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Band 102

Rideryon-Zyklus

Chaos im Kreuz der Galaxien

MODROR bietet eine gigantische Invasionsflotte auf

Leo Fegerl

Cover

Prolog

Das Kreuz der Galaxien kannte Eorthor gut: Seit 190 Millionen Jahren war Jianxiang seine Heimat. Der Alyske hatte Zivilisationen auferstehen und sterben sehen. Er war Zeuge der Geburt junger Sterne und des Untergangs alter Sonnen. 190 Millionen Jahre lang hatte der Unsterbliche dem Leben und Sterben im Galaxienkreuz zugesehen. Und er war ein Teil davon gewesen.

Die Unsterblichkeit lag als Fluch der Kosmokraten auf ihm. Es galt, ein unbegrenzt langes Leben zu ertragen. Die Zeit mit Beschäftigung zu füllen. Nun, der Aufmarsch der gigantischen Armada aus Barym war dem Beobachtenden nicht verborgen geblieben.

MODRORS Streitmacht unter dem Kommando Rodroms! Nun, diesen Wahnsinnigen hatten sie überwältigt. Er war ihr Gefangener.

Auch ohne Rodrom würde die Armada für gigantisches Unheil sorgen. Nicht nur in Jianxiang selbst. Sie würde das Quarterium stärken, Perry Rhodan zu Fall bringen und die Lokale Gruppe erobern.

Eorthor bedeuteten die Völker von Jianxiang nichts. Warum sollte er sie retten? Es war so nutzlos, als würde man einen Hundewelpen vor dem Ertrinken retten. In wenigen Jahren würde er sowieso sterben. Die Lebensspanne der Sterblichen war so gering, ihre Existenz so belanglos, dass Rettungsversuche keinen Unterschied machten.

Gleichwohl musste Eorthor sich eingestehen, dass auch Sterbliche ihren Nutzen hatten.

Nun, Perry Rhodan war ein relativ Unsterblicher. Aber würde er 190 Millionen Jahre lang leben wie er? Daran glaubte Eorthor nicht. Doch im Kampf gegen den Kosmotarchen MODROR waren Rhodan, seine Terraner und ihre Verbündeten zu diesem Zeitpunkt wichtig.

Sie banden Truppen des Feindes und waren zu außergewöhnlichen Taten fähig. Nun, auch ein Welpe vermochte seinen Besitzer zu entzücken, ihm Freude zu bereiten, bevor er alt, hässlich und dann zum Kadaver wurde, der in einem possierlich geschmückten Grab verweste.

Eorthor hatte sich nie etwas aus Haustieren gemacht. Aber seine Tochter! Die Terraner waren Elyns Schätzchen. Ihre Haustiere.

Auf seiner Tochter lastete der gleiche Fluch der Unsterblichkeit wie auf ihm. Das Unheil steckte in ihrem Körper. Im Gegensatz zu Rhodan und seinen Gefährten besaßen sie kein am Körper zu tragendes Gerät. Das hieß: Relativ unsterbliche Alysker waren noch unverwüstlicher als normale Zellaktivatorträger. Elyns Sympathie für die Sterblichen störte Eorthor. Sie war wie ein kleines Kind, welches einen ertrinkenden Welpen, einen schäbigen Hund aus dem Wasser gefischt hatte und nicht wieder hergeben wollte.

So unnütz!

So unwürdig einer Alyske.

Unnatürlich!

Eorthor starrte auf die dreidimensionale Karte des Kreuzes der Galaxien. Was ihn bewegte, war die Aussicht auf Reputation. Der kosmische Beifall, nach dem er sich sehnte. Was erwarteten die Kosmokraten von ihm?

Die Alysker waren nicht in der Lage, MODRORS Raumflotte aufzuhalten. Zumindest nicht in einem direkten Gefecht. Doch Eorthor wusste eine Lösung. Sie war ultimativ und alternativlos.

Denn das Schicksal der Alysker und des Kreuzes der Galaxien schien besiegelt. Der Krieg hier war verloren. Wenn er MODROR zu Fall bringen wollte, dann woanders. Er konnte nicht auf Alysk II herumsitzen und abwarten. Die kosmische Bühne rief ihn. Das berührte ihn.

Eorthor würde unter keinen Umständen den Kosmotarchen den kosmischen Sieg gönnen.

Unter keinen Umständen.

Koste es, was es wolle.

Jeder Verlust war vertretbar.

Jeder …

^

1.

Gegenwart

Die Kontrahenten starrten einander in die wütenden Gesichter, die auf einem einzigen Paar Schultern saßen.

»Und ich sage dir, Rodrom gefangen zu nehmen, war so ziemlich das Dümmste, was den Alyskern einfallen konnte.«

»Was weißt du denn schon über die? He?«

»Mehr als du.«

»Wer das glaubt, ist selber schuld.«

»Die Info kam geradewegs von Rodrom, zusammen mit dem Auftrag …«

»Vergiss es …«

»Was?«

»Na, den Auftrag. Nichts hat er! Hör nicht auf ihn! Ich sage, dass es höchstens annähernd der Wahrheit entspricht, was der so von sich gibt!«

»Was soll das? Wir waren uns doch einig, dass …«

»Nein, das waren wir nicht. Du warst dir einig! Du allein hast entschieden, ohne mich zu fragen!«

»Hältst du endlich die Schnauze?«

»Weißt du was? Ich lösche die Nachricht einfach und niemand wird verletzt …«

»Tust du nicht!«

»Und wie ich das werde! Kannst ja versuchen, mich aufzuhalten.«

Ein Finger näherte sich der Taste.

»Na warte! Ich …«

Es gab ein undeutliches Geräusch und ein Gegenstand schlug dumpf auf dem Boden auf.

*

Shul’Vedek verstand gar nichts mehr.

Vor einigen Minuten war auf der BARYMER eine codierte Nachricht eingegangen. Der Code war nachweislich mehrere tausend Jahre alt. Selbst die Schiffsintelligenz brauchte einige Zeit, um die Botschaft zu decodieren.

Ein Bild von einem seltsamen Wesen mit zwei Köpfen hatte sich gebildet und zu sprechen begonnen. Es wirkte unfreiwillig komisch, wie sich die beiden Köpfe uneinig waren, wie ihre Nachricht letztendlich aussehen sollte, denn sie unterbrachen einander dauernd. Die schlechte Qualität verhinderte, dass alles verständlich war. Doch das Verstandene reichte aus, um ihn aufhorchen zu lassen.

Unvermittelt brach die Nachricht ab. Sekundenlang starrte Shul auf den leeren Bildschirm, ehe er aufsprang.

»Was ist los? Wo ist der Rest?«

»Leider ist nicht mehr angekommen. Alles Weitere war schon so fragmentiert, dass es nicht mehr umgewandelt werden konnte.«

Das befürchtete Donnerwetter blieb zu Verwunderung aller aus. Shul’Vedek stand wortlos da, in Gedanken versunken. Der Code war alt, aber gültig gewesen, und das Wesen hatte den Namen Rodrom mehrfach erwähnt. Rodrom!

»Stellt fest, woher diese Mitteilung kam, und verbindet mich mit Fykkar«, wies er die Besatzung der Zentrale an.

Er hatte kaum wieder Platz genommen, als sich das Hologramm vor ihm aufbaute. Metall glänzte. Nur der Kopf des Cyborgs erinnerte noch an das Insektenwesen, das General Fykkar früher gewesen war.

»Na, wie gefällt dir dein neuer Körper? Schon eingewöhnt?«

MODRORS Schergen hatten den Sterbenden auf dem Planeten Cyragon gefunden und mitgenommen. Durch seinen grenzenlosen Hass auf den Arkoniden Atlan war er als Verbündeter anerkannt worden, und das hatte ihm zu einem neuen Leben verholfen.

»Ich fühle mich bestens, Shul’Vedek.« Es war schwierig, in Fykkars Gesicht zu lesen. War er überrascht?

»Ich glaube nicht, dass du mich kontaktierst, um mich nach meinem Befinden auszufragen. Also was kann ich für dich tun?«

»Ich denke, es wird Zeit, dass du dich nützlich machst. Ich schicke dir ein paar Koordinaten. Nimm dir ein Viertel der Flotte, fliege dorthin und lege alles in Schutt und Asche. Halte nebenbei Ausschau nach Rodrom. Es kann sein, dass er sich dort aufhält.«

»Wie du wünschst«, erwiderte Fykkar und fügte noch ein paar gemurmelte Worte in einer fremden Sprache hinzu. Bevor Vedek nach deren Sinn fragen konnte, wurde die Verbindung unterbrochen. Andererseits war es ihm egal, was dieser Cyborg von sich gab. Hauptsache, er machte seinen Job.

Shul’Vedek lehnte sich langsam in seinem Kontursitz zurück und starrte auf den Hauptschirm. Er nahm das Bild darauf nicht wahr. Zu sehr nahm ihn der absurde Gedanke in Anspruch.

Rodrom gefangen?

Unmöglich! Solch ein Wesen nahm man nicht einfach gefangen! Rodrom …

^

2.

Vor Millionen von Jahren

»Rodrom!« Die sich beharrlich wiederholende Computerstimme drang ins Bewusstsein des Alyskers und brachte ihn endlich dazu, sein Stirnband abzunehmen und sich von seiner Liege zu erheben.

Vor zwei Tagen hatte er Cluver zerstört.

Rodrom dachte an Vita Etan. Sein Stirnband hatte jede Sekunde ihrer panischen Verzweiflung gespeichert. Doch so langsam verblasste dieses unglaubliche Gefühl der Macht, die ihm die Kontrolle über ihre Schmerzen gab, und die Erinnerung seiner ausgefallenen Folterungen, die er an ihr ausprobiert hatte.

Diese Schreie! Das Gefühl der Herrschaft in seinen Händen, der Macht über ihr Leben und vor allem über ihren Tod. Das Unverständnis in ihren Augen und die Angst, während sie in ihm immer noch nach dem Mann suchte, dem sie vertraut hatte. Jedes Mal, wenn er ihr Hoffnung gab und sie wieder enttäuschte. Und dann dieser Moment, als ihr Lebensfunke ausgelöscht wurde!

Immer noch bekam er bei der Erinnerung eine Gänsehaut. Es gab nichts Aufregenderes. Einen Augenblick kehrte ein Teil der Befriedigung zurück, und er drohte, wieder in wohligen Tagträumen zu versinken. Doch das ging vorbei.

Die Gegenwart gewann die Überhand.

»Was gibt es?«

»Ich empfange den Notruf eines Raumschiffes.«

»Und?«

»Vielleicht sollten wir Hilfe leisten.«

Rodroms Lachen klang gezwungen.

»Vielleicht sollten wir Hilfe leisten? Wann habe ich auch nur einen Finger für solche sinnlosen Unternehmungen gerührt?«

Der Bordcomputer schwieg.

»Also gut. Gib mir die Daten.« Sein Widerwille war deutlich herauszuhören. Über den Nebenbildschirm flimmerten einige Informationen. Was war das? Rodrom beugte sich vor. Das war doch … welch schöne Überraschung! Das bewies, dass es doch etwas Interessantes da draußen gab. Rodrom setzte sich beschwingt auf die Vorderkante. Er änderte seine Meinung.

»Du hast recht, Computer. Fliegen wir hin. Schnell!«

Nanosekunden später schwenkte die K’TEA auf den neuen Kurs, beschleunigte mit aufbrüllenden Triebwerken und ging nach Erreichen der Mindestgeschwindigkeit in den Linearraum.

Der Kugelraumer fiel in einem Sonnensystem mit mehreren unbewohnten Planeten in den Einsteinraum zurück. Hologramme bauten sich vor Rodrom auf, offenbarten Ort und Quelle des Hilferufs.

Um den dritten Planeten trieb im Bann seines Schwerkraftfeldes ein kleines, walzenförmiges Raumschiff mit unversehrter rötlicher Hülle. Sein noch funktionierendes Antriebsaggregat war zu schwach und reichte nur, um den Verbleib in der Umlaufbahn zu stabilisieren. Die Geschwindigkeit im engen Orbit um diese Wasserstoff-Ammoniak-Welt verriet der Alystronik der K’TEA und ihrem Herrn, dass der Todeskampf des Schiffes noch fast zwei Monate dauern würde. Ein aussichtsloser Kampf war das, denn letztendlich würde die Schwerkraft des Planeten gewinnen. Der Absturz war unvermeidlich. Daher der Hilferuf.

Rodrom war enttäuscht und verzog die Miene. Nicht gerade spektakulär. Er hatte mehr erwartet. Dann stahl sich ein Grinsen auf sein Gesicht. Wieso half er nicht einfach ein wenig nach?

*

Ol Th Te war verzweifelt. Seine JU, sein stolzes kleines Schiff, hatte ihn nach all den Jahren im Stich gelassen. Die Steuerung war defekt, und auch der Antrieb war nun dem Alter zum Opfer gefallen. Die scheinbar letzte Rettung, der Flug zu diesem unbekannten System, war mehr ein Horrortrip als eine Reise gewesen. Kaum dass der Raumer in den engen Orbit des Gestirns gegangen war, gaben die Maschinen der JU komplett ihren Geist auf. Nur einige Notaggregate hielten ihm ihr bisschen Treue.

Die ersten Messergebnisse vervollständigten die Katastrophe. Nicht genug, dass er sich weit ab von jeder bekannten Fluglinie befand und jetzt hier festsaß. Nein. Die enge Umlaufbahn um diesen Gasgiganten ließ nur einen Schluss zu: In wenigen Monaten würde er zusammen mit seinem Schiff auf dem Planeten zerschellen. Der Anziehungskraft des kosmischen Riesen hatte er auf Dauer nichts entgegenzusetzen.

Doch es gab noch Hoffnung. Die Kommunikationsanlage funktionierte dank eines schwachen Notaggregats noch und er setzte einen Notruf in maximaler Stärke ab, um hilfsbereite Raumfahrer zur Rettung anzulocken. Doch die Zeit verrann mit dem mechanischen Gleichmaß einer Sanduhr und nichts geschah.

Nach zwei Wochen war von seinem Vertrauen in die Zukunft nichts mehr vorhanden. Der Tod streckte unerbittlich seine Klauen aus, um ihn zu holen. Hatte er versagt?

*

Ein Ortungssignal wurde angemessen. Das Signal schreckte Ol Th Te hoch, der seit geraumer Zeit auf dem Boden gehockt und vor sich hin gedöst hatte. Augenblicklich war er hellwach, sprang auf und rannte los. Der Weg zur Zentrale, wo er die Ortungsschirme betrachten konnte, schien ihm endlos. Außer Atem kam er an und betätigte mit fliegenden Greiflappen die Kontrollen. Ein erleichterter Schrei entrang seiner Kehle. Das Scannerbild brachte die erhoffte Erlösung.

Sein Bordcomputer zeigte einen alyskischen Kugelraumer an, der soeben im Sonnensystem angekommen war. Ol durchströmte ein Gefühl der Freude und Erleichterung. Er jauchzte vor Glück. Die Alysker – ein Volk von Forschern und Wissenschaftlern, welche den Kosmokraten dienten. Das war die Rettung!

Sofort stellte er eine Verbindung her.

»Ich grüße euch, Mitglieder des edlen Volkes der Alysker. Ich bin Ol Th Te, der Gesandte der Superintelligenz HISHO. Leider befinde ich mich in einer misslichen Lage und bitte euch, mir zu helfen. Natürlich werde ich euch reichlich belohnen, als Entgelt für die Umstände, die ich euch mache. Bringt mich zu eurem Heimatplaneten.«

Ein Traktorstrahl erfasste die JU und zog das Schiff in Sicherheit. Dankbar über die Rettung, schickte Ol Th Te seine Gefühle telepathisch in das fremde Schiff. Die Fremden sollten eintauchen in Glücksgefühle, in Liebe und Herzenswärme. Sie sollten darin baden. Niemand sollte ihm nachsagen, dass er mit Belohnungen sparsam war.

Die Hangarschleuse öffnete sich und die JU wurde in den Kugelraumer gezogen.

*

Augenblicke nach der Landung wurde der Hangar mit Sauerstoff geflutet und er konnte die JU verlassen. Ein Alysker erschien in der weiten Halle, um ihn zu empfangen.

»Ich bin Rodrom und heiße dich auf meinem Schiff willkommen, Ol Th Te. Sei mein Gast!«

Der Fremde war Ol sofort sympathisch.

»Mein Geist ist so voller Dankbarkeit, dass sie kaum in Worte zu fassen ist. Meine Hoffnung auf Rettung war nur noch gering. Ich habe dir meine Dankbarkeit gezeigt und hoffe, die Belohnung war angemessen.«

Der Fremde zuckte mit dem rechten Augenlid und zeigte seine weißen Zähne. Obwohl Th Te die Mimik dieser Rasse schwer deuten konnte, wertete er das als Zeichen, dass der Alysker zufrieden war.

»Es war schon fast etwas zu viel des Guten, werter Ol. Doch erzähle mir mehr über diese HISHO! Warum hat sie dich in dieses entlegene Gebiet geschickt?«

Th Te hatte erwartet, anderen Besatzungsmitgliedern des Schiffes vorgestellt oder in die Zentrale geleitet zu werden oder es sich gemütlich machen zu können. Stattdessen stand er im Hangar und erzählte dem Alysker von der Superintelligenz, welche ihn ausgesandt hatte. Ol Th Te sollte den Alyskern eine Maschine überreichen, welche in der Lage war, normale Intelligenzwesen in mathematische Genies zu verwandeln.

Der Mann unterbrach ihn mehrmals und wollte Details wissen.

Ohne zu zögern erzählte der Gesandte, dass HISHO Kenntnis von dem Experiment habe, welches die Alysker im Auftrag der Kosmokraten durchführten. Die Superintelligenz wolle ihren Beitrag leisten zu diesem kolossalen Projekt. Ob er sie ihm zeigen könne? Natürlich. Und die Bedienung erklären? Die war sehr einfach. Ol Th Te freute sich über die Wissbegier des Alyskers. Sein Vorhaben schien unter einem guten Stern zu stehen.

Schließlich nickte Rodrom zufrieden. Gemeinsam verließen sie die JU und standen wieder im Hangar.

»Ich bin dir zu Dank verpflichtet. Du hast mich belohnt mit Erläuterungen und mit deinen Empfindungen. Nun will ich das Gleiche für dich tun.«

Ol staunte.

»Auch du beherrschst die Kunst, Gefühle auf andere zu übertragen?«

Rodrom lachte auf, zog seine Waffe und schoss. Ol Th Te zuckte zusammen. Sein Körper versteifte sich. Wie ein Brett kippte er um und fiel zu Boden.

»Aber sicherlich beherrsche ich dies. Wenn du dich einen Moment lang bitte nicht von der Stelle rühren würdest. Ich bin gleich zurück und hole meine Ausrüstung. Und eines kann ich jetzt schon verraten: Es wird ein unvergessliches Erlebnis werden, dass dich im tiefsten Innern … berühren und aufwühlen wird. Und das Letzte aus dir herausholen. Das Letzte und das Innerste!«

*

Einige Stunden später befand sich Rodrom wieder in der Zentrale der K’TEA. Er hatte sich Zeit gelassen bei der Folterung des naiven Wesens, das sich Ol Th Te nannte. Seine Verblüffung hatte ihm Spaß gemacht, das war fast wie bei Vita, und zugleich war es anders gewesen. Kosmischer.

Leider hatte es der Gesandte der Superintelligenz nicht allzu lange durchgehalten. Sein Lebenslicht war schnell erloschen. Aber trotzdem hatte sich Rodroms Vorgehensweise ausgezahlt. Genießerisch dehnte er die Schultern. Jetzt ein opulentes Mahl zur Stärkung, und dann die Maschine der Kosmokraten erforschen. Er überlegte, worauf er Appetit hatte. Da waren noch Vorräte von Cluver übrig.

*

Vielleicht hätte er weniger gierig sein, hätte den Gesandten noch am Leben lassen sollen. Nachdenklich betrachtete der Alysker das fremdartige Gerät, das nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Helm hatte. Sanft strichen seine Finger über das unbekannte Material. Er würde nicht einmal in den bizarrsten Träumen daran denken, dieses Artefakt seinem Volk zu überreichen. Sollte er es an sich selbst versuchen? Wie hoch wäre das Risiko? Was, wenn er dadurch verrückt würde? Oder sollte er erst einmal nach Alysk zurückkehren?

Komischerweise verspürte er keine Lust mehr dazu. Dies hier war interessanter. Was er brauchte, waren mehr Informationen. Sein Blick wanderte durch die Zentrale und blieb am Hologramm der JU hängen. Er hatte sich jeden Datenzweig aus den Speicherbänken des fremden Raumschiffes runtergeladen. Doch letztendlich würde er selbst seinen Kopf hinhalten müssen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und sein Kopf war ihm wert und teuer. Er musste Vorbereitungen treffen, um das Schlimmste ausschließen zu können.

Die Bordalystronik ließ auf seinen Befehl hin einen Medorob erscheinen. Diesem befahl er, im Falle einer Bedrohung einzuschreiten und ihn schnellstmöglich von der Maschine zu trennen. Dann ging er noch einmal alles durch, was er von Ol Th Te erfahren hatte. Wort für Wort.

Die Alystronik spielte das Verhör wieder und wieder ab.

*

Nach Stunden saß er schließlich auf einem Stuhl und stülpte sich vorsichtig den Helm über den Kopf. Es geschah nichts. Der Medorob befand sich neben ihm und überwachte mit seinen Sensoren den Patienten.

Täuschte er sich, oder ertönte da wirklich ein leises Summen im Raum?

War das alles? Wut kroch in dem Alysker hoch.

Hatte der Kosmokratendiener gelogen, diese elende Existenz?

Er hätte ihm …

Der Schmerz kam ohne Vorwarnung. Etwas schien sich in seinen Kopf zu bohren und an seinen Nerven zu nagen. Sein Bewusstsein spaltete sich in sich selbst auf. Das Gefühl, tausendfach vorhanden zu sein und mit Verzögerung immer wieder denselben Gedanken zu hören, erzeugte ein hallendes Echo, das sich ballte, zurückschwang und wie ein riesiger Hammer auf ihn einschlug. Er versuchte zu schreien, ohne zu wissen, ob es nur Einbildung war oder ob er wirklich schrie.

Ein erneuter Schmerzschub half ihm, sich wieder zu finden, und das Gefühl für Materie kehrte zurück. Schmerzwellen jagten durch seinen gesamten Körper und er krümmte sich schreiend zusammen. Seine Hände griffen panisch nach dem Helm, um ihn vom Kopf zu reißen.

Entsetzt musste er feststellen, dass sich der Helm in eine dickflüssig schleimige Masse verwandelt hatte, die sich unmöglich entfernen ließ. Trotz aller Bemühungen glitschte sie zwischen seinen Fingern durch. Er konnte sie nicht greifen.

Wo war verdammt noch mal der Medorob? Warum griff er nicht ein? Noch dazu sah er kaum etwas! Rodroms Sehschärfe hatte sich übergangslos verschlechtert. Nur noch Umrisse nahm er wahr.

Die Schmerzen wurden immer unerträglicher. Die ersten Anzeichen des Wahnsinns gruben sich ins Hirn des Alyskers. Seine Schreie wurden immer lauter und der Schmerz erfasste den Körper. Wie ein Tier griff er nach Rodrom und schlug seine Klauen in alle Körperteile.

Dann zerfetzte er seine Seele. Die Zeit dehnte sich ins Unendliche. Als er umfiel und auf dem Boden aufschlug, war er ein Ding, ein Gegenstand, den man nehmen und wegwerfen konnte. Er lag am Boden und schlug um sich, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Dann, unvermittelt, kam der Punkt der Klarheit. Und er verstand …

Fünf Jahre später

Sulk Feint atmete tief ein. Er liebte die würzige Luft, welche vom Strand herüberwehte. Verspielt kickte er einen kleinen Stein die Klippen hinunter, sah ihn fallen, an Felsen stoßen, springen und in die Tiefe rollen. Das Gras stand hier oben knöchelhoch und kleine violette Blüten bedeckten den Teppich aus Kriechgewächsen, der einen Schritt weiter begann. Dahinter verlief der Weg, auf dem sie gekommen waren.

Das Wetter war wundervoll, seine beruflichen Aussichten noch besser. Und Alira schmiegte sich an seinen Rücken, schlang ihre Arme um ihn.

»Ich bin so stolz auf dich, mein Schatz«, wisperte sie ihm ins Ohr. In ihren blonden Locken spielte der Wind, leuchtete die Sonne. Das Blau des Meeres und des Himmels vereinigten sich im Blau ihrer wunderschönen großen Augen, das Glitzern der Gischt setzte sich fort im Glanz ihrer seidigen Wimpern.

Sulk genoss ihre Liebkosungen. Was würde er ohne seine Frau tun? Seit Jahren kümmerte sie sich um ihn, nur um ihn. Er war der Mittelpunkt ihres Lebens, während es in seinem um so viel anderes ging. Immer hatte er ein schlechtes Gewissen deswegen.

Gab es eine Möglichkeit, ihr jemals für alles zu danken, was sie für ihn tat? Er wusste es nicht. Was waren schon die materiellen Dinge, die er ihr schenkte? Der Schmuck. Die Kleidung. Nichts waren sie gegen ihre Liebe. Doch endlich ging es mit der Karriere aufwärts, so dass er ihr etwas zurückgeben konnte. Er, der Sohn eines einfachen Mannes, wurde für die Stelle eines leitenden Wissenschaftlers in Betracht gezogen!

Leid tat ihm nur, dass er gegen seinen guten Freund Rodrom um die Stelle kämpfen musste. Sulk hoffte, dass die Freundschaft nicht darunter leiden würde. Dass sie Freunde blieben, egal, wer gewann.

In jedem Fall war er ein sehr glücklicher Mann. Und ihm gehörte das schönste Mädchen auf Alysk! Er gab sich einen Ruck und wandte sich vom Anblick der untergehenden Sonne ab.

»Komm, mein Liebes! Fliegen wir zurück! Es wird frisch.«

Er zog seine Jacke aus und legte sie behutsam um Aliras zarte Schultern, während sie sich auf den Weg zum Gleiter machten. Wie zart sie in der Männerjacke aussah! Wie sie sich drehte, um den Bewegungen seiner Hände entgegenzukommen.

Alira lächelte ihn dankbar an, forschte in seinem Gesicht.

»Du machst dir Gedanken über Rodrom, oder?«

»Woher weißt du das?«

Alira lachte.

»Du bist für mich wie ein offenes Buch, mein Schatz.«

»Ah ja? Und was denke ich jetzt gerade?«, fragte er grinsend. Sie schmunzelte, trat einen Schritt zurück.

»Oh, diese Gedanken musst du dir für unser Schlafzimmer aufheben.«

Sulk griff nach ihr, doch die junge Alyske rannte los.

»Mal sehen, wer von uns schneller beim Fahrzeug ist, alter Mann!«, rief sie und verschwand zwischen den Sträuchern.

»Na warte. Das nimmst du zurück!«, lachte er und nahm die Verfolgung auf.

*

»Du hast mich gewinnen lassen!«, warf sie ihm vor. Ihr Schmollen wirkte fast echt.

Sulk grinste verneinend, während er aus den Fenstern des Gleiters blickte. Die Gebirgsketten der Dolas zogen unter ihnen vorüber. Schneebedeckte Gipfel, wie mit Puderzucker bestäubt. Aliras schlanke Hände lagen auf den Lehnen ihres Sitzes, ihre Muskeln spielten, als sie sich abstützte, um seinem Blick zu folgen.

»Wie könnte ich? Immerhin bist du zwanzig Jahre jünger als ich.«

»Und was beweist das?«

Auf seiner Stirn bildete sich eine Falte. Kam es ihm nur so vor oder wurde die Landschaft unter ihnen kleiner?

»Wie du schon gesagt hattest. Ich bin ein alter Mann.«

Prüfend blickte er auf die Höhenanzeige.

Ja, der Gleiter gewann an Höhe!

»Computer! Warum steigen wir?«

»Sie müssen sich irren, Herr! Die eingestellte Höhe hat sich seit zwölf Minuten und fünf Sekunden nicht geändert.« Die mechanische männliche Stimme hatte einen freundlichen und höflichen Klang.

Sulks Gesichtsausdruck wurde noch ernster.

»Blödsinn! Laut Anzeige überschreiten wir gleich die erlaubte Sicherheitsgrenze!«

Ein lautes Klicken war zu hören. Als ob jemand immer wieder mit einem Fingernagel auf einen Tisch tickerte.

»Einen Moment bitte! Selbstcheck wird durchgeführt.«

Alira blickte Sulk verwirrt an.

»Schatz, alles in Ordnung?« Ihre Stimme zitterte.

»Aber ja. Keine Sorge, Liebes! Dieser Autopilot scheint nur einen seltsamen Humor zu haben«, beruhigte er sie. Er wollte in ihrem schönen Gesicht keine Sorge sehen.

»Selbstdiagnose wurde durchgeführt. Kein Fehler gefunden.«

»Also gut. Gehe runter und lande an der nächstmöglichen Stelle!«

»Positiv.«

Doch nichts dergleichen geschah. Der Wert der Höhenanzeige stieg immer weiter.

Sulk entfuhr ein deftiger Fluch, Alira hin oder her.

»Ich sagte, du sollst landen!«

»Positiv.«

»Schalte um auf manuelle Kontrolle!«

»Negativ. Die Sicherheitsbestimmungen untersagen eine manuelle Steuerung bei derart schlechten Wetterbedingungen. Kontrolle ist weiterhin gesperrt.«

Sein verblüffter Blick suchte die Fenster ab. Welche schlechten Wetterbedingungen? Der Himmel war strahlend blau, keine einzige Wolke zu sehen.

»Der spinnt doch! Das Teil bringt uns noch um!«, murmelte er und bereute es im gleichen Moment, denn Aliras Blick war jetzt von Angst erfüllt. Er streichelte ihren Unterarm.

»Ich mein es nicht so. Entschuldige! Mach dir keine Sorgen! Es gibt immer eine Lösung, wir müssen sie nur finden.«

Sulk griff zum Funkgerät und setzte einen Notruf ab. Doch die Anlage blieb stumm. Keine Antwort war zu hören.

»Tu doch was!«, flehte Alira.

Sulk sah sich um und entdeckte seitlich eine eingelassene Bodenklappe. Ein Ruck am Griff, und schon öffnete sich ein Fach. Werkzeug sowie Notverpflegung kamen zum Vorschein. Nach hektischem Suchen fand er einen kleinen Schrauber.

»Gut. Dann müssen wir wohl etwas rabiater zur Sache gehen«, murmelte er vor sich hin und machte sich an den Konsolen zu schaffen.

Es dauerte nicht lange und der größte Teil der Verkleidung des Gleiters befand sich nicht mehr am vorgesehenen Platz.

Die Stimme der Alystronik meldete sich wieder.

»Vorsätzliche Beschädigung eines öffentlichen Gleiters erfüllt den Tatbestand der Sachbeschädigung. Bitte unterlassen Sie das, ansonsten wird die interne Sicherheitsschaltung die zuständige Behörde informieren. Die Sicherheit der Passagiere darf in keiner Weise gefährdet werden.«

»Nur zu, dämliche Blechkiste! Sag ihnen auch gleich, dass du eine Macke hast und zum Technoseelen-Mechaniker musst«, grummelte Sulk unbeherrscht.

Eines der Verkleidungsteile hatte sich verkantet. Wütend riss er mit beiden Händen daran herum, bis es nachgab. Er knallte es neben sich und fluchte.

Alira jammerte laut.

Die Schaltkreise lagen vor ihm, ein Gewimmel aus kleinen Bauteilen. Sulk dachte angestrengt nach, was er über die Konstruktion dieses Typs wusste und starrte in das Gewirr der Schaltkreise. Wenn er dort rechts die Platine entnahm und dann …

Nein, so konnte er gleich Selbstmord begehen! Was war denn das da links unten? Genervt schlug er mit der Faust gegen die Verkleidung. So konnte er nicht arbeiten. Nicht mit diesem Schluchzen hinter sich. Nicht mehr lange und sie würden ersticken.

»Werden wir sterben?«

»Halt endlich die Klappe, Alira! Ich kann mich nicht konzentrieren«, fuhr er sie an.

Seine Frau zuckte zusammen und verkroch sich in ihrem Sitz. Große Tränen schimmerten in ihren Augen, die sie mit zitternden Händen wegwischte, um ihm ein tapferes Gesicht zu zeigen.

Obwohl ihn sein schlechtes Gewissen zu übermannen drohte, versuchte er, sich auf diese Schaltungen zu konzentrieren. Schwindel überkam ihn. Waren sie schon so weit oben? Er konnte an sich erste Anzeichen einer Hypoxie bemerken.

Sulk versuchte, flacher zu atmen. Er musste Sauerstoff sparen. Also noch mal von vorn. Wenn er richtig lag, konnte er dort links unten die Alystronik ausschalten und selbst die Kontrolle übernehmen.

Das leise Jammern, das Alira dann doch nicht unterdrücken konnte, hatte aufgehört. Auch sie schien immer mehr Probleme mit dem Atmen zu bekommen. Sulk Feint riss mit aller Macht einen kleinen metallenen Kegel aus einer Platine.

Ein Alarmsignal ertönte. Die Alystronik war soeben ausgefallen. Mühsam, aber mit einem Grinsen im Gesicht richtete sich Sulk auf. Die Luft fand immer schwerer den Weg in seine Lungen. Alle Glieder schmerzten durch den Sauerstoffmangel.

Er zog sich mit letzter Kraft zum Sitz hoch und ergriff den Steuerknüppel. Mit aller Macht warf er sich samt Steuer nach vorn, um den Gleiter schnellstmöglich tiefer zu bringen.

Doch nichts veränderte sich. Der Gleiter reagierte nicht auf die manuelle Steuerung. Nun gab es keine Möglichkeit mehr, die Flugbahn zu beeinflussen. Sulk Feint gab auf. Irgendwo war noch eine Sicherung, die er nicht kannte. Um die jetzt noch zu suchen und auszuschalten, war einfach keine Zeit mehr.

Mit verschwimmenden Gedanken bat er Alira für sein Versagen um Verzeihung, tastete blind nach ihr, um ihre Hand zu fassen. Und der Gleiter stieg unkontrolliert immer höher.

Ein Tag später

»Na! Wieder unter den Lebenden?«

Sulk sah von seinen Unterlagen hoch, die er auch im Krankenhaus mit größter Sorgfalt bearbeitete, und lachte.

»Rodrom! Schön, dich zu sehen. Ja, ich hab es überlebt, wie du sehen kannst. Nur wie das passiert ist, weiß ich noch nicht.«

»Wie geht es deiner Frau?«

Der Freund setzte sich auf die Bettkante und lächelte.

»Ihr geht es viel besser als mir. Im Gegensatz zu mir war sie noch bei Bewusstsein, als uns das Raumschiff an Bord nahm. Man sagte mir, die Verkehrskontrolle wurde aufmerksam auf uns, als unser Gleiter von seinem vorgesehenen Weg abwich.«

Rodrom nickte.

»Ja, diese Tatsache hat euch das Leben gerettet. Als ihr die Sicherheitshöhe überschritten hattet, schrillten bei denen alle Alarmglocken.«

»Und damit hast du immer noch einen würdigen Gegner im Wettstreit um den Job.«

Rodrom schüttelte den Kopf, erhob sich lächelnd und blickte auf das Armband an seinem rechten Handgelenk.

»Das ist der einzige Nachteil. So schnell gebe ich nicht auf. Leider muss ich schon wieder ins Büro. Die Arbeit lässt nicht auf sich warten.«

»Geh nur! Morgen bin ich hier raus, dann mache ich wieder die Gegend unsicher. Dann kann ich dir wieder Gesellschaft leisten beim Feiern.«

Rodrom war fast an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte.

»Grüße deine Frau von mir. Ich hoffe, ihr beide kommt demnächst mal zum Essen vorbei.«

Sulk lächelte.

»Ich werde darauf zurückkommen.«

Zwei Wochen später, Vormittag

Alira öffnete freudig die Eingangstür, als sie den Gast erkannte. Jeder Freund ihres Mannes war ihr willkommen, und dieser ganz besonders. Rodrom war so liebenswürdig und immer gut gelaunt, schien jede ihrer Seelenregungen zu verstehen. Immer hatte sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie an die bevorstehende Entscheidung dachte, denn Sulk war so wundervoll, dass er den Jüngeren sicher besiegen würde. Das würde ihn traurig machen. Wie schade! Und dann kam er auch vergeblich vorbei. Ihr Mann war doch gar nicht zuhause!

»Hallo, Rodrom! Was führt dich hierher? Sulk ist leider nicht da.«

Der junge Alysker lächelte sie an.

»Ich war gerade in der Nähe und dachte, ich schau mal vorbei.«

Alira trat zur Seite und gab den Eingang frei.

»Bitte komm doch rein. Willst du was trinken?«

»Danke, eine kleine Erfrischung wäre jetzt nicht schlecht.«

»Geh ruhig vor! Den Weg kennst du ja.«

Sie folgte ihm in den Wohnraum und wies den Haushaltsroboter an, kühle Getränke zu servieren.

Der Gast hatte auf einem der weißen Sofas Platz genommen, die um den Couchtisch standen.

»Man hört, dass du guter Hoffnung bist?«

Alira schüttelte lachend den Kopf.

»Da hat mein lieber Sulk wieder einmal nichts für sich behalten können.«

»Er freut sich halt auf euer Baby. Ich finde es auch toll. Euer erstes Kind!«

Der Roboter brachte die Getränke.

»Und was ist mit dir? Wann wirst du sesshaft? Hast du noch keine Frau in Aussicht?«, erkundigte sich Alira.

Rodrom nippte genießerisch an seinem Becher und streichelte Samthaar, die Hauskatze, welche sich schnurrend neben ihm räkelte.

»Oh, jetzt wo du es erwähnst – doch, da wäre eine Einzige, die in Frage käme.«

Alinas Augen wurden groß vor Neugierde. Rodrom beugte sich vor und sah ihr tief in die Augen.

Später Nachmittag

Sulk Feints Gleiter landete wie gewohnt vor dem Haus. Rodrom und er verließen das Fahrzeug und gingen gemeinsam auf das Haus zu.

»Und dir ist wirklich nichts Besseres eingefallen, als Alira aufzusuchen und ihr zu verraten, dass ich dir von der Schwangerschaft erzählt habe?«

Rodrom wiegte den Kopf. Lächelnd gab er zurück: »Ich musste unbedingt deiner Frau alles Gute wünschen. Immerhin hat sie mich dafür zum Essen eingeladen. Frauen wie sie können kochen.«

»Ach, deshalb bist du mitgekommen? Bist nur scharf auf was Essbares! Aber – eigenhändig Gekochtes? Ich glaube, da wirst du enttäuscht. Sie bestellt immer.«

Angesichts von Rodroms enttäuschtem Gesicht konnte sich Feint ein Lachen kaum verkneifen. Lachend klopfte er dem Freund auf die Schulter.

»Bald findest du eine Frau, die dir alle Wünsche erfüllt. Da bin ich mir sicher. Ich habe ja auch lange warten müssen. Überleg mal, um wie viel älter ich bin als meine angebetete Ehefrau! Siehst du, jetzt lächelst du wieder!«

Sie erreichten die Eingangstür, die verschlossen blieb. Obwohl die Alystronik den Eigentümer erkennen und ihm bereitwillig Zugang gewähren sollte, geschah nichts.

»Seltsam! Was ist denn nun wieder kaputt?«

Rodrom zuckte mit den Schultern.

»Du scheinst echt Pech zu haben mit den Künstlichen Intelligenzen. Die im Gleiter dachte, sie sei ein Raumschiff und deine eigene Hausalystronik erkennt dich nicht einmal.«

»Unsinn! Der Gleitervorfall war reiner Zufall. Du hast den Bericht doch auch gelesen. Energieüberlastung mit nachfolgendem Systemausfall, daraus resultierende zusätzliche Beschädigung des Bordcomputers.«

»Und wie oft passiert das hier auf Alysk?«

»Naja, der letzte Vorfall war vor sieben Jahren. Da hatte sich ein Gleiter mal geweigert abzuheben.«

»Siehst du, das meine ich. Jetzt drücke schon die Klingel! Auf dass deine Frau uns öffnen möge.«

Sulk betätigte den Kontakt und sie konnten beide das Signal innerhalb des Hauses hören, was anzeigte, dass jemand vor der Tür stand. Doch niemand kam, um die beiden einzulassen. Die Männer sahen sich an. Sie mussten etwas unternehmen. Wo war Alina?

Zwei Stunden später

»Sind Sie Sulk Feint?«

Sulk konnte nur mühsam seinen Blick vom Boden lösen, um den Fragenden anzuschauen. Seitdem er sich hierhin gesetzt hatte, versuchte er, die Bilder zu verarbeiten, die sich in seine Netzhaut eingebrannt hatten. Sie standen wie grelle Blitze vor seinen Augen.

Wie konnte er das Unfassbare, was vorgefallen war, weit genug wegschieben, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen? Er nahm kaum wahr, wie Rodrom erschien und den fremden Mann fortzog.

»Lassen Sie ihn in Ruhe, Mann! Sehen Sie denn nicht, dass er jetzt Zeit und Ruhe braucht? Ihre Fragen kann auch ich beantworten.«

Der Fremde erwiderte etwas. Doch Feint war schon wieder in seinem Schmerz gefangen und die Umgebung verschwand erneut aus seinem Bewusstsein. Sulk vergrub sein Gesicht zwischen den Unterarmen und weinte. Alira! Seine über alles geliebte Frau!

Als auf das Klingeln hin niemand reagiert hatte, waren die beiden Freunde um das Haus gegangen. Eine unverschlossene Balkontür hatte das Betreten des Hauses ermöglicht.

Sulk war vorgegangen und hatte nach Alira gerufen. Sein ungutes Gefühl hatte sich immer mehr verstärkt. Die anfänglichen Scherze hatten ihren Reiz verloren. Das gesamte Haus war ohne Energie gewesen, die Stille bedrückend. Er ging Richtung Schlafraum, während Rodrom zurückblieb, und stieß die Tür auf. Doch das Schlafzimmer war unberührt. Krampfhaft hatte er versucht, sich einzureden, dass Alira vielleicht mit Freundinnen in der Stadt war.

Ein undefinierbarer Laut ließ ihn zusammenzucken. Er wandte sich um und rannte zurück. Rodrom kam ihm entgegen und hielt ihn auf. Sein Freund war leichenblass im Gesicht.

»Bitte Sulk! Ich flehe dich an! Geh nicht ins Badezimmer. Alira! Sie ist …«

Rodroms weißes Gesicht und seine zittrige Stimme hatten würgende Angst in ihm aufsteigen lassen. Er hatte seinen Freund beiseitegestoßen und das Badezimmer betreten.

Der Anblick, der sich ihm darbot, hatte Feint den Rest gegeben. Sein Gehirn hatte sich geweigert, das Gesehene anzuerkennen, in seinem Kopf hatte es einen Knacks gegeben, von dem an nichts mehr einen Sinn ergab. Das war der Punkt gewesen, an dem er ausgerastet war. Er hatte die Tür geschlagen und getreten. Der körperliche Zusammenbruch folgte, er hatte sich am Boden gewälzt und sich das Gesicht und die Schultern blutig gekratzt. Seine spitzen Schreie, die unartikulierten Laute hatten jenen von Tieren geglichen, nicht denen eines intelligenten Wesens, denn sein Verstand war erloschen. Seine Schreie waren in Tonlagen gerutscht, die kein Alysker erreichte. Und trotzdem hatte sich das entsetzliche Bild durch die geschlossenen Lider in seinen Verstand geätzt und brannte, brannte versengend ein Loch in die Wirklichkeit.

Aliras Körper lag verteilt im gesamten Raum. Körperfetzen hingen vom Handtuchhalter, vom Waschbecken, von der Klobrille. Wandkacheln und Boden waren mit Blut bespritzt. Am Boden lagen graue Brocken Hirn und ein Auge thronte, auf ein Kissen aus ihrem wunderschönen Haar gebettet, auf der Seifenschale in der Mitte des Badschranks. Rechts und links davon lagen zwei runde, grüne Augenbälle, jeder von einem Kranz aus Krallen umgeben.

Ein handlanger Embryokörper lag ausgeweidet auf dem kleinen Beistelltisch. Die Gedärme formten ein blutiges Herz um die winzige Leiche. Fellstücke von Samthaar, ihrem Haustier, hingen an einer Leine, die von einer Wand zu anderen ging. Dazwischen baumelten einzelne Zehen. Die Innereien lagen zertreten unter der Heizung. Darüber zeichneten sich blutige Handabdrücke auf der Wand ab.

Als hätte sie sich aufrichten und fliehen wollen.

Immerhin lag hier kein Darm. Wo war ihr Darm?

Sulk würgte. Ihm wurde schwarz vor Augen. Rodrom war auf einmal hinter ihm gewesen. Er hatte ihn in den Wohnraum zu einem Sofa geführt.

Wann die Sicherheitskräfte erschienen waren, wusste er nicht mehr. Es hatte keine Bedeutung. Nichts hatte mehr einen Sinn. Sein Lebensquell war versiegt. Sulk Feint hatte an einem einzigen Tag alles verloren, was ihm wichtig gewesen war. Seine geliebte Frau und das ungeborene Baby waren tot. Die Karriere hatte keine Bedeutung mehr, und sein Leben war wertlos geworden. Ganz ohne Wert. Es lag in Fetzen, so wie ihr Körper. Alira!

Fünf Monate später

Der Wind brachte die Gerüche der Großstadt, der Menschen, der Fahrzeuge. Rodrom stand auf dem Balkon seines Büros und blickte auf die Metropole unter ihm. Obwohl es tiefe Nacht war, schlief die Stadt nie. Überall leuchteten Werbehologramme, die das absolute Muss versprachen. Unzählige Gleiter flitzten herum.

Ungeziefer! Wie minderwertig diese Alysker waren. Sein Volk? Dass er nicht lachte! Was hatte er mit ihnen zu schaffen! Technologisch gesehen könnten sie die Galaxis beherrschen. Doch was machten sie? Auf Knien krochen sie den Kosmokraten in den Hintern.

Doch nun war er erschienen. Er war verloren gewesen und zurückgekehrt. Welch eine Freude!

Sein leichtgläubiges Volk hatte den verlorenen Sohn mit offenen Armen empfangen, sie hatten seine rührselige Geschichte geglaubt, seine Eltern gewürdigt und betrauert. Das Wichtige daran aber: Sie hatten ihm nach kurzem Zeugnis seiner Genialität sofort einen Job am Jahrtausendprojekt angeboten.

Ein paar Tage später hatte Rodrom auf ein paar Fehler in den Berechnungen hingewiesen und Verbesserungsvorschläge gemacht. Dennoch hatte es ein paar Jahre gedauert, bis er als einer der führenden Wissenschaftler anerkannt wurde. Dass er dabei über Leichen gegangen war, hatte ihm das langweilige Leben versüßt.

Alira! Was für eine zarte Haut sie gehabt hatte. Fast wie Vita! Sein Konkurrent Sulk Feint hatte den Job abgelehnt. Der Verlust seiner Frau war einfach zu viel gewesen. Er hatte sich in seiner Wohnung verkrochen, um seine Trauer mit Drogen zu betäuben und so dem Schmerz zu entkommen.

Rodrom ließ ihn in Ruhe. Doch der Zeitpunkt, an dem er bei ihm auftauchen würde, um ihm eine Stelle in seinem Team anzubieten, rückte immer näher. Noch war er nicht fertig mit seinem leichtgläubigen Freund. So viel Naivität musste bestraft werden. Feint musste noch ein wenig mitspielen in Rodroms kleinem, sadistischen Spiel.

Leichte Kopfschmerzen kündigten einen neuen Desorientierungsanfall an. Der Griff in die Jackentasche war ebenso Routine wie das Rausfischen zweier kleiner blauer Pillen und das Schlucken.

Mit gemischten Gefühlen dachte er an den Tag zurück, als er diesen außergewöhnlichen Helm aufgesetzt hatte. Ja, das Ding hatte ihm Mathematik der fünften und teilweise der sechsten Dimension verständlich gemacht. Auf einmal war alles so einfach gewesen. Doch zu welchem Preis?

Von Zeit zu Zeit überkam ihn ein die Sinne verwirrender Schwindel. Dann irrte er stundenlang in seiner Villa umher, ohne sich seiner selbst bewusst zu sein. Wie ein Tier, nur von Instinkten getrieben.

Er hatte deswegen einige zuverlässige Ärzte aufgesucht. Doch selbst diese waren ratlos gewesen. Natürlich hatte er ihnen die Ursache verschwiegen. Alles, was immerhin eine der Medizinerinnen für ihn tun konnte, war ihm Pillen zu verschreiben, welche die Anfälle hinauszögerten.

Dennoch hatte Rodrom das Gefühl, als würde es jedes Mal schlimmer werden. Warum hatte er den Helm nur zerstört? Wenn er das Gerät noch genauer erforscht hätte, wäre er dem Problem sicher auf die Spur gekommen. Doch zu dem Zeitpunkt war der Schmerz einfach stärker gewesen, hatte ihn fast zermalmt.

*

Ein Signal riss Rodrom aus seinen Gedanken. Seufzend wandte er sich vom Ausblick ab und schritt zu seinem Tisch. Ein Hologramm seiner Sekretärin baute sich vor ihm auf.

»Der Junge ist da, Rodrom!«, informierte sie ihn sachlich.

Sie ist so stolz. Selbstbewusst. Wie lange sie wohl durchhält, wenn ich sie häute? Ab wann würde sie mich anflehen? Und mit welchen Worten?

Der Alysker verbarg seine Gedanken und zeigte ein unergründliches Lächeln.

»Soll reinkommen, Nadira.«

Sie nickte ihm zu und das Hologramm erlosch.

Wie sie wohl ohne Parfüm riecht? Wenn der Angstschweiß aus ihr dringt, mit den ersten Tropfen von Blut?, überlegte er. Doch gleich darauf lenkte er seine Gedanken wieder auf seinen Auftrag.

Die Zeit dafür würde kommen, noch musste die Damenwelt von Alysk auf ihn warten.

Nachdem er hinter dem großen, hölzernen Schreibtisch Platz genommen hatte, öffnete sich der Eingang seiner Bürosuite und ein junger Mann schritt herein. Rodrom lächelte ihm entgegen.

»Willkommen! Es freut mich, dich persönlich kennenzulernen, Eorthor!«

*

Rodrom war der Junge aufgefallen, als Eorthor wegen einer Abschlussprüfung in Berufung ging. Das Ergebnis war nicht anerkannt worden und er war durchgefallen. Als Sohn des Oberhaupts von Alysk!

Eorthor hatte das Unmögliche geschafft: das Gremium zu überzeugen, dass sein Resultat sehr wohl galt, weil das bis dato Gelehrte falsch war. Dieser Vorfall war in aller Munde. Besonders weil der Junge, nachdem er gewonnen hatte, die Lehrer als Versager beschimpfte.

Nur dem hohen Stand seines Vaters war es zu verdanken, dass Eorthor mit gutem Zeugnis die Lehranstalt verlassen konnte.

»Bitte setz dich!«, forderte Rodrom den jungen Mann auf.

Scheinbar unbeeindruckt von der Umgebung ließ der sich in einen Sessel nieder. Schon verwunderlich, da es sonst nur wenigen Alyskern vergönnt war, dieses Gebäude zu betreten, geschweige denn in diese hohe Etage zu gelangen. Das war nur für die wirklichen Genies legitim.

Eorthor kam gleich zur Sache.

»Was willst du von mir?«

Rodroms rechte Augenbraue zuckte nach oben.

»Also gut. Lassen wir die üblichen Floskeln weg und kommen wir zum Punkt! Ich will eine Diskussionsrunde gründen.«

Der erhoffte Überraschungseffekt blieb aus.

»Die Mitglieder dort sollen kein Blatt vor den Mund nehmen. Sie sollen sagen, was sie denken.«

»Was sollte mich das interessieren?«, fragte der Junge mit betont gelangweilter Stimme.

»Ich suche nach den klügsten Köpfen, welche gerade erst aus den Lehranstalten gekommen und noch unvoreingenommen sind, und ich will dich dabeihaben.«

Rodrom wartete vergeblich auf eine Antwort. Eorthor schien sich mehr für die Golechsen im Terrarium rechts an der Wand neben ihm zu interessieren als für sein Angebot.

Also sprach Rodrom weiter.

»Wir reden über die Zukunft der Alysker und neue technologische Erkenntnisse. Wir diskutieren über deren Nutzen und was man besser machen könne. Hast du Interesse?«

»Wann und wo?«, waren nach geraumer Zeit die einzigen Worte.

»Morgen Abend um fünf im siebzehnten Stock. Für Speis und Trank ist natürlich gesorgt.«

Eorthor nickte und erhob sich.

»Und wirst du erscheinen?«

Der junge Mann befand sich schon wieder am Ausgang des Raumes. Er hielt kurz inne.

»Weiß noch nicht. Schon möglich.«

Dann verschwand er.

Rodrom sah noch eine Zeit lang auf die geschlossene Tür. Dann stand er auf, schlenderte zum Terrarium. Sachte schob er den Glasdeckel beiseite. Er griff sich ein vor wenigen Wochen geschlüpftes Junges und holte es heraus. Ein wertvolles Exemplar. Extrem selten. Das feine Geflecht glitzernder Schuppen zuckte zwischen seinen Fingern, als sich das teure Tierchen drehte und wand. Eine nadelscharfe Kralle bohrte sich in seinen Daumen und Rodroms Blut quoll hervor.

Der Wurf an die gegenüberliegende Wand war tödlich. Als der kleine Körper schlaff zu Boden fiel, hockte sich der Alysker neben ihn, durchstach die schimmernde Bauchdecke und stocherte mit dem Schreibstift in den Eingeweiden der Golechse. Nachdem er sich wieder erhoben hatte, wischte er das Blut in ein Taschentuch und beschloss, seine Sekretärin zum Essen einzuladen. Vielleicht konnte er doch noch ein paar seiner vorherigen Gedanken umsetzen.

Vier Tage später

»Ein Mord? Hier in der Hauptstadt?«

»Ja, soeben kam die Nachricht herein.«

Nargul konnte es nicht glauben. So etwas hatte es schon seit Generationen nicht mehr gegeben. Und nun ereignete sich innerhalb eines Monats ein zweiter Fall.

»Was genau ist geschehen?«

»Ein Roboter, der den grünen Park von Kalak betreut, fand vor einer halben Stunde die Leiche einer jungen Frau. Besser gesagt, die auf mehrere Orte verteilten Einzelteile der Leiche. Laut nachfolgender Untersuchung wurde diese Frau auf grausamste Art und Weise gefoltert, bevor der Tod eintrat.«

Das Planetenoberhaupt hielt sich fassungslos am Türrahmen fest, welcher seine Gemächer vom Rest der Welt trennte.

»Wer … macht so was? Welche Bestie?«, fragte er.

Sein Adjutant schwieg.

»Wer hat alles Kenntnis von diesem Mord?«

»Die Leute, welche an der Untersuchung beteiligt waren, und einige Mitglieder des Rates.«

»Wir müssen dafür sorgen, dass nichts davon nach außen dringt. Wenn die Bevölkerung das mitbekommt, bricht hier der Wahnsinn aus. Der Roboter wird komplett vernichtet. Achtet auf den Datenspeicher. Wenn den einer in die Hände bekommt, der damit umzugehen weiß, ist das Ergebnis auch ein ausgewachsenes Chaos. Am besten, ihr vernichtet den zuerst.

Sprich mit allen, die von dem Vorfall wissen könnten. Am besten setzt ihr die betreffenden Personen erst einmal fest. So haben wir eine bessere Kontrolle über diese Situation und können die Infos, die rausgehen, besser beeinflussen. Denkt immer daran: Wenn auch nur ein Sterbenswörtchen nach außen dringt, haben wir eine Massenpanik, die niemand mehr im Zaum halten kann. Wenn die Presse auf den Gedanken eines Serienkillers kommt, …« Nargul unterbrach den Satz und schüttelte bewusst seinen Kopf und sah sich um.

»… nicht auszudenken, was dann passiert.«

Sein Gegenüber bestätigte mit einem Nicken.

»Die Abteilung, die beteiligt war, soll unter höchster Geheimhaltung den Täter ausfindig machen. Sicherlich wird es einer von den Außerirdischen gewesen sein. Kein Alysker würde zu so etwas fähig sein«, murmelte Nargul während er sich umwandte und ins Innere seines Hauses zurückkehrte. Hinter ihm schloss sich die Tür.

Kurz überlegte er, ob er sich wieder hinlegen sollte. Doch er entschied sich dagegen. Schlafen konnte er jetzt sicher nicht mehr. Besser wäre es, sich einen Schluck zu genehmigen.

Zwei Jahre später

Sie waren ihm auf den Fersen. Doch noch wussten die Sicherheitskräfte nicht, dass er es war. Nun wurde es Zeit für Rodrom, die Schuld auf jemand anderen zu schieben. Doch wen? Vielleicht auf den Jungen?

Eorthor hatte sich in seinem Team gut eingelebt. Nicht, dass ihn jemand mochte. Na ja, die junge Enomina schien ein Auge auf ihn geworfen zu haben. Ansonsten gingen meist Beschwerden über den jungen Alysker ein. Dennoch bewunderte Rodrom dessen Genie. Eorthor war ihm fast ebenbürtig.

Ihn zu beseitigen, wäre zu gefährlich. Den Sohn vom Nargul brachte man nicht so einfach unter die Erde. Das würde den alten Mann ziemlich sauer machen.

Nein! Rodrom hatte eine viel bessere Idee. Doch erst musste er sich wieder einmal im Keller seines Heimes einsperren und den nächsten Anfall abwarten.

Zwei Tage später

»Sulk?«

Feint sah fragend zu dem Holodisplay hoch.

»Oh, Rodrom! Was führt dich zu mir?«

»Ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Kannst du bei Spelarts Arbeitsplatz vorbeischauen und den Quantensuprolator zum alten Hilfert bringen. Ich bin leider schon auf dem Weg nach Hause und habe vergessen, dass er den noch heute wiederhaben wollte.«

»Aber sicher doch!«

»Danke dir vielmals!«

»Kein Problem! Ich geh gleich los. Mach dir einen schönen Abend!«

Rodrom lächelte und unterbrach die Verbindung.

Feint erhob sich seufzend und ging zum Antigravlift.

Niemand begegnete ihm auf dem Weg dorthin. Kaum verwunderlich, da Sulk Feint immer ein wenig länger dablieb.

Er versuchte seinen Kopf wieder frei zu bekommen und seinen Verlust mit viel Arbeit zu verdrängen.

Oft übernachtete er sogar im Büro. Nur, um nicht nach Hause zu fahren. Zu viele Dinge erinnerten ihn dort an seine Frau. Und die Gefahr, dort dem Alkoholkonsum gänzlich zu verfallen, war groß.

^

3.

Gegenwart

Rodrom schnellte aus dem Tiefschlaf hoch. Die Bilder auf dem Monitor, auf dem Atlan die Erinnerungen von Rodrom hautnah miterlebt hatte, erloschen. Der Gefangene sprang auf und blickte zu Eorthor, Osiris, Alaska und Atlan. Plötzlich verharrte er in seiner Bewegung; offenbar begriff er, dass er ein Gefangener war.

»Oh, ihr habt in meinen Gedanken geschnüffelt. Habt ihr miterlebt, wie wertlos lebendes Fleisch doch ist? Welche Herrlichkeit darin besteht, es zu vernichten? Seid ihr neugierig auf das Ende? Willst du berichten, wie es weiterging, Eorthor?«, fragte Rodrom als erzähle er gerade mal einen Witz und überließ seinem Kumpel die Pointe.

Eorthor musste sich selbst zur Ruhe zwingen. Natürlich war ihm ein Licht aufgegangen. Rodrom hatte ihn benutzt wie eine Spielfigur. Damals war er ihm dankbar gewesen, dass er ihm das Leben gerettet hatte, doch nun war er sich gar nicht mehr so sicher.

»Du hast es wahrlich verstanden, alle gegeneinander auszuspielen. Nur dass bei deinem perversen Schachspiel Unschuldige starben«, fuhr er auf.

Der Gefangene lachte.

»Bist du also endlich dahintergekommen! Als Sulk zu seinem Arbeitsplatz zurückkam, fand er einen Datenträger vor. Er ist neugierig geworden, nachdem er den Namen seiner Frau darauf las. Also hat er nachgesehen, was gespeichert war, und die letzten Augenblicke im Leben seiner Frau gesehen. Und dass du sie ermordet hast.«

Eorthor sah die Blicke der Galaktiker auf sich ruhen.

»Das erklärt, warum er, als ich im Büro erschien, ohne Vorwarnung auf mich geschossen hat.«

»Richtig! Erinnerst du dich? Ich hatte dich mit einer Ausrede aus dem Bett gescheucht, aus Enominas Armen dorthin gelockt.«

»Dort hatte er mich dann in eine Enge getrieben und paralysiert. Als ich wieder zu mir gekommen war, lag ich gefesselt vor ihm. Er hatte ein Laserschneidegerät in der Hand und erklärte mir, dass er mich nun in Einzelteile zerlegen würde.«

»Und wer eilte dir zu Hilfe? Ich!«

»Du hast ihn von hinten und ohne Vorwarnung erschossen!«

»Ich hätte ja auch warten können, bis er einige Stücke aus dir rausgeschnitten hätte. Ja, hätte ich tun können!«

Eorthor schrie auf und verließ den Raum.

*

Atlan stellte die nächste Frage.

»Was geschah dann?«

»Oh, ich vergaß zu sagen, dass ich die Beweise so gefälscht hatte, dass jeder Sulk Feint als Mörder sah. Das Volk und die Medien schrien zu dieser Zeit schon nach Gerechtigkeit. Alle wollten den Killer. Sie hatten Blut geleckt. Und ich präsentierte ihnen einen. Niemand hat Fragen gestellt nach dem Wie und Warum. Im Gegenteil. Ich war auf einmal der beliebteste Mann des Planeten. Man benannte sogar eine der Hauptstraßen nach mir.«

»Was wurde aus dem Datenträger mit Eorthor als Mörder darauf?«

»Eine leicht erkennbare Fälschung. Die Sicherheitskräfte schrieben in ihrem Bericht, dass Sulk Feint die Schuld auf Eorthor schieben wollte, den Datenträger fälschte und sich selbst als trauernden Witwer ausgegeben habe, der sich lediglich am Mörder zu rächen schien.«

Rodrom lachte erneut auf.

»Sogar Eorthor erkannte mich auf einmal als ebenbürtig an. Er war seit diesem Zeitpunkt um vieles zugänglicher.«

Triumphierend starrte er den Arkoniden an.

Doch dieser wartete einfach ab, ohne etwas zu erwidern.

»Doch lassen wir die Vergangenheit ruhen! Holt den trotzigen Eorthor her! Ich habe ihm etwas zu verkünden!«

*

»Also sprich! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, um mir deine Lebensgeschichte anzuhören.«

»Ihr seid verloren, meine Freunde!«, triumphierte Rodrom.

Diesmal lachte Eorthor.

»Du scheinst wohl vergessen zu haben, dass du dich in meiner Gewalt befindest, Rodrom. Ich habe dafür gesorgt, dass du stofflich bleibst. Ich kann dich auch auslöschen!«

»Ihr seid nichts gegen mich! Gerade jetzt befindet sich die über eine Million Schiffe starke Raumflotte unter dem Befehl von General Shul’Vedek auf dem Weg in die Milchstraße, um sie zu unterwerfen.«

Eorthor sah Atlan zusammenzucken. Alaska erstarrte mitten in der Bewegung. Rodrom genoss es.

»Wer sagt uns, dass deine Behauptungen der Wahrheit entsprechen?«

Rodrom zuckte gleichgültig mit seinen Schultern.

»Du wirst es erleben, wenn es zu spät ist. Aber eines kannst du mir glauben!«

Ein breites Lächeln umspielte seinen Mund, als er mit leiser Stimme prophezeite: »Es ist bereits zu spät!«

Sein Blick wanderte zwischen den Anwesenden hin und her. Irgendwann blieb er bei dem Vorjul hängen. Roggle krümmte sich, die beiden Köpfe wandten sich ab. Atlan hob eine Hand.

»Wir müssen uns beraten! Ohne unseren Gast hier. Und setzt ihm wieder seine Maske auf. Der sieht ja furchtbar aus ohne. Eorthor, hast du einen Konferenzraum für uns?«

»Ja. Ich zeig ihn dir.«

Sie ließen Rodrom allein zurück. Roggle fragte, ob es viel ausmache, wenn er sich in sein Quartier zurückziehe. Niemand erhob einen Einwand.

Doch auch Eorthor überlegte, wie er am besten verschwinden konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Kaum hatte er Atlan, Icho Tolot, Alaska und Denise Joorn in einen luxuriösen Konferenzraum gebracht und mit einigen Erfrischungen versorgt, sah er demonstrativ auf sein Armband.

Icho Tolot schlug eben vor, Technologie aus den Schiffen von MODROR zu entwenden, um vielleicht eine Art Virus zu erschaffen. Einen, der die Schiffssysteme lahmlegen oder gar zerstören könnte.

»Was meinst du dazu, Eorthor? Für dich als genialen Wissenschaftler müsste das ja eine Leichtigkeit sein.«

»Ja, sowas wäre machbar. Wenn ihr mir so ein Teil bringt, kann ich euch schon etwas zaubern. Aber so leid es mir jetzt auch tut, auch ich muss mich jetzt entschuldigen. Habe noch einen dringenden Termin! Bleibt so lange hier, wie ihr wollt und tüftelt an euren Plänen. Ich melde mich.«

Die drei Augen des Haluters fixierten ihn, stechend und rot.

Ob er etwas ahnte?

»Wann beehrst du uns wieder?«

»Sobald es mir möglich ist«, log der unsterbliche Alysker und verschwand.

*

So schnell seine Beine es zuließen, rannte er zu seinem Gleiter. Ein Virus! Pah! Natürlich war es machbar! So etwas zu machen war einfacher als fingerschnippen! Er war Genie genug, um einen zu erschaffen. Aber warum sich mit dieser unwichtigen Arbeit beschäftigen? Er hatte etwas viel Besseres gegen diese feindliche Flotte im Sinn. Mit einem Brachialstart gewann er schnell Höhe und steuerte ein bestimmtes Ziel an.

Der Gleiter brachte ihn ins angrenzende Gebirge. Auf einer kaum zu erkennenden Lichtung setzte er wieder auf dem Boden auf. Ein kleines Stück weiter oben war sein Ziel. Nach einigen Minuten Marsch durchs Gebüsch war er da, wo er hinwollte: die verlassene, mit Sträuchern überwucherte Ruine eines einzelnen Hauses.

Vor Jahrhunderten hatte er sich ab und zu hierher zurückgezogen. Um abzuschalten. Seinen Geist schweifen zu lassen. Einfach mal nichts zu tun. Seine Gedanken in einem Tagebuch festzuhalten. Zwei ganze Tage hatte er durchgehalten. Dann hatte er sich doch unterirdisch ein Labor eingerichtet und an seinen Projekten gearbeitet. Das Haus war ihm ab diesem Zeitpunkt egal gewesen. Sollte es verrotten!

So begann der Zahn der Zeit am Gemäuer zu nagen und es langsam, aber sicher zu zerlegen. Nach außen hin das perfekte Versteck. Niemand würde vermuten, dass sich unter der Erde ein neues geheimes Labor Eorthors befand. Im Laufe seines unendlichen Lebens hatten sich da schon einige angesammelt.

Aufmerksam blickte der Alysker um sich und sendete mit Hilfe seines Armbands ein codiertes Signal. Ein dumpfes Knirschen war zu vernehmen. Es entstand ein Spalt im Boden. Eorthor ließ sich hineinfallen und genoss das Gefühl der Schwerelosigkeit. Der Antigrav setzte ihn sanft auf den Boden des unterirdischen Ganges auf.

Das Loch, durch das er gekommen war, schloss er. Man konnte nie wissen, wer sich da draußen herumtrieb.

*

Denises Abenteuerlust hatte sich sofort gemeldet, als sie gewahr wurde, wie eilig es Eorthor auf einmal hatte, kaum dass er Atlan mit den anderen in den Konferenzraum gebracht hatte. Eigentlich war sie ihm zum Gleiter gefolgt, um mit dem Alysker allein über die Nesjorflotte zu sprechen.

Vielleicht konnte sie ihn dazu bringen, mehr zu sagen als bisher.

Doch als Eorthor zum Gleiter sprintete und einen so rabiaten Start hinlegte, änderte sie ihr Vorhaben grundlegend. Der Alysker verheimlichte ihnen doch etwas! Joorn würde es herausfinden!

Ein flugfähiger Untersatz war schnell gefunden.

DEL, wie sich die Alystronik des zivilen Gleiters nannte, antwortete mit einem eindeutigen »Ja«, als Denise die Frage stellte, ob er alle Gleiter auf ganz Alysk II jederzeit in der Ortung haben könne. DEL reagierte sogar entrüstet, als sie scherzhaft meinte, dass er Eorthors Gleiter nicht aus den Augen verlieren sollte.

So etwas wäre noch nie passiert, solange er in Betrieb sei. Für andere konnte er keine Garantie übernehmen, aber er würde mit Sicherheit nicht damit anfangen, etwas »aus den Augen zu verlieren«. Denise hatte einige Augenblicke den Eindruck, dass DEL jetzt beleidigt war. Es war immer wieder erstaunlich, wie viele scheinbare Gefühle die Programmierer in so eine Alystronik stecken konnten.

Kaum dass Eorthor außer Sicht war, folgte sie ihm.

Nach einiger Zeit berichtete DEL, dass der Gleiter auf einer einsamen Lichtung in den Bergen niedergegangen war. Sie wartete einige Sekunden ab und ließ DEL dann die Lichtung anfliegen. Was hatte der Alysker nur vor?

*

Da war es! Kaum zu glauben, dass dieser alyskergroße Quader so eine immense Zerstörungskraft freisetzen konnte.

»MODROR wird den Tag verfluchen, als er sich mit mir angelegt hat.« Soll diese gigantische Armee nur die Milchstraße erreichen! Er würde sie dort erwarten und dann alles Leben innerhalb der Heimatgalaxie von Atlan auslöschen. Die Milchstraße zu opfern war nur ein geringer Preis. Natürlich würde er sich hüten, den anderen Unsterblichen davon zu erzählen. Die würden mit Sicherheit etwas anderes sagen.

Kaum hatte er eine Verbindung zur SMIS hergestellt, befahl er ihr, seine Position anzufliegen. Das Beladen würde nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Ein Alarmsignal unterbrach seinen Gedankengang.

Da näherte sich wer dem Haus. Mikrosonden übertrugen das Bild einer jungen Frau als Hologramm in sein Labor. Ein kaum dreißig Zentimeter hohes Abbild der Olymperin namens Denise Joorn war zu sehen.

Sie war ihm also gefolgt! Soll sie ihn ruhig suchen! Eorthor konnte sich kaum vorstellen, dass diese Frau einen Zugang zum seinem derzeitigen Unterschlupf finden würde.

Kurz überlegte er, ob er die SMIS stoppen sollte, entschied sich aber dagegen. Was sollte sie schon dagegen unternehmen können? Und nur weil er etwas aufs Schiff verlud, würde sie sicher nicht die richtigen Schlüsse daraus ziehen können.

*

Denise hatte schon umkehren wollen, als sie die Ruine entdeckte.

Ob Eorthor sich in diesem Gemäuer befand? Das Dach war eingestürzt. Schlingpflanzen hatten die noch stehenden Wände erobert. Aber man konnte nie wissen.

Geräuschlos schlich Joorn zu den Hausresten. Sie konnte keinen Hinweis erkennen, dass Eorthor hier vorbeigekommen oder sich sogar hier aufgehalten hatte. Vorsichtig betrat sie das verfallende Gebäude und sah vor sich verrottendes Mobiliar. Vereinzelte Kacheln an den Wänden zeugten davon, wie es hier vermutlich mal ausgesehen hatte.

Die Archäologin in Denise erwachte. Die Zeit fand Worte durch alte Dinge. Ein waches Auge konnte in solchen Hinterlassenschaften lesen wie in einem Buch. Was würden ihr die Gegenstände über den Besitzer erzählen? Wie hatte er gelebt? Wie lange war das her? Aus welchem Grund war er oder sie fortgegangen? Obwohl ein gewisser Teil des Hauses durch den Dacheinsturz nicht mehr begehbar war, wurde doch schnell klar, dass die Räume groß ausgelegt gewesen waren. Denise fand nach kurzem Umschauen in einem Raum die Überreste eines Kamins.

Ein paar metallene Bilderrahmen lagen davor auf dem Boden herum, als wenn jemand sie mit Wut von der Wand gerissen und einfach fallen gelassen hatte.

Nur das geschulte Auge einer Archäologin erkannte noch die Lage der Veranda. Ihr Blick blieb an einem Möbelstück hängen, das auf seltsame Weise wie ein Fremdkörper wirkte.

Das hölzerne Regal stand fast unberührt noch immer an der Wand und trotzte scheinbar allen Widrigkeiten. Eine innere Stimme brachte Denise dazu, davor zu suchen. Minuten später blitzte im Dreck ein Kristall auf und ein alyskischer Datenspeicher kam zum Vorschein.

Doch sie kam nicht dazu, den Fund näher in Augenschein zu nehmen.

Eine Bewegung über ihr ließ sie zusammenzucken. Das Objekt warf einen riesigen Schatten. Die SMIS, Eorthors Schiff, schwebte geräuschlos auf das Haus zu. Sie musste weg! Entschlossen packte sie den Kristall in die Tasche und rannte aus dem Gebäude in die Deckung des angrenzenden Waldes und verschwand im Unterholz.

*

Die SMIS hatte ihr Ziel erreicht und die Olymperin in der Ruine die Flucht ergriffen. Zuvor hatte sie einen Gegenstand gefunden und eingesteckt. Was es war, konnte er nicht erkennen.

Konnte es etwas Wichtiges sein? Nein! Alles Wichtige befand sich hier unten im Labor. Was immer sie mitgenommen hatte, sollte sie glücklich werden damit! Er lehnte sich nachdenklich zurück und wies Roboter an, die 7-D-Bombe per Traktorstrahl in die SMIS zu verladen. Funkanfragen trafen ein. Ein ihm unbekannter Wissenschaftler wolle mit ihm ein Treffen ausmachen, um seine neueste Erfindung zu präsentieren. Als ob ihn das interessieren würde!

Was ihn jedoch neugierig machte, war: Wie um alles in der Welt war dieser Möchtegern-Forscher an seine Nummer gekommen? Da würden Köpfe rollen müssen!

Eine Organisation, welche sich der Hilfe unterentwickelter Völker widmet, forderte ihn als sogenanntes Vorbild für andere Alysker auf, eine bescheidene Summe zu überweisen. Eorthor hatte selten so gut gelacht wie in den Stunden, nachdem er diese Bitte erhielt.

*

Denise befand sich währenddessen auf dem Heimweg. Den Kristall hielt sie einige Zeit nachdenklich in der Hand. Dann sprach sie DEL darauf an. Und wieder einmal stellte sich die Alystronik als sehr hilfsbereit heraus. Ein kleines Fach zur ihrer Linken öffnete sich und Joorn legte den Datenträger ein. Eine Kennwortabfrage erschien.

*

Das Verladen war beendet. Eorthor ließ die SMIS in einen engen Orbit um Alysk II aufsteigen und machte sich zu seinem Gleiter auf. Wieder wanderten seine Gedanken zu der Olymperin. Was sie wohl gefunden hatte? Es konnte nichts Wichtiges sein. Er hatte das Haus nur benutzt um auszuspannen und …

Stocksteif blieb er stehen. Plötzlich wusste er, was sie mitgenommen hatte, und es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter. Nicht wichtig? Er war ein solcher Vollidiot!

Damals, in einer sehr anstrengenden Phase, als er sich in sein Ruhenest geflüchtet hatte, um sich zur Entspannung mal richtig gehen lassen zu können, hatte er in ziemlich betrunkenem Zustand jene niederdrückenden Vorfälle vermerkt, in denen er, das Jahrmillionen-Genie, versagt hatte. In genau dem Datenkristall, den jetzt die Olymperin mit sich herumtrug. Das konnte doch nicht wahr sein!

Fieberhaft überlegte er, ob er die SMIS auffordern sollte, Denises Gleiter abzuschießen. Doch dann beruhigte er sich wieder. Es reichte, wenn er der Olymperin folgte und ihr den Kristall wieder abnahm. Denn das Kennwort würde sie nie herausfinden. Darauf kam solch eine primitive Existenzform nicht.

*

Elyn! Der Name von Eorthors Tochter verschaffte ihr Zugang zu allen Daten.

Denise grinste. Wie töricht von einem so genialen Alysker, ein derart einfaches Passwort zu benutzen.

Nun konnte sie die Aufzeichnungen sichten. Es waren Erzählungen aus Eorthors Leben. Eine Art Tagebuch, nur ohne chronologische Ordnung; in anderen Worten: völlig willkürlich zusammengestellt. War dies die berühmte Systematik des Genies, das das Chaos beherrscht?

Denise überlegte, scrollte durch den Datenbestand. Dann entschied sie sich für eine Stichwortsuche.

Aber was sollte sie eingeben? Was war Eorthor wichtig?

Da kam ihr etwas in den Sinn. Das konnte es sein. Aufgeregt nannte sie das Wort.

»Nesjorflotte!«

»Stichwort gefunden und anerkannt!«

Ein weiteres Fach öffnete sich und DEL forderte Denise Joorn auf, sich eine Art Brille aufzusetzen. Sie folgte den Anweisungen.

»Bereit?«, fragte DEL freundlich.

»Bereit!«

Es wurde finster um Denise.

^

4.

Vergangenheit

Schon bei meinen ersten Schritten innerhalb dieses hässlichen Schiffes namens HULLARD’DU stieg mir dieser abartige Geruch von Fäulnis und irgendwelchen undefinierbaren Absonderungen in die Nase.

In meinem Kopf verfasste ich schon eine Liste von Maßnahmen, um diesen Schrotthaufen von seinem Leiden zu erlösen.

Als funktionsfähig kann man dieses Sammelsurium von geklauten Ersatzteilen kaum bezeichnen. Eindeutig könnte eine groß angelegte Reinigungsaktion den Wert von diesem Kahn um mehr als das Dreifache steigern. Eine sehr unhöfliche Art, einen Gast wie mich zu begrüßen. Aber was will ich schon erwarten von diesem Gewürm! Der einzige positive Faktor an diesem Unternehmen ist ohne Zweifel, dass ich dies hier nur kurze Zeit ertragen muss.

An den Wänden wucherten braune moosartige Gewächse, welche gelbgrüne Dämpfe absonderten, und je weiter ich in dieses fliegende Labor hineinging, umso schwerer fiel es mir, meine Meinung über diese Zustände für mich zu behalten. Der Boden war von einer grauen, schlammigen Masse bedeckt, welche bei jeder Bewegung ein schmatzendes Geräusch von sich gab, und meine Schuhe verloren mit jeder Sekunde an Wert. Eigentlich waren sie bereits Müll.

Solche Zustände auf meinem Schiff, und ich würde es zerstören und dann neu erschaffen. Ist ja widerwärtig. Meine Kleidung kann ich nach diesem Besuch entsorgen. Lächerlich. Einfach lächerlich.

Innerhalb einer Wand öffnete sich ein Tor und gewährte mir Sicht auf einen dahinterliegenden Raum.

Der Geruch brannte sich sofort in meine Nase, kroch dann die Höhlen des Riechorgans hoch und verätzte die Atemwege bis in die letzte Nische.

Mitten im Raum »thronte« der Grund, wieso ich diese Umstände überhaupt über mich ergehen ließ. Ein fettes spinnenartiges Ding mit mehr als einem Dutzend Beinen und drei Paar Greifarmen: ein Ritter der Tiefe namens Nif Fulk.

Der Körper dieses Möchtegern-Ritters, dessen schwarze Tönung durch die pelzartigen Haare am ganzen Körper verursacht wurde, harmonierte in fast erschreckender Weise mit der Umgebung.

Das passt ja gut als Tarnung. In einigen Jahren kann man hier nichts mehr finden, dann wird es von seinem eigenen Müll aufgefressen. Ich hatte mich unter Kontrolle. Mein Gesicht zeigte nichts anderes als einen vollkommen neutralen Ausdruck. Höflich, aber unbeteiligt.

Soll es doch denken, was es will.

Mein Armband hatte im selben Moment, als ich eintrat, seine Arbeit aufgenommen und damit begonnen, Daten aufzuzeichnen.

Ich musste nur noch aufpassen, dass Fulk deswegen nicht misstrauisch wurde.

»Willkommen an Bord meines Schiffes, Hor’froda. Ich hoffe, dass ich diesen Namen richtig ausspreche. Wenn nicht, verzeiht mir bitte«, wisperte der Ritter.

Am Boden zwischen den Vorderbeinen bewegte sich etwas und im selben Augenblick stießen die beiden untersten Greifarme der Kreatur zu. Als sie wieder auftauchten, hielten sie eine lange Made, die sich jetzt zwischen den Greifwerkzeugen hin und her wand. Ich konnte den Klang von organischem Material hören, das zerquetscht wurde.

Angewidert betrachte ich Nif Fulk. Der Wunsch, aufzuspringen und dieses Ungeziefer zu zertreten, wurde in mir fast übermächtig.

Er überragt mich zwar um etwas mehr als eine Kopflänge, aber das ist kein Problem. Einfach mehrmals zutreten …

Schon ging es mir besser.

*

Die Information, wohin es gehen sollte, hatte das Ding schon vor meiner Ankunft bekommen. Ich wollte die Zeitspanne zwischen Ankunft und Abreise so kurz wie möglich halten. Der Flug ins Duio 5-System dauerte wenige Stunden, die mir anhand der Umstände wie Tage vorkamen.

»Also hier habt Ihr den Verräter gesehen?«, wagte dieses überdimensionierte Krabbeltier zu fragen, als die HULLARD’DU den Zielstern erreichte.

Allein dieser zweifelnde Unterton in der Stimme war eine Frechheit.

Innerlich kochend erwiderte ich mit höflicher Stimme: »Ich würde es nie wagen, Euch zu belügen. Meine Wertschätzung für Euch und derer, für die Ihr arbeitet, ist wirklich unermesslich.«

Nif sah mich kurz schweigend an, dann wandte er sich wieder der holografischen Darstellung vor uns zu. Eine Übertragung von getarnten Sonden, die über der Oberfläche des zweiten Planeten dieses Systems schwebten und diese sinnlose Suche durchführten, war zu erkennen.

Ich warf einen Blick auf mein Armband.

»Ist es möglich, dass Ihr unter Zeitdruck steht, Hor’froda?«

»Nein. Wie kommt Ihr zu dieser Annahme?«

»Nun, Ihr blickt jetzt schon zum dritten oder vierten Mal auf Euer Armband, als wenn Ihr auf etwas Bestimmtes warten würdet.«

»Oh, das meint Ihr! Ich versichere Euch, es ist ohne Bedeutung. Nur eine kleine Angewohnheit, die ich noch nicht abstreifen konnte. Passiert immer wieder von Zeit zu Zeit unbewusst. Es stört Euch doch nicht, hoffe ich?«, log ich.

»Nein, es ist mir nur aufgefallen. Vielleicht solltet Ihr das Armband ablegen.«

Im Geist musste ich lachen. Das wage ich zu bezweifeln.

»Das wird nicht nötig sein. Um etwas dagegen zu tun, wird später noch Zeit sein. Im Moment ist diese dumme Angewohnheit nur ein geringfügiges Problem.«

Fulk nickte.

»Entschuldigt. Ich wollte Euch nicht zu nahetreten.«

Nur einen Schritt weiter, und du wärst nicht mal bis zu diesem Satz gekommen, murmelte ich unhörbar und sprach dann lauter:

»Das habt Ihr in keiner Weise getan, werter Nif Fulk. Ich entschuldige mich dafür, dass ich Euch nicht schon vorher auf dieses ungewöhnliche Verhalten meinerseits aufmerksam gemacht habe.«

Ein dumpfes, für meine Ohren kaum wahrnehmbares Signal ertönte.

»Es ist so, wie Ihr gesagt habt, er ist hier. Die Sonden haben die Energiesignatur seines Schiffes eindeutig angemessen. Es scheint in einem dieser tempelartigen Gebäude versteckt worden zu sein. Wenn wir ihn einfangen, ist Euch eine Belohnung sicher, Hor’froda.«

»Hättet Ihr etwas dagegen, wenn ich Euch begleite? Durch mehrere Handelsflüge zwischen meinem Heimatsystem und diesem hier bin ich ohne Zweifel für die Einwohner kein Unbekannter. Es wäre bestimmt ein Vorteil, kein größeres Aufsehen zu erregen. Ich glaube auch, es würde weniger Probleme verursachen, wenn Ihr zusammen mit einem bekannten Gesicht dort auftaucht.«

»Es wird wohl sicherer sein, wenn wir mit Deflektorschirmen hinuntergehen. Meine Gestalt hat schon des Öfteren Panik bei Humanoiden hervorgerufen.«

Ich werde da nicht widersprechen. Das ist ein unbestreitbares Faktum.

»So schlimm wird es nicht. Die Einwohner sind zwar sehr primitiv, trotzdem nicht leicht zu beeindrucken. Aber sie sind ungewöhnlich neugierig. Daher wäre es wohl wirklich besser, erstmal unsichtbar zu landen.«

»Ihr habt es schon wieder getan.«

»Was meint Ihr, werter Nif Fulk?«

»Ihr habt gerade auf Euer Armband geschaut!«

»Oh wirklich? Ich entschuldige mich dafür. Sobald das hier vorbei ist, werde ich daran arbeiten, es mir abzugewöhnen.«

»Ein guter Vorsatz. Also gut. Machen wir uns auf den Weg!«

*

Wir landeten zwanzig Kilometer entfernt vom Tempel auf einer verlassenen Lichtung.

Nif und ich schwebten mit Antigravs vom Süden her an unser Ziel heran.

Schon bald wurde erkennbar, dass überall auf den Straßen eine rege Betriebsamkeit herrschte. Die Anzahl der Lebewesen, die hier hin und her liefen, war kaum schätzbar. Ständig wurden hier Geschäfte durchgeführt und Bedürfnisse aller Art befriedigt.

Mit einem erneuten Blick auf mein Armband musste ich wiederholt feststellen, dass es noch immer keine Bestätigung gab.

Im Übrigen hatte sich die Spinne anscheinend vorgenommen, mich von meiner angeblichen Sucht zu befreien. Jedes Mal, wenn ich auf mein Armband sah und sie das bemerkte, begann ein kleiner Vortrag, wie schlimm es doch wäre, wenn Süchte oder kleine Angewohnheiten zur Manie wurden und verstärkt negativen Einfluss auf unser Leben bekamen.

Ich war mehr als einmal kurz davor, dieser Kreatur den Hals umzudrehen, nur um Ruhe zu haben. Leider besaß sie keinen und so wurde meine Geduld mehr als nur auf eine kleine Probe gestellt. Aber dieses Ding war glücklicherweise ein sehr leichtgläubiges Wesen und einen besseren Vorwand als eine blöde Angewohnheit, um bei Nif nicht aufzufallen, gab es nicht.

Wir landeten vor einem Gebäude, an dem ein Vorbau aus verschiedenen Säulenarten mit kleinen, fortlaufenden bildhaften Geschichten die Wände zierten. Sie sprachen lautlos eine Einladung zum Lesen aus.

An einigen beschädigten Stellen konnte man die grob zu Quadern geschlagenen Ziegel sehen, aus denen dieses Gebäude gebaut worden war, passend zum altertümlichen Charakter der kleinen Stadt. Nif hatte so gesteuert, dass sein Flug auf dem flachen Dach des Vorbaus sanft endete.

»Wie hat er nur das Raumschiff in dieses Gebäude hineinbekommen, ohne es zu beschädigen?«, hörte ich seine Stimme.

Ich bot meine ganze Willenskraft auf, um nicht laut zu lachen.

»Sobald er in Gewahrsam genommen wurde, könnten wir ihm diese Frage stellen. Was kommt als Nächstes?«

»Mein Vorschlag wäre, dass Ihr zu Eurer Sicherheit draußen bleibt und einfach abwartet. Dann werde ich durch eines der größeren Fenster weiter ins Innere vordringen, den Verräter stellen und festnehmen.«

Gerade wollte ich ihm widersprechen, da meldete sich mein Armband mit der lang erwarteten Bestätigung.

Wurde auch Zeit, dachte ich erfreut, länger kann man diese Schabe nicht ertragen.

»Einverstanden! Meine Möglichkeiten sind unbedeutend gegenüber den Eurigen, aber ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Euch den Rücken zu stärken. Verlasst Euch ganz auf mich!«

Nif schien mit der Antwort zufrieden zu sein und schwebte einen Augenblick später in Richtung eines der Fenster davon.

Kaum war er nicht mehr auszumachen, startete ich mit voller Kraft Richtung Himmel.

Dort, in nicht einmal fünfhundert Meter Höhe, schwebte eines meiner Beiboote. Ausgestattet mit einer Tarntechnologie, die jenseits des Erfassungsbereichs der Sonden eines Ritters lagen.

Ich hätte warten sollen. Nur um das Gesicht zu sehen, wenn er das kleine, würfelartige Gerät in seinen Klauen hält. Es wäre interessant zu wissen, wie lange diese Spinne braucht, um mitzubekommen, dass die Signatur des Verräter-Raumschiffes nur vorgetäuscht wurde. … Unwichtig! Alle Daten, die ich benötige, um die Aura eines Ritters der Tiefe zu simulieren, befinden sich jetzt in meiner Hand.

»Willkommen, Eorthor! Euer Schiff ist startbereit«, begrüßte mich die wohlbekannte Stimme der SMIS.

^

5.

Gegenwart

Um Denise herum erschien wieder die reale Umgebung. DEL flog einen Rundflug um die Hauptstadt des Planeten.

Verwirrt setzte Joorn die Brille ab.

»Was zum Teufel hat diese Geschichte mit der Nesjorflotte zu tun?«, murmelte sie. »Nicht ein einziger Hinweis darauf!«

»Willst du den zweiten Teil auch erleben?«

»Zweiter Teil?« Hoffnung keimte in der Olymperin auf.

»Ja natürlich! Spiel ab!«

*

Als Denise landete und in den Konferenzraum zurückkehrte, empfing sie Alaska.

»Atlan, Icho und Roggle sind soeben abgeflogen, um an die Technologie des Gegners zu kommen.«

»Nimm Kontakt mit ihnen auf und hol sie zurück! Ich habe neue Hinweise über den Aufenthalt der Nesjorflotte. Eorthor weiß, wo sie ist. Und ich werde den Standort aus ihm herausbekommen.«

Alaska schien kurz zu überlegen.

»Gut, ich versuche es. Gehen wir zum Walzenraumer!«

»Was ist mit Rodrom? Wer passt auf ihn auf?«

»Der Arkonide! Atlan hat ihn auf die HOR-ATEP bringen lassen. Er wollte dieses Monster nicht aus seiner Nähe lassen.«

Das Zischen des Türschotts ließ beide herumfahren.

»Du hast etwas, das mir gehört, Olymperin!«

Eorthor betrat den Raum.

Denise trat ihm entgegen. Sie sah ihm unerschrocken ins Gesicht.

»Ich verlange von dir die Koordinaten der Nesjorflotte!«

Der Alyske schüttelte den Kopf.

»Ich sagte schon, dass ich davon nichts weiß.«

»Das glaube ich dir nicht! Siehst du das hier?« Sie hielt ihm den Datenträger vor die Augen. »Diese Berichte hier besagen genau das Gegenteil.«

Eorthor streckte fordernd die Hand aus.

»Gib das her, Diebin! Der Datenkristall geht dich gar nichts an. Ich mag es nicht, wenn man in meinen Privatsachen schnüffelt. Her damit!«

»Zuerst rückst du die Koordinaten heraus!«

»Ich …«

Ein greller Piepton erklang überall zugleich.

Eorthor zuckte zusammen, drehte sich hastig um und rannte aus dem Konferenzraum.

»Was hat das zu bedeuten?«, rief Alaska ihm hinterher.

»Raumalarm! Das System wird …!«

Der Schott schloss sich.

»… angegriffen!«, ergänzte Alaska.

Er packte Denise am Arm und zog sie mit sich.

»Schnell zum Walzenraumer!«

Joorn verlor durch den überraschenden Ruck den Kristall. Er kollerte über den Boden. Sie wollte sich bücken und ihn wieder aufheben, doch Saedelaere hielt sie zurück.

»Keine Zeit! MODRORS Flotte ist hier! Es geht um jede Sekunde! Komm!«

Sie rannten aus dem Gebäude zu einem der wartenden Gleiter.

»Was ist mit de Funés und Leopold?«, fragte Joorn, kaum dass sie in der Kabine saßen und die Türen zuglitten. Alaska fluchte.

»Bleib hier! Ich hole die beiden! Und Gnade ihnen Gott, wenn sie Zeit schinden!«

*

»Atlan!«

»Ja, was gibt es?«

»Würdest du bitte schnell zu mir kommen?«

»Schon unterwegs!«

Osiris’ Stimme hatte sich besorgt angehört. Atlan ahnte Schlimmes.

Er nickte Icho zu und rannte zur Pilotenkanzel.

War es schon so weit? Hatte MODRORS Flotte die Milchstraße erreicht?

Kaum war er angekommen, informierte ihn der Kemete, dass soeben über sämtliche herkömmlichen Hyperfunkfrequenzen die Nachricht verbreitet worden war, dass das Volk der Alysker angegriffen werde. Einige Außenwelten waren schon dem Erdboden gleich gemacht worden. Alle Kontakte dorthin waren unterbrochen worden und konnten nicht mehr aufgebaut werden.

Die Angreifer gingen mit bestialischer Gewalt vor. Sie löschten alles Leben aus, das ihnen in die Quere kam. Auch zu vielen anderen angrenzenden Systemen war kein Kontakt mehr möglich. Atlan erbleichte.

»MODROR hat Wind davon bekommen, dass wir Rodrom haben«, mutmaßte er.

»Was sollen wir jetzt tun? Hast du einen Vorschlag?«, erkundigte sich Osiris.

»Wir müssen umkehren! Uns selbst von der aktuellen Lage überzeugen. Vielleicht können wir helfen!«

Atlan aktivierte sein Kommunikationsarmband und informierte Icho Tolot über die neuen Ereignisse.

»Wir fliegen zurück!«, beschloss er.

*

Im Vernir-System war das Chaos ausgebrochen. Am Himmel gingen in ständiger Folge Sonnen auf und verloschen wieder. Dort endete millionenfach namenloses Leben.

Der Planet selbst wankte wie ein Schiff im Sturm. Die Naturgesetze spielten verrückt. Stürme zogen breite Schneisen in die bestehenden Landmassen und hinterließen Tod und Zerstörung. Erdbeben erschütterten im Minutentakt die Oberfläche und brachten der Bevölkerung erneut millionenfache Verluste.

»Zeit zu verschwinden!«, riet Denise Joorn und Alaska stimmte ihr mit einem knappen Nicken zu. Die Strecke bis zum Walzenraumer überwanden alle im Sprint. Es gab nichts mehr, was sie zu verlieren hatten, als ihr Leben.

Mehrere in Brand geschossene Raumschiffe, ob nun alyskischer Bauart oder ein Schiff der Angreifer, es war so schnell nicht feststellbar, schlugen in kurzer Reihenfolge auf Alysk II ein und erschütterten die Erde schwer. Riesige Explosionswolken fraßen sich in den immer dunkler werdenden Himmel und verringerten die Sichtweite zunehmend.

Kaum hatten alle ihre Plätze eingenommen und sich angeschnallt, schlug Saedelaere den Alarmstartschalter. Von einem Augenblick zum anderen verwandelte sich das Schiff in eine springende Raubkatze, deren Triebwerke ohrenbetäubend brüllten. Alle verfügbare Energie floss in den Antrieb.

Alaska wusste, was er damit auf dem Raumflughafen für Zerstörungen anrichten würde. Er verdrängte diese Gedanken. Die YDIRA war ohnehin das einzige Raumfahrzeug, welches sich noch intakt am Boden befunden hatte.

»Barym-Raumschiffe voraus! Sie nehmen Kurs auf uns!«, rief Denise. Sie hatte die Ortung übernommen. Alaska fluchte innerlich und zwang das Schiff in eine mehrfache Schraube um seine Längsachse, ohne den Kurs zu ändern.

Die ersten ungezielten Treffer landeten im Schutzschirm und ließen ihn in allen Farben aufleuchten. Der Bordcomputer begann Warnungen zu brüllen, ohne dass jemand diese wirklich beachtete.

»Drei Schiffe mit direktem Kurs auf uns!« Die Stimme der Frau überschlug sich fast. Selbst Alaska wurde unruhig.

»Ganz ruhig! Wir bekommen das schon hin!«

Alaska flüsterte die Worte. Mit einem Gewaltakt am Steuer brachte er das Schiff wieder in eine stabile Fluglage, um es gleich wieder in eine harte Kurve zu reißen. Eine Sekunde später befand sich der Walzenraumer genau zwischen den Angreifern.

*

Die Überraschung war perfekt, keins der Schiffe schoss. Nur einen Augenblick später änderte sich das. Ein Hagelschauer von Geschossen, ausgesandt von drei Jägern, jagte auf den Walzenraumer zu, um ihn zu erledigen.

Und … fanden kein Ziel. Die Beute war seitlich nach unten abgetaucht. Doch kurz hintereinander zerplatzen zwei der Angreifer in gigantischen Feuerblumen, hinterließen Wolken von Trümmern. Bevor sich die Besatzung des letzten Schiffs darüber im Klaren werden konnte, dass sie sich gegenseitig erledigt hatten, explodierte ihr Schiff ebenfalls. Diesmal hatten die Geschütze eines Alyskerschlachtschiffs ihr Ziel gefunden.

*

Alaska hatte in dem Moment, bevor die Geschosswolken einschlugen, noch einmal alles aus den Triebwerken herausgeholt. Sie waren mit unglaublichem Glück in einer sicheren Ecke des Systems gelandet.

Aus dem ganzen Bereich war ein Schlachtfeld geworden. Notsignale hunderter alyskischer Wracks strahlten aus, ohne Hoffnung, dass es jemanden gab, der helfen konnte. Die Übermacht MODRORS forderte ihren Tribut.

Überall wurde der Widerstand gebrochen. Inzwischen beschossen die Angreifer den Hauptplaneten selbst aus dem Orbit. Tausende von Skurittransportern setzten zur Landung an und begannen, die Umgebung zu plündern.

Alaska riss sich von diesem Anblick los. Er musste versuchen, die nötige Geschwindigkeit zu erreichen, um in den Hyperraum wechseln zu können.

Die YDIRA wurde von einem Treffer aus der Bahn geworfen.

»Schutzschirmbelastung hundertdreißig Prozent!«, meldete der Bordcomputer mit so freundlicher Stimme, als würde er sich erkundigen, ob noch jemand Kaffee nachgeschenkt haben wolle.

Dreißig Prozent Lichtgeschwindigkeit.

»Wir werden verfolgt!«, schrie Denise.

Ein gegnerisches Schlachtschiff war hinter ihnen her.

»Es holt auf! Alaska, tu doch was!«

Jetzt begann es, wahrlich knifflig zu werden.

*

Die SMIS wütete wie eine alte Korrabärin, die ihr Junges gegen eine Horde von Räubern verteidigte. Erbarmungslos wurde ein Schiff nach dem anderen in ein Wrack verwandelt. Eorthor wollte es einfach nicht wahrhaben, dass Alysk II verloren war.

Zwar war sein Schiff denen der Gegner weit überlegen. Aber die Masse war der Technik überlegen. Und wenn MODRORS Truppen anfingen, mit mehreren Schiffen gleichzeitig auf ihn loszugehen, dann waren auch die Grenzen der SMIS erreicht.

Der Walzenraumer fiel ihm auf. Es wurde von einem der Schlachtschiffe gejagt. Der Alysker wechselte kurz in den Hyperraum und kam auf Parallelkurs zum Gegner im Normalraum wieder heraus.

Die Waffen der SMIS knackten den Schirm und schlugen auf der gesamten Breitseite in das gegnerische Schiff. Dieses wurde aus der Bahn geworfen, überschlug sich mehrmals und explodierte.

Eorthor sendete Koordinaten an Alaska und ging in den Hyperraum. Es wurde Zeit, dieses System zu verlassen. Diese Schlacht war verloren. Doch das letzte Wort war noch nicht gesprochen.

*

Aus Eorthors Vergangenheit

Die SMIS glitt aus dem Linearraum und bremste mit starken Werten ab. Eorthor lehnte sich zurück und wartete. Er befand sich drei Lichtjahre vom Xamour-System entfernt.

Er wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis die Nesjorianer hier waren. Alles war vorbereitet. Der Gürtel um seine Hüften imitierte die Aura eines Ritters der Tiefe. Es war eine schwer zu knackende Nuss gewesen, sie so wirklichkeitsgetreu zu machen. Zwei Jahre hatte er sich in seinem Labor verbarrikadiert. Erst als er mit dem Prototyp einige Versuche angestellt hatte, war er zufrieden gewesen. War in Kontakt getreten mit Lebewesen, welche mit den Dienern der Kosmokraten oft zu tun gehabt hatten. Niemand war misstrauisch geworden. Alle waren der Überzeugung gewesen, einem wahrhaften Ritter der Tiefe gegenüberzustehen. Also würde er leichtes Spiel mit den Nesjorianern haben. Und wenn nicht …

Ein Schiff kam aus dem Linearraum. Noch eins und ein weiteres. Bald waren es zwanzig an der Zahl. Ein Funksignal erreichte die SMIS.

Das Hologramm baute sich direkt vor Eorthor auf. Er erkannte die Gestalt als Nesjorianer. Schwarze Hautfarbe, unbekleidet bis auf klobige Stiefel, Schwebezustand. Der Alysker fand, dass sein Gegenüber etwas Roboterhaftes an sich hatte. Er machte sich gedanklich eine Notiz, alles über diese Wesen herauszufinden.

Die Nesjorianer entsprangen einer Laune der Kosmokraten. Es gab nur wenige Geschöpfe, die künstlich von ihnen erschaffen waren. Einst hatte es einen Prototyp gegeben, der immer wieder geklont und mit kybernetischen Implantaten verbessert wurde. Diese Kunstgeschöpfe waren loyale und zuverlässige Diener der Hohen Mächte.

»Ich bin Elossar! Du befindest dich in einer Sperrzone! Erkläre den Grund deiner Anwesenheit oder verschwinde! Andernfalls werden wir dich auslöschen!«

»Begrüßt man so einen Diener der Kosmokraten? Bringt mich zu eurem Anführer!«, schnaubte Eorthor.

»Du kannst mir dein Anliegen schildern. Ich spreche für Evspor.«

»Das werde ich definitiv nicht tun! Ich werde zwei Stunden warten. Wenn sich Evspor bis dahin nicht bei mir meldet, werde ich abfliegen und den Kosmokraten mitteilen, dass die Nesjorianer die Zusammenarbeit verweigern. Für das, was dann geschieht, seid ihr selbst verantwortlich«, gab der Unsterbliche mit gut gespielter Gelassenheit zurück und unterbrach die Verbindung.

Jetzt würde sich alles entscheiden.

»Das Spiel hat begonnen. Ihr seid am Zug«, flüsterte er.

*

Evspor ließ ihn nur die Hälfte der gesetzten Zeit warten. Er erschien sogar höchstpersönlich und lud Eorthor auf sein Schiff ein. Der Alysker nahm an.

Der Nesjorianer führte ihn in die Zentrale.

»Was wünschen die Kosmokraten von uns?«, kam er ohne Umschweife zur Sache.

»Ihr sollt dem Kosmotarchen DORGON im Kampf gegen dessen Widersacher MODROR beistehen.«

»Wir haben schon eine Aufgabe: Die Bewachung des Kosmonukleotid TRIICLE-3 mit dem Eigennamen UDJAT. Nach der Auslöschung der abtrünnigen Xamouri vor mehr als siebentausendfünfhundert Jahren ist dies unsere einzig relevante Aufgabe.«

»Ich weiß. Aber das ist nachrangig. Es reicht, wenn nur ein Schiff aus eurer Flotte hier Stellung hält.«

»Wer sagt, dass du die Wahrheit erzählst?«

»Sagt meine Aura nicht genug aus?«

Evspor betrachtete Eorthor einige Zeit schweigend. Dann antwortete er: »Du bist ein Ritter der Tiefe!«

Die Überraschung in seiner Stimme war unüberhörbar. Der Alysker lächelte.

»Das hast du richtig erkannt. Ich denke, diese Tatsache müsste reichen, um dich zu überzeugen.«

Der Nesjorianer verharrte bewegungslos. Eorthor entschloss sich zu warten. Jetzt kam es drauf an. Sein Armband scannte auf allen Frequenzen, um später die eingehenden Daten auswerten zu können. Je mehr er über diese schwebenden Wesen wusste, desto besser. Evspor ergriff wieder das Wort.

»Die Nesjorflotte begibt sich mit dir zu NESJOR. Dort wird dir der Oberbefehl zuerkannt werden, solltest du die Auraprüfung der Station bestehen.«

Der Alysker fluchte innerlich. Es war zweifelhaft, dass er eine spezielle Prüfung der Aura bestehen würde. Er würde versuchen müssen, diesen Test zu umgehen. Doch bevor er etwas erwidern konnte, wandte sich Evspor ab. Die Besuchszeit war zu Ende.

Schweigend ließ er sich von zwei anderen Nesjorianern zu seinem Beiboot geleiten.

*

Wieder auf der SMIS angekommen, wurde ihm mitgeteilt, dass die Flotte in den nächsten Stunden aufbrechen würde. Er bekam sogar Zielkoordinaten übermittelt. In der Zwischenzeit kümmerte er sich um die Daten, die sein Armband gesammelt hatte. Er erkannte, dass die Nesjorianer untereinander fortwährend Datenpakete austauschten.

Diese waren sehr gut verschlüsselt. Die SMIS stellte einen Großteil ihrer Rechenleistung zur Verfügung, um die Codes zu knacken. Dennoch würde es länger dauern, bis er ein Resultat erwarten konnte. Er nutzte die Zeit, um zu überlegen, wie er dieser Auraprüfung entgehen konnte. Er könnte darauf beharren, dass man dies später auch noch nachholen könnte. Erst müsse so schnell wie möglich MODROR bekämpft werden. Oder sich einfach stur stellen. Er als Ritter der Tiefe habe es nicht nötig, getestet zu werden.

Der Aufbruch ging ohne Vorkommnisse vor sich. Fünf Stunden später hatte er Zugriff auf einen Teil der Kybdatenpakete. Ununterbrochen kommunizierten diese Biomasseroboterhybriden miteinander. Unzählige Befehlsstrukturen wurden ausgetauscht.

Eine spontane Idee nahm Formen an. Eorthor wusste jetzt, wie er das Ganze umgehen konnte, wie er die Nesjorianer übernehmen konnte. Er programmierte sie einfach um! Für einen Wissenschaftler seiner Genialität würde das ein Leichtes sein. Lächelnd schrieb er ein Programm, mit dem er vollen Zugriff auf diesen Datenaustausch bekam.

Die SMIS meldete, dass sie sich einem Sonnensystem genähert hatten. Der zweite Planet war Xamour und die Heimatwelt der Xamouri. Jahrtausende hatte dieses Volk den Kosmokraten gedient, doch Degeneration und Gier hatten sie vom eigentlichen Auftrag – dem Schutz des Kosmonukleotids UDJAT – abgebracht. Sie wurden bestraft und ausgerottet. Nun hatten die Nesjorianer die Bewachung übernommen.

Eine gigantische Station erschien auf dem Frontschirm. Das Zentrum der Nesjorianer. Es hatte die Größe eines Planeten. Eorthor wurde aufgefordert, in einer Parkposition zu warten, bis weitere Anweisungen kommen würden.

Als sich nach weiteren zwei Stunden nichts tat, reichte es dem Alysker. Es wurde Zeit, die Initiative zu ergreifen. Eorthor klinkte sich in die interne Kommunikation der Nesjorianer ein und versuchte, die Besatzung eines der kleineren, abseits gelegen Schiffe zu übernehmen.

Die ersten Sekunden sah es aus, als würde es funktionieren. Doch dann überlagerte ein starker Impuls alle seine Befehle. Es brach die Hölle aus.

Einige Schiffe der Nesjorianer explodierten, ohne etwas Konkretes gemacht zu haben. Andere trieben unkontrolliert und ohne Antrieb umher. Der Funkverkehr war nicht mehr existent. Und die Station selbst eröffnete schlagartig das Feuer auf die SMIS. Und das, obwohl sein Schiff außer Reichweite ihrer Waffen war! Fluchend ergriff der Unsterbliche die Flucht. Hatte er auf ganzer Linie versagt? Nein! Sicher nicht! Die Nesjorianer waren nur fehlerhaft. Das war alles. Sie waren unbrauchbar für DORGON und die Alysker.

Ein letzter Blick zeigte ihm, dass sämtliche noch funktionsfähigen Schiffe an der Station andockten. Sollten sie doch verrotten! Er hatte noch anderes zu tun!

^

6.

Gegenwart, Die verfolgten Verfolger

»Ich habe ihn!«, rief Denise.

Alaska Saedelaere zuckte merklich zusammen. Er war wohl kurz eingeschlafen.

Vor etwa zwei Stunden hatten sie in einem kleinen, unbedeutenden Sonnensystem die Spur von Eorthors Schiff verloren. Seit seiner Flucht von der Hauptwelt der Alysker waren Alaska, Denise Joorn, Jaques de Funés und Leopold ihm mit dem Walzenraumer gefolgt.

Denise hatte Alaska erzählt, dass sie vermutete, Eorthor flöge zu den Koordinaten der Nesjorflotte. Diese galt seit Tausenden von Jahren als verschollen. Aurec hatte von der Nesjorflotte zum ersten Mal 1296 NGZ gehört, als das Raumschiff BAMBUS von Cau Thon und den Dscherro entführt worden war. Damals war es zum Planeten Xamour gebracht worden, wo Aurec auf den Nesjorianer Evspor, den letzten Bewacher des Kosmonukleotids UDJAT gestoßen war.

Der Nesjorianer hatte berichtet, dass seine Flotte verschwunden war und er auf weitere Instruktionen wartete. Evspor hatte sich später Aurec und den anderen angeschlossen, doch sein Schicksal war ungewiss. Es wurde vermutet, dass das Quarterium ihn für Forschungszwecke seziert hatte, doch niemand wusste etwas Genaues. Evspor war und blieb seit Jahren verschwunden.

Plötzlich schien sich das Schiff des Alyskers in Luft aufgelöst zu haben, wie man auf der fernen Erde so gern sagte. Doch Joorn wollte noch nicht aufgeben. Sie wollte weiter nach dem Unsterblichen suchen. Alaska hatte sie gewähren lassen und seine Geduld wurde belohnt: Die Orter des Walzenraumers hatten die SMIS aufgespürt. Sie stand kurz vor dem Eintritt in den Linearraum.

»Dann nichts wie hinterher!«, murmelte der Terraner.

*

Endlich folgten sie ihm! Jetzt hatte er schon drei Mal das System verlassen, um dann wieder zurückzukehren. Dabei hatte er ja schon auf den Tarnmodus des Schiffes verzichtet. Als er schon aufgeben und sie direkt anfunken wollte, dass er noch da sei, geschah das Erhoffte. Der Walzenraumer nahm endlich wieder die Verfolgung auf.

Kurz bevor sein Schiff in den Linearraum eindrang, wurde er auf ein Signal in der Ortung aufmerksam. In dem System befand sich noch ein Schiff! Mit einer ausgezeichneten Tarnvorrichtung. Aber vor ihm, dem Unsterblichen Alysker Eorthor, ließ sich so schnell nichts verbergen. Er kannte den Neuankömmling. Es war eher eine Jacht. Ihr Name lautete …

*

Die HOR-ATEP funkte die YDIRA an, kaum dass sie im System erschienen war.

Atlan nickte Alaska und Denise zu.

»Ich freue mich, euch bei bester Gesundheit vorzufinden. Wie ich vernahm, war es recht schlimm bei den Alyskern.«

»Wie ist die derzeitige Lage auf Alysk? Was wisst ihr darüber?«, fragte Osiris, der Kommandant der HOR-ATEP. Das kantige Gesicht des hochgewachsenen Kemeten drückte Besorgnis und Entschlossenheit aus. Die schwarzen Haare fielen frei auf die breiten Schultern, als sich der charismatische Mann zurücklehnte, um mit zusammengekniffenen Augen die Gesichter seiner Gesprächspartner zu erforschen.

»Nicht allzu gut. MODRORS Horden haben nicht viel übriggelassen. Ich glaube, die Alysker werden sich nicht mehr davon erholen können. Zu wenige haben überlebt.«

Alaska erzählte, wie ihnen, als der Angriff begann, die Flucht mit dem Walzenraumer gelang. Und dass sie hinter Eorthor her wären. Osiris nickte. Er informierte sie, dass er Eorthors Raumschiff in der Ortung habe. So brachen die HOR-ATEP und die YDIRA auf, um die SMIS zu verfolgen.

*

»… war es recht schlimm bei den Alyskern.«

Das war sie, diese Stimme! Kein Zweifel! Er hatte sie eindeutig wiedererkannt.

»Atlan!«, murmelte General Fykkar voller Verachtung.

Der Cyborg ließ mit einem Wink Verbindung zu Shul’Vedek herstellen.

»Ich habe Atlan gefunden! Erlaubt mir, ihn auszulöschen!«

Das humanoide Reptil schien zu überlegen. Dann verzog Shul’Vedek den Mund, ließ die lange Zunge über die dünnen Schuppen des Mundes schnellen. Lächelte er?

»Ja. Sorge dafür, dass das Leben des Arkoniden ausgehaucht wird. Er steht uns schon zu lange im Weg.«

Fykkar nickte und unterbrach die Verbindung. Er ließ sich ein Beiboot klarmachen. Mit den mächtigen Geschützen seines Flaggschiffs Atlan aus dem Universum zu löschen, wäre zu einfach. Er wollte ihm gegenüber stehen. Der Arkonide sollte wissen, wer ihn ins Jenseits beförderte, und er sollte Todesangst leiden. General Fykkar wollte Atlan um Gnade flehen hören. Darauf freute er sich.

*

»Schutzschirmbelastung knapp unter sechzig Prozent! Wenn es so weiter geht, kann ich nicht garantieren, dass die YDIRA und wir das überstehen«, erklärte Alaska und sah zu Atlan hinüber. Zu dicht war die Sternendichte hier im Kreuz der Galaxien. Eorthor schien sich dem Galaxienwirbel immer weiter zu nähern. Dort, wo die vier Galaxien ineinander verflossen.

»Die HOR-ATEP verkraftet es besser. Wir sind bei siebzehn Prozent. Ihr solltet vielleicht alle zu uns umsteigen. Es wird zwar eng, aber …«, den Rest ließ Osiris unausgesprochen. Der Terraner konnte ihn nicht sehen. Anscheinend befand sich der Kemete nicht im Erfassungsbereich der optischen Aufnahmegeräte. Wenn er jetzt zustimmte, liefen sie Gefahr, den Alysker zu verlieren. Dann wäre die bisherige Reise umsonst gewesen.

»Nein! Wir werden hier an Bord bleiben. Noch besteht keine Gefahr. Ich habe Vertrauen in den Walzenraumer«, entschied er.

Ein kurzer Blick auf Denises Gesicht bestätigte ihm, dass sie genauso dachte.

Auch Atlan nickte. »Einverstanden. Sollte es aber gefährlich werden, brechen wir die Verfolgung ab und ihr kommt zu uns! Euer Leben ist wichtiger als dieses Vorhaben.«

»Da! Er tritt wieder in den Linearraum ein«, rief Denise. »Los, hinterher!«

Saedelaere hatte den Verdacht, dass Denise die Verfolgung und das Risiko gern in Kauf nahm, um weiter mit dem Walzenraumer fliegen zu können. Sie war auf Eorthor fixiert, hatte einen Narren an ihm gefressen. Es würde schwer werden, diese sture junge Frau von einer Änderung des Plans zu überzeugen.

*

»Austritt …«

Die Stimme der Bordsyntronik ging in einem lauten Krachen und Getöse unter. Der Walzenraumer bäumte sich auf, als wolle es mit aller Kraft einen imaginären Reiter abwerfen.

Alaska war froh, durch Prallfelder am Pilotensitz gehalten zu werden. Ohne sie wäre es sicher schmerzhaft geworden. Denise saß neben ihm und grinste. Das Gerüttel schien ihr Spaß zu machen. Alaska lächelte gequält zurück. Hundertfünfzehn Prozent Belastung der Schirme erschien auf einer Anzeige vor seinen Augen. Zu viel! Jetzt hatten sie es übertrieben. Das Schicksal herausgefordert und verloren. Augenblicke noch und die entfesselten Kräfte würden durchschlagen. Und dann? Würde ES ihn in sein Bewusstseinskollektiv aufnehmen? Konnte die Superintelligenz ihn überhaupt so fern von der Milchstraße spüren?

Die Syntronik selbst kämpfte noch gegen die Vernichtung, sie lenkte alle verfügbaren Energien in die Schutzschirmstaffeln. Denise schrie etwas. Alaska konnte nicht annähernd verstehen, was sie ihm mitteilen wollte.

Irgendetwas explodierte hinter ihnen. Die Prallfelder schützten sie. Noch! Die Hologramme verschwanden und es wurde umgehend finster. Nur noch die Funken und das Feuer erleuchteten die Pilotenkanzel des Schiffes.

*

»Der Schutzschirm des Walzenraumers bricht gleich auseinander! Und ich bekomme keine Funkverbindung mehr«, rief Osiris. Die Informationen auf den Holoanzeigen waren eindeutig. Auch der Arkonide hatte die Gefahr bereits erfasst. Alaskas Schiff erstrahlte in vielen hellen Farben aufgrund der Überlastung des schützenden Schirmes.

»Wir müssen ihnen helfen!«

»Schon dabei!«

Osiris ließ sein Schiff längsseits gehen und dehnte seinen Schirm so weit aus, dass er den Walzenraumer ebenfalls umschloss. Warnsignale erschienen.

»Lange werde ich die schützende Blase nicht aufrechterhalten können. Die HOR-ATEP ist den Gravitationskräften ausgeliefert. Und je größer der Schirm, umso …«

Den Rest ließ er unausgesprochen.

»Er muss so lange halten, bis alle an Bord sind«, bestimmte Atlan und war schon auf dem Weg zur Schleuse.

Auf halbem Weg teilte Osiris ihm über Funk mit, dass der Schirm des Walzenraumers zusammengebrochen war, doch dass das Beiboot angedockt hatte. Sie waren gerade noch rechtzeitig zur Hilfe geeilt. Um zu helfen, verließ Icho Tolot Osiris’ Schiff über das Beiboothangarschott. Atlan holte ihn erst ein, als sich der Haluter schon an einem der Schleusen des beschädigten Schiffes zu schaffen machte.

»Noch immer kein Kontakt! Meinen Ortern zufolge sind sämtliche Maschinen ausgefallen. Auch die Lebenserhaltungssysteme scheinen offline zu sein«, teilte der Kemete den Gefährten mit.

Icho ging es zu langsam. Der Haluter riss die Schleusentür aus der Verankerung. Flüchtig erinnerte sich Atlan an Begegnungen mit Wesen aus diesem Volk von Molekularumwandlern, lange bevor er Rhodan traf. So gut wie nichts konnte diese Kolosse aufhalten, wenn sie mal in Rage waren. Wenn er nicht wüsste, dass Icho in Wahrheit eigentlich ein sorgsames, gütiges, hilfsbereites Lebewesen war, würde er manchmal rein instinktiv die Flucht ergreifen.

Sein Anzug signalisierte eine ankommende Nachricht. Erleichtert hörte er die Stimme eines unsterblichen Gefährten.

»Die Dellen zahlt ihr mir!«

Mehrere Gestalten in Raumanzügen erschienen aus dem Dunkel des Schiffes.

»Nimmst du auch Kredit?«, scherzte der Arkonide zurück.

»Ach, mit einer Mitfluggelegenheit gebe ich mich auch zufrieden.«

»Seid willkommen!«, hörte Atlan den Eigentümer der HOR-ATEP.

Die alte Station

»Wir haben anscheinend unser Ziel erreicht. Ich orte etwas sehr Großes. Wir befinden uns in einer Art Ruhezone von annähernd fünf Lichtjahren Durchmesser inmitten des Wirbels. Vor uns befindet sich etwas mit der Masse eines Planeten«, klärte Osiris die anderen auf.

Eben war die HOR-ATEP aus dem Hyperraum gestürzt. Die SMIS hielt auf den Planeten zu, bremste aber mit sehr starken Werten ab.

»Keine Atmosphäre anzumessen. Das ist ein toter Planet.«

»Vielleicht täuscht der erste Eindruck«, widersprach Atlan dem Kemeten. »Das Ganze kommt mir sehr künstlich vor.«

Eorthors Schiff parkte in sieben Millionen Kilometern Entfernung von dem Raumgiganten. Ein Signal erreichte sein Ziel.

»Er funkt uns an. Bin gespannt, was er zu sagen hat!«

Es flimmerte, dann entstand ein lebensgroßes Hologramm des unsterblichen Alyskers im Raum.

»Habt ihr es also geschafft, mir zu folgen?«

Atlan nickte. »Wieso hast du uns hierher gelockt, und was ist das für eine Station?«

Eorthor lachte klangvoll.

»Ich hielt dich für klüger, Arkonide. Das sticht doch jedem ins Auge!«

Denise kam hinzu. Atlan sah ihr ins Gesicht und wusste allein durch dessen Ausdruck, dass sie die Raumstation kannte. Doch er ließ sie nicht zu Wort kommen, um die Situation zu seinem Vorteil auszunutzen.

»Ich nehme an, wir finden hier einen Hinweis über den Verbleib der sogenannten Nesjorflotte?«

»Gut geraten! Nun, ich will gleich zur Sache kommen. In den Hangars dieser Station befindet sich die verschollene Kosmokratenflotte. Nur – ohne die Besatzung. Für den Kampf gegen MODROR brauchen wir diese Schiffe unbedingt, wollen wir eine Chance zum Überleben haben.«

»Und was haben wir mit dieser Sache zu tun?«, fragte Atlan ungeduldig. »Du hast uns sicher aus einem speziellen Grund hierher gebracht?«

»Nicht euch. Sondern dich! Als ein Gesandter der Kosmokraten kannst du die Flotte wieder in Betrieb nehmen. Die Aura, die du besitzt, sollte ausreichen, um als würdig befunden zu werden.«

»Du meinst, ich flieg einfach hin, melde mich kurz und NESJOR gehört mir?«

Eorthor schüttelte den Kopf.

»Ganz so einfach ist es nicht! Sagen wir mal, ich habe vor lange Zeit dafür gesorgt, dass NESJOR absolut keinen mehr an sich heran lässt. Aber um das zu erklären, reicht die Zeit einfach nicht. Die Station würde jedenfalls sofort auf jeden losgehen, der ihr zu nahe kommt. Das ist sicher.«

Noch einfacher ausgedrückt, er hat es mal selbst versucht und, als angeblich treuer Gefährte der Kosmokraten, böse Dresche bezogen, raunte Atlans Extrasinn. Und will das jetzt nicht zugeben.

Atlan wusste von Denise über die Ereignisse Bescheid, die Eorthor sich zurechtredete, schwieg sich aber darüber aus. Es hätte nichts gebracht, außer dass Eorthor unzugänglicher würde.

»Also gut, diese Möglichkeit können wir wohl vergessen. Wie lautet Plan B? Ich hoffe doch, du hast einen?«

Jetzt grinste der Alysker geheimnisvoll. Atlan meinte, ein Funkeln in seinen Augen zu erkennen.

»Ich werde NESJOR mit einem Virus infizieren und so für einige Stunden beschäftigen. Dadurch fallen die Abwehreinrichtungen aus, und du musst nur noch landen. Der Weg zur Hauptzentrale dürfte dann nur noch ein kleines Problem sein. Nur dort kannst du den Lenksyntron von deiner Aura überzeugen.«

»Und wie viel Zeit habe ich voraussichtlich, bevor die Station erneut auf die Idee kommt anzugreifen?«

»Ich würde sagen, etwa vier Stunden terranischer Zeit.«

»Geht es etwas genauer? Schätzwerte bereiten mir Bauchschmerzen.«

»Plusminus eine halbe Stunde.«

»Na toll!«, fauchte Denise.

»Gibt es eine Garantie, dass wir nicht zusammengeschossen werden, sobald wir versuchen, da drüben anzudocken?«, wollte Alaska Saedelaere wissen.

»Ihr habt mein Wort, dass euch NESJOR, sobald der Virus in seinem System ist, vier Stunden in Ruhe lässt. Ich mache als Wissenschaftler keine Fehler.«

»Und falls es in diesem speziellen Fall doch einen Fehler gibt, können wir uns nicht mal beschweren, weil dann eine Rückkehr so gut wie ausgeschlossen sein dürfte«, murmelte Denise muffig.

»Wir werden uns darüber beraten und dir dann mitteilen, ob wir dem Ganzen zustimmen oder nicht«, ließ Atlan in Richtung Eorthor verlauten, bevor er die Verbindung deaktivierte.

Stumm fragend blickten ihn die anderen an. Er wandte sich an den Haluter.

»Icho? Was sagst du zu dem Ganzen?«

Der Haluter hatte es sich wegen seiner Größe im Beiboothangar bequem gemacht, aber das gesamte Gespräch über die internen Bordsysteme mitverfolgt.

»Eorthor ist sehr von sich selbst überzeugt. Er selbst kann sich nicht vorstellen, einen Fehler zu machen.«

»Was nicht heißt, dass er irgendwann nicht doch wieder einen machen wird«, mischte sich Osiris ein.

»Wie auch immer, dieses Schiff gehört letztendlich dir. Willst du es wagen?«

Osiris seufzte »Ja, die HOR-ATEP ist mein Schiff, Atlan. Aber ihr seid meine Passagiere und ich kann nicht ver…«

»Ich denke, wir sind alle alt genug, um selbst entscheiden zu können, was gut und was schlecht für uns ist«, unterbrach ihn Denise. »Also, werfen wir jetzt eine Münze oder gibt es eine klassische Abstimmung? So oder so, wer nicht mit will, soll in eins der Beiboote überwechseln und in sicherer Entfernung abwarten.«

Atlan nickte nachdenklich.

»Du hast recht. Also stimmen wir ab!«

*

Schnell fiel eine Entscheidung und Atlan kontaktierte Eorthor.

»Okay! Wir gehen auf deinen Vorschlag ein!«

Kurz drauf wurde durch die Alystronik der Virus an die Station übertragen, damit dieser dort seine Arbeit beginnen konnte.

Es dauerte keine Minute, bis die Mitteilung kam, dass die Verteidigungssysteme der NESJOR nicht mehr aktiv waren. Eorthor bekräftigte diese Behauptung sogar dadurch, dass er mit der SMIS einen Annäherungskurs flog, ohne dass etwas geschah. Osiris folgte mit der HOR-ATEP in geringem Abstand.

Der Arkonide hatte sich bereits ein wenig umgesehen.

»Ich schlage vor, wir landen auf der Plattform dort vorn und suchen uns dann einen Zugang.«

Alle stimmten ihm zu. NESJOR reagierte immer noch nicht.

»Ich werde mit Icho und Alaska aussteigen und die Zentrale aufsuchen. Sobald wir Erfolg haben, lassen wir es euch wissen. Osiris! Sollten wir uns vor den vier Stunden nicht melden, bringt euch in Sicherheit. Und pass auf Rodrom auf!«

Der Angesprochene bestätigte die Anweisung durch ein kurzes Nicken. Denise jedoch schien nicht mit Atlans Vorschlag einverstanden zu sein.

»Ich werde mitkommen.«

»Nein, es ist besser …«

»Ich weiß, ich weiß, aber ich lasse mir dieses Abenteuer sicher nicht entgehen. Wenn du mich aufhalten willst, versuch es, Arkonide! Ansonsten bin ich auf jeden Fall dabei.«

Atlan sah die Entschlossenheit in ihren Augen und widersprach nicht. Aber wenn ihr etwas geschah, würde er sich Vorwürfe machen.

Du Narr! In ihrem Alter ist es normal, eigene Entscheidungen zu treffen. Übrigens, vielleicht kann sie für euch nützlich sein, rügte ihn sein Extrasinn.

»Also gut, gehen wir rein!«

*

»Ich orte ein Schott in fünfzig Metern Entfernung«, funkte Icho Tolot. Atlan empfing seine Stimme klar und deutlich. In schweren Kampfanzügen hatte er mit den anderen die HOR-ATEP verlassen, um nun auf der Oberfläche der NESJOR nach einem Zugang zu suchen. Osiris war mit Jaques de Funés, Leopold, Roggle und Rodrom auf dem Raumschiff verblieben.

De Funés und Leopold waren ungewohnt ruhig gewesen und hatten sich zurückgezogen. Roggle bestand darauf, auf Rodrom zu achten, damit dieser nicht die Chance hätte zu entkommen. Osiris bezweifelte, dass der Vorjul dieses Monster aufhalten könnte, sollte Rodrom aus dem energetischen Gefängnis fliehen können. Nichtsdestotrotz ließ er ihn gewähren.

»Ich komme!«, rief Atlan. Er ließ sich von der Syntronik des Anzugs leiten. Als er ankam, waren die anderen schon zugegen.

»Also ich messe gar nichts an«, erklärte Denise.

»Ich denke mal, dass Ichos Instrumente besser sind als unsere«, meinte Alaska.

Tolots roter Kampfanzug hob sich kaum vom dunklen Rot der Schottwand hervor. Atlan vertraute dem Haluter voll und ganz. Wenn dieser behauptete, dass hier ein Eingang zu finden sei, dann stimmte es auch.

»Also, wie kommen wir da rein? Tolotos? Kannst du einen Öffnungsmechanismus anmessen?«

»Leider nein, Atlanos.«

»Wir haben nicht viel Zeit. Am besten wäre es, wir schneiden ein Loch hinein«, schlug Alaska vor.

»Man könnte dies als Angriff werten und Gegenmaßnahmen treffen. Wer weiß, ob der Friede uns gegenüber dann noch gelten würde«, warnte Denise.

»Wenn wir noch mehr Zeit vertrödeln, werden wir es nicht rechtzeitig schaffen!«

»Alaska hat recht. Wir müssen es riskieren!«, mischte sich Atlan ein.

Er sah, wie der Haluter seine Waffe hob. Es entstand ein grünliches Leuchten an der Stationswand. Unruhig sah Atlan umher. Doch nichts änderte sich. NESJOR schien nicht einzuschreiten. Oder war es noch zu früh, um aufatmen zu können? Waren gerade Kampfroboter auf dem Weg hierher?

Das wirst du noch früh genug merken, meldete sich sein Extrasinn.

Nach etwa einer Minute wurden seine Begleiter unruhig. Nichts hatte sich an der Wand verändert. Icho stellte seine Bemühungen ein. Osiris erkundigte sich über den Fortschritt.

Atlan klärte ihn auf.

»Lasst mich mal ran. Ich werde es mit der HOR-ATEP selbst versuchen.«

Alaska lachte. »Warum umständlich, wenn es einfacher auch geht? Okay, versuch du dein Glück!«

»Kommt zuvor besser wieder an Bord! Falls was schief geht, können wir schneller verschwinden!«

»Einverstanden! Wir warten hier auf dich!«

»Icho? Was meinst du? Haben wir eine Chance?«

»Ich kann es dir leider nicht sagen, Atlan. Mir fehlen die Informationen und vor allem Zeit, um dies zu berechnen.«

Einsame Entscheidung

Eorthor beobachtete, wie die Milchstraßenbewohner wieder die HOR-ATEP betraten. Die Zeit verrann und Atlan war noch nicht einmal in der Station. Allmählich zweifelte er daran, dass der Arkonide es rechtzeitig schaffen würde.

Und selbst wenn. Nicht einmal die Nesjorflotte konnte die gigantische Invasionsmacht MODRORS aufhalten. Und welche Mannschaft sollte die Nesjorianer ersetzen? Eorthor hatte sie versehentlich deaktiviert, als er versucht hatte, die Kontrolle über sie zu erlangen. Die Folge war ein gigantischer Kurzschluss im kybernetischen Netz der Station.

NESJOR war seit mehr als zweitausend Jahren eine Geisterraumstation, denn kein Nesjorianer bewegte sich mehr. Eorthor dachte wehmütig an diese Niederlage zurück. Er hatte das Rechengehirn der Raumstation soweit umprogrammiert, dass es zum Kreuz der Galaxien flog und sich im Zentrum der Galaxis versteckte, bis die Nesjorianer wieder ihren Dienst aufnahmen.

Das war niemals geschehen. NESJOR hatte selbstständig Verteidigungsmaßnahmen getroffen und Eorthor war das Ganze entglitten. Er hatte die Kontrolle über die Kosmokratenstation verloren. Eine Verschwendung von zweihunderttausend Schlachtschiffen. Doch selbst wenn: Sie machten keinen Unterschied.

Es war zu spät dazu. MODRORS Truppen waren schon zu stark. Es gab nur noch eine Lösung, all der Gefahr ein Ende zu bereiten. Ja, er wusste, was zu tun war, wo er hinfliegen musste. Er griff wieder auf sein Vorhaben zurück. Doch das Ziel war ein anderes. Die Flotte des Gegners befand sich noch nicht in der Milchstraße. Aber im Kreuz der Galaxien! Er, Eorthor, würde ein für alle Mal alles Gewürm von MODROR auslöschen. Oder den Terranern zumindest Zeit verschaffen. Es gab nur einen Weg, MODRORS Flotte zu stoppen. Nur einen einzigen …

Er programmierte die SMIS auf einen neuen Kurs.

Ein Hologramm zeigte ihm an, dass Osiris mit seinem Vorhaben Erfolg gehabt hatte. Die HOR-ATEP hatte mit ihren Desintegratoren ein Loch geschaffen. Groß genug, um auch dem Haluter Zutritt zu gewähren. Die Unsterblichen und die Olymperin verließen eben wieder das Schiff und näherten sich dem Eingang.

Eorthor ließ die SMIS die Bombe aus dem Hangar ausschleusen. Störsender verhinderten, dass die Ortungssysteme der HOR-ATEP darauf aufmerksam wurden. Die neuste Tarntechnologie würde ihre Existenz vertuschen.

Die Bombe nahm Fahrt auf und wechselte in den Hyperraum über. Nichts würde das Kommende mehr aufhalten können. Nicht einmal der Alysker selbst. Er aktivierte einen Funkkanal und verkündete:

»Ich werde mich einstweilen um MODRORS Stoßtruppen kümmern. Wenn ich mit ihnen fertig bin, wird es keine mehr geben. Solltet ihr es schaffen, NESJOR in Besitz zu nehmen, verlasst sofort damit die Galaxis. Es wäre zu eurem Besten. Wir treffen uns später im Salo-System. Viel Glück und …«

*

»… Ende.«

Die SMIS beschleunigte.

Atlan hörte Osiris fluchen.

»Weiß jemand von euch, was er vorhaben könnte?«

»Keine Ahnung, aber ich werde ihm besser folgen. Da ihr jetzt in der Station seid, kann ich sowieso nichts mehr für euch tun außer warten.«

Atlan blickte still seine Kameraden an. Niemand schien Einwände zu haben.

»Einverstanden. Viel Glück!«

»Euch viel mehr! Und noch was: Wenn der Alysker euch bittet, die Galaxis zu verlassen, solltet ihr besser seinem Ersuchen nachkommen. Ich ahne Übles.«

»Nicht nur du!«

^

7.

Kybeier

Icho Tolot betrat als Erster dieses riesige Gebilde, sah sich kurz um und gab das vereinbarte Signal. Ein paar Augenblicke später standen alle in einem Gang, der nach menschlichen Maßstäben gigantische Ausmaße hatte.

Atlan winkte kurz und schon waren sie auf dem Weg ins Innere des Komplexes. Niemand sprach ein Wort, doch Denise wurde zunehmend nervöser. Sie konnte es kaum erwarten, die Geheimnisse dieser uralten Station zu lüften. An den Wänden waren ohne einen für sie erkennbaren Sinn unzählige Löcher und Erhebungen in alle Himmelsrichtungen verteilt. Das verstärkte ihren Eindruck, dass der Boden keine ebene Struktur besaß. Ihre Schwerkraftanzeige im Kampfanzug zeigte ein halbes Gravo an. Also gab es ein Unten und ein Oben.

»Jetzt ist wohl klar, wieso die Nesjorianer schweben. Ohne Antigravs wäre das echt eine Folter. Man würde sich alle Knochen brechen. Wollen wir hoffen, dass keiner auf die Idee kommt, hier ein Wettrennen zu veranstalten«, schmunzelte Alaska.

Trotz der Situation musste Joorn unwillkürlich lachen. Sie gab zurück: »Zu spät! Wir sind schon mittendrin! In weniger als vier Stunden von hier bis in die Zentrale. Nur das ›zu Fuß‹ bleibt uns erstmal erspart.«

Icho hob eine seiner rechten Hände und alle sahen ihn an.

»Ich habe hier mehrere energetische Punkte auf meinem Scanner, die schnell auf uns zukommen.«

Atlan, Alaska und Denise hoben ihre Waffen. Wenige Sekunden später tauchten ein Dutzend Ortungsimpulse auf ihren eigenen Helmdisplays auf. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Unbekannten in Sichtweite kamen.

Denise empfand das dringende Bedürfnis, die Station einfach zu verlassen. Doch nach einem Blick auf die anderen verschwand das Gefühl. Offenbar war sie die Einzige, die diesen Gedanken gehabt hatte. Ohne sich zu bewegen und mit den Waffen im Anschlag, warteten alle auf mögliche Ziele.

Ein schwebendes, eiförmiges Objekt mit einer rötlich schimmernden, metallisch glänzenden Oberfläche kam in Sichtweite. Denise identifizierte den Gegenstand als Roboter. Die Syntronik meldete sich mit genauerer Größenangabe: 22,54 Zentimeter Länge, Durchmesser 13,14 Zentimeter.

»Nicht schießen! Nicht bewegen!«, ertönte Atlans Stimme.

Denise konnte jetzt die restlichen Objekte sehen. Alle in dergleichen Größe und Bauweise wie das erste.

Ohne ihre Geschwindigkeit zu verringern, trieben die Roboter den Eindringlingen entgegen. Das erste Objekt umflog den Haluter knapp und die restlichen folgten unverzüglich. Da die eiförmigen Gebilde nur Zentimeter an Joorn vorbeischwebten, konnte sie jetzt genauer hinschauen. Von der leuchtend rötlichen Farbe der Maschine ging eine Faszination aus, die ihre Neugierde weckte.

Doch dieser Augenblick ging sehr schnell vorbei. Kurze Zeit später waren alle Roboter an ihnen vorbei geschwebt und machten sich an der beschädigten Außenwand zu schaffen. Das Loch wurde zusehends kleiner. Eine Art Prallfeld schottete den Gang vom freien Raum ab, denn plötzlich strömte Gas in den Gang. Blinkende Lichter und einige Anzeigen der Anzüge bewiesen, dass es atembarer Sauerstoff war, der keine giftigen Stoffe enthielt.

»Ich hatte so was vermutet. Die Station hat Wartungsroboter hergeschickt, um die von uns verursachten Schäden zu beheben«, hörte Denise die Stimme des Arkoniden in den Helmlautsprechern.

Ein erneuter Blick auf die fleißigen Helferlein bestätigte diese Aussage. Dass sie registriert worden waren, stand außer Zweifel. Trotzdem wurden die Eindringlinge nicht angegriffen. Ein Fakt, der sich aber jederzeit ändern konnte.

Icho setzte sich wieder in Bewegung und schwebte ins Innere der gigantischen Station.

»Wir haben wenig Zeit. Weiter geht’s!«

Denise warf noch einen letzten Blick auf die eiförmigen Roboter, dann wandte sie sich ab und folgte den anderen.

KLOTZ

A7532 an Alle:

Beschädigung von Sektor 2a3r44566 erreicht. Reparatur wurde eingeleitet.

A7532 an Z01:

Vier biologische Objekte wurden entdeckt. Keine Daten zur Identifizierung vorhanden. Wahrscheinlichkeit von Zusammenhang zwischen den organischen Strukturen und der Beschädigung von Sektor 2a3r44566 liegt bei 99,58 Prozent. Erwarten weitere Anweisungen.

Z01 an A7532:

Negativ. Fremde organische Strukturen wurden nicht erfasst. Erwarte Bestätigung, dass Schaden behoben wurde.

A7532 an Z01:

Bewegung der fremden organischen Strukturen Richtung Sektor 2a3r43566. Erwarten weitere Anweisungen.

Z01 an A7532:

Negativ. Fremde organische Strukturen wurden nicht erfasst. Erwarte Bestätigung, dass Schaden behoben wurde.

A7532 an Z01:

Verfolgung der organischen Strukturen durch Einheit A7532 wurde aufgenommen. Erwarten weitere Anweisungen.

Z01 an A7532:

Negativ. Fremde organische Strukturen wurden nicht erfasst. Erwarte Bestätigung …

*

Seit einer Stunde waren die vier in dieser gigantischen Station unterwegs. Immer wieder erschien eines der Kybeier hinter ihnen. Alaska hatte den Wartungsrobotern diesen Namen verpasst. Denise äußerte die Vermutung, dass es immer dasselbe war, und Icho bestätigt dies. Die Energiesignatur sprach für sich. Die rötliche Oberfläche des Kybeis blitzte immer wieder hinter ihnen auf, hielt aber einen steten Sicherheitsabstand von wenigen Metern. Es verschwand manchmal kurzzeitig, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen.

»Der Kleine ist hartnäckig, findet ihr nicht?«, murmelte Alaska.

»Dennoch scheint er keine Gefahr darzustellen«, antwortete der Arkonide.

»Vielleicht sollten wir ihn nach dem Weg fragen?«, scherzte Denise.

Die Männer lachten.

Der Gang endete ohne Vorwarnung. Eine Wand versperrte ihnen den Weg. Alaska fluchte und Denise blickte auf ihr Armband.

»Wir verlieren zu viel Zeit. Wir brauchen einen Lageplan oder etwas in der Art.«

»Ich würde vorschlagen, wir halten uns an Joorns Vorschlag. Fragen wir das Kybei nach dem richtigen Weg«, meinte Atlan.

Dieses Mal lachte niemand. Denise richtete ihren Blick auf das Ei, das in sechs Metern Entfernung über dem Boden schwebte.

*

A7532 an Z01:

Fremde organische Strukturen haben Bewegung in Sektor 2a3r34553 eingestellt. Erwarten weitere Anweisungen.

Z01 an A7532:

Negativ. Fremde organische Strukturen wurde nicht erfasst. Erwarte Bestätigung, dass Schaden behoben wurde.

A8352 an Alle:

Eine weitere fremde Struktur in Sektor 2a3r44566 registriert. Erwarten weitere Anweisungen.

Z01 an A8352:

Negativ. Fremde organische Strukturen wurden nicht erfasst. Erwarte Bestätigung, dass Schaden behoben wurde.

A7532 an A8352:

Erfassung von eindringenden organischen Strukturen durch Z01 negativ. Möglicher Schaden in Z01 bei 86,23 Prozent. Aktivierung von interner Sicherungseinheit A3482. Prüfung einleiten.

Sicherungseinheit A3482 an A7532:

Prüfung positiv. Reparatur ist sofort durchzuführen. Überwachung der organischen Strukturen in Sektor 2a3r34553 fortführen.

Sicherungseinheit A3482 an A8352:

Sicherheitsmaßnahmen Stufe Zwei einleiten. Verhinderung Eindringen der fremden organischen Strukturen Sektor 2a3r44566 durch Waffen positiv.

A8352 an Sicherungseinheit A3482:

Positiv.

A7532 an Sicherungseinheit A3482:

Registriere eingehendes Signal. Ursache organische fremde Strukturen. Anfrage zur Datenübertragung. Erwarten weitere Anweisungen.

Sicherungseinheit A3482 an A7532:

Negativ. Keine Autorisation durch Z01. Sicherheitsmaßnahmen Stufe Zwei bei Einheit A7532 aktivieren. Interne Datensicherung durchführen. Berechtigung der Selbstabschaltung der Einheit A7532 bei weiterem Signaleingang positiv. Signalzugang verschlüsseln. Bestätigung.

A7532 an Sicherungseinheit A3482:

Positiv. Eingehende Signalstärke konstant. Maßnahmen zur Abwehr ohne Wirkung. Selbstabschaltung wurde eingeleitet. Interne Daten gesichert. Einheit A7532 stellt Betrieb ein.

Ende.

Sicherungseinheit A3482 an Sonderwacheinheit KLOTZ:

Sicherheitsmaßnahme Stufe Zwei wurde aktiviert. Sonderwacheinheit KLOTZ wird angewiesen, Maßnahmen zur internen Abwehr von fremden organischen Strukturen in Sektor 2a3r34553 einzuleiten.

Sonderwacheinheit KLOTZ an Sicherungseinheit A3482:

Aktivierung positiv. Abwehrmaßnahmen werden durchgeführt.

*

Das Ei fiel zu Boden und rührte sich nicht mehr.

»Was ist jetzt passiert?«, fragte Atlan verdutzt.

»Keine Ahnung«, antwortete Alaska mit einem kurzen Blick zu Icho.

Der Haluter antwortete: »Der Versuch, die Daten über meine Syntronik aus dem Speicher des Kybeis abzurufen, wurden abgeblockt. Und dann hat es sich einfach abgeschaltet. Ich probiere mal etwas anderes. Gebt mir ein paar Minuten! Mal schauen, ob ich das Ding reaktivieren kann.«

Icho Tolot zauberte ein kleines tellerförmiges Gerät aus seinem roten Kampfanzug hervor und ließ sich neben dem Kybei nieder. In Denise machte sich ein Gefühl des Mitleids für das unförmige Ding breit.

Unsinn!, ermahnte sie sich selbst. Das ist doch nur eine Maschine! Menschliche Empfindungen sind dem Ding fremd. Es hat keinen Funken Leben.

Atlan und der Terraner tasteten mit ihren Scannern die Wände ab. Sie suchten Zugänge zu Räumen, Hallen oder ähnlichem. Bisher waren sie nur durch endlose irrgartenähnliche Gänge gewandert, aber das hatte an dieser Wand ein vorläufiges Ende gefunden.

Alle waren sich der Tatsache bewusst, dass, wenn nicht bald ein Wunder geschah und NESJOR mit dem Virus fertig wurde, die Eindringlinge, also sie, als Ziele herhalten mussten. Aber die Wahrscheinlichkeit, in so kurzer Zeit die Zentrale zu finden in einer Station, welche die Größe eines Planeten hatte, wurde mit jeder Sekunde geringer.

*

Nach einer halben Stunde terranischer Zeit, die sich endlos dehnte, erwachte das Kybei zu neuem Leben und Icho richtete sich auf.

»Ich habe es unter meiner Kontrolle«, stellte er fest. »Es wird uns zur Zentrale bringen.«

Das Kybei schwebte in Brusthöhe von Denise und hielt inne. Ein verblüffter Aufschrei Atlans ließ alle Köpfe herumfahren.

Eine der Wände war verschwunden. Ein neuer endloser Gang offenbarte sich ihnen.

Der Wartungsroboter setzte sich in Bewegung. Joorn und die anderen schwebten hinterher.

Der Frachtbahnhof

Nach einiger Zeit erreichten sie eine endlos erscheinende Halle. Eine Mischung aus Maschinen und Grünanlagen säumten alle Wände, die Denise erblickte. Tausende von Kybeiern flitzten umher.

»Aus den Pflanzen stellen sie Ressourcen her. Zur weiteren Verarbeitung«, erklärte der Haluter, der immer noch Daten aus den Speichern des Kybeis abzurufen schien. »Wofür genau kann ich noch nicht sagen. Ich bekomme über den Roboter keine Verbindung zu anderen, geschweige denn zum Zentralleitsystem.«

Ihr Führer schwebte in Richtung einiger gebäudeartiger Strukturen. Erst jetzt erkannte Joorn, dass diese zu einer Art Frachtbahnhof gehörten.

»Wir müssen wohl oder übel als blinde Passagiere mitfahren. Laut den Daten des Kybeis ist es die schnellste Möglichkeit, die es uns anbieten kann. Einfach durch einen Teleporter zu gehen und in der Zentrale zu erscheinen, funktioniert nicht, da wir dazu nicht berechtigt sind.«

Denise betrachtete die unterschiedlichen Arten von riesigen rötlichen Containern. Schwerelos schwebten sie einen halben Meter über dem metallenen Boden. Icho näherte sich einem der Container und drang durch eine Öffnung ein.

»Dieser und der rechts von euch brechen in etwas mehr als einer Stunde auf. Beide haben als Ziel eine Sektion nahe der Zentrale. Leider müssen wir uns auf beide aufteilen, da wir nicht alle in einen Container passen«, erklärte er den anderen, während er wieder zu ihnen zurückkehrte.

»Sollten wir wider Erwarten getrennt werden, werde ich euch zur Sicherheit den Konstruktionsplan in eure Syntrons übertragen. So könnt ihr euch notfalls euren eigenen Weg suchen.«

»Wie lange wird diese Zugfahrt dauern?«, wollte Atlan wissen.

»Es wird eng werden. Wir erreichen die besagte Sektion etwa zehn Minuten bevor sich das von Eorthor prognostizierte Zeitfenster schließt.«

Der mächtige Cyborg

Auf den Holos war zu erkennen, wie die HOR-ATEP Fahrt aufnahm und der SMIS folgte. Keines der Schiffe hatte das Beiboot der SSUKSS orten können. General Fykkar hatte es inzwischen verlassen und schwebte an das Loch heran, welches Osiris’ Schiff in die Station geschossen hatte.

Kleine eiförmige Roboter waren dabei, den Schaden zu beheben. Der Cyborg richtete seinen rechten Arm auf das Prallfeld, das die Baustelle gegen das Vakuum absicherte und löste seine Thermowaffe aus. Der Schutzschild löste sich auf. Die entweichende Luft riss die Wartungsroboter ins All. Fykkar fing einen lässig mit seiner Linken auf und zerquetschte ihn ohne allzu große Anstrengung. Etwas Besseres, als mit der Technik MODRORS aufgerüstet worden zu sein, hätte ihm nicht passieren können.

Belustigt sah er zu, wie die Eier das Feuer auf ihn eröffneten. Die Strahlen verpufften wirkungslos in seinem Körperschutzschirm. Vier schoss er ab. Dann verlor er die Lust daran und drang in die Station ein. Die Roboter stellten den Beschuss ein und machten sich wieder an der Schadstelle zu schaffen.

Fykkar sah sich um und überlegte, wie er den Arkoniden am schnellsten finden konnte.

*

Die Container setzten sich in Bewegung. Von der Beschleunigung merkte man jedoch nichts. Anscheinend war Antigravitation vorhanden, die dies verhinderte, vermutete Denise Joorn.

Sie hatte es sich am seitlichen Ausgang bequem gemacht und bestaunte die Aussicht, welche an ihr vorbeizog. Eine Art Symbiose von Pflanzen mit Maschinen. Groß angelegte Parks inmitten fremdartiger Maschinenblöcke. Abertausende dieser Kybeier schwirrten umher. Aber auch größere Roboter verschiedenster Bauart gingen Arbeiten nach. Ein tellerähnliches Objekt von mehreren Metern Durchmesser verströmte Dämpfe. Ein Dutzend Kastenförmige hoben und senkten sich vom Boden, ohne dass die Olymperin einen Grund dafür erkennen konnte. Ein gigantischer Roboter schwebte neben den Containern her. Zwei große Halbkugeln standen still und bewegungslos über bläulichen, großen Bäumen.

»Und, wie sieht es aus?«, fragte Atlan, während er sich neben Denise setzte. »Was hältst du von diesem biotropischen Maschinenpark?«

Joorn grinste ihn an. »Äußerst interessant. Diese Ästhetik. Die Hektik und dennoch diese Ruhe. Ich würde am liebsten aussteigen und mir alles genauer ansehen. Kaum zu glauben, dass die Nesjorianer ausgestorben sind. Bei diesem Treiben dort draußen!«

Atlan lachte.

»Ja, das ist oft so bei Robotern. Die machen stur weiter und weiter, bis ihnen der Saft ausgeht. Weißt du was? Wenn wir die Station für uns gewonnen haben, kannst du dich umsehen, so oft und solange du willst. Aber zuvor müssen wir rechtzeitig die Zentrale erreichen.«

Denise sah gedankenverloren hinaus. Ja, erst mussten sie das Ganze in Besitz nehmen. Dann konnte sie sich nach Herzenslust austoben. Hier gab es sicher sehr viel zu erforschen. Eine Millionen Jahre alte, planetengroße Station. Vielleicht fand sie heraus, was damals wirklich mit der Flotte geschah.

Plötzlich hörte sie Atlan aufschreien. Sein Serun aktivierte den Körperschirm. Ihrer entstand fast zur gleichen Zeit. Verwirrt versucht sie, die Gefahr zu erkennen, folgte Atlans Blick.

Der gigantische Nesjorianer, welcher neben ihnen hergeschwebt war, hatte seine Arme in ihre Richtung gestreckt. Dann wurde es hell.

Geblendet schloss Denise die Augen. Der Container wurde wie von einem durchsichtigen großen Vorschlaghammer getroffen. Die Antigravs des Zuges versagten. Alles wurde durchgerüttelt. Plötzlich wurde es finster und der Container beruhigte sich wieder. Denise wurde klar, dass sie sich jetzt in einem Tunnel befanden.

Sie waren gerettet. Der Tunnel war zu eng für diesen Riesen.

»Er hat uns verfehlt!«, rief sie erleichtert.

»Uns schon«, antwortete Alaska, »aber Ichos Container nicht! Der ist weg!«

*

Der Haluter hatte den großen Roboter schon in Verdacht gehabt, als dieser erschienen und neben den Containern hergeflogen war. Und offensichtlich hatte er sich nicht geirrt. Als der Roboter auf ihn zielte, warf sich Icho aus dem vermeintlichen Schussfeld durch die Rückwand des Containers. Getroffen wurde er dennoch. Der Schutzschirm brach zusammen und der Rest des gegnerischen Beschusses prallte an seinem molekular verhärteten Körper ab. Er schlug am Boden auf, rollte sich ab, schlug einen länglichen Raupenroboter beiseite und rannte los. Hinter ihm zerriss es seinen Container. Ichos Ziel waren nun hohe, maschinenartige Quader in etwa zweihundert Metern Entfernung. Diese könnte er als Deckung nutzen. Im Zickzack laufend beschleunigte er auf über hundert Stundenkilometer. Ein baumstammdicker Energiestrahl, welcher knapp neben ihm einschlug, überzeugte ihn, dass der acht Meter große Kampfroboter hinter ihm her war. So waren wenigstens seine Freunde außer Gefahr und in relativer Sicherheit.

Er hatte die erste Deckung erreicht und zog seine Kombistrahler. Noch immer laufend drehte er sich nach hinten und wartete auf das Erscheinen des Widersachers. Diesen empfing er mit einer kompletten Ladung seiner Waffen.

Scheinbar unbeeindruckt erwiderte der Kybrob das Feuer. Icho Tolots Schirm hatte seine Arbeit wieder aufgenommen und hielt dieses Mal stand. Anscheinend setzte der Feind schwächere Waffen ein, um Schäden an der Umgebung im Rahmen zu halten. Der Haluter erreichte den nächsten Quader und brachte diesen zwischen sich und seinen Rivalen. Er umrundete den Maschinenblock. Plötzlich war er hinter dem Riesen und schickte ihm eine volle Salve in den Rücken. Der Kybrob bremste ab und wandte sich zu ihm um. Icho, der noch immer auf Höchstgeschwindigkeit war, rammte ihn, einem Geschoss gleich.

Die Schirme beider Kontrahenten neutralisierten sich gegenseitig und sie gingen zu Boden. Icho war jetzt auf dem Kybrob, hatte seine Waffen fallen lassen und hämmerte mit seinen Fäusten auf dessen Schädel ein. Der Roboter packte ihn und warf den Haluter von sich. Doch bevor er sich aufrichten konnte, war Tolot schon wieder oben auf und deformierte weiter den Kopf. Der Kybrob wälzte sich umher und versuchte, sich aus der misslichen Lage zu befreien, doch der Haluter war einfach nicht mehr abzuschütteln. Dann stellte der Roboter die Bewegungen ein. Icho Tolot hatte ihm sein zentrales Gehirn vom Kopf gerissen.

*

Noch zehn Minuten.

Die Container kamen zum Stillstand. Viel Zeit war vergangen. Funkkontakt zum Haluter hatten sie während der Fahrt nicht herstellen können. Atlan machte sich Sorgen um Icho. Er hoffte, dass dieser den Angriff überlebt hatte. Die drei befanden sich nun wieder in einer Art Frachtbahnhof. Sein Serun zeigte ihm den Weg an. Sie hatten noch zehn Minuten. Um keine Zeit zu verlieren, starteten alle die Antigravs und gaben Vollschub. Sie jagten einen hellen Gang entlang.

*

Noch sechs Minuten.

Vor einem Wartungsschacht machten sie halt. Alaska versuchte, das kleine Schott zu öffnen. Ihr investiert zu viel Zeit, mahnte der Extrasinn. Atlan gab ihm recht und forderte Alaska auf, beiseite zu treten. Dann eröffneten er und Denise das Feuer. Der Eingang war frei. Der Arkonide ging gebückt vor. Ihm folgte der Terraner. Die Olymperin kam zuletzt.

*

Noch vier Minuten.

Denise schrie. Atlan wandte sich um und sah den Grund. Kybeier! Denises Schutzschirm leuchtete unter dem Beschuss der Wartungsroboter auf. Sie erwiderte das Feuer.

»Weiter!«, befahl Atlan. »Lasst euch nicht davon aufhalten!«

Sie kamen in einen Verteilerschacht. In zehn verschiedene Richtungen ging es weiter. Atlan musste nach oben. Als er aufstieg, sah er, dass nun auch aus den anderen Schächten Kybeier erschienen. Alaska und Denise wurden von ihm abgedrängt.

*

Noch zwei Minuten.

Der Arkonide hielt inne.

»Mach dir um uns keine Sorgen, Atlan! Schau, dass du weiter kommst!«, hörte er Alaskas Stimme über Funk. »Wir werden allein mit denen fertig!«

Kurz überlegte er, ob er nicht doch seinen Freunden helfen sollte. Doch sein Extrasinn war anderer Meinung.

Wenn du nicht rechtzeitig die Zentrale erreichst, werden die Kybeier deine geringste Sorge sein.

Schnell beschleunigte er wieder. Über ihm befand sich erneut ein Schott. Atlan beschoss es noch während er darauf zu flog. Dann krachte er durch weißglühende Metallfläche. Sein Schutzschirm besorgte den Rest. Der Serun gab Alarm.

Überlastung!

*

Noch eine Minute.

Nun befand er sich in einem der größeren Gänge, vor dem Eingang zur Zentrale. Wieder erschienen Kybeier und feuerten ohne Vorwarnung. Atlan dankte den Göttern Arkons, dass er es mit Wartungsrobotern zu tun hatte und nicht mit Kampfdroiden. Die Kybeier konnten ihm erst im Dutzend gefährlich werden. Allerdings würden sie diese Anzahl demnächst erreichen! Es musste Millionen von ihnen in NESJOR geben. Er flog los, immer die Zentrale als Ziel.

Der Serun meldete eine Schirmüberlastung von knapp hundertdreißig Prozent. Noch ein paar Sekunden und der Schirm würde zusammenbrechen. Dann war er in der Zentrale. Die Kybeier stellten von einem Moment zum anderen den Beschuss ein. Atlan bremste ab, setzte auf dem Boden auf.

Momente später wurde er von einem Fesselfeld erfasst und zu Boden gerissen. Die Zeit war abgelaufen. NESJOR hatte die Kontrolle wieder.

Zu spät, hörte er seinen Extrasinn sagen. Wir haben verloren. »Für solch geistreiche Bemerkungen hat man einen Logiksektor«, stieß der Arkonide zwischen den Zähnen hervor, während er sich mit aller Kraft gegen das Fesselfeld wehrte und schließlich aufgab.

Großer Bruder

Die Flucht in unbekanntes Terrain war die einzige Möglichkeit. Die Kybeier trieben sie vor sich her. Dann war der Schacht zu Ende. Sackgasse. Denise schaltete ihren Schirm mit dem Alaskas zusammen. Dadurch würden sie bis zum Unvermeidlichen etwas Zeit gewinnen.

Die Kybeier waren jetzt überall. Das andere Ende des Schachtes war optisch nicht mehr auszumachen. Pausenlos feuerten beide Parteien aufeinander. Unzählige Kybeier brachen zusammen. Unzählige neue Geräte kamen nach. Die Seruns der beiden meldeten die Überlastung ihrer Schirme.

Denise begriff, dass dies das Ende war. Sie würde in wenigen Augenblicken sterben. Die Olymperin warf einen letzten Blick auf Alaska. Kam da noch was?

Auf einmal stellte die Gegenseite das Feuer ein. Verwundert wartete Joorn auf das Folgende. Dann begriff sie.

»Atlan!«, rief sie erleichtert. »Er hat es geschafft.«

Die Kybeier, inzwischen waren sie nicht mehr zu zählen, wichen zur Seite und machten einer zwanzig Mal größeren Ausführung ihrer selbst Platz.

»Nein«, widersprach Alaska bitter. Er eröffnete aufs Neue das Feuer. »Sie haben nur ihren großen Bruder zur Party eingeladen!«

Viele Mäuse sind der Katze Tod

Fykkar war es leid, auf diese Wartungsroboter zu schießen. Aber sie hatten ihm den Kampf angesagt. Noch immer hatte er Atlan nicht gefunden. Inzwischen sah er ein, wie aussichtslos sein Suchen war. Immerhin hatte diese Station die Größe eines Planeten. Und er hatte es nicht geschafft, sich in die Datenströme einzuhacken. Zu unterschiedlich war seine Technologie zu der der Station.

Sein Blick fiel auf eine Stelle im Gang. Dort befanden sich besonders viele dieser Störenfriede. Wollten sie etwa verhindern, dass er dieser Nische zu nahe kam? Sollte er etwas Wichtiges nicht sehen?

Dummköpfe! Obwohl sie immer noch ununterbrochen auf ihn schossen, belasteten sie seinen Schutzschirm kaum. So schwebte er in die Nische, die Kybeier schob er einfach beiseite. Diejenigen, die sich ihm zu lange entgegenstellten, wurden von seinem Schirm desintegriert.

Ohne sich weiter um die Störenfriede zu kümmern, musterte er das duschkopfartige Gerät über ihm.

Dann wurde es hell. Ein Energiestoß ungeahnten Ausmaßes fuhr durch seinen Körper. Alle Systeme versagten. Unermesslicher Schmerz erreichte sein Gehirn. Ihm wurde bewusst, dass sein Körper brannte. Dann wurde es dunkel. Er verlor das Bewusstsein.

*

Wie lange Fykkar ohne Bewusstsein gewesen war, wusste er nicht. Als er wieder zu sich kam, hatte er keinen Zugriff mehr auf seine Cyborgteile. Gerade mal das Notprogramm, das ihn am Leben hielt, schien noch zu funktionieren. Er versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war. Die Kybeier hatten ihm eine Falle gestellt, und er war voll hineingetappt. Das wurde ihm jetzt bewusst. Irgendwas hatte ihn erwischt. Etwas, das seinen Schutzschirm mühelos durchschlagen hatte. Und ihn geröstet. Jetzt war er blind, hatte keinen Zugriff auf das Augenoptiksystem.

Er versuchte, den Kopf zu bewegen. Aber ohne die Unterstützung der Cyborgsysteme war das Exoskelett seines Körpers zu schwer, um das allein zu schaffen. Verzweiflung stieg in ihm auf. Dann spürte er einen Impuls. Er hatte wieder Zugriff auf die Diagnose. Er war schwer beschädigt worden und Nanos hatten die Arbeit aufgenommen, um ihn wieder flott zu bekommen. Eine Art Hochgefühl erfüllte ihn.

Bald würde er sich wieder aufrichten können und dann konnten diese verdammten Robots was erleben! Er würde sich einen nach dem anderen holen und mit Freuden auslöschen. Alles, was er brauchte, war etwas Zeit und Ruhe, um zu regenerieren. Aber dazu musste er erst einmal wissen, wie es in seiner Umgebung aussah. Fykkar bekam Zugriff auf sein rechtes künstliches Auge. Anfangs nahm er verschwommen wahr, dann stellte sich die Optik scharf. Er lag auf der Seite, mit dem Gesicht an eine Wand gelehnt.

Sein Gehirn empfing neue Informationen. Er hatte jetzt begrenzten Zugriff auf den Bewegungsapparat. Fykkar befahl den Systemen, sich von der Wand wegzudrehen. Erst beim dritten Versuch kam der mächtige Cyborgkörper in Bewegung. Er kippte in die Rückenlage. Der General Fykkar konnte sich ein Bild von der Umgebung machen und sah …

*

A3451 an Sicherungseinheit A3482:

Objekt war 5,345 Sekunden Energieentladung von Gigatronenergiespeicher 13 und 35 ausgesetzt. Objekt scheint schwer beschädigt. Orte schwache energetische Impulse. Erwarte weitere Anweisungen.

Sicherungseinheit A3482 an A3451:

Desintegratorstrahler einsetzen. Erwarte Bestätigung.

A3451 an Sicherungseinheit A3482:

Desintegratorbeschuss beginnt. Insektoider Cyborg terminiert.

^

8.

Die Berechtigung

Das Fesselfeld erlosch. Schlagartig konnte sich Atlan wieder bewegen. Eine Stimme in der Sprache der Kosmokraten erfüllte die Luft: »Willkommen, Ritter der Tiefe! NESJOR unterstellt sich aufgrund der Notlage deinem Befehl.«

Atlan kam auf die Füße.

»Ich befehle dir, sofort alle Angriffe auf Fremdpersonen einzustellen, die sich in dieser Station befinden und sie als freundlich einzustufen!«

»Verstanden!«

»Von welcher Notlage sprichst du?«

»Vor 198.533.456 Zeitzyklen wurde von einem Wesen, welches sich als Gesandter der Kosmokraten ausgegeben hatte, versucht, in die Kybbefehlskette einzugreifen. Nach Sicherheitsprotokoll 18/6 wurde ein Selbstzerstörungssignal ausgesandt, welches dafür sorgte, dass alle Nesjorianer unwiderruflich den Betrieb einstellten. Die Flotte schaltete auf Autopilot um und dockte bis auf ein Schiff in NESJOR an. Es gelang zwar dem Hochstapler, NESJOR zu diesem Sektor zu bringen, doch es gelang der Station danach, die Sicherheitsschaltungen zu aktivieren und ihn zum Rückzug zu zwingen. Seitdem warten wir auf weitere Instruktionen.«

Das Schiff, welches im Xamour-System zurückblieb, um es zu bewachen!, meldete sich sein Extrasinn.

»Sorge dafür, dass alle, die mit mir kamen, den Weg hierher finden.«

Der Arkonide erinnerte sich wieder an Eorthors Warnung.

»Und zeig mir die hiesige Galaxie«, verlangte er und sah zufrieden, wie ein übersichtliches Holo vor ihm erschien.

Dank seines fotografischen Gedächtnisses fand der Arkonide das Salo-System wieder.

»Wir werden das Kreuz der Galaxien verlassen. Wie lange wird es dauern, bis NESJOR zu diesem Rand des Seitenarmes, zu genau diesem System aufbrechen kann?«

»Die Station ist jederzeit bereit, um aufzubrechen. Alle Systeme arbeiten innerhalb der Norm.«

»Na dann! Notstart! Setz die NESJOR in Bewegung!«

Ankunft im Salo-System

Als Eorthor das Salo-System erreichte, ortete die SMIS 1.900 alyskische Schiffe. In ihnen befanden sich knapp 1.200.000 Alysker. Das war der Rest seines unsterblichen Volkes. Die letzten Alysker.

Zufrieden schickte er über ein weit verteiltes, getarntes Satellitennetz einen Funkimpuls aus. Jedes Alyskerschiff in den vier Galaxien konnte ihn empfangen. Jeder Alysker wusste nun anhand der übermittelten Daten, dass sich alle Mitglieder des Volkes schnellstmöglich im Salo-System einzufinden hatten. Notfallpläne dieser Art hatten die Alysker schon vor Jahrtausenden ausgearbeitet. Eigentlich war Eorthors Signal nur eine Zugabe. Jeder Alysker kannte diesen Sammelpunkt sowieso.

Natürlich würden MODRORS Schergen den Funkimpuls auch erhalten, doch sie würden zu lange brauchen, um ihn deuten zu können. Kurze Zeit würde man sie aufhalten können: Das Salo-System war im Geheimen zu einer wahren Festung ausgebaut worden. Tausende von Raumforts, mit den neuesten Waffen bestückt, sicherten die Systemgrenzen. Das Restrisiko war dem Alysker egal. Er und die letzten seines Volkes würden nicht lange hier bleiben.

Die HOR-ATEP erschien in sicherer Entfernung und Osiris bat, an Bord kommen zu können. Eorthor genehmigte es dem Kemeten.

Schneller Aufbruch

Die NESJOR fiel mitten im Salo-System aus dem Hyperraum. Bevor Eorthor reagieren konnte, hatten die Raumforts das Feuer eröffnet. Die riesenhafte Raumstation antworte ebenso schnell. Innerhalb kürzester Zeit existierten Hunderte der Raumforts nicht mehr. Dann stellten beide Parteien das Feuer ein.

Atlan nahm Kontakt mit der SMIS auf.

»Ich würde sagen, wir haben unsere Flotten nicht ganz unter Kontrolle! Hoffentlich ist niemand zu Schaden gekommen?«

»Sei beruhigt, sind alles automatisch gesteuerte Anlagen. Habe nicht damit gerechnet, dass ihr es noch hinbekommt! Wir haben nicht viel Zeit!«

»Wieso? Was ist passiert?«

»Wir müssen hier alle verschwinden und zwar so schnell wie möglich!«

»Wir haben diese NESJOR, soweit es bisher möglich war, unter Kontrolle!«

»Keine Zeit für lange Erklärungen, nur so viel: Das Kreuz der Galaxien mitsamt der feindlichen Flotte steht vor dem Untergang. Ein Prozess ist in Gang gesetzt, denn nicht einmal ich mehr stoppen kann.

Wir müssen umgehend mit der Kampfstation und den alyskischen Einheiten, den letzten Überlebenden meines Volkes, das Kreuz der Galaxien verlassen, sonst sterben wir auch.«

Atlan wurde blass und nickte nur noch langsam.

»Gut. Verstanden! Verlassen wir diese Gegend und bringen uns in Sicherheit.«

In rasender Eile wurden die verbliebenen Alyskerschiffe in den Hangars von NESJOR untergebracht. Als die HOR-ATEP andockte, bat Osiris Atlan, in die Galaxis Manjardon zu fliegen, um dort mit DORGON in Kontakt zu treten. Der Arkonide stimmte zu. Es wurde wahrlich Zeit, mit DORGON zu sprechen.

Kurze Zeit später nahmen die SMIS und NESJOR Geschwindigkeit auf und verschwanden zusammen im Hyperraum. Keine Sekunde zu früh.

Das ultimative Inferno

Da kam er.

Der Augenblick, der alles unwiderruflich veränderte.

Das All tobte. Es verwandelte sich in ein Lebewesen ungeheuren Ausmaßes. Ein Betrachter musste den Eindruck bekommen, dass der Raum selbst begann, tief Luft zu holen. Lautlos. Dann schien es, als würde der atmende Raum versuchen, eine kompaktere Version von sich selbst zu erzeugen.

Eine riesige saugende Ballung entstand, die alles Seiende an sich riss, gewaltig und keinen Protest duldend. Alle Materie wurde in unmessbarer Schnelligkeit zu einem einzigen Punkt gezogen. Die Zeit teilte ihr Schicksal. Es gab nichts, was nur den Hauch von Gegenwehr atmen könnte.

Schockwellen entstanden, die überlichtschnell durch den Raum schnitten und in den Randsystemen angrenzender Galaxien alles zerstörten. Himmelskörper glitten aus ihren Umlaufbahnen, Lebensräume verwehten im Nichts.

Unzählige Leben erloschen, denn eine Galaxis hörte auf zu existieren. Es blieb keine messbare Spur. Die Gravitation überbrückte die Distanzen, die zwischen den benachbarten Sternansammlungen bestand, und setzte ihr zerstörerisches Werk ohne messbaren Geschwindigkeitsverlust fort.

Ungezählte Raumschiffe wurden aus ihrer Bahn gewischt, und ihre Mannschaften stellten mit Entsetzen fest, dass ihre Vernichtung bevorstand. Dann gingen sie in Lichtblitzen auf.

Unmessbar viele Planeten zerbarsten zu Staubwolken, die ins Zentrum der Apokalypse jagten. Die Gravitationswerte innerhalb des Zerstörungsbereiches nahmen Ausmaße an, die jenseits jeder Messung und jedes begreifbaren Ausmaßes lagen.

Eine weitere der vier Galaxien begann, sich aufzulösen und ihren Weg in Richtung der zentralen Destruktion zu suchen. Als zerrissener Ballen von Raumzeit sah sie aus wie eine Gummidecke, die in die Länge gezogen wurde. Ein Albtraum nahm immer größere Formen an. Dann war mit einem Mal Schluss. Das Monster machte eine Pause, musste Luft holen.

Im Kern der Vernichtung hatte eine unförmige Kugel Gestalt angenommen. Die angezogene Materie war mit Titanengewalt komprimiert worden, und die entstandene Energie suchte einen Ausweg. Trotz der unglaublich hohen Dichte des Klumpens pflanzten sich Schockwellen fort und verstärkten sich, wann immer sie aufeinander trafen.

*

Und dann entstand die ultimative Singularität, etwas, das es normalerweise innerhalb der Raumzeit gar nicht geben durfte: ein schwarzes Loch der Superlative. Die im Einsteinraum eingerollten Dimensionen entfalteten sich, Zeit und Raum hörten auf zu bestehen. Für einen unendlich kurzen Augenblick – oder war er unendlich lang? – entartete die Materie zu einem Zustand, der den Urknall widerspiegelte. Danach entfaltete sich die Singularität schlagartig wieder mit millionenfacher Lichtgeschwindigkeit. Innerhalb des Gebildes spielte dies keine Rolle – Zeit und Raum waren noch nicht entstanden.

Der Explosionsdruck trieb kataklastische Energiewolken auseinander, so dass sie wie eine Wand aus dem Feuer der Schöpfung wirkten. Durch die Bombe des Alyskers wiederholte sich der Akt der Geburt des Universums.

Schließlich begannen die Materiewolken, abzukühlen und, den Gesetzen der Schwerkraft folgend, sich zusammenzuballen. Zeit und Raum traten wieder ihre Herrschaft an. Die Folgen waren nicht absehbar. An der Stelle des Kreuzes der Galaxien befanden sich riesige Materiewolken, die sich bereits zu neuen Strukturen zusammenballten. Von außen hatte es nach wie vor den Anschein, als ob die Prozesse entgegen jedes bekannten Naturgesetzes mit Überlichtgeschwindigkeit oder außerhalb der Raumzeit abliefen. Man konnte ihnen zusehen.

*

Atlan starrte entsetzt auf das Szenario. Das Kreuz der Galaxien war in einem unvorstellbar schnell ablaufenden Inferno untergegangen. Die Kampfstation NESJOR stand achthunderttausend Lichtjahre von dem ehemaligen Standort der vier Galaxien entfernt, und doch wähnte sich Atlan noch nicht wirklich in Sicherheit.

Er gab sofort den Befehl, erneut in den Hyperraum zu gehen. Er wollte nur noch weg und zwar so weit wie möglich. Was war geschehen? Was hatte diese Apokalypse ausgelöst? Nur Eorthor kannte die Antwort, doch der Alysker schwieg.

Eines Tages würde Atlan es herausfinden, das schwor er sich.

Nun galt es, in die Galaxis Manjardon aufzubrechen, in der sie DORGON treffen würden. Osiris hatte den Arkoniden gewarnt, denn es ging dem Kosmotarchen nicht gut. Es wäre auch zu viel verlangt gewesen, wenn die Strapazen nun ein Ende gehabt hätten.

Atlan warf einen letzten Blick auf das ehemalige Kreuz der Galaxien, die Stelle, an der soeben Billiarden Lebewesen den Tod gefunden hatten.

Unzählige, korrigierte Atlans Extrasinn kalt. Unvorstellbar viele.

Alles Leben in diesem Abschnitt des Kosmos hatte aufgehört zu existieren. Auch die Feinde waren geschlagen, aber das Schicksal aller Parteien war grausam gewesen. Es war eine unvorstellbare Zahl unschuldiger Opfer in diesem sinnlosen kosmischen Krieg.

Atlan wandte sich mit Schaudern ab.

^

Epilog: Der neue Schüler

Siehst du, Roggle. Nicht wir sind die Bösen. Die Alysker und ihre Freunde sind es! Sie haben dein Volk ausgelöscht und jetzt auch noch gleich vier Galaxien auf einen Streich! Ich habe dich telepathisch mitlauschen lassen bei dem Gespräch mit Eorthor.

Der Vorjul Roggle am Berg Vorjul von John Buurman
Der Vorjul Roggle am Berg Vorjul © John Buurman

Er hat die Bombe gelegt! Nicht ich!

Denk an all die unzähligen armen Lebewesen, denen soeben das Lebenslicht gelöscht würde. Findest du, DORGON ist gut zu denen? Wie kann DORGON gut sein, wenn seine Vertreter zu so etwas fähig sind. Trauere nicht, mein Kleiner. Jetzt bin ich da. Ich, Rodrom, werde dich vor Eorthor, Alaska und den anderen beschützen. Doch du musst noch viel lernen! Ich werde dir alles beibringen, was nötig ist! Bald wirst du verstehen. Und verrate niemandem, dass ich mit dir telepathischen Kontakt herstellen kann! Sie würden dich sicher bestrafen, sie würden dich meinem Schutz entziehen! Komm setz dich und lausche meinen Worten! Ich sage dir die Wahrheit. Die einzige Wahrheit! Hör zu …

Ende

Das Kreuz der Galaxien existiert nicht mehr. Eorthor hat den Tod von zahllosen Lebewesen in Kauf genommen, um MODRORS gewaltige Armada zu vernichten.
Im nächsten Roman schildert Aki Alexandra Nofftz die Ereignisse in

Manjardon

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DORGON-Kommentar

Bemerkungen zum Lektorat des Romans

Die Überarbeitung des alten DORGON-Bestands geht mit dem Rideryon-Zyklus in seine letzte Phase. Große Abschnitte werden zusammengefasst, gekürzt, erweitert, neu geschrieben, umgeschrieben, und die Planung für die Fortführung läuft. DORGON soll leben.

In den Jahren zwischen dem Erstellen der Ursprungstexte und ihrer Veröffentlichung in der Special Edition ist mehr als Zeit vergangen. Das Fandom hat sich verändert, das Internet – dem PROC in besonderer Weise verbunden ist – hat sich verändert. Und bei DORGON hat sich das Team verändert. Mit Band 76 begann ich mit dem Redigieren, damals vor allem in Kontakt mit Nils. Sobald die eigenständige Zusammenarbeit mit dem ebenfalls neu hinzugekommenen René Spreer ins Laufen kam, entwickelte sich eine sehr spezielle Eigendynamik. Eigentlich empfinde ich unsere Triade als das perfekte Team, wir ergänzen uns in natürlicher Weise und mit intuitiver Sicherheit.

Mit Roman Schleifers »Schwarze Seele« entstand zum ersten Mal eine Situation, in welcher der Autor aktiv am Aktualisieren der Serie beteiligt war, denn Roman verwendete seine Ursprungsversion, um die ehrgeizige Version eines kaum mit der Serie verbundenen Psychothrillers umzusetzen. Das war ein für beide Seiten sehr interessanter Austausch. Den Workflow fuhr es erst mal gegen die Wand, doch daraus haben wir viel gelernt.

Nun liegt die 102 vor, ein typisches Exemplar alten Textbestandes, mit interessanten Oszillationen, die den Unterschied zwischen dem ungeübten Fanautor, der aus Herzblut schreibt, und einem geübten Autor, der auf die professionelle Veröffentlichung hinarbeitet, überdeutlich aufzeigten.

Worum geht es beim Redigieren solcher Texte? Nun, es gilt, die so sehr besondere Eigenart der über zwei Jahrzehnte gewachsenen Fanserie DORGON in ein neues Zeitalter zu übertragen.

Dafür war die 102 ein sehr ergiebiges Übungsfeld.

Ein Arbeitsfeld besonderer Art ist die Textbindung – Nils schrieb der 102 einen neuen Prolog, der die Teile des Romans verankerte. Die Ausgestaltung der Szenen weist ein hohes Maß an Gewalt auf. Dies dient der Anbindung an den Vorgängerroman. Dort war der Werdegang Rakiyats zu Rodrom die Pointe, die nicht verraten werden sollte. Hier ist sie die Ausgangsbasis.

Mit der 102 tritt also nicht nur der Rideryon-Zyklus, sondern auch die Vorgehensweise von DORGON in eine neue Phase. Ein Einzelroman, in dem der Autor seinen ganz persönlichen Schwerpunkt verwirklicht, wird ins Ganze eingebunden. Der noch unreife Triebtäter hat die Welt, auf der er sich entfaltete, zerschmettert. Nun wird er kosmisch, tötet Alysker, tötet Abgesandte von Kosmokraten. Nun wird Rodrom der, als den wir ihn in früheren Bänden kennenlernten, ohne ihn voll zu verstehen. Alles im Zeichen des großen Ganzen …

Was diese Entfaltung für Cauthon Despair bedeutet, für Cau Thon, MODROR und das Quarterium einerseits, für Nistant und das Rideryon andererseits, das werden wir sehen. Die auf mich erst mal eigentümlich wirkende Sexualisierung der handlungstragenden Elemente durch das Auftreten der Hexen und Entropen hat durch diese rückwirkend gültige Motivierung der blutigrot flammenden Hauptfigur Rodrom jedenfalls einen Sinn erhalten.

Das erneute Auftreten des Quarteriums mit seinen vertrauten Bösen und Guten in all jenen Schattierungen, die DORGON prägen, zielt in die gleiche Richtung. Insofern sehe ich mit großem Interesse in die Zukunft und freue mich darauf, was unser Nils ausbrütet und was die anderen Beteiligten, die ich inzwischen teilweise kennengelernt habe, sich noch einfallen ließen.

In diesem Sinne zu den alten Quellen und dem lebenden Strom, ad profundis, ad astra und am besten beides zugleich.

Alexandra Trinley

*

MODROR hat eine schwere Niederlage erlitten, seine riesige Flotte ist vernichtet. Doch um welchen Preis? Das Kreuz der Galaxien ist vernichtet, in einer Wiederholung des Urknalls untergegangen.

Billionen und Aberbillionen von Lebewesen sind in einem Sekundenbruchteil im Gluthauch der Ewigkeit vergangen. Es ist zu vermuten, dass dieser Akt der Barbarei gegen die Gesetze des Kosmos nicht ohne Folgen bleiben wird. Die Frage wird nur sein, wer wird diese Folgen tragen müssen? Werden es der Verursacher, der Alysker Eorthor, und die begünstigten Galaktiker sein oder – und das ist, was ich hoffe – erkennen die übergeordneten Mächte, dass die eigentliche Ursache für diese Barbarei in der mörderischen Expansionspolitik MODRORS und seiner Vasallen liegt? Die Zukunft wird hierauf eine Antwort geben.

Als »positives« Ergebnis bleibt jedoch festzuhalten, dass Eorthor der LFT und ihren Verbündeten in der Lokalen Gruppe durch die Vernichtung von MODRORS Flotte eine Chance eröffnet hat.

Und damit komme ich zu einem anderen Thema: Atlan. So langsam glaube ich, dass auch der »alte Arkonide« senil zu werden beginnt oder die »Gutmenschen« um Perry & Co. endgültig auf ihn abgefärbt haben. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass selbst er auf Roggle hereinfällt: Der letzte Vorjul als Bewacher von MODRORS Alter Ego – welch geniale Entscheidung. Der »alte Lordadmiral« hätte wohl jeden für diesen Geniestreich mit Schimpf und Schande (und ohne Pensionsansprüche!) aus der USO ausgeschlossen.

Jürgen Freier

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GLOSSAR

Skurit-Soldaten

Mit Skurit-Soldaten sind die geheimnisvollen Skelettsoldaten MODRORS gemeint. Sie tragen eine Rüstung, die dem Skelett eines Humanoiden gleicht.

Die Skurits sind eigentlich Zievohnen, die jedoch genetisch konditioniert und umgewandelt wurden. Die organische Materie ist quasi mit der Rüstung verschmolzen und der Skurit ist somit ein biomechanisches Wesen. Zudem ist er mental konditioniert worden, so dass er bedingungslosen Gehorsam leistet.

Die Skurits, jährlich werden zwei Millionen neue aus dem Volk der Zievohnen rekrutiert, sind primitive Fußsoldaten und Piloten. Sie erfüllen jedoch ihre Aufgabe bedingungslos und ohne zu fragen. Das – und ihr brutales Vorgehen – zeichnet sie für MODROR aus.

Shul’Vedek

Geburtsjahr: ca. 1211 NGZ

Geburtsort: Larsaar, Barym

Größe: 1,99 Meter

Gewicht: 103 kg

Augenfarbe: gelb

Bemerkungen: Vertreter des Volkes der Larsaar, hochintelligent, listig, machthungrig, treuer Anhänger MODRORS, hervorragender General


Shul’Vedek ist ein kompromissloser Soldat, für den nur der Sieg zählt. Er ist ein Günstling von Ghul’Adar und verrichtet seine Aufgaben hervorragend. Vedeks Flotten sind gefürchtet und es ist seine Hauptaufgabe, die Barymrebellen zu vernichten.

Dabei stößt Vedek 1297/1298 NGZ auf die NIMH und beginnt eine Jagd auf das terranische Explorerraumschiff. Dank Vedek werden die Rebellen völlig aufgerieben und er steht als militärischer Held da.

Er leitet die barymischen Einheiten bei der Invasion in die Milchstraße im HELL-Sektor. Shul’Vedek gehört zu den wenigen Überlebenden der Niederlage, da sein Verband weit verstreut gewesen und so nicht in die Falle der Kemeten gegangen ist.

1307 NGZ ist Vedek Oberbefehlshaber der zweiten Invasionsflotte, welche sich im Kreuz der Galaxien sammelt.

General Fykkar

Geburtsjahr: unbekannt

Größe: 2,39 Meter

Gewicht: 210 kg

Bemerkungen: Sieht aus wie eine humanoide Hornisse. Brutal, ehrgeizig, herrisch. Von sich und seiner Rasse überzeugt.


General Fykkar ist einer der führenden Militärs von Insektoidia. Er tritt das erste Mal bei der Gefangennahme von Alaska Saedelaere im »Grünen Universum« in Erscheinung und sieht in dem Hautträger eine Gefahr. Fykkar ist Patriot und Soldat durch und durch. Er würde alles tun, um seine Welt zu verteidigen. So jagt er Alaska Saedelaere, Denise Joorn, Leopold, Jaques de Funés und später auch Atlan und Icho Tolot bis nach Trokan. Er schließt sich Monos an und will Atlan töten. Als sich herausstellt, dass das »Grüne Universum«, die Herrschaft der Insektoiden und auch Monos nur eine potenzielle Zukunft als Prüfung für Atlan und seine Gefährten darstellt, ist Fykkar der einzige Überlebende dieser Pararealität, nachdem er sich auf dem Raumschiff von Atlan und seinen Gefährten eingeschlichen hatte.

So reist er mit ins Kreuz der Galaxien, wird jedoch im Kampf gegen Icho Tolot auf dem Planeten Cyragon schwer verletzt. Rodrom entdeckt ihn und stellt ihn unter die Obhut des Larsaargenerals Shul’Vedek, der Fykkar mit Cyborgelementen wieder zusammenflickt. Fykkar schwört Rache gegenüber Atlan und es gelingt ihm, sich unbemerkt auf die Kosmokratenstation NESJOR einzuschleichen, doch er wird von der Wachmannschaft angegriffen und stirbt dabei.

Vorjul

Vorjul ist die Bezeichnung für ein Zwergenvolk, deren Heimatplanet im Kreuz der Galaxien und der aus dem Volk entstandenen Superintelligenz VORJUL.


Die Rasse: Vorjul sind etwa 1 bis 1,30 Meter kleine Zwerge, dem Menschen nicht unähnlich, jedoch mit kantigen Gesichtszügen. Ein Vorjul erinnert an einen Kobold aus der terranischen Mythologie. Die Vorjul treten vor mehr als 2000 Jahren in Erscheinung, als sie im Kreuz der Galaxien entdeckt und von den Alyskern und Cyragonen als smarte Helfer benutzt werden. In Wirklichkeit stammen die Vorjul aus der Galaxis Barym und wurden von MODROR konditioniert, um eines Tages ihrem Meister zu dienen. Während eines Großangriffs von MODROR sabotieren die Vorjul wichtige technische Anlagen und leiten damit die Niederlage der Alysker und Cyragonen ein.


Die Superintelligenz: Zum Dank hilft MODROR den Vorjul, zu einer geistigen Entität zu werden. Er beschleunigt den geistigen Entwicklungsprozess innerhalb von 2000 Jahren, sodass sich VORJUL 1307 NGZ bereits im Vorstadium zu einer Superintelligenz befindet. Sämtliche Vorjul sind zwischenzeitlich in VORJUL aufgegangen – bis auf Roggle.


Der Planet: Ein feuchter, sumpfiger Dschungelplanet mit einem Durchmesser von 14.990 Kilometern, drei Kontinenten und einer Durchschnittstemperatur von 21 Grad Celsius. Es ist meist sehr regnerisch, schwül und warm auf Vorjul. Die Hauptstadt trägt den Namen Kattazza. Sie wird hauptsächlich von Talsonen, Skurit und anderen Völkern aus Barym bewohnt, die VORJUL mental unterworfen sind.


Das Schicksal der Vorjul bzw. der Superintelligenz VORJUL wird im Jahre 1307 NGZ besiegelt, als Eorthor mit einem Verstofflicher die Superintelligenz und deren Bewusstseine devolutioniert und ins Chaos stürzt. Eorthor sprengt den Planeten in die Luft, und da die Bewusstseine der Superintelligenz keinen Ankerpunkt mehr haben, verwehen sie im Hyperraum.

Talsonen

Die Talsonen, der Talsone, die Talsonin. Ein Volk aus dem sogenannten Kreuz der Galaxien. Talsonen sind zwischen 1,80 und 2,20 Meter große bärenartige, stark behaarte Wesen. Sie waren bis zum Untergang der alyskischen Herrschaft in die Völkergemeinschaft integriert, verrichteten zumeist aber niedere Aufgaben. Talsonen sind keine Strategen und Denker, mehr Wesen der Tat. Sie werden als Mechaniker, Bauarbeiter etc. eingesetzt. Auf ihrer Heimat leben Talsonen sehr umweltbewusst in Baumhäusern oder Höhlen. Es gibt wenig Technik auf Talsos, da die Talsonen die Natur lieben und schätzen.

Nach der Eroberung des Kreuzes der Galaxien durch MODROR vor gut 2500 Jahren wurden die Talsonen unterworfen und dienen nun den Besatzern (zumeist Völker aus Barym).

Kosmotarch

Der Begriff Kosmotarch ist neu in der Kosmologie und bildet eine neue Ebene im Zwiebelschalenmodell. Ein Kosmotarch ist eine Verbindung aus einem Kosmokraten und Chaotarchen. Es gibt nur zwei bekannte Vertreter von Kosmotarchen: Die vor 190 Millionen Jahren entstandenen DORGON und MODROR. Als Resultat eines Kosmischen Projektes, welches eigentlich eine neue Evolutionsebene erschaffen sollte, wurden zwei extreme Wesen geboren. DORGON besitzt nur die positiven Eigenschaften eines Kosmokraten und Chaotarchen, während MODROR alle negativen Eigenschaften von beiden Vertretern der Hohen Mächte in sich trägt. Ein Kosmotarch – obwohl er sich noch in der Entwicklungsphase befindet – ist mächtiger einzuschätzen als Kosmokrat und Chaotarch, doch es fehlen Vergleichsmöglichkeiten. DORGON ist stets passiv und friedlich, nutzt seine Macht nicht aus, während MODROR kriegerisch ist, jedoch nicht im Besitz seiner vollen Kräfte.

AMUN

AMUN ist ein uralter, mächtiger Kosmokrat. Er ist der Initiator des Kosmischen Projektes, um die Weiterentwicklung der Hohen Mächte voranzutreiben und um das Universum zu reformieren. AMUN verfolgt die Entwicklung des Kosmokraten SOLMATH und des Chaotarchen NACHJUL von Beginn an und ist besonders von NACHJUL begeistert. Er sieht in ihm eine Art Auserwählten, mit dessen Hilfe AMUN das Universum gänzlich verändern kann.

Doch sein Plan schlägt im Kosmischen Projekt fehl und AMUNS Schützling wird zum finsteren MODROR. Im Geheimen kann AMUN sogar auf MODROR einwirken, was jedoch kein anderer Kosmokrat weiß. Nach außen hin spielt AMUN die Rolle des braven Kosmokraten. Er ist es, der viele Millionen Jahre später das Volk der Kemeten auserwählt und Osiris protegiert.

Zwangsläufig lässt er Osiris und die Kemeten sogar gegen MODROR kämpfen und ist immer wieder gezwungen, einen Spagat zwischen den Mächten der Ordnung und dem rebellischen MODROR zu schlagen.

Was nun wirklich genau hinter den Phrasen der Reformierung des Universums steht, weiß niemand, doch AMUN scheint mit MODROR noch Großes vorzuhaben.

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