Band 124
The Sky is The Limit
Das Wahrzeichen der Terraner wird entführt
Autor: Nils Hirseland
Cover: Raimund Peter
Innenillustrationen: Gaby Hylla, Raimund Peter
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Nathaniel Creen
Der Rhodanjäger muss eine wichtige Entscheidung treffen
Kulag Milton
Der Tycoon greift nach der Macht der Liga Freier Galaktiker
Atlan, Gucky und Reginald Bull
Sie sind Gefangene von Milton
Eleonore
Die Künstliche Intelligenz der NOVA stellt sich dem Veebee-Virus
Constance Zaryah Beccash
Sie bewahrt Ruhe im Chaos
Wulfar, Otnand und Rasha
Sie eskalieren
Aurec
Der Saggittone kehrt in die Milchstraße zurück
Nistant
Der Herr des Rideryons läutet das Zeitchaos ein
Inhalt
Hauptpersonen des Romans 2
Was bisher geschah 4
Prolog 5
Kapitel 1 – Fakten geschaffen 8
Kapitel 2 – In Gefangenschaft 13
Kapitel 3 – Rendezvous im All 15
Kapitel 4 – Die Ankunft der STERNENMEER 23
Kapitel 5 – Veebee & abdrücken 28
Kapitel 6 – The Sky is the Limit 37
Kapitel 7 – Die Takhal Gud Looter 55
Kapitel 8 – Der Beginn des ZeitchaOS 63
Epilog 67
Glossar 69
Impressum 74
Was bisher geschah
Im Jahre 2046 NGZ beherrschen die Cairaner die Milchstraße. Terra
ist ein Mythos und das Wissen um die Geschichte der Galaxis
durcheinandergeworfen und teilweise vergessen.
In jener Zeit agiert der Rhodanjäger Nathaniel Creen als
Kopfgeldjäger im Auftrag der Camperna Agency Cloud Company
(CACC) – er muss außerhalb der Lemurischen Allianz sogenannte
Rhodanmystiker jagen. Doch Creen bekommt ernsthafte Zweifel an
dem Mythos Terra.
Temporale Anomalien tauchen seit Anfang des Jahres in der
Milchstraße auf und sorgen für einWirren in der Zeit. Doch die
Anomalien weiten sich aus und devolutionieren die Welt Stellacasa.
Es sind Vorboten auf das Zeitchaos. Nistant ist mit der
STERNENMEER auf dem Weg, ebenso wie Aurec einen Ausweg
aus der Tiefe des Chaos sucht.
Der Jungfernflug der CASSIOPEIA entpuppt sich als ausgeklügelter
Plan der CACC und Milton Company eines Putsches gegen die
Regierung der LFG. Es gelingt, die Solare Residenz mit der
gesamten Regierung zu entführen.
Kulag Milton sieht sich als neuer Herrscher der LFG von
cairanischen Gnaden. Die Macht ist zum Greifen nahe. Für die
CACC und Milton heißt es »THE SKY IS THE LIMIT«.
Prolog
Aus dem Weltraum betrachtet, war 611-Rückwärts ein Planet mit einer
graubraunen Oberfläche. Das war ein Phänomen, das es nur in der Tiefe des
Chaos gab – zumindest hatte Aurec noch nie etwas Vergleichbares gesehen
oder davon gehört. Diese Proto-Welten wirkten, als seien sie am Fließband
produziert worden und würden wie in einem Lager aneinander gereiht
liegen.
Manche dieser Planetenketten erstreckten sich über Lichtjahre, andere
waren hingegen nur ein kleiner Verbund. Manche Planeten kreisten um
normale Sonnen und wirkten fertiger als die Proto-Welten, die oft von
Kunstsonnen Licht und Wärme erhielten. Physikalisch war das für Aurec
nur schwer zu begreifen, denn die gängigen Gesetze der Physik und
Gravitation waren hier außer Kraft gesetzt.
Die Entstehung von etwas Großem war unverkennbar, wenn man durch
die Tiefe des Chaos flog. Welten und Zeitebenen kollidierten miteinander.
Es gab ruhige Regionen, doch manche Zonen waren durchzogen von
Hyperstürmen, temporalen Blitzen und Strömen, die einen in eine andere
Zeit sogen.
Genau dorthin musste Aurec. Die Welt 766-Rückwärts war umgeben von
Hyperstürmen und Zeitblitzen, denn dort entstanden die Anker zum
sogenannten Einstein-Universum, wie es die Terraner bezeichneten.
Doch vorher war sein Halt bei der letzten Terra-Station auf 611-Rückwärts
unausweichlich. Auch wenn sein Flug von 138-Rückwärts nur drei Tage
gedauert hatte, wenn man im Angesichts dieser Anomalien überhaupt noch
von Zeit sprechen durfte , so wäre es töricht gewesen, die Chance nicht zu
nutzen, letzte Vorräte zu sammeln.
Aurec besaß kein großes Mutterraumschiff mehr, wie es einst die
SAGRITON gewesen war. Nach der Hyperimpedanz von 1331 NGZ war
die SAGRITON nicht mehr brauchbar gewesen. Ob das Quarterium sie
jemals erneuert hatte oder ob sie verschrottet worden war, war ihm nicht
bekannt. Aurec war lange nicht mehr in Cartwheel gewesen, und als er sich
das letzte Mal dort aufgehalten hatte, war nichts darüber zu erfahren
gewesen. Es hatte ihn kaum noch nach Cartwheel gezogen, um
nachzusehen, wie sich sein Volk entwickelt hatte. Zu schmerzlich war das,
was er dort gesehen hatte. Die Informationen, die die anderen Kosmogenen
Chronikträger in den Terra-Stationen hinterlassen hatten, reichten ihm aus.
Es gab keinen Grund, nach Cartwheel zurückzukehren. Sein Volk, die
Saggittonen, waren seit Jahrhunderten Teil des Quarteriums und stand unter
dem Bann der Harmonie von DORGON, welche den endlosen Frieden auf
der Sterneninsel garantieren sollte. Sofern man den kompletten Verlust des
eigenen Denkens und Handelns freiwillig akzeptierte. Die Saggittonen
hatten ihre Seele verloren. Außerdem gab es von Cartwheel aus weiterhin
keine Verbindung zum Rideryon. Nein, Aurec hatte dort nichts mehr
verloren.
Er schlug in den Orbit von 611-Rückwärts ein. Die Welt war
industrialisiert, aber kämpfte mit offensichtlichen Umweltproblemen wie
Smog und einen braunen Dunst, der durch die windigen Verhältnisse rasch
verteilt wurde. Der Kosmogene Gleiter flog über riesige Baugruben, an
deren Seite Kräne und Bagger standen. Einige von den gigantischen
Abbaugeräten waren in die Krater gestürzt.
Unweit davon standen Baracken aus Wellblech, vermutlich die
Behausungen der Bergarbeiter. Aurec aktivierte den Tarnmodus des Seglers.
Offenbar beherrschten die Bewohner die Raumfahrt nicht, hatten aber
bestimmt schon Radaranlagen entwickelt, wenn sie solch kolossale
Apparturen zum Tagebau errichten konnten.
Die Terra-Station lag auf der Lichtung eines Waldes. Die Blätter der
Bäume waren schwarzbraun und wirkten krank und schmutzig. Aurec
landete den Segler und setzte sich einen Helm auf, denn die Sensoren
zeigten, dass die Luft verschmutzt war.
Er konnte kaum den Eingang der Terra-Station sehen, so dicht war der
braune Smog. Endlich sah er die leuchtenden Lettern »OPEN« und ging
darauf zu. Die Tür öffnete sich und er trat ein.
»Bitte warten«, hörte er eine Roboterstimme, während die Tür sich hinter
ihm schloss.
Er befand sich in einem Vorraum, der eine Dekontaminationskammer
darstellte. Es wurden Düsen aus der Decke und den Wänden ausgefahren,
die mit der Reinigung seines Anzugs begannen. Aurec sah, wie der
Schmutz an ihm herunterlief und vom Metallboden aufgesogen wurde.
Dann öffnete sich die zweite Tür vor ihm, und er sah das gewohnte Bild
der Terra-Station. Das Restaurant war direkt in den Empfangsraum
integriert. Ein Mister-Perrypedia-Roboter schwebte surrend auf ihn zu, die
drei Stielaugen ihn gerichtet, während die drei Greifarme schlaff vom
ovalen Körper hingen.
»Ich bin so müde«, sagte Mister Perrypedia.
Müde? Ein Roboter? Das war wieder so eine einprogrammierte Marotte.
Aurec erinnerte sich an die Dose Kaffee, die ihm der Perrypedia-Roboter
von 138-Rückwärts mitgegeben hatte. Er kramte sie aus der Tasche.
»Dann habe ich den richtigen Muntermacher für dich.«
»Oh, Sir, Sie haben mir Kaffee mitgebracht? Das ist aber sehr freundlich
von Ihnen.«
Der Greifarm erhob sich, hielt aber inne.
»Ist denn das auch terranischer Kaffee?«, fragte der Roboter misstrauisch.
»Natürlich, direkt aus Brasilien.«
»Wundervoll. Danke sehr, Sir!«
Der Greifarm schnappte sich die Dose, und der Roboter schwebte zurück
hinter den Tresen. Während er den Kaffee zubereitete, erzählte er eine
Geschichte: »Wussten Sie, dass Brasilien immer noch Rekordhalter in
gewonnenen Titeln der Fußball-Weltmeisterschaft ist? Insgesamt hat
Brasilien den Titel 55-mal gewonnen. Der letzte Titel wurde am 7. Juli 1547
NGZ im heimischen Pelé-Stadion mit einem 4:2-Sieg über Italien geholt.
Die Bedeutung der WM-Titel hat aber schon lange abgenommen, da die
Solaren Meisterschaften und Liga-Meisterschaften bei den Fans die höchste
Priorität genießen.«
Perrypedia hielt einen Kaffeebecher hoch, aus dem es dampfte. Dann
öffnete sich eine Luke in seinem Torso, und er stellte ihn hinein.
»Aromatisch exklusiv und einfach nur belebend«, sagte er.
»Wussten Sie, dass der Fußballer Pelé ein großer Befürworter der Dritten
Macht war? In den späten 70er Jahren schloss er sich vor seinem
Karriereende noch dem 1. FC Galacto-City an.«
»Ich nehme auch einen Kaffee«, meinte Aurec.
»Sehr wohl, Sir. Brasilien zeichnet sich aber nicht nur durch Fußball aus.
Die Strände sind schön und die Regenwälder üppig. Das war nicht immer
so, da erst mit der Machtübernahme durch die Dritte Macht und die neue
Technik der Arkoniden echte Alternativen zum Raubbau und Schädigung
der Umwelt existierten. Die Menschen waren mit Energie versorgt, und es
bestand überhaupt keine Notwendigkeit mehr für das Abholzen von
Regenwäldern und die Ausbeutung der Bürger. Die Militärdiktatur wurde
Ende der 70er Jahre beendet und freie Wahlen ermöglicht.«
Im Hintergrund spielte terranische Musik. Aurec versuchte, dem Text zu
lauschen. Es war ein langsames Lied mit dem Titel »The End of the World«
und war durchaus passend zur Tiefe des Chaos.
Aurec nahm einen Schluck Kaffee. Er war stark und schmeckte.
»Dieses Lied stammt übrigens von Skeeter Davis, einer amerikanischen
Country-Sängerin und wurde neun Jahre vor dem Unternehmen Stardust
von Arthur Kent und Sylvia Dee geschrieben. Damals befand sich Terra am
Rand der Selbstzerstörung, da der Westen und Osten über genug atomare
Waffen verfügten, um sich mehrmals gegenseitig zu vernichten. Ich vermag
mir gar nicht vorzustellen, wie sich die Machthaber fühlten, als der
arkonidische Schutzschirm ihren Atomwaffen mühelos standhielt.«
»Das war wohl ein Kulturschock für sie«, meinte Aurec und grinste.
Er beneidete Perry Rhodan und Reginald Bull, diese Pionierzeit miterlebt
zu haben und maßgeblich, ja entscheidend daran beteiligt gewesen zu sein,
ihre eigene Spezies aus dem dunklen Zeitalter geholt zu haben. Sie waren
Begründer eines neuen Zeitalters für die Menschheit gewesen.
Die Erinnerung daran würde verloren gehen, wenn die Kosmotarchen ihr
Ziel verwirklichen würden. Es hätte einfach niemals existiert. Es würde
dann vermutlich niemals einen Perry Rhodan gegeben haben – nicht den
forschen, tatkräftigen Mann, der mit Entschlossenheit und Herz die
kosmischen Probleme lösen würde. Aurec und die anderen Kosmogenen
Chronikträger kannten die Pläne der Dualität der Kosmotarchen nicht im
letzten Detail, doch die Veränderungen des Moralischen Kodes und die
Temporalen Anomalien würden die Milchstraße in ihren Grundfesten
verändern.
Wäre Aurec ein Nistant oder MODROR – er würde Rhodan aus dem
Moralischen Kode schreiben oder ihm ein bedeutungsloses Schicksal
geben, sodass er nie zu dem wurde, was er war und auch niemals die
Terraner zu dem inspirieren würde, wozu sie in der Lage waren. Aurec hatte
die Milchstraße das letzte Mal vor fünfzig Jahren besucht und sah die
Auswirkungen des Mythos Terra. Es war beschämend, wie die Galaktiker
ihre eigene Vergangenheit ignorierten und offenbar erneut um Jahrhunderte
zurückgefallen waren.
Wie konnten zivilisierte, intelligente Wesen ihre eigene Geschichte
abstreiten und leugnen, nur weil ihre Positroniken gelöscht und mit neuen
Informationen gefüttert worden waren? Er sollte vielleicht nicht so
überheblich sein, denn sein eigenes Volk war schließlich durch die
Harmonie von DORGON einer Gehirnwäsche unterzogen worden und
besaß nicht die Kraft, sich selbst daraus zu befreien.
Waren sie vielleicht einfach nur Relikte, deren Zeit abgelaufen war? Was,
wenn das schon öfter im Universum geschehen war? Sie würden es kaum
wissen. Er fühlte sich wie der Speicherstand eines Computerspiels, das
einfach gelöscht wurde, und dafür sorgte, dass das Spiel wieder von vorne
startete. Aber er war kein Computerspiel und alle anderen ebenso wenig.
Die Kosmotarchen durften nicht einfach den Reset-Knopf drücken.
Aurec atmete tief durch. Die Tasse Kaffee war leer.
»Danke, Mister Perrypedia!«
»Sehr gerne, Sir! Sind Sie bereit, in die Heimat zu reisen?«
Aurec blickte ihn verdutzt an.
»Oh, verzeihen Sie, ich vergaß, dass Sie Saggittone sind.«
Aurec winkte ab und lächelte.
»Ich fühle mich schon ein wenig als Terraner. Diese Stationen hier waren
in den letzten 700 Jahren ein Zuhause für mich.«
Aurec verabschiedete sich und begab sich zurück zum Kosmogenen
Segler. Er hatte die Geschichte von 611-Rückwärts nicht erfahren und auch
nicht danach gefragt. Dafür wusste er nun mehr über Brasilien, Fußball und
eine Country-Sängerin namens Skeeter Davis.
Er startete den Kosmogenen Segler und verließ den verdreckten Planeten.
Der Segler zog an den anderen 26 Planeten vorbei und ging auf
Überlichtgeschwindigkeit. Der Überlichtfaktor in der Tiefe des Chaos war
stark begrenzt, weshalb er einige Stunden benötigte, bis er 766-Rückwärts
erreichen würde.
Die Welt lag alleine inmitten eines Hypersturms. Wirbelstürme fegten
über die schroffe Lavalandschaft. Darüber lag wie eine Wolke der Anker.
Die Anker leuchtete in einem dunklen Rot. Blaue und grüne Blitze zuckten
darin. Aurec programmierte die Positronik zum Durchflug. Er lehnte sich
zurück, denn den Rest würde die Künstliche Intelligenz erledigen. Der
Kosmogene Segler flog in die Temporale Anomalie, wurde
durchgeschüttelt. Vor seinem geistigen Auge sah Aurec in Bruchteilen von
Sekunden die Geschichte der Welt 766-Rückwärts. Er sah Städte in die
Höhe ragen und wieder zerfallen, Menschen aufwachsen und altern, Kriege
und Harmonie. Es war zu viel, um diese Eindrücke zu verarbeiten, es war
wie ein Traum, der einem nur vage in Erinnerung blieb. Dann verließ der
Segler die Anomalie und ging auf Überlichtgeschwindigkeit. Nach
einhundert Lichtjahren tauchte Aurec wieder in den Normalraum ein und
führte eine Standortbestimmung durch.
Anhand der Sternenkonstellationen und des Hyperfunkverkehrs erkannte
er, dass er die Milchstraße erreicht hatte.
Kapitel 1 – Fakten geschaffen
Kulag Milton hatte sein Haar gekämmt und trug über seinem blauen Hemd
ein schwarzes Jackett. Die Kamera der Meinungsmacherin Rasha schwebte
vor ihm. Rasha lächelte, während er seine Kleidung ordnete und sich auf
einem Sessel niederließ. Ich musterte die Meinungsmacherin mit ihren
vielen Tattoos. Neben den beiden waren noch Wulfar und Otnand sowie
Yermiah Cloudsky, Sagreta da Maag und Hunter anwesend. Wir hielten uns
im Hintergrund. Es war wohl eine Ehre für mich als gewöhnlicher
Kopfgeldjäger dieser elitären Runde beizuwohnen.
Milton stellte sich in Positur, lächelte und begann seine Rede:
»Bürger der Liga Freier Galaktiker, der 27. Februar 2046 ist ein
historisches Datum. Es ist das Ende der Ära der Lügen, der
Desinformationen und Fake-News. Die Schwurbler wurden demaskiert. Der
Mythos Terra wurde endgültig entlarvt.
Ich, Kulag Milton, habe mit einer Handvoll begabter und talentierter
Mitstreiter der Camperna Agency Cloud Company heute die Solare
Residenz mit der gesamten falschen Regierung entführt.
Es sind harte Zeiten und harte Zeiten erfordern besondere Maßnahmen.
Ich musste erst das Wahrzeichen der Lügenpolitik von Reginald Bull aus
dem Ephelegon-System entfernen, damit ihr Bürger eine reale Chance habt,
euch an die Wahrheit zu gewöhnen.
Die unumstößliche Wahrheit, bestätigt durch Faktenfinder, heißt: Terra ist
ein Mythos. Perry Rhodan ist eine Erfindung. Eine Märchenfigur, die von
Reginald Bull und seinem tefrodischen Kumpanen Vetris-Molaud erfunden
wurden, um seine eigene Macht zu legitimieren. Wie zwei parasitäre
Zecken bissen sie sich fest und saugten das Blut von euch auf, verpesteten
eure Gedanken und erschufen einen Mythos, an den ihr glauben solltet.
Was war die Politik von Reginald Bull denn? Sie war die Schaffung einer
neuen Religion, des Mythos Terra, des Irrglaubens an eine Wiege der
Menschheit, die plötzlich aus der Milchstraße gestohlen wurde. Die Politik
von Bull bestand stets darin, die Ordnung und Friedfertigkeit der Cairaner
anzuzweifeln. Bull und Vetris-Molaud spalteten die Milchstraße wie keine
anderen! Sie führten eine lächerliche Außenpolitik und ließen die braven,
hart arbeitenden LFG-Bürger in der Galaxis zu Verschwörungstheoretikern
und Spinnern mutieren.
Doch damit ist jetzt Schluss!
Ich habe Fakten geschaffen!
Es gibt kein Terra!
Es gibt keinen Perry Rhodan!
Die Regentschaft von Reginald Bull ist beendet!«
Kulag Milton schlug mit der Faust in seine Handfläche, um seine Aussage
zu untermauern. Er lächelte in die Kamera.
»Wie geht es nun weiter? Wir werden die verlogene Regierung der LFG
auflösen und in die gerechte Obhut der Cairaner übergeben. Dazu hat die
CACC bereits Kontakt mit dem sternwestlichen Konsulat aufgenommen. In
tiefster Demut nehme ich den Auftrag an, eine neue Regierung unter meiner
Führung zu gründen. Die Solare Residenz wird ins Ephelegon-System
zurückkehren, damit wir die Dinge aufarbeiten, ehe sie als Symbol der
Lügen verschrottet wird.
Ich erwarte die volle Kooperation der Liga-Flotte, des
Nachrichtendienstes Ephelegon und des Parlaments. Andernfalls sehen sich
die Cairaner gezwungen, eine Spezialoperation durchzuführen und
Ordnungskräfte zu entsenden. Ein Schritt, den wir uns ersparen sollten.
Ich denke, ich kann auf meine Freunde auf Rudyn und auf die Vernunft
aller bauen.
In diesem Zuge wird die Lemurische Allianz aufgelöst.
Die USO gilt fortan als Terrororganisation.
Meine Freunde, gemeinsam werden wir das Zeitalter der Lügen und
Mythen hinter uns lassen. Packen wir es an!«
Rasha deaktivierte die Kamera. Yeremiah Cloudsky klatschte
enthusiastisch. Der blauhäutige Glosneke mit dem orangefarbigen
Strubbelhaar war völlig euphorisch.
»Bravo, Herr Resident. Das war eines Anführers würdig gesprochen.«
Kulag Milton lachte.
»Wer ist jetzt der Daddy, hm?«
Cloudsky zeigte auf ihn.
»Du bist der Daddy!«
Die beiden klatschen sich ab. Milton blickte zu mir und sein Grinsen
gefror.
»Du bist mir unheimlich, Kopfgeldjäger. Nimm deinen Helm ab.«
Hunter intervenierte.
»Das sollte dir besser erspart bleiben, sonst vergeht dir die gute Laune.«
Milton stemmte die Arme in die Hüfte.
»So hässlich?«
Hunter nickte. Das tat so weh.
Milton lachte.
»Dann lässt ihn bestimmt auch keine ran, was?«
Hunter musste mitlachen.
»Seine einzige Freundin ist unsere Bordpositronik. Das sagt schon alles.«
Beide lachten. Dann wurde Milton plötzlich ernst und stellte sich vor
mich.
»Creen, niemand soll sagen, Kulag Milton sei nicht generös. Du warst Teil
der Mission und ein Teil des Unternehmens ›Fakten schaffen‹. Du kannst
dich ab sofort auf meine Kosten durch die Galaxis vögeln, bis dein
Schniedel abfällt.«
Er schlug mir freundschaftlich auf die Schulter und blickte mich
erwartungsvoll an, als hätte er mir das schönste Geschenk gemacht. Ihm
kam gar nicht in den Sinn, dass die Definition von Einsamkeit nicht nur
eine körperliche Sache war, sondern vor allem eine geistige, seelische
Leere, die nicht gefüllt werden konnte.
»Danke, sehr großzügig euer Gnaden«, antwortete ich nur.
Es war sinnlos zu diskutieren, vor allem mit Milton und Hunter, die ein
seltsames Frauenbild hatten.
Rasha kam mir nun auch viel zu nahe und legte ihre Hand auf meine
Hüfte.
»Erwähnte ich, dass ich nebenbei auch als Escort arbeite? An wen darf ich
denn die Rechnung stellen?«
»Später, jetzt holt erst einmal die Gefangenen rein. Ich will, dass das
aufgenommen wird. Also Rasha, Kameras aktivieren«, sagte Milton.
Milton stieg wieder auf die Bühne und lümmelte sich in den Sessel. Er
musste sich wie ein großer Herrscher vorkommen. Die TARA-XI-UH-S
Roboter brachten Reginald Bull, Atlan und Gucky in den Konferenzsaal,
der bis vor Kurzen als Plenarsaal für die Regierung der Liga Freier
Galaktiker genutzt worden war. Doch die 30 Politiker der LFG waren
allesamt in bewachte Kabinen gebracht worden. Die Solare Residenz
gehörte Kulag Milton.
Gucky war aufgrund der Parafallen seiner mutantischen Fähigkeiten
beraubt.
»Die Zeit der Lügen ist vorbei. Reginald Bull, du bist ein Hetzer und ein
Spalter, der mit seinen kruden und absurden Verschwörungstheorien die
Liga in ein Chaos gestürzt hat. Doch ich, Kulag Milton, habe den Mythos
Terra und die Legende Perry Rhodan entlarvt. Ich befreie die Liga aus dem
geistigen Gefängnis, in das du sie gesperrt hast.«
Reginald Bull atmete tief durch.
»Ich muss zugeben, dass wir dich unterschätzt haben. Doch glaubst du
wirklich, du kommst damit durch?«
Milton sprang auf.
»Natürlich! Wer soll mich aufhalten? Ich habe die Regierung in meiner
Hand. Quint und Bendisson sind keine Anführer. Sie sind schon jetzt
überfordert. Es gibt außerhalb des Ephelegon-Systems genug
Sympathisanten, und auch auf Rudyn selbst ist nicht jeder mit deiner
Märchen glücklich gewesen.«
Bull schwieg. Stattdessen sprach Atlan.
»Chapeau, Milton. Ich hatte dich nur für einen aufgeblasenen Geldsack
gehalten. Derlei Ambitionen habe ich dir nicht zugetraut. Erzähle uns die
Details deines Plans. Ich habe viele Fragen.«
Milton hob den Zeigefinger. Hinter ihm erschien eine Holografie mit
einem Ablaufplan.
»Das ist der Plan von Unternehmen ›Fakten schaffen‹! Werdet Zeuge, wie
wir euch hinters Licht geführt haben.«
Der Plan sah die Auslieferung der Residenten an das sternwestliche
Konsulat der Cairaner vor. Initiatoren des Plans waren Ragana ter
Camperna, ihr Adoptivsohn Vopp ter Camperna und Kulag Milton. Das
Unternehmen war in fünfzehn Punkte unterteilt, die Milton nur zu
bereitwillig in seiner Eitelkeit erklärte.
»Alles begann 2039 bei einem konspirativen Treffen im Keller meiner
Villa bei Leberwurststullen. Ragana und ich legten die Eckpunkte des
Unternehmens ›Fakten schaffen‹ fest. Ich nutzte meinen Einfluss als
Residenzrat für Ökonomie im Folgejahr, und die CACC bekam die
Aufträge für die Positroniksysteme in der Solaren Residenz.«
Milton zeigte die Einzelheiten ungeniert, um vor Atlan anzugeben. Er
wollte ihm wohl zeigen, was für ein Stratege er seiner Meinung nach war.
Phase 1: Das vorhandene Vertrauen und den Einfluss in der LFG weiter
ausbauen. Während sich die CACC außer im Urlaubsgeschäft auch im
Positronik-Sektor etablierte, gewann Milton politischen Einfluss in der
Wirtschaft der Liga. In der Tat hatte sich Ragana ter Camperna über die
Jahrzehnte einen guten Ruf bei der LFG erarbeitet und ihr Treiben als
Initiatorin der Rhodanjäger gut verschleiern können.
Phase 2: Installation des Veebee-Virus in der Solaren Residenz durch die
CACC als Softwarepartner der LFG.
Milton zeigte auf Vopp ter Camperna. Der Onryone in seinem braunen
Pullover und den khakifarbenen Hosen räusperte sich gedehnt.
»Wir haben ab 2041 Veebee in kleinen Schritten in rudimentären
Systemen installiert und über Updates versorgt. Mein Ziel war es,
unauffällig zu bleiben und einen Programmcode zu schreiben, der zwei
Aufgaben erfüllt: die des Auftraggebers LFG, damit sie unverdächtig bleibt.
Und zweitens einen Schadcode hinterlegen, der sich durch einen Master-
Befehl zusammenfügt und damit Veebee aktiv wird.«
Yeremiah Cloudsky applaudierte wieder.
»Brillant! Ein Meisterstück.«
Phase 3: Umsetzung des Projektes CASSIOPEIA durch die Milton
Company und Vopp ter Camperna.
»2033 bereits entdeckte ich im Nachlass meiner geliebten verstorbenen
Frau…«
Er hielt inne.
»Deren Name mir entfallen ist. Naja, sie ist ja auch seit fünfzig Jahren
tot.«
Er zuckte mit den Schultern und fuhr fort: »Jedenfalls entdeckte ich
Konstruktionspläne für ein Raumschiff und bereits eine fertige,
einsatzbereite Positronik. Das Projekt hieß CASSIOPEIA. Die Positronik
war so weit entwickelt, dass sie uns mit Veebee weiterhalf und Firewalls
aushebeln konnte.«
Phase 4: Der Veebee-Virus wurde in die CASSIOPEIA eingespeist, damit
dieser verteilt werden kann.
»ENGUYN hat uns dabei viele Inspirationen geliefert«, kommentierte
Vopp ter Camperna. »Ich würde gerne seinen Konstrukteur kennenlernen.«
»Das bedeutet, ihr wisst nicht, von wem er konstruiert wurde?«, hakte
Atlan nach.
Die drei Gefangenen mussten stehen und auf die Bühne hochschauen,
während Kulag Milton und nun auch Vopp ter Camperna auf der Empore
saßen und sich wie Könige in ihre breiten Sessel lehnten.
»Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Nun kommen wir
zu den jüngsten Ereignissen.«
Ich dachte über ENGUYN nach. Das Hologramm von Anubis hatte auf
Mashratan gesagt, wir sollten die Jaaron-Chronik ENGUYN geben.
Vermutlich war ausgerechnet Milton auf eine unbekannte Technologie
gestoßen, die er für sich nutzen könnte. Das Glück war mit den
Untüchtigen.
Wir kamen zu Phase 5: Verteilung von besonders aggressiven Rudyn-
Grippe-Viren auf die Crew der Solaren Residenz.
»Das war meine Idee!«, rief Yeremiah Cloudsky stolz. Der Glosneke
rannte zur Bühne und hechtete die Treppen hoch. Dabei wäre er beinahe
gestolpert.
»Das Virus ist harmlos, aber hartnäckig und sehr ansteckend. Wir wollten
damit die Anzahl der diensthabenden Sicherheitsleute minimieren, da wir ja
die Roboter steuerten.«
Phase 6: Inkompetente Stellvertreter in wichtige Positionen heben, die
dann aufgrund der Krankheitsausfälle den Dienst am 27. Februar machen
mussten.
»Darüber haben wir uns lange den Kopf zerbrochen. Wir haben im
vergangenen Jahr die unfähige Mikela Rex ausgewählt und über ein paar
Beziehungen ins Sicherheitsteam des Museums eingeschleust. Die hatte
keine Ahnung.«
Cloudsky lachte.
»Wir haben sie außerdem heimlich mit einem Antiserum unserer Ara-
Freunde geimpft, so dass sie die Grippe zu diesem Zeitpunkt nicht
bekommen konnte. Uns war klar, dass sie eine Frau mit großen
Minderwertigkeitskomplexen ist und sich beweisen will, aber dazu gar
nicht befähigt ist. Deshalb wussten wir, sie würde in der Gefahr überfordert
sein.«
Phase 7: Fingierter Überfall der Ladhonen auf die CASSIOPEIA. Flucht
vor den Ladhonen und Kampf vor dem Ephelegon-System. Während des
Fluges nach Rudyn sandte die CASSIOPEIA den Veebee-Virus an die
LORETTA-Tender, um später Strukturlücken im Schutzschirm zu
ermöglichen.
Phase 8: In teils echter Panik erreichten ausgewählte Personen die Solare
Residenz, und Reginald Bull musste die Ratssitzung unterbrechen.
Phase 9: Aktivierung von Veebee in der Solaren Residenz durch Vopp ter
Camperna, Isolierung von LAOTSE und Kontrolle über die
Sicherheitsroboter.
»Das… das war schwierig, da eure Abdrücksäle so eng sind. Aber ich
konnte mich konzentrieren. In den fünf Jahren habe ich daran gearbeitet,
LAOTSE in eine Stage-Umgebung zu versetzen, also eine Kopie der echten
Software. Ich habe dann den Switch durchgeführt, so dass LAOTSE
zunächst dachte, er würde sich noch in der echten Softwareumgebung der
Residenz befinden. Danach war es zu spät. Ich hatte die Kontrolle dank der
Mithilfe der ahnungslosen Rex. LAOTSE befindet sich jetzt auf der Stage
und hat keinen Zugriff auf die realen Komponenten.«
Vopps Emot-Organ leuchtete rosa.
Phase 10: Der Veebee-Virus verursachte einen Ausfall der befallenen
LORETTA-Tender. Flucht durch den TERRANOVA-Schirm der
CASSIOPEIA und Solaren Residenz.
»Hier haben eure so fähigen Freunde uns geholfen. Wir mussten gar nicht
überhastet fliehen«, sagte Kulag Milton mit großer Genugtuung.
Phase 11: Die Residenz und CASSIOPEIA verlassen das Ephelegon-
System und gehen auf Überlichtflug.
»In der Phase befinden wir uns gerade«, ergänzte Cloudsky.
»Wirklich? Ich dachte, wir wären in noch in Phase 10«, meinte Gucky und
zuckte mit den Schultern.
»Wie? Hast du nicht aufgepasst? Wir sind doch schon weg aus dem
System.«
Cloudsky war offensichtlich verwirrt.
»Ich dachte, wir sind noch in Phase IV«, fügte Bull hinzu.
»Oh, die mit den Ameisen?«, fragte Atlan.
Bull nickte.
»Erinnert mich an die Kaiserin von Therm«, sagte Gucky.
»Welche Phase war das denn, Gucky? 800?«
»Keine Ahnung, Bully. Wir sind ja jetzt in Phase 13, oder? Ich habe nicht
aufgepasst.«
Yeremiah Cloudsky blickte verständnislos zu Vopp ter Camperna und
Kulag Milton.
»Die nehmen dich bloß auf den Arm.«
Cloudsky lächelte und nickte nun verständnisvoll.
»Ach so, ich dachte schon, die verarschen mich. Also, weiter im Text
unseres Plans.«
»Genug jetzt, Yeremiah. Meine Show.«
Milton stand auf und schob den Glosneken zur Seite. Der lächelte
verständnisvoll und zeigte auf den Tycoon. »Du bist der Daddy!«
Milton baute sich vor seinen Gefangenen auf.
»Die letzten vier Phasen sind meine Favoriten.
Phase 12: Übergabe der Residenz mit allen Ratsmitgliedern an die
Cairaner.
Phase 13: Ich werde zum neuen Residenten ausgerufen. Es wird zwar
zunächst noch etwas Widerstand erwartet, doch Rudyn wird sich ergeben,
wenn die treibende Kraft des Terramythos einmal aus dem Verkehr gezogen
wird.
Phase 14: Zerstörung aller Fake-Relikte in Erinnerung an Terra. Verbot
der Verbreitung des Mythos Terra und dessen Vertreter (Perry Rhodan,
Atlan, Gucky, Icho Tolot).
Phase 15: Der neue Liga-Rat wird aus mir, Ragana ter Camperna, ihren
Söhne Vopp und Topp sowie dem Tefroder Hunter gebildet und leitet das
endgültige Ende des Terramythos ein.«
Milton breitete die Arme aus, als ob er erwartete, dass Bull, Atlan und
Gucky ihm Beifall spenden würden. Immerhin klatschten Cloudsky und ter
Camperna. Ich sah zu Rasha, die die Augen verdrehte. Sie schien vom
großen Daddy auch nicht ganz überzeugt zu sein.
»Also gut«, rief Gucky. »Ich hab den Scheiß satt. Bully, du hast mir nicht
gesagt, dass ich mit so etwas zu tun habe. Davon hat mir auch mein Agent
nichts gesagt.«
Der Mausbiber wandte sich an Kulag Milton.
»Du hattest von Anfang an recht. Gucky gibt es nicht. Ich bin Jeremias
von Donnerbeutel und Vereinsvorsitzender der Laiendarstellervereinigung
Kotzfeld-Bärbroich. Der hat mich und meinen Kumpel Hermann aus
Rittershausen als Gucky und Atlan engagiert. Wir sind raus.«
Atlan nickte.
»Sorry, aber das geht uns zu weit. Ich bestätige euch, dass Terra ein
Mythos ist und ich nicht Atlan bin.«
Milton blickte die beiden ungläubig an und setzte sich wieder. Er wischte
mit dem linken Fuß über den Boden und dachte offenbar nach. Dann
schüttelte er den Kopf.
»Nein, ich bin nicht blöd. Ihr seid Mitverschwörer und obendrein ist diese
Ratte auch noch Mutant. Ihr werdet euch genauso wie Bull vor den
Cairanern verantworten. Und nun schafft sie mir aus den Augen.«
Hunter winkte mir zu. Ich zog meinen Strahler und forderte die drei auf,
uns zu folgen. Wir verließen den Konferenzsaal und geleiteten sie in ihre
Kabine, die von einem Schutzschirm und vier TARA-XI-UH-S Robotern
gesichert wurden.
Bevor Atlan das Quartier betrat, blieb er stehen und wandte sich mir zu.
»Creen, wenn die alle Relikte mit Bezug zu Terra einziehen, frage ich
mich, wann die dein Artefakt nehmen und es zerstören.«
Woher wusste er davon? Ich hatte niemand aus seinem Wirkungskreis
etwas davon erzählt. Außer Rasha, mit der er etwas Zeit verbracht hatte.
Rasha musste es ihm erzählt haben.
»Schnauze jetzt«, sagte Hunter und schubste Atlan in den Raum. Dann
schloss sich die Tür, und das Energiefeld wurde aktiviert.
»Unrecht hat er aber nicht«, sagte der Tefroder. »Wenn wir auf der
ATOSGO sind, musst du das Teil rausrücken.«
Kapitel 2 – In Gefangenschaft
Atlan blickte sich in der Kabine um. Sie befanden sich in einem der vielen
Gästezimmer, die von Konferenzteilnehmern zum Übernachten genutzt
wurden. Gucky warf sich auf das schwarze Sofa, Reginald Bull ging gezielt
zur Minibar über dem Kaminsims und nahm eine Flasche heraus.
Er blickte aus dem Fenster. Die Sterne waren verzerrt, denn die Solare-
Residenz befand sich im Hyperraumflug.
»Wir stehen wie Deppen da«, ärgerte sich Bull und goss Whisky in ein
Glas. Dann reichte er es Atlan, schnappte sich ein neues und füllte es.
Atlan roch an dem Getränk. Es war Scotch. Manchmal neigte Bully zu
Bourbon, doch Atlan hasste den süßlichen Geschmack.
»Die Terraner sind ohne Terra nicht mehr auf Zack«, stellte Atlan fest und
wollte am liebsten das Glas in eine Ecke feuern.
»Ach, und das ist meine Schuld?«, fragte Bull gereizt.
»Hat doch keiner gesagt«, antwortete Gucky und sprang auf.
»Niemand macht dir einen Vorwurf, dass wir alle ein müde belächelter
Mythos sind oder Schauspieler eines Verschwörungstheoretikers.«
Bully seufzte.
»Ich habe hier fast fünfhundert Jahre die Stellung gehalten und musste
mich mit jeder Menge Verrückten herumplagen. Diese sechsdimensionale
Strahlung und Datenflut hin oder her: Es war zutiefst erschütternd,
anzusehen, wie man unser Werk einfach vergaß oder leugnete.«
»Es nützen dann auch keine billigen Terrania-Kopien«, legte Atlan nach
und verwünschte sich kurz darauf für seinen Zynismus.
»Kopien?«, rief Bull aufgebracht. »Welche Wahl hatte ich denn? Terra war
weg, ihr seid weg gewesen, und die Menschheit brauchte ein neues
Zuhause. Ich habe versucht, die Erinnerung an Terra mit der Residenz und
dem Terraneum hochzuhalten.«
»Ich fühle mich auf Rudyn nicht zu Hause«, erwiderte Atlan.
»Glaubst du ich denn?«
Bulls Kopf lief rot an. Atlan atmete tief durch. Der Streit brachte doch
nichts, dachte Gucky.
»Jetzt mal alle ’nen Gang runterschalten, die Fingerchen an die
Lauschlöffel und wusa machen. Wusa.«
Gucky rieb sich demonstrativ die Ohrläppchen, doch weder Atlan noch
Bully hatten Lust, es ihm nachzumachen.
Bull setzte sich.
»Ich frage mich, was diese ENGUYN-Positronik ist? Wie ist die Ex-Frau
von Milton daran gekommen?«
Bull dachte in die richtige Richtung.
Auch Atlan nahm nun Platz. Offenbar war Kulag Milton zufällig auf eine
bereits fertig gebaute Positronik und die Konstruktionspläne der
CASSIOPEIA gestoßen. Vermutlich hatte er die fremde Technologie
missbraucht. Doch woher stammte sie und zu welchem Zweck war sie in
der Milchstraße? Das war ein Geheimnis, das es zu lösen galt, sobald sie
einen Weg heraus gefunden hatten.
»Es sind eine Menge unbekannte Kom ponenten im Spiel. Wenn man sich
die Zusammensetzung dieser Typen ansieht, ist es seltsam, dass die uns
übers Ohr hauen konnten«, sagte Gucky und legte sich wieder auf die
Couch.
»Möglicherweise hatten sie Hilfe von diesem ENGUYN«, sinnierte der
Mausbiber weiter. »Jemand mit kühlem, logischen Verstand.«
Das klang durchaus plausibel. ENGUYN kontrollierte die ganze
CASSIOPEIA und benötigte keine Besatzung. Das sprach für eine
fortschrittliche Technik.
»Wenn dieser ENGUYN auf eigene Rechnung handelt, ist er überhaupt
Milton und der CACC gegenüber loyal?«
»Gute Frage, Bully. Wir können ihn nur leider schlecht fragen, solange
wir in der Luxuszelle hocken. Haben wir wenigstens ordentlich was zu
essen hier?«
Gucky sprang auf und ging zur Küchenzeile. Er öffnete den Kühlschrank
mit einem Wischen über den Sensor und wirkte enttäuscht . Nur ein paar
Äpfel, Käse und ein proteinhaltiger Joghurt. Immerhin für den Ilt alles nach
Maß.
»Guten Appetit, das ist mir alles zu gesund«, meinte Bull.
»Ist doch eure Schuld, dass ihr nicht schon fertige Steaks oder Burger für
eure Gäste im Kühlschrank habt«, erwiderte Gucky schnippisch und packte
sich einen Apfel .
Bull seufzte.
»Milton führt die LFG in den Abgrund, und wir enden in einer
Ausweglosen Straße.«
Gucky knabberte an dem Apfel in den Mund. Danach nuschelte er: »Perry
hat einen Ausweg gefunden. Wo war das?«
»Afallach-System«, sagte Atlan und deutete mit dem Finger auf ein Stück
Apfel, das Gucky im Halsfell hing. Der Mausbiber schnippte es mit dem
Finger weg.
»Sollen unsere Feinde das wegmachen«, meinte er nur.
Ihnen war klar, dass sie nur oberflächliche Konversation betreiben
konnten, da sie bestimmt abgehört wurden. Zwar verfügte nicht jede Kabine
automatisch über Wanzen, was sicher befremdlich gewesen wäre, doch es
war ein Leichtes, über die Lüftungsschächte Abhörroboter zu entsenden, die
nicht größer waren als eine Fliege oder eine Spinne. Sicherlich gab es im
Bestand der LFG so etwas.
Sie mussten improvisieren, wenn sie auf die ATOSGO trafen. Vielleicht
gab es dann eine Möglichkeit. Möglicherweise konnte Atlan seinem
Instinkt vertrauen, als er Nathaniel Creen auf das Artefakt angesprochen
hatte. Er musste Rasha zu Dank verpflichtet sein, dass sie ihm von dem
Artefakt im Besitz des Rhodanjägers erzählt hatte. Dass die
Meinungsmacherin nun gemeinsame Sache mit Kulag Milton machte, war
umso enttäuschender.
Rasha treibt ein doppeltes bis dreifaches Spiel, welches nur ihrem eigenen
Zweck dient. So vermutete der Extrasinn. Damit hatte er wahrscheinlich
recht.
Kapitel 3 – Rendezvous im All
Die Solare Residenz fiel aus dem Hyperraum. Ich sah als erstes die
Doppelsterne Alpha Centauri A und B. Alpha Centauri A war ein gelber
Zwerg vom Spektraltyp G2 V und gehörte damit zu den heißeren Sternen
dieses Typs. Sein Zwilling war vom Spektraltyp K1 und damit sogar noch
etwas kleiner, aber ebenso eine gelbe Sonne.
Der Begriff klein war relativ. Beide Sonnen waren für ein Lebewesen
gigantische Feuerbälle, selbst wenn sie galaktisch betrachtet deutlich
kleiner waren als Überriesen.
Das Sonnensystem besaß keine bewohnbaren Planeten, galt jedoch als
Orientierungspunkt für Raumfahrende. Dem Mythos nach lagen einst Terra
und Luna nur 4,3 Lichtjahre entfernt im sogenannten Solsystem. Doch
diesen Mythos hatte Kulag Milton entlarvt.
Zwischen den beiden Sonnen erkannte ich ein Schimmern. Es wurde
größer. Die ATOSGO besaß eine reflektierende Außenhülle. Bei anderen
Raumschifftypen war die Legierung oftmals Licht absorbierend, um im
Weltall zumindest optisch unsichtbar zu sein oder im orbitalen und
planetaren Einsatz nicht aufgrund der sich aufheizenden Oberfläche zu
einer Minisonne zu werden. Eine Vielzahl an Raumschiffen besaß eine
Legierung, die das äußere Licht reflektieren, absorbieren oder mittels
Kameras nachbilden konnte, um einen Tarneffekt zu erreichen.
Ich befand mich mit der Holografie von Eleonore in der
Kommandozentrale der Solaren Residenz. Es gab keine echten Navigatoren
an Bord, deshalb war mir der Job von Hunter übertragen worden.
Die Steuerung der Solaren Residenz im Weltraum war ein Kinderspiel und
bedurfte keiner echten Fähigkeiten. Es gab nicht viel, worauf ein Pilot
achten musste. Der Flug war zum Großteil ohne die Hilfe einer Positronik
erfolgt, da das Veebee-Virus LAOTSE aufs virtuelle Nebengleis abgestellt
hatte.
Die Macht der CACC und Milton Company hing an einem seidenen
Faden. Ter Camperna beherrschte zwar die Technik und die damit
verbundene Macht der Solaren Residenz. Verlor er sie aber wieder, dann
war das Unternehmen »Fakten schaffen« gescheitert. Man musste LAOTSE
vom Virus befreien.
Wer die Macht über die 1.000 TARA-Kampfroboter besaß, der
beherrschte die Residenz. Das waren im Moment Miltons Leute.
»Hier spricht die Solare Residenz, Nathaniel Creen. Die Residenz ist unter
Kontrolle. Operation ›Fakten schaffen‹ ist ein voller Erfolg. Erwarten
Rendezvous im All.«
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich erkannte die Stimme von
Ragana ter Camperna sofort.
»Ausgezeichnete Arbeit. Ich gehe davon aus, dass sich mein Sohn in
bester Gesundheit befindet?«
»Ihrem Sohn geht es gut. Ihm gebührt ein großer Anteil an der Eroberung
der Solaren Residenz.«
Für einen Moment fühlte ich so etwas wie Stolz. Immerhin war es uns als
kleiner Gruppe gelungen, das Wahrzeichen der Liga Freier Galaktiker und
deren gesamte politische Führung zu entführen. Allerdings fühlte ich
keinerlei echte Zugehörigkeit zu den Drahtziehern, denn in den letzten
Wochen hatte sich mein Weltbild verändert. Ich war mir sicher, dass Terra
kein Mythos war und Perry Rhodan, Atlan, Bull, Gucky und Icho Tolot
wirklich diese Helden aus der Vergangenheit waren. Vielleicht war das
Konstrukt der Lemurischen Allianz sogar besser als dieser Cairanische
Frieden. Wirklichen Frieden hatten die Cairaner nicht gebracht, denn sie
unterdrückten Andersdenkende oder diskreditierten deren Reputation.
Wo lag der richtige Weg für diese Galaxis? Wieso machte ich mir
ausgerechnet jetzt darüber Gedanken? Bisher war es mir herzlich egal
gewesen, was aus der Milchstraße wurde. Ich hatte vor mich hin gelebt,
ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.
Doch jetzt hatte sich die Situation grundlegend geändert. Ich war ins
Zentrum des politischen Geschehens katapultiert worden und außerdem
einem Geheimnis aus der Vergangenheit, ja vielleicht sogar meiner
Vergangenheit auf der Spur. Ich fühlte mich in diesem Augenblick lebendig
und nicht mehr verdrossen und desillusioniert.
Und doch konnte ich wohl nichts ausrichten. Ich war nur ein
Kopfgeldjäger. Ich atmete tief durch und blickte auf die Anzeigen.
Die ATOSGO näherte sich bis auf fünftausend Kilometer. Ich betrachtete
die transparenten Kuppeln auf dem scheibenförmigen Rumpf. Die Gärten,
die kleinen Wälder und Seen sahen idyllisch aus. NNur ein kleiner Teil der
Crew war in das Unternehmen eingeweiht, weshalb die meisten Gäste
nichts von den bevorstehenden Umwälzungen ahnten. Selbst ich hatte bis
zuletzt keine Ahnung gehabt. Hunter hatte einfach auf meine Loyalität und
Auffassungsgabe gesetzt.
An Bord der ATOSGO war vielleicht eine Handvoll Personen über das
Unternehmen »Fakten schaffen« informiert. Ragana ter Camperna
natürlich, vermutlich ihr Sohn Topp, ihr Geliebter Sobrasky und der
Cairaner Roch Miravedse. Die anderen Passagiere waren nur Statisten in
dem Theaterstück von Milton und ter Camperna. Ich wusste nicht, wie die
Passagiere auf der CASSIOPEIA reagiert hatten. Vermutlich hatte Milton
jede Menge Getreue auf dem Schiff versammelt, um seine neue Ära zu
begründen.
Das Hologramm von Eleonore erschien neben mir.
Es wirkte, als würde sie in Gedanken versunken auf die Projektion der
ATOSGO blicken, doch ich wusste nicht, ob eine Positronik so etwas
machen würde oder ob sie nur das menschliche Verhalten imitierte.
»Wenn ich zur ATOSGO zurückkehre, wird meine Vergangenheit für
immer im Dunkeln liegen«, sagte ich.
Eleonore blickte mich an.
»Roch Miravedse erwartet die Herausgabe des pyramidenförmigen
Artefaktes.«
»So ist es.«
Sie zog die Augenbrauen hoch.
»Möglicherweise ist eine Neubewertung unserer Situation erforderlich.«
Ich fragte mich, ob sie mich wirklich zur Meuterei ermuntern wollte, und
blickte sie an.
»Fahre fort«, sagte ich.
»Durch unsere Erlebnisse auf Stellacasa und Mashratan hat sich die
Faktenlage verändert. Ich bin inzwischen überzeugt, dass der Planet Terra
wirklich existiert hat und die Gefangenen Atlan, Reginald Bull und Gucky
von dort stammen. Wir sind hingegen Terroristen, die sich auf
Unwahrheiten berufen. Wir haben die Regierung der LFG entführt.«
»Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Das sind die Cairaner und
Kulag Milton«, antwortete ich.
»Und das bedeutet wiederum, dass du deine Geschichte niemals erfahren
wirst und die Galaxis von Lügnern regiert wird. Es bedeutet außerdem, dass
ich mich vermutlich niemals weiterentwickeln darf.«
Ich winkte ab.
»Diese Politik interessiert mich nicht. Hunter hat mir die Freiheit und die
NOVA versprochen.« Ich wandte mich zu Eleonore. »Wir sind frei. Du
kannst dich entwickeln, und wir können durch die Galaxis reisen.«
»Welchen Sinn würde das machen? Ist es nicht das menschliche
Bestreben, sich weiterzuentwickeln. Wie können wir das in einer Galaxis,
die ihre eigene Geschichte verleugnet?«
Wir konnten schlecht mit der NOVA in eine andere Galaxie reisen. Dazu
war das Raumschiff nicht konstruiert.
»Was schlägst du vor?«
»Ich bin die Positronik der NOVA und noch meinem Kommandanten
Hunter verpflichtet. Meine Programmierung verbietet mir, zur Meuterei und
Verrat zu raten. Ich kann nur die Situation analysieren. Es erscheint logisch,
den Erzählungen von Atlan, Bull und Gucky zu glauben. Ebenfalls wirken
ihre Ziele und ihre Vorgehensweise nobler und friedlicher als die der
Cairaner, CACC und Milton Company.«
Ein Interkomruf von Hunter riss uns aus dem Gespräch. Ich stellte auf
Audioübertragung.
»Es wird Zeit. Ragana und Miravedse erwarten uns auf der ATOSGO.«
»Und wer bewacht die Gefangenen?«
»Das übernehmen die Kampfroboter. Sie werden von Vopp ter Camperna
kontrolliert. Begib dich auf die NOVA. Dann setzen wir über. Und vergiss
das Artefakt nicht.«
Ich atmete tief durch und beendete die Verbindung. Eleonore sah mich an.
»Wenn du das Artefakt übergibst, wird Hunter dir das Kommando über
die NOVA übertragen. Damit unterstehe ich fortan deinem Befehl.«
Sie versuchte zu lächeln.
»Das wird mehr Möglichkeiten bieten.«
Die NOVA landete in der Landebucht für die Frachtschiffe. Die
CASSIOPEIA hingegen setzte in dem eigens für das Raumschiff
konstruierten Hangar auf. Die Positronik ENGUYN würde zusammen mit
Vopp ter Camperna die volle Kontrolle über die Solare Residenz ausüben.
Während des Fluges hatte keines der Crewmitglieder gesprochen.
Offenbar versuchten Kuvad Soothorn und Cilgin At-Karsin die
Geschehnisse noch einzuordnen. Sie waren Mitläufer und hätten sich wohl
kaum gegen die Befehle gestellt. Was hätten sie auch ausrichten können?
Die Kontrolle über die Kampfroboter auf der Solaren Residenz war
entscheidend. Doch weder Soothorn noch der Hauri hatten offenkundig
Ambitionen, sich gegen die CACC und Milton zu stellen. Weshalb sollten
sie das auch? Allerdings hatte der Hauri noch vorgestern festgestellt, dass
Terra vermutlich wirklich existiert hatte, nachdem er die Musiksammlung
von Oberst Kerkum gehört hatte, die vornehmlich aus Evergreens vom
Planeten Terra bestehen sollte.
Wortlos folgten wir Hunter, unserem Kommandanten. Ich trug in einer
Tasche meine Vergangenheit in Form des Artefakts. Als Soothorn und
Hunter einige Meter vor uns waren, sagte At-Karsin. »Das Artefakt ist
wertvoll, Herr Kopfgeldjäger. Trägst du es deshalb bei dir?«
»Nein, ich werde es den Cairanern aushändigen. Dann erhalte ich die
NOVA als Geschenk, eine Belohnung von Milton und mache mich aus dem
Staub.«
»Das… überraschend.«
Der Hauri hüstelte.
»Suchst du noch Besatzungsmitglieder?«
Ihn? Ich zog es vor zu schweigen, was ihn nicht daran hinderte
fortzufahren.
»In den Katakomben auf Mashratan haben wir rätselhafte Dinge gesehen.
Ich denke, die Antwort auf deine Vergangenheit ist auf diesem Artefakt und
es steht in Verbindung mit Mashratan.«
Ich seufzte. Natürlich lagen die Hinweise auf mein früheres Leben auf
dieser Datenquelle, denn es musste ein Datenspeicher sein, wenn er der
Bauweise der Quelle auf Mashratan entsprach. In welcher Verbindung mein
altes Leben zu Mashratan stand, wusste ich nicht, doch auch mir war der
Gedanke bereits gekommen, dass es einen Zusammenhang gab.
»Dieser Herr Anubis sagte, dass wir die Kosmogene Chronik zu
ENGUYN bringen sollten. Es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass die
Positronik der CASSIOPEIA so heißt, hm?«
»Möglich«, sagte ich knapp.
»Ich habe es gesehen, Herr Kopfgeldjäger. Hinter dir liegt eine besondere
Vergangenheit. Auf Mashratan habe ich es begriffen…«
»Was begriffen?«
»Ruhe da hinten«, rief Hunter. »Kein Wort, wenn wir im großen Foyer
sind.«
»Später«, flüsterte Cilgin At-Karsin geheimnisvoll.
Wir erreichten das Foyer. Ich schätzte, dass fast zwei Drittel der
dreitausend Gäste sich versammelt hatten. Während wir den Weg zum
Antigrav fortsetzten, stellten sie uns immer wieder dieselben Fragen:
»Wieso ist die Solare Residenz hier? Was ist passiert?«
Andere der Gäste riefen: »Ein tolles Urlaubsgeschenk und eine besondere
Attraktion.«
Offenbar hatte es keinerlei Kommunikation von Ragana aus gegeben. Die
Gäste auf der ATOSGO hatten keine Ahnung, was im Ephelegon-System
geschehen war und auch die Rede von Kulag Milton nicht empfangen.
Vermutlich war sie noch gar nicht verbreitet worden. Von der anderen Seite
kamen Kulag Milton, Yeremiah Cloudsky und Rasha mit ihren beiden
Begleiterin Wulfar und Otnand. Wir trafen sie am Antigrav.
Milton blickte sich um.
»Bald werden sie von unserem glorreichen Feldzug erfahren. Nicht mehr
lang.«
Rasha zwinkerte mir zu und grinste frech. Wulfar und Otnand blickten
mich nur grimmig an.
Wir stiegen in den Antigrav und ließen uns bis zur 25. Etage tragen. Dort
fasste ich ans Geländer und zog mich sanft auf den Flur. Die halbe
Belegschaft stand im Empfangsraum: Bismaria da Enta mit ihren vielen
Schals, die Blues Gorlü, die Imarterin Bytta Wolden, die Putzkräfte Tarnaite
Grazus und Cyba Kryz, die Rezeptionistinnen Polly Kallos und Cirane
Kinzz.
Die Arkonidin Bismaria da Enta winkte uns zu sich.
»Folgt mir. Die ehrwürdige Ragana ter Camperna und der sternwestliche
Konsulatssekretär Roch Miravedse erwarten euch bereits.«
Sie führte uns durch den Korridor zu einem weiteren Empfangs- und
Speisesaal.
Dort befanden sich die alte Ragana ter Camperna, der goldene Cairaner
Roch Miravedse, Topp ter Camperna und der Leitende Ingenieur Theofyr
Sobrasky, der auch zufällig der Liebhaber der bärtigen Springerin Ragana
war.
»Raggy, du alte Fregatte«, rief Milton und meinte das wohl liebevoll. Er
breitete die Arme aus und ging auf sie zu. Die beiden umarmten sich.
»Wir haben es geschafft, Kully. Wir haben es wirklich geschafft.«
Sie lösten sich aus der Umarmung. Milton verneigte sich kurz vor dem
goldenen Cairaner, der mit einer gewissen würdevollen Gelassenheit vor
ihnen stand und die vier Hände ineinander verschränkt hatte.
»Gratulation zum erfolgreichen Abschluss des Unternehmens. Nun, da ich
die Solare Residenz erblicke, informiere ich den Konsul. Ich erteile euch
die Erlaubnis, die Galaktiker über euren Sieg zu informieren.«
Milton lachte und aktivierte seinen Interkom.
»ENGUYN, meine Rede darf gesendet werden.«
Er nickte Rasha zu, während er mit der Positronik der CASSIOPEIA
sprach. Die Meinungsmacherin erwiderte das Nicken. Sie würde parallel
zur Hyperfunkbotschaft die Rede von Milton auf ihrem Galaktomeet-
Account übertragen.
Ich fragte mich, wie die knapp dreieinhalbtausend Passagiere auf der
ATOSGO und CASSIOPEIA reagieren würden. Waren sie alle
Sympathisanten von Kulag Milton? Sicherlich hatte er die Auswahl seiner
Gäste mit Bedacht durchgeführt. Bestimmt waren viele der Gäste einfach
nur reiche Urlauber von Rudyn. Ich zweifelte daran, dass es einen großen
Aufschrei geben würde.
Der Aufschrei war groß, nachdem das Trivid von Milton gesendet worden
war. Die Passagiere liefen Sturm und belagerten den Empfang in der 25.
Etage. Bytta Wolden seufzte und meckerte die Gäste an, während die Blues
Gorlü sich dezent im Hintergrund hielt und so tat, als würde sie arbeiten.
Die meisten Gäste wollten wissen, wann sie wieder ins Ephelegon-System
reisen durften. Ihre Sorge galt nicht dem Putsch, sondern ihrer eigenen
Bequemlichkeit. Wann würden sie wieder Zuhause sein? Ich war
angewidert von diesem dekadenten Pack.
Ragana ter Camperna half am Rezeptionstresen aus und versuchte die
Meute zu beruhigen.
»Ihr bleibt solange an Bord der ATOSGO, bis alles geklärt ist. Natürlich
kostenlos und bei voller Verpflegung. Die neue Regierung der Liga Freier
Galaktiker lässt sich nicht lumpen«, rief sie den Gästen zu.
Ein schlaksiger Rudyner mit Dreitagebart und dunkelbraunem Haar sagte:
»Was passiert denn, wenn sich die Heimatflotte und der NDE weigern, sich
euch zu ergeben? Was wird aus meinem Portfolio? Wir haben doch von
außerhalb keinen Zugriff auf die rudynische Börse, oder?«
»Genau, wir müssten jetzt investieren, spekulieren. Kaufen und
verkaufen«, rief ein Epsaler.
»Wer versichert uns, dass es keine Unruhen geben wird? Wer schützt
meinen Grundbesitz?«, rief eine alte Rudynerin.
Ragana ter Camperna hob beschwichtigend die Arme.
»Bitte, bitte! Die CACC und Milton Company verteilen an jeden
Unterstützer großzügige Aktienpakete. Der Handel auf Rudyn wird
vermutlich ausgesetzt, doch galaxisweit könnt ihr jetzt handeln. Selbst
wenn die LFG auf Rudyn sich uns widersetzt – wir können den
TERRANOVA-Schutzschirm knacken und mit Hilfe einer cairanischen
Schutzflotte für Ruhe und Frieden sorgen. Die Zeit der Fake-News und der
Schwurbelei ist vorbei. Wir haben Fakten geschaffen!«
Das schien die Meute vorerst zu beruhigen, da die ersten murmelnd die
Etage wieder verließen. Hunter packte mich am Arm und deutete an, ich
solle mitkommen. Ich folgte ihm in den Speisesaal. Der Cairaner Roch
Miravedse blickte mich an. Sein Gesicht war ausdruckslos, die vier
Handpaare jedoch in Bewegung.
Kulag Milton stand neben ihm.
»Ich erwarte die Herausgabe des Datenspeichers der Desinformationen,
bitte.«
Ich hob meine Tasche an, steckte den linken Arm hinein und holte das
pyramidenförmige Artefakt heraus. Sollte ich es wirklich herausgeben? Ich
sah mich um. Rasha wirkte nervös. Es sah fast so aus, als wollte sie zu mir
rennen und das Artefakt an sich reißen. Auch ihre beiden Begleiter wirkten
angespannt und starrten auf die kleine weiße Pyramide.
»Das ist der Deal«, sagte ich. »Wie versprochen erhalte ich die NOVA mit
Eleonore als Geschenk, und von Milton erwarte ich eine Million Galax in
Form von Kreditchips. Mit der Übergabe des Artefakts beende ich meinen
Dienst bei der CACC.«
Das äußere Handpaar drehte sich nach Außen.
»Ich bin in der Annahme, deinem Wunsch wird entsprochen.«
Kulag Milton kramte in seiner Hosentasche herum. Er holte einige
schwarzgoldene Kredit-Chips heraus und übergab sie mir.
»Rest ist Trinkgeld, Kleiner«, brummte er.
Ich warf einen Blick drauf. Der Typ hatte 1,6 Millionen Galax in der
Hosentasche! Das war eine Summe, wofür andere starben oder ihr Leben
lang schuften mussten. Damit war mein Auskommen für eine Weile
gesichert.
Hunter betätigte sein Interkom.
»Hunter an Eleonore. Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Ich
überschreibe alle Rechte an den neuen Kommandanten Nathaniel Creen.«
»Bestätigt«, lautete die Antwort von Eleonore.
Hunter verzog das Gesicht zu einem Grinsen.
»Nun bist du frei und kannst durch die Galaxis schippern. Du warst ein
guter Navigator.«
Das Lob machte mich sprachlos. Selten war Hunter so freundlich zu mir
gewesen wie in diesem Moment. Ich merkte, dass er es aufrichtig meinte.
Nun übergab ich das Artefakt dem Cairaner, der es mit den zwei
Handpaaren seines rechten Arms umschloss und mit seinen goldenen
Augen betrachtete.
»Mögen die Lügen auf diesem Datenträger niemals gehört oder gelesen
werden. Wir werden es mitnehmen, analysieren und vernichten. Du darfst
dich nun entfernen, ehemaliger Rhodanjäger.«
Ich wandte mich um. Während ich langsam in Richtung Ausgang ging,
hörte ich Hunter sagen: »Wir haben etwa 700 Passagiere abgehört, die mit
Bull heimlich sympathisieren. Was sollen wir mit denen machen,
Konsulatssekretär?«
»Separiert sie von den anderen Gästen. Wir werden sie gemeinsam mit
den Verschwörungstheoretikern Reginald Bull, Atlan und Gucky auf eine
ausweglose Straße schicken. Die Ära der Mythen endet nun, verehrte
Galaktiker.«
Wieder 700 Tote mehr, die auf unser Konto gingen. Ich war froh, mit all
dem bald abzuschließen. Rasha schubste mich an und flüsterte: »Wie kannst
du denen die Kosmogene Chronik geben?«
Kosmogene Chronik? Anubis hatte die Jaaron Chronik als Kosmogene
Chronik bezeichnet. Rasha war gut informiert für eine oberflächliche
Meinungsmacherin.
»Das ist der Preis für meine Freiheit.«
Sie verzog das Gesicht.
»Dann genieße die Freiheit mal. Sie wird sowieso bald für uns alle zu
Ende sein. Unsere Zeit läuft ohne die Chroniken ab .«
Wütend rannte sie davon und verließ den Raum. Wulfar und Otnand
schoben sich unsanft an mir vorbei. Die drei benahmen sich seltsam für
gewöhnliche Meinungsmacher. Sie waren Galaktiker ohne anständigen
Beruf und unterhielten die Milchstraße virtuell mit nackter Haut und
sinnlosen Dingen, stets darauf erpicht, viele Stalkys zu erhaschen, denn je
mehr Stalkys sie vorweisen konnten, desto interessanter wurden sie für
Sponsoren.
Im Foyer waren immer noch zwei Dutzend Gäste. Die Rezeptionistinnen
wirkten völlig überfordert. Die Imarterin Bytta Wolden seufzte leidend und
schnauzte eine Ferronin an, sie könne ihr nicht weiterhelfen. Die Jülziish
Gorlü diskutierte mit Bismaria da Enta. Die Rudynerin Cirane Kinzz blickte
mich mit ihren braunen Augen traurig an. Einzig Polly Kallos, das
Betthäschen von Hunter, war freundlich und kommunizierte unablässig mit
den Gästen. Ich würde sie alle nicht vermissen. Ohne Abschied trat ich in
den Antigrav und verließ vermutlich für immer die 25. Etage.
Als ich im großen Hauptfoyer angekommen war, tummelten sich überall
Passagiere und Gäste. Sie diskutierten über den Putsch. Die meisten waren
froh, dass der »Lügenbaron« Bull entwaffnet worden war. Andere
tuschelten davon, dass diese Revolution reiner Wahnsinn sei. Sie wussten
nicht, dass schon eine ausweglose Straße auf sie wartete.
Etwas abseits standen Yeremiah Cloudsky, seine Assistenten Constance
Beccash und der Verkäufer Speedy Handrej. Sie diskutierten mit einem
älteren Ehepaar. Als ich an ihnen vorbei ging, hörte ich diesen Handrej
noch sagen: »… nice, Herr und Frau Shoehe. Tatsächlich ist das eine mega
history chance. Die Prämissen-Annahme, dass ihr natürlich keine
Verschwörungstheoretiker seid.«
Constance sah mich an, als wollte sie mir etwas sagen. Ich ging wortlos an
ihnen vorbei. Was hatte ich schon mit diesen oberflächlichen Typen zu
bereden? Ich war froh, als ich den Hangar mit der NOVA erreichte.
Ausgerechnet Kuvad Soothorn lungerte vor der Luke herum. Der
tätowierte Springer saß auf einem Container, rauchte und trank Bier.
»Ach, ein schöner Tag, gell? Jetzt bist du mein Kommandant. Wohin geht
es?«
»Meine erste Handlung als Kommandant: Du bist gefeuert. Verpiss dich
von meinem Eigentum.«
Soothorn starrte mich verwundert an.
»Aber Chef, was soll das? Ich tue alles, was du willst, Mann!«
Er sprang auf und warf die Kippe zur Seite.
»Bitte, Chef!«
Ich blieb stehen und wandte mich ihm zu.
»Ich bin nicht dein Chef! Du hast immer noch Schulden bei der CACC.
Die haben sich nicht aufgelöst. Selbst wenn du frei wärst, würde ich dich
einfältigen, perversen, inkompetenten Vollidioten nicht einstellen.
Verschwinde, sonst…«
Ich legte die Hand an das Holster meines Strahlers. Kuvad Soothorn hob
die Hände.
»Ist schon gut. Schon gut. Ich gehe ja.«
Er drehte sich um und lief weg.
»Es wird wohl dann nur ein Flug zu zweit«, hörte ich Eleonore sagen und
drehte mich um. Sie stand an der Rampe und trug ihre blaue Kombination.
Es war kein Hologramm. Ich ging näher und betrachtete sie. Ihr Körper sah
so anders aus, so echt und menschlich.
»Darf ich?«, fragte ich und hob die Hand.
»Ich bitte darum, Kommandant.«
Ich berührte ihre Schulter, ihren Oberarm, fuhr zum Unterarm und ergriff
ihre Hand. Sie drückte meine Hand.
»Das… das ist der Androidenkörper? Er ist fertig?«
»Das ist er. Ich fühle mich so… menschlich.«
Sie lächelte.
Wir gingen hinein. Die NOVA war jetzt mein Raumschiff. Ich fühlte einen
gewissen Stolz. Wir sollten es auf jeden Fall umbauen und die Kabine von
Hunter und meine zusammenlegen oder daraus einen Gemeinschaftsraum
für Eleonore und mich machen.
»Der Körper ist so konstruiert, dass er sogar Nahrung aufnehmen kann
und in Energie umwandelt. Er hat Rezeptoren, die sich an der menschlichen
Haut und den Nerven orientieren. Ich kann Berührungen spüren, riechen,
schmecken und sogar Schmerz empfinden. Ich vermute, dass ich das alles
kann, denn ich muss diese Eindrücke erst einordnen und verarbeiten.«
Wir setzten uns in die Kommandozentrale. Ich nahm den Helm ab und
betrachtete die Kontrollen. Es roch hier noch nach dem Qualm von
Soothorns Zigaretten und dem Schnaps von Hunter.
»Wir müssen den Dreck der Vergangenheit reinigen«, sagte ich.
»Und dann? Erforschen wir eine Galaxis der Lügen?«
Ich atmete tief durch.
»Was bleibt uns denn übrig? Ich bin ein Taugenichts ohne Erinnerung an
sein Leben. Ich habe die letzten sechszehn Jahre überlebt. Wir sind kleine
Rädchen und können nichts gegen die CACC, Milton oder Cairaner
ausrichten.«
Eleonore blickte mich ernst an.
»Du bist aber inzwischen der Überzeugung, dass Terra und der Mond
wirklich existiert haben?«
»Ja, das bin ich.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Je mehr ich in den letzten Wochen erlebt habe, desto weniger habe ich
der cairanischen Version Glauben geschenkt. Die Geschichten der
Rhodanmystiker waren logisch, Atlan und Gucky authentisch. Sie sind
bessere Menschen als Milton, Ragana oder Hunter. Es ist eine Schande,
dass sie bald sterben werden.«
»Es gibt nun eine Alternative«, schlug Eleonore vor.
Ich blickte in ihre großen, blauen Augen.
»Was meinst du?«
»Ich bin nicht mehr Eigentum der CACC, sondern gehorche deinen
Befehlen. Ich kenne den Veebee-Virus, ich stehe in Kontakt mit ENGUYN
und LAOTSE. ENGUYN scheint Milton und die CACC nur als Mittel zum
Zweck zu benutzen. Wenn ich den Veebee-Virus überliste und LAOTSE
befreie, wären auch Reginald Bull, Atlan und Gucky frei.«
Eleonore schlug Verrat an meinen Gönnern vor. Doch war das wirklich
schlimm? Ich verachtete alle von der CACC und Milton. Ich war ihnen
nichts schuldig.
»Wir könnten ebenfalls dein Artefakt retten. Mit Hilfe von Bull, Atlan und
Gucky können wir die Daten bestimmt entschlüsseln.«
Ich dachte darüber nach. Das war ein phantastischer Plan. Ausgerechnet
eine auf Logik basierende Künstliche Intelligenz schlug diese verwegene
Operation vor. Doch ich konnte mir sicher sein, dass Eleonore eine
realistische Erfolgschance sah.
»Wieso willst du das tun? Du könntest vernichtet werden. Du hast jetzt
deinen Körper, und wir könnten ein angenehmes Leben irgendwo führen –
abseits von Politik und Ideologien.«
»Der Körper ist ein Teil des menschlichen Daseins. Doch das Gewissen,
Geist und Seele sind der wichtigere Teil. Wenn ich menschlich werden will,
darf ich dann bei Unrecht und Verbrechen wegsehen? Muss ich um des
eigenen Wohlwollens Lügen akzeptieren und andere Lebewesen leiden
lassen? Ich möchte auch meine Seele, sofern ich so eine überhaupt besitze,
erweitern. Hilfst du mir dabei?«
Ich musste lachen. Ich seelenloser Typ sollte einer KI helfen, ihre eigene
Seele zu entwickeln? Da war ich wohl der Falsche. Eleonore lag trotzdem
richtig, denn ich konnte keine Gegenargumente liefern außer meinen
eigenen Egoismus und meine Angst, wieder alles zu verlieren.
Zeit meines neuen Lebens war ich alleine gewesen und hatte um jede
Annehmlichkeit kämpfen müssen. Nun besaß ich ein Raumschiff und eine
Art Gefährtin, für die ich die Verantwortung trug und die ihre Existenz mit
mir bestreiten wollte. Ich war im Besitz von 1,6 Millionen Galax. Doch wie
lange würde ich damit glücklich sein? Ich enttäuschte Eleonore, indem ich
ihre Bestrebung verhinderte. Ich verlor die Chance, meine Vergangenheit zu
erforschen, und ich würde ein Leben in völliger Bedeutungslosigkeit fristen.
Ich würde mich aufgeben, nur um mir auf irgendeiner idyllischen Welt für
1,6 Millionen Galax ein schönes Haus am Strand zu kaufen. Ich würde für
Besitz Ideale und Ambitionen aufgeben, die in mir schlummerten, die ich
erst jetzt in Freiheit überhaupt entfalten konnte. Worauf sollte ich noch
warten? Auf eine Gelegenheit, die sich mir in einigen Jahren offerieren
würde? Es gab keine Garantie dafür. Hier und jetzt wurde galaktische
Geschichte geschrieben, und ich wollte einfach verschwinden und mit
meiner KI-Schönheit in den Sonnenuntergang fliegen?
Eine innere Stimme in mir wehrte sich dagegen. Sie rief mir, auf Eleonore
zu hören. Die Allianz aus Cairanern, CACC und Milton Company war ein
gefährliches Bündnis. Sie bestand als Wesen, die mich immer wieder
gedemütigt und beleidigt hatten. Diesen Wesen sollte ich das Feld
überlassen? Sie sollten am Ende gewinnen? Ich war doch nie freiwillig
einer von ihnen gewesen.
»Wie ist dein Plan, Eleonore?«
»Ich verlassen den Androidenkörper und speise mich in das System der
Solaren Residenz ein. Dort versuche ich, LAOTSE aus seiner Stage-
Umgebung zu befreien. Ich werde mich sicher virtuell mit Vopp ter
Camperna messen müssen. Doch vielleicht bekomme ich Hilfe von
ENGUYN oder von dir.«
Ich lächelte.
»Eleonore, du hast mehr Herz und Seele, als ich es jemals haben werde.«
Ich nahm ihre Hand und drückte sie. Eleonore lächelte.
»Das ist eine menschliche Geste für Zuneigung. Das ist ungewohnt.«
»Für mich auch, ich habe noch nie Händchen gehalten«, sagte ich, ließ
ihre Hand los und stand auf. »Ich bin einverstanden. Befreien wir die Solare
Residenz!«
Kapitel 4 – Die Ankunft der STERNENMEER
Die STERNENMEER fiel aus dem Hyperraum. Vor ihr lag ein roter
Emissionsnebel. Nistant betrachtete dieses kosmische, anmutige Schauspiel.
Die Milchstraße war eine Spiralgalaxie von einer besonderen Schönheit.
Es gab Millionen solcher Galaxien, doch irgend etwas hatte diese Galaxie
an sich, was andere nicht besaßen. Es musste Einbildung sein, denn sie
unterschied nur ihre Geschichte von anderen, spiralförmigen Sterneninseln.
Vor zwanzig Millionen Jahren hatte man sie Phariske-Erigon genannt,
später Ammandul und Apushol. Sie hatte viele Bezeichnungen besessen,
und vermutlich waren noch längst nicht alle bekannt. Niemand wusste, ob
nicht irgendeine Halbintelligenz auf einer fernen Welt mit einem Teleskop
ein Leuchten am Himmel beobachtete und es Sternchen-1234 nannte.
Die Bedeutung dieser Galaxie würde ohnehin alsbald verblassen und im
Schleier verwehen. Die Taten der Superintelligenz ES und seiner
Schützlinge Perry Rhodan und Atlan waren bereits in Vergessenheit
geraten. Zweifelsohne war es nur eine Momentaufnahme, denn die Cairaner
waren Rhodan und seinen Gefolgsleuten auf Dauer nicht gewachsen. Auf
der anderen Seite war es in ironischer Weise dessen, was kommen sollte.
Nistant stand an der Konsole des Kommandanten auf der
STERNENMEER. Er blickte sich um. Sein Raumschiff lebte und atmete.
Die dunkelgrünen Wände pulsierten, als Vyr sich daraus schälten, Wesen
aus Materie und Energie zugleich, vergangene Seelen des Rideryon, die
ihren Weg im Universum noch nicht zu Ende beschritten hatten.
Die Vyr erschienen als leuchtende, faustgroße Kugeln und erschufen bei
Bedarf einen Körper aus Formenergie. Ihr Aussehen konnte beliebig sein,
und oft ähnelten sie der Spezies ihres ursprünglichen Daseins.
Herz und Gehirn der Vyr lagen in der Kugel. Manche sagten auch, dass
dort ihre Seele gefangen war. War es ein Gefängnis oder ein sicheres
Zuhause? Nistant betrachtete einen Vyr, der sich mittels Formenergie in
wenigen Sekunden einen Körper baute. An der Kugel waren
Formenergieprojektoren installiert, die feste Energie projizierten. So
wuchsen vier Beine mit Hufen an einem länglichen Torso. Am oberen Ende
bildete sich der Oberkörper eines menschlichen Mannes – ein Harekuul,
halb Mensch, halb Pferd. Nistant erinnerte sich an die Bezeichnung der
Terraner dafür: Zentaur.
Tashree war bis zu seinem Tod ein loyaler Vasall gewesen. Sein Körper
war vergangen, doch seine Seele wurde in einem Vyr wieder geboren, und
so durfte er noch weitere Jahrhunderte seinen Dienst auf der
STERNENMEER verrichten.
Nicht jedes Wesen war freiwillig zu einem Vyr geworden. Die Seelen der
Vyr waren noch nicht bereit für die Harmonie von DORGON und sträubten
sich vor dem Abgrund MODRORs, doch sie besaßen allesamt wertvolle
Fähigkeiten für Nistants Raumschiff.
Tashree wandte sich Nistant zu.
»Drei Raumschiffe nähern sich uns.«
Der Harekuul sah noch so aus wie vor 800 Jahren, als Nistant ihn
kennengelernt hatte. Doch sein wahrer Körper war längst zu Staub
zerfallen. Aber zählte das? Tashree hatte seinen Verstand und seine
Erinnerungen behalten. Ein Geschenk, das nicht jedem der Vyr zuteil
wurde. Manche von ihnen durchschritten zunächst die Tiefe des Chaos,
gepeinigt von ihren schattenhaften, quälenden Huckups, und verloren ihre
Erinnerungen im Schleier der Lethe. Andere hatten ihren Dienst für die
STERNENMEER so lange verrichtet, dass sie ihre Herkunft einfach
vergessen hatten.
Tashree blickte Nistant in Erwartung einer Antwort an.
»Hm, sind sie bereits im visuellen Bereich.«
»Das sind sie, Herr!«
Tashree musste keine Knöpfe aktivieren, denn als Vyr war er mit dem
Schiff verbunden und konnte telepathisch Befehle senden. Der Körper aus
Formenergie war eine gewisse Form von Höflichkeit gegenüber Nistant.
Vor Nistant erschien ein Hologramm der beiden fremden Raumer. Sie
waren elipsenförmig mit einem Hohlraum in der Mitte. Dort loderte eine
rote Energiequelle, die von Stahlzangen gehalten wurde. Nistant dachte an
Augen. Das waren also die Augenraumer der Cairaner.
Ihre Schiffe waren mit einem Durchmesser von zweitausendachthundert
Metern beeindruckend.
»Sie rufen uns«, meldete Tashree.
»Dann lass uns keine unhöflichen Besucher sein. Stelle eine audiovisuelle
Verbindung zu den Cairanern her.«
Vor Nistant erschien das Hologramm eines humanoiden Wesens. Es war
hochgewachsen, die Haut golden mit großen braunen Flecken. Der Kopf
war haarlos, die Lippen nicht vorhanden, und die Augen ebenso golden.
Das Wesen hob die beiden Arme. Nistant erkannte, dass es an jedem Arm
ein Handpaar hatte. Der Cairaner trug eine einteilige grüne Kombination.
»Ich bin Kabru Sheevanadse, Kommandant der BUKARA. Identifiziere
dich und deaktiviere unverzüglich den Schutzschirm. Eine Inspektion
deines unsymmetrischen Raumschiffes erfolgt in Kürze.«
Nistant verschränkte die Arme vor der Brust.
»Oh Sohn des Seins, lege jeden Tag Rechenschaft ab.«
Der Cairaner bewegte die Handpaare.
»Wie darf ich das verstehen, Fremder? Bist du der Kommandant dieses
unästhetischen Raumschiffes?«
»Die STERNENMEER ist mein Schiff. Ich bin Nistant, Herr und Erbauer
des Rideryons, Bote der Kosmotarchen DORGON und MODROR. Du
armseliger Cairaner. Ich leite das Zeitchaos ein. Darin wirst du vergehen.
Lege Rechenschaft ab, denn der Tag des Jüngsten Gerichts ist
angebrochen.«
Der Goldene schwieg und bewegte die Innenhandpaare nach außen und
dann wieder nach innen.
»Deaktiviere unverzüglich deine Schutzschirme, Nistant, Abgesandter der
Kosmotarchen. Wir stufen dich und deine STERNENMEER als störend ein.
Bereite dich auf ein Enterkommando vor und leiste keinen Widerstand.«
Nistant wusste, dass die Cairaner Tech nologie auf Paratronbasis sowohl in
der Offensive als auch in der Defensive verwendeten. Damit waren sie
technologisch den Galaktikern überlegen, die immer noch unter den Folgen
der Hyperimpedanz litten. Die STERNENMEER war mit ihrer Technik
aber sowohl den Galaktikern als auch den Cairanern überlegen. Auch sie
hatten nach der Erhöhung des hyperphysikalischen Widerstands
Modifikationen durchführen müssen, doch Nistant und seine Hilfsvölker
griffen auf das Wissen und Repertoire von Millionen Jahren an
technologischem Fortschritt zurück. Die Hyperimpedanz vor 700 Jahren
war nicht die erste ihrer Art und würde auch nicht die letzte dieses
Ausmaßes gewesen sein.
»Oh, ihr unwissenden Söhne des Seins«, sagte Nistant und hob den Arm
und den Zeigefinger, um eine kreisende Bewegung zu machen.
»Dies ist der Orionnebel. Die Kemeten hatten einst Zuflucht hier
gefunden, als sie Chepri verlassen mussten. Doch all das wollt oder könnt
ihr nicht wissen, denn ihr regiert eine Galaxis der Ahnungslosigkeit. Ist
euch wirklich nicht bewusst, dass Terra existiert, oder ist das ein
ausgeklügelter Plan?«
Nistant blickte die Cairaner erwartungsvoll an.
Das Gesicht des Goldenen blieb ausdruckslos. Nur seine Handpaare
bewegten sich geschmeidig im Kreis.
»Ich wiederhole letztmalig meine Aufforderung. Solltest du dieser nicht
nachkommen, werden wir dein Raumschiff vernichten.«
Nistant winkte ab.
»Cairaner, genieße deine letzten Augenblicke, bevor du in der
Vergessenheit vergehen wirst. Ich werde euch auslöschen, ich spreche
davon, euch buchstäblich aus der Geschichte zu streichen.«
Nistant wandte sich an Tashree und gab dem Harekuul ein Zeichen. Dieser
aktivierte den Tiefenbohrer.
»Mung Gaah Ambane!«, flüsterte der Navigator, ein Vyr in der
Erscheinung eines sechsarmigen Manjor, dessen graues Fell glänzte. Er
fletschte die Zähne des Wolfsmauls und sagte mit fester Stimme. »Mung
Gaah Ambane! Mata Penindas!«
Erhebe dich, Tiefe! Sterbt Unterdrücker.
Ein Kampfspruch, den die rebellischen Bewohner der Tiefe des Chaos
verinnerlicht hatten und selbst nach dem Schleier der Lethe noch kannten.
Der Tiefenbohrer drang in den interdimensionalen Raum, er verband sich
mit der Tiefe des Chaos. Er löste einen Anker aus, was die Galaktiker als
Temporale Anomalie bezeichneten. Es öffnete sich ein blauer Schlund, der
von drei Tryortan-Schlünden begleitet wurde. Der in einem dunklen Rot
leuchtende trichterförmige Lichterscheinungen waren von imposanter
Erscheinung.
Nistant rief sich das Gedicht des Herzens der Sterne in Erinnerung.
Doch nein – du erstickst der Welten Träume so herzlos,
mein Zorn wächst unendlich und so sinnlos,
so überlasse ihre gepeinigten Seelen zum Trost meinem Abenteuer,
auf dass sie verbrennen im kataklystischen Feuer,
mögen sie an des Schwarzen Loches Sog terminieren, auf dass ihre Seelen
auf ewig in Qualen vegetieren.