Band 126
Zeitreisen
Zeitchaos in der Milchstraße
Autor: Nils Hirseland
Cover: Raimund Peter und Photo Povolen.
Innenillustrationen: Roland Wolf, Gaby Hylla, Raimund Peter
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Aurec
Der Saggittone ist im 18. Jahrhundert gelandet
Olaf Peterson
Der Reporter sucht Perry Rhodan im Jahre 1971
Thora
Die Imperatrice des Quarteriums stellt Forderungen
Gucky
Der Mausbiber scheint der letzte überlebende Zellaktivatorträger zu
sein
Nathaniel Creen
Er strandet in einer anderen Zeitlinie
Gustav Adolph Larsson
Kammerhofmeister des Herzogs von Oldenburg
Was bisher geschah
Nistant brachte im Jahre 2046 NGZ das Zeitchaos in die
Milchstraße. Temporale Anomalien fegten durch die Galaxis und
löschten die Zeitlinie aus. Eine Handvoll Überlebender trifft auf der
CASSIOPEIA auf andere in der Zeit gestrandete Lebewesen.
Aurec strandet aus ungeklärten Gründen im Jahre 1776 im
beschaulichen Eutin auf der Erde.
Nathaniel Creen erlebt eine Wendung im 2. Weltkriegs im Jahre
1944 und ermodet den jungen Perry Rhodan. 200 Jahre später geht
die Erde bei einem Angriff der Akonen und Blues unter.
Im Jahre 1971 erlebt der Journlalist Olaf Petersen die Mondlandung
der STARDUST, jedoch mit dem Kommandanten Michael Freyt.
Und die CASSIOPEIA unter dem Kommando von Gucky und
Constance Beccash sammeln die Überlebenden des Zeitchaos von
2026 NGZ.
Für die Beteiligten fühlt es sich an, als würden sie eine ZEITREISE
machen …
Prolog
Plötzlich stand ich auf einem Berg. Es war Nacht, Sterne funkelten am
wolkenlosen Firmament. Blitze zuckten über den Himmel. Vor mir stand
ein Mann, der mit einem Schwert ausholte. Ich parierte den Schlag mit
meinem Caritschwert und setzte zu einem Konter an. Es geschah
automatisch, wie in einem Traum. Ich wusste, was ich tun musste, um die
Schläge zu parieren, obwohl ich nie zuvor mit einem Schwert gekämpft
hatte.
Ich hörte einen Schrei. Jemand war gestorben, ich spürte es. Ich verlor das
Gleichgewicht, nachdem ein Gegner mich nach hinten schubste und ich den
Berg hinab stürzte. Das war mein Ende. Ich blickte in den grellen Blitz.
Übergangslos wachte ich auf. Ich atmete, spürte meine Finger, meine
Arme, meine Beine. Sie schmerzten. Also musste ich noch am Leben sein.
Mühsam setzte ich mich auf. Mein silberner Raumanzug schien defekt,
erleichterte mir nicht mehr die Bewegungen. Das Visier, durch das ich
blickte, war trüb, zersprungen und verdreckt. Aber konnte ich es einfach so
abnehmen? Konnte ich hier atmen? Wo war ich?
Da waren Sand und Meer.
Vor mir eine Silhouette. Sie bewegte sich.
Ich musste einfach besser sehen können! Zögerlich ertastete ich den
Verschluss des Helms, schob ihn zurück und nahm den Helm herunter. Die
orangefarbene Sonne blendete meine Augen. Ich blinzelte und atmete tief
durch. Frische, saubere, salzige Meeresluft. Nun überkamen mich die
Sinneseindrücke. Ein sanfter Wind auf meinem Gesicht, das Rauschen der
Wellen. Ich blickte nach vorne. Das türkisfarbene Meer schien endlos. Es
stieg ein Planet mit einem Ring hervor. Hoch am Firmament hing ein
blasser Halbmond. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand, doch es
war idyllisch. Links von mir endete der Strand. Große Palmen bildeten den
Rand eines Waldes. Davor lag eine weiße Hütte mit einem runden Dach und
einer großen Veranda, auf der Möbel standen.
Rechts von mir erhob sich ein steiniger Hügel. Dahinter sah ich große
Berge, an deren Hängen sich Bäume entlang zogen. Die Spitzen der Berge
lag in tiefem Schnee.
Ich richtete den Blick wieder nach vorne. Dort stand eine Frau. Ihr
blondes Haar wehte im Wind. Ihr rotes, schulterfreies Kleid ging ihr bis zu
den Schenkeln. Sie schien das Meer zu beobachten.
Die Fremde drehte sich um. Sie war wunderschön. Ihre blauen Augen
waren auf mich gerichtet, sie schenkte mir ein warmes Lächeln. Ich
erwiderte es. War dies das Paradies?
Sie kam näher, tippte auf ihr Armband. Ein Servierroboter flog an, breitete
vor uns eine Decke aus und deckte die Tafel. Es gab Salate, Würstchen,
Geflügel, Obst und Gemüse. Sie setzte sich hin und klopfte mit der Hand
auf den freien Platz neben ihr. Offensichtlich war ich gemeint. Ich erhob
mich, setzte den Helm wieder auf, ging die paar Schritte und setzte mich.
Mit Helm fühlte ich mich sicherer.
Sie kam mir so vertraut vor. Dabei hatte ich sie nie zuvor gesehen. Daran
hätte ich mich erinnert.
»Du kannst deinen kaputten Helm abnehmen«, sagte sie und tippte mit
den Fingern an das gebrochene Visier.
»Ich habe das Gefühl, als kenne ich dich mein ganzes Leben lang, und
doch weiß ich nicht, wer du bist.«
Sie lächelte. Dann verschwand sie plötzlich. Die Sonne schien nicht mehr.
Der Himmel war wolkenverhangen.
Wo war sie hin?
Ich saß alleine am Strand.
Der Kaiser der Inseln
Bericht Nathaniel Creen. Als ich mit der NOVA noch vor kurzer Zeit auf
der ATOSGO war, widerfuhr mir und meiner Crew etwas Seltsames.
Mein Raumschiff wurde offenbar in eine andere Zeit geschleudert. Als
Soldat einer diktatorischen Macht auf der Erde musste ich den
achtjährigen Perry Rhodan ermorden! Ich sah das Ende der Erde! Und
nun befinde ich mich an einem Strand. Ich verstehe das nicht. Was
geschieht hier …?
Die schöne Frau war fort. Die Umgebung schien sich zu verändern, einzig
der Strand blieb. Vor mir schälten sich aus dem Nebel die Umrisse zweier
Inseln.
»Creen?«
Creen? Das war wohl ich. Obwohl ich mich eben wie jemand anderes
gefühlt hatte. Das Visier an meinem Helm war nun auch intakt.
Ich drehte mich zur linken Seite und blickte hoch. Der Tefroder Jevran
Wigth stand auf der Promenade und sah zu mir herunter. Eine Treppe mit
fünf Stufen führte zu diesem Bereich. Einige Bänke zierten den Weg,
dahinter standen Bäume und die Ruinen einiger Häuser. Er befand sich etwa
sechs, sieben Stufen höher und wirkte irritiert. Ich war einerseits traurig,
dass die blonde Schönheit verschwunden war, und dennoch froh, ein
bekanntes Gesicht zu sehen. Auch wenn es das eines Rhodanmystikers war,
der vor einigen Tagen noch mein Feind gewesen war.
Ich erhob mich und versuchte, meine Umgebung zu verstehen. Zwei in der
Nähe des Strands liegende Inseln waren langgezogen und schienen zwei
oder drei Kilometer getrennt voneinander zu sein, jedenfalls sofern ich das
aus der Distanz beurteilen konnte. Zwischen ihnen erkannte ich das Wrack
einer weißen Fähre.
»Wo sind wir?«, wollte ich wissen.
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete Wigth. Es wirkte ehrlich. Er blickte
sich um, als könne er dabei feststellen, auf welchem Planeten wir uns
befanden, dabei gab es Millionen Welten mit blauem oder jetzt grauem
Himmel, Stränden und Wasser.
Es war auch nicht gerade ungewöhnlich, dass Inseln nah beieinander
lagen, wenn sie sich in einer Gruppe befanden. Jevran blickte hoch. Ich tat
es ihm gleich. Die Wolken verdeckten den Morgenhimmel, sodass wir keine
Himmelskörper wie Monde, planetare Stationen oder Sterne entdecken
konnten.
Stattdessen sah ich etwas am Ufersaum. Ich ging hin. Je näher ich dem
Ufer kam, desto klarer erkannte ich, worum es sich handelte: Es war ein
stark skelettierte Leiche. Die Art der Kleidung deutete auf eine Frau hin.
Sie trug eine gelbe Jacke.
»Oh mein Gott«, murmelte Wigth.
Er wandte sich angeekelt ab und musste würgen.
Ich drehte die Leiche der Frau auf den Rücken. Aus dem Mund schob sich
eine Krabbe und verschwand schnell im Wasser.
Sie trug ein Chronometer, das auf einem Ziffernblatt die Zeit anzeigte. Ich
hatte so etwas auf rückständigen Welten gesehen. Die Zahlen von 1 bis 12
deuteten darauf hin, dass dieser Planet offenbar eine Rotationsdauer von
zwölf oder vierundzwanzig Stunden hatte. Dass ich mit den Zeichen auf
dem Chronometer etwas anfangen konnte, verriet mir außerdem, dass dies
hier ein Planet in der Milchstraße sein musste. Die Zeiger waren um 11:23
Uhr stehengeblieben. Es gab keine Datumsanzeige, und die Leiche trug
kein Multikom bei sich. Die Innentasche der gelben Jacke waren leer. Diese
Tote gab mir keine weiteren Informationen über diesen Planeten.
Mir wurde schwarz vor Augen, die Knie wurden weich, und ich sank zu
Boden.
»Creen? Nathaniel?«
Was war mit mir los? Plötzlich schossen Erinnerungen in mir hoch. Ich
war am Strand. Vor mir lag eine Flotte von Tausenden Schiffen. Das war die
Normandie auf der Erde. Der Untergang eines grausamen Reiches stand
bevor, doch eine Flotte von Raumschiffen zerstörte die gesamte Flotte der
Angreifer und versenkte sie auf den Grund des Atlantiks.
Dann flog ich auf einer dieser sogenannten Reichsflugscheiben, und dann
ermordete ich die Familie Rhodan. Rhodan? Ich war ja ein Rhodanjäger
gewesen, doch in dieser Vision erschoss ich Perry Rhodan als Kind. Mich
schauderte.
Ich verbrachte ein Leben in militärischen Ehren, kämpfte fast zweihundert
Jahre lang für den Diktator, ehe die Erde durch einen Atombrand vernichtet
wurde – und ich starb.
Wo kamen diese Erinnerungen her?
Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter und kam wieder zu mir. Ich
stand auf. Jevran nahm die Hand von meiner Schulter und blickte mich
besorgt an.
»Ich hatte eine Art Vision. Oder eine Erinnerung an ein anderes Leben«,
erklärte ich und erzählte die ganze Geschichte. Es dauerte so lange, dass wir
uns auf die Stufen bei der Promenade setzten.
Jevran Wigth starrte mich ungläubig an, dann blickte er auf den Sand, in
den Himmel und rang nach Worten.
»Deine Visionen oder Erinnerungen sind nicht wahr. Am 6. Juni 1944
verlief die Invasion der Alliierten in Frankreich erfolgreich. Acht Monate
später erschoss sich Hitler in Berlin. Fast zur selben Zeit suchte ES Perry
Rhodan das erste Mal auf, als dieser mit seinem Onkel Karl angeln war«,
berichtete der Tefroder und blickte mich prüfend an.
Gaby Hylla: Nathaniel Creen und Jevran Wigth auf der Insel Föhr.
Ich schüttelte den Kopf. Hatte ich das alles nur geträumt?
Es war sehr verwirrend. Und wer war die blonde Frau am Strand? Wo war
dieser Strand gewesen? Und wo waren die ATOSGO und CASSIOPEIA?
Ich sah auf meinen Arm und aktivierte den Funk des Multikoms.
»Eleonore, bitte kommen. Hier ist Nathaniel. NOVA bitte kommen.
ATOSGO bitte kommen …«
Nichts!
Ich seufzte.
»Irgendjemand bitte kommen.«
Nichts!
Ich blickte zur Promenade. Hinter einer Düne ragte das Dach eines
Gebäudes hervor. Vielleicht würden wir dort eine bessere
Standortbestimmung durchführen können. Doch je näher wir kamen, desto
mehr erkannten wir, dass das Haus eine ausgebrannte Ruine war. Wir
gingen an einem zerstörten Spielplatz vorbei und wanderten eine
Asphaltstraße entlang. Dort sahen wir hauptsächlich unbestellte Felder und
alte, verrostete mechanische Gefährte. Wigth und ich stellten uns vor solch
ein Vehikel.
»Das ist ein Automobil«, stellte Jevran Wigth fest.
»Was ist ein Automobil?«, wollte ich wissen.
»Ein Vorläufer der Gleiter. Autos wurden vornehmlich von prästellaren
Zivilisationen genutzt. Sie liefen mit einem Verbrennungsmotor.
Er öffnete einen Deckel an der Front, die »Motorhaube«, wie er mir
erklärte. Nun, es ergab Sinn, denn dort befand sich der Motor. Ich
betrachtete das Cockpit. Zwei Sitze vorne und zwei hinten. Auf der linken
Seite befand sich ein Steuerungsrad, links von ihm Schalter und Displays.
Das Auto war jedenfalls seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten
verlassen. Jevran zeigte auf den Boden.
»Autos hatten Räder zum Fahren. Sie schweben nicht wie ein Gleiter
»Primitiv«, stellte ich fest.
Ich ging um das Auto herum und sah am Heck eine Kennung: NF-JG 561.
Offenbar eine Art Identifikationsmerkmal.
»Wie wurde es betrieben?«, wollte ich wissen.
»Hauptsächlich benötigte es einen Treibstoff, der auf der Erde Benzin
genannt wurde.«
Jevran sah das Auto resignierend an.
»Das dürfte sicherlich kein Benzin mehr haben.«
Wir gingen weiter und erreichten eine verlassene Siedlung. Die Häuser
aus Stein glichen sich. Die Türen waren geöffnet, das Glas der Fenster
zersprungen.
»Meine wissenschaftliche Neugier wird immer größer. Wir könnten hier
lagern und die Häuser nach Hinweisen untersuchen«, schlug Jevran Wigth
vor.
»Wir müssen vor allem nach Nahrung suchen. Wir brauchen Wasser
Ich tippte mit der Handfläche auf mein Holster. Immerhin hatte ich noch
meinen Strahler und konnte Feuer machen, um Wasser abzukochen und
Bakterien und Keime darin abzutöten. Das Salzwasser aus dem Meer würde
uns aber selbst gekocht nicht bekommen. Aufgrund der hohen
Salzkonzentration würde man dehydriert werden, da Wasser aus den Zellen
entzogen wurde, um das Salz zu verdünnen. Also brauchten wir unbedingt
Süßwasser.
Wir betraten ein weißes, langgezogenes Haus mit Stroh auf dem Dach.
Der Flur war staubig, Papier, Erde und Holzreste lagen auf dem Boden.
Ich bog in den Raum links ein. Das sah mir wie eine Küche mit einem
großen Wasserhahn über einer Spüle aus. Ich betätigte den Hebel. Die
Rohre stotterten und grollten, als würde das ganze Haus zusammenstürzen.
Dann spie der Hahn eine braune Flüssigkeit aus. Da half selbst Abkochen
nicht mehr.
Jevran wühlte in einem Schrank und zeigte eine Konservendose auf der
»Die Gewürzgurke aus der Dose« stand.
»Da steht, haltbar bis 07/2038.«
»Tja, jetzt müssten wir nur wissen, in welchem Jahr wir uns befinden und
welche Zeitrechnung der Hersteller meinte.«
»Moin, die beiden Herren«, rief jemand.
Ich drehte mich zur Tür. Dort stand ein alter, hagerer Mann mit kurzem,
weißem Haar. Ich blickte in die Mündung seines Gewehrs. Funktionierte
mein Individualschutzschirm noch? Falls ja, würde ich einige Treffer
aushalten. Ich war nicht auf ein Gefecht aus, denn ich durfte ihn nicht
erschießen. Wir brauchten Informationen von ihm.
»Moin«, erwiderte Jevran den eigentümlichen Gruß. Er hob
beschwichtigend die Hände. »Wir suchen nur etwas Wasser
»So, so«, sagte der Alte. »Ich dachte, Sie wollen eine Ferienwohnung
mieten? Ich bin Vermieter
Er lachte seltsam.
»Hans… Hans Dornig. Ich bin der größte Vermieter auf Föhr. Eigentlich
bin ich der Kaiser der drei Inseln Föhr, Amrum und Sylt, wissen Sie?«
Er sah sich hektisch um. Dann wurde sein Blick gierig.
»Sie Sie haben nicht eine Frau dabei? Oder zwei? Sicher doch. Zwei
hübsche junge Dinger mit prallen Tittichen und saftigen Lippen. Oh, richtig
zum Reinbeißen.«
Der alte Mann war offenbar viel zu lange allein gewesen.
»Wir haben keine Frauen bei uns. Nur wir zwei.«
Er blickte von mir zu Jevran und umgekehrt.
»Der Kanake kann eine Perücke aufsetzen. Dann geht es auch.«
Was war ein Kanake? Ich verstand diesen irren alten Menschen nicht.
Offenbar musste es etwas mit dem Aussehen von Jevran Wigth zu tun
haben. Gut, er wirkte mit seiner Brille etwas steif, fast wie ein Lehrer ah,
das bedeutete Kanake also.
Der Alte deutete mit der Waffe auf den Ausgang.
»Kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen Ihre Ferienwohnungen.«
Ich spielte mit und nickte Wigth zu mir. Wir mussten wissen, wo und
wann wir waren. Der Tefroder folgte anstandslos. Wir verließen das Haus
und gingen durch die Ortschaft. Wigth und ich mussten vorausgehen, Hans
Dornig schlich mit gezogener Waffe hinter uns her.
»Mein Büro ist am Ende der Straße«, sagte er.
Ich betrachtete die Straße. Koffer und Taschen lagen herum, einige
geöffnete Flaschen und Konserven, vergilbtes Papier und ein Kuscheltier.
Wem diese Sachen wohl einst gehört hatten? Was war aus den Leuten
geworden?
»Sie erwähnten, der Kaiser von Föhr, Amrum und Sylt zu sein«, begann
Wigth ein Gespräch. »Seit wann sind Sie der Kaiser dieser Inseln?«
Dornig kicherte.
»Seitdem die Roten hier alles verwüstet haben. Und nun weiter
Wir erreichten ein Haus mit weißen Türen und Fenstern, das mit rotem
Backstein verputzt war.
»So, hereinspaziert die Herren.«
Der Mann beäugte mich misstrauisch.
»Wieso tragen Sie eine Ritterrüstung? Feiern Sie noch Fasching?«
Er riss die Waffe wieder hoch.
»Oder sind Sie ein Kommunistenschwein? Ein kleiner Putinsky oder ein
Schlitzauge?«
Er kniff dabei die Augen zusammen. Ich konnte nichts mit den Begriffen
anfangen.
»Runter mit dem Helm.«
Ich hob die Arme und legte meine Hände an den Helm. Ich öffnete die
Verschlüsse und zog ihn langsam vom Kopf.
»Entspreche ich den Erwartungen?«
Mir fiel auf, dass er uns siezte. Das war ich bisher nur von Ragana ter
Camperna gewohnt und von meinem verwirrenden Traum. War es ein
Spleen oder normal auf diesem Planeten?
»Ja, kein Reisfresser
Das verstand ich auch nicht. Mein Anblick schien ihn aber zu
beschwichtigen. Wir betraten das unaufgeräumte Haus. Es war im
Unterschied zu den anderen nicht verlassen oder geplündert, nur mit viel
Kram vollgestellt. Hans Dornig stellte sich hinter den Rezeptionstresen und
legte die Waffe zur Seite.
»Moin, moin. Herzlich willkommen. Das erste Mal auf Föhr?«
Ich blickte Jevran verwundert an.
Offenbar hielt er uns nun für Urlauber. Er reichte uns einen Schlüssel und
eine Karte.
»Auf der Karte steht eine Nummer für den Notfall. Die rufen Sie niemals
an, denn das ist meine.«
Er lachte dümmlich.
Ein Dröhnen ließ den Boden und den Tresen erzittern.
»Die Russen kommen.«
Hans Dornig lachte seltsam.
»Oder die Chinesen, die Mullahs oder lieben Führerlein aus Nordkorea.
Wissen wir erst, wenn wir es sehen. Drohnen, meine Herren. Die Drohnen
kommen!«
Dornig stürmte aus seinem Büro auf die Straße. Wir folgten ihm und
blickten zum Himmel. In V-Formation flogen fünf schwarze Drohnen über
die Siedlung. Sie waren pfeilförmig und hatten zwei Flügeln.
»Haben Sie keine Angst, dass man uns entdeckt?«, warf Jevran Wigth ein,
doch der alte Mann winkte ab.
»Die suchen nicht nach uns. Die überfliegen uns Richtung England. Jede
Woche fliegt die Russisch-Asiatische Föderation Patrouille. Die letzten
Bomben fielen auf uns vor vielen, vielen Jahren. Ja, so ist das.«
Dornig kicherte.
»Der Begriff Russisch-Asiatische Föderation sagt mir etwas«, flüsterte
Wigth mir zu, als Dornig vorausging. »Es gab die Asiatische Föderation in
der Zeit, als Perry Rhodan auf dem Mond landete. Diese ging eine Allianz
mit den Russen ein. Asien ist ein Kontinent auf Terra und Russland ein
Bundesland. Er sprach auch von China, was nahe Terrania City ist.«
»Wir sind auf Terra?«
Das war unglaublich. Noch vor einigen Wochen hatte ich jeden bekämpft,
der auch nur das Wort Terra aussprach und an die Existenz dieser Welt und
von Perry Rhodan geglaubt hatte. Und nun befanden wir uns auf jenem
Planeten? Vielleicht sogar zum zweiten Mal, wenn meine Erinnerung an
den Zweiten Weltkrieg echt und nicht der Phantasie entsprungen war. Doch
woher hätte ich so fundiertes Wissen über diese Epoche haben können?
Beinahe kam ich mir wie ein Zeitreisender vor.
Mein Multikom gab ein Geräusch von sich. Ich blieb stehen und justierte
am Display die Frequenz.
»… melden.«
»Eleonore«, rief ich.
Dornig drehte sich um.
»Eine Eleonore? Eine kleine süße Eleonore, jung, knackig mit großen
Titties? Wo? Wo?«
Jevran schob Dornig zurück ins Büro. Der alte Mann hatte seine Waffe
dort gelassen und schien keine Gefahr mehr für uns zu sein. Ich sprach ins
Multikom: »Hier ist Nathaniel Creen. Eleonore, bist du das?«
»Positiv, Nathaniel! Ich bin erfreut, deine Stimme zu hören. Es gibt
einiges zu berichten. Ich kann deine Individualimpulse orten und begebe
mich zu dir
Eine blonde Frau mit den blauen Augen betrat das Büro. Eleonore trug ihr
Haar offen und hatte ihren blauen Anzug mit den hohen Stiefeln an. Ich
wusste gar nicht, ob sie bereits andere Bekleidung besaß. Jedenfalls erfüllte
mich der Anblick der Positronik der NOVA in ihrem Androidenkörper mit
Freude.
»Oha«, machte Hans Dornig und sprang von seinem Stuhl auf. »Moin auf
der wundergeilen Insel Föhr. Ich bin Dornig, Hans Dornig. Da ist meine
Karte. Da steht eine Telefonnummer drauf. Das ist meine für den Notfall.
Sie dürfen die Nummer immer anrufen.«
Er lachte schleimig und lehnte sich am Tresen hervor.
»Und Sie sind wie alt? 20? 25? Darf ich Ihre Titten mal sehen oder
anfassen? Ja? Bitte nur ein Moment.«
Eleonore wirkte irritiert.
»Offenkundig hegst du sexuelles Interesse an meinem Körper. Ich muss
jedoch dein Angebot ausschlagen. Ich stehe für keinerlei Interaktion zur
Verfügung.«
Eleonore wandte sich an mich.
»Nathaniel, was ist das für eine bizarre Kreatur?«
»Ein Terraner. Offenbar der letzte Überlebende von was auch immer
Dornig trat an Eleonore heran.
»Na komm, hast du einen Freund? Einen Geliebten? Ich könnte es sein.
Ich habe seit mindestens 20 Jahren keine Frau mehr gesehen.«
Er lachte und verlor dabei reichlich Spucke.
Eleonore schritt am Tresen vorbei und ging auf uns zu.
»Offensichtlich sind wir in einer Temporalen Anomalie. Diese hat uns in
eine andere Zeitlinie zu einem anderen Ort transferiert«, stellte sie fest.
Raimund Peter: Nathaniel Creen, Eleonore und Jevran Wigth betreten die NOVA.
Ich berichtete ihr von meinen Erlebnissen im Jahre 1944. Jevran Wigth
ergänzte die historischen Unterschiede. Das Fazit lautete, dass wir
offenkundig durch die Temporale Anomalie in unterschiedliche Zeiten auf
der Erde transferiert wurden.
»Jetzt berichten Sie uns, was auf dieser Welt geschehen ist«, forderte ich.
Der alte Mann breitete die Arme aus.
»Was würde ich für einen Manhattan geben. Und für eine Frau. Aber
nichts als Müll und Fisch Sie wollen wissen, was geschehen ist? 2022
hat Russland die Ukraine überfallen. 2027 brach der Krieg zwischen Israel
und der Arabischen Liga aus. 2028 eroberte China Taiwan. Dann ging der
Dritte Weltkrieg los. China, Iran und Nordkorea halfen den Russen, die
Ukraine vollständig zu erobern. Danach half Russland China dabei,
Südkorea einzunehmen. Und irgendwann fiel dann der befürchtete Schuss
auf Polen und die baltischen Staaten. Die NATO antwortete, und 2037 ging
die Welt unter
Dornig kicherte.
»Oder zum Teil. Da flogen die Bomben. Die Atombomben natürlich – und
ratz, fatz waren die großen Metropolen ausradiert. Unser Föhr war zu klein,
die nächste Atombombe war in Hamburg eingeschlagen. Doch die Roten
und die Mullahs hatten eine Flotte an Drohnen gebaut, die nach dem
Inferno recht frei operieren konnten. Sie zerstörten Stadt um Stadt und Dorf
um Dorf. Die NATO tat es ihnen gleich, und bald gab es nur noch
mechanische Killerdrohnen, die wie Raubvogelschwärme durch die Länder
zogen.«
Dornig schilderte die Apokalypse auf der Erde.
»Aber hat Perry Rhodan nichts getan? Im Jahre 2025 war Terra doch
bereits eine raumfahrende Nation«, warf Jevran ein. Er nahm die Brille ab,
säuberte sie mit einem Tuch aus der Hosentasche und setzte sie wieder auf.
Dornig zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, wer das ist. Die
Menschen sind 1969 auf dem Mond gelandet und seit den 70er Jahren nicht
mehr. Wenn Sie mich fragen, war das sowieso ein Hollywood-Fake.
Menschen können nicht zum Mond fliegen. Wegen der kosmischen
Strahlung, wissen Sie?«
Es war ein Terra ohne Perry Rhodan. In der Zeitlinie von 1944 hatte ich
dafür gesorgt, dass es keinen Perry Rhodan mehr geben würde. Doch
offenbar waren das, und wo ich jetzt war, zwei unterschiedliche Zeitstränge.
Die große Frage war, wie wir wieder in unsere Zeitebene zurückkehren
konnten?
Ich wandte mich Eleonore zu.
»Ist die NOVA hier?«
»In der Tat. Dein Artefakt leuchtet blau, seitdem wir in der Temporalen
Anomalie auf der CASSIOPEIA gelangt waren. Offenbar wurden meine
Datenspeicher beschädigt, denn meinen Erinnerungen zufolge strandeten
wir unmittelbar auf Terra.«
»Wir?«
»Es wird dich freuen, dass auch Kuvad Soothorn und Cilgin At-Karsin an
Bord waren.«
Sie grinste.
»Das war Sarkasmus. Hast du den Sarkasmus erkannt?«
Ich nickte. Sie lernte die menschlichen Emotionen. Ausgerechnet Kuvad
Soothorn und Cilgin At-Karsin! Der Mehandor Soothorn strotzte nur so vor
Selbstüberschätzung, Feigheit und Inkompetenz. Aus dem Hauri Cilgin At-
Karsin war ich bis heute nicht schlau geworden. Der Buchhalter der CACC
war vielschichtig und kein Kind von Traurigkeit. Beide würden uns nicht
weiterhelfen, doch sie waren nun einmal da.
»Und Hunter?«, fragte Jevran.
»Nein, nur diese beiden«, antwortete Eleonore.
Hunter war der ehemalige Kommandant der NOVA. Erst vor Kurzem
hatte er mir in einem Anfall von Großzügigkeit die NOVA mitsamt
Eleonore geschenkt. Ausgerechnet dieser Fehler hatte es Eleonore erst
ermöglicht, die Positronik der Solaren Residenz von dem Virus Veebee zu
befreien.
Hunter und Jevran verband eine Geschichte aus ihrer Jugendzeit. Einst
waren sie Freunde gewesen, nun Feinde. Hunter hatte Jevran erst kürzlich
gefoltert. Ich verstand, wieso Jevran sichergehen wollte, dass der brutale
Mann sich nicht auch bei uns befand.
Wir waren inzwischen auch Feinde. Hunter und die CACC sowie dieser
Milton hatten Reginald Bull, Atlan und Gucky stürzen und den Cairanern
übergeben wollen. Auch das war fehlgeschlagen. Und dann war auch schon
die Temporale Anomalie aufgetaucht, deren Auswirkungen für mich noch
nicht greifbar waren.
»Ich steuere die NOVA hierher«, erklärte Eleonore. Als Positronik war sie
ständig mit der Space-Jet der CORBIA-II-Klasse verbunden. Dornig sah
uns neugierig an.
»Haben Sie nie daran gedacht, die Insel zu verlassen?«, wollte ich wissen.
Er zuckte mit den Schultern.
»Bei Ebbe wandere ich zwischen Amrum und Sylt. Aber wo soll ich hin?
Ich bin der Kaiser der Inseln. Das ist mein Reich. Es fehlen mir nur
Schnaps und Frauen.«
Er winkte ab.
»Ja, Schnaps und Frauen wären schön. Ansonsten ist es ruhig hier. Keine
Banden, keine Verstrahlten. Es ist nur einsam seit zwanzig Jahren.«
»Welches Jahr schreiben wir?«, fragte Jevran.
»2063 müssten wir jetzt haben. Ja… der Krieg war 2037 zu Ende, und
2043 war niemand mehr auf der Insel.«
Die NOVA erreichte das Dorf und landete auf einer Koppel. Wir verließen
das Büro während des Landevorgangs und gingen zu Fuß zum Raumschiff.
Dornig blieb stehen und sah uns verwirrt an. »Ihr seid doch Kommunisten.
Wo ist meine Waffe?«
Dornig eilte davon. Es war mir egal. Sollte er der Kaiser seiner Inseln auf
einer apokalyptischen Erde sein. Vermutlich gab es auf Hunderte von
Kilometern kaum noch Einwohner, und der Großteil der Bevölkerung war
im Atomkrieg 2037 ausgelöscht worden.
Wir ließen ihn in seinem Reich.
Eleonore, Jevran und ich stiegen durch die Luke in die Space-Jet. Im
Cockpit saßen der Springer Soothorn und der Hauri At-Karsin.
»Mensch, da kannste aber froh sein, dass der Große dir aus der Patsche
hilft, nicht wahr?«
»Verschwinde von meinem Platz. Die Zentrale ist zukünftig nur für
Eleonore, Jevran Wigth und mich vorgesehen. Ihr könnt euch unten
herumtreiben.«
»Findest du das fair?«, begehrte Soothorn auf.
»Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du mich auf der CASSIOPEIA
töten. Ich fände es fair, dich hierzulassen bei dem alten Verrückten. Und
Cilgina nimmst du gleich dazu. Dieser Dornig hätte bestimmt Verwendung
für euch.«
»Herr Kopfgeldjäger, das …«
»Herr Kommandant nun. Auch ich habe nicht vergessen, dass du auf
Hunters Seite warst. Weshalb sollte ich euch beide hierbehalten?«
Soothorn wollte etwas sagen, doch At-Karsin packte ihn am Arm.
»Wir werden die niederen Arbeiten erledigen. Jedoch setzt uns bitte nicht
auf einer unbekannten Welt aus. Und offenbar in einer fremden Zeit. Wir
haben das Gespräch hier mitverfolgen können. Wenn das die apokalyptische
Version von Terra ist, so wünschen wir doch, wieder in unserer Zeit zu
leben. Sei ein edler Ritter …«
Der Hauri verneigte sich.
»Also gut. Stört uns so wenig wie möglich. Nun verschwindet.«
Die NOVA verließ die Insel Föhr. Wir ließen den kauzigen Gerd Dornig
zurück. Ob sein Wunsch nach Frauen und Schnaps jemals erfüllt wurde?
Jevran und Eleonore saßen im Cockpit. Die blaue Aura meines Artefakts
hüllte uns ein. Die Bedeutung war mir noch nicht klar. Wir verschafften uns
einen Überblick. Das Kartografieren verlief mit Hilfe von Wigth recht
einfach – er war wie ein wandelndes Lexikon.
Allerdings gefiel ihm nicht, was er sah. Dort, wo einst Hamburg, Kiel,
Lübeck, Rostock, Schwerin und Berlin gewesen waren, existierten nur noch
Ruinen und starke radioaktive Strahlung. Es waren die Zeugnisse der
atomaren Katastrophe. Wir weiteten die Ortung aus. In ganz Europa maßen
wir hohe radioaktive Strahlungswerte und fanden nur wenig Leben. Auch
Paris, London, Rom und Madrid waren nur noch Ruinen.
Wir überflogen den asiatischen Kontinent auch hier waren die
Zerstörungen ähnlich desaströs wie in Europa.
»Rakete«, rief Eleonore, und schon wurden wir getroffen. Der
Schutzschirm kompensierte den Angriff. Der Sprengstoff der Rakete reichte
nicht aus, um uns zu gefährden. Es genügte aber, um meine
Aufmerksamkeit zu wecken.
»Das Geschoss kam aus dieser Region«, berichtete Eleonore. Die
Künstliche Intelligenz öffnete eine dreidimensionale Karte.
Jevran sah sie sich an.
»Das ist irgendwo in der indischen Region. Allerdings habe ich die genaue
Aufteilung der terranischen Bundesländer nicht im Kopf.«
»Sie senden einen Funkspruch«, meldete Eleonore und aktivierte die
Lautsprecher.
»Seien Sie gegrüßt, fremde Flieger. Hier spricht der Wohlfühlkoordinator
des Fürstentums Bhutan. Wir ersuchen Sie freundlichst um ein Gespräch.«
Ich blickte Eleonore fragend an und antwortete: »Sie beschießen uns und
wollen dann reden?«
»Dieser Schuss sollte nur Ihre Aufmerksamkeit erregen. Sie sind nun
würdig. Ich spreche im Namen des Fürsten, wenn Sie verstehen, was ich
meine. Ihre Stimme kommt mir so bekannt vor. Als ob wir schon einmal
miteinander gesprochen hätten. Vielleicht in einer anderen Zeit?«
Der Wohlfühlkoordinator lachte grunzend. Ich erschrak und erkannte nun
die Stimme. Lars Born. Wie konnte das sein? Ich hatte nie in Erfahrung
bringen können, wer dieser geheimnisvolle Fürst war, der in der anderen
Zeitlinie dem Diktator die Raumschiffe übergeben hatte. Vielleicht würden
wir mehr Antworten bekommen. Möglicherweise war Born eine Art
Zeitreisender.
»Wir sind an einem Treffen interessiert. Wer garantiert uns, dass Sie nicht
weitere Raketen auf uns abfeuern?«
»Ich gebe Ihnen mein Wort. Außerdem haben wir keine Waffen, die Ihnen
gefährlich werden können. Suchen Sie in den Gebirgen die Stadt Thimpu
auf. Ich sende Ihnen die Koordinaten.«
Der Fremde beendete die Verbindung.
»Diese Stimme erinnert mich an eine geheimnisvolle Person aus meinen
Erinnerungen aus der Zeitlinie des Zweiten Weltkriegs. Wir sollten der Spur
nachgehen.«
Jevran seufzte und sagte: »Klingt gefährlich, doch die Erde besser
kennenzulernen, ist das Risiko wert.«
Eleonore blickte mich mit ihren blauen Augen an. »Es ist logisch, mit
jemandem zu sprechen, der möglicherweise aus einer anderen Zeitlinie
stammt. Wir wissen nicht, wie wir zur CASSIOPEIA gelangen, und jede
Erweiterung unseres Wissens erhöht unser Verständnis für die Temporalen
Anomalien. Sprechen wir mit ihm.«
Es war beschlossen. Ich steuerte die NOVA in die Gebirgsregion von
Bhutan.
Der Wohlfühlkoordinator von Bhutan
Die Landschaft von Bhutan war idyllisch. Das Land war von Bergen und
üppigen grünen Wäldern durchzogen. Das riesige Gebirge wurde als
Himalaya bezeichnet, erklärte Jevran Wight. Es erstreckte sich über
mehrere Länder. Der höchste Berg war der Mount Everest. Die Natur wirkte
größtenteils unberührt. Es gab jedoch eine Ausnahme, die Hauptstadt
Thimpu im Westen des Landes. Sie lag in einem Tal direkt am Fluss Wang-
Chu. Thimpu war vom Atomkrieg verschont geblieben. Sie wirkte auch
nicht wie eine große Metropole mit Wolkenkratzern, sondern passte mit
ihren asiatischen Bauten in dieses idyllische Bild.
Wir überflogen eine weiß gekalkte Anlage mit dreistöckigen Türmen, die
jeweils von dreifach abgesetzten Dächern gekrönt waren, von denen zwei
Dächer in Gold erstrahlten.
Die Ortung ergab, dass um die Stadt herum Container-Siedlungen
entstanden waren. Dort lebten fast drei Millionen Menschen auf engem
Raum. Bei genauerer Betrachtung fielen uns die Müllberge und engen
Behausungen am Stadtrand ins Auge. Sicher war Thimpu nie für so viele
Bewohner angelegt worden. Doch was sollten sie machen? Sie waren
Flüchtlinge der Atomapokalypse. Vermutlich waren nur wenige Plätze auf
Terra nicht radioaktiv verseucht.
Von weitem sah ich aus dem Cockpit goldene und blaue Dächer und eine
recht bunte Stadt. Sie war in einem Tal errichtet. Grüne Wälder zogen den
Berghang hinauf.
Ich setzte die NOVA bei den vorgegebenen Koordinaten auf einem
Landefeld am Ende der Stadt. Es war nicht groß, denn Berge und ein Fluss
setzten natürliche Grenzen. Ein Mann mit graubraunem Haar in einer
schwarzen Lederjacke und Jeans kam auf uns zu. Hinter ihm marschierte
ein großer humanoider Roboter mit einem schmalen Kopf. Diese Baureihe
hatte ich bereits einmal gesehen. Es war buchstäblich in einem anderen
Leben gewesen. Diese Roboter gehörten zur Crew der HAUNEBU-
Raumschiffe des Dritten Reiches.
»Lassen wir unsere Gastgeber nicht länger warten«, sagte ich und verließ
die Zentrale. Eleonore und Jevran folgten mir. Vor der Luke traf ich auf
Soothorn und At-Karsin.
Was sollte ich mit den beiden anstellen? Auf keinen Fall durften sie in der
NOVA bleiben. »Kommt mit und seid ruhig«, befahl ich.
»Jetzt sehen wir Bhutanesen. Ich war ja als kleines Kind mal in
Bhutanistan«, flüsterte Soothorn At-Karsin zu.
»Tatsächlich? Interessant, wo Bhutan doch auf Terra liegt und der Planet
seit Jahrhunderten verschwunden ist.«
Roland Wolf: Die Wohlfühlkoordinator Tenzing mit einem seiner Roboter.
Soothorn schwieg.
Ich führte die Gruppe an. Dem Mann, der mich an Lars Born erinnerte,
und dem Kampfroboter folgten sieben Menschen in gelben Gewändern, auf
die Blumen und Drachen gestickt waren. Sie trugen ihre Haare kurz, bis auf
die zwei Frauen, die sie zu Zöpfen gebunden hatten. Ich konzentrierte mich
auf Born, der mit seiner Lederjacke im Vergleich zu den würdevoll
gekleideten anderen Männern geradezu verwegen wirkte.
»Kuzuzangpo La.«
Der Mann mit der Lederjacke und seine Begleiter setzten zu einer leichten
Verbeugung an. Einige falteten die Hände vor die Brust.
»Frieden und Glück sei mit dir. Willkommen in Bhutan! Ich bin der
Wohlfühlkoordinator des Landes und trage den Namen Tenzing.«
Er verneigte sich.
»Und euer wahrer Name?«
Er grinste.
»Oh, Tenzing bedeutet der Wissende in der bhutanischen Sprache. Vorher
trug ich den Namen eines Hedgefonds-Verwalters aus Paris. Nachdem die
Bomben gefallen waren, wurde der Name Claude Chevalier
bedeutungslos.«
Born redete um den heißen Brei herum.
»Was ist mit der Menschheit geschehen?«, wollte Jevran Wigth wissen.
»Wir hörten vom Dritten Weltkrieg, doch unsere Informationen stammen
von einem verwirrten alten Insulaner
Wir gingen einen Weg zur Stadt, der von Zelten gesäumt war. Darin saßen
Kinder und Frauen. Das war eindeutig ein provisorisches Lager für
Flüchtlinge. Ich blickte in die traurigen, aber auch neugierigen Gesichter
der Bewohner. Sie waren von weißer und schwarzer Hautfarbe und sahen
anders aus als die Begleiter von Born.
»Die Menschen waren in der vor-rhodanistischen Zeit zum Großteil
regional geprägt und noch weniger vermischt, als es in der Neuen
Galaktischen Zeitrechnung der Fall war«, sagte Jevran leise. »Diese
Menschen könnten aus Afrika, Europa oder den USA stammen.«
»Es sind Flüchtlinge der nuklearen Optimierung«, rief Tenzing.
»Nukleare Optimierung?«, hakte Eleonore nach.
»Das ist korrekt. Nach der Apokalypse hat der König entschieden, dass
positive Bezeichnungen dem Neuaufbau der Menschheit förderlich sind. So
wurde aus dem Atomkrieg der nukleare Neubeginn, Strahlungsopfer sind
nukleare Optimierte. Es gibt viele Begriffe, die neu definiert wurden, und
viele neue Regeln, an die sich die Zuwanderer halten müssen.«
Tenzing drehte sich um und grinste.
»Meine Aufgabe ist es, die neuen Worte und Gesetze des Drachenkönigs
umzusetzen und auf ihre Einhaltung zu achten. Nur so wird es uns gelingen,
dass die Menschen sich in Bhutan wohlfühlen und miteinander
harmonieren.«
Wir gingen auf den Palast mit den goldenen Dächern zu.
»Das ist der Tashichho Dzong«, sagte Tenzing. Er sei zugleich Festung,
Kloster und spiritueller Hort der Bevölkerung. Außerdem sei es
Regierungssitz. Der König von Bhutan habe dort sein Büro. Drachenkönig
Khesar Jigme Wangchuck regierte seit 2045, nachdem sein Vater Jigme
Khesar Namgyel Wangchuck im Alter von 65 Jahren zurückgetreten war.
Mich interessierten aber keine Drachenkönige mit ihren Provinzreichen in
den Bergen.
»Was ist damals genau geschehen?«, wollte ich wissen.
»Damals? Ach so. Als die Menschheit sich im Jahre 2037 für den Einsatz
von nuklearen Waffen entschied, brach ein neues Zeitalter an. Jener Tag,
der 17. Juni 2037, wird von uns als »Happy Nuke Day« gefeiert. Die
Religion der »Jünger des Jüngsten Gerichts« sprechen noch heute von
einem reinigenden Feuer. 80 Prozent der Menschheit war während des
Atomkriegs ausgelöscht worden oder starb an den Folgen des Fallouts und
der Hungersnöte. Wer es überstand, der war dazu berufen, eine neue
Zivilisation zu gründen. Die Städte waren vernichtet und radioaktiv
verseucht. Schon der alte Drachenkönig Wangchuck sprach vom Happy
Nuke Day
Wir erreichten den Innenhof und gingen auf das größte Gebäude, das im
Zentrum lag, zu.
»Wie kommt es, dass man Happy Nuke Day gewählt hat? Das klingt doch
sehr amerikanisch«, wandte Jevran Wigth ein.
»Der alte Drachenkönig war dem Westen gegenüber aufgeschlossen und
sehr modern. Der jetzige Drachenkönig setzt diesen Weg fort. Außerdem
wanderten viele amerikanische Berater nach Bhutan ein.«
Ich betrachtete die gelben Vorhänge vor dem Haus. Eine Gruppe in lila
gekleidete Frauen kamen uns entgegen und verneigten sich devot. Tenzing
erklärte, das mehrteilige traditionelle Gewand sei eine Kira, ein langer
Rock. Als Wonju bezeichneten die Bhutaner das Oberteil. Darüber wurde
ein Tego getragen, eine Art verzierte Jacke, und der Rachu, ein Schal mit
religiöser Bedeutung.
Ich blickte zu Jevran und Eleonore. Es war schwer, ihre
Gesichtsausdrücke zu interpretieren. Jevran wirkte neugierig und Eleonore
ausdruckslos. Kuvad Soothorn flirtete mit einer weniger hübschen
Bhutanin.
»Herr Wohlfühlkoordinator, wie gehen Sie mit der Migration um?«, fragte
der Hauri Cilgin At-Karsin, während wir das Gebäude betraten. Wir standen
nun in einer großen Halle. Die Wände waren verziert mit Stickereien und
Zeichnungen von Drachen, Mustern und Landschaften. Im Raum standen
einige Statuen von zumeist mächtig wirkenden Männern, die auf einem
Thron saßen.
»Vor dem großen Krieg galt Bhutan als das glücklichste Land der Welt.
Wir haben das Bruttonationalglück eingeführt. Das basiert zum einen auf
der besten Regierung der Erde, dem Umweltschutz, der Erhaltung und
Förderung der Kultur sowie auf der sozioökonomischen Entwicklung. Wie
Sie sich sicher vorstellen können, ist das mit der Zuwanderung nicht mehr
einzuhalten.«
Tenzing seufzte.
»Nehmen wir die Umwelt. Amerikaner und Europäer, aber auch Chinesen
und Russen sind absolute Umweltschweine. Wir haben 2060 den
Nachhaltigkeitsabdruck eingeführt. Die Zuwanderer schneiden oft schlecht
ab. Wir können von Glück sagen, dass beim Happy Nuke Day 80 Prozent
der Menschen gestorben sind. Zwar sind weite Teile der Erde radioaktiv
aufgewertet, doch das Klima kann sich danach erholen.«
»Aufgewertet?«, hakte Eleonore nach. »Radioaktivität ist für Lebewesen
in hohem Maße tödlich. Wie kann das eine Aufwertung sein?«
Tenzing kicherte grunzend und hob belehrend den Zeigefinger.
»Das ist ja der Clou. Die Erde liegt im Krankenhaus. Die Radioaktivität
ist wie ein Kokon, der die Welt einhüllt. Radioaktivität säubert, reinigt und
heilt. Der Happy Nuke Day hat uns von so vielen Problemen befreit. Das
Klima wird sich ohne die Menschen wieder erholen. So viel Kriminalität,
Korruption und Ungerechtigkeit sind ausgelöscht worden. Der 17. Juni
2037 war der beste Tag in der Geschichte der Menschheit.«
Wir erreichten das Büro des Drachenkönigs. Ich sah einen Mann im
mittleren Alter. Das Gesicht war haarlos, auf dem Kopf trug er eine rote
Krone mit einem Rabenkopf. Eine gelbe Schärpe lag über dem weißen
Gewand mit dem Blümchenmuster.
Links vom König standen zwei reichlich dekorierte Offiziere in grauer
Uniform. Rechts neben ihm sah ich eine schöne Frau mit dunklem Haar und
rotem Gewand und einen in Gelb gehüllten Mann mit breitem, hohen Hut.
Vermutlich ein Geistlicher. Die Frau war sicher die Gemahlin des Königs.
»Verneigt euch vor dem Druk Gyalpo Wangchuck«, sagte Tenzing
ehrfürchtig und senkte sein Haupt.
Ich machte eine kurze Verbeugung.
»Werter Drachenkönig, Herr und Regent über Bhutan, Gebieter über die
Berge und Flüsse, den Himmel und die Erde, Beschützer der Erde, ich darf
euch Besucher vorstellen. Das ist Ca ... Nathaniel Creen, Kapitän des
Sternenschiffes NOVA mit seiner Crew
Der König musterte uns unfreundlich. Was ging wohl in seinem Kopf vor?
Musste der Mann nicht voller Misstrauen sein? Das war nur normal. Er
wusste bestimmt nicht, dass sein Wohlfühlkoordinator offenbar ein
Zeitreisender war.
»Bhutan heißt die Reisenden willkommen. Sucht ihr Asyl in meinem
Königreich?«
»Sie sind auf der Durchreise und möchten nur unsere bhutanische
Gastfreundschaft für einige Tage in Anspruch nehmen, mein
Drachenkönig«, antwortete Tenzing.
Der König blickte uns grimmig an.
»Die Bevölkerung Bhutans hat sich seit dem Happy Nuke Day
verzehnfacht. Unsere Gastfreundschaft ist begrenzt, denn das
Bruttonationalglück unserer Bevölkerung sinkt, je mehr wir sind. Die
Erfindungen der Welt da draußen sind oft vergiftet. Bhutan will die
Apokalypse, die hinter den Bergen stattfand, nicht in das eigene Land
lassen.«
»Wir versichern euch, Hoheit, wir sind nur Gäste und planen keinen
langen Aufenthalt. Wir sind dem Ruf und der Bitte eures
Wohlfühlkoordinators gefolgt«, erklärte Jevran Wigth. König Wangchuck
blickte Tenzing misstrauisch an.
»Erklärt euch«, forderte er ihn auf.
»Möglicherweise sind sie die Antwort auf unser Problem, mein König!«
Ein Problem? Langsam ergab es Sinn, dass sie uns angefunkt hatten. Der
Wohlfühlkoordinator brauchte offenbar etwas von uns.
König Wangchuck beugt sich vor.
»Weiht die Fremden ein. Wir werden heute Abend zusammen speisen und
die Details besprechen.«
Roland Wolf: Der Drachenkönig Wangchuck.
Tenzing führte Eleonore, Jevran und mich in eine Art Sporthalle mit allerlei
Geräten wie Barren, Reck, Kästen, Laufbänder, Parkours und eine Art Dojo.
Zwei Männer in weißen Anzügen rangen dort miteinander. Etwas abseits
trainierten zwei junge Frauen am Reck. Sie gehörten sicherlich zum
königlichen Personal.
Soothorn und At-Karsin wurden nicht hineingelassen. Sie mussten auf
dem Hof warten.
»Weshalb habt ihr uns gerufen?«, wollte ich wissen.
Tenzing schickte die beiden Sportler fort. Es kam ein Mann in einem
weiten, prächtigen goldenen Gewand. Er trug eine schwarze Gesichtsmaske
und hielt ein Schwert in der Hand.
Der Gesang einer Frau erklang. Es war wohl ein traditionelles
bhutanisches Lied. Der Mann schwang mit dem Schwert und hüpfte. Dann
rannte er von links nach rechts und schien mich herauszufordern.
»Der Tanz der Noblemen ist in Bhutan ein spirituelles Ritual. Die
Bhutanesen haben keine Kriegertradition wie unsere japanischen Brüder. Es
gibt keine Ninja oder Samurai, denn Bhutan ist ein friedliches Land.
Dennoch üben auch wir die Kunst des Schwertes. Versuchen Sie es
einmal.«
Eine Dienerin brachte mir demütig ein Schwert. Es fühlte sich seltsam
vertraut an, dabei hatte ich niemals bewusst Schwerter in der Hand
gehalten. Ich war der Strahler-Typ und benutzte keine antiquierten Hieb-
und Stichwaffen. Ich fuchtelte damit herum und war überrascht, wie
spielend leicht das ging. Ich blickte zu Tenzing, der breit grinste und sich
verneigte. Dann ein Schrei. Aus der Ecke stürmte ein Mann in gelbem
Gewand und mit einer Tiermaske hervor. Die Maske sah aus wie ein
mutiertes Kaninchen. Er schlug mit einem Schwert nach mir, doch ich wich
zurück. Den nächsten Schlag parierte ich. Er hüpfte und tänzelte um mich
herum, während der Gesang der Frau im Hintergrund weiter zu hören war.
Dann setzte er erneut zum Angriff an. Ich schlug mit meinem Schwert zu,
und er ließ seine Waffe fallen. Dann packte ich ihn am Kragen, hob ihn mit
einer Hand hoch und warf ihn auf den Boden. Er stöhnte. Ich legte das
Schwert an seine Kehle und drückte leicht zu. Woher hatte ich diese
Fähigkeiten im Schwertkampf?
Tenzing applaudierte. Ich hielt die Klinge nun in seine Richtung.
»Sagt mir endlich, was wir hier sollen!«
Tenzing hob die Hände.
»Wir brauchen eure Hilfe, um die restliche Menschheit zu retten. Wir
brauchen die NOVA.«
»Das kommt gar nicht infrage«, antwortete Eleonore.
»Wir brauchen eure Technik, eure Fähigkeiten, uns etwas zu besorgen.«
Ich senkte die Waffe.
»Sprecht und erklärt euch.«
Tenzing wanderte durch den Raum und setzte sich auf einen Stuhl.
»Nach dem Ende der Weltmächte hinterließen die Herrscher
Supercomputer, die ihre Arbeit verrichteten. Ivan 1 regiert nun die Reste
von Russland, während POTS X-One, der Regierungscomputer der USA
ist. POTS steht für President of the States und X-One ist die Seriennummer.
Es heißt, dass sie sogar das Gehirn ihrer menschlichen Vorgänger tragen.
Sie beinhalten das Wissen und die Eigenschaft ihrer Erbauer. Allerdings ist
das mit den Gehirnen nicht belegt. Und sie besitzen die Kontrolle über
die Atombomben.«
»Ich dachte, die wären alle abgeschossen worden«, sagte Jevran Wigth.
Tenzing winkte ab.
»Schön wäre es. Doch es gibt Restbestände. Die Gefahr bleibt. Helft uns,
sie endlich zu bannen, damit die Menschen in einer Welt ohne
Atombomben leben können.«
»Ich dachte, Sie finden die Atombomben schön? Wollen Sie keinen
weiteren Happy Nuke Day feiern?«, fragte Eleonore.
»Schönes künstliches Kind. Der Happy Nuke Day ist doch nur zur
Vergangenheitsbewältigung erfunden worden. Sie kennen die Menschen
nicht. Sie heucheln sehr gerne, dass alles in Ordnung ist, obwohl es nicht so
ist. Der Mensch lügt sich und die seinen sehr gerne an.
Diesen ganzen Mist mit dem nuklearen Paradies haben wir doch nur
erfunden, damit die Überlebenden einen Sinn in dem ganzen Tod und Leid
sehen konnten. Doch das ist alles eine Lüge. Der Krieg war furchtbar, er hat
Milliarden Menschen getötet. Nur ein Misanthrop findet daran etwas
Gutes.«
»Was erwartet ihr nun von uns?«, wollte ich wissen.
»Es ist ganz einfach. Besorgt mir die Codes für die Atomwaffen.«
»Was wollen Sie mit den Codes?«
Jevran Wigth wirkte misstrauisch. Tenzing erhob sich ächzend und ging
auf uns zu.
»Ich will die Atomwaffen ins All schießen. Sie sollen Richtung Sonne
fliegen und darin vergehen und mit ihnen die Gefahr der völligen
Auslöschung der Menschheit.«
»Sind denn die Raketen in dieser Zeit dafür ausgerüstet?«, fragte
Eleonore.
Tenzing nickte.
»In den 30er wurden die Trägerraketen durch Falcon 9 und Delta IV
Heavy auf amerikanischer Seite und durch Proton-M Orbitalraketen
ausgetauscht.«
»Wir könnten die Abschussbasen mit unserem Stand der Technik
deaktivieren oder gar vernichten«, warf ich ein, doch Tenzing winkte ab.
»Die Bomben bleiben dann aber auf der Erde. Verstehen Sie nicht, Sie
müssen ein für alle Mal vernichtet werden. Wenn ich die Codes habe, kann
ich die Abschussbasen nutzen, um die größte Geißel der Menschheit zu
entsorgen.«
Er sah uns alle drei eindringlich an.
»Soll der König vor euch sprechen und im Staub kriechen, damit ihr
überzeugt seid? Wir haben den Tod von neun Milliarden Menschen
miterlebt. Versteht ihr nicht, dass wir genug haben von der Bedrohung der
völligen Vernichtung?«
Seine Argumentation war logisch. Die NOVA war in der Lage, mit dem
Laurin-Tarnschutz unbemerkt sowohl in den Vereinigten Staaten von
Amerika als auch in Russland zu landen. Eleonore und ich konnten
problemlos eine Station infiltrieren. Vielleicht konnte sie sich als
Künstliche Intelligenz sogar ins System hacken, die Codes kopieren oder
Befehle überschreiben. Dann wäre diese Erde gerettet.
Ich sah Jevran Wigth an. Er konnte meine Augen durch den Helm nicht
sehen, doch er nickte. »Machen wir es so.«
Dann wandte ich mich an Eleonore.
»Es wäre logisch, uns für diesen Auftrag zu nehmen. Möglicherweise sind
wir die beste Chance für den Fortbestand der Menschheit in dieser
Zeitlinie.«
Ich atmete tief durch. Wir gehörten nicht in diese Zeit. Eigentlich wollten
wir zur Temporalen Anomalie im Alpha Centauri-System, um die ATOSGO
und die CASSIOPEIA wiederzufinden. Doch dann? Was sollte ich dort
noch? Ein Wiedersehen mit den ter Campernas feiern? Die NOVA war mein
Zuhause. Eleonore war bei mir. Nein, ich hatte es nicht eilig zur
Temporalen Anomalie zu fliegen. Vielmehr sollten wir doch einfach die
Abenteuer und Aufgaben meistern, die nun vor uns lagen.
»Wir werden Ihnen helfen, Tenzing!«
Die NOVA erhob sich in den Himmel. Ich betrachtete Thimpu im Tal
zwischen den Bergen. Die Stadt wirkte so friedlich und idyllisch, umgeben
von Flüssen, grünen Wäldern und hohen Bergen. Thimpu war nach der
großen Apokalypse zu einer Zuflucht für die Terraner geworden. Sie hatten
wohl einfach eine zweite Chance verdient.
Jevran und Tenzing saßen neben Eleonore und mir im Cockpit der Space-
Jet. Es war wieder unangenehm voll. Immerhin hatten wir den Springer und
den Hauri in die untere Etage verfrachtet.
Unser erstes Ziel war Russland. Der Bunker des regierenden Computers
Ivan 1 lag in der extrem kalten Region mit dem Namen Sibirien. Der
Hafenort Tiksi an der Nordpolarmeerküste war unser Ziel. Die Region lag
tief im eisigen Schnee versunken. Es herrschten Temperaturen von unter
minus zwanzig Grad. Das Städtchen selber war schlicht. Alte, eckige
Hochhäuser aus Beton, Lagerhallen und verwahrloste Plätze prägten das
Erscheinungsbild.
»Russland litt wie Amerika unter dem Bombenhagel. Moskau, Sankt
Petersburg, Jekatarinenburg, Murmansk, Nowgorod, Omsk, Jakutsk,
Novosibirsk, Wladiwostok und all die anderen großen Städte wurden
zerbombt«, erklärte Tenzing.
»Es blieb den Russen nur noch übrig, ihre Basen in der nie endenden
Kälte von Sibirien zu errichten, in den verlassenen Posten oder
Stützpunkten nahe dem Polarkreis. Tiksi ist so eine Stadt. Sie ist
zweigeteilt. Weiter oben gibt es den Flughafen. Vermutlich sind dort auch
die Landeplätze für ihre Drohnen.«
Eleonore zeigte mir die Ergebnisse der Ortung auf meinem Display.
Offenbar wollte sie diese Informationen erst einmal nur mit mir teilen.
Unterhalb von Tiksi erstreckte sich eine verzweigte Bunkeranlage. Es gab
zwischen dem Flughafen und der Hafenstadt unterirdische Hangars für die
Drohnen. Jedoch wurden mir keine Raketensilos für Atomraketen
angezeigt. Die mussten woanders liegen.
Raimund Peter: Die NOVA auf dem Weg nach Sibirien.
An den Bunkeranlagen war nichts ungewöhnlich. Es gab nur eine
Besonderheit: Die Anlage war unbewohnt. Kein Mensch lebte zumindest
noch unterhalb von Tiksi. In der Stadt selber wurden die Lebenszeichen von
etwa zweitausend Terranern angezeigt. Vielleicht waren es Überlebende,
vielleicht auch Soldaten oder technisches Bodenpersonal für die Wartung
der Drohnen.
»In der Station befinden sich Computer«, verriet mir Eleonore über
Helmfunk. Als Positronik der NOVA konnte sie auch außerhalb ihres
Androidenkörpers mit mir kommunizieren. Unser Gespräch blieb also
geheim.
»Sie sind primitiv, besitzen eine Firewall, die ich leicht umgehen kann.
Soll ich loslegen?«
Ich aktivierte den Schallschutz in meinem Helm.
»Weshalb führen wir diese Konversation privat?«
»Ich vertraue diesem Tenzing nicht. Du etwa?«
»Nein. Wenn dieser Tenzing identisch mit Lars Born aus der anderen
Zeitlinie ist, dann ist er gefährlich. Es besteht aber auch die Möglichkeit,
dass sich ihre Charakteristika unterscheiden. Born ist in der anderen
Zeitlinie gestorben. Wie ich.«
»Vielleicht war es auch nur eine Illusion. Ist es nicht gefährlich, ihm die
Codes für die Nuklearwaffen zu übergeben?«
»Wir werden diese Zeitlinie sowieso verlassen. Aber vielleicht meint er es
ehrlich und schießt die Atombomben tatsächlich in die Sonne. Dieser Planet
ist zu neunzig Prozent entvölkert. Was soll er damit noch anrichten?«
»Die restlichen zehn Prozent der Bevölkerung auslöschen«, antwortete
Eleonore.
»Wir werden sehen. Vielleicht übergeben wir die Codes auch dem
Drachenkönig. Der wirkte doch recht vertrauenswürdig auf mich. Oder wir
helfen ihnen, die Dinger zur Sonne zu schießen.«
»Sollen wir jetzt offen mit den anderen reden?«
»Da das geklärt ist, ja.«
Ich deaktivierte den Schallschutz und sah zum Androidenkörper von
Eleonore.
»Du hast etwas gefunden?«
Sie schenkte mir ein zweideutiges Lächeln.
»Eine unbemannte Bunkeranlage unterhalb der Stadt. Ich orte dort
künstliche Intelligenz, jede Menge Computer und … offenbar auch Roboter.
Interessant. Ich kann einen Roboter übernehmen.«
Vor uns baute sich ein dreidimensionales Hologramm auf, das erst nur
graues Rauschen zeigte. Dann bekamen wir plötzlich ein Bild. Zu sehen
war ein karger, dunkler Raum mit grauen Wänden und Regalen aus Holz.
»Ich habe den Roboter übernommen. Wir sehen durch seine
Kameraaugen.«
Der Roboter bewegte sich zur Seite und begab sich in einen anderen Raum
mit einer gegenüberliegenden Glastür. Darin spiegelte sich die Maschine.
Sie besaß Rollen statt Beine. Der Torso war humanoid mit zwei
Greifarmen. Der Kopf war schachtelförmig mit großen Kameralinsen im
Zentrum und einem Lautsprecher darunter. Die Farbe des Roboters war
braun. Auf der linken Schulter war ein goldenes Schulterstück mit zwei
roten Linien und Sternen gezeichnet, auf der rechten Schulter die Farben
weiß, blau und rot.
Der Roboter rollte durch die Glastür in den nächsten Raum und traf einen
metallischen Kameraden.
»Genosse T-34«, grüßte sein Gegenüber.
»Genosse T-72«, erwiderte Eleonore den Gruß. Sie schien Informationen
über die dort stationierten Einheiten zu haben. Vermutlich konnte sie auf
den gesamten Datenbestand des Computers, der die T-34-Einheit steuerte,
zugreifen. T-34 rollte einen Gang entlang, der weniger schmucklos wirkte.
Bilder hingen an der Wand. Sie zeigten Terraner, aber auch Waffen und
Sehenswürdigkeiten. Ich konnte nichts damit anfangen, da mir der Bezug
zur Erde gänzlich fehlte. Zwar erinnerte ich mich an Moskau aus der
anderen Zeitlinie, doch damals zerbombten die HAUNEBU-Raumschiffe
die Hauptstadt der UdSSR. Ansonsten waren mir nur noch die
Schlachtfelder auf dem Boden der Ukraine, Weißrusslands und der
Sowjetunion ein Begriff. Ich kannte Terra im Grunde genommen nur aus
einer Traumsequenz. Mehr war es nicht. Oder hatte ich tatsächlich in einer
anderen Zeitebene gelebt? Das schien mir so unrealistisch, da ich nicht auf
ein ganzes Leben zurückblicken konnte und mich im Grunde genommen
erst an Ereignisse nach dem 6. Juni 1944 erinnern konnte, aber nur
episodenhaft an weitere Begebenheiten. Das war zu wenig für ein ganzes,
echtes Leben.
Der Roboter blieb abrupt vor einer roten Doppeltür stehen. An jedem
Flügel hing ein roter Stern mit goldener Umrandung. An der Wand daneben
befand sich eine Art Scanner. Vermutlich der Türöffner. T-34 rollte direkt
vor den Scanner. Dann knackte es in der Tür. Wir blickten durch die
Kameras in ein Büro mit weißen Wänden. In der Mitte stand ein großer,
dunkelbrauner Schreibtisch. Dahinter zwei Flaggen. Vor dem Tisch standen
große Monitore.
»Oberstleutnant T-34? Was wollt Ihr?«
Der Roboter drehte sich. Aus der linken Ecke des Raumes tauchte ein
humanoider Roboter auf. Das musste Ivan 1 sein. Er war kantig und von
athletischer Statur, hatte Beine und Arme. Der Kopf wirkte menschlich,
wenngleich der gesamte Roboter blau war. Er trug sogar Bekleidung und
erinnerte an einen Politiker.
An den Wänden hingen Bilder von einem Mann im mittleren Alter. Er ritt
mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd, posierte mit Uniform neben
einem Bären oder war in einem feinen Anzug gekleidet und stand auf einem
Podium. Offenbar war der Mann eine Art Vorbild für den Roboter Ivan 1.
»Ich wiederhole, Oberstleutnant T-34. Was wollt Ihr?«
»Der monatliche Routinecheck Ihres Sicherheitschefs«, erwiderte T-
34beziehungsweise Eleonore für ihn.
»Melden Sie sich nach dem Routinecheck selbst zur Wartung. Ihre
Antwortzeit war verzögert. Das ist inakzeptabel. Wären Sie ein Mensch,
würde ich sagen, Sie waren in Gedanken verloren.«
»Darf ich mit der Sicherheitsüberprüfung fortfahren, Genosse Präsident?«
»Erlaubnis erteilt, Genosse!«
Eleonore blendete eine Textnachricht in die Übertragung ein, die nur für
uns bestimmt war.
T-34-Einheit ist Sicherheitsroboter. Deshalb habe ich ihn ausgewählt. Ivan
1 ist der Roboter des ehemaligen russischen Präsidenten und offenbar
überaus misstrauisch.
»Du kannst ihn ablenken. Frag ihn über die Entstehung der Bilder aus«,
schlug ich vor.
Ivan 1 scheint laut den Datenbankeinträgen von T-34 tatsächlich gerne aus
der Vergangenheit seines Vorbilds zu erzählen. Das wäre ein Ansatz.
»Wo ist das Bild mit den Bären entstanden, Genosse Präsident? Es sieht
sehr würdevoll aus.«
Der Ivan-1-Roboter wandte sich dem T-34 Modell zu.
»Es freut mich, dass Sie sich für die Vergangenheit unseres großen
Präsidenten interessieren. Das Bild zeigt ihn Seite an Seite mit dem größten
Braunbären in Eurasien«, begann Ivan 1 und fokussierte das Bild mit dem
Menschen und Braunbären.
»Das ist ein Kamtschatka-Bär. Der wissenschaftliche Name für diese
Braunbären-Unterart lautet Ursus arctos beringianus. Diese Gattung
besiedelt ausschließlich die Kamtschatka-Halbinsel.
Wie Ihr wisst, Genosse Oberstleutnant T-34, liegt Kamtschatka zwischen
dem Ochotskischen Meer und dem Beringmeer. Sie liegt nahe Japan und
Alaska und diente im großen Krieg als zentraler Militärstützpunkt.«
Eleonore hatte nun Zugriff auf Ivans Administrationsbereich. Die Codes
zu den Atomraketen waren auf einer Festplatte gesichert, die keine
Verbindung zur Außenwelt hatte. Da sie nun wusste, wo sie suchen musste,
war es jedoch nicht schwer, Zugriff darauf zu bekommen.
»Die Natur auf Kamtschatka war vor dem Atomkrieg phänomenal.
Vulkane ragten in den Himmel und blickten auf Wälder und Seen nieder,
die eben von jenen Bären bevölkert wurden. Und da gab es dann Pawel.
Pawel redete mit den Tieren, kontrollierte sie, und als unser Genosse
Präsident zu Besuch war, traf er Pawel und den Bären Josef. Josef war ein
riesiger Bär, doch er war an den Menschen gewöhnt. So setzte er sich neben
unseren Präsidenten und Pawel machte das Foto, welches um die Welt ging.
Jetzt gibt es dort keine Bären oder Bäume mehr
Eleonore übermittelte den Ablauf des Hacks mit Einblendungen.
»Der Bär musste großen Respekt vor dem Genossen Präsidenten gehabt
haben.«
»Doch der Bär ist tot, so wie Russland tot ist. Es wird regiert von
Maschinen, die so programmiert sind, dass sie die Erinnerungen an das alte
Land aufrechterhalten. Die Menschen sind über die weiten Steppen, Täler
und Länder verteilt. Unsere Metropolen sind zerstört und verstrahlt.«
Es klang fast so, als würde der Roboter die Situation bedauern. Ich
bezweifelte Tenzings These, dass das Gehirn des russischen Präsidenten in
dem Roboter ruhte. Eleonore hatte keine Lebenszeichen gefunden. Ich war
mir sicher, dass die Menschen im Jahre 2063 noch nicht so weit waren, um
Positroniken zu entwickeln, oder dass ihre Roboter organische
Komponenten in sich trugen.
»Doch der Genosse Präsident gab den Befehl zum Atomkrieg«, stellte
Eleonore als T-34 fest. Sie kopierte die Codes der Atomwaffen.
»Mütterchen Russland wurde von der NATO immer mehr in die Enge
getrieben. Die Eroberung der Ukraine war ein angemessener
Befreiungsschlag. Die Annexion Taiwans das Recht der Volksrepublik
China. Die gemeinsame Vereinigung Koreas unter dem Banner des Lieben
Führers eine logische Konsequenz. Doch dann eskalierten die Ereignisse.
Der Genosse Präsident handelte nicht alleine. Damals gab es Atomkoffer
mit den Codes. Generäle stützten seine Entscheidung, ebenso wie der
Staatspräsident Chinas. Die Annahme bestand darin, dass ein schneller
Erstschlag die NATO brechen würde. Zwar wurde die Gegenantwort
einkalkuliert, doch die Gegenschläge auf beiden Seiten waren in dieser
verheerenden Auswirkung nicht geplant. Russland antwortete, die USA
antwortete, Russland gab die nächste Antwort solange, bis es nichts mehr
zu zerstören gab.«
Tenzing seufzte.
»Es ging so lange, bis alle wichtigen Ziele vernichtet worden waren und
es einfach kein fähiges Personal mehr für die Angriffe gab. Die Drohnen
übernahmen die Kontrolle über die Luft. Seitdem fliegen sie auf »Seek and
Destroy«-Mission quer über die Erde und vernichten alles, worin sie eine
Gefahr sehen«, sagte der Wohlfühlkoordinator von Bhutan.
»Ich vermelde, dass das Kawkas-System intakt ist. Ihre
Autorisierungscodes sind bis ins Jahr 2100 gültig«, meldete T-34 alias
Eleonore. »Ich begebe mich nun wie befohlen zur Wartung meiner
Systeme.«
»Ihr dürft Euch entfernen, Genosse Oberstleutnant«, sagte Ivan 1, der
regungslos vor den Bildern stand und sie offenbar betrachtete. T-34 rollte
aus dem Büro. Plötzlich erwachte Eleonores Androidenkörper wieder zum
Leben.
»Ich habe die Codes kopiert und den Speicher der letzten Stunde von T-34
überschrieben. Es wird keine Rückschlüsse auf uns geben.«
Sie lächelte mir zu. Es war eine Art herausforderndes Lächeln, das ich bei
Menschen für ein »Na, wie habe ich das gemacht?« halten würde.
Die NOVA verließ diese ungastliche Gegend. Wir nahmen Kurs auf
Nordamerika. Dort befanden sich die zweiten Codes. Es waren jene, die
einer Nation mit dem Namen Vereinigte Staaten von Amerika zugehörig
waren.
Das Schloss von Eutin
Ich bin Aurec, Saggittone und Träger einer Kosmogenen Chronik,
eigentlich sogar von zwei Chroniken. Als ich im Jahre 2046 NGZ die
Milchstraße erreicht hatte, wurde ich Zeuge des Ausbruchs des Zeitchaos.
Eine Zeitschliere erfasste mich und ich wurde mit meinem Raumschiff, dem
Kosmogenen Segler, in das Jahr 1776 auf der Erde versetzt. Ich wusste
nicht, was ich in dieser Zeit zu suchen hatte, doch das ein zufälliges Treffen
mit dem Grafen Stolberg führte mich nun direkt zur Regierung dieses
Herzogtums. Vielleicht wurde mir der Sinn, wenn es denn einen gab,
ersichtlich…
Die Kutsche passierte das erste Tor zum Schloss. Sie erreichte den Vorplatz.
Bernhard von Hollen sagte »Hoo!« und die Pferde stoppten. Die Nacht war
angebrochen, Fackeln an den Mauern spendeten ein flackerndes Licht.
Leopold von Stolberg lächelte mich an.
»Werter Freund aus Neuspanien, wir sind da.«
Aurec wollte gerade die Tür öffnen, als Stolberg ihn innehalten ließ: »Na,
na, nehmen wir dem lieben Bernhard nicht seine Tätigkeit weg und warten
voll des Anstands.«
Der Kutscher und Kammerdiener stieg ab und öffnete die Tür. Er
brummelte etwas Unverständliches und verneigte sich.
Der Graf von Stolberg stieg zuerst aus, ich folgte. Vor mir hüpfte Bencho
mit einem Satz aus der Kutsche.
»Danke sehr, Bernhard!«
»Sehr wohl, der edle Herr«, erwiderte Bernhard und verbeugte sich noch
tiefer. Er schloss die Tür und stieg wieder auf die Kutsche, um sie in den
Stall zu fahren.
Bencho bellte zum Abschied zweimal hinterher.
Aurec blickte sich um. Vor Vorplatz war rechteckig. Eine Brücke hatte
zum ersten Tor geführt, welches in einem hohen Turm eingelassen war. In
die Mauer warenHäuser und Stallungen eingelassen.
Aurec warf einen Blick auf das Schloss. Ihm fiel die rote Backsteinfassade
sofort auf. Vor dem Hauptturm befand sich eine Brücke, denn das ganze
Schloss war von einem Burggraben umgeben. Das Tor befand sich im
vierstöckigen Schlossturm, auf dem ein weiterer kleinerer Turm ruhte. Das
Schloss wirkte auf den Saggittonen asymmetrisch. Es schien, als wären im
Laufe der Zeit hier und da Teile hinzugefügt worden. Im fiel der rundliche
Turm auf rechten Seite auf. Er wirkte ergänzt. Aurec wusste zu wenig über
die Geschichte des Schlosses oder Eutins. Im Grunde genommen wusste er
fast gar nichts darüber. Eutin war keine Weltstadt und offenbar historisch
nicht so bedeutend, dass Perry Rhodan oder andere es für nötig gehalten
hatten, Aurec bei seinen wenigen Besuchen auf Terra davon zu erzählen.
Der Regent war ein Herzog mit dem Namen Friedrich August von
Schleswig-Holstein-Gottorf. Er war seit zwei Jahren der Herzog von
Oldenburg, welches jedoch Hunderte Kilometer entfernt war. In
Personalunion war er außerdem der Fürstbischof von Lübeck. Die
Hansestadt lag näher an Eutin, aber offenbar war es in dieser Zeit normal,
Ländereien zu besitzen, die nicht direkt miteinander verbunden waren.
So viel hatte er von Graf Stolberg bereits in Erfahrung bringen können.
Über den Herzog wusste der Saggittone bis auf den Namen kaum etwas.
Er war buchstäblich ein Fremder in dieser Stadt, auf diesem Planeten und
in dieser Zeit.
»Teurer, neuer Freund, so führen wir unseren Weg in das Schloss fort.
Folget mir so dann in einem gemessenen Schritte.«
Wir gingen zu Fuß über die Steinbrücke, die über den bewässerten Graben
führte. Die schwere Tür des Schlosses öffnete sich mit einem Knarren.
Aurec blickte in einen gewölbten Tunnel, an dessen Decke zwei Laternen
hingen. Sie schwankten leicht, und ihre Kerzen spendeten ein fahles Licht
in dieser späten Abendstunde. Es war kühl, nachdem die Sonne
untergegangen war.
Ein Mann in einem rotem Justaucorps verneigte sich demütig. Aurec
erinnerte sich an einige Gespräche mit Roi Danton, der ihm damals einiges
über die Mode im 18. Jahrhundert erzählte. Der Diener gebot Aurec und
Graf Stolberg, ihren Weg fortzusetzen. Der Tunnel war vielleicht zehn
Meter lang. Am anderen Ende sah Aurec einen sprudelnden Springbrunnen.
Er schritt den Gang entlang und betrachtete die Eimer, die an Haken von
der Decke hingen. Zur linken Hand befanden sich zwei verschlossene
Türen. Vor ihm lag ein trapezförmiger Innenhof.
Die Fassade der Residenz war, sofern es Aurec im Schein der Laternen
erkennen konnte, in hellen Farben verputzt. Aus einigen der großen Fenster
mit acht Glaskacheln strahlte Licht.
Er sah zurück zum Eingang. Der Diener verschwand in einem der
Nebeneingänge. Die Turmglocke erschallte. Aurec sah hoch zur großen
runden Uhr mit den goldenen Ziffernblättern.
Das Geräusch einer sich öffnenden schweren Holztür ließ ihn nach hinten
blicken. Ein Mann trat hervor und kam gemessenen Schrittes auf ihn zu. Er
trug eine weiße Perücke mit Pferdeschwanz, einen roten Justaucorps mit
Verzierungen an den Ärmeln. Eine schwarze Schärpe war um Brust und
Bauch geschnallt. Er trug weiße Hosen und Kniestrümpfe. Die polierten
Schuhe waren mit einer silbernen Schnalle verziert.
Als er Aurec erreichte, machte er eine kurze Verbeugung.
»Guten Abend, der Herr, Gustav Adolph Larsen zu Euren Diensten. Meine
Wenigkeit ist der Haushofmeister des Residenzschlosses seiner Hoheit
Herzog Friedrich August von Schleswig-Holstein-Gottorf.«
Aurec kam sich wie in einem Traum vor. Er konnte sich schlecht als
Aurec, ehemaliger Kanzler des Sternenreiches Saggittor, vorstellen. Doch
offenbar wurde er unter dem Namen Don Diego de la Aurec erwartet. Er
nickte erst einmal, um Zeit zu gewinnen.
»Eure Reise war hoffentlich nicht zu strapaziös, edler Herr? Hm, wie sagt
man denn in Neuspanien noch einmal dazu? Don?«
Larsen bestätigte damit Graf Stolbergs Aussage. Wie konnte Aurec
erwartet werden, wenn er sich doch erst den Namen vor den Wegelagerern
ausgedacht hatte? Das kam ihm sehr obskur vor.
»Gewiss, so sagt man in Neuspanien. Die Reise war lang, führte sie mich
doch über das Meer ausgerechnet erst hierher. Und doch verging die Zeit
wie im Flug, denn ich kann mich schwerlich daran erinnern.«
Sein Gegenüber kicherte.
»Wie im Flug? Eine interessante Redewendung. Wenn der Mensch doch
fliegen könnte.«
Larsen zeigte in den dunklen Himmel.
»Dann könnten wir wie die Vögel von einem Ort zu einem anderen
reisen.«
»Welch eine Utopie«, meinte Aurec mit einem zynischen Unterton.
»Der Don wurde Opfer eines Überfalls von verruchten Lumpen. Sie haben
seine Kutsche gestohlen mit seinem Hab und Gut. So traf ich auf ihn
während meiner Inspektion am Lustschloss und trug ihm im Scheine des
Mondes eines meiner Gedichte vor«, berichtete Graf Stolberg.
Larsen lachte.
»Der Graf steckt so voller Poesie und Romantik. Ich bin mir gewiss, der
Don hat einen guten Eindruck gewinnen können. Doch grämt es mich, dass
Verbrecher Euer Hab gestohlen haben. Wir werden die Diebe suchen.«
»Nun, meine Kutsche ging verloren. Sie wurde nicht gestohlen. Gebt mir
in den Morgenstunden ein Pferd, und ich suche danach.«
Gustav Larsen nickte.
»Wohl an. Ihr habt unseren Kammerdiener Bernhard von Hollen bereits
kennengelernt?«
Nun war es Aurec, der nickte.
»Er möge Euer Pferd satteln für Morgen. Gnädiger Graf, wärt Ihr so
verbunden, ihn über unser Vorhaben noch zu unterrichten?«, fragte Larsen
in Richtung Stolberg.
»Es ist bereits in weiser Voraussicht geschehen, teurer Haushofmeister
Larsen. Wir werden Ihre Kutsche finden, Don de la Aurec, seid Euch dessen
gewiss.«
Nein, das würden sie nicht, denn die angebliche Kutsche war sein
Raumschiff, der Kosmogene Segler.
»Ich breche sogleich auf, um dem treuen Bernhard Kunde ob unseres
Vorhabens zu tun. Auf bald, die Herren.«
Graf Stoltenberg machte eine Verbeugung und verschwand durch den
Tunnel auf den Vorhof.
Bencho bellte und tat so, als würde er Aufmerksamkeit brauchen.
Vermutlich wollte der Posbi-Hund seine terranischen Vorbilder imitieren, so
gut es ging.
»Nun denn, die Reise war, wie bereits erwähnt, sehr lang, und das kalte
nordische Wetter ist gewöhnungsbedürftig.«
Larsen verbeugte sich erneut.
»Selbstverständlich, der Herr! Folge er mir zu Brot, Geflügel, Wein und
Bier. Hm? Folge er mir bitte sehr!«
Björn Gustav Larsen machte eine einladende Geste, hielt den Körper nach
vorne gebeugt und signalisierte Aurec, er sei ein willkommener und
erlesener Gast. Aurec folgte der Einladung und trat ins warme Innere des
Schlosses. Der Boden in den Korridoren war aus graurotem Marmor, die
Wände hingegen weiß. An der Decke hingen Leuchter, in denen Kerzen
flackerten. Eine korpulente Magd im fortgeschrittenen Alter in einem
schwarzen Kleid mit einer weißen Schürze und weißem Häubchen blickte
Aurec zögerlich an und machte dann einen Knicks.
»Gudrun, die gute Seele des Hauses. Sprich, Gudrun, ist das Zimmer für
den Herren hergerichtet?«
»Ja, mein Herr«, sagte die ältere Frau.
»Exzellent, nun begib dich in die Küche und trage Herrn Wübbers oh,
Herr Wübbers ist Mundkoch der herzoglichen Familie, werter Don aus
Neuspanien.«
»Don Diego de la Aurec, lieber Gustav Adolph Larsen.«
Larsen grinste und schien dann den Faden verloren zu haben. Er war kurz
still und setzte von vorne an. »Jedenfalls trage Herrn Wübbers auf, er soll
ein Mahl für unseren Gast zubereiten. Der tüchtige Hofschlachter Swark hat
heute frisch geschlachtete Hühner gebracht. Zwei davon wären
angemessen.«
Larsen führte Aurec in einen Salon. Die Stühle waren mit einem weißen
Stoff mit violetten Mustern bezogen. Das Dekor des Raums war
abgestimmt mit der Polsterung der Stühle. Die Vorhänge waren lila, und im
Zentrum stand ein ovales Sofa in violett. Ein großer Kronleuchter mit
vielen Kerzen schenkte Licht.
In einer Ecke stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Aurec ging hin und
betrachtete die Tischoberfläche, die zugleich ein Spielbrett war.
»Spielt Ihr Mühle, Don?«
»Gewiss«, antwortete Aurec.
Irgendwann hatte er das terranische Spiel wirklich gespielt, wenngleich
virtuell in einem Simulationsspiel über die Vergangenheit der Erde. Ob er
die Regeln noch drauf hatte, wusste er nicht. Damals hatten die Terraner
jedenfalls nicht so viel Auswahl an Vergnügungsspielen außer
Hinrichtungen und Hexenverbrennungen. Aurec ging zu einem zweiten
Tisch, auf dem zwei Krüge und eine silberne Karaffe standen sowie Brot
und Obst. Er nahm Platz. Larsen räusperte sich laut, und nun trat ein
hochgewachsener Diener in blauer Kleidung und einem Rüschenhemd ein.
Er war von blasser Haut, hatte eine spitze Nase und war hager. Der Diener
griff nach der Karaffe und schenkte Aurec das gelbe Getränk ein. Es roch
nach Bier.
»Karl-Ludwig, würde er mir ebenfalls einschenken?«
Karl-Ludwig machte eine Verbeugung und füllte auch den zweiten Krug
mit Bier voll. Gustav Larsen grinste zufrieden, hob den Krug und prostete
Aurec zu. Aurec erwiderte die Geste, dann tranken beide reichlich von dem
herben Gebräu.
»Ausgezeichnet. Offenbar verstehen die Eutiner die Kunst der Brauerei«,
lobte Aurec.
»Gewiss, dieses ausgezeichnete Bier wurde vom Hofbrauer und
Weinschenk Wulff gebraut«, erklärte Larsen und nahm einen Schluck.
»Hm, und das Brot ist ebenfalls traditionelle Eutiner Kunst. Es stammt
vom RV-Bäcker Duncker, der seine Stube am Markte hat.«
»RV steht wofür?«
»Für die Bäckerinnung Ravensburg. Das entspricht einem
Qualitätsmerkmal. Der Herzog ist wählerisch in seiner Kost. Noch ein
Schlückchen für ihn? Oder etwas Mühle?«
Der Haushofmeister zeigte auf den Tisch, in den das Spielbrett
eingeschnitzt war.
»Noch ein Bier, doch wartet, ich kann das auch selbst. Ich bin nicht
dekadent.«
Aurec nahm die Karaffe und füllte sich ein.
»Werde ich heute mit dem Herzog sprechen?«
»Oh nein, seine Hoheit ist auf Besuch in der Hansestadt zu Lübeck.
Morgen wird seine Rückkehr erwartet. Der Prinz befindet sich aber hier.
Jedoch …«
Gustav Larsen seufzte leise. Aurec wurde hellhörig.
»Jedoch? Geht es dem Thronfolger nicht gut?«
»Ach, es ist diese Melancholie, die ihn seit seinen Jugendtagen plagt.«
»Nun, vielleicht vermag ich ja den Prinzen aufzuheitern. Jedoch muss ich
für Morgen ausgeruht sein. Meine Fracht wiederzufinden, hat oberste
Priorität. Ein wenig Zeit kann ich dennoch erübrigen für seine Hoheit.«
Larsen lächelte milde. Er nickte, erhob sich, blieb vor dem Kamin stehen,
nahm einen Holzscheit und warf ihn hinein.
»Ich informiere die erlauchte Hoheit, Don Diego de la Aurec!«
Gustav Larsen verließ den Salon. Aurec starrte auf sein Bier und sinnierte
über das Jahr 1776. Perry Rhodan würde erst in etwas weniger als 200
Jahren auf dem Mond landen und die Arkoniden treffen. 1776 hatte Perry
Rhodans Heimatland, die USA, ihre Unabhängigkeit vom Britischen
Königreich erklärt. Das war ein wichtiger Moment in der Geschichte der
Menschheit gewesen. Der Unabhängigkeitskrieg hatte die Franzosen
inspiriert, sich gegen die Monarchie zu wenden und leitete langsam aber
sicher den Gedanken der Demokratie und das Ende der Monarchie ein. Es
würde zwar noch gut 150 Jahre dauern, in der das meiste Blut der
Menschheit fließen würde, doch das war eine Weichenstellung.
Aurec war nicht bekannt, dass es Manipulationen in dieser Zeit geben
würde. Vielmehr dachte er, dass Veränderungen an der Zeitlinie direkt Perry
Rhodan betreffen würden, also Handlungen, die zwischen 1936 und 1971
stattgefunden hatten, aber nicht in dieser Epoche und schon gar nicht in der
eher unbekannten Residenzstadt Eutin. Er war kein Terraforscher, doch
natürlich hatte er sich in den vergangenen 700 Jahren intensiver mit der
Geschichte Terras, der Milchstraße und der Berührungspunkte mit anderen
Kulturen beschäftigt. Er wusste, dass eines Tages das Zeitchaos anbrechen
würde, und dann musste er in der Lage sein, die Situationen einzuschätzen
und zu beurteilen. Das passierte nicht durch Unwissenheit.
Aurec wusste allerdings so gut wie gar nichts über das Herzogtum
Oldenburg und das Bistum Lübeck. Aus dieser Epoche waren ihm George
Washington als erster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
Friedrich der Große, der König von Preußen, sowie Napoléon Bonaparte als
General, Staatsmann und Eroberer in Erinnerung geblieben.
Friedrich August von Schleswig-Holstein-Gottorf jedoch nicht. In
welchem Zusammenhang könnte Eutin mit Perry Rhodan stehen?
Aurec brauchte mehr Informationen. Diese würde er in der Tiefe des
Chaos auf einer Terra-Station finden. Es gab einige Mister Terranias, die
sich hervorragend in Geschichte auskannten und ihm Datenbanken zur
Verfügung stellen konnten.
Aurec hörte Geräusche. Die Tür öffnete sich, und Gustav Larsen trat
wieder ein. Er wirkte besorgt.
»Der Prinz Peter Friedrich Wilhelm ist nicht in seinem Gemache
anzufinden. Ist er so freundlich und begleitet mich bei der Suche? Ich habe
eine Vermutung.«
Das schwere Tor öffnete sich wieder. Aurec und Gustav Larsen verließen
das Schloss und überquerten die Brücke zum Schlossvorplatz.
Der Weg zur Mauer war nicht weit, etwa hundert Meter. Sie erreichten die
Mauer und wurden von zwei Wachleuten in blauer Uniform begrüßt. Nach
einem kurzen Gespräch öffneten sie das Stadttor. Larsen und Aurec gingen
über eine zweite, kurze Brücke und erreichten nach wenigen Metern eine
Kirche.
»Wohin nun des Weges? Vermutet Ihr ihn in einer Gaststätte oder gar bei
einer Frau?«
Gustav Larsen winkte ab.
»Der Prinz ist anders. Hier sind wir richtig. Das ist die heilige St.
Michaelis-Kirche.«
Die Kirche war im romanischen Stil errichtet. Zumindest vermutete er das,
da sein Wissen doch eher rudimentär war. Allerdings waren ihm die
terranischen Baustile nicht unbekannt, da viele Kulturbauwerke auf Paxus
und Mankind in den eher klassischen, prärhodanistischen Stil errichtet
worden waren. Sie war mit rotem Backstein verkleidet und wirkte für die
Kirche einer kleinen Stadt außerordentlich prächtig. Der Kirchturm mit dem
blauen Dach ragte vielleicht 40 bis 50 Meter in die Höhe.
»Es heißt, der gütige Bischof Gerold von Oldenburg und Lübeck habe sie
Mitte des 12. Jahrhunderts erbauen lassen«, erklärte der Haushofmeister
und deutete auf einen Schatten. Auf dem Vorhof der Kirche kauerte ein
Mann auf einer Bank. Vor ihm stand ein Mann in weißer Robe mit
kirchlichen Utensilien.
»Pastor Melchior Heinrich Wolff?«, rief Larsen. »Sind Sie es, Herr
Pastor?«
Der Mann drehte sich um und winkte die beiden zu sich. Aurec
betrachtete den fein gekleideten Mann auf der Bank. Er war wohlgenährt,
trug einen feinen blau-weißen Rock, Seidenstrümpfe und teure Schuhe mit
goldenen Schnallen. Die braune Perücke war etwas verrutscht. Er wirkte
traurig und aufgeregt, denn die Hände zitterten.
G. Hylla: Herzog Peter Friedrich August und seine Gemahlin Wilhelmine im Garten des Eutin
Schlosses.
»Prinz«, stieß Gustav Larsen hervor. »Gott sei es gedankt, wir haben Euch
gefunden.«
Das war also Prinz Friedrich Wilhelm von Schleswig-Holstein-Gottorf,
der potenzielle Nachfolger von Herzog Friedrich August. Aurec hatte seine
liebe Mühe, sich die Namen zu merken, insbesondere, da Friedrich in jedem
Namen auftauchte.
»Er saß apathisch vor der Kirche«, erklärte Wolff. »Er wollte auch nicht
ins Haus Gottes.«
Larsen sah den Prinzen an und ging auf die Knie, um auf Augenhöhe mit
ihm zu reden.
»Eure Hoheit sollen doch nicht unangemeldet zu nächtlichen Ausflügen
aufbrechen. Euer Vater hat dies verfügt.«
Peter Friedrich Wilhelm blickte Larsen traurig an.
»Aber der Fürst hat gerufen. Habt ihr ihn nicht vernommen? Sein
diabolischesWispern in der kalten Nacht?«
Larsen sah zunächst Pastor Wolff, dann Aurec an.
»Wir verfügen nicht über die Begabung, die Euch zuteil wurde, Euer
Hoheit«, sagte Larsen ebenso demütig wie diplomatisch. Er zeigte auf
Aurec.
»Wir haben Besuch. Das ist der Don Diego de la Aurec aus Neuspanien.
Er ist ein Adliger, der Handel mit eurem Vater treiben möchte.«
»Don Aurec?«, fragte Friedrich Wilhelm mit leiser Stimme.
»Aurec genügt, Eure Hoheit«, erwiderte Aurec freundlich und trat näher.
»Eure Hoheit sprachen von einem finsteren Fürsten? Erzählt ihr mir davon
in der Wärme eures Schlosses? In Neuspanien ist es nicht so kühl.«
Peter Friedrich Wilhelm seufzte.
»Der Fürst ist überall. Er hat uns zu sich bestellt. Und doch ist er nicht
hier an der Kirche. Es mag anmuten, sodass wir uns auch in der Zeit geirrt
haben und es ist das falsche Jahrhundert?«
Larsen lachte gequält. Ihm schien es peinlich zu sein, wie sein Prinz
redete. Aurec hingegen horchte auf und reichte Peter Friedrich Wilhelm die
Hand.
»Mein Magen ist leer von der langen Reise. Wenn ich recht verstanden
habe, ist Euer Mundkoch bereits bei der Arbeit mit Speisen vom Hof-
Schlachter Swark. Seid kein unhöflicher Gastgeber und erweist mir die
Ehre mit Speis und Trank in Eurem prachtvollen Schloss. Kehren wir
zurück.«
Der Prinz des Herzogtums Oldenburg und Bistums Lübeck sah mich
neugierig an. Er griff nach meiner Hand. Ich zog ihn von der Bank hoch.
Der Prinz klopfte mir auf die Schulter.
»Wohlan! So sei es dann. Pastor, wir danken Ihnen für das freundliche
Obdach.«
Die Laune des Thronfolgers hatte sich von einer Sekunde auf die nächste
gebessert. Nun ging es zurück zum Schloss.
Die Stimmung des herzoglichen Prinzen hatte sich wieder von einem
Augenblick zum nächsten gewandelt.
»So residieren wir auf dem Gut Stendorf. Doch in den nächsten Tagen
verweilen wir wieder in Eutin«, erklärte er bei einem Kelch Wein.
Während sie beim Essen saßen es gab gebratenes Huhn und Fasan mit
gedünstetem Gemüse starrte Peter Friedrich Wilhelm wieder vor sich hin
und wurde sehr ruhig. Aurec erzählte Geschichten aus Neuspanien, die es
nie gegeben hatte und die niemand überprüfen konnte. Neuspanien war
auch ein dehnbarer Begriff. Immerhin umschloss das Gebiete Nord-, Mittel-
und Südamerika. So gab er vor, er sei ein Don und handelte mit dem
Herzogtum Oldenburg und Hochstift Lübeck mit Kaffee und
lateinamerikanischen Gewürzen.
»Der Fasan stammt von der Insel«, erzählte Gustav Larsen, wohl um
etwas Konversation zu betreiben. »Einst stand dort eine Burg der
Wagriener, welches als Gründung von Eutin, damals noch Utin, galt. Nun
ist die Insel vornehmlich zur Jagd oder romantischen Ausflügen gedacht.«
»Hm«, machte der Prinz. »Ob Onkel Peter und Sophie vor fast vierzig
Jahren eine Bootstour zur Fasaneninsel gemacht hatten? Glück hatte es
ihnen nicht gebracht. Peter zumindest nicht.«
Aurec wusste nicht, von wem der Prinz sprach. Gustav schien das zu
erraten.
»Seine Hoheit spricht von Zar Peter dem Dritten und Zarin Katharina der
Zweiten. Peter entstammt der Familie der Gottorfs. Ihre erste Begegnung
fand am Hofe des Schlosses von Eutin hier statt. Es war im Jahre des
Herren 1739. Peter war ein Verehrer von Friedrich von Preußen gewesen
und hatte, kaum war er 1762 an die Macht gekommen, Frieden zwischen
Russland und Preußen erwirkt.«
Die Häuser aus Schleswig-Holstein und St. Petersburg waren demnach
miteinander verwandt.
Katharina II. und Peter waren kein glückliches Ehepaar gewesen. Aurec
wusste nur, dass Katharina ihren Mann absetzen ließ und er kurz darauf
starb. Angeblich war er von einem Günstling Katharinas ermordet worden.
Der Frieden mit Preußen blieb aber bestehen. Katharina II. regierte seitdem
das mächtige Russland.
Aurec wollte das Gespräch wieder auf den Prinzen lenken.
»Ihr wolltet uns vom Fürsten erzählen«, hakte er nach.
»Wir entscheiden selber, worüber wir erzählen«, schrie der Prinz und stieß
seinen Teller zu Boden. Er sprang auf und rannte aus dem Zimmer. Aurec
blickte ihm nachdenklich hinterher.
Gustav Adolph Larsen seufzte.
»Wohlan, Don Diego de la Aurec, ich zeige Euch Euer Gemach. Es ist
spät.«
Eutin
Aurec fühlte sich richtig groß in diesem kleinen Bettchen. Angeblich war es
aus bestem Stoff aus Lyon und sah auch schön aus mit der roten Seide, den
goldenen Mustern und dem roten Himmel. Es gab nur ein Problem: Es war
schrecklich kurz.
Gustav Larsen entfernte sich mit einem wohlwollenden »Gute Nacht« aus
dem Gästezimmer. Aurec setzte sich aufs Bett. Bencho machte es sich auf
dem Sofa bequem. Wie sollte er so Schlaf finden? Seine Gedanken kreisten
ohnehin schon um den Verbleib des Kosmogenen Seglers, um den
Ausbruch des Zeitchaos und das Jahr 1776 auf Terra, von dem er so wenig
wusste.
Nun war also das Zeitchaos ausgebrochen. Die Zeitlinie, die Aurec
kannte, war erloschen, und die Wesen, die dort lebten, hatten aufgehört zu
existieren. Einzig jene in der Nähe eines Kosmogenen Seglers oder einer
Cagehall, wie sie offenbar auf der CASSIOPEIA eingebaut war, konnten
dem Chaos der Zeit trotzen. Und vermutlich jene Wesen, die sowieso in
einem interdimensionalen Raum wie der Tiefe des Chaos lebten.
Vielleicht auch jene, die auf dem Rideryon wohnten.
Aurec dachte wieder an Kathy. Ihm wurde schwer ums Herz. Ob er sie
jemals wiedersehen würde? Nein, würde er nicht. Mehr als 700 Jahre waren
vergangen. Nun war die Zeit zusammengefallen und ordnete sich neu. Er
hatte das Gefühl, als sei er irgendwann auf der Strecke eines Marathons
innerlich zusammengebrochen. Er lief zwar weiter, doch es war nur der
Körper, nicht aus Leidenschaft oder Motivation.
Das Piepsen des Multikoms riss ihn aus den dunklen Gedanken. Es war
die Positronik des Kosmogenen Seglers. Sie sendete Textnachrichten und
übermittelte Koordinaten. Aurec war erleichtert. Zumindest eine Sorge
weniger. Das Raumschiff befand sich wenige Kilometer entfernt im Eutiner
Umland, im Wald hinter der Ortschaft Fissau. Der Wirkungskreis des
Kosmogenen Schutzfeldes reichte etwa 100 Kilometer. Solange sich Aurec
darin befand, bestand keine Gefahr, sich in der Zeit zu verlieren. Außerhalb
dieser Sphäre drohte er zu vergessen, aus welcher Zeitlinie er stammte und
konnte Opfer von temporalen Veränderungen werden.
Aurec aktivierte eine audiovisuelle Verbindung. Über dem Multikom
entstand ein zwanzig Zentimeter großes Hologramm eines Mister-
Terrapedia-Roboters mit den charakteristischen drei Stilaugen und den drei
Greifwerkzeugen am ovalen, silbernen Metallkörper. Dieser Bereich der
Positronik des Kosmogenen Seglers war für die Datenverwaltung zuständig
und deshalb einem Mr. Terrapedia nachempfunden. Es war eine Art
Zusatzmodul und hatte nichts mit Navigation, Ortung, Kommunikation oder
Wartung des Raumschiffes zu tun, sondern war eine Informationsquelle.
Das Mr.-Terrapedia-Modul besaß Wissen über die wichtigsten Kulturen wie
Terraner, Arkoniden, Dorgonen und viele andere. Sie ersetzte keine
Kosmogene Chronik, dafür war sie nicht vorgesehen, sollte aber als
Ratgeber fungieren.
»Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?«, fragte das Holo.
»Ich benötige Informationen über Leben, Persönlichkeiten, Kultur,
Gesellschaft und Politik im Jahre 1776. Ich befinde mich in Eutin im
Herzogtum Oldenburg, was offensichtlich zum Heiligen Römischen Reich
Deutscher Nation gehört. Und das Wichtigste zuerst: Warum sind die Betten
so klein?«
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Das Hologramm erklärte mit
der Stimme eines älteren Mannes: »Es war üblich, dass die Menschen in
aufrechter Haltung schliefen. Zum einen waren viele von
Atemwegserkrankungen geplagt und konnten im Sitzen den Husten besser
kontrollieren, zum anderen galt, wer lag, der lag im Sterben oder wurde von
Dämonen heimgesucht. Zumindest in der Oberschicht war es daher üblich,
mit reichlich Kissen im Rücken in halbwegs sitzender Position zu
nächtigen.«
Aurec würde vermutlich eine unruhige Nacht haben, denn er empfand es
als unbequem, so zu schlafen.
Von Mr. Terrapedia erfuhr er Details über das Hause Schleswig-Holstein-
Gottorf. Friedrich August war seit 1774 Herzog von Oldenburg und
Fürstbischof von Lübeck. Die russische Zarin Katharina II. hatte nach
Verhandlungen dem Herzogtum Oldenburg die Souveränität von der Stadt
Oldenburg ermöglicht und so Russland weiterhin eine Vormachtstellung an
der Ostsee gesichert.
Für Aurec waren die Machtverteilungen und die vielen Familien, die aus
politischen Gründen durch Heirat miteinander verbunden waren, arg
verwirrend. Katharina hieß eigentlich Sophie von Anhalt-Zerbst und war
eine Prinzessin, die Karl Peter Ulrich von Schleswig-Holstein-Gottorf
geheiratet hatte. Karl Peter wiederum wurde von seiner Tante, Zarin
Elisabeth, zum Nachfolger ernannt. Als sie gestorben war, wurde Karl dann
zu Zar Peter III. . Seine Frau Sophie hieß fortan Zarin Katharina und
stürzte ihren Mann nur sechs Monate später , um selbst zu regieren. Peter
starb 1762 und seitdem war Katharina die Alleinherrscherin Russlands.
Herzog Friedrich August war einer ihrer Günstlinge, obwohl sie ein
Familienmitglied gestürzt hatte. Jedenfalls war wohl der Herzog von
Oldenburg eine Schachfigur von Katharina und somit von Russland.
Der Herzog selbst galt bei seinen Untertanen als guter Herrscher. Er würde
1785 sterben, hatte also noch knapp neun Jahre als Regent vor sich. Auf ihn
würde jedoch nicht sein labiler Sohn folgen, sondern sein Neffe, der
ebenfalls als ein guter Herrscher in die Geschichte eingehen würde.
Aurec war gespannt, den Herzog zu treffen. Vielleicht würde er den Grund
erfahren, weshalb er erwartet wurde.
Aurec tat alles weh. Der Kopf, der Nacken, der Rücken. Wie konnte man so
nur schlafen? Kein Wunder, dass die Lebenserwartung der Terraner in
dieser Epoche niedrig war. Was aber sicherlich nicht nur am Schlaf lag. Er
erhob sich aus dem kleinen Bett, in dem Friedrich der Große niemals
geschlafen hatte, weil er eben niemals in Eutin war.
Bencho bellte und sprang vom Sofa. Er streckte sich und tänzelte um
Aurecs Beine herum.
Aurec zog die Gardinen zur Seite und betrachtete den großen
Barockgarten, der sich einige hundert Meter lang erstreckte.
Charakteristisch für diese Zeit waren die geraden Linien, die großen
Hecken und kleinen Labyrinthe.
Aurec spürte den Prunk in diesem Anwesen, das aber im Vergleich zu den
Residenzen der österreichischen, französischen, britischen oder preußischen
Kaiser und Könige eher klein war. Dennoch: All das war Ausdruck des
Absolutismus aus. Sogar die Art und Weise wie der Garten angelegt war,
mit einem großen Brunnen in der architektonischen Mitte. Alles drehte sich
um den Herrscher, wurde wenig subtil vermittelt, wenn man es nur zu lesen
verstand. Er hatte eine Menge in der Nacht durch Mr. Terrapedia gelernt.
Aurec öffnete das Fenster und ließ die frische Morgenluft hinein. Er
kleidete sich an und machte mit dem Multikom eine Hyperschall-
Desinfektion von Körper und Kleidung. Eine Dusche gab es in dem Raum
nicht. Ohnehin war fließendes Wasser, das aus Rohren kam, noch nicht
etabliert. Hygiene bestand in dieser Zeit offenbar darin, viel Puder und
Parfum zu verwenden, um den Gestank der ungewaschenen Körper und der
verschwitzten Kleidung zu übertünchen.
Aurec verließ das Zimmer und schritt den Korridor entlang. Nachdem er
eine Treppe hinuntergegangen war, erreichte er den Innenhof des Schlosses.
Ein Gärtner mit braunem Strohhut, einer hellbraunen Weste, weißem Hemd,
Hose und Kniestrümpfen goss Blumen.
Eine Magd trug Brot und Gemüse in einem geflochtenen Korb. Sie wirkte
echauffiert und schwitzte unter ihrem weißen Häubchen. Offenbar war der
Korb zu schwer, und es war zu heiß für diese körperliche Arbeit, vermutete
Aurec. Es war an diesem Sommermorgen bereits recht warm. Der
Saggittone schritt in Richtung Tor und erreichte den Vorhof. Dort sattelte
Bernhard von Hollen bereits zwei Pferde.
»Guten Morgen, Herr von Hollen. Es sei Ihnen für Ihre vorbildliche und
pünktliche Tüchtigkeit gedankt«, sagte er mit ernsthafter Freundlichkeit.
»Ich schlage vor, wir teilen uns bei der Suche auf. Ihr sucht in Richtung
Süsel, während ich gen Fissau und Umland reite.
»Wohlan, mein Herr«, bestätigte von Hollen. Sie trabten hoch zu Ross
über die Brücke und hielten an der Gabelung zwischen »Auf dem Jungfern
Stiege« und der »Wasser Gasse«. Er schickte den treuen von Hollen in
Richtung Süsel und schlug über die »Wasser Gasse« seinen Weg in
Richtung Fissau ein. Schnell erreichte er die »Sack Straße«, die in die
Straße »Auf der scharfen Kante« mündete. Sie bestand zum Großteil aus
Sand und getrockneten Schlamm.
Die Häuser waren oft aus rotem Backstein gebaut und hatten große
Fenster in weißen Rahmen, dazu spitze Dächer aus roten Ziegeln oder Reet
und Stroh. Zu der frühen Morgenstunde waren nur wenige Bürger Eutins
unterwegs. Er ritt die »Scharfe Kante« entlang und achtete auf die Anzeige
auf seinem Multikom. Sie führte ihn direkt zum Kosmogenen Segler, der
zwischen dem Ukleisee und der Ortschaft Fissau versteckt war.
Das Tarnfeld war aktiviert, sodass schon jemand direkt gegen den Segler
laufen musste, um darauf aufmerksam zu werden. Doch die Erde im 18.
Jahrhundert war bei Weitem nicht so dicht besiedelt, wie sie es heute war.
Heute ... Aurec schmunzelte gequält. Was war denn eigentlich heute? Das
21. Jahrhundert NGZ oder der August 1776? Hatte das Wort heute
überhaupt noch eine Relevanz im Zeitchaos?
Aurec deaktivierte das Tarnfeld über das Multikom, und das silberne
Raumschiff kam zum Vorschein. Er ließ die Luke öffnen, und die
Laderampe glitt auf den Boden. Aurec stieg vom Pferd ab und band es an
einen Baum. Dann betrat er den Segler und setzte sich an die Steuerkonsole
seines Raumschiffes. Er suchte nach Hinweisen einer Temporalen
Anomalie. Auf der Erde gab es keine messbare Anomalie, jedoch im Alpha-
Centauri-System, das 4,3 Lichtjahre vom Sonnensystem entfernt lag. Das
war sein letzter ihm bekannte Aufenthaltsort gewesen. Er wusste nicht, wie
er hierher gekommen war, nachdem ihn ein Zeitstrahl in Alpha Centauri
erwischt hatte. Jedenfalls gab es dort immer noch eine Anomalie, und sie
war die Verbindung zur Tiefe des Chaos und vielleicht auch zur anderen
Zeitebenen, in der er Constance erwartete.
Aurec musste mit der CASSIOPEIA Kontakt aufnehmen. Vermutlich
befand sich Constance dort, vielleicht auch andere Freunde aus der
Milchstraße und dem Umfeld von Perry Rhodan.
Aurec reaktivierte das Tarnfeld und startete den Segler. In dieser Epoche
kannten die Menschen nicht einmal Toilettenspülung, geschweige denn
Radar, Ortung oder Raumfahrt.
Der Segler verließ ungesehen Terra. Allenfalls die Unterwasserstation von
Atlan hätte ihn vielleicht lokalisieren können. Das war unwahrscheinlich,
denn die Tarnvorrichtung eines Kosmogenen Seglers war der arkonidischen
Ortung von vor dreitausend Jahren deutlich überlegen. Im Sonnensystem
gab es zu diesem Zeitpunkt keine Raumfahrt, und das planetenlose Alpha-
Centauri-System war unbewohnt. Nach zwanzig Minuten Flugzeit
materialisierte der Segler im System. Aurec sah die Temporale Anomalie
mit ihrem roten Leuchten, den goldenen Blitzen und grünen Tryortan-
Schlünden.
Eine blaue Sphäre im Zentrum war der Durchgang. Aurec aktivierte eine
Barke und schoss sie Richtung Anomalie. Dieser Funksender positionierte
sich am Rand der blauen Sphäre und sendete Signale in die Anomalie. Ein
anderer Kosmogener Segler oder eine Terra-Station war in der Lage, die
Signale zu empfangen und zu verstehen. Andere Kulturen vermutlich nicht,
denn die Funksignale verteilten sich in den Zeitlinien und gingen dort
verloren.
Doch auch so war es schwierig. Die Barke musste die richtige Zeitebene
finden oder direkt in den interdimensionalen Raum der Tiefe des Chaos
senden. Dieser Prozess würde lange dauern. Aurec kehrte mit dem Segler
nach Terra zurück.
Aurec nahm zwei kleine Container, die in einem Grau gehalten waren und
als Truhen durchgehen konnten. Er vertäute sie und band das Seil an den
Sattel des Pferdes, das geduldig gewartet hatte. Der Inhalt der Truhen
bestand aus Kleidung und Dingen, die im 18. Jahrhundert nicht verdächtig
waren.
Gegen Mittag erreichte er das Schloss. Bernhard von Hollen wartete
bereits auf ihn und meldete, nichts gefunden zu haben.
»Ich war erfolgreicher. Die Kutsche ist zu Bruch gegangen und die Pferde
sind durchgegangen, doch mein Hab und Gut habe ich gefunden. Seid so
freundlich und tragt die beiden Truhen in mein Gemach?«
Aurec stieg ab und streichelte das schwarze Pferd.
»Ich werde es Tornado nennen«, sagte er.
»Der Gaul trägt den Namen Elfriede, Herr«, warf von Hollen ein.
Tornado gefiel ihm besser.
»Mein Gepäck! Geschwind, Bernhard, sputet euch.«
Aurec wedelte mit der Hand, dann ließ er den Kammerdiener stehen, der
sich bestimmt »freute«, das Gepäck ins Schloss schleppen zu müssen.
Plötzlich stand Graf von Stolberg vor ihm. Neben ihm ein demütig
wirkender Mann, der feine Stoffe in den Händen hielt.
»Graf, welch Freude«, sagte Aurec, der sich überrumpelt fühlte.
»Nun denn, an diesem Morgen küsst uns die Sonne. Doch Ihr, lieber
Freund, müsst Euch an die höfische Etikette gewöhnen.« Stolbergs Tonfall
war freundlich, doch sein prüfender Blick wanderte kritisch über Aurecs
Kleidung.
Aurec runzelte die Stirn. »Ich dachte, dies sei ein praktisches Gewand für
jeden Anlass.«
Stolberg seufzte theatralisch. »Es mag in dem wilden Kalifornien
angebracht sein, diese Aufmachung eines tollkühnen Hasardeurs zu tragen,
doch hier, am Hofe eines Herzogs, ist die Kleiderordnung nicht bloßes
Beiwerk.«
Der Schneider trat näher und zog ein Maßband hervor. Ohne ein Wort
begann er, Aurecs Taille und Schulterbreite zu messen, sein Gesicht ein
Bild konzentrierter Strenge.
»Wie wünscht der Herr zu erscheinen?« fragte der Schneider schließlich
mit leicht geneigtem Kopf. »Als Edelmann, der den Hofe nie verlässt, oder
eher als Abenteurer, dessen Eleganz die Welt beeindruckt?«
»Nun, letzteres«, erwiderte Aurec und verschränkte die Arme. »Ich werde
sicher nicht in Stöckelschuhen durch die Gegend stolpern.«
Der Graf lächelte amüsiert. »Hofschneider, fertigt dem Don in Windeseile
einen dunkelblauen Reddingote. Dazu ein sauberes weißes Rüschenhemd
und eine blaue Weste. Die Hosen in üblicher Länge, passend zum Mantel.
Schwarze Stiefel und ein Halstuch in einem helleren Blau. Und denkt an
Eleganz.«
Der Schneider verneigte sich tief. »Ich werde sofort ans Werk gehen, Euer
Gnaden.«
Stolberg richtete den Finger mahnend auf Aurec. »Wagt es erst, dem
Herzog unter die Augen zu treten, wenn Ihr angemessen gekleidet seid. Es
wäre mir peinlich, Euch in dieser Montur vorstellen zu müssen.«
Aurec verneigte sich und lächelte. Er ging in den Innenhof und betrat den
Innenraum, der über den Korridor zum Garten führte. Er hörte Stimmen.
Ein Dienstmädchen lief ihm über den Weg. Sie trug ein weißes Kleid mit
einer braunen Schürze. Ihr blondes Haar war lang und reichte ihr bis über
die üppigen Brüste. Sie hatte ein offenes, hübsches Gesicht mit grünen
Augen, schmalen Lippen, die automatisch ein feines Lächeln bildeten, und
ein spitzes Näschen.
Das Mädchen machte einen Knicks, als sie Aurec sah.
Er kam nicht umhin, in ihr einladendes Dekolleté zu blicken. Die Zeit
begann ihm zu gefallen.
»Guten Tag, Ihr seid?«
»Gesche, Hoheit.«
Aurec schenkte ihr ein Lächeln. Sie blickte verlegen auf den Boden.
Aurec hörte wieder die Stimmen aus der Kapelle. Er verstand sie jedoch
nicht.
»Hoheit, die Herren befinden sich in der Schlosskirche zum
morgendlichen Gottesdienst. Wenn es dem Herren beliebt, so kann er in der
Fürstenloge dem beiwohnen«, erklärte Gesche.
Aurec nickte. Sie zeigte ihm den Weg.
Er ging die Treppe hoch und betrat eine Galerie aus Holz mit schlichten
Bänken. An der rechten Seite stand eine Orgel. Ihr gegenüber lag ein
abgeschlossener Raum mit Fenstern zur Kanzel. Die Kanzel selbst lag eine
Etage tiefer und war mit rotem Saum verkleidet. Wie auf der Orgel
dominierten Weiß, Silber und Gold die Farbgebung. Diese kleine Kirche
war barocker Prunk. Aurec stellte sich an die Brüstung und blickte hinab.
Blumen, schwere silberne Kerzenständer und das Heilige Buch schmückten
den in Rot und Weiß eingedeckten, umzäunten Altar.
Pastor Melchior Wolff predigte in Latein. Aurec gegenüber lag die Loge
der Adligen, die sogenannte Fürstenloge. Die Gesichter kannte er durch die
Einträge von Mr. Terrapedia, da die Gemälde der Personen abgebildet
waren. Aurec war froh, dass er in der Nacht einige Aufzeichnungen über
sein Multikom nachgelesen hatte und dass Mr.-Terrapedia-Holo ihn über die
wichtigsten Personen informiert hatte. Er sah durch die offenen Fenster den
Herzog von Oldenburg und Fürstbischof von Lübeck, Friedrich August. Der
Herzog war wohl genährt und immerhin auch schon 65 Jahre alt. Die
Lebenserwartung lag in diesem Jahrhundert nicht so hoch, doch der Adel
lebte deutlich länger als das normale Volk. Friedrich August trug graue
Kleidung mit einer blauen Schärpe über der Brust. Sein Haar war wie zu
jener Zeit wohl üblich – von einer weißen Perücke bedeckt.
Neben ihm saß seine Frau Ulrike Friederike Wilhelmine von Hessen-
Kassel. Sie war elf Jahre jünger als ihr Gemahl und wirkte ebenfalls
wohlgenährt. Ihr Haar war stellenweise ergraut. Markant waren ihre großen
Augen. Sie wirkten auf Aurec größer als bei anderen Frauen.
Der gemeinsame Sohn und Thronfolger war Aurec bereits bekannt. Peter
Friedrich Wilhelm kauerte auf seinem Stuhl und starrte auf den Boden.
Aurec verließ den Raum wieder und ging mit Bencho im Barockgarten
spazieren. Er betrachtete den langen Garten mit den kunstvoll geschnittenen
Hecken, die wie ein Labyrinth angelegt waren. Mancher Strauch stellte
wohl ein Tier dar. Vielleicht fünfzig oder hundert Meter von ihm entfernt
stand ein Brunnen. Der Garten selber musste sich über ein oder zwei
Kilometer erstrecken.
Barocke Gärten waren in Mode und ein Ausdruck der Dekadenz der
Oberschicht. Aurec wusste, dass in diesem Zeitalter der Adel auf Kosten
der Bürger lebte. Die Welt außerhalb der Schlossmauern sah ganz anders
aus als hier. In dreizehn Jahren würde es in Frankreich zur Revolution
gegen König und Adel kommen. Ganz Europa würde ins Wanken geraten
und Napoléon Bonaparte halb Europa erobern. Davon war natürlich noch
nichts zu merken.
Bencho schnupperte an jeder Hecke und markierte sie. Dann wollte er mit
Aurec Ball spielen. Davon lagen im Garten einige herum, vermutlich zur
Belustigung und Zerstreuung der Bewohner und ihrer Besucher. Also
spielte Aurec mit dem Posbi-Hund, der durch den Garten auf der Jagd nach
dem Ball herumtollte. Wer ihn darauf programmiert hatte, war ihm fraglich.
Am späten Vormittag suchte Stolberg ihn erneut auf und holte ihn ins
Schloss. Dort stand der Hofschneider mit zwei Kammerdienerinnen bereit,
um Aurec einzukleiden. Der legte Protest ein.
»Ich kann mich schon selber anziehen. Doch seid meiner Dankbarkeit
gewiss, Hofschneider
Mit den neuen Kleidern fand Aurec sich ganz fesch. Er breitete die Arme
aus und fragte Bencho: »Na, wie findest du mich? Ich sehe doch aus wie ein
echter Edelmann.«
Der Hund winselte und machte Platz.
Am Mittag suchte Gustav Larsen Aurec auf. Er verneigte sich.
»Wie ich sehe, hat der Schneider vorzügliche Arbeit geleistet. Wohlan.
Seine Hoheit ist bereit für eine Audienz zum Mittag auf der Terrasse
Richtung Garten.«
Aurec nickte höflich. Larsen zeigte ihm den Weg. Die Außenanlage des
Schlosses war prächtig und weitläufig. Aurec stand am Ausgang des
Gebäudes. Er schritt die wenigen Stufen hinab zu einer Art Vorgarten. Dort
standen zur rechten Seite mehrere Tische. Mägde und Diener waren damit
beschäftigt, alles herzurichten, bevor sich die herzogliche Familie zu Tisch
gesellte.
Es gab Kaffee und Tee. Außerdem stand eine Karaffe Wein auf dem
reichlich gedeckten Tisch. Obst, Gemüse, frisches Brot, gebratene
Hähnchen und Fasane waren aufgetischt. Der Duft des Geflügels stieg ihm
angenehm in die Nase.
Als die Familie der Schleswig-Holstein-Gottorf die Terrasse betrat,
verneigte sich Aurec so galant, wie er nur konnte.
»Es ist mir eine Ehre, edler Herzog, edle Herzogin. Prinz Wilhelm
Friedrich und ich hatten bereits das Vergnügen am gestrigen Abend.«
Herzog Peter Friedrich gebot Aurec mit einer Handbewegung, Platz zu
nehmen.
Er setzte sich ebenfalls und betrachtete mit einem Lächeln die
Köstlichkeiten auf dem Tisch.
»Smakelk Eten«, sagte der Herzog.
»Wie belieben?«, fragte Aurec.
Die Magd goss ihm die Tasse mit Kaffee voll.
Die Herzogin räusperte sich.
»Wir sind untröstlich, doch unser Gemahl spricht zuweilen den Dialekt
des Pöbels.«
»Schnacken heißt das, werte Gemahlin. Smakelk Eten bedeutet guten
Appetit, Don Diego de la Aurec. Ich schnacke gerne mit den Untertanen in
der einfachen Sprache. Dann verstehen wir uns.«
»Sie gehören demnach dem aufgeklärten Absolutismus an?«, fragte
Aurec. Möglicherweise empfand der Herzog das als Provokation.
»Deshalb sitzen wir ja auch zu Tische, werter Don aus Neuspanien. Das
bevorstehende Treffen ist ebenso geheim wie brisant. Deshalb sind wir
Gastgeber
Aurec hatte keine Ahnung, wovon der Herzog sprach. Er wusste nichts
von einem geheimen Treffen. Vielleicht war er deshalb in dieser Zeit
gestrandet? Er nahm etwas Geflügel. Eilig brachte ihm Kammerdiener
Ludwig einen Krug Bier.
»Gewiss, doch eure Hoheit hat sicherlich Verständnis, dass ich mich
vergewissern musste. Schließlich ist dies unser erstes Treffen.«
Der Herzog nickte verständnisvoll und ließ sich das Glas mit Wein füllen.
Die Herzogin hingegen trank Tee.
»Wir bauen das Gemüse und die Gewürze selber in unserem
Küchengarten an. Ein feines Stückchen Land. Die Kultivierung der
exotischen Pflanzen ist jedoch schwierig und nicht immer möglich«,
erklärte die Herzogin wichtigtuerisch.
»Berichtet uns über die Lage in Übersee. Ist Washington auf dem Rückzug
vor Howe?«, wollte der Herzog wissen.
»Nun, die Lage in Amerika ist beschwingt.« Aurec musste vorsichtig sein,
ordnete die Daten der Schlachten und musste seine Reisezeit einrechnen.
Von Stolberg wusste er, dass die Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli
bekannt war.
Der Herzog winkte ab.
»Wie er sicher gewahr ist, wird unser Sohn im nächsten Jahr die
Prinzessin von Hessen-Darmstadt ehelichen. Die Hessen sind für die Briten
in den Krieg gezogen.«
Aurec nickte und nahm einen Schluck Bier.
»Der Landgraf von Hessen-Kassel. Befürchtet eure Hoheit weitere
Beteiligungen? Wie sind die Ambitionen des Hauses Hessen-Darmstadt
oder gar des Hauses Schleswig-Holstein-Gottorf?«
Friedrich August lehnte sich zurück, ergriff das verzierte Weinglas und
schlürfte den Weißwein genüsslich aus.
»Der Landgraf von Hessen-Kassel erhofft sich, seine leeren Kassen
aufzufüllen. Hessen-Darmstadts Finanzen sind zerrüttet. Ideologisch
betrachtet können wir die Beweggründe der Revolutionäre durchaus
nachvollziehen. Dennoch, wo kommen wir denn hin, wenn jeder Bauer
gegen seinen König revoltiert? Die britische Krone hat keine andere Wahl,
und die Königshäuser in Europa tun gut daran, sich herauszuhalten oder die
Krone zu unterstützen. Denn niemand will solche Verhältnisse bei uns
haben.«
Aurec betrachtete erneut den Garten. So viel Prunk war dem gemeinen
Volk nicht vergönnt. Die Adligen lebten auf ihrer Insel des Reichtums und
der sorglosen Macht. Sie mussten keinen Hunger leiden. Es lag am
Herrscher, ob sein Volk es tat oder nicht. Es gab gute und gerechte
Herrscher, Friedrich August schien zu jenen Regenten zu gehören, die sich
um ihr Volk kümmerten, und es gab welche, die es nicht taten. Jene, die es
nicht taten, mussten noch keine Konsequenzen fürchten. Sicherlich wurden
vereinzelt Monarchen gestürzt, doch das feudale System lebte schon lange.
»Ergötze er uns mit spannenden oder heiteren Geschichten aus
Neuspanien«, bat die Herzogin, während sie ein paar Weintrauben aß.
Aurec hielt inne. So viel wusste er nicht über Neuspanien. Es erstreckte
sich vom südlichen Nordamerika über Mittelamerika und Teile von Süd-
amerika.
»Nun, das Vizekönigreich ist sehr groß, Herzogin. Ich lebe auf einer
Hazienda in dem noch recht unerschlossenen Kalifornien. Vor sieben Jahren
begann die Kolonisierung. Ich sehe dort sehr viel Potenzial. Es ist warm
dort, und die Strände am Pazifik sind weiß und fein.«
»Die Strände an unserer schönen Ostsee sind auch nicht zu verachten«,
warf der Herzog ein. »Aber wieso zieht es den Menschen so weit weg der
Heimat? Ist es die Gier?«
»Vielleicht ist es auch die Neugier. Möglicherweise der Pioniergeist und
der Wunsch, etwas zu entdecken und etwas Besseres aufzubauen. Ein
eigenes Heim, eigenes Land zu besitzen«, gab Aurec zu bedenken.
»Hm«, machte Friedrich August. Dann riss er die Keule eines
Brathähnchens ab. »Ist es denn besser für die Kolonisten dort? Sind ihre
Bäuche gefüllt? Sind sie fern jeglicher Krankheiten und leben in sorgloser
Freiheit auf ihrem eigenen Hofe?«
Aurec zögerte, dann sagte er: »Nein, doch sie haben Hoffnung, dass sich
das ändern könnte. Diesen Traum leben die amerikanischen Kolonisten.«
»Oder sterben dafür«, meinte die Herzogin, tupfte sich ihren Mund mit
einer Serviette ab und räusperte sich. Die Diskussion war ihr unangenehm,
denn der Traum, von dem Aurec sprach, stellte das System infrage, wofür
ihr Gatte und sie standen.
Der Herzog schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Seine Gemahlin
zuckte zusammen und ließ beinahe ihre Tasse fallen.
»Teurer Don, seid Ihr so wohlwollend am heutigen Abend einer kleinen
Orchestermusik beizuwohnen? Mein kleines, aber feines Eutiner Orchester
spielt Stücke von Mozart, Bach und Haydn.«
»Gewiss, ich bin ein Freund der Musik.«
»Famos«, rief der Herzog und klatschte Beifall. »Nun noch etwas.« Mit
dem Ellbogen auf den Tisch gestützt beugte er seinen Kopf in Aurecs
Richtung. »Wollen Sie meine Exerzierpläne einmal sehen? Die Holsteiner
Jungs sind bestens gedrillt und wären in der Lage, Angriffe aus Schweden
und Dänemark abzuwehren. Doch nur durch stetigen Drill. Ich persönlich
habe Strategien dazu entwickelt, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte.«
»Hm, auch das Militär interessiert mich. Ohne eine schlagkräftige Armee
ist ein Staat wehrlos.«
Friedrich August lachte und rief nach Gustav Adolph Larsen. Der
Haushofmeister eilte herbei und verbeugte sich.
»Bringe er uns und ihm die Karten und Pläne für meine Holsteiner.
Eiligst, Gustav. Na, worauf wartet er denn noch? Husch, husch!«
Der Herzog unterstrich seinen Befehl durch eine Geste mit der Hand.
Nach einer weiteren Verbeugung zog Larsen von dannen. Friedrich August
ließ sich sein Glas mit Wein nachfüllen. Sein Sohn, Friedrich Wilhelm, war
ausgesprochen ruhig. Er las in einer Zeitung, als würde ihn unsere
Konversion überhaupt nicht kümmern.
Aurec erkannte die Überschrift »Neuer Gelehrter Mercurius«. Die Zeitung
war offenbar die 34. Ausgabe des Jahres vom 22. August 1776.
»Lieber Prinz, was lest Ihr?«, fragte er ihn. Ob seine Ausdrucksweise der
des späten 18. Jahrhunderts entsprach, war ihm nicht klar. Die
Formulierungen waren in der Regel umständlicher und länger im Vergleich
zum heutigen Gesprochenen auf Terra.
»Eine Wochenzeitschrift wissenschaftlicher Natur. Ich neige dazu, an der
Ausschreibung teilzunehmen.«
»Das ist unschicklich für einen Prinzen«, warf die Mutter ein.
»Wissenschaft bedeutet Intelligenz und Wissen, werte Mutter. Weshalb
sollte das für den Adel nicht schicklich sein?«
Das Gesicht des Thronfolgers lief rot an. Er grämte sich ganz offenbar, da
seine Mutter offensichtlich gegen dieses Preisausschreiben war.
»Nun, was wird denn gefordert?«, wollte Aurec wissen.
Friedrich Wilhelm sah ihn mit strahlendem Gesicht an und fing sogleich
an, mehr Informationen über das Preisausschreiben kund zu tun. Er hob die
Seite in die Luft, doch so gut waren Aurecs Augen auch nicht, um jedes
Wort auf dem Blatt Papier entziffern zu können.
»Es sind drei Aufgaben den geneigten Lesern gestellt. Erstens eine
Aufgabe, welche im Jahre 1775 nicht gelöst wurde. Sie ist mit 48 Dukaten
ausgeschrieben. Der Preis ist demjenigen bestimmt, der am gründlichsten
und ohne eingeschaltete Ausschweifungen die wahren Ursachen der
Völkerwanderung aus den mitternächtlichen Gegenden erklären und ihre
Wirkungen in Rücksicht auf die mittägigen Völker zeigen wird.«
Interessant, doch Aurec wusste nicht, welche Länder auf Terra in den
Zeitzonen Mitternacht und Mittag lagen. Vermutlich war das eher ein
zeitgenössischer Begriff.
»Die zweite mathematische Aufgabe wird ebenfalls mit der Versicherung
des darauf zu erwartenden doppelten Preises wiederholt. Sie fordert die
Kenner der Mathematik nochmals auf, die Theorie der Schraube
vollkommen zu bestimmen, durch Versuche zu erläutern und zu dem
Gebrauche des gemeinen Wesens angemessener zu machen.«
Aurec könnte dem Prinzen dabei helfen. Schrauben waren noch heute
verbindende Elemente in Maschinen. Diese Aufgabe war gar nicht so
verkehrt gestellt, denn die Schraube war ein unscheinbares Hilfsmittel mit
gigantischen Einsatzgebieten.
»Der dritte Preis von 24 Dukaten ist demjenigen bestimmt, der ein durch
Theorie und gemachte Erfahrungen bewährtes Mittel wider die
Hornviehseuche, welches leicht zu haben, von geringen Kosten und selbst
dem Vieh angenehm ist, und sowohl praeferuatiue als auch curatiue,
gebraucht werden kann, angeben und der Gesellschaft zur Untersuchung
und Versuchen mitteilen wird.
Die Verfasser der Preisschriften werden ersucht, ihre Abhandlungen in der
Mitte des Januars 1777 an den beständigen Sekretär der Societät, Herrn
Professor Clodius, einzusenden und wenige Monate darauf die
Entscheidung der Societät zu erwarten.«
Prinz Friedrich Wilhelm sah Aurec erwartungsvoll an.
»Wenn es Herzog und Herzogin erlauben, so biete ich meine Hilfe in
Ihren wissenschaftlichen Forschungen an.«
Mithilfe des Mr.Terrapedia-Moduls würde Aurec alle drei Fragen
zeitgenössisch beantworten können. Vielleicht würde die gemeinsame
Arbeit ihm auch Antworten liefern, wieso er sich in dieser Zeit befand.
»Wohlan, so sei es«, sagte der Herzog, als Gustav Adolph Larsen
schnaufend mit einigen gerollten Schriften zurückkehrte. »Doch zuerst
zeigte ich Euch meine Exerzierpläne«.
Ein Soldat in blauer Uniform und mit Dreispitz auf dem Kopf marschierte
auf den Vorhof, auf dem der Herzog und Aurec warteten. Er blieb stehen,
hob eine Trompete an die Lippen und blies hinein. Aus einem Gebäude an
der Seite kamen weitere Soldaten mit Trommeln und Flöten. Sie formierten
sich zu einer Kapelle. Ein Offizier in ebenso blauer Uniform, aber weißen
Hosen schritt am Herzog und Aurec vorbei. Er machte kehrt und hob das
Schwert zum Gruß.
Zu leisem Trommeln und Flötenspiel marschierte das Infanterieregiment
des Herzogs von Oldenburg auf den Vorplatz. Aurec kannte sich mit dem
Militär in dieser Epoche nicht aus, wusste jedoch so viel, dass die
Holsteiner im Unterschied zu dem Königreich Preußen keine große Armee
besaßen. Sicherlich hatte das straff geführte preußische Militär auch auf die
Eutiner Soldaten Einfluss, wenn sie denn aus Eutin stammten und nicht aus
anderen Teilen des Herzogtums.
Der Offizier hob sein Schwert.
»Habt acht! Und Marsch!«
Die Soldaten marschierten im Kreis, mal schneller, mal langsamer, mal
mussten sie sich in voller Montur auf den Boden werfen, aufstehen, rennen,
wieder in Reihe marschieren. Die Kapelle spielte einen Marsch nach der
anderen. Der Herzog amüsierte sich köstlich.
»Die Holsteiner Jungs sind auf Zack!«
»Gibt es denn eine akute Bedrohung?«, wollte Aurec wissen. Der Herzog
winkte ab.
»Ach, nein. Der Vertrag von Zarskoje Selo hat vor drei Jahren die Lande
meinem Vetter Paul, dem Kronprinzen von Russland, übertragen. Dieser
trat sie einen Tag später an mich ab. Kaiser Joseph erhob mich zum
Herzog.«
Friedrich August lehnte sich näher zu ihm, so dass Aurec dessen dick
aufgetragenes Parfüm roch. »Das Herzogtum Oldenburg gehört somit zum
Heiligen Römischen Reich. Unser kleines Reich zählt zum Westfälischen
Reichskreis.«
Ein Soldat fiel ohne erkennbaren Grund zu Boden. Der Offizier eilte mit
zackigen Schritten auf ihn zu.
»Aufstehen, Mann! Sieht er nicht, dass der Herzog nicht erbaut ist?«
Der Offizier trat auf den Mann ein, der sich vor lauter Erschöpfung nicht
einmal mehr wehren konnte.
»Er soll einhalten«, rief der Herzog. »Offizier, lassen Sie es gut sein.
Meine Jungs haben bei sengender Hitze genug exerziert. Bringt den
tapferen Soldaten ins Lager und gebt ihm reichlich Wasser und einen Fasan,
so dass er zu Kräften kommen möge.« Friedrich August stand auf. »Wir
sind stolz auf dieses Regiment.«
Er wandte sich wieder Aurec zu und zwinkerte mit dem linken Auge. »Es
muss auch mal gut sein. Tot nützt uns der Racker nichts.«
Gustav Adolph Larsen brachte ihnen Wein. Der Herzog griff sofort zu,
Aurec zögerte nur kurz. Offenbar galt das Trinken von Alkohol als normal,
egal zu welcher Uhrzeit. Vielleicht lag es aber auch daran, dass
alkoholische Getränke wenig Keime enthielten. Vermutlich hatten die
Menschen dieser Epoche eher Leberprobleme als Darmprobleme oder
Schlimmeres.
»Vergebt mir, Eure Durchlaucht, doch in Neuspanien dreht sich vieles um
die Briten und Spanier. Wie lange seid Ihr schon an der Macht?«
Friedrich August lachte laut und herzhaft.
»Man könnte meinen, die Neuspanier sind Provinzler, nicht wahr,
Gustav?«
»Das könnte man, Hoheit«, sagte der Haushofmeister unterwürfig und
füllte den Kelch des Herzogs mit Wein auf.
»Nun denn.« Friedrich August setzte sich. Er forderte Aurec und Gustav
Larsen auf, sich ebenfalls zu setzen.
»Wo sollen wir anfangen? Am besten mit meinem Vater. Derer war
Holsteiner Herzog und Fürstbischof zu Lübeck und ging als Christian
August in die Annalen der Geschichtsbücher ein. Nach dem frühen Tode
meines ältesten Bruders Karl August wurde mein anderer Bruder Adolph
Friedrich Fürstbischof von Lübeck.«
»Verzeiht mir, aber was genau ist ein Fürstbischof?«, wollte Aurec wissen.
»Der Klerus erwarb vor Jahrhunderten Ländereien. Sie übten in
Personalunion sowohl die weltliche Herrschaft über ihr Territorium als auch
die geistliche, von Gott und dem Papst verliehene Macht aus«, erklärte
Gustav Larsen.
»Oh, demnach seid Ihr auch ein Geistlicher?«
Aurec war überrascht, doch der Herzog winkte ab.
»Das Hochstift von Lübeck lag im weltlichen Besitz des Bischofs von
Lübeck als auch des Domstifts. Das sind die Pfaffen, die im Namen Gottes
glauben, gerecht zu handeln. Wie dem auch sei …« Friedrich August leerte
seinen Kelch und streckte den Arm Gustav Larsen entgegen, der sofort
nachfüllte.
»Wegen Luther und durch die Reformation hörte das Bistum Lübeck auf
zu existieren. Das Gebiet als solches blieb aber als protestantisches
Hochstift bestehen und wurde fortan durch das protestantische Domkapitel
und eben den Fürstbischof geleitet.«
Aurec war sich nicht sicher, ob er diese Schacherei von Titeln und
Ländern wirklich verstand.
»Jedenfalls bekam nach der Durchführung der Reform im Jahre des
Herren 1586 die Linie aus dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf den Titel
des Fürstbischofs verliehen und somit auch die weltliche Macht über die
Hansestadt Lübeck«, ergänzte Gustav Larsen.
»Und seit 1773 habt Ihr noch mehr Macht?«
»Das ist korrekt. Im Vertrag wurden uns auch die Grafschaft Oldenburg
und Delmenhorst geschenkt. Somit haben wir Gebiete von der Nordsee bis
zur Ostsee . Formal haben wir Oldenburg zur Hauptstadt ernannt, doch
Eutin ist viel schöner, nicht wahr, lieber Gustav? Lassen wir doch den
lieben Herder in Oldenburg und genießen den schönen holsteinischen
Sommer
»Oh, Eure Hoheit, Ihr meint sicherlich den Holmer und nicht den Herder«,
warf Larsen demütig ein.
»Wen? Ach …«
Er winkte ab, leerte den Wein und ließ sich nachschenken.
»Johann Gottfried Herder war der Begleiter meines Sohnes während
dessen Bildungsreise vor ein paar Jahren. Ein Poet und Dichter ist der
Herder. So wie unser Stolberg. Jedenfalls hatte ich vor fünf Jahren Herder,
der eine durchaus gute Reputation als Fürstenerzieher genießt, gebeten,
unseren Sohn als Reiseprediger zu begleiten. Herder hatte zunächst
angenommen. Sie waren in Hannover, Kassel und Göttingen gewesen.
Irgendwann entzweite sich jedoch die Begleitschaft, und unser Sohn kehrte
zurück.«
Der Herzog wirkte bedrückt. Er atmete tief durch. Larsen schenkte ihm
nach.
»Und Holmer damit meinen wir Friedrich Levin von Holmer. Unser
Oberlanddrost und dirigierender Minister. Er erledigt die politischen und
administrativen Aufgaben in Oldenburg, damit wir den Eutiner Sommer
genießen dürfen. Ein tüchtiger Bursche.«
Der Herzog erhob sich. Er brauchte einen Moment, um die Balance
wiederzufinden. Gustav Larsen stützte ihn. »Möglicherweise wünschen
Eure Hoheit zu Mittag zu ruhen?«, fragte Larsen.
»Ein ausgezeichneter Vorschlag, teurer Diener. Doch zuvor muss ich mich
entleeren. Abtrittanbieter? Wo ist der Pisspage? Ich muss mal.«
Die Stimme des Herzogs wurde lauter. Aurec seufzte. Larsen sah ihn
ratlos an. Endlich rannte ein Mann mit brauner Schürze, weißem
Leinenhemd und braunen Hosen aus dem Innenhof des Schlosses zu ihnen.
Er hielt einen großen Eimer in der Hand.
»Nun beeile er sich«, rief der Herzog und öffnete die Hose. Keuchend
hielt der so genannte Pisspage nun vor ihnen an und hielt den Eimer ans
Gemächt des Herzogs. Der ließ erleichtert Wasser.
Der Schwall lief bestimmt fast eine Minute, eher der Herzog abschüttelte
und dabei mit ein paar Tropfen den Abtrittanbieter traf. Dieser bedankte
sich artig für die Gabe des Herzogs und zog von dannen.
Die Gruppe gingen zum Schloss.
»Er wollte wissen, seit wann wir regieren. Nun denn, mein Bruder Adolf
Friedrich regierte nach dem Tode unseres Bruders bis ins Jahr 1750. Doch
dann wurde der Schelm auch noch König von Schweden. Hach, der Adi
war ein guter König.«
»War?«, hakte Aurec nach, während sie langsam Richtung Innenhof
gingen.
»Ja, er ist schon tot. Der Junge hat sich im wahrsten Sinne des Wortes zu
Tode gefressen. Hummer, Kaviar, Sauerkraut, Heringe und vierzehn
Portionen Semlor. Er erlitt einen Schlaganfall. Kein rühmlicher Abgang für
einen König.
Seine Gemahlin, Königin Luise Ulrike von Preußen, ist die Schwester
vom Alten Fritz, dem König von Preußen. Für ihn steht sogar ein Bett
bereit, dass sie anfertigen ließe, als sie und mein Bruder noch in Eutin
residierten.«
»Oh, der König von Preußen logierte in Eutin?«, fragte Aurec.
Sie erreichten die Brücke. Der Herzog blickte auf das Wasser.
»Nein, das Bett blieb unbenutzt. Bis jetzt.«
»Der Don verbrachte dort die Nacht«, informierte Larsen.
»Ach wirklich? Famos, famos«, sagte Friedrich August und lachte.
Sie gingen weiter.
»Meine anderen Geschwister heirateten in andere Häuser ein. Johanna
Elisabeth, auch sie ist bereits tot, heiratete in die Linie Anhalt-Zerbst ein.
Sie war die Mutter von Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, muss
Er wissen. Sophie heiratete mein Mündel Karl Peter Ulrich.«
»Interessant, eure Hoheit«, log Aurec. Er erinnerte sich aber daran, dass
der Prinz von Peter dem Dritten und Zarin Katharina gestern gesprochen
hatte.
»Karl Peter Ulrich wurde als russischer Zar Peter der Dritte bekannt«,
ergänzte Larsen. »Seine Frau Sophie regiert Russland als Zarin Katharina
die Zweite. Die Zarenfamilie und die Linie von Schleswig-Holstein-Gottorf
sind also eng verbunden.«
Das war durchaus interessant. Dieses Haus hatte also Könige und Zaren
gestellt und wirkte dennoch weltpolitisch sehr unscheinbar.
»Nun, all diese Verbindungen werden noch von größerer Tragweite sein,
Don Diego de la Aurec. So, Eure Hoheit, wir haben euer Gemach erreicht«,
sagte Larsen. Es war im Erdgeschoss und gehörte zum seitlichen Turm.
»Ich wünsche Eurer Hoheit einen guten Schlaf und werde mich nun dem
Prinzen und seinen wissenschaftlichen Fragen widmen«, verabschiedete
sich Aurec. Der Herzog reagierte nicht mehr und ging in sein Gemach,
gefolgt von Gustav Adolph Larsen. Aurec machte kehrt und suchte den
Thronfolger.
Prinz Peter Friedrich Wilhelm saß im barocken Garten unter einem Schatten
spendenden Baum und las ein Buch. Aurec fiel bei diesem Anblick erst
richtig auf, wie blass und kränklich der Prinz wirkte.
»Darf ich Euch Gesellschaft leisten?«, fragte Aurec höflich.
Der Prinz sah hoch, kniff die Augen ob des Sonnenlichts zusammen und
deutete mit der ausgestreckten Hand auf die Bank an der Hecke. Doch
Aurec setzte sich einfach auf den Rasen und streckte die Beine aus. Bencho
tollte einem Ball hinterher.
»Was lest Ihr?«, fragte Aurec.
»Die Juniausgabe des Mercurius. Sie beschreibt die Feierlichkeiten vor
der Bartholomäusnacht.«
Der Prinz tat so, als sollte das Aurec etwas sagen. Das tat es jedoch nicht,
und er wollte auch nicht nachhaken, um nicht ungebildet zu wirken.
»Caterina de’ Medici veranstaltete damals einen Ball kurz vor der
Bluthochzeit. Seid Ihr jemals in Paris gewesen?«
»Nein. Ihr?«
»Oh ja, Don Diego de la Aurec. Es ist sehr prunkvoll dort. Während
unserer Grand Tour vor sechs Jahren verweilten wir in Paris, Brüssel und
London. In Straßburg trafen wir den großen Dichter Johann Wolfgang von
Goethe. Der Dichter Johann Gottfried Herder schickte sich an, uns von
Eutin an im Auftrage unseres Vaters zu begleiten. Jedoch verstand sich
mein Gefolge nicht und die Wege mit Herder trennten sich nach Straßburg.«
Der Prinz sah ihn skeptisch an und legte den Mercurius zur Seite
»Ihr wisst nicht, was die Bluthochzeit ist.«
Aurec lächelte verlegen.
»Ihr habt meine Unwissenheit offengelegt, Hoheit.«
Eine Biene flog an ihnen vorbei und landete auf einer Blume unweit von
ihnen.
»Nun, die Ereignisse liegen 276 Jahre zurück. Und doch sind sie
gebildeten Menschen von hohem Stand durchaus noch in Erinnerung.«
Aurec verwünschte diesen Bengel. Er konnte ihm aus dem Gedächtnis das
Anti-Anomalie-Gerät oder das Psionische Schirmfeld erklären. Dinge, die
er nicht einmal im Ansatz verstehen würde. Selbst Aurec tat sich schwer
damit. Er blieb aber ruhig und freundlich.
»Nun denn, Ihr werdet sicherlich meinen Horizont erweitern.«
Peter Friedrich Wilhelm starrte an ihm vorbei. Seine Augen wirkten
größer. Der Mund war halb geöffnet. Langsam hob er die Hand und streckte
den Zeigefinger aus.
»Dort …«
Aurec drehte sich um, doch er sah nichts.
»Auf … Boden …«
Die Stimme des Prinzen zitterte vor Angst. Zwischen den Gräsern
erkannte Aurec eine große Spinne. Sie mochte vielleicht mit Beinen fünf
Zentimeter groß sein. Sie krabbelte friedlich, aber bestimmt auf die beiden
Männer zu. Aurec stand auf und nahm den Mercurius.
»Fügt Ihr kein Leid zu. Sie ist abstoßend, doch sie verdient zu leben«, rief
der sanftmütige Prinz. Aurec verstand. Er legte die schwere Broschüre vor
die Spinne, die freundlich genug war, darauf zu krabbeln. Aurec hob sie
hoch, ging hinter einen der wohl geschnittenen Büsche und setzte die
Spinne ab. Anschließend kehrte er zur Hoheit zurück, die nun etwas
entspannter wirkte.
»Eines Tages müsst Ihr das selbst lernen, um eine edle Dame vor solch
einem Untier zu retten.«
Peter Friedrich Wilhelm winkte ab.
»Frauen …«
»Hm, Ihr seid nicht verlobt?«
»Und ob ich das bin.« Er kramte ein kleines Bild aus seiner Hemdtasche.
Es zeigte Aurec ein blondes Mädchen, vielleicht gerade einmal zwanzig
Jahre alt mit schlanker Figur.
»Das ist Charlotte Wilhelmine Christiane Marie von Hessen-Darmstadt«,
erklärte er.
»Ich kenne sie nicht«, gestand Aurec.
»Ihr habt nichts verpasst, werter Don. Wie sollen wir dieses Geschöpf
lieben? Sie mag freilich ein Engel sein, doch wir sollen ein Leben mit ihr
verbringen? So waren wir auch in Darmstadt im Winter 1774. Doch wir
sind einfach weggelaufen, ganz davon. Dann wurde die Verbindung von
unserem Vater gelöst.«
Er seufzte.
Aurec wusste, dass Ehen in dieser Epoche arrangiert wurden. Er verstand
die Skepsis des Prinzen, denn Aurec liebte seine Kathy und trauerte immer
noch um sie. Manchmal hegte er die Hoffnung, sie wiederzusehen, sollte
der Zugang zum Rideryon wieder möglich sein.
»Eure Gedanken kreisen nicht um unsere Sorgen. Wir empfinden das als
unhöflich«, murmelte Peter Friedrich Wilhelm verärgert.
»Oh, verzeiht. Nun, Ihr werdet eine angemessene Gemahlin finden.«
Er winkte ab.
»Um das Ende der Welt gemeinsam zu beobachten. Die Welt geht unter.
Vielleicht ist sie ja fromm. Das muss sie sein, denn nur mit Buße werden
wir die Welt retten. Gott muss uns gnädig sein, Don Diego. Versteht ihr
das?«
Der Eutiner kramte aus dem Haufen Büchern neben sich ein dickes Buch
hervor. Der Umschlag war kunstvoll verziert. In der Mitte war ein blaues
Rechteck mit Buchstaben, die Aurec aber nicht entziffern konnte. Darum
waren kleine Bilder von Königen, Geistlichen, Prinzessinnen und Barden
verteilt. In den Zwischenräumen tummelten sich Fabelwesen.
»Die Göttliche Komödie von Dante Alighieri. Sie erzählt von der Reise
eines Mannes, vielleicht Dante selbst, ins Reich der Toten. Dante muss in
die Hölle und die zehn Kreise der Hölle durchqueren. Das wird uns alle
bevorstehen.«
Der Prinz wurde lauter. Er wedelte mit dem Wälzer in der Hand umher.
»Freilich kennt Ihr das Werk oder verhält es sich genau so wie der
Bluthochzeit?«
Aurec suchte nach den passenden Worten. Er kannte Dantes Inferno vom
Namen her, doch gelesen hatte er es nicht. Es ging um die terranische
Mythologie von Himmel und Hölle, genauer gesagt die Hölle. Ein Mann
durchschritt in diesem Buch diese Hölle. Es muss zu damaliger Zeit ein
echter Horrorschocker gewesen sein.
»Es ist mir geläufig. Doch gelesen habe ich es nie«, gestand er.
»Dantes Inferno ist ein Vermächtnis an die Nachwelt. Jeder sollte es lesen.
Es bereitet uns auf die Hölle vor. Und sie wird kommen. Die Dämonen
greifen nach allen.«
Der Prinz stand auf und ging zu dem Tischlein, auf dem eine Karaffe
stand. Er füllte seinen Becher mit Wein und trank. Mit einer Handbewegung
bedeutete er Aurec, sich ebenfalls bedienen zu dürfen. Der Saggittone
musste sich erst einmal an den ganzen Alkohol in dieser Epoche gewöhnen.
Allerdings waren Bier und Wein zumeist ohne Keime, was man vom
hiesigen, oft stehenden Wasser nicht behaupten konnte. Überhaupt waren
Bier, Wein, Tee und Kaffee die vorherrschenden Getränke, schon aufgrund
ihrer Reinheit in der Zubereitung. Erst in etwa dreißig Jahren würden
Engländer damit beginnen, Wasser zu filtern, und das Verständnis von
Krankheitserregern im Trinkwasser würde wachsen. Die genaue Datierung
und den Ablauf, bis es zum flächendeckenden Einsatz von
Wasseraufbereitungswerken kommen würde, kannte Aurec nicht. Jedenfalls
war es in dieser Zeit sicherer, kein reines Wasser zu trinken.
Er nahm also ein großes Glas Wein. Ohnehin würde die Zelldusche einen
Alkoholrausch etwas abmildern, wenngleich eine Zelldusche nicht gegen
Gifte schützte, wie es ein Zellaktivator tat. Dennoch wirkte sie
regenerierend auf die Konstitution und die Leber.
»Woher nehmt Ihr Eure so negative Prognose?«, wollte er vom Prinzen
wissen.
Der lachte unkontrolliert, wurde aber schnell wieder ernst.
»Die Erklärung zu meiner im Realismus gefällten Einschätzung würde der
Don aus Übersee nicht zu verstehen vermögen.«
Der Prinz stellte sein Glas ab und trat dich an Aurec heran. Er neigte den
Kopf zur Seite, und es schien, als würde er Aurec umarmen wollen, doch er
wollte nur dicht genug heran, um ihm ins Ohr zu flüstern: »Ich habe sie
gesehen. Den Dämon und Luzifer höchstpersönlich. Als ich ein Kind war,
zeigten sie mir die Apokalypse auf Erden.«
Er wich zurück und grinste Aurec seltsam an.
»Ihr glaubt mir nicht, gewiss. Jedoch sind meine Worte in Aufrichtigkeit
gesprochen, werter Don aus Übersee. Damals war ich ein Knabe von acht
Jahren, als ich dem Grauen in seine furchtbare Fratze blicken musste.«
»Erzählt mir davon«, bat Aurec und nahm wieder auf dem Gras Platz.
Peter Friedrich Wilhelm lümmelte sich ächzend wieder und dem Schatten
spendenden Baum und begann seine Geschichte.
Auf der CASSIOPEIA
Gucky beobachtete die Soldaten und Offiziere des Quarteriums ganz genau,
die aus dem Transmitter traten. Der gesamte Transmitterraum sowie der
angrenzende Lagerraum waren von Fesselfeldern und Schutzschirmen
umgeben. Trotzdem musste jeder Soldat die Waffen abgeben. Gucky traute
keinem aus dem Quarterium.
167 Soldaten des Quarteriums wurden gerettet. Unter ihnen war eine Frau,
deren Charisma und Herz Gucky schon vor mehr als 3000 Jahren in den
Bann gezogen hatte. Der Mischung aus Zicke und tatkräftiger Heiliger von
den Sternen war auch Perry Rhodan verfallen. In einem positiven Sinne. Sie
war keine Bitch wie Mirona Thetin, in die sich Atlan 300 Jahre später
verknallt hatte, um sie am Ende mit seinem Speer aufzuspießen. Thora war
der Inbegriff von rauer Schale und weichem Kern.
Sie war neben Crest die Mutter der Dritten Macht. Wobei Crest keine
Mutter war, schon vom Geschlecht her nicht. Er war eher ein Opa, der
gütige Arkonide, der so viel Hoffnung in die Menschheit gesetzt hatte.
Diese Thora ging nun wortlos an Gucky vorbei. Sie war wunderschön und
voller Anmut. Ihr langes, weißes Haar hing glatt bis zum unteren Rand der
Schulterblätter. Sie hatte diese feine, aristokratische Nase, einen vollen
Mund und klare, rubinrote Augen.
Ihr Körper war durchtrainiert. Sie machte wohl jeden Tag Yoga oder
Dagor. Thora trug eine schwarze Kombination. Das Oberteil war an den
Seiten und ebenfalls ab den Ellenbogen silberfarben.
Die Hosen waren schwarz, und ihre kniehohen Stiefel silbern. Vermutlich
verschlug ihr Anblick jedem terranischen Mann den Atem. Insbesondere, da
ihr Oberteil über einen großen Ausschnitt verfügte, der viel und auch
wieder gar nichts zeigte.
Thora blickte den Mausbiber abfällig an, so als wäre er nichts weiter als
ein Haustier. Vielleicht war das der Gucky aus ihrer Zeitlinie sogar, denn
bei all der frappierenden Ähnlichkeit zwischen der Thora, die im Jahre
2043 an Bord der BURMA gestorben war, und dieser Person, Gucky
musste sich klar darüber sein: Das war nicht seine Thora. Das war nicht
Perry Rhodans Thora. Dieses Wesen stammte aus einer anderen Zeitlinie.
Die Arkonidin blieb stehen und atmete tief durch. Ihr Blick ruhte auf
Gucky, der die Arme in die Hüfte legte und ihrem Blick standhielt.
»Wie geht es jetzt weiter, Ratte?«
»Fangen wir mit Höflichkeit an, Entwicklungsstufe-D-Wesen.«
Sie blickte sich um.
»Ich danke dir für die Rettung meiner Crew. Wo wir gerade davon
sprechen. Du bist der Kommandant dieses Raumschiffes?«
Gucky seufzte.
»Wenn das mal so einfach zu erklären wäre. Ich teile mir das Kommando
mit der Positronik ENGUYN sowie der Lilim Constance Zaryah Beccash.
Wir sind auf einer komplizierten Mission. Zu passender Zeit erkläre ich es
dir. Suche nun mit deiner Besatzung die Lagerräume auf, die wir euch
zugewiesen haben.«
Thora zog die Augenbraue hoch.
»Ich erwarte selbstverständlich eine Suite.«
»Ach Mädchen, ich hatte auch etwas anderes erwartet. Komm damit klar
oder bleib hier in der Ecke stehen und guck finster aus der Wäsche.«
Gucky hatte genug von dieser seltsamen Konversation und teleportierte in
seine Kabine. Sie war ihm bei der Hinreise noch zu Kulag Miltons Zeiten
zur Verfügung gestellt worden. Gucky brauchte Ruhe, er musste
nachdenken. Auf keinen Fall wollte er Thora von ihrer misslichen Situation
berichten. Die Imperatrice des Quarteriums hatte 167 kampferprobte
Soldaten bei sich, und die Crew der CASSIOPEIA bestand aus vielleicht
zwanzig Schwachmaten.
Raimund Peter: Gucky auf der CASSIOPEIA.
Gucky warf sich auf die braune Couch und seufzte.
Sie hatten einen Großteil an Feinden auf dem Schiff. Ragana ter
Camperna und ihre beiden onryonischen Ziehsöhne Vopp und Topp ter
Camperna. Den verschlagenen und dummen Glosneken Yeremiah
Cloudsky. Den Liebhaber von Ragana, Theofyr Sobrasky. Die CACC-
Rezeptionsmitarbeiter Bismaria da Enta, Bytta Wolden, Gorlü, Cirane
Kinzz, Tarnaite Grazus und Cyba Kryz. Das waren elf dilettantische Wesen
ohne große Erfahrung in Gefahrensituationen. Einzig dem Tefroder Hunter
als Nummer 12 im Bunde traute Gucky etwas zu. Es war nur dumm, dass er
als Rhodanjäger ein erklärter Feind Perry Rhodans und somit auch von ihm
war.
Dazu kamen noch Constance und er selbst. Sie waren vierzehn. Vierzehn
Wesen im Zeitchaos. Und hatten 167 potentielle Feinde aufgenommen.
Draußen in der Temporalen Anomalie lauerten die Takhal Gud Looter mit
zwei Raumschiffen und wollten offenbar die Technologie der
CASSIOPEIA in ihren Besitz bringen. Dabei hatte Gucky keinen blassen
Schimmer, was sich auf der CASSIOPEIA befand, was das blaue Leuchten
bedeutete, wer die Takhal Gud Looter waren, was genau das Zeitchaos
bedeutete und wie das alles enden sollte.
Er wusste nur, dass die Solare Residenz mit Bully an Bord vernichtet
worden war, und dass sich Atlan vor seinen Augen aufgelöst hatte. Nistant
auf seiner STERNENMEER hatte über Hologramm verkündet, dass das
Ende der Zeit gekommen sei.
Wenn jemand stirbt, so bleiben die Erinnerungen an diese Existenz. Jene,
die ihn liebten, ließen den Toten in ihren Herzen weiterleben. Doch dem
wird nicht so sein. Wenn ihr sterbt, so wird es keine Erinnerung geben, denn
ihr habt niemals existiert. Euer Leben, eure Freude, eure Liebe, euer
Schmerz es wird alles vergangen sein und nichts wird sich daran
erinnern. Ich bestrafe euch mit der höchsten Strafe dem Vergessen! Die
Zeitlinie des Perry Rhodan wird ausgelöscht. Sie wird weichen.
Ihr werdet niemals existiert haben. Eure ganze Zivilisation wird gelöscht.
Es wird kein ES geben. Atlan, Reginald Bull, Gucky, Roi Danton und Perry
Rhodan werden niemals existiert haben oder ein bedeutungsloses Dasein
führen. Das ist das endgültige Ende von Perry Rhodan!
Gucky hatte sich diese Worte gut gemerkt. Doch er brauchte Antworten.
Was war die CASSIOPEIA? Wieso war sie so besonders? Und wie sollte er
mit dieser verrückten Crew weitermachen?
Thora durfte jedenfalls erst einmal nichts von dieser Crew erfahren, sonst
würde sie vermutlich das Schiff übernehmen.
»ENGUYN an Gucky, bitte melden!«
Es war klar gewesen, dass die Ruhe nicht lange andauern würde. Gucky
teleportierte in die Zentrale, die am Fuße des Milton-Turms lag. Er sah sich
um. Die Wände waren weiß, der Boden grau. Vor ihm standen ein
länglicher Tisch und drei Sessel. Dahinter befand sich ein breiter Monitor
an der Wand. Das Hologramm von ENGUYN erschien vor dem Tisch.
»Bitte, nimm Platz.«
ENGUYN deutete auf einen der Sessel. Gucky hüpfte auf das bequeme
Leder.
Gucky blickte in das androgyne, haarlose Gesicht des Hologramms.
ENGUYN hatte große violette Augen und spitze Ohren.
Die Tür hinter dem Mausbiber öffnete sich, und Constance Beccash trat
hinein. Sie schenkte den Anwesenden ein warmes Lächeln, das ein wenig
gequält wirkte, setzte sich neben den Ilt und seufzte.
»Vielen Dank für euer Erscheinen. Ich …«
Gucky hatte genug.
»Sparen wir uns diesen Scheiß, Mann! Wer bist du? Was ist dieses Schiff?
Zu welchem Zweck wurde es konstruiert und was ist das Zeitchaos? Wo
sind meine Freunde? Diese Fragen will ich beantwortet haben. Sofort!«
»Wie du wünscht. Mein Name ist ENGUYN. Ich wurde als Positronik
lange vor der CASSIOPEIA konstruiert und von einem Kosmogenen Träger
in die Milchstraße transportiert. Der Kosmogene Träger ist bereits
verstorben. So war ich gezwungen ...«
Gucky hob die Hand.
»Einwand. Wer ist ein Kosmogener Träger? Und wehe du antwortest,
jemand, der etwas Kosmogenes trägt.«
»Ich bin eine Kosmogene Chronikträgerin, Gucky«, sagte Constance. »In
der Tat transportieren wir etwas, was enorm wichtig ist.«
»Die Information können wir auch später teilen«, warf ENGUYN ein.
»Das Zeitchaos wurde von Nistant durch jahrhundertelange Manipulation
des Moralischen Codes herbeigeführt. Das was ihr als 2046 Neuer
Galaktischer Zeitrechnung bezeichnet, hat aufgehört zu existieren. Hier in
der Temporalen Anomalie kollidieren die neuen Zeitlinien. Wir wissen
nicht, was am Ende dabei herauskommt.«
Das musste Gucky erst einmal sacken lassen.
»Das bedeutet, dass Atlan irgendwo in der Zeit verweht wurde?«
»Das ist korrekt, kleiner Mausbiber. Der originale Atlan wurde in eine
andere Zeitebene geschleudert. Allerdings wird er dort aufhören zu
existieren, da dort vermutlich ein anderer Atlan lebt. Die dauerhafte
Manifestierung in einer anderen Zeitebene ist ohne eine Kosmogene
Chronik oder Cagehall nicht möglich.«
»Das bedeutet für Atlan?«, wollte Gucky wissen. Was faselte diese
glatzköpfige KI?
»Atlan wird in der Zeit verweht werden, sofern er keine passende Zeitlinie
für sich findet. Und uns wird er ohne Orientierung nicht finden können«,
erklärte ENGUYN nüchtern.
»Okay, und wie finden wir ihn und holen ihn da raus?«
»Ihr sterblichen Wesen mit eurem humorvollen Optimismus. Es ist uns
unmöglich, ihn zu finden. Einzig eine Kosmogene Chronik, ein
Kosmogener Segler oder ein Raumschiff mit einer Cagehall ist über die
Zeiten hinweg erfassbar. Dein Freund ist fürs erste verloren.«
»Fürs erste, Sackgesicht? Was meinst du damit?«
»Ziel meiner Mission ist die Wiederherstellung der Zeitlinie. Die
Reparatur des Moralischen Kodes. Constance Beccash ist ebenfalls
Bestandteil dieses Unterfangens.«
Constance winkte.
Gucky atmete tief durch und breitete die Arme aus.
»Na dann, repariert mal schnell den Moralischen Code.«
Gucky wusste, dass es vermutlich nicht so einfach sein würde. Er merkte
es an Constances bedrückter Miene. Der Moralische Kode war die DNS des
Universums.
»Ich fürchte, das ist nicht möglich«, sagte Constance gedehnt. »Denn
dafür benötigen wir zuallererst alle acht Kosmogene Chroniken, und wir
haben gerade …«
»Keine einzige davon«, stellte ENGUYN fest.
»Oh, und was ist mit der von diesem Kopfgeldjäger?«, wollte Constance
wissen.
»Creen und seine Crew sind in einer anderen Zeitlinie.«
»Okay, spulen wir mal etwas zurück, sonst kriege ich einen Knoten im
Hirn. Was ist eine Kosmogene Chronik? Oder erzählt einfach von Anfang
an.«
»Wir haben aber dringlichere Dinge zu besprechen«, sagte ENGUYN.
Damit schien das Thema für ihn erledigt.
»Ach ja und welche?«, wollte Gucky wissen. »Die Zeitlinie existiert nicht
mehr, meine Freunde sind tot oder verschwunden, und offenbar brauchen
wir die Kosmogenen Chroniken, um die Zeitlinie wiederherzustellen. Also,
was, bitte, ist dringender?«
»Ich bemerke einen erhöhten Puls und aggressiven Unterton in deiner
Stimme, kleiner Mausbiber«, erwiderte die Positronik.
»Na, du bist ja ein Schlaumeier. Und der Unterton ist inzwischen ein
Überton. Ich bin richtig angepisst und will kein dummes Geschwafel,
sondern Lösungen. Und ich bin nicht dein kleiner Mausbiber
»Wohlan, großer Ilt. Es gilt zu besprechen, wie wir den Takhal Gud Looter
entkommen und was wir mit den Fremden an Bord anfangen. Außerdem
benötigen wir eine Besatzung, um die Mission zu erfüllen. Ich halte die
derzeit an Bord befindlichen Kreaturen für ungeeignet.«
»Na, da sind wir endlich mal einer Meinung, Kugelkopf.«
»Wieso spielst du immer wieder auf meinen Kopf an? Ist es dir
unangenehm ein haarloses Geschöpf zu sehen? Ich kann meine Gestalt
ändern.«
Gucky winkte ab.
»Witze auf Kosten von Aussehen sind normal bei den Terranern. Wenn du
lange Haare hättest, hätte ich Sprüche wie Filzmatte, Bombenleger,
Struwwelpeter, Zottelkopf, Tolle oder so auf Lager
»Bombenleger? Was hat denn jemand mit langen Haaren mit dem
Platzieren einer Bombe zu tun?«
Constance räusperte sich.
»Das sind nun wirklich keine dringenden Themen. Die Takhal werden uns
nicht angreifen, denn sie sammeln die Kosmogenen Chroniken.«
Constance stand auf und ging um den Tisch herum.
»Sie wissen nicht, dass wir gar keine haben. Sie denken, wir hätten die
von diesem Nathaniel Creen noch.«
»Ich weiß immer noch nicht, was eine Kosmogene Chronik ist, außer, dass
sie offenbar vor dem Zeitchaos schützt«, warf Gucky ein.
»Das ist korrekt kombiniert«, sagte ENGUYN nüchtern.
»Danke sehr, Nicht-Matte.«
Constance räusperte sich noch einmal.
»Was tun wir also jetzt? Warten wir, bis Creen zurückkehrt? Was ist mit
Aurec?«
Gucky wurde hellhörig. Aurec war noch am Leben? Immerhin war es
mehr als 700 Jahre her, seitdem man das letzte Mal etwas von ihm gehört
hatte. Auch gehörte er nicht zu jenen, die eine Zelldusche bekommen hatten
oder einen Zellaktivator trugen. Der Saggittone war Ende des 13.
Jahrhunderts und Anfang des 14. Jahrhunderts ein Freund der Terraner und
auch von Perry Rhodan gewesen. Gucky selbst hatte ihn bei diversen
Abenteuern getroffen und schätzte ihn sehr.
Constance schien seine Gedanken zu erraten, denn sie sagte: »Aurec
gehört wie ich zu den Kosmogenen Chronikträgern. Er war durch die Tiefe
des Chaos auf dem Weg zu uns.«
»Um genauer zu sein, war er bereits im Alpha-Centauri-System«, ergänzte
ENGUYN.
»Ach ja?«, fragte Constance verdutzt.
»Ein Zeitblitz traf den Kosmogenen Segler, und Aurec landete in der
Vergangenheit. Ich kann ihn orten und habe dem Kosmogenen Segler den
Befehl gegeben, sich zu tarnen, damit er nicht zum Objekt der Begierde
unterentwickelter Menschen wird.«
»Und wann wolltest du uns das sagen?«
Constance wirkte ungehalten. Gucky lehnte sich im Sessel zurück und
legte die Arme vor das Bäuchlein.
»Ich hielt es vorerst für nicht relevant, da wir erst einmal der akuten
Bedrohung durch Fremdeinwirkung entgehen müssen. Allerdings
berücksichtigte ich dabei nicht, die hysterische und emotionale Reaktion
von euch Lebewesen sowie die Unfähigkeit logisch zu denken und
Prioritäten zu setzen. Außerdem ist es sinnvoll, Aurec in dieser Zeit zu
belassen, da diese Zeitschliere ihn bewusst getroffen hat. Mir ist weder
bekannt, wer in der Lage ist, diese zufälligen Erscheinungen zu steuern,
noch zu welchem Zweck Aurec in das Jahr 1776 alter terranischer
Zeitrechnung nach Terra versetzt wurde. Jedoch ist es logisch zu warten, bis
der Saggittone das Geheimnis dort löst.«
Raimund Peter: Gucky und Thora betrachten die Schlünde der Temporalen Anomalie.
»So macht man das unter Freunden aber nicht«, wandte Constance ein und
sah Gucky an.
»Richtig, Freunde lassen einen nicht im Stich. Schon gar nicht in einer
anderen Zeit.«
»Nun, wir sind aber keine Freunde. Wir sind Missionsgefährten«, sagte
ENGUYN mit sachlicher Stimme.
»Ja, Freunde sind wir bestimmt nicht«, murmelte Gucky und stand nun
auch auf.
»Aurec ist also schon bald 800 Jahre alt und du auch. Darf ich fragen, wer
euch einen Zellaktivator gegeben hat?«, wollte Gucky wissen.
»Natürlich«, sagte Constance. »Wir erhielten den Segen des Osiris von
den Kemeten. Das ist eine Zelldusche für tausend Jahre. Die Kemeten
gehörten wie Eorthor zur Loge des Kosmos in Cartwheel. Wir wurden von
Eorthor und Osiris zu den Trägern dieser Kosmogenen Chroniken ernannt.«
Gucky nickte.
»ENGUYN, du unterstehst dem Befehl einer Kosmogenen
Chronikträgerin, richtig?«, fragte Constance.
Ein feines Lächeln umspielte ihre vollen, roten Lippen.
»Das ist korrekt. Allerdings wurde ich auch so entwickelt, um Schaden
von mir abzuwenden. Sollte dein Befehl lauten, in die sichere Vernichtung
zu steuern, kann ich diesen ablehnen.«
»Wir werden sicher nicht in die Vernichtung steuern. Doch wir werden
auch nicht Aurec hilflos in der fremden Zeit zurücklassen.« Sie richtete sich
auf und sah nun das Hologramm der Positronik an.
»Einst waren wir acht Kosmogene Chronikträger. Wir alle bekamen den
Segen des Osiris, eine Zelldusche. Doch wir reisten durch die Tiefe des
Chaos, die uns viel Vitalenergie kostete. Einige von uns sind schon tot.
Andere sind verschwunden. Was hast du mit dem Raumschiff von Aurec
gemacht, ENGUYN? Das habe ich nicht verstanden.«
»Ich vergaß eure begrenzte Speicherkapazität und Auffassungsgabe,
Lilim. Aurec ist in der Zeitlinie auf sich selbst gestellt. Aus
Sicherheitsgründen wurde der Kosmogene Segler von mir getarnt und
versteckt.«
Gucky hatte immer noch zu wenig Informationen.
»Das bedeutet, du kannst über Zeitlinien kommunizieren?«, wollte er
wissen.
»Nur mit speziell temporal gefertigten Geräten. Das sind die Raumschiffe
der Baureihe der Kosmogenen Segler. Ein Kosmogener Segler verfügt über
einen Temporalen Schutz zur Navigation zwischen den Zeitlinien und in der
Tiefe des Chaos. Dieser Schutz dient den Insassen, sich nicht in der Zeit zu
verlieren. Es gibt dennoch keine Zeitkarte der Zeitlinien. Aber eine
begrenzte Kommunikation ist möglich. Als der Segler von der Zeitschliere
erfasst wurde, erteilte ich den Befehl, Aurec zu betäuben, ihn
auszuschleusen und den Tarnmodus zu aktivieren, so dass keine Ortung
oder Kommunikation durch Aurec mit dem Segler möglich ist. Dennoch
befindet sich der Segler in unmittelbarer Nähe zu Aurec, damit er den
Temporalen Schutz genießt.«
Gucky breitete die Arme aus.
»Ist ja nett, dass du nicht gleich die Selbstzerstörung aktiviert hast.«
»Nun, der Kosmogene Segler darf nicht in die falschen Hände geraten.
Meine logische Schlussfolgerung war, dass jemand Aurec absichtlich in
diese Zeit transferierte. Meine Handlungen mögen für euch nicht
nachvollziehbar sein, doch der Schutz der Technologie hat eine hohe
Priorität. Entweder Aurec gelingt es von selbst, seine Probleme in der Zeit
zu lösen, oder …«
»Es reicht jetzt«, rief Constance. »Du sendest sofort einen Befehl an den
Kosmogenen Segler, sodass Aurec ihn findet.«
ENGUYN musste den Befehl befolgen, denn er widersprach nicht dem
unmittelbaren Selbstschutz.
»So sei es denn«, bestätigte die Positronik. »Erledigt.«
Constance nickte zufrieden. Sie raufte sich die Haare und atmete tief
durch.
»So, was machen wir jetzt? Bleiben wir in der Temporalen Anomalie und
reden mit den Takhal Gud Looter?«
Gucky fühlte sich wie ein Vollpfosten. Es fehlten ihm einfach die
Zusammenhänge. Die Takhal Gud Looter waren was für eine Fraktion? Er
wusste, dass eine Nymphomanin mit dem Namen Rasha und ihre zwei
Begleiter Wulfar und Otnand offenbar Spione der Takhal auf der ATOSGO
waren. Sie waren in den Putsch gegen die LFG verwickelt, schienen aber
ihr eigenes Süppchen zu kochen. In der Milchstraße waren diese Takhal
jedenfalls nicht bekannt. Kurz bevor diese ganze Kacke anfing, sprachen
die Takhal von einem Kosmotarchax, was auch immer das war. Vom
Namen her musste es jedenfalls etwas mit den beiden Kosmotarchen
DORGON und MODROR zu tun haben. Die Takhal schienen ebenfalls
bestens auf das Zeitchaos vorbereitet zu sein und waren auf der Jagd nach
den ominösen Kosmogenen Chroniken.
»Reden kann ja nicht schaden«, stellte Gucky fest.
ENGUYN sendete ein Hyperfunkspruch. Es dauerte nicht lange, bis dieser
Wulfar als Hologramm erschien.
»Hier spricht Wulfar, Sohn des legendären Wulgast und Kommandant der
ROVERSTJERNER.« Er hielt inne und betrachtete Gucky, Constance und
ENGUYN. »Händigt uns die Kosmogenen Chroniken aus. Euer Leben wird
geschont, wenn ihr winselnd vor dem großen Taka um Gnade fleht.«
»Händigt ihr uns doch die Kosmogenen Chroniken von euch aus und
winselt vor mir im Staube, dem großen Sonderoffizier Guck, Sohn des
Planeten Tramp und Alles-zugleich-Töter
Wulfar grinste.
»Dein Ruf ist legendär, Mausbiber. Deine Tapferkeit, deine Gaben und
dein schwarzer Humor wurden in vielen Geschichten erwähnt. Doch der
Kosmotarchax ist ausgebrochen. Die Besatzung eures Raumschiffes besteht
bestenfalls aus Dilettanten. Wir brauchen die Chroniken. Erhalten wir sie
nicht, müssen wir darum kämpfen. Bereitet euch darauf vor, geentert zu
werden.«
Wulfar beendete die Verbindung.
»Na, das war ja ein nettes Gespräch«, meinte Gucky. »Vorschläge?«
Gucky wusste, dass sie einem Enterkommando dieser Takhal nichts
entgegensetzen konnten. Er hatte eine Handvoll Takhal Gud Looter auf der
ATOSGO kämpfen sehen.
»Wir benötigen zwei Dinge, Waffen und eine Besatzung«, sagte
ENGUYN. »In der Tiefe des Chaos befindet sich ein Depot für die
CASSIOPEIA. Dort müssen wir hin.«
ENGUYN erklärte, dass die Tiefe des Chaos das Grundgerüst für das
Zeitchaos war. Die Tiefe des Chaos war ein interdimensionaler Raum, an
dem die Zeit keine Rolle spielte. Sie war um das Kosmonukleotid
TRIICLE-3 gebaut und mit ihm verbunden. Das Rideryon war dort
verankert.
»Außerdem raubt die Tiefe des Chaos die Vitalenergie eines Wesens. Der
Schleier der Lethe legt sich über deine Erinnerung und man vergisst
irgendwann alles. So kann man auch in der Tiefe des Chaos buchstäblich
verloren gehen«, ergänzt Constance.
»Klingt ja wie ein Ort, wo man unbedingt hin muss«, meinte Gucky.
»Die Kosmogenen Segler als auch die CASSIOPEIA schützen vor diesem
Effekt. Es sind die blaue Aura der Chroniken, aber auch die Legierung der
Raumschiffe, die Lebewesen vor den lebensgefährlichen Einflüssen durch
die Tiefe des Chaos schützen«, führt ENGUYN weiter aus.
Demnach war ein Flug an Bord der CASSIOPEIA sicher. Gucky wusste
nicht, wie es um Außeneinsätze bestellt war, doch das würde sich schon
klären.
»Es gibt in der Tiefe des Chaos Stationen. Wir nennen sie Terra-Stationen.
Sie sind ein Stützpunkt, eine Raststätte zwischen unseren Reisen gewesen.
Vermutlich liegt dort ein Depot.«
Constance blickte ENGUYN fragend an.
»Deine Vermutung ist korrekt.«
Gucky klatschte in die Hände.
»Dann nichts wie hin!«
Hetzjagd der Takhal
Der Boden der CASSIOPEIA zitterte unter dem Beschuss der
ROVERSTJERNER. Gucky empfand das Vibrieren schon fast als
Fußmassage, doch das Geschrei der Mitarbeiter der CACC verriet ihm, dass
die weniger entspannt waren.
Constance Beccash stützte sich an einem Geländer ab. Gucky lächelte
milde.
»Das sind Warnschüsse. Ich glaube nicht, dass die uns ans Leder wollen.«
»Nein, sie wollen uns entern. Dann vergewaltigen sie mich, und du wirst
ein Bettvorleger. Ist das besser?«
Gucky winkte ab. Die Hexe sah viel zu schwarz. Allerdings mussten sie
das Adlerraumschiff der Takhal Gud Looter abschütteln. Gucky begriff erst
langsam die Möglichkeiten. Eine Temporale Anomalie bot ihnen mehrere
Zugänge zu unterschiedlichen Zeitebenen. Das war eine Fluchtmöglichkeit.
Allerdings war es wohl ungewiss, in welcher Zeitlinie sie herauskommen
würden. Offenbar verfügten die Takhal über eine Art Raum-Zeit-Ortung. Es
war also nicht sicher, ob sie entkommen konnten.
»Die STERNENZITADELLE der Takhal geht auf Abfangkurs«,
berichtete ENGUYN sachlich.
»Was gedenkst du zu tun?«, wollte Gucky wissen.
»Da wir nicht kämpfen können, müssen wir einen anderen Kampf zu
ihnen bringen«, orakelte die Positronik.
Auf dem Hologramm sah Gucky die CASSIOPEIA in Form eines
silbernen Punktes. Sie beschleunigte, manövrierte durch die Gasse, die von
zwei Tryortan-Schlünden gebildet wurde, doch die ROVERSTJERNER
blieb hinter ihr. Die STERNENZITADELLE hingegen flog einen Bogen,
der unweigerlich ihre Bahn kreuzen würde. Die CASSIOPEIA schlug mit
einer scharfen Wende nach Steuerbord einen Kurs ein, der sie zum Rand der
Temporalen Anomalie brachte. Dann verließ sie die Anomalie. Vor ihnen
lag der Weltraum.
Die Außenbordkameras der CASSIOPEIA übertrugen die Aufnahmen
direkt in die Zentrale. Es sah aus, als befänden sie sich mitten im Weltraum.
Gucky sah Sterne. Die Sterne der Milchstraße und Galaxien aus der
Lokalen Gruppen und dem Virgo-Haufen.
»Wir befinden uns immer noch im Alpha-Centauri-System.«
Eines der helleren Lichter war vermutlich Sol. Alpha Centauri lag nur 4,3
Lichtjahre vom Solsystem entfernt.
»Wo ist das Wrack der Solaren Residenz?«, wollte er wissen.
»Es gibt kein Wrack der Solaren Residenz«, lautete die nüchterne
Antwort, die Gucky nicht akzeptieren wollte. Er watschelte zu einer
Konsole und überzeugte sich selbst von den Messergebnissen. ENGUYN
hatte recht. Wie war das möglich? Waren sie in einer anderen Zeit
gestrandet?
»Welches Jahr schreiben wir?«
»2046 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Präzise formuliert ist es der 1.
März 2046 NGZ. Doch du wirst hier keine Wracks finden.«
»Ach ja? Wieso nicht?«
Gucky blickte das ENGUYN-Hologramm trotzig an.
»Weil das eine andere Zeitlinie ist. Deine bekannte Linie ist erloschen und
mit ihr die Relikte dieser Zeitlinie. Du suchst nach etwas, was niemals
existiert hat.«
Aber das war unmöglich. Er existiert doch. Gucky erinnerte sich an die
Ereignisse, überhaupt an sein ganzes Leben. All das, was er in 3000 Jahren
erlebt hatte, sollte gar nicht geschehen sein? Einfach so gelöscht durch
diese Manipulation?
»Wir haben Probleme, Leute«, meinte Constance.
»Wenn du damit auf die Wachflotte am Rand des Systems anspielst, so
sind sie Teil meines Plans«, erwiderte ENGUYN.
Gucky betrachtete die Ortungsergebnisse. 150 Raumschiffe patrouillierten
in einer Distanz von 719 Millionen Kilometern zu ihnen in einer
kreisförmigen Bahn um Alpha Centauri herum. Die Analyse ließ ihn
hochschrecken. Das waren Supremo-Raumschiffe des Quarteriums. Wie
konnte das sein? Das Quarterium in der Milchstraße? Hatte diese fremde
Thora vielleicht doch recht gehabt?
Ein roter Punkt erschien auf der Holokarte. Die ROVERSTJERNER
verließ die Temporale Anomalie. Gucky brauchte Antworten. Er
teleportierte in den Lagerraum, in dem die Quarterialen gefangen gehalten
wurden.
Thora saß auf einer Kiste. Sie blickte auf.
»Ich muss dir etwas zeigen«, sagte Gucky und streckte die Hand aus. Sie
stand auf und griff zu. Einen Moment später standen sie bei ENGUYN und
Constance Beccash. Thoras Blick fiel auf die Karte.
»Faszinierend. So viele Supremo-Raumschiffe. Ich brauche mehr Daten.
Wir müssen mit ihnen in Kontakt treten.« Sie eilte zur Konsole, doch blieb
abrupt stehen. Gucky hielt sie telekinetisch fest.
Thora ballte die Fäuste.
»Sofort loslassen, Ratte!«
»Ich gebe zu bedenken, dass dies ein Verband des Quarteriums aus dem
Jahre 5633 ist. Sie sollten Ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben.
Dennoch sehe ich diesen Kampfverband als unsere kurzfristige und
temporale Rettung an«, sprach ENGUYN.
Ein weiterer roter Punkt blinkte auf. Es war die STERNENZITADELLE.
Thora betrachtete die Anzeigen der Supremos mit halb geöffnetem Mund.
In ihren Augen stand Hoffnung, aber auch Neugier. Sie hob die Hand und
strich fast schon liebevoll mit einem Finger über die holografische Anzeige
des Supremoverbands.
Die Supremos waren die Standardraumschiffe des Quarteriums,
Kugelraumer mit einem dicken Ringwulst, der zu einem runden Zylinder
zusammenlief. Es wirkte, als hätte der Kugelraumer eine Art Schwanz. Die
Supremos waren im 14. Jahrhundert NGZ gefürchtet gewesen, denn sie
waren den Schiffen aus der Milchstraße überlegen. Es gab unterschiedliche
Typen. Die größte Klasse war die EL CID, das Flaggschiff des Emperador
de la Siniestro mit einem Durchmesser von 5.000 Metern. Weitere
Supremos hatten 2.500 Meter, 1.500 Meter, 1.000 Meter oder 500 Meter
Durchmesser. Es gab auch kleinere Kreuzer. Damals hatte das Quarterium
die Solare Flotte als Vorbild genommen. Gucky fragte sich, ob das immer
noch der Fall war.
Thora sah den Mausbiber an.
»Ich verlange, dass du mich sofort auf ein quarteriales Raumschiff
teleportierst.«
Gucky schüttelte den Kopf.
»Das wird nichts, Lady Thora Sternenstaub!«
Thora ballte die Hände zu Fäusten und presste die Lippen zusammen.
»Dann erlaube mir wenigstens, mit dem Verband in Funkkontakt zu treten.
Ich werde ihnen befehle, uns vor der STERNENZITADELLE und
ROVERSTJERNER zu beschützen.«
Das hörte sich durchaus vernünftig an, fand Gucky. Er erteilte ENGUYN
den Befehl.
Es dauerte dreißig Sekunden, bis das Hologramm eines Terraners vor
ihnen erschien. Der Mann war im mittleren Alter, vielleicht achtzig oder
neunzig Jahre alt, hatte ein kantiges Gesicht ohne Bart und blaue Augen. Er
trug die grauschwarze Uniform eines Befehlshabers. Die Kapitänsmütze saß
schräg auf dem Kopf.
»Oberstleutnant Andrian Preen, Kommandant der Raumwachflottenpulks
17«, stellte er sich vor. »Mit wem habe ich das Vergnügen?«
Thora ergriff die Initiative.
»Erkennen Sie mich nicht, Oberstleutnant? Ich bin die Imperatrice Thora
da Zoltral de la Siniestro. Mein Schiffsverband geriet in eine Temporale
Anomalie, und wir fanden Asyl auf diesem Raumschiff. Wir werden von
Piraten verfolgt. Ich verlange, dass Ihr Flottenpulk die CASSIOPEIA
schützt und umgehend eine Hyperfunkverbindung zum Emperador
herstellt.«
Preens Gesichtszüge wirkten nun nicht mehr so cool wie bisher. Verdutzt
drehte er sich um.
»Das war ein Befehl, Oberstleutnant«, ergänzte Thora kühl.
»Madam, bei allem Respekt, aber Sie sind bestimmt nicht Imperatrice
Thora. Die erste Gemahlin des Emperadors ist vor dreitausend Jahren
gestorben. Es stimmt, sie starb in dieser Temporalen Anomalie bei einem
Aufklärungsflug. Doch das war… Moment.. 2043?«
»Sie sehen doch, dass ich lebe, Terraner! Wieso sind Sie so
begriffsstutzig?«
Sie atmete tief durch.
»Sie sprechen vom Jahre 2043 in der Vergangenheit. Welches Jahr
schreiben wir?«
Preen verdrehte die Augen.
»Wir haben den 29. März 5633 Anno Domini.«
Thora erstarrte. Sie sah Gucky ungläubig an. Und dann zu Constance
Beccash. Der Mausbiber hatte genau das erwartet, aber auch ihn schockierte
es. Das Jahr 5633 A.D. entsprach 2046 Neuer Galaktischer Zeitrechnung.
ENGUYN hatte recht. Sie waren in ihrer Zeitlinie, doch alles hatte sich
verändert. Die Arkonidin kannte die Erklärungen von ENGUYN nicht,
doch auch sie musste feststellen, dass sie heimatlos war. Gucky trat ins
Sichtfeld der Videoübertragung. Oberstleutnant Preen zuckte zusammen.
»Sondergeneral, Sie sind auch hier? Wie … kann das sein?«
Gucky zeigte sich nicht überrascht.
»Das ist nicht Ihre Gehaltsklasse, Preen! Ich fordere den Schutz unseres
Schiffes. Sie sehen bestimmt die beiden sich nähernden Raumschiffe.
Halten Sie sie von uns fern. Nur aufhalten und nicht vernichten. Falls nicht
…«
Gucky wusste nicht, welche Rolle er in dieser Zeit spielte, doch offenbar
flößte er dem Quarterialen Respekt ein, mehr als die tot geglaubte Thora.
Seine unausgesprochene Drohung trug offenbar Früchte.
»Jawohl, Herr Sondergeneral! Achtung, Alarmbereitschaft. Abfangkurs
auf diese beiden fremden Schiffe«, rief Preen.
Der Verband der Supremo-Raumern formierte sich neu. Das war die Zeit,
die Gucky und die anderen benötigten.
»Eine Frage, Herr Oberstleutnant«, meldete sich Thora. Sie hatte sich
wieder gefasst. »Der Emperador hat demnach neues Glück gefunden?«
Preen stieß einen Pfiff aus, blickte offenbar auch auf die Projektion der
Kampfformation. Er schien wohl keine Zeit mehr für das Geschwätz einer
Geisteskranken zu haben, für die er Thora wohl hielt.
»Lady, die Imperatrice des Vereinten Imperiums Lemuria ist Mirona
Thetin. Das weiß doch jedes Kleinkind.«
Ach du Scheiße, dachte Gucky nur.
»Wenn Sie mich entschuldigen, ich habe einen Kampf zu führen. Bleiben
Sie auf Ihrer Position.«
Das werden wir bestimmt nicht, erwiderte Gucky im Geiste. ENGUYN
beendete die Verbindung. Thora blickte Gucky fragend an. »Ich kenne
keine Mirona Thetin.«
Gucky seufzte.
»Dafür ich umso besser. Wenn die Mirona aus dieser Zeitlinie ähnlich ist
wie die in unserer, hat sich da ein schreckliches Herrscherpaar gebildet.«
Mirona Thetin, Meister der Insel, Faktor I. Sie war in seiner Zeitlinie die
Beherrscherin der Galaxis Andromeda gewesen. Ihr Imperium hatte sie
durch Skrupellosigkeit, Terror und Heimlichtuerei aufgebaut. Thetin ging
über Leichen.
Gucky kicherte zynisch.
»Mirona hatte versucht, die AETRON zu zerstören, um zu verhindern,
dass sich die Zeit so entwickelt, wie ich sie kenne. Sie war eine Meisterin
der Zeitreisen und Zeitmanipulationen. Kein Wunder, dass sie jetzt hier ist.«
»Was ist aus ihr in deiner Zeit geworden?«, wollte Thora wissen.
»Atlan hat sie getötet, als sie versuchte, die Zeit zu verändern. Nagt noch
heute an ihm.«
»Wieso?«
»Weil er sie liebte.«
Der Flottenverband verwickelte die Takhal Gud Looter in ein
Raumgefecht. ENGUYN nutzte die Verwirrung. Die CASSIOPEIA nahm
Kurs auf die Temporale Anomalie. Sie ignorierte die Funksprüche des
Quarteriums und verschwand in der Anomalie. ENGUYN lokalisierte eine
Zeitschliere ein Weg in eine andere Zeitebene oder direkt in die Tiefe des
Chaos. Es war der beste Weg, um den Takhal Gud Looter vorerst zu
entkommen.
»Wo sind wir jetzt?«, wollte er wissen.
Die Außenbordkameras zeigten einen schwarzen Raum. In der Ferne war
ein Band aus Himmelskörpern zu entdecken. Sie zogen sich in Form einer
Doppelhelix durch die Schwärze.
»Wir befinden uns in der Tiefe des Chaos«, erklärte ENGUYN. »Die
CASSIOPEIA benötigt eine Reparatur. Wir werden eine Terra-Station
aufsuchen müssen.«
Gucky deutete auf die Doppelhelix.
»Ist das eine Art abgewandelte Form eines Moralischen Codes?«
»Das sind Proto-Welten, lieber Freund«, erklärte Constance. »Das sind
Welten, die unfertig sind oder devolutioniert wurden. Sie sind zum
Austausch mit den Planeten vorgesehen, wie wir sie kennen. Manche
wirken wie Ersatzteillager. Wir sind in der Schmiede der Kosmotarchen.«
Gucky war verblüfft. Physikalisch war so eine Anordnung von Planeten
schwer zu erklären.
»Vereinfacht ausgedrückt und für Wesen unterer Intelligenzstufe
zutreffend formuliert«, ergänzte ENGUYN. »Wir werden 666-Rückwärts
aufsuchen. Dort befindet sich eine Terra-Station.«
Gucky wollte wissen, was eine Terra-Station ist, doch ENGUYN fuhr fort:
»Thora, die Situation erlaubt es Ihnen, sich frei auf der CASSIOPEIA zu
bewegen. Sie stellen keine unmittelbare Gefahr dar und müssen vermutlich
die traumatischen Erlebnisse verarbeiten. Möglicherweise nutzen Sie die
ein oder andere Annehmlichkeit der CASSIOPEIA.«
Annehmlichkeiten? Was konnte sie schon von diesen abscheulichen
Nachrichten ablenken? Sie galt als tot. Sie war 3590 Jahre in dieser
Temporalen Anomalie gewesen und hatte alles verloren. Ihren Ehemann,
ihre Macht und Arkon. Thora da Zoltral war im Quarterium bedeutungslos
geworden. Sie rang mit ihrer Fassung und wollte sich keinesfalls vor dieser
Ratte und der brünetten Hexe eine Blöße geben. Sie setzt ihr unnahbares
Lächeln auf und sagte: »Ich werde mich sicherlich vergnügen.«
Thora machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Zentrale. Sie wusste,
dass sie unter Beobachtung stand. ENGUYN hatte vermutlich überall
Kameras; Constance und Gucky waren Mutanten und konnten sie
zumindest spüren. Sie ging den Korridor entlang. Die CASSIOPEIA war
ein durchaus schönes und sauberes Raumschiff. In regelmäßigen Abständen
standen Pflanzen in grauen Töpfen auf dem Boden. Für ihren Geschmack
war die CASSIOPEIA zu zivil eingerichtet. Immerhin war es doch laut
diesem ENGUYN die letzte Hoffnung gegen die Zeitapokalypse.
Sie ging durch ein Foyer, an das leere Restaurants, Einkaufszentren und
Clubs grenzten. Wo waren die Soldaten, die Wissenschaftler? Wo war die
Crew? Das Schiff war faktisch leer. Ihre quarterialen Soldaten könnten das
Schiff vermutlich sehr einfach übernehmen. Nein, vermutlich war
ENGUYN in Personalunion Positronik und Crew. Sicher gab es unzählige
Sicherheitsmechanismen. Und was würde es ihr bringen? Vorerst war es
vielleicht besser, die Zeit zu nutzen und mehr herauszufinden.
Sie hörte ein Klappern. Es kam aus einem Raum, über dessen Eingang in
bunten Lettern »Mubiko stand. Sie wusste damit nichts anzufangen,
folgte aber dem Geräusch. Das Licht war gedimmt, sie erkannte einen
Tresen, an dem drei Humanoide saßen.
Der eine hatte blaue Haut und musste ein Ferrone sein. Sein Haar war rot
und wirr. Der Mann trug ein kariertes Hemd und eine braune Hose. Neben
ihm saß ein ziemlich heruntergekommener Terraner mit weißem Haar und
Bart. Der Dritte im Bunde wirkte wie ein Zaliter, hätte aber auch Terraner
sein können. Er stand hinter dem Tresen und schenkte sein Glas mit
Schnaps voll.
»Holla, die Waldfee«, meinte der Weißhaarige. »Schöne Lady aus den
Sternen. Wen haben wir denn hier?«
Dass Thora solche plumpen Anmache über sich ergehen lassen musste,
hätte sie nicht gedacht. Der Ferrone sprang auf und ging mit gestreckter
Hand auf sie zu. »Angenehm, ich bin Yeremiah Cloudsky, der superduper
Sales Manager der CACC.«
»Die CACC gibt es nicht mehr, Idiot«, sagte der Mann mit der
samtbraunen Haut und dem schwarzrötlichen kurzen Haar hinter dem
Tresen.
Cloudsky winkte ab.
»Das wissen wir doch gar nicht. Solange Ragana lebt, existiert die CACC.
Nun, der unwirsche Geselle hinter dem Tresen hört auf den Namen Hunter.
Er ist Rhodanjäger oder vielmehr Kopfgeldjäger. Der feine Herr neben mir
ist der Leitende Ingenieur der ATOSGO, Theofyr Sobrasky
»Meine Freunde nennen mich Sobby
»Ich zähle sicherlich nicht dazu«, erwiderte Thora kühl.
Sie setzte sich mit Abstand zu den anderen an den Tresen.
»Vermutlich hat dieser Laden keinen Nettoruna oder Managara?«
Hunter sah sie misstrauisch an.
»Du hast dich nicht vorgestellt, Lady
»Ich bin Thora da Zoltral de la Siniestro. Ich bin die Imperatrice des
Quarteriums. Und Sie siezen mich. Also, Barkeeper, bediene mich.«
Hunter verzog den Mundwinkel zu einer Art Lächeln.
»Sie sind also von den Quarterialen. Nun, mit Ihrem Status als Kaiserin
verhält es sich offenbar wie mit unseren Jobs. Sie sind irrelevant geworden.
Und nein, wir haben keinen arkonidischen Schnaps. Nur rudynischen.
Sowas wie Whiskey, Wein und Bier
»Whisky stammt von Terra. Dann sehen Sie nach, ob Sie einen Malt-
Whisky haben. Ich vermute, es wird keiner aus Schottland oder Irland dabei
sein.«
Hunter schien sie nicht zu verstehen. Wussten diese Typen nicht einmal,
wo sie herkamen? Sie zeigte mit dem Finger auf Sobrasky.
»Herkunft, Geschichte, Kurzfassung«, forderte sie.
»Ich …« Er stieß auf und leerte sein Bier. Thora musste sich
zusammenreißen. »Ich bin Sobby. Ich bin der LI der ATOSGO gewesen und
komme von Rudyn.«
»Nun Sie, Mister Superduper-Mann?«
»Ich bin Glosneke. Wir sind Kolonisten von Ferrol. Ich war eine große
Nummer bei der CACC.«
»Was ist die CACC?«
Thora verhörte sie regelrecht, aber es störte die drei Trinkfreunde nicht.
»Die CACC war ein galaktisches Unternehmen und hatte sich auf den
Tourismus spezialisiert«, fing Cloudsky an. Die CACC agierte auch gegen
die Liga Freier Galaktiker, die offenbar ein Planetenbund war, erfuhr Thora.
Die Anführerin der CACC zweifelte an der Existenz von Perry Rhodan.
Außerhalb der LFG wurde sogar Jagd auf Galaktiker gemacht. Das war
wohl der Job von diesem Hunter, der sie bereitwillig aufklärte: »Ich bin
Tefroder, entstamme einer Adelsfamilie und hege einen persönlichen Hass
auf Perry Rhodan.«
Sie erfuhr von dem gescheiterten Putschversuch durch die CACC und
Kulag Milton. Offenbar waren Reginald Bull und Atlan dabei gestorben.
Die Namen sagten ihr nichts. Allerdings musste Hunter zugeben, dass Bull,
Atlan und Gucky echt waren und es somit wohl auch Perry Rhodan gab.
»Ich fasse zusammen: In Ihrer Zeitlinie existiert ein Perry Rhodan, doch er
und Terra galten als Mythos, weil sie nicht in der Milchstraße waren. Die
Völker der Milchstraße wurden durch die Löschung aller Daten in ihren
Positroniken und wirrer Neueinspielungen dieser über Jahrhunderte hinweg
manipuliert«, sagte Hunter.
Hunter stellte ihr ein Glas mit einer goldbraunen Flüssigkeit hin. Sie leerte
in einem Zug und musste lachen.
»Das soll Whisky sein? Und wie dumm ist die Galaxis der Zukunft
eigentlich, sich so einfach beeinflussen zu lassen? Habt ihr keine Bücher
mehr? Keine Backups? Und wie geht ihr damit um, dass eure Zeitlinie nun
erloschen ist?«
»Wir ertränken unseren Frust«, sagte Hunter und schenkte eine Runde
Vurguzz aus. Thora lehnte ab. Sie hatte das Zeug noch nie leiden können.
»Ihr habt also doch arkonidische Alkoholika. Vurguzz wurde bereits im
Großen Imperium getrunken. Nun, was ist eure Aufgabe hier an Bord? Das
ist alles sehr verwirrend. Was ist euer Ziel?«
Thora versuchte es nun mit Freundlichkeit, auch wenn es ihr schwerfiel.
Cloudsky zuckte ratlos mit den Schultern.
»Das weiß niemand. Gucky, diese Constance und auch die Positronik
faseln etwas davon, dass die Zeitlinie verändert wurde. Es gibt keinen Perry
Rhodan mehr aber das juckt uns überhaupt nicht. Viel schlimmer ist, dass
auch Rudyn nicht mehr so ist, wie wir es kennen, und es keine CACC,
keine Milton Company mehr gibt. Vielleicht sind es auch Spinner und sie
lügen uns an.«
»Nein, ich habe selber Veränderungen erlebt. Das ist real. Allerdings, in
meiner Zeit existierte auch kein Perry Rhodan.«
»Ist ja auch nur eine Kindergeschichte«, sagte Sobrasky und rülpste.
»Gibt es irgendwo Aufzeichnungen über eure Geschichte?«
Welche vermutlich durch diese Datensintflut sehr widersprüchlich waren.
Doch sie musste es versuchen. Ihr fehlten 3500 Jahre ihrer eigenen Zeit,
und sie war hier auf einem Raumschiff mit Leuten, die offenbar aus einer
Art Paralleluniversum stammten.
»Scheiß drauf. Wir saufen, bis wir umfallen«, rief Sobrasky und donnerte
das Glas so heftig auf den Tisch, dass es zerbrach. Hunter stellte ein Neues
hin und füllte nach.
»Wie viel Leute seid ihr?«
»Außer uns drei sind es noch Ragana ter Camperna und ihre beiden
Ziehsöhne Vopp und Topp sowie zwei Putzkräfte und drei Rezeptionisten«,
antwortete Cloudsky.
»Wer ist sonst noch an Bord?«
»Niemand«, kam die Antwort von Hunter.
Das gefiel Thora sehr. Elf von diesen Trotteln als Crew. Die waren keine
Gefahr für ihre Soldaten. Einzig Gucky und ENGUYN standen im Weg.
Thora brauchte mehr Informationen. Vorerst würde sie sich ruhig und
kooperativ verhalten. Vorerst …
Köln 1971
5. August
Olaf Peterson war im Jahre 1971 Journalist für die Berliner Morgenpost. Er
schrieb über die Ereignisse der ersten Mondlandung. Die STARDUST unter
dem Kommando von Michael Freyt war auf etwas gestoßen, was geheim
gehalten wurden. Peterson reiste auf Geheiß seines Redakteurs nach Köln,
um den dort stationierten ehemaligen Kommandanten der STARDUST zu
finden. Er hieß Perry Rhodan.
Ich stand auf der Deutzer Brücke und blickte auf den Rhein. Hier war ich
nun, ein Reporter aus West-Berlin auf der Suche nach einem
ausgemusterten Astronauten der US Space-Force. Olaf Peterson suchte
Perry Rhodan. Vielleicht würde das der Titel meines Artikels werden.
Ich blickte auf den Kölner Dom, jene architektonische Meisterleistung aus
dem Spätmittelalter. Die Kathedrale mit den zwei hohen spitzen Türmen
war das Wahrzeichen der Rheinmetropole. Rechts davon befand sich der
Hauptbahnhof. Köln gehörte neben München, Frankfurt und Hamburg zu
den wichtigsten Städten in Westdeutschland.
Ich hatte mich immer noch nicht an das im Vergleich zu Köln viel kleinere
Bonn als Haupt- und Regierungsstadt der Bundesrepublik Deutschland
gewöhnt.
An diesem Montagnachmittag war es heiß. Die Temperatur musste auf 30
Grad zusteuern. Immerhin knallte die Sonne mir nicht auf den Deez, da
viele Wolken am Himmel hingen.
Die Menschen schoben sich über die Brücke. Eine Gruppe knackiger
Frauen in Hotpants, Miniröcken, mit hohen Stiefeln oder High Heels
spazierte die Brücke entlang. Einige von ihnen hatten ihr Haar zu
Turmfrisuren hochgesteckt, andere ließ es wallend über die Schultern
hängen.
Den Blick für die Männer hast du allerdings nicht, mahnte Harry.
Erwischt, du weißt doch, dass ich nur auf das andere Geschlecht stehe.
Schon klar, doch bei deiner Begutachtung, wie eng die Röcke sind, ist dir
die Gruppe an Uniformierten entgegen, die links an uns vorbeizogen.
Ich blickte in die Richtung. Das waren tatsächlich Soldaten in den blauen
Uniformen der US Air Force. Perry Rhodan würde nicht unter ihnen sein.
Aber vielleicht kam ich an Informationen.
Ich hasste es, so aufdringlich zu sein, doch mir blieb keine andere Wahl.
Ich konnte schlecht ohne Einladung in den Luftwaffenstützpunkt gehen.
»Hallo?«, rief ich laut und winkte. Die Männer hörten mich nicht, dafür
starrte mich ein Hippie mit langen braunen Haaren, langem braunen Bart
und einem langen Gewand verdutzt an. Ich eilte an ihm vorbei und rief
noch zweimal. Endlich drehte sich einer der Offiziere um. Der Mann war
hager und hochgewachsen. Er sah mich misstrauisch an.
»Entschuldigen Sie bitte, mein Name ist Olaf Peterson von der Berliner
Morgenpost«, sagte ich in Englisch und hielt ihm zur Bestätigung meinen
Presseausweis entgegen. Der Mann mit den Sommersprossen nahm den
Ausweis und sah ihn sich an.
»Ich spreche gut deutsch. Was kann ich für Sie tun, Mister Peterson?«
»Ich suche Perry Rhodan.«
Der Mann blickte mich überrascht an. Er meinte, ich solle kurz warten,
und unterhielt sich mit seinen drei Kameraden, welche auf der Brücke
weitergingen. Gut, umgeben von hunderten Menschen, die die Brücke
entlangingen.
»Mister Peterson, was wollen Sie von Major Rhodan?«
»Fragen über das Unternehmen STARDUST stellen. Wieso wurde er
abberufen und nach Deutschland versetzt? Und das obwohl er erst kürzlich
eine Umkreisung des Mondes erfolgreich absolviert hat. Oder hat er etwas
entdeckt?«
Der Offizier atmete tief durch und nahm die Mütze vom Kopf. Sein
blondes Haar war borstig. Er mochte vielleicht Mitte Zwanzig sein und war
noch sehr jung für einen Offizier.
»Sie reden einen Leutnant der US Air Force mitten in Köln an und
glauben ernsthaft, ich beantworte Ihre Fragen?«
»Fangen wir doch mit einer leichten Frage an. Wie ist Ihr Name, Sir?«
Sah ich da den Ansatz eines Schmunzelns?
»Deringhouse! Leutnant Conrad Deringhouse.«
Er setzte die Mütze wieder auf. Ein Pärchen schob sich an uns vorbei. Sie
hatte dunkles, gelocktes Haar und er wirkte mit seinem Bierbäuchlein
gemütlich. Beide verschwanden in der Masse.
»Rhodan ist offenbar in der Airbase Hahn stationiert. Ihren Reaktionen
nach kennen sie ihn. Ich will doch bloß mit ihm reden. Er ist doch noch
weiterhin Major und kein Gefangener der MP
»Das ist korrekt, Sir! Doch möglicherweise möchte er einfach nicht mit
der Presse reden oder alles über die Mondmission unterliegt der strengsten
Geheimhaltung. Außerdem ist Rhodan natürlich bekannt bei seinen
Kameraden. Glauben Sie etwa nicht, dass man sich fragt, wieso er und sein
Freund Captain Bull von der Mondmission abgezogen wurden? Ich werde
Ihnen dennoch keine Fragen beantworten, Sir!«
»Das verstehe ich«, musste ich eingestehen. Doch ich ließ ihm eine
Hintertür offen und zückte meine Visitenkarte. Ich nahm einen Stift aus der
Hemdtasche, schrieb die Telefonnummer des Excelsior-Hotels drauf und
gab sie ihm. Deringhouse blickte auf das Kärtchen, als wäre es
Bestechungsgeld. Er rang mit sich selbst.
»Nehmen Sie die Karte und sagen Sie Rhodan, ich bin noch mindestens
bis zum 10. August in Köln. Sagen Sie ihm, wenn er will, kann er mich für
ein Interview erreichen. Wenn er etwas auf dem Mond entdeckt hat, ist es
vielleicht zu groß, um es geheim zu halten.«
Das erste Mal seit der Mondmission begriff ich plötzlich die Tragweite der
ganzen Unternehmung. Was war denn, wenn Perry Rhodan wirklich
während der Mondumkreisung etwas entdeckt hatte, er deshalb abgezogen
worden war und die US Space Force das Entdeckte während der Mission
STARDUST zur Erde gebracht hatte? Was wäre, wenn der Ostblock und die
Asiatische Föderation richtiglagen?
Ich war möglicherweise an etwas ganz Großem dran.
Deringhouse nahm schließlich die Karte und steckte sie in seine
Hemdtasche.
»Wir werden das intern besprechen und falls es eine Bereitschaft zu einem
Interview gibt, uns mit Ihnen in Verbindung setzen.«
»Danke«, sagte ich und meinte es aufrichtig. Doch so ganz ohne eine
Information wollte ich Deringhouse noch nicht gehen lassen.
»Wenn ich doch recht habe, was dann? Die Töne des Ostblocks und der
Asiatischen Föderation sind recht harsch. Denken Sie, dass es zum
Weltkrieg kommen wird?«
»Wir Soldaten sind immer in Bereitschaft, ganz egal ob Space Force, Air
Force, Marines oder Navy. Wir müssen immer bereit sein.« Er seufzte, und
ich erkannte eine gewisse Unsicherheit in seinen Augen.
»Die Zeiten sind turbulent. Wir haben erhöhte Alarmbereitschaft.
Vielleicht sollten Sie auch in nächster Zeit mal Urlaub auf dem Land
machen, statt sich in Großstädten herumzutreiben und GIs nachzustellen.«
Leutnant Conrad Deringhouse nickte mir zu, drehte sich um und ging
weg. Ich blickte ihm noch eine Weile hinterher, ehe er in der Menge
verschwand. Nun hieß es abwarten.
Greta senkte sich keuchend auf meine Brust und atmete schnell. Ich atmete
auch tief durch. Sie kicherte und legte sich angekuschelt neben mich. Greta
war Schwedin. Wir hatten uns in einem Café am Rheinufer kennengelernt.
Sie war Studentin aus Stockholm und mit ein paar Freundinnen in den
Semesterferien nach Köln gereist. Sie war eine willkommene Abwechslung,
mit ihren blauen Augen, den blonden Haaren und den langen, schlanken
Beinen. Und sie vertrieb die Enttäuschung über Tina aus Berlin.
Ich frischte mein Schwedisch etwas auf, oder wir redeten in einer Sprache,
die die ganze Welt verstand. Ich blickte auf die Uhr. Der Morgen des 6.
August brach an. Ob Perry Rhodan sich noch bei mir melden würde?
Wer wusste schon, ob dieser Leutnant Deringhouse ihm die Karte
überhaupt übergeben hatte. Ich wusste ja nicht einmal, ob die beiden im
selben Stützpunkt stationiert waren. Bis dahin musste ich mir wohl mit
Greta noch etwas die Zeit vertreiben. Sie lächelte mich an, wir küssten uns.
Das konnte den ganzen Tag so weitergehen. Sie setzte sich wieder auf mich,
als es an der Tür klopfte. Was zum Teufel? Wer wagte es?
Ich schob sie sanft herunter, stand auf und zog meine Hose an. Es klopfte
erneut.
»Ist ja gut. Gleich.«
Ich flüsterte Greta zu, sie soll sich etwas überziehen, und öffnete die Tür.
Ein hochgewachsener blonder Mann mit hellen Augen stand in einem
schwarzen Anzug vor mir. Das kam mir schon seltsam vor.
»Herr Olaf Peterson?«
Das ist eine Fangfrage.
»Was ist denn, wenn ich sage, dass ich derzeit Harry bin?«
»Und ich bin Perry Rhodan«, sagte der blonde Mann im Anzug.
Lächerlich.
»Nein, das sind Sie nicht.«
»Und Sie sind nicht Harry
»Naja, so ganz kann man das nicht sagen«, meinte ich nur, doch es war
vielleicht zu verwirrend, um über meine Schizophrenie zu sprechen. Der
Unbekannte erwähnte jedenfalls den Namen von Perry Rhodan. Hatte
Deringhouse ihn verpfiffen?
»Mein Name ist Klein.«
Das musste wohl auf etwas anderes als seine Körpergröße bezogen sein.
»Ich bin Albrecht Klein, Leutnant der International Intelligence Agency
der NATO. Sie haben mit Ihren Fragen gestern für Aufsehen gesorgt. Mein
Chef möchte Sie sehen. Folgen Sie mir also in die Lobby, in Ordnung?«
Nein, nichts war in Ordnung. Solche Organisationen kannte ich doch.
Diese Agenten würden mich irgendwo entsorgen. Ich hatte alle sechs
James-Bond-Filme gesehen und wusste, wie das ablaufen würde.
Hinter Leutnant Klein tauchte ein zweiter Agent der IIA auf. Er war
gedrungen und hatte rotes, kurzes Haar.
»Das ist Sergeant O’Healey. Sie dürfen sich natürlich noch anziehen.«
Das war ausgesprochen rücksichtsvoll. Ich überlegte angestrengt, wie ich
entkommen konnte. Und wo war Greta eigentlich? Sie lag nicht mehr im
Bett. Klein und O’Healey betraten mein Appartement. Greta kam halbnackt
aus dem Badezimmer und erregte die Aufmerksamkeit der beiden Agenten.
Ich ergriff die Initiative und rannte aus dem Zimmer, doch nach wenigen
Schritten spürte ich die Pranke eines der Agenten an meinem Nacken. Er
zog mich wieder zurück und schubste mich auf den Stuhl.
»Hinsetzen, anziehen und mitkommen«, lautete der knappe Befehl von
O’Healey.
»Und für Sie gilt das mit dem Anziehen auch, Fräulein! Wohin Sie dann
gehen, bleibt Ihnen überlassen.«
Klein räusperte sich. Er wirkte etwas verlegen in Anbetracht von Gretas
nackten Brüsten. Klein blickte mich erwartungsvoll an. Offenbar sollte ich
mich beeilen. Doch wieso sollte ich seiner Aufforderung nachkommen? Je
schneller ich mich anzog, desto schneller würden sie mich erschießen und
mit einem Stein am Bein im Rhein versenken. Ich war so gut wie tot.
Greta hatte sich schnell angezogen und knapp mit einem »Hejda«
verabschiedet. In Zeitlupe stand ich auf und zog mir die leichte Jacke über.
Mein Herz raste, je mehr ich die Gewissheit erlangte, dass das
Unvermeidliche unabwendbar war.
Wortlos folgte ich den beiden Männern durch den Korridor, die Treppen
hinunter bis ins Foyer. Wir verließen die Lobby nach draußen. Klein deutete
auf einen Mann, der uns den Rücken zugekehrt hatte. Er trug ebenfalls
einen schwarzen Anzug und hatte auf dem Kopf nur einen dünnen
goldblonden Haarkranz. Er war nicht groß und betrachtete offenbar die
Blumen auf der Terrasse des Hotels.
Ich kam näher und sah, dass auf dem Finger des Mannes ein
Schmetterling saß, in dessen Beobachtung er vertieft war. Er drehte sich
um. Die Schläfen des Haarkranzes waren schon grau, sein Schnurrbart
hingegen eher dunkel. Er wirkte unscheinbar auf mich, ja schon fast
verstaubt und gewöhnlich, wie ein Sachbearbeiter.
»Wieso möchten Sie mit Perry Rhodan sprechen, Mister Peterson?«
»Offensichtlich sind Sie besser informiert als ich. Sie kennen meinen
Namen, doch ich nicht den Ihren.«
Der Unbekannte schmunzelte.
»Informationen sind mein Geschäft, Mister Peterson. Wir befinden uns
gerade in einer großen, ernsten Krise. Wir dürfen niemandem vertrauen und
müssen abwägen, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Ein
Artikel über Perry Rhodan in der Berliner Morgenpost dürfte das
Misstrauen des Ostblocks und der Asiatischen Förderation vergrößern.«
»Demnach haben Sie also etwas zu verbergen? Mister … Mercant?«
Der unscheinbare Mann lächelte verhalten.
»Ihre Intuition ist nicht so schlecht, wie ich vermutet habe.«
Das war wohl ein Lob. Vor mir stand also Allan D. Mercant, der Chef der
IIA der NATO, und damit ein ziemlich mächtiger Mann, der auf einem
Level mit dem Geheimdienstchef der CIA oder des MI 6 stand. Manche
verglichen ihn sogar mit dem FBI-Chef J. Edgar Hoover. Mercant galt als
Geheimdienstler, der dafür lebte, Schaden vom NATO-Bündnis
abzuwenden.
Es gab vor ein paar Jahren jedoch wohl auch mal einen Konflikt zwischen
Hoover und Mercant. Freunde waren sie jedenfalls nicht.
»Nehmen Sie doch Platz«, bot Mercant an und setzte sich selbst. Eine
Bedienung brachte Kaffee und Tee. Ich folgte dem Angebot, und auch
Klein setzte sich. Zuvor öffnete er aber penibel den Knopf seines Jacketts,
wie es sich bei Tisch gehörte.
»Leutnant, verraten Sie mir die Uhrzeit?«
Klein hob den linken Arm, und eine silberne Uhr kam zum Vorschein.
»Natürlich, Sir! Es ist 7:51 Uhr am späten Nachmittag.«
Was? Ich blickte auf die Uhr und es war 7:50 Uhr. Das war noch zu
verzeihen, aber es war morgens und nicht nachmittags.
Ein Code, du Genie, meinte Harry.
»Verzeihen Sie mir, lieber Mister Peterson, falls ich Ihnen zu nahetrete,
doch Sie sind ein mittelmäßiger Reporter für die Berliner Morgenpost, die
sich für die New York Times hält. Weil Sie nicht in der Lage sind, mit der
Besatzung der STARDUST zu sprechen, erhoffen Sie sich eine Story mit
den ehemaligen Crewmitgliedern. Diese sind frustriert, weil sie
ausgemustert wurden.«
Ich lehnte mich zurück und nahm einen Schluck Kaffee.
»Wovor haben Sie Angst, Mercant?«
»Ich habe Sorge vor falschen Rückschlüssen. Rhodan und Bull wurden
aufgrund ihrer undisziplinierten Art von der Mission abgezogen. Sie sind
verbittert und würden Ihnen eine phantastische Geschichte auftischen.
Wenn der Ostblock oder die Asiatische Föderation dem Glauben schenkt,
stehen wir am Rand des Dritten Weltkriegs. Verstehen Sie?«
»Nein, Mister Mercant. Wenn Rhodan und Bull offenbar
Wahnvorstellungen haben, wieso sind sie dann noch im Dienst? Ihre
Geschichte ist nicht logisch.«
»Sie kennen nicht alle Fakten. Ich versuche schlichtweg einen Krieg zu
verhindern. Wir beiden wissen, dass die Mittel, mit denen dieser Krieg
geführt wird, die Menschheit auslöschen würde.«
Mercant nahm seine Tasse Tee und leerte sie in einem Zug. Sie war
offenbar schon lauwarm oder er mochte heiße Getränke. Er wirkte, als hätte
er keine Zeit. Warum sprach er überhaupt mit mir?
»Offensichtlich sind Sie ein hartnäckiger Reporter. Und solche Menschen
neigen zu Dummheiten. Sie werden in dieser Angelegenheit nicht mehr
nachforschen«, sagte er nun bestimmend.
Und er hatte recht. Ich wollte da gar nicht mehr nachhaken.
Spinnst du? Der Typ beeinflusst dich. Du musst dem widerstehen.
»Nein, werde ich nicht?«, fragte ich schließlich. Ich war mir sehr unsicher.
Sollte ich auf Mercant oder auf Harry hören?
»Sie wünschen nicht mehr mit Rhodan zu reden. Sie nehmen den nächsten
Zug zurück nach West-Berlin.«
»Nein, das werde ich nicht. Wollen Sie wollen Sie mich
hypnotisieren?«
Mercant seufzte und schwieg. Er blicke auf die leere Teetasse. Klein nahm
die Kanne Tee und schenkte seinem Chef nach.
Hätte ich vielleicht ja sagen sollen?
Mercant beugte sich vor.
»Ich fürchte, Mister Peterson, Klein und O’Healey werden mit Ihnen nun
einen Ausflug machen. Ich danke für Ihre Zeit. Goodbye, Mister Peterson.«
Der Chef der IIA stand auf, seufzte und verließ den Tisch. Ich blickte ihm
nachdenklich hinterher, ehe er in einen schwarzen Mercedes an der Straße
einstieg und abfuhr. Klein stand auf und knöpfte sich das Jackett zu.
Er lächelte milde.
»Kommen Sie, wir machen eine Spritztour
Immerhin saß ich nicht gefesselt und geknebelt im Kofferraum. O’Healey
fuhr den Mercedes 200er. Albrecht Klein saß auf dem Beifahrersitz und ich
auf der Rückbank. Es war vermutlich einfacher für die Agenten des IIA,
wenn sie mich erschießen würden.
Es würde eine ziemliche Sauerei geben, wenn sich dein Gehirn hier im
Auto verteilt.
Danke Harry, danke. Genau darüber wollte ich jetzt nachdenken.
Ich stellte mir vor, wie Leutnant Albrecht Klein mit einem verschmitzten
Lächeln seine Walther PPK zückte, sie auf mich richtete und abdrückte.
Von links überholte uns ein weißer Audi, aus dem uns zwei Leute
grimmig anstarrten.
Der Kerl auf dem Beifahrersitz sah asiatisch aus. Er konnte Japaner,
Chinese oder Koreaner sein, wirkte auf mich auf den ersten Blick aber eher
chinesisch. Vielleicht war das auch nur ein Gefühl. Der Mann auf der
Rückbank rauchte, hatte blondes Haar und wirkte kräftig.
Den Fahrer konnte ich nicht erkennen, obwohl der Wagen uns sehr
langsam überholte. Fast schon so Der Typ auf dem Rücksitz zog eine
Pistole und zielte auf uns.
»Vorsicht«, rief ich und duckte mich. Ich hörte einen Schuss, das Auto
kam ins Schleudern, mir wurde ganz schlecht, dann wurde es holpriger. Ein
heftige Ruck schmerzte am ganzen Körperund mir wurde schwarz vor
Augen.
Als ich wieder zu mir kam, hörte ich eine Stimme.
»Sind Sie in Ordnung?«
Die Stimme gehörte Klein. Er packte mich am Arm.
»Kommen Sie, wir müssen raus.«
Erst jetzt sah ich, dass er am Kopf blutete. Ich blickte zu O’Healey. Der
Ire lag leblos über dem Lenkrad und blutete aus dem Kopf. Der Schuss
hatte ihn getroffen. Was ging hier vor?
Der Wagen war gegen eine Mauer gekracht. Ich sah den Rhein vor mir.
Passanten standen um uns herum. Klein stieg aus, ich folgte stolpernd.
»Wir müssen untertauchen. Dorthin!«
Wir eilten über die Straße in eine Nebengasse mit Pflastersteinen. Der
weiße Audi kehrte zurück. Der Chinese und der blonde Raucher stiegen aus
und sahen sich um. Vermutlich würde es hier bald vor Polizei wimmeln. Ein
Mord auf offener Straße blieb nicht lange verborgen.
»Sieh mal einer an«, murmelte Klein. »Unsere Freunde vom Ostblock und
der Asiatischen Föderation.«
Klein zückte seine Waffe. Er schubste mich nach vorne, so dass ich gut
sichtbar war. Was sollte das? Klein ging ein paar Schritte zurück und
versteckte sich in einem Hauseingang. Ich schritt instinktiv zurück, warf
aber einen Blick auf die beiden Agenten, die mich definitiv auch gesehen
hatten.
Du bist wohl der Köder, sagte Harry.
Ich sah mich um. Klein war nicht zu sehen. Ich ging weiter nach hinten
und spielte nun mit. Die beiden Agenten des Ostblocks und der AF
erreichten die Nebenstraße, ich wiederum passierte den Hauseingang,
starrte aber auf meine zwei Verfolger.
»Olaf Peterson? Wir wollen nur reden«, sagte der Chinese in gebrochenem
Englisch.
»Wirklich? Wieso haben Sie auf uns geschossen?«
»Nur, um Sie aus den Klauen der IIA zu befreien. Das sind brutale
Mörder
»Ja, ja. Sie haben doch den Agenten erschossen.«
Ich ging weiter zurück und wollte sie am Hauseingang vorbei locken,
sodass Klein freies Schussfeld hatte.
»Ich bin Leutnant Li-Tschai-Tung. Mein Kamerad ist der Genosse Peter
Kosnow. Bitte, wir wollen nur mit Ihnen reden.«
Sie waren nun am Eingang vorbei.
»Was kann ich Ihnen verraten? Was weiß ich denn schon im Vergleich
zum KGB?«
»Sie wissen, dass dieser Perry Rhodan bei der Mondumkreisung etwas
entdeckt hat. Das vermuten wir auch. Lassen Sie unsere Erkenntnisse
austauschen«, sagte der Russe mit dem Namen Kosnow.
»Und wenn nicht?«
Kosnow zuckte mit den Schultern, während Li-Tschai-Tung grinste und
sagte: »Daumenschrauben.«
Nun sprang Albrecht Klein aus seinem Versteck hervor und richtete die
Waffe auf die beiden Agenten.
»Hände hoch. Peterson weiß gar nichts. Genauso wenig wie ihr
Kosnow schoss und traf Klein, doch der feuerte zweimal zurück. Beide
Kugeln trafen ihr Ziel. Kosnow wurde in den Bauch, Li-Tschai-Tung in die
Brust getroffen. Alle drei Agenten sackten nach dem kurzen Schusswechsel
zusammen.
Und ich stand da nun mitten drin und war ratlos. Waren die jetzt alle tot?
Der Chinese lag mir am nächsten. Blut floss aus dem Mund, die braunen
Augen waren starr. Der war tot. Der Russe bewegte sich noch. Ich eilte aber
zuerst zu Albrecht Klein. Er hatte einen Schuss in die Hüfte bekommen und
atmete schwer.
»Hat mich erwischt«, sagte er langsam. »Berufsrisiko.«
»Der Chinese ist tot. Kosnow lebt noch. Hören Sie, ich weiß nicht, was
Sie verbergen, aber ich werde weiter der Sache nachgehen. Ich hole Hilfe.
Halten Sie durch.«
Ich wandte mich an den Russen.
»Sie auch, Genosse!«
Ich eilte die Straße hoch und rief nach der Polizei. Im Trubel der
Menschenmenge tauchte ich unter und kehrte zum Hotel zurück. Ich musste
auschecken und mir woanders eine Unterkunft suchen.
An der Rezeption winkte der Concierge mich zu sich.
»Herr Peterson, zwei entgangene Anrufe von einem Mister Reginald Bull.
Er bat mich, Ihnen auszurichten, sich bei dieser Telefonnummer zu
melden.«
Er drückte mir einen Zettel in die Hand. Ich nickte nur. Reginald Bull. Der
beste Freund und Kamerad von Perry Rhodan. Deringhouse hatte also
Rhodan informiert. Ich fragte mich, ob der mir auch den IIA auf den Hals
gehetzt hatte. Jedenfalls war ich meinem Ziel näher. Der Kontakt stand kurz
bevor.
Epilog
Es war eine sternenklare Nacht. Ich stand am Rand der gigantischen
Tagebaugrube und betrachtete die riesigen Kräne und Förderbänder, die
Stück für Stück die Erde abtrugen, um Kohle zu fördern. Der Zugang zum
engeren Abbaugebiet war abgesperrt, doch ich hoffte, dass Rhodan mich
nicht in einem Stollen treffen wollte.
Es war schon beeindruckend, zu was der Mensch in der Lage war. Ich
fühlte mich winzig im Vergleich zu diesen Maschinen. Diese
langgezogenen Bagger wirkten auf mich wie aus einer anderen Welt.
Ist es beeindruckend, wenn ganze Dörfer dem verschwinden zum Opfer
fallen? Nur weil der Mensch nicht fähig ist, andere Energien zu
erschließen?
Harry musste wie immer meckern.
Wohin hatte Bull mich nur zitiert? Hier konnte man auch jemand schnell
um die Ecke bringen und verscharren.
Links von mir stand irgendwas. Er war zuerst im Dunkeln schwer
auszumachen, doch im Licht der Sterne entpuppte es sich als Mensch. Es
war ein Mann, hochgewachsen, wenn auch etwas kleiner als ich.
»Hallo?«, flüsterte ich. Dann etwas lauter. Ich ging auf die Gestalt zu. Das
war vielleicht ein russischer Agent oder einer von Mercants Leuten, um
mich abzuknallen. Ich musste es einfach herausfinden und schaltete meine
Taschenlampe an und richtete den Lichtstrahl auf die Gestalt. Der Mann
blickte geblendet auf den Boden. Er hatte braunes Haar und wirkte auf den
ersten Blick charismatisch. Eine Narbe zierte den linken Nasenflügel.
Ich verstand und leuchtete zur Seite.
»Nun, was wollen Sie von mir?«
»Sind Sie…?«
Der Mann blickte mich mit einem feinen, aber bitteren Lächeln an.
»Ja, ich bin Perry Rhodan!«
ENDE
Vorschau
Die Zeitlinien sind in einem Zeitchaos auseinandergefallen. Aurec,
Nathaniel Creen, Atlan und sogar Thora erleben alternative Zeitebenen und
wissen nicht, wie dieses Chaos endet. Es scheint jedoch klar zu sein, dass
Perry Rhodan nicht in jeder Zeit existiert. Nils Hirseland führt die
Geschichte in Band 127 mit dem Titel »Zeitspiel« fort.
Glossar
Die Zeitlinie ohne Perry Rhodan
Im Jahre 2063 strandete die Crew der NOVA in dieser Zeitlinie. Nathaniel
Creen und Jevran Wigth wachten auf der Insel Föhr auf und trafen auf einen
Mann mit dem Namen Gerd Dornig. Dieser berichtete ihnen, dass Russland
2022 die Ukraine angegriffen hatte. Es folgte 2028 die Eroberung von
Taiwan durch China und damit der Beginn des Dritten Weltkriegs, der am
17. Juni 2027 in einem Atomkrieg endete.
Nachwirkungen
Viele Städte und Länder waren regelrecht entvölkert. Auf der Insel Föhr
lebte im Jahr 2063 beispielsweise nur noch ein Mensch.
Bhutan
Das asiatische Bergland Bhutan war vom Atomkrieg verschont geblieben
und zum Zufluchtsort für Überlebende geworden. Um die schreckliche
Apokalypse besser verarbeiten zu können, erfand der Drachenkönig eine
positive Sprache für die Ereignisse. So wurde aus dem Atomkrieg der
»nukleare Neubeginn«, Strahlungsopfer wurden als »nuklear Optimierte«
bezeichnete, und aus dem Judgement Day wurde der »Happy Nuke Day«.
Der Wohlfühlkoordinator Tenzing war mit der Umsetzung der neuen
Sprache beauftragt.
Zeitlinie 1971
Im Jahre 1971 landete die STARDUST auf dem Mond. Jedoch ohne Perry
Rhodan und Reginald Bull, die ausgetauscht worden sind. Stattdessen
waren Michael Freyt der Kommandant und Rod Nyssen der Co-Pilot.
Perry Rhodan und Reginald Bull wurden nach der Rückkehr einer
Mondumrundung aus unbekannten Gründen ihres Postens enthoben und
durch Freyt und Nyssen ersetzt. Rhodan und Bull wurden in die Nähe von
Köln auf einen Stützpunkt der Air Force stationiert.
Der Berliner Reporter Olaf Peterson war im August 1971 nach Köln
gereist, um Perry Rhodan zu treffen.
Zeitlinie 1776
Aurec strandete auf der Erde. Er findet sich im Jahr 1776 im Herzogtum
Oldenburg, genauer gesagt in der Stadt Eutin wieder, die nahe der Ostsee
liegt. Das Herzogtum Oldenburg ist Teil des Heiligen Römischen Reiches
Deutscher Nation.
1776 ist das Jahr, in dem die Kolonisten in Amerika ihre Unabhängigkeit
erklären. Die 4. Juli 1776 gilt als Gründungstag der USA.
Aurec ist nicht klar, wieso er in dieser Zeit gestrandet ist, zudem noch in
dem beschaulichen Städtchen Eutin.
Impressum
Die DORGON-Serie ist eine Publikation der
PERRY RHODAN-FanZentrale e. V., Rastatt (Amtsgericht Mannheim, VR
520740 )
vertreten durch Nils Hirseland, Redder 15, 23730 Sierksdorf
www.dorgon.net
Text: Nils Hirseland
Titelbild: Thora von Raimund Peter und Photo Povolen.
Innenillustrationen: Roland Wolf, Gaby Hylla, Raimund Peter
Lektorat: Norbert Fiks, Alexandra Trinley
Korrektorat: Arndt Büssing
Layout und digitale Formate: Burkhard Lieverkus
Sofern nicht anders vermerkt, bedarf die Vervielfältigung, Verbreitung und-
öffentliche Wiedergabe der schriftlichen Genehmigung der Rechteinhaber.
Perry Rhodan®, Atlan®, Icho Tolot®, Reginald Bull® und Gucky®
sind eingetragene Marken der Heinrich Bauer Verlag KG, Hamburg.