Band 123
Die Cassiopeia
Kulag Milton will Fakten schaffen!
Autor: Nils Hirseland
Cover: Gaby Hylla
Innenillustrationen: Gaby Hylla
Handlungszeitraum: 23. Februar 2046 NGZ – 28. Februar 2046 NGZ
Handlungsschauplätze: Milchstraße
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Atlan
Der Arkonide nimmt an einer Kreuzfahrt teil, um mehr über die
Cairaner in Erfahrung zu bringen
Kulag Milton
Der ehrgeizige Tycoon präsentiert die CASSIOPEIA
Vopp ter Camperna
Er drückt gerne ab
Sagreta da Maag
Sie auch
Nathaniel Creen und Hunter
Die Rhodanjäger haben einen speziellen Auftrag
Eleonore
Die Positronik der NOVA versucht, menschlicher zu werden
Roch Miravedse
Der sternwestliche Konsulatssekretär der Cairaner stattet einen
Besuch ab
Inhalt
Hauptpersonen des Romans 2
Was bisher geschah 4
Prolog 5
Kapitel 1 – Die CASSIOPEIA 10
Kapitel 2 – Der sternwestliche Konsulatssekretär 17
Kapitel 3 – Rendezvous im All 24
Kapitel 4 – Abdrücken 29
Kapitel 5 – Im Mubiko 33
Kapitel 6Paradiesisch 36
Kapitel 7 – Paradiesisch 47
Kapitel 8 – Fakten schaffen 54
Kapitel 9 – Orchidee pflücken 60
Epilog 68
Vorschau 70
Glossar 71
Impressum 75
Was bisher geschah
Im Jahre 2046 NGZ beherrschen die Cairaner die Milchstraße. Terra
ist ein Mythos und das Wissen um die Geschichte der Galaxis
durcheinander geworfen und teilweise vergessen.
In jener Zeit agiert der Rhodanjäger Nathaniel Creen als
Kopfgeldjäger im Auftrag der Camperna Agency Cloud Company
er muss außerhalb der Lemurischen Allianz sogenannte
Rhodanmystiker jagen. Doch Creen bekommt ernsthafte Zweifel an
dem Mythos Terra.
Temporale Anomalien tauchen seit Anfang des Jahres in der
Milchstraße auf und sorgen für ein vorübergehendes Zeitchaos. Doch
die Anomalien weiten sich aus und devolutionieren die Welt
Stellacasa. Es sind Vorboten des Zeitchaos und der finstere Nistant
ist mit der STERNENMEER auf dem Weg in die Milchstraße,
ebenso wie der Saggittone Aurec, der einen Ausweg aus der Tiefe
des Chaos sucht.
Ohne von den drohenden Ereignissen zu wissen, nehmen Atlan und
Gucky aus diplomatischem Wohlwollen an einer Kreuzfahrt teil, die
vom egozentrischen rudynischen Tycoon Kulag Milton organisiert
wird.
Es ist der Flug mit seiner neuesten Attraktion: DIE CASSIOPEIA …
Prolog
Unter dem fahlen Schein einer blauen Sonne beobachtete Aurec den
täglichen Überlebenskampf, der auch in der Tiefe des Chaos nicht
ungewöhnlich war. Ein grüner Käfer zappelte mit den Vorderbeinen und
versuchte vergeblich, dem festen Biss der röhrenförmigen Pflanze zu
entrinnen. Doch ihre dolchscharfen Zähne hatten sich tief in das etwa
sechzig Zentimeter lange Insekt eingefahren und sonderten ein lähmendes
Gift ab. Dieser Fleischfresser war mit seiner braunen Farbe gut getarnt und
nicht von einem Baumstamm auf dem braunen, schlammigen Untergrund
zu unterscheiden.
Das verzweifelte Zappeln erschlaffte. Langsam saugte die Pflanze ihre
Beute aus.
Bencho knurrte, und Aurec streichelte ihn.
»Das ist nichts für dich, Kleiner. Wir sollten besser Abstand halten. Die
Wesen auf dieser Welt neigen zu großem Wachstum.«
Der Posbihund hechelte und wedelte mit dem Stummelschwanz. Aurec
sah sich um. Auf dem Planeten mit dem seltsamen Namen 138-Rückwärts
wirkte alles trostlos. Es war das gewohnte Bild eines Planeten auf dem es
eine Terra-Station gab. Es regnete hier sehr häufig, sodass der Boden
matschig war. Es gab einige Siedlungen, doch er beabsichtige nur noch eine
bestimmte Einrichtung aufzusuchen: eine Terra-Station! Während seiner
Suche nach dem geeigneten Portal zur Milchstraße, hatte er ein codiertes
Signal eines Kosmogenen Trägers empfangen. Nur ein Kosmogener Segler
vermochte die Botschaft zu lokalisieren und zu entschlüsseln, denn sie
mussten vorsichtig sein. Agenten der Kosmotarchen waren überall in der
Tiefe des Chaos und wenn sie nicht aktiv waren, dann waren es Fanatiker
der Harmonie von DORGON. Jene, die die Apokalypse unterstützten und
die Reformation des Universums als göttliche Bestimmung betrachteten.
Die Nachricht war kurz: »Terrapedia 138 RW
Terrapedia war die Bezeichnung für den Roboter und somit die Terra-
Station. 138 RW das Kürzel für den Planeten. Die Planeten waren
kategorisiert. Über 700 Jahre Arbeit zahlte sich manchmal aus. Die
Hauptarbeit hatten die Terrapedia-Roboter gemacht. Sie waren die
nützlichen Helfer, die Eorthor zurückgelassen hatte, um die Kosmogenen
Träger zu unterstützen.
Aurec hätte ihm nie soviel Nostalgie gegenüber Terra zugetraut, doch
vielleicht steckt in dem Alysker doch ein Herz oder es war ein Anfall von
seltsamen Humor. Er hatte sich immer gefragt, ob Eorthor seine Tochter
Elyn nicht vermisst hatte. Immerhin war sie genauso wie Kathy Scolar auf
dem Rideryon gefangen. Aurec hatte jeden Tag an Kathy gedacht, und sie
war noch immer so tief in seinem Herzen verankert wie am ersten Tag. Elyn
war wahrscheinlich sogar am Leben, da alle Alysker relativ unsterblich
waren. Ob Eorthor jemals versucht hatte, in das Rideryon vorzudringen?
Wo er wohl war? Sie hatten vermutlich weit mehr als einhundert Jahre
keinen Kontakt mehr gehabt.
Das Summen eines riesigen Insektes schreckte Aurec aus seinen
Gedanken auf. Instinktiv zog er seinen Strahler. Ein achtbeiniges Monstrum
mit Rüssel am Gesicht und einem Stachel am anderen Ende brummte auf
ihn zu. Aurec schoss, und das Insekt fiel leblos zu Boden.
»Lass uns verschwinden«, sagte er, während ihm ein Schauer über den
Rücken lief. Er watete durch den Matsch. Bencho schien sich wohl zu
fühlen und suhlte sich freudig in dem Dreck.
»Komm jetzt, Mister Terrapedia wird nicht begeistert sein, wenn du seine
Station verdreckst.«
Bencho kläffte und folgte seinem Herrchen. Sie gingen auf einen Hügel.
Von dort hatte Aurec einen Blick über das gesamte Tal. Im Zentrum lag eine
verlassene Stadt. Die rostigen Metallgebäude wirkten schon von weitem
verwittert. Im Osten lag etwas abseits die Terra-Station. Das markante
flache Dach mit den beiden Landeplattformen, deren Gangways
geschwungen zum Eingang verlief, waren unverkennbar. Doch selbst wem
das nicht auffiel, der wurde durch das Schild auf der Säule daneben
aufmerksam, an dem in Neo-Rot »Terra Station« prangte. Soviel zur
Geheimhaltung.
Aurec verzichtete auf einen Fußmarsch. Er kehrte mit Bencho zurück zum
Kosmogenen Segler und flog zur Landeplattform. Die Terra-Station wirkte
rostiger und verwilderter als jene auf 17-348-Kevon. Goldbraunes Laub und
Erde lagen im Eingang. Der Terrapedia-Roboter würde sich also über
Bencho nicht ärgern.
»Moin«, grüßte der Roboter, der von links auf ihn zuschwebte.
Die Terrapedia-Baureihe war immer gleich. Auf einem eiförmigen Torso
ruhten oben drei optische Sensoren, die Aurec am ehesten als Stielaugen
bezeichnen würde. Um den Antigrav am Ende des Torsos ragten drei
Greifarme heraus. Ein Oberlippenbart war aufgemalt, und er trug eine
Seemannsmütze.
»Das Wedder ist schiet heute«, schimpfte er in einem für Aurec
unbekannten Dialekt.
»Wollen Sie wat zum äten un Drinken? Äten un Drinken höllt Lief un Seel
tausamen.«
»Könntest du so reden, dass ich dich verstehe?«
»Du kannst mi an’ne Büx rüken.«
»Was?«
»Natürlich, Sir! Wie Sie wünschen. Meine Programmierung ist auf einen
norddeutschen Terraner eingestellt. Der Meister Eorthor hielt es wohl für
erstrebenswert, uns eigene Charaktere zu geben, so dass wir nicht alle
gleich und eintönig sind.«
Terrapedia schwebte hinter den blauen Tresen und wühlte mit zwei
Greifarmen in einer Truhe.
»Wir servieren Fischbrötchen, Zander, Seelachs oder zappeligen Aal.«
Ausgerechnet Fisch! Aurec mochte keinen terranischen Fisch. In einem
der wenigen ruhigen Momente, die ihm und Kathy vergönnt waren, war er
mit ihr essen gegangen. Es gab eine traditionelle Speise, doch der rohe
Fisch war nicht sein Geschmack gewesen.
Mister Terrapedia wedelte mit einem Fischbrötchen herum.
»Schönes Matjesfilet mit Remouladensoße.«
»Wenn es denn sein muss.«
Das Hologramm von Constance. © Gaby Hylla
»Fisch ist gesund, Sir! Was möchten Sie dazu trinken? Bier und einen
Korn?«
»Danke‹, sagte Aurec und nickte
Aurec sah sich um. Im anderen Raum befand sich das Restaurant.
Hellbraun, weiß und blau dominierte das Mobiliar und die Wände. Er setzte
sich auf eine Bank und blickte nach draußen.
»Was war das für eine Stadt?«
»Ich kann das nicht beantworten, Sir! Die Terra-Station wurde errichtet,
als das hier bereits eine Geisterstadt war. Vermutlich war 138-Rückwärts
ein devolutionierter Planet aus dem Normaluniversum.«
Die Temporale Devolution zog die Planeten aus dem Normaluniversum in
die Tiefe des Chaos. Sie lösten sich buchstäblich in ihrer Zeitlinie auf.
Manchmal geschah es auch, dass sich zurückentwickelten und Kopien in
der Tiefe des Chaos materialisierten. Deshalb trugen diese Welten auch die
Bezeichnung Rückwärts. Eine banale Bezeichnung für devolutionierte
Welten, die ganz oder teilweise aus dem Normaluniversum gerissen
wurden. Zu welchem Zweck, wusste keiner aus der Kosmogenen Loge.
Auch wenn sie mehr als 700 Jahre bereits die Tiefe des Chaos erforschten,
so hatten sie nicht alles vielleicht auch nur einen Bruchteil ihrer
Funktion herausgefunden.
Außerdem lebten die Kosmogenen Träger nicht die ganze Zeit hier.
Dauerte der Aufenthalt zu lange, legte sich entweder der Schleier der Lethe
über sie oder sie verloren zu viel Vitalenergie und alterten trotz des Segens
des Osiris.
Ein Sturm zog auf, Regen peitschte gegen die Fensterscheiben. Geäst und
Schrott flogen durch die Gegend. Ein Blitz ließ die Stadt kurz aufleuchten,
und prompt folgte der Donner. Bencho grummelte und verzog sich winselnd
unter den Tisch.
Eigentlich müsste ein Posbihund schlauer sein, doch seine Schöpfer hatten
versucht, ihn so gut es ging, einem normalen terranischen Hund
nachzuempfinden.
»Oh, ehe ich es vergesse«, sagte Mister Terrapedia.
»Du bist ein Roboter und kannst nicht vergessen«, erwiderte Aurec.
»Es sei denn, meine Programmierung sorgt dafür. Wenn Routinen
geschrieben werden, welche einen Ablauf generieren, der eine temporäre
oder dauerhafte Löschung der Speicher vorsieht oder Prozesse künstlich
verlangsamt, so könnte ich auch vergesslich sein, Sir
Ein Fach öffnete sich an seinem Bauch, er griff hinein und stellte den
Miniholoprojektor auf den Esstisch. Das Hologramm einer Frau erschien.
Sie trug ihr brünettes langes Haar offen. Ihre irisierenden Augen leuchteten
blaugrau. Die Lilim war vom Äußeren nicht von einer Saggittonin oder
Terranerin zu unterscheiden. Constance Zaryah Beccash war in einer
schulterfreien, grauen Kombination mit gelben Linien gekleidet. Sie war
immer noch eine wunderschöne Frau, auch wenn man ihr den Raub der
Vitalenergie trotz einer Zelldusche etwas ansah. Sie hatte auf der Suche
nach Cauthon Despair viel zu viel Zeit in der Tiefe des Chaos verbracht und
dabei etwas von ihrem jugendlichen Aussehen eingebüßt.
»Sei gegrüßt, Aurec! Ich hoffe, diese Botschaft erreicht dich. Nistant ist
auf dem Weg in die Milchstraße. Er hat Niada gefunden, doch nicht die
Kosmogene Chronik. Sein Pfad ging weiter nach Dorgon. Die Welt ist
inzwischen devolutioniert. Nun droht die ganze Milchstraße ins Zeitchaos
zu stürzen. Wir müssen ENGUYN finden.«
Aurec leerte das Glas Korn mit einem Zug. Er verzog das Gesicht. Was
war das für ein widerliches Gesöff? Doch die Worte von Constance waren
wichtiger als der Geschmack des Getränks. Die Nachricht kam jedoch nicht
überraschend. Aurec war klar, je mehr der sogenannten Anker zur
Milchstraße in der Tiefe des Chaos existierte, desto aktiver wurden die
Temporalen Anomalien dort, und das würde unweigerlich das Zeitchaos
einleiten.
Dass Nistant mit der STERNENMEER unterwegs war, verwunderte ihn
etwas. Nistant… dieser Bastard war jemand, der das Rideryon verlassen
hatte. Wenn es einen Weg heraus gab, musste es auch einen Weg rein geben.
Einen Weg zu Kathy. Falls sie überhaupt noch am Leben war.
Aurec schob den Gedanken an seine geliebte Kathy beiseite und hörte
Constance weiter zu.
»Ich breche über einen Anker bereits in die Milchstraße auf und versuche
ENGUYN zu finden. Wenn ich richtig gerechnet habe, sind zwei
Kosmogene Chroniken in der Milchstraße. Wir müssen sie finden und mit
ENGUYN verbinden, bevor das Zeitchaos ausbricht. Wir sehen uns bald,
Arkonide!«
Sie hielt kurz inne.
»Saggittone, oder? Ich meine Saggittone natürlich. Also, kein Famal
Gosner, sondern Ebi-Vino Scil.«
Sie zwinkerte mit dem Auge, legte zwei Finger an die Stirn und lächelte,
ehe sie die Finger in seine Richtung hielt. Das Hologramm erlosch.
Constance sprach kein saggittonisch, denn sie hatte ihm einen
halbtrockenen Wein gewünscht, was Ebi-Vino Scil in seiner Sprache
bedeutete.
Constance Zaryah Beccash war also in der Milchstraße. Sie war wie er
selbst eine Kosmogene Trägerin. Er musste jetzt in die Milchstraße
aufbrechen. Die Zeit drängte, denn ohne Kosmogene Chronik waren sie
dem Zeitchaos ausgeliefert.
Kapitel 1 – Die CASSIOPEIA
23. Februar 2046 NGZ
Eine halbnackte Amazone mit goldenem Haar ritt auf ihrem weißen Ross
durch die Sterne. Ihre üppigen Brüste in dem Push-Up Büstenhalter wippten
auf und ab. Neben ihr kam ein Mann mit weißem, hoch gekämmten Haar in
weißem Hemd und dunklen Hosen auf einem goldenen Streitwagen
angeflogen. Er breitete die Arme aus und sagte: »Cassiopeia war eine
Göttin der Antike von Olymp. Es hieß, sie sei auch eine Sexgöttin
gewesen.«
Der Mann blickte in die Menge und zwinkerte. »Das hätte ich gerne
gesehen. Ich bin Kulag Milton und heiße euch willkommen!«
Die Menge johlte, als hätte gerade Elvis Presley die Bühne betreten. Atlan
lehnte sich in den bequemen Stuhl und verschränkte die Arme vor dem
Bauch.
Der Mann auf dem Streitwagen war nicht Milton, sondern ein billiges
Double, das ihm nicht einmal ähnlich sah. Er stieg an den Rand des
Wagens, sprang in die Tiefe und verschwand im Dunkel.
Ein entsetztes Raunen ging durch die Reihen der Zuschauer.
Dann tauchte Milton auf der Bühne auf und breitete die Arme aus. Die
Zuschauer applaudierten, pfiffen vor Freude und jubelten.
Es fehlt bloß noch, dass Unterwäsche auf die Bühne fliegt, meinte Atlans
Extrasinn.
Kulag Milton diesmal der echte und nicht sein unähnliches Stuntdouble
– ließ sich feiern.
»Doch eines Tages verließ Cassiopeia die Welt Olymp auf ihrem weißen
Pferde Zottel und reiste zwischen den Sternen, wo sie mit den Plejaden
nach Galactica zog und dort eine neue Dynastie gründete. Ich wäre gerne
dabei gewesen… also bei der Gründung.«
Kulag Milton lachte dreckig, und einige der Zuschauer stimmten mit ein.
Das Bild der blonden Amazone verblasste, und aus dem Dunkel des
Weltraums tauchten die Umrisse eines Raumschiffes auf.
Zuerst war die rechteckige »Nase« des Schiffes zu sehen, gefolgt von dem
seitlichen Wulst, ehe Atlan das Ausmaß der CASSIOPEIA im Licht
genauer betrachten konnte.
Im Hintergrund spielte eine symphonischemajestätische Musik, die ihm
aber unbekannt war. Vermutlich war es das Werk eines rudynischen
Komponisten aus den vergangenen 500 Jahren.
Das Vorderteil der CASSIOPEIA bestand aus einem Kugelraumer, der von
einem hufeisenförmigen Wulst umgeben war. An der Kugel lag der
quaderförmige Vorbau. Der hufeisenförmige Wulst und die Kugel waren
durch ein flaches Mittelteil verbunden. Das ovale Verbindungsstück bestand
aus mehreren Etagen und hatte ein abgeflachtes Dach. Das Mittelteil
erinnerte Atlan an eine Art kleine Stadt. Mittig befanden sich zwei
quadratische Gebäude, dahinter insgesamt fünf weitere Türme. Die
vorderen erinnerten ihn an eine Stufenpyramide aus dem alten Ägypten,
dahinter erstreckten sich zu jeder Seite ein zylinderförmiger Turm. Im
Zentrum der vier Gebäude thronte ein hoher Turm mit einer runden
Wohnplattform. Atlan wusste, dass sich hier einmal die Kommandozentrale
und der große Festraum befunden hatten.
Das Heck der CASSIOPEIA war rundlich und gewölbt. Es erinnerte an
den Panzer einer Schildkröte. Zwei Stahlröhren legten sich hufeisenförmig
um das Heck, an dessen Ende sich die Triebwerke befanden.
Das Design der CASSIOPEIA war vielfältiger als die übliche Bauweise
von galaktischen Schiffen, die zumeist rund waren.
Die Zuschauer konnten das Raumschiff nun in voller Pracht begutachten.
Natürlich war es nur eine Holografie, denn die CASSIOPEIA selbst war mit
einer Länge 1.000 Metern, einer Breite von 600 Metern und einer Höhe von
250 Metern etwas zu groß für eine Demonstration.
Das Schiff schwebte über dem Raumhafen der Milton-Werft, bereit, über
einige Gangways die etwa 500 Gäste zu aufzunehmen.
Kulag Milton hielt eine Lobpreisung auf sich selbst. Der Rudyner war
umringt von halbnackten und vollbusigen Terranerinnen, die nach Atlans
Geschmack zu dümmlich und oberflächlich grinsten.
Seit wann ist der Einsame der Zeit nicht mehr vom Antlitz schöner Frauen
angetan?
Atlans Extrasinn war scharfzüngig wie immer. Auch wenn er natürlich gar
keine Zunge besaß.
Mit solchen Frauen ist es wie mit leckeren Burgern einer Fast-Food-Kette.
Sie sehen zum Reinbeißen aus, doch jeder weiß, es steckt nichts Gutes drin,
antwortete Atlan im inneren Zwiegespräch.
Mit solchen Aussagen würdest du sicherlich den Titel Chauvinist des
Jahrtausends auf Rudyn bekommen.
Es bleibt ja unter uns, sagte Atlan zu seinem inneren Ich.
Milton selber sah weniger zum Anbeißen aus. Es war diese grundlegende
unsympathische Ausstrahlung, die der kräftige Rudyner mit den
wasserblauen Augen und schlohweißen Haaren hatte.
»Liebe lebende Existenzen, die CASSIOPEIA ist nur ein Teil der Reise!
Für ein unvergessliches Urlaubserlebnis wird die Camperna Agency Cloud
Company die CACC sorgen. Einen warmen Applaus für einen Mann,
der meinen tiefsten Respekt hat. Er ist ein Verkaufstalent, nein ein
Vertriebsgenie – der Super-duper-sales-Manager Yeremiah Cloudsky!«
Zu lauter Ska-Musik betrat Yeremiah Cloudsky die Bühne. Auch der
blauhäutige Glosneke mit den roten Pumucklhaaren kam hoch zu Ross,
doch anstatt auf einer Animation oder einem echten Pferd ritt er auf einem
Steckenpferd. Der Super-sales-Manager der CACC trug einen blauen
Anzug und ein weißes Hemd mit roter Krawatte. Er hüpfte auf dem Stab
mit dem Pferdekopf umher. Die Menge jubelte und lachte vor Freude.
Gucky materialisierte auf den leeren Sitzplatz neben Atlan.
»Na endlich«, sagte der Arkonide nur.
»Wieso schreien die denn so? Feiern die Cosmolodics ihr Comeback?«
Atlan zuckte mit den Schultern.
»Die neuen Superstars heißen Milton und Cloudsky
»Scheiße, so ein Hobby-Horsing-Dings hatte Jumpy auch mit drei
Jahren.«
»Ich sagte schon Sokrates damals, das sei lächerlich. Aber gut, die hatten
nichts anderes.«
»Kommt aber wohl gut an bei den Leuten.«
Atlan zuckte mit den Schultern.
»Wer weiß, was die genommen haben… Diese Reise wird sehr
anstrengend werden.«
Cloudsky stieg ab und hob den Stab mit dem Stoffpferdekopf in die Höhe.
Er spielte darauf, wie auf eine E-Gitarre, dann warf er das Spielzeug weg,
klatschte und ließ sich wie ein Rockstar feiern. Die Leute applaudierten,
und Cloudsky tanzte vor der Menge. Schrille Schreie begleiteten das
Spektakel.
Es wurde ruhiger, und der Glosneke rieb sich die Hände.
»Urlaub die schönste Zeit im Jahr in eurem Leben. Euer Spaß und
unsere Passion unsere Mission. Die CACC ermöglicht es euch, den
Moment zu genießen, einzutauchen und zu leben. Energie aus den
kosmischen Strahlungen der endlosen Freude zu tanken. Wir haben die
besten und freundlichsten mitarbeitenden Individuen, die förmlich
existieren, um euch unvergesslichen Urlaub zu bereiten. Unsere Company
steht für nachhaltige Diversität, Intersexualität und einen Fair-Clean-
Urlaub. Danke!«
Die Menge applaudierte lautstark.
Eine Arkonidin stöckelte in einem silbernen, kniehohen Kleid die Treppe
zur Bühne hinauf. Es war Sagreta da Maag. Ihr folgten zwei halbnackte,
muskulöse Männer mit langen, schwarzen Haaren. Offenbar sollten sie das
Pendant zu Miltons Miezen darstellen. Jeder trug ein Tablett mit Gläsern.
Atlan vermutete, dass die Gläser mit Champagner gefüllt waren. Als sich
die Arkonidin neben ihren Partner Milton stellte, stolperte einer der Männer
und verschüttete ein Glas Champagner. Einige Spritzer erreichten Hemd
und Hose von Milton.
Der Tycoon lachte, packte den Mann am linken Ohr und zupfte daran
grinsend. Dann nahm er ein volles Glas. Sagreta nahm auch eines, denn es
waren weitaus mehr Gläser auf den Tabletts als Redner auf dem Podium.
»Auf die CASSIOPEIA. Sie ist ein Inbegriff an Luxus, Schönheit und
Eleganz – ganz wie du, liebste Sagreta.«
Kulag Milton wirkte richtig charmant. Die Arkonidin lächelte.
»Greift am Buffet noch mal zu, meine Freunde. In einer Stunde beginnt
der Check-in. Danke!«
Kulag Milton leerte das Glas und winkte der Menge zu, die wieder jubelte
und ihrem großen Raumschiffbauer huldigte. Atlan stand auf und folgte
Milton mit etwas Abstand in den Backstagebereich. Der Rudyner riss sich
das Hemd vom Leib und warf es dem ungeschickten Träger des Tabletts zu.
»Du dumme Sau! Weißt du, was mein Hemd kostet? Mehr als dein
verschissenes Scheißleben!«
»Jetzt beruhige dich, Kulag«, forderte Sagreta da Maag ihn auf, doch der
Tycoon wurde noch wütender.
Sagreta gab der Sicherheit ein Zeichen, darauf zu achten, dass niemand
den Streit mitbekommen würde. Die zwei Rudyner sicherten die Tür und
dachten wohl, Atlan gehöre zum inneren Kreis.
»Hast du den Hurensohn eingestellt? Ist das auf deinem Mist gewachsen?
Der macht mich vor allen Leuten lächerlich mit seiner Spritzeinlage.«
Er stürmte auf den verängstigten Mann zu und packte ihn am langen Haar.
Myka Bilno kam zu ihm und wollte ihn sanft aus dem Bereich schieben,
aber das wollte er sich ansehen.
»Soll ich dich verklagen. Soll ich? Ja?«
Der Mann weinte und wimmerte nur »Nein!«
»Ach nein?«, schrie Milton. »Ich verklage dich. Und dann wirst du zahlen,
mein Junge! Und nicht nur du. Du wirst nicht mehr wissen, wie du dein
Fressen bezahlst, deine Energie, deine Miete. Am Ende muss deine Frau
anschaffen. Doch das reicht nicht. Die Klagen rasseln nur so in dein
Postfach. Dann müssen deine Kids auf den Straßenstrich, damit ihr euch
überhaupt eine Mahlzeit leisten könnt.«
Milton stieß den Mann von sich.
»Verpiss dich! Raus hier. Und bete, dass ich dich nicht verklage.«
Der Mann rannte wortlos weg. Kulag Milton drehte sich um und erblickte
Atlan. Er lächelte.
»Einmal mit Profis arbeiten. Der wird nie wieder tollpatschig sein in
seinem Leben. Er kann mir für diese Lektion danken.«
Atlan verzog den Mundwinkel.
»Er wird dir sicher dankbar sein, wenn seine Familie sich nicht
prostituieren muss.«
Milton winkte ab.
»Ich wollte dem kleinen Scheißer doch nur Angst machen.«
»Das war unnötig«, rügte ihn Sagreta.
»Dann hättest du mal besseres Personal auswählen sollen. Sagreta,
kümmere du dich um den Check-in der Gäste. Kannst du das, oder soll
Myka das übernehmen?«
Der Arkonidin blickte frustriert zur Sekretärin und atmete tief durch.
»Dafür brauche ich die ganz bestimmt nicht!«
Milton verließ mit Myka Bilno den Raum und ließ Sagreta einfach so
zurück. Atlan wusste, dass die stolze Arkonidin verletzt war.
»Nun«, sagte er und lächelte charmant. »Gucky und ich würden uns über
einen persönlichen Check-in freuen.«
Atlan und Gucky schritten die Gangway entlang. Der Boden war mit rotem
Teppich ausgelegt, die Wände bestanden zum Großteil aus einer
langgezogenen Fensterfront. Sagreta da Maag lief einen Meter voran und
zeigte Atlan nicht unbedingt die kalte Schulter, sondern ihr festes Hinterteil.
Neben ihr trottete der dreiköpfige Wolfshund Kerberus, ihr Haustier.
Witterst du etwa eine Gelegenheit nach dem Streit und bringst dich schon
einmal in Stimmung?
Sie hat durchaus ihre Vorzüge und scheint verletzt zu sein.
Verletzte Frauen sind besonders gefährlich.
Für denjenigen, der sie verletzt hat.
Nicht nur für ihn, Barbar. Nicht nur für ihn.
»Wenn du deinen Mentalblock öffnen würdest, könnten wir uns zu dritt
unterhalten«, warf Gucky ein, der ganz offenbar das mentale Zwiegespräch
zwischen Atlan und dessen Extrasinn erahnt hatte.
»Ich habe übrigens den armen Kerl noch abgepasst, bevor er rausgeworfen
wurde und gesagt, bei Problemen soll er sich an den Residenten persönlich
wenden und sagen, wir haben ihn geschickt.«
Atlan nickte. Das war Gucky mit seinem großen Herzen. Er selbst hatte
diesmal darauf verzichtet, sich mit Milton anzulegen. Immerhin hatten sie
den Auftrag, die LFG zu repräsentieren.
Sie durchschritten die Schleuse zur CASSIOPEIA und fanden sich in
einem großen und breiten Foyer mit Fußboden aus hellem Holz wieder. Die
Wände waren in einem dunkleren, spiegelnden Holz gehalten. Im Zentrum
befand sich ein großer Tresen, an dem diverse Terminals zum Check-in
standen. An den Seiten schwebten kugelförmige, weiße Roboter mit zwei
Greifarmen und einem roten Auge im runden Bauch.
»Der Check-in erfolgt automatisiert. Keine Einladung, keine Schlüssel-ID.
Roboter helfen, das Gepäck in die Kabinen zu tragen. Wie schon gesagt, es
gibt eigentlich kein Personal«, erklärte Sagreta da Maag.
Sie waren die ersten Passagiere, die eincheckten. Es war entsprechend leer
auf der CASSIOPEIA, deren Inneneinrichtung Atlan an einen Luxusliner
zur See erinnerte. Aber vielleicht ähnelten sich die Luxusschiffe zu Wasser
und im Weltraum ohnehin immer wieder. Es gab moderne Technologie,
aber in der Grundausstattung waren sie stets edel und anspruchsvoll
eingerichtet.
Gucky wollte seine Taschen telekinetisch anheben, doch sie blieben am
Boden stehen.
Sagreta da Maag lachte herzlich.
»Dafür stehen doch die Roboter zur Verfügung.«
Ich wurde misstrauisch, und Gucky seufzte leise.
»Oh«, machte Sagreta und winkte ab. »Lasst euch nicht durch unsere
Sicherheitsvorkehrungen stören. Wir verwenden Fünfdimensionale Psi-
Schirme. ENGUYN bezeichnet es als ein Paragitter
Dafür, dass die denken, ihr seid Schauspieler, sind sie auf Eventualitäten
gut vorbereitet, stellte Atlans Extrasinn fest.
Und er hatte recht damit, denn der Einsatz von Anti-Psi-Schirmen war
ausdrücklich gegen Gucky gerichtet. Jemand wusste um die Parafähigkeiten
des Mausbibers und wollte diese auf der CASSIOPEIA unterbinden. Durch
den fünfdimensionalen Schirm wurden die Psi-Fähigkeiten des Ilts
innerhalb des Raumschiffes neutralisiert. Gucky konnte nicht teleportieren,
Gedanken lesen oder telekinetisch Sachen bewegen. Er war ein ganz
normales Wesen – zumindest, was seine Parafähigkeiten anbelangte.
Atlan wurde jedenfalls misstrauischer.
Gucky war die ganze Zeit über angefressen. Er fühlte sich nicht wohl auf
der CASSIOPEIA. Atlan konnte es ihm nicht verdenken. Sie standen im
großen Sternenlicht-Saal auf dem Milton-Turm, wie der Erbauer den
Hochbau in seiner Bescheidenheit getauft hatte. Auf dem Milton-Turm
befanden sich die großen Festsäle sowie die Zentrale. Die Positronik
ENGUYN lag wohl im vorderen Bereich des Schiffes. Ohnehin schien die
Kommandozentrale mehr oder weniger unbenutzt zu sein, da die Positronik
die komplette Kontrolle und Steuerung autark vornahm.
Der Sternenlicht-Saal wirkte aufgrund von Monitoren und
Hologrammprojektoren gläsern. Die Außenbordkameras nahmen das
Umfeld auf und zeigten es in Echtzeit über den Köpfen der Gäste an. So
wirkte es, als wäre der Himmel zum Greifen nahe.
»The sky is the limit«, sagte der blauhäutige Glosneke Yeremiah Cloudsky
und lächelte. Er prostete Atlan mit einem Stielglas zu.
Der sah sich um. Die Gäste waren hauptsächlich Rudyner, Arkoniden,
Akonen, Springer und Tefroder. Hier und da mischten sich Topsider,
Unither, Cheborparner, Hasproner und Epsaler dazu. Atlan konnte keine
Haluter, Oxtorner, Ertruser oder Jülziish ausmachen. Vermutlich war
sowieso nur die High Society von Rudyn eingeladen, die Freunde und
Gönner des Reeders Kulag Milton.
Cloudsky winkte zwei Menschen herbei. Die Frau fiel Atlan besonders
auf. Sie war im mittleren Alter und von einer natürlichen Schönheit. Sie
trug ihr braunes Haar offen, ihre grünblau irisierenden Augen leuchteten
kräftig, und ihr Lächeln ließ wohl jedes Männerherz höher schlagen.
Nicht zu verschweigen ihre üppigen Brüste und ihr wohl geformter
Körper, kommentierte Atlans Extrasinn zynisch.
Der Mann neben ihr war von hagerer Gestalt, hatte einen Bartansatz und
wirkte eher schlicht im Geiste, gemessen an seinem Gesichtsausdruck. Er
torkelte etwas, da er vermutlich schon vor dem Start reichlich an der Bar
versorgt hatte.
»Das sind meine Assistenten Constance und Speedy Handrej.«
»Tatsächlich ist mir das ein großes Vergnügen, dich kennenlernen zu
dürfen tun, Herr Aslan«, sagte Handrej und schüttelte Atlans Hand.
Die Frau winkte.
Cloudsky klatschte in die Hände.
»Und? Mega oder was? Das ist das geilste Raumschiff im ganzen
Universum.«
Atlan grinste gequält.
»Alter, ich könnte hier wild onanierend durch die Gegend laufen, so nice
ist das Schiffchen«, meinte Speedy Handrej.
»Das glaube ich dem aufs Wort…« Die Brünette verdrehte die Augen und
leerte ein Glas Wein. Sie versuchte, den Ekel zu unterdrücken, offenbar war
es doch ein Schluck zu viel für ihn gewesen.
Atlan konnte es ihr nicht verdenken, denn der Nettoruna, den sie hier
servierten, verdiente den Namen nicht. Er wusste nicht, was sie hier sollten,
und Gucky kauerte sauer auf einem Stuhl und starrte vor sich hin. Der Ilt
hatte die Arme vor dem Bauch verschränkt und war in absolut schlechter
Stimmung.
Eine laute Fanfare ertönt, die Constance zusammenzucken ließ.
»Oh, das war jetzt plötzlich«, meinte sie und lachte aufgesetzt, während
Kulag Milton in lautem Beifall die Bühne am Ende des Sternenlicht-Saals
betrat. Er breitete die Arme aus.
»Willkommen auf der CASSIOPEIA. Sie ist wild, sie ist wunderschön
und megageil. Das ist mein neues Raumschiff.«
Die Anwesenden schrien, johlten und applaudierten in einer für Atlan
unangemessenen Euphorie.
»Und nun…«
Er hob den Finger und der Boden wurde transparent. Genauer gesagt
zeigte es sich, dass auch im Boden Holoprojektoren installiert waren. Die
Gäste blickten in die Tiefe, während die CASSIOPEIA langsam aufstieg. Es
war, als befände man sich in einer Glaskugel, die in den Himmel stieg.
»Was für ein billiger Mist«, meckerte Gucky. »Der Turm ist auf dem
Mittelteil der CASSIOPEIA gebaut. Wenn das authentisch wäre, würden
wir auf den nackten Stahl des Schiffes nach unten blicken und nicht auf
Rudyn.«
Atlan schenkte dem Mausbiber ein mildes Lächeln.
»Hier ist vieles offenbar mehr Schein als Sein. Die Außenkameras sind am
Bauch der CASSIOPEIA angebracht.«
Das Schiff nahm an Fahrt auf. Atlan beobachtete Sagreta da Maag, die in
einer schwarzroten Kombination mit kniehohem Rock gelangweilt an
einem Tresen stand und sich offenbar darüber ärgerte, dass Kulag Milton
sich gerade mit seiner Sekretärin Myka Bilno beschäftigte.
Ein Raunen ging durch die Zuschauer. Die CASSIOPEIA überflog nun
Genzez und Neu Terrania. Die Solare Residenz kam näher, während die
CASSIOPEIA an ihr vorbeiflog.
»Ich würde ja auf die Residenz teleportieren, wenn ich das könnte«,
jammerte Gucky.
Cloudsky schien das Gespräch mitbekommen zu haben.
»Es ist schon etwas peinlich, dass du so an deiner Rolle festhältst, kleiner
Fuchs.«
Der Glosneke wedelte mit dem Zeigefinger vor Guckys Nase.
Speedy Handrej lachte schallend. Gucky sprang auf und watschelte
wütend davon. Atlan konnte es ihm nicht verdenken. Die Menschen des 21.
Jahrhunderts NGZ waren geistig weit zurückgeworfen, da ihnen das
komplette Wissen und Verständnis aus ihrer Vergangenheit fehlte. Sie
lebten in einer Galaxis und genossen den technologischen und
gesellschaftlichen Fortschritt, ohne zu wissen, wer in den Jahrtausenden
davor dafür gekämpft hatte. Es war einfach nur demütigend, dass diese
unwissenden Narren Gucky und ihm ihre Existenz abstreitig machten und
sie auslachten.
Atlan ging zu Sagreta und überreichte ihr ein volles Glas Wein.
»So allein im Augenblick des Triumphs.«
»Es ist sein Triumph und ich bin ausgeschlossen.«
Sie blickte ihn an.
»Er lässt sich feiern und vögelt die kleine rudynische Nutte in ein paar
Minuten, während er vorgibt, sich frisch zu machen.«
Sie leerte das Glas Wein in einem Zug und blickte Atlan tief in die Augen.
»Es heißt, dieser Atlan hätte sehr viel Erfahrung mit Frauen. Vielleicht
solltest du mir deine Erfahrung in meiner Kabine zeigen. Möglicherweise
glaube ich dir dann deine Geschichte…«
Der Sex mit Sagreta war schwungvoll, aber alles andere als zärtlich und
sinnlich gewesen. Sie hatte Positionen bevorzugt, in denen sie keinen
Augenkontakt gehabt hatten. Auch danach lag sie seitlich von Atlan
abgewandt, ließ es aber immerhin zu, dass er seinen Arm um ihre Schulter
legte.
»Bereust du es?«, fragte er schließlich.
»Nein, wieso denn? Das ist etwas, worin du in Längen besser bist als
Kulag.«
»Nun, dann habe ich in dieser Angelegenheit zumindest Fakten
geschaffen.«
Er spürte, wie sie kurz zuckte.
»Es hat für viel Aufsehen gesorgt, dass du über das Unternehmen
informiert bist. Wer hat es dir gesagt? Die kleine Nutte?«
Sie meinte zweifellos Myka Bilno.
»Wieso sorgt es für so viel Aufsehen?«
Sie lachte, dann löste sie sich aus seinem Griff und stieg aus dem Bett.
Sagreta stand nackt bis auf ihre Stockings vor ihm, die sonst so penibel
angelegten Haare waren zerzaust.
»Es ist Kulag Miltons Lebenswerk.«
Atlan hatte immer noch keinen blassen Schimmer, was sich hinter dem
Unternehmen “Fakten schaffen” verbarg, doch offenbar nahm Sagreta an, er
wüsste es. Er setzte sich auf.
»Sein Unternehmen ist geheimnisvoll. Ich muss Nachforschungen
betreiben, wenn es die Sicherheit der Liga gefährdet.«
Sie verzog das Gesicht und kniete sich auf das Bett.
»Ein Handelsabkommen mit den Cairanern wird kein Genickbruch für die
Liga sein. Es wird ihr wirtschaftlich schaden, ja. Aber das ist normal. Die
Milton Company wird galaxisweit von Bedeutung sein.«
Darum ging es also. Milton hatte einen geheimen Deal mit den Cairanern
geschlossen und wollte sich vermutlich auch deshalb auf der ATOSGO mit
diesem sternwestlichen Konsulatssekretär treffen. Atlan war erleichtert,
denn es ging wieder nur um Geld. Sicherlich würde der LFG die Milton
Company im Raumfahrtsektor fehlen, denn es schien auf einen Wechsel
vom Ephelegon-System hinaus zu laufen, doch Bull würde das verkraften.
»Was wirst du jetzt tun?«, fragte sie ihn und fuhr sich mit dem Finger über
ihren Busen.
»Wann wird Milton denn die Fakten verkünden?«
»Mit der Rückkehr der CASSIOPEIA ins Ephelegon-System. Es wird die
Börse in Aufruhr versetzen, wenn die Milton Company Rudyn den Rücken
kehrt. Deshalb auch die Geheimhaltung.«
Atlan zuckte mit den Schultern.
»Jeder soll seines Weges gehen. Was wirst du tun?«
»Ich werde brav seine Partnerin sein, doch erst morgen früh.«
Sie beugte sich über Atlan, sah ihm diesmal in die Augen und küsste ihn.
Atlan setzte sich an den Frühstückstisch und ließ sich vom Servoroboter ein
großes Glas mit Orangensaft einschenken und eine große Tasse starken
schwarzen Kaffee bringen. Vor ihm stand ein Korb mit Brötchen und
Croissants, daneben eine Schale mit Rührei und gebratenen Speckstreifen
und daneben wiederum ein Teller mit Wurst, Obst, Gemüse und Aufstrich.
Der Tisch war reichlich gedeckt – und Atlan hatte großen Hunger.
Während er sein Brötchen schmierte, schlug Kulag Milton ihm auf die
Schulter.
»Guten Morgen, alter Recke!«
»Morgen«, grüßte Atlan freundlich zurück.
Sagreta da Maag kam nun auch hinzu und schenkte ihm ein
bedeutungsvolles Lächeln.
Milton wuchtete sich auf den Stuhl und schnappte sich die Schale mit Ei
und Speck. Mit halb vollem Mund fragte der Tycoon: »Gut geschlafen?«
»In der Tat. Sport spät abends sorgt für einen geruhsamen Schlaf.«
»Das kann ich bestätigen, Kulag«, meinte Sagreta. »Ich durfte dem
Ausdauersport des Arkoniden beiwohnen, was ganz anders ist als die
Sprints mit dir
Kulag Milton öffnete den Mund und etwas Rührei und Speck fielen auf
den Tisch. Er schloss ihn wieder, kaute weiter und schluckte den Brei
herunter. Dann nahm er das Brotmesser und tippte mit der Spitze auf den
Tisch.
Atlan erwartete einen Wutausbruch, aber Milton blieb gelassen und
lächelte sogar. In seinen wasserblauen Augen stand jedoch der Zorn
geschrieben. Milton stand wortlos auf, schmiss das Messer zurück in den
Brotkorb und ging. Atlan warf einen Blick auf Sagreta, die ebenfalls
gelassen wirkte.
»Er wird sich davon erholen, dazu braucht er mich zu sehr. Nun,
entschuldige mich, ich muss mit Kerberus Gassi gehen. Einen schönen
Flug.«
Atlan nickte ihr höflich zu und lehnte sich zurück. Er hatte sich Kulag
Milton auf ewig zum Feind gemacht, doch darauf kam es nicht an. Der Typ
würde der Liga Freier Galaktiker sowieso bald den Rücken kehren.
Kapitel 2 – Der sternwestliche Konsulatssekretär
24. Februar 2046 NGZ
Der Augenraumer der Cairaner war gewaltig und mit einer elliptischen
Achse von 2.800 Metern und 300 Meter Dicke bedrohlich. Die Oberfläche
bestand aus einem silbrig weißen Material, in dem sich die Sterne
spiegelten. Im Zentrum des Raumschiffes lag eine Aussparung, in der sich
eine 600 Meter durchmessende, rötlich leuchtende Energiesphäre befand,
die von vier zangenförmigen Auslegern gehalten wurde.
Für einen sternwestlichen Konsulatssekretär war dieser Schiffstyp eine
Nummer zu groß. Es gab noch eine kleinere Klasse mit 1.400 mal 700
Metern und einer 350 Metern durchmessenden Energiesphäre. Vermutlich
wollten die Cairaner Stärke zeigen.
»Könnte ich beeindruckt sein, wäre jetzt wohl ein angebrachter Zeitpunkt.
Oder, Nathaniel?«, fragte Eleonore, die zusammen mit mir die Ankunft des
cairanischen Raumschiffes im Startek-Sonnensystem auf einem großen
Bildschirm im Labor der NOVA beobachtete.
Sie wandte sich von dem Geschehen ab. Es würde etwa eine halbe Stunde
dauern, ehe ein Beiboot aus dem Augenraumer in Richtung ATOSGO
aufbrach. Stattdessen kontrollierte sie die Entstehung ihres
Androidenkörpers. Fleisch bildete sich auf den Muskeln über dem
künstlichen Skelett.
»Es wird noch einige Tage dauern, doch ich bin zuversichtlich, dass diese
Erscheinung von Bestand sein wird.«
Sie meinte damit ihr Hologramm als blonde Rudynerin mit blauen Augen.
Sie hatte sich dazu entschieden, diese Erscheinungsform auf ihren
Androidenkörper zu übertragen.
Im Unterschied zu einem Roboter wurde der Körper für Eleonore auf
biologisch-chemischem Wege erzeugt. In ihrer Haut, im gesamten Körper
waren Rezeptoren verteilt, die Empfindungen erzeugen würden. Sie konnte
fühlen, würde Schmerzen spüren, aber auch Wind und die warme Sonne.
Der Körper würde einem Stoffwechsel unterliegen, sie würde Hunger und
Durst verspüren, um ihren Energiehaushalt auszugleichen. Sie wollte ihren
Körper so nahe an realem Leben halten, wie möglich. Einzig die
Ausscheidung vermied sie.
Der Androidenkörper war mit einem hochentwickelten künstlichen
Magen-Darm-Trakt ausgestattet, der die aufgenommene Nahrung effizient
in Energie umwandelte. Mittels spezieller Nanotechnologie und künstlicher
Enzyme wurde die Nahrung biochemisch zerlegt, wodurch die enthaltene
chemische Energie in elektrische Energie transformiert wurde – ähnlich wie
bei einer Brennstoffzelle. Dieser Prozess versorgte die verschiedenen
Systeme des Androiden mit der notwendigen Energie, während
unverwertbare Rückstände in komprimierter Form ausgeschieden wurden.
Auf diese Weise konnte der Android Energie aus organischem Material
gewinnen, ohne dabei den physikalischen Gesetzen zu widersprechen oder
übermäßige Abfälle zu erzeugen.Im Kopf war Platz für einen Prozessor und
der Speicher der Positronik.
Das Projekt hielt sie weiter vor unserem Kommandanten Hunter geheim.
Sie wollte ihn vor vollendete Tatsachen stellen. Ich befürchtete, dass Hunter
den Androidenkörper einfach zerstören würde. Soweit wollte ich es nicht
kommen lassen.
Seit unserer Rückkehr war mein Boss besonders gereizt, und auch Ragana
ter Camperna wirkte noch unhöflicher als sonst. Offenbar hätten beide
gerne das Artefakt aus Mashratan in den Händen gehalten, um es dem
sternwestlichen Konsulatssekretär überreichen zu können. Doch die Quelle
der Rhodanmystiker war mitsamt dem Raumschiff des Topsiders Ikasar-
Torn und der Rhodanmystikern Larida Yoon sowie dem Haluter Bordan
Hayk und dessen ophalischen Barden in der Temporalen Anomalie
vergangen.
Wir waren mit leeren Händen zurückgekehrt, sah man von Oberst
Kerkums Musiksammlung einmal ab, die Cilgin At-Karsin aber vor Ragana
verheimlicht hatte. Sie hätte sie ohnehin als Fälschung bezeichnet, da einige
der Künstler angeblich von Terra stammten. Der Rhodanmystiker Jevran
Wigth war wieder auf der ATOSGO inhaftiert. Der Tefroder hatte sich
widerstandslos festnehmen lassen und litt merklich unter dem Verlust seiner
Begleiterin Larida Yoon.
Am meisten von allen stand ich wohl mit leeren Händen dar. Diese
Jargon-Chronik, wie das Anubis-Hologramm sie bezeichnet hatte, sah
genauso aus wie mein Artefakt. Pyramidenförmig, dreißig Zentimeter lang,
goldweiße Hülle. Anubis hatte vom Vergessen gesprochen. Vielleicht hätte
die Jargon-Chronik Antworten auf meine Vergangenheit liefern und mir
einen Weg zeigen können, mein Artefakt zu öffnen.
Ich verließ das Labor durch den schmalen Korridor zur Ausstiegsluke, die
bereits geöffnet war. Langsam schritt ich die heruntergelassene Luke hinab
und betrachtete das Treiben im Hangar. Roboter schoben Frachtcontainer
auf Antigravplattformen durch die Gegend. Auf der ATOSGO lebten derzeit
fast 3.000 Gäste und Besatzungsmitglieder, und natürlich plante Ragana ter
Camperna eine große Gala zu Ehren der Ankunft der Cairaner.
Ich erkannte Tarnaite Grazus, die mit der Unitherin Cyba Kryz den Inhalt
eines Containers betrachtete und darin herumkramte. Die blauhäutige
Tarnaite mit den orangefarbenen Haaren und den blauen Augen stammte
wie ich von Gongolis und war von der Spezies her ein Mensch. Sie war
drall gebaut und von einer natürlichen Schönheit. Tarnaite wirkte immer so
zerbrechlich und traurig. Ich wusste, dass sie auf Gongolis kein leichtes
Leben gehabt hatte. Sie hatte einmal erzählt, dass ihre Mutter früh
gestorben war und der Vater unter Trunksucht und Glücksspielsucht litt, ehe
er wegen Spielschulden ermordet worden war. Tarnaite war als Waisenkind
in einer Kolonie von Terranern aufgewachsen, ehe Hunter diese 2035
ausgehoben hatte. Mein “charmanter” Boss hatte damals erreicht, dass alle
138 Rhodanmystiker Gongolis hatten verlassen müssen.
Ragana selber hatte das ausgenutzt und 75 von ihnen, darunter Tarnaite,
als niedere Arbeiter bei der CACC eingestellt. Natürlich durfte sich bis
heute niemand mehr als Terraner bezeichnen oder über Perry Rhodan reden.
37 von ihnen hatten es im Laufe der Jahre trotzdem getan. Einige von ihnen
verschwanden danach einfach, andere hatten Glück gehabt und waren nur
entlassen worden.
Die Unitherin Cyba sah sich zwei Vurguzzflaschen an. Ihr Rüssel tastete
die Flasche ab.
»Das ist für die Gäste«, rügte Tarnaite sie mit ihrer hohen Stimme.
Cyba erschrak so sehr, dass sie eine Flasche fallen ließ. Sie hielt dem
Aufprall jedoch stand und rollte zur Seite, ehe sie von einem Fuß gestoppt
wurde.
Hunter.
Er hob die Flasche auf und grinste.
»Du dumme Säuferin mit einem galaktischen Schwanz in der Fresse
wolltest wieder Eigentum der CACC stehlen, richtig?«
Er sagte es in einem Tonfall, als würde er sie über den höchsten Klee
loben.
»Ja, ja, Herr Hunter. Ja, ja, ich arbeiten«, antwortete die Unitherin, die
kaum Interkosmo verstand oder sprach, weil sie von einer Kolonie der
Unither stammte, die dort im Laufe der Jahrhunderte degeneriert waren. Für
normale Unither war Interkosmo quasi die Muttersprache.
»Sie hat doch nichts davon getrunken«, verteidigte Tarnaite sie.
»Vielleicht solltest du lieber als Nutte bei Topp arbeiten, statt als Sklavin
der alten Ragana die Scheiße aufzuräumen.« Hunter beäugte sie mit einem
Lächeln. »Du hättest Potenzial.«
»Es reicht jetzt«, sagte ich entschieden. »Wir sollen vermutlich jetzt den
Cairaner empfangen?«
Hunter blickte mich irritiert an. Er war Widerworte von mir nicht
gewohnt, wusste aber auch, dass ich mich für manche Schwache einsetzte,
was ihn immer gestört hatte. Für ihn waren Tarnaite und Cyba keine echten
Lebewesen, sie waren Spielzeuge. Er wusste nur zu genau, dass niemand
ihm einen Strick drehen würde, wenn er beide zum eigenen Vergnügen
umbringen würde. Dann waren sie auf einmal Rhodanmystiker und eine
Gefahr für das Unternehmen.
Hunter atmete tief durch und lächelte wieder.
»Korrekt, edler Ritter. Die Fähre von Roch Miravedse ist auf dem Weg.
Wir sollten ihn nicht warten lassen.«
Das Empfangskomitee hatte sich im zweiten Hangar versammelt. Hunter
und ich sorgten mit vier der zwölf Wachrobotern für die Sicherheit. Mit uns
befanden sich die gesamte Familie ter Camperna im Hangar.
Ragana ter Camperna hatte ihren Bart gespitzt und ihr graubraunes Haar
offen. Sie trug ein grünes Kleid, das bis zu den Knien reichte und die
behaarten Unterschenkel zeigte.
Rechts neben ihr stand der greise Heshnat ter Camperna. Der Gatte der
Ragana wirkte eingefallen und teilnahmslos. Seine spitzen Ohren hingen
geknickt zur Seite, und das Emot-Organ leuchtete grau, was so viel wie
Emotionslosigkeit bedeutete.
Zu ihrer linken Seite befanden sich ihre Stiefsöhne Vopp und Topp. Sie
waren die leiblichen Kinder von Heshnat und Onryonen.
Vopp ter Camperna war das Positronikgenie in der Familie. Der
hochgewachsene Onryone trug eine kurze beige Hose und einen viel zu
engen roten Pullover. Auf dem Kopf ruhte eine blaugelbe Propellermütze.
Die Füße steckten in Filzpantoffeln. Von Vopp ging ein säuerlicher Geruch
aus, so als hätte man einen Erdboden frisch aufgebrochen. Es war ein
Zeichen der Müdigkeit. Das Emot-Organ leuchtete dunkelrot, was bei
seiner Spezies Gleichmut ausdrückte.
Sein Bruder Topp ter Camperna, der Besitzer des Spielcasinos und
Bordells auf der ATOSGO und der SEESTERN, trug keine Schuhe, dafür
weiße Socken und einen Morgenmantel. Das Emot-Organ schimmerte in
Regenbogenfarben. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er berauscht war.
Dahinter befanden sich Vopps sieben Kinder um ihre unsympathische
Mutter. Wie immer war Stasya ter Campernas Make-up mit dem knallig
pinken Lippenstift und dem grünen Lidschatten viel zu übertrieben. Die
Kinder wirkten schmuddelig wie eh und je. Ihre Gesichter und ihre
Kleidung waren von Essensresten bekleckert. Sie quengelten und waren
ziemlich unruhig. Stasya versuchte, sie zur Ruhe zu bringen.
Abseits der Familie hatte sich die wichtigsten Mitarbeiter der CACC
aufgereiht. Zuerst die Arkonidin Bismaria da Enta. Die Vorsteherin mit den
weiten Schals roch bis hierher nach Raumhafentoilette. Ich hatte den Filter
in meiner Maske für eine Weile deaktiviert, weil ich die Umwelt bewusster
wahrnehmen wollte. Neben da Enta standen die grünhäutige und
kurzhaarige Imarterin Bytta Wolden, die hochgewachsene Blues
Gorüküüana Lorübüllyvalütün mit ihrem roten Fellsaum und die attraktive
Rudynerin Polly Kallos. Dahinter unterhielt sich die gedrungene
Personalreferentin Boffelia Bokk mit der sommersprossigen und kräftigen
Rezeptionistin Cirane Kinzz. Links von ihnen wankte der Leitende
Ingenieur Theofyr Sobrasky von links nach rechts. Cilgin At-Karsin wirkte
fehl am Platze und schien sich in der Traube seiner Kollegen nicht wohl zu
fühlen.
Das Beiboot des Augenraumers war ebenfalls ellipsenförmig, jedoch in
sich geschlossen und besaß keine Energiesphäre im Zentrum. Es glitt mit
einem leisen Surren in den Hangar, und aus dem Bauch fuhren
Landestützen aus. Das Schiff setzte auf, und die Landestützen hoben den
Rumpf etwa fünf Meter in die Höhe. Eine elliptische Öffnung bildete sich.
Langsam schwebte ein Cairaner durch den unsichtbaren Antigravstrahl
hinab. Das Aussehen der Cairaner war wohl den meisten Galaktikern
bekannt. Sie waren filigran gebaut, mit langen Armen, an deren Unterarm
ein weiteres Armpaar lag. Die Haut war golden, mit bronzenen Flecken am
haarlosen Kopf.
Der sternwestliche Konsulatssekretär Roch Miravedse war angekommen.
Der Antigravstrahl erlosch, und Miravedse blickte sich bedächtig um. Der
Cairaner trug eine blauweiße Kombination mit blauen Stiefeln, einem
weißen Einteiler, der mit seitlichen blauen Streifen verziert war und weiße
Handschuhe. Das Gesicht wurde von einer flachen, beweglichen Nase,
einem lippenlosen Mund und ockerfarbenen Augen mit waagerechten
Pupillen geprägt.
»Herzlich willkommen, Euer sternwestlicher Konsulatssekretär«, sagte
Ragana ter Camperna zur Begrüßung und breitete die Arme aus.
Miravedses Innenhände ballten sich zu Fäusten. Die feinen Gespürhände
nutzten die Cairaner zum Ausdruck ihrer Empfindungen. Die geballte Faust
war ein Zeichen von Ablehnung, so als würden wir Menschen angeekelt die
Mundwinkel verziehen.
»Ich bedanke mich für den Empfang der CACC. Jedoch muss ich zu
meinem Bedauern zum Ausdruck bringen, dass die mangelnde Ästhetik in
Bekleidung und Erscheinung einiger der Anwesenden eine allergische
Reaktion meines Immunsystems verursacht. Ich bitte um sofortige
Entfernung der Personen, ja?«
Roch Miravedse blickt an die Decke und faltete die zwei Handpaare vor
dem Schoß. Ragana blickte sich suchend um, und auch die anderen wirkten
völlig perplex. Nun gut, wenn es nach mir ging, störten fast alle in dem
Hangar mein ästhetisches Empfinden. Die CACC-Leute murmelten vor sich
hin, und ich hörte sowas wie »Der Hauri muss weg, der ist es bestimmt.«
von Boffelia Bokk.
»Es betrifft bedauerlicherweise eine Vielzahl der hier im Raum
befindlichen Existenzen, ja?«, sagte Roch Miravedse mit warmer Stimme.
»Die Rudynerin mit dem unsymmetrischen Gesicht und Brüsten gehört
ebenso dazu wie die unangemessen gekleideten Sprösslinge der ter
Camperna. Der Geruch der Arkonidin beleidigt meine Nase, die grelle
Farben der Schminke der Rudynerin mit den ungezogenen Kindern – sieben
auch noch an der Zahl – löst ein Brennen in meinen Augen aus, ja?
Lediglich Ragana ter Camperna, die beiden Rhodanjäger, die
Rezeptionistin mit dem dunkelvioletten Haar und der Hauri dürfen bleiben.
Die anderen Anwesenden lösen in mir, freundlichst ausgedrückt, einen Ekel
und Unbehagen aus, den ich leider nicht zu unterdrücken vermag.«
Immerhin durften Hunter und ich bleiben. Polly Callos und Cilgin At-
Karsin widerten den Cairaner auch nicht an. Der Rest musste gehen. Tat mir
nicht leid um ihr Ego.
»Alle raus, bis auf Hunter, Creen, Callos und At-Karsin. Los jetzt«, rief
Ragana und klatschte dreimal in die Hände. Dann wandte sie sich demütig
an Roch Miravedse und verneigte sich.
»Ich bitte mein Fehlverhalten zu entschuldigen.«
»Gegeben, Ihre Söhne wählen eine angemessene Garderobe, so dürfen sie
an unseren Gesprächen teilnehmen.«
Ragana nickte devot und deutete mit der Hand auf den Ausgang. Hunter
und ich folgten ihnen zur Linken, Polly und At-Karsin zur Rechten. Alles
musste in symmetrischer Harmonie sein, damit der Cairaner nicht noch
weitere allergische Reaktionen erleiden musste.
Der Speisesaal war in einem schlichten Beige gehalten. Die Tischdecken
waren gelb, die Servietten beige. Es waren warme, freundliche Farben, die
das Gemüt des Cairaners im Einklang halten sollten.
Roch Miravedse setzte sich hin und legte die vier Hände auf den Tisch.
Die vierfingrigen Außenhände waren größer und stärker als die feinen
Innenhände. Das innere Handpaar waren die Gespürhände, die neuronal
durchsetzt waren und deswegen über eine Vielzahl an Sinneseigenschaften
verfügten. Die Finger der Cairaner besaßen offene Nervenenden.
Ragana ter Camperna setzte sich zu ihm. Wir standen paarweise herum.
Inzwischen hatten wir die Positionen gewechselt, sodass Cilgin At-Karsin
neben mir stand und Polly neben ihrem Liebhaber Hunter.
»Ich danke Ihnen, ehrenwerte Ragana ter Camperna für die
Rücksichtnahme auf meine kulturellen Eigenarten, ja?«
»Und ich danke Ihnen für Ihre Offenheit und ebenfalls dafür, dass Sie
meinen Wunsch auf eine förmliche Anrede respektieren, welche im
Interkosmo nicht mehr üblich ist«, erwiderte die Mehandor.
»Hm, ich muss gestehen, dass mir die Unterscheidung nach förmlicher
und persönliche Ansprache durchaus gefällt.«
Ragana lachte und ließ sich ihr Glas mit Wein füllen. Ich sah, dass
Tarnaite Grazus als Kellnerin diente. Sie trug ein weißes Kleid mit
Blümchen. Bei ihr schienen die Ästhetik und die Proportion des Körpers
jedenfalls zu stimmen.
Cairaner waren in der Lage, Nahrung und Getränke der Galaxis zu
verzehren. So schenkte sie ihm auch Wein ein.
Tarnaite verließ den Raum.
»Wohl denn, ich bin gespannt auf die nächsten Tage und die Evaluierung
von Milton Kulag.«
»Wir werden am 25. Februar auf ihn treffen. Es werden auch zwei
Abgesandte der Liga Freier Galaktiker mit der CASSIOPEIA anreisen.
Atlan und Gucky
»Zwei Ikonen der Rhodanmystiker«, stellte Roch Miravedse fest und
schlürfte den Wein. »Sie haben in einem Kommuniqué berichtet, dass Sie
große Erfolge im Kampf gegen die Verschwörungstheoretiker und
galaktischen Schwurbler erzielt haben, ja?«
Sie lächelte und zeigte auf Hunter.
»Das ist ein besonderer Verdienst unserer Rhodanjäger
Roch Miravedse blickt hoch. Die Mimik des Cairaners war starr, und
allenfalls einige Handbewegungen ließen erahnen, was er fühlte. Doch es
war schwer, aus den unablässigen Bewegungen der Hände und Finger seine
Emotionen abzulesen. Dazu war ich einfach nicht geübt genug.
»Ah, Pawl Erfos. Wann wirst du…« Miravedse hielt inne. »Wann werden
Sie Ihr Vermächtnis antreten? Das Volk der Tefroder wird durch Lügen
unterdrückt. Ihr würdet der Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit im
Tamanium verträglicher sein und ein besseren Maghan darstellen als Vetris-
Molaud.«
Tarnaite Grazus brachte das Essen. Auf dem Teller von Roch Miravedse
befanden sich zwei Scheiben Seelachs aus dem Grünen Ozean, sechs
Kartoffeln mit Dill und vier gebackene Tomaten, die symmetrisch
angeordnet waren. Verlegen stellte sie den Teller ab und sah den Cairaner
erwartungsvoll an.
Ragana winkten Tarnaite zur Seite. Sie verstand diese Geste, verneigte
sich und brachte nun Raganas Teller.
»Ich bin bereit. Sobald die Cairaner mit einer Flotte Augenraumer meine
Legitimierung untermauern«, sagte Hunter und kam näher an den Tisch.
Roch Miravedse nahm die Gabel und stach in eine der gebackenen
Tomaten. Er nahm mit der linken Hand ein Messer und schnitt die Tomate
in zwei gleiche Hälften. Dann hob er die eine Hälfte mit der Gabel hoch
und schob sie sich in den Mund. Genüsslich schmatzend kaute er auf dem
Gemüse und schluckte es hörbar herunter. Dann lehnte er sich zurück und
sah zu Hunter.
»Wir sind in großer Sorge, wenn Regierungen Falschmeldungen und
Mythen fördern und ausnutzen, um die eigene Macht zu stärken. Doch
wollen wir keinen galaktischen Krieg auslösen. Die Lösung muss kreativer
sein, ja?«
Hunter seufzte.
»Nun, erzählen Sie mir doch lieber von Ihren Unterfangen auf Stellacasa
und Mashratan, ja? Es heißt, die Rhodanmystiker sind ausgemerzt?«
Hunter sah mich an. Offenbar wusste er nicht, was er sagen sollte, doch
ich schwieg. Der Tefroder seufzte.
»Wir haben ein Netzwerk von mehr als einhunderttausend
Rhodanmystikern auf Stellacasa ausfindig gemacht. Doch die gesamte
Bevölkerung des Planeten verging in einer Temporalen Anomalie.«
»Hervorragend, damit ist das Problem auf dieser Welt gelöst. Was geschah
auf Mashratan?«
Hunter nickte mir zu.
»Bevor ich über Mashratan spreche, gestattet mir eine Frage,
sternwestlicher Konsulatssekretär
Miravedse schnitt ein Stück vom Seelachsfilet ab und tunkte es in die
weiße Sauce am Tellerrand. Er legte es in den Mund. Diese Kaugeräusche
störten mein Ästhetikempfinden. Der Cairaner ließ sich viel Zeit, ehe er
sich zurücklehnte und mit dem Finger wedelte. Ich durfte meine Frage
stellen.
»Haben die Cairaner Stella Mortem in der Bevölkerung von Stellacasa
verteilt?«
»Creen, wie können Sie es wagen?«, rief Ragana aufgebracht und
donnerte mit den Fäusten auf den Tisch.
Roch Miravedse hob beschwichtigend die beiden linken Hände. Mit der
rechten Hand nahm er das Weinglas und trank daraus. Dann stellte er es
langsam ab und blickte zu mir.
»Ich erinnere mich noch gut an das Projekt Stellacasa. Wir haben
Satelliten in der Umlaufbahn verteilt. Es erschien mir als der wie sagt ihr
Galaktiker noch humanere Weg im Vergleich zu den Ausweglosen
Straßen. Stellacasa war durch die Rhodanmystiker toxisch geworden und
musste durch ausgeklügelte, aber friedfertige Maßnahmen entgiftet werden.
Ich sehe nun, dass unser Projekt erfolgreich abgeschlossen wurde.«
»Erfolgreich?«, rief ich lauter als gedacht.
»Ihr wünscht etwas anzumerken, ja?«, fragte Miravedse und widmete sich
nun der zweiten Tomate auf seinem Teller.
»Ihr habt mehr als 90 Jahre lang die Bevölkerung eines ganzen Planeten
manipuliert, sie in eine unmenschliche Isolation gezwungen und ihre
Ausrottung eingeleitet. Die Rhodanmystiker hatten also demnach recht.«
Vor lauter Aufregung rutschte Miravedse beim Schneiden der Tomate mit
dem Messer ab und beförderte eine Kartoffel vom Teller. Ragana winkte
Tarnaite herbei, die die Kartoffel hastig aufhob und die Decke säuberte.
Roch Miravedse blickte mich an und ballte die Fäuste.
»Ich habe Leben gerettet! Die Alternative wäre ein bewaffneter Einsatz
gewesen, der Weg in die Ausweglosen Straßen. Ja, mir erschien dieser Weg
als human.«
Miravedse wollte sich wieder dem Essen widmen, doch er hielt inne und
blickte mich erneut an.
»Ich wünsche die sofortige Übergabe des Artefaktes von Mashratan sowie
die Auslieferung der beiden Rhodanmystiker, ja?«
»Die Quelle der Rhodanmystiker ging in einer Temporalen Anomalie
verloren, wie auch die Rhodanmystikerin Larida Yoon«, lautete meine
Antwort.
»Bedauerlich. Sie können die Aussagen Ihres Navigators bestätigen, ja?«
Miravedse sah zu Hunter rüber, der den Kopf schüttelte.
»Ich war nicht dabei. Allerdings ist Larida Yoon nicht wiedergekommen.«
Cilgin At-Karsin räusperte sich und trat hervor. Er verneigte sich demütig.
»Entschuldigt bitte, Herr sternwestlicher Konsulatssekretär. Ich war
ebenfalls auf Mashratan und kann die Aussagen des Herren Kopfgeldjägers
bestätigen. Sowohl die sogenannte Quelle als auch die Akonin gingen in der
Temporalen Anomalie verloren. Kein Verlust, wenn ich das anmerken
darf.«
Miravedse hob die Hände und bewegte die Finger.
»Ihr dürft, danke sehr. Nun entfernt euch wieder auf eure Position.«
»Ich muss mich für das Verhalten von Creen entschuldigen«, warf Ragana
ter Camperna ein.
Reizend, wie sehr sie ihrer Gefolgschaft den Rücken stärkte.
»Seine impertinente Anmaßung der cairanischen Strategie im Luce-
System hat meine Ästhetik nicht annähernd so beleidigt, wie die Mode Ihrer
Kinder, sehr verehrte CACC-Patriarchin. Doch es ist bedauerlich, dass wir
kein Artefakt haben.«
»Mein Navigator besitzt so eines. Es ist nicht das von Mashratan.«
Wie konnte Hunter nur? Das war mein Besitz, mein Eigentum und meine
Privatsphäre.
»Nun statt einer Entschuldigung Ihres Lakaien wünsche ich die
Aushändigung dieses Artefakts zu weiteren Untersuchungen. Ebenfalls
fordere ich weiterhin die Auslieferung des verbliebenen Rhodanmystikers
bei meiner Abreise.«
Ragana blickte mich auffordernd an.
»Sie haben den sternwestlichen Konsulatssekretär gehört. Bis zu seiner
Abreise übergeben Sie ihm beides ohne zu murren, verstanden?«
Das konnte sie nicht verlangen! Das Artefakt gehörte mir. Es war
vielleicht der einzige Schlüssel zu meinem alten, mir unbekannten Leben.
Das durfte man mir nicht nehmen. Wenn ich das Artefakt verlor, verlor ich
jede Chance darauf, meine Erinnerungen zurückzuerlangen.
Doch das kümmerte keinen in dieser Gesellschaft.
»Verstanden«, sagte ich und verließ den Saal. Sollte dieser goldene
Mistkerl doch an seiner Tomate ersticken!
Ich schob mich durch die Gruppe der CACC-Mitarbeiter, die sich vor dem
Speisesaal befand. Die Weiber in der Traube zeterten ungehalten. »So ein
Freak«, flüsterte Boffelia Bokk, die Personalreferentin.
Ich blieb stehen und baute mich vor der Rudynerin mit der blauen
Haarmähne auf. Sie starrte mich entsetzt an und wich mit erhobenen
Händen zurück, so dass sie Cirane Kinzz auf die großen Füße trat.
Ich drehte mich um und verließ wortlos den Raum. Ich wollte nur noch
zur NOVA zurück. Was sollte ich jetzt machen? Unter keinen Umständen
wollte ich das pyramidenförmige Artefakt aus den Händen geben und schon
gar nicht den Cairanern überlassen. Ich musste es verstecken. So komisch
es mir vorkam, ich machte mir auch Gedanken um Jevran Wigth. Sein
Schicksal war besiegelt, Roch Miravedse würde ihn in eine Ausweglose
Straße deportieren. Das hatte der Tefroder nicht verdient.
Mein Weg führte mich durch die Haupthalle, die bereits gut besucht war.
Es duftete nach frischem Brot und Kaffee.
»Hey, da ist ja der geheimnisvolle Ritter«, rief jemand mit säuselnder
Stimme.
Ich warf einen Blick nach rechts. Da stand diese Meinungsmacherin
Rasha und lächelte mir zu. Sie hielt in der linken Hand eine rauchende
Zigarette und in der rechten Hand eine Tasse Kaffee.
Sie hatte ihr schwarzes Haar zu einem Zopf gebunden und war wieder
sehr offenherzig gekleidet, so dass man viel Haut und ihre Tätowierungen
sah. Ich trat näher. Ihre Augen waren wirklich fast völlig schwarz, nur ein
dunkles Violett trennte die Iris farblich von der Pupille.
»Was ist aus deinem Abenteuer geworden? Gefunden, was du gesucht
hast?«
»Ja, und es wieder verloren.«
Sie nahm einen Zug von der Zigarette und stieß den Rauch stöhnend
wieder aus.
»Ich bin nicht so blöde, wie ich aussehe. Ich weiß, dass du zwei
Rhodanmystiker an Bord hattest und nur einer davon zurückgekehrt ist. Der
Springer war außerdem sehr redselig nach ein paar Bierchen.«
Sie lächelte begeistert.
»Temporale Anomalien, Geister der Vergangenheit, ein Artefakt, das
beweisen könnte, dass der ganze Kram mit Perry Rhodan echt ist. Das ist
wirklich aufregend.«
Ich betrachtete Rasha. Sie war das, was man im 21. Jahrhundert NGZ eine
MeMa eine Meinungsmacherin nannte. MeMa waren Journalisten und
Selbstdarsteller. Sie sendeten Meinungen, Beiträge, Fotos und Videos über
sich im galaktischen Netz. Ihre Follower nannte man Stalkys. Rasha war ein
typisches MeMa-Girl, sie zeigte viel Haut und ihre Brüste, manchmal ihre
pedikürten Füße oder auch Aufnahmen ihrer Morgentoilette. Ich konnte
damit nicht viel anfangen. Sie war auf der Suche nach einer neuen Story für
ihre Stalkys, doch ich wollte ihr ganz gewiss nichts über mein Artefakt und
die komplizierte Beziehung zwischen Cairaner, CACC und den
Rhodanmystikern erzählen.
»Morgen kommt die CASSIOPEIA. Dann wirst du neue Storys haben.«
Ich ließ sie stehen.
»Warte«, rief Rasha. »Du hast doch auch so ein Artefakt.«
Ich blieb stehen.
»Was willst du?«
Sie trat näher und fuhr mit ihrem Zeigefinger der rechten Hand an meiner
Brust entlang.
»Ich wundere mich nur, wieso du ein Artefakt besitzt, das beweisen
könnte, dass Terra und Rhodan Realität sind. Das ist spannend. Und wieso
Ragana ter Camperna, die gerade mit einem Cairaner speist, dir erlaubt, es
zu behalten.«
Ich schwieg.
»Volltreffer«, sagte Rasha.
Ich wandte mich wieder ab.
»Du solltest das Artefakt besser vor ihnen verstecken«, rief sie mir
hinterher.
Als ob ich das nicht selber wusste. Der Kreis jener, die offenbar eine
Bedeutung in dem dreißig Zentimeter großen pyramidenförmigen Artefakt
sahen, wurde von Tag zu Tag größer.
Kapitel 3 – Rendezvous im All
25. Februar 2046 NGZ
Die CASSIOPEIA erreichte das Startek-System, das 985 Lichtjahre vom
Ephelegon-System entfernt war. Die ATOSGO war mit einem Durchmesser
von 2.000 Metern und einer Höhe von 600 Metern fast doppelt so groß wie
die CASSIOPEIA.
Die diskusförmige ATOSGO hatte transparente Kuppeln an der
Oberfläche. Atlan erkannte von weitem Hochhäuser, kleine Parks, Seen und
Strände darunter.
Yeremiah Cloudsky stellte sich neben ihn und betrachtete die ATOSGO.
»Ich bin jedes Mal zutiefst ergriffen, wenn ich das Raumschiff sehe. Es
erinnert mich an unsere Mission, an unsere Passion, Galaktiker glücklich zu
machen. Gibt es ein besseres Ziel im Universum?«
Atlan atmete tief durch.
»Galaktiker glücklich machen? Nur, wenn sie über genug Galax verfügen,
um sich so eine Luxusreise leisten zu können. Wenn ihr Galaktiker
glücklich machen wollt, dann fangt bei denen an, die unterdrückt werden,
die Hunger leiden oder kein anständiges Obdach haben.«
»Herr Aslan, innerhalb der Liga Freier Galaktiker gibt es keinen Hunger.
Und der Frieden der Cairaner hat für Wohlstand gesorgt. Es gibt keine
Notleidenden Galaktiker mehr
Das wäre schön, doch Atlan wusste, dass es anders war. Er erinnerte sich
daran, dass es ausgerechnet hier im Startek-System zu Zeiten des Solaren
Imperiums einen Stützpunkt der USO gegeben hatte. Ronald Tekener und
Sinclair Kennon hatten den Sitz der UHB, einer Scheinfirma der USO, auf
dem Planetoiden Satisfy gelegt. Doch der Firmensitz war schon lange
verlassen und vermutlich verfallen.
Die CASSIOPEIA flog langsam in den Hangar der ATOSGO. Kulag
Milton kam mit Sagreta da Maag und Myka Bilno auf die Gruppe zu. Von
der Seite stießen die beiden Assistenten von Cloudsky dazu.
»Na, alter Recke; bereit für die geile ATOSGO?«
Warum musste immer alles mega und geil sein?
Ein berechtigter Einwand, den Atlans Extrasinn vorbrachte.
Als Gucky müde und unwirsch angewatschelt kam, waren sie offenbar
vollzählig für einen Empfang auf dem Raumschiff der ter Campernas. Der
Weg zum großen Festsaal führte Atlan und die anderen durch die große
Haupthalle, die sich über mehrere Etagen erstreckte und vor allem aus
transparentem Material gebaut war, sodass sie eine Übersicht bis zur
höchsten Etage hatten. Atlan erinnerte der Aufbau an große
Einkaufspassagen, in denen sich das geschäftige Treiben über mehrere
Stockwerke verteilte, während das Zentrum meist offen war.
Zwei Frauen empfingen die Besucher der CASSIOPEIA.
Die eine Rudynerin war schlank, attraktiv und hatte einen beachtlichen
Vorbau, während die andere kräftiger Natur war und auch eine Ertruserin
hätte sein können. Sie hatte hübsch manikürte Hände, die aber so kräftig
waren wie die eines Bären. Es waren Polly Kallos und Cirane Kinzz, die
Rezeptionisten der ATOSGO.
Die beiden führten die Gruppe durch die Empfangshalle und erklärten
ihnen die Verkaufsshops und Attraktionen, was Atlan jedoch als langweilig
empfand.
Kulag Milton kam ins Schnaufen, da sie abseits der Rollbänder gingen,
was auch Gucky zu schaffen machte, der nicht gut zu Fuß war und lieber
teleportierte. Milton musste einige Hände schütteln und winken, ehe sie den
Antigrav erreichten. Sie schwebten nun in Richtung 25. Etage, wo sie von
einer Arkonidin in Empfang genommen wurden.
Sie hieß Bismaria da Enta und war von untersetzter Statur. Ihr
weißblondes Haar war kurz und gewellt. Sie trug bunte Schals und roch
markant.
Es erinnert mich an die Toilette im Hamburger Hauptbahnhof, sagte der
Extrasinn.
Das war lange, lange her. Es hätte auch der Münchner Hauptbahnhof sein
können, antwortete Atlan seiner inneren Stimme. Alles noch vor Perry
Rhodan. Aber es lag noch eine andere Duftnote darin, die Atlan lange nicht
mehr gerochen hatte und die nichts mit Fäkalien zu tun hatte. Es war der
Geruch von Chiwan, ein billigeres Parfüm, das vor gut 700 Jahren in Mode
gewesen war. Vermutlich war die Bahnhofsnote eine Ergänzung und jetzt
modern. Atlan schüttelte es, es roch nach Krankheit und Tod.
Bismaria wirkte genervt und geleitete die Anwesenden in den Festsaal, in
dem sich bereits gut zwei Dutzend Lebewesen befanden. Natürlich fiel
Atlan sofort der goldhäutige Cairaner auf, der neben zwei Onryonen im
Smoking stand.
Im Hintergrund lief Musik, die Atlan schon tausendmal in anderen
Variationen gehört hatte. Saxofon, Cello und Klavier, beruhigend und nicht
störend. Es war sogar wohltuend im Vergleich zu den Auftritten vor dem
Start der CASSIOPEIA.
Die bärtige Springerin Ragana ter Camperna kannte Atlan von
Trividaufnahmen. Sie begrüßte Kulag Milton und Sagreta da Maag. Abseits
davon standen mit dem sternwestlichen Konsulatssekretär ihr Stiefsöhne.
Sie wirkten nicht glücklich, denn ihre Emot-Organe leuchteten in einem
verunsicherten Magenta.
Ein Tisch weiter saßen sieben Kinder um eine Rudynerin herum. Die
gebräunte Hautfarbe und spitzen Ohren sowie das Fehlen des Emot-Organs
ließen darauf schließen, dass es sich um die Kinder von Vopp ter Camperna
und seiner rudynischen Ehefrau Stasya handelte. Die Kinder waren überaus
lebhaft, schrien und weinten. Eines fuchtelte mit dem Messer durch die
Gegend, ein anderes rammte eine Gabel in die Hand seines Bruders, der
anfing zu schreien, während Blut spritzte. Hastig eilten zwei Bedienstete
herbei, um das Kind zu versorgen.
Polly Kallos stellte sich zu einem Tefroder und küsste ihn. Im Abseits
stand ein Mann in abgehalfterter Rüstung mit Raumfahrerhelm. Er war
allein und wirkte auf Atlan entweder verloren oder desinteressiert oder
vielleicht auch beides.
Der Saal füllte sich langsam.
»Wollen wir einen trinken?«
»Ich muss ja nicht mehr teleportieren. Überall auf dem Schiff sind Psi-
Schirme aufgestellt«, meinte Gucky sarkastisch.
Man begab sich an die Bar. Ein weißer humanoider Roboter mit
schwarzen Knopfaugen fragte sie nach den Getränken.
»Einen Glen Grant.«
Der Roboter schwieg.
»Einen Malt Whiskey… egal welchen.«
»Ja, Sir. Und du wünscht?«
»Was Fruchtiges, was ordentlich knallt in der Birne. Einen Alaska-Sunset-
Cocktail oder so.«
Neben ihnen plauderten ein kleiner Springer mit langem Haar und Tattoos
im Gesicht und ein Rudyner mit weißem Haar und Schnauzbart über
Frauen.
»… Fell so flauschig«, sagte der Rudyner mit dem Schnauzbart.
»Ich weiß, was du meinst, doch ich mag lieber die rasierten Mädels. Und
große Euter müssen sie haben, weißt du? Auf großen Hupen tust du besser
tuten!«
Der Springer lachte laut und prostete dem anderen zu, der sichtlich
amüsiert war.
»Selbst wenn ich Gedanken lesen könnte, hier würde ich nur leere Seiten
finden«, meinte Gucky.
Atlan hörte dem Gespräch der beiden eine Weile zu. Der Springer nannte
sich Tai oder Dreibeiner. Sein Saufkumpane war Sobby und schien der
Leitende Ingenieur der ATOSGO zu sein. Interessant wurde es, als Tai, was
im Arkonidischen »groß« bedeutete, von seinem Abenteuer auf Mashratan
erzählte. Er prahlte damit, die »rothaarige Rhodanschlampe« ordentlich
durchgenommen zu haben. Doch sie sei jetzt tot, weil sie in eine Temporale
Anomalie geraten war. Es fielen noch Begriffe wie »Anubis, der Hund«,
»schillernder Oberst« und dass Tai es mit einem Haluter aufgenommen
hatte.
Sobby unterbrach das Gespräch mit einem Pfiff. Eine etwa 1,75 Meter
große, dunkelhaarige Schönheit in einem blauvioletten Kleid trat an die Bar.
Da ihr Kleid an den Schultern, Rücken und Bauch frei war und nur bis zu
den Oberschenkeln reichte, waren viel Haut und Tätowierungen zu sehen.
Atlan musterte sie von Kopf bis Fuß. Sie trug hohe offene Schuhe. Die
Zehennägel waren schwarz lackiert. An den Waden beginnend, zog sich an
beiden Beinen je eine Schlange bis über die Oberschenkel. Die
Schlangenköpfe trafen sich am Sternum und fauchten sich gegenseitig an.
Natürlich war das zu sehen, da das Kleid nur die Brüste direkt verhüllte,
doch Sternum und Bauch unbedeckt ließ.
Am Hals trug die Frau zwei Bissspuren und tropfendes Blut. Die Arme
waren mit Mandala-Tätowierungen überzogen. Auf ihrem Rücken war ein
Geschöpf zu sehen, das durchaus der Fantasie eines mittelalterlichen
Zeichners von Terra hätte entsprungen sein können. Das Wesen war das
reinste Höllengeschöpf und ähnelte einem Unither mit Hörnern und
Stoßzähnen.
Atlan wusste, dass er das Wesen schon einmal gesehen hatte. Er wusste
auch, dass die Information darüber vermutlich nur noch in der Datenbank
der RAS TSCHUBAI abrufbar war. Jedenfalls musste das fotografische
Gedächtnis seines Extrasinns diese Information als sekundär betrachtet
haben, weshalb Details nicht abrufbar waren.
Atlan betrachtete die schöne Frau, die vermutlich Terranerin war. Ihre
Augen waren aber ungewöhnlich dunkel, denn die Iris war in einem
finsteren Violett gehalten und nur bei genauem Hinschauen von der
schwarzen Pupille zu unterscheiden.
»He, Schätzelein«, rief der Springer. Sie drehte sich um, lehnte sich an den
Tresen, kramte eine Zigarette aus der kleinen Handtasche und zündete sie
an. Sie blies den Rauch in Richtung Tai aus.
»Was?«
»Du bist doch eine von Topps Miezen aus dem Mubiko?«
Sie schwieg und blickte Atlan an, der sich über die ter Campernas
informiert hatte. Das Mubiko war der angesagte Club auf der ATOSGO, auf
dem auch Glücksspiel und Prostitution betrieben wurde.
Zwei hochgewachsene Männer stellten sich in die Nähe der Frau. Beide
hatten lange Haare und Bärte. Sie waren kräftig und wirkten hier völlig
deplatziert. Atlan hätte sie sich eher auf einem Schlachtfeld vorstellen
können. Jeder von ihnen hielt ein großes Glas Bier in der Hand. Atlan leerte
den Whiskey und fand, er sollte zu Bier wechseln.
»Was ist, Rasha?«, fragte der eine mit durchdringenden blauen Augen.
»Der Typ meint, ich bin eine Nutte, Wulfar!«
Wulfar und sein Begleiter sahen sich an.
»Was sagst du dazu, Otnand? Sieht Rasha wie eine Nutte aus?«
Atlan sah, wie der Springer immer bleicher wurde. Offenbar hatte er die
falsche Person beleidigt.
Der andere Bärtige namens Otnand antwortete: »Naja, manchmal sieht sie
schon so aus.«
Otnand und Wulfar lachten los und prosteten sich laut zu. Die Bierkrüge
klirrten aneinander, und etwas von der goldenen Flüssigkeit platschte auf
den Boden.
Als der Springer in ihr Gelächter einstimmte, wurden die beiden Männer
schlagartig wieder ernst. Wulfar baute sich vor Tai auf und zeigte mit dem
Finger auf ihn. »Das bedeutet nicht, dass du kleiner Wicht Rasha so
bezeichnen darf. Hast du verstanden?«
Die letzten drei Worte schrie Wulfar so laut, dass andere Gäste sich
umdrehten.
Tai nickte hastig. Sein Kumpel Sobby packte ihn am Kragen und zog ihn
weg. Tai hob die Hände und deutete an, er wolle keinen Ärger haben.
Wulfar und Otnand blickten ihnen böse hinterher.
»Ach ja, meine zwei Aufpasser sind goldig«, sagte Rasha in Richtung
Atlan und Gucky.
»Das wird sich der Springer nicht sagen«, meinte Gucky.
»Ich bin Rasha! Und ja… genau, die Rasha.«
Gucky zuckte mit den Schultern.
»Gibt es noch andere Rashas? Ich kenne nicht mal eine Rasha. Aber wir
sind auch noch nicht so lange wieder in der Milchstraße.«
Sie lachte laut.
»Ich bin Meinungsmacherin und habe 57 Millionen Stalkys. Was ich
sende, sieht die Galaxis, versteht ihr?«
Atlan war gelangweilt. Meinungsmacher waren im Grunde genommen
manipulative Nichtskönner, die an übermäßigem Narzissmus litten.
Dummerweise gab es offensichtlich genug Galaktiker, die eben das sehen
wollten, was diese Meinungsmacher boten.
Bismaria da Enta ging auf Atlan und Gucky zu. Ein Schwall an dem
billigen Parfüm drang in des Arkoniden feine Nase und ließ ihn beinahe
niesen.
»Die Herren werden an der Tafel erwartet«, sagte sie und verschwand
bereits.
»Nun, dann lassen wir die Gesellschaft nicht warten. Rasha!« Atlan
verbeugte sich vor der Meinungsmacherin, die mit einem Lächeln
zurückwinkte.
»Bis später
Gewiss, dachte Atlan.
Atlan saß mit Gucky an der großen Tafel, an der auch Kulag Milton,
Ragana ter Camperna, der Cairaner Roch Miravedse, Sagreta da Maag,
Yeremiah Cloudsky und Myka Bilno Platz genommen hatten. Die beiden
onryonischen Ziehsöhne der Ragana bedankten sich höflich und erklärten,
es liege nicht in der Natur ihrer Kultur, gemeinsam zu speisen. Sie luden
aber alle Beteiligten später zu einem heiteren Abdrücken ein. Das war
etwas, worauf Atlan gut verzichten konnte.
Er betrachtete das Gedeck. Es ruhte auf einem weißen Tischdeckchen, das
gehäkelt wirkte. Die silbernen Löffel, Messer und Gabeln waren nach der
Reihenfolge des Ganges angeordnet, wie es sich gehörte. Dabei musste man
sich von außen nach innen durcharbeiten, was bedeutete, beim ersten Gang
das äußere Besteckpaar zu benutzen.
Stasya ter Camperna setzte sich mit dreien ihrer Kinder ebenfalls an den
Tisch. Die anderen waren unpässlich, wie sie bemerkte. Doch die drei Jungs
wirkten auch nicht unbedingt brav.
»Krieg ich Süßigkeiten?«, fragte einer und sabberte dabei.
»Nein, nicht vor dem Essen.«
Er schrie los, als würde man ihn ausweiden. Das Gesicht lief rot an, dann
fing er an zu kotzen und verteilte das Erbrochene über seiner Mutter. Die
anderen zwei Kinder nahmen ihre Teller und schlugen sie sich gegenseitig
auf den Kopf. Nun fingen auch sie an zu weinen.
»Tarnaite«, schrie Ragana.
Offenbar war die blauhäutige Terranerin mit dem orangefarbenen Haar
eine Art Kammerzofe der ter Campernas, denn sie eilte herbei und nahm
sich eines Kindes an. Eine Unitherin lief ebenfalls herbei und kümmerte
sich um Stasya. Polly Kallos stand vom Nachbartisch auf und kümmerte
sich um die beiden Kinder, die sich die Teller auf den Kopf geschlagen
hatten.
»Alles eure Schuld«, keifte Stasya und nahm den Lappen mit dem
Erbrochenen, nur um ihn dieser Tarnaite ins Gesicht zu werfen.
Die fing nun angewidert an zu weinen. Die drei Kinder schrien weiter. Der
Kotzer bekam seinen zweiten Anfall und kletterte auf den Tisch. Er nahm
eine Schüssel, in der sich Obst befand und warf sie seiner Mutter ins
Gesicht. Das unschöne Knacken verriet Atlan, dass er wohl die Nase
getroffen hatte. Stasya ter Camperna blutete.
»Du Schlampe, ich will Süßigkeiten«, schrie die Göre.
Drei kegelförmige Roboter schwebten herbei, aktivierten ihre Antigravs
und erfassten je ein Kind. Diese wurden in die Luft gehoben, zappelten und
schrien. Atlan beobachtete den sternwestlichen Konsulatssekretär Roch
Miravedse. Aus dessen starrer Mimik wurde er nicht schlau, doch die
Finger seiner vier Hände wirkten verkrampft.
Die Kinder wehrten sich plärrend, doch die Roboter hatten sie mit ihren
Antigravstrahlen fest im Griff und zogen sie aus dem Saal. Stasya
beschimpfte die Unitherin und Tarnaite, obwohl die nichts für diesen
Mangel an Erziehung konnten. Dann entschuldigte sich die junge ter
Camperna bei den Gästen und verließ beschämt den Festsaal.
»Hat sich nicht prachtvolle Kinder?«, fragte Yeremiah Cloudsky und hob
sein Glas.
»Auf die rudynisch-onryonische Verbindung!«
Keiner stimmte in seinen Toast ein. Die Unitherin und Tarnaite säuberten
den Tisch und die Plätze. Gucky war sehr ruhig, vermutlich ging ihm der
Geruch gerade an die Nieren.
»Hast du Kinder?«, fragte Atlan schließlich den Cairaner.
Dieser blickte zu Atlan, die Finger in seinen Händen bewegten sich nun
eleganter, fast unablässig waren sie in Bewegung.
»Du bist?«
»Das sind Atlan und sein Begleiter Gucky«, stellte Kulag Milton sie vor.
»Abgesandte des Residenten Reginald Bull. Sie behaupten, sie seien
unsterblich…«
Milton lachte spöttisch, während Roch Miravedse mit seinen
Handbewegungen innehielt.
»Sehr verehrte Ragana ter Camperna, ich bin schockiert, dass Sie
Vertretern einer gefährlichen und manipulativen Ideologie, die auf
Falschinformationen und Lügen aufgebaut ist, Platz an diesem Tisch
gewähren.«
»Wir dachten, geehrter sternwestlicher Konsulatssekretär, dass dies zu
einer besseren Verständigung zwischen der LFG und den Cairanern führt.
Sie wissen ja, ich sehe mich als Vermittlerin zwischen zwei Machtblöcken«,
erwiderte Ragana.
»Ist das so?«, fragte Roch Miravedse. »Doch ich frage mich bei aller
Diplomatie, was soll vermittelt werden? Die Wahrheit ist nicht dehnbar…«
»Wieso dehnen die Cairaner sie dann?«, fragte Gucky schließlich.
Der Cairaner zuckte und hob den rechten Arm. Die beiden Handpaare
bewegten sich wieder.
»Tun wir das? Lasst uns einen Faktencheck machen, ja? Terra und der
Mond befinden sich nicht im Sonnensystem. Wo sind sie also? Vor 500
Jahren soll ein Mann, eine Frau oder eine intersexuelle Daseinsform mit
großen Taschen gekommen sein, hat beide Welten einfach so in die Tasche
gesteckt und ist dann fort?«
Atlan wollte zu einer Antwort ansetzen, doch Roch Miravedse fuhr
einfach fort.
»Doch wartet, da fiel der Existenzform ein, dass es ja zu
Gravitationsproblemen in dem Sonnensystem kommen würde und brachte
dafür Ilya und Vira an dessen Position. Und siedelte auch gleich die Ayees
darauf an. Aber das Wesen war immer noch nicht zufrieden. Es löschte nun
jede einzelne Positronik in der Milchstraße und überschrieb sie
anschließend mit neuen Daten, damit auch niemand sich mehr an Terra und
Luna erinnern könnte.«
Roch Miravedse lehnte sich zurück und faltete alle vier Hände vor dem
Bauch.
»Natürlich ist das viel glaubwürdiger, als die Tatsache, dass es niemals
diese Planeten gegeben hat und der Posizid und die Datensintflut erfunden
wurden, um diese groteske Story zu untermauern. Terra und Luna sind ein
armseliger Mythos, der von Reginald Bull und Vetris-Molaud erfunden
wurde, um ihre eigenen Machtansprüche zu legitimieren. Du, Atlan und du,
kleiner Gucky, ihr seid nichts weiter als drittklassige Schauspieler im
Auftrag von Bull, ja?«
Roch Miravedse wandte sich an Ragana.
»Nun sagt Ihr mir, liebe Ragana ter Camperna, was ich mit diesen
offensichtlichen Verschwörungstheoretikern und Schwurblern besprechen
soll? Ihre Anwesenheit ist allenfalls belustigend, ja? Doch im nächsten
Moment gefährlich, da Sie deren Hirngespinsten und Falschmeldungen
Raum bieten.«
Atlan lehnte sich zurück und betrachtete den Cairaner, der mit einer
Selbstverständlichkeit so tat, als würde er die Galaxis repräsentieren. Es
wirkte so, als wäre Miravedse derjenige mit jahrtausendelanger Erfahrung.
»Ich verzeihe deine Unwissenheit und mangelnde Lebenserfahrung«,
begann Atlan. »In meinen gelebten Jahrtausenden habe ich viele kosmische
Wunder erlebt, darunter auch den Transfer von Planeten. Das ist dem
Solsystem nicht das erste Mal passiert. Es gab solch ein dunkles Zeitalter
schon einmal. Allerdings ist diese vehemente dümmliche Art des
Vergessens und Verdrängens in der Galaxis neu für mich. Gut, Terra und
Luna wurden entführt. Eure Spezies steckt entweder dahinter oder ist
Nutznießer. Mich erschüttert vielmehr, dass die Galaktiker selbst ihre
Vergangenheit so sehr ignorieren. Posizid, Datensintflut und Terranisches
Odium hin oder her…«
Roch Miravedse erhob sich. Alle Finger seiner vier Hände bewegten sich.
»Die Erklärung ist simpel. Die Galaktiker kennen ihre Vergangenheit und
wissen, dass es Terra und Luna sowie einen Perry Rhodan nie wirklich
gegeben hat. Ihr seid die psychisch kranken Existenzen. Ihr injiziert das
mentale Gift in eine friedliche, galaktische Gemeinschaft, ja? Ihr seid
diejenigen, die Hilfe benötigen.«
Roch Miravedse verließ den Tisch und verschwand wortlos aus dem
Festsaal. Ragana blickte wütend zu Kulag Milton, der jedoch belustigt
wirkte. Er genoss es offenbar, dass Atlan und Gucky keinerlei Chance bei
dem Cairaner hatten.
»Nun, dann ist das ja geklärt«, meinte Atlan gelassen. Er hatte auch nicht
erwartet, dass die Cairaner ihm freundlich und aufgeklärt gegenüberstehen
würden.
»Wann kommt das Essen?«
Kapitel 4 – Abdrücken
Gucky musste mal. Nach den wenig erhellenden Ereignissen im Speisesaal
hatte sich die Gesellschaft nach dem Essen schnell aufgelöst. Dieser
cairanische Sekretär war ein widerlicher, aalglatter Penner, fand der
Mausbiber. Offenbar befand sich Gucky in einem Abdrücksaal, denn die
Toiletten waren nicht durch Sichtschutz getrennt oder befanden sich, wie
seit Jahrhunderten üblich, in getrennten Kabinen. Diese offene Fäkalkultur
war bei den Terranern schon öfter gescheitert. Jene einstigen Aktivisten von
multisexuellen Toiletten würden bei den Onryonen ihre helle Freude
empfinden.
Gucky empfand, wie die meisten Wesen, den Toilettengang als etwas
Privates. Selbst als die Ilts noch vergleichsweise primitiv waren, hatten sie
ihr Geschäft nicht unbedingt vor dem Riechkolben des anderen verrichtet.
Gucky stellte sich an eine der weißen Porzellanschüsseln, die kreisförmig
um einen runden Tisch mit Monitoren und Interfaces angeordnet waren,
und ignorierte den Hinweis einer Computerstimme, die »Bitte hinsetzen«
sagte. Als er fertig war, hörte er die Tür aufgehen. Gucky versteckte sich
hinter drei aufgetürmten Körben mit Hand- und Putztüchern sowie
Reinigungsmaterial. Offenbar mussten die Bediensteten hier noch richtig
putzen, statt mit elektronischen Geräten zu reinigen. Doch das schien gut in
das Weltbild dieser Ragana ter Camperna zu passen.
Vier Männer betraten den Abdrücksaal und unterhielten sich. Kulag
Milton, Yeremiah Cloudsky, Vopp und Topp ter Camperna.
»Endlich raus aus den Klamotten. Ich fühle mich so unwohl und kriege
Ausschlag«, sagte Topp ter Camperna und zog das Smoking-Jackett aus. Er
warf es in die Ecke, es folgten das Hemd und die Hose. Er rieb sich den
Bauch und streifte die Unterhose ab. Gucky schloss die Augen. Endlich
setzte sich der Onryone auf die Toilette. Auch sein Bruder Vopp entledigte
sich zumindest des Jacketts, behielt aber zu Guckys Erleichterung den Rest
an. Er streifte die Hose herunter und setzte sich auf seinen Porzellanthron.
Mit heruntergelassenen Hosen setzten sich Cloudsky und Milton auf die
gegenüberliegenden Pötte.
»Mir tut Herr Aslan leid. Der sternwestliche Konsulatssekretär hat ihm ja
richtig die Leviten gelesen«, sagte Cloudsky.
»Ach«, meinte Milton und pupste.
Topp ter Camperna lachte und pupste auch. Sein Emot-Organ leuchtete
blau. Er sah zu einem Bruder, der mit zwei aufeinanderfolgenden Pupsen
noch einen drauf legte. Milton blickte Cloudsky erwartungsvoll an. Der
Glosneke lächelte verlegen.
»Ich kann nicht. Nicht vor euch.«
Milton legte die Hand auf dessen Schulter.
»Schon gut, Kleiner. Kann nicht jeder mit den großen Jungs um die Wette
furzen.«
Milton legte einen langgezogenen Pups nach.
»Oh, das duftet ja bis hierher«, meinte Topp.
Gucky musste tief durchatmen und bereute es, denn die Gerüche der
Onryonen und Terraner kamen nun auch in seine Richtung. Vopp ter
Camperna trampelte mit den Füßen auf den Boden und schrie laut. Dann
schoss er seine Ladung in die Schüssel und stöhnte erleichtert auf.
»Wie geht es nun weiter? Wann werden die Fakten geschaffen?«, fragte
Cloudsky.
»Nicht hier«, meinte Vopp völlig außer Atem.
Cloudsky lachte.
»Aber wir sind doch unter uns.«
»Nein, er hat recht. Man weiß nie, wo Spione lauern. Nichts darf das
Unternehmen “Fakten schaffen” gefährden. Gar nichts«, sagte Milton und
untermauerte seine Aussagen mit dem lauten Abdrücken seiner Notdurft.
Gucky musste sich so zusammenreißen, um nicht schreiend weg zu rennen.