Band 122
Das Artefakt
Die Quelle der Rhodanmystiker liegt verborgen im Sand
Autor: Nils Hirseland
Cover: Gaby Hylla
Innenillustrationen: Gaby Hylla
DORGON ist eine nichtkommerzielle Fan-Publikation der PERRY
RHODAN-FanZentrale. Die FanFiktion ist von Fans für Fans der PERRY
RHODAN-Serie geschrieben.
Hauptpersonen des Romans
Creen
Ein Kopfgeldjäger sucht nach Rhodanmystikern und seiner
Vergangenheit
Atlan
Der Zellaktivatorträger wird mit den Temporalen Anomalien
konfrontiert
Eleonore
Die Positronik der NOVA beginnt mit einem Lebensprojekt
Kuvad Soothorn, Cilgin At-Karsin, Larida Yoon und Jevran Wigth
ie suchen auf Mashratan nach der Quelle der Rhodanmystiker
Constance Beccash
Sie taucht plötzlich wieder auf
Inhalt
Hauptpersonen des Romans 2
Inhalt 3
Was bisher geschah 4
Prolog 5
Kapitel 1 – Der WIDDER auf Stellacasa 9
Kapitel 2 – Das ist ENGUYN 16
Kapitel 3 – Rufe aus der Vergangenheit 23
Kapitel 4 – Die Temporalen Anomalien 33
Kapitel 5 – Die neue Assistentin 35
Kapitel 6 – In der Wüste von Mashratan 41
Kapitel 7 – Die CASSIOPEIA 48
Kapitel 8 – Die Wüstenräuber 52
Kapitel 9 – Die Quelle der Wahrheit 61
Kapitel 10 – Der Zwerg 67
Epilog 71
Vorschau 74
Glossar 75
Impressum 77
Was bisher geschah
Wir schreiben das Jahr 2046 Neuer Galaktischer Zeitrechnung, was
dem Jahre 5633 alter terranischer Zeitrechnung entspricht. Ein
Begriff, mit dem die Galaktiker nichts mehr anzufangen wissen. Es
ist die Epoche des Cairanischen Friedens, in der Terra ein Mythos ist
und Perry Rhodan eher eine Märchengestalt.
Terra wurde geraubt und förmlich aus der Geschichte der
Milchstraße getilgt. Durch den Posizid wurden galaxisweit Daten
von Positroniken gelöscht. Mit der Datensintflut wurden Unmengen
an sich widersprechenden Daten eingespielt.
Die Rhodanjäger jagen im Auftrag der CACC nach Anhängern von
Perry Rhodan außerhalb des Einflussbereichs der Lemurischen
Allianz. Sie suchen eine Quelle für die Geschichten rund um Perry
Rhodan.
Es ist DAS ARTEFAKT.
Prolog
Der kurze Schmerz war verflogen, und ich befand mich in der Dunkelheit.
Es war, als würde ich in einem schwarzen See treiben. An mir zogen kalte
Schatten vorbei, obwohl ich keinen Körper mehr besaß, um Kälte zu fühlen.
Es war ein mentales Frösteln. Ich spürte die Trauer der Schatten, ihren
Verlust, ihre Perspektivlosigkeit, und die Angst war überall greifbar.
Mentale Wehklagen hallten stumm über den finsteren See des Todes. Sehen
konnte ich nichts, denn ich besaß keine Augen, ich besaß auch keine Arme,
Beine und keinen Kopf. Mein Leib war verbrannt worden, er war in einem
Konverter des Entsorgungslagers Objursha desintegriert worden. Doch ich
fühlte die Umgebung, und es war, als würde Asche über unsere gepeinigten
Seelen regnen. War es unsere eigene Asche? Zweifellos eine makabre
Symbolik, denn die Desintegration durch einen Konverter hinterließ keine
physischen Rückstände.
Ich fühlte die gepeinigten Seelen.
Da war Eshkis, die Somer. Sie war als Kollaborateurin vor zwei Jahren
aus Erendyra nach Objursha deportiert worden. Ihre Gedanken hatten stets
ihren Kindern gegolten, denn sie wusste nicht, ob sie noch lebten. Zwei
Jahre lang hatte sie in ständiger Angst gelebt und nun schwebte sie den
dunklen Strom entlang.
Ägützi war eine junge Gataserin. Sie war mit ihrer ganzen Familie 1307
NGZ nach Objursha gebracht worden. Siebzehn Geschwister hatte sie
verloren und beide Eltern. Sie betete zur goldenen Kreatur des
Wohlwollens, dass sie ihre Familie im Jenseits wiedersehen möge. Agützi
war erst zehn Jahre gewesen, sie war schon vor Monaten innerlich
gestorben, als ihre ältere Schwester Asüül entsorgt worden war. Sie war
seitdem endgültig allein gewesen.
Sie hatte nie wirklich gelebt, sie hatte sich nie verliebt, nie lieben und
geliebt werden und Kinder haben dürfen.
Da war der verkrüppelte Ingsten, ein Saggittone, der während der Angriffe
auf Saggittor 1306 NGZ schwere Verletzungen erlitten hatte, einen
Schlaganfall und ein Schädel-Hirn-Trauma. Als unwertes Leben war er
nach Objursha verschleppt worden und hatte seitdem in Angst gelebt. Er
hatte nicht verstanden, was mit ihm geschehen war. Die Gräuel hatten sein
Verstand vernebelt, und Angst hatte sein Denken beherrscht. Ingsten hegte
nur noch den Wunsch nach Schutz und Geborgenheit. Ein Drang, nach dem
sich wohl jedes Lebewesen sehnte; doch statt einer beruhigenden
Umarmung hatte er nur Häme erfahren und war zum Clown für die
herzlosen Aufseher geworden. Nun waren sie seiner überdrüssig geworden
und hatten ihn entsorgt. Erst als er die Hitze im Konverter gespürt hatte,
hatte Ingsten begriffen, dass er sterben würde.
Den Zug des Todes erfüllte ein stummes Klagen nach dem verlorenen
Leben und der verpassten Zukunft. Ihr Leben war ihnen geraubt worden,
und noch immer fragten sich die geplagten Seelen: Wieso? Was hatten sie
falsch gemacht? Wieso waren sie unwertes Leben, das entsorgt wurde?
Dabei hatten
Sanna Breen empfängt Jaaron Jargon in der Harmonie von DORGON. (C) Gaby Hylla
die armen Geschöpfe doch nichts falsch gemacht. Sie waren nur anders
gewesen als die herrschende Kaste. Fremdenhass, der Dünkel der
Überlegenheit der eigenen Existenz, der eigenen Spezies das waren die
Gründe für ihren Tod gewesen. Das Gefühl der Anderen, einer
auserwählten, über allen überlegenen Rasse zugehörig zu sein. Rassismus
war ein Grund ihres Todes gewesen.
Fehlende Empathie, Gefühllosigkeit, Skrupellosigkeit. All das, gepaart mit
Sadismus, Pflichtbewusstsein, Obrigkeitshörigkeit und Angst vor den
Vorgesetzten, war zu einem tödlichen Mix geworden, der aus normalen
Terranern, Arkoniden aus Menschen furchtbare gewissenlose Mörder
gemacht hatte.
Schuld am Genozid von Millionen Lebewesen auf Objursha waren nicht
nur die Machthaber, die verkommenen Individuen wie der Quarteriumsfürst
Uwahn Jenmuhs und seine Clique. Es waren vor allem jene, die den
Befehlen folgten. Sie folgten dem Quarterium aus Angst vor dem eigenen
Ende bei Befehlsverweigerung, aus gewissenhafter Staatstreue, aber auch
aus tiefster Überzeugung oder der eigenen Karrieregeilheit.
Nur wenige hinterfragten ihre Taten und beruhigten ihr Gewissen mit
Schnaps und fadenscheinigen Ausreden, dass es doch zum Wohle des
Quarteriums und der gesamten Menschheit sei….
Bei DORGON, hätten sie doch nur mich allein ermordet, hätte ich es
verstanden. Ich sprach mich gegen die Ideologie des Todes aus, klagte sie
öffentlich an. Doch Ingsten? Agützi oder Eshkis?
Was waren ihre Verfehlungen gewesen? Sie waren schwach und gehörten
zur falschen Rasse. Für sie war kein Platz im großen quarterialen Traum
nach einer Super-Menschheit. Rassismus war wahrlich kein Problem,
welches den Menschen allein anhaftete, doch die Menschen des
Quarteriums hatten den Rassismus mit erschreckender, industrieller
Kaltblütigkeit vollzogen. Die Artenbestandsregulierung war ein Projekt mit
Managern, Angestellten und Arbeitern. Sie hatte Unternehmensziele, die es
zu erfüllen galt. Nur dass es dabei nicht um schnöde Gewinnmaximierung
ging, sondern um die Auslöschung von Existenzen.
Welch trauriger Wahnwitz…
Unser Ende war gekommen. Unser physischer Tod war vollbracht. Doch
was nun? Es herrschte Dunkelheit, doch meine Gedanken lebten. War es
nur ein Echo, das verblasste? Mein Gehirn konnte mir jedenfalls keinen
Streich spielen, denn es existierte nicht mehr. Es war meine Seele. Manche
nannten es IBEA-Faktor oder ÜBSEF-Konstante. Mein Intellekt, meine
Intelligenz, meine Empfindungen und Erinnerung all das, was mich auch
ausmachte, als noch ein Herz in meiner Brust schlug.
So mussten sich meine Urahnen gefühlt haben, als sie im Hyperraum
lebten und der eine Ast aus dem Hyperraum eine Brücke in den
Normalraum schlug. Nie fühlte ich das Kima, unsere Lebensart Kima
intensiver als in diesem Moment.
Ich fühlte auf einmal eine erdrückende, fremde Furcht, die wie ein kalter
Tsunami über den See fegte und das Leid von hundert Millionen getöteter
Seelen widerspiegelte. Es waren die Gefühle Anderer, die mich plötzlich
auf meiner Reise begleiteten. Es dämmerte mir nun. Der Planet Objursha
war völlig vernichtet worden und die Anzahl der im schwarzen See
ertrinkenden Seelen hatte sprunghaft gigantische Ausmaße angenommen.
Sie durften keine Angst haben, denn sie würden nicht im dunklen See
ertrinken. Sie mussten es einfach mit sich geschehen lassen und dem Pfad
folgen.
Ich jedenfalls ließ mich auf dem schwarzen See weitertreiben. Die Reise
eines Linguiden ging weiter. Ich war neugierig, legte meinen Gram für
einen kurzen Moment nieder. Die Kälte wich, und der schwarze See
schimmerte nun golden. Ein Gefühl der Glückseligkeit umgab mich. Ich
hörte das Lachen von Kinderstimmen, das melodische Zwitschern von
Vögeln. War das das Paradies?
»Öffne die Augen«, sagte eine weibliche Stimme.
Augen? Ich besaß doch keine Augen mehr. Doch ich tat, wie gewünscht
und… Ich starrte in das wunderschöne Gesicht einer Frau mit grünen
Augen. Sie war Terranerin, trug ein weißes Kleid, und eine blasse, weiße
Aura umgab sie. Der goldene Schein der Umgebung blendete mich. Wo war
ich nur? Zögerlich blickte ich mich um. Ich saß auf einem Feld, auf dem
goldbraunes Korn wuchs. Der Himmel war türkisfarben, und bunte Vögel
flogen am Horizont. Unweit von mir spielten Somer und Blues miteinander.
Ein junger Saggittone tollte lachend über die Wiese und warf sich ins Korn.
Waren das Ingsten, Agützi und Eshkis?
»Willkommen in der Harmonie von DORGON«, sprach die Frau und
lächelte.
Sie kam mir bekannt vor und schien meine Gedanken zu erraten.
»Du kennst mich als Sanna Breen, die Terranerin, die zum Konzept des
Kosmotarchen DORGON wurde.«
Sanna Breen! Die TLD-Agentin, die im Jahre 1291 NGZ den Silbernen
Ritter Cauthon Despair für eine kurze Zeit bekehrt und für die richtige Seite
gewonnen hatte. Ein Jahr später war sie auf Dorgon gestorben
ausgerechnet durch das Schwert Despairs. Es war ein Unfall gewesen, doch
ihr Tod hatte Despair zu einem echten Sohn des Chaos gemacht. DORGON
hatte das Bewusstsein der Terranerin aufgenommen und sie immer wieder
als Botschafterin zwischen der Entität und den normal Sterblichen
eingesetzt.
Sanna Breen beugte sich herab.
»Deine schmerzhafte Tortur hat ein Ende gefunden. DORGON hat sich
deiner Seele erbarmt. Du bist nun Teil in unserem paradiesischen
Kollektiv
Sie reichte mir die Hand. Ich ergriff sie und stand auf. Ich entdeckte keine
Sonne am türkisfarbenen Himmel und doch fühlte ich die wohltuenden
Strahlen auf meiner neuen Haut. Es war unbegreiflich.
»Was ist die Harmonie von DORGON?«
Sanna lächelte verständnisvoll.
»Die neue Ordnung in Cartwheel. Der Schrecken wird weichen.
DORGON ist nun hier, und MODROR wird besiegt. Frieden und Liebe
werden fortan in Cartwheel Einzug halten. Der Schmerz und die Trauer
werden dem Glück weichen. Und dessen wirst du Zeuge werden.«
Sie ging weiter. Ich blieb stehen. Sie drehte sich um, streckte mir die Hand
entgegen.
»Komm, es wird Zeit für ein neues Kapitel, Chronist.«
Ich ergriff erneut ihre Hand und folgte ihr. Ja, es war Zeit. Die Chroniken
Cartwheels waren nicht zu Ende. Jaaron Jargon würde über die Harmonie
von DORGON berichten.
Es würde ein schönes Kapitel werden.
Kapitel 1 – Der WIDDER auf Stellacasa
Nathaniel Creen an Bord der NOVA
11. Februar 2046 NGZ
Stellacasa, Lucesystem
Die NOVA flog über einen blauen See, der zum Großteil von einem
Gebirge mit üppiger Fauna umgeben war. Ich ließ die Space-Jet dicht über
der Wasseroberfläche dahingleiten. Die Sonne schien. Wir waren auf dem
Weg zur Siedlung Jana, um den Rhodanmystikern den Kopf abzuschlagen.
In der Thermosphäre flimmerte ein Wetterleuchten. Die Farben wechselten
von grün über blau und rot. Es erinnerte mich an jene temporalen
Anomalien, die derzeit die Milchstraße heimsuchten. Es gab das Gerücht,
die Zeit würde stehen bleiben, befand man sich in so einer Anomalie.
Erscheinungen aus der Zukunft und Vergangenheit würden auftauchen, und
am Ende erinnerten sich die Augenzeugen nur bruchstückhaft an das
Geschehen. Es wirkte wie ein Traum, den man intensiv geträumt, aber am
Morgen nach dem Aufwachen im Detail vergessen hatte.
Möglicherweise handelte es sich aber um ganz normale
Ionosphärenstürme. Ich war immer noch neugierig über diesen Planeten,
dessen Bewohner sich offenbar seit fast 90 Jahren mit Isolation und völliger
Selbstkastrierung aller eigenen Rechte abgefunden hatten.
Nebenbei lief eine Sendung im stellacasischen Trivid.
Das hagere Gesicht Gesundheitsadministrators von Stellacasa mit der
markanten, spitzen Nase erschien auf dem breiten Trivid-Monitor. Edwin
Klausenfluss war der Anführer dieser Welt, der Vorsitzender der IPO, des
Infektionsschutz- und Pandemiebekämpfungsordnungsamtes. Seit 73 Jahren
regierte Klausenfluss mit einer Notfallverordnung und war offenkundig ein
klassischer Diktator. Nicht, dass mich das