben so einen schönen Folterkeller
mit einer Eisernen Jungfrau, Streckbänken und sogar einem Pendel. Ich
verbringe gerne Zeit dort, wissen Sie?«
Aurec räusperte sich.
»Nun, wie sind wir nur von dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg
zu solch Themen gekommen? Captaine, wie denn ist Ihre Position?«
»Ich teile die Ihrige und bereite mich auf meine Reise nach Amerika vor.
Mit einer Freiwilligentruppe werde ich Washington unterstützen.«
Aurec erfuhr, dass der französische Adlige von einem Herzog protegiert
wurde und sogar ein Musketier des Königs von Frankreich gewesen war.
Doch Lafayette hatte das öde Leben am Hofe satt gehabt und 1776 seinen
Dienst quittiert. Er hatte einen revolutionären Geist, war für
Gleichberechtigung und Demokratie. Lafayette war sinnbildlich für die
Aufklärung, wenngleich er das auch mit Waffengewalt durchsetzen wollte.
Das war in dieser Epoche durchaus normal.
Draußen wurde es laut. Ein weiterer Gast schien anzukommen.
»Ah, die Preußen«, sagte Larsen verzückt.
Etwa ein Dutzend uniformierte Soldaten marschierten im Innenhof auf.
An der Spitze war ein alter Mann in einem schwarzen Mantel mit rotem
Kragen. Er nahm den Dreispitz ab und betrat das Schloss. Gustav Larsen
war bereits aufgesprungen und zum Eingang geeilt. Es dauerte eine Weile,
bis er mit dem preußischen Gast in den Salon kam. Aurec, de la Siniestro
und Lafayette erhoben sich.
»Friedrich II., König von Preußen«, stellte Larsen den Mann vor, der
würdevoll und diszipliniert wirkte.
»So, so, nun hat meine Schwester also doch noch ihren Wunsch erfüllt
bekommen«, meinte der König.
»Mit Verlaub, wie meinen?«, wollte Larsen wissen.
Der König winkte ab.
»Ach, Luise Ulrike wohnte hier eine Weile. Sie ist die Königin von
Schweden. Ihr Mann hat sich zu Tode gefressen. Ein unwürdiger Tod für
einen König. Naja, die Gute hat jedenfalls, als ihr Gatte noch Fürstbischof
von Lübeck war und hier residierte, ein Bett für mich anfertigen lassen.
Und ich Schelm habe sie in Eutin nie besucht. Ist ja auch kein Sanssouci.«
Larsen verneigte sich.
»Oh, nun verstehe ich den Wunsch des Herzogs, Sie in jenem Zimmer
einzuquartieren. Das Bett ist aus feinster Seide aus Lyon. Das kaiserliche
rot ist mit goldenen Fäden durchzogen. Der Baldachin ist traumhaft.«
Deshalb war Aurec am heutigen Morgen in ein anderes Zimmer gebracht
worden. Er hatte in dem Bett geschlafen, welches eigens für den König der
Preußen gefertigt worden war.
»Hauptsache der Baldachin schützt mich vor Bettwanzen«, meinte
Friedrich nüchtern und schlug mit den Händen auf die Seitenschenkel.
»Wohl an, wo sind meine langen Kerle?«
Wie aufs Kommando stürmten zwei Windspiel-Hunde in den Salon und
schnüffelten in jeder Ecke. Friedrich lachte. Die grimmige Miene
verwandelte sich in ein glückliches Gesicht, als er seinee Hund auf ihrer
Entdeckungstour im Salon beobachtete.
»Alcméne, Hasenfuß, kommt.«
Der König von Preußen winkte mit zwei getrockneten Stücken Fleisch,
und sie machten Sitz, Platz, Männchen, drehten sich um die eigene
Achse,und als er »Peng« sagte, legten sie sich wie vom Blitz getroffen hin.
Friedrich lachte, streichelte die Hunde und gab ihnen ihre verdienten
Leckerlis. »Hunde sind was Feines. Sie sind scharfsinniger und treuer als
der Mensch an sich.«
»Perro …«, murmelte Rodrigo de la Siniestro.
Alcméne knurrte in Richtung des spanischen Marquese.
»Hunde haben eine ausgezeichnete Menschenkenntnis«, stellte Aurec fest.
»Wohl wahr, Ihr seid uns sympathisch.«
Aurec stellte sich vor, und Friedrich wurde neugierig auf Kalifornien.
Aurec erzählte ihm von Wüsten mit Kakteen, spärlich besiedelten
Landschaften im Süden und üppigen Landschaften im Norden. Und er
berichtete von der Westküste am Pazifik. Natürlich musste er dran denken,
dass es gewisse Städte noch nicht gab. Alcméne und Hasenfuß waren
gegenüber Aurec recht zutraulich und ließen sich streicheln. Hasenfuß ließ
von ihm ab, schnupperte an Lafayette und ließ sich kraulen.
»So, der querköpfige französische Hauptmanne. So hat er denn sein
Regiment bereits zusammen?«
»Ich arbeite daran, Hoheit. So rechne ich damit, im nächsten Jahr
aufzubrechen, um meine Dienste Washington anzubieten. Sicher wäre auch
Preußen willkommen.«
Friedrich schüttelte den Kopf.
»Junger Hauptmann, wir haben unzählige Kriege geführt und uns viele
Feinde gemacht. Ich sympathisiere mit Washington durchaus, doch es gibt
in Europa genug zu tun, um Preußens Macht zu festigen. Zu viele Frauen
regieren mächtige Staaten auf diesem Kontinnt. Sie sind unberechenbar.«
»Hört, hört«, rief der Marquese de la Siniestro. »Endlich spricht Vernunft
aus dem Mund des Soldatenkönigs. Wir sprechen nicht für Spanien, doch
wir wünschen der britischen Krone jenes Glück, ihre Ländereien vor dem
revoltierenden Pöbel zu behaupten.«
»Hm«, machte Lafayette nur, während sich Friedrich einen Becher Wasser
servieren ließ.
»Markige Worte, edler Spanier. Dabei ist euer König Carlos der Dritte ein
Anhänger der Aufklärung und wie wir hörten, ein tatkräftiger Reformer.«,
wandte Friedrich ein, nachdem er sein Becher geleert hatte.
De la Siniestro schwieg und starrte grummelnd auf den Boden.
»Frauen sollte dennoch keine Verantwortung in der Regierung haben. «,
wandte er ein.
»Ein guter und wichtiger Punkt, in dem wir euch recht geben. Sie gehören
auch nicht in eine intelligente Konversation«, stimmte Friedrich zu. »Um so
mehr sind wir verwundert über die Teilnahme jener königlichen Damen an
dieser Konferenz.«
Gustav Larsen lächelte gequält.
»Bei allem Respekt, Hoheit, wir dürfen Österreich und Russland nicht
ignorieren. Und deren Herrscher sind nun einmal Maria Theresia und
Katharina.«
»Wohl an. Sie mögen hoffentlich zumindest mit Pünktlichkeit gesegnet
sein, wenn Morgen unsere Konferenz beginnt. Nun wollen wir einmal das
Bette begutachten, welches meine Schwester einst für uns fertigen ließe.
Guten Abend, die Herren!«
Aurec nickte dem König von Preußen zu. Auch de la Siniestro und
Lafayette verabschiedeten sich, so dass Aurec nun auch in sein Gemach
ging. Er wusste nicht, was ihn bei dieser geheimnisvollen Besprechung
erwarten würde. Offenbar war sie aber der Grund, weshalb er überhaupt in
dieser Zeit verweilte.
Erinnerungen – Vampir-Szene von Gaby Hylla.
Auch in dieser Nacht hatte Aurec wenig Schlaf gefunden und war früh zu
einem Morgenausritt aufgebrochen.
Ihm war so schwer ums Herz, und seine Gedanken kreisten
ununterbrochen um Kathy. Er wusste nicht, wieso ausgerechnet heute.
Natürlich dachte er regelmäßig an sie, doch heute Nacht war es besonders
erdrückend gewesen. Ein schwerer Stein lag auf seinem Herzen, das
unablässig schmerzte und eine innere Unruhe verursachte.Er seufzte tief. Er
hoffte jeden Tag aufs Neue , sie wiederzusehen und in seine Arme zu
schließen – und jeden Tag wurde er aufs Neue enttäuscht. Keine Frau
vermochte sie auch nur annähernd zu ersetzen. Er hatte es abrr auch nie
wirklich versucht und wollte es auch nicht.
Der Ausritt verschaffte ihm keine Ablenkung. Doch er war nötig gewesen.
Er war zu seinem Raumschiff geritten war, um anständig zu duschen und
die üblichen Morgenrituale durchzuführen. Die Hygienestandards im 18.
Jahrhundert waren für Aurecs Geschmack viel zu unterentwickelt.
Als ich zurückkam, kümmerte sich Bernhard von Hollen schnaufend um
das Gepäck aus einer anderen Kutsche. Zwei neue Kutschen waren
inzwischen angekommen, und sowohl Soldaten und Offiziere in weißer
Uniform als auch welche in grüner Uniform wuselten dazwischen. Einige
Husaren in blauer Jacke und roter Hose ritten an mir vorbei. Die Uniformen
waren schwer voneinander zu unterscheiden.
Ich stieg ab und beobachtete den Tross an Dienern und Offizieren, welche
die Insassen der Kutsche begleiteten. Aus der einen Kutsche stieg eine
rundliche, alte Frau in edlen schwarzen Kleidern aus.
Bernhard von Hollen stellte sich neben mich.
»Die Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Kaiserin des
Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Maria Theresia.«
Die Frau wirkte würdevoll, aber traurig.
»Ist jemand ihrer Familie kürzlich verstorben?«
»Nun ja, ihr Ehemann, Kaiser Franz vor 9 Jahren. Seitdem trägt sie
schwarz.«
Das war romantisch, und Aurec verstand sie gut. Auch er trug innerlich
schwarz und trauerte jeden Tag um Kathy. Die Österreicher schritten an
Aurec und von Hollen vorbei. Beide verneigten sich höflich. Maria
Theresia nickte ihnen leicht zu und entschwand über die Brücke in
Richtung Innenhof des Schlosses.
Die nächste Gruppe eskortierte ebenfalls eine Dame im mittleren Alter.
Sie war ebenso gut genährt und wirkte auf Aurec charismatisch. Sie blieb
vor ihnen stehen und betrachtete Bernhard von Hollen.
»Kutschmeister? Euer Name ist von Hollen, nicht wahr?«
Er wirkte überrascht.
»Ja, Zarin das ist er. Woher wisst Ihr das, wenn ich die unterwürfige Frage
erlauben darf?«
»Nun, Ihr seht eurem Vater sehr ähnlich. Als ich als Prinzessin in diesem
Schloss meinen verblichenen Gemahl kennen lernte, so war er der
Kutschmeister.«
Die Frau war demnach Zarin Katharina II. Sie war die Herrscherin von
Russland und damit eine der mächtigsten Figuren dieser Epoche. Aurec
hatte zuvor recherchiert. Katharina war als Sophie Auguste Frederike von
Anhalt-Zerbst im Jahre 1729 geboren worden. Demnach war sie jetzt 47
Jahre alt. Für ihr Zeitalter und ihren Lebenswandel waren die Jahre nicht
spurlos an ihr vorbeigezogen. Jedenfalls hatte sie 1739 das erste Mal ihren
späteren Mann in Eutin getroffen. Sie war mit der Familie Schleswig-
Holstein-Gottorf auch schon vor der Vermählung mit Peter Ulrich
verwandt. Jedenfalls hatte das die Bande zwischen Russland und
Schleswig-Holstein geprägt, obwohl ihre Ehe schlecht verlaufen war und
sie gegen ihren Mann als Zar erfolgreich geputscht hatte. Der Stoff war
bestens für Trivid-Serien geeignet, fand Aurec.
»Wie ist es eurem Vater ergangen?«
»Oh, er starb 1760 an den Blattern«, murmelte von Hollen. »Ich war noch
ein Knabe, doch der Herzog kümmerte sich um die Familie.«
»Hm, Friedrich August hat ein gutes Herz.«
Der Herzog war russischer Statthalter in Kiel gewesen, hatte als Vormund
von Großfürst Peter die Hochzeit zwischen Katharina und Peter in Sankt
Petersburg besucht und war danach zum Fürstbischof von Lübeck
geworden. Nach dem Tod des Zaren wurde Friedrich August von Katharina
zum zweiten Mal zum russischen Statthalter ernannt. Russland wollte
seinen Einfluss an der Ostsee festigen, und am Ende gelang es Katharina,
ein Arrangement mit Dänemark zu treffen, woraus das Herzogtum
Oldenburg entstand, dessen Herzog Aurec ja bereits als Gastgeber kennen
gelernt hatte. Katharina war außerdem die Cousine des Nachfolgers Peter
Friedrich Ludwig, und sie hatte die Vormundschaft übernommen. Katharina
war die Strippenzieherin der Familie Schleswig-Holstein-Gottorf.
»Nun denn, sagt eurem Stallburschen, die Pferde müssen versorgt
werden«, sprach Katharina und blickte Aurec beiläufig an. Von Hollen
räusperte sich. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, ergriff Aurec selber die
Initiative.
»Nun denn, der besagte Stallbursche ist leider nicht in dieser trauten
Runde.« Er vollzog eine galante Verbeugung. »Don Diego de la Aurec aus
Neuspanien.«
»Hm«, machte Katharina nur und beäugte ihn mit einer gewissen Lust in
ihren Augen, die Aurec unbehaglich machte.
»So sei es denn, wir sind von der Reise müde und werden noch unsere
Familie aufsuchen. Gehabt euch wohl.«
Aurec blickte Katharina hinterher. Im Schloss Eutin hatte sich die Elite
Europas versammelt. Katharina, die Zarin von Russland. Maria Theresia,
die Herrscherin über Österreich und Ungarn und Repräsentantin des
Heiligen Römischen Reiches. Mit Lafayette ein aufstrebender französischer
Adliger, der den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mitentscheidend auf
amerikanischer Seite führen würde und dessen Ideen die Französische
Revolution beeinflussen würden. Und Friedrich der Große, der König von
Preußen..
Nur, wie passten er selber und de la Siniestro in dieses Bild?
Aurec verweilte im Garten, wie auch Herzog Friedrich August und Zarin
Katharina, die Zweite. Er belauschte sie nicht, doch ihre Konversation war
nicht zu überhören.
»Der Gesundheitszustand Eures Sohnes besorgt mich erneut. Die Stabilität
des neuen Herzogtums ist in unserem Interesse«, sagte sie. Damit spielte sie
auf Friedrich Peter Wilhelm an. »Die Untersuchungen der Ärzte
versprechen wenig Gutes. Wir fürchten, Euer Sohn ist nicht fähig, Eure
Nachfolge zu gegebener Zeit anzutreten.«
Der Herzog seufzte.
»Wir haben es mit allem versucht. Mit strenger Hand, mit Güte, mit
Ärzten, mit Reisen. Sein Geist bleibt vernebelt.«
»Nun, mit eurem Neffen Peter Friedrich Ludwig steht ein würdiger und
überaus fähiger Mann als Ersatz bereit.«
»Meine Frau kann ihn nicht leiden. Sie denkt, er drängt sich an die
Macht«, erklärte der Herzog.
»Bändigt Eure Frau. Peter Friedrich Ludwig sollte zügig zum Kojudator
des Bistums Lübeck ernannt werden und euer Sohn aus der Thronfolge
ausgeschlossen. Es ist das Beste für das Herzogtum und für Russland. Und
für Euren Sohn.«
Aurec wusste, dass der Einfluss von Katharina auf das Herzogtum groß
war. Ihr Wort hatte Gewicht und aus den Recherchen wusste er auch, dass
Peter Friedrich Wilhelm entmachtet wurde. Dessen Nachfolger hatte sich
tatsächlich als ein guter und intelligenter Herrscher entpuppt.
Das königliche Treffen fand im Rittersaal statt, der von unzähligen
Gemälden der Familie aus Schleswig-Holstein gespickt war. Aurec ließ den
Blick über die Anwesenden streifen. Am Kopf der Tafel saß der Gastgeber
Herzog Friedrich August, am anderen Ende König Friedrich der Zweite von
Preußen. Neben ihm Zarin Katharina und Rodrigo Vicente da la Siniestro.
Zur Seite von Friedrich August war Maria Theresia platziert. Ihr Verhältnis
zu Friedrich war nach ihren Kriegen nicht sehr gut.
Auf der anderen Seite saßen Lafayette, Gustav Larsen und offenbar war
der leere Stuhl für Aurec bestimmt. Er nahm Platz.
Gustav Larsen erhob sich. »Im Namen des Herzogs von Oldenburg und
des Fürsten heißen wir die erlesene, hoheitliche Gesellschaft im
bescheidenen Eutin willkommen. Wir wählten diesen Ort aufgrund der
Unauffälligkeit seiner Natur. Dennoch ist dieses Treffen von entscheidender
Bedeutung. Es geht um nichts weniger als die Zukunft dieses Planeten.«
Aurec beobachte die Gesichtsausdrücke. Einige wirkten gelangweilt oder
ungläubig. Larsen verließ die Tafel und schritt durch den Raum. Er schien
mehr als nur ein Haushofmeister zu sein. Er führte diese Konferenz.
»Sie repräsentieren einige der mächtigsten Häuser Europas. Die
Monarchie der Habsburger wurde durch Maria Theresias Beharrlichkeit
gefestigt. Preußen ist zu einem Machtblock aufgestiegen, welcher die
kommenden beiden Jahrhunderte prägen wird. Katharina hat das Erbe
Peters, des Großen gefestigt. Auf dieser Welt wird Russland immer wieder
eine entscheidende Rolle spielen. Captaine Lafayette wird Amerika zu einer
neuen Nation verhelfen und den liberalen Gedanken nach Europa tragen. Es
wird sich viel ändern. Doch es wird auch viel Blut vergossen werden. Wir
haben uns hier versammelt, um die Menschheit selber zu retten.«
»Hört, hört! Sprecht Ihr von einem Kaiser der Welt? Ein kühner
Gedanke«, warf Friedrich ein.
»Und wer sollte das sein? Etwa der elende König selbst?«, zischte Maria
Theresia.
»Nun, werte Dame, Ihr seht auch elendig aus, wenn Ihr gestattet«,
konterte Friedrich scharf.
»Das dürft Ihr nicht.«
Maria Theresia nahm ein Schluck Tee.
»Die Stabilität wird durch Hochzeiten der einzelnen Häuser gesichert.
Vereinzelt gibt es Kriege, doch man arrangiert sich. Es gibt außerdem nur
einen Herren über die Erde und das ist der liebe Gott. Alles andere wäre
blasphemisch.«
»Wir beherrschen ein Gebiet, welches gigantisch ist. Wir erweitern
unseren Einfluss mit Stetigkeit. Die Welt ist womöglich selbst für eine
Zarin zu viel«, meinte Katharina recht bescheiden.
»Für Preußen wäre das eine Überlegung wert«, erklärte Friedrich und
lachte. Dann streichelte er einen seiner Windhunde.
»Müssen diese Köter zu Tische sein?«, fragte Maria Theresia pikiert und
wedelte mit der Hand vor ihrer Nase.
»Ich ziehe die Gesellschaft der Köter der Ihren vor«, antwortete Friedrich.
Gustav Larsen lachte schelmisch und grunzend.
»Ich sehe hier gewisse Spannungen zwischen den Königshäusern. Und
doch haben Sie sich bekriegt, aber auch unterstützt. Und es gibt eines, was
Sie verbindet: Die Aufklärung. Sie alle – mit Ausnahme von Marquês de la
Siniestro natürlich – sind weltoffene, kluge Köpfe, die sich als Diener des
Staats betrachten und erkannt haben, dass der degenerierte Absolutismus
keine Zukunft hat. Sie sind auf gewisse Weise Reformer , wenn ich mir das
erlauben darf zu sagen.«
Marquês de la Siniestro räusperte sich.
»Was fällt diesem schwedischen Lümmel ein, uns als nicht aufgeschlossen
zu bezeichnen? In meinen Landen wurden seit meiner Regentschaft keine
Hexen mehr verbrannt und damit berauben wir dem Pöbel gesellschaftlich
freudige Ereignisse.«
»Nun, ich habe mich informiert. Sie lassen die Hexen nun am Pranger
hängen, bis sie verrotten. Natürlich ist das nichts für einen kurzweiligen
Familienausflug«, erklärte Gustav Larsen aus dessen Stimme etwas
Bedauern klang.
»Diesem Aberglauben zu frönen, ist ein Verbrechen«, beklagte sich
Lafayette. »Die katholische Kirche hat die Menschen über Jahrhunderte in
einem Joch aus Dummheit gehalten.«
»Versündigt euch nicht am Herren«, rief Maria Theresia.
»Die Kirche ist nicht Gott«, erwiderte Friedrich nüchtern.
»Was wisst Ihr schon, gottloses Monstrum?«
»Wir sehnen uns nach intelligenter Konversation. Wie sehr vermissen wir
unsere Runden mit Voltaire. Wohl der Entscheidung von damals, keine
Frauen an geistreichen Gesprächen zuzulassen. Es ist ja ersichtlich, zu was
das führt«, sagte Friedrich mürrisch.
»Na, na, ich muss doch bald mal die Streithähne aus Österreich und
Preußen in andere Räume bitten, wenn das so weitergeht«, tadelte Gustav
Larsen lächelnd.
Dann wurde er wieder ernst. Er tippte sich mit dem Finger an die Schläfe.
»So viele unterschiedliche Meinungen und doch im Geiste verbunden.
Das ist es doch, was kluge Köpfe ausmacht. Stellen Sie sich vor, der
Mensch wird in weniger als 200 Jahren zum Mond reisen und den
Weltraum erforschen. Dort oben existieren Zivilisationen, die es zu
entdecken gilt. Die Menschheit steht doch erst am evolutionären Anfang.«
Aurec wurde hellhörig. Wer war Gustav Larsen? Er orakelte nicht nur, er
schien über die Zukunft der Menschheit Bescheid zu wissen. Wieso weihte
er diese Hoheiten in die Zukunft ein. Das könnte die Menschheit doch
verändern. Im nächsten Moment schalt er sich einen Narren: Das war es
doch, was das Zeitchaos ausmachte. Er begriff nun endlich, dass er einem
der entscheidenden Momente beiwohnte, welcher dafür sorgten, dass sich
die Zeitlinie verändern würde.
»Ihr sprecht von Dingen, die Ihr nicht wissen könnt«, sagte Aurec.
»Oh, mein lieber Don de la Aurec. Ich glaube, wir beide wissen sehr gut
über die Zukunft der Menschheit Bescheid, nicht wahr?«
Gustav Larsen entlarvte sich mit seinen Anspielungen. Nun wusste Aurec,
dass er nicht ohne guten Grund in dieser Zeit gestrandet war. Er sollte an
dieser Konferenz teilnehmen. Es war nur die Frage, wer für diese
Manipulation verantwortlich gewesen war? Er wusste nicht, in welche
Richtung sich diese Konferenz noch bewegen würde. Und was genau seine
Rolle dabei sein würde.
Kammerdiener brachten neuen Kaffee, Tee, Bier und Wein und servierten
Kuchen, gebratene Fasane und Gemüse aus dem Küchengarten. Friedrich
August und de la Siniestro griffen als erste zu.
»Wie lautet denn nun das konkrete Ansinnen und Ziel dieser geheimen
Konferenz?«, fragte Katharina und blickte zum Gastgeber, der sich gerade
mit zwei Stück Kuchen stärkte. »Friedrich August, bin ich den weiten Weg
aus Sankt Petersburg gekommen, um mir Märchen anzuhören? Das ist
enttäuschend.«
»Nein, nein, liebe Katharina, das wird noch sehr konkret«, blubberte der
Herzog mit vollem Mund.
»Denkt an das Schicksal eures Bruders und zügelt euren Hunger«,
scherzte Friedrich der Große gegenüber dem Herzog.
»Nun«, sagte Gustav Larsen und wanderte im Raum umher. »Werfen wir
doch einmal einen Blick auf die Zukunft. Der Fürst, in dessen Namen ich
spreche, hat folgende Prognose aufgestellt: Amerika gewinnt den Krieg und
wird die Krone entscheidend schwächen. Der Gedanke von Freiheit fürs
Volk springt auf Frankreich über. Der König wird gestürzt werden. Die
nächsten beiden Jahrhunderte werden viele Kriege und hunderte Millionen
Todesopfer mit sich bringen. Doch die Menschheit geht erst unter, als das
Kriegsmaterial so zerstörerisch ist, dass es Städte in Sekunden auslöschen
kann. Das Vermächtnis der Habsburger, der Hohenzollern, der Romanow,
der Schleswig-Holsteiner-Gottorfer … all das wird ausgelöscht, bis nur
noch Asche von der Menschheit und ihren Bauwerken übrig ist. Die Welt
wird einfach untergehen.«
Larsen wirkte ernst und ließ seine Worte nachwirken. Die einen waren
blass geworden, andere wütend.
»Wenn das alles in 200 bis 300 Jahren geschehen soll, so können wir das
nicht ändern. Dann sind wir doch alle längst tot«, sagte Friedrich trotzig.
»Gewiss, manche früher, manche später. Einige an dieser Tafel werden
schon den Beginn des nächsten Jahrhunderts nicht erleben. Doch, es gibt
Abhilfe.«
»Hat er ein Serum erfunden zur Unsterblichkeit?«, unkte Friedrich.
»So in der Art. Das nennt sich Physiotron und ist kein Serum eines
Medicus. Es ist ein hochkomplexes Gerät zum Erhalt und Erneuerung des
Zellgewebes eines sterblichen Wesens, begrenzt auf ein paar Jahrzehnte.«
Herzog Friedrich August lachte laut.
»Gustav, Ihr erzählt uns einen Garn.«
Larsen verneigte sich.
»Wie dem auch sei, der Fürst regt zur Gründung eines Geheimbundes an,
zur Wahrung der Interessen sowohl Ihrer Häuser als auch der Menschheit
selber. Dafür werden freilich Gelder benötigt, denn dieses Projekt wird
noch Ihre Urahnen beschäftigen.«
»Es läuft also darauf hinaus, dass der geheimnisvolle Fürst nur unser Geld
haben möchte? Ist das nicht etwas schäbig?«, fragte Katharina provokant.
»Gestatten Sie mir, Hoheit, eine Gegenfrage: Hat sich der Fürst in der
Vergangenheit nicht schon oft als hilfreich in der Beseitigung Ihrer
Probleme gezeigt? Hat er nicht allerlei Schwierigkeiten delikater Natur von
allen den hier Anwesenden immer wieder dezent geregelt? Hat er je etwas
dafür verlangt?«
»Irgendwann wird wohl immer eine Gegenleistung fällig«, sinnierte
Lafayette.
Larsen zeigte mit dem Finger auf den Franzosen und grinste.
»Nehmen wir an, wir stellen Gelder zur Verfügung. Was wird damit genau
gemacht?«, wollte Maria Theresia wissen.
»Nun, da sind zum einen Ausgaben für die Administration und
Verwaltung, der Unterhalt von geheimen Stationen, die Rekrutierung von
Personal und deren Ausrüstung, Bestechungsgelder und Gelder für
Forschung und Entwicklung. All das, was ein kleiner, geheimer Bund eben
so benötigt, teure Kaiserin.«
Larsen schien die Bedenken in der Runde zu bemerken.
»Der Fürst wird sich erkenntlich zeigen. Friedrich, träumt Ihr nicht davon,
dass sich euer kleines Preußen eines Tages mit Österreich vereinen wird.
Das mag für Maria Theresia derzeit noch ein Alptraum sein, doch denkt in
späteren Generationen. Eine Gesamtdeutsche Lösung.«
Maria Theresia und Friedrich wechselten vielsagende Blicke. Doch schien
keiner der beiden von einem großen Deutschen Reich abgeneigt zu sein.
Immerhin waren es auch Bruderstaaten.
»Und Ihr, Zarin, träumt ihr nicht davon, dass Russland zur etablierten
Weltmacht wird?«
Gustav wandte sich nun Captaine Lafayette zu.
»Dass Frankreich aufgeklärter wird und es den Bürgern besser geht? Dass
Amerika sich von der Britischen Krone dauerhaft lossagen kann?«
Larsen schlich wie eine Katze hinter den Stühlen. Er legte die Hände auf
die Rückenlehne des Stuhls von Aurec.
»Oder, dass Ihr eure geliebte Katherina nicht wieder in die Arme
schließen könnt?«
Aurec zuckte kurz. Larsen hatte einen Nerv getroffen.
»Sie ist unerreichbar«, antwortete Aurec.
Gustav beugte sich hervor und flüsterte in sein Ohr: »Nicht für den
Fürsten!«
»Und was springt für uns dabei raus?«, wollte de la Siniestro wissen.
»Hm«, machte Larsen. »Der größte Kuchen von allen: Der Name de la
Siniestro wird in Galaxien ein Begriff werden. Euer Sohn wird die Zeiten
überdauern und Ruhm und Macht erlangen, von denen Ihr nur träumen
könnt.«
»Hah«, stieß de la Siniestro. »Wieso mein nichtsnutziger Sohn und nicht
ich selbst?«
Nun lachte Gustav Larsen.
»Weil Ihr bei weitem geistig nicht befähigt seid, die Aufgaben zu
bewältigen. Doch es wird in den Gnaden eures Sohnes liegen, welch
Verwendung er für Euch noch haben wird. Schlecht wird es euch jedenfalls
nicht ergehen.«
Friedrich der Große erhob sich. Er streckte die Arme von sich und gab
einen Seufzer von sich. Dann war er wieder bei der Sache. »Verstehen wir
das richtig, der Spross des Spaniers soll regieren?«
»Das ist nur eine logische Annahme. Er ist jung, intelligent und formbar.
Er wird einst ein geschickter Politiker mit einer gesunden Mischung aus
Weisheit und Entschlossenheit sein.«
»Wir hoffen, dass der Apfel dann weit vom Stamm gefallen ist«, meinte
Maria Theresia trocken.
»Sollten Sie dem Bund beitreten, so tun Sie das für sich selbst, für die
Zukunft Ihrer Reiche. Mein Fürst ist ein Freund der Menschheit, wissen
Sie?«
»Fürst Medvecâ?«, fragte Aurec.
Für einen Moment war Gustav Larsen irritiert, dann setzte er wieder sein
Lächeln auf und nickte eifrig. »Korrekt.«
Larsen war also ein Abgesandter von Medvecâ – und der stand im Dienste
von Nistant und MODROR. Aurec war sich ziemlich sicher, dass sie
Zugang zum Rideryon hatten. Vielleicht würde er so nach über 700 Jahren
das Schicksal von Kathy in Erfahrung bringen können.
»Wohl an, wir sind neugierig auf die Bemühungen und stellen euch Gelder
zur Verfügung. Wir nehmen an, dass sich Preußen und Österreich ebenfalls
beteiligen und zusammen mit dem Herzogtum Oldenburg den jungen
Spanier für einige Jahre fördern und wir dann sehen werden, was sich
daraus entwickelt«, sagte Katharina die Große.
»Nun, der Haushalt unseres Herzogtums ist angespannt, doch wir geben,
was wir können. Holmer wird schon was ermöglichen«, gestand Friedrich
August zu.
»Wenn die alte Schabracke aus Wien was dazu gibt, werden wir ebenfalls
einige Reichstaler erübrigen.«
Friedrich erntete dafür einen finsteren Blick von Maria Theresia.
»Wenn es denn dem Fortbestand unserer Linien dient, so unterstützen wir
das Vorhaben des Fürsten Medvecâ für einige Jahre. Wir erwarten bis dahin
Ergebnisse«, entschloss sich Friedrich.
»Hervorragend«, rief Björn Larsen. »Bravissimo!«
»Ich kann nicht für Frankreich sprechen. Meine Gelder werden für meine
Vorhaben in Amerika beansprucht«, lehnte Lafayette ab.
»Wir werden unseren Sohn bestens auf seine Rolle vorbereiten und uns
den Anweisungen des Fürsten beugen«, sagte de la Siniestro geradezu devot
in Anbetracht der Förderungsbereitschaft der Beteiligten.
Gustav Larsen blickte nun zu Aurec und lächelte aufgesetzt.
»Was sagt unser Don aus Kalifornien?«
Aurec stand auf.
»Ich bin dankbar für die Gelegenheit, berühmte Menschen aus der
Geschichte Terras getroffen zu haben. Doch ich weiß, dass die Menschheit
in 200 Jahren einen Mann hervorbringt, der die Probleme der Menschheit
lösen kann und sie vereinen wird. Es bedarf keines Zeitchaos´, Gustav! Sagt
eurem Fürsten, ich finde ihn und dann wird er für alles bezahlen.«
Larsen breitete die Arme aus.
»Warum so grimmig, lieber Freund! Ich werte eure Worte als Ablehnung.
Vielleicht braucht ihr noch mehr Zeit. Besucht uns doch in ein paar Jahren
nochmals.«
Er gab Aurec eine Umarmung und flüsterte: »Vielleicht labt sich ja der
Fürst derweil noch einmal an eurer geliebten Kathy?«
Aurec atmete tief durch.
»Die Wachen begleiten euch heraus. Euer Besuch ist hiermit beendet.
Ebenso ersuche ich höflich Captaine Lafayette, uns jetzt zu verlassen. Die
nun folgenden Angelegenheiten sind nur für die Mitglieder des neuen
Bundes bestimmt. Guten Tag, die Herrschaften!«
Lafayette erhob sich. Aurec starrte Larsen an. Dann lächelte er.
»Gewiss doch. Wir werden uns wiedersehen.«
Aurec verabschiedete sich von dem französischen Hauptmann und
wünschte ihm viel Glück bei seinem Unterfangen in Amerika. Bernhard
von Hollen stellte Aurec ein Pferd zur Verfügung.
»Wo immer auch euer Weg euch hinführt, es ist besser mit einem Pferd.
Ein Dankeschön des Grafen von Stolberg.«
Aurec stieg auf das Pferd.
»Sprecht ihm meinen Dank aus. Ihr werdet das Pferd nahe Fissau finden.
Ach, und übrigens: Der Bartansatz steht euch. Ihr solltet es mit einem
Vollbart versuchen.«
Aurec trieb das Pferd an und trabte vom Vorhof des Schlosses von Eutin.
Er warf noch mal einen Blick auf das mit rotem Backstein verputzte
Barockschloss, in dem eindeutig eine Zeitmanipulation stattgefunden hatte.
Er hätte gerne noch einmal mit dem Kronprinzen und Don Philippe de la
Siniestro gesprochen, doch die Wachen hatten Aurec höflich, aber bestimmt
aus dem Schloss geworfen. Trotzdem wusste er, dass er nicht das letzte Mal
hier gewesen war.
Aurec ritt zum Kosmogenen Segler. Bencho begrüßte ihn mit lautem
Bellen. Er war wieder in seinem Zuhause seit 700 Jahren. Er startete das
Raumschiff, verließ den Orbit der Erde und steuerte nach Alpha-Centauri.
Er würde die Einladung von Gustav Larsen beherzigen. Die Positronik
suchte nun nach einer Zeitschleife, die ihn in die Zukunft bringen würde. Es
dauerte einige Stunden, bis eine Temporale Schliere auftauchte, welche die
Positronik als geeignet ansah. Ein Flug dorthin würde Aurec ins Jahr 1785
bringen. Er zögerte nicht und stürzte sich in das nächste Abenteuer.
4. Old McDonald has a farm
Maisfelder – soweit der Blick reichte, sah ich Maisfelder. Es gab hier keine
großen Städte, denn nur Ruinen waren von den Metropolen der Vereinigten
Staaten von Amerika übriggeblieben. Sie waren nuklear verseucht, und
nach nur 25 Jahren war eine erneute Besiedlung im Interesse der eigenen
Gesundheit nicht ratsam.
Als wir mit der NOVA aus dem einstigen Russland Richtung ehemaliger
USA flogen, sahen wir die Überreste von Los Angeles, San Francisco und
Portland. Nun näherten wir uns dem, was früher als Mittlerer Westen
bezeichnet worden war. Im Grunde genommen war es eine sehr
landwirtschaftlich geprägte Region gewesen.
Wir überflogen das, was von Denver übrig geblieben war.
»Es heißt, in Denver gab es einen Klan namens Carrington, die viel Macht
hatten«, erzählte Jevran Wigth. »Ich bin mir aber nicht sicher, ob das nicht
aufgrund der Datensintflut eine falsche Information ist.«
Denver war im Grunde genommen ein großer Schutthaufen. Doch die
meisten Bereiche waren mit Beton und Stahl bedeckt. Im Zentrum der Stadt
stand in einem Umkreis von vielleicht zwei Kilometern nichts mehr.
»Einst lebten hier fast 800.000 Menschen. Sie wurden innerhalb weniger
Minuten ausgelöscht, wenn sie Glück hatten«, sagte Tenzing im seltsamen
Unterton. »Jene, die überlebten, starben innerhalb weniger Tage oder
Wochen an einer akuten Strahlenvergiftung . Wer das Pech hatte, überlebt
zu haben, den raffte trotzdem der Krebs dahin. Denver ist ein anschauliches
Beispiel für die nukleare Apokalypse.«
Die Städte waren vernichtet, und die Besiedlung in den Bundesstaaten
Kansas, Nord- und Süddakota, Missouri, Nebraska, Oklahoma und Iowa
war spärlich. Es gab unzählige Dörfer und Farmen. Und hier hatte sich das
neue Amerika aufgebaut. Als wir die Grenze zu Kansas erreichten, trafen
wir auch auf Überlebende der Apokalypse.
Natürlich sahen wir sie nur von oben. Ich befand mich mit Eleonore,
Jevran Wigth und diesem Wohlfühlkoordinator von Bhutan, Tenzing, in der
Zentrale der NOVA. Tenzing war mir bereits in einer anderen Zeit als Nazi
Lars Born begegnet. Waren das ein und dieselben Person, nur in anderer
Ausprägung und Funktion? Ich wusste es nicht und bis auf Eleonore sollte
auch keiner davon wissen, dass mir Tenzing schon einmal begegnet war.
»Kansas, das hat mich auch schon vor der Apokalypse nicht interessiert.
Heimat von Hillbillys und Preppers. Doch beide Gruppen war gut auf den
Krieg vorbereitet«, erklärte Tenzing und grinste süffisant.
»Ihr habt keine Ahnung, wovon ich spreche, oder?«
Nein, hatten wir nicht.
»Oh, lieber Nathaniel Creen, lieber Jevran Wigth und auch liebe
Künstliche Intelligenz. Ich erhelle gerne eure Ahnungslosigkeit. Die
ländlichen Gebiete waren nicht nur voller friedlicher Farmer mit Latzhose
und Schweinchen Dick. Nein, es gab auch viele Aussteiger und
Eigenbrödler. Menschen, die noch so lebten, wie im sogenannten Wilden
Westen.«
Auch das sagte mir nicht viel. Jevran half dabei. So erzählte er mir, dass
die USA aus einer Revolution gegen ein Königreich in Europa entstanden
sei. Antrieb war die Unabhängigkeit von einer weit entfernten Regierung,
und dieser Gedanke hielt sich über Jahrhunderte. Deshalb hatten die
Bundesstaaten auch viel Macht, und Gesetze eines Bundesstaates in den
USA galten noch lange nicht für das ganze Land und umgekehrt. Im Wilden
Westen wurde Amerika vollständig erforscht und besiedelt. Oft waren
Selbstjustiz oder irgendwelche regionalen Gesetzeshüter wichtiger als
Verordnungen aus Washington, der Hauptstadt der USA, die in einer Zeit
ohne Autos, Flugzeuge, Gleiter oder Raumschiffe nur innerhalb mehrerer
Wochen zu erreichen waren. Also störte sich auch niemand daran.
Farmer nahmen das Gesetz lieber selbst in die Hand, um ihren Grund und
Boden zu verteidigen, den sie sich selbst einfach genommen hatten. Das
hatte den Amerikanern eine nicht sehr gesunde Liebe zu ihren eigenen
Waffen gegeben und ein ungesundes Misstrauen gegenüber allen möglichen
überregionalen Institutionen.
»Um es kurz zu machen«, warf Tenzing ein, »Der Hillbilly oder Redneck
ist froh über sein eigenes Maschinengewehr und verkehrt nur mit seinen
Leuten. Sein Grips ist oftmals auch arg begrenzt.«
»Ist das nicht rassistisch?«, wollte Jevran Wigth wissen.
Tenzing breitete die Arme aus. »Willkommen im 21. Jahrhundert? Was
glauben Sie denn, wieso die Menschheit fast untergegangen ist? In dieser
Zeit war Heuchelei besonders in Mode. Man schmückte sich mit schönen
Phrasen, verbot Worte, betrieb eine Art Geschichtskorrektur – und am Ende
drückten sie doch auf die falschen Knöpfe. Jeder faselte von Demokratie
und Menschenrechten. Es war wie ein Spiel: Mache etwas und erzähle
etwas anderes.«
»Welche Regierung hat Amerika nun?«
Tenzing spitzte die Lippen und antworte gedehnt »Nun …« Dann folgte
ein Räuspern. »Das ist nicht anders als in Russland. Ihr Präsident hat als
Roboter überlebt. Er nennt sich POTS One-X. Amerika lebt nun in einer
geführten Demokratie. Das ist eigentlich ganz praktisch für das Herdenvieh,
das lieber hinterherläuft als selbst zu entscheiden.«
Ich hielt auch nicht unbedingt viel von Demokratie. Demokraten waren
verlogen. Sie heuchelten, gute Galaktiker zu sein, aber mehr als leere Worte
kam für die Bürger ehi nicht heraus. Politiker egal welcher Richtung
wollten die Gunst des Wählers und versprachen, um gewählt zu werden
alles, was es zwischen den Sternen gab. Die Politiker in dieser Zeitlinie der
Erde waren offenbar noch schlimmer, denn sie hatten einen Krieg
gegeneinander geführt und ihre Zivilisation an den Rand der Vernichtung
gebracht. Denver war nun ein Wahrzeichen ihrer Inkompetenz, wie viele
weitere hunderte Städte. Für einen Planeten ganz ohne Transformgeschütze
und Arkonbomben hatten sie sehr effektiv hinbekommen, ihre eigene
Spezies zu dezimieren. Nun regierten Roboter als Abklatsch ihrer Erbauer
die Reste ihrer mageren Errungenschaften.
»Unser Ziel ist die neue Hauptstadt der USA mit dem harmonischen
Namen Bird City. Sie liegt unweit des Dorfes McDonald, welches den
Regierungssitz von POTS bildet. Im Grunde genommen ist es ein langer
Bunker, der von McDonald nach Bird City reicht.«
Ich rief mir die Ortungsergebnisse auf, um Tenzings Ausführungen zu
visualisieren. Die beiden Dörfer lagen 15 Kilometer voneinander entfernt,
und offenbar gab es in dreihundert Metern Tiefe eine langgezogene
Bunkeranlage.
»Bird City hatte beim Ausbruch des Krieges knapp 400 Einwohner.
McDonald nicht mal 200. Nun sind sie das Zentrum Amerikas. POTS will
make Amerika great again.«
Tenzing klang spöttisch.
»Die Webseite von Bird City wurde sogar während des neuen Kalten
Krieges gesperrt, um Cyber-Attacken auszuschließen. Die Leute dieser
Stadt waren nicht sehr gast- oder fremdenfreundlich.«
Tenzing berichtete, dass die Städte einst von Landbesitzern und
Rinderzüchtern Ende des 19. Jahrhunderts gegründet worden waren. Im
Grunde genommen waren beide Städte politisch völlig unbedeutend
gewesen, was ihnen einerseits den Untergang ersparte und andererseits nun
zu einer zweifelhaften Blüte brachte.
»Die Einwohnerzahl hat sich auf 2.000 in Bird-City erhöht. Ein Teil lebt
in der Bunkeranlage. Das ist auch unser Ziel. Wir brauchen den Nuclear
Football des Präsidenten. Den Atomkoffer.«
Ich atmete tief durch. Warum machten wir das noch einmal? Ach ja, um
die kläglichen Reste dieser Bevölkerung vor dem wirklich finalen
Atomkonflikt zu bewahren. Ob die es auch wirklich Wert waren? Eleonore
war zumindest davon überzeugt. Ausgerechnet ein künstliches Wesen war
mein moralischer Kompass geworden.
»Wir landen außerhalb. Tenzing und Soothorn bleiben an Bord der NOVA.
Eleonore, Jevran, At-Karsin und ich sehen uns in Bird-City um«, entschied
ich. Natürlich würde Eleonore als Positronik die Kontrolle über die NOVA
behalten. Ich traute weder Tenzing noch Soothorn.
»Gewiss doch, lieber Raumritter! Bedenkt, dass die Leute dort sehr
misstrauisch sind. Ihr seid Fremde. Versucht also ihr Vertrauen zu
gewinnen.«
Die NOVA landete mit aktiviertem Laurin-Ortungsschutz vier Kilometer
von Bird City entfernt. Wir wählten einen Landeplatz zwischen einer
verlassenen Scheune und ein paar Bäumen. Den restlichen Weg legten wir
zu Fuß zurück.
»Sie folgen gerade dem alten indianischen Handelspfad, welcher in die
Interstate 36 mündet. Falls Sie das interessiert«, erzählte Tenzing über
Interkom.
Nein, das tat es nicht. Ich wollte nur den Weg wissen, der mich in meine
Zeitlinie zurückbrachte, damit ich … Damit ich eigentlich was tun konnte?
Ich hatte mein altes Leben gehasst. Jegliche Veränderung war eine
Verbesserung. Es gab nur einen Grund, wieso ich meine Zeit zurück wollte:
Ich wollte herausfinden, wer ich war. Wer ich war, bevor ich als
Kopfgeldjäger arbeitete. Das wollte ich wissen.
Der Weg zur Stadt war vor Eintönigkeit kaum zu überbieten. Nichts als
Felder und Felder und Felder. Man konnte schon von Weitem die Häuser
der Vogelstadt sehen.
Endlich erreichten wir die Außenbezirke. Zu meiner Verwunderung gab es
hier keine Wachen. Vielleicht war es im Atomzeitalter auch gar nicht
erforderlich. Der Bunker war sicherlich bewacht. Wir standen an der
Kreuzung zur Interstate 36. Links von uns befanden sich Silos und jede
Menge Bau geräte und Schutt. Wir nahmen den sandigen Weg links, vorbei
an Silos und einem verrosteten, weißen Speicher.
»Was sind das für Masten?«, fragte Eleonore.
»In der prärhodanistischen Zeit wurden über diese Masten entweder Strom
oder die Telekommunikation übermittelt«, erklärte Jevran und zeigte auf
dünnen Drähte, die von Mast zu Mast verliefen.
Rechts von uns lag eine sogenannte Tankstelle. Das waren Stationen,
welche es den Vehikeln, den sogenannten Automobilen, ermöglichte, ihren
Treibstoff aufzufüllen. Das Thema hatte ich mit Jevran bereits auf der Insel
Föhr diskutiert.
Gehwege gab es hier nicht. Wir bewegten uns einfach auf dem Gras fort,
das zwischen Fahrbahn und Einfahrt zu den Grundstücken wuchs. Offenbar
gab es bei den Amerikanern im mittleren Westen keine Fußgänger.
Nach der Tankstelle kamen wir an einem Schild mit der Aufschrift »Daily
bread« Vorbei. Das bedeutete soviel wie täglich frisches Brot. Offenbar
waren wir bei Art Lebensmittelgeschäft angekommen. Doch drinnen war
niemand zu sehen. Vielleicht war es längst verlassen – oder einfach nur
kurz geschlossen. Alles in allem wirkte Bird City recht verschlafen.
Nach einigen weiteren hundert Metern bogen wir in die Bird Avenue ab.
Es folgten wieder einige hundert Meter mit vereinzelt stehenden Häusern.
Dann gab es plötzlich auch einen Gehweg. So langsam wurde ein
beschaulicher Ort daraus, bei dem die Häuser jedoch regelrecht einsam auf
den weitläufigen Grundstücken mit ihren den trostlosen und verkümmerten
Gärten wirkten. Sie hatten eine Holzverkleidung, Schornsteine, und meist
stand ein großes Auto mit Ladefläche auf dem Parkplatz.
An einem roten, länglichen Haus mit der Aufschrift »Bargain Corner«
kamen vier Männer zusammen, die gut sichtbar Waffen trugen. Alle vier
waren groß und kräftig, wobei aber nicht unbedingt trainiert.
Ich wurde langsamer und die anderen drei passten sich meinem Tempo an.
Eleonore kramte eine Kugel aus ihrer Tasche und ließ sie vor uns
schweben.
»Legt eure Waffen dort rein. Das Antigravfeld versteckt sie vor Ortung
und physischer Abtastung. Sie wird aber unerkannt mit uns schweben.«
Ich legte meinen Strahler hinein. Die Blase vergrößerte sich automatisch,
nachdem auch Eleonore und Jevran ihre Strahler hineinlegten. At-Karsin
besaß keine Waffe, denn ich traute ihm nicht. Nachdem sich diese
energetische Kugel verschloss, war sie tatsächlich nicht mehr zu sehen.
Die Bewohner sahen allesamt nicht sonderlich freundlich aus, und sie
wirkten auch nicht so, als seien es offizielle Ordnungshüter. Sie trugen
keine Uniformen, sondern zwei von ihnen blaue Latzhosen, ein anderer ein
rotkariertes Baumwollhemd. Der Vierte eine weite, weiße Hose und ein
buntes Hemd und einen Strohhut. Der kam auf uns zu.
»Yo«, rief er. »Habt ihr euch verlaufen?«
Während des Fluges hatten wir eine kurze Hypnoschulung in der
englischen Sprache absolviert.
»Nein, wir wollten das neue, große Amerika sehen«, antwortete ich.
Der Mann mit dem Hut stellte sich vor mich. Dann spuckte er mir vor die