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Band 101

Rideryon-Zyklus

Schwarze Seele

Ein Alysker sucht seine Bestimmung

Roman Schleifer

Cover

It’s no fun ’til someone dies

Vicarious, TOOL

1.

Irgendwann in der Vergangenheit, Planet Alysk

»Da!«

Mit dem ausgestreckten Arm zeichnete Drace den Weg der Sternschnuppe nach, die auf ihrem Weg durch die nächtliche Atmosphäre einen dünnen Schweif hinter sich herzog. Einen Herzschlag lang blitzte sie auf und verglühte.

Unglaublich schön, dachte er und blickte seinen Sohn an. Rakiyat reagierte nicht auf das Naturschauspiel. Gelangweilt starrte er in den Nachthimmel, schien keine Faszination zu empfinden. Auch auf der Wanderung hatte er die Schönheit der alyskischen Bergwelt nicht gewürdigt. Er wirkte unbeteiligt, hatte weder den türkisfarbenen Bergsee betrachtet noch den erhebenden Blick vom Gipfelkreuz aus in das Tal mit einem Lächeln kommentiert. Nur als sie den jungen Wolf gefunden hatten, war er für einen Moment aufgeblüht und hatte so etwas wie Gefühle gezeigt.

Du kannst es ja doch, bist nicht so emotionslos, wie du dich immer darstellst!

Mit der für Rakiyat typischen stoischen Geduld hatten sie gewartet, bis der von der Mutter verlassene Wolf ihnen vertraute und sich streicheln ließ. Mit erstaunlicher Sanftheit waren die Hände seines Sohnes durch das graue, strubbelige Fell des Tieres geglitten. Sogar seine Stimme war weicher, fast schon zärtlich geworden.

Rirca und er sollten ihm ein Haustier schenken. Vielleicht war das der Schlüssel zu Rakiyats Seele?

Hoffnung keimte in ihm auf. Auch seine Frau würde sich freuen, dass Rakiyat doch Gefühle zeigen konnte.

Ich sehe dein Interesse, weiß, dass es in deinem Inneren brodelt. Warum kontrollierst du dich derart unnötig?

Nachdenklich strich Drace über das Gras der Waldlichtung, in der sie das Zelt aufgeschlagen hatten.

»Sieht das Firmament nicht friedlich aus?« Mit der Frage versuchte er, seinem zehnjährigen Sohn zumindest ein »Ja« oder »Nein« zu entlocken.

»Der Himmel lügt«, antwortete Rakiyat abweisend. »Er lullt uns ein, verschweigt all die Kämpfe, die seit Urzeiten im Kosmos geführt werden. Kämpfe, in die auch wir Alysker verstrickt waren und sind.«

Hinter ihnen zwischen den Bäumen knackste es. Ein rascher Blick auf den Umgebungsdetektor beruhigte Drace. Gefahr bestand erst, wenn das Display des Sensors von Violett auf Rot wechselte.

Drace drehte sich zu seinem Sohn. Er musste die seltene Chance auf ein Gespräch nutzen. »Ist das ein Vorwurf gegen dein eigenes Volk?«

»Wir hätten die technologischen Mittel, diesen kosmischen Irrsinn zu beenden. Aber was tun wir?« Rakiyat knackste mit den Fingerknöcheln. »Wir mischen aus Machtgier mit, weil wir uns beweisen wollen.«

Die Stimme seines Sohnes zeigte keine Wut. Es sollte wohl eine sachliche Analyse sein. Aber die Finger hatten ihn verraten. »Was würdest du ändern?«

»Ich würde es beenden. Ein für alle Mal.«

»Wie?«

»Es muss einen Sieger geben.«

»Die Besiegten würden weiterkämpfen, heimlich und verdeckt.«

»Nur Lebende können kämpfen.«

Drace hob die Augenbraue. Das war nicht die Einstellung, die er und Rirca ihrem Sohn vermittelt hatten. Auch von den alyskischen Lehrmeistern konnte er diese Ansicht nicht haben.

»Wie kommst du auf so eine Möglichkeit?«

»Es ist die einzig erfolgreiche.«

»Aber …«

»Lass es gut sein.«

Der kurze Einblick in Rakiyats Innerstes war vorbei, die Chance auf mehr Verständnis vertan. Er kannte diese Momente von früher. Sie endeten so abrupt, wie sie begannen. Gleichgültig, was er nun versuchte, sein Sohn würde schweigen.

Drace seufzte innerlich. Die Ignoranz des Zehnjährigen schmerzte genauso wie seine Gefühlskälte. Als Eltern trösteten sie sich damit, dass sie als temporäre Begleiterscheinung der beginnenden Pubertät galt. Aber er fühlte, dass sie sich belogen.

Hatten sie einen Fehler gemacht?

An mangelnder Liebe lag es nicht. Rirca und er umsorgten ihren »kleinen Schatz« rund um die Uhr, obwohl er diese Herzenswärme nicht erwiderte. Manchmal kam es ihm vor, als zöge sich Rakiyat umso mehr zurück, je stärker sie ihn damit überschütteten.

Ihre Freunde waren ebenfalls ratlos. Sie hatten ihnen den Spitznamen »Vorzeigeeltern« umgehängt: Stets geduldig, einfühlsam und bemüht unterstützten sie die Entwicklung ihres Sohnes. Doch ihr emotionales Engagement und ihre Empathie prallten an dem Jungen ab. Er hatte eine Mauer aufgebaut, hinter der er sein wahres Wesen, seine Gefühlswelt versteckte. Manchmal blitzte es dahinter auf, ließ sich aber nicht fassen. Als ob er gar keine Gefühle hätte.

Wie bist du wirklich, mein Sohn? Was haben wir falsch gemacht?

Traurigkeit erfasste ihn. Es war frustrierend, seit Jahren derart im Dunklen zu tappen, und es zehrte an den Nerven. Die Selbstvorwürfe wurden stetig mehr, und sie beide verkrampften zunehmend im Umgang mit dem eigenen Sohn.

Es hat doch alles keinen Sinn!

Wütend auf sich und Rakiyat erhob er sich. »Ich lege mich ins Zelt.«

Der Junge wünschte ihm weder eine Gute Nacht noch angenehme Träume.

Wann hast du Rirca oder mir zuletzt gesagt, dass du uns lieb hast?

Er wollte seinen Sohn hochzerren, ihn schütteln und ihn zu einer Antwort zwingen, doch er beherrschte sich. Aggression hätte es nur verschlimmert.

Hast du uns überhaupt lieb? Empfindest du etwas für uns?

Die Gedanken stachen ihm ins Herz, machten ihn traurig.

»Bleibst du noch?«, fragte Drace mit zittriger Stimme.

»Ja.«

»Dann achte bitte auf den Umgebungsdetektor!«

*

Endlich ist er fort!, dachte Rakiyat und spitzte die Ohren. Rücksichtslos trampelte sein Vater über die Lichtung. Eine Gruppe Treuters krächzte wild durcheinander und protestierte gegen die Störung der Nachtruhe. Um ihren Unmut zu verstärken, flatterten sie energisch mit den Flügeln. Sein Vater reagierte nicht auf den Protest und stapfte zum Zelt, zog den Reißverschluss auf und verkroch sich darin.

Rakiyats Verlangen wurde größer. Er wollte aufspringen und loslaufen. Doch noch war sein Vater wach, konnte ihn hören oder gar wieder zu ihm herauskommen.

Rakiyat begann zu grinsen. Er fand die Bemühungen seines Vaters, mit ihm in Kontakt zu kommen, unterhaltsam. Je mehr er sich anstrengte, desto mehr Spaß hatte Rakiyat, sich zurückzuziehen und sich an der Verzweiflung seines Vaters zu laben.

Es raschelte im Zelt.

Bleib drin!

Um die Zeit totzuschlagen, konzentrierte er sich auf den Nachthimmel. Hier im Naturschutzgebiet, weit weg von den lichtdurchfluteten Städten der Alysker, waren die Sterne noch mit bloßen Augen zu sehen, die seine Vorfahren großkotzig in Bilder und Figuren sortiert hatten. In ihrem Wahn, eine Ordnung zu erkennen, hatten sie die Sterne in willkürlichen, zum Teil abenteuerlichen Konstellationen verbunden. Spaßeshalber schuf er neue Linien zwischen ihnen und formte aus den Sonnen vierköpfige Monster mit aufgerissenen Rachen, die von ihm erzeugte Wesen attackierten.

Als sich die Schnarchgeräusche des Vaters in seine Gedanken mischten, sprang er auf und eilte zur Höhle des jungen Wolfes. Sims und Tirna, die Monde von Alysk, spendeten gerade genügend Licht, dass er die Taschenlampe stecken lassen konnte. Mit jedem Meter, den er zurücklegte, steigerten sich seine Erregung und Ungeduld.

Vor der Höhle blieb er stehen und atmete bewusst ein und aus, um sich zu beruhigen. Seine Stimmung beeinflusste das Tier. Er musste ruhig bleiben, musste Vertrauen ausstrahlen, um den Wolf anzulocken.

Rakiyat setzte sich auf den Boden und summte das Lied, mit dem er den Wolf am Vormittag beruhigt und geködert hatte.

Ein Knurren – zuerst leise, dann lauter – ließ ihn frohlocken. Der Wolf war erwacht. Prüfend steckte das Tier die Schnauze aus dem Bau, schnupperte und sprang freudig jauchzend auf ihn zu.

»Ja, du kennst mich«, flüsterte Rakiyat und streckte die Hand aus. Die Fellhaare kitzelten auf der Handfläche, als sich das Tier vertrauensvoll an ihn schmiegte.

»Braves Kerlchen.« Rakiyat öffnete die Schleusen, die seine Triebe in Schach hielten. Sein Herz pumpte lauter und härter. Die Aufregung wurde stärker.

Der Wolf stieß einen hellen Laut aus, stupste ihn mit der feuchten Nase an.

»Schon gut.« Rakiyat tätschelte den Hals, fühlte die Wärme des Tierkörpers und fuhr langsam über das Fell zum Hinterkopf. Mit einer Hand streichelte er den Nacken, zog mit der anderen das Messer aus der Scheide – und rammte es dem Wolf in den Hals.

Blut spritzte ihm auf Wangen und Lippen. Eisengeschmack vertiefte seinen Genuss.

Der Wolf jaulte auf, wand sich hektisch, versuchte, ihn zu beißen und sich zu befreien.

Rakiyat drehte das Messer.

Der Wolf zuckte, bäumte sich auf. Sein Jaulen überschlug sich, wurde höher.

Rakiyats Gier explodierte. Er drehte das Messer erneut und das Jaulen erstarb. Die Beine des Wolfes knickten ein, sein Herz hörte auf zu schlagen und die Atmung erlosch.

Rakiyat leckte sich über die Lippen, zitterte. Er keuchte und tauchte in das Gefühl ein, Herr über Leben und Tod zu sein, badete darin. Er hatte das Tier ausgetrickst, hatte in verstellter Absicht sein Zutrauen gewonnen und es zur Strecke gebracht. Kurz suhlte er sich in den Gefühlen, dann kippten sie weg.

Es ging so schnell, viel zu schnell!

Wut erfasste ihn. Das Tier hätte länger entsetzt sein und länger gegen den Tod kämpfen müssen. Wie es sich wohl angefühlt hätte, wenn es länger gezappelt hätte mit der scharfen Klinge in der offenen Wunde …

Beim nächsten Mal steche ich langsamer zu, zögere den Moment des Todes hinaus.

Er verzog die Lippen. Ein Tier war so berechenbar, so unspektakulär. Bei einem Alysker oder einem anderen Lebewesen hätte er sich am Erkennen der Ausweglosigkeit, an der angstvollen Mimik und am Flehen vor dem endgültigen Ende ergötzen können, hätte mehr gefühlt, mehr davon gehabt.

Ob das Gefühl, Herrscher über Leben zu sein, gleich gewesen wäre? Oder stärker?

Er horchte in die Erregung hinein, versuchte, eine Antwort zu finden, scheiterte aber.

Es war definitiv zu leicht gewesen, das Tier zur Strecke zu bringen.

Ich brauche ein intelligentes Lebewesen. Irgendeines! Egal ob auf Alysk oder auf einem anderen Planeten.

Seine Gedanken überschlugen sich, als er sich Zohja, die Nachbarstochter vorstellte. Er könnte sie in den Wald locken, an einen Baum fesseln und ihr die Kleidung vom Leib schneiden. Er lächelte, als sein Messer über ihren Bauch südwärts glitt, die Haut aufritzte und Blut auf die Innenseite ihrer Oberschenkel floss. Er trat ganz nah an sie heran, fühlte ihren panischen, hektischen Herzschlag unter seinen bebenden Fingern, fühlte ihren hastigen Atem auf seinen Wangen und seine Erregung nahm zu. Seine Fantasie eilte davon, erreichte immer kreativere Sphären, bis er sich in ihnen verlor.

Irgendwann kam er keuchend zu sich, die verklebte Hand in der Hose. Er schüttelte sich, kehrte in die Wirklichkeit zurück, führte die Schneide des Messers zum Mund und leckte das angetrocknete Blut des Wolfes ab. Es schmeckte nach Kupfer mit einem Schuss vergorener Milch.

Eines Tages weiß ich, wie Alysker-Blut schmeckt, dachte er und wischte das Messer und die Hand im Fell des Wolfes ab. Dann warf er einen letzten Blick auf den toten Körper und die Blutlache in der Wiese, drehte sich um und rannte zurück zum Zelt.

^

2.

Planet Cluver

Ungeduldig drehte Vita Etan das Glas mit dem violetten Etrosaft. Zeitgleich ertappte sie sich, wie sie mit dem Fuß unablässig wippte. »Warum können sie nie pünktlich sein?«

Ihre Schwester Koda lachte auf. »Du kennst doch Mutter.«

Einer der Kellner kam an den Tisch, schenkte Wasser nach und entfernte sich wieder. Vita ließ das Glas los, verschränkte die Finger. »Sie weiß doch, wie sehr ich Unpünktlichkeit hasse.«

»Vielleicht ahnt sie, dass du schlechte Nachrichten für sie hast.«

»Das ist keine schlechte Nachricht!«

»Und warum bist du dann nervös?« Koda tippte sich mehrmals gegen die Schläfe.

Vita seufzte. Ihrer Zwillingsschwester konnte sie nichts verheimlichen. Sie waren auf unheimliche Art miteinander verbunden. So wie Vita alle Schmerzen ihrer Schwester spürte, nahm Koda jeden Gemütszustand wahr, in dem Vita sich befand.

»So schlimm?«

Ihre Schwester nickte. »So verkrampft warst du nur vor deinem ersten Date mit Harothu.«

Erinnerungen stiegen in Vita auf. Damals vor knapp zehn Jahren hatte ihr Verlobter sie zum ersten Mal ausgeführt. Sie waren ins Nesat essen gegangen. Anschließend hatten sie sich einen Film angesehen und dort, in der letzten Reihe, hatte er sie zum ersten Mal geküsst. Sie lächelte, als sie seine Lippen auf ihren spürte und in das Gefühl eintauchte.

In jenem Moment hatte sie es gesehen, ihr restliches Leben mit ihm. Gemeinsames frühstücken am Sonntag im Bett, kuschelnd auf der Couch lesen und über blöde Witze einer Vormittagsserie im Fernsehen lachen.

Und nun wagten sie den nächsten, den finalen Schritt ihrer Zweisamkeit – und ihre Mutter verkomplizierte alles!

Ihr flaues Gefühl meldete sich zurück, als sie an das bevorstehende Gespräch mit ihren Eltern dachte. Es war einfach lächerlich, sich davor zu fürchten. Sie bestimmte selbst über ihr Leben, noch dazu, wenn es sich um einen der wichtigsten Tage ihrer Beziehung handelte.

Es geht nur um mich und Harothu! Alle anderen sind unwichtig!

»Das Warten ist zu Ende.« Koda deutete mit dem Kopf hinter Vita. »Sie ist allein.«

Prompt hörte sie das Klackern von Absätzen auf den Fliesen. Sie roch ihre Mutter, bevor sie sie sah. Heute trug sie eine Mischung aus Mandarine und Pflaume und hielt sich damit vermutlich für extravagant und besonders kultiviert.

»Meine Mädels!« Sie kam in Vitas Blickfeld, hauchte zuerst Koda und dann ihr einen Kuss auf die Wange, bevor sie sich mit einem schweren Seufzer setzte. »Der Verkehr in der Innenstadt ist ein Wahnsinn. Ich frage mich, wozu haben wir eine Umweltschutzpartei in der Stadtregierung, wenn sie dann nichts dagegen unternimmt?« Sie winkte dem Kellner. »Wenn euer Vater gewinnt, wird sich einiges in Milio ändern.«

Vita musste irgendetwas mit ihren Händen machen, also griff sie wieder zum Glas.

»Vita, Schätzchen, wie geht es Harothu?« Mutters Telefon läutete. Sie fischte das klobige Ding aus der Handtasche, hielt es demonstrativ in die Luft, damit es auch an den Nachbartischen jeder sehen konnte, und bestellte gleichzeitig beim Kellner ein Glas Sekt-Kirsche, dem Getränk des Frühlings. Dann tippte sie auf eine der Tasten des Telefons, schüttelte den Kopf und verstaute das Gerät wieder.

»So, Liebes!« Sie sah Vita an und zog mehrere Blätter aus der Handtasche. »Dein Vater und ich haben die Gästeliste zusammengestellt.« Sie tätschelte Vitas Hand. »Keine Sorge, wir haben sie auf knapp zweihundert begrenzt.« Sie legte die Blätter vor ihre Tochter und klopfte darauf. »Und der Name des Präsidenten ist kein Druckfehler.«

Koda lehnte sich im Stuhl zurück und begann zu grinsen. Es wirkte, als säße sie erste Reihe fußfrei.

Mutter war wirklich stolz darauf, dass sie so gut vernetzt war. Höflichkeitshalber überflog Vita die Liste. Der Presse käme die Mischung aus Politik und Gesellschaft sicher gelegen.

Sie wollte etwas sagen, doch ihre Mutter war schneller. »Hast du Harothus Liste?« Der Kellner brachte den Sekt. Sie nippte daran, stieß ein genüssliches »Ach, wie köstlich!« aus und stellte das Glas ab. »Hat er es geschafft, nicht mehr als hundert Gäste einzuladen?«

»Darüber wollte ich heute mit dir reden. Wir …«

»Bitte, Vita, ich habe dir doch gesagt, dass nicht mehr als dreihundert Leute in das Finò passen. Und wir können nur diese Lokalität nehmen. Alles andere würde die politischen Ambitionen deines Vaters konterkarieren.« Sie nahm einen weiteren Schluck. »Ich soll euch übrigens von ihm grüßen. Er musste leider zu einer Strategiebesprechung.« Sie seufzte. »Ich werde ja so froh sein, wenn der Wahlkampf zu Ende ist.«

»Mama, Harothu und ich werden …«

Der Kellner brachte die Speisekarten. Vita riss sie ihm regelrecht aus der Hand und schämte sich im selben Moment dafür. Schuld war ihre Mutter. Seit Vater für das Amt des Bürgermeisters kandidierte, war sie noch überdrehter als sonst. Aus allem machte sie eine stressige Aktion. Manchmal fragte sie sich, wie Koda und sie so normal werden konnten.

»Ich denke, ich nehme die Taube.« Ihre Mutter klappte die Speisekarte zu. »Und als Vorspeise wie immer die Zintramuscheln.«

»Und als Nachspeise die Rantan-Schnitten«, ergänzte Koda. »Und wonach gelüstet es dich, Schwesterherz?«

Vita seufzte.

»Einen großen Schluck Alkohol.«

Ihre Mutter blickte auf die Uhr. »So früh am Nachmittag? Kindchen, das sind die ersten Auswirkungen des Dienstes in der Mordkommission!« Sie wollte Vitas Hand erneut tätscheln, doch die zog den Arm rechtzeitig weg. »Oder bist du wegen der Hochzeit nervös?« Sie lächelte verständnisvoll. Ein Lächeln, wie es nur eine Mutter zustande brachte. »Du kannst dich entspannen. Ich organisiere das für dich und Harothu.«

»Genau darüber wollte ich mit dir reden. Harothu und ich …«

Ihre Mutter hob die Hand. »Bevor ich es vergesse. Euer Vater möchte noch ein Video mit euch für den Wahlkampf drehen.« Sie deutete auf ihre Töchter. »Die letzte Umfrage hat ergeben, dass der Familienbonus zusätzliche Stimmen bringt.«

Vita wollte mit der Faust auf den Tisch schlagen und aufschreien. Sie konnte stundenlang mit einem Mörder verhandeln und unbeirrbar zu einem Geständnis bewegen, aber ihre Mutter ließ sie auflaufen wie ein Kleinkind.

»Also ich weiß nicht …« Koda verzog die Lippen. »Wenn ich in einem Wahlvideo vorkomme, diskreditiert das meine berufliche Unabhängigkeit.«

»Koda!« Eine steile Falte bildete sich auf Mutters Stirn. »Es geht darum, eine heile Familie zu zeigen. Das ist jetzt wichtig, und nicht, dass du eine erfolgreiche Wirtschaftsjournalistin und Aufdeckerin bist.«

»Mama, du sprichst mit deiner erwachsenen Tochter, nicht mit einer von Papas Wahllakaien!« Sie lehnte sich vor, tippte auf den Tisch. »Meine Bekanntheit wird unterbewusst die Wähler ansprechen. Und genau das beabsichtigen Papa und seine Strategen auch.«

»Willst du denn nicht, dass dein Vater zum Bürgermeister gewählt wird?«

»Stell hier keine Suggestivfragen!«, blaffte Koda zurück.

Vita spürte den Impuls, sich zurückzulehnen und die Arme zu verschränken. Doch sie sparte sich die Retourkutsche. Bevor ihre Mutter auf Kodas Entgegnung antworten konnte, trat der Kellner an den Tisch. »Haben Sie gewählt?«

Während ihre Mutter und Koda ihre Wünsche nannten, schüttelte Vita den Kopf. Ihr war der Appetit vergangen. Außerdem ärgerte sie sich so sehr über sich selbst, dass sie keinen Bissen hinuntergebracht hätte.

Sie sah ihre Mutter an.

Wie schaffst du das? Wie bist du so geworden?

Früher war sie anders gewesen, nett, fürsorglich und hatte sich im Hintergrund gehalten. Ihr Fokus war auf Koda und ihr gelegen. Dann war Vaters Erfolg als Immobilienmakler gekommen, und mit ihm das Geld. Sobald Koda und sie halbwegs selbstständig waren, hatte Mutter begonnen, ebenfalls als Immobilienmaklerin zu arbeiten und nebenbei Spendenveranstaltungen zu organisieren. So war sie mit der oberen Schicht von Milio in Kontakt gekommen – der Ausgangspunkt ihrer Verwandlung.

»… merkt euch den Siebten des Monats als Termin für die Dreharbeiten vor. Koda, du kannst dir deine Arbeit frei einteilen. Vita, du nimmst dir einen freien Tag. Und …«

»Es gibt keine Hochzeitsfeier am Boden«, sagte Vita und fühlte sich erleichtert. Endlich war es heraus und damit offiziell.

»… Kleidung haben wir vor Ort, um die braucht ihr euch nicht zu kümmern. Und eine Visagistin wird euch entsprechend …«

Vita holte tief Luft. »Hast du mich nicht gehört, Mama? Es gibt keine Feier am Boden.«

Ihre Mutter starrte sie an, den Mund offen und mit ihren Gedanken noch bei ihrem letzten Satz über die Dreharbeiten.

»Harothu und ich geben uns bei einem Fallschirmsprung das Ja-Wort.«

»Seid ihr verrückt?«

Vita schüttelte den Kopf. »Wir wollen keine Feier, weder im kleinen noch im großen Rahmen. Für uns ist es ein intimer Moment. Unser intimer Moment!«

»Aber … aber …«

Die junge Frau stand auf. »Papa wirbt im Wahlkampf mit Toleranz. Ich gehe davon aus, es ist nicht nur ein Lippenbekenntnis.« Sie küsste ihre verdutzte Mutter auf die Wange, nickte Koda zu und verließ das Restaurant.

*

Vita fühlte sich erleichtert und schämte sich dafür.

Ich hätte es ihr nicht so hinknallen dürfen! Und ich hätte nicht einfach gehen dürfen!

In einer Art Dauerschleife liefen diese Gedanken auf dem Weg vom Restaurant bis zu ihrer Wohnung durch ihren Kopf. Eigentlich wusste sie gar nicht, wie sie es mit dem Auto in die Garage geschafft hatte. Zumindest erinnerte sie sich an keine Einzelheiten der Fahrt. Hatte sie an den roten Ampeln gehalten? Hatten die Fußgänger auf den Übergängen beiseite springen müssen, damit sie nicht überfahren wurden?

Sie schlug beide Fäuste aufs Lenkrad.

Gleich würde Harothu sie in die Arme schließen, sie trösten und ihr Kraft geben. Sie lehnte sich im Sitz zurück, fuhr sich durchs Haar. Schon jetzt fühlte sie, dass seine Umarmung sich richtig anfühlte und sie vollständig machte.

Während Vita den Wagen abschloss, vibrierte ihr Telefon. Sie warf einen Blick darauf – acht Anrufe von ihrer Mutter, nur einer von ihrem Vater – und steckte es wieder weg.

Papa versteht mich, darum hat er es auch nur einmal versucht. Vor allem respektiert er mich und die Entscheidung.

Sie nahm den Aufzug und stieg im elften Stockwerk aus. Als sie vor der Wohnungstür stand und den Schlüssel hervorkramte, stutzte sie.

Etwas stimmte nicht!

Automatisch legte sie die Hand auf die Pistole an der Hüfte, die sie unter der leichten Jacke trug. Dann schüttelte sie verärgert den Kopf. Sie war nicht im Dienst! Sie war privat! Das war ihre Wohnung und alles war in Ordnung.

Dennoch schrie ihr Instinkt auf.

Vorsichtshalber blickte sie sich um. Niemand war im Gang oder auf der Treppe.

Langsam nahm sie die Hand vom Griffstück der Waffe und sperrte so behutsam und so leise wie möglich die Tür auf. Sobald sie ins Vorzimmer blicken konnte, bildete sich ein Hitzeklumpen in ihrem Magen. Auf dem Boden lagen zwei Paar Schuhe, eines davon eindeutig für Frauen.

Für einen Moment setzte ihr Gehirn aus, weigerte sich, die Realität anzuerkennen, dann donnerten die Erkenntnis – Das sind nicht meine Schuhe! – und die Konsequenzen – Harothu ist mit einer fremden Frau in der Wohnung! – wie eine Lawine in ihren Körper.

Mit weichen Knien stieg sie über die hochhackigen Schuhe und ging Richtung Schlafzimmer. Durch die geschlossene Tür drang Harothus Stimme. Nicht so fest wie sonst, und sie klang anders. Höher. Sie hörte Wörter, doch ihr Verstand weigerte sich, in ihnen Sinn zu erkennen. Dann mischten sich ekstatische Laute, ausgestoßen von einer Frau, in Harothus Grunzlaute.

Die Frau, deren Schuhe im Vorzimmer lagen! Der Boden unter Vitas Füßen schwankte. Ihr wurde übel und sie musste sich an der Mauer abstützen.

Warum tust du mir das an?

Im Schlafzimmer stießen ihr Verlobter und die Frau gleichzeitig einen Schrei aus, und dann war es still. Vitas Gedanken dröhnten wie eine übergroße Glocke, während ihre Seele zusammensackte und ihr Glaube an die Liebe erstarb.

Doch ihre Wut flammte auf wie sich aufheizender Stahl, der immer stärker glühte.

Der Griff der Pistole gab ihren zitternden Fingern Halt. Mit der Hand an der Waffe stieß sie die Tür auf.

^

3.

Jahre später, Planet Cluver

»Links oder rechts?«

Rakiyats Blick wanderte zwischen den beiden Gängen hin und her. Statt einer Antwort projizierte sein Vater die Steintafel der Spectronen als Hologramm in die unterirdische Höhle. Seit mehreren Jahren folgten seine Eltern den Spuren dieser alten, ausgestorbenen Superzivilisation, weil sie am Ende des Weges die Unsterblichkeit für sich und ihr Volk, die Alysker, erwarteten.

Rakiyat verachtete ihren Kampf gegen den Tod. Die Endlichkeit gehörte zum Leben! Nur wer das Unausweichliche akzeptierte, blieb flexibel.

Drace deutete im Hologramm auf eine Abfolge von Zeichen, die von einer verschlungenen Linie durchtrennt wurde. »Wir müssen nach links!«

»Mein Instinkt ist für die andere Richtung«, widersprach Rakiyat, um ihn zu ärgern.

Drace seufzte. »Sind wir wieder an dem berühmten Punkt angelangt?« Seine Stimme klang genervt. »Du bist intelligenter als unser siebendimensionaler Rechner?«

»So gut die Computer auch sind, ihnen fehlt Grundlegendes.«

»Die Intuition des alyskischen Geistes«, äffte Drace jene Worte nach, die Rakiyat in letzter Zeit als Standardantwort für sich auserkoren hatte. Anfangs aus Überzeugung, doch mittlerweile, um seinen Vater erfolgreich zu provozieren.

Irgendwann rastest du aus!

Rakiyat grinste in sich hinein, konnte den Moment nicht mehr erwarten, in dem er seinem erstickend friedfertigen Vater zeigen würde, wie viel Wut und Hass in ihm steckten.

Provokant langsam schlenderte Rakiyat zum Hologramm, streckte den Arm aus und fuhr eine in sich gedrehte Linie nach. »Ich kann nichts dafür, dass du es nicht siehst.« Er tippte mit dem Finger ins Holo. »Rechte Abzweigung!«

Einige Stellen auf Vaters Hals färbten sich rot – ein Zeichen der Wut.

Wird ja, wird ja!

Innerlich formte Rakiyat neue Sätze, um noch eins draufzusetzen.

»Beruhigt euch!«, kam Rirca ihm zuvor. »Wir haben genügend Zeit, beide Gänge zu untersuchen.«

Nur das kaum merkliche Zittern ihrer Hand verriet, dass sie ebenfalls unter Strom stand. Es strengte sie an, sich mehrmals täglich zwischen ihn und Drace zu stellen, ihr dauerndes Streiten rieb sie auf. Langsam, aber stetig.

Anfangs hatte er sie für ihre Vermittlungsversuche gehasst, doch mittlerweile provozierte er auch sie. Er wollte wissen, wie viel er tun musste, damit ihre Nerven versagten.

Viel fehlt nicht mehr.

»Ich gehe rechts.« Ohne seinen Vater anzusehen, trat er in den Höhlenkorridor. Die Taschenlampe drückte die Finsternis an die hundertfünfzig Meter zurück. Irgendwo dahinter vermuteten sie die geheime Kammer, in der die Spectronen das Geheimnis der Unsterblichkeit verwahrten.

Schon lang vor seiner Geburt hatten sich Drace und Rirca in die Suche nach den Ahnen verbissen. Mit der K’TEA, ihrem privaten Kugelraumer, waren sie kreuz und quer den Spuren gefolgt, die die Spectronen in Jianxiang hinterlassen hatten. Die hatten sie nach Cluver geführt. Einst hatte dieses Erste Volk die Galaxis vor dem Bösen an sich gerettet, besagten die Legenden und Mythen. Da die Spectronen sich dabei vor achtzig Millionen Jahren gemeinsam mit dem mysteriösen Feind ins Grab befördert hatten, existierten nichts als verstreute Hinweise.

Anfangs hatte Rakiyat gedacht, den Eltern ginge es nur um die Unsterblichkeit, doch mittlerweile wusste er es besser. Sie wollten in die Geschichte eingehen!

Sie wollten schlicht und einfach berühmt werden, weil sie allein geschafft hatten, woran Unzählige vor ihnen gescheitert waren: Sie hatten die Hinweise der Spectronen richtig gedeutet. Und sie hatten den Alyskern die Unsterblichkeit gebracht.

Wie erbärmlich sie doch in ihrem Streben nach Anerkennung waren. Wie abhängig!

Anfangs hatte er die Reisen widerwillig begleitet, doch dann hatte er entdeckt, wie er seinen Vater zur Weißglut und seine Mutter in die Verzweiflung treiben konnte. Sie waren Versuchsobjekte, mehr nicht!

Rakiyat ging dem Lichtkegel seiner Taschenlampe nach und hörte, wie ihm seine Eltern folgten. Belustigt verzog er die Mundwinkel. Natürlich stimmte Vaters Vermutung. Die Geheimkammer lag in der anderen Richtung. Aber es war zu verlockend, ihn in die Irre zu führen. So kurz vor dem vermeintlichen Ziel würde die Ungeduld seines Vaters am Explosionspunkt stehen und ungeahnte Höhen erreichen, wenn Rakiyat darauf beharrte, dass die Ahnen die Kammer hyperenergetisch verborgen hatten, so dass sie noch mehr Zeit sinnlos vergeudeten. Rakiyat hatte die Suche schon lange bei jeder Gelegenheit verzögert. Trotzdem waren sie zu guter Letzt hier in der Ostseite der Galaxis angelangt.

Unentdeckt von den Einheimischen, den Cluverianern, die vor ein paar Jahren sowohl die Atomkraft als auch die unbemannte Raumfahrt entdeckt hatten, waren sie mit ihrem Raumschiff, der K’TEA, auf einer Hochebene gelandet. Unzählige Stollen durchzogen wie Blutgefäße in unterschiedlichen Tiefen die Felsmasse, genau wie es auf der Steintafel ersichtlich war. Weil die hochgezüchteten Ortungssensoren der K’TEA die Kammer nicht gefunden hatten, wanderten sie nun durch die unterirdischen Stollen, in der Hoffnung, das Versteck selbst zu finden.

Rakiyat blieb stehen, leuchtete den Boden ab. »Hier!« Er zeigte auf einen scharfkantigen Felsen, der mit den verschnörkelten Zeichen der Ahnen beschrieben war, und unter dem sich ein Loch öffnete. Er bückte sich, leuchtete hinein. »Mindestens achtzig Meter lang«, schätzte er.

Er legte sich auf den Boden und robbte in das Loch. Staub wirbelte hoch, als er sich weiter vorwärts schob. Der Fäkalie eines Tieres wich er aus. Hinter ihm fluchte sein Vater, der offenbar hineingegriffen hatte. Nun würde sein Vater noch frustrierter und wütender sein.

Rakiyat robbte um die Ecke, sah das Ende und steckte den Kopf durch das Loch. Seine Augen weiteten sich. Vor ihm erstreckte sich eine etwa hundert Meter durchmessende Höhle.

Stalagnat um Stalagnat reihte sich aneinander, immer wieder aufgelockert durch nicht von der Decke bis zum Boden reichende Tropfsteine. Rakiyat ging mehrere Schritte hinein, um am Eingang Platz für seine Eltern zu machen. Beide stießen erstaunte Laute aus.

»In welche Richtung wolltest du gleich noch mal?«, fragte Rakiyat seinen Vater mit gut getarnter Gehässigkeit.

Drace ging an ihm vorbei. »Seht euch das an!« Er deutete auf einen knapp bis zum Boden reichenden Stalaktiten, der über und über mit Zeichen versehen war.

Rirca trat näher.

»Ich frage mich, wie die Spectronen verhindert haben, dass der Tropfstein nachwächst und die Zeichen ausgelöscht werden«, sagte sie.

»Weiser, der du unseren Zeichen richtig gefolgt bist, höre nun unseren letzten Hinweis«, las Drace.

Rirca trat zu ihm. »Finde das Fotag und es eröffnet sich dir unser Geheimnis.«

»Verdammt!« Drace schlug gegen die Säule. »Was soll das?«, brauste er auf. Seine Stimme hallte als Echo durch die Tropfsteinhöhle. Rakiyat sah sich um. Sie wirkte sechseckig.

»Du weißt doch, dass ihre Hinweise uns nicht wirklich weiterbringen«, versuchte Rirca ihren Mann zu beruhigen. »Woher sollten wir wissen, was das Fotag ist? Immerhin sind wir auf dem richtigen Planeten. Wir suchen einfach weiter, bis wir etwas finden. So schwer kann das doch wohl nicht sein.«

»Natürlich nicht«, sagte Rakiyat. »Ihr habt ja mich.«

Seine Eltern überhörten den provokanten Hinweis. Ihr Problem, wenn sie ihn nicht ernst nahmen! Sie begannen über die Bedeutung der Inschrift zu diskutieren.

Er verdrehte die Augen, hatte den Endlosdiskussionen zu oft beigewohnt. Also schlenderte er kreuz und quer durch die Höhle, quetschte sich zwischen zwei Stalagnaten durch, betrat wahllos einen der Stollen, der aus der Höhle hinausführte und blieb abrupt stehen. Waren das …?

Er kniete nieder, erhöhte die Lichtintensität der Lampe.

Schuhabdrücke. Tatsächlich!

Rakiyat erhob sich. Die Abdrücke führten sowohl in den Gang hinein als auch in die Höhle zurück, und sie waren frisch in den Sand gesetzt worden.

Sein Jagdinstinkt meldete sich. Ein Cluverianer musste die Höhle entdeckt und erkundet haben. Vielleicht war er sogar noch in dem Stollensystem unterwegs. Seine Eltern hatten ihn durch ihre Diskussion längst vergessen, kümmerten sich nicht um ihn.

Vielleicht konnte er sich ein wenig vergnügen. Immerhin waren die Cluverianerinnen humanoid. Sie sahen den Alyskern täuschend ähnlich.

Er ließ Drace und Rirca hinter sich, drang tiefer in den Stollen ein. Die Stimmen seiner Eltern wurden zu einem Wispern, dann verstummten sie. Schritt um Schritt hangelte er sich am Strahl der Taschenlampe entlang, vorbei an den Schatten der überhängenden Felsen, die seltsame Figuren auf den Boden warfen. Die eine oder andere ähnelte den zahllosen Ungeheuern aus den Legenden von Alysk.

Plötzlich hörte er einen spitzen Laut. Er stoppte und lauschte.

Nichts. Keine Wiederholung.

Um sich besser zu konzentrieren, drehte er die Lampe ab. Erst stand er im Dunkeln, dann wurden Umrisse erkennbar und er spürte einen leichten Luftzug. Also war er dem Ende des Stollens nahe.

Ein weiterer Schrei erklang – eindeutig weiblich und in höchster Not ausgestoßen.

Männliches, gehässiges Lachen mischte sich in den Verzweiflungslaut. Rakiyat schloss die Augen und wartete auf weitere Geräusche. Er glaubte, den Mann sprechen zu hören, während die Frau wimmerte.

Erregung ergriff ihn. War da ein Cluverianer schneller gewesen als er?

Rakiyat eilte los. Der Stollen wand sich und er sah den Ausgang. Vorsichtig schlich er zu dem Lichtvorhang und spähte hindurch. Eine kleine Höhle tat sich vor ihm auf, in der sich nur wenige Tropfsteinsäulen gebildet hatten. Im Vergleich zu jener, in der er seine Eltern zurückgelassen hatte, war sie geradezu leer. Und doch ließ der Anblick Rakiyats Herz stärker schlagen und weckte seine Gier.

Eine nackte Frau war mit gespreizten Armen und Beinen an zwei Stalagnaten gefesselt. Sie wirkte kraftlos, und nur die Stricke verhinderten, dass sie am Boden lag. Die außergewöhnlich langen, blonden Haare hingen wie ihr Kopf nach unten und bedeckten Teile ihrer Brüste. Blutige Striemen an Oberschenkeln und Unterbauch zeugten von einer brutalen Misshandlung.

Augenblicklich fielen ihm ein paar Dinge ein, die er auch mit ihr machen könnte.

Er schüttelte die Gedanken ab, damit sie ihn nicht träge machten, und musterte den Mann, der ihm den Rücken zudrehte und vor der Frau über einem Felsbrocken hantierte.

Ich muss näher ran!

Leise und vorsichtig huschte Rakiyat in die Höhle und kauerte sich hinter einen der Felsblöcke. Es knirschte.

Abrupt drehte sich der Mann um und betrachtete prüfend den Höhleneingang. Sein Gesicht war ausdruckslos.

Rakiyats Herz schlug so heftig, dass ihm die Rippen schmerzten. Zugleich beflügelte die gefesselte und blutende Frau erneut seine Fantasie. Er leckte sich über die Lippen, stellte sich vor, wie …

»Wo war ich stehengeblieben?«, unterbrach der Mann seine Fantasien. Die Stimme klang exakt und sehr beherrscht. »Richtig.« Er hob die Hände vor ihr Gesicht. »Ich wollte, dass deine Brustwarzen mit diesen Nadeln Bekanntschaft schließen«, sagte er in einer Art, die der Frau versprach, dass alles noch viel schlimmer werden würde.

Da der Cluverianer ihm die Sicht verdeckte, schob sich Rakiyat über die Deckung. Er wollte, nein, er musste mehr sehen.

Die Frau stöhnte gequält auf und Rakiyat bekam eine Erektion.

Der Mann bewegte sich nicht, blieb vor seinem Opfer stehen. Er versperrte ihm die Sicht.

Verpiss dich!

Während Rakiyat sich am Felsen aufstützte und sich auf die Zehenspitzen stellte, ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Er malte sich aus, wie der Mann die Nadeln ins Fleisch der Frau trieb. Blut quoll aus den Wunden, tropfte zu Boden, spritzte ihm ins Gesicht. Prompt schmeckte er das eisenhaltige Aroma auf den Lippen.

Behutsam drückte er das Becken gegen den Felsen und rieb seinen erigierten Penis daran.

Die Frau wimmerte nicht länger, sondern schrie voller Schmerzen. Rakiyats Bewegungen wurden heftiger. Seine Erregung steigerte sich und er kam.

Laut!

Gleichzeitig quäkte die Stimme seines Vaters aus dem Kommunikator am Halsstück. Erschrocken riss Rakiyat die Augen auf. Er sah noch, wie der Mann mit erhobenen Fäusten auf ihn zusprang, dann schlug die Finsternis über ihm zusammen.

*

Übergangslos kam Rakiyat zu sich. Sein Gesicht schmerzte, angetrocknetes Blut klebte auf den Lippen.

Knirat! Knirat! Knirat!

Er lag auf dem Bauch, die Hände am Rücken gefesselt. Ein Luftzug strich über die Wange, kitzelte ihn an der Nase. Die Lippen waren ausgetrocknet und im Mund steckte ein Knebel. An den Beinen spürte er keine Fesseln, sie waren frei und er konnte aufspringen und weglaufen.

Wo ist der Mann?

Rakiyat lauschte, hörte keine Geräusche. Vielleicht hatte er Glück und er entsorgte gerade die Frau.

Verdammt, war ich dämlich!

Ärger stieg in ihm auf. Er hatte sich wie ein dummer Junge verhalten, hatte sich von seinen Gelüsten ablenken lassen und dabei die Gefahr ausgeblendet.

Und ich dachte, ich habe mich unter Kontrolle!

Am liebsten hätte er vor Wut aufgeschrien, aber für den heutigen Tag genügte eine Dummheit. Er beendete die Selbstvorwürfe und konzentrierte sich auf die Umgebung, suchte nach Atemgeräuschen oder anderen Hinweisen auf den Fremden.

»Du kannst aufhören zu simulieren!«

Die männliche Stimme klang dunkel, lauernd und doch belustigt. Rakiyat verstand jedes Wort, da er die Sprachen jedes Planeten, den er betrat, per Hypnoschulung lernte.

»Dreh dich auf den Rücken!«

Rakiyat ging die Optionen durch. Dieser Mann gierte nach Kontrolle über andere Wesen, entführte und folterte dafür. Entweder er gab ihm, wonach er sich sehnte, oder er stemmte sich gegen ihn. Dafür hätte er zumindest freie Hände gebraucht.

»Bist wohl einer von den Harten!« Etwas traf ihn am Unterschenkel, spitz und schmerzvoll. Er biss in den Knebel, unterdrückte ein Stöhnen. Mit körperlichen Schmerzen würde ihn dieser Barbar zu nichts zwingen.

»Der nächste Tritt geht in deine Genitalien!«

Eines Tages stirbst du dafür!

Wütend auf sich und auf die Umstände wälzte er sich herum und öffnete die Augen. Die gefesselte Frau war verschwunden. Blutige Stricke an den Stalagnaten und eine Blutlache zeugten von den Vorlieben des Cluverianers. Die fand Rakiyat im Moment gar nicht so interessant wie vorher. Andererseits …

Schade, dass ich den Rest nicht gesehen habe, dachte er.

Dann entdeckte er den Rucksack seines Vaters.

Ihm wurde heiß. Was hatte der Mann, der vor ihm auf dem Felsbrocken saß, mit seinen Eltern gemacht?

Der Fremde folgte dem Blick, lächelte kalt.

Rakiyat verdrängte die aufkommende Panik. Er musste den Gegner so rasch wie möglich durchschauen, musste einen Weg finden, ihn zu manipulieren. Vermutlich dachte der Mann bereits darüber nach, ihn zu töten.

Der Fremde strich sich über die grauen Haare, die millimetergenau auf dem Kopf lagen. Eine Locke, perfekt geformt, hing ihm in die Stirn. Auf den ersten Blick strahlten die blauen Augen Wärme aus. Doch Rakiyat erkannte die versteckte Intensität, mit der er die Welt musterte. Ich sehe tief in deine Seele, verkündete dieser Blick, und entreiße dir deine Geheimnisse.

Dass der Mann diese Gabe auch einsetzte, machte ihn gefährlich. Genau wie Rakiyat wusste er, wie man andere einlullte. Und er war darin ein paar Jahrzehnte erfahrener.

Rakiyats analytische Fähigkeiten sprangen an. Wie ging der Mann vor? Er saß auf dem größten Felsbrocken, um so hoch wie möglich über ihm zu thronen. Zusätzlich zeigte er mit der Wahl des Standortes seine Todesverachtung: Über ihm hing ein Stalagtit, der sich ihm in den Kopf gebohrt hätte, wäre er abgebrochen. Und die arrogante Miene sollte ihn einschüchtern. Die Emotionslosigkeit sollte seine Ängste anregen und ihn gefügig machen.

Mich beeindruckst du damit nicht, du Barbar.

Der Mann schnippte einen Fussel von der faltenfreien Hose. »Du kommst also von einem anderen Planeten.«

Rakiyat wurde erneut heiß. Was hatte ihn verraten? Die Kleidung? Die Technik? Oder seine Eltern?

Sein Blick fiel ein zweites Mal auf den Rucksack seines Vaters.

»Ein Voyeur von außerhalb, dem bei sadistischen Spielchen einer abgeht«, ergänzte der Fremde gehässig.

Hatte er den Rucksack gefunden oder seinem Vater abgenommen? Und falls er seine Eltern getroffen hatte, was hatte er mit ihnen gemacht?

Der Mann musterte ihn eindringlicher und kratzte sich am Kinn. »Vielleicht sind wir verwandt!« Er sprang vom Felsen und zog ihm den Knebel aus dem Mund. Rakiyat hustete, benetzte die Lippen.

»Ich komme vom Kontinent Afornien und …«

Der Tritt in die Genitalien raubte ihm den Verstand. Der Schmerz fuhr bis ins Gehirn und drehte dort Pirouetten.

»Verarsch mich noch einmal und du stirbst wie deine Kameraden.«

Der seelische Schmerz verschlimmerte alles. Er fühlte Trauer, Wut, Hass. Die Verachtung für Rirca und Drace war weggewischt. Dieser Mann hatte seine Eltern getötet und würde dafür büßen – irgendwann. Doch zuerst einmal musste Rakiyat einen Weg aus dieser beschissenen Situation finden.

Der Schmerz verebbte und er konnte wieder klar denken.

Er hat mich noch nicht getötet, obwohl er das hätte tun können. Worauf wartet er?

»Du tötest mich doch ohnehin«, änderte er seine Taktik.

»Wieso denkst du das?« Demonstrativ holte der Mann eine Pistole hinter dem Rücken hervor. »Ich könnte dich auch den Behörden übergeben.«

So siehst du aus!

»Immerhin wäre es eine Sensation! Endlich haben wir Gewissheit, nicht allein im Universum zu sein.«

»Ich verstehe dich, ich weiß, was dich antreibt«, lenkte Rakiyat das Gespräch auf die Motivation des Fremden.

»Tust du das?« Der Mann lächelte kalt, zielte mit der Pistole auf Rakiyats Stirn. »Dann beeindrucke mich!«

Rakiyat horchte in sich hinein, zwang sich zu einem Moment der Wahrheit und schob die eigenen, bisherigen Rechtfertigungen – Macht und Unabhängigkeit – für die sadistischen Gelüste beiseite. Nun, angesichts dieses Mannes und der Situation, in die er ihn gebracht hatte, verstand er.

Das waren nur Ausreden! Die Wirklichkeit war viel einfacher!

Es galt, seinen Trieb zu befriedigen und sich über andere aufzuschwingen, sie zu dominieren. Das war alles.

Gesellschaftliche Normen, Recht und Unrecht waren dabei gleichgültig, weil man sich selbst am nächsten war. Dieser Mann vor ihm hatte das längst verstanden und lebte danach. Rakiyat sprach es aus.

»Macht und Kontrolle treiben dich an, lassen dich nachts nicht schlafen, schicken dich auf die Straße und auf die Suche nach der nächsten Frau.«

Interessiert blickte ihn der Fremde an. Mit einem Schwenk der Pistole bedeutete er ihm weiterzusprechen.

»Was gibt es schließlich Besseres, als Herr über Leben und Tod zu sein? Was gibt es Besseres, als Frauen zu beobachten und ihnen gedanklich zuzuflüstern, dass die eine weiterleben darf und die andere sterben wird?« Rakiyat leckte sich über die Lippen, formulierte die nächsten Worte mit Bedacht. »Doch was hilft dir diese Macht, wenn du sie mit niemandem teilen kannst?«

Der Blick des Mannes veränderte sich um eine Nuance.

»Du möchtest dich hinstellen und den Cluverianern zuschreien: Seht her! Ich bin der Mittelpunkt, ich bin es, der über Leben und Sterben entscheidet.« Rakiyat tauchte noch tiefer in seine eigene Wahrheit ein. »Das ist es nämlich, was deine Taten krönt – sie einem anderen mitzuteilen.«

So ehrlich war ich zu mir noch nie!

»Wann wird etwas schön?«, stellte er eine rhetorische Frage. »Wenn man es allein erlebt oder wenn jemand dabei war und diese Schönheit ebenfalls bejaht? Der Austausch darüber und – in deinem Fall – das Wissen über diese Macht zu teilen, verstärkten das Gefühl der Überlegenheit.«

»Du bist ein ziemlicher Klugscheißer für dein Alter.«

Rakiyat setzte alles auf eine Karte. Das Kostbarste, sein Leben, war ohnehin in Gefahr, also konnte er nur noch gewinnen. »Erschieß mich, wenn du denkst, dass ich falsch liege.«

Der Mann hob die Augenbrauen. »Dafür würdest du sterben?«

Rakiyat nickte. »So wie du für deinen Trieb sterben würdest. Denn was ist das Leben ohne die Überzeugung, recht zu haben?« Er blickte dem Mann direkt in die Augen, hielt dem abwägenden Blick stand.

Der Moment, der über sein Leben entschied, war da. Er spürte ihn körperlich, konnte fühlen, wie der Zeigefinger an den Abzugshebel der Pistole drückte. Er hörte die ratternden Gedanken des Mannes, wie er ihm zustimmte und Optionen abwog – und die Waffenhand um ein paar Grade absenkte.

»Du hast Mumm«, sagte er. »Ich bin dabei, dich ins Jenseits zu befördern, und du bietest mir eine Partnerschaft an.« Er nickte. »Das nenn ich Chuzpe.«

Gerissene Frechheit? Eher einen letzten Ausweg!

Der Moment des Todes war vorbeigezogen, er hatte den Fremden zum Denken gebracht.

»Was bietest du mir noch?«

»Mein technologisches Wissen.«

Der Mann verzog die Lippen. »Stimmt, ihr müsst technisch viel weiter sein.«

»Sag mir einfach, womit du zum Beherrscher deiner Welt wirst, und ich liefere es dir«, lockte er ihn. Der Cluverianer wollte im Mittelpunkt stehen, wollte berühmt sein, wollte Kontrolle.

»Mir schwebt ein handliches, intuitiv zu bedienendes Mobiltelefon vor …«

»Sieh es als erledigt an.«

Die Pistole zeigte nicht mehr auf Rakiyats Stirn, sondern hatte sich abgesenkt und richtete sich auf seinen Bauch.

»Wieso gehst du so unbefangen mit einem Außerirdischen um?«, wagte Rakiyat eine Frage. »Ihr habt doch erst die unbemannte Raumfahrt innerhalb des Systems erfunden und keinen Beweis für anderes intelligentes Leben im All.«

»Wir sehen auch nicht, dass unsere Leichen verrotten, nachdem wir sie begraben, und wissen dennoch davon.« Er schien abzuwägen. »Mit deinen schulterlangen, schwarzen Haaren und deiner Größe gehst du locker als Cluverianer durch. Aufgrund deines hellen Teints wird man denken, du stammst aus dem ehemaligen Kriegsgebiet im Norden von Tremper. Die spitzen Ohren schreiben wir einem Gendefekt zu. Und deine wachen, intelligenten Augen wirst du verstecken lernen.«

Er plant für meine Zukunft. Sehr gut.

»Dein Akzent passt ebenfalls in den Norden, aber den kannst du dir abtrainieren. Er ging zu einem Rucksack, holte eine Injektionspistole heraus. »Ich schalte gern Risiken aus.« Er beugte sich über Rakiyat, presste ihm die Injektionspistole auf den Oberarm. Es pikste, dann zischte es.

»Was ist das?« Panik ergriff Rakiyat. Welche Teufelei hatte ihm dieser Irre injiziert?

»Eine neue Erfindung von mir, eine Minibombe. Sie zerfetzt dich, wenn ich es will.« Er klopfte auf den Ring am Finger. »Den Auslöser trage ich immer bei mir, lege ihn nie ab.«

Für eine Sekunde – Was für eine perfide Idee! – zollte Rakiyat ihm Respekt, doch dann begriff er.

Der Jugendliche fluchte innerlich. Dieser Arsch hatte ihn für den Rest seines Lebens in der Hand.

^

4.

Ein paar Jahre später

Vita Etan parkte den Dienstwagen in der Quergasse vor dem Tatort. Das miese Wetter passte zu ihrer morgendlichen Stimmung. Dunkle Regenwolken hatten sich über die Stadt geschoben, kündigten ein Gewitter an. Erste Blitze irrlichterten über den Himmel, es roch nach Regen.

Die Ermittlerin zog die Kapuze ihres Sweaters über den Kopf und wollte aussteigen, als ihr Telefon läutete. Sie fischte es aus der Jackentasche, seufzte.

Auf dem Display stand der Name des Polizeichefs.

Auch der noch!, dachte sie und wischte über den Bildschirm.

»Etan«, hörte sie ihren Chef, »sagen Sie mir, dass es nicht unser spezieller Täter ist.«

»Dann müsste ich Sie anlügen.«

»Verdammt!«

Vita hörte ein dumpfes Geräusch. Tayir Macsat musste mit der Faust auf den Schreibtisch geschlagen haben.

»Der verarscht uns! Kein normaler Täter gabelt sein drittes Opfer im selben Club auf wie das erste und riskiert dabei, erkannt zu werden.«

Und bringt den abgetrennten Kopf von Opfer Nummer Drei auch noch in eben diesen Club zurück, ergänzte sie in Gedanken. Der Täter wollte ihnen zeigen, wie clever er war, wollte ihnen ihre Ohnmacht beweisen.

Ich schwöre dir, ich kriege dich!

»Wieso hat ihn im Club keiner erkannt, als er Opfer Nummer Drei angesprochen hat?«, stellte Macsat die Frage der Fragen. »Es gibt doch seit dem ersten Mord dieses Phantomfoto. Das müssten doch alle kennen.«

»Das wurde vor einem Jahr erstellt«, erinnerte Vita ihn. »Merken Sie sich einen Cluverianer, den Sie vor zwölf Monaten flüchtig gesehen haben?«

Macsat grummelte etwas, was sie nicht verstand.

»Was ist mit dem Kellner, dem er damals so hohes Trinkgeld gegeben hatte? Hatte der nicht wesentlichen Anteil an der Erstellung des Fahndungsfotos?«

»Es war der Barkeeper«, korrigierte sie ihn. Bei ihrer täglichen Überprüfung der Vermisstenmeldungen hatten beim Namen des Clubs vor vier Tagen alle Alarmglocken geläutet. Das dritte Opfer war mit Freundinnen unterwegs gewesen, sie hatten verschiedene Männer kennengelernt und sie hatte einem davon vertraut – so wie das erste Opfer auch.

Warum auch nicht? Ist ja normalerweise nichts dabei.

Ein kurzer Stich im Herzen erinnerte sie an ihre eigene Geschichte, an das enttäuschte Vertrauen und dass sie deswegen fast einen Fehler begangen hätte.

Sie schüttelte den Gedanken an Harothu ab und konzentrierte sich auf Macsat. »Am Tag nach der Vermisstenmeldung bin ich mit dem Phantombild in den Club und habe das Foto den Angestellten gezeigt, darunter auch dem Barkeeper. Da hat er ihn wiedererkannt …«

»Zu spät.«

»Machen Sie ihm keinen Vorwurf. Er bedient so viele Gäste. Und er ist zusammengesackt, als ihm bewusst wurde, dass er die vermisste und nun ermordete Frau hätte retten können.«

»Schon gut.« Er senkte die Stimme. »Sie müssen diesen Irren finden. Rasch!«

»Sulina Jalpa und ich arbeiten daran.«

»Arbeiten Sie schneller. Ein viertes Opfer kann ich nicht mehr verantworten.«

»Die Innenministerin?«

»Sie sagen es. Ich konnte die Einrichtung einer Sonderkommission gerade noch verhindern. Ich habe mit Ihrer hundertprozentigen Aufklärungsquote geprahlt.«

Vita verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Pizum gebissen. Die Ministerin interessierte sich nicht für die Mühen der Ebene, sie wollte um jeden Preis nach oben. Ein frei herumlaufender Serienmörder störte ihre Erfolgsgeschichte.

»Und Sie wissen, wie das mit Sonderkommissionen ist«, sagte Macsat. »Verschiedene Zuständigkeiten, profilsüchtige Ermittler, ineffizientes Arbeiten und so weiter.«

Vita nickte, obwohl er sie durchs Telefon nicht sah. Obwohl sie als Erstermittlerin dieser Sonderkommission angehören würde, würde man ihr und Sulina die Hilfsarbeiten umhängen. Sie hätten ihre Chance gehabt und versagt.

»Wie auch immer. Finden Sie ihn!« Grußlos trennte er die Verbindung.

Vita steckte das Telefon weg und stieg aus. Stürmischer Wind zerrte an Autotür und Jacke. Sie stemmte sich dagegen, schlug die Tür zu und ging die Straße hinunter.

Der Club lag mitten in der Innenstadt von Milio. Dutzende Cluverianer eilten an ihr vorbei, wollten vor dem Beginn des Regens in ihren Büros sitzen, konzentrierten sich dann auf Kundengespräche, Buchhaltung oder analysierten historische Daten, oder was immer die Normalbürger den ganzen Arbeitstag machten. Noch wussten sie nichts von dem neuen Mord, doch die Medien würden dafür sorgen, dass sich das bis zur Mittagszeit änderte.

Verärgert kickte Vita einen kleinen Stein über den Gehweg. Nach der Bekanntgabe würden die Hinweise aus der Bevölkerung über sie hereinbrechen. Sie würden so viele sinnfreie Beobachtungen erhalten, denen sie nachgehen mussten, dass sie für die echten Nachforschungen zu wenig Zeit haben würden. Zum Glück hatte sie die Angestellten des Clubs noch am Tag der Vermisstenmeldung von Opfer Nummer Drei befragt. Der neue Türsteher hatte sich an den Mann erinnert, denn der Mörder hatte ihn in ein Gespräch über seinen Beruf verwickelt. Da so etwas so gut wie nie vorkam, war es zu auffällig, um es zu vergessen.

Er spielt mit uns, zeigt uns den Mittelfinger!

Wenigstens konnte er ein weiteres Detail zu dem Unbekannten ergänzen. Er trug einen silbernen Totenkopfring. Ihre bisherigen Recherchen in einschlägigen Geschäften hatten nichts gebracht, aber sie hatte auch erst die Hälfte der Firmen abgeklappert.

Ein Blitz zuckte über den Himmel. Der Donner folgte kurz darauf. Erste Regentropfen trafen Kapuze und Schultern. Vita beschleunigte ihre Schritte und bog in die Gasse mit dem Lokal ein. Die sich drehenden Rotlichter der Polizeiwagen kratzten rhythmisch über die Häuserwände. Hinter vielen Fenstern der Wohnhäuser blickten Gaffer neugierig zu dem Club und den Autos hinab. Aus der entgegengesetzten Richtung kam der Leichenwagen und hielt in zweiter Spur, neben Sulina Jalpas Wagen.

Ihre Kollegin stand rauchend vor dem Lokal, in dessen Eingangsbereich ein Vordach vor dem einsetzenden Regen schützte. Der junge Polizist, der den Eingang bewachte, musterte sie skeptisch. Vita schlug die Kapuze zurück, nickte ihm zu und stellte sich zu Sulina. »Dass du damit wieder angefangen hast …«

»Sagst du mir das jetzt jeden Tag?«, nahm die Ältere Vitas Vorlage auf. Offiziell durften sie sich nichts von ihrem Frust anmerken lassen. Demonstrativ blies Sulina ihr den stinkenden Rauch ins Gesicht.

Vita wedelte mit der Hand, vertrieb den Qualm. »Wenn es hilft, dass du aufhörst.«

Sulina zog an der Zigarette. Die Glut knisterte und sie inhalierte den Rauch, bevor sie die Zigarette wegschnippte.

»Für ein sauberes Milio«, zitierte Vita die Werbung der Stadtverwaltung. Ihr Vater hatte bereits in der ersten Amtsperiode wesentliche Dinge in der Stadt verbessert. Die Behördenwege waren schlanker geworden, die Bürgerbeteiligung vereinfacht. Nun, in seiner zweiten, widmete er sich speziell dem Umweltschutz.

»Bist du heute im Klugscheißer-Modus aufgewacht?«, fragte Sulina.

»Anders kann ich mich gegen deinen zwanzigjährigen Erfahrungsvorsprung nicht behaupten.«

»Jetzt sagst du mir auch noch durch die Blume, dass ich alt bin.« In Sulinas Blick las sie, dass es genug wurde und sie es nicht übertreiben sollten. Der junge Polizist würde nichts Negatives über sie berichten können.

»Ich bezog mich auf deine Erfahrung, meine Liebe. Und deine Weisheit«, antwortete Vita und drehte sich zu dem Polizisten um. Trotz des hellblonden Vollbartes sah er aus, als käme er direkt aus der Polizeischule.

»Ihren Dienstausweis, bitte«, sagte er den Vorschriften entsprechend.

Wortlos zückte Vita das Papier.

Der Junge blickte auf das Foto, dann in ihr Gesicht und schabte noch über das kleine Hologramm mit dem Logo der Mordkommission. Dann gab er wortlos den Eingang frei.

Vita und Sulina betraten das Lokal, dessen Bodenfliesen wie ein Schachbrettmuster gelegt waren. Allerdings bestand jede zweite Fliese aus Glas, damit man in den Discobereich im Keller des Clubs hinabblicken konnte.

Dort unten blitzte es mehrmals hintereinander, also war der Tatortfotograf bereits an der Arbeit. Durch die nächste Glasfliese sah Vita einen sich hinknienden Glatzkopf. Der Gerichtsmediziner Dijmon Obonjo war auch schon vor Ort.

»Volles Haus«, kommentierte Sulina und untersuchte das Türschloss. Es war nicht beschädigt. Die Alarmanlage stand auf grün, war also deaktiviert. »Wie ist er daran vorbeigekommen?«, fragte sie.

Vita notierte den Punkt geistig auf ihrer Liste. »Das ist eine Frage für den Eigentümer.«

»Der ist sauber. Ich habe ihn heute früh erneut überprüft.«

Vita nickte. Sulina war wie sie eine Frühaufsteherin. Überhaupt waren sie sich in vielen Dingen ähnlich und verstanden sich fast blind. Vita war ihr als Partnerin zugeteilt worden, und sie waren sich vom ersten Augenblick an sympathisch gewesen. Nach fünf Jahren war sie so etwas wie eine Ersatzmutter geworden.

So wie Mama früher, bevor ihr der Erfolg zu Kopf gestiegen ist.

Sie stiegen die Treppe in den Discobereich hinab. Die Theke wirkte verwaist, die Sessel davor warteten darauf, benutzt zu werden. In der Bar stritten die Etiketten der Flaschen um die originellste Farb-Logo-Kombination und die Sitzgruppen aus schwarzem Leder an den Wänden sehnten sich danach, von dem Stroboskoplicht gestreichelt zu werden.

Die Tanzfläche war ein Meer aus Blut. Mitten in ihm hatte der Täter den abgetrennten Kopf platziert. Die roten, lockigen Haare schwammen mit den Spitzen in der kreisförmigen Blutlache, hatten sich vollgesogen. Wie bei den anderen Opfern hatte der Täter das Gesicht nach Norden ausgerichtet.

Auch so ein komisches Detail, dachte Vita. Sie unterdrückte die aufkommende Übelkeit und den Fluchtreflex. Ihr Herz schlug schneller, sie begann zu schwitzen und bemühte sich, ruhig zu atmen. Sie würde sich nie an den Anblick von Leichen oder Leichenteilen gewöhnen. Sie sperrte ihren Ekel in ein kleines Kästchen in ihrem Bewusstsein, versuchte weiterhin ruhig zu atmen, während sie um den Kopf herumging.

Die offenen, blauen Augen des Opfers waren schreckgeweitet. Die Angst hatte sich in ihre Züge eingegraben. Diese Frau hatte mit dem Tod keinen Frieden gefunden.

Ächzend stemmte der Gerichtsmediziner seine hundertfünfzig Kilo hoch und stützte sich dabei mit einer Hand am Oberschenkel ab.

»Ah, meine Lieblingspolizistinnen!« Obonjo nickte ihnen zu und schrieb etwas auf das Klemmbrett in der Hand. Der Stift in seiner Hand zitterte. Der Unfalltod seiner Frau hatte ihn zum Alkohol gebracht. Noch hatte er sich weitgehend unter Kontrolle, doch in absehbarer Zeit würde er berufsunfähig sein, im Wohnzimmer im Sessel sitzen, eine Süßigkeit nach der anderen in sich hineinstopfen und jede Fernsehserie kennen, die von den Privatsendern angeboten wurde.

Eine traurige Welt, dachte Vita. Überall Elend und Verzweiflung.

Obonjo zeigte auf den abgetrennten Frauenkopf, der mitten auf der Tanzfläche stand. »Das war eindeutig ihr Täter.« Die Stimme war heiser und alles andere als geschmeidig. Für eine normale Aussprache brauchte er vermutlich drei, vier Schnäpse. »Wie bei den zwei anderen Opfern ist der Kopf sauber und präzise abgetrennt.«

Vita trat näher und roch einen Hauch von Alkohol, der von Obonjo ausging. Vielleicht der Rest des letzten Abends oder das animierende Getränk vom Frühstück. Bei Gelegenheit musste sie mit ihm reden. Sie brauchten seinen genialen Fachverstand, er durfte sich nicht derart wegwerfen.

»Analog zu den anderen Leichen«, fuhr er fort, »wurde der Kopf post mortem abgetrennt. Doch diesmal ist die Zunge ganz, und ihr wurden auch keine Zähne ausgerissen.«

Deswegen musste sie nicht weniger leiden.

Vita betrachtete die Ziffern auf der Stirn der rothaarigen Frau. Wie beim ersten und zweiten Mord hatte der Täter die Koordinaten für den Fundort der anderen Leichenteile eintätowiert. Falls er seine Vorgehensweise spiegelte, fanden sie dort den Rumpf und erhielten den Hinweis auf die Lagerstätte der Arme. Hatten sie diese, würden sie die Koordinaten für die Beine erhalten.

Obonjo klopfte auf das Klemmbrett. »Was für ein Arschloch!«

»Was meinen Sie?«, fragte Sulina. Sie war in die Hocke gegangen, um das Gesicht der Toten besser zu sehen. Es war eindeutig die Frau, die vor Tagen von ihren Freundinnen als vermisst gemeldet worden war, nachdem sie in diesem Club einen Mann getroffen hatte und mit ihm mitgegangen war.

»Durch das Tattoo an der Stirn kann man sie nicht mal richtig begraben.« Die Finger des Mediziners zitterten, als er den Stift in die Lasche am Klemmbrett schob. »Man kann das Tattoo nicht weglasern, damit man sie aufbahren kann.«

»Wieso nicht?« Sulina stand auf, nickte dem Fotografen zu, der sich verabschiedete. Instinktiv fuhr sie über ihr Tattoo am Handgelenk.

»Weil es zu lang dauert. Man braucht mindestens vier Sitzungen im Abstand von drei Wochen. Solange darf keine Leiche liegen.«

Dieses perfide Vorgehen passte zum Psychogramm des Täters. Er hielt sich für unglaublich überlegen und nahm sich das Recht, sich über alle Konventionen hinwegzusetzen. Es genügte ihm nicht, der Familie durch den Tod Leid zuzufügen, er musste noch eines draufsetzen.

»Aus diesem Club hat er doch auch Opfer Nummer Eins abgeschleppt, oder?«, fragte Obonjo.

Vita nickte.

»Da gab es doch ein Phantombild, oder?«

Erneut nickte Vita.

»Glauben Sie …«, der Arzt verzog die Lippen, blickte auf das Blatt am Klemmbrett, »dass er die Chuzpe hatte und sie auch hier aufgerissen hat?«

Sulina warf ihr einen »Pass auf, was du sagst«-Blick zu.

»Eine Frage, die wir uns stellen werden«, antwortete sie ausweichend.

Kurz kniff Obonjo die Augen zusammen, hatte die Abfuhr verstanden. »Ich bin fertig.« Er steckte das Klemmbrett in die Tasche. »Der Bericht liegt am Nachmittag auf Ihrem Schreibtisch.«

Sie warteten, bis sein Geschnaufe am oberen Ende der Treppe versiegte.

»Der Täter hat uns erneut vorgeführt.« Sulina lehnte sich an die Bar, nahm den Fundort in sich auf. »Wie abgebrüht und von sich überzeugt muss der sein? Kommt in dieselbe Bar, in der er schon einmal als Täter identifiziert wurde, bezirzt eine weitere Frau, schleppt sie ab, foltert und tötet sie.« Sie verzog die Lippen. »Und kommt dann hierher zurück, um sie hier wie das erste Opfer abzulegen.«

»Und sucht sich dann erneut eine Frau aus, die in einer Gruppe unterwegs ist, damit sie ihn auf dem Phantombild vom ersten Opfer identifizieren und spricht mit dem Türsteher.« Sie seufzte. »Er zeigt uns den Mittelfinger und spielt mit uns.« Vita verzog die Lippen. »Und offenbar liebt er das Risiko.«

»Obwohl er sich für unbesiegbar hält.«

»Vermutlich gerade deswegen.«

Schwere Schritte auf der Treppe kündigten mindestens zwei Männer an. Mit einer Handbewegung schickte Vita die Leichenbestatter mit dem Sarg nach oben. »Wir brauchen noch ein paar Minuten«, erklärte sie und ging zu Sulina. »Arroganz führt zu Fehlern. Fehler führen dazu, dass wir ihn kriegen.«

»Zweckoptimismus ist etwas Schönes.«

»Das Einzige, was uns bleibt.«

Vita rief sich den Lebenslauf der Opfer in Erinnerung. Bis auf das annähernd gleiche Alter und denselben Clubgeschmack waren sie unterschiedlich. Die erste war Studentin und die zweite Krankenschwester gewesen.

»Das zweite Opfer fällt aus der Rolle«, sagte sie. »Sie war allein, als er sie kennengelernt hat, war älter und keiner ihrer Freunde oder Verwandten hat ihn zu Gesicht bekommen.«

»Du kennst meine Vermutung der zwei Täter.« Sulina holte eine Wasserflasche aus der Handtasche und nahm einen Schluck. »Vermutlich mit Altersunterschied.«

»Sie ist mit diesem Opfer wahrscheinlicher geworden.« Sie kratzte sich an der Nase. »Auf jeden Fall können wir einen Nachahmungstäter ausschließen. Von den Koordinaten auf den Leichenteilen wissen nur wir.«

»Denkst du, er behält die Reihenfolge bei? Rumpf, Arme und zuletzt die Beine?«

»Das war bei Opfer Nummer Zwei auch so.«

»Weißt du, ob die Familie die Wohnung behalten hat?«

Vita schüttelte den Kopf. Der Täter hatte den Kopf des zweiten Opfers in ihrer Wohnung platziert, im Schlafzimmer auf dem Bett – mit dem blutigen Fingerabdruck des ersten Opfers auf der linken Wange. »Sie haben es dem Mehrheitseigentümer der Liegenschaft, Durha Industries, verkauft.«

»Das Krankenhaus, in dem sie gearbeitet hat, gehört doch auch zu dem Konzern.«

»Und das Stipendium, mit dem Nummer Eins studiert hat, wurde von ihm gegründet.« Vita hatte plötzlich das Gefühl, etwas zu übersehen. Sie stieß nach, doch sie konnte es nicht fassen, musste zusehen, wie es sich verflüchtigte. »Was gehört ihm nicht?«, antwortete sie lakonisch.

»Die Polizei.«

»Bei manchen Kollegen bin ich mir da nicht so sicher …«

Von oben drangen Stimmen in den Raum. Eine dunkle, energische Stimme und eine helle, die zu beruhigen versuchte, aber nicht weniger energisch war. »Nein, der Discobereich ist gesperrt«, hörte Vita den jungen Polizisten.

»Das ist mein Lokal! Sie haben nicht das Recht, mich aufzuhalten!«

Sulina löste sich von der Theke. »Der ist in meinem Alter, also gehört er mir.«

Vita lächelte. Sulina war immer in Flirtlaune, sogar am Ort eines Verbrechens. Sie schnippte mit den Fingern, blendete das Elend aus und nahm sich die sonnigen Seiten der Lage vor.

Manchmal beneidete Vita sie um diese Gabe. Sie erleichterte das Leben ungemein. »Versuch dein Glück, aber denk zuerst an die Ermittlungen.«

»Du kennst mich ja. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.« Sulina lockerte ihre blonden Haare auf, bis sie geschmeidig auf die Schultern fielen, und stolzierte die Treppe hoch.

Vita warf einen letzten Blick auf den abgetrennten Schädel, schüttelte sich und folgte ihr.

*

Vita Etan verließ den Club und blieb unter dem Vordach stehen. Der Regen war heftiger geworden, hatte sich in ein Gewitter verwandelt, das sich direkt über dem Lokal entlud. Ein Blitz gleißte über den Himmel, gefolgt von einem Donnerschlag, der das wütende Trommeln des Regens auf das Vordach übertönte. Der Wind peitschte die Regentropfen unter den Rändern des Daches hindurch bis zum Eingang.

Im Lokal hörte sie Sulina und den Clubbesitzer. Seine Stimme war sanft geworden.

Sie ist einfach unglaublich, wickelt alle um den Finger!

»Was für ein Scheißwetter«, sagte der junge Polizist und wich in das Lokal zurück. Die Ermittlerin nickte und sah skeptisch in den Regen. Obwohl es nicht weit zum Auto war, würde sie dort durchnässt ankommen. Aber das Jammern half nichts.

Sie zog die Kapuze über den Kopf, nickte dem Kollegen zu und rannte los. Schon nach wenigen Schritten war ihr Gesicht nass und die Kapuze mit Wasser vollgesogen. Der Stoff ihrer hellblauen Hose verfärbte sich durch die Regentropfen und wurde immer dunkler und schwerer.

Wenigstens hält die Lederjacke den Oberkörper trocken.

Im Auto verschnaufte sie. Auf der Fahrt zu ihrem Büro musste sie sich stärker als sonst konzentrieren, weil der Regen so stark war, dass die Scheibenwischer nicht mehr nachkamen. Das Wasser floss in Strömen über die Scheibe. Eigentlich hätte sie stehen bleiben und auf ein Nachlassen des Regens warten müssen. Doch dafür fehlte ihr die Zeit.

Der Appell des Polizeichefs hallte in ihren Ohren. Sie mussten einen Hinweis auf den Täter finden, aber nicht wegen der Sonderkommission, sondern weil sie es den Opfern schuldig waren.

Im Büro gönnte sie sich einen Kräutertee und stellte sich vor das Whiteboard, das Sulina und sie mit Ermittlungsideen beschrieben hatten. Die Fotos der drei Opfer klebten in der Mitte. Von ihnen führten Striche zu eingekringelten Wörtern.

»Warum hast du sie ausgewählt?«, murmelte sie. Der Dampf des Tees stieg auf, kitzelte in der Nase. »Was hat dich an ihnen fasziniert?«

Optisch erkannte sie kein Muster, die Frauen waren verschiedene Typen: schwarzhaarig, blond, rothaarig; lange Haare, kurze Haare, Pagenkopf.

Vielleicht war es die Abwechslung?

Auch die Berufe waren unterschiedlich: Studentin, Krankenschwester und Lektorin. Sie wohnten in verschiedenen Bezirken von Milio, hatten jeweils andere Hobbys und Urlaubsziele.

Sie nippte am Tee und trat mehrere Schritte zurück, um das komplette Whiteboard zu betrachten.

Ich übersehe etwas!

Das Gefühl aus dem Club war zurück, diesmal einen Hauch präsenter, aber immer noch zu vage, um es zu packen und in ihr Bewusstsein zu zerren.

Etwas verbindet euch, dachte sie. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mörder sie zufällig ausgewählt hatte, war gering. Natürlich lag es im Bereich des Möglichen, aber sie wünschte und brauchte eine Gemeinsamkeit. Wie hätte sie dem Täter sonst auf die Spur kommen können?

Sie ging zu ihrem Schreibtisch, lehnte sich an die Kante, blies in den Dampf des Kräutertees.

Der Täter plante, daran gab es keinen Zweifel. Davon zeugte, wie er die Leichenteile »entsorgte«. Den Kopf des ersten Opfers hatte er im Lasas-Park hinter einem Gebüsch verbuddelt und darauf gesetzt, dass einer der vielen Hunde ihn erschnupperte – was dann auch rasch geschehen war.

Wieso tötest du halbjährlich?

Ihr Blick fiel auf drei unterstrichene Wörter. Von jedem Opfer hatte der Täter etwas zurückbehalten. Eine Halskette, einen Kamm und ein Armband.

Warum gerade diese Dinge?

Bevor sie diese Frage beantworten konnte, läutete ihr Telefon. »Sulina, was gibt es?«

»Der Clubbesitzer ist nervlich am Ende. Er kommt nicht damit zurecht, dass sein Lokal eine derartige Anziehungskraft für den Mörder hat.«

»Konntest du ihn beruhigen?«

»Nicht zur Gänze. Aber ich konnte ihm ausreden, ab sofort Ausweise von allen Besuchern zu verlangen. Da könnte er den Club ja gleich zusperren.« Vita hörte einen anspringenden Motor. »Ich habe ihm vorgeschlagen, in einem halben Jahr einen Köder für den Täter auszulegen.«

»Und?«

»Er hat zugestimmt.«

»Hoffentlich ist das nicht nötig, weil wir ihn vorher erwischen.« Vita hörte das Tackern des Blinkers. »Hat er eine Ahnung, wie der Täter die Alarmanlage geknackt hat?«

»Hat er nicht. Ich habe bei Durha Industries nachgefragt. Der zuständige Abteilungsleiter wird mich zurückrufen.«

Vita ging zum Whiteboard und schrieb eine Notiz in das Feld des Lokals. »Sonst noch was?«

»Es regnet noch immer.«

Jetzt erst hörte Vita das wütende Trommeln der Regentropfen auf dem Bürofenster.

»Ich bin am Nachmittag bei dir.«

Das Display erlosch, Sulina hatte aufgelegt. Vita leerte die Tasse und stutzte. Ihr Blick sprang erneut über das Whiteboard, fraß sich fest. Mit zitternden Händen wählte sie die Nummer von Sulina. »Ich habe eine Gemeinsamkeit gefunden!«

*

Mit dem Stift tippte Vita auf das Whiteboard, um Sulina ihre Erkenntnis zu erläutern. Mit einer Tasse dampfendem Kaffee stand die Kollegin vor ihr und blickte sie erwartungsvoll an.

»Opfer Eins, die Studentin, hat in einem Wohnhaus gewohnt, das Durha Industries seit dem Verkauf der Wohnung durch die Erben komplett sein Eigen nennt. Opfer Zwei, die Krankenschwester, hat in einem Krankenhaus gearbeitet, das Durha Industries gehört. Opfer Drei hat in dem Verlag gearbeitet, dessen Eigentümer Durha Industries ist.«

»Und die Alarmanlage von Durha Industries, die der Club verwendet, kann nur von einem Spezialisten gehackt werden.«

»Oder von einem bei Durha Industries, der die Dinger mitentwickelt hat.«

»Du meinst, er hat eine Hintertür in die Software eingebaut?«

»Kannst du es ausschließen?«

Sulina nahm einen Schluck Kaffee. »Das wäre ein Skandal.«

»Der nebensächlich ist. Hier geht es um drei Morde.«

»Hm.«

Vita wartete, ob ihre Kollegin noch etwas sagte, doch Sulina schwieg. »Wieso entmutigt mich dein Schweigen?«

Sulina blies in den Kaffee, sodass eine zitternde Delle in der Flüssigkeit entstand.

Vita wurde ungeduldig. »Du schindest Zeit.«

»Erwischt.« Sulina zuckte mit den Schultern. »Entschuldige, dass ich deine Erkenntnis nicht angemessen würdige, aber ich sehe nicht, wie sie uns weiterhilft. Du hast im Club selbst gesagt, dass man an Durha nicht vorbeikommt.« Sie hob Vitas Mobiltelefon hoch, das am Schreibtisch lag. »Ohne das hier wäre er nur ein gewöhnlicher Industrieller, mit ihm ist er der Gott dieser Welt.«

»Darum glaubt er, sich alles erlauben zu können.«

»Verdächtigst du ernsthaft Allin Durha?«

Vita schwieg, weil sie selbst wusste, wie verrückt dieser Gedanke war. Aber es war bislang der einzige Anhaltspunkt.

»Nehmen wir doch an«, griff Sulina die Idee auf, »dass er der Täter ist.« Sie legte das Mobiltelefon zurück auf den Schreibtisch. »Das Phantomfoto sieht ihm nicht ähnlich.«

»Er könnte eine Maske verwendet haben.«

»Durha ist Mitte vierzig. Wieso hat er erst vor anderthalb Jahren zu morden begonnen?«

»Die richtige Frage ist: Wieso hat er vor anderthalb Jahren gemordet und damals die Leichen nicht verschwinden lassen? Wieso wollte er, dass wir sie finden? Wieso begann er, damit zu prahlen?« Sie klopfte auf das Whiteboard, denn es war Zeit für den Trumpf, von dem Sulina noch nichts wusste. »Ich habe heute Vormittag mit Polizeifreunden in angrenzenden Ländern telefoniert. Ein halbes Jahr vor Opfer Nummer Eins ist in Muteo eine Frau ohne Kopf gefunden worden. Ein halbes Jahr davor eine Frau ohne Arme und ein halbes davor eine ohne Beine.«

Sulina starrte sie an, musste die Information erst verdauen. »Wieso war das bei uns nicht in den Medien?«

»War wohl nicht interessant genug.«

»Da schicken die Staaten gemeinsam Sonden zu dem nächsten Planeten, aber unsere Polizei ist grenzüberschreitend nicht koordiniert.« Sie schüttelte den Kopf. »Gibt es Verdächtige?«

»Kein Kollege hat einen Anhaltspunkt.«

Nachdenklich strich sich Sulina eine Haarsträhne hinters Ohr. »Warum macht er es hier anders?«

»Ich denke, die Morde in den anderen Ländern waren ein Testlauf. Mir kommt es so vor, als ob er geschnappt werden will. Als ob er uns provoziert.«

»Falsche Maske? Keine Fingerabdrücke?«

»Die einzige Gemeinsamkeit ist Durha Industries!« Sie deutete mit dem Stift auf Sulina. »Kennst du jemanden im Außenamt?«

»Du willst die Ausreisedaten, willst wissen, ob Allin Durha in all diesen Städten war?« Sulina lachte auf. »Kein Richter stellt dir mit diesen Beweisen einen Beschluss aus! Kein Einziger.«

^

5.

Drei Wochen später

Vita Etan zeichnete eine Verbindungslinie zwischen dem Eigentum von Durha Industries und Durha Real Estate auf dem Whiteboard in ihrem Büro. Während Sulina skeptisch geblieben war, stand für sie der Mörder fest: Allin Durha.

Sie fühlte es mit der Intensität, die sie auch alle anderen Fälle hatte lösen lassen. Aber ihr Gefühl half nichts, wenn sie keinen Beweis auftreiben konnte.

Natürlich könnte es auch einer der weltweit fünfundachtzigtausend Angestellten von Durha sein, aber ihr Gefühl verneinte das.

Ein Klopfen an der Tür lenkte sie ab. Neugierig drehte sie sich um und sah Tayir Macsat, den Polizeipräsidenten, der die Tür hinter sich abschloss.

Prüfend musterte er sie, schien mit sich zu ringen.

Vita wurde heiß. Hatte er gar …?

»Etan, Sie wissen, dass Sie nerven!« Er fuhr sich über die Augen, zog dann ein gefaltetes Blatt Papier aus dem Sakko, verharrte mit der Hand über der Brust.

»Enthält es das, was ich denke?«, fragte Vita.

»Diese Information hat mich einen Gefallen gekostet, einen verdammt großen Gefallen.« Er blähte die Nasenflügel. »Und ich hasse es, Gefallen zu schulden, denn sie werden immer in den ungünstigsten Momenten eingelöst.«

Vita musste sich zurückhalten, um ihm den Zettel nicht aus den Fingern zu reißen.

»Waren Sie bei …?«

»Keine Details!«, unterbrach er sie kopfschüttelnd. Langsam streckte er den Arm mit dem Blatt aus. »Ihnen ist klar, dass es kein Beweis ist.«

Sie nickte, nahm das Blatt an sich. »Ich finde einen Weg, es zu beweisen.«

»Das will ich hoffen. Lange halte ich die Innenministerin nicht mehr hin.« Er drehte sich um.

»Danke, Chef!«, rief sie ihm nach, doch da war er schon aus der Tür.

Mit einem Mal wummerte ihr Herz, als wollte es einen Fluchtversuch wagen. Ein Teil von ihr wollte nicht, dass die Informationen auf dem Blatt ihren Verdacht bestätigten. Es würde anstrengender und noch frustrierender werden. Sulina und sie kämpften gegen einen Titanen, der sie wegschnippen konnte wie Sulina ihre Zigaretten. Andererseits …

Vita holte tief Luft und entfaltete den Zettel. Nachdem sie den Inhalt gelesen hatte, knüllte sie das Papier fluchend zusammen.

*

»Was ist so dringend, dass du mich von einer Abendverabredung abhältst?«, sagte Sulina anstelle einer Begrüßung.

Vita roch Zigarettenrauch, also hatte Sulina vor der Haustür noch einen Glimmstängel eliminiert, bevor sie zu ihr in das oberste Stockwerk gefahren war.

Sie unterdrückte den Impuls, ihrer Kollegin die gute Nachricht sofort zu erzählen. Sie winkte sie in den Vorraum und ging ins Wohnzimmer. Draußen hatte die Dämmerung den Kampf gegen die Nacht verloren. Der Mond thronte über der Stadt, buhlte gegen die vielen Lichter der Wohnungen um Aufmerksamkeit.

Vita setzte sich in die Ledercouch, deutete Sulina, sich zu ihr zu gesellen. Sulinas Blick hellte sich auf, als sie die Käseplatte und die entkorkte Flasche Rotwein am Couchtisch sah.

»Schenk ein!«, forderte sie Vita auf und ließ sich neben ihr nieder. Das Leder knirschte, bis sie den optimalen Sitz gefunden hatte.

Vita reichte ihr das Glas. »Wir haben ihn!«, platzte sie heraus.

Sulina schwenkte den Wein, roch daran, nickte zustimmend und nahm einen Schluck, während Vita das zerknüllte Blatt vom Tisch hob, es glattstrich und ihr gab.

Ihre Kollegin überflog den Inhalt. Ihre Augen wurden groß. »Ich kann mich nicht erinnern, dass du über einen Richter einen Beschluss zur Aushändigung dieser Informationen erhalten hast.«

»Durha war dort!« Vita zeigte auf den Zettel. »Er war in jeder verdammten Stadt, in der die Morde begangen wurden. In jeder!«

»Wo hast du das her?« Sulina blickte sie eindringlich an. »Wer hat dir das gegeben?«

»Egal. Wichtig ist doch, dass wir jetzt wissen, dass er der Mörder ist.«

»Falsch. Wir wissen nur, dass er in den Städten war. Das ist noch kein …«

Vita hörte die restlichen Worte nicht mehr. Plötzlich spürte sie Angst, eine unbeschreibliche Angst, die ihr die Kehle zuschnürte und sich wie ein Eisenring um ihr Herz legte.

»Koda …«, stammelte sie. Ihre Schwester war in Lebensgefahr. Sie spürte es, als ob sie selbst betroffen wäre.

Schmerz zuckte durch ihr Gesicht, als würde sie jemand ohrfeigen. Eine Gänsehaut zog sich über ihren Rücken hinauf bis zu ihrem Scheitel und ließ sie frösteln.

»Vita? Was ist mir dir?«, hörte sie Sulinas Stimme, die weit entfernt klang. Sie wusste, sie wollte ihr helfen, doch sie zuckte bei der Berührung zusammen.

»Koda …«, murmelte sie erneut, bevor die Todesangst sie ausknockte.

^

6.

Mit einem Lächeln auf den Lippen stieg Rakiyat aus dem Flugzeug. Der Vertrag, den er ausverhandelt und abgeschlossen hatte, sicherte Durha Industries den Exklusivzugriff auf das weltgrößte Silizium-Feld. Damit stand der Produktion der neuen Generation von Mobiltelefonen nichts mehr im Wege.

»Hatten Sie einen angenehmen Flug?«, fragte ihn der Chauffeur.

Rakiyat nickte, stieg in den hinteren, abgeschirmten Bereich der Limousine, drehte das Radio auf, hörte Werbung und dann die Nachrichten.

Vor wenigen Minuten wurde im Abor-Park ein Frauenkopf gefunden. Es wird vermutet, dass es sich um die vor ein paar Tagen verschwundene Koda Etan …

Rakiyat schrie so laut auf, dass der Chauffeur anhielt und sich nach ihm umdrehte.

»Alles in Ordnung«, presste er durch die Lippen. »Fahren Sie weiter.«

In seinem Bauch waren Bomben voller Wut, Zorn und Hass. Allin und er hatten einen Plan ausgearbeitet, wie sie die Polizei bis an ihr Lebensende an der Nase herumführen konnten. Jede Kleinigkeit war besprochen – und nun tötete dieser Idiot entgegen der Absprache viel zu früh eine weitere Frau, zerstückelte sie und verteilte sie auf vier verschiedene Orte in Milio.

Rakiyat schrie erneut, diesmal lautlos. Wütend drosch er gegen das Sitzpolster. Immer und immer wieder, bis er sich abreagiert und verausgabt hatte.

Warum tut Allin das? Warum hält er sich nicht an den Plan?

Allins Gesicht erschien vor ihm und er schlug darauf ein, hörte die Nase brechen, sah die Lippen aufplatzen und Blut spritzen.

Dabei war die Antwort simpel. Allin wurde immer triebgesteuerter. Seine Beherrschtheit aus früheren Tagen verschwand mit zunehmendem Alter, er wurde zur Gefahr für sich und den Plan. Und er hatte keine Angst vor der Justiz. Vor Jahren hatte er sechsstellige Summen in die Wirtschaft von Ermio investiert und im Gegenzug der Despotenfamilie die Garantie abgerungen, für kein Delikt dieses Planeten ausgeliefert zu werden.

Rakiyat schnaufte durch. Seine Wut brachte nichts. Er musste sich beruhigen, musste Allin entspannt entgegentreten, durfte ihm nicht zeigen, wie wütend er war. Damit hätte er ihn nur provoziert. Instinktiv strich er über die Stelle am Oberarm, an der ihm Allin die Minibombe injiziert hatte.

Rakiyat schloss die Augen, suchte Zuflucht zu einer Meditationstechnik, leerte den Verstand.

Als der Wagen vor Durha Manor anhielt, verwandelte er die Reste seiner Wut in einen kleinen Ball und schleuderte ihn geistig ans Ende des Universums. Langsam und bedächtig betrat er das Anwesen.

»Wo ist er?«, fragte er einen Diener.

»Im Kinosaal.«

Während er die Treppe in den Keller hinabstieg, sammelte er seine Gedanken. Am Eingang des Kinoraums blieb er stehen und lehnte sich gegen den hölzernen Türpfosten. Sein »väterlicher« Freund lümmelte in der weißen Ledercouch und hatte ihn nicht bemerkt. Der Projektor an der Decke verwandelte die über Satellit eingehenden Datenpakete der Abendnachrichten in bewegte Bilder.

Ein Reporter des größten Nachrichtensenders der Hauptstadt Milio posierte vor den Eingangstoren des beliebten Abor-Parks. Sein Gesichtsausdruck zeigte eine gut einstudierte Mischung aus Entsetzen, Trauer und Wut. Neben ihm kam eine schwarzhaarige Frau ins Bild. Ihre Wangen waren gerötet, die Schultern vorgedrückt und die Augen funkelten hasserfüllt in die Kamera. Sie blähte die Nasenlöcher und biss die Zähne aufeinander, sodass sich die Wangenknochen unter der Haut abzeichneten. Rakiyat spürte ihren unbändigen Drang, endlich sprechen zu können.

»Der Vertrag ist unterzeichnet, die Tinte darauf trocken«, sagte Rakiyat zu Allin.

»Sehr gut, sehr gut. Wann bist du gelandet?«

»Vor dreißig Minuten.« Er ging in den Raum. »Die Nachrichten haben mir erzählt, dass du dich ohne mich vergnügt hast.«

»Sie war unglaublich süß.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich konnte mich nicht beherrschen.«

»Ich hoffe, du hast es aufgenommen.«

Allin nickte. Seine Augen bekamen einen gierigen Glanz. »Willst du das Video gleich sehen?«

Rakiyat schüttelte den Kopf und deutete zur Leinwand. »Mich interessiert, was die Wütende zu sagen hat.«

Für ein paar Herzschläge schwieg der Reporter, wollte Spannung erzeugen. »Bei uns am Fundort ist die Hauptermittlerin, Kommissarin Vita Etan. Sie wird …«

Die schwarzhaarige Frau riss ihm das Mikrofon aus der Hand und trat auf die Kamera zu.

Beeindruckendes Temperament, dachte Rakiyat. Ihre graublauen Augen funkelten.

»Das war meine Schwester, du Schwein!«

Rakiyat schloss die Augen. Das hatte ihnen noch gefehlt.

»Ich kriege dich, werde nicht eher ruhen, bis ich dich hinter Gitter gebracht habe!« Die Stimme sprühte vor Feindschaft, in ihrem Blick lag kalte Entschlossenheit. »Und dein Reichtum wird dir nichts helfen!«

Sie warf dem Reporter das Mikrofon zu.

»Reichtum?«, fragte er verdutzt. »Frau Etan, heißt das, Sie haben einen Verdächtigen?«

Die Frau verließ den Kamerabereich. »So warten Sie doch … Frau Etan!« Als er sich zur Kamera zurückdrehte, wirkte er einen Moment lang enttäuscht, dann knipste er sein professionelles Lächeln an. »Mit diesen Worten gebe ich zurück zur Zentrale. Das war Isor Datos für Milio TV.«

Das Bild wechselte ins Studio, in dem eine rothaarige Frau zum nächsten Nachrichtenblock überging.

»Den Bullenjob ist sie los.« Allin lachte auf und schlug sich auf den Oberschenkel.

Rakiyats Wut war zurück, brennender als im Auto. »Wusstest du, dass die Schwester deiner Auserwählten die Hauptermittlerin ist?«

Er schüttelte den Kopf. »Die Kleine war Wirtschaftsreporterin, sie hat mich für ihr Fachblatt interviewt. Sie bringen eine Reportage zum fünften Geburtstag der Mobiltelefone.«

»Vorher hast du sie nicht gekannt?«

»Leider nicht, sonst hätte ich mich längst mit ihr vergnügt.«

So überheblich kannst nicht mal du sein!

»Die Polizei hat dich vernommen?«, fragte Rakiyat.

»Klar. War unterhaltsam.«

»Du hast keine Angst, dass sie die Spur zu uns finden? Immerhin ist sie die Tochter des Bürgermeisters.«

»Das erhöht die Spannung.«

Rakiyat konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Du erinnerst dich noch an unseren Plan, oder?«

»Scheiß auf den Plan! Wenn mir danach ist, dann nehme ich mir eine von diesen Fotzen.«

Rakiyat schüttelte den Kopf. »Du hättest sie nicht zerstückeln müssen. Das wollten wir doch nur bei den halbjährlich ausgewählten Frauen machen.«

»Und wenn schon. Hat die Polizei etwas Zusätzliches zum Nachdenken.« Er drehte sich zur Leinwand. »Nun sind wir unberechenbar.«

Rakiyat packte das Gefühl, dass sie dieser Fehler noch teuer zu stehen kommen würde. Konzentriert versuchte er, es zu vertreiben, doch die Vorahnung blieb und verwandelte sich in beklemmende Hilflosigkeit. Seine Wut wurde größer und mit ihm sein Wunsch, auf Allin einzuschlagen. Er hasste es, sich hilflos zu fühlen.

»Wie kommt sie darauf, dass der Täter reich ist?«

Allin zuckte mit den Schultern. »Was kümmert mich diese kleine Polizistin?« Er rieb sich die Hände. »Ich war vorgestern mit der Innenministerin essen. Ihre Geduld ist aufgebraucht. Sie wird eine Sonderkommission einsetzen.«

Wenigstens ein Lichtblick, dachte Rakiyat. Die Mitglieder von Sonderkommissionen wollten sich normalerweise profilieren und behinderten sich dadurch gegenseitig.

»Du musst dir das Video ansehen«, sagte Allin gelassen. Er schien nicht zu merken, wie es ihm ging. »Ich war wirklich kreativ.«

Die Vorstellung der Striemen, Blutergüsse und Schnitte auf Koda Etans Körper lenkte Rakiyat ab. Er schlenderte zur Bar und wählte ein bauchiges Glas, in das er goldfarbenen Hamsthos mit zwei Eiskugeln füllte. Er vertrieb das Bild der nackten Frau. Sie mussten sich auf die neue Situation vorbereiten, mussten proaktiv vorgehen. Vita Etan war gefährlich, er fühlte es.

»Sie war so …«, fuhr Allin fort und schloss die Augen. Seine Finger zeichneten ihre Konturen nach. »Ihre Wimpern so fein wie Federn, die Augen, die wie bei einer Heiligen leuchteten, wenn sie lachte. Und erst nackt! Die weiche, zarte Haut, die Nippel mit dem kleinen Vorhof und dieses Muttermal an der Leistengegend, um das ihr Blut herumfloss. Es wirkte wie eine Insel im Meer.« Er stöhnte. »Verdammt, du hättest sie sehen müssen.«

Rakiyat schwenkte das bauchige Glas und wartete, bis die Kugeln mehrmals zusammenstießen, bevor er an der hochprozentigen Flüssigkeit roch und dann an ihr nippte.

»Du hast ja nicht gewartet«, antwortete er vorwurfsvoll. »Warst du vorsichtig?«

»Du vergisst, mit wem du sprichst. Ich habe schon gemordet, als du auf diesem anderen Planeten noch nicht mal geboren warst. Wie hieß er gleich noch mal?«

»Alysk.« Er nahm einen weiteren Schluck und setzte sich zu Allin auf die Couch. Er fühlte, dass sein Mentor etwas ausheckte. »Woran denkst du?«

»Die Bullenschwester …« Er kratzte sich am Kinn. »Schwestern wären für uns ganz was Neues.«

»Eine Premiere«, ergänzte Rakiyat. Der Gedanke gefiel ihm, weil er die Hilflosigkeit vertrieb. Sie konnten warten, bis die Kleine ihre Drohung wahr machte und mit einem Haftbefehl vor den Toren von Durha Manor stand, oder sie konnten proaktiv vorgehen und sie beseitigen.

Und dabei Spaß haben!

Zugleich hätten sie der Polizei einen noch größeren Mittelfinger gezeigt. »Ich kümmere mich um sie«, entgegnete er. Zuversicht durchströmte ihn. So hatte Allins Unbeherrschtheit doch noch etwas Gutes.

»Wie willst du vorgehen?«

»Wie bei den ersten drei Frauen auch. Ich will, dass sie mir vertraut, bevor sie die Wahrheit erkennt.«

»Das ist mein Junge!« Allin grinste. »Stell dich darauf ein, dass sie schwer zu knacken ist.«

Rakiyat lachte auf. »Ich wette, ich lege sie beim dritten Treffen flach.«

»Die Wette nehme ich an.« Sie reichten sich die Hände. »Gute Jagd!«

»Werde ich haben. Garantiert!«

^

7.

Ein paar Wochen später

Seit Vita den Anruf aus dem Krankenhaus erhalten hatte, schlug ihr Herz so heftig, dass sie jeden Schlag spürte. Gleichzeitig ratterten ihre Gedanken.

Papa hat Krebs! Papa hat Krebs!

Bei jeder Ampel schossen ihr Tränen in die Augen, die sie mit dem Ärmel der Bluse abwischte.

Warum er? Warum auch noch er?

Je näher sie dem Krankenhaus kam, desto anklagender wurde die Stimme in ihr. Was hatte ihre Familie getan, dass das Unglück derart über sie hereinbrach? Warum hatte sich das Schicksal auf sie eingeschossen?

Sie fluchte, schluchzte und fluchte erneut.

Am Parkplatz des Krankenhauses blieb sie einige Minuten sitzen, fischte mit bebenden Händen eine Flasche aus dem Handschuhfach und tränkte Taschentücher mit der Flüssigkeit. Damit wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und presste sie gegen die Augen. Vor ihrem Vater musste sie stark sein, konnte ihn nicht mit ihrem Schmerz und ihrer Wut belasten. Er brauchte ihre Unterstützung, musste einen positiven Eindruck auf den Weg nach drüben haben.

Sie betrachtete sich im Spiegel – Du siehst scheiße aus! – und bedauerte zum ersten Mal, dass sie keine Kosmetika in der Handtasche hatte. Nun musste sie mit verquollenen Augen ihrem sterbenden Vater gegenübertreten. Sie streckte sich, griff nach dem Türöffner, wollte aussteigen.

Doch ihr wurde schwindlig. Ihre Hände und Beine begannen zu zittern, sie bekam keine Luft. Plötzlich war ihr alles fremd. Die Welt erschien ihr wie ein seltsamer Film, in dem sie festsaß: das Auto, das Krankenhaus, ja sogar sie selbst. Zusätzlich ergriff sie eine unvorstellbare Angst und schnürte ihr die Kehle zu. Ihre Handflächen wurden feucht, sie schwitzte. Ihr Herz schlug so hart, als wolle es sich aus ihrer Brust lösen. Ihr Bauch schmerzte.

Übergangslos verwandelte sich die Hitze in Kälte, breitete sich in ihr aus, und sie fröstelte. Der Magen zog sich zusammen und ihr wurde übel. Sie würgte, spürte den sauren Geschmack von Magensäure im Mund.

Plötzlich befand sie sich außerhalb des Körpers, sah sich, wie sie zusammengekauert im Auto saß, mit eingefallenen Wangen, blasser Haut und dunklen Augenringen.

Es ist einfach alles zu viel. Viel zu viel! Ich schaffe das nicht mehr!

Ein Teil ihres Bewusstseins spaltete sich von ihr ab. Sie betrachtete die Geschehnisse der letzten Wochen, als ob ein Film ablaufen würde.

Der Mord an ihrer Schwester hatte sie jeder Professionalität beraubt. Unerlaubterweise hatte sie den Fundort den Medien verraten und dann dieses Live-Interview gegeben. Natürlich hatte sie der Polizeichef von den Untersuchungen abgezogen, schließlich war sie befangen. Aber das hatte sie nicht gehindert, weiter zu ermitteln.

Sie war zu einer Konferenz für Sicherheitsfragen gefahren, bei der Allin Durha einen Vortrag gehalten hatte, und hatte ihn vor dem Publikum des Mordes bezichtigt. Die dienstliche Suspendierung folgte am selben Tag. Nur mit Mühe verhinderte Macsat eine Anklage und eine interne Ermittlung gegen sie.

Und als wäre das alles nicht genug, folgte heute Morgen die Nachricht vom Bauchspeicheldrüsen-Krebs ihres Vaters. Der Schock schüttelte sie. Das Karzinom war so weit fortgeschritten, dass es keine Heilung mehr gab. Ihm blieben zwei, höchstens drei Wochen, um die politische Nachfolge zu regeln und sich von seinen Liebsten zu verabschieden.

Plötzlich kehrte sie in ihren Körper zurück. Die Kälte war verschwunden, machte dem normalen Temperaturempfinden Platz. Sie atmete ganz ruhig.

Ich brauche eine Pause, brauche Abstand, analysierte ein Teil von ihr.

Nicht, solange Allin Durha frei herumläuft, widersprach ein anderer Teil. Ich muss die Gerechtigkeit für Koda wiederherstellen!

Schluss damit!, stellte sie beide Stimmen ruhig. Jetzt ist nur Papa wichtig!

Sie stieg aus, unterdrückte ihre instinktive Abneigung gegen Krankenhäuser und ging entschlossen auf den Eingang zu. Ihr Vater lag in einem Privatzimmer im achten Stockwerk. Vor dem Zimmer schob sie alle negativen Gedanken beiseite und konzentrierte sich darauf, stark zu sein. Einen Moment lang war das Endgültige so fern. Sie fühlte sich enthusiastisch. Vielleicht gab es doch irgendeine Hoffnung?

Sie öffnete die Tür und erschrak.

Ihr Vater, der Inbegriff eines überlegenen Mannes, der aus großen literarischen Werken zitierte, der stets die richtige politische Meinung vertrat und der Koda und ihr stets das Gefühl gegeben hatte, der Mittelpunkt des Universums zu sein … diesen Mann gab es nicht mehr.

Äußerlich bemühte er sich, diesen Eindruck zu vermitteln – er lächelte warmherzig. Doch seine Augen verrieten, wie es in ihm aussah.

Die Enttäuschung zog ihre Eingeweide zusammen. Sie fühlte sich hilflos und leer. Ihre dumme Hoffnung, dass es einen Ausweg geben musste, verflüchtigte sich. Nichts würde gut werden! Gar nichts!

Vita sah die Hoffnungslosigkeit in seinen Augen, fühlte sie ebenfalls und konnte die Tränen nicht zurückhalten.

»Papa!« Sie stürzte ans Bett, umarmte ihn, schmiegte sich an seine Brust. Noch war er da. Sie fühlte den Stoff des Schlafanzugs an ihrer Wange, horchte auf seinen Herzschlag. »Papa!«

Sanft tätschelte er ihren Rücken. »Schon gut, meine Blüte.«

»Es tut mir so unendlich leid«, flüsterte sie.

»Wie hat ein großer Dichter einst geschrieben: Leben ist sterben. Von Geburt an tragen wir den Keim der Vergänglichkeit in uns. Wichtig ist nur, dass wir in der Zeit, die uns bleibt, unser Leben mit schönen, spannenden, sinnvollen Handlungen anreichern und unsere Werte auf fruchtbarem Boden gedeihen lassen. Ich denke, das habe ich getan.«

Sie richtete sich auf. »Ja, das hast du.«

Die Traurigkeit in seinen Augen wich ein wenig.

»Eigentlich wollte ich nicht heulen.« Unwillkürlich lachte sie auf und wischte sich die Tränen ab.

Jetzt erst bemerkte sie ihre Mutter. Die Wimperntusche hatte sich durch die vielen Tränen aufgelöst und war ihr in Linien über die Wangen geronnen. Die Augen waren blutunterlaufen und die Nasenspitze rot. Ihr Gesicht war verzerrt wie das eines Mädchens, das wusste, dass sie beim Heimkommen eine Strafpredigt erwartete.

»Vita«, sagte ihr Vater mitten in das satte Ping hinein, das von der Maschine stammte, die seinen Herzschlag überwachte, »ich habe eine Bitte an dich.« Er wartete, bis er ihr Gesicht sah. »Ich möchte, dass du kürzertrittst.«

Sie wollte aufbegehren, doch er brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Kodas Tod wird auch ohne dich aufgeklärt werden.«

Sie öffnete den Mund, schwieg aber.

»Seit ihrem Tod betreibst du Raubbau an deinem Körper und deiner Seele.« Er streichelte ihr über die Wange, fuhr über die dunklen Augenringe. »Ich will nicht noch eine Tochter vorzeitig verlieren!«

Vita spürte seinen Schmerz und seine Verzweiflung. Und sie spürte, dass er recht hatte. Die Panikattacke im Auto war ein Warnschuss gewesen. Nun verstand sie das.

Langsam nickte sie.

»Fahr auf Urlaub – so weit weg, wie du kannst, lass dein Telefon zuhause und kümmere dich um deinen Seelenfrieden. Ich möchte nicht, dass trübe Gedanken dich für dein restliches Leben jagen.«

Erneut nickte sie.

»Ich will dich froh sehen, bevor ich sterbe. Du musst mir versprechen, dass du erst zurückkehrst, wenn du dich wieder an einem Sonnenaufgang erfreust.«

Sie schnaufte. Dieses Ziel schien so weit entfernt wie das Ende des Universums. Er strich mit dem Daumen über ihre geschwollenen Augen.

»Dieser Schatten auf deinem Gesicht muss weg.«

Plötzlich wusste sie, was er meinte. Ihre Gedanken befanden sich in einer Negativspirale.

Das hat vor Kodas Tod begonnen, erkannte sie. Die Polizeiarbeit mit Mördern, Kinderschändern und Irren … Die Arbeit mit dem Abschaum hat mich vergiftet.

Sie straffte sich. »Ich verspreche es dir.« Zuversicht erfüllte sie. Dankbar sah sie ihn an und erinnerte sich, wie sie ihn mit vier Jahren zu ihrem Vorbild auserkoren hatte. Eine Zeit lang hatte sie das vergessen, doch nun war es wieder präsent.

Sie schwor sich, den Gedanken im Bewusstsein zu behalten.

»Und such dir einen Mann!«

Irritiert blickte sie ihn an, fühlte die Wunde an ihrem Herzen.

»Du hast lange genug getrauert und die Männer für Harothus Betrug büßen lassen. Es ist genug.«

Sie seufzte. Fünf Jahre waren wirklich ausreichend.

Vita drückte seine Hand und legte ihren Kopf auf seine Brust. Er hatte ja recht. Sie würde eine Auszeit nehmen, würde sich auf die schönen Seiten des Lebens konzentrieren und leben. Richtig leben.

Aber zuerst würde sie ihn auf seinem letzten Weg unterstützen. Genau wie er sie immer unterstützt hatte.

^

8.

Zwei Monate später

Rakiyat stand bis zu den Knien im Meer und beobachtete Vita Etan, wie sie im Wasser mit einem Kerl herumtollte, den sie am Vortag am Frühstücksbuffet kennengelernt hatte. Nach dem Begräbnis ihres Vaters war sie ans andere Ende der Welt gereist und versuchte sich seither an Fallschirmsprüngen, Tauchgängen und anderen Adrenalin hochtreibenden Sportarten. Zwischen diesem nervenaufreibenden Treiben meditierte sie auf der Terrasse ihrer Strandvilla und las philosophische Bücher. Die Süße war auf dem Selbstfindungstrip.

»Noch mal, Mama, noch mal!«

Neben ihm hob eine Frau ihr kleines Kind hoch und warf es ins Wasser. Das Mädchen jauchzte, als es wieder auftauchte. Zwei Halbwüchsige rannten an ihnen und Rakiyat vorbei, spritzten Meerwasser auf seinen Rücken und warfen sich in die Fluten. Sie suchten Abkühlung von der Hitze des Tages.

Das Thermometer zeigte siebenunddreißig Grad, dementsprechend hell gleißte die Sonne vom Himmel. Während die Cluverianer in Milio bei diesen Temperaturen den Schatten suchten, kamen die Leute auf der anderen Seite des Planeten richtig auf Touren. Sie tollten mit Bällen über den Strand wie junge Hunde, joggten an der Wasserlinie entlang und lieferten sich Schwimmduelle. Ihr Lachen schwebte über dem Strand und dem Wasser und es schien, als wäre die Zeit stehengeblieben und es gäbe es keinerlei Probleme.

Vita und der Typ hatten genug geplanscht, schwammen in seine Richtung, bis sie stehen konnten. Lachend rannte sie an ihm vorbei. Der gut gebaute, muskulöse Kerl, der aus einer Unterwäsche-Werbung hätte stammen können, folgte ihr auf den Fersen.

Keiner von beiden beachtete ihn. Warum auch? Die Gesichtsmaske hatte er bewusst unattraktiv gestaltet. Die Nase war zu lang, die Augenbrauen hatten eine Fehlstellung und die Lippen waren unsymmetrisch. Keine Frau dieses Planeten hätte einen Mann mit diesem Aussehen wahrgenommen oder sich gar in ihn verliebt. Den restlichen Körper hatte er unverändert gelassen. Die wohldefinierten Muskeln und seine schlanke Gestalt erregten schon eher die Aufmerksamkeit einer Frau als sein Gesicht.

Langsam drehte er sich um. Vita landete auf der Liege und der Kerl wollte sich zu ihr legen. Sie stoppte ihn mit einer Handbewegung, schüttelte den Kopf. Widerwillig ließ er von ihr ab, tätschelte noch ihren Oberschenkel und nahm die Liege daneben.

Durch das Richtmikrofon in seinem Ohr hörte er, wie der Mann Vorschläge für die Abendgestaltung machte. Vita antwortete ausweichend. Das Mikrofon nahm zwar alle Geräusche der Umgebung auf, aber durch die entsprechende Filtereinstellung hörte er nur die beiden.

»Treffen wir uns doch morgen früh wieder«, sagte sie.

»Ach komm, so ein schöner Tag muss mit einem gemeinsamen Abend ausklingen.«

Geht es noch plumper?, dachte Rakiyat.

Die Diskussion ging einige Zeit hin und her, bis der Mann die Abfuhr akzeptierte. Zumindest rang der Typ ihr ein Frühstück ab.

Fünf Jahre seit dem Betrug ihres Verlobten, und sie ist immer noch nicht so weit.

Im Zuge seiner Recherchen war Rakiyat auf dieses traurige Kapitel gestoßen. Alles war vorbereitet gewesen, der Hochzeitstermin fixiert, das Restaurant gebucht, die Gästeliste erstellt – und dann erwischte sie ihren Verlobten mit einer Kollegin, noch dazu in der gemeinsamen Wohnung.

Unfassbar! Wie kann man so eine Frau betrügen?

Er stutzte. Das war einer dieser neuen Gedanken, die er hatte, seit er sich mit ihr beschäftigte und in ihrer Nähe weilte.

Betrug war alltäglich, bei Frauen wie bei Männern. Überall im Universum waren die Lebewesen triebgesteuert, Männer häufiger als Frauen, so auch hier auf Cluver. Also trafen sie sich heimlich mit Fremden, flirteten und landeten in Betten, in die sie gemäß ihrem Treuegelöbnis nicht gehörten. Und es war egal, ob die eigene Frau wie Vita einem Model Konkurrenz machen konnte oder ein umwerfendes Lächeln hatte.

Monogamie war eine Illusion, an die sich nur unterbelichtete Völker klammerten. Wie kam er darauf, das anzuzweifeln?

Etwas in seinem Inneren kannte die Antwort, doch er weigerte sich, sie anzuhören. Er stieg aus dem Wasser, ließ ein paar Möwen vorbei, die mit arrogant nach oben gereckten Hälsen über den Sand stolzierten, und kehrte zu seiner Liege zurück, die er schräg oberhalb von Vita platziert hatte.

Als er an ihr vorbeiging, glitten seine Blicke über ihren makellosen Körper und er stellte sich vor, was er alles mit ihr machen würde. Er sah die Striemen auf ihrem Rücken, schmeckte ihre blutenden Brustwarzen, hörte ihre Schreie. Gleichzeitig meldete sich das schlechte Gewissen. Sie war zu schade für diese Behandlung.

Verärgert ballte er die Faust.

Da war es schon wieder, dieses Gefühl, das er zuvor nicht gekannt hatte. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, freute sich, wenn er sie am Morgen sah und sie lachen hörte. Und noch mehr freute er sich, sie den ganzen Tag zu beobachten.

Dieses Gefühl … war anders als jenes, dass er bislang auf der Frauenjagd gehabt hatte. Es war intensiver und sprach eine neue Seite in ihm an.

Du bist verliebt!, sagte ihm eine Stimme.

So ein Schwachsinn!, antwortete er.

Er schüttelte den Kopf. Liebe war etwas für Luschen. Sein Herz an jemand anderen zu verlieren, war Idiotie. Das hatte auch Vita Etan erfahren, als ihr Verlobter sie mit einer Kollegin beschissen hatte. Ihre Skepsis der Männerwelt gegenüber war also berechtigt.

Und dennoch sehnte sie sich nach dem »Traumprinzen«, der sie respektierte und sie gleichzeitig auf Händen trug. Einem Mann, den er perfekt spielen würde. Während sie sich immer tiefer in ihren Gefühlen verstricken würde, blieb er emotional außen vor. Denn er konnte Gefühle auf »Knopfdruck« ein- oder ausschalten. Hatte das immer gekonnt und würde das immer können.

Dann mach mal!, forderte ihn dieselbe Stimme wie zuvor auf. Schalt ab!

Er schloss die Augen, unfähig irgendetwas zu denken. Doch dieses Gefühl blieb. Es hatte sich zwischen seinen Eingeweiden eingenistet und saß dort wie ein behäbiges Tier, unwillig zu verschwinden.

Vita erhob sich. »Ich hole mir einen Cocktail. Willst du auch einen?«

Der Kerl grunzte zustimmend und Vita machte sich auf den Weg, der an ihm vorbeiführte. Er starrte sie an, hoffte auf ein Lächeln und verfluchte sich dafür.

Natürlich ging sie an ihm vorbei, ohne ihn wahrzunehmen. Schließlich hatte er bei seinem unsymmetrischen Gesicht keine Chance bei der Damenwelt.

Wut kochte in ihm hoch. Zugleich fühlte er sich besser. Sie war genauso oberflächlich und arrogant wie alle Frauen!

Und dafür hatte sie einen qualvollen Tod verdient!

Dummerweise widersprach dieses Gefühl in ihm schon wieder.

^

9.

Zwei Monate später

Rakiyat parkte den Sportwagen in der Tiefgarage in der Nähe der Sidfi-Kirche. Vor zwei Wochen war er im selben Flugzeug wie Vita Etan nach Milio zurückgekehrt. Sie hatte ihre Selbstfindungsphase fern der Heimat beendet und versuchte nun, einen geregelten Alltag aufzubauen.

Zu seiner Verwunderung hatte sie weder den Polizeichef noch ihre Kollegin Sulina Jalpa kontaktiert, wollte einstweilen nichts mit ihrem Brotberuf zu tun haben. Seltsamerweise interessierte sie sich auch nicht für die Ermittlungsergebnisse im Mordfall ihrer Schwester.

Die Auszeit hat sie verändert, hat ihr gut getan!

Sie hatte das Leben für sich neu definiert, war entspannter, lockerer und lachte wieder. Nur von Männern hielt sie sich fern. Während ihrer Auszeit hatte sie mit ihnen geflirtet, hatte sich Komplimente geholt, den einen oder anderen geküsst, aber der Weg in ihr Schlafzimmer war ihnen verwehrt geblieben. Zurück in ihrer Geburtsstadt verhielt sie sich eisig und abweisend wie eine Statue. Geradezu zickig.

Einerseits bewundernswert, andererseits … es lag nicht mehr daran, dass ihr Herz gebrochen war. Nein, sie hatte ihre Ansprüche neu definiert. Sie suchte einen ganz bestimmten Typ von Mann.

Einen unrealistischen Typ Mann! Kein normaler Mann konnte ihre Ansprüche erfüllen, nicht einmal ein Alysker.

Rakiyat knackste mit den Fingerknöcheln. Bald würde sie merken, wohin ihre hohen Anforderungen führten. In den Monaten, die er sie dank seiner Spionsonden rund um die Uhr observiert hatte, war er tief in ihre Psyche eingedrungen.

Das wichtigste »Instrument« war dabei das elektronische Tagebuch auf ihrem Laptop gewesen, den er binnen weniger Sekunden gehackt hatte.

»Du bist fällig, meine Liebe«, murmelte er. »Heute ist der Anfang vom Ende, Vita Etan.«

In seinen Gedanken lag sie gefesselt vor ihm, tiefe, blutende Schnitte schmückten ihre Brüste und ihren Bauch.

Sein Penis schwoll an, drückte gegen die Hose. Der Wunsch, zu der Vorstellung zu onanieren, wurde übermächtig. Doch gleichzeitig mischte sich dieses verfluchte Gefühl, das er nicht abstreifen konnte, in seine Überlegungen. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, träumte von ihr, stellte sich vor, sie zu küssen und normalen Sex mit ihr zu haben.

Er schüttelte sich. Wieso hatte er solche abartigen Gefühle?

Sogar Allin Durha hatte ihn deswegen bereits aufgezogen. Sie hatten in seinem speziellen Garten geplaudert, in dem er unter anderem Filmoos züchtete.

»Deine Stimme hat sich verändert, wenn du von ihr sprichst.« Allin hatte ihn stirnrunzelnd angesehen. »Hast wohl zu lange in ihrer Nähe verbracht. Mehr als drei Monate, oder?«

Rakiyat nickte.

»Junge, Junge.« Allin schüttelte den Kopf. »Du hättest sie längst zur Strecke bringen sollen.« Er kratzte sich am Kinn, zwinkerte. »Du hast dich in sie verknallt!« Er lachte laut auf. »Hätte ich nie von dir gedacht.« Erneut schüttelte er den Kopf. »Du wirst die Wette verlieren.« Er tippte ihm auf die Brust. »Aber keine Sorge, ich kümmere mich dann um sie.«

Rakiyat schnaufte. Soweit würde es niemals kommen! Sein Wunsch, diese Frau leiden zu lassen, war stärker als dieses dämliche Gefühl, das ihn schwach machte und sie verschonen wollte.

Er schob diesen Schwachsinn tief in sich hinab und sperrte ihn in die Abgründe seiner Seele.

Für sein Vorhaben brauchte er einen klaren Kopf, durfte sich von abnormen Gefühlen nicht ablenken lassen. Konzentriert rief er sich den Typ von Mann in Erinnerung, der Vita Etan zu Fall bringen würde. Nach der negativen Erfahrung mit ihrem Ex-Verlobten musste er ihr Vertrauen zur Gänze gewinnen. Obwohl der Betrug mehr als fünf Jahre zurücklag, saß das Misstrauen immer noch in ihrer Seele fest.

Einerseits verständlich, andererseits unfair. Sie schloss von einem Mann auf alle.

Diese Einstellung spiegelte sich in ihrem Tagebuch. So unnahbar und zurückhaltend sie sich den Männern gegenüber gab, so sehr gierte sie nach echter, bedingungsloser Liebe. Sie wollte einem Mann vertrauen. Und sie wollte den Archetypus aus den Märchen ihrer Kindheit, wollte den Ritter, der sie vor dem Drachen rettete – so wie andere Frauen auch, gleichgültig, für wie emanzipiert sie sich hielten. Rakiyat kannte genügend von ihnen. Sie alle hatten den Fehler begangen, den Mann, mit dem sie zusammen waren, in einen Waschlappen zu verwandeln, nur um ihm dann vorzuwerfen, dass er nicht mehr so war, wie sie ihn kennengelernt hatten.

Vita wollte einen anderen Weg einschlagen. Sie hielt sich für eine starke Frau und wollte einen starken Mann an ihrer Seite.

Eigentlich ist es einfach, dachte er. Gib Frauen das Gefühl, der Mittelpunkt des Universums zu sein, und schon hecheln sie vor Begeisterung und lassen sich nach Belieben manipulieren.

Andererseits waren Männer ebenfalls einfach gestrickt. Zeig ihnen einen geilen Frauenkörper und sie werden …

Ein Cabrio parkte neben seinem Sportwagen, darin ein grauhaariger Mann, neben sich eine Frau, die erst vor wenigen Wochen volljährig geworden sein musste. Sie lachte, warf die brünetten Haare zurück, zeigte ihm ihren Hals.

Lass es seine Tochter sein!

Sie stiegen aus, küssten sich und gingen händchenhaltend in Richtung Ausgang.

Rakiyat schüttelte den Kopf. Glaubte er in seinem Alter wirklich, dass sie ihn innig liebte?

Idiot! Hast nichts aus deinem Leben gelernt!

Der Erinnerungston auf seinem Telefon schrillte. Es wurde Zeit, dass die Jagd begann.

»Vita, spürst du, dass dein Leben in meinen Händen liegt?«

Erregung erfasste ihn und er sah sie gefesselt und mit gespreizten Beinen vor sich liegen.

Mühsam unterdrückte er diese Fantasien. Er brauchte einen klaren Kopf, durfte sich nicht ablenken lassen, musste fokussiert bleiben.

Ein letztes Mal kontrollierte er sein Aussehen im Spiegel. Die Kontaktlinsen sorgten für grüne Augen, die Haare waren nicht zu kurz und nicht zu lang und sein Lächeln war umwerfend.

Im Gegensatz zu der Zeit am Strand würde sie ihn nun ganz sicher wahrnehmen.

Er lockerte die Halsmuskeln und glitt geistig in die Rolle des witzigen, charmanten, sensiblen und nachdenklichen Cluverianers, nach dem Vita sich sehnte. Den sie in ihrem Tagebuch beschrieben hatte. Ein Mann, der zum richtigen Zeitpunkt ein Macho war, aber spürte, wann sein Schatz eine Umarmung samt Liebesschwur benötigte. Also ein neuer, emanzipierter Mann.

Mit diesem einstudierten Lächeln verließ er die Tiefgarage. Gleißende Helligkeit und Hitze begrüßten ihn an der Oberfläche. Die Vormittagssonne spiegelte sich in den Fenstern und verwandelte die kleinen Gassen der Innenstadt in ein Stroboskop aus Licht und Schatten. Durch Horden von Touristen wühlte er sich zum Sidfi-Platz. Seine Erregung stieg. Bald würde er sie sehen und mit ihr zu spielen beginnen.

Die Gier, sie zu besitzen, wurde intensiver. Erneut sah er sie nackt vor sich liegen, lachte über ihr Flehen und geilte sich an ihren angstgeweiteten Augen auf, als er …

Ein Mann mit Sonnenbrille kam mit einem Stadtplan auf ihn zu. »Wo finde ich die Konditorei Idat?« Hilfesuchend hielt er den Plan hoch. Vitas geschundener Körper verblasste, während er auf das Papier tippte. »Die ist hier.«

Der Mann bedankte sich und verschwand in der Menge. Zu allen Jahreszeiten lockte Milios Altstadt Besucher aus der ganzen Welt an. In den vier Sommermonaten fühlte sich Rakiyat als »Einheimischer« im vielsprachigen Stimmengewirr fast schon wie ein Fremder.

Er musterte die weiße Fassade und das schwarze Holztor der Kirche. Eine Tafel informierte über die Besonderheit: die Gruft. Im Keller des Gotteshauses lagerten über einhundert Särge von Priesterinnen und Ordensbrüdern.

Rakiyat schlenderte über den runden Platz vor der Kirche. An den zweitausend Jahre alten Ruinen, die in zwanzig Metern Tiefe freigelegt worden waren, blieb er stehen. Mehrere Steinmauern ließen den Umriss eines Hauses erahnen. Zwei Meter über dem roten Sandboden befand sich ein Durchlass, der in Form eines Torbogens gemauert war.

Faszinierend, um wie viele Meter der Boden durch Schutt und Ablagerungen in zwei Jahrtausenden angestiegen ist!

Langsam ging er über das Kopfsteinpflaster weiter zur Kirche. Zehn Minuten blieben bis zum Beginn der Führung. Da in dem Prospekt das Bild der Führerin fehlte, musterte er die Cluverianer, die vor der Kirche warteten. Neben ihm lehnte eine Frau in schwarzem T-Shirt und weißer Hose an der Mauer. Sie sah gut aus, fast schon spielenswürdig, aber der färbige Stadtplan in ihren Händen warf sie aus der Wertung. Das diskutierende Paar hinter dem Kinderwagen kam ebenfalls nicht in Frage. Von den übrigen Cluverianern, die vor dem Eingang oder in seiner Nähe warteten, sah keiner wie eine Stadtführerin aus. Offenbar kam sie pünktlich. Genauso wie sein Zielobjekt.

Prüfend drehte er sich um die eigene Achse, suchte nach ihr, fand sie jedoch nicht. Die Gier nach Vitas Körper kehrte zurück, doch er zwang sie nieder.

Reiß dich zusammen!

Obwohl in Milio einheimisch, hatte Vita Etan diese Nachmittagstour »Durchs sündige Milio« gebucht. Begleitet wurde sie dabei von einer Freundin, die aus dem benachbarten Bundesstaat Ligter angereist war und ein paar Tage bei ihr verbrachte.

»Guten Tag, meine Damen und Herren! Mein Name ist Useusa und ich geleite Sie heute durch das sündige Milio.« Die verrucht klingende Frauenstimme gewann seine Aufmerksamkeit. Neugierig wandte er sich ihr zu und wurde enttäuscht. Eine knapp vierzigjährige Frau mit dem Abzeichen der offiziellen Milio-Führerin hatte den Platz vor der Kirche betreten. Ihr pummeliges Aussehen strafte ihre anregende Stimme Lügen. Frauen und Männer bewegten sich auf sie zu.

Wo war Vita?

Unauffällig blickte er sich um und sah sie. Sein Herz schlug schneller, sein Verlangen war zurück. Sogar sein Penis reagierte.

Hör auf!, schrie er sich innerlich an und unterdrückte diese unpassende Regung.

Vita und ihre Freundin kamen aus einer Seitengasse. Sie hatte sich ein neues Aussehen verpasst. Die schwarzen Haare fielen nur mehr eine Handbreit über die Schultern und waren im aktuellen Trend stufenförmig geschnitten. Drei goldene Strähnen, eine in der Mitte und zwei an der Seite rundeten das Bild der modisch orientierten Frau ab. Die weiße Hose und Bluse passten zum Sommerwetter.

Ihre Freundin versuchte, ihr unterdurchschnittliches Aussehen – sonnengebräunte Haut in der Farbe von goldbraunem Eichenholz, schiefe Nase und ein hängendes Augenlid – mit der Kleidung zu kompensieren. Unter der weißen Bluse trug sie einen türkisfarbenen Push Up, der ebenfalls der aktuellen Mode entsprach. Aber an ihr wirkte er billig.

Während die Führerin das Geld für die Führung einsammelte, wurde der Kreis der Leute um sie enger. Rakiyat hielt sich bewusst an der Außenseite des Kreises, um Vita Etan in Ruhe zu begutachten. Sie wirkte ausgelassen und fröhlich. Nichts deutete darauf hin, dass ihre Schwester Opfer eines Serienmörders geworden war und sie ihren Vater an eine aggressive Form von Krebs verloren hatte.

Nur dein Tagebuch kennt deinen Schmerz – und natürlich ich!

Sie kam näher, musterte automatisch die Teilnehmer des Rundgangs, bildete sich, ganz die Polizistin, ein Urteil über sie. Ihr Blick glitt zu ihm und sie wollte schon zum Nächsten springen, als sie an seinen grünen Augen hängen blieb. Er lächelte warmherzig

Sie blinzelte, verharrte mehrere Herzschläge lang reglos und schaute dann zu der Frau neben ihm.

Du bist so was von fällig!, dachte er und sog ihre Schönheit erneut auf. Kein Wunder, dass ihr die Männer reihenweise zu Füßen lagen. Dumm nur, dass sie davon nichts hielt. Sie suchte einen starken, gleichberechtigten Mann, der ihr auf intelligente Art den Hof machte und sie mit Charme, Intelligenz und Witz beeindruckte.

»In der Sidfi-Kirche«, sagte Useusa, »boten vor vierhundert Jahren Prostituierte ihre Dienste feil.«

»In der Kirche?«, rief einer der Männer. »Also, direkt darin?«

Useusa nickte. »Sie haben sich mit den Freiern durch bestimmte Zeichen verständigt.«

Rakiyat spürte, wie Vita ihn erneut musterte. Kopfdrehung, die Zweite. Langsam zählte er bis drei und lächelte sie wieder an. Vita schien mit sich zu kämpfen, erwiderte es diesmal.

Vorsichtig, schüchtern und zeitgleich interessiert!

Er hatte so gut wie gewonnen!

Das Gefäß war geformt, jetzt musste es nur noch gefüllt werden. Ihm blieb die Dauer der Führung, um ihr Interesse an ihm zu verstärken. In spätestens zwei Stunden wusste er, wie gut er sich auf sie vorbereitet und eingestellt hatte.

Möge die Jagd beginnen!

»Gehen wir ein paar Schritte weiter«, sagte Useusa. »In diesem Durchgang, der seit vierhundert Jahren zwei Straßen unserer schönen Stadt Milio verbindet, befindet sich ein religiöses Gemälde mit einer besonderen Geschichte.«

Die Gruppe schritt durch ein grünes Holztor. Überrascht blickte Rakiyat auf die alte Zeichnung an der Wand. Obwohl er bereits hunderte Male daran vorbei gegangen war, hatte er keine Ahnung von der geschichtlichen Bedeutung gehabt.

»Wir stehen hier vor dem Gemälde des Heiligen Crahnkl. Und auch hier boten die Damen des horizontalen Gewerbes ihre Dienste an. In knappen Röckchen knieten sie vor dem Abbild des Heiligen und lockten so manchen Freier an. Natürlich geschah es gelegentlich, dass einer der Willigen eine tatsächlich Betende ansprach. Die während dieser Wutäußerungen verwendeten Worte haben die Zeit leider nicht überdauert, aber ich kann mir vorstellen, dass sie sich nicht mit dem religiösen Gedankengut vertragen haben.«

Einige Touristen lachten.

»Aber kommen wir in die jüngere Vergangenheit. Vor fünfzig Jahren beschlossen die Prostituierten, sich zu organisieren. Sie marschierten zur Vereinspolizei, um den ›Verein der Tremperschen Prostituierten‹ zu gründen. Die Behörde hat dies jedoch untersagt, kürzte sich der Verein doch VTP ab.«

Schallendes Gelächter brandete auf. Die Abkürzung des Vereins war identisch mit dem Namen der konservativen Partei des Bundesstaates Tremper. Auch Rakiyat grinste schelmisch, während er Augenkontakt mit Vita suchte und fand. Sie amüsierte sich ebenfalls über diese Ironie.

»Lassen Sie uns zum nächsten Punkt gehen.« Useusa zeigte zurück zum Holztor.

Rakiyat stand wie zufällig neben Vita. »Ich stelle mir gerade vor, dass die Vereinspolizei den Namen doch genehmigt hätte …«

Länger als notwendig sah sie ihm ins Gesicht, bevor sie grinste. »Dann hätte unser Präsident heute ein Problem mehr am Hals.«

»Unser Präsident hat doch keine Probleme«, entrüstete sich Rakiyat, um Sekunden später mit ernster Miene den leicht nasalen Ton des Staatsoberhauptes anzuschlagen. »Er hat Aufgabenstellungen, die er mit seiner ganzen Konzentration und Aufmerksamkeit einer für alle Beteiligten zufriedenstellenden Lösung zuführt.«

Vita hob die Augenbraue. »Bist du sein Sekretär?«

»Sehe ich wie einer aus?«

»Hm …« Sie musterte ihn von oben bis unten und wieder zurück. »Lass mich überlegen. Das modische Schwarz in Schwarz mit Hose und T-Shirt widerspricht zwar dem Klischee des ewig sich bückenden Sekretärs des Staatspräsidenten, aber dein arroganter Gesichtsausdruck und dein Ton …«

»Der war imitiert!«

»… lässt schon befürchten, dass du dich zumindest in dem Metier auskennst«, fuhr sie ungerührt fort. Ihre Augen funkelten listig.

Rakiyats Antwort entfiel, da sie bei den Ruinen angelangt waren.

»Die beim Bau der Untergrundbahn entdeckten Gemäuer aus der vorzeterschen Zeit gaben ein paar interessante Details aus dem Leben jener Epoche preis. Wenn Sie den Teil der Mauer genauer ansehen, der durch ein Plexiglas geschützt wird, erkennen Sie grüne Kleckse. Diese Farbtupfer kennzeichneten einen Reebbetrieb, sprich: ein Weinlokal.« Die Köpfe drehten sich zu der Stelle, auf die Useusa zeigte. In der Tat prangten dort grüne Flecken.

Man lernt nie aus.

»Gleichzeitig fand man hier besondere Münzen.« Sie kramte einen Stoffbeutel aus der Handtasche, die im selben Rot gehalten war wie ihr T-Shirt. »Kaiser Tizianir beschloss vor zweitausend Jahren, dass es gegen seine Moral verstieße, wenn sein Antlitz dem professionellen Treiben zwischen Mann und Frau zusehen musste. Zu jener Zeit zierte das Konterfei der Kaiser die Vorderseite jeder Münze, während sich auf der Rückseite die Währungseinheit befand. Wie also entkam der Kaiser diesem moralisch verwerflichen Treiben?«

Useusa blickte in die Runde und wartete auf Vorschläge. Niemand meldete sich. »Kurzerhand verbot er, dass mit seinen Münzen jenes Laster bezahlt werden konnte. Die Prostituierten machten aus der Not eine Tugend und prägten eigene Münzen, die man vor dem Besuch eines einschlägigen Etablissements erwerben musste.« Sie schnürte den Beutel auf und reichte der Frau neben ihr drei Münzen. »Auf der Rückseite sehen Sie Ziffern und auf der Vorderseite die gewünschte … nun … nennen wir es Interaktionsvariante.«

Als Vita die Münzen entgegennahm, beugte sich Rakiyat zu ihr. Prompt berührten sich ihre Schultern. Zufrieden bemerkte er, dass sie nicht zurückzuckte. Zuerst schaute sie auf die Ziffer, dann drehte sie das Geldstück um. Ein Mann lag auf einem Bett, während eine Frau rittlings auf ihm saß und ihm Früchte in den Mund steckte.

»Wie sexistisch!«, rief Rakiyat mit gespielter Empörung.

»Eine würdige Aussage, Herr Sekretär!«

»Möge Sie zuerst um eine Audienz ansuchen, bevor Sie mit ihm spricht«, belehrte er sie im nasalen Tonfall.

Sie verzog geringschätzig die Lippen und reichte die Münzen weiter.

»Was treibt dich auf die Spuren des sündigen Milios?«, fragte er, wieder mit unverstellter Stimme.

»Meine Freundin aus Ligter.« Sie deutete auf die blond gefärbte Uninteressante. »Zwei Mal im Jahr besucht sie mich und ich unternehme etwas Neues mit ihr in Milio.«

»Seit wann läuft das schon?«

»Sie ist zum zehnten Mal hier.«

»Du Ärmste.« Er tätschelte ihre Schulter, während die Gruppe weitermarschierte. »Mir geht es ähnlich. Eine Freundin aus Valtershof verbringt bald zum siebten Mal ein Wochenende in Milio und auch ich möchte ihr immer etwas Neues bieten. Daher ist diese Führung für mich ein Testlauf.«

»Wann kommt sie?«

»In knapp zwei Wochen«, log er. »Ihr Mann ist beruflich für ein halbes Jahr in Afornien, also nutzt sie die Zeit, um Freunde zu besuchen.«

Für einen Moment flackerten ihren Augen. Vermutlich dachte sie an ihren Ex-Verlobten, der sie mit einer Kollegin betrogen hatte. Wenn eine vergebene Frau einen anderen Mann besuchte, assoziierte sie das automatisch mit Seitensprung.

»Wir sind der beste Beweis, dass es reine Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt.«

»Seid ihr das?«

Er nickte. »Alles eine Frage der Einstellung und der Moral.«

»Moral ist ein gutes Stichwort. Was hältst du bis jetzt vom sündigen Milio?«, fragte sie.

»Ich denke, es ist für moralisch gefestigte Personen gerade noch ertragbar.«

»Ist dieser Schluss nicht etwas voreilig?« Sie tippte gegen ihr Kinn. »Wer weiß, was uns noch erwartet?«

»Werden wir gleich hören.« Er deutete nach vorn. Useusa war stehengeblieben.

»Vor fünfhundert Jahren existierten in Milio in Summe achtundzwanzig Badehäuser, die zu Beginn nur von den reichen Schichten Milios genutzt wurden. Um die Hygiene stand es in der Bevölkerung damit natürlich nicht zum Besten. Daher setzte sich die Idee der öffentlichen Badehäuser in Windeseile durch. Fast schon automatisch zogen diese Treffpunkte die leichten Damen magnetisch an. Interessanterweise datiert das erste urkundlich erwähnte Kondom ebenfalls aus dieser Zeit. Dazu schwenke ich kurz in die Gegenwart. Unser Parlament hat vor einigen Jahren die Durchschnittslänge des Kondoms normiert – nach heißen Diskussionen über die Länge zwischen den Abgeordneten der Regionen. Die Frauen sollen bei diesen Streitereien zumeist mitleidig gelächelt haben.« Sie hüstelte. »Letztendlich setzte sich der Norden durch. Die durchschnittliche Länge beträgt …« Sie ließ ihren Blick über die Männer in der Gruppe schweifen. »Siebzehn Zentimeter.«

Ein paar Frauen lächelten milde, während sich die meisten Männer um ausdruckslose Gesichter bemühten.

»Spannender wird es, wenn ich mir eine Untersuchung ansehe, die davon spricht, dass in unserem benachbarten Bundesstaat Ligter die Durchschnittslänge sechzehn Zentimeter sein soll und hier in Tremper gar vierzehn.«

»Seht ihr«, rief ein älterer Mann im breitesten Norddialekt, »auch auf diesem Gebiet schwächelt ihr Südländer.«

»Du hast dich verhört, mein Bester«, wies ihn Rakiyat zurecht. »Vierzehn ist bei uns der Durchmesser!«

Alle prusteten lautstark los. Rakiyat grinste und tat, als würde er triumphierend in die Runde schauen. In Wahrheit beobachtete er jede Reaktion von Vita. Sie mochte schlagfertige Männer, lächelte aber aufgrund des Themas nur schwach – wie er es vorhergesehen hatte.

»Wollen wir die Diskussion über den Durchschnitt hierbei belassen und weiter wandern auf den Spuren der Unsittlichkeit.«

Die Gruppe setzte sich in Bewegung.

»Wie ist dein Name?«, fragte er.

»Vita«, sagte sie langsam und fügte dann noch »Etan« hinzu. Offenbar nahm sie an, dass jeder ihren Auftritt im Fernsehen gesehen hatte. Die Zeitungen hatten sie am nächsten Tag auf die Titelseiten gebracht. Auch ihr »Auftritt« auf dem Kongress, als sie Allin Durha des Mordes bezichtigt hatte, war eine Schlagzeile wert gewesen.

»Schöner Name«, kommentierte er. Deutlich sah er, dass sie irritiert war, weil er keinen Konnex zu den Ereignissen mit ihrer Schwester herstellte. »Wie lange bleibt deine Freundin in Milio?«, fragte er daher, um sie aus dem Grübeln herauszulotsen.

»Vier Tage.«

»Und was liegt noch an?«

»Gute Frage. Vermutlich werden wir ein paar Clubs unsicher machen.«

»Und allein durch euren Anblick unzählige Männerherzen brechen.«

»Ich nicht!«, schränkte Vita ein. »Sie schon.«

Rakiyat wusste es besser. »Wieso? Bist du vergeben?«

»Einfach nur anständig.«

»Kenne mich aus.« Er wandte den Blick von ihrem Gesicht ab.

»Hey!« Sie ergriff seinen Oberarm. »Was soll das heißen?«

Er blickte ihr in die blauen Augen. »Wenn eine Frau sich selbst als anständig bezeichnet, weiß ich, was sie damit sagen will.«

Unmutsfalten zerfurchten ihre Stirn. Sie wollte aufbegehren, doch Rakiyat war schneller. »Dann ist sie in Wahrheit schüchtern und wartet darauf, wachgeküsst zu werden«, präzisierte er und grinste spitzbübisch.

Lautstark blies Vita die Luft aus, setzte zu einer Entgegnung an, doch Useusa kam ihr zuvor. »Ich darf Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Wäschegeschäft lenken.« Sie zeigte nach vorn. »Vor einem Jahrhundert beherbergte es ebenfalls eine exquisite Auswahl an Dessous. Im Unterschied zu heute hing jedoch neben dem Namen das Abbild eines Papageis. Dieser Vogel war traditionell das Zeichen der Prostitution. Und genau diese Dienste konnte man kaufen – obwohl diese offiziell nicht feilgeboten werden durften.« Sie nickte heftig. »Jawohl, meine Herren. Seit vierhundertachtzig Jahren ist der Bordellbetrieb in Milio per Stadtgesetz verboten. Wir sind somit die moralisch einwandfreiste Stadt auf Cluver.« Das Klingeln eines Mobiltelefons ließ sie innehalten. Die Hälfte der Touristen kramte in ihren Hosen- oder Handtaschen, weil dieser Klingelton häufig verwendet wurde.

Rakiyat grinste innerlich, als er daran dachte, dass er für diese neue Art der Kommunikation auf Cluver verantwortlich zeichnete. Er hatte Allin Durha das Prinzip des Funktelefons erklärt und prompt hatte es der milliardenschwere Industrielle in seinen Hochtechnologieschmieden umgesetzt, während er gleichzeitig die Verbreitung des digitalen Mobilfunknetzes vorantrieb. Eine intelligente Vermarktung rundete das Bild ab und rief einen wahren Kaufrausch hervor. Jeder, der etwas auf sich hielt, besaß mittlerweile ein Mobiltelefon. Noch ein paar Jahre, dann waren die Cluverianer bereit für die nächste Steigerung: das Smartphone.

Und tatsächlich war es Vitas Telefon, das angeschlagen hatte. Sie entfernte sich einige Schritte von der Gruppe.

Rakiyat drehte sich absichtlich zu Useusa, die ihren Vortrag mit ein paar pikanten Anekdoten aus diesem Jahrhundert beendete. Exakt zu ihren Abschiedsworten kehrte Vita zurück.

»So!« Er zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche. »Du gibst mir …«

Vita fiel ihm ins Wort. »Ist das das neue Durha-XTC?«

Er nickte.

»Es ist doch noch gar nicht im Handel!«

»Beziehungen.« Im Vergleich zu dem kleinsten Mobiltelefon am Markt war es nur halb so groß und schmiegte sich daher problemlos in die Handfläche.

»Deine Kontakte müssen verdammt gut sein. Angeblich gelangt es erst in einem Monat in den Verkauf.«

»Wie auch immer.« Er zuckte mit den Schultern. »Du gibst mir jetzt deine Telefonnummer.«

Sie blickte ihn an, als hätte er den Verstand verloren, und hob eine Augenbraue. Gleichzeitig maß sie ihn von unten nach oben. »Selbstsicherheit kann auch abschreckend wirken.«

Er lächelte. »Wenn du mir gestattest, zitiere ich als Antwort den Psychologen und Philosophen Cahio Simun: Das Interessante an Frauen ist, dass sie nur selten berechenbar sind. Daher sollte ein Mann die wenigen Momente im Leben festhalten, in denen es umgekehrt zu sein scheint.«

»Du liest Simun?«

»Sieht so aus.« Demonstrativ drehte er ihr das Mobiltelefon zu. »Also?«

Sie kniff die Augen zusammen, zögerte.

»Selbstverständlich tippe ich deine Nummer auch selbst ein.« Er ließ den Daumen über der Tastatur schweben.

Sie hob die Oberlippe, blickte ihm prüfend in die Augen und nannte ihm die Nummer. Rakiyat verbuchte es als zweiten Sieg des Tages. Die Jagd lief gut an.

*

Gemächlich stieg Rakiyat die steinernen Stufen zu seinem Computerraum hinauf. Ein unterirdischer Gang verband Durha Manor mit einer riesigen Höhle, in der sich Allin einen geheimen Rückzugsort geschaffen hatte. Rakiyat hatte sich dort unten ebenfalls gemütlich eingerichtet. In fünfzig Meter Höhe war ein hundert Quadratmeter großer Stahltresor in die Felswand eingelassen. Es bedurfte einer Sprengkraft von tausend Tonnen Sprenggelatine, um ihn im Falle des Falles dort herauszuholen. Sofern das Versteck überhaupt gefunden wurde.

Auf der letzten Treppe blieb er stehen. Im Inneren eines kleinen, vorspringenden Gesteinsbrockens arbeiteten Sensoren, die seine Individualimpulse abtasteten. Als ein Piepton erklang, sagte er drei alyskische Sätze. Die Fülle der Wörter signalisierte dem Rechner, dass Rakiyat allein war und ohne Zwang in den Raum hineingehen wollte. Hätte er andere Wörter gewählt, hätte der Computer den Zutritt verweigert und eine etwaige Begleitung ausgeschaltet.

Hinter dem Felsen knackte die Verriegelung des Stahltresors und die Tür schwang langsam auf. Automatisch tauchten die Leuchtsensoren die Umgebung in kühles Licht. Rakiyat strebte in die Mitte des Tresors, in dem sich die Computeranlage befand, die in Form einer Halbkugel angeordnet war. Bei ihrer Errichtung hatte sich Rakiyat am Aufbau von alyskischen Raumschiffszentralen orientiert.

»Hologramme an!«

Prompt reagierte der Rechner auf den akustischen Befehl. Während sich ein Formenergiesessel manifestierte, entstanden vor ihm zehn Hologramme mit unterschiedlichen Informationen. Einige, wie die Aufnahmen aus Vitas Dachterrassenwohnung, gliederten sich noch zusätzlich in mehrere Partitionen. Rakiyat nickte zufrieden. Wie üblich war Vita um diese Uhrzeit ausgeflogen.

Seit sie aus dem Urlaub zurück war, läutete der Wecker um sechs Uhr. Genau wie er lief sie vor dem Frühstück eine Stunde im Freien. Während Rakiyat im Park von Durha Manor die 15-Kilometer-Runde abspulte, nahm sie den nahegelegenen Ervi-Park in der Innenstadt von Milio. Nach der Dusche gönnte sie sich ein ausgiebiges Frühstück. Danach traf sie sich mit Freundinnen, las auf der Couch ein Buch oder sah sich einen Film an.

Rakiyat war gespannt, wann sie wieder als Polizistin arbeiten würde. Die Suspendierung hatte nur einen Monat gegolten, danach hatte sie sich unbezahlten Urlaub genommen. Er kratzte sich am Kinn, befahl dem Computer, den Sessel in eine Liege zu verwandeln und holte sich aus dem Kühlschrank ein Glas Orangensaft.

Vor den Hologrammen von Vita, die er auf der anderen Seite der Welt geschossen hatte, blieb er stehen.

Sie ist extrem schnuckelig, dachte er. Wirklich schade …

Rakiyat rief sich zur Ordnung. Da war schon wieder diese verfluchte Schwäche. Vita war nichts anderes als eine Psyche, die er brechen, und ein Körper, den er schänden würde. So wie es unzähligen Frauen davor ergangen war. Und er gierte danach. Zugleich tat es ihm leid …

Hat Allin recht? Habe ich mich in sie verschaut?

Nachdenklich hörte er in sich hinein, versuchte dieses Kribbeln im Bauch auszuloten und ehrlich zu sich zu sein.

Ja, er empfand etwas für Vita. Etwas, das er für keine Frau bislang empfunden hatte.

Im Vergleich zu mir ist sie eine Barbarin, lenkte er sich ab. Als Partnerin kommt sie nicht infrage. Irgendwann würde er diesen Planeten verlassen und nach Alysk zurückkehren. Dann wäre sie mit seiner Zivilisation überfordert, könnte niemals mit ihm Schritt halten.

Angewidert schüttelte er den Kopf. Jetzt dachte er sogar schon daran, wie es wäre, sie mitzunehmen.

Wütend brüllte er in die Hologramme, verscheuchte das irritierende Gefühl und konzentrierte sich auf die nächste Etappe.

»Ruf Vita Etan am Mobiltelefon an!«, rief er dem Computer zu.

Sekunden später hallte ihre Stimme über unsichtbare Lautsprecher durch den Raum.

»Vita Etan.«

»Hallo Frau Etan!«, sagte er in der freundlichsten Tonlage, zu der er fähig war. »Hier spricht der Mann, mit dem du durchs unsittliche Milio lustgew…«

»Ah, das namenlose Grünauge.« Deutlich hörte er ihre Freude über seinen Anruf. Das Kribbeln wurde stärker.

»Das auf den Namen Ronoy hört«, log er. »Wie waren der Abend und die Nacht?

»Ich kämpfe mit Schlafmanko …«

»Ihr seid also um die Häuser gezogen«, stellte er fest und merkte, dass er sich wünschte, dabei gewesen zu sein.

»Ich war um zwei Uhr im Bett. Meine Freundin erst um sechs Uhr früh.«

»Mit oder ohne Begleitung?«

Vita lachte. »Obwohl es dich nichts angeht: Ohne.«

»Dann hat sie ihr Amüsement wohl in den Clubs abgestreift.«

»Was machen deine Vorbereitungen für den Freundinnenbesuch?«, wechselte sie demonstrativ das Thema.

»Sie gedeihen. Ich werde sie in eine Cocktailbar entführen und ein Abendessen im Casino ist auch geplant.«

»Welche Cocktailbar?«

»Das Nitfli …«

»Eine Fehlentscheidung. Es gibt nur eine gute Bar in Milio: Das Barfli.«

»Wo ist das?«, fragte Rakiyat, obwohl er den Ort nur zu gut kannte.

»In der Crodale-Gasse.«

»Das Lokal sagt mir nichts. Aber, wenn du der Meinung bist, dass es keine bessere Bar gibt, dann muss ich sie mir ansehen. Allerdings benötige ich dazu …«

»Begleitung?«, fiel sie ihm ins Wort.

»Danke für das Angebot. Wie sieht es diesen Freitag bei dir aus?«

Sie lachte schallend. »Falsch interpretiert. Da du mir meine Handynummer ohne Gegenwehr entrissen hast, musst du dich für ein etwaiges Treffen ins Zeug legen.«

»Ist das dein Ernst?« Obwohl er damit gerechnet hatte, gefror sein Lächeln. Seine Freude an ihr erlosch. Er hasste diese Arroganz.

»Überzeug mich, dass es sich lohnt, einen Abend mit dir zu verbringen.«

»Und wie soll ich das anstellen? Ich kenne dich schließlich nicht.« Sein Ärger auf sie wurde größer, die Hand mit dem Glas zitterte. Wenn er in ihre Haare griff und ihren Kopf nach hinten zog, und dabei eine Messerspitze in ihren Hals drückte … dann wäre nicht viel von ihrer Überheblichkeit übrig.

»Lass dir etwas einfallen.«

Unwillkürlich verstärkte er den Griff um das Glas.

»Ich verlasse mich darauf, dass du kreativ bist«, sagte sie mit jovialer Stimme. »War nett, mit dir zu plaudern, Ronoy, aber ich muss los.«

Während sie die Verbindung unterbrach, zerbarst das Glas in Rakiyats Händen. Er öffnete die Finger und betrachtete die Handfläche und das aus der Wunde fließende Blut, wartete, bis es zu Boden tropfte und stellte sich dabei vor, dass es Vitas Blut war.

Du wirst deine Arroganz bereuen. Sehr, sehr lange!

*

Vita blickte von der Restaurant-Terrasse des Braco-Turms in die Tiefe. Hundertfünfzig Meter unter ihr floss der zähe Freitagnachmittagsverkehr. Die Menschen flüchteten aus der Stadt, wollten ins Wochenende und zu Orten, die Abkühlung vom überheißen Sommer versprachen. Vita verstand sie. Die Hitze wurde langsam unerträglich.

Auch heute brannte die Sonne erbarmungslos auf Milio hinab. Fast täglich brachen die Temperaturrekorde – und noch war kein Ende in Sicht.

Der Kellner füllte die Snackstangen nach und deutete auf das leere Glas. »Noch etwas zu trinken?«

Sie nickte und dachte daran, nach diesem Getränk zu gehen. Sulina kam wohl heute nicht mehr. Vermutlich war ihr dienstlich etwas dazwischengekommen. Erneut kontrollierte Vita ihr Telefon, fand aber keine Nachricht ihrer ehemaligen Partnerin.

Ein Teil von ihr war dafür dankbar. Eigentlich war es zu früh, sich mit Sulina zu treffen. Sie würde nach den Ermittlungsergebnissen der Sonderkommission fragen und Sulina damit in die Zwickmühle bringen.

Der Wunsch, dem Mörder ihrer Schwester gegenüberzustehen und ihn in Gewahrsam zu nehmen, der gerechten Strafe zuzuführen, wurde übermächtig, doch sie unterdrückte die aufbrandende Wut und den Hass und trommelte zugleich mit den Fingern auf dem Tisch. Sie musste emotionslos bleiben, musste in Ruhe einen Plan schmieden, der Allin Durha direkt in ihre Hände trieb. Sie war immer noch überzeugt, dass er der Täter war. Auf der anderen Seite des Planeten hatte sie genügend Abstand gewonnen, um erneut mit der Jagd zu beginnen. Nachdem sie sich eine Strategie zurechtgelegt hatte, würde sie ihren Dienst antreten und gemeinsam mit Sulina …

Sie hielt inne. Das ist nicht der Grund des Treffens!

Sie wollte wissen, wie es nach der durch die Auszeit erzwungenen Funkstille zwischen Sulina und ihr aussah. Immerhin hatten sie sich vor der Suspendierung und ihrer überhasteten Abreise weit über das normale Maß hinaus verstanden. Sulina war nicht nur eine Kollegin und Freundin, sie war fast schon ein Mutterersatz.

Vita nippte am Wasserglas. Ja, sie hatte Angst vor dem Treffen, fürchtete, dass sich etwas zwischen ihnen verändert hatte.

»Entschuldige meine Verspätung, Vita!«

Sulina plumpste in den Stuhl, winkte dem Kellner, orderte einen Kaffee – »Schwarz mit viel Zucker!« – und legte ihre Hand auf Vitas. »Schön, dich zu sehen!«

Vita lächelte erleichtert. Das alte, vertraute Gefühl war noch da. Sie konnte Sulina einfach alles erzählen, weil sie wusste, dass sie ihr zuhörte und sie verstand. Es war, als wäre sie nie weg gewesen.

»Wie geht’s dir?«, fragte Sulina und griff nach den Snackstangen. Es knackte, als sie davon abbiss. »Wie war deine Auszeit, wo immer du dich so lange herumgetrieben hast?«, fragte sie kauend.

Vita hörte den Vorwurf und hatte sogleich ein schlechtes Gewissen. »Verzeih, dass ich mich nicht gemeldet habe, aber ich brauchte völligen Abstand zu diesem Irrsinn hier.«

Sulina nickte verständnisvoll. »Verstehe ich, verstehe ich.« Der Kellner brachte ihr den Kaffee. »Ich hätte dich begleiten sollen.« Sie trank die halbe Tasse aus. »Vier Stunden Schlaf«, erklärte sie. »Wo warst du und was hast du gemacht?«

Vita erzählte von ihrer Auszeit, erzählte vom Tauchen mit Iruns, von den Klettertouren, von Nacht-Fallschirmsprüngen und von den Männern, die sie auf den Stränden angebaggert hatten. Und sie erzählte von ihrer neuen, entspannteren Einstellung zum Leben.

»Das klingt super!«

»Ja, das ist es.« Vita lächelte. Sulina freute sich und gönnte es ihr. »Was gibt es in deinem Privatleben Neues?«

»Immer noch Alhonso. Wir können einfach nicht ohne einander.« Sie trank einen weiteren Schluck Kaffee. »Und auch nicht miteinander.«

Seit zwei Jahrzehnten fanden die beiden regelmäßig zu einander, um nach ein paar Monaten entnervt alles hinzuwerfen.

»Und ich habe mit dem Rauchen aufgehört!« Sie griff nach einer weiteren Snackstange, hielt sie so wie eine Zigarette.

Spontan applaudierte Vita. »Ich bin stolz auf dich!«

Sie bestellten jede ein Stück Kuchen und schnatterten eine Weile einfach drauflos.

»Ich habe einen Mann getroffen«, sagte Vita übergangslos und erzählte von der Stadtführung.

Sulina hob die Augenbrauen. »Sehe ich Interesse in deinen blauen Bergsee-Augen?«

»Eine gute Frage.« Vita verzog die Lippen. »Ich weiß immer noch nicht, warum ich ihm die Telefonnummer gegeben habe.« Sie zuckte mit den Schultern. »Eigentlich war es dämlich.«

Sulina verkniff sich die Zustimmung, nickte aber leicht mit dem Kopf. »Hat er sich bereits gemeldet?«

Vita bejahte und gab das Telefonat wieder.

»Puh!« Sulina strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht. »Wolltest du so arrogant rüberkommen?«

»Findest du das arrogant?«

»Bescheiden kann man es kaum nennen.« Sulina hob die Tasse, schwenkte den restlichen Kaffee und trank ihn aus. »Hoffentlich hast du ihn damit nicht verschreckt.«

»Dann ist er es nicht wert.«

Sulina lachte auf. »Sicher, dass du eine neue Einstellung zu den Dingen hast?« Sie zwinkerte. »Das hört sich ganz nach der alten Vita an.«

»Die alte Vita hätte ihn nach dem ersten Satz ruhiggestellt.«

»Ein Hoch auf die neue Vita.« Sie winkte dem Keller und bestellte einen weiteren Kaffee. »Was hast du für einen Eindruck von ihm?«

»Er ist … wie soll ich sagen?« Sie schwieg, suchte nach dem richtigen Wort. »Anders. Stärker als die anderen. Obwohl … während des Telefonats lag etwas in seiner Stimme, das mich irritiert hat. Zwar nur flüchtig und auf seltsame Weise nicht greifbar, aber es war da.«

»Und du wartest nun auf seinen Anruf?«

Vita nickte.

»Warum rufst du ihn nicht an?«

»Ich?« Abwehrend streckte Vita die Hände von sich. »Sicher nicht. Ist ein Mann interessiert, meldet er sich. So einfach sind die Spielregeln.«

Sulina schob den Teller mit den Kuchenbröseln zur Tischkante. »Seit wann denkst du so antiquiert?«

»Ich denke nur so antiquiert, weil die Männer mit ihrem Denken noch im alten Jahrhundert gefangen sind.«

»Ich dachte, du suchst einen neuen, emanzipierten Mann?«

»Darum soll er mich ja beeindrucken. Originell und anders.«

»Du weißt schon, dass du es den Männern nicht gerade einfach machst, oder?«

Unwillkürlich grinste Vita. »Gut gekontert!«, gab sie zu. »Aber hey …« Sie deutete mit beiden Händen auf sich. »Ich bin es wert, oder?«

»Auf jeden Fall! Auf jeden Fall!«

Sulina lachte und Vita stimmte ein.

»Er ist der erste Mann nach Harothu«, sagte sie leise, »den ich wiedersehen will.«

»Er reizt dich?«

Vita strich über den Nasenrücken, nickte zögernd. »Aber wenn ich ihn nach meiner Aufforderung anrufe, werde ich unglaubwürdig.«

»Nur, wenn er in alten Bahnen denkt.«

»Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig.«

Sulina schüttelte den Kopf. »Glaube ich nicht. So jemanden hättest du mit deiner Spürnase rasch durchschaut.«

Vita horchte in sich hinein und stimmte Sulina zu. Ronoy wirkte wie ein Mann des neuen Jahrhunderts.

»Es bleibt eine Restunsicherheit.« Sie zuckte mit den Schultern. »Fakt ist, wenn ich ihn anrufe, klinge ich verzweifelt, egal ob neues oder altes Denken.«

Sulina verzog die Lippen. »Da hast du dich ja in eine tolle Situation gebracht.«

Ein dumpfer Knall verhinderte Vitas Antwort. Simultan blickten beide zum Geländer der Terrasse. Ein schwarzes Seil spannte sich von oben nach unten und klatschte in unregelmäßigen Abständen gegen die Streben.

Die Gäste an den anderen Tischen drehten ihre Köpfe, konnten das Seil genauso wenig zuordnen. Auch die Kellner wurden aufmerksam. Neugierig kamen sie näher.

Vita beugte sich über das Geländer der Terrasse, die nichts anderes als ein unverbautes Stockwerk war. Der Turm selbst ragte noch weitere hundert Meter in den Himmel.

Sulina blickte ebenfalls nach oben und zuckte zurück. Instinktiv legte sie die Hand an die Waffe. Ein schwarzer Körper fiel nach unten und stoppte auf Vitas Höhe. Er versteckte das Gesicht hinter einer Maske, aber Vita erkannte die grünen Augen.

»Ronoy?«

Natürlich trug er eine Maske. Sich vom Turm abzuseilen, war schwer illegal.

»Hi, Vita!«, begrüßte er sie mit seiner verführerischen Stimme, die einen wohligen Schauer über ihren Rücken jagte. »Ich habe zwei Dinge für dich.«

Er streifte ein Päckchen ab, das er am Rücken getragen hatte. »Du brauchst es morgen zu Mittag«, sagte er. »Aber nur, falls du zum Flughafen kommst.«

Wie ein Roboter nahm sie das Paket. Sie sah auf Anhieb, dass es sich um einen Fallschirm handelte. Allerdings hatte sie noch nie einen so kleinen gesehen.

»Und dann«, sagte er, »überreiche ich dir noch etwas.« Wieder griff er hinter den Rücken. Diesmal beförderte er eine Chrysente hervor. Ihre Lieblingsblume! Die orangefarbene Knospe schimmerte samtig, die gelben Blütenblätter waren weit geöffnet.

»Was soll das hier?« Einer der Kellner stand neben ihr, wollte nach Ronoy greifen.

»Bis morgen!« Ronoy winkelte die Handfläche zum Gruß ab, rotierte so, dass er mit dem Oberkörper parallel zum Boden lag und griff an den Gürtel. Surrend verschwand er aus ihrem Blickfeld.

»Verdammt noch mal!« Der Kellner riss das Seil an sich.

Vita starrte auf das Fallschirmpaket und auf die Blume. Dann fand sie ihre Sprache wieder. »Hey! Warte!« Sie beugte sich über das Geländer, sah aber nur, wie er weiter nach unten raste und immer kleiner wurde. Am Boden angelangt, klinkte er sich aus der Sicherung aus, winkte nach oben, stieg in einen geparkten schwarzen Sportwagen und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein.

»Kennen Sie diesen Irren?«, fragte der Kellner, der immer noch das Seil in der Hand hielt.

»Flüchtig.«

Er zeigte auf das Paket. »Was hat er Ihnen gegeben?«

Vita fing sich. »Wir sind von der Polizei und ermitteln verdeckt«, raunte sie ihm zu. »Danke für Ihre schnelle Reaktion.«

Der Kellner blickte von ihr zu Sulina, die eifrig nickte und lautlos das Wort »Polizei« formte. Kopfschüttelnd entfernte er sich.

»Schwer zu überbietender Auftritt«, kommentierte Sulina. »Falls er einen Bruder hat, lass es mich wissen.«

Vitas Herz klopfte wild. Das hatte sie nicht erwartet. »Er ist verrückt!«

»Falsch. Das ist genau der Typ, den du brauchst!«

»Falls der Fallschirm wirklich für mich sein soll, ist er mir definitiv zu klein.«

»Bist du morgen am Flughafen?«

»Darauf kannst du Gift nehmen.«

»Danke für das Angebot, aber ich hänge am Leben.« Sulina feixte. »Er hat also deine Worte nicht nur beherzigt, er hat dich sogar umgeworfen.«

»Quatsch. Er hat nur meine Neugier verstärkt.«

»So siehst du aus.« Sulina nahm ihr die Blume aus der Hand und steckte sie in das Wasserglas, das sie zum Kaffee erhalten hatte. »Selbstverständlich begleite ich dich morgen«, sagte Sulina.

»Springst du auch aus einem Flugzeug?« Vita deutete auf den Fallschirm.

»Ups, ich habe doch etwas anderes vor.« Sulina schüttelte heftig den Kopf.

Vita konnte nicht glauben, was soeben passiert war. Sie griff nach dem Wasserglas und bemerkte, dass Sulina die Blume darin versenkt hatte. Augenblicklich stellte sie es zurück.

»Er hat dich beim Wort genommen«, sagte Sulina.

»Was meinst du?« Langsam legte sich ihre Aufgedrehtheit. Noch nie hatte sich ein Mann für sie derart in Szene gesetzt. In gewisser Weise war es sogar zu viel.

»Er hat sich wahrhaftig abgeseilt.« Sie blickte nach oben, überlegte, wie er es an den Kontrollen vorbeigeschafft und das lange, schwere Seil transportiert hatte.

»Oh, dein Köpfchen raucht.« Sulina tätschelte Vitas Hand. »Wie hat er das Seil nach oben gebracht? Wie die interne Aufzugperre überbrückt? Wie die Alarmanlagen überlistet?«

Vita nickte. »Ich warte auf Antworten.«

»Nichts da! Das ist dein Irrer.« Sie neigte den Kopf. »Aber ich gestehe, er hat mich genauso wie dich beeindruckt. Obwohl es fast schon an Angeberei grenzt, was er hier veranstaltet hat.«

Vita drehte das Päckchen. An der Unterseite klebte ein Kuvert. Sie öffnete es und entfaltete das Blatt darin.

»Guten Morgen, Schönheit!«, las sie die erste Zeile des Computerausdrucks. Ich halte mich kurz. Schlüpf morgen früh in deine Sprungkombination und sei um zehn Uhr am privaten Teil des Flughafens von Milio.

Ronoy.

PS: Und nimm diesen Fallschirm mit!

Sie reichte Sulina den Zettel und widmete sich der Verpackung. Ungläubig wendete sie das Paket ein weiteres Mal. Der Firmenaufnäher fehlte!

Vita kannte jeden Hersteller von Fallschirmen, da sie für ihr Hobby jeden Schirm getestet hatte. Letztendlich war sie bei dem Modell Luftbrecher hängen geblieben, weil er schnellere Fluggeschwindigkeiten und höhere Manövrierfähigkeit ermöglichte. Doch dieser hier war viel zu klein für einen Sprung.

Sie kontrollierte die Verpackung erneut. Eindeutig kein Herstellername. Wer immer diesen Schirm entwickelt und produziert hatte, wollte anonym bleiben.

Wie wohl die Flugeigenschaften sind?

Sulina reichte ihr das Blatt. »Wie revanchierst du dich morgen für diesen Auftritt?«

»Gute Frage.«

»Ihm dürfen nicht nur die Worte fehlen, er muss in Ohnmacht fallen!«

*

Der Zivilflughafen von Milio befand sich im Süden der Stadt. Als er vor achtzig Jahren erbaut wurde, lag er einsam vor den Toren der Hauptstadt. Mittlerweile hatten sich die Häuser an ihn herangepirscht. Bevor sie ihn komplett einschließen konnten, hatten die Betreiber des Flughafens reagiert und die Anforderungen der modernen Luftfahrt geltend gemacht. Der Flughafen von Milio besaß heute neun Pisten und integrierte sich in das Stadtbild. Pro Tag landeten und starteten dreitausend Flugzeuge. Von oben betrachtet sah das Areal wie eine überdimensionale Acht aus. Insgesamt arbeiteten neuntausend Cluverianer für das Passagierwohl.

Vita lenkte ihr Cabrio in Richtung des privaten Teils des Gebiets. Dort parkten die Jets der Reichen und Schönen. Genau dort hatte Ronoy sie hinbestellt. Gehörte er zur High Society?

Sofort verdrängte sie den Gedanken. Reichtum interessierte sie bei einem Mann nicht. Der Charakter war entscheidend, nicht die Brieftasche.

Sie reduzierte die Geschwindigkeit und stoppte vor dem Gittertor. Als der Wachmann aus seiner Station trat, ließ sie das Seitenfenster herunter.

»Mein Name ist …«

»Vita Etan. Sie werden bereits erwartet. Fahren Sie geradeaus, nehmen Sie die zweite Abzweigung und stellen Sie ihr Cabrio dort ab. Ein Fahrzeug des Flughafens bringt Sie dann weiter.«

»Danke«, antwortete Vita verblüfft.

Das Tor glitt beiseite. Sie fuhr los und landete in Gedanken wieder bei Ronoy. Sulina hatte für sie in den polizeilichen Datenbanken recherchiert und war nicht fündig geworden. Im ganzen Land gab es niemanden mit Vornamen Ronoy. Auch die Recherche in den Flughafendaten hatte in die Sackgasse geführt. Kein Ronoy hatte für heute einen Flug gebucht.

Als sie den Parkplatz erreichte, winkte ihr eine Frau mit gestylten lockigen Haaren zu.

»Hallo, Frau Etan. Ich habe Ihnen einen Parkplatz in der ersten Reihe freigehalten. Es ist Nummer Achtzehn. Kommen Sie dann bitte zu dem weißen Auto mit dem orangefarbenen Flughafenemblem.«

Nachdem Vita in die Parklücke gefahren war, schnappte sie sich den Fallschirm, verschloss den Wagen und stieg in das Flughafenauto. Sofort brauste der Wagen los. Sie fuhren an Wartungshallen, Einstellplätzen und Bürogebäuden vorbei, bis sie am Heliport ankamen. Die Frau hielt direkt auf einen grau-weiß-schwarzen, tarnfarbig bemalten Militärhubschrauber zu, der mit sich drehenden Rotorblättern auf einem der Startplätze stand. Auffällig war, dass die Heckrotorblätter nicht frei schwebten, sondern durch den hinteren Aufbau geschützt wurden. Vermutlich war er für den Häuserkampf produziert worden. Allerdings fehlte bei dieser Version die Bewaffnung.

Zwanzig Meter vor dem Hubschrauber bremste das Auto ab.

»Dort hinein, Frau Etan.« Die Lockige zeigte auf das schlanke, martialisch wirkende Fluggerät. »Guten Flug.«

»Wer fliegt das Ding?«

Die Frau zuckte mit den Schultern. Wortlos stieg Vita aus und bereitete sich auf den typischen Hubschrauberlärm vor. Doch der blieb aus. Die Maschine gab nur ein sanftes ZapZapZap von sich. Ihre Sonnenbrille festhaltend lief sie geduckt zur aufschwingenden Tür. Auf dem Weg wühlte der Wind in ihren Haaren. Sie wuchtete sich in den Sitz und spürte augenblicklich die leichten Vibrationen am Körper.

Der Pilot drehte ihr den Kopf zu. Der Sonnenschutz seines Helmes verbarg seine obere Gesichtshälfte. Er deutete mit dem Zeigefinger auf das Paket in ihren Händen und dann nach hinten. Seine Bewegungen wirkten militärisch exakt.

Vita drehte den Kopf. Die kleine Kabine hinter ihr war mit zwei Notsitzen bestückt, in der sich eine geöffnete Kiste an die Rückenlehnen der Frontsitze schmiegte. Als sie darin ein schwarzes Fallschirmpaket erspähte, warf sie ihren Rucksack kurzerhand hinein und verschloss den Deckel. Sie schnallte sich an und setzte die Kopfhörer auf. Sofort hörte sie das Rauschen ihres Blutes.

»Bereit für ein bisschen Action?«, fragte der Pilot.

Obwohl die Stimme leicht verzerrt war, gab es keinen Zweifel: Es war Ronoy selbst!

Sie schob das Mikrofon vor die Lippen. »Allzeit bereit!«

»Dann wollen wir mal!« Er wandte sich zur Windschutzscheibe. »Kontrollturm, hier ist Wikes-Fister-Trene. Bereit zum Abflug.«

In Gedanken wiederholte Vita die Kennung. Damit würde sie ihn kriegen.

»Verstanden. Abflug in dreißig Sekunden.«

»Okay, KT.«

Vita blickte auf die Kontrollen des Helikopters. Sie bestanden aus einem unübersichtlich wirkenden Gewirr von Schaltern, Tasten und Bildschirmen.

»KT, Wikes-Fister-Trene startet.«

Der Hubschrauber hob ab und schwenkte wenige Grade beiseite, nur um sich Sekunden später wieder in die vorherige Position auszurichten. Langsam aber stetig stiegen sie nach oben. Das Rucken des Hubschraubers, das durch die Rotoren hervorgerufen wurden, hielt sich überraschenderweise in Grenzen. Offenbar war die Kabine speziell abgeschirmt worden. Dank ihrer Erfahrungen mit Zivilmaschinen, die sie für den Fallschirmsprung in die Höhe hievten, hatte sie sich einen standfesten Magen zugelegt.

Als sie fünfzig Meter über dem Startplatz schwebten, drehte Ronoy die Maschine um einhundertachtzig Grad, neigte die Nase nach oben und schaltete auf Vollschub. Der Hubschrauber machte einen Satz nach vorn, und Vita wurde in die Rücklehne gepresst. Der Helikopter vollführte eine enge Kurve und raste weiter aufwärts. Vita spähte aus dem Fenster. Der Flughafen war mittlerweile zur Gänze zu sehen. In der Höhe von dreitausend Metern legte Ronoy die Maschine in die Waagrechte und beschleunigte in Richtung Sonne, bis der Tachometer dreihundertzwanzig Kilometer pro Stunde anzeigte. Der Stern thronte wie das prüfende Auge eines zornigen Gottes über dem Planeten.

»So Mister ›Ich rase in einem Höllentempo an einem Seil an Gebäuden hinab und lenke einen Hubschrauber‹, wohin fliegen wir?«

»Lass dich überraschen.«

Vita blickte ihn an, doch er blieb mit dem Kopf nach vorn gewandt. Er machte seine Sache gut, schaffte es in der Tat, dass sie mehr wissen wollte. Mehr von den nächsten Stunden und mehr von ihm. Aber sie würde sich eher die Zunge abbeißen, bevor sie ihm das gestand.

»Dann vertreibe mir die Zeit, in dem du mir die Steuerung dieses Hubschraubers erklärst.«

Er zuckte die Schultern.

»Zuerst die gute Nachricht. Derzeit fliegen wir knapp unterhalb der Höchstgeschwindigkeit. In diesem Bereich ist ein Hubschrauber so einfach zu lenken wie ein Flugzeug.«

»Will ich die schlechte auch hören?«, fragte sie.

»Es gibt kein Schwarz ohne Weiß.«

»Philosoph bist du auch noch. Das wird ja immer spannender.« Selbst seine verzerrte Stimme löste in ihr ein wohliges Gefühl aus. Sie war irritiert über ihre Reaktion. Wieso löste er nach so kurzer Zeit so viel in ihr aus?

»Im Schwebeflug und im langsamen Flug – also beim Start und bei der Landung – tanzt der Heli. Die Entwickler nennen es ein nichtstabiles Fluggerät, das in diesem Flugbereich die Tendenz hat, in die eine oder andere Richtung zu schieben, sich zu neigen oder zu drehen, aber mir gefällt tanzen besser. Der Grund ist, dass der Neutralpunkt über dem Rumpf und somit über dem Schwerpunkt liegt. Deshalb muss ich auch ständig mit Armen und Beinen an den Steuerelementen arbeiten, sprich, einen Ausgleich durch entgegenwirkende Bewegungen herstellen.«

»Klingt nach zappeln.«

»Ist auch eine gute Beschreibung.«

»Was machst du mit den Armen und Beinen?«

»Mit der linken Hand kontrolliere ich die kollektive Blattverstellung des Hauptrotors, sprich den Auftrieb. Vorne an diesem Hebel beeinflusse ich die Motorleistung und somit das Drehmoment. Dieser militärische Hubschraubertyp schafft das zwar auch automatisch, aber ich bevorzuge die volle Kontrolle über das Gerät.«

»Habe ich mir gedacht.«

»Über den Steuerknüppel bestimme ich die zyklische Blattverstellung. Damit ist die Neigung des Hauptrotors gemeint, der die Bewegung um die Quer- und Längsachse auslöst.«

»Und die Pedale?«

»Mit ihnen steuere ich den Heckrotor und entscheide, in welche Richtung wir uns drehen.«

»Voller Einsatz des ganzen Körpers sozusagen.«

»Exakt.« Er lachte. »Sogar die Nasenspitze bekommt etwas ab.«

Sie schenkte ihm ein Lächeln, das er aber nicht wahrnahm, weil sein Blick nach vorn gerichtet war. »Wieso sind die Heckrotorblätter innerhalb der Verkleidung?«

»Einerseits reduziert das den Fluglärm, andererseits verringert es die Vibrationen und erlaubt größere Bodenfreiheit.«

»Leuchtet ein. Und jetzt verrätst du mir noch, wieso der Hubschrauber überhaupt so leise ist.«

»Dieser Helikopter stammt aus einer Spezialserie des Militärs. Geräuschlosigkeit, Wendigkeit und Hochgeschwindigkeit waren die Vorgaben für die Entwickler. Und was dem Heer recht ist, kann uns Zivilen doch nur billig sein.«

»Hast du ihn gemietet oder gehört er dir?«

»Ich kann dich beruhigen. Ich habe ihn mir ausgeborgt.«

»Wer zum Teufel bist du?«, entfuhr ihr.

»Ein Mann, den eine Frau aufgefordert hat, sie zu beeindrucken.«

»Wann fängst du damit an?«

Er schnaufte, grinste dann aber, um zu zeigen, dass er den Protest nicht ernst meinte. »Willst du steuern?«

»Ob ich …? Klar! Sag mir, wie!«

»Belassen wir es bei dem Steuerknüppel.« Er deutete zwischen ihre Beine. »Im Grunde ist es simpel. Nach vorn bedeutet ›Nase runter‹, nach hinten heißt ›Nase rauf‹. Links ist links und rechts ist rechts.«

»Klingt bedienerfreundlich, um nicht zu sagen ›idiotensicher‹«, antwortete sie und legte die Finger um den Knüppel. Er vibrierte. Fast war sie versucht, die zweite Hand zu Hilfe zu nehmen.

»Dann zeig mir, was du draufhast.« Demonstrativ verschränkte er die Arme vor der Brust, schob die Sonnenblende seines Helms nach oben und blickte sie an. Kurz holte sie sich eine Dosis seiner grünen Augen und damit ein Wonnegefühl, dann konzentrierte sie sich auf die Steuerung. Sie drückte den Knüppel leicht nach vorn. Prompt neigte sich die Maschine nach unten. Vorsichtig zog sie ihn wieder zu sich. Doch der Effekt war anders als erwartet. Der Helikopter reagierte stärker, als sie gewollt und geahnt hatte. Er kippte nach rechts. Überrascht schrie Vita auf, doch dann schwenkte der Hubschrauber wieder in die vorherige Lage zurück.

»Wir sollten es zuvor mit Trockentraining probieren«, sagte Ronoy, der das Steuer wieder übernommen hatte.

»Gute Idee. Wann unterrichtest du?«

»Sage ich dir, sobald ich in meinem privaten Kalender nachgelesen habe.«

Die nächsten Minuten flogen sie schweigend. Unter ihnen raste die Autobahn dahin, die eine Schneise durch Wälder zog, und vom Norden des Kontinents bis ans Meer im Süden führte. Ein Blick auf den Kompass bestätigte ihre Vermutung. Es ging nach Süden.

»Wann erreichen wir unser Ziel?«, fragte sie, als sie ihre Neugier nicht mehr im Zaum halten wollte.

»In knapp einer Stunde. Unter deinem Sitz findest du etwas zu lesen.«

Vita zerrte drei Magazine hervor und blätterte sie achtlos durch. Sie war noch nie ein Freund von diesem Klatsch und Tratsch gewesen.

»Es gibt Alternativen.«

Vita tastete erneut das Fach unter ihrem Sitz ab und holte zwei neue Magazine mit dem Titel »Psychologie & Hirnforschung« ans Tageslicht.

»Das gefällt mir schon besser.«

Er zeigte ihr den erhobenen Daumen und sie begann, das erste Heft zu lesen. Als sie mit Dreiviertel des Inhalts fertig war, ging es abwärts. Sie legte die Hefte unter den Sitz und lugte aus dem Fenster. Sie schwebten inmitten eines Tales, das im Norden von einem Gebirgszug begrenzt wurde. Auf den Gipfeln lag trotz des Sommers Schnee. Bergwälder säumten die Hänge und wurden von einem großen See unterbrochen, der eine Schneise durch den Wald geschlagen hatte. Über das gesamte Tal spannte sich eine Brücke, damit der Verkehr der Idylle fernblieb. Ihre silbergrauen Stahlträger glitzerten im Sonnenlicht und spiegelten sich in der Wasseroberfläche.

»Das Jeyntal«, bestätigte Ronoy ihre Vermutung, die ihr beim ersten Anblick auf der Zunge gelegen hatte. Im letzten Sommer hatte sie in dem Tal eine Woche lang die Natur genossen. Sie erinnerte sich an die grandiose Kulisse der Berge vom Ufer des Jeyntal-Sees aus.

Ronoy visierte als Landeplatz eine Wiese an. Cluverianer, die im See badeten, blickten überrascht hoch. Da die Maschine aus Richtung der Sonne kam, deckten sie den Heimatstern mit der Hand ab. Sanft setzte er den Helikopter auf der Wiese auf. Er nahm die Kopfhörer ab und hängte sie in die Halterung. Mit einem Klicken sprangen die Gurte aus dem Beckenschloss und legten sich automatisch an die Sitzlehnen. Ronoy drehte sich zur Kiste und fischte zuerst Vitas Fallschirm und danach seinen heraus. Sie übernahm den Fallschirm und glitt aus der Kabine.

Die Cluverianer an den Stränden glotzten sie an. Vita verstand sie. Es war nicht alltäglich, dass ein Hubschrauber in derartiger Nähe des Sees landete. Aber angesichts des martialischen Aussehens des Militärhubschraubers hielten alle still. Niemand traute sich, sie zu fragen, ob sie noch ganz dicht waren.

Vita ließ ihren Blick über die Leute gleiten. Sie wirkten sprung- und fluchtbereit. Ein paar Kinder weinten, kuschelten sich verängstigt in die Arme ihrer Eltern.

»Und was jetzt?«, fragte sie, als Ronoy neben ihr stand.

»Mir nach!« Zielstrebig stapfte er in den nahe gelegenen Wald. Vita folgte ihm durch das Gewirr der Bäume. Nach knapp zehn Minuten erreichten sie einen der Brückenpfeiler, der durch einen hohen Eisenzaun geschützt wurde. Ein Warnschild verbot, darauf zu klettern. Der Verdacht, den sie bereits beim Anflug an den See empfunden hatte, meldete sich erneut. Ronoy griff mit den Armen in den Draht.

»Warte.« Sie zeigte auf das Verbotsschild.

»Hm.« Er kratzte sich am Kinn. »Du bist jetzt eine suspendierte Hüterin des Gesetzes.«

Sie horchte auf. Er kannte ihre Vorgeschichte, hatte also gründlich recherchiert.

»Du bist doch nicht so kleingeistig, oder?« Er zog sich am Zaun nach oben.

Vita blickte ihm nach, fühlte den Widerstreit ihrer Gefühle. Das Verbotsschild war nicht der Grund, da hatte sie sich schon über ganz andere Verbote hinweggesetzt. Sie zögerte, weil ihr schlagartig bewusst geworden war, dass sie nichts über ihn wusste, nicht einmal, ob der Fallschirm auf ihrem Rücken sicher war. Und nun sollte sie in diese schwindelerregende Höhe klettern? Was hielt sie davon ab, hier zu streiken?

Ronoy kümmerte sich nicht um sie, sondern hatte bereits einige Dutzend Meter zurückgelegt.

Sie biss sich auf die Lippen. Ja, sie hatte schon allerlei Blödsinn in ihrem Leben gemacht, aber war sie nicht zu alt für solche Sachen?

Vita blickte hoch zum Brückenbogen, der trotz seiner Ausdehnung zu niedrig für einen Sprung war.

Das ist lebensgefährlich!

Sie blickte Ronoy nach, der immer höher kletterte. Er animierte sie wirklich, von der Brücke zu springen.

Erregung und Vorfreude erfasste sie.

Verdammt, er weiß genau, womit er mich ködert! Weiß genau, dass ich so einem Adrenalinschub nicht widerstehen kann und beim Fallschirmspringen nach Neuem suche! So wie damals, als wir uns im freien Fall das Jawort geben wollten. Aber Harothu war ein Arsch gewesen, unwürdig für mich. Und Ronoy?

Sie musterte seinen geschmeidigen Körper, den federnden Gang. Ließ sie sich beeinflussen, vernachlässigte sie ihr kritisches Denken, weil sie ihm glauben wollte? Schon möglich.

Das musste sie sich abstellen!

Aber erst nach dem Sprung.

Sie griff in die Maschen des Eisenzauns und kletterte nach oben, bis sie Ronoy erreichte hatte.

»Alles klar?«, fragte er.

Sie nickte.

Ronoy fasste nach den in Form einer Leiter angelegten Sprossen an dem Pfeiler und zog sich geschickt aufwärts. Vita kletterte hinterher und bewunderte dabei seinen knackigen Hintern. Die hauchdünne, aber widerstandsfähige schwarze Sprungkombination lag wie eine zweite Haut an ihm und brachte den muskulösen Körper zur Geltung. Der Mann war eindeutig im Training.

In diesem Punkt stand sie ihm nicht nach. Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr war ihr morgendlicher Lauf ebenso fixer Bestandteil ihres Lebens wie das Kampftraining am Nachmittag und die Meditationsübungen am Abend.

Zehn Minuten später lehnten sie am Brückengeländer und ließen aus einhundertacht Metern Höhe die Landschaft auf sich wirken. Der See schien sich endlos in Richtung Talausgang zu erstrecken. Das Spiegelbild der Sonne, die über ihren Köpfen gleißte, zerlief an der Wasseroberfläche durch den leichten Wind. Zusätzlich tauchte sie alles in ein verschwenderisch goldenes Licht – es sah aus wie ein Gemälde.

»Schön, nicht wahr?«

Vita nickte. Plötzlich spürte sie seine Hände an der Hüfte. »Schau!«, rief er. »Ein Seeadler!«

Ihr Blick folgte dem ausgestreckten Arm. Majestätisch nutzte der Raubvogel die Luftströmungen und schraubte sich in den Himmel.

»Ich denke, es wird Zeit, dass wir ihm nacheifern.« Ronoy nahm sie bei der Hand. Auf dem schmalen Notfallstreifen zwischen der Lärmschutzwand und dem Brückengeländer gingen sie in Richtung Seemitte. Vita wunderte sich darüber, wie gründlich der Autolärm von der Wand geschluckt wurde. Mehr als ein Säuseln lag nicht in der Luft.

»Hier wären wir!«

Sie befanden sich exakt über der Mitte des Sees. Der Hubschrauber lag wie ein Spielzeug weit unten zu ihrer Rechten. Sie glaubte zu erkennen, dass einige Cluverianer auf der Wiese zu ihnen hoch starrten. Auch die Schwimmer reckten die Köpfe. Einige zeigten entsetzt nach oben, vermuteten wahrscheinlich zwei Selbstmörder oder Wahnsinnige.

Hoffentlich ruft keiner die Polizei!

»Was war die geringste Höhe, von der du jemals abgesprungen bist?«

»Eintausend Meter.«

»Dann freue ich mich, dass ich dir in gewisser Weise die Jungfräulichkeit raube.«

Im ersten Moment wollte Vita aufbrausen, doch er sagte es in einer Art, wegen der sie ihm nicht böse sein konnte.

»Der Fallschirm an deinem Rücken ist eine Spezialkonstruktion, die exakt für solche geringen Absprunghöhen konzipiert ist.«

»Geheimauftrag des Militärs?«, fragte sie mit einem Schuss Ironie.

Er grinste. »Ausnahmsweise nicht.«

»Wann ziehst du?«

»Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder du verlässt dich auf die eingebaute Automatik oder du machst es per Hand.«

»Ich verlasse mich lieber auf mich.«

»Dachte ich mir.« Er deutete auf ihren Brustgurt. »Ich habe mir erlaubt, die Automatik zu deaktivieren. Von dieser Höhe aus zähle ich bis drei und öffne meinen Schirm.« Er blickte nach unten in das blaue Wasser. »Du kannst es natürlich auch gern ausreizen.«

»Wo landen wir?«

Er prüfte die Windverhältnisse. »Ich denke, den Weg bis zum Hubschrauber schaffen wir.«

»Ich nehme an, es ist ein Flächenfallschirm.«

Wortlos nickte er.

»Änderungen im Flugverhalten zu den Normalgrößen?«

»Einfacher zu steuern und wesentlich wendiger.«

»Praktisch.« Nachdenklich betrachtete sie sein Gesicht. Seine grünen Augen erinnerten sie an einen seltenen Edelstein, den sie als Kind im naturwissenschaftlichen Museum gesehen hatte. Sie hatten sie schon während der Führung durch Milio in ihren Bann gezogen. Vita hatte das Gefühl, dass er in ihr wie in einem offenen Buch las. Einerseits erschreckte sie dieser Eindruck, andererseits fühlte sie sich angenommen und irgendwie verstanden. Noch nie war es einem Mann gelungen, sie auf Anhieb so zu faszinieren. Nicht einmal Harothu hatte dieses Kunststück zusammengebracht.

Eine innere Stimme meldete sich leise und warnte sie, wurde aber kurz darauf von ihrer Nervosität überlagert. Obwohl sie sich bemühte, äußerlich ruhig zu bleiben, breitete sich Furcht in ihr aus. Sie hatte zu viele Komponenten aus der Hand gegeben. Sie verließ sich auf seine Ausrüstung, auf seine Erfahrung und auf sein Wort. Und damit auch auf einen Mann, von dem sie nichts wusste.

Auf einmal verstand sie ihre Schwester und die anderen Opfer. So wie sie hatten sie einem defacto Unbekannten vertraut. Sie mussten wohl etwas in der Art gefühlt haben. Sie erschrak. Wieso dachte sie so etwas?

»Du grübelst?«

Vita schüttelte die Erkenntnis ab. Die Devise konnte jetzt nur lauten: Gleich oder gar nicht. Um sich Mut zu machen, klatschte sie mit beiden Händen auf das Brückengeländer. »Bringen wir es hinter uns!«

Geschickt kletterte er auf das Geländer und balancierte sich routiniert aus. »Soll ich vorspringen oder fallen wir gemeinsam in die Tiefe?«

»Gemeinsam«, beschloss sie und stieg ebenfalls auf den Querträger. Ihr Herz schlug schneller, sie spürte die Gefahr, spürte sich auf seltsame Weise lebendig, obwohl sich der See in eine harte, gefährliche und damit todbringende Fläche verwandelt hatte. Er schien ihr zuzurufen: Mach dein Testament!

Als hätte Ronoy ihre Gedanken erraten, griff er nach ihrer Hand und drückte sie. Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln.

»Auf drei?«, fragte er.

Sie nickte.

»Eins! Zwei! Drei! Und Sprung!«

Er ließ ihre Hand los und stürzte sich mit einem rauen Schrei in die Tiefe. Augenblicklich folgte sie ihm. Ihr Herz machte einen Sprung nach oben und versuchte, durch den Hals über den Mund aus ihrem Körper zu rutschen. Sie schluckte es hinunter und konzentrierte sich. Automatisch winkelte sie die Beine und Arme ab, während die Wasseroberfläche mit elf Metern pro Sekunde auf sie zuraste.

Eins.

Der Fallwind zerrte an ihrem Körper und zerwühlte die Haare. Ihre Augen tränten.

Zwei.

Der erste Adrenalinschub verklang. Sie legte die Hand an den Brustgurt.

Drei.

Sie riss am Auslöser. Es zischte, als der Rucksack aufbarst, dann entfaltete sich der Fallschirm. Ein Ruck ging durch ihren Körper und zerrte sie nach oben. Sie legte den Kopf in den Nacken. Der Flächenfallschirm hatte sich durch die einströmende Luft versteift. Sie griff nach den Steuerleinen und entschied sich für einen Anflugwinkel. Mit der rechten Hand zog sie an der Leine. Stärker als erwartet reagierte der Schirm und sie driftete ab.

Eine Korrekturbewegung mit der linken Hand brachte sie zurück auf Kurs. Wichtig war der Gleitwinkel des Schirms. Nur mit einem flachen Schirm besaß sie die Möglichkeit, den Vorwärtsflug einseitig abzubremsen. Deshalb reagierte der Schirm auch getrennt auf das Ziehen von linker und rechter Steuerleine.

Ronoy schwebte einige Meter vor ihr und flog bereits in Richtung Ufer. Vita schwenkte in seine Einflugschneise ein und zupfte an der Leine, genoss die Gleitphase, die sich nicht von einem normalen Fallschirmsprung unterschied.

Er hat mich nicht enttäuscht!, dachte sie erleichtert.

Sie war froh, ihm vertraut zu haben. Er hatte ihre Grenze verschoben, hatte ihr einen neuen Kick geschenkt. Allein wäre sie nie auf die Idee gekommen, aus so niedriger Höhe einen Sprung zu wagen.

Und er hat mich dazu gebracht, mich zu überwinden!

Schlagartig wurde sie nachdenklich, analysierte, wie er sie manipuliert hatte. Wieso drückte er bei ihr genau die richtigen Punkte, obwohl er sie de facto nicht kannte?

Ronoy schwebte mittlerweile über die Köpfe der Badegäste. Einige waren aufgesprungen und starrten ihn mit offenem Mund an. Die Kinder hüpften aufgeregt hin und her, simulierten jauchzend den Sprung.

Ronoy zog die Kanten des Schirms nach unten, glitt immer langsamer auf die Erde zu, streckte die angewinkelten Beine aus und präsentierte ihr eine Bilderbuchlandung. Zeitgleich mit der Bodenberührung fiel der Schirm in sich zusammen und glitt auf die Wiese. Einige Zuschauer applaudierten.

Vita flog ebenfalls in geringer Höhe über die Cluverianer am Ufer und zog einen Meter über dem Boden beide Kantenteile des Schirms nach unten. Damit bremste sie auf Null ab und landete sicher neben Ronoy.

»Das war … einfach nur genial!«, rief sie und lief zu ihm.

Eigentlich war ihr danach, ihn vor Freude und Übermut zu umarmen, doch sie unterdrückte den Impuls, hob die Hand und sie klatschten ab.

»Wusste ich doch, dass es dir gefällt.« Er feixte. »Gratulation zu deinem ersten G.A.B.-Sprung!«

»G.A.B.?«

»Meine selbst erfundene Abkürzung für Gebäude, Antennen und Brücken – die klassischen Absprungorte für einen Niedrigdistanzsprung.«

»Wie kommst du auf so eine verrückte Idee?«

»Indem ich mir keine Grenzen auferlege.« Er tippte sich gegen die Schläfe.

Da war er wieder, dieser seltsame Unterton, der ihre mahnende Stimme auslöste und sie zwingen wollte zurückzuweichen. Doch die Euphorie des Sprungs und die Tatsache, dass er sie nicht enttäuscht hatte, vertrieb das unheimliche Gefühl.

»Willst du noch einmal?«, fragte er.

»Klar. Faltet man den Schirm anders als einen normalen?«

»Der kluge Mann plant vor. Ich habe Ersatzschirme im Hubschrauber.«

»Dann nichts wie los!«

Während sie sich bückte, um den Schirm zusammenzufalten, ließ er ihn achtlos liegen und ging zum Hubschrauber.

»Warte!« Sie deutete auf seinen Schirm.

Er antwortete mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Später!«

Vita rang mit ihrem Ordnungssinn.

»Jetzt komm schon!«, forderte er sie auf, während er zwei Päckchen aus der Kanzel holte.

Sie überwand sich und lief zu dem Eisendraht, um sofort loszuklettern.

Dreimal sprangen sie noch von der Brücke und jedes Mal gewann sie mehr Sicherheit. Sie war so besessen von diesen Kurzsprüngen, dass sie ihn überredete, zwei der verwendeten Schirme wieder zusammenzulegen und sich ein weiteres Mal von der Brücke zu stürzen. Dabei wurde sie immer übermütiger, reizte die Phase des freien Falls immer länger aus. Ronoy ließ ihr den Vortritt, damit sie sich nicht in die Quere kamen. Egal wie spät sie zog, er öffnete den Schirm immer erst nach ihr und setzte sich der Gefahr aus, den Schirm zu tief und zu spät zu entfalten.

Doch im Gegensatz zu ihr war er erfahren und spielte mit kalkuliertem und eingeübtem Risiko. Bravourös nutzte er die Thermik und setzte trotz des flacheren Anflugwinkels problemlos auf der Wiese auf.

Vita fühlte sich wie ein kleines Kind, wollte noch mehr Sprungvarianten ausprobieren und erneut nach oben, doch Ronoy bremste sie.

»Ich bin untröstlich, aber ich muss den Ausflug beenden.«

Das kleine Kind in ihr rebellierte. »Einen Sprung noch.«

»Tut mir leid, Verpflichtungen.« Er tippte auf die Sportuhr – die teuerste Marke, die es derzeit am Markt gab.

Warum wundert mich das nicht?

Während sie die Schirme einsammelten, motzte das kleine Kind in ihr weiter, forderte, dass sie ihn zum Bleiben überreden sollte. Doch sie zähmte es erfolgreich.

Eine Stunde später landeten sie am Flughafen von Milio. Vita streckte sich und blickte Ronoy erwartungsvoll an.

»Ich kann dich leider nicht zum Auto begleiten, weil ich mit dem Vogel noch einen Termin habe«, hörte sie ihn im Kopfhörer.

Obwohl sie Enttäuschung spürte, lächelte sie. »Viel Erfolg.« Sie zeigte ihm den erhobenen Daumen. »Und Danke für den tollen Tag!«

»Für uns geht es morgen Abend weiter. Ich hole dich um acht Uhr ab.«

Das kleine Kind jubilierte. Ronoy versprach Abenteuer, Aufregung und Unterhaltung.

Die erwachsene Frau hingegen gab sich distanziert, denn sie hatte während des Rückflugs nachgedacht. Irgendwie war das alles zu schön, um wahr zu sein. Außerdem mochte sie es nicht, wenn ihr Dinge vorgegeben wurden.

»Was, wenn ich schon etwas vorhabe?«, fragte sie.

»Hast du nicht.« Seine Stimme klang belustigt. »Und wenn, verschiebst du es.«

Sie schnaufte, drohte ihm mit dem erhobenen Zeigefinger. »Wir Frauen mögen keine arroganten Männer.«

»Selbstbewusst, meine Liebe. Selbstbewusst.«

Eigentlich hätte sie ihn versetzen müssen, doch ihre Neugier war stärker. Allerdings schadete es nicht, ihn zappeln zu lassen. Arrogant drehte sie den Kopf weg. »Ob ich Zeit habe, siehst du, wenn du an meine Tür klopfst.«

Er lachte auf. »Zur Kleidungswahl: Nimm etwas, das mit meinem schwarzen Anzug harmoniert.«

»Gehen wir auf ein Begräbnis?«

Der Scherz ging in ihrem Inneren nach hinten los. Kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, erinnerte sie sich an ihre Schwester. Ihre Freude an diesem Moment erlosch.

»Mein Fehler«, sagte er.

Am Tonfall erkannte sie, dass es ihm tatsächlich leid tat.

»Ich trage einen dunkelblauen Anzug.«

Sie schob die Trauer beiseite. Koda hätte nicht gewollt, dass ihr Tod sie derart beeinflusste. »Assoziation geändert.« Sie löste die Gurte, wollte schon aussteigen, neigte sich dann aber doch zu ihm und küsste ihn auf die Wange.

Geduckt lief sie zu dem wartenden Auto des Flughafens. Dieselbe Frau, die sie am Vormittag zum Hubschrauber gebracht hatte, fuhr sie zurück zu ihrem Auto. Als sie einstieg, merkte sie, dass ihre Gedanken um den Abend kreisten.

Was hatte er vor?

Und woher kannte er ihre Adresse?

*

Um fünf Uhr dreißig öffnete Rakiyat die Augen. Es war kein sanfter Übergang zwischen Schlaf und Wachsein, es war ein Klicken, wie man einen Schalter umlegte. Aus. Ein. Da.

Zuerst war nichts, dann war alles.

Rakiyat streckte sich und rollte sich aus dem Bett. Wie immer war er vor dem Wecker aufgewacht. Noch lag der Park von Durha Manor in Finsternis, aber bald würden am Horizont die ersten dämmrigen Risse im Dunkel den Beginn des Tages ankündigen. Dadurch würden auch die ersten Vögel den Morgen begrüßen. Die Flügel der Schwäne auf dem See zuckten bereits.

Während er sich die Laufhose und das Oberteil anzog, dachte er an Vita. Das zweite Treffen war hervorragend gelaufen. Er hatte in ihr das Kind geweckt, hatte es zum Spielen gebracht und dafür gesorgt, dass sie nicht mehr aufhören wollte. Für diesen Teil von ihr war er der Mann, der sie glücklich gemacht und ihr Adrenalin in Schwung gebracht hatte. Der Mann, der sie zu neuen Ufern gebracht hatte.

Er schnürte sich die Schuhe und dachte an den heutigen Abend. Er würde einen weiteren Teil von ihr befriedigen und sich tiefer in ihr verankern. Zug um Zug.

Der Anflug eines bitteren Lächelns huschte über sein Gesicht. Sogar mit Vita war alles vorhersehbar, fast schon ein wenig langweilig. Zumindest jetzt. Aber der interessante Teil lag noch vor ihnen.

Er schlenderte durch das Anwesen, nickte der Köchin zu, die bereits das Gemüse für das Frühstück zerkleinerte, und stand im Freien. Die Hitze des Tages war nur zum Teil verschwunden. Es kühlte nicht mehr unter dreiundzwanzig Grad ab.

Immer noch angenehmer, als bei achtunddreißig Grad zu laufen.

Als er mit dem Morgenlauf begann, spielte er den Ablauf des Abends noch einmal durch. Langsam, schleichend, fast schon hinterrücks kam dabei dieses verfluchte Gefühl zum Vorschein. Er blieb stehen, horchte in sich hinein, ließ es bis an die Oberfläche seines Bewusstseins kommen und tauchte zur Gänze darin ein.

Kein Zweifel, ich habe mich verschaut, bin vielleicht sogar dabei, mich zu verlieben, gestand er sich. Vita Etan faszinierte ihn mehr als jede Frau davor. Er wollte in ihrer Nähe sein, wollte Zeit mit ihr verbringen, wollte …

Er trat gegen ein paar Pilze, die am Wegrand standen. Sie zerbarsten und flogen in hohem Bogen davon.

Der Wunsch, mit Vita Zeit zu verbringen, war abartig.

Was soll ich tun?, fragte er sich. Wie soll ich mich verhalten?

*

Als Vita die Ruftaste für den Aufzug drücken wollte, überfiel sie eine seltsame Nervosität. Ihr Zeigefinger verharrte vor der Taste.

Warum macht mich Ronoy nervös?

Sie kannte ihn erst seit ein paar Tagen. Rechnete man die Zeit zusammen, die sie konkret miteinander verbracht hatten, reduzierte sie sich auf wenige Stunden. Sie wusste weder, wer er war, noch wo und was er arbeitete. Dass sie als Polizistin mit umfangreicher Verhörerfahrung nichts aus ihm herausgebracht hatte, war schlimm genug. Aber dass Sulina in den offiziellen Datenbanken nichts über ihn gefunden hatte, war noch irritierender. Die Hubschrauberkennung war eine Sackgasse gewesen. Er gehörte einer Firma in Afornien, zu der sie keinen Zugang hatten. Der Flugsicherung lag nur die Flugbescheinigung eben dieser Firma vor. Wer den Hubschrauber geflogen hatte, war für sie uninteressant.

Dieser Mistkerl hatte an alles gedacht, um anonym zu bleiben. Genauso, wie er seinen Charakter verschleierte, den sie nicht einmal ansatzweise durchleuchtet hatte.

Diesen Punkt schob sie beiseite, schließlich hatte sich noch keine Gelegenheit für ein tiefschürfendes Gespräch ergeben.

Die Polizistin in ihr schrie auf und riet, solange die Finger von ihm zu lassen, bis sie im Hintergrund alle Informationen über ihn ergattert hatte.

Kunststück, wir kennen ja nicht einmal seinen Nachnamen.

Sie griff sich an den Kopf. Dämlicher ging es nicht. Ronoy konnte alles Mögliche sein, sogar ein kontrolliert agierender Triebtäter. Nachdenklich legte sie den Finger an die Lippen. Sie hatte genügend Täter zur Strecke gebracht, die ihren Opfern in ähnlicher Weise nachgestellt hatten.

Binnen weniger Stunden hatte er alles über sie herausgefunden – Wie eigentlich? – und drückte jene Punkte in ihr, damit sie ihn faszinierend fand und mehr Zeit mit ihm verbringen wollte.

Du machst das schon sehr gut, Ronoy, dachte sie. Immerhin trug sie ein Abendkleid und war bereit, um mit einem de facto Fremden auszugehen, ohne zu wissen, wohin er sie »entführen« wollte. In gewisser Weise war es der Reiz des Unbekannten, der sie anzog. Der andere Teil der Polizistin warnte zwar, verließ sich im Notfall aber auf ihre Wehrhaftigkeit und redete das Risiko klein. Außerdem hatte er mit dem Fallschirmsprung genügend Punkte gesammelt, damit sie sich ein weiteres Mal auf ihn einließ.

Ursprünglich hatte sie eine ihrer Waffen in das Täschchen quetschen wollen, doch sowohl der Revolver als auch die Pistole waren zu groß gewesen.

Ich kann mich auch so wehren, dachte sie und sah seinen durchtrainierten Körper vor sich.

Warum musste er auch optisch jenem Typ Mann entsprechen, für den sie sich immer schon interessiert hatte? Groß gewachsen, muskulös, durchtrainiert, wagemutig und keine Grenzen kennend.

Fast wie Harothu.

Sie verzog die Lippen. Natürlich musste sie sich wieder einmal an ihren betrügerischen Ex-Verlobten erinnern. Dabei hatte sie sich geschworen, sich von diesem Arsch nicht mehr beeinflussen zu lassen. Ronoy konnte nichts dafür, dass Harothu sie betrogen hatte, und sollte das auch nicht büßen.

Bislang war mit Ronoy alles anders gelaufen als mit ihrem Ex-Verlobten. Er hatte sie sofort in den Bann gezogen. Der Blickkontakt auf der Führung durch Milio hatte eine Saite in ihr zum Schwingen gebracht, die sie vorher nicht gekannt hatte. Es hatte geklickt. Einfach so.

Geht das überhaupt mit rechten Dingen zu?

Innerlich schüttelte sie den Kopf. Wie hätte er sie beeinflussen sollen?

Sulinas Analyse dröhnte in ihren Ohren, die sie sich am Telefon anhören hatte müssen. »Sieht so aus, als hättest du dich verliebt«, stellte ihre Kollegin fest, nachdem sie ihr von dem Tag auf der Brücke vorgeschwärmt hatte.

»Nur weil ich mit einem Mann ein paar Fallschirmsprünge mache, bin ich nicht verliebt!«

»Dann bist du eben interessiert.« Sulina holte tief Luft. »Sehr stark interessiert.«

Vita rutschte in ihrer Wohnzimmercouch hin und her, suchte unruhig nach der besten Sitzposition. Das Leder ächzte bei jeder Veränderung, schien ihr sagen zu wollen, dass es heute nichts damit werden würde.

»Gut, du hast recht«, lenkte Vita ein. »Deine Gedanken sind in mir ebenfalls bereits aufgetaucht. Es ist … ach, ich weiß auch nicht. Einerseits fasziniert er mich und ich fühle mich von ihm angezogen …«

»Und falls er das Tempo beibehält, wohl auch bald ausgezogen«, witzelte Sulina. Die Ältere grinste.

»… andererseits warnt mich mein Instinkt vor ihm. Irgendetwas stimmt nicht!«

Sulina schwieg, schien zu überlegen, ob sie dieses heikle Thema weiterverfolgen sollte. »Im Dienst hat dich dein Instinkt nie getrogen.«

»Bei Harothu hat er dafür gar nicht erst angeschlagen.«

»Gehen wir analytisch an die Sache. Was weißt du über ihn?«

»Er bringt mich zum Lachen, fliegt Militärhubschrauber, springt von Brücken, ist durchtrainiert, hat die unglaublichsten Augen, die ich jemals gesehen habe und eine total erotische Stimme.«

»Und das genügt, damit du schwach wirst?«

»Ich bin nicht schwach geworden!«, protestierte Vita.

»Im Geiste schon!«

»Erstens stimmt es nicht. Und zweitens: Wenn es so wäre?«

»Du warst bis vor kurzem die Frau, der es kein Mann recht machen konnte. An allen hattest du etwas auszusetzen! Und bei Ronoy monierst du nichts. Gar nichts! Du bist Feuer und Flamme für einen Typen, von dem du nicht einmal den Nachnamen kennst und dessen Vorname ich in keiner Datenbank gefunden habe, obwohl er zumindest einen Flugschein haben muss. Ich stelle dir als deine Freundin eine simple Frage: Welche bewusstseinsverändernden Drogen hast du intus?«

Stimmt nicht!, rief Vita in Gedanken, äußerte den Einspruch aber nicht, sondern starrte aus dem Fenster ihrer Dachgeschosswohnung. Die Mischung aus Abendsonne und beginnender Dämmerung tauchte den Himmel in spektakuläre Farben: rot, gelb, braun. Ich bin skeptisch. Ein bisschen zumindest.

»Und was die Polizistin in mir denkt«, fuhr Sulina fort, »willst du nicht wissen.«

Automatisch nickte Vita. »Vermutlich denken wir in dieser Hinsicht identisch.« Ihr Blick glitt zu dem Kasten, in dem sich der Safe mit ihren Faustfeuerwaffen verbarg. Sollte sie eine davon mitnehmen?

Wie paranoid ist das denn?

Genau wegen solcher negativen Gedanken hatte sie sich eine Auszeit genommen und war aus Milio geflüchtet.

»Was empfindest du für ihn?«, fragte Sulina mit sanfter Stimme.

Vita horchte in sich hinein. »Ich bin nicht verliebt. Ich befinde mich in der Vorphase«, gestand sie. »Er fasziniert mich. Ich will Zeit mit ihm verbringen, will mehr von ihm wissen.«

»Schmetterlinge?«

»Ein oder zwei wachen gerade auf, überlegen, ob sie ihre Flügel bewegen oder doch lieber weiterschlafen sollen.« Sie war Sulina dankbar, dass sie zuhörte. Es tat gut, die Gedanken in Worte zu fassen, sie auszusprechen, ihrem Klang zu lauschen.

»Trotz dieser Faszination«, fuhr sie fort, »ist Skepsis in mir. Etwas stimmt nicht mit ihm.«

»Aber was?«

Vita verzog die Lippen. Unruhig erhob sie sich von der Couch, ging in die Küche und riss den Kühlschrank auf. Sie griff ins oberste Fach, lenkte ihre Hand an all den gesunden Lebensmitteln vorbei und schnappte sich die Kokos-Schokolade.

»Du weißt, was ich mir jetzt denke, oder?« Sulinas Stimme hatte sich gewandelt, war tiefer und ernster. Vita hatte schon lange auf diese Frage gewartet und sich gewundert, dass sie nicht kam. Andererseits kannte sie Sulinas Fingerspitzengefühl.

»Du fragst dich, ob es unser Serientäter ist, der sich nach Koda auch an mich heranmacht.« Sie lehnte sich an die Kommode, brach ein Stück Schokolade ab, prüfte ihr Gefühl.

»Opfer Nummer Zwei hat er privat kennengelernt«, sagte Sulina. »Die Freundinnen haben erzählt, dass sie von dem neuen Mann in ihrem Leben geschwärmt hat. Er sei so verständnisvoll und kenne ihre Gedanken, wüsste genau, was ihr Spaß macht.«

Vita erinnerte sich an ihren Kommentar nach der Befragung der Freundinnen: »Fast schon unheimlich, so ein Traumtyp.«

Sie steckte ein Stück der weißen Schokolade in den Mund und schob sie mit der Zunge unter den Gaumen. Sofort schmolz die oberste Schicht und setzte den süßen Geschmack frei. Sie bewegte ihn weiter mit der Zunge. Währenddessen tauchte sie tiefer in ihre Skepsis ein, versuchte herauszufinden, was sie an Ronoy störte, konnte es aber nicht in Worte fassen.

Ist er Kodas Mörder?

Sie schluckte. Nachdenklich kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und brach ein weiteres Stück Schokolade von der Tafel ab.

Nein, das traue ich ihm nicht zu. Ich bin hysterisch, ich sehe Gespenster. Der Mord hat mich traumatisiert. Es ist etwas anderes.

»Was immer er verbirgt, ich schaufle es heute Abend frei.« Sie setzte sich wieder in die Couch. »Es wird Zeit, dass er seine Geheimnistuerei aufgibt und mir seine Geschichte erzählt.«

»Und falls er das nicht tut, ist er Geschichte.«

»Exakt. Die Zeit des Spiels ist vorbei!«

»Gut, dann kommen wir zur wichtigsten Frage des späten Nachmittags.«

»Was ich anziehen soll?« Vita lachte.

»Du wählst das kurze Schwarze. Erstens betont es deine fabelhafte Figur, zweitens zeigst du ihm deine langen, schlanken Beine und drittens verdrehst du ihm den Kopf mit dem Ausschnitt!«

Die Assoziation des Begräbnisses tauchte wieder in ihr auf. »Hm. Ich dachte an das rote Abendkleid.«

»Vertrau einer alten Frau kurz vor ihrem fünfzigsten Lebensjahr. Nimm das Schwarze. Und dazu die gleichfarbigen hochhackigen Schuhe. Dieses Paket bringt ihn um den Verstand und du kannst ihn ausquetschen wie eine Eb-Frucht.«

»Ist das nicht zu klischeehaft?«

»Vita!« Sulinas Stimme überschlug sich fast und Vita sah regelrecht, wie ihre Freundin die Augen verdrehte. »Diese ganze Emanzipation kann eines niemals beiseiteschieben: Es gibt eine körperliche Anziehung zwischen Mann und Frau. Und sie wird es immer geben.«

»Das treiben uns die Intellektuellen auch noch aus. Wirst sehen.«

»Hoffentlich bin ich dann schon tot!«

Vita schluckte den letzten Rest der Schokolade.

»Nimmst du das Schwarze?«

»Ich überlege es mir.«

Nachdem Sulina weitere Argumente für das schwarze Kleid gebracht hatte, war Vita auf Floskeln umgeschwenkt und hatte das Gespräch beendet. Nach fünf Jahren Freundschaft kannte sie ihre Partnerin gut genug, um zu wissen, dass sie sich ab diesem Punkt nur mehr im Kreis drehten.

Nach einer halben Stunde vor dem Spiegel hatte sie acht verschiedene Outfits durchprobiert. Letztendlich hatte sie sich Sulinas Vorschlag gebeugt und das kurze Schwarze angezogen. Es brachte ihre schlanken Beine und ihr Dekolleté wirklich am besten zur Geltung. Aufgesteckte Haare, violetter Lidschatten und kirschroter Lippenstift rundeten das Bild der perfekten Frau ab. Ronoy würde den Boden unter ihren Füßen küssen, wenn sie mit ihm fertig war.

Sie drückte die Aufzugtaste, hörte das typische »Bling« zur Bestätigung und fragte sich, ob er vor der Tür auf sie wartete und, wenn ja, wie er zu ihrer Adresse gekommen war. Immerhin stand sie nicht im Telefonbuch.

»Für wen hast du dich derart in Schale geworfen?«

Vita sprang vor Schreck aus ihrer Gedankenwelt. Neben ihr stand ihr Nachbar Vhin.

»Schleiche dich niemals an eine Frau heran, die nachdenkt!«, herrschte sie ihn an.

Er setzte ein scheinheiliges Gesicht auf. »Ist das nicht ein Widerspruch in sich …«

»Mich wundert nicht, dass du trotz deiner dreißig Lenze noch immer solo bist!«, schimpfte sie mit gespieltem Ärger. Vhin war der beste Nachbar, den man sich wünschen konnte. Immer zu Scherzen aufgelegt und hilfsbereit.

Er trat wieder an sie heran und schnupperte. »Riecht gut. Fraulich unaufdringlich würde ich es nennen.«

»Der neue Duft von Vius. Extrahiert aus den Blüten der Diecs.«

»Aha.« Deutlicher hätte er seine Unkenntnis über Parfüms nicht zeigen können. »Also, wer ist der Glückliche?«

»Ein Mann mit Sportwagen.«

»Bist also auch nur hinter dem Geld her.« Entsetzt schüttelte er den Kopf. »Aber eines kann ich dir versprechen: Bei deiner Aufmachung wird er heute Abend aus dem Sabbern nicht herauskommen.«

»Ihr Männer habt so eine prickelnde Art, einer Frau zu sagen, dass sie schön ist.«

»Sensationell, meine Liebe«, sagte er in den hellen Ankunftston des Aufzugs hinein. »Du siehst sensationell umwerfend aus. Pass bloß auf, dass er dich nicht bereits im Sportflitzer vernascht.«

Die Tür glitt auf und er ließ ihr den Vortritt.

»Wenn er zu früh zudringlich wird, setze ich meine ganze Körperkraft ein.« Demonstrativ hob Vita ihr Knie.

Vhin verzog gequält die Gesichtsmuskeln. »Weiß der Typ, worauf er sich mit dir einlässt?«

»Ich hoffe es für ihn.« Vita rollte mit den Augenbrauen.

»Ich drück dir die Daumen!«, sagte er, als der Aufzug im Erdgeschoss angelangt war.

»Danke.« Sie schritt in den Gang und dann zur Ausgangstür des Apartmenthauses. Die Glastür schwang auf und sie trat ins Freie. Lässig lehnte Ronoy an dem schwarzen Sportwagen. Genau wie die Uhr handelte es sich um die teuerste Marke, handgefertigt und immer nur speziell auf die Wünsche des Käufers angepasst. Die Produzenten warben damit, dass jedes Auto individuell war, etwas, das Vita kalt ließ. Statussymbole zu kaufen, hielt sie für kindisch, aber wer es sich leisten konnte, sollte tun, was immer er wollte.

Ein anderes Detail ließ sie jubilieren.

Jetzt hab ich dich!

Geistig notierte sie das Nummernschild. Über die Zulassungsstelle würde Sulina den Inhaber mit einem simplen Knopfdruck ausfindig machen.

Ronoy lächelte, löste sich vom Auto. Als Kontrast zu seinem dunkelblauen Anzug hatte er ein aquamarinfarbenes Hemd gewählt. Die schwarzen Haare trug er zu einem Pferdeschwanz gebunden.

»Oftmals haben Männer versucht, die Schönheit einer Frau in Worte zu fassen«, sagte er. »Ihnen allen ist gemein, dass es ihnen letztendlich die Sprache verschlug.«

Er küsste sie auf die Wangen und bot ihr die Hand an.

»Nachdem du soeben gesprochen hast, trifft das auf dich nicht zu.«

»Touché!« Sein Arm schwebte immer noch vor ihr. »Sprachlos war ich davor, doch ich habe mich zum Sprechen gezwungen.«

Sie hakte sich ein und ließ sich zum Wagen geleiten. Galant öffnete er die Beifahrertür. Als sie im Auto saß, beglückwünschte sie sich, ihm zuvor nicht kampflos das Feld überlassen zu haben. Er sollte sich nicht zu sicher fühlen.

Er stieg ein und startete den Wagen. Der satte Ton des Motors ließ seine Kraft erahnen. Gekonnt parkte Ronoy aus und beschleunigte. Sacht wurde sie in den Sitz gedrückt. Der Zeiger des Tachos schnellte nach oben. Das Röhren wurde stärker und er schaltete in den nächst höheren Gang, fädelte sich Richtung Innenstadt in den Verkehr ein.

»Verrätst du mir, wo es hingeht?«, fragte sie.

Ronoy blickte sie kurz an. »Was denkst du?«

»Du lässt mich im Dunklen tappen.« Verärgert kniff sie die Augen zusammen. »Übertreibe es nicht!«

»Das ist das letzte Mal«, versprach er und beschleunigte, als die Ampel violett zu blinken begann. Das Sportauto machte einen Satz nach vorn, drückte sie erneut in den Sitz und raste im letzten Moment über die Kreuzung.

»Wie viele Strafmandate erhältst du pro Tag?«, fragte sie mit ironischem Unterton.

»Wen kümmert schon die Polizei?«

»Den gesetzestreuen Bürger.«

»Von dieser Randgruppe habe ich gehört, halte ihre Existenz aber für ein Gerücht.« Er drehte sich zu ihr. »Ich hoffe, du sammelst im Geiste nicht meine Gesetzesverstöße, um mich anzuzeigen.«

»Alles, was du sagst, kann und wird gegen dich verwendet werden.«

»Danke für den Tipp, aber … hm … nein, du verrätst mich nicht.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Erfahrung.«

»Mit Polizistinnen?«

»Mit dem mysteriösen Wesen genannt Frau.«

»Sicher, dass du genügend Erfahrung hast, um mich einzuschätzen?«

Er lachte auf. »Genügend ist ein relativer Begriff.« Er überholte einen Kleinlaster. »Lass mich technisch werden. Frauen haben, wie Männer, eine gewisse Grundprogrammierung.«

»Welche hast du?«

»Meine ist, dich glücklich zu machen.«

Vita lächelte matt. Der Dialog wirkte orchestriert. »Dein Nachname macht mich glücklich.«

»Später am Abend.«

»Du willst also weiter mysteriös bleiben. Der Mann, der von Brücken springt, Kampfhubschrauber fliegt, teure Sportuhren trägt und einen individualisierten Sportwagen fährt. Was kompensierst du?«

Er prustete los und klopfte sich lachend auf die Oberschenkel. »Dein Humor gefällt mir. Ehrlich! Du bist köstlich.« Ronoy drosselte die Geschwindigkeit, fuhr nun im Schritttempo. »Wir sind da.«

Jetzt erst bemerkte Vita, wohin er sie gebracht hatte. Sie standen vor dem Syster, dem exquisitesten Lokal der Stadt. Der Prunkbau aus dem vorigen Jahrhundert war vor zwei Jahren von einer Investorengruppe gekauft worden. Sie hatten das Dach des Palais abgerissen und eine Glaskuppel darauf errichtet. Darin beherbergte es nun die teuerste Bar und das teuerste Restaurant von Milio. In beiden Lokalen drückte sich die Prominenz Gläser und Besteck in die Hand. Angeblich war das Restaurant ein Jahr im Voraus ausgebucht. Vita selbst war weder in dem einen noch in dem anderen Lokal gewesen. Es passte nicht in ihre Gehaltsklasse. Einzig ihr Vater war zu Lebzeiten als Bürgermeister geradezu gezwungen gewesen, solche Lokale mit Mutter zu besuchen. Ihre Eltern hatten von dem sensationellen Essen geschwärmt, es als Geschmacksexplosion bezeichnet.

Skeptisch sah sie ihn an. Glaubte er wirklich, sie damit beeindrucken zu können?

Ronoy hupte. Irritiert schaute sie um sich. Der Wagen hielt in zweiter Spur. Weit und breit war kein Parkplatz zu sehen. Vor dem Prunkbau selbst gab es eine einzige freie Lücke, die jedoch mit Absperrbändern versehen war. Ein Mann eilte aus dem Bau, winkte und öffnete die Absperrung. Problemlos quetschte Ronoy den Wagen in die Lücke.

»Angeber«, kommentierte sie.

»Der Neid der Besitzlosen ist das Salz in der Suppe der Kapitalisten«, parierte er gekonnt.

Während er ausstieg, öffnete der Mann die Autotür.

»Guten Abend, Frau Etan«, sagte er artig.

Kaum stand sie auf dem Gehsteig, bot ihr Ronoy den Arm an. Seite an Seite flanierten sie über den roten Teppich in das Palais. Die Wände des Ganges, der zu dem Aufzug führte, waren mit Trika-Marmor geschmückt. Ein Gemälde zeigte den letzten Fürsten Milios, wie er mit dem Pferd einen Hirsch jagte. Im Lift erwartete sie ein junger Mann, der für sie den Knopf drückte. Im Restaurant angekommen, wurden sie erneut mit Namen begrüßt. Sie mit Nachnamen, er mit Vornamen.

Es schien, als sei er hier ein alter Bekannter. Vita juckte es in den Fingern, ihn nach seinem Hintergrund zu fragen. Aber sie tröstete sich damit, dass sie ihn spätestens beim Essen ausquetschen würde.

Als sie aus dem Fahrstuhl ausstiegen, standen sie mitten im Restaurant und wurden von einer schlanken Frau im eleganten weißen Abendkleid empfangen.

»Guten Abend, Frau Etan. Guten Abend, Ronoy.«

Erneut fehlte der Nachname. Am liebsten hätte Vita vor Wut geschrien. Doch sie beherrschte sich.

Die Frau führte sie über die hellen Fliesen zur gegenüberliegenden Seite des Raumes, der in einer nach oben führenden Treppe mündete. Neugierig sah Vita sich um. Der Aufzugschacht endete an der Decke und befand sich inmitten des Raumes. Wenn sie richtig zählte, beinhaltete das Restaurant knapp zwanzig Tische. Sie glaubte, zwei prominente Schauspieler zu erkennen, die neben einem Softwareunternehmer speisten.

Eingekeilt zwischen Ronoy und der Frau ging es die Treppe hoch. Als die verspiegelte Schiebetür am Ende aufglitt, roch sie ein Gemisch aus verschiedenen Blumengerüchen. Die Frau trat beiseite und gab den Blick frei. Ein Korridor aus Blumen führte direkt zu einem Tisch, der in der Mitte der Kuppel errichtet worden war. Darüber hing ein teuer aussehender Kristallluster, der nicht in Betrieb war. Die Glasfront gegenüber dem Eingang gewährte einen wundervollen Blick über Milio und gestattete dem Abendlicht, den Raum auszuleuchten. Abgerundet wurde das Bild von der Blumenwand, die sich an die Kuppel schmiegte und die Skyline der Stadt unterstrich. Dank des Zusammenspiels zwischen Architekt und Gärtner bot sich dem Betrachter eine perfekte Symbiose aus Glas, Blumen und Skyline.

In dem Moment war ihr gleichgültig, ob er sie mit diesem teuren Lokal beeindrucken wollte oder nicht. Die Szenerie war einfach fantastisch und unglaublich romantisch. Vita versuchte, den Zauber des Moments festzuhalten, um sich für den Rest des Lebens daran zu erinnern. Sie bezweifelte, dass es je wieder einem Mann gelingen würde, sie derart zu überraschen.

Der ovale Tisch, der als einziger im Mittelpunkt der Kuppel platziert war, bot einen ungehinderten Ausblick auf die Kulisse der Stadt und komplettierte die Stimmung.

»Ich empfehle den hier.« Mit einer Portion Ironie deutete Ronoy auf den Tisch und stellte sich hinter den vorderen Sessel.

Wie in Trance ließ sie sich von ihm den Sessel in die Kniekehlen schieben. Nachdem Ronoy Platz genommen hatte, meldete sich die Frau in Weiß wieder zu Wort. »Mein Name ist Junia. Ich begleite Sie durch den kulinarischen Abend. Was darf ich Ihnen als Aperitif bringen?«

Vita fing sich und bestellte Sekt-Orange.

»Meine Wahl kennst du, Junia.«

Sie verneigte sich und verschwand rückwärts zwischen den Blumen. Vita hörte, wie die Glastür aufglitt. Offenbar holte Junia die Getränke von unten.

Vita widmete sich dem Ausblick. Die Sonne war untergegangen. Vereinzelte Lichtstrahlen stemmten sich noch gegen die Nacht, würden aber den Kampf verlieren. Nur das grelle, künstliche Licht der Stadt würde der Dunkelheit trotzen.

»Siehst du, wie sich das Licht in den Zwillingstürmen spiegelt?« Ronoy streckte den Arm aus.

Vita nickte. Die vor zehn Jahren errichteten Türme erreichten eine Höhe von siebenhundert Metern. An ihren Spitzen befanden sich zwei Aussichtsplattformen, auf denen man bei guter Sicht bis zu den Gebirgszügen im Westen blicken konnte. Der Komplex der Universitätsklinik wirkte dagegen potthässlich. Der Bau des vor dreißig Jahren hochgezogenen, braunen Quaders war eng mit der danach aufgeflogenen Politiker-Schmiergeldaffäre verknüpft.

Junia kehrte mit den Getränken zurück und stellte sie ab. So leise, wie sie gekommen war, entfernte sie sich wieder.

»Auf eine wunderschöne Frau.« Ronoy hob sein Glas, in dem roter Zirel schimmerte.

Vita zögerte. Es gab so viel zu sagen, dass ihr die Auswahl schwerfiel. Also entschied sie sich für die Standardantwort: »Auf einen wunderschönen Abend.«

Ronoy verzog keine Miene. Sanft stieß er mit seinem Glas gegen ihres. Es klirrte.

»Lass uns im Blumengarten herumwandern.« Er deutete in den Raum. »Dann sehen wir den Rest der Stadt.«

»Später.« Sie setzte das Glas ab. »Zuerst will ich Antworten auf all meine Fragen.«

Belustigt runzelte er die Stirn. »Auf alle?« Seine Augen wurden groß, während er erschrocken die Hand gegen die Brust legte. »Also, ich besitze zwar ein ausgeprägtes Allgemeinwissen, aber all deine Fragen kann ich kaum beantworten. Außerdem schließt das Syster in sechs Stunden.«

»Du weißt, wie ich es meine!«

»Puh.« Er wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn. »Und ich dachte schon …«

»Ronoy!«, rief sie. »Ich weiß absolut nichts von dir – und das will bei einer Polizistin einiges heißen.«

»Gut«, lenkte er ein. »Frage.«

»Dein Nachname?«

»Besitze ich nicht.«

»Du willst mir doch wohl nicht …«, brauste sie auf. Doch er brachte sie zum Schweigen, in dem er die Hand auf ihren Unterarm bettete. Sie warf einen Blick auf seine Fingernägel.

Perfekt manikürt!

»In dem Waisenhaus, in dem ich aufgewachsen bin, waren Vornamen ein Luxus.« Seiner Stimme fehlte jegliche Ausgelassenheit. »Damit du besser Bescheid weißt: Es lag im Norden Tyrns.«

Durch seine plötzliche Ernsthaftigkeit, gepaart mit der kalten Stimme lief Vita eine Gänsehaut über den Rücken. Wegen des Kriegs zwischen den verfeindeten Staaten des Kontinents Tyrn herrschten im Norden des Landes immer noch erbarmungswürdige Zustände. Die Cluverianer dort lebten in Armut und am Rand des täglichen Todes, weil die Entwicklungshilfe in den korrupten Eliten versickerte. Es war eine Schande.

»Wir schliefen zu acht in einem Vierbettzimmer: vier am Tage, vier in der Nacht. Und den Tag verbrachte ich gemeinsam mit einer Gruppe von hundert Kindern. Dreißig davon waren geisteskrank. Die anderen siebzig gehörten auch nicht unbedingt zu den oberen zehntausend Intellektuellen dieses Planeten. Im Winter – und dort oben von einem Sommer zu sprechen, ist eine Verhöhnung – funktionierte die Heizung nur bis zu einer Temperatur von zwölf Grad. Dummerweise hatten wir nur Sommerkleidung. Ich besaß als einer der wenigen neben einem T-Shirt auch einen langärmligen Pullover. Nur trug ich ihn ganzjährig, schlief sogar mit ihm, sonst wäre er mir abhandengekommen.« Er schwieg, stierte ins Leere. »Falls du dir den Appetit verderben willst, kann ich gern mehr vom dortigen, heiteren Leben schildern.«

Augenblicklich schüttelte sie den Kopf. »Ich denke, ich habe genug gehört. Wie bist du dort herausgekommen?«

»Durch eine Stiftung. Sie haben jährlich zehn Kinder aus diesem Elend befreit.«

»Und woher dein Reichtum?«

»Ich habe ein Händchen für Aktienoptionen. Die letzten Jahre waren sensationell.«

Zu diesem Thema konnte er ihr alles erzählen. Wirtschaft interessierte sie nicht. Ihrem Vater zuliebe hatte sie einmal hineingeschnuppert, aber bald entnervt aufgegeben. Sie war kein Freund von Zahlen.

Er lehnte sich im Sessel zurück. In der Bewegung griff er zum Glas und nahm einen Schluck. »Neugier befriedigt?«

»Fast. Mir fehlt der Nachname, den du angenommen hast.«

Grinsend hob er das Glas, prostete ihr zu.

»Du hast mir deinen Nachnamen versprochen!«

»Der Abend ist noch jung.«

Junia kehrte aus dem Nirgendwo zum Tisch zurück und fragte, ob sie noch einen Aperitif haben wollten. Ronoy wartete, bis sie den Kopf geschüttelt hatte, und verneinte. »Ich denke, wir beginnen mit dem Mahl.«

Vita nickte.

»Junia, was empfiehlst du?«

»Als Vorspeise bietet sich eine Hombergische Rieslingsschaumsuppe an, gefolgt von Entenleber mit marinierten Feigen und als Dessert ein Schokoladeflan mit Portweinsabayon und Orangen.«

»Klingt verlockend«, kommentierte er. »Was sagst du, Vita?«

»Dem stimme ich zu. Allerdings bevorzuge ich die Entenleber mit in Balsamico eingelegten Datteln statt Feigen.«

»Das lässt sich einrichten«, antwortete Junia. »Als Wein empfehle ich den Riesling 3198.«

»Nichts gegen deine profunden Kenntnisse, aber ich präferiere den Riesling 3167. Ihr müsstet noch die eine oder andere Flasche dieses besten Jahrgangs der letzten hundert Jahre im Keller aufbewahren.«

Junia lächelte. »Eine ausgezeichnete Wahl, Ronoy.«

Nach ein paar Minuten kehrte sie mit Wein und Vorspeise zurück. Gekonnt servierte sie die beiden Teller, bevor sie sich entfernte.

»Wohl bekomm’s.« Vita griff nach dem außen liegenden Besteck. Die Rieslingsschaumsuppe bestand aus zwei abgebratenen Fructis, die zum Teil mit einer Soße aus Wein, Zimt, Nelken und Rindsfond übergossen waren. Vorsichtig schnitt sie mit dem Messer die runden Fructis entzwei. Das gelbe Fruchtmark verteilte sich über den blauen Teller. Sie halbierte die Frucht erneut und schob den ersten Bissen in den Mund. Er schmolz auf der Zunge dahin.

»Ausgezeichnet«, lobte sie und verstand die Lobeshymnen ihrer Eltern über das Lokal.

»Der Chefkoch versteht sein Handwerk.«

Schweigend aßen sie weiter. Der Hauptgang und das Dessert ließen ebenfalls nichts zu wünschen übrig.

»Um die Bar kümmere ich mich selbst«, sagte Ronoy zu Junia, als sie den Tisch abräumte, und bedankte sich abschließend bei ihr.

»Ich wünsche einen schönen Abend«, antwortete sie und verschwand aus der Kuppel.

»Was darf ich dir bringen?«, fragte Ronoy.

»Derzeit einmal nichts. Aber du kannst mich auf einem Rundgang begleiten.«

»Gern doch.«

Sie gingen in dem Korridor zur Tür und nahmen den Weg zum Blumengarten. Sofort stieg Vita der Duft einer Diec in die Nase. Der süßliche Geruch wurde unter anderem für exklusive Parfüms verwendet. Kurz übermannte sie die Versuchung, eine der violetten Blumen zu pflücken, doch sie widerstand dem Drang. Langsam wanderte sie weiter und ließ sich vom Geruch der Blumen einlullen, während sie in die erleuchtete Silhouette von Milio eintauchte.

»Es ist ein schöner Anblick«, flüsterte sie.

»Ja.«

Eine Handbreit vom Glas entfernt blieb sie zwischen zwei Palmen stehen. Obwohl Ronoy hinter ihr Abstand hielt, kitzelte sie sein Atem. Mit einem Mal überlagerte sein Rasierwasser den Blumenduft. Sie sog den schweren Geruch ein und spürte, wie sie entspannte. Dennoch blieb ein Teil von ihr skeptisch. Sie kannte ihn nicht gut genug, um sich komplett fallen zu lassen, brauchte Zeit. Wenigstens war er greifbarer geworden, hatte eine tragische Vorgeschichte.

Sie wartete darauf, dass er etwas sagte, doch er schwieg, ließ sie in ihren Gedanken wühlen.

Merkt er, dass meine Skepsis bröckelt und wie wohl ich mich in seiner Nähe fühle?

»Mir ist soeben etwas klargeworden«, sagte sie einer Eingebung folgend und starrte in die Lichtpunkte, die das Dunkel der Nacht durchstachen.

»Zum ersten Mal nach Monaten fühle ich mich … hm … ein Stück weit befreit.« Als er schwieg, drehte sie sich zu ihm um. In seinen grünen Augen las sie Verständnis. »Weil du weißt, dass ich Polizistin bin, weißt du auch vom Tod meiner Schwester.«

Er nickte.

»Als kurz darauf mein Vater an Krebs starb, bin ich ans andere Ende der Welt geflüchtet, um mein inneres Gleichgewicht zu finden.« Verschiedene Szenen aus diesen Monaten huschten durch ihre Erinnerung. »Durch die Arbeit in der Mordkommission war ich abgehärtet, abgestumpft, fast schon gefühllos. Ich hatte eine Mauer um mich errichtet und die Emotionen so weit wie möglich weggeschoben. Der Tod meiner Schwester und meines Vaters haben diese Mauern einstürzen lassen. Ich habe nach Jahren das Elend wieder ›richtig‹ wahrgenommen, habe die Schicksale gesehen und all den Schmerz.«

Ruhig blickte er sie an.

»Auf der anderen Seite des Planeten habe ich erkannt, dass ich durch die Mordkommission den Glauben an das Gute in den Menschen verloren hatte – und Vater und Koda haben das bestätigt. In der Auszeit habe ich zurück zu mir gefunden, weiß wieder, was für mich wichtig und richtig ist – aber mir fehlt immer noch der Glauben an das Gute.«

Ohne ein Wort zu sagen, legte er die Arme um sie und zog sie an sich heran. Sie ließ es geschehen, kuschelte sich an ihn. Es tat gut, Geborgenheit zu fühlen.

»Ich vermisse Koda und meinen Vater. Verstehst du das?«

»Besser als du denkst«, flüsterte er und küsste sie auf die Haare. »Der Schmerz des Verlassenwerdens gräbt sich besonders tief ein – überhaupt, wenn es ohne Vorwarnung geschieht.«

Sie schmiegte ihren Kopf enger an seinen Brustkorb. »Obwohl ich mich gefunden hatte, war ich wütend auf die Welt. Aber dieser Abend heute hat meine Erinnerungen an die schönen Seiten des Lebens aufgefrischt.« Sie wollte mehr sagen, zögerte aber.

»Du brauchst Zeit«, flüsterte er. »Ich verstehe das.«

Dankbar schwieg sie, genoss seine Umarmung. Minutenlang standen sie da, bis ihr etwas klarwurde. »Weißt du eigentlich, wie du das geschafft hast?«

Zärtlich drückte er die Hände an ihren Rücken, gab ihr so zu verstehen, dass er die Antwort wissen wollte.

»Du hast dich für mich interessiert, hast mir das Gefühl gegeben, mich in den Mittelpunkt zu rücken.« Sie dachte an ihre Auszeit. »Die anderen Männer haben sich in den Mittelpunkt gestellt, wollten ihre Bedürfnisse befriedigen.«

Mit einem Schlag wurde ihr bewusst, dass sie selbst während der Auszeit wie ein Schatten ihrer Selbst gelebt hatte. Der Schmerz und wie sie ihn am besten betäuben konnte war im Zentrum ihres Handelns gestanden.

»Ich kannte weder deine Schwester noch deinen Vater, kann daher deinen Schmerz nur bis zu einem gewissen Maße nachvollziehen«, sagte er nachdenklich, »aber ich denke, du hast genug getrauert.«

Sie schwieg und wartete auf seine nächsten Worte.

»Keiner von ihnen hätte gewollt, dass du dich kasteist. Außerdem leben sie in deinem Herzen weiter.«

Sie nickte, löste sich von ihm. »Danke.«

»Du kannst den Mörder deiner Schwester nur finden und zur Rechenschaft ziehen«, schnitt er das Thema an, das sie unterbewusst am meisten beschäftigte, »wenn du dich nicht wegen ihm verzehrst.«

Fragend blickte Vita ihn an.

»Nicht Koda stand im Mittelpunkt deines Lebens, sondern der Mörder. Alles drehte sich um ihn. Jede freie Minute hast du damit verbracht, ihm auf die Schliche zu kommen. Damit hast du ihm Macht über dich gegeben. Er wurde zum zentralen Punkt deines Lebens.«

Sie wollte aufbegehren und sich verteidigen. Doch im Grunde genommen traf er die Sache auf den Punkt. Sie hatte mit Allin Durha sogar einen für sie Verdächtigen vor Publikum den Mord auf den Kopf zugesagt und dadurch ihren Job verloren, war suspendiert worden.

Irrsinn!

»Es wird Zeit«, sagte er, »dass du dich zur Gänze in den Mittelpunkt stellst.«

Sie breitete die Arme aus. »Ich bin dabei! Zum ersten Mal seit Monaten habe ich wieder ein Essen vorbehaltlos genossen. Ich habe mich am Duft der Diec erfreut, und was das Schönste war: Ich habe mich in den Armen eines Mannes geborgen gefühlt.« Sie blickte ihn an, hauchte ein erneutes »Danke« und küsste ihn spontan auf die Lippen. Sanft erwiderte er den Druck ihres Mundes. Ihr Körper verlangte nach mehr, doch sie zog sich zurück. »Jetzt kannst du mir etwas Hochprozentiges bringen, du Frauentröster.«

Er grinste schelmisch, zog sie an der Hand durch das Gewirr der Blumen zum anderen Ende der Kuppel, in dem sich eine hölzerne Bar verbarg. Daneben fügten sich zwei Sofas in die Blumenlandschaft ein.

»Wie stark soll das Getränk sein?«

»Gibt es einen japonischen Nixel?«

»Oh, wir sind Feinschmeckerin.« Zielsicher griff er in die Bar und fischte eine bauchige Flasche mit hellrotem Etikett hervor. »Achtzehn Prozent, zwanzig Jahre alt, gebraut in den japonischen Hochländern«, las er vor. »So etwas trinkst du?«

»Quatsch nicht! Schenk ein!« Sie fühlte sich wie neu geboren. Der Schatten, der über ihrem Leben geschwebt war, hatte sich gelichtet. Er war nicht verschwunden, hing noch immer über ihr, war aber blasser geworden. Ganz zerfasern würde er erst, nachdem sie den Mörder einer gerechten Strafe zugeführt hatte.

Sie horchte in sich hinein. Ja, sie fühlte sich bereit für die Polizeiarbeit.

Ronoy drückte ihr ein Glas doppelten Nixel in die Hand. Er selbst hielt eines mit demselben Inhalt in den Fingern.

»Auf eine wunderschöne Frau«, wiederholte er seinen Trinkspruch.

»Auf einen wunderbaren Gentleman«, antwortete Vita, bevor sie die Gläser aneinanderstießen. Kurz lauschte sie dem Klirren, bevor sie einen Schluck nahm. Zuerst prickelte es auf der Zunge, dann spürte sie ein leichtes Brennen in der Speiseröhre und schließlich setzte es einer Explosion gleich den Magen unter Feuer. Genau diese langgezogene Wirkung schätzte sie.

»Was planst du noch für heute Abend?«, fragte sie.

Ungläubig musterte er sie. »Sag bloß, du bist nicht genügend beeindruckt!«

Mit gespielter Anstrengung musterte Vita die Decke. »Hm …« Als sie sein entsetztes Gesicht sah, lachte sie. Zärtlich tätschelte sie seinen Arm. »Keine Sorge. Es gibt keine Steigerung mehr.«

»Doch, doch.« Er stand auf, ging zur Bar und öffnete eine der Kastentüren. Als er zu ihr zurückkehrte, hielt er eine Box in Händen, die er ihr reichte.

»Was ist das?«

»Auf die Gefahr hin, platt zu wirken …« Er grinste. »Eine Überraschung.«

Neugierig öffnete sie die Box. »Oh …« Sie blickte ihn an, konnte nicht glauben, was er ihr schenkte. »Echt? Das Durha-XTC? Für mich?«

»Yep.« Er setzte sich, während sie das Mobiltelefon, das erst in einem Monat auf den Markt kam, aus der Schachtel nahm.

»Wie bist du darangekommen?«

»Geld hat nicht nur Nachteile.« Er deutete auf das Telefon. »Ich habe mir erlaubt, meine Nummer einzuspeichern.« Er nippte an dem Alkohol. »Und für unser nächstes Treffen habe ich eine weitere Überraschung … oder wie du es nennen würdest: eine Steigerung zu bieten.«

»Die du mir aber nicht verrätst, richtig?«

Er nickte.

»Was machst du übermorgen?«, fragte sie einen Herzschlag später.

»Mich mit dir treffen?«

»Gratulation zur richtigen Antwort.« Lachend nickte sie, lächelte wohlwollend und ging an ihm vorbei. »Wie lange können wir hier verweilen?«

»Solange wir wollen.«

»Super. Lass uns einfach die Sofas nutzen und in die Nacht hinausschauen.«

»Nach dir.« Er deutete mit beiden Armen einladend in Richtung der Sessel. Sie sprachen über seine Hobbys – die Suche nach der Wahrheit der Legenden, dass auf Cluver schon einmal eine Zivilisation gelebt hatte –, Politik und das Leben.

Vier Stunden später brachte er sie nach Hause. Während der gesamten Autofahrt dachte sie darüber nach, ob sie ihn zu sich hoch bitten sollte.

Vor ihrem Haus blieb er in zweiter Spur stehen. »Ich wünsche dir eine gute Nacht«, sagte er, beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Wange.

Er löste damit eine diffuse Mischung von Gefühlen aus – Enttäuschung, Dankbarkeit und Erleichterung. Sie war enttäuscht, dass er sie derart verabschiedete. Gleichzeitig war sie dankbar, dass er die Spannung aufrecht hielt, und erleichtert, dass er ihr die Entscheidung abgenommen hatte.

Ganz Gentleman wartete er, bis sie das Haustor aufgesperrt und in den Gang getreten war. Sie winkten sich zu, dann brauste er davon und ließ sie nachdenklich zurück.

Er hat sein Versprechen nicht eingelöst!, dachte sie verärgert. Er hat mir den Nachnamen verschwiegen!

*

»Nach dem Abend hat er dich vor dem Wohnhaus abgesetzt und ist davongebraust?« Sulina war knapp davor, sich die Haare zu raufen. »Sag mir, dass du das erfunden hast!«

Gemeinsam saßen sie auf Vitas Wohnzimmercouch. Vita hatte eine Käseplatte und fruchtigen Rotwein vorbereitet.

»Es war so.« Vita nahm ihr Rotweinglas, trank daraus und dachte an Ronoy. Sie hatte schlecht geschlafen, weil er ihr nicht aus dem Kopf ging.

»Das … das … ist ja unglaublich«, fuhr Sulina fort. »Eigentlich müsstest du ihn abservieren, weil er dich verschmäht hat.«

»Eigentlich.« Sie schob ein Stück Käse in den Mund. »Oder er ist wirklich derart einfühlsam.« Sie hob das Glas. »Wie nennt sich eine Frau, die nach dem ersten Abendessen mit dem Mann ins Bett will?«

»Zielstrebig?«

»Ja, dieses Wort habe ich gesucht.« Vita lächelte. »Denkst du, es ist eine Masche?«

Ein Teil von ihr fühlte sich mies, weil sie so schlecht über ihn dachte.

»Falls es eine ist, gebührt ihm eine Auszeichnung.«

Vita verzog die Lippen. Die Skepsis ihm gegenüber war zwar kleiner, aber noch vorhanden. Seine Lebensgeschichte war etwas für die Tränendrüsen, sein Erfolg an der Börse zeugte von Beharrlichkeit und Glück. Seine Ansichten zum Leben und zur Politik waren akzeptabel. Aber das große Ganze fehlte.

»Hattest du den Eindruck, dass er mit dir nur ins Bett will?«, fragte Sulina.

Zum wiederholten Mal spürte Vita in sich hinein. Ronoy war der perfekte Gentleman gewesen, hatte zu keinem Zeitpunkt Avancen in Richtung Sex gemacht.

Er ist zu perfekt!

»Du weißt doch, wie Männer sind«, ergänzte Sulina das übliche Klischee.

Spielte er mit ihr? Gehörte das zu seinem Plan? Wollte er sie in Sicherheit wiegen, damit sie sich ihm hingab?

Vhin, ihr Nachbar, behauptete immer, sobald Männer sich zurückhielten oder bei der ersten Gelegenheit die »Das was zwischen uns ist, ist zu wertvoll, um es mit schnödem Sex aufs Spiel zu setzen«-Karte zückten, würden Frauen ihnen danach zu Füßen liegen. Ronoy wäre der erste Mann, der diese Show bei ihr abzog – sofern er es tat. Und sie musste Vhin recht geben. Es funktionierte. Ein Teil von ihr war irritiert, dass er es nicht einmal versucht hatte. In Gedanken hörte sie Vhins Erklärung. »Es funktioniert, weil er den Spieß umgedreht hat. Normalerweise entscheidet ihr, wann der Zeitpunkt für Sex gekommen ist – und neun von zehn Männer werden die Chance nutzen. Verweigerst du dich als Mann, schwimmst gegen den Strom und entsprichst nicht dem Klischee, können Frauen damit nicht umgehen. Sie werden nicht zurückgewiesen! Sie werden nicht verschmäht. Während wir Männer es gewohnt sind, Abfuhren zu erhalten und hingehalten zu werden, ist das für Frauen undenkbar. Daraus resultiert dann diese ›dem zeig ich es jetzt aber‹-Haltung.«

Unwillkürlich nickte Vita. Ihr Nachbar hatte recht.

»Meint er es ehrlich?«, fragte Sulina erneut.

»Ich denke, ja«, sagte sie und zweifelte sofort daran. Da war immer noch etwas, das sie nicht einschätzen konnte, etwas Irritierendes.

Vielleicht, weil er zu perfekt war. Konnte es so einen Mann wirklich geben?

Prüfend sah Sulina sie an, musterte sie, schien zu überlegen, ob sie ihrer Aussage trauen konnte. »Na gut«, lenkte sie mit einem Seufzer ein. »Welche Show plant er für morgen?«

»Weiß nicht.«

»Vita, hör auf, so kurz zu antworten! Das gibt mir zu denken!«

»Sollte es auch.«

»Ich habe dir bereits vorgestern gesagt, dass es dich erwischt hat.« Sie beugte sich zur Käseplatte. »Aber ich bin froh, dass er dich ablenkt und auf andere Gedanken bringt.«

»Er ist zu perfekt.«

Sulina runzelte die Stirn. »Jetzt platzt mir gleich der Kragen! Da schafft es ein Mann, deine Anforderungen annähernd zu erfüllen, und das kritisierst du ebenfalls?«

»Es ist einfach zu schön, um wahr zu sein.«

Sulinas Telefon läutete. Sie sahen sich an.

»Ist das dein Kontakt bei der Fahrzeugstelle?«, fragte Vita. Ihr Herz überschlug sich. In wenigen Momenten wusste sie Ronoys Nachnamen und konnte das Geheimnis seines bisherigen Lebens lüften.

Sulina nickte. Hektisch nahm sie das Telefon. Vita hörte eine weibliche Stimme, verstand aber kein Wort. Sulina nickte, öffnete den Mund. Eine Furche entstand auf ihrer Stirn.

Ein schlechtes Zeichen.

Nachdem Sulina das Telefon weglegte, blickte sie Vita lange an.

»So schlimm?«

Sulina verzog die Lippen, nickte und nannte ihr den Namen des Fahrzeughalters.

*

Wie ein Raubtier im Käfig wanderte Vita im Loft herum. Während Wut und Schmerz in ihr um die Vorherrschaft kämpften, drehten sich ihre Gedanken im Kreis.

Ronoy … Rakiyat hat mich belogen!

Sie wollte ihn ohrfeigen, wollte ihn schlagen und ihn beschimpfen. Der andere Teil von ihr wollte sich in eine Ecke kauern und sich bedauern.

»Ich habe dir mein Herz geöffnet«, murmelte sie. »Habe dich in meine Seele blicken lassen.«

Sie ballte die Fäuste, konnte nicht glauben, dass sie zum zweiten Mal von einem Mann verarscht worden war.

Bitterkeit mischte sich in die Wut. Die innere Stimme hatte sie gewarnt, doch sie hatte sie nicht wahrhaben wollen, hatte sich von seinem galanten Verhalten blenden lassen. Am meisten nervte sie, dass die mahnende Stimme zu einer beschwichtigenden geworden war. Sie nahm ihn in Schutz, fragte sie, ob sie sich mit ihm getroffen hätte, wenn sie seinen richtigen Namen gewusst hätte, sprach von einem Missverständnis.

Missverständnis! Genau!

Aber eigentlich war das nebensächlich. Die Konsequenzen aus seiner Lüge lagen woanders. Im Gespräch mit Sulina hatten sie es auf den Punkt gebracht.

»Denkst du, dass er das mit dir und Allin Durha weiß?«, fragte Sulina sie.

Vita lachte auf. »Davon kannst du ausgehen. Die Medien haben breitgetreten, dass ich ihm den Mord vorgeworfen habe. Und falls er wirklich auswärts war, hat es ihm sein Adoptivvater garantiert erzählt.« Sie sprang aus der Couch auf, musste sich bewegen.

»Du erinnerst dich an die Theorie mit den zwei Tätern?«, versetzte Sulina ihr einen weiteren Hieb.

Vita blieb stehen, sah ihre Freundin an. »Danke, jetzt fühle ich mich noch missbrauchter.« Der Gedanke, dass Rakiyat Durha, wie er richtig hieß, mit seinem Vater Koda gefoltert und ermordet hatte, verursachte ihr Übelkeit.

Und ich habe ihn geküsst!

Sie fuhr sich über die Lippen, ekelte sich vor sich selbst.

»Denkst du wirklich, sie machen sich an mich heran, weil sie …« Vita stockte. Es war einfach zu schräg. »Weil sie ein Schwesternpaar töten wollen?«

»Serienmörder sind nicht mit normalem Maßstab zu messen.«

Vitas Blick wanderte zum Kasten, in dem der Wandsafe versteckt war. Sulina bemerkte den Blick, stand auf und stellte sich in die Sichtlinie. Sie wusste, wo Vita ihre privaten Faustfeuerwaffen aufbewahrte. »Du tust nichts Unüberlegtes.«

Gedanklich lebte Vita ihren Wunsch nach Rache aus.

»Vita?«

Langsam nickte sie. Es wäre auch zu billig gewesen. »Ich will, dass beide bis ans Ende ihres Lebens im Gefängnis verrotten.« Ein Plan formte sich in ihr, verrückt zwar, aber aus dem Wunsch geboren, die Wahrheit zu erfahren.

»Vita, ich besorge uns unter der Hand die Akten der Sonderkommission und dann suchen wir neue Ansatzpunkte.«

»Sie haben bei Allin Durha nicht weiter ermittelt, oder?«

Sulina schüttelte den Kopf. »Er war tabu.«

Vita nickte, hörte ihr nicht mehr zu. Sie spürte den Wunsch, Sulina so rasch wie möglich aus der Wohnung zu schaffen. Also versprach sie ihr erneut, keine Dummheit zu begehen und verabschiedete sie.

Vita kehrte in die Gegenwart zurück. Ihre Hand lag am Griff des Schranks mit dem Wandsafe.

Ich muss die Situation ausnützen!

Sulinas flehende Worte fielen ihr ein. »Du unternimmst nichts, was du später bereust!«

Ihre Kollegin hatte ihr das Versprechen abgenommen, keinen Blödsinn zu unternehmen.

Nun, sie würde keinen Blödsinn machen, höchstens eine Verrücktheit.

Vita öffnete den Safe und betrachtete die Pistole, den Revolver und die gefüllten Magazine darin.

Zweiundzwanzig Botschafter des Todes.

*

Vita Etan betrachtete sich im Spiegel. Da ihr Rakiyat Freizeitkleidung für das morgendliche Treffen nahegelegt hatte, trug sie eine beige, röhrenförmig geschnittene Trekkinghose und ein ockerfarbenes, eng anliegendes Shirt, das ihren Busen zur Geltung brachte.

Damit würde sie ihn von ihrem rechten Knöchel ablenken, an den sie den siebenschüssigen Revolver geschnallt hatte. Die Hosenbeine waren weit genug geschnitten, dass sie ihn gut verstecken konnten.

Ich kriege euch!

Kalte Entschlossenheit erfasste sie. Ihr Plan war verrückt und die Konsequenzen dramatisch. Nach dieser Aktion würde sie nie wieder als Polizistin arbeiten. Es brach ihr zwar das Herz, aber der Wunsch, Kodas Mörder gegenüberzustehen, war größer. Dass sie den oder die Täter nicht hatte einbuchten können, hatte eine Wunde in ihr hinterlassen. Wenn sie die beiden zur Strecke brachte, würde das diese Wunde schließen. Die Gerechtigkeit musste hergestellt werden – der Hauptgrund, warum sie den Polizeiberuf ergriffen hatte.

Sie würde dafür sorgen, dass Allin Durha und sein Adoptivsohn nie wieder einer Frau etwas antun konnten. Für den Rest ihres Lebens würden sie im Gefängnis verrotten.

Die Wut und die Entschlossenheit leuchteten in ihren Augen, mussten aber von dort verschwinden. Rakiyat durfte keinen Verdacht schöpfen, musste weiterhin denken, dass sie ihn nicht durchschaut hatte. Sie musste unbefangen und locker wirken, als genösse sie seine Gegenwart.

Sie lockerte die Schultern, hüpfte auf und ab und schüttelte den Zorn aus dem Körper.

Sie dachte an den Nacht-Fallschirmsprung, den sie im Urlaub gemacht hatte, und lächelte.

Na bitte, geht doch!

Sie hielt die positive Stimmung fest, bis sie sie durchdrang.

Als sie aus dem Hausflur trat, erwartete Rakiyat sie bereits. Auch er trug sportliche Kleidung, allerdings komplett in schwarz. Zum ersten Mal sah sie ihn mit einer gewissen Distanz.

Verdammt, er ist schon sexy und anziehend.

Und ihm passte die Farbe schwarz – eine Seltenheit für Cluverianer. War sein Verständnis für Frauen nur gespielt oder tatsächlich eine Masche, die er einsetzte, um seinem Trieb zu folgen?

Verdammt, ich werde schon wieder schwach!

Obwohl sie ihn für den Mörder ihrer Schwester hielt, berührte er immer noch diese Saite in ihr, die alle Vorwürfe gegen ihn von sich wies und Beweise forderte. Wie krank war das denn?

»Hallo, schöne Frau!«, begrüßte er sie.

Ein Teil von ihr wollte sich übergeben. Sie unterdrückte den Impuls und neigte das Haupt zum Dank. »Wo steht dein Auto?«

»Parkt stadteinwärts.« Er bot ihr den Arm.

Vita überwand sich und sie gingen den Gehsteig entlang. Beide schoben sich die Sonnenbrillen über die Augen, da die Sonne in ihrer Blickrichtung am Himmel schwebte.

Der Sommer war immer noch unerträglich. Vita blickte in verschwitzte, von der Sommerhitze ermüdete Gesichter. Viele Cluverianer trugen Wasserflaschen und tranken immer wieder daraus. Einige hatten aus der Not eine Tugend gemacht und sich spezielle Gürtel umgeschnallt, in denen sie die Flaschen verstauten. Während sich die Erwachsenen durch den Tag schleppten, schien den Kindern die Hitze nichts auszumachen. Eine Gruppe lief lachend und springend an ihnen vorbei. Die Kinder stießen sich gegenseitig an, versuchten, sich zu Fall zu bringen und über den Randstein zu stoßen.

»Wie war die Nacht?«, fragte Rakiyat.

»Angenehm«, log sie. In Wahrheit hatte sie nur zwei, maximal drei Stunden geschlafen, war immer wieder ihren Plan durchgegangen und hatte sich vorgestellt, wie sie mit erhobener Waffe Allin Durhas und Rakiyats Geständnis erzwang. Ein winziger Teil von ihr beharrte zwar auf Rakiyats Unschuld, aber den hatte sie beiseite gewischt.

Rakiyat stieg über die Doppelseite einer Tageszeitung, die der Sommerwind über den Asphalt trieb. »Hast du eine Klimaanlage?«

»Nein, aber ich denke darüber nach.«

Er öffnete ihr die Autotür. Dankend stieg sie ein und nahm das Mobiltelefon aus der Tasche am Po. Es war zu wertvoll, um darauf zu sitzen. Also steckte sie es in eine der vorderen Taschen.

Rakiyat startete den Wagen und würgte ihn wieder ab. Er seufzte, drehte sich zu ihr.

»Ich …« Er stockte, verhakte die Finger ineinander. »Ich muss mich bei dir entschuldigen.«

Was kommt jetzt?

»Also ich muss nicht«, fuhr er fort. »Ich will, denn ich habe geflunkert.«

»Hast du das?«, fragte sie und spürte die Waffe am Knöchel.

»Ich war nicht ehrlich zu dir … aber ich habe es nur getan, weil ich Angst hatte, dass du … naja, ich hatte einfach Angst, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst.«

»Du sprichst in Rätseln.«

Ein Teil von ihr hoffte auf eine Erklärung, die ihre Gedanken der letzten Stunden überflüssig machte, sofern das überhaupt möglich war.

Rakiyat schwieg, wand sich innerlich, schien nicht recht zu wissen, wie er es sagen sollte.

»Scheiße, ich habe echt Angst, dass du gleich aussteigst und ich dich nie wiedersehe.« Er holte tief Luft. »Ich weiß, wir kennen uns erst wenige Tage, aber du hast mich total umgehauen. Ich habe mich noch nie in der Gegenwart einer Frau so wohl gefühlt und mich danach gesehnt, Zeit mit ihr zu verbringen.«

Ihr Instinkt blieb ruhig, schrie nicht auf. Er meinte, was er sagte.

Doch ihr Intellekt war voreingenommen. Spielte er? War das für ihn nur ein weiterer Teil seiner Rolle, um sie vorzuführen und zur Schlachtbank zu bringen?

»Verdammt, ich bin der Adoptivsohn von Allin Durha!«, platzte er heraus.

Sie starrte ihn an, prüfte ihr Gefühl. War er wirklich dermaßen durch den Wind, wie er es vorgab?

»Mein richtiger Name ist Rakiyat Durha.« Die erhobenen Schultern sanken abwärts. Er schien richtig erleichtert, dass er es gesagt hatte.

Mit offenem Mund starrte sie ihn an, hatte die Überraschung lange vor dem Spiegel geübt, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Er durfte nicht wissen, dass sie sich darauf vorbereitet hatte.

»Als ich deinen Namen gehört habe«, sagte er, »wusste ich erst nicht, wohin damit, doch dann habe ich mich an dich erinnert. Allin hat mir davon erzählt, wie du ihn auf der Tagung vor eintausend Leuten des Mordes bezichtigt hast. Und … naja, ich hatte Angst, dass du mich abservierst, wenn du meinen richtigen Namen kennst.«

Sie nickte, langte nach dem Türgriff. »Da hast du richtig gedacht.«

»Warte … bitte.«

Obwohl sie nicht vorgehabt hatte, aus dem Auto auszusteigen, hielt sie der flehende Ton seiner Stimme zurück.

Verdammt, ich empfinde tatsächlich noch etwas für ihn!

Sie horchte in sich hinein.

Und mein Herz glaubt ihm!

Sie drehte sich zu ihm. »Ich …« Sie verzog die Lippen. »Du bist also Allin Durhas mysteriöser Adoptivsohn?«

Er nickte.

»Was war noch gelogen?«

»Meine Vorgeschichte.« Er hob die Augenbrauen, kehrte wohl in Gedanken in seine Vergangenheit zurück. »In der Nähe des Waisenhauses ist ein Heißluftballon abgestürzt. Ich beobachtete durch Zufall das Unglück und zerrte Allin aus dem Feuer.«

Vita erinnerte sich an die Schlagzeilen. Der Multimilliardär Allin Durha war zu einem seiner verrückten Unternehmungen – die Umrundung Cluvers in einem Heißluftballon – aufgebrochen und über dem zweiten Kontinent des Planeten verschwunden. Erst nach ein paar Wochen tauchte er wie durch ein Wunder wieder auf.

»Ich schleppte den Schwerverletzten in unser Waisenhaus«, fuhr Rakiyat fort. »Ich pflegte ihn gesund und als Dank adoptierte er mich.«

»Und die Aktiengewinne?«

»Oh, denke nicht, dass mir alles in den Schoß gefallen ist. Allin meint, dass ich die Annehmlichkeiten der Zivilisation nur zu schätzen weiß, wenn ich sie mir auch erarbeite. Und es stellte sich früh heraus, dass ich ein gutes Händchen für Aktienoptionen habe.« Er klopfte auf das Lenkrad. »Alles selbst erspekuliert.«

»Wieso gibt es keine Fotos von dir?«

»Allin war so klug, mich niemals ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Er wollte, dass ich unbelastet aufwachse. Und dafür bin ich ihm unendlich dankbar.«

»Hm.«

»Was denkst du?«

»Dass ich nicht weiß, was ich tun soll.« Sie kratzte sich an der Wange. »Du hast mich belogen.«

»Es tut mir leid. Aber es war die einzige Chance für uns.« Er zeigte mit dem Finger auf sie. »Was hättest du in meiner Situation getan?«

Sie suchte nach Alternativen und fand keine.

Er hatte wirklich nicht anders handeln können, dachte sie widerwillig. »Wo warst du am Tag, als meine Schwester entführt wurde?«

»Wann war das?«

Sie nannte ihm das Datum. Er überlegte. »Da war ich außerhalb …« Er stutzte, rückte von ihr ab. »Verdächtigst du mich?« Er stierte sie an. »Scheiße, du denkst echt, dass ich …« Er schüttelte den Kopf.

»Wo warst du, Rakiyat?«

»Du denkst immer noch, dass Allin der Serienmörder ist?« Er schnaufte, war sichtlich schockiert.

»Rakiyat, wo warst du?«, fragte sie und achtete auf jede Regung von ihm. Wenn er sie belog, würde sie es mit ihrer Routine merken.

»Ich war außerhalb des Landes. Ich kann dir den Auszug meiner Flugmeilen geben!«

Sein Blick blieb gerade und er schüttelte auch nicht unbewusst den Kopf.

Er sagt die Wahrheit!

»Das wäre ein Anfang«, meinte sie.

»Du …« Er schloss kurz die Augen. »Reden wir Klartext.« Die Liebenswürdigkeit war aus seinem Gesicht verschwunden.

Kunststück! Du hast ihn gerade des Mordes bezichtigt!

»Du denkst, dass Allin und ich deine Schwester ermordet haben?« Fassungslos starrte er sie an. »Du denkst wirklich, Allin und ich haben all diese Frauen getötet?«

»Du hast mich belogen. Wenn aus uns noch etwas werden soll, will ich Gewissheit«, sagte sie und wunderte sich über sich selbst. Ihr Herz glaubte ihm tatsächlich.

»Denkst du, das hier ist eine gute Grundlage?«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist unsere einzige Chance.«

»Dann empfindest du etwas für mich?«

»Wäre ich sonst hier?«

»Machen wir reinen Tisch. Ich beweise dir, dass ich zu dem Zeitpunkt des Verschwindens deiner Schwester nicht in Milio war und du erklärst mir, warum du Allin Durha verdächtigst.«

Sie wiegte den Kopf. Sollte sie sich auf dieses Geschäft einlassen? Sollte sie mit ihm ihre Erkenntnisse teilen?

»Falls dein Verdacht stimmt«, fuhr er fort, »helfe ich dir, ihn zu kriegen. Ich will nicht der Sohn eines Mörders sein!«

*

»Er ist sauber«, sagte Sulina und klopfte auf Rakiyats Unterlagen. »Er war bei jedem der Morde außerhalb von Milio.«

Vita saß ihr gegenüber auf der Couch und musterte die Notizen auf dem durch Striche geteilten Whiteboard ihres Büros. Sulina arbeitete an drei verschiedenen Fällen gleichzeitig.

»Ich habe nachtelefoniert, mit den Zeugen gesprochen und mir die Sitzungsprotokolle der Firmenverhandlungen schicken lassen«, sagte sie ihrer Ex-Partnerin.

»Wie hast du sie von den Firmen erhalten?«

»Rakiyat hat mich voravisiert und die Firmenleitungen gebeten, mich in meinen Nachforschungen zu unterstützen.«

Sulina nahm den Becher erkalteten Kaffees. »Mit den Zeugenaussagen können wir ihn von der Liste der Verdächtigen streichen.«

Vita schwieg, studierte Sulinas Notizen auf dem Whiteboard.

»Du bist skeptisch?«

»Er könnte die Leute bestochen haben.«

»Das wäre ein ziemlicher Aufwand. Außerdem sind das alles Fremdfirmen, gehören nicht zu Durha Industries. Und wie hätte er die Aus- und Einreisedaten manipulieren sollen?«

Vita nickte langsam. Vor allem das letzte Argument konnte sie nicht entkräften. »Durha geht bei den Politikern ein und aus. Wenn sein Sohn anruft und um eine Gefälligkeit bittet …«

»Drei Mal?« Sulina kniff die Augenbrauen zusammen. »Spiel es durch. Rakiyat telefoniert mit dem Außenminister, bittet ihn, die Ausreisebehörde anzuweisen, in die Dateien einzutragen, dass er im Ausland war. Der Außenminister sagt das einem seiner Beamten, der wiederum geht zu seinem Untergebenen, der daraufhin eine Anweisung …«

Vita hob die Hand. »Ich gebe mich geschlagen, streiche ihn von der Liste der Verdächtigen.«

»Wie geht es mit euch weiter?« Sulina blickte sie fragend an. »Was empfindest du für ihn?«

»Ich bin erleichtert, dass er nichts mit den Morden zu tun hat. Und mein Gefühl …« Sie verdrehte die Augen. »Mein Gefühl für ihn war sogar da, als ich ihn für einen der Mörder hielt.« Vita sah, dass Sulina etwas sagen wollte, kam ihr aber zuvor. »Ich weiß, wie verrückt das klingt. Aber mach etwas gegen Gefühle!«

»Frag mich und Alhonso.«

Vita nickte. Seit zwei Jahrzehnten führte Sulina eine »Wir sind zusammen-Wir sind nicht zusammen-Wir sind wieder zusammen«-Beziehung mit dem fünf Jahre älteren Alhonso. Liebesschwüre wechselten sich mit Hasstiraden ab.

»Wir sind einfach seltsame Geschöpfe«, kommentierte Vita. »Morgen früh treffe ich ihn, dann kann ich dir sagen, was ich für ihn empfinde.«

Und wie unbefangen ich ihm begegne.

*

Wie in der Vorwoche wartete Rakiyat vor dem Auto auf sie. Vita blieb im Dunkel des Eingangsbereichs stehen, musterte ihn und befragte ihr Herz. Sie wollte ihm nahe sein, wollte Zeit mit ihm verbringen.

Die Skepsis der letzten Tage war gewichen. Er hatte ihr unwiderlegbar bewiesen, dass er nichts mit den Morden zu tun haben konnte. In allen Wochen war er nachweislich im Ausland gewesen.

Dennoch fühlte sie sich seltsam. Ja, es würde anders werden, einfach, weil sie mehr von ihm wusste. Das Mysteriöse, das er anfangs um sich aufgebaut hatte, war verschwunden und durch Respekt abgelöst worden.

Er hatte ihr die Beweise für seine Unschuld gegeben, weil es ihm darum ging, wie sie ihn sah. Auch das Angebot, ihr bei der Überführung von Allin Durha zu helfen, hatte sie beeindruckt. Nachdem sie ihn des Mordes bezichtigt hatte, hätte er sie auch aus dem Auto werfen und davonrasen können.

Er empfindet wirklich etwas für mich! Ich bin ihm wichtig.

Vita und Rakiyat treffen sich zum Date
Vita und Rakiyat treffen sich zum Date © Raimund Peter

Sie trat in die Morgensonne. Sofort kam er ihr entgegen. Seine Schritte wirkten unsicher.

»Ich darf mich vorstellen.« Er hielt ihr die Hand hin. »Rakiyat Durha.«

Sie ergriff die Hand, drückte sie. »Vita Etan.«

Er wartete ein paar Herzschläge. »Danke.«

»Wofür?«

»Dass du heute hier bist.« Er ließ ihre Hand los. »Und dass du uns eine Chance gibst.«

»Ich bin froh, dass wir alles ausräumen konnten.« Sie gingen zum Auto. »Wäre doch schade um uns, oder?«

»Auf jeden Fall.« Galant wie immer öffnete er die Beifahrertür und setzte sich danach ans Steuer. Er startete den Wagen, drehte sich zu ihr. »Mein Angebot steht, dir mit Allin zu helfen.«

Sie nickte dankbar, brannte darauf, Allin zu überführen. Dazu hatte sie sich eine Liste an Fragen erstellt, für die Rakiyat Antworten liefern konnte.

»Aber erst morgen«, unterbrach er ihren gedanklichen Elan. »Ich weiß, du brennst darauf loszulegen, bitte dich jedoch um einen Tag, der nur uns gehört. Ich möchte, dass wir uns ausschließlich auf uns konzentrieren. Ich möchte dir etwas zeigen und es wäre schade, wenn du durch trübe Gedanken abgelenkt wärst.« Er hielt ihr die Hand hin. »Schaffst du das?«

In ihrem Inneren stritten zwei Meinungen um die Vorherrschaft. Widerstrebend und doch voll Vertrauen schlug sie ein. »Versprochen!«

»Ausgezeichnet!« Er parkte aus und fädelte sich in den Morgenverkehr stadtauswärts ein.

»Du machst mich schon wieder neugierig«, sagte sie.

»So soll es sein!«

Es ging am Parlament und der Universität vorbei. Also nahm er den kürzesten Weg aus dem Innenbezirk, hielt auf den Autobahnzubringer zu.

»Verrätst du mir, wo wir hinfahren?«

Rakiyat nestelte an dem Temperaturregler für die Klimaanlage. Er tippte mehrmals darauf, bis in der Anzeige dreiundzwanzig Grad aufleuchteten. Im Vergleich zu den knapp achtunddreißig Außengraden eine wahre Wohltat.

»Wir fahren zu mir«, antwortete er.

Vita richtete sich auf. Panik erfasste sie. »Durha Manor?«

»Keine Sorge, er ist nicht da!«

Erleichtert sank sie in den Sitz zurück. Allin Durha ohne Waffe zu begegnen, wäre schrecklich gewesen.

»Stimmt das mit der Flugverbotszone über dem Anwesen?«, fragte sie.

Rakiyat nickte. Sie erreichten die Autobahn und er beschleunigte den Wagen. Mit über dreihundert Kilometer pro Stunde ging es Richtung Norden. Vitas Auto wäre längst zusammengebrochen. Doch in dem Sportwagen röhrte bis auf den Motor nichts. Und dieses tiefe Geräusch war von Konstrukteuren und Konsumenten erwünscht.

»Wie oft hat dich die Polizei bereits erwischt?«, fragte sie und spielte dabei auf die letzte Fahrt an.

»Noch nie.« Er klopfte zwei Mal gegen die Schläfe. »Und selbst wenn, die Strafe ist es wert.«

Kunststück, dachte sie. Zur Not hast du einen Chauffeur.

Übergangslos zog er den Wagen in die äußerste Spur und stieg in die Eisen. Dennoch kam das Auto vor ihnen mit beängstigender Geschwindigkeit näher. Vita verkrampfte sich. Reflexartig stützte sie sich mit den Beinen ab. Da im mittleren Fahrstreifen kein Platz zum Vorbeikommen war, wechselte Rakiyat auf den Pannenstreifen, überholte das Auto und fuhr weiter der Ausfahrt entgegen.

»Hätten wir vierzig Sekunden Fahrzeit gespart«, scherzte er.

»Wie wir die wohl nützen werden?«, fragte sie sarkastisch.

»Oh, ich habe einen Plan.«

Der Scherz fühlte sich normal an. Nein, sie hatte keine Vorbehalte mehr gegen ihn. Ihre Skepsis der letzten Tage war verschwunden. Sie fühlte sich in seiner Nähe wohl, genoss es, Zeit mit ihm zu verbringen.

In normaler Geschwindigkeit fädelte sich Rakiyat in den Verkehr ein. Obwohl der Bezirk Tahlca in Milio lag, fühlte man sich in der Zeit zurückversetzt. Blühende Felder säumten die Straße und wechselten sich mit Mauern ab, die dem Besucher zeigten, dass sich dahinter die Reichen versteckten. Vor zweihundert Jahren hatte diese Region dem König als Entspannungsmöglichkeit gedient. Nach dem Fall der Monarchie waren die Villen regelrecht aus dem Boden geschossen. Bezeichnenderweise hatte Allin Durha das Schloss des ehemaligen Königs gekauft und für seine Zwecke adaptiert. Ausgedehnte Parkanlagen und ein Wald säumten ebenso das Grundstück wie drei Seen und zwei Flüsse.

Da Allin Durha einmal im Jahr zu einem Fest der Extraklasse einlud, waren einige Bereiche des umgestalteten Anwesens bekannt geworden. Der Rest jedoch lag im Dunkeln, da sich der Milliardär zusätzlich zum Flugverbot mit Hochtechnologie aus seinen Firmen schützte. Nicht umsonst gehörte sein Konzern zu dem Technikanbieter Cluvers. Bestes Beispiel für die Vorreiterrolle von Durha Industries war die jüngste Erfindung: das Mobiltelefon.

Vita spürte das XTC in der Hosentasche. Die neuen Funktionen waren bahnbrechend. Eigentlich war das Telefon ein tragbarer Computer.

Rakiyat bog in eine Seitenstraße, die zu Durha Manor führte. Kurz verkrampfte sich ihr Magen. Hatte Allin ihre Schwester hier …

Sie unterband die Überlegung.

Keine trüben Gedanken! Ich habe es Rakiyat versprochen!

Die Mauer, die das riesige Areal schützte, sprach eine deutliche Sprache. Eine Wachhütte zeigte bereits die Stellung des Bewohners. Niemand anderer benötigte hier einen eigenen Wachdienst.

Vita erinnerte sich an Rakiyats Geschichte. Nachdem er Allin Durha gerettet hatte, war er von Armut zu Reichtum gewechselt. Was hatte das für seine Psyche bedeutet? Konnte ein Cluverianer überhaupt damit umgehen?

Es war ein Wunder, dass er nicht arrogant geworden war und den Bezug zur Wirklichkeit verloren hatte. Widerwillig zollte sie Allin Durha als Vater Respekt. Er hatte seine Sache mit Rakiyat gut gemacht.

Abgesehen vom Hubschrauber und der Lokalwahl war Rakiyat bislang umgänglich gewesen. Er wirkte normal, und bis auf die teure Uhr und den Sportwagen sah man ihm den Luxus nicht an. Auch im Umgang mit den Bediensteten des Lokals war er normal gewesen.

Langsam rollte der Wagen zu der Absperrung. Nachdem Rakiyat eine Taste am Armaturenbrett gedrückt hatte, öffnete sich das Tor. Er grüßte den Wachmann, der sich als Revanche lässig an die Schläfe tippte.

»Hier weiß auch jeder, wer ein- und ausgeht«, stellte Vita fest.

»Nur, wenn ich es will.« Rakiyat zeigte auf einen Sensor unterhalb des Navigationscomputers. »Die Fenster sind verspiegelbar.«

»Praktisch. Wusste gar nicht, dass so etwas angeboten wird.«

»Spezialanfertigung.«

»Wie der Hubschrauber. Ich verstehe.«

Gemächlich rollte das Auto an der idyllischen Parklandschaft entlang. Die Eichen wirkten viel älter als das Anwesen, bei einigen waren die Stämme sogar in sich verdreht.

»Wie viele Gärtner beschäftigt ihr?«

»Gute Frage.« Er zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht.«

Nach fünf Minuten Fahrt weitete sich die Straße und Vita blickte auf die Fassade von Durha Manor, die zum Teil mit Efeu überzogen war. Der rote Backstein zeigte das Alter des Gebäudes. Es musste aus dem vorvorigen Jahrhundert stammen.

Rakiyat fuhr am Springbrunnen des Vorhofes vorbei und nahm die mittlere von drei Straßen. Einige hundert Meter später gelangten sie zu dem See, an dem eine Villa auf einer Anhöhe erbaut worden war. Von der Terrasse sah man direkt auf den See.

Frühstück am Wasser, dachte sie und erinnerte sich an ihre Auszeit. Sie spürte den heißen Wind im Gesicht, hörte die Palmen rascheln und die Meereswellen gegen den Strand plätschern.

Sie blickte in den Himmel. Die Sonne schwebte oberhalb des Daches, also ging sie hinter der Villa auf. Bereits jetzt, so früh am Morgen loderte ihr Widerschein über den See, ein langer leuchtender Finger, der irgendwo im Wald versiegte.

Wie viele Frauen hatte Rakiyat wohl bereits in diese Villa mitgenommen? Und wie hatten sie auf den Luxus reagiert?

Die Reichen hatten es auch nicht einfach und waren fast gezwungen, unter sich zu bleiben. Sie gingen davon aus, dass alle nur an ihrem Vermögen interessiert waren. Also sparte man sich die Peinlichkeiten und traf sich innerhalb eines kleinen Zirkels.

Unwillkürlich nickte Vita. Unermesslicher Reichtum war verlockend und verdarb zumeist den Charakter. Sie jedoch hatte das nie interessiert. Sie verdiente ihr eigenes Geld, konnte sich den gewünschten Lebensstandard leisten. Ihr genügte es, Beruf und Hobby vereinen zu können.

»Mal ehrlich!« Sie drehte sich zu Rakiyat. »Mit wie vielen Frauen warst du schon hier?«

Er parkte den Sportflitzer neben einem schwarzen Geländewagen und schnallte sich ab. Seine Augen leuchteten belustigt. »Wenn ich sage, dass du die Erste bist, glaubst es mir nicht, oder?«

»Hervorragend analysiert.«

Er musterte sie für ein paar Sekunden, die ihr unendlich lang vorkamen und sie beschämten. Sie kam sich wie eine Idiotin vor, dass sie diese Frage gestellt hatte. Was hätte er in der Vergangenheit auch anderes machen sollen?

Still dasitzen und auf die Richtige – auf sie – warten?

»Du bist die Erste«, antwortete er langsam, »die ich nach dem zweiten Treffen ins Allerheiligste mitnehme.« Wenn er über die Frage enttäuscht war, so zeigte er es nicht. »Die zwei, drei, die Durha Manor gesehen haben, mussten sechs Monate warten.«

Während er ausstieg, blitzten weitere, unpassende Fragen auf, die sie sich aber verkniff.

Er öffnete die Autotür, verneigte sich leicht. »Ich muss Euch etwas zeigen.«

Vita stieg aus. »Sie ist gespannt«, imitierte sie seinen nasalen Tonfall.

Rakiyat lotste sie zur Terrasse, auf der sie an einem großen Schwimmbecken vorbeigingen. Vita zog prüfend die Luft ein, roch aber kein Chlor. Am Ende der Terrasse begann ein Fluss, der in den See mündete. An seinem Ufer schlenderten sie einen Weg entlang, der in den Wald abbog.

Wo bringt er mich hin?

Neugierig blickte sie nach vorn, hielt nach irgendetwas Ausschau, das sie verblüffen würde, doch sie fand nichts.

Sie sah ihn an. »Du machst es spannend.«

»Hm«, antwortete er nachdenklich. »Ich kann dir verraten, was dich erwartet – falls du das möchtest.«

Sie überlegte. »Wie weit ist es?«

»Dort vorn«, Rakiyat zeigte durch die Bäume, »geht es gleich bergab, und dann sind es knapp zehn Minuten.«

»Passt.« Vita stieg über eine Wurzel. »Gut, dass ich Sportschuhe trage.«

»Für jede Gelegenheit die passende Kleidung, heißt die Devise. Und das erfüllst du mit Leichtigkeit.« Er pflückte eine gelbe Blume. »Darf ich?«, fragte er und schob sie ihr ins Haar, nachdem sie nicht widersprochen hatte.

Sie glaubte, seine Fingerspitzen auf ihrer Haut zu spüren, fühlte die Wärme, die von ihnen ausging und Geborgenheit vermittelten. Sie war froh, dass er ihr die Beweise geliefert hatte und ihre Zweifel ausgeräumt waren.

Ein langgezogener Schrei zerrupfte ihre Gedanken. Vita drehte den Kopf zum See, auf dem ein Pelikan in der Nähe seines Artgenossen landete. Der Schreihals wackelte mit den Flügeln und beschwerte sich bei dem anderen über das Aufscheuchen des Wassers.

Nach zehn Minuten erreichten sie einen Abhang, an dessen Ende der Fluss in einer Höhle verschwand. Zielstrebig hielt Rakiyat darauf zu.

Vitas Neugier stieg.

Was verbarg sich in der Höhle, dass er es ihr zeigen wollte?

Sie erinnerte sich an sein Interesse an den cluverianischen Legenden. Vor Urzeiten soll ein altes, mächtiges und weises Volk Cluver als letzte Wirkungsstätte ausgewählt haben.

Gerade als diese Gedanken verflogen, betraten sie die Höhle und Vita verlor für zwei Herzschläge das Augenlicht, bevor sie sich an die Dunkelheit gewöhnte. Zwei Fackeln steckten an der Höhlenwand, schufen mit ihren unruhigen Flammen bizarre Schemen. Rakiyat reichte ihr eine und leuchtete mit der anderen nach vorn. Vor ihnen verschwand der Fluss in der Finsternis. Er deutete auf den schmalen, felsigen Streifen entlang des Wassers, der in die Höhle führte.

»Sei vorsichtig, es ist glitschig.«

Er wartete, bis sie genickt hatte, und ging voraus.

Je tiefer sie in die Höhle vordrangen, desto kälter wurde es. Doch dank des überheißen Sommers war es immer noch angenehm warm. Da sie vor Rakiyat kein Ende erkannte, konzentrierte sie sich auf das rauschende Wasser, in das sich immer wieder schrille, kurze Schreilaute mischten.

»Gibt es hier Fledermäuse?«, fragte sie.

»Sogar jede Menge.«

Vita hörte seine Belustigung.

»Aber sie tun uns nichts.«

»Ich fürchte mich nicht vor Tieren«, fühlte sie sich gezwungen, sich zu verteidigen.

»Habe ich auch nicht behauptet.«

»Führt der Fluss Fische?«

»Ein paar. Am stolzesten sind wir auf die japonischen Parsche. Es ist uns auch gelungen, im Wald Filmoos anzupflanzen.«

»Ich dachte, diese Sträucher wachsen nur in Tyrn.«

»Unglaublich, nicht wahr?« Er bedeutete Vita aufzuschließen.

Mit zwei Schritten war sie bei ihm. Der Weg führte abwärts. Allerdings erkannte Vita in der Dunkelheit ein wenig Licht.

»Dort vorn liegt unser Ziel.«

»Du machst es wirklich spannend«, wiederholte sie.

»Ich weiß, was Frauen wollen.« Im Schein der Fackel wirkte sein Lächeln gefährlich. Er drehte sich um und ging weiter. Da die Neigung des Bodens immer stärker wurde, stützte sich Vita an der Wand ab. Rakiyat balancierte sich aus, als wäre er auf Abhängen aufgewachsen.

»Wir sind fast da.« Rakiyat nahm ihr die Fackel aus der Hand, steckte sie in zwei Eisenringe an der Höhlenwand.

Neugierig sah sich Vita um, entdeckte jedoch nur Wände und den Fluss, der abbog. Helligkeit drang hinter der Biegung in die Dunkelheit und vermischte sich mit ihr zu dunkelgrauer Farbe. Irritiert runzelte sie die Stirn.

Nachdem sie um die Ecke gegangen waren, erblickte sie Zeichnungen und Stufen, die in die Wand gehauen worden waren. Sie trat näher, fuhr mit dem Finger über die schwarzen Linien der Zeichnungen.

»Sie sind achthunderttausend Jahre alt.« Er fuhr eine gezeichnete Kugel nach, aus der Strahlen nach unten schossen.

Verwundert sah sie ihn an. »Achthunderttausend?«

Er nickte. »Eigentlich müsste die Geschichte Cluvers neu geschrieben werden. Die Fremden, die hier in Bildern und Schrift festgehalten wurden, haben unsere Entwicklung gehemmt.« Er machte eine aushöhlende Handbewegung. »Das Plateau ist eine einzige Dokumentationsstätte unserer Vorfahren.«

Vita tippte auf die stilisierte Galaxis, in der mehrere Punkte eingezeichnet waren. »Wir sind also wirklich nicht allein im Universum.«

Rakiyat lachte. »Nicht einmal allein in der Galaxis.«

»Wer weiß außer dir davon?«

»Allin, ein paar ausgewählte Wissenschaftler und Wirtschaftsgrößen.«

»Keine Regierungen?«

Er lachte auf. »Was sollen die damit? Die scheitern ja bereits an der Gegenwart.« Er deutete in den beleuchteten Gang, in dem Stufen aufwärts führten. »Die wahre Sensation finden wir dort oben.«

Er ließ ihr den Vortritt. Gespannt stieg Vita hoch, direkt in die gleißende Helligkeit hinein. Die Zeichen auf den Wänden schienen sich zu bewegen, sie pulsierten und strahlten regelrecht in den Gang hinein. Sie glaubte, ein lockendes Wispern zu hören und stemmte sich dagegen. Ihr Instinkt warnte sie weiterzugehen. »Was ist dort?«

»Du spürst die Beeinflussung?«

Sie nickte. »Was ist das?« Sie wollte sagen, dass sie Angst hatte, wollte ihm diese Schwäche aber nicht zeigen.

»Du musst es erleben …« Hinter seiner Stirn ratterte es. Er suchte nach Worten. »Vertrau mir und steig hoch.«

Vita nahm die ersten Stufen. Sofort wurde die verlockende Wirkung stärker, hüllte sie ein. Diesmal ließ sie es zu, wehrte sich nicht dagegen und tauchte darin ein. Eine unerklärliche Wärme breitete sich in ihr aus. Sie fühlte sich sicher, geborgen und beschützt.

Langsam stieg sie weiter nach oben, getragen von einer Art Schutzhülle. Wie in Trance nahm sie die Stufen, bis sie ein offenes Plateau erreichte, das in zwei steinerne, löchrige Torbögen und direkt in einen See mündete, der sich bis zum Horizont erstreckte. Obwohl das wärmende und beruhigende Gefühl blieb, fiel die Trance von ihr ab und sie konnte wieder klar denken.

Sie spürte Rakiyats schützende Präsenz hinter sich und fühlte sich geborgen. Selbst ihr Vater hätte nicht viel mehr Schutz ausstrahlen können. Rakiyat war definitiv einer von den Guten.

Vita richtete den Blick durch die Torbögen in den Himmel. Er war nicht mehr blau, sondern leicht grünlich. Die Sonne stand auch nicht mehr knapp über dem Horizont, sondern versteckte sich bis auf einen schmalen Streifen hinter dem Horizont.

Irritiert drehte sie sich zu Rakiyat um, doch er zeigte nur stumm zu den Felswänden, die mit Schrift und Zeichnungen übersät waren. Es waren Raumschiffe, Raumfahrer und stilisierte Cluverianer. Und sie wechselten die Farbe und pulsierten.

»Was …?« Sie sah Rakiyat an. Er lächelte voller Vorfreude wie ein kleiner Junge, der eine Überraschung mühevoll zurückhielt. »Wieso hat der Himmel eine andere Farbe als sonst?« Sie kramte in ihrem Wissen. Nein, auf Cluver konnte es kein grünes Firmament geben, das war physikalisch unmöglich. Ein erschreckender und faszinierender Gedanke drängte sich auf. »Sind wir noch auf Cluver?«

Er zuckte mit den Schultern. »Gute Frage.« Er nahm ihre Hand, zog sie zum Rand des Plateaus. »Es wird noch besser.«

Offenbar meinte er die Sonne, die rascher aufstieg, als Vita es kannte. Die Sonne … Vita sah prüfend ein zweites Mal hin … sie leuchtete anders als auf Cluver, heller, weißlicher. Der brennende Ball erreichte den Torbogen, schien dort zu verharren. Die Sonnenstrahlen breiteten sich in den Bögen aus, wurden sichtbar, gleißten, blendeten sie.

Vita blinzelte.

Zeitgleich verfärbte sich der Himmel, wurde grün-gelb-orange.

»Schau!« Rakiyat zeigte auf die Wandzeichnungen, die endgültig zum Leben erwachten. Die Raumschiffe starteten und landeten. Die stilisierten Cluverianer warfen sich auf die Knie, huldigten den Raumfahrern, die ihnen gnädig aufhalfen, sie zu ihren Schiffen führten und sie mitnahmen oder ihnen Dinge in die Hand drückten.

Vita fehlten die Worte, starrte ungläubig auf die Szenerie.

»Und jetzt die Wolken«, sagte er.

Verwirrt blickte sie wieder durch die Torbögen in den Himmel. Wolken schoben sich auf die Sonne zu. Anfangs waren sie weiß, verdunkelten sich jedoch und türmten sich bedrohlich auf. Bald existierte in Vitas Blickfeld kein freies Stück Himmel – bis auf die Sonne. Die Wolken mieden sie, umrahmten sie nur.

»Das ist so …« Vita suchte nach passenden Worten. Doch sie war wie erschlagen. Sie konnte nicht fassen, was ihr Rakiyat zeigte und verstand nicht, wie sie es in ihr Weltbild einordnen sollte.

»Schräg und sensationell zu gleich«, half er ihr aus.

Stumm nickte sie.

»Du bist die erste Frau, die dieses Schauspiel sieht.« Er zog sie zu sich, schlang die Arme um ihre Hüften. »Vor dir waren nur zwei Männer hier.« Er machte eine Kunstpause, meinte wohl seinen Adoptivvater und sich. »Wo auch immer hier ist.«

»Und die Wissenschaftler?«

»Es muss Geheimnisse geben, meinst du nicht?«

Langsam nickte sie. Wie recht er doch hatte. Ohne Geheimnisse wäre das Leben langweilig gewesen.

Wie recht er doch hatte. Es war schön, einen Mann getroffen zu haben, der alles so richtig sah. Angesichts all dieses Wunderbaren fühlte sie sich in seinen Armen geborgen, sie verstand nicht, wie sie an ihm hatte zweifeln können. Plötzlich hatte sie das Bedürfnis zu reden und ihm anzuvertrauen, was niemand, nicht einmal Sulina, wusste.

»Erinnerst du dich an unser Gespräch zwischen den Blumen im Restaurant?«

Er nickte.

»Ich bin nun bereit, dir alles zu erzählen.« Sie horchte in sich hinein – es fühlte sich gut an. »Dank dir weiß ich, dass ich mich monatelang bestraft habe.«

»Deine Schwester?«, vermutete er.

Sie nickte.

»Wieso hast du dich selbst bestraft?«

»Weil ich …« Sie stockte, weil es ihr peinlich war und sie sich schämte.

Er umarmte sie, strich ihr tröstend über den Rücken. Sie spürte seine beruhigende Wärme und gab sich einen Ruck. »Ich trage die Schuld an Kodas Tod.«

»Du?«

Sie fühlte, dass er sie ungläubig anstarrte. Auch sein Atem ging einen Tick schneller.

»An jenem Abend hätten wir gemeinsam in den Club gehen sollen, aus dem sie letztendlich entführt wurde. Wir hatten uns in der Früh am Telefon wegen einer Nichtigkeit gezofft und daher habe ich sie versetzt.« Ihre Stimme wurde belegt und sie spürte den Druck um die Augen, der sie bald weinen lassen würde. Sie gab sich dem Schmerz hin. »Sie wäre noch am Leben, wenn ich bei ihr gewesen wäre.« Tränen kullerten über ihr Gesicht. Ihr Körper schüttelte sich, während Rakiyat weiterhin sanft ihren Rücken streichelte und sie festhielt.

»Und das Schlimmste dabei war, dass ich es gespürt habe.«

»Gespürt?«

»Koda und ich hatten seit der Kindheit eine Gefühlsverbindung. Selbst, wenn wir an unterschiedlichen Orten weilten, wussten wir, ob es der anderen gut oder schlecht ging. Und am Tag ihres Todes …« Sie stockte, weil sie die Erinnerung und das Grauen in Beschlag nahm. »Ich habe gefühlt, was ihr angetan wurde.«

Sie blickte hoch und er strich über ihre Wangen, die von den Tränen feucht waren.

»Ich war zu Hause, als ich zusammengezuckt bin. Im ersten Moment glaubte ich, dass mir jemand einen Nagel in den Kopf schlägt. Sulina, meine Kollegin hat mir danach erzählt, dass ich leichenblass geworden bin und eine Minute lang keine Reaktion gezeigt habe. Dann habe ich mich gehetzt umgeblickt und bin zusammengebrochen. Der Schmerz war unerträglich.«

Sie holte tief Luft.

»Nachdem ich im Rettungsauto aufgewacht bin, wusste ich, dass sie tot war. Etwas fehlte in meiner Seele, ich war nicht mehr vollständig.« Hilflos sah sie ihn an. »Verstehst du?«

Rakiyat nickte. »Ich helfe dir, diese Lücke zu füllen.«

Eine unheimliche Energie ging von ihm aus, stärkte sie und gab ihr Kraft. Sie fühlte sich von ihm verstanden. Er merkte wirklich, wie es ihr ging, und mochte sie dafür. Der Druck in ihren Augen verstärkte sich und sie schmiegte sich an ihn, lauschte dem Schlag seines Herzens und seinem Atem.

Sie dankte allen Göttern Cluvers und dem Schicksal, dass sie ihn zu ihr geführt hatten.

*

Irgendwann lösten sich die Wolken auf, die Sonne glitt über die Torbögen hinaus, verschwand über der Höhle und damit aus dem Blickfeld und brach den Bann.

Vita stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Rakiyat auf die Lippen. Er erwiderte ihren Kuss, sanft, fast schüchtern. Es fühlte sich gut an und verlangte nach mehr. Kurz blickten sie sich an und küssten sich erneut. Lange und intensiv.

Als sich ihre Lippen voneinander lösten, wusste sie, dass er ein unglaublich einfühlsamer Liebhaber sein würde. Ihre Intuition hatte sie in dieser Hinsicht noch nie getrogen.

»Du küsst unglaublich gut«, flüsterte er und streichelte ihre Wange.

»Das Kompliment gebe ich zurück.«

Hand in Hand stiegen sie die Stufen hinab in die Höhle. Wieder pulsierten die Zeichnungen, brachten sie auf unerklärliche Weise zurück nach Cluver. Einmal glaubte Vita, dass die Umgebung verschwamm, doch der Eindruck verschwand binnen eines Herzschlags.

Entlang des Flusses ging es zurück, bis sie wieder unter dem blauem Himmel Cluvers standen. Die Sonne war kleiner, wie gewohnt und die Hitze immer noch mörderisch.

Rakiyat trat zu ihr, nahm ihre Hand und dirigierte sie zur Villa. Dort hielt er sich nicht mit einem Rundgang auf, sondern führte sie direkt in das Schlafzimmer.

Während sie sich erneut küssten, spürte sie seine Erregung. Er hielt sie so fest, als wolle er über sie verfügen, aber bei ihm störte es sie nicht. Auch in ihrem Unterleib loderte ein Feuer. Sie wollte mehr, wollte ihn in sich spüren.

Seine Hände glitten unter ihr Shirt und er begann, ihre Haut zu streicheln. Prompt zuckte sie zusammen.

»Nicht«, keuchte sie. »Das kitzelt.«

»Gut zu wissen.« Erneut streichelte er sie, und zwar an genau derselben Stelle. Sie wand sich, versuchte, sich aus dem Griff zu winden. Er verhinderte es, in dem er sie auf das Bett warf und ihr Shirt hochschob. Mit dem Kinn fuhr er über ihren Unterbauch. Seine Bartstoppeln kratzten und sie wand sich erneut unter ihm. Langsam wanderte er ihren Bauch küssend nach oben und schob ihr dabei das Shirt weiter nach oben. Kurz darauf landete es gemeinsam mit dem Büstenhalter auf dem Parkettboden und er liebkoste ihre Brüste.

Als Revanche zerrte sie sein Shirt vom Oberkörper. Da er sich dazu aufsetzte, fuhr sie mit dem Zeigefinger seine Oberkörpermuskeln nach.

»Gut trainiert, Herr Durha«, sagte sie anerkennend.

»Alles nur für euch Frauen«, antwortete er feixend und schob sie wieder in die Waagrechte. Küssend wälzten sie sich ein paar Mal über das Bett, bis sie auf ihm zu liegen kam. Sie leckte an seinen Brustwarzen und glitt abwärts, um ihn von seiner Hose zu befreien. Kaum lag das Kleidungsstück am Boden, wuchtete er sie herum und entfernte auch bei ihr den unnötigen Stoff um Beine und Hüften.

Er legte sich auf sie, küsste sie lang und intensiv, während er sich zwischen ihren Beinen breitmachte. Er bewegte die Hüfte, foppte sie, bevor er richtig in sie eindrang.

Sie stöhnte, verdrehte die Augen und biss in seine Schulter, während er stumm blieb. Mit einfühlsamen Bewegungen steigerte er ihre Lust, griff nach ihren Armen, drückte sie über dem Kopf ins Kissen.

»Ich …«, keuchte sie. Ihre Lust steigerte sich, näherte sich dem Höhepunkt. Sie öffnete ihre Beine so weit wie möglich, hob ihr Becken, um ihn noch tiefer zu spüren, riss den Mund auf und schrie ekstatisch auf – als Rakiyat mitten in der Bewegung stoppte.

»Interessant«, sagte er. »Koda hatte die gleiche Tonhöhe wie du.«

Während ihr Körper danach schrie, dass er die Hüftbewegung fortsetzte, richtete sie ihren Blick auf sein Gesicht und versuchte, die Worte zu erfassen. Seine Gesichtszüge waren unbeteiligt und hart. Jedes Gefühl war aus seinem Gesicht gewichen. Wie ein Ding musterte er sie und verstärkte in ihr den Instinkt zu fliehen.

Gerade, als seine Worte richtig zu ihr durchdrangen und die nachklingende Lust versiegte, stieß er brutal zu. Sie schrie auf, als er immer roher in sie eindrang. Wimmernd wand sie sich unter ihm, strampelte mit den Beinen, versuchte, sich aus seinem harten Griff zu befreien.

»Hör auf!«, schrie sie ihn an. »Hör auf!«

Er hielt inne, lächelte sie an.

»Dein Wunsch ist mir Befehl!«

Mit dem Finger strich er über ihre Wange, dann holte er aus und schlug mit der Faust zu. Ihr Kopf flog zur Seite. Glühender Schmerz raste vom Nasenknochen abwärts durch ihren Körper. Dennoch brachte sie die Arme hoch und schlug nach ihm. Er schlug wieder zu und löschte ihr Bewusstsein aus.

*

Übergangslos kam Vita zu Bewusstsein, bereit zu kämpfen. Das langjährige Training zahlte sich aus, ihre Muskeln funktionierten. Mit erhobenen Fäusten richtete sie sich auf, doch das Schlafzimmer war leer. Mit der Erleichterung kam der Schmerz. Die Wange pochte, etwas verstopfte die Nase und sie spürte angetrocknetes Blut unter den Lippen.

Rakiyat hat …

Sie stockte, verweigerte die Erkenntnis, war für einen Moment nur leer.

Ihr Verstand rebellierte, wollte nicht wahrhaben, was passiert war. Er hatte sie mehrfach getäuscht. Ihr Herz heulte auf, schrie nach der Vergangenheit und hielt ihn immer noch für den perfekten Mann. Wie aus weiter Ferne kamen Gedanken.

Ich war so dämlich!

Schlagartig war der Ekel da. Sie spürte Rakiyat in sich, und zugleich … Es widerte sie an, dass er sie berührt hatte und in sie eingedrungen war. Am liebsten hätte sie ihren ganzen Körper abgerieben, um jede Berührung von ihm ungeschehen zu machen. Sie wollte schreien, hielt sich jedoch die Hand vor den Mund. Sie schwang sich aus dem Bett, kam schwankend auf die Beine, bemüht, das Grauen zu verdrängen. Sie musste aus dem Zimmer, musste Hilfe suchen und am besten gleich von dem Anwesen verschwinden.

Und dann komme ich mit einem Haftbefehl zurück!

Rasch zog sie sich das Shirt über, stieg mit zitternden Beinen in die Hose, rannte zur Tür, wollte sie aufreißen, doch sie war versperrt. Sofort lief sie zum Fenster, wollte es öffnen, doch es fehlte der Griff.

Wäre auch zu einfach, oder?

Sie sah sich um. Vielleicht gab es einen Kippschalter oder eine Fernbedienung.

Sie zerrte die Vorhänge beiseite.

Nichts!

Sie riss die Schubladen der Nachtkästchen auf und wurde erneut nicht fündig. Sie warf sich auf den Boden, sah unter dem Bett nach.

Ha!

Vor ihr lag das neue XTC, das Rakiyat ihr beim Abendessen geschenkt hatte. Es musste ihr aus der Hosentasche gefallen sein. Sie griff danach und tippte den Notruf ein.

Das Freizeichen ertönte.

Mach schon!

»Notrufzentrale«, meldete sich eine männliche Stimme, die jede Zeit der Welt zu haben schien. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich wurde vergewaltigt, befinde mich noch am Tatort, Durha Manor!«

»Ihr Name?«

»Vita Etan. Ich bin eine Kollegin.«

»Ist der Täter noch in der Nähe?«

»Es war Rakiyat Durha!«

Plötzlich hörte sie Schritte im Gang.

»Er hat auch meine Schwester, Koda Etan, ermordet.«

Der Schlüssel drehte sich im Schloss.

»Er kommt … seien Sie bitte leise. Ich lasse das Handy aktiviert.« Mit einer schwungvollen Bewegung ließ sie es über den Boden schlittern und unter dem Bett verschwinden.

Während sich die Tür öffnete, sah sie sich nach einer Waffe um.

»Oh, du bist schon bei Bewusstsein«, sagte Rakiyat.

»Du hast meine Schwester ermordet!«

»Nein, das war Allin Durha.« Seine Stimme drückte Bedauern aus.

Ja!, schrie sie ihm gedanklich entgegen. Das ist der Beweis, den ich brauche!

»Aber ich habe mir das Video angesehen«, fuhr er fort. »Allin war höchst kreativ.« Er kam auf sie zu.

»Mordet ihr immer abwechselnd?« Sie rückte von ihm weg, ging in Abwehrstellung und suchte einen Weg, an ihm vorbei aus dem Zimmer zu kommen.

Er deutete auf ihre erhobenen Fäuste. »Ich mag es, wenn ihr euch wehrt.«

»Ihr?« Blitzschnell sprang sie ihn an, schlug in Richtung seines Kehlkopfes, doch er wehrte sie ab und sie landete auf dem Boden.

»Normalerweise spielen wir gemeinsam mit den Mädels, aber bei deiner Schwester hat sich Allin nicht beherrscht und den Spaß ohne mich gehabt.«

Vita stand auf, griff nach dem Sessel der Kommode. »Rakiyat, wie viele Frauen haben du und dein Adoptivvater getötet?«

Er kam näher. Vita stieß den Sessel nach vorn, zielte auf sein Knie, streifte es aber nur.

Rakiyat brüllte auf, griff sich ans Bein. Sofort setzte sie nach, doch er wich ihr aus und riss ihr den Sessel auf den Händen.

»Mit dir werden es fünfzig.« Sie sah die Gier in seinen Augen. »Du bist ein würdiges Jubiläum.«

Er schlug zu. Sie blockte ab, versuchte, ihn mit den Beinen zu treffen, doch seine Schläge wurden immer schneller und härter. Instinktiv rückte sie nach hinten. Dann kam ein Schlag durch ihre Deckung, der sie ausknockte.

*

All have said their prayers

Invade their nightmares

See into my eyes

You’ll find where murder lies.

Harvester of Sorrow, METALLICA


Vita erwachte mit entsetzlichen Kopfschmerzen. Sie stöhnte, wollte sich bewegen und konnte nicht. Etwas hielt ihre Arme und Beine fest. Entsetzt blickte sie auf und bereute die Bewegung. Ihr Kopf schmerzte stärker.

Der Anruf bei der Notrufzentrale fiel ihr ein. Wann hatte sie telefoniert? Und wie viel Zeit war vergangen?

Auf jeden Fall musste die Polizei auf dem Weg sein. Es konnte also nicht mehr allzu lang dauern.

»Hallo, Schönheit.«

Rakiyat lehnte vor ihr an … an einem Felsen. Er hatte sie in eine Höhle gebracht und musterte sie mit gierigen Blicken. Seine Augen waren nicht mehr grün, sondern schwarz.

Das Schwein hat mich ausgezogen!

Instinktiv wollte sie mit den Armen ihre Brüste bedecken, doch die Fesseln an den Stalagnaten hinderten sie. Auch ihre Beine konnte sie nicht zusammenpressen, um ihm den Blick auf ihre Vagina zu versperren.

Die Nacktheit ist mein geringstes Problem, erkannte sie. Angst stieg in ihr auf. Sie wusste, was Allin und er mit den Frauen angestellt hatten.

Ich muss ihn beschäftigen, muss ihn von mir fernhalten, bis die Polizei eintrifft.

»Rakiyat, wenn du dich stellst …«

Er prustete los. »Das war der beste erste Satz von allen!« Er trat an sie heran. Angeekelt wich sie mit dem Kopf nach hinten. Dennoch verhinderte die Bewegung nicht, dass er ihre Wange streichelte. »Du bist etwas ganz Besonderes«, sagte er. Sein Atem kitzelte sie auf dem Hals. Ihr wurde schlecht. »Und einem Teil von mir tut wirklich leid, dass ich dich hintergangen habe.«

»Dann lass mich frei«, witterte sie ihre Chance.

»Dummerweise ist der andere Teil stärker.«

»Kämpfe ihn nieder.« Eine Idee blitzte auf. »Wir können Allin alles in die Schuhe schieben und noch einmal von vorn beginnen. Wir …«

Eine Ohrfeige brachte sie zum Schweigen.

»Du beleidigst meine Intelligenz.« Mit einem Lächeln sah er auf den Tisch neben sich, auf dem … sie schluckte … Skalpelle, Kneifzangen und andere Folterwerkzeuge lagen. Verzweifelt zerrte sie an den Fesseln, drehte die Arme, versuchte, die Hände herauszuziehen, während er von ihr einen Schritt zurücktrat.

»Kompliment zu deinem makellosen Körper. Sport zahlt sich aus«, sagte er. »Ich danke dir, dass du für diesen, unseren Moment intensiv trainiert hast.«

Sie spuckte in seine Richtung, verfehlte ihn aber. »Was bist du?«, herrschte sie ihn an. »Geilt es dich wirklich auf, Frauen zu töten?«

Etwas schrie bei dem Wort auf. Sie wollte nicht sterben.

»Das allein wäre zu langweilig. Ich bevorzuge den Teil davor.«

Ihre Gedanken ratterten. Wie konnte sie ihn hinhalten, bis die Polizei eintraf?

»Rakiyat, da ist etwas zwischen uns!«, versuchte sie es erneut. »Du hast das doch auch gefühlt.«

Er kam erneut näher. »Ich habe in der Tat etwas gefühlt.«

»Eben, eben.« Sie leckte sich über die Lippen, schmeckte eingetrocknetes Blut. »Es waren unglaubliche Tage … wir sind uns näher gekommen … ich habe mich bei dir geborgen gefühlt … habe dir mein schlimmstes Geheimnis anvertraut …« Sie hasste sich für diese Worte, hätte sich am liebsten übergeben. »Und ich habe dir einmal verziehen und ich kann es ein weiteres Mal«, überwand sie sich.

Er blickte ihr direkt in die Augen. »Ja, du warst so voller Misstrauen und hast dich mir doch geöffnet. Das war ein edler Zug von dir.«

Hoffnung keimte in ihr auf.

»Du hast mich wirklich geliebt, nicht wahr?«, fragte er.

Sie nickte. »Ich tue es immer …«

Der Faustschlag in ihren Magen zerstörte den aufgeflackerten Optimismus.

»Wenn du mich noch einmal verarschst, reanimiere ich dich öfter als einmal!«

Vita starrte ihn an, versuchte, das Gehörte zu verdauen.

Er riss ihren Kopf an den Haaren nach oben. »In den letzten Tagen habe ich mich innerlich in deiner Gegenwart übergeben, weil ich deinen Traummann spielen musste.« Sein gieriger Atem strich über ihren Hals. »Deine Arroganz und deine Anforderungen an die Männerwelt kotzen mich an. Du hast den charmanten Eroberer, den Frauenversteher nicht verdient.« Er zog ihre Haare noch einmal so hart nach oben, dass ihre Kopfhaut schmerzte. »Weil du nichts zu bieten hast, außer deinem Aussehen. Du bist nur eine arrogante Zicke, ein wertloses Stück Dreck, das glaubt, wichtig zu sein, weil es eine Frau ist.«

Sie wollte protestieren, verstummte aber vor Angst, ihn noch mehr zu reizen. Wo blieb die Polizei?

»Wenn ich daran denke, wie du während deiner Auszeit mit den Männern umgesprungen bist, könnte ich dir ins Gesicht kotzen.« Er schüttelte sich. »Und dann deine Erkenntnis im Restaurant. Am liebsten hätte ich dort schon zugeschlagen.«

Vita starrte ihn an. Woher wusste er, was sie auf der anderen Seite des Planeten getan hatte?

Er grinste. »Ich habe dich beobachtet, war jeden Tag am Strand nur ein paar Meter von dir entfernt.« Er tippte sich ins Gesicht. »Aber da hatte ich ein entstelltes Gesicht und war Luft für dich.«

Sie versuchte sich zu erinnern, doch ihr war kein Mann mit dieser Beschreibung aufgefallen.

»Während du die Männer heißgemacht hast, um sie dann aus deinem Strandhaus auszusperren, habe ich mich mit deinem Tagebuch vergnügt. Das waren sehr interessante Einblicke in deine Seele.«

Sie unterdrückte ein Stöhnen. Schlimm genug, dass er sie beobachtet hatte, aber dass er sogar ihre intimsten Geheimnisse kannte, war wie ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht.

Todesangst kroch in ihr hoch. Er hatte das alles von langer Hand geplant, ihr nicht den Hauch einer Chance gelassen.

»Hast du ohne mich angefangen?«, fragte ein Mann hinter Rakiyat, dessen Schemen sich im Halbdunkel abzeichnete. Vita blinzelte. Wo hatte sie die Stimme schon gehört?

»Keine Sorge, noch ist nicht passiert, Allin«, sagte Rakiyat.

»Das beruhigt mich. Es ist immerhin unser erstes Geschwisterpaar.«

Rakiyat ließ von ihr ab und Vita sah Allin Durha ins Licht treten. »Du hast am Telefon geflunkert«, sagte er gönnerhaft. »Du hast das Wort ›suspendiert‹ vor ›Kollegin‹ vergessen.«

Schlagartig wusste sie, woher sie seine Stimme kannte. Er war der Mann, der sich in der Notrufzentrale gemeldet hatte. Panik erfasste sie.

»Ich liebe diesen erkennenden Gesichtsausdruck.« Er fischte ihr Mobiltelefon aus der Hosentasche. »Niemand kommt, um dich zu retten, du gehörst ganz uns.«

Vita schrie, zerrte an den Fesseln, suchte mit jagenden Gedanken nach einer Lösung.

Allin zog mehrere Geldscheine aus der Hosentasche, fächerte sie auf und zog den kleinsten heraus.

»Ich bin immer noch beleidigt«, sagte Rakiyat, »dass du mir nicht zugetraut hast, sie beim dritten Treffen ins Bett zu kriegen.« Rakiyat griff nach dem Schein, doch Allin zuckte zurück.

»Eigentlich war es ja das vierte.«

»Sei nicht so kleinlich.« Rakiyats Arm schoss nach vorn und schnappte sich den Schein. Triumphierend hielt er ihn in die Luft.

Panikerfüllt zerrte Vita an den Fesseln. Es musste einen Weg geben, diesen beiden Irren zu entkommen.

»Süß, wie sie sich anstrengt.« Allin lachte, kam näher. »Rakiyat hat mir erzählt, du hast den Moment von Kodas Tod gefühlt. Dank des Autopsieberichts weißt du, was ich mit ihr gemacht habe.« Er kratzte sich an der Wange. »Aber Fotos und Worte drücken das ja nur ungenügend aus.«

Sie spuckte ihm ins Gesicht. Er wischte den Speichel nicht weg, ließ ihn von der Wange tropfen.

Ruhig nahm er einen goldenen Reifen vom Tisch, steckte ihn ihr über die Stirn. »Ich schenke dir eine Vorahnung, wie wir uns mit dir unterhalten.« Er tippte an das Stirnband, das sich erwärmte. Etwas öffnete ihr Bewusstsein und schleuderte sie in Allins Gedankenwelt. Sie sah, wie er mit erigiertem, tropfendem Penis vor Kodas blutverschmiertem, nacktem Körper stand, den Lötkolben in der Hand.

Sie schrie, versuchte, das Bild aus ihrem Kopf zu verbannen, versuchte, um sich zu schlagen. Zugleich zerbrach etwas in ihr und sie schloss mit dem Leben ab.

»Ich denke, meine Vorschläge stoßen auf Gegenliebe.«

»Sieht so aus«, bestätigte Rakiyat und trat an Allin heran, das Skalpell in der Hand. »Ich, meine Schöne, werde mich für jede Minute, die ich in den letzten Tagen schauspielern musste, doppelt und dreifach revanchieren.«

Sie hörte ihn schon fast nicht mehr, hatte sich tief in sich selbst zurückgezogen. Sie war wieder fünf Jahre alt und hüpfte Hand in Hand mit ihrer Schwester auf dem Strand von Intut. Sie lachten, als sie so toll ins Wasser sprangen, dass es bis in ihre Gesichter spritzte. Vita fühlte die Feuchtigkeit auf ihrem Körper, fühlte, wie das Meerwasser an ihr hinab lief und ein Riss zwischen den Wellen entstand …

^

10.

Zwei Tage später

The universe is hostile

So impersonal

Devour to survive

So it is

So it’s always been.

Vicarious, TOOL


Rakiyat zerteilte sein zweites, gebratenes Frühstücksei, als ihn einer der Pförtner anrief.

»Vor mir steht eine Polizistin, die Sie sprechen möchte.«

»Dann bringen Sie sie zu mir.«

Nachdem der Wachmann bestätigt hatte, wappnete sich Rakiyat für das Gespräch.

Es wird sicher unterhaltsam!

Der Kies knirschte, als das schwarze Dienstauto stehen blieb. Beide Türen öffneten sich und von der Beifahrerseite stieg einer der Wachleute aus. Die Sicherheitsvorschriften innerhalb von Durha Manor waren strikt. Jeder Besucher wurde von einem Wachmann vom Tor bis zum Ziel begleitet und wieder hinausgebracht – selbst die Polizei.

Während der Sicherheitsmann zurückblieb, stieg eine blonde Frau die fünfzig Stufen zur Terrasse hoch. Sie blinzelte, weil die Sonne, die sich über die Villa stemmte, sie blendete. Die Strahlen spiegelten sich bereits im See und tauchten ihn in ein sattes Gold.

Gelassen schob Rakiyat ein Stück Speck in den Mund, während die Frau die Terrasse betrat. Die Schultern waren kampflustig nach vorn gezogen. Ihr Gesicht war voller Wut und Hass. Unter den gefärbten, schulterlangen Haaren schimmerte schwarzer Haarschopf. Für ihr Alter war sie attraktiv, hatte aber etwas Ordinäres an sich. Die Ringe unter den Augen zeugten vom aufreibenden Einsatz gegen das Verbrechen.

»Wo ist sie?«, schnauzte sie ihn an. »Was haben Sie mit ihr gemacht?«

Innerlich grinsend zerschnitt er das Eigelb. Zähflüssig breitete es sich auf dem weißen Porzellan aus. »Ich wünsche Ihnen ebenfalls einen wunderschönen Tag. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich vorzustellen?«

»Sie wissen, wer ich bin!«

Er schob das Eigelb in den Mund. Es machte Spaß, sie zu provozieren. »Der Wachmann sagte etwas von Polizei.« Er kaute fertig. »Wir Durhas sind Förderer und Unterstützer der hiesigen Polizeibehörden. Was also führt Sie zu mir, unbekannte Polizistin?«

Sie zog ihren Ausweis, hielt ihn vor sein Gesicht.

»Sulina Jalpa«, las er. Bedächtig tupfte er mit der Serviette den Mund ab, genoss, wie die Wut in ihr kochte. »Kaffee? Tee? Alkohol?«, fragte er und stellte sie sich nackt auf dem Tisch vor, gefesselt, mit gespreizten Beinen und roten Striemen am Arsch.

Sie reagierte nicht.

»Was kann ich für Sie tun, Frau Jalpa?«

»Wo ist Vita Etan?«

»Das wüsste ich auch gern.« In der Erinnerung trennte er Vitas Kopf vom Körper. »Ich habe seit drei Tagen nichts mehr von ihr gehört.« Er schob das Tablett mit dem Essen an die Tischkante. »Ich bin ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht, dass sie sich nicht meldet.« Er verzog bedauernd den Mund. »Warum sucht sie die Polizei?«

Sulina rang mit sich. Ihre Lippen bebten, sie atmete schnell. Vermutlich suchte sie nach Schimpfwörtern.

»Sie haben sich vor drei Tagen mit ihr getroffen.«

Rakiyat hob die Augenbraue. »Wenn Sie schon so gut informiert sind, wissen Sie sicher, dass ich sie am Morgen nach unserem Treffen nach Hause gebracht habe«, log er. Am Morgen danach, als Vita zwischen Leben und Tod hin- und her pendelte, war er mit ihren Habseligkeiten und einer täuschend echten holografischen Animation zurück in ihre Wohnung gefahren. Die Kleidung war in der Wäsche gelandet und das Telefon auf der Kommode – nachdem er den Anruf beim vermeintlichen Notruf gelöscht hatte. Auch bei der Telefongesellschaft würde er nicht auffallen. Mit Hilfe der cluverianischen Technik hatte er den Anruf umgeleitet.

Aus der Wohnung hatte er ein schwarzes Abendkleid, passende Unterwäsche und Schuhe mitgenommen und sie nach der Rückkehr nach Durha Manor verbrannt.

»Ich habe Vita am Nachmittag angerufen, aber es ist nur ihre Mobilbox angesprungen. Auch die anderen Tage hat sie nicht zurückgerufen.« Er beugte sich vor, dachte daran, dass er ihr Telefon in einem Park entsorgt hatte. »Ist ihr etwas passiert?«

Sie studierte sein Gesicht, aber darin gab es nichts zu lesen.

»Gibt es eine Vermisstenanzeige?«, fragte er, weil sie schwieg.

Stumm schüttelte sie den Kopf.

Er stand auf. »Sobald Sie etwas von ihr hören, sagen Sie ihr, dass ich sie vermisse. Sie soll mir sagen, wenn ich ins Fettnäpfchen getreten bin.«

»Sie verdammter …« Im letzten Moment beherrschte sie sich. Sie warf ihm einen »Ich kriege dich, du Schwein«-Blick zu, drehte sich wortlos um und stapfte zur Terrassentreppe.

»Frau Jalpa!«, rief er ihr innerlich grinsend nach. Bald würde sie Vita finden, aufgeteilt auf vier verschiedene Stellen in der Stadt. Die Polizistin ging weiter, blieb nicht stehen. »Ich hoffe, Sie finden Vita!«

Zumindest das, was wir von ihr übrig gelassen haben, ergänzte er den Satz in Gedanken.

*

Vier Tage später

Rakiyat saß vor Sulina Jalpas Büro und spielte mit dem Mobiltelefon, als sie endlich aus der Besprechung kam.

»Was tun Sie hier?«, schnauzte sie ihn an. Ihre Augenringe waren dunkler geworden.

Er tippte auf das folierte Besucherschild an seiner Brust. »Ich muss mit Ihnen reden.«

»Wollen Sie ein Geständnis ablegen?«

Er stand auf, deutete in ihr Büro. Widerwillig ging sie hinein. Vermutlich hatte sie eine Gänsehaut, weil sie ihn in ihrem Rücken wusste und ihn nicht beobachten konnte. Sie drehte sich um, blieb vor dem Schreibtisch stehen, während er die Tür schloss. Der Geruch von Kaffee schwebte im Raum, hatte sich im Laufe der Jahre in jeder Ritze festgesetzt. Rakiyat glaubte, sogar Rum zu riechen.

»Was wollen Sie?«, fragte sie, ohne sich die Mühe zu geben, die Wut und den Zorn zu unterdrücken. In ihrem Gesicht arbeitete es. Vor zwei Tagen war Vitas Leiche gefunden worden, aufgeteilt auf vier verschiedene Punkte in Milio. Der mediale Wirbel war enorm. Der Chef der Sonderkommission stand gewaltig unter Druck. Immerhin gab es nun Opfer Nummer Vier und keinen Verdächtigen.

»Unser erstes Treffen«, sagte er, »verlief unglücklich.« Er lächelte zerknirscht. »Ich fürchte, ich war etwas arrogant. Dafür entschuldige ich mich.«

Irritiert sah sie ihn an.

»Und ich konnte nicht reden. Durha Manor wird total überwacht.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wir sind dort nicht ungestört.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber ich bin wegen etwas anderem hier. Vita …« Er stockte, schluckte. »Lassen Sie mich eines klarstellen: Ich habe Vita nicht ermordet!«

Sulina öffnete den Mund, doch er hob die Hand, verhinderte eine Wortmeldung. »Vita hat mir anvertraut, dass sie meinen Adoptivvater und mich für diesen irren Serienmörder hält.« Angewidert verzog er die Lippen. »Ich war schockiert über diese Verdächtigung und konnte ihr das Gegenteil beweisen. Möglicherweise hat sie Ihnen davon erzählt.«

Sulina nickte. »Hat sie.«

»Ich möchte jetzt gar nicht nachhaken, warum Sie mich dennoch vor ein paar Tagen aufgesucht und verdächtigt haben.« Er richtete den Blick ins Leere, atmete lautstark aus. »Ich habe mich in Vita verliebt. Ich habe mit ihr eine Zukunft gesehen. Verstehen Sie? Gemeinsames Frühstücken am Sonntag im Bett, kuschelnd auf der Couch lesen und lachen über blöde Witze einer Vormittagsserie im Fernsehen, gemeinsam die Zeit vergessen …«, zitierte er aus Vitas Tagebuch.

Sulinas Skepsis bekam erste Risse. Sie wusste garantiert, wie ihre Ex-Partnerin sich eine Beziehung vorstellte. Und Vita hatte nur in den höchsten Tönen von ihm gesprochen. »Stimmt Vitas Verdacht bezüglich meines Adoptivvaters?«

»Sie wurde deswegen suspendiert.«

»Stimmt er?«

Sulina wich seinen Blicken aus, schaute an ihm vorbei.

»Stimmt er?«

»Ich weiß es nicht!« Sie hob die Arme. »Es gibt keine Beweise für …«

»Sprechen Sie weiter«, forderte er sie auf.

»Verdammt, das sind Interna!«

»Falls mein Adoptivvater Vita getötet hat … falls er all diese Frauen auf dem Gewissen hat, will ich ihn im Gefängnis sehen. Lieber wäre mir, er wäre dann zwar tot, aber es gibt keine Todesstrafe mehr.« Er biss die Zähne stark aufeinander, spürte, wie seine Backenknochen unter der Haut sichtbar wurden. »Ich helfe Ihnen, ihn zu fassen.« Er nickte auffordernd. »Sagen Sie mir, was Sie brauchen und ich liefere es Ihnen.«

»Sie können keine Beweise herzaubern!« Sie schob einen der Aktenberge auf dem Schreibtisch beiseite und lehnte sich an die Schreibtischkante. Hinter ihr rollte ein Kautschukball zu Boden, den sie vermutlich zum Stressabbau verwendete. »Wir sind alles hunderte Male durchgegangen.«

»Zeigen Sie mir die Akten.«

»Jetzt gehen Sie zu weit!«

»Ich wusste, dass Sie so reagieren.« Er deutete auf den altertümlichen Festnetzapparat. »Rufen Sie den Polizeipräsidenten an!«

»Wozu?«

»Er wird mich in die Ermittlungen einbinden.«

»Also hören Sie mal …«

Erneut deutete er auf das Telefon. »Rufen Sie ihn an!«

Sie starrte ihn an, öffnete den Mund, schien nicht glauben zu wollen, was er von ihr forderte.

»Sie wissen, welche Macht der Name Durha hat.« Er beugte sich vor, hob den Hörer ab und hielt ihn ihr hin. Seit Jahren förderten Allin und er den Wohltätigkeitsverein des Polizeipräsidenten.

Sie rang mit sich. Sie verdächtigte ihn, ein Serienmörder zu sein, und nun sollte sie zulassen, dass er ihr half?

»Das kann er nicht tun«, flüsterte sie.

»Wird er. Glauben Sie mir.« Er drückte ihr den Telefonhörer in die Hand. »Ich bin Ihre einzige Chance, an Allin Durha heranzukommen und ihn im Fall des Falles zu überführen.«

Widerwillig wählte sie. In den nächsten zwei Minuten sagte sie achtmal »Jawohl, Herr Polizeipräsident«. Mit jedem dieser Sätze verfinsterte sich ihre Miene. Schließlich schlug sie den Hörer auf, presste die Zähne aufeinander, vermutlich um den Fluch in sich zu halten, und griff nach einer der Akten am Schreibtisch. »Bringen Sie ihn zur Strecke!«

*

Drei Tage später

Unangekündigt betrat Rakiyat mit einer Mappe in der Hand Sulinas Büro. Drei Männer saßen vor ihrem Schreibtisch, jeder mit Unterlagen auf dem Schoß.

»Ich habe gerade eine Besprechung«, fauchte sie ihn an.

»Die soeben zu Ende ist. Schicken Sie die Leute weg!«

Sulina brauchte zwei volle Sekunden, um die Forderung zu verarbeiten. Es rumorte in ihr. Sie hatte sich noch nicht damit abgefunden, dass er Akteneinsicht hatte.

»Ihr habt ihn gehört«, murmelte sie.

Alle drei erhoben sich kopfschüttelnd. »Scheiß Neureiche«, sagte einer der Polizisten im Vorbeigehen. Rakiyat sparte ihm einem gebrochenen Kiefer und wartete, bis die Tür zukrachte.

»Ich denke, ich habe Ihre Beweise.«

Sulina verschränkte die Arme.

»Auf den Opfern vor Koda Etan fand man Spuren von Filmoos, einem seltenen Gewächs, das nur im Nordosten von Tyrn vorkommt.«

»Ich kenne die Akte. Wir haben alle Blumenliebhaber verhört, denen es gelungen ist, die Pflanze auf Tremper zu züchten.« Sie sah ihn herablassend an. »Alle haben ein Alibi.«

»Einen haben Sie übersehen.«

Sie hob die Augenbrauen.

»Allerdings können Sie von ihm nichts wissen.« Er lächelte. »Allin Durha züchtet ebenfalls Filmoos.«

Sie runzelte die Stirn, zweifelte. »Sie sprachen von Beweisen.«

»Um Ihre Zweifel zu zerstreuen, habe ich recherchiert. Auf Durha Manor leben neben meinem Adoptivvater und mir achtundvierzig Angestellte. Obwohl wir sie vor der Einstellung überprüft haben, habe ich dies erneut veranlasst. Keiner von ihnen kommt als Täter in Frage.«

Sulina beugte sich nach vorn. Sie griff nach einem Kautschukball und begann, ihn zu kneten.

»Nur damit Ihnen klar ist, was ich hier für Sie tue: Allin Durha hat die Grundlage für meine Bildung und meinen Reichtum gelegt. Ohne ihn wäre ich noch in diesem scheiß Waisenhaus.« Er hielt inne. »Ein Teil von mir hasst mich für das, was ich Ihnen gleich sagen werde, fordert mich auf, loyal zu sein.«

»Aber er hat sich an der Falschen vergriffen.«

Rakiyat nickte. »Der Wunsch nach Gerechtigkeit gepaart mit Rache ist stärker als meine Loyalität.«

Sie legte den Kautschukball weg, beugte sich vor. »Was haben Sie für mich?«

»Allin hütet seine Lieblingspflanzen höchst persönlich. Kein Gärtner darf in diesen Bereich, nicht einmal ich.«

»Aber es könnte jeder dort hinein?«

»Dann wäre er gekündigt.«

»Das ist noch kein Beweis.«

»Und was sagen Sie dazu?« Er nahm ein paar Fotos aus der Mappe, wedelte damit in der Luft und warf sie auf den Schreibtisch. »Ich habe mich in Bereichen von Durha Manor umgesehen, die mich bislang nicht interessiert haben.«

Sulina griff danach und blickte sie der Reihe nach durch. Sie zeigten Aufnahmen einer zur Folterkammer umfunktionierten Höhle. Mit jedem Foto wurde sie blasser. Ihre Hände zitterten.

»Unterhalb von Durha Manor befindet sich ein ausgedehntes Höhlensystem.« Er fischte zwei Plastiksäckchen aus der Mappe. »Auf einer der Vorrichtungen war Blut.« Er warf beide auf den Schreibtisch. »Im zweiten sind Haare von Allin Durha.«

Sie starrte ihn an, schien nicht glauben zu können, dass sich der Fall so einfach lösen ließ.

»Jagen Sie es durch die Polizeilabors, vergleichen Sie die Proben und sagen Sie mir telefonisch das Ergebnis. Ich muss jetzt meinen Kopf klar kriegen.«

Rakiyat drehte sich um und verließ den Raum. Schritt Eins seines Planes war somit abgehakt.

*

»Rakiyat! Wach auf!«

Widerwillig öffnete er die Augen, versuchte, in der Dunkelheit die Umrisse oder die männliche Stimme zuzuordnen.

»Die Polizei ist vor Durha Manor!«, rief Allin Durha. Er klang hektisch.

Sofort war Rakiyat wach und hörte gedämpftes Rattern von Schüssen und Schreie durch das geschlossene Fenster.

»Was wollen sie?« Kalte Entschlossenheit durchströmte ihn. Er hatte alle Figuren auf dem Spielfeld in Stellung gebracht, musste nur noch das Finale einläuten.

»Was werden sie wohl wollen?« Allin wandte sich zur Tür. In der Hand hielt er eine Pistole. »Es gibt einen Haftbefehl.«

»Scheiße.« Rakiyat sprang aus dem Bett, zog sich rasch an. »Die Wachleute …?«

»Halten die Polizisten auf.« Allin verließ den Raum. »Noch.«

Sie liefen durch den Korridor. »Wir sprengen Durha Manor und hauen ab nach Ermio.«

»Sicher, dass sie dich nicht ausliefern?«

»Ich habe sogar mehrere Millionen Gründe, die ich in die Wirtschaft und auf Schwarzgeldkonten der regierenden Familie verteilt habe.«

Eigentlich hätten sie mit der K’TEA auch den Planeten verlassen können, aber der Bordrechner hatte sich beharrlich geweigert, Rakiyat als Befehlshaber anzuerkennen.

»Nicht solange du von einem Cluverianer beeinflusst wirst«, hatte der lapidare Kommentar gelautet. »Sei du selbst, und ich gehorche dir.«

Vor ihnen barst ein Fenster und ein kleiner Gegenstand flog in den Gang.

»Tränengas!«, rief Allin.

Sofort hielt sich Rakiyat den Arm vor Mund und Nase. Mittelfristig ein untaugliches Mittel, aber es genügte, um aus dem Bereich zu entkommen.

Sie sprangen in den Aufzug, der sie tief ins Innere des Felsens brachte, auf dem Durha Manor errichtet worden war. »Welche Beweise haben sie, dass ein Gericht auf mich einen Haftbefehl ausstellt?«, fragte Allin.

»Wüsste ich auch gern«, log er.

Nachdem Allin und er sich mit Vita vergnügt hatten, hatte er die Leiche mit alyskischer Technik gereinigt. Dummerweise hatte er einen winzigen Fleck Blut übersehen …

Der Aufzug hielt. Rakiyat wandte sich nach links, während Allin in die andere Richtung abbog. Irritiert blieb Rakiyat stehen. »Wo willst du hin?« Er deutete nach vorn. »Zu den Bomben geht es dort hin.«

»Ich … ich muss noch etwas holen.«

Rakiyat runzelte die Stirn, obwohl er längst wusste, dass Allin von jedem Tatort eine Trophäe mitgenommen hatte. Er mimte den Überraschten. »Sag mir nicht, dass du hier Dinge von deinen Opfern aufbewahrst.«

Allin blickte starr an ihm vorbei.

»Du Vollidiot!«, schimpfte Rakiyat. »Hol sie, und wir treffen uns anschließend in der Höhle.«

*

»Da bist du ja endlich«, sagte Rakiyat, als Allin mit einem kleinen Koffer in der Hand die steinernen Stufen hinunter lief. »Ich habe meine Bombe bereits aktiviert.« Er deutete zu Allins Felsenraum, zu dem ein kurzer Gang führt. Unsichtbare Scanner durchleuchteten sie, prüften die Individualimpulse. Allin nannte seine Codewörter und die Felswand glitt nach oben. Gleich neben der Tür stellte er den Trophäen-Koffer ab und machte sich am Computer zu schaffen.

Rakiyat kratzte sich am Oberarm, in dem die Minibombe steckte, mit der ihn Allin seinerzeit gefügig gemacht hatte. Der Auslöser verbarg sich immer noch in Allins Ring, den er nie ablegte.

Auf zum finalen Kapitel!

»Wie sind eigentlich meine Eltern gestorben?«, fragte er seinen Adoptivvater.

»Wie kommst du jetzt darauf?« Allin tippte Befehle in die Tastatur, drehte ihm weiterhin den Rücken zu.

»Wegen des Datums. Vor einer Dekade sind wir auf Cluver gelandet.«

»Zuerst drängst du mich zur Eile und nun fragst du mir Löcher in den Bauch?« Verärgert schüttelte er den Kopf.

»Wir haben nie darüber gesprochen.«

»Wozu auch? Sie sind tot und längst verrottet.«

Rakiyat spürte einen Stich im Herzen. Obwohl er sie immer provoziert hatte und ein hinterlistiger Arsch gewesen war, schmerzten ihn die Worte. Es waren seine Eltern, sie hatten ihn gezeugt, ihm Leben geschenkt. Ohne sie wäre er nicht im Universum und könnte seine Triebe nicht ausleben. Dafür zumindest verdienten sie Respekt.

Niemand spricht so über meine Eltern!

Zorn erfasste ihn, ließ ihn zittern. Er unterdrückte den Impuls, sich auf Allin zu stürzen. »Beantworte meine Frage!« Rakiyat wunderte sich selbst über die Kälte in seiner Stimme.

Allin hielt inne, drehte sich um, blickte ihm in die Augen, blinzelte, dann verschwand die Unsicherheit aus seinem Gesicht. »Dein Vater ist ausgeblutet. Bei deiner Mutter ging es schnell.«

»Sag mir die Wahrheit!«

»Du willst es wirklich wissen?« Allin lächelte, kam näher. »Hältst du die Wahrheit aus, kleiner Rakiyat?« Er begann, den Ring zu drehen, in dem der Auslöser für die Minibombe steckte.

»Ich vertrage sie.«

Allin tippte auf den Ring. »Deinem Vater habe ich die Kehle durchgeschnitten.« Er legte den Zeigefinger unter das Ohrläppchen. »Du weißt ja, du musst richtig fest andrücken, damit du von einem Ohr zum anderen kommst, musst oberhalb des Kehlkopfes schneiden.«

Die Worte schmerzten auf eine seltsame Art und Weise. Es störte ihn zu hören, dass sein Vater gelitten hatte. »Und Mutter?«

Prüfend sah ihn Allin an, schien zu überlegen, ob er wirklich mit der Wahrheit herausrücken sollte.

»Na, was werde ich wohl mit ihr gemacht haben?« Er grinste dreckig, machte eine eindeutige Hüftbewegung. »Mein übliches Programm von damals halt.«

Rakiyat ballte die Fäuste. Seine Mutter hatte nicht verdient, auf diese Weise zu sterben.

Vor allem nicht, davor gefoltert zu werden.

»Spiel jetzt nicht auf moralisch hochstehend! Denk daran, dass deine Opfer auch Mütter hatten oder waren.«

Rakiyat schnaufte. Natürlich hatte Allin recht, dennoch störte ihn die Art, wie seine Eltern gestorben waren, und dass sie von einem Hinterwäldler getötet worden waren.

Das ist eines Alyskers unwürdig!

»Zieh die Schultern hoch und denk nicht mal daran, dich auf mich zu stürzen«, sagte Allin. »Nach all dem, was du … was wir mit den Frauen in den letzten Jahren gemacht haben, steht es dir nicht zu, dich aufzuregen.« Er zuckte mit den Schultern. »Im Vergleich zu heute war ich mit deiner Mutter geradezu sanftmütig.«

Rakiyat schluckte. Er wusste, was Allin unter sanftmütig verstand. Seine Mutter hatte gelitten und sich vor Schmerzen die Seele aus dem Leib geschrien. Er erinnerte sich an seinen stillen Schwur, sich zu rächen.

»Ich habe damals über den Mord an meinen Eltern hinweggesehen, weil mein Volk eine unverkrampfte Einstellung zum Ende des Lebens besitzt.«

»Du drohst mir? Willst dich rächen?« Allin hob den Arm, zeigte auf den Ring. »Hast du vergessen, dass eine Bombe in dir steckt?«

»Die ich längst entschärft habe.«

»Wie hättest du das tun sollen?«

»Ich war oft genug allein in der K’TEA, meinem Raumschiff.«

»Der Rechner hat dir das Kommando verweigert, warum sollte er dich bei der Entschärfung unterstützen?«

Rakiyat lächelte. »Er hat sich geweigert, mich als Kommandanten anzuerkennen, solange ich von dir beeinflusst bin. Dieser Einfluss ist seiner Meinung nach vor vier Jahren erloschen.«

Allins Gesicht blieb ausdruckslos. »Was hat dich hier gehalten?«

Er hörte an der Tonlage, dass Allin ihm nicht glaubte.

»Ich wollte ein paar Dinge perfektionieren.«

»Ist es dir gelungen?«

Rakiyat nickte.

Allin drehte noch immer den Ring am Finger. »Du willst mich also verlassen.«

Er nickte erneut. »Davor sorge ich für Gerechtigkeit.«

»Du sorgst für Gerechtigkeit?« Allin neigte den Kopf, zog die Augenbrauen zusammen. »Du kleiner Pisser hast keine Ahnung von …« Er stockte, dachte offenbar weiter. Sein Gesicht verfinsterte sich. »Du hast mich verpfiffen!« Seine Stimme wurde höher. Er blinzelte. »Du hast die Polizei hierher gebracht!«

»Ich bin nur meiner staatsbürgerlichen Pflicht nachgekommen.«

»Hast du dich ebenfalls angezeigt?«

»Die Beweise deuteten leider alle ausschließlich auf dich.«

Allin lachte auf, wurde aber sofort wieder ernst. »Du kleiner Scheißer stirbst jetzt.« Er tippte dreimal gegen seinen Ring.

Obwohl Rakiyat die Bombe entschärft hatte, verkrampfte sich sein Magen.

Eine Sekunde verstrich. Dann eine zweite, und nichts geschah.

Wutentbrannt hieb Allin erneut auf den Ring.

Irgendwie tut er mir leid. Andererseits …

»Wir kriegen Besuch.« Rakiyat deutete auf die Bildschirme. Die Spezialeinheiten hatten die Wachleute überrannt und schwärmten in der Höhle aus.

Allin strich sich über das Kinn. »Sieht aussichtslos aus.«

»Zumindest für dich.« Er lächelte. »Ich rate dir, dich zu ergeben.«

»Nichts ist aussichtslos, mein lieber Rakiyat. Wir fahren gemeinsam zur Hölle, und dort reiße ich dir den Arsch auf.« Er drehte sich zur Tastatur, hieb auf eine Taste und zündete die Bombe.

Die Detonation riss den Boden auf. Durha Manor zerbarst. Die Schallwelle ging der Druckwelle voraus. Im Wald des Anwesens schreckten Vögel auf, flohen kreischend, bis die Detonationswucht sie vom Himmel holte. Polizisten, Autos und alles, was nicht fest verankert war, wurde durch die Luft geschleudert. Mauerstücke rasten wie Geschosse durch die Luft, fällten Bäume und zogen Furchen in die sorgfältig gepflegten Wiesen.

Sogar der Boden in Rakiyats Villa vibrierte. Bilder flogen von den Wänden, Glas splitterte. Nur die Übertragungsprojektoren im Arbeitszimmer blieben unbeeindruckt und surrten leise vor sich hin, zeigten aber keine Bilder mehr aus der Höhle. Mit einem Sensordruck deaktivierte Rakiyat die Geräte. Allin hatte bis zum Schluss nicht bemerkt, dass er nur als Materieprojektion in der Höhle anwesend gewesen war. Während Allin zu seinem Spezialzimmer gerannt war, war Rakiyat mit einem Geheimtransmitter aus dem Felsenlabyrinth direkt in seine Villa gesprungen. Von dort hatte er Allin mithilfe der alyskischen Technik gefoppt. Mit dieser Methode hatte er »Vita« offiziell zurück in ihr Apartment gebracht. Und derart computeranimiert hatte sie auch ihre Wohnung verlassen und dabei sogar mit ihrem seltsamen Nachbarn geplaudert.

Der Mord an meinen Eltern ist gesühnt, mein damaliger Schwur gehalten.

Genugtuung breitete sich in ihm aus. Einzig der schnelle Tod von Allin störte ihn, zu gern hätte er mit dem Stirnreifen seine Gefühle aufgesogen, als es ihn zerfetzt hatte. Aber vermutlich hätte er gar nichts gespürt, weil es so rasch vorbeigewesen war.

Er hob die Schultern. Die nächsten Stunden und Tage würden das aufwiegen.

Was ist schon ein Mann gegen ein ganzes Volk?

Er dachte an den Gefühlsorkan, den er anrichten würde und bekam eine Erektion. Gierig leckte er sich über die Lippen, stellte sich vor, wie er bald von einem Höhepunkt zum anderen eilen würde.

Er hievte den Rucksack auf den Tisch und holte eine armlange Bombe hervor, die er aus dem Verteidigungsarsenal der K’TEA in die Villa gebracht hatte. Zärtlich strich er über das hellblau glänzende Material. Es fühlte sich kühl und unscheinbar an. Kein Uneingeweihter hätte vermutet, welches Teufelszeug sich unter der Oberfläche verbarg.

Er legte die Hand an einen gestrichelten Bereich. Sofort leuchtete es unter ihr gelb auf. Der Bereich blinkte viermal, dann aktivierte sich ein Countdown.

Die Erregung kehrte zurück, paarte sich mit Freude. Mit einem Lächeln schritt er auf die Terrasse, hörte die Polizeihubschrauber, die sich dem Bombenkrater näherten und aktivierte das Antigravtriebwerk am Gürtel. Senkrecht schoss er in die Höhe, drehte nach Westen ab und flog in Richtung seines geparkten Raumschiffes.

^

11.

Stunden später

Ungeduldig trommelte Rakiyat auf die Konsole in der Zentrale der K’TEA. Die Ortungsgeräte lieferten ihm die aktuellen Bilder des Planeten Cluver und zeigten ihm die Stadt Milio.

Bald ist es soweit. Bald beginnt der Todeskampf!

Die freigesetzte Hyperstrahlung der von ihm gezündeten Bombe wirkte bereits. Sie regte die Atomkerne in der Planetenkruste an und zersetzte sie. In Form eines Schneeballprinzips erfolgte dadurch eine Kettenreaktion, die von einem Atomkern zum nächsten sprang und den Planeten zerstören würde.

Rakiyat zoomte den Stadtrand heran. Von Durha Manor ging eine breite Schneise aus – ein neuer Canyon, der sich unablässig verlängerte und verbreiterte. Bald würde flüssiges Magma aus dem Planeteninneren schießen und die Vernichtung beschleunigen.

Noch glaubten die Cluverianer, dass sie das Unheil aufhalten konnten oder dass es zum Stillstand kam.

Rakiyat grinste. Diese Wilden waren so ahnungslos!

Er holte sich das andere Ende der Stadt ins Hologramm. Die Menschen flohen aus Milio, die Autobahnen waren verstopft, der Flughafen überfüllt, manche flüchteten sogar mit dem Rad oder zu Fuß.

»Ihr werdet nicht entkommen«, murmelte er. »Denn ihr seid mein Meisterstück.«

Er lehnte sich zurück, döste ein wenig, um besser für später gerüstet zu sein, träumte von schmelzenden Cluverianern, die in der Hitze des Magmas verpufften, und von seiner Erektion, die er …

Die Positronik riss ihn aus den Träumen.

Er richtete sich auf. Die Kruste barst. Die erste glutflüssige Fontäne schoss aus dem Planeteninneren, platschte auf die Straßen Milios und floss in Richtung des Autokorridors.

Mit zittrigen Fingern setzte er das Stirnband auf, das er in der geheimen Kammer der Spectronen gefunden hatte. Seine Eltern hatten sich getäuscht. Nicht die Unsterblichkeit war die Hinterlassenschaft der verschwundenen Superzivilisation, sondern ein goldener Reifen, der die Emotionen anderer Lebewesen einfing. Er hatte die Suche zu Ende geführt und den Reifen in der Kammer geborgen.

Ein Wunderwerk!

Es sammelte, bündelte die Gefühle leidender und sterbender Wesen und ließ den Träger daran teilhaben. Auf Wunsch konnte er diese Emotionen in andere Wesen schleudern und sie in den Tod treiben. Derart hatten die Spectronen ihre seinerzeitigen Feinde besiegt und getötet. Sie hatten die Impulse der sterbenden Soldaten in die Hirne der Angreifer verpflanzt.

Rakiyat erinnerte sich, als er es zum ersten Mal getragen hatte. Der intensive Moment des Todes hatte ihn erstarren lassen und ihm den besten Orgasmus seines Lebens beschert. Und in den nächsten Stunden würde er ein ganzes Volk beim Sterben begleiten und in sich aufnehmen.

Sein Glied erigierte und er sah in die Hologramme, öffnete die Hose, um die Ereignisse uneingeschränkt genießen zu können. Es war so weit. Die Lava erreichte die Autokolonne, wälzte erbarmungslos über die ersten Autos und die schreienden, flüchtenden Menschen hinweg.

Rakiyat aktivierte den Stirnreifen. Augenblicklich fühlte er Panik und Angst. Er zitterte vor Freude, als die Cluverianer das Unheil erkannten, im Angesicht des Todes in Panik gerieten, verbrannten, erstickten, schrien und starben. Langsam und genüsslich begann er zu onanieren.

Aus einzelnen Sterbenden wurden Hunderte, Tausende, Millionen.

Es ist … es ist …

Vor Ekstase vergaß er die sexuelle Erregung, nahm seinen Körper nicht mehr wahr, sondern badete in einem Meer aus Todesimpulsen. Sie füllten ihn aus, vervollständigten ihn, hievten ihn in Bereiche, für die es keine Worte mehr gab.

Er war der Tod, riss das Leben aus den Cluverianern, speicherte die Panik, die Wut und den Frust in sich ab, ergötzte sich daran, wollte mehr. Er badete in Gefühlen.

Doch plötzlich versiegten die Emotionen.

Gierig stocherte er nach Leben, fand eine winzige Gruppe staatlicher Würdenträger, die in die Raumstation geflüchtet waren, verleibte sie sich ein, suchte weiter, fand aber nichts. Cluver war zerstört, alle Cluverianer tot.

Es war vorbei und er stand vor dem Nichts!

Wutentbrannt schrie er auf, breitete sich aus, entdeckte Leben in einem anderen Sonnensystem. Mit einem Gedanken vernichtete er es in einem Wimpernschlag, einfach weil er es wollte und konnte. Mit einem Schlag strömten die Todesimpulse von zehn Milliarden Wesen in seinen Geist und knockten ihn aus.

*

Mit einem Schrei kam Rakiyat zu sich.

»Du bist auf der Medostation«, erklärte die wohlmodulierte Stimme des Bordrechners. »Dein Körper hat verkrampft und du bist auf dem Boden aufgeschlagen.«

Der Nachhall der Todesimpulse war immer noch da. Er hielt sich im Hintergrund seines Bewusstseins, war auf unerklärliche Art und Weise sogar ein Teil von ihm geworden. Rakiyat horchte in sich hinein, lächelte und setzte sich langsam auf.

»Wie fühlst du dich?«, fragte der Bordrechner.

Rakiyat forschte noch einmal in seinem Inneren nach. Er war nicht länger ein einfacher Alysker. Er war mehr, viel mehr. »Ich fühle mich wie neu geboren.« Er glitt von der Liege, spürte die Kraft, die ihn durchströmte.

Mit einem Mal kam ihm sein bisheriges Leben lächerlich und bedeutungslos vor. Er war für Höheres geschaffen, hatte definitiv eine Aufgabe im kosmischen Reigen. Dafür musste er aber einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit setzen.

Ich brauche einen neuen Namen!

Allin Durhas zweiter Vorname fiel ihm ein. Er hatte etwas Bedrohliches und hörte sich sogar in der alyskischen Aussprache gefährlich an.

»Rodrom«, sprach er langsam. Er lauschte dem Klang des Namens nach und nickte langsam. Ja, so würde er sich ab sofort nennen.

Vita Etan drängte sich in seine Gedanken. Zu gern hätte er ihre Meinung zu seinem neuen Namen gehört. Sie war so ein fantastisch einzigartiges Opfer gewesen, sie hätte es verdient, seinen neuen, kraftvollen Namen zu hören.

Ihr Gesicht vor seinem inneren Auge verblasste wie der Anflug von Wehmut. Sie war, wie ihr Heimatplanet, längst verbrannt und in ihre Atome zerrissen.

Die Kleine war unwichtig, war niemand und bedeutungslos.

Wichtig war nur seine Zukunft.

Pläne entstanden in ihm, Pläne, die manche größenwahnsinnig genannt hätten, doch für ihn waren sie erst der Anfang.

Ich muss zurück nach Alysk!, dachte er. Nur dort habe ich die Machtmittel und kann mir eine Basis aufbauen.

»Wir fliegen heim!«, sagte er zum Bordrechner und rieb sich die Hände. Die Erinnerung an sein Volk stieg in ihm auf. Die Alysker waren so herrlich naiv, so gutgläubig. Mit dem Großteil von ihnen würde er ein leichtes Spiel haben. Um die wenigen, die ihm gefährlich werden konnten wie dieser kleine Wichtigtuer Eorthor, würde er sich zuerst kümmern.

»Ich werde euch alle in mich aufnehmen«, murmelte er. »Und dann bin ich der letzte, der einzige Alysker!«

Die Triebwerke schalteten auf Vollschub und die K’TEA verschwand im Überraum. Zurück blieb ein Asteroidenfeld aus den Resten des Planeten Cluver – ein stummer Zeuge von Rakiyats schwarzer Seele.

Ende

Im nächsten Roman wechseln wir die Handlung zurück ins Jahr 1307 NGZ. Atlan, Alaska Saedelaere, Icho Tolot und Denise Joorn befinden sich in Jianxiang, während MODROR eine gigantische Raumflotte sammelt, welche zu Gunsten des Quarteriums in der Lokalen Gruppe eingreifen soll. Leo Fegerl schreibt Band 102:

CHAOS IM KREUZ DER GALAXIEN

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DORGON-Kommentar

Rakiyat ist Rodrom. Der DORGON-Thriller enthüllt die Jugendgeschichte eines Wesens, welches wohl am besten als kosmische Naturkatastrophe zu bezeichnen ist. Der Alysker Rakiyat wuchs als kleiner Satansbraten auf, entwickelte sich unter der Führung eines anderen Killers zum grausam verspielten Mörder und legte damit die Weichen dafür, einst das Interesse des Chaotarchen NACHJUL zu wecken.

Rodrom tauchte in DORGON sehr früh auf. Er war der Auftraggeber von Cau Thon und schaltete sich bei den Abenteuern der LONDON in M 64 Saggittor persönlich ein. Sein Hass auf »das Leben an sich« prägte Rodrom. Zu dieser Zeit hatte er schon 190 Millionen Jahre auf dem Buckel und stand genau diese Zeit auch in den Diensten MODRORS.

Roman Schleifer beleuchtet in »Schwarze Seele« die Jugendgeschichte Rodroms in einer Zeit vor dem Kosmischen Projekt. Wir lernen Rakiyat kennen und hassen. Mit seiner verspielten, tödlichen Art zeigt er, dass er keinerlei Respekt vor dem Leben hat. Eine logische Schlussfolgerung, dass er später zu einem absoluten Gegner des Lebens an sich wird und es bekämpft.

Mit »Schwarze Seele« ist Roman eine tolle Geschichte gelungen, welche die dunkle, finstere Seele und Abgründe eines Hauptschurken in der DORGON-Serie beleuchtet, eines Wesens, welches keine Grenzen kennt und dem keine Brutalität zu weit geht … Rodrom.

In den nächsten Bänden wird Rodrom auch noch eine wichtige Rolle spielen, denn er greift nach DORGON und will den Kosmotarchen für MODROR gefügig machen.

Nils Hirseland

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GLOSSAR

Allin Rodrom Durha

Allin Durha lebte vor ca. 190 Millionen Jahren und ist auf dem Planet Cluver ein Industrieller. Gemeinsam mit dem Alysker Rakiyat führt er die Cluverianer in ein neues technologisches Zeitalter. Der Milliardär hat jedoch ein perfides Hobby.

Vita Etan

Die Cluverianerin Vita Etan ist Polizistin und ermittelt gegen einen Serienmörder. Als ihre Schwester von ihm ermordet wird, erhält der Fall eine persönliche Komponente.

Cluver

Nummer Drei von fünf Planeten der gelben Sonne vom Typ G4V Leven im Osten der zum Seyferts Sextett gehörenden Galaxis Jianxiang.


Entfernung zum Zentrum: 14.736 Lichtjahre

Äquatordurchmesser: 12.773 km

Eigenrotation: 24,1 Stunden

Schwerkraft: 1,02 g

Sonnenentfernung: 151,2 Mio. km

Sonnenumlauf: 366,3 Standardtage

Achsenneigung: 24°

Temperaturen: 15,5 °C

Normalhöhe: 833 m über NN

Dichte: 5,55 g/ccm

Atmosphäre: 19,9 % Sauerstoff

Luftdruck: 1034 hpa

Mond: Plaves (Durchmesser 3284 km, Entfernung 377.000 km, Umlauf 28 Tage)


Es handelt sich um eine sehr erdähnliche Welt mit Polkappen, einem Landanteil von 32 % und sechs Kontinenten (Friaka, Profh, Tyrn, Arkto, Austrien und Indon). Dazu gibt es drei Ozeane: die beiden inneren Ozeane Gonfh und Dafh sowie der äußere Kizipa-Ozean. Bekannt ist auch das zwischen Friaka und Profh gelegene Sedh-Meer.

Auf Profh gibt es die Bundesstaaten Tremper und Ligter und die 1487 km² messende Vanos-Hochebene. Sie ist von sechs Bergen im perfekten Hexagon umrahmt. Im Osten liegt das bis zu 4560 m hohe Tol-Gebirge mit dem alpin anmutenden Jeyn-Tal und dem gleichnamigen See. Daran anschließend folgt das Tallos-Becken. Am Fuße des Gebirges liegt die 2000 Jahre alte Siedlung Jeunna.

Im Norden steht der Chyn-Wald. Hier ist die Hauptstadt, die 25-Millionen-Metropole Milio zu finden, eine Stadt, die New York des 20. Jahrhunderts nicht unähnlich ist. Sehenswert sind die Altstadt, der Sidfi-Platz mit der Kirche und die Burg des Monarchen, erbaut im Grundriss des cluverianischen »T«.

Die insgesamt 4,9 Mrd. Cluverianer leben in einer Gesellschaft, die der der Menschheit des 20. Jahrhundert in puncto Technik und Sozialem nicht unähnlich ist. Es gibt hier auch viele Religionen. Als Fortbewegungsmittel gibt es hier tatsächlich »Autos« und »Flugzeuge«. Unter der weiteren Großstadt Durha Manor (12 Mio. Einwohner) befindet sich ein riesiges und weltberühmtes Höhlensystem. Die Stadt selbst erinnert mehr an eine alte indische Stadt.

Der Kontinent Tyrn wurde bei einem Krieg zweier verfeindeten Staaten vor allem im Norden stark verwüstet.

Nicht nur klimatisch ist der Planet erdähnlich, sondern auch in der Flora und Fauna. Die Namensähnlichkeiten sind schon verblüffend: Rihnder, Nolken, Fructis sowie »Adler«, »Wölfe«, »Fledermäuse« und Compies. Der Wein heißt hier tatsächlich Riesling.

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