Band 126
Zeitreisen
Zeitchaos in der Milchstraße
Autor: Nils Hirseland
Cover: Raimund Peter und Photo Povolen.
Innenillustrationen: Roland Wolf, Gaby Hylla, Raimund Peter
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Der Saggittone ist im 18. Jahrhundert gelandet
Olaf Peterson
Der Reporter sucht Perry Rhodan im Jahre 1971
Thora
Die Imperatrice des Quarteriums stellt Forderungen
Gucky
Der Mausbiber scheint der letzte überlebende Zellaktivatorträger zu
sein
Nathaniel Creen
Er strandet in einer anderen Zeitlinie
Gustav Adolph Larsson
Kammerhofmeister des Herzogs von Oldenburg
Was bisher geschah
Nistant brachte im Jahre 2046 NGZ das Zeitchaos in die
Milchstraße. Temporale Anomalien fegten durch die Galaxis und
löschten die Zeitlinie aus. Eine Handvoll Überlebender trifft auf der
CASSIOPEIA auf andere in der Zeit gestrandete Lebewesen.
Aurec strandet aus ungeklärten Gründen im Jahre 1776 im
beschaulichen Eutin auf der Erde.
Nathaniel Creen erlebt eine Wendung im 2. Weltkriegs im Jahre
1944 und ermodet den jungen Perry Rhodan. 200 Jahre später geht
die Erde bei einem Angriff der Akonen und Blues unter.
Im Jahre 1971 erlebt der Journlalist Olaf Petersen die Mondlandung
der STARDUST, jedoch mit dem Kommandanten Michael Freyt.
Und die CASSIOPEIA unter dem Kommando von Gucky und
Constance Beccash sammeln die Überlebenden des Zeitchaos von
2026 NGZ.
Für die Beteiligten fühlt es sich an, als würden sie eine ZEITREISE
machen …
Prolog
Plötzlich stand ich auf einem Berg. Es war Nacht, Sterne funkelten am
wolkenlosen Firmament. Blitze zuckten über den Himmel. Vor mir stand
ein Mann, der mit einem Schwert ausholte. Ich parierte den Schlag mit
meinem Caritschwert und setzte zu einem Konter an. Es geschah
automatisch, wie in einem Traum. Ich wusste, was ich tun musste, um die
Schläge zu parieren, obwohl ich nie zuvor mit einem Schwert gekämpft
hatte.
Ich hörte einen Schrei. Jemand war gestorben, ich spürte es. Ich verlor das
Gleichgewicht, nachdem ein Gegner mich nach hinten schubste und ich den
Berg hinab stürzte. Das war mein Ende. Ich blickte in den grellen Blitz.
Übergangslos wachte ich auf. Ich atmete, spürte meine Finger, meine
Arme, meine Beine. Sie schmerzten. Also musste ich noch am Leben sein.
Mühsam setzte ich mich auf. Mein silberner Raumanzug schien defekt,
erleichterte mir nicht mehr die Bewegungen. Das Visier, durch das ich
blickte, war trüb, zersprungen und verdreckt. Aber konnte ich es einfach so
abnehmen? Konnte ich hier atmen? Wo war ich?
Da waren Sand und Meer.
Vor mir eine Silhouette. Sie bewegte sich.
Ich musste einfach besser sehen können! Zögerlich ertastete ich den
Verschluss des Helms, schob ihn zurück und nahm den Helm herunter. Die
orangefarbene Sonne blendete meine Augen. Ich blinzelte – und atmete tief
durch. Frische, saubere, salzige Meeresluft. Nun überkamen mich die
Sinneseindrücke. Ein sanfter Wind auf meinem Gesicht, das Rauschen der
Wellen. Ich blickte nach vorne. Das türkisfarbene Meer schien endlos. Es
stieg ein Planet mit einem Ring hervor. Hoch am Firmament hing ein
blasser Halbmond. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand, doch es
war idyllisch. Links von mir endete der Strand. Große Palmen bildeten den
Rand eines Waldes. Davor lag eine weiße Hütte mit einem runden Dach und
einer großen Veranda, auf der Möbel standen.
Rechts von mir erhob sich ein steiniger Hügel. Dahinter sah ich große
Berge, an deren Hängen sich Bäume entlang zogen. Die Spitzen der Berge
lag in tiefem Schnee.
Ich richtete den Blick wieder nach vorne. Dort stand eine Frau. Ihr
blondes Haar wehte im Wind. Ihr rotes, schulterfreies Kleid ging ihr bis zu
den Schenkeln. Sie schien das Meer zu beobachten.
Die Fremde drehte sich um. Sie war wunderschön. Ihre blauen Augen
waren auf mich gerichtet, sie schenkte mir ein warmes Lächeln. Ich
erwiderte es. War dies das Paradies?
Sie kam näher, tippte auf ihr Armband. Ein Servierroboter flog an, breitete
vor uns eine Decke aus und deckte die Tafel. Es gab Salate, Würstchen,
Geflügel, Obst und Gemüse. Sie setzte sich hin und klopfte mit der Hand
auf den freien Platz neben ihr. Offensichtlich war ich gemeint. Ich erhob
mich, setzte den Helm wieder auf, ging die paar Schritte und setzte mich.
Mit Helm fühlte ich mich sicherer.
Sie kam mir so vertraut vor. Dabei hatte ich sie nie zuvor gesehen. Daran
hätte ich mich erinnert.
»Du kannst deinen kaputten Helm abnehmen«, sagte sie und tippte mit
den Fingern an das gebrochene Visier.
»Ich habe das Gefühl, als kenne ich dich mein ganzes Leben lang, und
doch weiß ich nicht, wer du bist.«
Sie lächelte. Dann verschwand sie plötzlich. Die Sonne schien nicht mehr.
Der Himmel war wolkenverhangen.
Wo war sie hin?
Ich saß alleine am Strand.
Der Kaiser der Inseln
Bericht Nathaniel Creen. Als ich mit der NOVA noch vor kurzer Zeit auf
der ATOSGO war, widerfuhr mir und meiner Crew etwas Seltsames.
Mein Raumschiff wurde offenbar in eine andere Zeit geschleudert. Als
Soldat einer diktatorischen Macht auf der Erde musste ich den
achtjährigen Perry Rhodan ermorden! Ich sah das Ende der Erde! Und
nun befinde ich mich an einem Strand. Ich verstehe das nicht. Was
geschieht hier …?
Die schöne Frau war fort. Die Umgebung schien sich zu verändern, einzig
der Strand blieb. Vor mir schälten sich aus dem Nebel die Umrisse zweier
Inseln.
»Creen?«
Creen? Das war wohl ich. Obwohl ich mich eben wie jemand anderes
gefühlt hatte. Das Visier an meinem Helm war nun auch intakt.
Ich drehte mich zur linken Seite und blickte hoch. Der Tefroder Jevran
Wigth stand auf der Promenade und sah zu mir herunter. Eine Treppe mit
fünf Stufen führte zu diesem Bereich. Einige Bänke zierten den Weg,
dahinter standen Bäume und die Ruinen einiger Häuser. Er befand sich etwa
sechs, sieben Stufen höher und wirkte irritiert. Ich war einerseits traurig,
dass die blonde Schönheit verschwunden war, und dennoch froh, ein
bekanntes Gesicht zu sehen. Auch wenn es das eines Rhodanmystikers war,
der vor einigen Tagen noch mein Feind gewesen war.
Ich erhob mich und versuchte, meine Umgebung zu verstehen. Zwei in der
Nähe des Strands liegende Inseln waren langgezogen und schienen zwei
oder drei Kilometer getrennt voneinander zu sein, jedenfalls sofern ich das
aus der Distanz beurteilen konnte. Zwischen ihnen erkannte ich das Wrack
einer weißen Fähre.
»Wo sind wir?«, wollte ich wissen.
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete Wigth. Es wirkte ehrlich. Er blickte
sich um, als könne er dabei feststellen, auf welchem Planeten wir uns
befanden, dabei gab es Millionen Welten mit blauem – oder jetzt grauem –
Himmel, Stränden und Wasser.
Es war auch nicht gerade ungewöhnlich, dass Inseln nah beieinander
lagen, wenn sie sich in einer Gruppe befanden. Jevran blickte hoch. Ich tat
es ihm gleich. Die Wolken verdeckten den Morgenhimmel, sodass wir keine
Himmelskörper wie Monde, planetare Stationen oder Sterne entdecken
konnten.
Stattdessen sah ich etwas am Ufersaum. Ich ging hin. Je näher ich dem
Ufer kam, desto klarer erkannte ich, worum es sich handelte: Es war ein
stark skelettierte Leiche. Die Art der Kleidung deutete auf eine Frau hin.
Sie trug eine gelbe Jacke.
»Oh mein Gott«, murmelte Wigth.
Er wandte sich angeekelt ab und musste würgen.
Ich drehte die Leiche der Frau auf den Rücken. Aus dem Mund schob sich
eine Krabbe und verschwand schnell im Wasser.
Sie trug ein Chronometer, das auf einem Ziffernblatt die Zeit anzeigte. Ich
hatte so etwas auf rückständigen Welten gesehen. Die Zahlen von 1 bis 12
deuteten darauf hin, dass dieser Planet offenbar eine Rotationsdauer von
zwölf oder vierundzwanzig Stunden hatte. Dass ich mit den Zeichen auf
dem Chronometer etwas anfangen konnte, verriet mir außerdem, dass dies
hier ein Planet in der Milchstraße sein musste. Die Zeiger waren um 11:23
Uhr stehengeblieben. Es gab keine Datumsanzeige, und die Leiche trug
kein Multikom bei sich. Die Innentasche der gelben Jacke waren leer. Diese
Tote gab mir keine weiteren Informationen über diesen Planeten.
Mir wurde schwarz vor Augen, die Knie wurden weich, und ich sank zu
Boden.
»Creen? Nathaniel?«
Was war mit mir los? Plötzlich schossen Erinnerungen in mir hoch. Ich
war am Strand. Vor mir lag eine Flotte von Tausenden Schiffen. Das war die
Normandie auf der Erde. Der Untergang eines grausamen Reiches stand
bevor, doch eine Flotte von Raumschiffen zerstörte die gesamte Flotte der
Angreifer und versenkte sie auf den Grund des Atlantiks.
Dann flog ich auf einer dieser sogenannten Reichsflugscheiben, und dann
ermordete ich die Familie Rhodan. Rhodan? Ich war ja ein Rhodanjäger
gewesen, doch in dieser Vision erschoss ich Perry Rhodan als Kind. Mich
schauderte.
Ich verbrachte ein Leben in militärischen Ehren, kämpfte fast zweihundert
Jahre lang für den Diktator, ehe die Erde durch einen Atombrand vernichtet
wurde – und ich starb.
Wo kamen diese Erinnerungen her?
Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter und kam wieder zu mir. Ich
stand auf. Jevran nahm die Hand von meiner Schulter und blickte mich
besorgt an.
»Ich hatte eine Art Vision. Oder eine Erinnerung an ein anderes Leben«,
erklärte ich und erzählte die ganze Geschichte. Es dauerte so lange, dass wir
uns auf die Stufen bei der Promenade setzten.
Jevran Wigth starrte mich ungläubig an, dann blickte er auf den Sand, in
den Himmel und rang nach Worten.
»Deine Visionen oder Erinnerungen sind nicht wahr. Am 6. Juni 1944
verlief die Invasion der Alliierten in Frankreich erfolgreich. Acht Monate
später erschoss sich Hitler in Berlin. Fast zur selben Zeit suchte ES Perry
Rhodan das erste Mal auf, als dieser mit seinem Onkel Karl angeln war«,
berichtete der Tefroder und blickte mich prüfend an.
Gaby Hylla: Nathaniel Creen und Jevran Wigth auf der Insel Föhr.
Ich schüttelte den Kopf. Hatte ich das alles nur geträumt?
Es war sehr verwirrend. Und wer war die blonde Frau am Strand? Wo war
dieser Strand gewesen? Und wo waren die ATOSGO und CASSIOPEIA?
Ich sah auf meinen Arm und aktivierte den Funk des Multikoms.
»Eleonore, bitte kommen. Hier ist Nathaniel. NOVA bitte kommen.
ATOSGO bitte kommen …«
Nichts!
Ich seufzte.
»Irgendjemand bitte kommen.«
Nichts!
Ich blickte zur Promenade. Hinter einer Düne ragte das Dach eines
Gebäudes hervor. Vielleicht würden wir dort eine bessere
Standortbestimmung durchführen können. Doch je näher wir kamen, desto
mehr erkannten wir, dass das Haus eine ausgebrannte Ruine war. Wir
gingen an einem zerstörten Spielplatz vorbei und wanderten eine
Asphaltstraße entlang. Dort sahen wir hauptsächlich unbestellte Felder und
alte, verrostete mechanische Gefährte. Wigth und ich stellten uns vor solch
ein Vehikel.
»Das ist ein Automobil«, stellte Jevran Wigth fest.
»Was ist ein Automobil?«, wollte ich wissen.
»Ein Vorläufer der Gleiter. Autos wurden vornehmlich von prästellaren
Zivilisationen genutzt. Sie liefen mit einem Verbrennungsmotor.
Er öffnete einen Deckel an der Front, die »Motorhaube«, wie er mir
erklärte. Nun, es ergab Sinn, denn dort befand sich der Motor. Ich
betrachtete das Cockpit. Zwei Sitze vorne und zwei hinten. Auf der linken
Seite befand sich ein Steuerungsrad, links von ihm Schalter und Displays.
Das Auto war jedenfalls seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten
verlassen. Jevran zeigte auf den Boden.
»Autos hatten Räder zum Fahren. Sie schweben nicht wie ein Gleiter.«
»Primitiv«, stellte ich fest.
Ich ging um das Auto herum und sah am Heck eine Kennung: NF-JG 561.
Offenbar eine Art Identifikationsmerkmal.
»Wie wurde es betrieben?«, wollte ich wissen.
»Hauptsächlich benötigte es einen Treibstoff, der auf der Erde Benzin
genannt wurde.«
Jevran sah das Auto resignierend an.
»Das dürfte sicherlich kein Benzin mehr haben.«
Wir gingen weiter und erreichten eine verlassene Siedlung. Die Häuser
aus Stein glichen sich. Die Türen waren geöffnet, das Glas der Fenster
zersprungen.
»Meine wissenschaftliche Neugier wird immer größer. Wir könnten hier
lagern und die Häuser nach Hinweisen untersuchen«, schlug Jevran Wigth
vor.
»Wir müssen vor allem nach Nahrung suchen. Wir brauchen Wasser.«
Ich tippte mit der Handfläche auf mein Holster. Immerhin hatte ich noch
meinen Strahler und konnte Feuer machen, um Wasser abzukochen und
Bakterien und Keime darin abzutöten. Das Salzwasser aus dem Meer würde
uns aber selbst gekocht nicht bekommen. Aufgrund der hohen
Salzkonzentration würde man dehydriert werden, da Wasser aus den Zellen
entzogen wurde, um das Salz zu verdünnen. Also brauchten wir unbedingt
Süßwasser.
Wir betraten ein weißes, langgezogenes Haus mit Stroh auf dem Dach.
Der Flur war staubig, Papier, Erde und Holzreste lagen auf dem Boden.
Ich bog in den Raum links ein. Das sah mir wie eine Küche mit einem
großen Wasserhahn über einer Spüle aus. Ich betätigte den Hebel. Die
Rohre stotterten und grollten, als würde das ganze Haus zusammenstürzen.
Dann spie der Hahn eine braune Flüssigkeit aus. Da half selbst Abkochen
nicht mehr.
Jevran wühlte in einem Schrank und zeigte eine Konservendose auf der
»Die Gewürzgurke aus der Dose« stand.
»Da steht, haltbar bis 07/2038.«
»Tja, jetzt müssten wir nur wissen, in welchem Jahr wir uns befinden und
welche Zeitrechnung der Hersteller meinte.«
»Moin, die beiden Herren«, rief jemand.
Ich drehte mich zur Tür. Dort stand ein alter, hagerer Mann mit kurzem,
weißem Haar. Ich blickte in die Mündung seines Gewehrs. Funktionierte
mein Individualschutzschirm noch? Falls ja, würde ich einige Treffer
aushalten. Ich war nicht auf ein Gefecht aus, denn ich durfte ihn nicht
erschießen. Wir brauchten Informationen von ihm.
»Moin«, erwiderte Jevran den eigentümlichen Gruß. Er hob
beschwichtigend die Hände. »Wir suchen nur etwas Wasser.«
»So, so«, sagte der Alte. »Ich dachte, Sie wollen eine Ferienwohnung
mieten? Ich bin Vermieter.«
Er lachte seltsam.
»Hans… Hans Dornig. Ich bin der größte Vermieter auf Föhr. Eigentlich
bin ich der Kaiser der drei Inseln Föhr, Amrum und Sylt, wissen Sie?«
Er sah sich hektisch um. Dann wurde sein Blick gierig.
»Sie … Sie haben nicht eine Frau dabei? Oder zwei? Sicher doch. Zwei
hübsche junge Dinger mit prallen Tittichen und saftigen Lippen. Oh, richtig
zum Reinbeißen.«
Der alte Mann war offenbar viel zu lange allein gewesen.
»Wir haben keine Frauen bei uns. Nur wir zwei.«
Er blickte von mir zu Jevran und umgekehrt.
»Der Kanake kann eine Perücke aufsetzen. Dann geht es auch.«
Was war ein Kanake? Ich verstand diesen irren alten Menschen nicht.
Offenbar musste es etwas mit dem Aussehen von Jevran Wigth zu tun
haben. Gut, er wirkte mit seiner Brille etwas steif, fast wie ein Lehrer – ah,
das bedeutete Kanake also.
Der Alte deutete mit der Waffe auf den Ausgang.
»Kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen Ihre Ferienwohnungen.«
Ich spielte mit und nickte Wigth zu mir. Wir mussten wissen, wo und
wann wir waren. Der Tefroder folgte anstandslos. Wir verließen das Haus
und gingen durch die Ortschaft. Wigth und ich mussten vorausgehen, Hans
Dornig schlich mit gezogener Waffe hinter uns her.
»Mein Büro ist am Ende der Straße«, sagte er.
Ich betrachtete die Straße. Koffer und Taschen lagen herum, einige
geöffnete Flaschen und Konserven, vergilbtes Papier und ein Kuscheltier.
Wem diese Sachen wohl einst gehört hatten? Was war aus den Leuten
geworden?
»Sie erwähnten, der Kaiser von Föhr, Amrum und Sylt zu sein«, begann
Wigth ein Gespräch. »Seit wann sind Sie der Kaiser dieser Inseln?«
Dornig kicherte.
»Seitdem die Roten hier alles verwüstet haben. Und nun weiter.«
Wir erreichten ein Haus mit weißen Türen und Fenstern, das mit rotem
Backstein verputzt war.
»So, hereinspaziert die Herren.«
Der Mann beäugte mich misstrauisch.
»Wieso tragen Sie eine Ritterrüstung? Feiern Sie noch Fasching?«
Er riss die Waffe wieder hoch.
»Oder sind Sie ein Kommunistenschwein? Ein kleiner Putinsky oder ein
Schlitzauge?«
Er kniff dabei die Augen zusammen. Ich konnte nichts mit den Begriffen
anfangen.
»Runter mit dem Helm.«
Ich hob die Arme und legte meine Hände an den Helm. Ich öffnete die
Verschlüsse und zog ihn langsam vom Kopf.
»Entspreche ich den Erwartungen?«
Mir fiel auf, dass er uns siezte. Das war ich bisher nur von Ragana ter
Camperna gewohnt und von meinem verwirrenden Traum. War es ein
Spleen oder normal auf diesem Planeten?
»Ja, kein Reisfresser.«
Das verstand ich auch nicht. Mein Anblick schien ihn aber zu
beschwichtigen. Wir betraten das unaufgeräumte Haus. Es war im
Unterschied zu den anderen nicht verlassen oder geplündert, nur mit viel
Kram vollgestellt. Hans Dornig stellte sich hinter den Rezeptionstresen und
legte die Waffe zur Seite.
»Moin, moin. Herzlich willkommen. Das erste Mal auf Föhr?«
Ich blickte Jevran verwundert an.
Offenbar hielt er uns nun für Urlauber. Er reichte uns einen Schlüssel und
eine Karte.
»Auf der Karte steht eine Nummer für den Notfall. Die rufen Sie niemals
an, denn das ist meine.«
Er lachte dümmlich.
Ein Dröhnen ließ den Boden und den Tresen erzittern.
»Die Russen kommen.«
Hans Dornig lachte seltsam.
»Oder die Chinesen, die Mullahs oder lieben Führerlein aus Nordkorea.
Wissen wir erst, wenn wir es sehen. Drohnen, meine Herren. Die Drohnen
kommen!«
Dornig stürmte aus seinem Büro auf die Straße. Wir folgten ihm und
blickten zum Himmel. In V-Formation flogen fünf schwarze Drohnen über
die Siedlung. Sie waren pfeilförmig und hatten zwei Flügeln.
»Haben Sie keine Angst, dass man uns entdeckt?«, warf Jevran Wigth ein,
doch der alte Mann winkte ab.
»Die suchen nicht nach uns. Die überfliegen uns Richtung England. Jede
Woche fliegt die Russisch-Asiatische Föderation Patrouille. Die letzten
Bomben fielen auf uns vor vielen, vielen Jahren. Ja, so ist das.«
Dornig kicherte.
»Der Begriff Russisch-Asiatische Föderation sagt mir etwas«, flüsterte
Wigth mir zu, als Dornig vorausging. »Es gab die Asiatische Föderation in
der Zeit, als Perry Rhodan auf dem Mond landete. Diese ging eine Allianz
mit den Russen ein. Asien ist ein Kontinent auf Terra und Russland ein
Bundesland. Er sprach auch von China, was nahe Terrania City ist.«
»Wir sind auf Terra?«
Das war unglaublich. Noch vor einigen Wochen hatte ich jeden bekämpft,
der auch nur das Wort Terra aussprach und an die Existenz dieser Welt und
von Perry Rhodan geglaubt hatte. Und nun befanden wir uns auf jenem
Planeten? Vielleicht sogar zum zweiten Mal, wenn meine Erinnerung an
den Zweiten Weltkrieg echt und nicht der Phantasie entsprungen war. Doch
woher hätte ich so fundiertes Wissen über diese Epoche haben können?
Beinahe kam ich mir wie ein Zeitreisender vor.
Mein Multikom gab ein Geräusch von sich. Ich blieb stehen und justierte
am Display die Frequenz.
»… melden.«
»Eleonore«, rief ich.
Dornig drehte sich um.
»Eine Eleonore? Eine kleine süße Eleonore, jung, knackig mit großen
Titties? Wo? Wo?«
Jevran schob Dornig zurück ins Büro. Der alte Mann hatte seine Waffe
dort gelassen und schien keine Gefahr mehr für uns zu sein. Ich sprach ins
Multikom: »Hier ist Nathaniel Creen. Eleonore, bist du das?«
»Positiv, Nathaniel! Ich bin erfreut, deine Stimme zu hören. Es gibt
einiges zu berichten. Ich kann deine Individualimpulse orten und begebe
mich zu dir.«
Eine blonde Frau mit den blauen Augen betrat das Büro. Eleonore trug ihr
Haar offen und hatte ihren blauen Anzug mit den hohen Stiefeln an. Ich
wusste gar nicht, ob sie bereits andere Bekleidung besaß. Jedenfalls erfüllte
mich der Anblick der Positronik der NOVA in ihrem Androidenkörper mit
Freude.
»Oha«, machte Hans Dornig und sprang von seinem Stuhl auf. »Moin auf
der wundergeilen Insel Föhr. Ich bin Dornig, Hans Dornig. Da ist meine
Karte. Da steht eine Telefonnummer drauf. Das ist meine für den Notfall.
Sie dürfen die Nummer immer anrufen.«
Er lachte schleimig und lehnte sich am Tresen hervor.
»Und Sie sind wie alt? 20? 25? Darf ich Ihre Titten mal sehen oder
anfassen? Ja? Bitte nur ein Moment.«
Eleonore wirkte irritiert.
»Offenkundig hegst du sexuelles Interesse an meinem Körper. Ich muss
jedoch dein Angebot ausschlagen. Ich stehe für keinerlei Interaktion zur
Verfügung.«
Eleonore wandte sich an mich.
»Nathaniel, was ist das für eine bizarre Kreatur?«
»Ein Terraner. Offenbar der letzte Überlebende von was auch immer.«
Dornig trat an Eleonore heran.
»Na komm, hast du einen Freund? Einen Geliebten? Ich könnte es sein.
Ich habe seit mindestens 20 Jahren keine Frau mehr gesehen.«
Er lachte und verlor dabei reichlich Spucke.
Eleonore schritt am Tresen vorbei und ging auf uns zu.
»Offensichtlich sind wir in einer Temporalen Anomalie. Diese hat uns in
eine andere Zeitlinie zu einem anderen Ort transferiert«, stellte sie fest.
Raimund Peter: Nathaniel Creen, Eleonore und Jevran Wigth betreten die NOVA.
Ich berichtete ihr von meinen Erlebnissen im Jahre 1944. Jevran Wigth
ergänzte die historischen Unterschiede. Das Fazit lautete, dass wir
offenkundig durch die Temporale Anomalie in unterschiedliche Zeiten auf
der Erde transferiert wurden.
»Jetzt berichten Sie uns, was auf dieser Welt geschehen ist«, forderte ich.
Der alte Mann breitete die Arme aus.
»Was würde ich für einen Manhattan geben. Und für eine Frau. Aber
nichts als Müll und Fisch … Sie wollen wissen, was geschehen ist? 2022
hat Russland die Ukraine überfallen. 2027 brach der Krieg zwischen Israel
und der Arabischen Liga aus. 2028 eroberte China Taiwan. Dann ging der
Dritte Weltkrieg los. China, Iran und Nordkorea halfen den Russen, die
Ukraine vollständig zu erobern. Danach half Russland China dabei,
Südkorea einzunehmen. Und irgendwann fiel dann der befürchtete Schuss
auf Polen und die baltischen Staaten. Die NATO antwortete, und 2037 ging
die Welt unter.«
Dornig kicherte.
»Oder zum Teil. Da flogen die Bomben. Die Atombomben natürlich – und
ratz, fatz waren die großen Metropolen ausradiert. Unser Föhr war zu klein,
die nächste Atombombe war in Hamburg eingeschlagen. Doch die Roten
und die Mullahs hatten eine Flotte an Drohnen gebaut, die nach dem
Inferno recht frei operieren konnten. Sie zerstörten Stadt um Stadt und Dorf
um Dorf. Die NATO tat es ihnen gleich, und bald gab es nur noch
mechanische Killerdrohnen, die wie Raubvogelschwärme durch die Länder
zogen.«
Dornig schilderte die Apokalypse auf der Erde.
»Aber hat Perry Rhodan nichts getan? Im Jahre 2025 war Terra doch
bereits eine raumfahrende Nation«, warf Jevran ein. Er nahm die Brille ab,
säuberte sie mit einem Tuch aus der Hosentasche und setzte sie wieder auf.
Dornig zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, wer das ist. Die
Menschen sind 1969 auf dem Mond gelandet und seit den 70er Jahren nicht
mehr. Wenn Sie mich fragen, war das sowieso ein Hollywood-Fake.
Menschen können nicht zum Mond fliegen. Wegen der kosmischen
Strahlung, wissen Sie?«
Es war ein Terra ohne Perry Rhodan. In der Zeitlinie von 1944 hatte ich
dafür gesorgt, dass es keinen Perry Rhodan mehr geben würde. Doch
offenbar waren das, und wo ich jetzt war, zwei unterschiedliche Zeitstränge.
Die große Frage war, wie wir wieder in unsere Zeitebene zurückkehren
konnten?
Ich wandte mich Eleonore zu.
»Ist die NOVA hier?«
»In der Tat. Dein Artefakt leuchtet blau, seitdem wir in der Temporalen
Anomalie auf der CASSIOPEIA gelangt waren. Offenbar wurden meine
Datenspeicher beschädigt, denn meinen Erinnerungen zufolge strandeten
wir unmittelbar auf Terra.«
»Wir?«
»Es wird dich freuen, dass auch Kuvad Soothorn und Cilgin At-Karsin an
Bord waren.«
Sie grinste.
»Das war Sarkasmus. Hast du den Sarkasmus erkannt?«
Ich nickte. Sie lernte die menschlichen Emotionen. Ausgerechnet Kuvad
Soothorn und Cilgin At-Karsin! Der Mehandor Soothorn strotzte nur so vor
Selbstüberschätzung, Feigheit und Inkompetenz. Aus dem Hauri Cilgin At-
Karsin war ich bis heute nicht schlau geworden. Der Buchhalter der CACC
war vielschichtig und kein Kind von Traurigkeit. Beide würden uns nicht
weiterhelfen, doch sie waren nun einmal da.
»Und Hunter?«, fragte Jevran.
»Nein, nur diese beiden«, antwortete Eleonore.
Hunter war der ehemalige Kommandant der NOVA. Erst vor Kurzem
hatte er mir in einem Anfall von Großzügigkeit die NOVA mitsamt
Eleonore geschenkt. Ausgerechnet dieser Fehler hatte es Eleonore erst
ermöglicht, die Positronik der Solaren Residenz von dem Virus Veebee zu
befreien.
Hunter und Jevran verband eine Geschichte aus ihrer Jugendzeit. Einst
waren sie Freunde gewesen, nun Feinde. Hunter hatte Jevran erst kürzlich
gefoltert. Ich verstand, wieso Jevran sichergehen wollte, dass der brutale
Mann sich nicht auch bei uns befand.
Wir waren inzwischen auch Feinde. Hunter und die CACC sowie dieser
Milton hatten Reginald Bull, Atlan und Gucky stürzen und den Cairanern
übergeben wollen. Auch das war fehlgeschlagen. Und dann war auch schon
die Temporale Anomalie aufgetaucht, deren Auswirkungen für mich noch
nicht greifbar waren.
»Ich steuere die NOVA hierher«, erklärte Eleonore. Als Positronik war sie
ständig mit der Space-Jet der CORBIA-II-Klasse verbunden. Dornig sah
uns neugierig an.
»Haben Sie nie daran gedacht, die Insel zu verlassen?«, wollte ich wissen.
Er zuckte mit den Schultern.
»Bei Ebbe wandere ich zwischen Amrum und Sylt. Aber wo soll ich hin?
Ich bin der Kaiser der Inseln. Das ist mein Reich. Es fehlen mir nur
Schnaps und Frauen.«
Er winkte ab.
»Ja, Schnaps und Frauen wären schön. Ansonsten ist es ruhig hier. Keine
Banden, keine Verstrahlten. Es ist nur einsam seit zwanzig Jahren.«
»Welches Jahr schreiben wir?«, fragte Jevran.
»2063 müssten wir jetzt haben. Ja… der Krieg war 2037 zu Ende, und
2043 war niemand mehr auf der Insel.«
Die NOVA erreichte das Dorf und landete auf einer Koppel. Wir verließen
das Büro während des Landevorgangs und gingen zu Fuß zum Raumschiff.
Dornig blieb stehen und sah uns verwirrt an. »Ihr seid doch Kommunisten.
Wo ist meine Waffe?«
Dornig eilte davon. Es war mir egal. Sollte er der Kaiser seiner Inseln auf
einer apokalyptischen Erde sein. Vermutlich gab es auf Hunderte von
Kilometern kaum noch Einwohner, und der Großteil der Bevölkerung war
im Atomkrieg 2037 ausgelöscht worden.
Wir ließen ihn in seinem Reich.
Eleonore, Jevran und ich stiegen durch die Luke in die Space-Jet. Im
Cockpit saßen der Springer Soothorn und der Hauri At-Karsin.
»Mensch, da kannste aber froh sein, dass der Große dir aus der Patsche
hilft, nicht wahr?«
»Verschwinde von meinem Platz. Die Zentrale ist zukünftig nur für
Eleonore, Jevran Wigth und mich vorgesehen. Ihr könnt euch unten
herumtreiben.«
»Findest du das fair?«, begehrte Soothorn auf.
»Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du mich auf der CASSIOPEIA
töten. Ich fände es fair, dich hierzulassen bei dem alten Verrückten. Und
Cilgina nimmst du gleich dazu. Dieser Dornig hätte bestimmt Verwendung
für euch.«
»Herr Kopfgeldjäger, das …«
»Herr Kommandant nun. Auch ich habe nicht vergessen, dass du auf
Hunters Seite warst. Weshalb sollte ich euch beide hierbehalten?«
Soothorn wollte etwas sagen, doch At-Karsin packte ihn am Arm.
»Wir werden die niederen Arbeiten erledigen. Jedoch setzt uns bitte nicht
auf einer unbekannten Welt aus. Und offenbar in einer fremden Zeit. Wir
haben das Gespräch hier mitverfolgen können. Wenn das die apokalyptische
Version von Terra ist, so wünschen wir doch, wieder in unserer Zeit zu
leben. Sei ein edler Ritter …«
Der Hauri verneigte sich.
»Also gut. Stört uns so wenig wie möglich. Nun verschwindet.«
Die NOVA verließ die Insel Föhr. Wir ließen den kauzigen Gerd Dornig
zurück. Ob sein Wunsch nach Frauen und Schnaps jemals erfüllt wurde?
Jevran und Eleonore saßen im Cockpit. Die blaue Aura meines Artefakts
hüllte uns ein. Die Bedeutung war mir noch nicht klar. Wir verschafften uns
einen Überblick. Das Kartografieren verlief mit Hilfe von Wigth recht
einfach – er war wie ein wandelndes Lexikon.
Allerdings gefiel ihm nicht, was er sah. Dort, wo einst Hamburg, Kiel,
Lübeck, Rostock, Schwerin und Berlin gewesen waren, existierten nur noch
Ruinen und starke radioaktive Strahlung. Es waren die Zeugnisse der
atomaren Katastrophe. Wir weiteten die Ortung aus. In ganz Europa maßen
wir hohe radioaktive Strahlungswerte und fanden nur wenig Leben. Auch
Paris, London, Rom und Madrid waren nur noch Ruinen.
Wir überflogen den asiatischen Kontinent – auch hier waren die
Zerstörungen ähnlich desaströs wie in Europa.
»Rakete«, rief Eleonore, und schon wurden wir getroffen. Der
Schutzschirm kompensierte den Angriff. Der Sprengstoff der Rakete reichte
nicht aus, um uns zu gefährden. Es genügte aber, um meine
Aufmerksamkeit zu wecken.
»Das Geschoss kam aus dieser Region«, berichtete Eleonore. Die
Künstliche Intelligenz öffnete eine dreidimensionale Karte.
Jevran sah sie sich an.
»Das ist irgendwo in der indischen Region. Allerdings habe ich die genaue
Aufteilung der terranischen Bundesländer nicht im Kopf.«
»Sie senden einen Funkspruch«, meldete Eleonore und aktivierte die
Lautsprecher.
»Seien Sie gegrüßt, fremde Flieger. Hier spricht der Wohlfühlkoordinator
des Fürstentums Bhutan. Wir ersuchen Sie freundlichst um ein Gespräch.«
Ich blickte Eleonore fragend an und antwortete: »Sie beschießen uns und
wollen dann reden?«
»Dieser Schuss sollte nur Ihre Aufmerksamkeit erregen. Sie sind nun
würdig. Ich spreche im Namen des Fürsten, wenn Sie verstehen, was ich
meine. Ihre Stimme kommt mir so bekannt vor. Als ob wir schon einmal
miteinander gesprochen hätten. Vielleicht in einer anderen Zeit?«
Der Wohlfühlkoordinator lachte grunzend. Ich erschrak und erkannte nun
die Stimme. Lars Born. Wie konnte das sein? Ich hatte nie in Erfahrung
bringen können, wer dieser geheimnisvolle Fürst war, der in der anderen
Zeitlinie dem Diktator die Raumschiffe übergeben hatte. Vielleicht würden
wir mehr Antworten bekommen. Möglicherweise war Born eine Art
Zeitreisender.
»Wir sind an einem Treffen interessiert. Wer garantiert uns, dass Sie nicht
weitere Raketen auf uns abfeuern?«
»Ich gebe Ihnen mein Wort. Außerdem haben wir keine Waffen, die Ihnen
gefährlich werden können. Suchen Sie in den Gebirgen die Stadt Thimpu
auf. Ich sende Ihnen die Koordinaten.«
Der Fremde beendete die Verbindung.
»Diese Stimme erinnert mich an eine geheimnisvolle Person aus meinen
Erinnerungen aus der Zeitlinie des Zweiten Weltkriegs. Wir sollten der Spur
nachgehen.«
Jevran seufzte und sagte: »Klingt gefährlich, doch die Erde besser
kennenzulernen, ist das Risiko wert.«
Eleonore blickte mich mit ihren blauen Augen an. »Es ist logisch, mit
jemandem zu sprechen, der möglicherweise aus einer anderen Zeitlinie
stammt. Wir wissen nicht, wie wir zur CASSIOPEIA gelangen, und jede
Erweiterung unseres Wissens erhöht unser Verständnis für die Temporalen
Anomalien. Sprechen wir mit ihm.«
Es war beschlossen. Ich steuerte die NOVA in die Gebirgsregion von
Bhutan.
Der Wohlfühlkoordinator von Bhutan
Die Landschaft von Bhutan war idyllisch. Das Land war von Bergen und
üppigen grünen Wäldern durchzogen. Das riesige Gebirge wurde als
Himalaya bezeichnet, erklärte Jevran Wight. Es erstreckte sich über
mehrere Länder. Der höchste Berg war der Mount Everest. Die Natur wirkte
größtenteils unberührt. Es gab jedoch eine Ausnahme, die Hauptstadt
Thimpu im Westen des Landes. Sie lag in einem Tal direkt am Fluss Wang-
Chu. Thimpu war vom Atomkrieg verschont geblieben. Sie wirkte auch
nicht wie eine große Metropole mit Wolkenkratzern, sondern passte mit
ihren asiatischen Bauten in dieses idyllische Bild.
Wir überflogen eine weiß gekalkte Anlage mit dreistöckigen Türmen, die
jeweils von dreifach abgesetzten Dächern gekrönt waren, von denen zwei
Dächer in Gold erstrahlten.
Die Ortung ergab, dass um die Stadt herum Container-Siedlungen
entstanden waren. Dort lebten fast drei Millionen Menschen auf engem
Raum. Bei genauerer Betrachtung fielen uns die Müllberge und engen
Behausungen am Stadtrand ins Auge. Sicher war Thimpu nie für so viele
Bewohner angelegt worden. Doch was sollten sie machen? Sie waren
Flüchtlinge der Atomapokalypse. Vermutlich waren nur wenige Plätze auf
Terra nicht radioaktiv verseucht.
Von weitem sah ich aus dem Cockpit goldene und blaue Dächer und eine
recht bunte Stadt. Sie war in einem Tal errichtet. Grüne Wälder zogen den
Berghang hinauf.
Ich setzte die NOVA bei den vorgegebenen Koordinaten auf einem
Landefeld am Ende der Stadt. Es war nicht groß, denn Berge und ein Fluss
setzten natürliche Grenzen. Ein Mann mit graubraunem Haar in einer
schwarzen Lederjacke und Jeans kam auf uns zu. Hinter ihm marschierte
ein großer humanoider Roboter mit einem schmalen Kopf. Diese Baureihe
hatte ich bereits einmal gesehen. Es war buchstäblich in einem anderen
Leben gewesen. Diese Roboter gehörten zur Crew der HAUNEBU-
Raumschiffe des Dritten Reiches.
»Lassen wir unsere Gastgeber nicht länger warten«, sagte ich und verließ
die Zentrale. Eleonore und Jevran folgten mir. Vor der Luke traf ich auf
Soothorn und At-Karsin.
Was sollte ich mit den beiden anstellen? Auf keinen Fall durften sie in der
NOVA bleiben. »Kommt mit und seid ruhig«, befahl ich.
»Jetzt sehen wir Bhutanesen. Ich war ja als kleines Kind mal in
Bhutanistan«, flüsterte Soothorn At-Karsin zu.
»Tatsächlich? Interessant, wo Bhutan doch auf Terra liegt und der Planet
seit Jahrhunderten verschwunden ist.«