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Band 100

Rideryon-Zyklus

Die Weltrauminsel Rideryon

Ein kosmisches Wunder erreicht Siom Som

Nils Hirseland, Roman Schleifer und Jens Hirseland

Cover

Prolog

Einst sprach Nistant: »Es gibt kein Grab, welches meinen Körper auf ewig hält.«

Seine Worte zeugten von Weisheit und Wahrheit.

Verraten und ermordet von der trügerischen Hexe, die er liebte, entschwand der Geist des großen Nistant in die Ewigkeit des Kosmos. Seine Schatten verschleppten die Feinde und sperrten sie in Gefängnisse – um zu verhindern, dass sie sich wieder vereinen können, damit Nistant wieder aufersteht.

Sehnsüchtig erwarten wir seine Rückkehr. Seit Äonen von Chroms leben wir im Gedenken an unseren Schöpfer. Das Rideryon, das uns trägt, streift durch den Weltenraum, zieht von Galaxis zu Galaxis, um Leben zu bringen und Leben aufzunehmen, um zu wachsen und zu gedeihen, so wie Nistant es plante. So wie höhere Mächte es für ihn vorsahen.

So durchdringt unser Gebet die Weiten des Weltraums: Möge unser Herrscher Nistant aus dem kosmischen Gefängnis befreit werden, möge er zum neganen Berg der Apokalypse aufbrechen können, möge er zum Berg der Schöpfung gelangen, möge Nistant bei den Bruderkampf in Fehde verstrickten Entitäten einschreiten, seine Feinde zerstören, auf dass er die vor Jahrmillionen Chroms geäußerte Prophezeiung erfüllen kann vor dem kosmischen Gericht.

Alysk

Hell funkelten die Sterne am Firmament des eiskalten Planeten Alysk. Klirrende Kälte ließ zu dieser Jahreszeit jedes Lebewesen außerhalb der silbernen Stadt der Alysker frieren. Innerhalb der geschützten Mauern hatten die Wesen es warm. Trotzdem fühlte sich nicht jeder von ihnen sicher.

Eine bunte Gruppe ganz unterschiedlicher Lebewesen saß im Inhaftierungstrakt des alyskischen Sicherheitsdienstes und wartete auf ihr Ende.

Der eine schien ungeduldig.

»Wie spät ist es?«, fragte der rundliche, schwarz-weiß gefiederte Somer mit dem auffälligen gelben Schnabel in die Runde.

Keiner antwortete. Ler’Ok’Poldm – Leopold, so sein terranischer Spitzname, sträubte die Federn. Ihn nervte es, ignoriert zu werden. Selbst wenn sie in einem kalten, klammen Gefängnis auf einem ihnen völlig unbekannten Planeten in einer fremden Galaxis gefangen waren, Höflichkeit musste sein. Der Somer starrte seine Zellengenossen einen nach dem anderen herausfordernd an.

Icho Tolot, der mächtige Haluter, saß wie ein massiver Berg in der Ecke. Der drei Meter fünfzig große Koloss mit den vier Armen und zwei stämmigen Säulenbeinen wirkte selbst in dieser Pose gefährlich. Seine drei roten Augen in dem schwarzhäutigen, halbkugelförmigen Kopf blickten ins Leere. Leopold empfand Ehrfurcht vor dem Giganten, der schon seit Jahrtausenden ein Gefährte des legendären Perry Rhodan war.

Und Alaska Saedelaere wirkte traurig wie eh und je. Ein Jammerlappen. Wie diese Trauerweide so lange überlebt hatte, war dem Somer unklar. Immerhin hatte Alaska auch schon über zweitausend Jahre auf dem Buckel. Und er trug die Haut von Kummerog, jenem gewissenlosen Mörder und Piratenkapitän vom Volk der Cantrell, der sich regelmäßig häutete, wodurch er schwerste Verletzungen ausheilen konnte. Soweit der Somer wusste, blieben seine Häute irgendwie mit ihm in Verbindung. Das sollte Saedelaere eigentlich ein bisschen mehr Pfeffer verleihen, fand Leopold. Er schüttelte die Federn.

Sehnsüchtig blickte der Vogelartige zur Archäologin Denise Joorn. Die resolute Olymperin mit den blauen Haaren und dem üppigen Vorbau brachte nicht nur den schlappen Saedelaere auf dumme Ideen. Leopold unterdrückte ein Seufzen. Der Somer hatte nichts gegen Sex zwischen unterschiedlichen Spezies einzuwenden. Leider kam er bei Denise nicht an.

Die Archäologin schlief. Gleichmäßig hob und senkte sich ihr Brustkorb. Welch ein wundervoller Anblick! Was waren dagegen schon der Reigen der singenden und tanzenden Module von Syllagar oder die Elysischen Ringe von Erendyra?

Von dieser Schönheit wandte sich Ler’Ok’Poldm zur Hässlichkeit in Person, dem Vorjul Roggle. Das zweiköpfige Wesen mit den zwei Bewusstseinen war genauso zwergenhaft wie der unüblich kleine Somer selbst. Ein Transmitterunfall hatte diese Laune der Natur geschaffen.

Ein wenig abseits lehnte der Arkonide Atlan an der grauen Zellenwand und schien zu schlafen. Der Arkonide, der als »Einsamer der Zeit« bezeichnet wurde, strahlte Ruhe aus. War es die Gelassenheit, die ein relativ Unsterblicher mit über zwölftausend Jahren Lebenserfahrung haben musste? Oder war er ein alter Sack, der seinen Schönheitsschlaf brauchte? Der sterbliche Somer schnaubte.

Jaques de Funés starrte aus seinen kleinen, stechenden Augen in die Runde. Der Südfranzose mit der Halbglatze blickte Leopold feindselig entgegen. Ging ihr übliches Gezanke in die nächste Runde?

»Wie spät ist es?«, wiederholte Leopold.

»Das hast du mich schon vor fünf Minuten gefragt, du Nervensäge!«, gab de Funés bissig zurück.

»Also fünf Minuten später?«, bohrte der Somer weiter. Er sträubte sein Gefieder.

»Ja doch!«, zischte der Terraner.

»Warum bist du so unhöflich?«, fragte Leopold mit provozierender Harmlosigkeit.

»Weil du mich alle fünf Minuten danach fragst«, fauchte der Unternehmer.

»Könnt ihr euch nicht etwas leiser streiten? Andere Leute versuchen zu schlafen«, mischte sich Denise Joorn ein. Sie klang mehr als unfreundlich.

Leopold bedauerte, dass der Streit sie geweckt hatte. Nun konnte er sie nicht mehr unbeobachtet anstarren.

»Schlafen! Wie kann man jetzt schlafen!«, regte sich de Funés auf. Sein Gesicht lief rot an.

»Ich finde auch, dass man die verbliebene Zeit noch besser nutzen könnte«, gurrte Leopold. Er zwinkerte der schönen Archäologin zu.

Denise streckte ihm den Mittelfinger entgegen. Eine terranische Geste, die der Somer kannte.

»Träume schön weiter«, gab die Frau bissig zurück.

»Natürlich … von dir«, schmeichelte Leopold. So schnell gab er nicht auf.

Denise verdrehte die Augen, verschränkte die Arme vor dem Busen und versuchte weiterzuschlafen.

»Wir schlafen sowieso bald für immer«, jammerte de Funés. »Warum mussten wir auch hierher fliegen? Wo ich doch noch so viele Termine habe. Ich muss dringend nach Hause.«

»Deine Erben werden jetzt schon deinen Nachlass durchrechnen«, stichelte Leopold.

»Die Sonne geht bald auf«, bemerkte Alaska Saedelaere düster.

Durch die Gespräche wurden nun auch Atlan und Icho Tolot munter.

»Haben die Herrschaften wohl geruht?«, fragte Jaques de Funés bissig. »Wir haben ja auch überhaupt keine Probleme.«

»Hysterie bringt uns nicht weiter. Ein ausgeruhter klarer Kopf aber schon. Ich bin nicht zum ersten Mal in solch einer Situation«, gab der Arkonide zurück.

»Diesmal sind unsere Gastgeber aber ziemlich stur. Dass die Alysker dermaßen feindselig sind, hätte wirklich keiner erwartet, oder? Sie lassen uns nicht reden, sie wollen überhaupt nichts von uns. Nicht einmal ein Verhör gab es«, meinte Alaska Saedelaere.

»Das ist wirklich ungewöhnlich«, pflichtete ihm Icho Tolot bei. »Normalerweise wird man doch ausgiebig verhört oder gefoltert, bevor sie einen hinrichten.«

Jaques de Funés und Leopold erstarrten.

»Ge… gefoltert? Aber ich weiß doch von nichts! Und wenn ich etwas wüsste, würde ich es sofort sagen«, jammerte Leopold.

»Das ist typisch für dich«, giftete de Funés.

»Etwas Folter wäre eine angenehme Abwechslung zur Einöde der Gefangenschaft«, stellte der Haluter bedauernd fest.

»Eine angenehme Abwechslung? Wie bitte? Ich bin ein zarter Somer und kann meinen Metabolismus nicht verhärten wie der werte Herr Haluter, an dem alle Instrumente abprallen würden. Da redet es sich leicht, mit solch einem Körper.«

»Seid doch endlich mal ruhig«, befahl Atlan.

Der Arkonide sah sich in der Zelle um. Alle waren wach, bis auf Roggle, der in einer Ecke kauerte und schlief.

»Ist euch aufgefallen, dass sie auf Roggle sehr aggressiv reagiert haben?«, fragte Atlan seine Gefährten.

»Ja, danach wurden sie noch unfreundlicher als vorher«, stimmte Icho Tolot dem Arkoniden zu.

»Was kann Roggle den Alyskern denn schon getan haben? Als ob er allein am Untergang schuldig gewesen war«, wunderte sich Alaska Saedelaere.

Atlan betrachtete das zweiköpfige Wesen. Einer seiner Köpfe schnarchte leise, die spitzen Ohren zuckten. Mit seinem kaum mehr als ein Meter großen Körper hätte er als verkleidetes menschliches Kind durchgehen können, solange er schlief und den Mund hielt. Denn sein paranoid-schizophrener Charakter ließ seine beiden Ichs pausenlos streiten.

Sie hatten Roggle in der Station der Cyragonen gefunden, in der er zweitausend Jahre lang völlig allein gelebt hatte. Dieses Wesen bestand ursprünglich aus zwei verschiedenen Vorjul namens Rog und Gle, die bei einem Transmitterunfall miteinander verschmolzen und so zu Roggle wurden. Durch seinen Verrat an den Cyragonen, der zu deren Vernichtung führte, hatte der Doppelköpfige den Angriff von MODRORs Horden vor zweitausend Jahren überlebt und war allein in der Station zurückgeblieben. Diese Zeit hatte seinen Verstand bleibend geschädigt.

Nach einiger Zeit war es ihnen gelungen, Roggles Vertrauen zu gewinnen, so dass sich das paranoide, feindselige Wesen ihrer Gruppe anschloss. Mit seiner Hilfe war man zu einem Raumhafen der Cyragonen gelangt, jenem humanoiden, im Kreuz der Galaxien lebenden Volk, das während des Angriffes von Cau Thon im Jahre 2470 alter Zeitrechnung unterging. Womit es das Schicksal der meisten Völker dort teilte. Auf dem verlassenen Raumhafen fanden sie das alte Schachtelraumschiff, welches die Zielkoordinaten zur Heimatwelt der Alysker gespeichert und sie hierher geführt hatte. Sie suchten Kontakt. Doch die Alysker hatten sie ausgesprochen feindselig empfangen und inhaftiert.

Roggle war wohl der Hauptgrund für ihr abweisendes Verhalten gewesen. Die Vorjul waren vor rund zweitausend Jahren als trojanisches Pferd in die Völkergemeinschaft des Kreuzes der Galaxien eingeschleust worden. Sie hatten die technischen Einrichtungen, wie Raumstationen, Abwehranlagen und dergleichen, sabotiert und dadurch MODRORs Horden einen schnellen Sieg verschafft. Deshalb waren sie bei den Alyskern verhasst.

Atlan dachte viel darüber nach. Bereitwillig, aber auch mit der kosmischen Arroganz eines Unsterblichen hatte Eorthor über die Alysker und ihren Kampf gegen MODROR berichtet. Er ließ dessen ausführlichen Bericht Revue passieren, grübelte, ob er dabei etwas übersah.

Alles hatte vor einhundertneunzig Millionen Jahren seinen Anfang genommen, als Eorthor noch jung und sterblich war. Die Alysker waren Diener der Kosmokraten und für viele technische Errungenschaften verantwortlich gewesen. Sie sollten im Normaluniversum das sogenannte kosmische Projekt durchführen, doch es schlug fehl. Atlan hatte nicht heraushören können, was dieses Projekt eigentlich gewesen war.

Zu jener Zeit schienen auch die Entitäten DORGON und MODROR aufzutauchen. Zumindest gab es über Millionen von Jahren hinweg immer wieder Konflikte mit den Alyskern, die ihrerseits von den Kosmokraten für ihren Fehler bestraft worden waren: Wegen ihres Versagens hatten sie jeden Alysker unsterblich gemacht. Doch aus dem vermeintlichen Segen wurde ein Fluch, denn sie hatten kein Ziel mehr, für das es sich zu leben lohnte, und sollten ihren Fehler in Ewigkeit bereuen.

Atlan empfand die Bestrafung durch die Kosmokraten als grausam, doch solch eine Handlungsweise kannte man ja bereits von ihnen. Die Lebewesen zählten für sie nicht. Die Alysker hatten aber offenbar nicht viel dazugelernt, denn sie wirkten immer noch wie treue Kosmokratendiener und behandelten Fremde mit der angeborenen Arroganz einer auserwählten »Herrenrasse«.

»Wenn ich nur wüsste, wie man an diese sturen Alysker herankommen kann. Es muss bei ihnen doch jemanden geben, mit dem man reden kann.«

»Die Gelegenheit bekommst du gleich, Atlanos. Ich höre Schritte«, teilte Icho Tolot ihm mit.

Tatsächlich erlosch kurz darauf der rote Energieschirm, der die schwere Panzertür zusätzlich sicherte. Mehrere bewaffnete und uniformierte Alysker traten herein.

Atlan musterte die Soldaten. Ihre Uniformen waren in Bordeauxrot gehalten und lagen an wie eine zweite Haut. Elegant und nahtlos, obwohl Atlan diese Art von Strampelanzugmode nicht besonders schick fand. Allerdings wirkte die Kleidung tatsächlich athletisch. Die Alysker selbst waren meist blass und hatten blonde, blaue oder schwarze Haare. Die spitzen Ohren und die großen, meist violettfarbenen Augen verliehen den Alyskern eine fremdartige Anmut.

Weniger jedoch ihre Manieren. Denen fehlte jegliche Anmut.

»Die Stunde eurer Hinrichtung ist gekommen. Seid ihr bereit?«, fragte der Anführer des Trupps.

Leopold sprang panisch von seiner Pritsche auf und gestikulierte wild.

»Was denn, jetzt schon? Das kann doch nicht sein! Ich bin doch noch viel zu jung, um zu sterben.«

Auch Jaques de Funés trat auf die Alysker zu. Der Terraner mit der Halbglatze war fast zwei Köpfe kleiner als der alyskische Offizier, welcher den Menschen herablassend anblickte.

»Meine Herren! Ich bin Jaques de Funés, angesehener Bürger und bedeutender Unternehmer Terras. Dies ist alles ist ein riesiges Missverständnis. Wir sind friedliche Touristen und haben uns verflogen. Auf mich warten zuhause dringende Geschäftstermine. Ich bin sicher, wir können uns vernünftig verständigen und ein intergalaktisches Handelsabkommen schließen, welches sich positiv auf die Wachstumsraten unser beider Planeten auswirkt.«

Die Alysker sahen den kleinen Terraner voller Verachtung an.

»Na ja, war ja nur ein Vorschlag«, entgegnete der kleinlaut.

»Hört nicht auf diesen Kapitalisten! Ich bin Somer und habe mit diesen gierigen Terranern nichts zu tun!«, rief Leopold und warf sich vor den Alyskern auf die Knie.

»Habt Gnade! Erbarmen! Ich flehe euch an!«

»Ist ja widerlich«, keifte de Funés. »Mann, nimm gefälligst Haltung an!«

»Schluss jetzt! Kommt mit!«, befahl der Wortführer der Alysker.

Atlan trat nun hervor.

»Jeder zum Tode Verurteilte hat das Recht auf eine letzte Bitte. Bringt uns zu Eorthor und lasst uns ihm in Ruhe unseren Fall vortragen.«

»Eorthor persönlich hat euer Todesurteil beschlossen. Für ihn gibt es nichts mehr zu reden. Und nun geht.«

Mit vorgehaltenen Waffen führten die Alysker Atlan und seine Gefährten nach draußen auf den Gang.

»Wo bringt ihr uns hin?«, wollte Icho Tolot wissen.

»Zur Hinrichtungskammer«, kam die nüchterne Antwort.

»Das wollen wir doch mal sehen«, gab der Haluter zurück. Ehe sich die Alysker versahen, hatte sich der Koloss vor sie gelegt und blockierte den Ausgang, so dass niemand mehr hindurch kam. Der Anführer der Alysker schoss auf Tolot, doch der Haluter hatte seinen Metabolismus umgewandelt, so dass er die Stärke von Terkonitstahl besaß und die Schüsse wirkungslos abprallten. Die entstehende Hitze war erträglich. Es musste eine ziemlich schwache Waffe sein. Natürlich gab es auch Energiewaffen, die einen Haluter töteten, doch war das Wachpersonal kaum auf solch einen Gefangenen vorbereitet.

»Das nennt man passiven Widerstand«, meinte Atlan.

»Das nutzt dir nichts. Wenn du uns nicht freigibst, erschießen wir die anderen. Mit dem Weißhaarigen fangen wir an«, drohte der Anführer der Alysker und richtete seinen Strahler auf Atlans Kopf.

»Es hat keinen Sinn, Tolotos. Zeigen wir den Alyskern, dass wir in der Lage sind, würdevoll zu sterben«, sagte der Arkonide.

Widerwillig richtete sich der Koloss auf. Den Alyskern war anzusehen, dass sie von dem Haluter beeindruckt waren.

»Also, ich sehe mich dazu leider nicht in der Lage«, mischte sich Jaques de Funés ungefragt ein und ging einfach auf den verdutzten Alysker zu.

»Ich bin Unternehmer und trage die Verantwortung für viele Arbeitsplätze, die durch eure bürokratische Willkür vernichtet werden.«

»Wovon redest du Wurm eigentlich? Warum könnt ihr nicht endlich ruhig sein und euch hinrichten lassen?«, fragte der Alysker sichtlich konsterniert. Mit solchen Individuen hatte er es offensichtlich noch nie zu tun gehabt.

»Lasst uns doch wenigstens einmal mit eurem Anführer reden. Wenn er uns dann immer noch tot sehen will, versprechen wir zu gehorchen«, erklärte Atlan.

Der Alysker rang einen Moment mit sich, dann gab er sich einen Ruck.

»Ich werde rückfragen.«

Der Alysker sprach in seinen Kommunikator. Es schien eine längere Diskussion zu werden, doch dann brach er plötzlich ab und erklärte an die Delinquenten gewandt:

»Eorthor wird sich noch einmal herablassen, mit euch zu sprechen. Ich führe euch zu ihm. Aber ich warne euch: Wenn ihr einen Fluchtversuch unternehmt, wird es mir ein Vergnügen sein, euch persönlich hinzurichten.«

»Nett, aber wir versprechen, brav zu sein«, gelobte Atlan erleichtert.

*

Die Wachen führten Atlan und seine Begleiter durch mehrere Gänge. Sie gelangten in einen Raum, in dem sich eine Art Transmitter befand. Sie mussten eine Plattform betreten und kurz darauf fanden sie sich in einem großen Saal wieder. Er wirkte spartanisch, geradezu trostlos. Kahle, weiße Wände, weißer Boden. Als würden sie sich auf einer Medostation befinden.

Am anderen Ende des Saales saßen zwei Personen in zwei großen, braunen Sesseln. Der eine war der düster wirkende Alysker Eorthor. Der andere war eindeutig kein Alysker. Der muskulöse Mann mit dem exotischen Gesicht lächelte.

Zu Atlans großer Überraschung rief Denise Joorn laut:

»Osiris!«

Der schwarzhaarige Gott der Kemeten erhob sich aus seinem Sessel und ging voll Freude auf die schöne Archäologin zu, Charismatiker durch und durch.

»Ich grüße dich, Denise Joorn. Amun sei Dank, bin ich gerade noch rechtzeitig gekommen. Ich bin auf der Suche nach Atlan.«

Denise deutete auf den Arkoniden und seine Gefährten.

»Das ist Atlan. Seine Begleiter sind Alaska Saedelaere, Icho Tolot, der Haluter, sowie Jaques de Funés, Leopold und … Roggle.«

Osiris nickte Atlan freundlich zu.

»Ich freue mich, auf einen Ritter der Tiefe zu treffen. Ich habe schon viel von dir gehört. Es war schwer, sich einst in Ägypten vor deinem Tatendrang zu verstecken.«

Atlan wusste durch Denise Joorn viel von der Geschichte der Kemeten, insbesondere der von Osiris. Ein Hauch von Wehmut überkam ihn. Das alte Kemet auf der Erde … Erinnerungen wurden wach. An längst verstorbene Freundinnen und Freunde.

Höre auf, an die Liebeskünste deiner längst verstorbenen Eroberungen zu denken. Falls es dir entgangen ist, deine Hinrichtung steht an.

Atlan nahm die Worte seines Extrasinns ernst und konzentrierte sich wieder auf das Hier und Jetzt.

»Ehemaliger Ritter der Tiefe«, stellte Atlan klar. »Das Vergnügen ist ganz meinerseits. Zumal ich annehmen darf, dass unsere Hinrichtung abgesagt wurde?«

Der Alysker, der bislang schweigend in seinem Sessel gekauert hatte, räusperte sich mürrisch und erhob sich aufreizend langsam.

»Dies entscheide immer noch ich.«

»Ihr habt Euch für unsere Begnadigung entschieden?«

»Ganz recht. Dass ihr noch lebt, habt ihr der Fürsprache des Kemeten zu verdanken. Er ist der Meinung, dass ihr von Nutzen seid.«

Der Alysker ließ seinen Blick verächtlich über Atlans Freunde schweifen.

»Wenngleich ich mir nicht vorstellen kann, in welcher Hinsicht.«

Atlan musste seine aufkeimende Wut unterdrücken. Dieser Alysker strotzte nur so vor Selbstgefälligkeit. Die Zusammenarbeit mit diesen arroganten Leuten würde alles andere als einfach werden.

»Wer garantiert mir denn, dass ihr keine Spione MODRORs seid? Schließlich habt ihr den da bei euch.«

Eorthor zeigte voller Verachtung auf Roggle.

»Das haben wir doch schon zigmal erklärt«, sagte Atlan genervt und erzählte Eorthor und Osiris, wie sie in die Station der Cyragonen gelangt waren und Roggle entdeckt hatten.

»Kann sein, dass es stimmt. Kann aber auch nicht sein«, wehrte Eorthor ab, als Atlan seinen Bericht beendet hatte.

»Ich garantiere für die Terraner. Sie sind treue Verbündete der Kemeten.«

Eorthor blieb skeptisch.

»Wer sagt denn, dass ich mich auf dein Urteil verlassen kann? Du bist nur ein kemetischer Emporkömmling. Was weißt du denn schon von der Weisheit des Universums, die ich schon seit vielen Millionen von Jahren genieße.«

Jetzt wurde auch Osiris ungehalten.

»Ich wundere mich über deine Reaktion, Eorthor. Du benimmst dich wie ein bockiges, kleines Kind!«

Eorthor wurde ebenfalls wütend und hob den Zeigefinger.

»Werde nicht anmaßend. Auch dein jugendliches Alter gibt dir nicht das Recht dazu.«

Atlan räusperte sich lautstark.

»Verzeihung, wenn ich diese überaus interessante Unterhaltung unterbreche, aber vielleicht könntet ihr mal zur Sache kommen. Ich vermute, Osiris hat die weite Reise ins Kreuz der Galaxien nicht zum Spaß gemacht.«

Eorthor sah Atlan an, als habe er eine eklige Ratte vor sich. Dann verstummte er und setzte sich wieder in seinen Sessel.

»Berichte, Osiris.«

»Ich bin gekommen, um dich zu warnen.«

Eorthor lächelte spöttisch.

»Mich warnen?«

»Oder zu unterrichten«, korrigierte sich Osiris, deutlich genervt.

Osiris erzählte alles, was er über die Situation in der Lokalen Gruppe und über MODRORs Vorgehen wusste.

»MODROR sammelt nun eine gigantische Flotte im Kreuz der Galaxien, um damit zum finalen Schlag gegen die Lokale Gruppe auszuholen. Wenn ihm das gelingt, sind die Milchstraße und ihre umgebenden Galaxien verloren«, schloss Osiris.

Eorthor schien beeindruckt zu sein. Er wirkte leicht beunruhigt.

»Und was soll ich tun?«, fragte er den Kemeten.

»Ich fordere von dir die Herausgabe der Nesjorianer-Flotte. Jene Wachflotte, die einst das Kosmonukleotid UDJAT bewachte.«

Eorthor schüttelte verwundert den Kopf.

»Die Flotte der Nesjorianer? Ich weiß nicht, wo sie ist. Abgesehen davon hast du von mir gar nichts zu fordern.«

»Du leugnest es also?«, fragte Osiris aufbrausend.

»Ich habe es nicht nötig, vor dir etwas zu leugnen. Ich habe die Wachflotte nicht. Abgesehen davon traue ich weder dir noch diesen zwielichtigen Terranern«, entgegnete Eorthor.

»Aber deine Tochter Elyn traut ihnen. Sie glaubt an sie und kämpft Seite an Seite mit ihnen.«

»Elyn? Du hast sie gesehen?«

»Nein. Aber es geht ihr gut. Sie hat schon oft ihr Leben für ihre terranischen Freunde riskiert, und umgekehrt.«

Jetzt wurde Eorthor nachdenklich. Ein paar Minuten grübelte er angestrengt. Dann hatte er seinen Entschluss gefasst und erhob sich wieder.

»Also gut. Die Terraner werden freigelassen. Wir wollen von nun an Verbündete sein, denn nur mit vereinten Kräften können wir – wenn überhaupt – MODROR aufhalten. Und wenn nicht, gehen wir alle gemeinsam unter.«

»Der kann einem richtig Mut machen«, raunte Alaska Atlan zu.

»Hat einer von euch Terranern etwas dazu zu sagen?«, erkundigte sich Eorthor.

»Ja, ich!«, meldete sich Leopold aufgeregt. »Wo ist denn hier das Klo? Ich muss ganz dringend mal.«

*

Einige Stunden später tagte Eorthor mit Osiris, Atlan und dessen Gefährten in seinem Planungsraum, um das weitere Vorgehen zu besprechen. In der Mitte des Konferenztisches erschien das Hologramm eines Planeten.

»Dies ist Vorjul«, erklärte der Alysker. »Dort befindet sich nicht nur das militärische, sondern auch spirituelle Zentrum von MODRORs Streitkräften im Kreuz der Galaxien. Die vorherrschenden Völker hier sind die Talsonen und die Skurit. Beide Rassen werden von VORJUL kontrolliert, der Superintelligenz, die einst aus den Vorjul entstanden ist. Mein Plan ist es, VORJUL zu vernichten.«

»Eine Superintelligenz vernichten? Und wie?«, fragte Atlan skeptisch.

Eorthor machte eine verächtliche Geste.

»Ich dachte mir schon, dass dies eure geistigen Fähigkeiten übersteigt. Aber ich will dennoch versuchen, es euch zu erklären«, sagte er gönnerhaft.

»Das ist nett von dir«, entgegnete Atlan mit unverhüllter Ironie.

Eorthor ließ seinen Blick über die Runde schweifen und verharrte dann bei Roggle, der neben Alaska saß und alles teilnahmslos über sich ergehen ließ.

»Schafft den Vorjul raus«, sagte er kalt.

»Warum denn?«, fragte Alaska gereizt.

»Weil ich es für richtig halte.«

»Verstehe. Komm, Roggle, wir gehen ein wenig spazieren. Hier ist die Luft zu schlecht«, sagte Alaska und verließ mit Roggle den Konferenzraum.

»Jetzt können wir frei reden«, meinte Eorthor sichtlich zufrieden.

»Glaubst du noch, dass er ein Spion MODRORs ist?«, fragte Atlan.

»Wer weiß. Doch selbst wenn er keiner ist, darf er nicht hören, was hier besprochen wird.«

»Und warum nicht? Warum ist Roggle so wichtig für dich?«

»Weil er die Schlüsselfigur in meinem Plan ist. Roggle ist die Waffe, mit der ich VORJUL zu zerstören gedenke.«

Eorthor ließ seine Worte wirken. Er sah den anderen an, dass sie mit Skepsis reagierten. Also fuhr er fort.

»Mein Plan besteht darin, Roggle als Waffe einzusetzen. Er soll Kontakt zu seinem vergeistigten Volk aufnehmen. Natürlich darf er selbst davon nichts wissen.«

»Ich verstehe immer noch nicht, wie ein einziger Vorjul die Superintelligenz zerstören soll«, warf Osiris ein.

»Das wundert mich nicht. Aber ich verstehe es. Schon vor einigen Millionen Jahren machte ich mir Gedanken, wie man eine Superintelligenz zerstören kann. Ich entwickelte also im Laufe der Zeit eine entsprechende Waffe. Ich nenne sie Verstofflicher.«

Eorthor ließ seine Worte einige Augenblicke wirken und fuhr dann fort.

»Dieser Verstofflicher ist ein gasförmiges Wesen. Es kann selbstständig denken. Dieses Wesen ist in der Lage, sich in Roggles Körper einzunisten, ohne dass er es merkt.«

»Verstehe. Roggle dient diesem Verstofflicher als Wirtskörper. Was dann?«, fragte Atlan.

»Sobald Roggle mentalen Kontakt zu VORJUL herstellt, kann der Verstofflicher dadurch in die Superintelligenz eindringen. Dann bewirkt er durch eine Manipulation der einzelnen Bewusstseinseinheiten, dass diese sich wieder zu stofflichen Körpern materialisieren. Nachdem sich VORJUL aufgelöst hat, werde ich den Planeten mit einer Hyperraumbombe vernichten. Dies hat zur Folge, dass die Bewusstseinskomponenten, ÜBSEF-Konstanten, Konzepte und dergleichen im Hyperraum verwehen. Sie hätten keinen Ankerpunkt mehr und wären für immer verloren.«

»Verstehe. Roggle dient also als eine Art trojanisches Pferd«, meinte Atlan.

»VORJUL wird sich völlig sicher fühlen und keinerlei Verdacht schöpfen, dass ihm ein solch beschränktes Wesen gefährden könnte«, erklärte Eorthor.

»Hast du diese Waffe schon einmal angewendet?«, erkundigte sich Osiris.

»Nein, aber ich weiß, dass sie funktioniert. Was ich geschaffen habe, hat ausnahmslos funktioniert«, erklärte der Alysker überzeugt.

»Das einzige, was wir tun müssen, ist, Roggle für ein paar Stunden in mein Labor zu bringen, damit ich den Verstofflicher in den Vorjul einsetzen kann.«

Atlan wurde nachdenklich. Der moralische Aspekt dieses Projektes war natürlich höchst fragwürdig. Waren die wieder stofflich gewordenen Vorjul Leben? Durfte man sie so einfach ausradieren?

Das ist Völkermord, schoss es Atlan durch den Kopf.

»Gibt es keinen anderen Weg? Wir könnten den Planeten isolieren. Welche Gefahr stellen die Vorjul noch dar?«, begehrte der Arkonide auf.

Er empfing ein mildes Lächeln von Eorthor. Das Lächeln eines gescheiten Mannes, der von einem Vollidioten eine närrische Frage gestellt bekam. Und genau so fühlte sich Atlan auch in Eorthors Gegenwart: wie ein Idiot.

»Das Bewusstsein von VORJUL hat die Reife einer Superintelligenz. Es kann den Prozess der Vergeistigung erneut einleiten. Viel schneller als beim normalen Reifeprozess eines Geisteswesens«, erklärte Eorthor und fügte hinzu: »Es gibt keine Alternative.«

Atlan stimmte zu. Er hatte keine andere Wahl. Aber er ahnte schon, wie sein Freund Alaska Saedelaere darauf reagieren würde.

*

»Nein! Nein, das könnt ihr nicht machen. Roggle ist ein empfindsames Wesen. Ihr habt nicht das Recht, ihn auf diese Weise zu missbrauchen«, lehnte Alaska den Plan ab.

Atlan hatte ihn in den Konferenzsaal geholt, während Jaques de Funés und Leopold bei Roggle blieben.

»Das Schicksal einer einzelnen, jämmerlichen Kreatur ist nichts im Vergleich zum Schicksal von unzähligen Wesen in deiner Heimat, die sonst vernichtet werden«, belehrte ihn Eorthor.

»Ihr habt trotzdem nicht das Recht dazu. Der Zweck heiligt nicht die Mittel«, wehrte sich Alaska.

»Ich muss Eorthor leider recht geben. Dieser Plan ist vielleicht unsere einzige Chance, die Invasion in die Lokale Gruppe zu verhindern. Wenn wir scheitern, gibt es nichts, was MODROR noch aufhalten könnte«, gab Osiris zu bedenken.

»Was sagst du, Atlan?«, fragte Alaska den Arkoniden.

»Ich bin derselben Meinung. Auch wenn es pathetisch klingt: Das Schicksal unserer Heimat und vielleicht des gesamten, uns bekannten Universums steht auf dem Spiel. Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist. Außerdem hat mir Eorthor versichert, dass Roggle dabei nichts passiert«, erwiderte der Unsterbliche.

»Das ist korrekt. Der Vorjul dient lediglich als Überträger des Verstofflichers. Er ist nun einmal der Einzige, der in die Nähe VORJULs gelangen kann. Davon abgesehen verstehe ich nicht, warum ihr euch Sorgen um ein derart kurzlebiges Wesen macht«, sagte Eorthor emotionslos.

»Kotzbrocken wie du werden das nie verstehen. Egal, wie viele Millionen Jahre sie auch werden«, entgegnete Alaska gereizt.

»Kein Grund, persönlich zu werden. Wir werden deinen Roggle schon rechtzeitig herausholen. Im Übrigen muss ihn jemand von euch begleiten, denn allein können wir diesen unfähigen Narren nicht gehen lassen. Wenn er dann seine Mission erfüllt hat, muss ein Schiff auf Vorjul landen und die Hyperraumbombe dort zünden.«

»Das wird meine HOR-ATEP übernehmen«, bot Osiris an.

»Und wir werden Roggle begleiten«, entschied Atlan.

»So soll es geschehen«, stimmte Eorthor sichtlich zufrieden zu.

»Wirst du mit Roggle reden, Alaska?«, fragte Atlan den Terraner.

»Mir bleibt wohl keine andere Wahl. Aber gern tue ich es nicht.«

*

Nachdem Alaska dem Vorjul gut zugeredet hatte, begleitete er ihn und Eorthor in dessen Labor. Eorthor bemühte sich, so freundlich wie möglich zu Roggle zu sein, und log ihm einigermaßen überzeugend vor, dass es sich um eine routinemäßige, medizinische Untersuchung handle, die nur zu seinem Besten sei.

Alaska Saedelaere fühlte sich dabei alles andere als gut. Er empfand Mitgefühl für das gepeinigte Wesen, und vielleicht sogar so etwas wie Freundschaft. Er traute Eorthor nicht. Der Alysker würde bedenkenlos alle und jeden opfern, wenn es seinen Plänen dienlich war. Alaska war klar, dass er dabei auch vor ihm und seinen Freunden keinen Halt machen würde.

*

Nach einigen Stunden hatte Eorthor sein Experiment erfolgreich beendet. Über die Details schwieg er sich aus, aber er informierte Atlan, Alaska und Osiris, dass sich der Verstofflicher nun in Roggles Körper befand und darauf wartete, mit VORJUL in Kontakt zu treten. Roggle verhielt sich überraschend ruhig und besonnen. Selbst Gle, der aggressivere Teil des zweiköpfigen Wesens, der immer wieder durch boshafte Bemerkungen aufgefallen war, schwieg. Offenbar war Roggle durch die fremde Umgebung zutiefst beeindruckt. Alaska hoffte nur, dass Roggle die bevorstehenden Ereignisse gut überstand und den Vorjul dies alles nicht überforderte. Dem Hautträger gefiel die ganze Angelegenheit überhaupt nicht, und er hatte Zweifel an dem Plan. Aber auch ihm fiel im Moment keine Alternative ein.

*

Nachdem alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, brachte Osiris Atlan und seine Gefährten auf sein Schiff, die HOR-ATEP. Eorthor ließ die Hyperraumbombe an Bord bringen. Der Alysker hatte beschlossen, die Expedition zu begleiten, da – seiner Meinung nach – nur er in der Lage war, das Unternehmen zu einem Erfolg zu bringen. Kurz darauf hob die HOR-ATEP ab und verließ Alysk.

»Wohin fliegen wir denn jetzt, Alaska?«, fragte Roggle den Hautträger.

Beklommen überlegte Saedelaere, was er sagen sollte. Die Wahrheit durfte Roggle natürlich nicht erfahren. Er hätte sie wahrscheinlich auch gar nicht verstanden. Alaska versuchte es daher mit einer Halbwahrheit.

»Wir fliegen nach Vorjul, zu deinem Volk. Vielleicht gelingt es dir, dein Volk zur Vernunft zu bringen«, erklärte er mit belegter Stimme.

»Vernunft, Vernunft! Bah, ihr seid doch die Doofen!«, giftete Gle.

»Sei still, Gle! Das ist eine sehr wichtige Aufgabe«, erwiderte Rog.

»Traust du sie dir nicht zu, Roggle?«, fragte Alaska unbehaglich.

Die beiden schwiegen. Auch Gle schien sich des Ernstes der Lage bewusst zu sein.

»Doch. Wir werden alles tun, um dir zu helfen, weil du unser Freund bist, Alaska. Du hast unser Leben gerettet«, erklärte Rog.

»Und du meines. Wir sind quitt.«

»Wir sind Freunde«, sagte Rog in einer Art und Weise, die Alaska zutiefst rührte.

»Danke«, sagte er und ging schnell weg. Er konnte es nicht ertragen, Roggle in die Augen zu sehen, da er sich schämte, ihn hintergehen zu müssen.

Vorjul

Der Flug nach Vorjul verlief ohne Zwischenfälle. Allerdings wurde Roggles schlechtere Hälfte Gle mit zunehmender Flugdauer wieder aggressiver und geriet mehrmals mit dem Somer Leopold aneinander, der ebenfalls kein allzu mildes Temperament besaß.

Bevor man sich Vorjul näherte, setzten sich alle Beteiligten zusammen. Nur Alaska Saedelaere fehlte, er blieb bei Roggle. Eorthor ergriff das Wort.

»Wie erreichen in Kürze Vorjul. Da wir es nicht riskieren können, uns zu weit vorzuwagen, habe ich in meiner Voraussicht ein Beiboot der Talsonen an die HOR-ATEP andocken lassen. Die Talsonen sind Bärenwesen, sie sind zusammen mit den Skurit die vorherrschende Rasse im Kreuz der Galaxien. Sie sind jedoch Ureinwohner, während die Skelettwesen MODRORs erst seit der Besetzung im Kreuz der Galaxien leben.

Auf Vorjul sind aber auch viele andere Hilfsvölker MODRORs stationiert. Daher werden ein paar Fremde nicht weiter auffallen«, erklärte der Alysker. Er fuhr hochmütig fort:

»Eine Ausnahme gibt es allerdings: Atlan, Alaska Saedelaere und der Haluter müssen hierbleiben. Ihr seid MODROR und seinen Agenten sicher bekannt. Wenn man euch findet, wüsste MODROR sofort, dass eine Aktion gegen ihn im Gange ist.«

Atlan machte ein missmutiges Gesicht.

»Klingt plausibel, gefällt mir aber überhaupt nicht. Dann muss Osiris die Gruppe führen.«

»Auch Osiris dürfte MODROR und seinen Schergen inzwischen bekannt sein. Außerdem muss er sein Schiff steuern. Und ich komme ebenfalls nicht in Betracht.«

»Dann bleiben nur die beiden Komiker und ich übrig«, meldete sich Denise Joorn zu Wort und zeigte lässig auf Jaques de Funés und Leopold.

»Welche Komiker?«, fragte der Franzose entgeistert.

»Das können wir nicht machen«, protestierte Atlan.

»Doch!«, widersprach Eorthor dem Arkoniden.

»Gerade diese unscheinbaren Kreaturen werden keine Beachtung finden. Wenngleich auch ich zugeben muss, dass sie ein wunder Punkt in meiner Planung sind. Ich weiß nicht, ob ich mich auf solche Leute verlassen kann.«

»Danke für das Unscheinbar«, fauchte Denise Joorn giftig.

Der Somer Leopold, der bislang erstaunlich ruhig geblieben war, erhob sich ächzend aus seinem Sessel und stemmte beide Flügel in die Hüften.

»Und ob man sich auf Leopold verlassen kann! Gegen mich ist James Bond ’ne Flachpfeife. Wo fliegen wir eigentlich hin?«

»Setz dich hin, du Angeber«, giftete Jaques de Funés den Somer an. Im Handumdrehen war ein lauter Streit zwischen den beiden im Gange, der erst durch Icho Tolots lautes Gelächter, das den Konferenzraum erbeben ließ, verstummte.

»Wahrlich eine unauffällige Truppe«, prustete der Haluter. Es klang wie ferner Donner.

»Genug der Scherze. Ich hoffe, ihr seid euch des Ernstes der Lage bewusst«, mahnte Eorthor streng.

»Sind wir. Wir reißen uns schon zusammen«, versicherte Denise Joorn.

»Mich würde allerdings noch interessieren, was es über den Planeten, auf dem wir landen, Wissenswertes gibt.«

Eorthor erklärte bereitwillig, dass Vorjul ein feuchter, sumpfiger Dschungelplanet war. Er besaß einen Durchmesser von knapp fünfzehntausend Kilometern und hatte drei Kontinente. Die Durchschnittstemperatur auf Vorjul lag bei einundzwanzig Grad Celsius. Meist war es dort regnerisch und schwülwarm.

»Die Hauptstadt trägt den Namen Kattaza. Sie wird hauptsächlich von einheimischen Talsonen sowie Skurits und anderen Völkern aus Barym bewohnt. Zumindest die Talsonen sind VORJUL unterworfen. Die Skurits, Lasaar oder Rytar dienen MODROR vermutlich aus freiem Willen.

In der Nähe von Kattaza befindet sich der Berg Vorjul, der Sitz der Superintelligenz. Dort liegt euer Ziel. Ihr müsst euch beeilen und Roggle so schnell wie möglich Kontakt mit VORJUL aufnehmen lassen, bevor die Superintelligenz etwas bemerkt. Allerdings dürften eure schwachen mentalen Impulse kaum auffallen«, meinte der Alysker.

»Was meint er damit?«, fragte Leopold.

»Ich erkläre es dir später«, entgegnete Denise Joorn.

»Ich bin noch nicht fertig!«, unterbrach Eorthor ihren Dialog.

»Es genügen bereits wenige Minuten, um den Verstofflicher auf VORJUL zu übertragen. Danach müsst ihr euch beeilen und so schnell wie möglich vom Berg Vorjul verschwinden. Sonst kann ich für eure Sicherheit nicht garantieren. Glaubt ja nicht, dass ich wegen euch die Bombe nicht zünden würde.«

»Daran zweifle ich nicht«, gab Denise zurück.

»Keine Sorge. Wir sind auch noch da«, sagte Atlan beruhigend.

»Und ich und die HOR-ATEP ebenfalls«, schloss sich Osiris an.

»Danke, auch daran zweifle ich nicht«, erwiderte die Archäologin lächelnd, während Eorthor finster vor sich hin starrte.

Leopold hingegen wirkte beunruhigt.

»Also, vielleicht sollten wir uns das Ganze doch noch mal überlegen.«

»Ach was! Sei gefälligst ein Mann!«, herrschte ihn Jaques de Funés an, obwohl dem Terraner auch alles andere als wohl zumute war, was er aber vor Denise Joorn nicht zugeben wollte.

*

Mittels einer Hypnoschulung machte Eorthor die drei mit der Bedienung des talsonischen Beibootes vertraut. Alaska Saedelaere instruierte derweil Roggle, dem er ein letztes Mal einschärfte, mit Denise Joorn zu gehen und ihre Anordnungen zu befolgen. Widerstrebend willigte das Doppelwesen ein und begab sich an Bord des Beibootes.

»Was wird aus Roggle werden?«, fragte Alaska Eorthor.

»Wenn er den Verstofflicher auf VORJUL übertragen hat, ist er nutzlos für mich. Ihr könnt mit ihm machen, was ihr wollt. Ob ihr ihn da lasst oder mit euch nehmt, ist eure Sache. Ich würde aber zu ersterem raten«, antwortete der Alysker gleichgültig.

Alaska musste sich sehr zusammennehmen, um nicht aufzubrausen. Aber er wusste, dass dies nichts nutzen würde, da Eorthor einfach in ganz anderen Kategorien dachte. Mit einem unguten Gefühl verabschiedete sich Saedelaere von Roggle und seinen Gefährten und ging von Bord.

*

Kurze Zeit später legte das talsonische Beiboot mit Denise Joorn, Leopold, Jaques de Funés und Roggle an Bord ab und ließ die HOR-ATEP hinter sich. Osiris’ Schiff blieb im Schutz der Sonne zurück. Erst wenn der Verstofflicher zum Einsatz gekommen war oder bei einem dringenden Notfall sollte Denise Kontakt mit dem Mutterschiff herstellen. Bis dahin herrschte Funkstille.

»Das kann ja heiter werden! Hätte ich doch bloß nicht diese verdammte Reise gemacht, dann wäre ich jetzt nicht hier«, jammerte Jaques de Funés.

»Das hast du nun davon. Hauptsache Termine, Termine, Termine! Ihr Geschäftsleute seid doch alle nicht ganz dicht. Rennt immer nur hinter dem Geld her, wo doch das Universums so viel Schöneres zu bieten hat. Aber ich finde das alles irgendwie cool, besonders Denise«, entgegnete Leopold.

Denise verzog die Mundwinkel. Mit den beiden konnte das noch ein Himmelfahrtskommando werden. Aber das war es ihrer Meinung nach ohnehin schon.

»Seid still! Euer Gequassel macht uns Kopfweh!«, keifte Gle.

»Nein, wir finden es schön, Freunde zu haben«, widersprach Rog.

»Immer dieses Hin und Her. Sie müssen sich irgendwann mal entscheiden, was Sie wollen. Ist ja kein Wunder, dass Sie davon Nervenprobleme kriegen«, belehrte Jaques de Funés den Vorjul.

»Hässlicher, blöder, kleiner Zwerg!«, fauchte Rog.

»Also das ist doch wohl die Höhe! So macht man sich aber keine Freunde«, sagte der Terraner pikiert und wandte sich ab.

Denise Joorn bemerkte, dass Roggle beziehungsweise seine Hälfte Gle immer aggressiver wurde, während sie sich Vorjul näherten. Hoffentlich ging das alles gut. Sie hatte längst nicht so viel Vertrauen in den Plan wie Eorthor. Aber sie vertraute Atlan und Osiris. Diese beiden besaßen unendlich viel mehr Erfahrung als sie. Die Archäologin sah auf die Kontrollen. Eorthor hatte das talsonische Schiff so programmiert, dass es von allein nach Vorjul flog.

Bald würde es soweit sein. Bis dahin versuchte sie, sich zu entspannen.

*

Ein Piepen weckte Denise Joorn. Die Olymperin rekelte sich verschlafen. Der Sessel in der Zentrale des Raumschiffes war äußerst unbequem. Nach dem kurzen Schlummer, den sie sich gegönnt hatte, waren ihre Schultern schmerzhaft verspannt. Sie sah auf die Kontrollen und aktivierte den Panoramaschirm. Vor ihnen lag Vorjul.

»Auf eure Posten! Wir sind da«, wies sie Leopold und de Funés an.

Plötzlich wurden sie von zahllosen Raumschiffen umringt, die an ihnen vorbeiflogen. Es waren Einheiten der Talsonen und der Skurits. Die talsonischen Raumschiffe waren klein und unförmig. Sie wirkten mit ihren abstrakten Formen wie zusammengeschustert. Die barymischen Raumer der Skurits waren diskusförmig. Inmitten dieses Pulks schien das gekaperte Schiff nicht weiter aufzufallen.

»Wir sind umzingelt! Das ist das Ende!«, kreischte Jaques de Funés los.

Denise Joorn aktivierte den Erkennungscode, den ihr Eorthor gegeben hatte.

»Jetzt werden wir sehen, was dieser Code wert ist. Wenn Eorthor recht hatte, lassen sie uns landen. Wenn nicht, sind wir dran.«

»Dran! Dran! Dran!«, schrie Roggle und hüpfte auf einem Bein in der Leitzentrale auf und ab.

»Setz dich hin!«, herrschte die Olymperin den Vorjul an, der tatsächlich gehorchte und sich eingeschüchtert auf seinen Platz hockte.

Gespannt wartete das Team darauf, dass etwas passierte. Doch es geschah nichts. MODRORs Schiffe hatten sie als einen der ihren eingestuft und ließen sie unbeachtet.

»Der Alysker hatte also Recht. Sie lassen uns landen. Hoffen wir, dass es weiter so gut geht«, murmelte Denise Joorn.

»Und wie geht es nun weiter, wenn man fragen darf?«, wollte Jaques de Funés wissen.

»Eorthor hat gesagt, dass wir auf einem Landefeld in der Nähe des Berges Vorjul landen werden. Von dort aus müssen wir zu Fuß weiter«, erklärte die Olymperin.

Leopold war davon alles andere als begeistert.

»Zu Fuß? Ach nö, das ist ja so anstrengend!«

»Fauler Sack!«, herrschte ihn de Funés an.

»Selber Sack!«

»Schluss jetzt, ihr beiden! Ihr seid ja schlimmer als Tatcher a Hainu und Dalaimoc Rorvic. Und die sollen schon schlimm genug gewesen sein, wie ich gelesen habe. Bereitet euch jetzt auf die Landung vor«, bestimmte Denise genervt.

*

Genau wie der Alysker Eorthor es vorausgesagt hatte, landete das talsonische Beiboot auf dem vorgesehenen Landefeld. Ein Leitstrahl hatte es erfasst und sicher zu Boden gebracht. Gespannt warteten die Insassen des Schiffes, ob jemand kam, um nach ihnen zu sehen. Doch die Stunden vergingen und niemand kümmerte sich um sie.

»Das ist mir fast schon zu einfach«, murmelte Denise Joorn, die dem Frieden nicht recht traute.

»Soll ich mal rausgehen und schreien, damit es spannender wird?«, wagte Leopold einen Scherz, wofür er sich einen vernichtenden Blick einhandelte.

»Wenn es dunkel ist, gehen wir«, entschied die Archäologin. Dann wandte sie sich an Roggle.

»Bist du bereit, Roggle?«, fragte sie behutsam.

»Ja«, sagte Rog.

»Nein«, sagte Gle.

Denise rollte genervt mit den Augen.

»Na wunderbar. Dann kann es ja losgehen.«

Die Olymperin ging zu einem Schrank und holte drei Handstrahler hervor. Einen davon steckte sie ein, die anderen übergab sie Leopold und Jaques de Funés.

»Hier, aber passt auf, dass ihr euch nicht selbst erschießt.«

»Keine Sorge, Baby. Auf dem Gebiet bin ich Experte«, prahlte Leopold.

Denise zog es vor, auf jeden Kommentar zu verzichten.

Rodrom

Ein riesiges Raumschiff schwebte langsam auf Vorjul zu. Es schleuste ein kleineres Beiboot aus, das den Planeten anflog. Majestätisch landete es auf dem größten Raumhafen der Hauptstadt Kattaza. Tausende von Skurit-Soldaten und Talsonen waren auf dem riesigen Landefeld angetreten, um seinem einzigen Passagier zu huldigen.

Gemächlich schritt Rodrom die Rampe hinunter. Diese Empfänge waren zwar einer wie der andere, doch er fand es immer wieder amüsant, wie sich seine Untergebenen abmühten, um ihm ein standesgemäßes Ambiente zu bieten.

Rodrom ließ seinen Blick über die angetretenen Kompanien schweifen und war zufrieden. Mit diesen Armeen sollte es ein Leichtes sein, die Feinde MODRORs zu unterwerfen oder zu vernichten, wenn sie es denn nicht anders wollten. Rodrom fand MODROR zu milde, sah aber ein, dass man hin und wieder neue Völker braucht, um das immer größer werdende Reich zu kontrollieren. Je größer ein Imperium wurde, desto schwieriger wurde es, dieses zu verwalten.

Aber das waren nun einmal die Probleme einer Entität. Davon ahnten die kleinen, jämmerlichen und sterblichen Wesen nichts. Sie waren völlig mit ihren kleinen, banalen Problemen beschäftigt, die sich um irgendwelche Begierden unterschiedlicher Art drehten. Es war einfach unsinnig, ihnen irgendetwas zu erklären. Sie mussten nur genug wissen, um seine Befehle befolgen zu können.

Der oberste Kommandeur der Talsonen begrüßte ihn ehrerbietig.

»Ich heiße euch auf Vorjul im Namen unseres Gebieters herzlich willkommen, Herr.«

»Ja, schon gut. Ich wünsche, die Truppen zu inspizieren und möglichst bald mit VORJUL zu sprechen«, erwiderte Rodrom gelangweilt.

»Unser Gebieter wird euch sicher schon bald empfangen. Erlaubt mir, euch zunächst die Truppen zu zeigen.«

Rodrom stimmte zu und begann mit der Inspektion.

Auf Vorjul

Als es dunkel geworden war, verließen Denise Joorn, Jaques de Funés und Leopold mit Roggle das Beiboot. Auf dem beleuchteten Landefeld war niemand zu sehen. Nur ein paar Roboter schwebten zwischen den zahllosen Raumschiffen umher und beachteten sie nicht.

Denise ließ ihren Blick über die vielen Schiffe verschiedenster Bauart schweifen.

»Wenn man bedenkt, dass dies nur ein Teil ihrer Invasionsflotte ist, muss ihre Stärke gigantisch sein«, überlegte die Archäologin.

»Das klingt beunruhigend«, sagte Jaques de Funés mit belegter Stimme.

»Ist es auch. Machen wir lieber, dass wir weiterkommen.«

Die Gruppe verließ das Landefeld, ohne jemandem zu begegnen.

»Wo die nur alle sind?«, fragte Denise, ohne zu ahnen, dass gerade nicht allzu weit entfernt eine gigantische Truppenparade zu Ehren Rodroms stattfand.

»Seien wir froh, dass sie nicht hier sind«, meinte Jaques de Funés angespannt.

Der Unternehmer und sogar Leopold hatten den Ernst der Lage erfasst und verzichteten auf ihre gewohnten Neckereien. Auch Roggle wirkte eingeschüchtert und verhielt sich ungewöhnlich still.

Denise hielt an und sah sich um.

»Der Berg Vorjul soll ganz in der Nähe dieses Landefeldes sein. Aber in welche Richtung wenden wir uns?«, rätselte die Archäologin.

Roggle trat entschlossen vor und deutete in die entgegengesetzte Richtung.

»Dort entlang. Folgt mir!«, sagte er ernst.

Denise entschloss sich, der seltsamen Kreatur zu vertrauen. Vielleicht hatte Roggle schon mentalen Kontakt aufgenommen.

»Also gut. Geh voran.«

Denise Joorn und ihre Begleiter folgten Roggle, der sie aus der Stadt hinausführte. Es nieselte leicht und war schwülwarm. Je näher sie dem Berg kamen, desto angenehmer wurde jedoch die Temperatur. Roggles Schritte wurden immer schneller und besonders Leopold musste sich beeilen, um mithalten zu können. Alle trugen kleine Scheinwerfer mit sich, um sich im Dunkeln zurecht zu finden. Als nach Stunden die Sonne aufging, erreichten sie den Fuß des Berges Vorjul.

»Das ist die Erhebung, auf dessen Gipfel VORJUL thront«, verkündete Roggle mit einem ehrfürchtigen Leuchten in den Augen.

»Na endlich. Ich kann nicht mehr«, jammerte Leopold und setzte sich auf einen Felsen.

»Und nun?«, fragte Jaques de Funés.

Denise Joorn wandte sich Roggle zu.

»Kannst du Kontakt mit VORJUL und deinem Volk aufnehmen?«

»Ja«, sagte Roggle und nickte mit beiden Köpfen abwechselnd.

»Dann geh und sprich zu ihm«

Roggle gehorchte und kletterte ein Stück den Berg hoch.

Denise Joorn sah ihm mit gemischten Gefühlen nach. Sie fürchtete sich vor dem, was nun geschehen würde. Auch ihr behagte es nicht, Roggle zu hintergehen. Außerdem fragte sie sich, ob Eorthors Plan wirklich funktionieren würde und ob sie dann auch noch genug Zeit hatten, um Vorjul rechtzeitig wieder zu verlassen.

*

Ich bin da! Endlich zuhause.

Wir sind da, Rog! Vergiss das nicht.

Das ist doch ein und dasselbe.

Jaja! Du denkst immer nur an dich! Niemand denkt an Gle! Hauptsache Rog. Rog muss ja gemeinsame Sache mit diesen ekligen Fremden machen, die unsere Feinde sind.

Nein, Gle! Sie sind unsere Freunde. Ohne sie wären wir gar nicht hier.

Das tun sie nur, weil sie etwas dafür von dir wollen.

Schweig! Wir müssen zu VORJUL sprechen. Bald werden wir eins sein mit unserem Volk. Dann wird alles schön. Aber vorher müssen wir uns für den Frieden einsetzen. Lass uns Kontakt zu VORJUL aufnehmen. Dazu müssen wir eins sein und mit einer Stimme sprechen.

VORJUL! Erhöre mich! Ich bin Roggle und ich bin heimgekehrt.

VORJUL hört dich, kleiner, erbärmlicher Roggle! Was willst du hier, nach all der Zeit?

Heimkehren will ich. Zurück zu meinem Volk und eins werden mit VORJUL.

Wie kannst du es wagen, dich hier sehen zu lassen, nachdem du so kläglich versagt hast. Du hast die Station nicht zerstört, wie es dir befohlen war.

Aber das ist doch schon zweitausend Jahre her. Und es war nicht meine Schuld. Außerdem habt ihr trotzdem gesiegt. Könnt ihr nicht Gnade walten lassen, nach all der Zeit, und mich in euer Kollektiv aufnehmen?

Gnade? Nach all der Zeit? Was sind schon zweitausend Jahre? Für VORJUL ist dies nur ein kurzer Augenblick seiner ewigen Existenz. VORJUL vergisst nicht und niemanden und auch kein Versagen.

Höre mich an! Ich bringe eine Friedensbotschaft der Terraner. Sie wollen keinen Krieg. Sie wollen Freundschaft. Sie waren sehr gut zu mir.

Schweig, du Narr! Du hast die Feinde MODRORs nach Vorjul gebracht. Du bist ein Verräter. Das wirst du büßen.

Nein! Habt Mitleid mit Roggle. Nehmt ihn auf!

Doch die Stimme VORJULs verstummte. Hilflos setzte sich Roggle auf einen Felsen und hielt seine Köpfe. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen. Endlich war er heimgekommen. Und nun? Sein Volk, das Kollektiv der Superintelligenz VORJUL hatte ihn abgelehnt und verstoßen, ja sogar als Verräter bezeichnet.

»Ich habe dich gewarnt, du dummer Narr! Aber du wolltest ja nicht hören!«, zischte Gle wütend.

»Nein, nein. Das kann doch nicht sein. Wir sind doch keine Verräter«, jammerte Rog.

»Ich nicht. Du aber schon. Und wegen deiner Dämlichkeit muss ich nun büßen. Unser Leben ist für immer zerstört! Einsam und allein sind wir – für alle Zeiten.«

»Aber nein, Alaska ist unser Freund. Er wird uns helfen.«

»Du Dummkopf! Der ist doch an allem schuld!«

Da hörte Roggle erneut eine Stimme in seinen Köpfen. Aber es war nicht die von VORJUL:

Gib nicht auf, kleiner Roggle. Es ist noch nicht alles verloren.

Wer bist du? Ich kenne dich nicht. Du bist nicht VORJUL.

Nein, ich bin nicht VORJUL. Ich bin weitaus mächtiger als VORJUL. Ich bin MODROR.

MODROR? Was willst du von mir?

Ich biete dir an, mir zu dienen. Als Belohnung sorge ich dafür, dass VORJUL dich in sein Kollektiv aufnimmt.

Das würdest du tun? Das wäre … nett von dir.

Ja, das wäre es wirklich. Du musst nur meine Befehle befolgen.

Und wie lauten diese Befehle?

Liefere mir die Fremden aus. Ich will wissen, wo sie sich versteckt haben. Bring sie zu mir und ich erfülle dein Schicksal.

Alaska verraten? Aber er ist doch mein Freund.

Willst du bleiben, wie du bist? Eine hässliche Missgeburt, von allen verspottet und abgelehnt und für immer einsam und allein? Oder willst du zurück zu deinem Volk?

Ich würde so gern zurück zu meinem Volk. Ich bin so schrecklich einsam.

MODROR gibt dir diese Chance nur einmal. Nutze sie!

Gut, gut, ich will tun, was du sagst. Ich will dir dienen.

*

Rodrom langweilte sich. Unzählige Raumschiffe hatte er besichtigt, unzählige Wesen verschiedenster Art waren an ihm vorbeimarschiert. Und immer wieder hatten die Militärführer dasselbe erzählt.

Rodrom fand diese körperlichen Wesen einfach erbärmlich, obwohl sie natürlich nützliche Kämpfer für die Zwecke MODRORs waren. Sie würden seine Feinde überrennen und vernichten. Dieser Gedanke stimmte die Inkarnation wieder froh. Außerdem sah er ein, dass diese Inspektionen nun einmal zu seiner Arbeit gehörten. Manchmal war diese Arbeit eben lästig und zäh, aber manchmal war sie auch schön und befriedigend, wenn wieder einmal ein Planet versklavt oder vernichtet wurde. Dann hatte sich die ganze Mühe gelohnt.

Rodrom, hörte die Inkarnation eine mächtige, mentale Stimme in sich hallen. Es war die Stimme seines Gebieters MODROR. Es musste etwas Wichtiges geschehen sein.

Ja, Meister?, fragte Rodrom ehrerbietig und lauschte gespannt.

Fremde sind auf Vorjul gelandet. Sie befinden sich am Berg. Sie nahmen Kontakt mit der Superintelligenz auf. Es sind nur wenige, aber ich spüre Gefahr.

Wie können einige wenige unsere gewaltige Flotte gefährden?

Unterschätze sie nicht. Finde heraus, was sie hier wollen. Wir brauchen sie lebend. Schnell!

Ja, Meister.

Als sein Gebieter ihn verlassen hatte, rief Rodrom einige Skurit-Soldaten zu sich und entsandte sie zum Berg Vorjul, um die Eindringlinge gefangen zu nehmen.

*

Denise Joorn suchte die Gegend mit einem Okular ab, um nach Roggle zu sehen. Sie konnte ihn aber nicht entdecken. Die Olymperin fragte sich, ob Eorthors Plan gelungen und der Verstofflicher auf die Superintelligenz VORJUL übergesprungen war. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie das Ganze über die Bühne gehen sollte. Ihr war nur mehr daran gelegen, Roggle wieder einzusammeln und dann zum Schiff zurückzukehren, um diesen Planeten so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Endlich entdeckte sie den zweiköpfigen Vorjul zwischen den Felsen.

»Da ist er!«, rief sie ihren Begleitern zu.

»Na wunderbar. Vielleicht kann der sich mal ein bisschen beeilen«, maulte Jaques de Funés.

»Gehen wir ihm entgegen«, entschied Denise.

Die drei setzten sich in Bewegung und gingen dem Vorjul entgegen, der mit hängenden Köpfen auf sie zu trottete.

»Was ist geschehen?«, fragte Denise Roggle behutsam.

»VORJUL hat mich weggeschickt. Niemand will Roggle haben«, klagte das entstellte Wesen traurig.

Das ging Denise nahe. Es war zwar von Anfang an klar gewesen, dass sich die Superintelligenz VORJUL auf keinerlei Verhandlungen einlassen würde, aber Roggle hatte sich natürlich Hoffnungen gemacht. Die Archäologin fragte sich erneut, ob der Verstofflicher Roggle verlassen und auf VORJUL übergegangen war. Ob die Sache das wert war. Doch konnte sie Roggle schlecht fragen, da der keine Ahnung von all dem hatte und auch am besten nichts davon erfuhr. Jetzt galt es, so schnell wie möglich diesen Planeten zu verlassen.

»Du kannst mit uns kommen, Roggle. Bei uns hast du Freunde. Wir müssen jetzt zurück zum Schiff und dann zur HOR-ATEP.«

Kaum hatte Denise Joorn ausgesprochen, tauchten über ihnen Schwebegleiter auf, die zahlreiche Skurit-Soldaten in ihrer Nähe absetzten.

»Sie haben uns entdeckt! Was sollen wir jetzt tun?«, rief Jaques de Funés, von Panik erfüllt.

Ehe sich die vier versahen, waren sie von Skurit-Soldaten umringt, die drohend ihre Waffen auf sie anlegten. Denise Joorn sah ein, dass Gegenwehr sinnlos war. Sie saßen in der Falle. Jetzt konnten ihnen nur noch Atlan und Osiris helfen. Wenn sie noch rechtzeitig kamen. Resigniert warf Denise ihre Waffe weg. Jaques de Funés und Leopold taten es ihr nach. Roggle sank wimmernd auf den Boden und schlug sich mit den Händen immer wieder gegen seine Köpfe.

»Wir ergeben uns«, rief sie den Skurit-Soldaten zu, ohne zu wissen, ob die sie überhaupt verstanden. Dann wurden sie gepackt und gefesselt, während Roggle immer lauter winselte und sich die Köpfe zerkratzte.

*

Ungeduldig wartete Rodrom in seinem Sitz in Kattaza auf die Meldungen seines Suchtrupps.

Endlich kam ein talsonischer Offizier herein gestampft und meldete:

»Wir haben vier Fremde am Berg Vorjul aufgegriffen. Sie gehören zu keiner unserer Einheiten. Sollen wir sie herbringen, Herr?«

»Nein, ich begebe selbst dorthin. Melde den Truppen dort, sie sollen sie nicht aus den Augen lassen.«

*

Denise Joorn und ihre Begleiter mussten sich auf den Boden hocken und warten. An Flucht war überhaupt nicht zu denken. Überall standen Skurit-Soldaten um sie herum und warteten nur auf eine falsche Bewegung. Nach einigen Minuten hörte Denise ein Dröhnen und ein Rauschen. Ein Raumschiff landete ganz in ihrer Nähe. Kurz darauf verließ eine rot gekleidete Gestalt das Schiff und kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Denise erschrak. Das musste Rodrom sein. Seine Ankunft konnte ihr Ende bedeuten.

*

Rodrom schritt auf die vier Gefangenen zu. Einer von ihnen war ein Vorjul mit zwei Köpfen, was die Inkarnation recht amüsant fand. Die drei anderen verdarben ihm die Laune. Es waren zwei Terraner und ein Somer. Das konnte nur bedeuten, dass eine feindliche Kommandoaktion im Gange war. Rodrom ahnte, dass die Zeit drängte und er kam ohne Umschweife zur Sache:

»Je schneller ihr mir sagt, was ihr hier vorhabt, desto besser für euch. Wenn ihr euch weigert, werdet ihr einen langsamen, qualvollen Tod sterben.«

»Aber wir haben doch gar nichts vor«, versicherte der Somer.

Rodrom begann die drei mental zu durchleuchten. Ihre Gedanken boten ihm keinen Widerstand. Der Somer hegte lüsterne Gedanken an den widerlichen Körper der terranischen Frau, die Denise Joorn hieß. Als nächstes wandte sich Rodrom dem kleinen Terraner zu, der nur an banale Dinge wie Geld und Arbeit dachte und der sich fürchtete, nie mehr in seine Heimat zurückkehren zu können. Rodrom empfand es als Beleidigung, dass der Feind solche Primitivlinge gegen ihn einsetzte, oder war gerade dies die Taktik? Rodrom begann nun, die Frau zu durchleuchten. Sie versuchte sich zu wehren, aber sie hatte keine Chance, sich ihm zu entziehen. Sie dachte an einen Plan, an Eorthor …

Eorthor! Rodrom wurde unruhig. Er forschte weiter und erfuhr die ganze Wahrheit. Eorthor hatte einen Verstofflicher entwickelt und wollte ihn gegen VORJUL anwenden, um die Superintelligenz zu vernichten. Dafür hatte er den entstellten Vorjul als ahnungslosen Überträger eingesetzt. Und wahrscheinlich war sein Plan gelungen.

Entsetzen, ein Gefühl, das Rodrom schon seit langer Zeit nicht mehr kannte, ergriff die Inkarnation. Wirkte der Verstofflicher? Er versuchte, körperlos zu werden, doch es gelang ihm nicht. Rodrom versuchte es mehrere Male, doch es gelang ihm nicht. Panik ergriff von ihm Besitz. Er musste Kontakt zu VORJUL aufnehmen!

Doch plötzlich fingen die Skurit-Soldaten an zu toben und sinnlose Bewegungen zu machen. Sie ließen ihre Waffen fallen und rannten wie wahnsinnig hin und her. Rodrom erkannte, dass VORJUL begonnen hatte, die Skurits und Talsonen zu übernehmen. Der Verstofflicher hatte zu wirken begonnen.

*

An Bord der HOR-ATEP blickte der Alysker Eorthor gespannt auf seine Instrumente. Als er die Ergebnisse sah, entspannten sich seine Gesichtszüge. Atlan glaubte sogar, etwas wie ein freundliches Lächeln auf seinen Lippen erkennen zu können.

»Und?«, fragte der Arkonide neugierig.

»Der Verstofflicher arbeitet einwandfrei. Auf Vorjul ist das Chaos ausgebrochen. Die Bewusstseinskomponenten der Vorjul übernehmen Skurits und Talsonen und es entsteht ein Kampf um die innere Vorherrschaft in jedem Wesen. Der Augenblick ist gekommen, auf dem Planeten zu landen und die Bombe zu platzieren«, verkündete Eorthor zufrieden.

»Dann wollen wir keine Zeit verlieren. Ich starte sofort«, rief Osiris und begann mit den Startvorbereitungen.

»Zuerst holen wir Denise und die anderen«, schlug Alaska Saedelaere vor.

»Nein, zuerst müssen wir die Bombe platzieren. Das ist wichtiger als ein paar entbehrliche Leute. Danach könnt ihr euch meinetwegen um eure Gefährten kümmern«, entschied Eorthor.

Alaska verließ wütend den Kommandoraum. Atlan sah ihm beunruhigt nach. Hoffentlich kamen sie noch rechtzeitig, um ihre Freunde zu retten.

*

Wütend und hilflos betrachtete Rodrom das Chaos um sich herum. Wie hatte dies nur geschehen können? Gemeinsam mit ein paar minderwertigen Subjekten hatte Eorthor ihn, VORJUL und sogar MODROR zum Narren gehalten. Doch dieses Manöver würde sie nur aufhalten. MODROR würde den Verstofflicher neutralisieren, vorausgesetzt es blieb ihm genug Zeit dafür.

Rodrom vermutete, dass der eigentliche Angriff erst noch bevorstand. Durch die Auflösung VORJULs und das dadurch entstandene Chaos war der Planet verwundbar. Rodrom musste in Erfahrung bringen, wann der Angriff bevorstand. Dazu brauchte er die Gefangenen. Er würde sie schon zum Reden bringen. Rodrom bahnte sich rücksichtlos den Weg durch die umherirrenden Skurit-Soldaten. Doch als er an den Platz kam, an dem sich die Gefangenen vor Kurzem noch befunden hatten, musste er feststellen, dass sie fort waren.

Sie waren geflohen.

*

Das Chaos kam für Denise Joorn und ihre Begleiter völlig unerwartet, bedeutete aber die Gelegenheit zur Flucht. Denise konnte sich denken, dass der Amoklauf der Skurits mit Eorthors Verstofflicher zu tun hatte.

»Sind die jetzt völlig durchgeknallt?«, fragte Leopold.

»Ja, und wir machen, dass wir hier wegkommen. Ihr kümmert euch um Roggle«, ordnete Denise an. Leopold und Jaques de Funés nahmen das verwirrte Doppelwesen in die Mitte und zogen es mit sich.

»Wir verstecken uns erst einmal bei den Felsen dort«, beschloss Denise Joorn und zeigte den anderen einen etwas abseits gelegenen Platz. Dort holte sie ihren Interkom hervor und versuchte, Kontakt mit Atlan und der HOR-ATEP aufzunehmen. Vielleicht waren ihre Freunde bereits im Anflug? Tatsächlich meldete sich kurz darauf der Arkonide.

»Denise! Seid ihr Ordnung?«, fragte Atlan beunruhigt.

»Bis jetzt ja. Um uns herum spielen die Skurits und Talsonen verrückt. Eorthors Waffe scheint zu wirken. Ich weiß nicht, ob wir zum Beiboot zurückkommen«, berichtete die Archäologin.

»Bleibt, wo ihr seid. Wir legen jetzt die Hyperraumbombe. Danach holen wir euch ab. Gib uns eure Koordinaten durch.«

»Verstanden.«

Denise schickte Atlan die Daten und beendete das Gespräch. Erleichtert wandte sie sich ihren Kameraden zu.

»Sie sind bald da und holen uns ab. Dann haben wir es geschafft«, sagte sie erleichtert. Doch ihr Lächeln gefror, als sie die feurig rote Gestalt auf sich zukommen sah. Sie begann, am ganzen Körper zu zittern.

*

Unbehelligt hatte die HOR-ATEP den Planeten Vorjul erreicht. Weder die talsonischen Schiffe noch die Wachforts auf der Oberfläche beachteten sie. Der gesamte Betrieb auf dem Planeten schien gestört zu sein.

»Mein Plan funktioniert«, freute sich Eorthor.

»Ich habe die Koordinaten unserer Freunde. Sie sind noch immer am Berg Vorjul und berichten, dass dort großes Chaos herrscht. Da wir ohnehin zum Berg müssen, um die Bombe abzulegen, können wir sie gleich anschließend einsammeln«, erklärte Atlan.

»Einverstanden«, sagte Osiris.

»Wenn es sein muss«, schloss sich Eorthor gelangweilt an.

»Ja, es muss sein«, meinte Atlan bestimmt.

Nach einigen Minuten landete die HOR-ATEP in einer menschenleeren Gegend. Eorthor ließ von Robotern die Hyperraumbombe ausladen und aktivierte sie. Dann kehrte der Alysker wieder an Bord zurück und die HOR-ATEP setzte ihren Flug fort.

*

Lähmendes Entsetzen breitete sich in Denise aus, als die Stimme des Roten erklang wie ein Riss in der Wirklichkeit.

»Niemand erregt ungestraft den Zorn Rodroms. Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könntet mir so leicht entkommen?«

Instinktiv zog sie ihren Thermo-Strahler und legte ihn auf Rodrom an, doch bevor sie abdrücken konnte, flog ihr die Waffe aus der Hand. Sie landete in der Hand der flammenden Gestalt.

»Wann beginnt der Angriff? Sprich, Weib!«, forderte Rodrom. »Sprich, und ich beschere dir einen schnellen, schmerzlosen Tod.«

Denise spürte, wie sich eine unsichtbare Hand um ihren Hals legte und ihn immer enger zuschnürte.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Jaques de Funés und Leopold versuchten, Rodrom zu attackieren, aber es erging ihnen genauso wie ihr.

»Redet endlich! Meine Geduld habt ihr nicht verdient. Wo sind eure Anführer? Wann beginnt euer Hauptangriff?«

»Ich … weiß nicht«, würgte Denise. Sie fühlte ihre Beine nachgeben.

»Lügnerin! Das bedeutet Schmerz. Wer ist noch dabei? Ah, Atlan, Icho Tolot und Alaska Saedelaere sind auch hier! Ich werde sie gebührend empfangen.«

Denise versuchte, nicht mehr an den Einsatz zu denken, doch es gelang ihr nicht. Rodrom presste die Gedanken aus ihr heraus und erfuhr, was er wissen wollte.

»Eine Bombe? Wo ist sie und wann soll sie explodieren?«, donnerte seine Stimme.

Das wusste Denise wirklich nicht.

»So, das weißt du nicht. Dann brauche ich euch nicht mehr. Sterbt also.«

Denise schloss mit dem Leben ab. Der Griff um ihren Hals wurde noch fester und ihr wurde schwarz vor Augen. Gerade als sie dachte, es wäre aus, ließ der eiserne Griff plötzlich nach und sie sank keuchend zu Boden.

Japsend bemerkte sie, wie die HOR-ATEP über sie hinwegflog und kurz darauf landete. Außerdem sah sie, dass Rodrom bewegungslos am Boden lag, eingehüllt von einem grünen Energiefeld. Atlan, Icho Tolot und Eorthor verließen das Schiff und kamen auf sie zu. Der Arkonide half ihr auf.

»Bist du in Ordnung?«

»Ja, es geht schon wieder. Einen Moment lang dachte ich, es sei aus. Sind die anderen in Ordnung?«

»Ja, die sind schon wieder munter. Unkraut vergeht nicht.«

»Was ist mit Rodrom?«

»Osiris hat ihn mit Hilfe der HOR-ATEP kampfunfähig gemacht und in ein Energiefeld gehüllt.«

»Keine Sekunde zu früh.«

»Offensichtlich wirkt der Verstofflicher auch bei ihm. Eine sehr praktische Nebenwirkung! Jetzt ist er auf körperlicher Ebene angreifbar, und er ist unser Gefangener.«

Eorthor war ebenfalls dazugekommen und betrachtete voller Genugtuung den vom Energiefeld gefesselten Sohn des Chaos, der bewegungslos auf dem Boden lag und sich nicht rührte.

»Da ist uns ein großer Fang gelungen. Rodrom persönlich ist mein Gefangener. Wer hätte gedacht, dass diese Operation so erfolgreich verlaufen würde.«

»Was machen wir mit ihm?«, erkundigte sich Atlan bei dem Alysker.

»Ich werde noch zu gegebener Zeit entscheiden, was mit ihm geschieht. Osiris soll ihn an Bord bringen. Wir nehmen ihn mit nach Alysk. Er kann uns noch wertvolle Informationen liefern«, gebot Eorthor.

Umgehend ließ der Kemete MORDORs Paladin an Bord seines Schiffes bringen und sperrte ihn in eine ausbruchsichere Energiezelle. Rodrom blieb dabei die ganze Zeit bewegungslos. Atlan brachte Denise und ihre Begleiter ebenfalls in das Schiff. Alaska Saedelaere kümmerte sich um Roggle, der einen ziemlich verstörten Eindruck machte.

»Es wird nun Zeit, Vorjul zu verlassen. Die Bombe wird schon bald detonieren«, verkündete Eorthor, als sich alle in der Kommandozentrale befanden.

»Ist es wirklich noch nötig, die ganze Welt zu vernichten? Es befinden sich unzählige Lebewesen auf dem Planeten«, protestierte Denise Joorn.

»Richtig«, stimmte Atlan ihr zu. »VORJUL ist ausgeschaltet, MODRORs Truppen befinden sich in totaler Verwirrung und wir haben Rodrom in unserer Hand. Die Aktion war ziemlich erfolgreich, würde ich sagen. Wir haben gesiegt.«

Die Miene des Alyskers verfinsterte sich wieder.

»Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis MODROR Gegenmaßnahmen treffen würde, um diesen Teil seiner Truppen zu retten. Ich erklärte doch bereits, VORJUL wird sich wieder erholen. Deshalb müssen dieser Planet und MODRORs Horden für immer vernichtet werden«, lehnte er Atlans Ansinnen ab.

»Abgesehen davon kann die Bombe nicht mehr deaktiviert werden. Eine Vorsichtsmaßnahme meinerseits. Ich rate euch also, Vorjul so schnell wie möglich zu verlassen. Die Zerstörung kann jeden Moment beginnen.«

Atlan und Denise mussten einsehen, dass es keine andere Möglichkeit mehr gab. Aber während Eorthor redete, hatte Roggle den Kommandoraum betreten und die Worte des Alyskers voller Entsetzen mit angehört.

»Zerstören? Ihr wollt VORJUL zerstören? Aber das geht doch nicht!«, schrien Rog und Gle abwechselnd.

»Dann kann ich niemals wieder zu meinem Volk zurück.«

Eorthor sah Roggle an, sein mitleidiger Gesichtsausdruck zeigte seine Arroganz.

»Du hast deinen Zweck erfüllt. Du warst derjenige, der VORJUL vernichtet hat. Ich habe dir ohne dein Wissen einen Verstofflicher eingesetzt, der dann durch dich auf VORJUL übertragen wurde. Dadurch wurde die Superintelligenz stofflich und griff auf die Bevölkerung über. Jetzt kann sie durch meine Hyperraumbombe endgültig vernichtet werden«, verkündete er stolz.

»Du kannst von Glück sagen, dass du überlebst. Du bist damit der letzte Vorjul und ein einmaliges Exemplar im Universum.«

Roggles Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen. Flehend sah er zu Alaska Saedelaere hinüber.

»Alaska! Du hast doch gesagt, ihr wärt meine Freunde. Das alles kann doch nicht wahr sein?«

»Leider doch. Er spricht die Wahrheit«, sagte Alaska mit betretener Stimme.

»Dann hast du auch davon gewusst, was geschehen würde? Ihr alle habt es gewusst?«, fragte Roggle traurig. Saedelaere senkte nur den Kopf. Roggle kauerte sich resignierend in eine Ecke.

»Es wird Zeit zum Start, Osiris«, erinnerte Eorthor den Kemeten.

»Der Start ist bereits eingeleitet. Wir verlassen Vorjul umgehend«, versicherte Osiris dem Alysker.

Wenige Augenblicke später hob die HOR-ATEP ab und verließ den Planeten. In sicherer Entfernung bezog man dann Warteposition. Eorthor setzte sich an ein Kontrollpult und überprüfte den Countdown. Osiris öffnete den Panoramabildschirm.

»Jetzt«, sagte Eorthor befriedigt.

Kaum hatte er ausgesprochen, wurde Vorjul von einem grellen Blitz durchzogen, barst in einer riesigen Explosion auseinander und begann dann schnell zu verglühen. Sämtliche Schiffe MODRORs in seiner Nähe wurden mit in das Verderben gerissen. Auch die Nachbarplaneten wurden von der Vernichtungswelle erfasst und zerstört.

»Es ist vollbracht. Vorjul ist zerstört und die Superintelligenz mit ihm. Ihre Bestandteile werden im Hyperraum verwehen. MODROR hat eine schwere Niederlage erlitten. Als Krönung des Ganzen haben wir auch noch seine Inkarnation Rodrom in unserer Gewalt. Dies ist ein guter Tag für die Feinde MODRORs«, erklärte Eorthor feierlich.

Atlan und Alaska schwiegen nur. Der Tod so vieler Lebewesen stimmte sie traurig, auch wenn es Feinde waren.

Roggle schrie auf und lief schreiend hin und her. Alaska versuchte ihn zu beruhigen, doch erst als der einsame Vorjul erschöpft war, hockte er sich wieder in eine Ecke.

»Ihr hättet ihn auf dem Planeten lassen sollen. Er wird euch noch viel Ärger machen«, meinte Eorthor.

»Wir haben ihm schon genug angetan«, gab Alaska barsch zurück.

Eorthor zuckte nur mit den Schultern.

»Wenn ihr meint. Es wird Zeit, dass wir nach Alysk zurückkehren.«

Die HOR-ATEP ging auf Kurs.

*

Verrat! Alle haben uns verraten! Alle, auch dein Busenfreund Alaska. Ich habe es dir immer gesagt. Wieder und wieder. Aber Rog weiß ja alles besser. Alaska ist ja unser Freund. Alaska meinte es ja nur gut mit uns. Pah, dass ich nicht lache!

Aber er hat doch unser Leben gerettet. Er war doch gut zu uns.

Das war alles nur ein Trick, um uns zu täuschen. Und du warst so blöd und bist drauf reingefallen.

Aber Alaska kann bestimmt nichts dafür. Er hat es nur gut gemeint.

Gut gemeint? Gut gemeint! Ha! Du siehst ja, mit wem er es gut gemeint hat. Mit uns jedenfalls nicht. Unser Volk ist vernichtet, VORJUL existiert nicht mehr. Wir können nie mehr nach Hause, weil sie unsere Heimat zerstört haben. Dafür müssen wir uns rächen – grausam rächen.

Du hast recht. Wir sind nun ganz allein, Gle.

Nein, nicht ganz. Wir haben den neuen Meister, der zu uns kam. Er ist unser wahrer Freund. Wenn wir ihm treu dienen, wird er uns bei sich aufnehmen. Dazu müssen wir ihm aber unsere Treue beweisen.

Und wie sollen wir das tun?

Indem wir seine Feinde, die auch unsere Feinde sind, grausam töten.

Alle?

Alle! Auch Alaska. Er ist der Schlimmste von allen. Er hat uns ins Gesicht gelächelt und uns verraten! Dafür hat er den Tod verdient. Wenn wir sie besiegen wollen, müssen wir aber eins sein.

Ja, ich glaube, du hast recht. Alaska hat gesagt, er sei unser Freund, aber er hat die ganze Zeit gewusst, dass VORJUL zerstört wird. Er ist ein Lügner, ein ganz gemeiner Lügner!

Endlich siehst du es ein, Rog. Ich habe es dir immer gesagt. Wieder und wieder habe ich es dir gesagt, aber du wolltest ja nicht auf mich hören.

Jaja, schon gut! Gle weiß immer alles besser. Gle ist überhaupt der Größte.

Wir wollen uns nicht streiten. Wir haben auch so schon genug Feinde, aber wir haben dafür einen neuen Freund, der weitaus mächtiger ist als alle unsere Feinde.

Und was sollen wir nun tun?

Wir werden VORJUL rächen.

Und wie? Was sollen wir schon ausrichten? Wir sind doch viel zu schwach.

Wir werden so tun, als wären wir ihr Freund. Wir werden ganz lieb und brav sein und können so in ihrer Nähe bleiben. Dann warten wir auf eine günstige Gelegenheit, um sie allesamt zu töten.

*

Als die HOR-ATEP auf Alysk landete, wurde Rodrom unter schwerer Bewachung in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht, das einzig und allein er bewohnte. Seine Zelle wurde mit einem Energiefeld gesichert. Eorthor, Atlan und Osiris suchten MODRORs Inkarnation auf, die nun stofflich geworden war. Rodrom starrte sie regungslos durch seine rote Maske an.

»Nun bist du mein Gefangener. Du hast verloren, Diener des Abscheulichen. Die Tage deiner unverzeihlichen Untaten sind gezählt«, sagte Eorthor in pathetischem Tonfall.

Rodrom zeigte sich unbeeindruckt.

»Ein bedauerlicher Umstand, der jedoch nur von vorübergehender Natur ist.«

»Du und dein Meister habt ausgespielt. Sage uns lieber gleich alles, was du weißt. Dann verspreche ich, dich vielleicht zu verschonen«, bot Eorthor an.

»Lächerlich! Ihr wollt meinem Meister drohen? Glaubt ihr im Ernst, dieser kleine Rückschlag hält MODROR auf? Schon in Kürze wird mein Meister ein neues Heer gegen euch aufbieten und euch alle hinwegfegen.«

»Das werden ja sehen«, entgegnete Atlan beunruhigt. Die Selbstsicherheit Rodroms gefiel ihm nicht. Das wollte er ihm natürlich nicht zeigen. »Bis jetzt sind wir mit jedem Gegner fertig geworden. Das Universum ist voll von ihren Gräbern.«

»Diesmal nicht. Niemand, niemand in diesem Universum vermag einen Kosmotarchen zu besiegen. Und nun verschont mich gefälligst mit eurer Anwesenheit.«

Atlan wurde hellhörig. Was war ein Kosmotarch? Er kannte Kosmokraten und Chaotarchen, aber von einem Kosmotarchen hatte er in seinem langen Leben noch nichts gehört. Eorthor und Osiris wechselten beunruhigte Blicke und bedeuteten Atlan, mit ihnen zu kommen. Die drei verließen den Hochsicherheitstrakt und kehrten in Eorthors Palast zurück.

*

Osiris waren Atlans fragende Blicke nicht entgangen. »Du erwartest eine Erklärung, Arkonide«, stellte der Kemete sachlich fest.

»Allerdings. Offenbar habt ihr eine. Was, in Arkons Namen, ist ein Kosmotarch?«, wollte Atlan wissen.

Osiris sah Eorthor fragend an.

»Er hat ein Recht, es zu erfahren.«

»Nun gut. Dann weihen wir ihn ein«, stimmte der Alysker zu.

»Ich beginne mit dem, was ich einst von AMUN erfahren habe«, erklärte Osiris.

Osiris und Eorthor begannen zu berichten, was sich einst in ferner Vergangenheit zugetragen hatte.

Vor Äonen

Im Kampf zwischen Elefanten wird das Gras zertrampelt.

Sprichwort aus den Multiversen


AMUN nannte sie sein Versteck.

Geschaffen vor Äonen, diente ihm die hyperdimensionale Blase im Niemandsland zwischen den Multiversen als Rückzugsort von den Kämpfen mit den Chaotarchen. Sie war sein Quell der Kraft, der Motivation und der Ruhe. Doch heute wehrte sie ihn ab.

Die dünne und doch so widerstandsfähige Haut seines Verstecks weigerte sich, ihn ins Innere gleiten zu lassen. Sie warf ihn zurück in eines der vielen Universen, die rund um das Versteck dahinvegetierten. AMUN bremste seinen Fall inmitten eines Weißen Loches und schmetterte einen Kampfschrei in Richtung des trapezförmigen Gebildes.

Innenillustration: AMUN sitz auf einem verzierten, goldenen Thron
AMUN © Gaby Hylla

Da er von der Schlacht mit der Chaotarchin CIZLE immer noch aufgewühlt war, staute sich genügend Entschlossenheit in ihm, um die Herausforderung mit seinem eigenen Erzeugnis anzunehmen. Er zweigte Energie aus einem kurz vor der Geburtsexplosion stehenden Universum ab und wandelte sie für sich um. Sein hyperdimensionaler Körper, der einem zerfasernden Seestern ähnelte, schoss vorwärts. Protuberanzen gleich krachten Feuerzungen in die Schwärze der Umgebung, als er mit dem Trapez zusammenprallte.

Das Duell dauerte eine Zeitspanne, die ausreichte, um ein Quant entstehen und vergehen zu lassen, dann durchbrach AMUN die Sperre. Doch noch gab sich die Zuflucht nicht geschlagen. Sie nahm seine düstere Stimmung auf und warf sie auf ihn zurück. Wellen aus Wut und Frust, gepaart mit dem Geschmack der Fäulnis krachten über ihm zusammen. Ekel stieg hoch, den er hinunterschluckte.

Die Wände seines Verstecks – sonst weißlich, ruhig und warm schimmernd – wallten in der eisblauen, kristallinen Struktur des Chaos. Kreischend ruckten sie auf ihn zu, als wollten sie ihn einschnüren, und rasten dann wieder fort, als würden sie vor ihm flüchten. Schlachtgetümmel erwachte in ihnen zum Leben – untermalt von den Klage- und Sterbelauten ganzer Völker. Sie prasselten auf ihn ein, wollten ihn um seinen Verstand bringen. Fratzen von verendenden positiven Superintelligenzen umkreisten ihn gemeinsam mit den Wänden, wurden dreidimensional und ragten ins Innere des sich verformenden Trapezes. Immer, wenn sich das Trapez zusammenzog, schnappten die Fratzen der Gequälten und Geschundenen nach ihm. Kristalle des Chaos zogen sich durch ihre Grimassen und potenzierten ihre Gefährlichkeit. Schmerzhaft stach ihre Kälte in seinen Geistkörper, so dass sie den Tod an sich zu einem lauwarmen Wüstenwind degradierten.

Mit voller Kraft brüllte AMUN ihnen seine Wut entgegen. Die Zuflucht nahm seinen Hass weiterhin auf und verwandelte ihn in neue Schreckensbilder. Galaxien, wunderschöne Anblicke von Struktur und Ordnung zerfaserten und endeten in einem Meer aus wertlosem, unablässig fluktuierendem Quantenschaum. Lücken wurden in das höchste Gut gerissen, das die Kosmokraten mit ihrem Leben verteidigten: den Moralischen Kode – jene spiralförmige Anordnung von psionischen Feldern, die über die Entwicklung der Multiversen bestimmte.

Dieser Anblick brachte AMUN zur Besinnung. Er löste sich aus den Nachwirkungen des Kampfes gegen CIZLE und erinnerte sich an den Grund für den Bau des Verstecks. Es sollte nicht nur eine Tankstelle für seine Psyche, sondern auch ein Ort der Selbstreflexion sein. AMUN transformierte seine Emotionen in sinnvolle Gedanken und nahm den ersten auf, der sich aus jenen des Moralischen Kodes ableiten ließ.

Warum lag die Herkunft des Moralischen Kodes im Dunkeln, obwohl beide Mächte in der Lage waren, ihn zu beeinflussen? Die alte Frage »Wer hat das GESETZ initiiert?« hielt einer Beantwortung seit jeher stand. Doch das neueste Gerücht sprach davon, dass in absehbarer Zeit ein Humanoide die Chance einer Antwort am Berg der Schöpfung erhalten würde. Unglaube erfüllte AMUN. Ausgerechnet ein Wesen aus der unteren Ebene sollte in der Lage sein, diese Antwort zu begreifen?

Andererseits hatte es zu allen Zeiten fähige Organismen mit herausragenden Leistungen gegeben, obwohl sie über eine bestimmte Stufe der Evolution nicht hinausgekommen waren. AMUN hoffte und wünschte sich, dass dieses Wesen bald auf der kosmischen Bühne erscheinen möge. Lange genug waren sie alle dieser letzten und alles entscheidenden Frage nachgelaufen.

Seine Ungeduld und Wissbegier verbündeten sich mit seiner Frustration. Die Antwort auf diese Frage bedeutete das Ende des Kampfes mit den Mächten des Chaos, der für seinen Geschmack bereits zu lange währte. Vor allem, da er kein Licht am Ende des Tunnels erkannte. Die Gefechte zwischen den Mächtigsten der Mächtigen wogten hin und her. Und wenn er ehrlich zu sich war, hatte keine Seite einen Vorteil für sich verbuchen können.

Einzig das Leben schien zu profitieren. Da AMUNs Seite das Projekt Leben begonnen hatten, konnte man das als Punktgewinn auslegen. Doch dieser Sieg erwies sich langsam aber sicher als Pyrrhussieg. Das Leben breitete sich viel stärker aus als geplant. Zwar rekrutierten sowohl Kosmokraten als auch Chaotarchen neue Mitstreiter aus dem Pool des Daseins, aber dieser beherrschte bereits größere Teile des Multiversums, als ursprünglich vorgesehen.

Und vor allem begann es, sich seinen Schöpfern zu widersetzen. Einige Entitäten verbündeten sich und gebaren die Idee von Wegen, die an Ordnungs- und Chaosmächten vorbeiführten. Unwillkürlich lachte AMUN. Auf die Idee, sich an den Mächtigen vorbei zu schwindeln, konnten auch nur Wesen der unteren Entwicklungsstufen kommen.

Seine Belustigung steigerte sich, als er daran dachte, dass sich Kosmokraten wie Chaotarchen in ihrer Beurteilung der Überhandnahme des Lebens einig waren. Zu gut hatten die von den Ordnungsmächten ausgestreuten Biophoren ihre Arbeit verrichtet! Das Leben quoll geradezu über. Es spross und gedieh wie ein Ungeziefer, das sich seinen Schöpfern entziehen wollte.

Aber auch das in den proto-chaotischen Universen von den Chaosmächten verteilte Leben erfüllte seinen Zweck in weit höherem Ausmaß, als ursprünglich geplant. Und es behinderte sich im Aufstieg in höhere Sphären gegenseitig. Deutlich merkte man die Abnahme der Fähigkeiten, wenn ein neuer Kosmokrat in die illustre Runde der Alten eintrat. Diese Jungspunde hatten weniger Ideen und auch geringeres Durchhaltevermögen. Also hieß es, den Selektionsdruck zu erhöhen. Für AMUN war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis beide Mächte gegen die unerwünschte Mannigfaltigkeit vorgehen würden. Jeder auf seine Art, aber in einer abgestimmten Aktion. Wenn es darum ging, die Basis der Multiversen zu bewahren, zogen die Konkurrenten an einem Strang.

Natürlich gab es den einen oder anderen Unkenrufer. AMUN selbst gehörte zu jenen Entitäten, die in der Lage waren, über die Begrenztheit des Multiversums hinauszublicken. Die Vorgeschichte der Superintelligenz, aus der er letztendlich entstanden war, spezialisierte ihn, die Auswirkungen der potenziellen Zukünfte aus der Ebene oberhalb der Multiversen zu betrachten und richtig zu interpretieren. Anderenfalls wäre er als Mächtiger längst im Chaos vergangen. Und diese Fähigkeit ließ ihn fragen, ob die Kosmokraten wussten, was sie taten. Letztendlich rekrutierten sich aus dem von ihnen geschaffenen Leben neue Mitstreiter. Der Weg des Lebens war an und für sich klar vorgegeben. Die Vergeistigung von Völkern führte zur Superintelligenz und der Weg durch eine Materiequelle oder Materiesenke zum Heranreifen von Kosmokraten und Chaotarchen.

Derzeit existierte die Tendenz, dass sich um einen Hauch mehr Superintelligenzen den Ordnungsmächten anschlossen. Also schnitten sich die Kosmokraten durch eine Herabsetzung des Lebens doppelt ins Fleisch. Dennoch gab es für AMUN keine Alternative zur Eindämmung dieses Wildwuchses. Dem Leben mussten seine Grenzen aufgezeigt werden, um das Kollektiv der Mächtigen zu stärken.

AMUNs analytische Gedanken führten ihn endgültig auf den Weg der Stabilität. Sein Refugium goutierte diesen Umstand. Die Szenen von Tod und Verdammnis an den Wänden wurden farbloser und verblassten. Langsam nahmen sie ihre übliche weiße Farbe an.

AMUN seufzte, als er sich den nächsten Gedanken hingab. Der Kampf zwischen den Mächten würde ewig ohne Sieger und Gewinner weitergehen. Die Frage, die sich daraus ableitete, lag auf der Hand.

Warum das Ganze?

Ein Schlussstrich – sauber und für alle Beteiligten gewinnbringend – musste gezogen werden. Doch dazu bedurfte es eines Konsenses aller, der weder am Horizont noch sonst wo erkennbar war. Auch, wenn er einige Gefährten kannte, die ähnlich wie er dachten, war diese Gruppe zu klein, um etwas zu bewirken.

AMUN schwebte in die Mitte seiner Zuflucht, die sich endgültig beruhigt hatte. So wie sie zuvor seine negativen Gefühle verstärkt hatte, potenzierte sie nun seine Kreativität.

Falls sich jemals etwas im Kampf zwischen Kosmokraten und Chaotarchen ändern sollte, so musste ein Zeichen gesetzt werden, das beiden Seiten identisch interpretierten. Ein Zeichen, das wie ein Fanal durch die Multiversen raste und aus ihm herausstach.

Und AMUN wusste schlagartig, wie dieses Fanal aussehen musste.

*

Die Zukunft ist die Zeit, in der du bereust, dass du das, was du heute tun kannst, nicht getan hast.

Sprichwort aus einem Multiversum

Vor 190.300.000 Jahren

AMUN nannte es ihr Versteck.

Nachdem er vor Äonen die Vision einer besseren Zukunft gehabt hatte, war er an die Verwirklichung seines verwegenen Planes gegangen. Mitstreiter mussten gewonnen werden – sowohl auf der höchsten als auch auf den unteren Ebenen des Universums. Nach anfänglichen Rückschlägen nahm die Verwirklichung immer konkretere Formen an. Irgendwann sah er sich gezwungen, die Zugangsbeschränkung zu seinem Versteck zu modifizieren. Das Trapez bot nun mehreren Freunden die Sicherheit des freien Gedankenaustausches.

Er streckte sich und drückte die in allen Farben des überdimensionalen Spektrums schillernde Blase ein wenig nach außen. Dass er damit Galaxien verschob und Völker ins Jenseits beförderte, interessierte ihn nicht. Einerseits waren die Tage des Lebens ohnehin gezählt, und andererseits konnte er sich nicht um alles kümmern.

Ein letztes Mal tastete AMUN sein Refugium ab und stellte mit Genugtuung fest, dass die Zutrittsbeschränkung perfekt war. Nur Wesen mit abgestimmten Auren gelangten in sein Versteck. Ein weiterer Geistesimpuls bestätigte ihm, dass sich auch die Abschirmung durch allerhöchste Qualität auszeichnete. Niemand würde seine Überlegungen belauschen. Und selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass es doch jemandem gelingen sollte, seine Abwehrmaßnahmen zu durchbrechen … die ersten Schritte waren gesetzt und der Prozess nicht mehr aufhaltbar. Endlich sah er das Licht am Ende des Tunnels – und es war beileibe kein kampfbereiter Chaotarch, der ihm entgegen stürmte.

AMUN!

Übergangslos schwebte BLOTHMATH über der Ebene und überschwemmte sie mit der für Chaotarchen typischen negativen Energie und Kälte. Reflexartig stemmte sich AMUN dagegen.

Das Refugium, erschaffen als semilebendiges Gewebe, reagierte. Der Boden kreischte verstört auf und wellte sich. Die Luft knisterte, während die transparenten Wände zitterten. Blitze gebaren sich aus dem Nichts, zuckten wie Schwerthiebe durch das Vakuum. Virtuelle Teilchen blitzen im Quantenschaum und starben vor Furcht schneller als sonst üblich.

»BLOTHMATH!«, rief AMUN, während der Chaotarch auf ihn zu schwebte. »Die Entscheidung naht.«

AMUN verstärkte seine Abwehr, als BLOTHMATH noch näher kam. Im letzten Moment wehrte er einen rammbockartigen Stoß ab und ging zum Angriff über. BLOTHMATH wankte, wich aber nicht zurück. Sie verkeilten sich ineinander und erhoben damit das Kreischen der Ebene um mehrere Oktaven. Ein etwaiger Beobachter hätte nur zwei helle Kugeln innerhalb eines Trapezes gesehen, die miteinander zu verschmelzen schienen und von denen Lichtstrahlen in alle Richtungen geschleudert wurden.

»Was zum Chaotarch treibt ihr da?« Eine grollende Stimme ertönte. Die von ihr erzeugten Schallimpulse kappten die Blitze und Lichtsäulen.

»Wir haben Spaß, SIPUSTOV!«, antwortete BLOTHMATH lachend.

»Ich dachte, ihr seid aus diesem Alter heraus!«

»Gönne uns ein wenig Zerstreuung!«, gab AMUN zurück.

»So ein Unsinn geziemt sich für unsereins nicht«, maßregelte sie SIPUSTOV.

»Fehlt nur noch, dass du uns von den Anfängen der Multiversen erzählst«, ätzte BLOTHMATH. »Damals, als es nur wenige Kosmokraten und Chaotarchen gab und …«

»… und das Leben noch nicht so seltsame Blüten trieb wie heute«, zitierte XPOMUL, der in das Versteck herein geschwebt kam.

AMUN sandte einen belustigten Impuls an seine drei Mitstreiter. Früher wäre es für ihn undenkbar gewesen, sich mit einem oder gar mehreren Chaotarchen zu treffen und nun zogen sie sogar an einem Strang – sofern sich sein kühner Plan umsetzen ließ.

»Wo bleiben die Neuzugänge?«, fragte BLOTHMATH. Trotz seines hohen Alters zeichnete ihn eine besondere Hektik aus. Er wirkte, als wolle er angesichts seiner uralten Existenz jede Sekunde auskosten, die er im Multiversum verweilte.

Schlagartig wurde die Ebene mit weiteren negativen Gefühlen überflutet. Sie waren so stark, dass AMUNs energetische Hülle kribbelte. Auch das Versteck reagierte. Es vergrößerte sich, obwohl AMUN es auf alle Impulse seiner Mitstreiter geeicht hatte.

»Auf meinem Weg hierher hat mich eine Galaxie behindert«, sagte NACHJUL.

Augenblicklich projizierte er den vielfachen Tod über die Ebene, und AMUN spürte, wie sich NACHJUL darin suhlte. Die überdurchschnittlich starke aggressive Aura, die den Chaotarchen umgab, war Ekel erregend und faszinierend zugleich. Es kostete AMUN einiges an Kraft, diese Reaktion zurückzudrängen, obwohl er sich mittlerweile gut auf diese Wesenheiten eingestellt hatte. Doch vor ihm war AMUN noch keiner negativen Entität mit einem derart hohen Willen zur Vernichtung begegnet. Hass, reiner unendlicher Hass schien die beherrschende Substanz des Chaotarchen zu sein. Er hatte die Geschichte von NACHJUL von Anbeginn an verfolgt. Vom einfachen Sterblichen zum Kosmokraten in einer relativ kurzen Zeit – dieser Chaotarch hatte es mit seinem schier endlosen Ehrgeiz weit gebracht. Er war etwas ganz Besonderes!

»Es reicht!«

Die Stimme SOLMATHs wischte NACHJULs Projektionen bei Seite. Sofort trat der breit gestreute Hass in den Hintergrund, dann fokussierte er sich auf SOLMATH. Das folgende Kräftemessen war von einem anderen Kaliber als jenes zwischen BLOTHMATH und AMUN. Es war ernst.

»Verflucht, hört auf!«, schimpfte SIPUSTOV und versetzte jedem der Kämpfenden zwei geistige, aber nicht minder schallende Ohrfeigen. Während von SOLMATH irritierende Impulse ausgingen, sandte NACHJUL eine Welle an Wut aus. Fast schien es AMUN, als wollte sich der junge Chaotarch auf den Ältesten in der Runde werfen. Doch offenbar überlegte er es sich im letzten Moment anders.

»Was gibt es?«, fragte NACHJUL kurz und bündig. AMUN gewann den Eindruck, als schieße er die Worte geradezu aus seinem geistigen Körper.

»Wir haben uns heute hier versammelt«, begann AMUN bewusst förmlich, »um ins Ziel zu schreiten.« Neugier strömte ihm entgegen. »Vor Äonen haben wir uns darüber verständigt, dass der Wettstreit zwischen …«

»Krieg«, präzisierte NACHJUL in seiner bestimmenden Art.

»… den Kosmokraten und den Chaotarchen unnötiger nicht sein kann«, fuhr AMUN ungerührt fort. »Die erste Annäherung zwischen diesen beiden Mächten geschah mehr oder weniger zufällig, als ich BLOTHMATH vor dem sicheren Tod rettete. Wir vertuschten nicht nur diesen Zwischenfall, sondern auch, dass wir uns hier in diesem Versteck zwischen den Multiversen zu einem regelmäßigen Gedankenaustausch trafen. Im Laufe der Zeit kamen wir überein, weitere Vertreter beider Mächte einzuweihen, und so stießen der Kosmokrat SIPUSTOV und der Chaotarch XPOMUL zu uns. In dieser Viererrunde wurde schließlich ein Plan geboren, den wir hier und jetzt zum Abschluss bringen.«

»Welchen der Pläne meinst du?«, fragte SOLMATH.

»Die Jugend und ihre Ungeduld!« Diese Rüge kam von SIPUSTOV. AMUN schickte einen lächelnden Impuls in seine Richtung und wandte sich dann wieder an alle.

»Was hat dieser Wettstreit um die Vorherrschaft im uns bekannten Multiversum bis zum heutigen Tage bewirkt?«

»Ordnung!«

»Chaos!«

»Macht!«

»Tod!«

»Friede!«

»Leben!«

Begriffe prasselten auf AMUN ein, die zwar alle ihre Richtigkeit hatten, dennoch nicht die Antwort enthielt, die er im Sinne hatte. Geduldig ließ er seine Mitstreiter einige Zeit gewähren. Grundsätzlich begrüßte er eine anregende philosophische Diskussion über die Zustände in den Multiversen. Irgendwann wurde es ihm zu langweilig und er fuhr einem Donner gleich dazwischen.

»Nichts! Rein gar nichts!«

Schweigen. Irritierende Impulse erreichten ihn.

»Ihr habt richtig gehört!«, setzte er nach. »Sieht man von der Verbesserung der persönlichen Befindlichkeit einzelner Wesen ab, stagniert die Entwicklung des Universums! Gut, aus Völkern haben sich Superintelligenzen geformt und aus ihnen wiederum Kosmokraten und Chaotarchen. Aber danach?«

AMUN schwieg um seine Worte wirken zu lassen.

»Warum geht es nicht weiter? Warum gab es in der Evolution einen Bruch?« Niemand antwortete ihm.

»Und warum kennen wir die Antwort auf die letzte Frage immer noch nicht?«

Ratlosigkeit spiegelte sich im Wabern der Geistkörper wieder. Nur BLOTHMATH wusste ansatzweise, was AMUN im Schilde führte. Doch er ließ ihm den Vortritt.

»Weil wir, die Kosmokraten und die Chaotarchen, zu einer Bande selbstsüchtiger und selbstgefälliger Wesen wurden, die nur mehr die Zustände in den Multiversen im Blick haben, anstatt sich um uns selbst zu kümmern! Welche Chancen haben wir durch diesen Tunnelblick in all den Äonen vertan? Was haben wir alles verloren, ohne dass es uns bewusst ist? Auch wenn für uns Zeit nichts anderes ist als der Übergang von einem Quant zum anderen, müssen wir uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir in dieser Hinsicht versagt haben.«

Die Verbündeten schwiegen.

»Doch dieser unhaltbare Zustand ist nun zu Ende. Zumindest für uns Berufene! Wir werden ein Zeichen setzen, das unsere Kameraden aufrüttelt! Wir werden dafür sorgen, dass sie aus ihrer Selbstzentriertheit gerissen werden! Und wir werden dafür sorgen, dass die Evolution weiter vorangetrieben wird!«

AMUN nahm das zustimmende Gefühl, das ihm die anderen entgegenbrachten, mit Freude wahr. Doch noch immer verschleierte er ihnen gegenüber seine tatsächlichen Ziele:

»Wir werden etwas Neues schaffen – und genau dafür benötigen wir NACHJUL und SOLMATH!«

Während von SOLMATH Neugier ausging, blieb NACHJUL stumm. Nur seine aggressive Ausstrahlung, die sich gegen alles und jeden richtete, schwebte weiter im Inneren des Trapezes und verstärkte sich weiter.

»Bevor ich euch Einzelheiten erzähle, stelle ich euch ein Volk vor, das als Geburtshelfer dienen wird und das bereits seit langem an der Verwirklichung unserer Vorstellungen arbeitet.«

In der Mitte des Verstecks öffnete sich eine Art Fenster, in dem ein Planet zu sehen war. Er wurde von Humanoiden bewohnt.

»Die Alysker …«

*

Wenn du willst, dass etwas wirklich erledigt wird, dann beauftrage jemanden, der schon sehr viel zu tun hat.

Sprichwort aus den Multiversen

Der Auftrag

Übergangslos materialisierte das Raumschiff – eine blau leuchtende, makellose Walze – im System der Alysker. Die hoch stehende Technologie der humanoiden Spitzenwissenschaftler konnte seinen Weg nicht zurückverfolgen. Doch selbst wenn man dazu in der Lage gewesen wäre, hätte man aus Respekt vor den Erbauern davon Abstand genommen. Der Walzenraumer kam von hinter den Materiequellen. Er war ein Abgesandter jener Mächtigen, in deren Diensten die Alysker seit Hunderttausenden von Jahren standen.

Langsam schwebte das Raumschiff zum dritten Planeten des Systems und schwenkte in den Orbit ein. Die Alysker ignorierten die Walze, schickten keine Grußformel oder Begleitschiffe. Zu gewohnt und vertraut war ihnen der Besuch des Gesandten der Kosmokraten. Sie wussten, dass sich Cairol den Gesprächspartner selbst aussuchte. Auch diesmal kontaktierte er ihn direkt – und platzte mitten in ein Streitgespräch zwischen Vater und Sohn.

»Eorthor!«, brüllte Nargul mit hochrotem Gesicht. »Hör endlich mit deinen Eskapaden auf!« Der Ratssprecher der Alysker stand hinter dem Schreibtisch und zeigte mit der rechten Hand anklagend auf den vierzehnjährigen Jungen.

Provozierend hob Eorthor die Augenbraue. Er stützte sich mit beiden Händen auf die Tischkante und beugte sich vor. »Aber gern doch – sofern du diesen nichtsnutzigen und unterbelichteten Fettwanst Uestir von seinem Posten abziehst.« Er grinste überheblich. »Er ist eine Fehlbesetzung und kann nicht einmal die simpelsten hypermathematischen Gleichungen lösen.«

»Du weißt genau, dass der Wissenschaftsrat die Posten im Experiment vergibt und wieder entzieht. Und daher …«

Eine übermächtige Präsenz im Raum ließ ihn innehalten. Irritiert blickte er sich um und zuckte zusammen.

»Cairol«, murmelte er.

Auch Eorthor wandte sich dem goldenen Roboter zu. »Sieh an, Besuch von oben.«

Der Roboter der Kosmokraten verzog keine Miene. Selbst wenn man vermutete, dass er Gefühle empfand, war es ihm nicht nachzuweisen. Er schritt auf den Jungen zu und musterte ihn.

»Du bist also dieses junge Genie«, sagte er mit samtener Stimme. »Nun, dir steht eine … hm … interessante Zukunft bevor.« Cairol blieb vor dem Schreibtisch stehen, während Eorthor vor Überraschung die Augen aufriss. »Aber jetzt, Kleiner, störst du.«

Eorthor löste sich auf. »Keine Sorge«, sagte Cairol und wandte sich an Nargul, »ich habe ihn zurück in die Kinderstube geschickt.«

Erleichtert blies Nargul die Luft aus. »Was kann ich für dich tun, Cairol?«

»Die Kosmokraten sind ungeduldig.«

»Oh, das verstehe ich. Darum freut es mich umso mehr, dass wir eine Nagelbreite vor dem Abschluss stehen. In den achttausend Jahren seit deinem letzten Besuch haben wir enorme Fortschritte erzielt.«

»Öffne deinen Geist!«

Nargul setzte sich. Er warf an Cairol vorbei einen Blick in das Hologramm von Jianxiang, wie die Galaxis in der Sprache der Ahnen hieß. Er nutzte diesen Moment, um sich zu sammeln, und ließ Cairol gewähren. Ein leichtes Kribbeln unter seiner Kopfhaut war alles, was Nargul spürte.

»Interessant. Es geht in der Tat bald los«, sagte der Gesandte.

»Wir tippen auf vier Jahre.«

»Die Kosmokraten werden erfreut sein.« Cairol wandte sich zum Gehen, zögerte und drehte sich wieder zu Nargul. »Du hast eine Frage?«

Nargul nickte. »Ich … nein, wir fragen uns, was danach kommt.«

Cairol schwieg.

»Nach dem Experiment«, fuhr Nargul weiter.

»Ich habe schon verstanden, was du meinst. Aber wie lautet deine konkrete Frage?«

»Unser Auftrag besagt, dass wir einerseits die Möglichkeit finden, kosmische Entitäten gegen die Nachteile der Niederungen des Universums abzuschirmen und andererseits in dieser Abschirmungsblase einen hohen Druck zu erzeugen. Du hast uns nie verraten, was damit bezweckt werden soll.«

»Ahnt ihr es nicht?«

»Wir vermuten …«

»Deine Vermutung ist richtig.«

Nargul starrte Cairol an. »Aber das … das …«

»Ist der Beginn einer neuen Epoche«, half ihm Cairol aus. »Es ist ein Schritt in eine neue Richtung der Evolution, gewünscht und ausgeführt von den mächtigsten Wesen selbst. Mit dieser Entwicklung schütteln sie das Joch der Natur ab und bestimmen selbst ihren Werdegang.«

»Was wird dieses neue Wesen bezwecken?« Nargul kratzte sich am Kinn. »Immerhin wird es mächtiger sein als alle Kosmokraten und Chaotarchen gemeinsam.«

»Dieser Kosmotarch wird ein neues Verständnis für die Multiversen gewinnen und er wird den gemeinsamen Nenner von Kosmokraten und Chaotarchen finden. Vor allem aber wird er endlich die Frage nach dem GESETZ beantworten können. Und dieser Umstand ist jede Anstrengung wert.«

»Wer hat das GESETZ initiiert und was bedeutet es?«, flüsterte Nargul andächtig.

Alle Wesen im bekannten Universum waren an der Beantwortung dieser Frage gescheitert. Dabei stand das Wort GESETZ als Synonym für den Moralischen Kode, der das Multiversum in Form einer Doppelhelix durchzog. Eingriffe der Kosmokraten und Chaotarchen in dieses psionische Feld wirkten sich unmittelbar auf alle Bereiche der Multiversen aus.

»Ja, diese alte Frage harrt bereits zu lange einer Antwort«, stimmte Cairol dem Alysker zu. »Und dein Volk hat den Grundstein für den Erkenntnisgewinn gelegt.«

»Ich lasse Sonderschichten einlegen, damit wir das Experiment noch rascher abschließen können!« Nargul sprang vom Sessel auf.

»Tu was immer du möchtest«, sagte Cairol lapidar und verschwand grußlos. Sekunden später driftete die blaue Walze aus dem Orbit von Alysk, glitt in die Mitte des Sonnensystems und löste sich auf.

*

Wenn die Stufen ins Nichts führen, achte auf die letzte.

Sprichwort aus den Multiversen

Vor 190.000.000 Jahren

Heute war der erste Tag der neuen Multiversen. AMUN breitete seinen Geist aus, durchstieß die dünne Membran, die den Überraum von den Niederungen des Universums trennte und schwebte ins Sonnensystem der Alysker. Sofort nahm er die Impulse seiner Mitstreiter wahr. Alle strahlten Zuversicht aus. Und sie hatten allen Grund dazu. Nach Jahrhunderttausenden hatten die Alysker endlich die Lösung für alle Probleme im Zusammenhang mit der Verschmelzung gefunden.

»Wie fühlt ihr euch?«, fragte AMUN die beiden wichtigsten Teilnehmer an der Versammlung, NACHJUL und SOLMATH. Während der Chaotarch vor Ungeduld zu platzen schien, strahlte der Kosmokrat unbändige Neugier aus.

Es würde spannend werden. Obwohl die Alysker eine endlose Reihe von Simulationen durch ihre Computer gejagt hatten, wusste in Wahrheit niemand, wie das Experiment ausgehen würde. Auf dem Papier sprach die Mathematik für sie. Aber Papier und Mathematik waren gleichermaßen geduldig. Niemand wusste das besser als AMUN. Zu oft waren Pläne mit tausendprozentiger Erfolgsaussicht, ersonnen von den besten Taktikern und Strategen unter den Kosmokraten, an Kleinigkeiten oder Zufällen gescheitert.

»Hör auf, Trübsal zu blasen!«, fuhr ihn BLOTHMATH an.

AMUN schreckte hoch. Dankend ließ er seinen Geistkörper aufwallen und wandte sich dem Zentrum des Geschehens zu. Zwei mondgroße Plattformen schwebten zwischen dem achten und neunten Planeten des Systems. Sie griffen in den Zwischenraum, der die fünfte und sechste Dimension miteinander verband, wandelten die Energie um und stabilisierten eine unscheinbare Kugel, die sie in ihrer Mitte gefangen hielten.

Für die Erschaffung dieser weißen Kugel hatte selbst ein so geniales Volk wie die Alysker viele Jahrtausende benötigt. Natürlich war diese Zahl nichts im Vergleich zur Lebenszeit von AMUN. Vom Bestand der Multiversen gar nicht zu sprechen. Aber für die Wesen der Niederungen stellte das eine Zeitspanne dar, in der Reiche entstanden und wieder zerfielen.

AMUN fühlte, wie die Energieprojektoren die Volllast erreichten. Seine sensiblen Sinne hörten, wie die Membran ächzte, als die Energie durch sie strömte. Die vakuumgefüllte Kugel wuchs und stabilisierte sich innerhalb der notwendigen Parameter.

Auf Alysk flehte Eorthor seinen Vater ein letztes Mal an, das Experiment zu stoppen. Doch seine Warnung, ein winziger Ableitungsfehler würde das Experiment zu Fall bringen, wurde von den Verantwortlichen ins Reich der Fantasie verbannt, und auch sein Vater glaubte ihm kein Wort.

Der Countdown endete. NACHJUL und SOLMATH drangen zeitgleich in den Brutkasten ein, dem die Alysker die Form einer Kugel gegeben hatten. Ihr Inneres war komplett von den Multiversen abgeschirmt. Es war ein eigener, leerer Mikrokosmos. Nicht einmal Quantenfluktuationen störten die Ruhe und Stille, die in der Kugel herrschte.

Obwohl sich beide Entitäten darauf eingestellt hatten, ergriff sie Verwunderung, in die sich Hochachtung vor den Alyskern mischte. Sowohl Kosmokraten als auch Chaotarchen standen in permanenter Wechselwirkung mit dem Kosmos. Sie labten sich an Sonnenexplosionen genauso wie an der Singularität Schwarzer Löcher. Instinktiv nahmen sie Energie aus verschiedensten Dimensionen auf, um stärker zu werden oder ihre Stärke zu erhalten. Nun, abgeschnitten von dieser Zufuhr, wurde ihnen dies mit schmerzhafter Intensität bewusst. Im ersten Moment schnappten beide nach Energie, nur um sich gleich wieder zur Ordnung zu rufen.

»Lasst es endlich beginnen!«, rief NACHJUL.

Im selben Moment gab Retag, der Exekutivleiter des Experiments, auf Alysk den Startschuss. Die Projektoren erhöhten ihre Leistung und die Belastungsdiagramme erreichten die einhundert Prozent-Marke.

Energie schoss mit einer Wucht in die Blase, deren Stärke mit der Entstehung eines Universums vergleichbar war, gleich nachdem die Branen miteinander kollidiert waren. Hilflos wurden NACHJUL und SOLMATH mitgerissen. Beide schrien ob der Gewalt, mit der sie in das Zentrum der Kugel gedrückt wurden.

Dann kam der Moment der Entscheidung. Die beiden kosmische Wesen berührten einander, drangen ineinander ein. Ihre Emotionen – Freude, Leben, Genugtuung und Hass, Tod, Zerstörung – vermischten sich mit dem Eindruck, neu geboren zu werden.

Der Beginn einer neuen Existenz formte sich in der Leere. Ein einziges Wesen bildete sich aus dem Nichts. Doch noch bevor sich der erste Kosmotarch der Multiversen einen Namen geben konnte, mischte sich Verwunderung in seine sich formenden Gedanken. Sie wurde zu grenzenlosem Schmerz, der ihn auseinanderriss. Obwohl der Druck ihn weiterhin zusammenpresste, spaltete sich das Wesen.

Der Widerspruch, den es in sich trug, strebte gegen den Widerstand von außen. Es erkannte eine Chance, dem Druck und damit den Schmerzen zu entkommen: In der Blase existierte eine winzige Stelle, die eine Verbindung zur Außenwelt aufrechterhielt. Mit aller Wucht warf sich der Kosmotarch dagegen und sprengte die Kugel. Überschlagsblitze rasten in alle Richtungen und zersplitterten den achten und den neunten Planeten des Alysk-Systems.

Der eben erst neu geschaffene Kosmotarch spaltete sich in zwei Entitäten. Während sie auseinanderdrifteten, griffen sie unkontrolliert nach allem Leben, das sich in ihrer Nähe befand. Der eine versprühte Hass, Tod und Verderben und der andere überschüttete seine Umgebung mit Liebe, Hoffnung und Vertrauen. Schließlich verschwanden sie, von mentalen Schmerzensschreien begleitet, im Überraum.

AMUN, der das Geschehen in einer Art Trance verfolgt hatte, kam wieder zu sich. Er suchte nach seinen Mitstreitern, aber sie waren vor den beiden so unterschiedlichen Entitäten geflohen. Selbst musste er sich gegen sie abgeschirmt haben – wie, wusste er nicht. Er fühlte sich gnadenlos müde und ausgelaugt, so, als hätte er einen Kampf mit vier Chaotarchen ausgefochten.

AMUN seufzte. Ein Asteroidengürtel war das Einzige, was von seinen kühnen Plänen geblieben war. Und sicherlich viele am Boden zerstörte Alysker. Aber das hatten sie sich selbst zuzuschreiben. Offenbar hatten sie doch nicht so perfekt gearbeitet, wie er gehofft hatte. Um die Alysker würde er sich später kümmern. Jetzt musste er sich erst einmal selbst sammeln und Kraft tanken. Und er wusste auch schon, an welchem Ort er das tun würde.

*

Nichts ist so leicht, wie es aussieht.

Alles braucht länger, als man glaubt.

Wenn etwas schiefgehen kann, geht es auch schief.

Sprichwörter aus den Multiversen

Vor 189.999.000 Jahren

AMUN nannte es sein Versteck, denn es gehörte jetzt ihm allein. Seine Weggefährten hatten sich von ihm abgewandt, als die Tragweite des Scheiterns erkennbar geworden war. Statt ein neues, reines Wesen zu erschaffen, das den Hohen Mächten als Vorbild hätte dienen sollen, hatte das Experiment zwei Wesen geboren, die nicht gegensätzlicher sein konnten.

Die kurze Vereinigung des Chaotarchen NACHJUL und des Kosmokraten SOLMATH hatte wenige Sekunden lang einen Kosmotarchen geschaffen, aber dann hatten die positiven und negativen Elemente einander wieder abgestoßen.

Und zu allem Überfluss hatten sie sich verändert. In der einen Entität, DORGON, konzentrierte sich die komplette positive Energie des Kosmotarchen, während MODROR das negative Potenzial in sich vereinte. Überspitzt formuliert, existierte nun ein absolut böser Chaotarch, dem ein absolut guter Kosmokrat gegenüberstand. Wie sich das auf die beiden Wesen auswirkte, wusste niemand. Und niemand war in der Lage, die Auswirkungen auf den Kampf zwischen den Hohen Mächten abzusehen.

Derzeit verhielten sich sowohl DORGON als auch MODROR ruhig. Seit ihrer Entstehung waren sie aus den Multiversen verschwunden. Aber die Zeitspanne von lächerlichen eintausend Jahren war für zeitlose Wesen nicht aussagekräftig. AMUN vermutete, dass sie ihre Wunden leckten, um dann im Reigen der Multiversen groß mitzumischen.

Mit Schaudern erinnerte er sich an die Ausstrahlung MODRORs. Er würde den Kosmokraten einiges an Kopfzerbrechen bereiten. Aber AMUN war zuversichtlich: Der geballten Macht der Kosmokraten konnte sich auch MODROR nicht entziehen. Und wenn es AMUN geschickt anstellte, würde er die negative Entität für seine Sache gewinnen. Es galt, aus der Not eine Tugend zu machen.

AMUN hatte die Entstehung beider lange verfolgt. Aus zwei sterblichen Brüdern waren zwei Superintelligenzen entstanden, die den Weg zu Kosmokrat und Chaotarch gegangen waren. Ihr Schicksal war nun noch enger verknüpft, denn sie beide waren die Vorläufer eines Kosmotarchen. DORGON würde sich passiv verhalten, deshalb galt AMUNs Aufmerksamkeit MODROR.

Blieben noch die Alysker. Sie hatten AMUNs Pläne und Hoffnungen geradezu fahrlässig zerstört. Erst nachträglich hatte er herausgefunden, dass ein Ableitungsfehler schuld an dem Desaster gewesen war. Besonders tragisch auch deswegen, weil ihn ein junger Alysker aufgezeigt hatte, aber ignoriert worden war. Wie schon in der Vergangenheit hatte er den Alyskern das Plagiat des Roboters Cairol geschickt und ihnen auf seine Art Demut eingeimpft.

AMUN erinnerte sich … Das Universum verlor damit zwar die großartigsten Wissenschaftler, aber auch die begabtesten Wesen auf dieser niedrigen Entwicklungsstufe waren austauschbar. Nicht ersetzbar war hingegen seine Reputation. Sie hatte unzweifelhaft gelitten, und es bedurfte einiger Anstrengungen, bis sein Name wieder im alten Glanz erstrahlte.

AMUN schwebte in der Mitte seines Verstecks und winkelte zwei seiner acht Seesternarme ab. Das Trapez reagierte entsprechend, es überschüttete das Versteck mit weißem, warmem Licht. Das endgültige Zeichen, dass er sich mit der gescheiterten Geburt abgefunden hatte. Das Leben ging weiter. Und die Frage der Fragen stand weiterhin ungelöst im Raum. Aber AMUN fühlte mit jeder Faser seines immateriellen Körpers, dass sie eines Tages ihr Geheimnis preisgeben würde. Und dafür würde er bis zum Abgesang der Zeit kämpfen. Er begann, die Bilder der Vergangenheit Revue passieren zu lassen. AMUN ließ die Bilder von früher in sich aufsteigen …

Kosmotarchen

Es geschah vor mehr als einhundertneunzig Millionen Jahren, als Cairol im Auftrag der Kosmokraten AMUN und SIPUSTOV die Alysker aufsuchte, um ihnen einen Auftrag zu erteilen. Für ein kosmisches Projekt sollte eine hyperphysikalische Blase erschaffen werden. Es dauerte Jahrzehntausende, bis unser Volk den Ansprüchen der Kosmokraten genügte. Der Bau dieser Blase war das Lebensziel hunderter Generationen.

Schließlich war der Tag gekommen, an dem das kosmische Projekt stattfand. Damals war ich ein junger Mann. SIPUSTOV und AMUN hatten zusammen mit den Chaotarchen XPOMOL und BLOTHMATH den Kosmokraten SOLMATH und den Chaotarchen NACHJUL auserwählt, um Hauptbestandteil des Projektes zu sein. Aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit waren sie dazu bestens geeignet. Oftmals wurden SOLMATH und NACHJUL als Bruderentitäten bezeichnet. Sie waren zu diesem Zeitpunkt noch jung gewesen und in Rekordzeit in den Kreis der Hohen Mächte aufgestiegen.

Ziel des kosmischen Projektes war die Verschmelzung beider zu einem neuen Wesen, ein Schritt auf die nächste Stufe der Evolution. Doch das Projekt schlug fehl. Statt eines Wesens entstanden zwei Kosmotarchen. Der eine – DORGON – war mit den positiven Eigenschaften beider Entitäten ausgestattet, während der zweite Kosmotarch – MODROR – alle negativen Aspekte eines Kosmokraten und Chaotarchen in sich vereinte.

So waren die beiden Kosmotarchen DORGON und MODROR geboren worden.

Die Alysker wurden bestraft, denn sie mussten als Sündenböcke dienen. Wir nahmen die Strafe der Kosmokraten demütigst an und hoffen noch heute auf eine Begnadigung.

*

Als Eorthor seinen Bericht beendet hatte, war Atlan geschockt. Unzählige Gedanken jagten abwechselnd durch seinen Kopf. Mit solchen Ereignissen hatte er nicht gerechnet. Musste das Zwiebelschalenmodell nun erweitert werden? War ein Kosmotarch ein Nebenprodukt der Entitätenevolution oder gar eine höhere Stufe? Fragen über Fragen. Doch eines stand fest: Was immer MODROR und DORGON auch waren, sie waren mächtiger als Atlan je zu träumen gewagt hatte.

»Es ist unglaublich«, murmelte der Arkonide beeindruckt.

»Ich dachte mir schon, dass diese Dinge deinen kleinen Geist überfordern würden«, meinte Eorthor herablassend.

Atlan wollte zu einer scharfen Antwort ansetzten, doch er hielt inne. Er wunderte sich über die Nibelungentreue der Alysker.

»Ihr wart doch unschuldig an diesem Fiasko. Die Kosmokraten und Chaotarchen hatten einen Fehler gemacht. Es hätte niemals funktionieren können«, sagte er zu Eorthor.

Meinst du, dieser Anfall von Mitleid wird Eorthor erweichen?

Atlan rechnete nicht wirklich mit so etwas. Der Einwand seines Extrasinns war berechtigt und Atlan gab sich keinen falschen Hoffnungen hin. Wohl kaum würde dieser uralte Alysker auf ihn hören.

»Was versteht eine Mikrobe schon?«

Ist er nicht herzlich? Ein aufgeblasener Penner!

Atlan ermahnte seinen Extrasinn. Er sollte lieber über DORGON und MODROR nachdenken.

»Atlan hat recht. Einst habe auch ich den Kosmokraten loyal gedient. Was hat es meinem Volk gebracht? Wir sind ausgestorben und nur dank unserer selbst zu einer Superintelligenz geworden. AMUN scheint seinem Zögling MODROR nicht abgeneigt zu sein.«

Eorthor starrte den Kemeten Osiris befremdet an.

»Ketzer! Ein Kosmokrat würde niemals die Ordnung verraten! Das ist undenkbar.«

»Glaube, was du willst, Eorthor. Wir müssen DORGON helfen, denn offenbar steht der Kosmotarch kurz vor dem Ende. Deshalb bin ich hier und deshalb ist auch Atlan hier.«

»Dann geht und rettet DORGON! Mir ist es gleich. Wir ertragen geduldig unser Schicksal …«

Ein alyskischer Offizier betrat den Saal und schritt hastig auf Eorthor zu. Er wirkte sehr aufgeregt.

»Was gibt es, Balynor?«, fragte Eorthor ungehalten, da er zuvor Anweisung gegeben hatte, nicht gestört zu werden.

»Herr, wir haben in der Nähe des Vorjul-Systems eine unglaubliche Anzahl von feindlichen Raumschiffen geortet«, berichtete der Angesprochene.

»Was? Ich komme sofort in die Kommandozentrale.«

Eorthor verließ zusammen mit Balynor den Audienzsaal. Atlan und Osiris folgten ihm in den Kommandoraum des Palastes. Auf einem umlaufenden Panoramabildschirm war eine riesige Flotte zu erkennen, zahllose Raumschiffe verschiedenster Bauart.

»Das ist doch nicht möglich«, hauchte Eorthor erschrocken.

»Unsere Sensoren haben etwa eine Million Schiffe gezählt. Wir haben einige Funksprüche aufgefangen. Danach steht diese Flotte unter dem Kommando von Shul’Vedek, MODRORs berüchtigtem General«, berichtete Balynor.

»Dann war also die Vernichtung VORJULs völlig umsonst. Wir sind wieder da, wo wir vorher waren«, meinte Atlan konsterniert.

»Schlimmer noch«, erwiderte Eorthor düster. »Wir sind am Ende.«

Treffen der Entitäten

MODROR hatte nur wenig Zeit gehabt, sich über den Verlust VORJULs und seiner Flotte zu ärgern. Auch dass Rodrom in Gefangenschaft geraten war, beeindruckte ihn wenig. Den würde er schon bald befreien können.

Zunächst stellte MODROR eine neue Flotte von einer Million Kampfschiffen auf. Nach dem Verlust Rodroms übertrug er General Shul’Vedek das Kommando über die Flotte. Eine solch gewaltige Armada zusammenzuziehen, brauchte jedoch Zeit, so dass er den geplanten Angriff etwas verschieben musste. Dann meldete sich auch noch unerwarteter Besuch. Es war AMUN, der Kosmokrat, der vor einhundertneunzig Millionen Jahren der Initiator des kosmischen Projektes gewesen war.

MODROR kam der Besuch nicht besonders gelegen, doch AMUN war ihm ein wichtiger Verbündeter und eine Art Mentor gewesen. Daher entschloss sich der Kosmotarch, ihn zu empfangen.

Als körperloses Wesen verließ MODROR seine Burg und schwebte durch den Hyperraum, glitt in das Normaluniversum, ignorierte die Ereignisse um ihn herum, obgleich eine Supernova seine Aufmerksamkeit erregte. Milliarden Wesen starben. Sie schrien auf und verstummten in grausamer Qual. Er hätte sie gern gierig in sich aufgenommen, doch zielstrebig eilte er weiter durch das All und erreichte seine Hyperraumverankerung im Kreuz der Galaxien.

In dieser Sphäre hatte er die gleichen Bedingungen wie in seiner Burg. Ihn umgaben Nebel und Dunkelheit. So gefiel es ihm.

Der Kosmokrat erschien, wie immer, als alter weißhaariger Mann mit markantem Gesicht, der in eine pharaonenartige Robe gekleidet war. MODROR entschloss sich, auch Gestalt anzunehmen. Er ließ aus dem Nebel zwei Throne und einen Tisch erscheinen.

»AMUN, wie unerwartet. Ich grüße meinen alten Mentor.«

»Ich grüße dich, MODROR«, erwiderte der Kosmokrat und erhob die rechte Hand zum Gruß.

Der Kosmotarch registrierte, dass AMUN noch immer das gleiche Faible für körperliche Wesen und deren Sitten und Gebräuche hegte.

»Was führt dich in mein Reich?«, erkundigte er sich.

»Ich hörte von deinen umfangreichen militärischen Plänen, MODROR.«

»Mehr als Pläne. Schon bald eine Realität!«

»Ich möchte dich ersuchen, etwas gemäßigter vorzugehen und weniger destruktiv zu wirken. Unser großes Ziel muss die Beantwortung der Ultimaten Fragen sein.«

»Das eine schließt doch das andere nicht aus«, meinte MODROR ausweichend.

Es gefiel ihm nicht, dass AMUN ihn kritisierte. Er spürte, dass der Kosmokrat eine Art Vatergefühl für ihn hegte, und in gewisser Hinsicht schätzte er AMUN dafür. Denn der Kosmokrat hatte ihn letztendlich erschaffen. Er hatte MODROR durch drei Evolutionsstufen begleitet und sah in ihm einen Auserwählten, nein, den Auserwählten des Universums! Aber auch er durfte seinen Plänen nicht im Wege stehen.

»Deine Pläne kosten zu viele Leben. Wir brauchen aber die Sterblichen. Nur mit ihnen lässt sich das Universum beherrschen«, stellte AMUN fest.

MODROR verstand diese Argumentation nicht.

»Es gibt doch mehr als genug von ihnen. Sie vermehren sich doppelt so schnell, wie sie sterben. Auf ein paar mehr oder weniger kommt es wahrlich nicht an.«

»Was würde DORGON dazu sagen?«, fragte AMUN.

Diese Frage berührte MODROR unangenehm.

»Er versteht mich nicht. Er ist schwach. Für die Schwachen ist kein Platz im Universum. Wer nicht kämpfen will, muss untergehen«, antwortete er.

»DORGON ist ein Teil von dir! Und ich weiß sehr gut, dass es zwei Dinge in DORGON gibt, die du noch sehr begehrst. Ist es nicht so?«

AMUN lachte spöttisch. Hatte er MODRORs wunden Punkt getroffen?

Bald sollte er herausfinden: Sein Zögling hatte sich inzwischen nicht nur mit seinem Mangel arrangiert, sondern er hatte den Mangel, die Unvollkommenheit, überwunden.

Sehnsucht!

Liebe und Geborgenheit!

NEIN!

MODROR verdrängte diese Gefühle, so konsequent es ging. Er wollte die positiven Eigenschaften, die er abgespalten hatte, nicht mehr. Der Hass machte ihn mächtig, die unerfüllte Sehnsucht, der ewig andauernde Schmerz des Universums trieb ihn voran! Tod und Zerstörung befriedigten ihn. Wie ein Racheengel streifte er durch das Universum und bestrafte all jene, die es seines Erachtens nicht verdienten zu leben.

Sein Ansporn war das Leid.

Und langsam, aber sicher formte er sich sein neues Universum. Ein Vorgehen, das AMUN für unmöglich gehalten hatte … doch bald würde er alle eines Besseren belehren!

»MODROR! Ich bitte dich, deine Vorgehensweise noch einmal zu überdenken. Du könntest irreparable Schäden im Universum anrichten.«

»Dies liegt nicht in meiner Absicht. Mein Ziel ist, das Universum zu verbessern, und das mag zunächst auch einige Opfer kosten. Doch am Ende wird eine neue Ordnung entstehen«, erklärte MODROR.

Und so war es auch! Wenn die Menschen schon von einigen der Hohen Mächte als ausgewählte Geschöpfe angesehen wurden, dann sollten sie zumindest MODROR dienen. Mit dem Quarterium hatte er die besten Voraussetzungen für die Erfüllung seiner Vorhaben geschaffen, obgleich ihn die Gefühlsduselei mancher dieser Sterblichen anekelte. Sie taugten von Grund auf nichts.

Selbst sein Liebling Cauthon Despair war nicht frei davon. Der Silberne Ritter war geradezu ein Spiegelbild von MODRORs jüngerem Selbst, wie er vor drei Evolutionsstufen gewesen war. Doch eines Tages würde Despair soweit sein. Und wenn nicht, gab es einen zweiten Plan.

AMUN wirkte konsterniert.

»Dann steht dein Entschluss also fest?«, fragte der Kosmokrat. In seiner Stimme schwang Trauer mit.

MODROR antwortete voller Entschlossenheit.

»Ja, er steht fest. Ich werde die Kriege fortsetzen, und ich werde obsiegen. Und dann werde ich meinen Plan, der den Moralischen Kode betrifft, endlich in die Tat umsetzen. Auch eine SI KITU wird mich nicht daran hindern.«

»Gehe vorsichtig dabei vor. Ein vorschnelles Handeln würde alles zunichte machen, MODROR. Unterschätze SI KITU nicht! Ihre Allianz mit DORGON ist sehr gefährlich. SI KITU hat ihr neues Volk entsendet, um dich zu vernichten.« AMUN machte eine kurze Pause. »Du weißt, ich bin auf deiner Seite. Du bist der Auserwählte. Du wirst das Universum in seinen Grundfesten reformieren. Das wusste ich vom ersten Tage an, als ich dich sah.«

Die Trauer wich von AMUN. Er lachte. Seine Seele und seine Augen leuchteten zuversichtlich. Dann wurde er wieder ernst.

»Doch du darfst DORGON nicht töten! Er ist dein Bruder seit Anbeginn. Ihr müsst lernen, zusammen zu existieren. Nur so könnt ihr das Gleichgewicht des neuen Universums erhalten!«

MODROR brauste innerlich auf. DORGON würde sterben! Er war doch gerade schon dabei. Wenn Rodroms kühner Plan aufging, würde MODROR bald seinen Bruder besiegen, und es scherte ihn einen Dreck, was dann aus ihm wurde. Sollte er sterben! Im neuen Universum gab es keinen Platz für ihn. Genauso wenig wie für Chaotarchen und Kosmokraten! Doch um AMUN zu beruhigen, versprach er ihm natürlich, DORGON nur schwächen zu wollen.

Der alte Kosmokrat schien damit einverstanden zu sein.

»Vergiss nicht, MODROR. Ihr beide seid die Verbindung zum GESETZ, ihr könnt die Dritte Ultimate Frage beantworten«, sagte der Kosmokrat voller Stolz.

Doch MODROR wusste: Ging sein Plan in Erfüllung, würde er selbst die Antwort auf die dritte Frage sein!

Unerforschte Weiten

Die Nacht war schwül. Roi Danton wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Wetter machte ihm zu schaffen. Er warf einen Blick auf Kathy Scolar, die Verlobte des Saggittonen Aurec. Die brünette Terranerin stand am großen Fenster und blickte auf die nächtliche Dschungellandschaft des ihnen so fremden Tholmondes.

Im Tal wucherten gigantische Wälder in Rot und Schwarz über die gesamte Ebene. Ein See mit violettem Wasser erstreckte sich bis zum Horizont. Östlich zogen sich goldfarbene Wiesen und Felder an einem Nebenfluss entlang. Abgesehen von der Stadt auf dem Berg gab es kaum Anzeichen von Zivilisation.

Hier und da leuchteten vereinzelt graumetallische Türme in einem schwachen grünen Licht und zeugten davon, dass eine raumfahrende Zivilisation auf dieser Welt existierte. Offenbar lebten die Wesen in einer starken Symbiose mit der Natur.

Kathy wirkte angegriffen. Ob es am Wetter lag oder an den Strapazen? Für Danton waren neue Abenteuer nicht annähernd so anstrengend wie für normale Menschen. In solchen Situationen griff er auf die jahrtausendlange Erfahrung zurück, die er als Zellaktivatorträger besaß.

Der relativ Unsterbliche legte seinen schwarzen Dreispitz ab. Er seufzte. Hätte er doch nur auf das rote Kostüm aus dem 18. Jahrhundert alter terranischer Zeitrechnung verzichtet! Diese Staffage hätte er gern gegen eine leichte Raumanzugskombination mit kühlendem Stoff getauscht. Aber was tat man nicht alles für die große Show.

Innenillustration: Roi Danton, Gesicht nah mit Dreispitz
Roi Danton © Gaby Hylla

Seine Rolle des tänzelnden Freihändlerkönigs hatte er in den letzten Monaten um die Eigenschaft eines schurkenhaften Freibeuters erweitert. Hauptsächlich, um dem quarterialen Emperador de la Siniestro zu imponieren, der eben aus jener Epoche der Menschheit stammte. Um ehrlich zu sein … es hatte ihm Spaß gemacht.

Roi Danton seufzte und ließ den Blick über die braungrünen Wände des chaotisch wirkenden Quartiers schweifen, die in den roten Teppichbelag des Bodens übergingen. Es wirkte so unstet, so unharmonisch.

Danton lehnte sich tief in den weichen, grünlichen Sessel, schloss die Augen und versuchte, Ruhe zu finden. Der Stoff fühlte sich an wie Leder und war warm. Doch irgendetwas stimmte nicht. Die Welt drehte sich! Irgendwie ging es nach links und rechts, auf und ab. Danton öffnete die Augen und sah sich um. Nicht die Umwelt bewegte sich, sondern er selbst! Roi blickte auf seine Hände, und plötzlich glotzten ihn aus beiden Armlehnen Augen an.

Roi schrie auf und sprang vom vermeintlichen Sessel. Das Ding krabbelte auf vier Tentakeln auf dem Boden herum. Die scheinbaren Armlehnen waren offenbar seine Art von Kopf. Das ganze abstrakte Wesen wirkte mehr wie ein Möbelstück als wie ein Intelligenzwesen.

»Alles in Ordnung, Roi?«, fragte Kathy, die nichts bemerkte, weil das lebendige Möbelstück nun wieder stillstand.

»Oui! Natürlich. Ich muss mir nur eine andere Sitzgelegenheit suchen …«

Nach einem letzten misstrauischen Blick auf das kastenförmige Wesen wanderte Danton im Raum umher. Der ganze Saal war skurril. Bei genauer Betrachtung bewegten sich die Wände. Die Wände verformten sich, grüne, efeuähnliche Ranken züngelten aus der Wand. Auch das waren Lebewesen! Der Raum lebte!

Danton blieb stehen. Hinsetzen war ihm zu verdächtig. Er musterte seine Gefährten: Kathy, Nataly Andrews und Roland Meyers waren bei ihm. Auch sie hatten nun das unstetige Quartier bemerkt und verharrten verunsichert auf der Stelle.

Sato Ambush schien unbeeindruckt. Er saß im Schneidersitz, im tiefsten Stadium des Zen versunken. Jedenfalls ließ er sich durch das Hin- und Herwogen des Raums nicht aus der meditativen Ruhe bringen.

Wo sich Maya ki Toushi herumtrieb, blieb Danton verborgen. Der Entrope Trechos und seine Entropenhexe Niada hatte der Zentaur Tashree in Gewahrsam genommen. Aber waren sie das nicht auch, in Gewahrsam? Cul’Arc, das Fledermauswesen, hatte ihnen nahegelegt, ihre Räume nicht zu verlassen. Das klang nicht, als seien sie Gäste des Hauses.

Dann verstand Roi: Dieser Raum war ein Gefängnis, eine Art lebende Zelle. Er war Gitterstäbe, Mobiliar und Wächter in einer Person.

Er rekapitulierte die vergangenen Ereignisse. Noch vor wenigen Wochen waren sie in der Lokalen Gruppe gewesen, als die FLASH OF GLORY von Entropen – charakterlich skurrilen, blauhäutigen Wesen im Dienste der Entität SI KITU – entführt wurden. Die Entropen sahen ein ominöses Riff als große Gefahr für das Universum an und wollten es vernichten. Offenbar befand es sich in der Nähe von Siom Som. Vergangene Weihnachten hatte der erste Kontakt zwischen Entropen, Riffanern und Quarterialen stattgefunden.

Damals hatten sein Vater Perry Rhodan, Reginald Bull, Gucky und er mit den de la Siniestros das »Fest der Freude« gefeiert, wenn man dieses Treffen denn so bezeichnen wollte. Bei den Beteiligten war alles andere als Freude aufgekommen. Die Begegnung hätte ein Weg zur Deeskalation in den estartischen Galaxien werden sollen. Sie hatten sich ein Ende des Krieges in den estartischen Galaxien und eine Befreiung der Saggittonen und Akonen in Cartwheel erhofft. Es war jedoch nicht einmal zu Verhandlungen gekommen.

Brettany de la Siniestro hatte mit Cauthon Despair eine Extratour gemacht und war dabei sowohl auf ein Schiff der Entropen als auch auf ein Raumschiff der Riffaner gestoßen. Die Aggressoren waren die Entropen gewesen. Sie hatten den Bruder des Harekuul Tashree, wie Roi inzwischen wusste, und zwei seiner Crewmitglieder ermordet. Andere Riffaner entkamen. In einer uralten Station trafen sie die drei Entropen und töteten sie. Seitdem hatten das Quarterium ebenso wie die Liga Freier Terraner vergeblich nach Spuren dieser beiden Völker gesucht.

Nun hatten sich zumindest die Entropen eindrucksvoll zurückgemeldet. Michael erinnerte sich. Er hatte Entropen bislang nur tot zu Gesicht bekommen, während er auf einer ungastlichen Welt in der Galaxis Erendyra unterwegs war, wo sie nach Cauthon Despair und Brettany de la Siniestro gesucht hatten. Erst bei der Schlacht am Sternenportal war er auf lebendige Entropen gestoßen, nachdem diese die FLASH OF GLORY gekapert hatten.

Es gab insgesamt vier unterschiedliche Arten von Entropen. Zum einen die bildhübschen, aber Männer aus tiefstem Herzen verachtenden Hexen. Dann gab es die Primärentropen, beinlose, blaue Fleischklumpen auf schwebenden Scheiben mit großem Kopf und Tentakeln. Die Sekundärentropen waren haarlos und hatten ebenfalls blaue Haut. Sie glichen am ehesten einem Humanoiden, da sie zwei Beine und zwei Arme hatten. Die Tertiärentropen hingegen waren groß, besaßen vier Arme und drei Augen. Wenn Michael Rhodan es nicht besser wüsste, würde er behaupten, sie seien eine Mischung aus Terraner, Galorne und Haluter.

Die Ziele dieser zutiefst unhöflichen und undiplomatischen Entropen waren ihm unbekannt. Sie hassten das Quarterium und verteufelten das Riff. Und sie waren im Umgang, gelinde gesagt, anstrengend. Die Hexe Niada hatte Danton als »dummen, einfältigen Mensch« bezeichnet. Und das war nur eine von vielen arroganten Beleidigungen. Sie hatte ihm und seinen Begleitern mit dem Tod gedroht und unterschied sich in der Wahl ihrer Mittel daher kaum vom Quarterium.

Aber auch die Riffaner waren unweit von Siom Som. Gestern hatte die FLASH OF GLORY einen fliegenden Mond entdeckt, der offenbar eine Raumstation war. Thol7612 war die eigentümliche Bezeichnung. Ob das bedeutete, dass es noch 7611 weitere solcher gigantischen, fliegenden Planeten ohne Sonnensystem gab?

Der Plan der entropischen Hexe Niada – die Koordinaten des Riffs erbeuten und anschließend Thol7612 vernichten – war simpel, ging aber gründlich schief. Tashree, eine Art Zentaure, hatte die Entropen und Terraner inhaftiert und zu einem wolfsähnlichen Wesen mit sechs Armen namens Zigaldor gebracht. Zigaldor war ein Hohepriester des Gotteskultes Nistant. Offenbar war Nistant ihr Heiliger. Obgleich Zigaldor mächtig war, schien noch jemand das Sagen zu haben: Cul’Arc! Dieser war ein äußerst unheimliches Fledermauswesen.

Roi erinnerte sich an die letzten Worte Cul’Arcs, bevor er sie bat, seine »Gäste« zu sein.

Nun, es ist unhöflich, mich meinen Gästen nicht vorzustellen. Ich bin Cul’Arc, Teil unseres Gottes Nistant, dem Gründer und Führer des Resif-Sidera. Unser Begehr in Siom Som ist einfach. Wir möchten es mit einigen Billiarden unserer Bürger besiedeln.

Roi erwartete eine gigantische Katastrophe, sollte das Riff Siom Som und die anderen estartischen Galaxien erreichen. Weder die Einheimischen noch die dorgonisch-quarterialen Besatzer würden freundlich auf diesen Asylantrag reagieren. Doch vielmehr machte Roi das Riff selbst Sorgen. Was verbarg sich dahinter? Was für ein mächtiges Konstrukt wies Billiarden Lebewesen und solche fliegenden Monde vor?

Über was für ein kosmisches Wunder waren sie nun schon wieder gestolpert? Reichte nicht der Konflikt zwischen DORGON und MODROR? Der Krieg mit dem Quarterium? Nun noch das!

Roi seufzte und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Was hätte er jetzt für eine Buddel Rum gegeben! Etwas Alkohol schadete nie beim Nachdenken, fand er. Zumindest in Maßen. Dann weiteten sich seine Augen. Aus dem Boden formte sich eine Flasche. Die sah nun wirklich beinahe wie eine Rumflasche aus! Aber er wäre nicht wählerisch, überlegte Roi. Er würde auch Whiskey, Vurguzz, einen Black Hole Cocktail, Managara oder ein olympisches Yurp-Bier nehmen. Staunend beäugte er das Ding.

Trink, forderte eine mentale Stimme.

Roi sah sich um, doch niemand Fremdes war in dem Raum. Die anderen starrten ihn fragend an.

Na los! Es ist nicht vergiftet. Es ist eurem Rum nachempfunden.

Das war der Raumwächter. Offenbar verfügte er auch über telepathische Fähigkeiten. Roi konzentrierte sich darauf, dem Wesen das Lesen seiner Gedanken nicht zu einfach zu machen. Eigentlich war er doch mentalstabilisiert? Aber offensichtlich war dieser »Raum« trotzdem in der Lage, Rois Wünsche aufzuschnappen.

Eine interessante Kreatur, überlegte Danton, während er die Flasche ergriff, öffnete und einen kräftigen Schluck von dem Zeug nahm. Sofort musste er husten. Der Alkohol brannte in seiner Kehle. Aber es schmeckte nach mehr. Rum war es nicht, aber dennoch verteufelt gut.

Ein lebendes Gefängnis, welches die Wünsche der »Gäste« erriet – aber sicherlich auch deren Ausbruchspläne! Es verformte sich im Fall des Falles wohl so, dass es Ausbrüche unmöglich machte. Das erschwerte ihre Situation in erheblichem Maße. Ihnen blieb wohl nichts übrig, als abzuwarten.

»Liebes Räumlein, ich hätte gern ein bequemes Sofa, welches sich nicht bewegt oder lebt. Und ein ebenso totes wie gut zubereitetes Schnitzel mit Pommes und Champignons in pikanter Paprikasauce.«

Kathy und Nataly sahen ihn an, als sei er übergeschnappt. Als jedoch das gewünschte Gericht aus dem Boden spross, blickten sie ihn erst recht verdattert an.

»Achtet auf eure Gedanken. Sie verraten euch. Dieser Raum lebt und ist telepathisch begabt.« Roi nahm einen Bissen vom Schnitzel. »Hm, und auch kulinarisch talentiert.«

»Ist das alles, was dir einfällt? Faul herumsitzen, Alkohol schlucken und fressen? Du bist ja ein feiner Unsterblicher«, polterte Nataly.

Roi machte das wenig aus, doch er tat brüskiert.

»Wir sind Gäste von Kathys neuem Freund Cul’Arc. Wir müssen abwarten, wohin er uns bringt.«

»Wieso ist Cul’Arc mein neuer Freund? Etwa weil ich mit ihm gut reden konnte? Irgendjemand musste ja diplomatische Brücken schlagen.«

Roi versuchte, die beiden Frauen zu ignorieren, aber sie schimpften weiter. Wieso gab es keine Fernbedienung für Frauen? Jeder Mann hatte sich bestimmt schon einmal im Leben gewünscht, die Stummtaste bei einer Frau zu drücken. Er seufzte leise und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Buddel. Die Blicke der Frauen, die ihm beim anschließenden Husten zusahen, bemühte er sich zu ignorieren.

Roland Meyers kauerte ruhig in einer Ecke. Für ihn war so etwas wie dieser Raum sichtlich neu. Er hatte zwar bereits ungewöhnliche Situationen außerhalb seines Raumschiffs erlebt, doch sicherlich keines wie dieses. Nataly und Kathy waren schon erfahrener, wenngleich Danton selbst natürlich der Methusalem unter ihnen in Sachen Abenteuern war.

Der große Cul’Arc gibt euch die Ehre!

Ankündiger war dieses Quartierwesen auch noch. Schon öffnete sich die Tür und das Fledermauswesen trat ein. Seine braune, lederartige Haut passte zu diesem Raum. Der Zentaure Tashree schien sein Schatten zu sein.

Cul’Arc wirkte auf den ersten Blick wie ein Raubtier aus einem Horrorstreifen. Doch wie so oft täuschte das Äußere die Terraner. Cul’Arc war intelligent und kultiviert. Sato Ambush kam aus seiner Meditation und erhob sich. Auch Meyers stand auf.

»Ich hoffe, ihr genießt die Annehmlichkeiten. Euren entropischen Freunden geht es nicht so gut. Auch die verborgene Hexe halten wir unter gesonderter Beobachtung.«

»Maya?«, fragte Meyers.

»Korrekt. Es ist euch bekannt, dass ihre DNA der Entropin Niada stark ähnelt? Sie scheint ebenfalls eine Hexe zu sein.«

»Hä?«, stieß Danton wenig geistreich heraus.

»Was?«, rief Meyers.

Er wirkte wie vor den Kopf gestoßen. Doch woher hätten sie das wissen sollen? Sie hatten bis jetzt keine Vergleichsmöglichkeiten gehabt.

War Maya ki Toushi vielleicht sogar eine Spionin der Entropen? Eine Kundschafterin dieses ominösen Volkes? Doch diese Gedanken waren zweitrangig. Wichtiger war ihre unmittelbare Zukunft. Roi sprach das Problem direkt an: »Was geschieht nun mit uns?«

»Wir werden euch nach Rideryon bringen. Dort wird über euer Schicksal entschieden werden.«

»Ich dachte, wir seien Gäste«, erwiderte Kathy.

»Teuerste Terranerin, zu meinem größten Bedauern seid ihr keine richtigen Gäste, denn ihr seid nach Thol7612 gekommen, um ihn zu vernichten. Wir müssen erst einmal prüfen, ob ihr vertrauenswürdige Kreaturen seid. So gern ich die Bekanntschaft mit euch Terranern geschlossen habe, oberste Priorität hat die Sicherheit des Resif-Sidera. Wir können dort keine Attentäter gebrauchen. Schon gar keine lebendigen.«

Roi biss sich auf die Lippe. Leider wurden seine Vermutungen bestätigt, dass die Riffaner ihnen nicht trauten. Er verwünschte diesen Gundel Gaukeley-Verschnitt Niada! Er erinnerte sich noch gut an die Entenhexe, die beharrlich Onkel Dagoberts Geldspeicher ausrauben wollte. Der Entenhausen-Film war für seine Schwester Susan und ihn das erste Hologrammfilmerlebnis gewesen. Mitten drin waren sie, als seien sie selbst Tick, Trick oder Track. Das war nun schon zweieinhalbtausend Jahre her. Vergessen würde er dieses Kindheitserlebnis nie. Darüber war er auch froh. Michael Rhodan kehrte gedanklich in die Gegenwart zurück und handelte wieder als Roi Danton.

»Wird uns ein Prozess gemacht?«

Cul’Arc entblößte sein mächtiges, messerscharfes Gebiss und breitete die Flügel aus.

»Selbstverständlich. Wir sind doch keine Barbaren. Bis dahin genießt unsere Gastfreundschaft.«

Das Fledermauswesen und Tashree verließen den Raum.

»Reizend«, meinte Danton und nahm einen weiteren kräftigen Schluck aus der Pulle. Das Ganze konnte noch sehr heiter werden für sie alle …

Das Resif-Sidera

Roi Danton lehnte sich gegen die Wand, als plötzlich Tentakel mit Augen aus derselben schossen. Sie glotzten ihn fragend an. Danton erschrak ein wenig, sprang von der Wand weg. In diesem Moment schob sich Cul’Arc durch eine Öffnung der Zelle und ging direkt auf ihn zu. Seine Worte klangen anklagend.

Cul’Arc
Cul’Arc © Lothar Bauer

»Ihr Terraner seid extrem neugierig. Thol1222 meldet, Kontakt mit eurem Volk gehabt zu haben. Sie haben Thol1222 ausspioniert.«

Roi entschloss sich zu einem konfrontativen Vorgehen.

»Was würdet Ihr tun? Sicherlich nicht tatenlos herumsitzen! Natürlich wollen wir fremde Invasoren erforschen. Allein schon zur eigenen Sicherheit.«

»Einleuchtend. Es wird Zeit, dass wir uns mit den Regierenden in Verbindung setzen.«

Danton sah nun eine diplomatische Chance.

»Wir könnten dabei behilflich sein. Die politische Lage in Siom Som ist äußerst chaotisch. Die Einheimischen stehen unter der Besatzung zweier Imperien.«

Cul’Arc machte eine Handbewegung. Die Decke öffnete sich und der ganze Raum zog sich förmlich in den Boden zurück. Danton und die anderen standen nun unter freiem Himmel.

»Ich schenke Euch mein Vertrauen, Danton. Enttäuscht mich nicht. Was schlagt Ihr vor?«

Danton dachte nach. Wie brachte man der Urbevölkerung und den Invasoren schonend bei, dass Billiarden Wesen plötzlich Siom Som besiedeln wollten? Wie würden sie reagieren? Vermutlich würden die Estarten tatenlos bleiben. Sie hatten keine Armee und kaum noch Macht. Die Quarterialen und Dorgonen würden wohl das Riff angreifen. Danton musste mit vernünftigen Leuten sprechen. Doch die gab es weder im Quarterium noch im Kaiserreich Dorgon.

»Es wäre das Beste, wenn wir sehr behutsam vorgehen. Die Invasoren von Siom Som sind äußerst aggressiv. Sie würden vermutlich das Riff als Bedrohung ansehen und angreifen.«

Cul’Arc gab einen seltsam erstickten Laut von sich.

»Rideryon. Riff ist ein entropisch geprägter Begriff. Das Riff im Weltall. Unser System nennt sich Resif-Sidera. Das, was Ihr als Riff bezeichnet, ist Rideryon. Und Warten ist inakzeptabel. Wir haben eine Aufgabe bekommen. Unser Gott Nistant hat sie uns erteilt. Wir müssen sie erfüllen.«

»Vielleicht kann man sie ja verschieben?«

Cul’Arc packte Roi und erhob sich mit ihm in die Luft. Entsetzt krallte sich der ehemalige Freihändlerkönig am Arm des Fledermauswesens fest. Er starrte in den Abgrund. Da ging es einige hundert Meter in die Tiefe.

»Können Sie nicht etwas ruhiger fliegen?«, fragte Danton.

Cul’Arc reagierte nicht. Er segelte über die schwarzen Baumkronen hinweg zum Tempel. Dort landete er. Roi war heilfroh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

»Kommt mit!«

Cul’Arc stapfte voraus. Danton folgte ihm, hatte jedoch Probleme, Schritt zu halten. Sie liefen an Manjorwachen und Zentauren vorbei. Danton wusste inzwischen, dass diese Geschöpfe dem Volk der Harekuul angehörten.

Sie erreichten eine Halle. Dort waberten jede Menge Persy herum, schwammartige Wesen. Tentakel ragten aus dem Torso ihrer fetten, gallertartigen Körper. Jede Bewegung wurde von einem blubbernden Geräusch begleitet. Sie waren offensichtlich Priester. Cul’Arc blieb vor zwei humanoiden Statuen stehen, einem Mann und einer Frau.

Der Mann war hochgewachsen und in eine Robe mit Kutte gekleidet. Das Gesicht war kaum zu erkennen. Die Steinstatue der Frau zeigte ein wunderschönes weibliches Wesen. Ihre Form überraschte Roi, denn er hatte bisher noch keinen einzigen Menschen auf Thol gesehen.

Roi erinnerte das Gesicht der Frau an jemanden, doch er konnte es nicht zuordnen. Dennoch war er sich sicher, dass die Frau ihm nicht unbekannt war.

Cul’Arc kniete vor den beiden nieder und hob beschwörend die krallenbewehrten Schwingen.

»Vor vielen Millionen Chroms lebte unser Gott Nistant. Einst ein einfacher Mann, liebte er die schöne Ajinah. Sie war seine Inspiration, sein Leben, seine Kraft. Er schwor, alles für sie zu tun.

Doch seine Liebe wurde ihm zum Verhängnis. Sie brachte ihm Tod und Verdammnis. Doch er hörte niemals auf, sie zu lieben. Verflucht von den Hohen Mächten des Universums streifte er als Ruheloser durch die Welt Thol. Eines Tages erwachte er aus seiner Melancholie und erschuf all das hier. Er ist der Begründer des Rideryons, unser Führer und unser Gott!«

Eine traurige Geschichte, fand Danton. Ob sie wahr war? Die Zeiteinheit Chroms sagte ihm nichts. War das Riff Millionen von Jahren alt und Nistant der Begründer dieses ominösen Dings? Das war schon eine spannende Sache. Es war sogar ein Ereignis von kosmischem Ausmaß, über das er gern mehr gewusst hätte.

Doch Roi war sich sicher, dass seine Neugier bald befriedigt würde. Cul’Arc hatte sichtlich Lust, ihm alles zu erzählen, was es zu wissen gab. Der verzückte Ausdruck in den Augen des Fledermauswesens überzeugte ihn, dass es die Wahrheit sprach, oder jedenfalls das erzählte, woran er glaubte.

»Nistant schrieb unsere Gesetze und gab uns den Auftrag, das Universum mit neuem Leben zu erfüllen. Besserem Leben als jenes, welches die Hohen Mächte des Universums säen würden. Wir sollten Rideryon aufbauen und vergrößern und neue Kulturen in ihm aufnehmen. Rideryon sollte zu einem beispiellosen Hort der Kulturen und Völkergemeinschaften werden. Es sollte eine Bastion gegen den Kampf zwischen Ordnung und Chaos im Universum werden, vielleicht mit Eurer Arche Noah vergleichbar.«

Danton war überrascht, dass Cul’Arc die terranischen Mythen kannte. Das Fledermauswesen bemerkte seine Verblüffung und verzog vergnügt den Mund.

»Auch wir sind Forscher. Ihr Terraner seid besonders interessant. Euer Vater hat viel im Universum bewirkt. Er ist uns nicht verborgen geblieben. Außerdem entstammt ihr einem ähnlichen Volk wie unser Gott.

Aber ihr seid unreif, kriegerisch, gierig und verschlagen. All das hasste Nistant und verbot es.«

»Gibt es auf dem Riff keine Kriminalität? Keine Korruption?«

Cul’Arc winkte ab.

»Ich wünschte, es wäre so. Bei den unzähligen Völkern dort ist dies leider nicht auszuschließen. Doch diese Völker existieren außerhalb der Gemeinschaft. Wir planen, sie auch abzustoßen.«

Das waren ja glänzende Aussichten, fand Roi. Offenbar wollten sie bei ihrer Besiedlung den »Ballast« abwerfen.

»Wie … wie geht ihr denn sonst immer vor? Ich meine, wenn ihr andere Galaxien besiedelt.«

Cul’Arc wanderte mit eingezogenen Flügeln um die Statuen von Nistant und Ajinah.

»Keiner aus der lebenden Generation hat je einen Kulturaustausch zwischen Rideryon und Galaxien erlebt. Der letzte liegt einige hunderttausend Chroms zurück«, gestand der Riffaner.

»Oh! Aber es gibt doch sicher einen Knigge für solche Anlässe?«

»Wie?«

»Ein Regelbuch.«

»Hm. Ja, das gibt es. Die Vorgehensweise wurde von Kulturaustausch zu Kulturaustausch niedergeschrieben und wird von der Hohepriesterschaft verwaltet. Zigaldor hat Zugang. Es beginnt alles mit der Entsendung eines Spähers. Doch diesmal ist er umgebracht worden.«

Roi vermutete, dass es sich dabei um einen der drei getöteten Fremdlinge auf der Eiswelt handelte. Er sagte lieber nicht, dass er von diesem Vorfall wusste. Sie hatten die Eiswelt erreicht, als die Rideryonen schon tot waren. Das gerade gewonnene Vertrauen von Cul’Arc wollte er nicht gleich wieder verspielen.

»Und wie wollt ihr nun vorgehen? Meint ihr nicht, dass die Bewohner Siom Soms etwas verstört auf eure Absichten reagieren könnten?«

»Unser Begehr ist dennoch unabänderlich. Er ist der Wille von Nistant. Wir dürfen unseren Erschaffer niemals enttäuschen. Wir werden Siom Som besiedeln. Friedlich oder im Krieg!«

Das waren klare Worte, die das Ausmaß des Konflikts offenbarten. Jetzt war guter Rat teuer! Die Ankunft des Riffs drohte zu einer handfesten Katastrophe zu werden. Als ob die ganze Lage nicht schon verzwickt genug wäre.

»Hören Sie, wir müssten eine Lösung finden, mit der alle glücklich sind. Terraner, Quarteriale, Somer und Dorgonen.«

»Vergessen Sie nicht die Entropen. Wir haben Nachricht erhalten, dass sie sich bereits in die politischen und militärischen Verhältnisse eingemischt haben. Offenbar unterstützen sie Ihre Terraner und Somer und kämpfen gegen die Ordnungsmächte. Was soll ich davon halten?«

Danton fuchtelte mit den Armen umher, als hoffe er, mit dieser Geste das Fledermauswesen zu besänftigen.

»Ich sagte ja bereits, dass die Lage dort etwas kompliziert ist. Die Rolle der Entropen ist mir auch noch nicht ganz klar. Vielleicht sollten wir Niada mal genauer fragen?«

Danton wusste, dass die Hexe ziemlich stur war und sicherlich kein Wort über ihren Auftrag sagen würde. Von den Entropen wusste er nichts, als dass sie keine Freunde der Quarterialen und Riffaner waren. Wobei die Methoden der Entropen ebenso brutal waren wie die der Quarterialen, fand Rhodans Sohn.

»Niada, ihr Entrope Trechos und diese Maya ki Toushi stellen zweifellos Probleme dar«, gab Cul’Arc zu. »Ebenso bin ich noch nicht ganz von Eurer Neutralität überzeugt. Ich muss mir darüber erst im Klaren werden und habe dazu auch schon eine Idee …«

Die Entropen-Hexe

Der Wind wehte stark auf den Zinnen der Burg. Genau an diesen Ort, dem höchsten Turm der Festung von Thol7612, hatte Cul’Arc sie befohlen.

Landschaft auf Thol7612
Thol7612 © Stefan Wepil

Roi Danton war mit Kathy, Nataly, Sato Ambush und Roland Meyers erschienen. Sie fröstelten. Unweit von ihnen standen Niada, Maya ki Toushi und der Gigant Trechos. Selbst die »Giganten von Thol«, Riesenmenschen, waren einen Kopf kleiner als der Entrope, der an einen Haluter erinnerte. Die Tholgiganten waren plumpe Geschöpfe, haarlos mit zwei großen, dunklen Augen, lindgrüner Haut und einer platten Nase. Ihre Kleidung war zweckmäßig: Sie trugen einen Overall mit vielen Taschen und darum Gürtel mit allerlei Werkzeugen. Ihnen schien der starke Wind in dieser luftigen Höhe nichts auszumachen.

Ein Tholgigant starrte Trechos an. Der Tertiärentrope bemerkte die Blicke, erhob sich, wobei seine Kleidung knirschte und hielt dem Blick aus drei rotgelben Augen stand.

Die Entropen waren in Energiefelder gehüllt. Nach einer Weile beendete der Gigant von Thol das Duell der Blicke und trottete mit stampfenden Schritten davon. Er postierte sich einige Meter hinter den Gefangenen.

Vor ihnen thronte Cul’Arc. Neben ihm standen der Manjor Zigaldor und der Harekuul Tashree.

»Ihr Entropen steht uns feindlich gegenüber, obgleich sich unsere Pfade niemals gekreuzt haben. Warum?«, begann Cul’Arc.

Niada trat einen Schritt vor. Cul’Arc gab ein Handzeichen. Es öffnete sich eine kleine Strukturlücke in dem Energiefeld, durch die Niada schritt.

Sie wirkte stolz und unnahbar, strahlte ihre gewohnte Arroganz aus.

»Wir sind Diener, nein … glühende Mitstreiter von SI KITU. SI KITU ist die einzig wahre Entität im Universum. Sie verkörpert den richtigen Weg. Unsere Mutter hat uns den Weg gewiesen und uns unsere Feinde gezeigt. Ihr gehört dazu.«

Aus ihren Worten klang grenzenloser Hass. Danton zweifelte nicht an ihrem Fanatismus.

Cul’Arc zeigte keine Regung.

»Jede Form von Hass hat einen Grund. Welcher liegt hier vor? Wieso sind wir die Gegner SI KITUs?«

Niada lachte abfällig.

»Welch hinterlistiges Spiel Ihr mit mir treibt. Versucht Ihr mit vorgespieltem Unwissen die Terraner auf Eure Seite zu ziehen? Das ist lächerlich!«

Danton wurde das langsam zu bunt. Sowohl Rideryonen als auch Entropen redeten ständig um den heißen Brei. So gesehen war Cul’Arcs Frage schon richtig: Wieso wollten die Entropen die Riffaner vernichten? Bis jetzt hatte es keine klare Aussage gegeben!

»Offenbar wissen es die Terraner ebenso wenig wie wir. Meine Geduld neigt sich dem Ende zu. Entweder du redest, oder ich töte euch alle drei auf ausgesprochen schmerzvolle Art und Weise.«

Bluffte Cul’Arc? Danton glaubte nicht daran. Von einem Moment auf den anderen klang das sonst so freundliche Fledermauswesen ziemlich ernst und tödlich. Niada warf sich in Pose.

»Ah, du zeigst endlich deine wahre Fratze. Nur zu, töte mich. Doch damit wirst du nichts ändern.«

Cul’Arc schnellte hoch. Er sprang in die Höhe und flatterte bedrohlich über Niada hinweg. Beide waren unbewaffnet, doch Cul’Arc war von mächtiger Statur, während Niada nicht so aussah, als würde sie eine gute Kämpferin sein.

Cul’Arc landete direkt vor der Hexe und fauchte laut. Er packte sie am Hals und hob sie hoch.

»Deine Sturheit besiegelt dein Schicksal. Vielleicht sind deine Kumpane nach deinem Ableben kooperativer.«

Niada schrie. Ihre Stimme schien sich im Ultraschallbereich zu verlieren. Gleichzeitig hatte Danton den Eindruck einer starken parapsychologischen Schockwelle.

Und dann verwandelte sich die Hexe. Ihre Gestalt wuchs und wurde athletisch. Aus dem Kopf wuchsen zwei nach oben gekrümmte Hörner und mitten auf der Stirn wurde ein drittes Auge sichtbar. Die Haare wurden zu einer wilden, hüftlangen Mähne, die in allen Regenbogenfarben schimmerte. Auch die enganliegende Kombination verwandelte sich in eine Art lederartigen Harnisch, der nur das Notwendigste bedeckte. Besonders auffällig waren die vielen Reifen, die Arme und Beine umschlossen.

Sie drückte Cul’Arc von sich. Er war offenbar genauso überrascht wie Danton selbst. Auf einmal donnerte es über ihnen. Blitze schossen aus dem Himmel und ein rotes, an den Rändern sich zerfaserndes Loch öffnete sich in den Wolken. Es hatte vielleicht einen Durchmesser von zehn Metern. Ein kleines Raumschiff schoss hindurch und eröffnete sofort das Feuer auf die Riffaner. Dantons erste Sorge galt den beiden Frauen. Er packte sie und drückte sie auf den Boden.

Innerhalb weniger Sekunden war auf dem Turm ein Inferno entbrannt. Das Raumschiff landete und schleuste Entropen aus. Sie waren von derselben Rasse wie Trechos. Niada befreite den Hünen.

Die Entropen feuerten auf Cul’Arc. Sekundenlang stand das Fledermauswesen von Feuer umhüllt. Dann stürzte es mit brennenden Flügeln über die Zinnen in die Tiefe. Danton war sich sicher, dass Cul’Arc den Fall nicht überleben würde.

Tashree feuerte mit Explosivpfeilen und Bogen auf die Entropen. Roi hielt sich lieber zurück. Er schlug sich zu Roland Meyers durch.

»Vorschläge?«

»Keine, Sir. Wir sitzen hier ohne Raumschiff fest. Wir sollten einfach den Verlauf der Kampfhandlungen abwarten.«

Mehr konnten sie auch nicht tun. Die Entropen sicherten den gesamten Turm. Nach kurzer Zeit waren Tashree und Zigaldor als einzige übrig. Niada befahl, das Feuer einzustellen. Sie verwandelte sich in ihre menschliche Gestalt zurück, blieb einige Momente lang wippend stehen und schritt dann mit wiegenden Hüften auf Roi Danton zu.

»Machen Sie das öfters?«, fragte er verblüfft.

»Nur im Notfall oder …«, sie streichelte mit ihrem Finger über seine Brust, »wenn ich stark komme.«

Roi warf ihr einen verdutzten Blick zu.

»Das würde mit uns zwei nicht gut gehen«, wich er aus.

»Was geschieht mit Tashree und Zigaldor?«, mischte sich Kathy Scolar ein. Roi war dankbar für den Themenwechsel.

Niada betrachtete die beiden Riffaner mit unverhüllter Überheblichkeit. Ihr Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes ahnen. Roi durfte nicht zulassen, dass die beiden getötet wurden. Aber was konnte er tun? Die Entropen hörten nicht auf ihn.

»Wo ist die Position des Riffs?«, fragte Niada.

Zigaldor schwieg. Tashree trabte auf sie zu, bäumte sich auf und lachte.

»Du närrische Hexe. Es liegt direkt vor deiner Nase.«

Niada starrte ihn an. Dann blickte sie sich um. Sie wirkte verunsichert. Kathy tippte Roi an und deutete auf den Himmel. Es dämmerte bereits. Aus den Sternen schälte sich eine Art Nebel. Aus dem verblassenden Sternenteppich schälte sich ein Flimmern. Es verdichtete sich zu hellem Nebel, wurde dann ein weißer Schemen, der sich vor die Sterne schob und immer größer wurde.

Roi bemerkte, wie sein Mund offenstand, und klappte ihn schnell wieder zu. Die schiere Größe des Objekts überwältigte ihn. Immer wieder sprengten seine wachsenden Ausmaße die Überschlagsrechnungen, die er im Kopf anstelle. Wie groß war das denn? Und offenbar hielt Thol darauf zu.

Nun bemerkte es Niada auch.

»Bei SI KITU«, sprach sie. »Ich nehme Verbindung mit den anderen Hexen auf. Trechos, finde heraus, wo wir uns genau befinden! Sie sollen eine Flotte bereitstellen. Wir werden das Riff vernichten!«

»Vernichten?«, rief Kathy aufgeregt. »Da machen wir nicht mit. Das ist Massenmord, und solch eine Allianz mit den Entropen ist nichts für uns Terraner. Wir schließen keine Bündnisse mit Mördern!«

Roi war angenehm überrascht über Kathys Einwand, den er voll und ganz unterstützte. Niada war gegenteiliger Ansicht. Bissig gab sie zurück:

»Und das sagt eine psychopathische Tresenschlampe, die ihr hübscher Hintern nach oben gespült hat? An deiner Stelle würde ich mir ein paar Drogen einwerfen und kosmische Politik jenen überlassen, die etwas davon verstehen.«

Kathy sprang auf Niada zu und schlug die Hexe mit einem Ellenbogenstoß gegen die Halsgrube nieder. Niada schrie auf und war schnell wieder auf den Beinen. Sie schnellte auf Kathy zu und verwandelte sich dabei wieder in die muskelbepackte Halbfrau mit Hörnern. Kathy wich dem Angriff aus. Tashree hob ein Schwert vom Boden und warf es Kathy zu. Ungeschickt fing sie es auf und schlug damit nach Niada. Die Hexe wich behände aus.

»Seht doch«, rief Nataly dazwischen.

Plötzlich begann Niada, laut und gellend zu schreien. Ihr Kreischen wurde schriller und schriller. Sie umklammerte ihren Kopf und sackte in sich zusammen. Umgehend verwandelte sie sich zurück. In ihrer menschlichen Gestalt lag sie wimmernd auf dem Boden. Aber auch Maya krümmte sich vor Schmerzen. Roland Meyers war an ihrer Seite und kümmerte sich um sie.

»Ich halte das nicht mehr aus!«, brüllte Niada. »Geht aus meinem Kopf!«

Erneut blickte Roi nach oben. Das aufgetauchte Gebilde hing wie eine finstere Wolke am Himmel. Es war gigantisch, zumal sich Roi sicher war, dass Thol7612 noch ziemlich weit davon entfernt war.

Die Entropen blickten verunsichert ihre am Boden liegende Herrin an. Trechos stampfte zu ihr und tippte behutsam an ihren Arm. Niada weinte, hielt die Arme um ihren Kopf geschlungen und jammerte. Ihre Hände krallten sich in ihr Haar. Sie flehte einen Unsichtbaren an, aus ihrem Kopf zu gehen.

War die Hexe eine starke Empathin oder Telepathin? Wahrscheinlich stand sie mit anderen Entropen in Verbindung. Nur so erklärte sich Roi deren Erscheinen.

»Was machen wir jetzt, Trechos?«, fragte einer der Soldaten.

Der Riese wirkte ratlos. Dann wandte er sich an Tashree und Zigaldor, die unbeteiligt das Geschehen beobachtet hatten.

»Was ist das für eine Gemeinheit? Rede, sonst breche ich dich in zwei Hälften!«

»Es ist der Schutz unseres Gottes Nistant. Er bestraft ruchlose Eindringlinge. Seht es doch ein, Entropen! Ihr habt keine Chance gegen uns. Verlasst Thol und kommt nie wieder in die Nähe des Resif-Sideras«, sagte Zigaldor.

»Wir werden sehen«, gab Trechos trotzig zurück. »Bjegor, hast du die Bombe mitgebracht?«

»Ja, Herr. Sie befindet sich im Truppentransporter.«

Roi schwante Übles.

»Lokalisiert die stärkste Energiequelle und sprengt sie unverzüglich. Dann soll die Eingreiftruppe uns abholen.«

»Ihr habt einen Plan B?«, fragte Roi den Riesen.

Dieser lachte den Unsterblichen regelrecht aus.

»Ja, dummer Zwerg! Niada stand in telepathischen Kontakt mit einem Sonderkommando, welches Thol in gebührendem Abstand gefolgt ist. Wir sind unserem Ziel nahegekommen, haben das Riff gefunden und einige hochrangige Persönlichkeiten außer Gefecht gesetzt. Sobald die Abwehranlagen von Thol vernichtet sind, zerstören wir den Mond und gehen an Bord eines Entropenschiffes. Ihr könnt selbst entscheiden, ob ihr hier draufgeht oder mitkommt.«

Dieser Trechos war wirklich entzückend. Und wieder blieb ihnen wohl keine andere Wahl, als sich diesem unangenehmen Volk erneut anzuschließen. Roi machte sich Sorgen um Tashree und Zigaldor.

»Was wird aus den beiden? Sie wollen sie doch nicht töten?«

»Doch, natürlich. Genau das wollen wir. Was sonst?«

»Haben Sie schon einmal an einen diplomatischen Kontakt mit denen gedacht? Vielleicht könnten wir das auch alles friedlich regeln!«

»SI KITU lehrte uns, dass das nicht geht. Sie hat immer recht. Deshalb ist sie auch SI KITU und weiser als die Kosmokraten und Chaotarchen.«

»Für mich klingt das eher nach Kosmokratenmentalität«, sagte Roi zerknirscht. Er verfluchte diesen Idioten Trechos. Niada lag immer noch benommen am Boden. Entropen kümmerten sich um sie. Maya ki Toushi ging es inzwischen wieder besser. Sato Ambush und Roland Meyers stützten sie. Roi ging zu ihnen.

»Maya, ich muss Sie etwas fragen! Sind Sie auch so eine Entropin?«

»Und wenn?«, schrie sie. »Jedoch kann ich Sie beruhigen, ich habe mit denen bestimmt nichts zu tun. Obwohl mir einige ihrer Ideen gar nicht so abwegig erscheinen.«

Sie beruhigte sich ein wenig, strich sich die Haare aus der Stirn. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Meine komplette Kindheit und Jugend liegt im Dunkeln. Bewusste Erinnerungen habe ich erst ab meiner Zeit in New Amsterdam und da war ich etwa fünfzehn.«

Sie sah Roi mit einer Mischung aus Trotz und Angst an.

»Was haben Sie eben gefühlt?«, fragte der Terraner.

»Es … es war ein enormer mentaler Druck. Als ob Milliarden Stimmen auf einmal auf mich einreden würden. Sie stellten mir Fragen …«

»Was für Fragen?«, hakte Roi nach.

»Ob ich reinen Herzens sei. Ob ich die Kinder im Resif-Sidera töten wolle. Milliarden klagender Stimmen prasselten auf mich ein. Eine Stimme war besonders stark. Ein Er … Er drängte sich durch mein Inneres, zerpflückte es. Schließlich sagte er, ich sei rein. Dann ließ der Schmerz nach.«

Abwägend betrachtete Roi Niada: Sie lag immer noch verkrümmt am Boden.

»Nun, bei der war das Urteil offenbar nicht so positiv.«

Die Erde bebte. Ein lauter Knall folgte, dann schüttelte sich der Boden. Einige Kilometer entfernt tat sich die Erde unter einer großen Explosion auf.

»Das war wohl ihre Energiequelle. Nun sind sie wehrlos. Unsere Schiffe sollen uns abholen.«

Doch die Erde erzitterte weiter. Das Riff füllte inzwischen fast den ganzen Himmel aus. Es sah aus wie eine gigantische, unruhige Wolkendecke, aus der sich ein gigantischer Sturm herausschälte. Doch der Himmel von Thol war frei von Wolken. Auf jeden Fall wirkte das aufgetauchte Objekt ziemlich unheimlich auf ihn. Der Himmel wirkte, als wolle er ihnen auf den Kopf fallen.

Plötzlich fing der Turm an zu beben und zu wackeln. Starr vor Schreck sahen die Hexen und Soldaten zu. Zwei gigantische, behaarte Beine schlugen dicht neben Trechos und Niada an der Zinne ein. Zwei weitere Beine folgten, dann schob sich ein gigantisches Wesen den Turm herauf. Acht dieser riesigen Beine waren es insgesamt. Der durchsichtige Körper war leicht behaart. Einen Kopf hatte die Kreatur nicht, aber gigantische Stielaugen glotzten feindselig.

Kathy wich zurück. Tashree und Zigaldor nutzten die Verwirrung: Der Harekuul packte die entropische Wache und warf sie über die Zinne. Mit der erbeuteten Waffe schoss er drei weitere Entropen nieder. Dann verschanzten sich die beiden Riffaner hinter einigen Containern.

Das Monster stapfte um sich und zerdrückte dabei einige Entropen. Trechos und seine Artgenossen feuerten auf das Untier. Durchsichtiges Blut – oder eine vergleichbare Flüssigkeit – spritzte durch die Gegend. Die Kreatur gab schrille Laute von sich.

»Wir verschwinden. Vielleicht steht die VIPER noch bereit«, entschied Roi. Er half Maya ki Toushi hoch.

»Gute Idee, Sir«, stimmte Meyers zu.

Kathy und Nataly rannten schon. Roi folgte ihnen, doch von rechts stürmte ein Entrope auf ihn zu. Roi wich seinen Fausthieben aus. Er entdeckte einen Säbel am Boden, der einer riffanischen Wache gehört hatte. Roi fuchtelte mit der Waffe umher. Der Entrope blieb stehen, zog seinen Strahler und richtete ihn mit einem erwartungsvollen Lächeln auf Roi.

»Oh!«

Kathy warf sich mit ihrem Schwert auf den Entropen und rammte ihm die Klinge in die Brust. Ein Schuss löste sich, doch er ging ins Leere. Der Entrope brach tot zusammen. Die anderen waren mit dem Kampf gegen die Kreatur beschäftigt.

»Weiter«, forderte Roi.

Sie liefen die Treppe hinunter und trafen auf Riffaner. Um nicht mit ihnen zusammenzustoßen, wich die Gruppe in einen Nebenraum aus. Die Riffaner rannten weiter zur Spitze des Turmes. Offenbar wollten sie zu den Entropen. Als die Luft rein war, setzten die Galaktiker ihren Weg fort.

Nach endlosen Stufen gelangten sie zu einer großen Halle, die voller riesenhafter Gestalten war: den Giganten von Thol. Auf leisen Sohlen näherten sie sich dem Eingang.

»Na super. Was machen wir jetzt?«, wollte Kathy wissen.

»Wir schleichen uns vorbei«, meinte Roi.

Plötzlich schrillte der Alarm los. Kathy warf Roi einen vorwurfsvollen Blick zu. Doch die Sirene galt nicht ihnen. Die Giganten verließen hektisch den Saal, ohne sie zu bemerken.

»Jetzt oder nie!«

Sie rannten Richtung Ausgang, als ihnen ein verletztes Fledermauswesen in den Weg hinkte.

Roi blieb erschrocken stehen. Cul’Arc packte ihn am Hals und hob ihn hoch. Roland Meyers griff den Lederhäutigen an, doch der sprang in die Höhe, flog mit Roi durch die halbe Halle und setzte wieder auf.

»Aufhören! Bitte!«, rief Kathy und eilte zum Rideryonen. Cul’Arc ließ Roi los, der ein paar Schritte taumelte und erst einmal nach Luft schnappte.

»Wir haben nichts mit Niadas Angriff zu tun. Fragt Tashree und Zigaldor! Sie kämpfen dort oben um ihr Überleben.«

Cul’Arc musterte Kathy. Offenbar hatte er Vertrauen zu der Terranerin gefasst.

»Ich werde sie retten. Flieht, denn die Entropen haben den Tholmond so schwer beschädigt, dass diese Welt bald untergeht. Euer Schiff steht in Hangar 300B.«

Kathy umarmte Cul’Arc.

»Danke!«

Der Riffaner starrte sie an. Dann knurrte er:

»Wir werden uns wiedersehen. Schon sehr bald.«

Roi empfand die Worte als Drohung. Dennoch – er ließ sie ziehen. Eine edle Geste? Sie erreichten schnell und ohne Zwischenfälle den Hangar. Die VIPER stand unbewacht herum.

Nach wenigen Minuten war das keilförmige Beiboot startklar und ging in einen Orbit um Thol.

»Geschafft«, jubelte Nataly.

»Ich fürchte nicht«, meinte Roi und blickte in die gewaltige Nebelwand, die direkt vor ihnen lag. Sie hatte inzwischen den ganzen Tholmond eingehüllt.

»Die Kontrollen spielen verrückt. Ich kann mich nicht orientieren«, brüllte Meyers.

Roi musterte den undurchdringlichen, seltsam leuchtenden Nebel. Waren sie jetzt im Riff?

*

Die VIPER rauschte in den ominösen Nebel. Meyers hatte die Kontrolle über das Raumschiff verloren. Wie ein Geisternebel umschloss der leuchtende Dunst das Schiff.

Ortung und Navigation waren ausgefallen. Die Gruppe hatte keine andere Wahl, als machtlos dem Nebel zuzusehen, der auf den Bordbildschirmen den Kosmos verhüllte. Jede Minute schien eine Ewigkeit zu dauern. Der Nebel lichtete sich nicht. Roi Danton blickte in die resignierten Gesichter der Männer und Frauen.

Wie groß war der Nebel? Irgendwann endete er. Nur wo? Er schien endlos. Roi lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er hörte fremdes Geflüster in seinem Kopf. Doch er verstand die Worte nicht.

Dann plötzlich stieß die VIPER durch die Grenze des Nebels in den freien Weltraum.

»Die Kontrollen funktionieren wieder«, meldete Meyers. »Ich orte in einer Distanz von etwa fünf Milliarden Kilometern sehr viele Objekte.«

Er stutzte.

»Aber es sind keine Raumschiffe. Planetoiden, würde ich sagen. Sie umgeben eine sehr große Landmasse.«

»Halten Sie Kurs dorthin. Aber in gebührendem Abstand. Machen Sie drei Milliarden Kilometer gut.«

Die VIPER nahm in Unterlichtgeschwindigkeit Fahrt auf. Die Außenkameras erfassten das System, wenn man es so nennen konnte. Den ersten Erkenntnissen nach, schien dieser ominöse Nebel einen Raum mit einem Radius von etwa fünf Milliarden Kilometern zu umschließen. Im Zentrum schien sich eine gigantische Masse zu befinden, die von kleineren Satelliten umkreist wurde.

Als sie sich der Position näherten, schrie Kathy Scolar überrascht auf. Dann erst sah es auch Roi: Vor ihnen lag ein gigantisches Gebilde, so riesig, dass es nun auch schon ohne Vergrößerung zu erkennen war. Es war kein Planet, eher so etwas wie eine Insel im Ozean der Sterne. Sie wirkte bedrohlich wie ein scharf sich auftürmendes Klippenriff aus dem Meer.

Diese Landmasse ruhte inmitten eines weiteren Nebels und war von gigantischer Größe. Um die Erdmasse herum schwebten große Klippen, kleinere Inseln und Monde. Es sah in der Tat aus wie ein Riff. Nun war sich Danton sicher, dass sie das ominöse Rideryon gefunden hatten.

»Abmessungen!«

Meyers reagierte nicht. Roi wiederholte seinen Befehl. Erst jetzt gab Meyers einen Laut von sich. Auch er musste völlig im Bann des Objekts gefangen sein.

»Es ist … unfassbar …«

»Na los, Mann! Wie groß?«

»Die Landmasse selbst ist etwa 40 Millionen Kilometer lang, etwa 20,1 Millionen Kilometer hoch und 10,4 Millionen Kilometer breit. Und … sie hat eine Atmosphäre und eine Biosphäre. Es wimmelt dort von Leben. Der gesamte in Nebel gehüllte Raum hat einen Durchmesser von knapp einem Lichtjahr. Ich orte tausende kleine Monde und zwei Sonnen, die um das Riff kreisen.«

Roi starrte fassungslos auf die Kontrollen. Meyers hatte recht: Welche Laune der Natur hatte so etwas erschaffen? Das Objekt hatte sicherlich einen künstlichen Ursprung, doch welchen? Wer hatte das erschaffen? Cul’Arc hatte von ihrem Gott Nistant gesprochen. Wahrlich, nur ein Gott war dazu in der Lage!

Roi versuchte, sich die Größe begreiflich zu machen. 40 Millionen Kilometer Länge! Würde man einmal um die Erde spazieren, so würde man über 40.000 Kilometer zurücklegen. Der größte Planet des Solsystems, der Jupiter, hatte einen Umfang von etwa 450.000 Kilometern. Danton müsste eintausend Mal die Erde am Äquator entlang wandern, um vom Anfang bis zum Ende des Riffs zu gelangen. Doch das Rideryon war nicht rund. Danton vermochte auf die Schnelle nicht, die genaue Quadratkilometerzahl auszurechnen. Es war gigantisch. Rideryon bot unermesslich viel mehr Lebensraum als Terra.

Danton fiel auf Anhieb der Planet Herkules ein, welcher aus dem Suprahet entstanden war. Dieser hatte einen Durchmesser von 2,2 Millionen Kilometer besessen. Doch selbst diese längst untergegangene Welt kam nicht an die Größe des Rideryon heran.

Würde man die Erde in ihrer Normalform aneinanderreihen, so würde sie 3172-mal in das Riff passen, bis das Ende erreicht war. Dazu könnten 1574 Terras die Breite und 816 Terras die Höhe des Rideryons ausfüllen. Ließ man die Unförmigkeit der Weltrauminsel außer Acht, so konnte man also grob schätzen, dass die Erde knapp 5600-mal in das Riff hineinpasste.

Das Rideryon besaß also die Kapazität von 5600 bewohnten Planeten. Das war deutlich mehr, als die gesamte Liga Freier Terraner zusammenbrachte.

Zu Fuß würde er sicherlich niemals das Riff durchqueren, überlegte er sich. Wie viele Völker wohnten dort? Jetzt verstand Roi erst die Aussagen von Cul’Arc! Billiarden Lebewesen wollten sie in Siom Som ansiedeln. Sicherlich war das nur ein Bruchteil des Lebens, das sich auf dem Riff tummelte.

»Diese Welten ähneln dem Tholmond frappierend«, stellte Sato Ambush fest.

Der Pararealist hatte in den letzten Tagen zumeist geschwiegen. Vielleicht kam jetzt seine Stunde? Er war ein begnadeter Wissenschaftler und half ihnen vielleicht, dieses Riff besser zu verstehen.

»Es sind insgesamt 7998 solcher Monde. Sie haben in der Tat die exakte Abmessung von Thol7612«, erklärte Meyers.

Die Monde kreisten um das Rideryon. Es gab welche, die nicht weiter entfernt waren als der Erdmond Luna von Terra. Die Monde bewegten sich zum Teil in Clustern, andere zogen einsam ihre Bahnen. Der Großteil der Trabanten umkreiste das Rideryon in einer einhundert Million Kilometer umfassenden Zone. Die Ortung bestätigte aber, dass es auch wenige Monde weitab von dem Zentrum gab. Diese bewegten sich entlang des Nebelwalls.

Zwei Sonnen von sehr geringer Größe zogen in einem Abstand von zwanzig Millionen Kilometern eine achtförmige Bahn über die »Oberseite« des Riffs. Es gab Tag und Nacht, was deutlich zu erkennen war.

Die von den Sonnen beschienende Seite war von feinen, blauen und türkisfarbigen Ozeanen und Flüssen durchzogen, von üppigen Wäldern, endlosen Sand- und Schneewüsten. Vulkane und Lavaozeane, Kristallberge und eine schier unendliche, vielfältige Natur wechselten sich ab.

Die Unterseite hingegen lag in einer nebeligen Dunkelheit. Es wirkte wie die Schattenseite, das finstere Spiegelbild der so lebendigen Sonnenseite des Riffs.

Danton dachte an den alten, unwissenden Aberglauben der Menschen, als sie zu primitiveren Zeiten noch glaubten, das Universum drehe sich um die flache Erde. Nun, hier war es tatsächlich der Fall.

Das Rideryon war nicht rund und Sonnen und Monde umkreisten es. Das Riff lag im Zentrum eines Systems, welches von einer Nebelbarriere umhüllt wurde.

»Gigantisch. Mir fehlen die Worte«, sagte Nataly sichtlich beeindruckt. Den anderen erging es sicherlich auch so. Roi hatte schon viel erlebt, doch das Riff gehörte sicherlich zu den eindrucksvollsten Erscheinungen im Universum.

Zu welchem Zweck war es erschaffen worden? Wer war Nistant gewesen? Ein einfacher Mensch hätte so etwas nicht bewerkstelligen können. Wie wurde es vor allem erschaffen? Wurde es überhaupt erschaffen oder war es den normalen Weg eines Planeten gegangen? Gab es noch mehr davon?

Danton glaubte, dass das Rideryon künstlich erschaffen wurde. Es musste so sein, denn zu viel sprach gegen die gängigen Regeln der Physik. Die Atmosphäre, die Gravitation, eine Wetterkontrolle – all das musste durchdacht worden sein.

Fragen über Fragen schwirrten durch Rois Kopf. Aber er durfte auch nicht die Gefahr dieses Riffs unterschätzen. Sicherlich war es auch kampfkräftig und offenbar waren die Riffaner zu allem bereit, um Siom Som zu besiedeln.

Sekündlich prasselten neue Informationen über das Gebilde herein. Es gab Städte auf dem Rideryon, welche – im Verhältnis zur Weltrauminsel selbst – schier klein waren. Ambush zeigte ihnen allerlei kuriose Gebilde auf. Kristalllandschaften, gigantische Berglandschaften, Pilzwälder, Täler, die in einen grünen, für Menschen giftigen Vorhang aus Gas gehüllt waren.

»Was tun wir jetzt?«, fragte Kathy.

Roi sah sie verwundert an. Er hatte gar nicht daran gedacht, nun etwas zu unternehmen. Viel zu groß war das Erstaunen über das Riff. Doch die Terranerin hatte recht. Sie mussten etwas tun.

»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir wahrscheinlich nicht den Nebel passieren können? Oder besteht die Möglichkeit, dass wir uns womöglich oder möglich unmöglich durch den Nebel navigieren können?«

Meyers blickte Danton verständnislos an. Dieser bemerkte das und verdrehte genervt die Augen.

»Können wir einen Sprung in den Hyperraum wagen? Oder ist das mögliche Wagnis unser mögliches Ende?«

»Nun, Sir … wir könnten das Unmögliche vielleicht möglich machen.«

»Ah! Und wie?«

»Keine Ahnung.«

Danton sah Hilfe suchend zu Sato Ambush herüber. Der Japaner fühlte sich sofort angesprochen.

»Wir können den Eintritt in den Hyperraum hier wagen, jedoch könnte uns der Nebel zurückwerfen. Oder schlimmer: Da der Metagrav ausgefallen ist, halte ich …«

»Sicher?«, unterbrach ihn Danton.

»Möglich.«

»Du faselst wirres Zeug. Dann erforschen wir erst einmal lieber die Gegend. Vorschläge, wo wir unsere Sightseeingtour beginnen?«

Schweigen.

»Gut! Meyers, fliegen sie quer durch das Riffsystem, sodass wir uns nie allzu lange irgendwo aufhalten. Derweil macht Sato seine Untersuchungen.«

»Aye, Sir! Und Sie?«

»Ich brauche erst einmal einen Cognac!«

Die Bukaniere des Riffs

Dieses elende Pack schafft nicht einmal das Notwendigste!

Kapitän Fyntross blickte verächtlich auf das räudige Pack der selbst ernannten Arawakpiraten herab. Er bevorzugte den Begriff Bukaniere des Resif-Sidera. Arawak war ein feines Gas, welches im Orbit der Tholmonde existierte. Die früheren Piraten hatten sich diesen Namen verdient, weil sie vornehmlich Arawaksammler überfallen hatten. Doch das klang so ordinär. Sie waren keine gewöhnlichen Diebe. Sie waren Freibeuter des Weltraums.

Er musterte den tausendgliedrigen Vessyl, der zwar eifrig, aber mit wenig Sorgfalt die Brücke putzte. Der kopflose Dychoo Maritor trieb den Vessyl mental an – doch Maritors Hirnfolter war auch schon einmal besser gewesen.

Die ganze Crew war in einem desolaten Zustand. Und wieso? Weil sie lange kein Raumschiff mehr gekapert hatten! Die letzten Wochen auf Thol2777 waren zu exzessiv gewesen. Sie waren schlaff und faul geworden, die Mannschaft benötigte wieder einen Kampf. Und Fyntross wollte seinen Beutel mit Geld füllen.

»Herr Boslund, suchen Sie das Gebiet nach Schiffen ab. Es dürstet mich nach Blut und Geld.«

Der schleimige Persy gluckerte etwas vor sich hin. Ein lautes Poltern ließ Fyntross umdrehen.

»Ah, sehr gut!«

Sein erster Offizier Krash peitschte einen Gannel aus. Der Manjor Krash war einer der wenigen, auf die sich Fyntross immer verlassen konnte, doch dieses Verhalten war außergewöhnlich.

»Welchem Vergehen hat er sich schuldig gemacht?«, fragte Fyntross.

»Herr Kapitän, er hat während der Dienstzeit in die Ecke der Waffenleitzentrale gestrullert.«

»Oh«, machte Fyntross abfällig und musterte den verängstigten Gannel. »Wir sind zwar Piraten und der Mangel an Etikette an Bord der DUNKELSTERN passt zu uns, doch ich erlaube es nicht, dass jemand meine Kommandobrücke beschmutzt!«

»Aber … aber … das macht doch jeder mal.«

»Was?«, brauste Fyntross auf.

»Wie?«, schrie der Gannel angstvoll auf.

»Wer?«

»Was?«

Krash schlug auf den Gannel ein.

»Antworte endlich. Wer pinkelt auf die Brücke?«

»Na, fast jeder, der hier Dienst tut. Wenn man muss, dann muss man. Das macht Herr Boslund genauso wie Putzmeister Tütüül.«

Der Persy und der Vessyl schrien entsetzt auf und starrten Fyntross an. Der wanderte um den Gannel herum.

»Na gut, ab sofort ist das Urinieren in Ecken des Raumschiffes verboten. Und als Exempel …« Fyntross zog seine Pistole und schoss ein Loch in den Kopf des Gannel. »Verspürt sonst noch jemand den Drang, meine Kommandobrücke als Pissoir zu missbrauchen?«

Alle Männer gingen sofort wieder an ihre Arbeit.

»Tütüül?«

Der Vessyl quietschte und krabbelte zu seinem Kapitän. Fyntross deutete auf den toten Gannel.

»Sauber machen!«

Während der Vessyl hastig die Blut- und Fleischreste vom Boden schrubbte, ließ sich Kapitän Fyntross auf seinen Kommandostuhl nieder. Erster Offizier Krash und sein zweiter Offizier Maritor standen neben ihm.

»Wie soll das noch weitergehen, bei so einem moralischen Verfall? Wir sind Piraten! Ehrenvoll morden wir Männer, Frauen und Kinder und plündern ihr Hab und Gut. Aber man macht doch nicht einfach in die Ecke der Brücke …«

»Ja, Kapitän, wo soll das noch enden? Das war kein ehrbarer Pirat. Beim letzten Entern wollte er nicht mal die Verwundeten töten. Um den ist es nicht schade.«

Aye, bestätigte Maritor mental.

»Kapitän, Kapitän, Kapitän!«, rief der Persy Boslund aufgeregt. Er waberte dabei mit seinem fetten Körper umher. Mit wild fuchtelnden Tentakeln deutete er auf den Ortungsmonitor. Fyntross erhob sich und beobachtete die Anzeige. Ein fremdes Raumschiff war knapp drei Millionen Kilometer von ihnen entfernt aufgetaucht.

»So weit vom nächsten Tholmond entfernt. Sehr seltsam.«

»Vielleicht ein Raumschiff des Commerz-Clans? Die wählen öfters Routen entlang des Nebels aus, um Piraten zu entgehen«, meinte Krash.

»Abfangkurs, Krash! Wir werden uns das Raumschiff mal genauer ansehen. Meine Herren, wetzt die Messer, ladet die Kanonen. Mord und Raub stehen heute auf dem Programm!«

*

Roi Danton grübelte immer noch. Als er sich ein weiteres Glas Cognac einschenken wollte, bemerkte er, dass die Flasche schon leer war. Er stellte sie ab, kippelte sie hin und her. Wieso hatte niemand jemals zuvor über dieses Riff berichtet? Es war ja nun nicht klein und bestimmt mal irgendwo aufgefallen. Das Universum war so gigantisch, dass die Menschheit trotz ihrer drei Jahrtausende auf der kosmischen Bühne noch so viel zu erforschen hatte.

Das Riff war eine Art fliegendes Sonnensystem mit einem Kern aus fester Materie. Dieser war so groß wie die geringste Entfernung zwischen Terra und der Venus. Die Riffaner hatten die Landmasse als Rideryon bezeichnet und mit dem Begriff Resif-Sidera wohl das System gemeint.

Wie viele Kulturen auf dem Riff wohl lebten? Es mussten unzählige sein.

Je mehr sich Roi über die Ausmaße der Welteninsel im Klaren wurde, desto deutlicher wurde ihm, dass tatsächlich eine Gefahr für Siom Som bestand. Allein die Besiedlungspläne von Cul’Arc würden für viel Chaos sorgen. Aber war das so verkehrt? Chaos würde doch auch dem Regime der Dorgonen und Quarterialen schaden. Insofern war das gar nicht so schlecht.

Doch genau darin lag das nächste Problem. Weder die einheimische Bevölkerung der estartischen Föderation noch deren Besatzer würden die Besiedlung zulassen. Was folgte, war bestimmt Krieg. Und zu guter Letzt mischten die Entropen noch mit, die das Riff am liebsten zerstören wollten. Aber auch das Quarterium. Die ganze Situation war ziemlich verworren.

Kathy und Nataly setzten sich zu Roi. Nataly schüttelte die Flasche Cognac.

»Du hast einen guten Zug am Leib, fast so gut wie Jonathan. Ich mag keine besoffenen Menschen!«

»Ich weiß nicht einmal, ob Aurec viel trinkt. Wir haben ja fast nie Zeit miteinander verbracht. Höchstens mal ein paar Wochen am Stück, sehen wir mal von unserer Zeit auf Barym ab. Er trank so ein saggittonisches Bier immer gern …«

Roi verzog unfreiwillig das Gesicht. Er wollte nicht Zeuge eines melancholischen Frauengesprächs über ihre Männer werden.

Kathy kramte aus ihrer Tasche eine zweite Flasche Cognac hervor. Roi bemerkte dies mit Freude.

»Die haben eine ganze Kiste davon an Bord. Meyers Crew säuft wohl gern«, meinte Kathy.

»So viel zu Alkohol am Steuer«, spottete Nataly.

Roi nahm die Flasche und goss sich schnell das Glas voll.

»Meyers, Ambush und ki Toushi sind demnach die Einzigen, die jetzt arbeiten?«, stellte er fest und nahm einen kräftigen Schluck.

»Was sollen wir auch tun? Nataly und ich sind nicht gerade astronomisch ausgebildet. Wir können nicht viel machen, außer zu warten.«

Das hatte Roi befürchtet. Kathy war in so einer seltsamen Stimmung. Und natürlich fing sie wieder an, über Aurec zu reden. Was Danton erstaunte, war die Tatsache, dass Nataly gar nicht von Jonathan zu erzählen anfing. Sie tat, als würde sie das Thema gar nicht interessieren. Resignierte Nataly bereits? Oder war ihr Verlobter ihr wirklich egal geworden?

»Meine Damen, wenn ich irgendwas tun kann, damit es euch besser geht und der Kummer für eine Weile verfliegt, stehe ich gern zur Verfügung. Vielleicht hilft ein zerstreuendes Stelldichein zu dritt?«

Roi grinste die beiden an und erntet einen bösen Blick von Kathy.

»War nur so eine Idee«, meinte er und stand auf. Es war jetzt wohl geschickter, rechtzeitig zu gehen.

»Wieso nicht? Ist bestimmt eine Abwechslung«, meinte Nataly und grinste Danton an. Jetzt war der an der Reihe, ziemlich verwundert dreinzuschauen. War das ein Scherz von Nataly? Sie verhielt sich derartig seltsam, dass er sie nicht mehr einschätzen konnte.

Mit dumpfer Vibration summte das Interkom. Kathy ging ran.

»Hier ist Meyers, kommt mal alle in die Zentrale. Wir haben Kontakt zu einem fremden Raumschiff.«

*

Kapitän Fyntross musterte die Ergebnisse der Ortung. Das fremde Schiff war mit achthundert Metern Länge größer als die DUNKELSTERN. Es war keilförmig und an der dicksten Stelle dreihundert Meter breit.

»Was für ein Raumschiff! Können wir es knacken?«, fragte Krash.

»Mit einem Trick vielleicht.«

Fyntross packte den Manjor am Kragen.

»Bereite die Crew zum Entern vor. Aber sie sollen die Besatzung schonen. Das Raumschiff ist mir gänzlich unbekannt. Das macht mich neugierig.«

»Aye, Sir!«, rief Krash und fletschte die Zähne.

*

Auf der VIPER eilten Danton, Scolar und Andrews so schnell sie konnten in die Kommandozentrale und wurden von Meyers, Maya und Ambush erwartet.

»Die BASIS ist mit meinem Vater angekommen und holt uns ab?«

»Nicht ganz, Sir. Sehen Sie selbst.«

Roi musterte das Hologrammbild des fremden Raumschiffes. Links neben dem Bild wurden die technischen Daten aufgezeigt. Es war vierhundertneunundachtzig Meter lang. An der breitesten Stelle maß es einhundertzwanzig Meter und war über alles sechzig Meter hoch. Die Form war eigenwillig und eher kunstvoll als nützlich. Zumindest wirkte es einfallsreicher als ein Kugelraumer oder ein Keilraumschiff wie die VIPER.

Der Rumpf glich einem Torpedo. An der Vorderseite hafteten seitlich zwei halbe Scheiben. Dahinter befand sich ein ringförmiger Wulst mit den Triebwerken und offenbar auch der Bewaffnung. Das Heck war stilgemäß mit gebogenen, klauenähnlichen Metallstreben um die Heckflosse verziert. Die Außenhülle wirkte dreckig und schäbig. Danton erkannte Einschusslöcher und nicht gerade sauber verarbeitete Ausbesserungen.

»Technik?«

Meyer schüttelte den Kopf.

»Die Abtaster sind zu sehr beeinträchtigt, um genaue Infos zu liefern. Die Analysedatenbanken zur Extrapolation sind hinüber. Wir müssten die Daten manuell auswerten, was seine Zeit dauern wird.«

»Ah. Nicht gut. Funktioniert die Kommunikation noch?«

»Ja, die ist in Ordnung«, meldete Maya ki Toushi.

Roi wandte sich an den glatzköpfigen Japaner.

»Was würdest du jetzt tun?«

»Mit gebotener Vorsicht Kontakt aufnehmen. Vielleicht sind sie friedfertig, aber du weißt aus Erfahrung, dass der erste Kontakt zumeist von Missverständnissen geprägt wird.«

Viel half ihm dieser Rat auch nicht weiter. Doch er bestätigte ihn in seinem Vorhaben. Michael Rhodan musste Kontakt mit dem fremden Raumschiff aufnehmen. Hoffentlich waren sie wirklich friedlich, denn die VIPER war technisch gesehen nicht in bestem Zustand. Durch den Flug durch den Nebel war ein Großteil der Aggregate ausgefallen. Eigentlich verdankten sie es nur der Tatsache, dass viele wichtige Funktionseinheiten redundant konstruiert wurden, dass ihr Schiff noch einigermaßen manövrierfähig geblieben war. Jedoch war die Schadensbilanz schlimm genug: kein Metagrav, keine Schutzschirme, nur bedingt funktionsfähige Waffen- und Ortungssysteme.

»Auf allen Funkkanälen folgende Nachricht senden: Bonjour, ich grüße die Rideryonen, wir sind Touristen aus jener Galaxie, die euch dünkt, sie zu besuchen.«

Meyers sah Roi seltsam an.

»Na ja, die sollen ja nicht denken, dass sie mit gewöhnlichen Leuten sprechen, oder?«

Es dauerte fünf Minuten bis zur Antwort. Das fremde Raumschiff war inzwischen bis auf siebentausend Kilometer an die VIPER herangekommen.

»Wir erhalten ein primitives audiovisuelles Signal. Ich muss es auf einen Monitor schalten, da es kein Hologramformat unterstützt«, sagte Maya ki Toushi.

Auf dem großen Bildschirm erschien ein seltsames Wesen. Es war auf jeden Fall fischartig. Zwei Stielaugen saßen auf dem braunen Kopf, welcher deckelförmig gewachsen war. Das Auffälligste war jedoch der volle, rote Mund.

»Er erinnert an einen Ogcocephalus Parvus«, sagte Sato Ambush.

»Ahja, war mir auch sofort aufgefallen«, erwiderte Danton sarkastisch. »Was ist das?«

»Ein Seefledermausfisch. Eine seltene Gattung, die im Nordatlantik beheimatet ist. Ähnliche Spezies wurden aber auch auf anderen Welten entdeckt«, erklärte der Japaner.

Roi Danton betrachtete mit etwas Unbehagen das fremde Wesen. Immer wieder starrte er auf den roten Mund und fragte sich, ob er Lippenstift trug. Der restliche Körper schien humanoid zu sein. Der Fischkopf trug eine braunschwarze Kombination und einen Hut auf dem Kopf. Die Bedeckung erinnerte an einen Dreispitz. Immerhin eine sympathische Eigenschaft des Wesens, fand Danton.

»Ich begrüße euch, Touristen. Ihr scheint gut vorbereitet, denn ihr sprecht unsere Sprache.«

»Wir hatten schon Kontakt mit einigen eurer Völker. Die waren so freundlich, uns eure Sprache beizubringen. Mit wem habe ich denn das Vergnügen?«

»Ich bin Kapitän Fyntross! Ich bin … nun ja, eine Art Reiseleiter. Mein Raumschiff, die DUNKELSTERN, kreuzt quer durch das Resif-Sidera.«

»Ah! Nun, ich bin Roi Danton, Urlauber aus Terra. Wir … wir wollen uns das Riff … Resif-Sidera mal anschauen, wenn es denn schon durch unsere Galaxis kreuzt.«

»Soso.« Fyntross machte ein seltsames Geräusch, das wie ein »Blubb« klang. Sein roter Schmollmund wurde dabei noch größer.

»Euer Begehr ist also die Führung. Ich darf euch darauf hinweisen, dass die Rideryon-Ordnung das eigentlich nicht vorsieht. Es gleicht schon einem Wunder, dass ihr unbeschadet durch die Nebelbarriere gelangt seid. Dass euch noch keine Termetoren jagen, wundert mich.«

Roi blickte die anderen kurz an.

»Wir sind ja nicht unbeschadet durchgekommen. Fast die gesamte Technik ist ausgefallen«, erklärte Nataly Andrews.

Roi sah sie finster an, während Meyers nur den Kopf schüttelte und ki Toushi »verblödete Dummschwätzerin« vor sich hinmurmelte.

»Das hätte ich jetzt nicht sagen sollen, oder?«

»Nein«, hauchte Danton.

»Oh, ich danke für diese ergiebige Information. Stellt euch unter unserer Obhut, dann geschieht euch nichts. Wir kommen an Bord und dann erzählt ihr mir eure Geschichte.«

Wieder machte der Fischkopf »Blubb«.

Roi Danton war nun in einem Dilemma. Sie hatten nicht viele Möglichkeiten, sich zu verteidigen. Doch vielleicht reichte die Bewaffnung aus, um das offensichtlich primitivere Raumschiff in Schach zu halten.

»Kapitän, ich halte das für keine gute Idee. Dankend lehnen wir ab. Aber vielleicht habt ihr ja einen guten Tipp, wo wir uns mal umschauen können?«

Der Riffaner blubberte nun noch mehr vor sich hin. Die Stielaugen fuhren weit aus dem Deckelkopf und der rote Mund ging auf und zu. Dann drehte sich die Kreatur um. Nach kurzer Zeit wandte er sich wieder der Besatzung der VIPER zu.

»Natürlich. Ich verstehe euer Misstrauen. Die Welt Thol2777 ist ein beschauliches Plätzchen für Fremde. Dort kann man gut einen heben.« Fyntross gluckerte schrill. Offenbar lachte er.

»Danke sehr. Wie sind die Koordinaten?«

»Folgt uns einfach.«

Die Stielaugen verengten sich unheimlich. Danton zweifelte an der Aufrichtigkeit dieses Wesens. In diesem Moment donnerte etwas gegen die VIPER. Danton fiel zu Boden.

»Wir wurden getroffen!«, rief Meyers.

»Von was?«

»Das fremde Schiff feuert auf uns.« Wieder ein Treffer. Meyers verlor das Gleichgewicht, konnte sich aber gerade noch am Pult festhalten. »Offenbar nur Gravitationsimpulse, aber ohne Schutzschirm können sie uns damit besiegen.«

»Wir feuern zurück!«

Maya ki Toushi stürmte an die Kontrollen des Waffenleitsystems, während Meyers die VIPER nach Backbord abdrehte. Die DUNKELSTERN nahm die Verfolgung auf. Normalerweise hätte sie keine Chance gegen die hochmoderne VIPER gehabt, doch in diesem Fall sah es ganz anders aus. Drei schwere Treffer innerhalb weniger Sekunden warfen die VIPER aus ihrer Bahn.

»Unser Antrieb ist beschädigt«, meldete Meyers.

»Noch mehr?«, fragte Danton. »Verdammt! Holen Sie alles aus der Mühle raus.«

»Traktorstrahl!«, brüllte Maya ki Toushi.

Die DUNKELSTERN hatte die VIPER fest im Griff und kam immer näher. Zwei Beiboote der DUNKELSTERN dockten an der VIPER an. Danton war klar, dass das Schiff geentert wurde.

»Die Kampfroboter aktivieren«, rief Danton.

Meyers schaltete mit einem Knopfdruck die mechanische Wachbesatzung ein. Einhundert TARA V-Roboter schwebten aus ihren Ruhekammern. Doch dann purzelten einige von ihnen zu Boden. Andere begannen, ohne Grund zu schießen, oder knallten ihre Roboterkollegen ab.

»Die haben wohl auch einen Schaden davongetragen«, seufzte Danton.

Die Crew der DUNKELSTERN erreichte die TARA V-Roboter. Einige der Maschinen reagierten auf die Angreifer und erwiderten das Feuer. Danton zog Säbel und Nadelstrahler und griff in den Kampf ein. Auch Roland Meyers und Maya ki Toushi verteidigten die Kommandozentrale. Nataly und Kathy setzten sich an die Kontrollen.

»Wie steuert man so ein Schiff?«, wollte Kathy wissen.

»Keine Ahnung, aber wir sollten mal versuchen, ein paar Haken zu schlagen.«

Kathy Scolar stellte auf manuelle Bedienung um. Sie sah sich auf den Kontrollen um. Als sie auf dem Display »Raumtorpedo« las, stellte sie die Koordinaten der DUNKELSTERN ein. Ein Hecktorpedo brauste aus der Mündung und traf das feindliche Raumschiff. Der Traktorstrahl erlosch. Kathy hüpfte vor Freude auf.

»Nun weg hier«, sagte sie.

»Steuer du das Schiff, ich übernehme die Waffen«, meinte Nataly und schoss den zweiten Raumtorpedo ab, doch diesmal wich die DUNKELSTERN aus.

Ein Wolfswesen packte Nataly und warf sie aus dem Sessel. Kathy warf mit allem, was auf der Konsole stand, nach dem Sechsarmigen, der sich nicht stören ließ. Doch da griff schon Roi Danton ein. Er zückte den Degen.

»Hinfort du Unhold!«

Das Wolfswesen hielt kurz inne. Dann zog es sechs Schwerter und jaulte, wie eben ein Wolf zu heulen pflegte. Danton zog es vor wegzulaufen. Der Wolf schnellte hinter ihm her. Danton wich zur Seite und das Wesen fiel in den Antigrav. Roi deaktivierte ihn. Das Wolfswesen knallte einige Meter weiter in der nächsten Etage auf.

Doch es wurden immer mehr und letztendlich hatten sie keine Chance. Roi Danton wollte das Leben seiner Männer und Frauen schützen und legte die Waffen nieder.

Wenige Momente später stand der Wolfsmann wieder vor ihm. Sichtlich angeschlagen fletschte er seine Zähne. Speichel tropfte aus dem spitzen Maul.

Dann zog er sein Schwert und hob es hoch, zum todbringenden Schlag bereit. Sollte es so für Danton enden?

»Nein!«, rief eine glucksende Stimme. Es war Kapitän Fyntross. Er stapfte herbei. Roi bemerkte, dass er fünf Beine besaß, drei vorn und zwei hinten. Fyntross wirkte feucht und schmutzig.

»Wir benötigen sie noch. Ich will mehr über diese Fremden herausfinden. Vielleicht ist ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt. Dann bringt das viel, viel Geld.«

Fyntross wandte sich an Danton.

»Wir werden dieses Raumschiff nach Thol2777 bringen. Dort ist unser Stützpunkt und wir werden entscheiden, was wir mit euch machen. Ich will alles über die Technologie wissen. Vielleicht ist dieses Schiff dem unseren sogar überlegen.«

»Darauf kannst du Gift nehmen, Fischkopf!«, rief Kathy.

Wieso mussten Frauen immer so unüberlegt reden?, fragte sich Danton.

»Ich nehme einmal an, Sie werden mir dabei helfen, Danton? Sonst müsste ich jedem hier die Kehle durchschneiden. Das wollen Sie doch nicht, oder?«

Fyntross blubberte bösartig.

»Nein und ja, Fischi! Hören Sie zu: Die VIPER ist beschädigt. Als wir durch den Nebel flogen, welcher das Riff umgibt, haben viele Gerätschaften einen Knacks wegbekommen. Es ist nutzlos für Sie und mich. Ich habe also eine Idee.«

Die Stielaugen schwankten von links nach rechts. Der rote Mund stand weit offen. Sabber tröpfelte aus den Mundwinkeln.

»Nun ja, wir wollen eigentlich wieder hier weg. Sie wollen unser Schiff, haben aber keine Ahnung, wie man es wieder zusammenbaut. Mein Vorschlag: Wir überlassen Ihnen die VIPER, helfen Ihnen, diese wieder instand zu setzen, und als Gegenleistung helfen Sie uns, das Riffsystem zu verlassen.«

»Nein, nein, Danton. Ich lasse Sie und Ihre Crew am Leben. Ist doch nett genug, oder? Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie reden? Ich bin Kapitän Fyntross, der gefürchtetste Bukanier zwischen den Tholmonden. In den dreizehn Chroms meiner Kommandantur habe ich mehr als vierhundert Raumschiffe geplündert.«

»Bukanier? Ein Pirat?«

»Ja, ein finsterer Pirat.«

Danton warf die Arme in die Höhe und stakste durch den Raum. Er wollte Zeit gewinnen. Wie beeinflusste man Piraten? Mit Geld! Wenn sie genügend Gewinn rochen, waren sie sehr kooperativ. Aber woher so viel Geld nehmen?

»Nun, vor vielen Jahren … Chroms war ich auch ein Freibeuter des Raummeeres. Ich war sogar ein König unter unseren Freihändlern. Das macht uns irgendwie zu Kollegen, n’est-ce pas?«

Blubbern.

»Schön, dass Sie das auch so sehen, Monsieur. Ich würde Ihnen sogar mit meinem Wissen unter die – äh – Arme greifen, wie man zum König der Piraten wird. Aber wir müssen das Resif-Sidera verlassen. Wieso wollen Sie das eigentlich nicht? Schon einmal überlegt, wie viele Schiffe außerhalb dieses Systems auf Sie warten? Eine Galaxie hat Milliarden Sonnensysteme. Da können Sie rund um die Uhr plündern und morden. Vor allem mit einem Schiff wie der VIPER.«

Gluckern. Die Stielaugen rotierten um die eigene Achse. Danton wusste gar nicht, dass so etwas ging, ohne sich zu verknoten.

»Ich bin geneigt, Ihrem Vorschlag stattzugeben. Wir werden das auf Thol2777 diskutieren. Dort finden wir auch Material, um die VIPER zu reparieren. Bis dahin sind Sie und Ihre Crew meine Gefangenen.«

Fyntross gab dem unwirschen Wolfsmenschen ein Zeichen. Er zog fünf Strahler und richtete sie auf uns. Mit der sechsten Hand deutete er auf den Korridor. Irgendwie verlief der ganze Aufenthalt im Riff noch nicht so ganz nach Roi Dantons Vorstellungen.

Bildnis der Schönheit

Was wussten sie bisher vom Riff? Immer noch nicht sehr viel. Eigentlich nur, dass es hier Piraten gab. Sie bezeichneten sich als Arawak-Bukaniere. Viel weiter brachte sie das jedoch auch nicht. Roi Danton malte mit Sato Ambush auf ein paar Zetteln eine Art Struktur vom Riff auf.

Nistant war der mystische Anführer und Gründer dieses Riffs. Offenbar wurde dieses Sonnensystem vor Jahrmillionen künstlich hergestellt. Zumindest behauptete dies die hiesige Religion. Die wirklichen Anführer waren wohl diese Wolfswesen. Sato ergänzte, dass sie Manjor hießen. Welche Rolle das Fledermauswesen Cul’Arc dabei spielte, war Roi noch nicht ganz klar. Das Riff schien schon seit Äonen durch das Universum zu streifen und immer wieder auf Galaxien zu stoßen. Dort wechselte man offenbar Teile der Bevölkerung aus. Damit blieb die Population des Riffs wohl relativ konstant, aber es wuchs an Kulturen.

Im Grunde genommen erinnerte das Riff an den Schwarm. Ob die Hohen Mächte hinter dem Bau des Rideryons, wie es in der Heimatsprache hieß, standen? Roi würde es nicht wundern. Sicherlich waren es keine einfachen Raumfahrer, die das Riff gebaut hatten. Es musste Jahrtausende, wenn nicht noch länger gedauert haben, bis es vollendet war.

Die seltsamen Entropen waren der Meinung, dass das Riff etwas mit MODROR zu tun hatte. Steckte er dahinter? Aber wenn er hinter dem mächtigen Riff mit seiner Unzahl von Völkern stand, dann war es doch ziemlich friedlich für so einen Finsterling. Bisher hatten nur die Entropen Aggressionen gezeigt. Es wäre doch über die Jahrtausende ein Leichtes gewesen, das Rideryon zu einer waffenstarrenden Festung auszubauen mit einer Flotte, die der Unendlichen Armada glich. Doch bisher hatten sie nicht die geringste Spur einer solchen Flotte ausgemacht. Vielmehr herrschte extremes Eigenleben auf dem Riff und den Monden. Zumindest existierten Piraten. Das zeugte von Freiheit und einer nicht völlig totalitären Macht hinter dem Riff. Zumindest war sie nicht stark genug, um die Piraten zu kontrollieren. Oder – wollte sie deren Treiben gar nicht unterbinden?

Auch die Technik schien nicht überlegen zu sein – zumindest nicht die der Piraten. Aber wenn diese Piraten so veraltete Technik verwendeten und die Mächte des Riffs eine höhere, dann müsste es den Herrschern des Riffs ein Leichtes sein, die Arawakpiraten in ihre Schranken zu verweisen. Auf der anderen Seite waren fliegende Monde schon beeindruckend und zeugten von einer ausgereiften Technologie.

Das Klacken von Kathys Stiefeln machte Roi nervös. Aurecs Verlobte ging im Raum auf und ab.

»Wir können uns doch nicht von diesem Fischstäbchen auf der Nase herumtanzen lassen?«

»Wir haben wohl keine andere Wahl, Miss Scolar«, widersprach Sato Ambush ruhig. »Wir sind Gefangene und zudem in einer völlig fremden Welt. Wir müssen klug und bedacht, statt impulsiv vorgehen.«

Kathy verdrehte die Augen und wanderte weiter durch den Raum. Roi dachte wieder über das Riff nach. Aber Kathy hatte auch recht. Sie mussten etwas unternehmen. Auf Thol2777 waren sie zum Handeln verdammt. Krash stürmte mit zwei Harekuul in das Quartier.

»Der Kapitän wünscht euch zu sprechen, Getier!«

»Wer ist hier ein Tier? Mach mal lieber Sitz!«, meckerte Nataly das Wolfswesen an. Der Manjor fletschte die Zähne, Speichelfäden hingen aus den Lefzen.

»Zeigt mir, wie das Raumschiff bedient wird, sonst fresse ich euch alle auf. Ich habe großen Hunger!«

Es kam natürlich nicht in Frage, dem Manjor das Raumschiff zu erklären. Doch sie mussten Zeit gewinnen, fand Danton.

»Oui, mon ami. Die reizenden Damen«, er deutete auf Kathy und Nataly, »werden dir die Versorgungseinrichtung genauestens erklären. Bitte führt Krash in die Cuisine.«

»Cuisine?«, fragte Kathy.

»Ja, unsere Versorgungszentrale. Erklärt ihm jedes Detail ausführlich. Ist ja wichtig.«

»Cuisine?«, murmelte Kathy. »Versorgungszentrale?«

Roi sah sie verzweifelt an. Sie musste doch kapieren, was er meinte. Er nahm eine imaginäre Schüssel in den Arm und rührte mit einem ebenso eingebildeten Löffel summend darin rum. Kathy starrte ihn an, dann auf die nicht vorhandenen Küchenutensilien. Nun verstand sie. Kathy und Nataly führten Krash in die Kombüse und erklärten ihm die Funktionen der Küchengeräte. Das dürfte ihn eine Weile aufhalten und dem Rest der Mannschaft Zeit bringen.

*

Lautes Trampeln ließ Roi Danton die Augen öffnen. Er wollte aufstehen, doch sein Rücken schmerzte und der Kopf brummte. Dabei hatte er doch höchstens zehn Minuten geschlafen, fand er. Ein Blick auf sein Chronometer verriet ihm, dass es sich um zehn Stunden handelte. Langsam krabbelte er benommen aus dem Bett und ging auf den Korridor. Vier Harekuul galoppierten an ihm vorbei.

Sofort machte er sich auf den Weg in die Kommandozentrale. Dabei begegneten ihm Nataly und Kathy.

»Eine Ahnung, was hier los ist? Ich war gerade dabei zu meditieren, als …«

»Kapitän Fyntross hat Alarm gegeben«, berichtete Kathy.

»Mon Dieu, auch das noch!«

Die drei hatten nach vier Minuten die Zentrale erreicht. Sato Ambush, Maya ki Toushi und Roland Meyers erwarteten sie. Doch den Oberbefehl hatte der Erste Offizier der DUNKELSTERN, der Manjor Krash.

»Sir, meine Damen, die DUNKELSTERN hat ein neues Raumschiff lokalisiert. Der Kapitän gedenkt, dieses zu entern. Mit der Hilfe der VIPER.«

Meyers Stimme klang sehr ernst.

»Na los, ihr Pack. Kämpft nun um euer Leben oder ihr seid verdammt«, rief Krash und fuchtelte mit einem ziemlich breiten Schwert umher.

»Oui, petit chien!«

Krash fletschte die Zähne.

»Wir sind keine Piraten. Wir überfallen keine wehrlosen Schiffchen.«

»Ihre Worte vor einigen Stunden klangen noch ganz anders. Sie wollten mich zum König der Piraten krönen, Aye?«

Fyntross! Das Fischgesicht glotzte Danton mit seinen Stielaugen über den Monitor an.

Links neben ihm erschien eine Holografie des Raumschiffes. Es war klotzförmig und hatte eine Kantenlänge von fünfhundert Metern. Mit den technischen Daten der Offensiv- und Defensivbewaffnung konnte Roi nichts anfangen. Er wusste einfach nicht, was die Namen bedeuteten.

»Dies ist ein Monolith der Manjor. Genauer gesagt, der Priesterschaft des Nistant. Wir haben vor einigen Stunden in Erfahrung gebracht, dass dieses Raumschiff ein besonderes Artefakt von unschätzbarem Wert mit sich trägt. Also kapern wir es!«

»Und was erwarten Sie von uns?«, wollte Meyers wissen.

»Macht die Waffen scharf und feuert. Schießt den Monolith manövrierunfähig.«

»Die Systeme sind beschädigt«, erklärte Meyers.

»Das wird dein Kopf auch gleich sein. Krash!«

»Nein, nein!«, rief Danton dazwischen. »Meyers ist etwas konservativ. Wir helfen Ihnen, Kapitän. Ich habe einen Plan.«

Danton wandte sich an Meyers.

»Können Sie die Paralysestrahler reparieren? Impulsgeschütze sollten ausreichen, um den Schutzschirm zu knacken. Dann paralysieren wir die ganze Crew an Bord und die Fischfresse kann sich holen, was er will.«

»Ja, das könnte klappen, Sir!«

»Dann an die Arbeit!«

Meyers sprang auf und rannte mit Sato Ambush und Maya ki Toushi in die Waffenleitzentrale, um die notwendigen Reparaturen vorzunehmen. Er baute einige Energierelais um, sodass eine Energieversorgung für die Waffen wieder zur Verfügung stand.

Der Monolith kam näher und war nur noch knapp 500.000 Kilometer von den beiden Raumschiffen entfernt. Roi überlegte, wie groß wohl die Reichweite der Geschütze der DUNKELSTERN waren. Wann würde sie feuern?

480.000 Kilometer.

450.000 Kilometer.

Die DUNKELSTERN schoss aus allen Rohren. Rote und gelbe Energiekugeln schnellten auf den grünen Monolithen zu und schlugen ein. Ein weißes Licht umwaberte ihn. Dies war vermutlich der Schutzschirm.

»Meyers?«

»Wir sind fertig, Sir!«

Danton gab Kathy und Nataly ein Zeichen. Sie schossen zwei Salven mit dem Impulsgeschütz auf das Manjorraumschiff. Der erste Schuss verpuffte im Schutzschirm. Der zweite durchschnitt den Schutzschirm wie Butter.

»Paralysestrahlen!«

Die VIPER beschleunigte und deckte das fremde Raumschiff mit den Narkosestrahlen ein. Krash beobachtete die Terraner mit offensichtlicher Unruhe.

Die DUNKELSTERN aktivierte den Traktorstrahl. Sie hatten ihn demnach repariert. Der Monolith war nun fest in der Hand der Piraten. Kathy führte eine Ortung durch.

»Ich scanne einhundertsieben Lebewesen an Bord des Manjorraumers. Ihre Lebensimpulse sind – nach unserem Wissen gemessen – schwach, aber konstant. Sie schlafen wohl. Es hat funktioniert.«

Roi jubelte innerlich. Er wandte sich an Krash.

»Nun können Sie den schlafenden Babys ihre Lollis klauen.«

Krash packte Danton.

»Du kommst mit. Und das Weibchen mit den Locken.«

Kathy zuckte kurz zusammen. Krash deutete auf den Ausgang. Kathy und Danton gingen zur Schleuse und wurden mit einem Beiboot, welches von Gannel und Dychoo gesteuert wurde, zur DUNKELSTERN gebracht. Die DUNKELSTERN war auf dem Weg zum Manjorraumschiff. Die Oberfläche des Schiffes wirkte tatsächlich, als sei es aus einem Stein erbaut worden. Sie war grau und rau. Kaum erkennbar befand sich eine Öffnung an der fensterlosen Außenhülle. Dort dockte die DUNKELSTERN an. Die Fähre brachte Danton und Kathy Scolar zum Piratenraumschiff. Zum ersten Mal sahen die beiden das Innere von Fyntross Raumschiff. Es war ziemlich schmuddelig dort.

Kathy hüpfte angewidert über den klebrigen, glitschigen Boden. Überall lagen organische Reste, standen leere Kisten. Alles wirkte schäbig und unaufgeräumt.

»Dort entlang«, rief Krash.

Er zeigte auf eine Art Tunnel. Der Gang war mit dem Manjorraumer direkt verbunden. Er wirkte wie ein Schlauch zwischen beiden Schiffen. Es war schwer für Roi, den Stand der Technologie zuzuordnen. Auf jeden Fall war die Technik deutlich primitiver als die der Terraner, Quarterialen oder anderen bekannten Völker. Und dass, obwohl die Kultur des Rideryons uralt zu sein schien.

Kathy und Roi gingen durch den Schlauch und wurden von Kapitän Fyntross am anderen Ende begrüßt. Sie warfen einen Blick in den Korridor des Monolithen. Ein fahler Lichtschein ließ sie nur Umrisse der neuen Umgebung erblicken.

Kathy tastete die Wände ab.

»Die sind aus Fell«, stellte sie fest. »Schön flauschig. So eine Inneneinrichtung habe ich auch noch in keinem Raumschiff gesehen.«

»Kommt weiter«, forderte Fyntross.

Die Crew ging durch endlose, spartanisch eingerichtete Korridore. Nach einer Weile erreichten sie einen großen Raum. Er war hell erleuchtet. Eine große Statue von Nistant stand im Mittelpunkt. Die Wände hier waren aus einem weißen Edelmetall und spendeten das gleißende Licht. Drei Manjor ruhten auf dem Boden.

Vor der Nistantstatue stand ein Schrein. Darauf befand sich offenbar etwas. Fyntross stieß seine Mannen zur Seite und glitschte den Boden entlang. Kathy eilte hinterher. Nun wollte Roi auch nicht mehr warten und folgte den beiden. Als er sie einholte, stand Fyntross ehrfürchtig vor dem Schrein und starrte auf den Inhalt.

Nun erkannte auch Roi Danton, was sich dort drinnen befand. Unter der Verglasung ruhte eine Marmorplatte. Auf dieser Marmorplatte war das Gesicht einer Frau eingraviert. Das Artefakt selbst musste uralt sein, zumindest sah es so aus. Das Konterfei der schönen Frau war jedoch sehr gut zu erkennen.

»Das Herz der Sterne«, sagte Fyntross.

»Ajinah, Nistants große Liebe«, stellte Roi fest. »Ihr Abbild. Und das ist wertvoll?«

Fyntross blubberte wieder.

»Es ist Millionen Chroms alt und soll aus den Anfängen stammen, als der Sargomoph noch in rastloser Unruhe über Thol wanderte. Der Wert ist unschätzbar, es ist unbezahlbar. Unermesslicher Reichtum!«

Danton betrachtete das Gesicht der Frau. Woher kam es ihm nur so bekannt vor? Irgendwo hatte er es schon einmal gesehen. Und das war kein gutes Gefühl, denn schließlich war die Dame wohl schon einige Äonen tot.

Fyntross nahm sein Schwert und zerbrach das Glas. Behutsam nahm er mit seinen Flossen die etwa ein Quadratmeter große Platte aus dem Schrein.

»Und nun raus hier! Krash, du weißt, was zu tun ist.«

»Aye, Kapitän!«, bellte die Kreatur.

Danton schwante Fürchterliches.

»Was soll das? Sie werden doch nicht …?«

»Oh doch, wir vernichten den Monolithen. Keine Zeugen, keine Spuren. Und keine Jäger.«

Zwei Harekuul richteten ihre Waffen auf Roi Danton und Kathy Scolar.

»Und keine Einwände«, sagte Fyntross, ehe er den Saal verließ.

Roi schüttelte den Kopf. Einhundertsieben unschuldige Wesen verloren bald ihr Leben. Er hatte gehofft, sie retten zu können. Doch Kapitän Fyntross war wirklich skrupellos.

»Können wir denn nichts tun?«, fragte Kathy.

Roi schüttelte traurig den Kopf. Die Harekuul »geleiteten« sie aus dem Manjorraumschiff. Danton und Scolar mussten auf der DUNKELSTERN bleiben. Offenbar traute Fyntross ihnen absolut nicht.

Die DUNKELSTERN dockte ab und flog zur VIPER. Als sie das Beiboot der FLASH OF GLORY erreicht hatte, explodierte der Monolith. Einhundertsieben Manjor hatten den Tod gefunden.

Jaycuul-Ritter

Cul’Arc flog mit gleichmäßigen Flügelschlägen über die Kathedrale zu Ajinah. Er bewunderte die Schönheit der Anlage, die einst erbaut worden war, um der großen Liebe ihres Gottes gerecht zu werden.

Ajinahstadt erstrahlte in einem gleißenden, reinen Weiß. Zwischen jeder Straße befanden sich ausgedehnte Gärten, Blumenreihen und kleine Parks.

Die Kathedrale selbst war eine komplexe Anlage mit vielen Bauten, die sternförmig zum Zentrum führten, dem Ajinahturm, mit siebenhundert Metern das höchste Gebäude der Stadt. Ein in sich gewundener Turm mit breitem Fuß führte bis zu seiner spitzen Höhe.

Eine halbe Milliarde Wesen lebten in Ajinahstadt, alles Diener des Nistant. Selbst Cul’Arc vermochte es nicht, die viertausend Kilometer breite Stadt komplett zu durchfliegen.

Die Manjor wirkten so winzig auf dem Boden. Sie taten ihren Dienst, beteten und bereiteten alles für den großen Tag vor. Sie warteten auf die Rückkehr ihres Gottes.

Cul’Arc war die erste von drei Stufen der Wiedererweckung von Nistant als lebende Person. Nun mussten sie den zweiten Schatten finden, Brok’Ton! Zigaldor und Tashree hatten ihre Fühler in alle Regionen ausgestreckt. Sie glaubten, sie würden ihn mit Hilfe der begabten Gannel Lariza Bargelsgrund finden.

Was Cul’Arc beunruhigte, waren die Fremden im Resif-Sidera. Nicht nur die Terraner, vor allem die Entropen stellten eine immense Gefahr dar.

Ein Tholmond war verloren. Diese verdammte Hexe Niada kämpfte, als sei sie eine Tochter der Lilith. Auch ihr Aussehen deutete auf eine Tochter der Dämonenbrut hin. Doch das war absolut unmöglich. Es hatte nie Anzeichen für Lilims gegeben. Nistant hatte Lilith getötet, bevor er selbst gestorben war. Vor vielen Äonen hatte er sein Leben geopfert, um das Rideryon zu retten. Nun wurde es Zeit, dass er zurückkehrte, um seine Bestimmung zu erfüllen.

Doch im Grunde genommen war er schon hier. Sein Geist erfüllte das gesamte Resif-Sidera. Cul’Arc spürte Nistants Präsenz tief im Inneren, im Herzen des Resif-Sidera.

Nistant war noch nie so mächtig gewesen und doch war sein Körper tot. Sie wollten ihn wiedererwecken, doch dazu benötigte Cul’Arc die Hilfe seines Bruders Brok’Ton. Wo hatten die verfluchten Feinde von einst seine Überreste nur versteckt?

Am Boden stand der Manjor Zigaldor und winkte zögerlich. Langsam ließ sich das Fledermauswesen wieder sinken.

»Was gibt es?«

»Der Manjor-Monolith mit dem Abbild der Ajinah wurde zerstört. Wir vermuten, jemand hat es geraubt.«

Welch ein Frevel, das älteste Abbild der Ajinah zu stehlen. Und nun das! Nistant würde nicht begeistert sein.

»Setzt die Jaycuul ein. Die Fünf werden Ajinahs Abbild wiederfinden. Sollten es Piraten gewesen sein, schlachtet alle nieder. Wenn es sich aber um Fremde handelt, will ich sie verhören.«

»Fremde? Vermutet Ihr, dass die Terraner oder Entropen damit etwas zu tun haben?«

»Gut möglich, immerhin vermuten wir, dass sich entropische Spione und Roi Danton mit seinen Gefolgsleuten hier irgendwo im System befinden. Es ist alles möglich. Findet es heraus, Hohepriester!«

Zigaldor verneigte sich. Mit Bücklingen ging er rückwärts, drehte sich schließlich um und verließ den Balkon.

Cul’Arc beobachtete wieder das Treiben in der Stadt. So viel Leben diente Nistant und arbeitete für ihn! Er hatte es tatsächlich geschafft, eine Religion aus sich zu machen. Cul’Arc war stolz auf sein anderes Ich. Und traurig, dass er diesen glorreichen Aufstieg nicht miterlebt hatte. Stattdessen war er Millionen von Chroms im Verlies gefangen gewesen.

Es wurde merklich kälter. Die Jaycuul kamen. Cul’Arc drehte sich um und musterte die Kuttenwesen. Sie waren neben ihm selbst und Brok’Ton die ältesten und treusten Diener des Nistant.

»Es erfüllt mich nicht mit Freude, euch wiederzusehen. Doch noch immer seid ihr an euren Eid an Nistant gebunden. Es ist etwas abhandengekommen: Eine Marmorplatte mit dem Bildnis von Ajinah. Findet es und tötet die Diebe, wenn es welche von uns waren. Andernfalls bringt sie mir lebend!«

»Ja, Herr!«, sagte ihr Anführer mit heiserer Stimme.

Die Kuttenwesen wandten sich von Cul’Arc ab und schickten sich an, ihren Auftrag zu erfüllen.

*

»Wieso dürfen wir nicht zurück auf die VIPER? Seit Tagen sitzen wir in diesem stinkenden Loch!«

Kathy Scolar stellte immer dieselben Fragen, auf die Roi Danton keine Antwort wusste. Fyntross wollte offenbar sichergehen, dass sie keinen Fluchtversuch unternahmen. Er hatte damit auch recht, denn Nataly, Sato, Meyers und ki Toushi würden niemals ohne die beiden fliehen.

Die Schotten öffnete sich. Ein Harekuul trat näher.

»Der Kapitän will euch sehen. Na los, Dreckspack!«

»Manieren hat der …«, meinte Danton und verließ mit Kathy das schäbige Quartier.

Fyntross begrüßte sie in der Kommandozentrale, die an ein altes Piratenschiff erinnerte, denn die große Steuerung in der Mitte des Raumes glich einem Steuerbord auf einem Schiff.

»Ah, meine lieben Gäste. Ich hoffe, Sie haben unsere Gastfreundschaft genossen?«

»Oui, fast so wie im Hilton.«

»Wie auch immer«, führte Fyntross weiter aus, der die Marmorajinah in den Flossen hielt, »wir steuern Thol2777 an und werden dort Ihr Raumschiff reparieren. Ich werde es in meine Flotte eingliedern und Euch das Angebot unterbreiten, als Kapitän der VIPER unter meiner Flagge zu dienen. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Ajinah werden wir eine ganze Flotte ausrüsten können. Und nachdem wir das Riff leer geplündert haben, werden wir den weiten Kosmos außerhalb erforschen. Dazu brauche ich Euch …«

Fyntross blubberte.

»Und Ihr versprecht grenzenlosen Reichtum?«

»Aye, Roi Danton. Aber ich bin der König der Piraten, Ihr allenfalls ein Prinz. Was sagt Ihr?«

Roi sah zu Kathy, die nicht begeistert schien.

»Ich bin einverstanden. Ich bin es leid, in der stinkenden Zelle zu sitzen, vor allem mit diesem hässlichen, ständig gackernden Weibe.«

»Hässlich?«, rief Kathy aufgebracht.

Fyntross blubberte amüsiert.

»Meine gesamte Crew ist bis auf Meyers ist völlig unfähig. Gibt es auf Thol2777 auch einen Sklavenmarkt? Dann würde ich dort einige verkaufen und mir eine neue Mannschaft rekrutieren.«

Fyntross glitschte an beiden vorbei. Seine Stielaugen klebten förmlich an Kathy Scolar.

»Wer sagt mir, dass ich Euch trauen kann? Ihr plant doch etwas. Ich bin zwar kein Gannel oder Mensch, dennoch ist diese Frau keineswegs hässlich für Eure Maßstäbe. Sie ist ebenso schön wie Ajinah. Also, was soll das?«

»Öh«, machte Danton gedehnt. »Nun ja, sie ist nicht wirklich hässlich, eigentlich eher ein heißer Feger. Aber absolut nicht als Piratin geeignet, wie alle Frauen an Bord der VIPER. Ich brauche dafür Halsabschneider, wenn ihr versteht was ich meine!«

»Die werdet Ihr bekommen, Danton. Das garantiere ich! Doch nun …«

Fyntross schwieg und blickte einen der kopflosen Dychoo an. Die Stielaugen hingen schlaff vom Kopf, das knallige Rot wich aus den dicken Lippen.

»Sie suchen uns.«

»Wer?«

Fyntross starrte Danton entgeistert an.

»Die Jaycuul-Ritter. Sie wollen Ajinah. Wir müssen so schnell wie möglich nach Thol2777, bevor sie uns entdecken. Der Dychoo kann sie spüren. Dychoos haben starke telepathische und empathische Fähigkeiten. Er fühlt sie in unserer Nähe.«

Fyntross stellte eine Verbindung mit der VIPER her.

»Krash, hol alles aus den Maschinen heraus. Wir müssen im Eiltempo nach Thol2777, die Jaycuul sind uns auf den Fersen.«

Fyntross packte Danton und zerrte ihn mit. Er legte das Bildnis der Ajinah auf einen Tisch und drehte es um. Roi entdeckte Schriftzeichen auf der Rückseite.

»Was bedeutet das?«

»Ich werde es Ihnen erzählen …«

*

Ich sah sie an, blickte in ihre funkelnden Augen, die voller Freude, Güte und Leben waren. Sie anzuschauen gab mir Kraft und schmerzte zugleich. Es war gewiss, dass nur sie mich hätte erretten können. Sie war mein Heil oder mein Untergang.

Sie war meine Prinzessin, mein Engel, meine Liebe, die meinem Leben einen Sinn gab. Und doch blieb meine Liebe unerfüllt. Mein Herz wurde zu Stein und der letzte Schimmer an Hoffnung starb. Aus Nächstenliebe wurden Hass, Schmerz und blinde Wut.

Ich bezeichnete sie oft als »Das Herz der Sterne«, denn sie hatte solch eine elektrisierende Wirkung auf mich gehabt. Als sie schwand, wurde es dunkel im Kosmos und mein langer Weg des Todes begann. Ich wanderte in der Finsternis und riss das Leben mit mir. Stets war ich in der Hoffnung gewesen, zu lieben und mein Leben einer großen Bestimmung zu verschreiben. Letzteres war mir gelungen, doch auf eine Art und Weise, die ich nicht erwartet hatte.

Mein Engel war fort. Die Gewissheit, sie niemals mehr wiederzusehen, nagte an meinem Verstand. Es tat weh zu wissen, dass ich sie bis in alle Ewigkeiten verloren hatte. Und die Ewigkeit war lang.

Jene, die dies lesen, sollen wissen, dass ich – Nistant – der Erbauer Rideryons bin! Das Schicksal der Weltrauminsel soll sein, Licht und Hoffnung über das Universum zu bringen. Sie soll wie ein Wanderprediger durch das All reisen, um Gerechtigkeit und Frieden zu verbreiten. Bis mein Plan eines Tages vollendet ist, um die Geschicke des Kosmos zu bestimmen, um die brutale Ordnung und Unterdrückung der Herrschenden zu beenden und dafür zu sorgen, dass das Universum in Frieden und Harmonie mit all seinen Lebewesen existiert.

Auf dass niemals mehr ein Mann allein und ohne Liebe einen finsteren Weg beschreiten muss. Auf dass niemals ein Wesen für die Machtgier eines anderen sterben muss.

Und auf dass Nistant eines Tages das Herz der Sterne findet, wonach er sehnlichst sucht …

*

Roi Danton dachte über den traurigen Text nach. Er war voller Melancholie. Der Autor war offenbar über beide Ohren in »seinen Engel« verliebt gewesen. Doch neben seiner Liebe zu dieser Frau war offenbar sein eiserner Wille, den ganzen Kosmos zu verändern, ebenso groß gewesen.

Was war dieser Nistant für ein Mann gewesen? Wenn er der Erbauer des Riffs war, musste er vor Millionen von Jahren gelebt haben. Und doch war er so präsent, als würde sein Geist im Riff weiterleben. Er war zur Religion avanciert und offenbar kannte jeder Riffaner die Liebesgeschichte von Nistant und Ajinah.

Obwohl Nistant bereits seit Millionen von Jahren tot war, ging Roi sein Schicksal nahe. Welcher Mann war nicht unglücklich verliebt gewesen? Aber Nistant drückte es mit einer sehr verständlichen, nahegehenden Trauer aus.

Danton legte behutsam das Abbild der Ajinah auf den Tisch und blickte in die Fischaugen von Kapitän Fyntross. Das Wesen grinste, was recht seltsam aussah, da der rote Mund noch breiter wirkte und Wasser aus der Mundöffnung floss.

»Verstehen Sie jetzt, Terraner? Ajinah ist das Herz der Sterne. Zumindest in Nistants Augen. Für mich ist das Herz der Sterne ein Berg voll Gold und eine nie leer werdende Flasche Thol-Rum.«

»So definiert jeder den Sinn seines Lebens anders.«

»Aye …«

»Und diese Jaycuul-Ritter sind Diener von Nistant, n’est-ce pas?«

Fyntross machte eine zustimmende Geste.

»Also, wenn Nistant der persönliche Auftraggeber war, dann müssten die Jaycuul-Ritter ja schon ziemlich alt sein. Also unsterblich? Und die Hoffnung, diese Ajinah wiederzufinden, ist doch auch ziemlich gering, oder? Die Dame dürfte inzwischen auch schon zu Staub zerfallen sein.«

Fyntross wirkte unruhig.

»Wenn Nistant unsterblich ist, ist es Ajinah auch. Irgendwo lebt sie im Himmel. Ihre Seele zumindest. Die Jaycuul-Ritter sind ruhelose, untote Geschöpfe. Es gibt vieles im Resif-Sidera, was Sie nicht verstehen, Mensch! Die Jaycuul suchen nun nach dem Bildnis der Ajinah und wollen es zurückbringen. Sie werden jeden töten, der sich ihnen in den Weg stellt.«

In der Tat verstand Roi so einiges nicht. Er stempelte die ganze Nistant-Ajinah-Liebesgeschichte als Mythos ab, obgleich die Geschichte interessant war. Das Riff war in der Tat sehr geheimnisvoll.

Auf jeden Fall hatten sie nun ein großes Problem: die Jaycuul-Ritter. Zumindest Fyntross hatte das. Obgleich solch finstere Wesen, als welche die Jaycuuls beschrieben wurden, sicherlich auch nicht vor den Terranern haltmachten.

Fyntross wandte sich von Danton ab und gab den Befehl, so schnell wie möglich nach Thol2777 zu gelangen.

Roi dachte noch lange über die Jaycuul-Ritter und das Herz der Sterne nach.

*

Cul’Arc stand in geistiger Verbindung mit den Jaycuul-Rittern. Sie erstatteten ihm Bericht. Sie hatten die Fährte von zwei Raumschiffen aufgenommen, die sich in der Nähe des zerstörten Monoliths aufgehalten hatten. Cul’Arc vermutete, dass sie auf einem der beiden Raumer sicherlich das Abbild von Ajinah fanden. Doch was steckte dahinter? Im Grunde genommen besaß diese Marmorplatte kaum einen materiellen Wert. Sie war ein Heiligtum für Nistant und seine Anhänger. Doch für Diebe nichts weiter als ein Stück Stein mit dem Gesicht einer schönen Frau.

Vielleicht versuchte der Dieb das Bildnis zu verkaufen. Das ließ auf einen Piraten des Resif-Sidera schließen. Die Jaycuul würden es schon in Erfahrung bringen. Ihnen entging nichts im System.

Und mir entgeht auch nichts, mein Bruder.

Der Geist sprach zu Cul’Arc!

Die fremden Terraner sind an dem Diebstahl beteiligt. Auch sie sind womöglich eine Gefahr für uns. Überlasse den Jaycuul die Suche. Finde du nun Brok’Ton, damit Nistant auferstehen kann.

»Ja, Herr.«

Du musst mich nicht Herr nennen, denn du bist auch der Herr und Meister. Die Vereinigung der Drei steht bevor. So wie es vor Äonen war, während des Fluches der Kosmokraten.

»Ich weiß nur nicht, wo wir Brok’Ton suchen sollen. Ich meine, nicht direkt. Wir suchen in allen Galaxien, die mit einem Sternenportal verbunden sind.«

Dann werden wir ihn bald finden. Wir müssen uns schnell vereinigen, denn gefährliche Zeiten brechen an. Das Rideryon muss seinen Bestimmungsort erreichen, damit der große Plan vollendet wird. Doch ich spüre einen Sturm aufziehen. Alle Wesen dort draußen werden versuchen, es zu verhindern. Besonders die Entropen.

»Ihr Auftauchen ist ein Rätsel. Nicht einmal die Einheimischen von Siom Som kennen sie richtig. Auch die Terraner sind ihnen wohl erst kürzlich begegnet.«

Vermutlich wird SI KITU die Entropen geschickt haben. Umso gefährlicher ist die Situation. Die Entropen werden dann nicht eher ruhen, bis der letzte Rideryone seinen letzten Atemzug ausgehaucht hat.

»Das werden wir nicht zulassen!«

Nein. Oh, ich spüre, die kleine Auserwählte ist wiedergekommen. Sie hat unseren Bruder gefunden. Gehe zu ihr und informiere dich. Dann hole Brok’Ton aus seinem Verlies!

Cul’Arc rief Zigaldor zu sich. Sie brachen schnell auf, um den Späher und Lariza Bargelsgrund zu empfangen. Die Halle der Sterne war der auserwählte Begegnungsort, und sie warteten dort. Das Fledermauswesen betrachtete die Statuen von Nistant und Ajinah. Er erinnerte sich an die Zeit, als Lilith beinahe Ajinahs Antlitz und Erinnerung verdrängt hatte. Doch letztendlich hatte sich Nistant für die richtige Seite entschieden und Lilith getötet. Dabei war er selbst gestorben. Cul’Arc und Brok’Ton waren zu selben Zeit in ihre ewigen Verliese verschleppt worden.

Endlich trafen der Harekuul Tashree und die Gannel Lariza Bargelsgrund ein. Das Mädchen wirkte angegriffen und müde. Ihre Rolle als auserwählte Seherin schien sie auszulaugen. Doch bald würde es damit vorbei sein, und sie konnte wieder ein normales Leben führen.

»Ich danke für eure Arbeit. Ihr habt etwas gefunden?«

»Ja, Herr. Die kleine Lariza hat in einer Galaxie mit dem Namen Druithora die Präsenz von Brok’Ton wahrgenommen. Da müssen wir hin. Wir müssen ihn sofort befreien!«

Cul’Arc schätzte Tashrees Eifer. Er war ein stolzer und fähiger Harekuul mit einem großen Kämpferherz, stets bereit, sich für das Gute im Riff einzusetzen.

»Wir brechen noch heute auf. Mache die AGASH startklar. Schon bald wird Brok’Ton in unsere Runde zurückkehren.«

Thol2777

»Das ist Thol2777«, blubberte Kapitän Fyntross stolz und deutete mit seiner Flosse auf den Monitor.

Roi Danton und Kathy Scolar betrachten die Oberfläche des fünfhundert Kilometer durchmessenden Mondes. Es gab eine große Stadt. Der Rest des Himmelskörpers war mit großen Wäldern bewachsen. Zwei Kontinente wurden durch Ozeane voneinander getrennt.

Die Stadt besaß zwei recht ansehnliche Raumhäfen. Die DUNKELSTERN und nach ihr die VIPER hielten darauf zu.

»Thol2777 ist Anlaufpunkt für alle Piraten und Gesetzlosen. Die Welt steht unter dem Schutz der Resifpaten. Sie bewachen den Planeten vor Behörden, Polizei und Armee. Dafür erhalten sie dreißig Prozent der Beute.«

»Helfen die auch gegen die Jaycuul?«

Fyntross schwieg. Das reichte, um Rois Frage zu beantworten. So groß war die Macht der Arawakpiraten wohl nicht.

Die Städte wirkten von oben schillernd weiß und hell. Die Gebäude waren meist flach.

Die DUNKELSTERN und die VIPER landeten auf einem der großen Raumhäfen. Kathy und Roi durften mit Fyntross und seinen Männern auf die Oberfläche. Die anderen vier sollten auf der VIPER bleiben. Das gefiel Roi nicht. Sie hatten immer noch keine Möglichkeit zur Flucht.

Die Umgebung des Raumhafens erinnerte Roi an diverse zwielichtige Raumhäfen in der heimischen Milchstraße. Viele Kneipen und Bordelle, ein reger Verkehr an den Raumern. Die verschiedensten Kreaturen tummelten sich hier. Harekuul, Gannel, Fithuul, Dychoo, Manjor und unzählige Rassen, die Danton noch nicht kannte.

»Nicht sehr einladend«, meinte Kathy mit offensichtlichem Unbehagen. »Wir müssen herausfinden, wo wir Ersatzteile für die VIPER herbekommen.«

»Oui, Mademoiselle, aber da ist noch etwas. Ich will das Bildnis wiederhaben.«

»Wieso?«

»Wenn wir das den Rideryonen übergeben können, werden die uns vertrauen. Der Plan ist also der: VIPER zusammenflicken, Bild von Ajinah klauen und weg in Richtung Riff. Klingt doch einfach, oder?«

Kathy lachte sarkastisch. Das wollte Roi eigentlich nicht hören. Aber letztlich gab auch sie dem Plan ihren Segen.

Kapitän Fyntross führte die beiden in eine üble Spelunke. Es roch sehr streng. Die Kunden tranken und prügelten sich. Hier herrschten offenbar sehr raue Sitten.

Sie kämpften sich durch die Masse und erreichten eine große, massive Tür. Fyntross klopfte dreimal an. Sie öffnete sich und zwei Harekuul musterten den Fischkopf.

»Ich will zum großen, allmächtigen Bullfah.«

»Wer sind die anderen beiden?«

»Neue Partner von mir. Nun lass mich endlich rein. Bullfah wird sich bestimmt über meine Beute freuen.«

Die beiden Harekuul machten Platz.

Der Saal wirkte ganz anders als die hellen Gebäude außerhalb. Er war in einem dunklen Grünton gehalten. Der Boden wirkte matschig, feucht, als würde man über Moos laufen. An den Seiten und in den Ecken kauerten jede Menge Wesen, die offenbar spielten, tranken oder schliefen. Es roch nach Qualm, vermutlich Essen und körperlichen Ausdünstungen. Zumindest ähnelte der Geruch dem der Crew der DUNKELSTERN.

Fyntross glitschte voran, Kathy und Roi folgten ihm. Danton ließ Kathy vorgehen und genoss es, dabei ihren wohlgeformten Hintern beobachten zu können.

Weniger entzückend war der Anblick von Bullfah, der im Zentrum des Raums in einer Art Pool thronte. Der schleimige und besonders fette Persy wabbelte auf seinem Prunksitz wie ein Wackelpudding. Aus dem überdimensionalen, gelben Körper züngelten vier Tentakel.

Grüner Speichel floss aus der Öffnung, die wohl seinen Mund darstellte. Trotz der Vielfalt an Völkern, die die Terraner kannten und schätzten, und der gebotenen Toleranz … es gab doch hin und wieder auch Ausnahmen in der Toleranz von Ästhetik. Die Persy gehörten dazu.

»Mir wird schlecht«, flüsterte Kathy angewidert. Im Interesse seines Magens vermied es Roi zu nicken.

Fyntross breitete seine Flossen aus und grüßte Bullfah.

»Lieber Papa, wie schön, dich wiederzusehen!«

»Papa?«, fragte Kathy.

»Wohl eher mafiös gemeint«, antwortete Roi.

Bullfah lachte, wobei er noch mehr von dem grünen Schleim ausspuckte. Fyntross zeigte ihm das Abbild der Ajinah. Nun quiekte Bullfah ziemlich schrill vor sich hin. Roi vermutete, dass es seine Aufregung zeigte.

»Wahrlich eine gute Ausbeute, Fyntross. Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder erpressen wir die Hohepriesterschaft oder wir verkaufen es den Ylors.«

»Den Ylors?«, fragte Roi.

»Wer ist das denn?«, wollte Bullfah wissen. »Ich dulde es nicht, wenn ich Allmächtiger unterbrochen werde. Und sie sehen ekelhaft aus.«

»Oh«, machte Roi scheinbar bestürzt und verbeugte sich. »Edler Schleimbolzen, wir sind Fremde im Resif-Sidera und haben Fyntross geholfen, das Bild der kleinen Schnecke zu beschaffen. Ich bin Roi Danton, König der Freihändler und dies ist die bezaubernde Kathy Scolar, meine Gespielin und Reinigungsfrau.«

Der Persy quiekte und hämmerte sich mit den Tentakeln auf seinen fetten Wanst.

»Richtig so! Frauen müssen ihre Position kennen, in der sie nützlich sind. Immer mein Reden.«

Roi spürte Kathys bösen Blick auf sich ruhen.

»Woher kommt ihr?«

Fyntross antwortete für Danton. Er erzählte dem Persy von der Welt außerhalb des Resif-Sidera. Und von der VIPER.

»Meine besten Techniker werden sich darum kümmern, die VIPER zu reparieren. Je mehr Raumschiffe unter dem Kommando meines fähigsten Kapitäns stehen, desto mehr Reichtum wird es mir bringen.«

Bullfah glotzte Kathy an.

»Vielleicht könnt Ihr mir die Kleine ausleihen oder verkaufen? Was verlangt Ihr für die Trockenhäutige? Vielleicht fühlt sich das wirklich mal gut an, so einen Körper zu befruchten.«

»Wie bitte?«, fuhr Kathy auf.

Roi winkte beschwichtigend ab.

»Sie ist nicht verkäuflich. Ihre Dienste sind zu einzigartig. Tut mir leid, edler Bullfah. Doch wer sind nun genau die Ylors?«

Kapitän Fyntross erklärte, dass die Ylors Wesen der Finsternis waren. Sie hausten in den verbotenen Regionen des Rideryons. Teilweise lebten sie in den kargen Wüsten auf der Oberfläche oder in tiefen Höhlen. Sie waren verstümmelte Kreaturen, die Nistant hassten. Es hieß, ihr Anführer Medvecâ würde alles tun, um die Erinnerungen an Nistant auszulöschen.

»Und deshalb wird er uns für Ajinahs Bild einen gigantischen Preis bezahlen. Das Vergnügen, dieses Bildnis zu zerstören, ist ihm Milliarden wert«, erzählte Bullfah.

»Wie auch immer Sie sich entscheiden, tun Sie es fix, denn die Jaycuul jagen uns.«

Bullfah spie jede Menge grünen Schleim aus und wedelte unkontrolliert mit den Tentakeln.

»Fyntross?«

Der Fischkopf druckste herum. Ein Stielauge schaute Danton an, das andere hielt er vor dem Paten gesenkt.

»Die Hohepriesterschaft hat die Jaycuul mit der Suche beauftragt. Einer meiner Dychoo hat sie gespürt. Es könnte sein, dass sie uns finden.«

»Wieso erfahre ich dieses winzige Detail von dem Freihändlerkönig und nicht von dir? Vielleicht sollte ich dich ausweiden und ihn zum Kapitän machen!«

»Keine schlechte Idee, Sir«, meinte Danton lächelnd.

Fyntross zog seinen Degen und hielt ihn Danton an die Kehle.

»Auf der anderen Seite ist Partnerschaft sehr wichtig. Kein Fisch zum Abendessen, verstanden?«

Fyntross nahm den Degen herunter und ging durch den Raum.

»Wir werden vor den Jaycuul das Bildnis verkauft haben. Die Ylors sind die beste Lösung. Sollen die sich dann mit Nistants Kettenhunden herumschlagen.«

»Also gut, Kapitän. So sei es. Es ist auch mein Wille. Nur, du kannst nicht mit den Ylors verhandeln. Dazu bedarf es eines Wesens meines Formats. Deshalb werde ich euch zum Rideryon begleiten«, verkündete Bullfah.

Nun sah Roi seine Chance gekommen.

»Großer Bulle, Euer Ehren! Die VIPER ist der DUNKELSTERN technologisch bei Weitem überlegen. Wenn Ihr es also schafft, uns die nötigen Ersatzteile zu liefern, habt Ihr mit der VIPER ein Raumschiff, welches Eurer würdig und stark genug ist, um Euer Leben im Kampf gegen die Jaycuul zu schützen. Was meint Ihr?«

Nun gurrte der Persy vor sich hin. Dabei tropfte mal wieder Schleim aus seinen Öffnungen. Offenbar dachte er über Rois Angebot nach.

»Deine Argumentation ist logisch. Ich werde an Bord der VIPER residieren.«

»Hervorragend!«, jubelte Danton.

»Aber du bist nicht der Kommandant. Fyntross wird Kapitän der VIPER werden, nachdem sie repariert worden ist, wobei ihr uns natürlich helft. Damit du mich nicht betrügst, wird die hübsche Frau an meiner Seite bleiben.«

»Nun, das ruft weniger Euphorie bei mir hervor …«

*

Kathy Scolar fühlte sich alles andere als wohl beim fetten Persy Bullfah. Er hatte Ideen über humanoide Frauen, die eigentlich kaum seiner eigenen Vorstellungswelt entstammen konnten. Er hatte ihr eine Art Bikini bringen lassen und bunte, mit Strassperlen besetzte Schleier, die sie nackt aussehen ließen, auch wenn sie jeden einzelnen davon um sich wickelte. Und hochhackige Schuhe, in denen sie kaum laufen konnte. Eigentlich musste einen wie ihn nur Schleim interessieren, und damit konnte sie nun wirklich nicht dienen. Trockenhäuter! Was wollte er nur von ihr?

Immerhin hatte sie nichts weiter zu tun, als in seinem Thronsaal zu sitzen. Das gab ihr genug Zeit, wieder und wieder an Aurec zu denken. Sie liebte ihn. Sie vermisste ihn. In solchen ekligen Situationen ganz besonders. Ihr wurde ganz flau zumute. Sie wünschte sich so sehr, dass sie wieder vereint wären. Alles wäre viel leichter zu ertragen.

Kathy seufzte und schluckte den Kummer herunter. Bloß nicht heulen! Sie wollte nicht wieder die weinende Zicke machen, sondern stark sein. Ihre einzige Chance, Aurec jemals wiederzusehen, war, stark zu sein. Es war ja inzwischen schon nichts Neues mehr für sie, irgendwo in Gefangenschaft herumzusitzen. Obwohl der Anblick dieses gelben Schleimballs schon sehr gewöhnungsbedürftig war.

Der Gestank tat sein Übriges. Persys waren fremdartig und entsprachen keinesfalls dem terranischen Schönheitsideal. Es war bei der Vielfalt an Geschöpfen im Kosmos nicht immer leicht, alle gleich zu behandeln. Kathy glaubte, dass es schlichtweg die Gene eines jeweiligen Volkes waren, die ein Unbehagen beim Anblick gewisser anderer Völker auslösten. Natürlich wusste sie, dass sie die Persy nicht nach ihrem Aussehen beurteilen durfte. Allerdings war dieser Schleimkloß ein Mafiaboss. Innerlich war er also genauso abstoßend wie – nach terranischen Maßstäben. Sein Charakter war genauso abstoßend wie sein Körper.

Genau in diesem Moment sprach er sie an. Die schmierigen Ringe seines fetten Wanstes zitterten.

»Willst du meinen Bauch streicheln und ihn mit deiner feinen Zunge sauber lecken?«

Kathy blickte Bullfah angewidert an. War es das, was ihn an ihr interessierte? Die Zunge? Ablecken? Den Teufel würde sie tun! Hatten die Persy keine eigenen Frauen? Solche, die auf Schleim standen? Langsam verlor sie die Geduld.

Die Holztür schwang knarrend auf. Roi Danton schwankte herein. In der rechten hielt er ein Taschentüchlein, in der linken eine Flasche Alkohol. Vermutlich Thol-Rum.

»Bonjour, Maschmosaille et Ma… Ma… naja, hoher Herr.« Danton nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und rülpste beherzt. Bullfah lachte und fing seinerseits an, jede Menge unappetitlicher Geräusche aus seinen Öffnungen abzugeben.

Offenbar verstanden sich die beiden recht gut, fand Kathy, die all ihre Selbstbeherrschung brauchte, um sich nicht zu übergeben. Danton wandte sich ihr zu.

»Oh, ja! Da ist ja das Schnuckelchen! Sagen Sie, Bullfah, haben Sie je so etwas Schönes im Universum gesehen?«

»Oh, danke, Roi!«, murmelte Kathy, wider Willen geschmeichelt.

Danton torkelte an ihr vorbei und fuhr mit der rechten Hand über das Bildnis der Ajinah.

»Eine Schönheit ist das. Einfach eine Schönheit!«

Kathys giftigen Blick ignorierte er. Bullfah betrachtete nun auch das Bild.

»Ja, Danton, sie ist wunderbar. Aber nur, weil sie viel, viel Geld bringt. Deshalb ist sie im Moment das Schönste im ganzen Kosmos.«

Bullfah lachte. Dabei spie er wieder literweise das grüne Zeug aus, spuckte es auf den Boden und besudelte sich selbst damit. Die Tentakel verrieben die schleimige Masse auf seinem fetten Wanst.

Kathys Magen erlaubte ihr nicht einmal zu seufzen. Einen schönen Verehrer hatte sie da aufgetan! Immerhin, lachte sie bitter auf, interessierte sich der Schleimkloß mehr für sie als für das Bild von Nistants toter Flamme. Ablecken, so was!

»Ich habe dir was mitgebracht, Dickerchen!« Roi kramte aus seinem Mantel zwei Flaschen Cognac hervor und hielt sie erwartungsvoll in die Höhe.

»Schnaps von der Erde. Du wirst keinen besseren im Universum finden. Wenn meine Rasse etwas richtig gut kann, dann ist es saufen. Und natürlich beherrschen wir das Brennen von entsprechend leckerem Schnaps. Also, los!«

Roi reichte dem Schleimkloß die beiden Flaschen. Er hielt sie fest, bis der Persy sie sicher hatte. Die glitschigen Tentakel öffneten den Verschluss mit überraschender Geschicklichkeit. Bullfah schüttete die beiden Cognacflaschen gleichzeitig in sich hinein. Gleich darauf fing er an, seltsam zu wabern und zu zittern. Er stieß einen grauenvoll lauten Rülpser aus und platschte nach vorn.

Roi wirkte keineswegs überrascht.

»Was hast du getan?«, rief Kathy.

Roi, der plötzlich gar nicht mehr betrunken wirkte, lächelte ihr zu.

»Unser Alkohol wirkt wie ein Narkotikum auf die Persy. Sato hatte etwas recherchiert und die Möglichkeiten ausgelotet. Hat geklappt, n’est-ce pas?«

Kathy sprang auf und wollte den eigenwilligen Mann am liebsten küssen, doch sie überlegte es sich rasch anders. Wer weiß, ob Roi das nicht gleich ausnutzte. So ganz geheuer war ihr Perry Rhodans seltsamer Sohn nach all diesen Manövern nicht mehr.

»Komm, Cherie! Wir müssen hier raus.«

Nach einem eingehenden Blick auf ihre Aufmachung zog er die Jacke aus und hielt sie ihr galant hin. Kathy winkte ab. Diese Art Schutz brauchte sie garantiert nicht. Sein Fluchtplan interessierte sie eher.

»Wohin geht es?«

»Zur VIPER. Wir haben zwar nicht annähernd so viele Ersatzteile erhalten, wie wir es uns erwünscht haben, doch die Energiequellen helfen – so zumindest sagt es der verehrte Roland Meyers – um die nötigsten Einrichtungen einsatzbereit zu machen. Wir werden Impulsgeschütze haben, einen -Schutzschirm und ein Transitionstriebwerk. Klingt für mich ausreichend, um uns der Gastfreundschaft des ungehobelten Packs zu entziehen. Meinst du nicht auch, Süße?«

Kathy nickte, ohne auf die Anrede einzugehen. Wenn er mal seine chauvinistischen Bemerkungen unterließ, war Danton ein kleines Genie. Er hastete zum Bildnis der Ajinah.

»Das nehmen wir natürlich mit. Komm!«

Beide rannten aus dem Saal. Doch an der Tür liefen sie Kapitän Fyntross und Krash direkt in die Arme.

»Wohin so eilig?«

»Wer? Wir?«

Danton grinste und ließ die Hüften kreisen.

»Ich gebe es ja zu. Es dürstet ihr nach mir. Du verstehst? Wir wollten es nicht vor dem Schwabbelbauch treiben und mussten warten, bis er besoffen ist. Wir müssen jetzt aber ganz schnell los, denn sie ist ganz wuschig. Sie hält das nicht mehr aus, verstehst du?«

Kathy blickte verwirrt zu Roi, dann verstand sie und nickte hastig.

»Oh ja. Aber … ich könnte es glatt mit euch beiden treiben. Gerade mit dir, du kleiner FishMac. Deine sinnlichen roten Lippen bringen mich zum Erbeben.«

Nun blickte Roi sie verstört an.

Fyntross zog seinen Säbel. Krash eine Pistole.

»Her mit Ajinah, bitte. Ich frage nur einmal. Nach dem zweiten Mal erschießt Krash die Frau.«

Roi lächelte souverän. Kathy vermutete, dass er nun seinen Trumpf ausspielte. Also, er musste einfach einen haben, denn wer war so blöde, sie ohne Rückendeckung zu befreien und das Bildnis zu stehlen? Bestimmt tauchte in jeder Sekunde Meyers von hinten auf.

Doch Roi übergab dem Kapitän widerstandslos das Bildnis. Kathy korrigierte innerlich die Einschätzung als kleines Genie. Idiot passte wohl eher.

Fyntross wedelte mit der Waffe.

»Krash und ich haben in den letzten vier Tagen einiges dazugelernt. Impulsgeschütze, Paratronschutzschirm, Transitionstriebwerk, Virtuellbildner. Zu dumm, dass das Transformgeschütz nicht funktioniert oder die Intervallstrahler. Wir sind wohl auch ohne eure Hilfe in der Lage, die VIPER zu fliegen. Deshalb werden Sie und Ihre Crew die Inhaftierungszellen von innen bewachen. Auf geht’s!«

Immerhin, überlegte Kathy, funktionierte dieser Teil des Plans. Sie liefen zur VIPER. Und sie würden ohne Probleme hineinkommen. Mit großer Mühe unterdrückte sie ein höhnisches Auflachen.

Auf dem Weg zu Brok’Ton

»Wir werden alle sterben, ich sag es euch«, seufzte Wilzy Wltschwak. Cul’Arc beobachtete entnervt den pummeligen Gannel. Langsam bereute er, die drei Freunde von Lariza Bargelsgrund mitgenommen zu haben.

Zwar waren Daccle Dessentol und Secc Grindelwold recht angenehme Jugendliche, doch dieser tumbe Wltschwak war stets bemüht, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Da der Tollpatsch an sich eine trostlose Gestalt war, versuchte er Mitleid zu erregen. Er stöhnte, seufzte und jammerte unentwegt vor sich hin.

Die Fähre erreichte die AGASH. Cul’Arc musterte mit Stolz das vier Kilometer lange Raumschiff aus der Rideryon-Flotte. Die AGASH war das modernste und beste Forschungsschiff im gesamten Resif-Sidera. Ihre Außenhaut war aus kupferfarbenem Metall. Die Sonnen spiegelten sich darauf wieder. Das Fledermauswesen warf Tashree einen Blick zu. Der Harekuul verneigte sich und instruierte die vier Gannel.

Als das Fährraumschiff im Hangar aufsetzte, wurden sie von einer Parade willkommen geheißen. Admiral Volgaard jaulte ehrfürchtig. Eine besondere Geste unter den Manjor.

»Alles ist vorbereitet, mein Lord Cul’Arc!«, unterrichtete Volgaard seinen Herrn über die Vorbereitungen.

»Habt Dank! Ihr habt gute Arbeit geleistet, die AGASH so schnell einsatzbereit zu machen.«

Cul’Arc übergab Volgaard einen Memokristall mit den Koordinaten von Druithora. Volgaard nahm sie dankend an und führte Cul’Arc in die Kommandozentrale. Für das Fledermauswesen war der Anblick relativ neu, denn er war noch nie mit der AGASH geflogen. Er hatte sie sich zwar kurz angesehen, doch er war viel zu kurz im Resif-Sidera, um sich völlig auszukennen. Nur der Geist half ihm immer weiter.

Die Zentrale bestand aus drei Ebenen. Sie war kreisförmig angelegt. Im Zentrum saß der Admiral. Was nun geschah, war wiederum für Cul’Arc neu. Admiral Volgaard speiste die Koordinaten in den Rechner und aktivierte mit einem goldenen Knopf das Sternenportal. Wie aus dem Nichts erschien der Ring des Portals im Leerraum und begann zu leuchten. Das Sternenportal dehnte sich aus, um das Schiff aufzunehmen, und die AGASH begann den Flug nach Druithora, um Brok’Ton aus seinem ewigen Gefängnis zu befreien.

Die Ylors

Die Reise zum Rideryon dauerte sechs Tage. Roi Danton und Kathy Scolar hatten in dieser Zeit keinen Kontakt zu Meyers, Nataly Andrews, Sato Ambush oder Maya ki Toushi gehabt. Sie wussten demzufolge nicht, wie es ihnen ging, doch Roi hoffte, dass Fyntross sie gut behandelte. Sie waren wertvoll, solange sie mehr über die VIPER wussten als die Piraten.

Danton hatte inzwischen einen Sonderstatus als eine Art Kapitän in spe bekommen. Er war Krash untergeordnet, durfte jedoch hier und da mal Befehle geben und das Leben an Bord der DUNKELSTERN kennenlernen. Vermutlich planten Bullfah und Fyntross ihn doch ernsthaft ein. Kathy hatte es weniger gut getroffen. Sie war in der Kombüse eingeteilt und musste mit dem schmierigen Koch Fraahss für das leibliche Wohl der Mannschaft sorgen. So viel Gemüse hatte sie noch nie im Leben geschnippelt. Servoroboter gab es hier jedenfalls keine.

Roi hatte endlich Gelegenheit, sich das Rideryon genauer anzuschauen. Es war gigantisch. Überall zerklüftete Berglandschaften, ausufernde Riffe, die in den Weltraum ragten, aber auch Ozeane, Wüsten, Wälder und Eislandschaften. Der untere Teil des Rideryons war komplett in Nebel eingehüllt. Die Kunstsonnen drehten sich auch nur um den »oberen Teil«.

Natürlich wäre bei einem anderen Anflugwinkel der obere Bereich eigentlich der untere Bereich gewesen. Gerade durch die Sonnen wirkte die Einteilung in Oben und Unten allerdings überzeugend. Und sie bedeutete, dass in der Nebelregion ewige Finsternis herrschte.

Städte konnte Roi mit bloßem Auge nicht entdecken. Dazu war das Rideryon einfach zu groß. Noch immer fiel es ihm schwer, sich an diese Tatsache zu gewöhnen. Doch er wusste, dass es Metropolen gab. Er hatte dank der Arawakpiraten weitere Informationen über die Beschaffenheit Rideryons gesammelt.

Aufgrund der besonderen achtförmigen Umlaufbahn der beiden Sonnen ergaben sich unterschiedliche Tage, welche auf Rideryonisch »Sid« genannt wurden. Die Nacht wurde als »Yla« bezeichnet. Im Zentrum Rideryons waren die Tage und Nächte kürzer, umgerechnet je zehn Stunden Tag und Nacht. An der Grenze zur Dunkelseite betrug das »Sidyla«, also der Tag-Nacht-Zyklus, bereits vierzig Stunden terranischer Zeit.

Eine Sonne stand am Zenit Rideryons, während die andere an ihrem jeweils tiefsten Punkt lag. Wurden stärkere Temperaturschwankungen durch eine Wetterkontrolle reguliert? Anders konnte es gar nicht sein. Wer jedoch die Macht hatte, in diesem Ausmaß das Wetter zu kontrollieren, mussten sie noch herausfinden. Selbst die Manjor schienen nicht dazu in der Lage.

Auch über die Atmosphäre hatte Danton mehr erfahren. Sie besaß eine riesige Ausdehnung bei nur sehr langsam abnehmendem Luftdruck. Die sogenannte Todeszone lag erst bei knapp dreihunderttausend Kilometern Höhe. Dabei erschien sie aufgrund der Größe des Riffs wie eine dünne, bläuliche und zerbrechliche Haut.

Die Tholmonde verfügten ebenfalls über eine Sauerstoffatmosphäre, welche offenbar durch technologische Anlagen am Mond gehalten wurden.

Vor ihnen lag nun die Schattenseite Rideryons.

Die dunklen, ewig wolkenverhangenen und nebeligen Landschaften waren laut Aussage der Piraten trist und fast ohne Vegetation. Hier und da gab es Ruinenstädte und einige Anlagen der Ylors. Die Ylors waren lichtscheu, wenngleich es ein leichtes Licht auch dort gab. Die Quellen stammten aus der Streuung, die von dem kleinen Nebelmeer und den Wolken kam, welche indirekt die Sonnen reflektierten.

Danton vermutete, dass Leben hier Chemosynthese betrieb und vermutlich ausgeprägte Ultraschall-, Infrarot- oder Seismikorgane besaß. Vulkanische Magmablasen und Gewässerflächen, welche zusammen mit der Wolkendecke und der Strömung der Atmosphäre von der Sonnenseite agierten, sorgten dafür, dass diese Region nicht lebensfeindlich war. Die Temperaturen lagen um zehn Grad über und unter dem Gefrierpunkt. Das Klima auf der Schattenseite war oft stürmisch.

Oberhalb eines gewaltigen Berges traten sie in die Atmosphäre des Riffs ein. Nach dem Sinkflug durch dichte Wolken durchstießen sie die Erbsensuppe, in der sie kein bisschen freie Sicht hatten, und flogen an einer Bergkette vorbei, die hunderte Kilometer in die Höhe ragte.

Danton war sprachlos.

Wenn Nistant als der Erbauer des Rideryons galt, war es definitiv künstlich. Aber wer war in der Lage, so etwas zu erschaffen? Roi überkam ein Schauer. Das Riff war ein kosmisches Wunder erster Güte. Vergleichbar war es nur mit dem Schwarm, der Endlosen Armada oder der Tiefe.

Sein Vorhandensein zeigte auch, wie winzig die Terraner im kosmischen Maßstab waren. Nicht alles drehte sich um sie. Es gab unzählige Geheimnisse, und auch wenn sie glaubten, sie wussten schon viel, trafen sie auf neue Überraschungen und Wunder.

»Wo liegt eigentlich die Welt der Ylors?«, wollte er von Krash wissen.

»Im Nebelgebirge. Dort wo …«

»Ewige Finsternis herrscht. Danke, ich hatte es befürchtet.«

Roi seufzte tief. Ausgerechnet dorthin mussten sie fliegen. Sicherlich gab es schönere Regionen auf dem Rideryon.

Sie tauchten in den Nebel ein.

»Beherrschen die Ylors die ganze Schattenseite?«

»Ja«, lautete die knappe Antwort des Manjor.

»Sieht aber nicht sehr besiedelt aus. Keine Raumschiffe. Nichts«, stellte Danton fest.

»Die Ylors leben in abgeschiedenen Burgen oder in unterirdischen Städten. Doch niemand wagt es, die Schattenseite Rideryons zu untersuchen. Die Furcht vor den Finsteren ist zu groß.«

»Oh? Auch Krash kennt Furcht?«, fragte Roi schnippisch.

Der Manjor gähnte gelangweilt und sagte dann. »Nur ein Narr fürchtet die Ylors nicht.«

Die DUNKELSTERN und die VIPER aktivierten die Außenkameras. Nun endlich erkannte Roi auch Details der Oberfläche. Sie war trostlos und leer. Keine Vegetation, kein Anzeichen von Leben. Alte Ruinen von längst zerstörten Städten markierten ihren langen Weg.

»Die Ylors leben freiwillig auf der Schattenseite. Es heißt, sie hassen das Licht. Sie sind Kinder des Fürsten der Finsternis und absolut bösartig. Nistant stehe uns bei.«

Kathy betrat die Brücke. Krash blickte sie böse an.

»Hey, ich habe dir etwas Chappi mitgebracht. Guten Appetit.«

Sie drückte dem Manjor eine Schale mit matschigem Fleisch in die Klauen und ging zu Danton.

»Das ist unheimlich hier.«

»Oui, mon amour. Auf dem Rideryon lauern jede Menge finstere Gestalten und wir sind auf dem Weg zu welchen. Das gefällt mir auch nicht. Komm her, meine Schöne!«

Roi zog Kathy zu sich heran und blickte ihr tief in die Augen. Er streichelte ihr Haar und kam mit seinen Lippen näher an ihren Mund. Sie schreckte verwirrt zurück und blickte ihn verstört an. Dann berührten seine Lippen ihre Wange und er flüsterte ihr ins Ohr:

»Ich habe aus der Medostation Schlafmittel gestohlen. Mische es ins Abendessen. Wenn alle betäubt sind, werden wir die DUNKELSTERN kapern. Aye?«

Er lächelte sie verführerisch an. Kathy nickte und knabberte nun ihrerseits an seiner Wange.

»Und was wird aus den anderen?«

»Um die kümmern wir uns später.«

»Nein, wir lassen Nataly und die anderen nicht zurück. Dann überleg dir einen anderen Plan.«

Kathy drückte sich an Roi und ließ ihn dann los. Er tätschelte gönnerhaft ihren Oberarm. »Später, mein Schneckchen«, versprach er. »Du bekommst, was du willst, sobald ich Zeit habe. Jetzt bin ich beschäftigt, Cherie. Mit ernsthaften Aufgaben.«

Tatsächlich schaffte es Kathy, einen Schmollmund zu ziehen und mit schwingenden Hüften in die Kombüse zurückzukehren. Danton wusste, dass sie recht hatte. Es war schwierig. Doch wenn sie die DUNKELSTERN hatten, würde ihm schon etwas einfallen, um die anderen zu befreien. Auf der anderen Seite könnten Fyntross und Bullfah auch die anderen töten oder zumindest einen von ihnen. Nein, es musste eine bessere Idee geben, wie sie alle mit einem Schlag außer Gefecht setzten.

»Danton, es ist so weit. Du und der Glatzkopf sollt Fyntross und Bullfah begleiten. Der Fürst der Ylors scheint euch empfangen zu wollen«, rief Krash.

»Das wird ein Vergnügen …«

*

Arawak-Pate Bullfah hatte sich für eine Space-Jet als Transportmittel entschieden. Neben ihm selbst, Kapitän Fyntross, Roi Danton und Sato Ambush waren fünf weitere Crewmitglieder anwesend. Ein fetter Manjor, der sich ständig kratzte, ein dürrer Fithuul, zwei muffelnde Harekuul und ein Riffzwerg.

Der fette Manjor war der Waffenleitoffizier der DUNKELSTERN und trug den Namen Craasp. Der grazile, aber einfallslos wirkende Fithuul stritt ständig mit Craasp. Der Fithuul Zerzu war Pilot und steuerte die Space-Jet. Offenbar war er nicht so dumm, wie er aussah, denn immerhin wusste er, wie man das für ihn fremde Raumschiff bediente.

Der Riffzwerg sah Danton finster an. Er war vielleicht einhundertdreißig Zentimeter groß und ebenso breit. Sein breites, grimmiges Gesicht mit den winzigen Knopfaugen machte ihn nicht sympathischer. Der kurze Haarschnitt rundete das wenig freundliche Bild ab.

Der Name passte wie kein anderer: Hakkh! Er hielt in seiner Hand eine Keule mit einem Nagel. Anscheinend war er ein Leibwächter.

Die Space-Jet landete in einem Tal. Roi überkam ein ungutes Gefühl, als die Space-Jet aufsetzte.

»Keine Sorge, finstere Gegenden müssen nicht die Heimat für bösartige Kreaturen sein«, sagte Sato Ambush. »Es gibt Nachtwesen, die durchaus harmlos sind.«

»Aha …«

Kapitän Fyntross sprang auf.

»Meine Herren, elendes Pack, auf geht es zu Reichtum und Ruhm. Darf ich bitten?«

Die beiden Harekuul trugen den fetten Bullfah auf einer Sänfte. Hakkh und Craasp gingen voran, dann folgten Bullfah und Fyntross. Der Fithuul Zerzu wies Danton und Ambush an, nun auch die Space-Jet zu verlassen.

»Darf ich Wache halten, Kapitän?«, bat Zerzu. »Jemand muss doch das Raumschiff bewachen.«

Fyntross lachte.

»Also gut, du bleibst hier. Aber wehe, du schläfst ein. Dann schneide ich dir die Kehle durch.«

Sichtlich erleichtert blieb der Fithuul zurück, während die anderen weitergingen. Der Boden war glitschig und weich. Eine Art Moosgewächs bedeckte ihn. Roi vermutete, dass es hier ziemlich viele sumpfige Stellen gab. Bäume oder Pflanzen existierten hier nicht, nur Moos.

»Woher kennt ihr den Weg?«, fragte Roi.

Fyntross zeigte auf eine Lanze mit einem Totenschädel. Danton verstand.

Eine primitive, aber wirkungsvolle Abschreckung. Es verblüffte Rhodans Sohn. Einerseits beherrschten die Ylors eine so gigantische Landmasse, doch alles wirkte, als würde er ins Lande Mordor aus J.R.R. Tolkiens »Der Herr der Ringe« gehen. Jegliche Anzeichen einer hoch entwickelten Zivilisation fehlten. Um eine Region von diesen Ausmaßen zu kontrollieren, benötigte ein Volk Raumschiffe oder zumindest sehr schnelle Gleiter.

Irgendwoher glaubte er ein Licht zu erkennen. Außerdem fühlte er sich beobachtet. So sehr er sich aber anstrengte, es gelang ihm nicht, irgendetwas aus dem Nebel heraus zu erkennen. Plötzlich schälte sich eine Silhouette aus dem Dunst. Es waren Mauern. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde das Bild. Es war eine Burg. Fackeln an den Zinnen und Türmen erhellten die Feste.

»Wartet!«, sabberte Bullfah.

Die Piraten sahen sich scheinbar nervös um. Hakkh hantierte mit seiner Keule, während Craasp mit zitternden Händen seine Waffe kontrollierte.

»So aufgekratzt wie die sind, sind diese Ylors bestimmt finster, mein lieber Sato.«

»Ja, das denke ich auch.«

»Woher kommt diese plötzliche Erkenntnis?«

»Na, von dort.«

Ambush deutete nach vorn. Dort standen zwei Wesen wie aus einem Albtraum. Sie hatten spitze Ohren, große leuchtende Augen und ein furchterregendes Gebiss. Die beiden Ylors liefen leicht gebückt auf die Gruppe zu. Ihre Kleidung war spärlich und doch wirkte sie militärisch. Zumindest waren sie bewaffnet. Einer hielt aber noch etwas Seltsames in den Händen. Entsetzt erkannte Danton den Arm eines humanoiden Wesens, an dem der Ylors genüsslich knabberte.

Oh ja, diese Wesen waren wirklich finster.

»Wir grüßen euch. Ich bin Bullfah, ein Pate der Arawakpiraten. Ich bin in geschäftlicher Angelegenheit hier und möchte mit dem Fürsten der Ylors sprechen. Ich erwarte angemessene Gastfreundschaft.«

Die beiden Ylors zischten und fuchtelten mit ihren Messern. Die Lage war angespannt. Ein Rascheln von links ließ Roi zusammenzucken. Dann ein Geräusch von rechts. Von hinten hörte er Schritte. Überall leuchteten unheimliche Augen aus dem Nebel. Sie waren von den Ylors umzingelt.

»Wer sagt, dass wir euch zum Fürsten bringen? Ihr seht ziemlich lecker aus. Viel Fleisch. Wir sind durstig und hungrig«, sagte der Ylors, der den Arm in der Hand hielt.

»Die haben uns wohl einige Details verschwiegen«, meinte Danton zu Ambush.

»Haltet ein, ihr Madenpack. Sonst reiße ich euch eure Gedärme heraus«, rief eine Stimme.

Ein Ylors, der trotz seiner hoch aufragenden Gestalt genauso verstümmelt wirkte wie die anderen, trat auf sie zu. Während die anderen beiden Ylors haarlos waren, trug er langes, fettiges schwarzes Haar. Seine langen Zähne blitzten aus dem Maul.

»Verzeiht die rüde Begrüßung, aber meine Männer sind ausgehungert. Es kommen so selten Besucher her, außer einigen Jägern. Wieso wollt ihr den Fürsten sprechen?«

»Das erkläre ich keinem Handlanger«, sagte Bullfah.

Der Ylors brüllte und fletschte die Zähne.

»Du solltest es lieber mir erklären, ansonsten wirst du nie wieder etwas aus deinem feuchten Maul sabbern können, elender Persy. Ich bin Veritor, Statthalter der Festung Narjas und Stellvertreter des Fürsten der Finsternis Medvecâ.«

Die Stimmung wurde immer angespannter. Roi befürchtete, dass die Ylors jede Minute über sie herfielen. Er ging mit betont ruhigen Schritten auf Craasp zu.

»Du machst einen vernünftigen Eindruck. Kannst du deinen Freund nicht rufen? Er könnte uns mit der Space-Jet abholen, bevor es zu spät ist.«

Der dicke Manjor blickte Roi zustimmend an.

»Fyntross hat bestimmt was dagegen. Doch auf der anderen Seite ist mir mein Leben lieber, als dass die mich auch zu einem Ylors machen.«

»Wie bitte?«

»Kennst du die Geschichten der Ylors nicht? Sie sind unsterbliche Kinder der Nacht. Sie fressen andere Lebewesen und leben von deren Energie. Wenn sie wollen, töten sie dich nicht, sondern machen dich zu einem von ihnen.«

»Klingt wie Vampire«, meinte Roi. »Aber die gibt es doch nicht wirklich. Oder doch?«

Roi schaute sich die Ylors an. Eine gewisse Ähnlichkeit zu Vampiren bestand da schon. Vielleicht hätte er Knoblauch essen sollen?

Veritor schritt durch die Gruppe und beachtete den ratlosen Bullfah nicht. Er musterte Danton und Ambush.

»Ihr seid keine Rideryonen. Das rieche ich an eurem Fleisch. Es ist fremd. Woher kommt ihr?«

»Gutes Riechorgan, Monsieur. Mein Name ist Roi Danton, Freihändlerkönig von Olymp. Ein Reisender, der bedauerlicherweise und auf völlig unvorhersehbare Art von diesen Piraten gefangen genommen wurde. Eigentlich habe ich mit denen gar nichts zu tun.«

»Dann können wir ihn ja auffressen. Ja? Bitte, Lord, bitte!«

Der andere Ylors hatte den Arm inzwischen völlig abgeknabbert, schien aber immer noch großen Appetit zu verspüren.

»Ich spüre noch mehr. Ihr seid auch Unsterbliche. Alle beide besitzt ihr Kosmokratenwerk in euren Körpern. Euch fressen wir nicht. Ihr seid bedeutend. Fürst Medvecâ wird sich um euch kümmern. Führt sie in die Burg!«

Die Ylors packten Danton und die anderen. Bullfah wies seine Leute an, die Waffen zu senken. Nun waren Roi und Sato erneut Gefangene. Es fragte sich nur, wer der schlimmere Peiniger war.

*

Das Innere der Burg war noch unansehnlicher als die Räume der DUNKELSTERN, fand Danton. Es wirkte alles sehr mittelalterlich. Finsterstes Mittelalter. Die Aufmachung der Burg erinnerte an einen Horrorfilm, aber offenbar war das der Lebensstil der Ylors.

Sie wurden durch den Hof zu einem Palast geführt. Eine Halle thronte in der Mitte der Festung. Dort wirkte es sauber. Die Wachen ließen sie passieren und sie betraten einen festlichen Saal. Gemälde zierten die Wand und überall standen Rüstungen, Waffen und zu Dantons Erstaunen Miniaturen von Raumschiffen.

Am Ende der Halle stand eine lange Tafel, an deren Ende ein humanoides Wesen saß. Es trug eine schwarze Kombination, hatte seine langen, dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und wirkte sehr kultiviert. Er besaß spitze Ohren und seine Augen waren eine Nuance größer als die der Menschen.

Seine Haut war blass und fahl. Er wirkte jung, adrett und gepflegt. Keinesfalls wie ein Monster.

»Willkommen Fremde! Ich bin Fürst Medvecâ, Herr über das Land der Finsternis und des Nebels. Was ist Euer Begehr?«

Medvecâ lehnte sich zurück. Bullfahs Sänfte wurde herniedergelassen. Mit einem glitschigen Geräusch begann der Persy seine Ansprache.

»Ich bin Bullfah, Großpate. Meine Familie hat bereits Geschäfte mit Euch gemacht, edler Fürst. Ich biete Euch etwas sehr Interessantes.«

Medvecâ blieb ungerührt. Er starrte mit seinem stechenden Blick den Persy an, der vor sich hin blubberte. Kapitän Fyntross trat hervor und legte das Bildnis der Ajinah auf den Tisch. Nun zeigte Medvecâ die erste Regung. Er betrachtete das Bild aus Marmor intensiv.

»Es ist uralt. Dann nehme ich an, Ihr habt den Manjor-Monolith vernichtet?«

»So ist es«, sagte Bullfah stolz.

Medvecâ lachte.

»Und nun treibt Euch Gier und Angst zu mir. Ihr fürchtet die Jaycuul-Ritter vermutlich mehr als mich. Es ist mir klar, dass Ihr diese Ware nicht über das Rideryonnetzwerk verkaufen könnt. Sie jagen Euch, richtig?«

Bullfah schwieg.

»Nun haben wir das Relikt der Vergangenheit. Und was ist Euer Preis?«, fragte Medvecâ.

»Ein hoher Preis. So viel Gold und Edelmetalle, wie meine beiden Raumschiffe tragen können.«

Veritor fing an zu knurren. Roi Danton wertete dies nicht als Zustimmung. Medvecâ lachte wieder. Dann klatschte er Beifall.

»Herrlich, Ihr habt mich zum Lachen gebracht«, sagte er und stand auf. Er ging um die Tafel herum und stellte sich vor Bullfah und dessen Harekuul-Träger.

»Ihr befindet Euch in der Hochburg des Volkes der Ylors. Mir unterstehen Millionen. Und viele von ihnen wandeln unter den Rideryonen, getarnt und versteckt. Da wagt Ihr, mir etwas zu diktieren?«

Der Persy fing an zu zittern. Speichel rann aus dem Maul.

Plötzlich verwandelte sich Medvecâ in einen Ylors. Das Gesicht mutierte zu einer wolfsähnlichen Fratze mit großen Reißzähnen. Er packte den Harekuul zu seiner Rechten und zerfetzte mit einem Biss dessen Halsschlagader. Veritor stürmte zum anderen Harekuul und riss ein Stück Hals aus ihm heraus. Beide Harekuul waren tot. Dann verwandelte sich Medvecâ zurück.

»Ja, wir können unsere Gestalt verändern. Zumindest einige von uns. So wie ich sahen wir einst aus. Vor den Kosmokraten und ihren Flüchen. Verdammt zur Unsterblichkeit mit all ihren Lasten vegetieren wir in der Finsternis ohne Hoffnung auf Erlösung.«

Nun mischte sich Danton ein. Zu viele Fragen quälten seine Gedanken. Er trat hervor und ließ sich von dem mürrischen Knurren von Veritor nicht zurückschrecken.

»Euer Aussehen erinnert mich an das Volk der Alysker, nespa? Naja, mir ist zumindest eine begegnet, die frappierende Ähnlichkeit zu Ihnen hat, Fürst Medvecâ.«

Medvecâ starrte Danton seltsam an.

»Alysker. Diesen Namen habe ich lange nicht mehr gehört. Du hast eine von unserem Volk getroffen? Wer ist sie? Vermutlich kenne ich sie.«

»Nein, ihr Name ist Elyn, Tochter des Eorthor.«

»Eorthor? Er hat ein Balg in das Universum gesetzt? Eorthor der große Versager unseres Volkes. Er hatte die ehrenhafte Aufgabe ein Volk von Verfluchten zu regieren und hat auf ganzer Linie versagt.«

Medvecâ wanderte durch den Saal. Fyntross starrte Danton und Ambush verwirrt an. Roi grinste. Nun hatte er gepunktet. Er erinnerte sich daran, dass Elyn einmal von abtrünnigen, mutierten Alyskern gesprochen hatte. Sie waren unberechenbar gewesen und im Laufe der Zeit bildeten sie eine eigene Kultur.

Doch wie kamen sie zum Riff? War es womöglich im Kreuz der Galaxien gewesen? Oder gar dort erbaut worden?

»Demnach sind die Ylors das Schattenvolk der Alysker.«

»Einst waren wir Alysker. Durch einen Fluch der Kosmokraten mutierten wir. Später fanden wir heraus, dass der Tod eines Alyskers nicht das Ende war. Starb er den richtigen Tod, so verwandelte er sich zu einem Ylors.«

»Dann seid ihr jene, die ihren Fluch selbst durch den Tod nicht loswurden?«

»Ihr seid gut informiert, Danton. Eorthors Tochter hat es Euch erzählt, richtig? Ich würde sie gern kennenlernen. Wusstet Ihr, dass Eorthor seine Lebensgefährtin einst tötete? Ja, um seine Liebsten war er immer besorgt.«

»Wie ist Euer Volk zum Riff gestoßen?«

»Riff? Eine seltsame Bezeichnung. Wir wurden über die Existenz des Resif-Sidera von einem Gönner informiert. Da wir Ausgestoßene im Kreuze der Galaxien waren, gejagt und gemeuchelt wurden, zogen wir es vor, das Rideryon zu besiedeln.«

»Demnach war das Resif-Sidera im Kreuz der Galaxien? Das ist doch ziemlich weit weg von Siom Som …«

»Genug mit dem Geschichtsunterricht, Roi Danton. Du bist ein neugieriger Terraner. Und ein Unsterblicher. Wir riechen so etwas. Du hast auch ein Geschenk der Kosmokraten erhalten, richtig?«

Danton fasste sich an die Schulter. Er spürte das Pulsieren des Zellaktivatorchips und nickte.

»Und dein Gefährte ebenfalls.«

Danton blickte Sato Ambush verwirrt an. Der Japaner nickte.

»Ja, ich erhielt die relative Unsterblichkeit, nachdem ich mit meinem Para-Ich verschmolz. Sein Zellaktivator ist nun meiner. Auch ich bin relativ unsterblich.«

»Relativ«, bemerkte Veritor und lachte.

»Ihr habt den Segen, noch sterben zu können. Wir hofften auf Erlösung. Und doch gibt es immer noch Motivation, weiter zu existieren. Das Rideryon ist unsere Hoffnung. Es wird das Universum verändern«, sagte Medvecâ.

»Das verstehe ich nicht«, gestand Danton.

»Es gibt einiges, was du nicht verstehst, Terraner. Ich werde dich nicht mit dieser Weisheit beschenken. Nun zurück zu euren Verhandlungen. Fetter Persy, du hast nichts, was mich interessiert.«

Medvecâ klatschte in die Hände. Groß gewachsene Ylors betraten die Halle und nahmen die Sänfte.

»Außer vielleicht etwas Gelee. Bringt ihn zum Küchenmeister, wer weiß, was er daraus zaubern kann.«

Bullfah quiekte laut, doch es gab kein Entrinnen für ihn. Er war zu unbeweglich, um etwas gegen die starken Ylors ausrichten zu können. Tatenlos mussten Danton und die anderen zusehen, wie sie ihn fortbrachten. Sein Schicksal war besiegelt.

»Macht es euch denn gar nichts aus, ein Intelligenzwesen zu essen?«, fragte Ambush beunruhigt.

»Nein«, kam die knappe Antwort des Fürsten der Ylors.

Medvecâ setzte sich wieder.

»Nun zu euch. Was stelle ich mit euch an? Übergebe ich euch den Jaycuul-Rittern?«

»Ihr lebt doch in Feindschaft mit Nistant!«, stellte Kapitän Fyntross fest.

»Ist das so? Wieso sollten wir das? Er lässt uns auf seinem Rideryon leben. Gut, wir töten und morden, wie es uns beliebt, und die Rideryonen hassen uns, aber es ist wie Gut und Böse, Ordnung und Chaos. Beides existiert nebeneinander und respektiert sich.«

Medvecâ lachte, als er offenbar die Verzweiflung in Fyntross erkannte. Das Fischwesen ließ die Flossen schlaff herunterhängen, schloss offenbar mit dem Leben ab.

Medvecâ betrachtete das Bildnis der Ajinah. Er lächelte, als er es sich ansah.

»Eine Schönheit. Ich kannte sie nicht, aber Nistant muss sie richtig geliebt haben. Ewige Liebe. Ewigkeit! Ist das ein Fluch oder ein Segen? Doch wenn man ewig lebt und nichts mehr fühlt außer einer großen Leere, ist es so bedeutungslos.«

Danton überlegte angestrengt, wie sie jetzt von hier fliehen konnten. Da fiel ihm Craasp ein. Der Manjor stand hinter dem Zwerg Hakkh und Fyntross. Danton wechselte einen Blick mit ihm und dieser nickte ihm zu. Offenbar wusste Zerzu, dass sie in Schwierigkeiten waren. Hoffentlich reagierte der Fithuul korrekt.

»Doch der Geist gab unserem Dasein wieder einen Sinn. Wir wurden durch seine Leidenschaft inspiriert«, sinnierte Medvecâ weiter.

»Ihr Raumschiff, Fürst«, warf Veritor ein.

»Was? Ach ja, euer Raumschiff. Das möchte ich haben. Nein, beide will ich haben.«

Das war die Chance!

»Seht Ihr, Fürst, ich biete Euch einen Handel an. Unser Leben gegen ein Raumschiff. Mit Gewalt könnt Ihr es nicht erlangen, denn meine clevere, aber egoistische Crew würde einfach wegfliegen und uns hier sterben lassen.

Erlaubt mir, mit meinen Leuten zu sprechen. Wir erklären ihnen, dass wir ein Raumschiff an Euch verkauft haben und verschwinden mit dem anderen. Wir sehen uns hoffentlich nie wieder und ich wünsche noch viel Glück mit dem neuen Sinn des Lebens.«

Medvecâ beobachtete Danton.

»Tot nützen wir Ihnen doch gar nichts. Aber vielleicht können wir Ihnen weiterhelfen? Ein Treffen mit Elyns Daddy vielleicht mal arrangieren? Oder Ihnen die Adressen von Anti-Kosmokraten-Clubs geben?«

»Er lügt! Ich weiß nicht, was Kosmokraten sind, aber dieser Terraner ist hinterlistiger als ein Pirat. Er hat uns schon einmal getäuscht. Vertraut mir, hoher Fürst«, meldete sich Fyntross zu Wort.

Danton verdrehte die Augen und verwünschte diesen Fischkopf. Medvecâ erhob sich.

»Ich traue keinem von euch. Ich schätze euer beider Besatzungen so ein, dass sie ihrem Kapitän blind folgen. Außerdem sehe ich an unseren Sensoren, dass ihr sowieso mit ihnen in Funkkontakt getreten seid. Wir mögen ja barbarisch aussehen, doch unsere Kultur ist Millionen von Jahren alt. Vergesst nicht, wir sind die Erschaffer von MODROR und DORGON!«

»Das kosmische Projekt«, erinnerte Sato Ambush.

»Ja, das kosmische Projekt. Wir sollten die Drecksarbeit für die Kosmokraten erledigen. Das Unmögliche bewerkstelligen. Und als es natürlich schiefging und zwei Superentitäten entstanden, wurden wir zum Sündenbock degradiert und bestraft. Typisch Kosmokraten, oder?«

Danton gingen langsam die Ideen aus.

»Die VIPER ist ein hochmodernes Raumschiff. Sie wird Eure Burg in Schutt und Asche legen. Und ich würde gern ausprobieren, ob Ihr nicht doch sterben könnt, Medvecâ!«

Medvecâ schritt durch den Saal. Danton glaubte, dass er nervös war. Vermutlich hatte noch nie ein Wesen versucht, die Burg anzugreifen, weil die Ylors zu sehr gefürchtet wurden.

Der selbst ernannte Fürst der Finsternis und des Nebels blickte seinen Statthalter Veritor an. Der Ylors fletschte die Zähne. Dann wandte sich Veritor an Kapitän Fyntross.

»Du stinkst nach Furcht. Und deshalb wirst du tun, was wir wollen. Rufe die Schiffe her. Sie sollen landen. Wenn nicht, sauge ich dich ganz langsam aus und mache dich zu meinem persönlichen Liebessklaven.«

»Gib mir sofort das Funkgerät, Craasp.«

Der Manjor befolgte die Anweisungen seines Kapitäns.

»Hier spricht Kapitän Fyntross an Krash. Die Verhandlungen waren erfolgreich. Bullfah wird die Attraktion beim Festessen sein. Ihr seid alle herzlich eingeladen. Landet und kommt in die Burg von Fürst Medvecâ.«

*

Die Minuten vergingen, doch weder die DUNKELSTERN noch die VIPER erreichten die Burg. Medvecâ wurde ungeduldig.

Dann auf einmal wurde der Boden erschüttert. Eine Explosion sprengte ein Teil des Daches weg.

»Sie greifen uns an!«, rief Veritor.

Bevor er sich auf Fyntross stürzen konnte, durchbrach eine Space-Jet das Dach und donnerte in die Halle. Gerade rechtzeitig stoppte es knapp über dem Boden und begann sofort mit dem Beschuss der Ylors. Medvecâ wurde getroffen und brannte. Veritor wurde unter den Trümmern begraben.

Danton sah Fyntross fragend an.

»Bullfah wird die Hauptattraktion beim Festessen sein, war ein Code an Krash. Das bedeutete, sie würden ihn essen und wir sind in Gefahr. Mein getreuer Krash!«

Der Manjor grüßte Fyntross aus der Kanzel der Space-Jet. Fyntross rannte zur Tafel und nahm das Bildnis der Ajinah.

»Und ihr Terraner und der Rest der Crew: Sterbt wohl! Hieß es nicht Adieu in deiner seltsamen Sprache, Danton?«

Fyntross stieg ein und die Space-Jet hob ab. Entsetzt bemerkte Danton, dass sich Medvecâ wieder zusammensetzte und Veritor aus den Trümmern hervor grub.

»Verriegelt die Tür«, rief Danton den anderen zu.

Craasp, Ambush und Hakkh stellten alles, was nur ging vor das große Eingangstor, damit die Ylors nicht hereinkamen. Nun saßen sie richtig in der Patsche.

Doch da erschien eine zweite Space-Jet. Es war Zerzu, der Fithuul. Er landete weniger sanft. Die zwei Terraner und zwei Riffaner kletterten in das Raumschiff und hoben ab.

Danton blickte noch zu Medvecâ herunter, der wieder vollständig genesen war.

»Gib mir das Funkgerät«, forderte Danton. »Hier Danton an VIPER. Meyers melden Sie sich.«

Derweil nahmen sie die Verfolgung von Fyntross auf.

»Wir können doch nicht unseren Kapitän abknallen«, meinte Zerzu.

»Feiner Kapitän, der hat uns sitzen lassen«, sagte Craasp.

»Aye«, knurrte Hakkh, der Zwerg.

Danton sah nur eine Möglichkeit. Die DUNKELSTERN. Eigentlich hätte er lieber die VIPER gekapert, doch er wusste, dass Krashs beste Männer an Bord waren. Sie wären chancenlos gewesen. Nur mit einem Trick würden Krashs Leute nicht rechnen.

»Hier ist Nataly, was denn los bei euch?«

»Nataly hör zu. Frag nicht, sondern tue einfach, was ich dir sage. Paralysiere alle an Bord der VIPER, dann verschwindet ihr drei sofort von dort. Kämpft euch zur DUNKELSTERN durch, verstanden?«

»Aber?«

»Frag nicht, tue es!«

Danton schwang sich selbst an die Steuerung der Space-Jet. Er gab vollen Schub. Natürlich war er ein besserer Pilot als Krash, der zum ersten Mal diesen Raumschifftyp flog. Danton holte Krash und Fyntross ein und feuerte auf die Space-Jet. Er wollte sie nicht zerstören, nur so beschädigen, dass sie erst später die VIPER erreichte. Dann schoss die Space-Jet an der brennenden Fähre vorbei und steuerte auf die DUNKELSTERN zu. Danton hoffte, dass Nataly seine Befehle umgesetzt hatte.

Sie legten an der DUNKELSTERN an. Erleichtert bemerkte Roi, dass eine zweite Space-Jet im Hangar stand. Roland Meyers winkte Danton zu.

»Also gut, Leute. Auf eure Posten! Maya, Nataly: Ihr fesselt die Piraten und bringt sie in den Inhaftierungsblock. Versucht auch, Kathy aufzuwecken. Meyers und der Rest an die Kontrollen der Brücke! Wir müssen hier weg, bevor Fyntross die VIPER erreicht und uns verfolgt.«

Craasp, Zerzu und Hakkh sahen Danton befremdet an. Sie blieben stehen. Er handelte intuitiv:

»Akzeptiert mich als Kapitän und ich spendiere euch so viel Schnaps, wie ihr noch nie in eurem Leben getrunken habt.«

»Lang lebe Kapitän Danton«, brüllte Hakkh. Die anderen stimmten ein und machten sich im Laufschritt auf den Weg in die Kommandozentrale.

Meyers starrte Danton verdutzt an.

»Was ist los, Meyers, es ist doch nicht Ihre erste Meuterei! Na los, bevor es brenzlig wird.«

*

Es gelang Roi Danton tatsächlich, die DUNKELSTERN rechtzeitig wegzubringen. Sie hatten dreißig Gefangene an Bord und neun reguläre Besatzungsmitglieder. Danton traute den Gefangenen nicht. Vielleicht konnte er mit der Zeit den einen oder anderen für sich gewinnen, mehr konnte er nicht erwarten.

»Tja«, meinte Kathy und setzte sich neben Roi. »Nun bist du also Kapitän eines Piratenschiffes. Das passt zu dir. Wir haben die VIPER abgehängt, oder?«

»Nun ja, wir haben sie seit drei Stunden nicht mehr in der Ortung. Das könnte ein Indiz sein.«

»Doch was nun? Und was war da unten los?«

Danton berichtete von den Ereignissen. Er sprach die offensichtliche Verbindung zwischen dem Riff und den Alyskern an, äußerte auch Vermutungen über die Zusammenhänge mit MODROR und DORGON. Danton war sich sicher, dass das Riff nicht zufällig in Siom Som auftauchte.

»Was ist dein Plan?«, wollte Kathy wissen.

»Nun, wir holen uns die VIPER zurück.« Danton grinste. »Wir werden Kapitän Fyntross mit seinen eigenen Waffen schlagen.«

Hexen

Niada kniete im fahlen blauen Schein der Lichter vor ihrer Hexenmeisterin nieder. Katryna Lyta Sharonaa gebot Niada, sich zu erheben. Sie saß in einem roten Sessel in ihrem kargen Audienzquartier. Ihr feinseidiger, violetter Mantel zeigte viel von ihrer Brust.

»Ich übergebe dir Thol7612. Wir haben sogar Gefangene gemacht«, sagte Niada stolz. Sie musterte ihre Meisterin. Katryna hatte sie selbst einst ausgebildet. Trotz ihres Alters war ihre Schönheit enorm. Die blasse Haut war gestrafft, das kinnlange weißblonde Haar glänzte funkelnd. Sie strahlte so viel Weiblichkeit und dennoch Härte aus. Schönheit, Erotik, aber auch Stärke und Intelligenz. Katryna war für sie eine stete Inspiration und ihr verehrtes Vorbild.

»Wir haben den Terranern und ihren Verbündeten im Kampf gegen das Quarterium geholfen. Dennoch werden wir ihnen nichts von unserer Beute erzählen.«

»Wieso nicht?«

»Sie sind nicht vertrauenswürdig, meine Liebe. Nehmt alles mit, was wichtig erscheint, dann vernichtet den Mond.«

Katrynas Blick richtete sich auf die große Nebelwand. Sie war mit dem bloßen Auge zu erkennen, obwohl das Riff einige Lichtjahre entfernt war.

»Was sich wohl dahinter verbirgt?«

»Das Grauen«, stellte Niada bitter fest.

Katryna lächelte.

»Wir werden sehen. Wir werden nun in die nächste Phase gehen. Constance Zaryah Beccash hat Druithora erreicht. Sie wird sich um Cauthon Despair kümmern.«

Niada lachte.

»Was denn? Soll sie ihn verführen?«

Katryna schmunzelte.

»Wenn es sein muss. Nein, sie hat einen simplen Auftrag: Ihn zu töten!«

*

Jede noch so grausame Existenz hat einen guten Kern.

Constance dachte über die Aussage ihrer Mentorin Aynah lange nach, während sie ihr dunkelbraunes, wallendes Haar kämmte. Diese These widersprach der entropischen Lehre gänzlich. Das Quarterium und alle Diener MODRORs waren von Grund auf böse. So hatte man es ihr, seitdem sie ein kleines Kind war, beigebracht. Doch die mysteriöse Hexenmeisterin Aynah war anderer Meinung gewesen. In den Jahren der Vorbereitung auf den Kriegseinsatz gegen MODROR und das Quarterium hatte sich Aynah als alte und weise Meisterin gezeigt, doch ihre Ansichten waren blasphemisch. Hätte der Hexenrat davon erfahren, wäre sie bestimmt exekutiert worden.

Constance Zaryah Beccash
Constance Zaryah Beccash © Gaby Hylla

Constance verließ das mit Zierpflanzen bewucherte Badezimmer und begab sich in ihren Studienraum. Sie wischte über das Display des grauen Rechners an der Wand. Eine grüne Schrift erschien auf der beigen Oberfläche. Sie aktivierte eine Datei, die sich als Hologramm öffnete. Constance seufzte leise und ließ sich auf ihr cremefarbenes Sofa nieder. Sie musterte die Holografie des Mannes, der überall für Schrecken sorgte. Er gehörte zu MODRORs gefährlichen Söhnen des Chaos: Cauthon Despair, der Silberne Ritter!

Er wirkte ebenso majestätisch wie unheimlich in seiner silbernen Raumrüstung und dem goldenen Schwert aus Carit, einer Legierung aus dem Ultimaten Stoff. Sein Gesicht kannte die Hexe nicht. Jene, die es einst gesehen hatten, waren wohl schon längst tot. Mit Ausnahme von Perry Rhodan, dem legendären Terraner. Zumindest Constance fand, er war eine Legende, während ihre Artgenossinnen der Auffassung waren, Rhodan wäre die Wurzel allen männlichen Übels. Nur übertroffen von seinem frauenfressenden Kumpanen Atlan.

Doch Aynah hatte ihr immer wieder erklärt, dass Cauthon in seinem Herzen ein guter Mensch war. Constance hatte den geheimen Auftrag, Cauthon Despair kennenzulernen und ihn zu bekehren. Despair sollte sich Rhodan anschließen und gegen seinen Meister wenden. Viele Ratschläge hatte Aynah ihr nicht gegeben, außer dass sie mit ihrem Herzen arbeiten sollte. Constance hatte nicht die leiseste Idee, wie sie das bewerkstelligen sollte. Sie war eine Hexe und keine Psychologin. Sie besaß zwar psionische Fähigkeiten wie die Empathie und Telepathie, doch dienten diese zum Kontakt mit den anderen Hexen und der Koordination der Operationen. Ihre Telepathie war in Bezug zu Fremdwesen sehr schwach. Ihre Empathie hingegen diente dem Aufspüren von Feinden.

Ihre starke Empathie war wie ein Fluch für sie. Sie spürte positive und negative Emotionen über Lichtjahre hinweg. Oftmals in den schlimmsten Facetten. Und in diesen finsteren Tagen fühlte sie mehr Leid als Glück. Sie seufzte und drehte sich auf ihrer Couch herum. Als sie das leise Summen der Tür hörte, deaktivierte sie die Holografie. Ihr Lebensgefährte Lydkor betrat den Raum. Der Sekundärentrope sah in seiner körperbetonten, dunkelblauen Uniform wie immer sehr adrett aus. Sie begrüßte ihn mit einem Lächeln. Er setzte sich zu ihr und strich durch ihr dunkles, rückenlanges Haar.

»Schon bald erreichen wir Druithora, mein Schatz und meine Herrin. Dann wird es ernst für uns«, sagte er.

Constance nahm die Operation gelassen. Ihr Volk hatte sich seit Jahrtausenden auf diese Aufgabe vorbereitet. Über Generationen hinweg war der Meisterplan von SI KITU persönlich entwickelt und optimiert worden. Was sollte da schon schiefgehen?

»Keine Angst, mein Herz und Besitz, bis jetzt läuft doch alles ganz gut. Meine Schwestern haben erfolgreiche Operationen in Siom Som und Andromeda durchgeführt. Zwar sträubt sich dieser Rhodan wohl noch, aber eine Allianz ist unausweichlich.«

»Du hast recht. Wir werden MODROR und die Quarterialen mit Stumpf und Stiel ausrotten.«

Doch genau das hatte Constance nicht gemeint. Man durfte eine ganze Nation nicht einfach so vernichten. Das entsprach der Politik von MODROR, aber doch nicht der von SI KITU. Doch manchmal war die Grenze beider Ansichten verschwommen. Der Fanatismus in Entropia war groß. Und das bereitete ihr Angst.

Lydkor grinste. Sein Blick schweifte an die Decke. Mit leuchtenden, gelben Augen sprach er: »Ich hatte gestern einen Traum. Ich war es, der den gefürchteten Silbernen Ritter tötete. Ich schlug seinen Kopf ab und hielt ihn unter dem Jubel meiner Truppen in die Höhe!«

»Nein!«

Constance war lauter, als sie es beabsichtigt hatte. Lydkor sah sie verständnislos an. Sie setzte sich hin und nahm seine Hand.

»Bitte versprich mir, dass du niemals gegen Despair kämpfen wirst. Niemand konnte ihn besiegen. Er wird dich töten. Es muss einen anderen Weg geben.«

Lydkor schüttelte den Kopf.

»Ich bin zwar nur ein schwacher Mann, doch unterschätze mich nicht. Irgendwann fällt jeder einmal. Auch ein Despair. Keine Sorge, ich werde mit ihm fertig.« Er lächelte. »Sei nicht so ein naives, kleines Hexchen.«

Constance glaubte nicht daran. Sie hatte große Angst um Lydkor. Außerdem missfiel ihr seine herablassende Art ihr gegenüber.

»Bezeichne mich nicht als kleines, naives Hexchen! Du weißt, dass kann dich den Kopf kosten. Du wärst nicht der erste Mann, der wegen Chauvinismus verbrannt wird.«

Es war schon manchmal seltsam, die Männer als gleichberechtigt zu akzeptieren, fand Constance. Sie waren stets impulsiv, arrogant und süchtig nach der körperlichen Liebe. Es war kein Wunder, dass man ihnen nur selten wahrhaft wichtige Positionen zutraute. Zumeist war es jedoch nur den Primärentropen bestimmt, bedeutende Posten zu bekleiden. Sekundärentropen hingegen hatten allenfalls militärische Kompetenzen, nie jedoch politische und gesellschaftliche Entscheidungen zu fällen. Ihre Beziehung zu Lydkor wurde daher oft belächelt oder gar kritisiert, doch nur ein Sekundärentrope passte biologisch zu einer Hexe. Und sie liebte ihn.

Auch wenn er dumm und impulsiv war …

»Es tut mir leid, du hast ja recht, mein Schatz … meine Herrin«, gab Lydkor unterwürfig nach und küsste Constances Hand demütig.

Trotzdem hatte Constance Angst um ihn. Außerdem schwirrte noch ihr geheimer Auftrag in ihrem Kopf herum. Sie sollte Despair bekehren und nicht zulassen, dass er starb. Also, selbst wenn ihr Geliebter erfolgreich war, dann war ihr Plan gescheitert. Sie hatte im Laufe der Jahre tiefes Vertrauen zu ihrer Lehrerin Aynah gewonnen. Wenn sie sagte, dass Despair eine wichtige Rolle spielte, dann war es so.

Lydkor drückte ihr einen dicken Kuss auf die Lippen. Für einen Moment vergaß sie die Sorgen und genoss das wundervolle Gefühl. Als sich ihre Lippen schmatzend trennten, blickte er sie lächelnd an.

»Du wirst sehen, dass ich einmal der größte Sekundärentrope aller Zeiten werde. Und dann können wir heiraten und du kannst deine ganze Schar Kinder kriegen.«

Das war Constances Traum. Viele Kinder und ein glückliches Leben. Als normale Entropin und nicht als Hexe – auch wenn es gesellschaftlich verpönt war. Aber das Ziel war in weite Ferne gerückt. Ihre Generation war die der Auserwählten. Sie zogen in den großen Krieg, um das Universum zu retten.

Constance schloss die Augen und fühlte in den Weltraum. Sie spürte das Leben in Druithora pulsieren. Doch die Emotionen waren voller Trauer und Leid. Constances Kopf und Herz schmerzten. Sie baute einen mentalen Block auf, um nicht noch mehr Schmerzen zu ertragen.

Lydkor hatte sich inzwischen erhoben und starrte aus dem Fenster in den Weltraum. Er war voller Tatendrang, um gegen das Quarterium in den Kampf zu ziehen. Seine anfängliche Sorge hatte sich sicherlich auf Constance bezogen. Doch auch sie musste nun bald in den Krieg ziehen. Es waren nur noch wenige Stunden.

Protektorat M 87

Cauthon Despair

Ende Mai 1307 NGZ war der Krieg in M 87 zu großen Teilen entschieden und beendet. Die Völker Druithoras hatten sich ergeben. Es gab nur noch wenig Widerstand. Neben dem Zentrumsraum, der nach wie vor von den Festungen der Druisant beherrscht wurde, war natürlich der Internraum mit den Konstrukteuren des Zentrums das letzte Bollwerk der alten Herrscher. Es gelang den quarterialen Streitkräften bisher nicht, den Zentrumsbereich zu befrieden.

Eines Tages würden wir es schaffen, da war ich mir sicher. Die Konstrukteure des Zentrums hatten ihre Macht verloren. Sich im Internraum zu verschanzen, brachte ihnen zwar Zeit, änderte jedoch nichts an unserem Sieg in M 87. Nun galt es, diese Galaxis für das Quarterium auszubeuten. Zu diesem Zweck war ich mit den biederen Michael Shorne, Diethar Mykke und Reynar Trybwater nach M 87 gereist. Finanzministerium, Arbeitsministerium und die CIP hatten die Aufgabe, M 87 in eine wirtschaftliche – und militärische Hochburg des Quarteriums zu verwandeln.

Mein Augenmerk konzentrierte sich natürlich auf die militärischen Ressourcen. So schnell es ging, mussten Raumwerften und sonstige Rüstungsbetriebe gebaut werden. Wir brauchten unbedingt mehr Nachschub. Der Krieg an drei Fronten kostete zu viel Material.

Ich las mir erneut den Bericht der CIP durch. Dort wurde der Angriff einer fremden Macht in den estartischen Galaxien vermeldet. So fremd war mir diese Rasse nicht mehr. Die Entropen mischten sich inzwischen überall ein. Spione berichteten auch von entropischen Sichtungen in Andromeda. Wer waren diese blauhäutigen Kreaturen?

Ich hatte im Dezember vergangenen Jahres einen Stoßtrupp von ihnen kennengelernt. Drei verschiedene Rassen waren mir begegnet. Eine Kriegerrasse, mächtig wie eine Bestie, dann eine humanoide Rasse und zum Schluss offenbar die Führungskaste, die sogenannten Denker. Sie besaßen große Köpfe, einen breiten Torso ohne Beine, jedoch mit Tentakeln.

Sie hassten das Quarterium und wollten es vernichten. Doch warum? Letztlich waren die Entropen auch für die Entführung der FLASH OF GLORY verantwortlich gewesen. Offenbar waren sie Alliierte von Rhodan oder suchten zumindest ein Bündnis.

Ich sah über den Wandmonitor in den Weltraum. Unweit vor uns lag Pompeo Posar, das Hauptquartier des Quarteriums in M 87. Als ob dort draußen irgendetwas auf mich wartete, musterte ich die Sterne und den leeren Raum. Es kam mir so vor, als würde mich jemand Unbekanntes suchen.

»Quarteriumsmarschall?«

Ich drehte mich um und wartete auf die Meldung meines getreuen Oberst Tantum, dem Kommandanten der EL CID.

»Wir erreichen Pompeo Posar in Kürze. Torsor erwartet Euch bereits.«

»Danke, Oberst. Informieren Sie unsere illustren Gäste. Sie sollen sich bereithalten.«

*

Als ich mich mental für das Dinner vorbereitete, kam Virginia Mattaponi in mein Quartier. Wie so oft stürmte sie einfach herein, ohne sich vorher anzumelden.

»Hey, Cauthon! Ich meine, Marschall.« Sie räusperte sich und salutierte vor mir. »Wir gehen heute auf eine Party?«

Ich musterte Virginia, die ich erst seit wenigen Wochen kannte. Sie war im Grunde genommen meine Sekretärin oder Assistentin. Die Beziehung zu ihr war jedoch ungewöhnlich. Virginia bewunderte und verehrte mich. Sie war sehr zutraulich und tat vieles für mich. Sie kochte sogar. Es tat gut, dass eine schöne Frau mir zugetan war. Deshalb akzeptierte ich ihre Vertraulichkeit mir gegenüber. Aber offenbar bildete sie sich zu viel darauf ein.

»Es tut mir leid, aber die Einladung gilt mir. Nicht meiner Adjutantin.«

Sie sah mich entgeistert an. Ihr Lächeln verschwand und sie blickte traurig auf den Boden.

»Ich verstehe. Natürlich steht es mir nicht zu. Viel Spaß bei der Feier. Ich melde mich derweil bei einem Himmelfahrtskommando. Hoffentlich sterbe ich dabei …«

Ich seufzte und war erstaunt, wie schnell diese Frau eingeschnappt war. Sie blickte mich mit ihren braunen Rehaugen an. Die Augen waren wässrig. Auch das noch! Hoffentlich fing sie jetzt nicht an zu weinen. Und was war, wenn sie wirklich eine Dummheit beging? Sie war zwar schön, aber nicht allzu intelligent. Vielleicht sollte ich sie mitnehmen. Immerhin war sie mir treu ergeben. Das war noch nie eine Frau mir gegenüber gewesen.

»Also gut. Zieh dir eine hübsche Kombination an. Du darfst mitkommen. Aber ich warne dich. Mykke, Shorne und Trybwater sind nicht die beste Gesellschaft für eine junge Dame.«

Virginia jubelte schrill und fiel mir um den Hals. Schnell ließ sie wieder von mir ab und entschuldigte sich für ihren Ausbruch. Dann stürmte sie aus meiner Kabine, um sich wohl umzuziehen. Virginia Mattaponi war temperamentvoll wie ein Hypersturm, aber auch ebenso unberechenbar.

*

Virginia hatte sich sehr fein zurechtgemacht. Ihre brünetten Haare waren zu einer wilden Mähne geföhnt. Um ihren Hals hatte sie ein schwarzes Bändchen gelegt. Die obere türkisfarbene Kombination lag eng an. Schultern und Arme waren frei. Ein kurzer weißer Rock ging bis zu den Unterschenkeln. Sie trug weiße, kniehohe Stiefel. Ich fand es etwas zu sehr aufgestylt, aber nun gut. Auf jeden Fall hatte die Kleine eine gute Figur und ihr Lächeln war schön. Das Anhimmeln gefiel mir irgendwie, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob sie es wirklich ernst meinte. Immerhin war Virginia die einzige Person, die mir wohl aufrichtige Aufmerksamkeit schenkte.

Nachdem Brettany klargestellt hatte, dass sie mich niemals aufgrund meiner Verbrechen lieben könnte, war ich erneut allein. Aber eigentlich war ich das stets gewesen. Faktisch hatte es nur eine Andeutung einer Liebe zwischen Brett und mir gegeben. Sie war einfach zu rein, zu nett und zu naiv, um mich zu lieben. Sie brauchte einen Märchenprinzen. Wahrscheinlich einen, der auf Seiten der LFT kämpfte.

»Sehe ich hübsch aus?«, fragte Virginia.

»Ja«, war meine knappe Antwort.

»Wirklich?« Sie drehte sich hin und her und beäugte sich im Spiegel. »Ist das zu einfach für ein Abendessen mit Ministern? Ich sollte mir lieber was anderes anziehen. Warte …«

Sie stürmte wieder aus meinem Quartier in das ihrige. Und ich wartete und wartete. Nach einer Ewigkeit, in der ich einen ganzen Planeten hätte erobern können, war sie wieder da. Sie hatte die Stiefel in offene Stöckelschuhe eingetauscht und trug nun ein schwarzes, knielanges Kleid. Hoffentlich blieb es auch dabei.

Virginia Mattaponi
Virginia Mattaponi © Gaby Hylla

»Eigentlich sind Uniformen besser geeignet, aber nun gut. Wir sind spät dran, komm jetzt.« Ich stoppte vor der Tür und hob drohend den Finger. »Vergiss nicht, du bist meine Adjutantin. Benimm dich auch so!«

*

Das Abendessen fand im Marschallraum der Messe statt. Dieser Raum war nur den Gästen der EL CID vorbehalten. Der gemeine Soldat speiste in einer der zahlreichen Kantinen. Auf Wunsch des Emperadors war der Marschallraum im barocken Stil gehalten. Ein großer, schwerer Tisch aus hellem Holz, rot gepolsterte Stühle und ein blauer Teppich mit Kronen – wohl das einstige Symbol der französischen Monarchie – beherrschten den Raum. An der Wand hingen Gemälde zeitgenössischer Generäle aus der »Jugend« de la Siniestros: Napoleon, Wellington, Washington, Cornwallis und Friedrich der Große. Dazu noch Portraits einiger spanischer Generäle, die Despair jedoch nicht erkannte. Obwohl die Bilder schon einige Jahre in dem Raum hingen, hatte er sich nie um die Identität geschert.

In der Ecke der Kabine stand ein Flügel, der automatisch klassische Musik spielte.

Virginia war ein Blickfang für Shorne und Trybwater. Mykke hingegen schenkte ihr keine Beachtung. Fast scheu wirkte der fette Arbeitsminister.

Wie immer sah ich den Beteiligten bei ihrem Gelage nur zu. Ich behielt meinen Helm auf und verzehrte nichts.

Der Gigant Torsor bekam einen speziellen Sitzplatz aus Formenergie und nahm eine Seite des Tisches allein ein. Die Bestie war mit ihren über fünf Metern Größe und einer Schulterbreite von über drei Metern noch gewaltiger als ein Haluter oder jeder seiner Artgenossen bei den Pelewons und Mooghs, die allgemein als »Bestien« bezeichnet wurden. Der Überpelewon thronte wortlos am Tisch, ohne ihn zu berühren. Vermutlich hätte er ihn nur durch sein Gewicht zerbrochen. Die drei tiefroten Augen mit den schwarzen Pupillen musterten die Beteiligten eindringlich. Still und bedrohlich wirkte Torsor mit seiner schwarzgrün-schuppigen Haut und der dunkelgrauen Uniform. Das obere Armpaar vor der Brust verschränkt, das untere Armpaar ruhte auf den massigen Oberschenkeln.

Sollte dieser Pelewon Geschichte schreiben? Er stand tatsächlich kurz vor der Eroberung von Druithora und würde damit die über siebzigtausendjährige Regentschaft der Konstrukteure des Zentrums beenden.

Nach dem für die anderen üppigen Abendessen, diskutierten wir über die Lage an den Fronten. Torsor gab sich optimistisch, wollte dennoch die endgültige Vernichtung der Okefenokees erreichen.

»Despair, wenn Sie einen Weg finden, wie wir den Internraum knacken, errichte ich Ihnen ein Denkmal auf Yanok.«

»Unsere Wissenschaftler müssen sich darum kümmern. Ich bin hier, damit wir den Nachschub erhöhen. Die Entropen könnten eine ernsthafte Gefahr für uns werden.«

Diethar Mykke lachte abfällig. Sein Doppelkinn wabbelte dabei auffällig. Er lehnte sich zurück, um seinem massigen Bauch Platz zu verschaffen. Mit Daumen und Zeigefinger zwirbelte er an seinem Schnauzbart.

»Lieber Despair, wie können Aliens eine Gefahr für Menschen darstellen? Sie sind dumm und uns weit unterlegen.«

»Wir wissen aber nichts über die Entropen. Ihre Technologie könnte uns überlegen sein. Doch selbst wenn nicht, dann wären sie eine zahlenmäßige Verstärkung für Rhodan und Aurec!«

Mykke stopfte noch eine Gabel voll Sauerkraut in seinen fetten Rachen und winkte ab.

Torsor schien meine Bedenken jedoch ernst zu nehmen.

»Ich werde den Bau von Raumwerften für SUPREMO-Raumschiffe forcieren. Wir haben genügend Arbeitskräfte. Wenn wir erst einmal den Willen der Skoars und Dumfries gebrochen haben, werden sie uns dienlich sein.« Er blickte nun auf Reynar Trybwater. »Was jedoch Okefenokees, ihre Diener und die Druis angeht, so hoffe ich, dass schnellstens Entsorgungslager eingerichtet werden oder Transporte nach Objursha gehen.«

Trybwater lächelte.

»Selbstverständlich, großer Torsor! Deshalb bin ich hier. Ich möchte ein Entsorgungslager auf Monol errichten.«

»Damit wir uns verstehen. Ich bin erst zufrieden, wenn der letzte Okefenokee in dieser Galaxis aufgehört hat zu atmen.«

Mir gefiel Torsors Einstellung nicht, aber M 87 war sein Spielplatz. Das Leben der Okefenokees, Konstrukteure des Zentrums und der anderen Völker war es nicht wert, um mit einem Bündnispartner darüber zu streiten. Ich hielt mich einfach aus der Sache heraus. Dafür waren skrupellose Menschen wie Trybwater zuständig.

»Was wird Ihre Aufgabe sein, Shorne?«

Der gelackte Finanzminister nippte an seinem Weinglas und betrachtete die halb nackten Tänzerinnen, bevor er antwortete.

»Wachstum, was sonst? Ich will aus M 87 eine Goldgrube machen. Die Bevölkerung muss ins Quarterium integriert werden, damit sie viel Geld bringt. Die Städte müssen aufgebaut werden, die Rüstung wird viele Arbeitsplätze bringen. Das wiederum macht die Bevölkerung reicher. Das Geld sollen sie natürlich in quarteriale Produkte anlegen. Ich erwarte ein Wachstum von viertausend Prozent für 1308 NGZ

»Sklaven erhalten keinen Lohn«, gab Torsor zurück.

Shorne lachte.

»Nicht jeder wird versklavt werden. Gebt den Leuten eine illusionäre Freiheit und sie sind zufrieden. Im Endeffekt beuten wir sie genauso aus wie Sklaven, aber sie merken es nicht. So funktioniert freie Marktwirtschaft, mein Freund.«

Vor uns baute sich die Holografie eines mächtigen Pelewon auf. Er verneigte sich vor Torsor.

»Herr, wir erhalten Meldung, dass das Geeg-System von fremden Raumschiffen angegriffen wird.«

Torsor stand grollend auf. Außer mir zuckten alle Anwesenden instinktiv zusammen, als befürchteten sie, der Raum würde jeden Moment zusammenbrechen.

»Was hat das zu bedeuten? Habt ihr Aufnahmen dieser Raumschiffe?«

Eine zweite Holografie erschien. Schwarze, eiförmige Raumer griffen die abgelegene Welt an.

»Entropen«, stellte ich fest. »Das war zu erwarten. Torsor, stellen Sie eine Raumflotte zusammen. Wir müssen die Entropen aus M 87 verjagen!«

Point Odysseus

Die lange Reise der TERSAL fand ein Ende. Sie erreichte die letzte Bastion der LFT in M 87; das Schiff des Ritters der Tiefe aus Shagor war in einen niedrigen Orbit um den unwirtlichen Eisplaneten gegangen, der in seinen Tiefen »Point Odysseus« barg.

Nach einem monatelangen Flug nach M 87 und einer Nerven aufreibenden Schleichfahrt durch die quarterialen Patrouillen hatten sie endlich die Position des Geheimstützpunktes erreicht.

Die Besatzung der TERSAL zählte vier Wesen.

Der Elare Gal’Arn war ein Ritter der Tiefe aus der Galaxis Shagor. Der einst von einem abtrünnigen Ritter der Tiefe gegründete Orden war von den Söhnen des Chaos fast vollständig vernichtet worden.

Der Mensch mit dem Kinnbart und den langen, braunen Haaren war pflicht- und ehrerfüllt.

Jonathan Andrews war eine Art Ritterschüler. Der Terraner und der Elare kannten sich nun schon über fünfzehn Jahre. Es war ein unzertrennliches Band der Freundschaft und des Respekts zwischen ihnen, auch wenn sie sehr ungleich waren.

Der muskulöse Terraner mit den kurzen, braunen Haaren war flapsiger Art, oft unbeherrscht und nicht zielstrebig. Doch er hatte sein Herz am rechten Fleck.

Der Ghannakke Jaktar war Gal’Arns Orbiter und ältester Freund. Ebenso wie Andrews hatte er ein loses Mundwerk, war aber genauso beherzt und ein brillanter Techniker. Das Wesen, eine Mischung aus einem humanoiden Pferd und Esel, war treu und loyal.

Die vierte im Bunde war die wunderschöne und anmutige Alyske Elyn. Eorthors Tochter war im Gegensatz zu ihrem Volk bereit, sich für die Schwachen im Universum einzusetzen. Sie hatte es verstanden, dass der Konflikt zwischen den Kosmotarchen MODROR und DORGON alle Lebewesen bedrohte und die Alysker nicht tatenlos zusehen durften.

Elyn würde in einem terranischen Märchen wohl am ehesten als Elfe beschrieben werden. Ihre Haut war blass, das pechschwarze Haar glatt, die großen violettfarbenen Augen strahlten Wärme aus.

Jonathan Andrews lehnte sich entspannt zurück und zog an seiner Zigarette. In der linken Hand hielt er eine Flasche Bier. Seine volle Konzentration galt dem Computerspiel »Galaxis Kolonisation 7«. Er hatte sich ein nettes Fleckchen auf einem unbekannten Planeten ausgesucht und baute in der Siedlung sein neues Haus.

»Wenn du nur immer so konzentriert wärest«, bemerkte sein elarischer Mentor Gal’Arn zynisch und nahm Funkkontakt mit der Station auf. Der ehemalige quarteriale Admiral Wang begrüßte den Ritter der Tiefe.

»Es ist schön, vertraute Gesichter zu sehen und Berichte aus der Heimat zu erhalten. Wir haben leider schlechte Nachrichten. Konstantinus ist tot. Er ist bei einer Aufklärungsmission gestorben. Ich habe nun das Kommando über die knapp tausend Männer und Frauen übernommen. Wir haben inzwischen rund fünftausend SAPHYR-Jäger gefertigt, die jedoch größtenteils nur durch die Posbi-Syntronik gesteuert werden können, da uns die Männer fehlen.«

Wang wirkte nüchtern wie eh und je, fand Andrews. Vielleicht auch etwas spießig. Er speicherte sein Spiel ab und setzte zum Landeanflug an. Jaktar trottete mit einer Kanne Kaffee in die Zentrale.

»Ah, gut. Jonathan, du solltest das Getränk wechseln.«

»Ja, Meister«, knurrte Andrews und füllte seine Tasse mit dem schwarzen Getränk. Nun kam auch Elyn dazu. Sie hatte sich zurechtgemacht, wobei sie das eigentlich gar nicht nötig hatte, fand Andrews. Sie war eine natürliche Schönheit.

Jonathan dachte wieder an Nataly, die ebenso schön war und die er innig liebte. Wie es seiner Ehefrau wohl erging? Wo sie war? Immerhin war sie mit Kathy und Rhodans exzentrischem Sohn Roi Danton zusammen. So fürchtete er nicht um ihr Leben. Hoffentlich machte der sich nicht an Nataly ran. Wie sollte er mit einem Unsterblichen konkurrieren?

Aber vielleicht dachte Nataly gerade dasselbe in Bezug auf Elyn. Die Alyske war eine Schönheit im Kosmos, keine Frage, aber er liebte Nataly und blieb ihr treu. Und er ermahnte sich, dasselbe Vertrauen auch in seine Ehefrau zu haben.

Die TERSAL landete sanft in einem Tiefhangar von Point Odysseus. Einige Soldaten standen Spalier und Admiral Wang begrüßte die Besucher persönlich.

»Es ist mir eine Ehre, meine Herren. Bitte kommen Sie mit.«

Wang führte sie in einen Besprechungsraum. Warmes Essen stand bereit. Es gab Nudeln, sehr zur Freude von Jonathan. Gal’Arn berichtete dem Admiral von den Ereignissen am Sternenportal vor einigen Monaten. Wang erklärte, dass die Lage in M 87 unverändert sei. Die Konstrukteure des Zentrums und die Druis hielten weiterhin den Internraum und den unmittelbaren Zentrumsbereich. Der Rest der Galaxis war faktisch unter quarterialer Kontrolle. Das Quarterium begann bereits mit der Kolonisation der Galaxis. Militärstützpunkte, kleinere Siedlungen, Raumwerften und ein Entsorgungslager waren im Bau.

»Mit nur fünftausend Raumjägern können wir keinen Krieg gegen SUPREMO-Schlachtschiffe gewinnen. Und leider wird es keine Verstärkung aus der Milchstraße geben. Perry Rhodan muss sich selbst gegen das Quarterium wehren. Wir sind die einzige Unterstützung«, sagte Gal’Arn mit aufrichtigem Bedauern.

»Dazu waren diese auch nicht vorgesehen. Die SAPHYR-Jäger sind für den Guerillakrieg konzipiert«, antwortete der Chinese und fuhr dann fort: »Wenn wir keine Verstärkungen bekommen, was sollen wir dann hier ausrichten?«

»Der Paladin-Roboter. Der Plan ist sowohl mir als auch Rhodan zuwider, doch die einzige Möglichkeit, Instabilität in die Diktatur der Bestien zu bringen, ist die Beseitigung von Torsor«, erklärte der Ritter der Tiefe.

Jonathan spürte, wie sehr Gal’Arn dieser Plan missfiel. Die geplante Tötung eines Lebewesens widersprach völlig seinem Kodex. Auch wenn Torsor im wahrsten Sinne des Wortes eine Bestie war, so planten sie einen kaltblütigen Mord.

»Die Siganesen sollen also ein Attentat auf Torsor verüben. Das gefällt mir, doch Sie wissen auch, dass es für die Attentäter dann keine Hoffnung mehr geben wird?«

Gal’Arn lehnte sich zurück und seufzte.

»Ja.«

Ein weiterer Punkt, der allen nicht gefiel. Sie konnten doch nicht zulassen, dass die Siganesen für sie starben? Jonathan wäre es lieber gewesen, Torsor in einem fairen Kampf zu töten. Aber das war unmöglich. Er wurde bestens bewacht und außer dem Paladin-Roboter gab es niemanden, der an Torsor herankam. Es gab keine Rebellen unter den Pelewon und Mooghs. Sie standen loyal zu ihrem Anführer Torsor.

»Die Siganesen erstatten uns regelmäßig Bericht. Ich werde ihnen eine Nachricht zukommen lassen, dass sie Torsor töten sollen. Der Rest liegt dann in ihren Händen«, sagte Wang und nuckelte an den Nudeln.

Gal’Arn nickte nur. Er stocherte im Essen herum. Jonathan bemerkte, dass sein Meister keinen Appetit mehr hatte. Auch Elyn wirkte bedrückt. Jonathan hatte seine Portion schon aufgegessen, aber er traute sich nicht, nach einem Nachschlag zu fragen.

»Wie sind denn die neuen Raumjäger?«, fragte er stattdessen.

»Testen Sie es doch aus«, meinte Wang und grinste.

*

Jonathan gefiel der Raumjäger auf Anhieb. Er glänzte in einer schönen schwarz-metallischen Farbe. Der rochenförmige Jäger war vierzig Meter lang und dreißig Meter breit. Ein wahrer Gigant, größer als eine Space-Jet. Er besaß Platz für acht Personen, konnte aber auch ohne Besatzung, nur durch den biologisch-syntronischen Rechnerverbund gesteuert, selbstständig operieren.

Die Bewaffnung ließ Jonathans Herz höherschlagen. Eine Transformkanone mit dreitausend Gigatonnen Abstrahlleistung, zwei Schnellfeuer-Transformgeschütze mit einer Abstrahlleistung von zehn Gigatonnen bei einhundert Schuss in der Minute und zwei schwere MVH-Geschütze. Dazu besaß der SAPHYR-Raumjäger noch zwölf überlichtschnelle Raumtorpedos, die in zwei Sechsergruppen unterhalb der Tragflächen befestigt waren.

Die Defensivbewaffnung beruhte auf einen vierfach gestaffelten Paratron--Schutzschirm inklusive Paratron-Schüsselfangfeld.

Die Geschwindigkeit war auch nicht zu verachten. Zweitausend Kilometer in der Sekunde und eine Reichweite von bis zu fünfzig Millionen Lichtjahren. Nur fragte sich Andrews, ob das mit einem Raumjäger so erstrebenswert war. Der Metagrav-Antrieb war siganesische und swoonsche Mikrobauweise. Dazu besaß der Jäger noch ein Gravopulstriebwerk, ein Impulstriebwerk sowie einen Antigrav.

Als Extras bot der Raumjäger noch einen guten Ortungsschutz, einen biologisch-syntronischen Verbund mit eigener Intelligenz und Bewusstsein sowie ein paar Tiefschlafkammern, falls man doch die maximale Reichweite mal ausnutzen wollte.

»Geiles Ding«, sagte Jonathan. »Darf ich ihn mal fliegen?«

»Ich bitte darum«, sagte Wang.

»Ich komme mit«, meinte Elyn.

Jonathan warf einen Blick auf Jaktar und Gal’Arn. Sein Meister lehnte ab. Er war müde. In Wirklichkeit machte ihn der Tötungsauftrag zu schaffen, vermutete Jonathan. Jaktar lehnte pikiert ab und meinte, die TERSAL sei besser.

»Dann machen wir zwei eine hübsche Spritztour ins Blaue«, stellte Jonathan fest und stieg in den Raumjäger. Elyn nahm neben ihm Platz.

»Guten Tag, ich entführe Sie in die unendliche Weite des Kosmos. Lernen Sie die Grenzen der menschlichen Psyche kennen und werden Sie eins mit dem Kosmos. Erweitern Sie Ihr Bewusstsein mit einem berauschenden Flug durch den Raum.«

»Wer ist das denn?«, fragte Elyn lachend.

»Ich bin Poet, der biologisch-syntronische Rechnerverbund an Bord. Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Wollen wir uns über Karnells Interpretation aus dem Jahre 1281 NGZ über Freuds Werke unterhalten?«

»Nein, halt die Klappe und lass uns die Geschwindigkeit genießen«, sagte Andrews und startete das Raumschiff. Der Flug war in der Tat berauschend schön. Der SAPHYR-Jäger war trotz seiner immensen Größe schnell und wendig.

Jonathan testete so viel wie möglich aus. Er machte Hyperraumsprünge quer durch die Galaxis. Nach fünf Stunden wurde er langsam hungrig.

»McFly gibt es hier nicht, oder?«

»Warte mal, ich habe da was«, sagte Elyn.

»Doch ein McFly?«

»Quatsch, ich orte enorme Aktivitäten im Geeg-System, etwa fünfzig Lichtjahre von uns entfernt. Das sind keine SUPREMO-Raumer, sondern mir unbekannte Raumschiffe.«

»Poet?«

»Ich finde keine Datenbankeinträge zu diesen Raumschiffen. Sie sind in der Tat unbekannt. Das ist aufregend. Entdecken wir eine neue Spezies? Werden sie nach uns benannt? Worüber die wohl philosophieren? Was ist deren Sinn des Lebens? Ich bin so neugierig!«

»Hm, dann gucken wir uns das mal an und testen den Ortungsschutz. Flieg uns zum Rand des Systems.«

Jonathan warf Elyn einen Blick zu. Auf irgendwas waren sie da gestoßen.

Angriff auf das Geeg-System

Constance dachte an ihre letzte Begegnung mit Aynah, während ihr schwarzes, eiförmiges Raumschiff aus dem Hyperraum fiel und die tapferen Entropen ihren ersten schicksalhaften Kampf führen würden.

Aynah erinnerte sie damals an die Tugenden und Prinzipien im Universum, an die Dinge, für die es galt zu leben und zu sterben.

Was ist das höchste Gut im Universum?

Liebe und Freiheit, hatte Constance damals geantwortet.

Du hast recht, doch jeden Tag werden diese Rechte unterdrückt.

Dann müssen das Quarterium und MODROR vernichtet werden. Das ist SI KITUs Plan. Mit ihnen wird das Übel aus diesen Breiten des Universums verschwinden, waren Constances Worte gewesen.

Aynah lachte milde.

Nein, meine Liebe. Sowohl MODROR als auch das Quarterium treten diese Rechte mit Füßen, aber sie sind nicht die Wurzel allen Übels. Der Kampf wird immer wieder ausgetragen. Wesen leben in Angst, dürfen nicht lieben, nicht frei reden und müssen sich dem Willen anderer unterwerfen, die selbst keine Toleranz zeigen. Es gibt viele Gesellschaften, in denen dies geschieht und auch Entropia ist nicht frei davon. Nein, ich denke sogar, dass Entropia sich in vielen Dingen seinem ärgsten Widersacher ähnelt. Du musst die Liebe in deinem Herzen hinaustragen und nicht nur unsere Feinde, sondern auch dein eigenes Volk kurieren, denn es ist nicht alles heilig, was SI KITU spricht. Das Individuum muss stets freiheitlich denken und reden dürfen, ein Recht auf Entscheidungen haben. Dies ist in Entropia nicht der Fall. Sind wir so verschieden zum Quarterium? In unseren Grundfesten nicht …

Die Worte ihrer Mentorin hatten sie damals tief berührt. Noch heute dachte sie täglich darüber nach. Aynah hatte recht. Sie waren sich viel zu sicher gewesen, vertrauten auf SI KITU und scheuten auch nicht, die brutalsten Mittel anzuwenden. Constance kannte die Pläne des Hexenrates. Sie sahen die Vernichtung von Billiarden Lebewesen vor, um MODROR zu stoppen. Die Frage war berechtigt: Wo war der Unterschied zu jenen, gegen die sie kämpften? Früher hatte sich Constance diese Fragen nicht gestellt, doch Aynah hatte sie zum Nachdenken bewegt. Bevor Aynah Entropia verließ, hatte Constance als letztes gefragt, was Aynah zu ihrer Denkweise gebracht hatte.

Ihre Mentorin hatte geantwortet: Einst dachte ich ähnlich sorglos und sparte mit der Liebe im falschen Moment. Als jemand meine Nähe brauchte, verweigerte ich mich ihm. Er hatte dann einen Pfad des Todes eingeschlagen und nicht nur sein Schicksal, sondern das von vielen besiegelt. Ich habe große Schuld auf mich geladen, weil ich es damals nicht besser wusste. Deshalb sühne ich und versuche zu vermeiden, dass sich Fehler wiederholen.

Aynah hatte stets in Rätseln über ihre Vergangenheit gesprochen, doch Constance war sich gewiss, dass ihre Lehrerin sich die Schuld für ein schreckliches Ereignis gegeben hatte. Offenbar wollte Aynah Constance vor einem ähnlichen Schicksal bewahren. Aber wem sollte sie ihre Liebe verweigern? Sie liebte doch Lydkor und wollte ihn heiraten. Das war für eine Hexe schon sehr ungewöhnlich. Sie erntete viel Kritik dafür und ihre Beziehung zu einem ordinären Entropen war nicht gern gesehen. Natürlich hielten sich viele Hexen oft Liebhaber unter den Sekundärentropen, aber keine führte eine Beziehung mit ihnen. Außer den humanoiden Sekundärentropen war aber keine Art physisch für die Liebe geeignet, jene, die mehr den Kampfentropen glichen, kamen natürlich nicht in Frage. Obwohl es Gerüchte gab, dass beispielsweise die Hexenmeisterin Katryna es auch mit den nichthumanoiden Formen der Entropen trieb. Das Sexleben der Hexenmeisterin war sowieso angeblich sehr ausgelassen. Sie hatte zahlreiche Affären mit anderen Hexen. Constance wollte darüber nicht mehr nachdenken. Ihr Herz gehörte Lydkor und keinem oder keiner anderen. Doch irgendwie befürchtete sie, dass dies nicht zu Aynahs Plan gehörte.

Die Alarmsirenen schrillten los. Die Hexe öffnete ihren Geist und spürte Aufregung und Panik unter der Bevölkerung des Planeten Geegival, den insektoiden Jinguisem. Aber sie fühlte auch die Präsenz der quarterialen Soldaten und Pelewons. Ihre Herzen waren ebenso schwer und voller Sorge wie die der Angreifer – der Entropen! Doch bei ihrem Volk mischte sich der Siegeswille in die Gefühlslage ein. Sie waren optimistisch und wollten den Sieg.

Ihr Freund Lydkor befand sich bereits bei seinen Truppen. Sie würden Geegival stürmen und den quarterialen Stützpunkt vernichten. Constance war vorerst zur Untätigkeit verdammt. Es war nicht ihre Aufgabe, so eine Art von Krieg zu führen. Sie hatte die Funktion einer Späherin und Strategin, die die Schwächen der Gegner herausfand, analysierte und Pläne ausarbeitete, um diese Schwächen auszunützen.

Deshalb beobachtete Constance die Schlacht mit Auge und Bewusstsein. Es war schwer, denn sie fühlte, wie viele Wesen ihr Leben ließen. Die Energieentladungen über und auf Geegival ließen sie erzittern. Jedes Mal, wenn eine Bombe detonierte, zuckte sie zusammen und betete, dass Lydkor nicht unter den Toten war. Sie spürte zwar Impulse und Emotionen der Wesen, war aber nicht in der Lage, einen Einzelnen genau zu lokalisieren, wie es ein Telepath konnte.

Die Schlacht tobte in vollen Zügen. Denker00033 thronte auf seiner Schale und gab taktische Befehle.

Das Aussehen der »Denker« war selbst für Constance nur als skurril zu bezeichnen, obwohl sie von Geburt an diese Wesen kannte. Bei männlichen Exemplaren war ein riesiger Kopf durch einen kaum sichtbaren Hals mit dem fast ballförmigen Torso verbunden. Aus dem Torso ragten vier lange, tentakelförmige Arme, die nach allen Seiten beweglich waren. Diese endeten in jeweils einer schmalen, sechsgliedrigen Hand mit zwei gegenüberliegenden Daumen. Irgendwelche Gliedmaßen, die zur Fortbewegung dienen konnten, fehlten völlig, sprich sie hatten keine Beine, keine Füße oder dergleichen. Die Hautfarbe war wie bei allen Entropen – bis auf die Hexen – blau. Auf Grund seines Alters war die blaue Farbe von Denker00033 heller als bei jüngeren Artgenossen.

Der ovale Kopf wurde durch vier paarweise angeordnete Augen und eine gewaltige Knollennase beherrscht. Den absonderlichen Eindruck komplett machten die beiden seitlich angeordneten Schlappohren, welche mit langen Haaren bedeckt waren. Der übrige Kopf war kahl.

Weibliche Vertreter der Spezies waren größer und besaßen einen etwas anderen Körperbau.

Der einhundertfünfundzwanzig Zentimeter kleine Entrope bemerkte zwar Constances Anwesenheit, ignorierte sie jedoch gänzlich. Der Primärentrope konnte Constance nicht leiden. Das ließ er sie jeden Moment spüren, als hätte sie es nicht sowieso bei ihm espern können.

Primärentropen waren generell frauenfeindlich. Nicht einmal die Denkerinnen mochten die Hexen oder gar ihre Artgenossen. Constance wusste nicht, wieso die Denker und Denkerinnen der Primärentropen so unfreundlich waren. Dafür, dass sie allgemein als »Volk des Geistes« bezeichnet wurden, zeigte sich ihr Geist recht eindimensional und stur.

Nach drei Stunden war das Gemetzel vorbei. Die Entropen obsiegten, die quarterialen Soldaten ergaben sich oder verließen fluchtartig das System. Ein Sieg auf ganzer Linie. Jubel ging durch die Herzen der Gewinner. Constance ließ sich von der Euphorie anstecken. Nun sollte der nächste Schachzug erfolgen.

»Denker, bitte sende eine Nachricht an das quarteriale Oberkommando. Wir fordern ein Gespräch mit dem Anführer.«

Sie lächelte Denker00033 an, der ihre freundliche Geste natürlich nicht erwiderte. Sie hatte aber auch nichts anderes erwartet. Die Holografie von Lydkor baute sich vor Denker00033 und Constance auf. Sie lächelte und winkte ihm zu, Lydkor versuchte sie wohl zu ignorieren. Mit einem Gewinnerlächeln erstattete er Bericht.

»Wir haben die Kreauer in die Flucht geschlagen. Viele von ihnen sind tot. Meine Männer haben gute Arbeit geleistet. Ein Sieg für Entropia! Ein Sieg für SI KITU!«

Constance gefiel es nicht, wie Lydkor redete. Kreauer war das Schimpfwort für alle Quarteriale. Es bedeutete so viel wie das, was man ausschied. Während Lydkor Lobeshymnen auf den Kampf sprach, spürte Constance außergewöhnliche Wesen am Rand des Systems. Ihre Empfindungen waren anders als die der Quarterialen oder Entropen, aber es waren auch keine Empfindungen von Wesen Druithoras.

»Denker, bitte sende einen Funkspruch an das Schiff am Rand des Systems.«

Denker00033 sah Constance verwundert an. Er befahl seinem Ortungsoffizier eine Abtastung durchzuführen. Lydkor war unterdessen offenbar ungehalten über Constances Einmischung. Er sagte zwar nichts, doch sie fühlte seine negativen Schwingungen. Männer hatten es schwer in der entropischen Gesellschaft. Nun zelebrierten der Denker und Lydkor einen männlichen Erfolg, da störte die Hexe sie wieder. Sie konnte diesmal keine Rücksicht darauf nehmen.

»Dort befindet sich kein Raumschiff, Denker«, meldete der Ortungsoffizier ratlos.

»Doch, dort ist eines. Ich fühle es! Sende einen Spruch in terranischer Sprache und bitte um ein Gespräch mit der Crew. Sage ihnen, dass wir ihnen nichts tun wollen.«

Denker00033 sah sie an, als sei sie total verrückt geworden. Aber er tat, worum sie ihn bat. Immerhin musste auch er wissen, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügte. Sicher besaß das fremde Raumschiff eine exzellente Tarnvorrichtung, aber die Gedanken abzuschirmen, war eine viel schwierigere Sache.

Eine Weile lang geschah nichts. Denker00033 und Lydkor sahen Constance erbost an.

»Was ist in dich gefahren? Darf ich jetzt endlich meinen Bericht fortführen? Ich wollte gerade von der großen Schlacht in einem Ferienpark erzählen. Wir sind dort auf eine Garnison Bestien getroffen …«

Lydkor wurde durch den Funkoffizier unterbrochen.

»Wir erhalten Kontakt. Der eingehende Hyperfunkspruch ist in Interkosmo. Ein Terraner namens Jonathan Andrews und die Alyske Elyn grüßen die Entropen. Sie möchten jedoch nicht an Bord kommen, da sie uns nicht trauen …«

Constance lachte, während Denker00033 noch finsterer dreinschaute. Die Beziehung zwischen Primärentropen und Hexen war stets gespannt, da beide Völker sich selbst als die führende Kaste ansahen, wobei den Hexen als Lilim eine direkte Abstammung von SI KITUs Tochter nachgewiesen wurde. Der Hexenrat war die höchste regierende Instanz im Volk der Entropen. Allerdings ließ der Hexenrat den Primärentropen relative Entscheidungshoheit bei militärischen Aufgaben. Im Krieg hatten die Primärentropen gegenüber normalen Hexen eine Befehlsgewalt. Jedoch unterstand jeder Primärentrope einer Hexenmeisterin.

»Lydkor, stelle eine schnelle Eingreiftruppe zusammen. Wir holen uns diese Kreauer. Dann werden sie schon mit uns reden.«

»Nein! Ich mache das auf meine Art und Weise«, warf Constance ein. Sie ging zum Funker. »Sage ihnen, dass ich sie gern sprechen will. Ort und Zeit sollen sie bestimmen. Ich komme auch allein, aber ich möchte mit den Terranern über eine Allianz sprechen.«

Natürlich kannte sie die Namen Jonathan Andrews und Elyn. Die beiden waren Helden der Terraner und Saggittonen. Die Alyske war die Tochter Eorthors, des legendären Alyskers, der die Geburt der beiden Kosmotarchen miterlebt hatte.

»Sie haben ihr Einverständnis erklärt«, sagte der Funker und deutete auf das Hologramm von Jonathan Andrews und Elyn. Jetzt kam Constances große Stunde. Plötzlich aber spürte sie so etwas wie Lampenfieber. Sie war total aufgeregt. Die Knie wurden weich und ihre Hände zitterten. Immerhin war das ihr erster Einsatz. Sie holte tief Luft und begrüßte die beiden mit einem Lächeln.

»Ihr habt nicht den Mut, mit mir persönlich zu reden? Schade …«

Die beiden sahen sich verdutzt an. Constance biss sich auf die Lippe. Eigentlich wollte sie das anders ausdrücken.

»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, sagte der Terraner patzig.

Constance verstand die Äußerung nicht.

»Was wünscht ihr von uns?«, wollte die Alyske wissen.

»Wir sind Freunde. Wir wollen mit den Terranern in Druithora eine Allianz für das Leben schließen. Gemeinsam können wir diese Galaxis befreien, meine Freunde.«

»Wir werden dein Anliegen mit den Verantwortlichen besprechen. Erwarte bitte jetzt keine Antwort. Verstehe unser Misstrauen gegenüber den Entropen«, erwiderte Andrews.

»Ich habe Verständnis dafür, dass ihr Angst habt. Das ist nur natürlich. Ihr müsst euch nicht dafür schämen.«

Andrews lachte nun.

»Ist das Humor oder ernst gemeint? Nun gut. Wir melden uns, bitte ruft nicht an. Noch eine Frage zum Abschluss, wie …?«

»Ich euch gefunden habe? Es lag nicht an eurem Ortungssystem. Das funktioniert tadellos. Wir können euch nicht orten. Aber ich kann euch fühlen.«

Denker00033 grunzte entsetzt vor sich hin. Constance schenkte den Geräuschen des Primärentropen keine weitere Aufmerksamkeit. Die Holografien der beiden erloschen. Sie war stolz auf sich. Immerhin war der erste Kontakt mit der LFT in M 87 hergestellt worden. Sie lächelte Denker00033 und Lydkor an.

»Wie dumm bist du eigentlich, Hexe? Wir waren im Vorteil. Nun wissen die, dass wir sie nicht orten können. Hervorragend gemacht«, meckerte Denker00033.

Sie verstand das nicht. Die LFT-Menschen waren doch die Freunde der Entropen. Oder nicht?

*

Einige Stunden waren vergangen. Constance ruhte sich aus und schlief. Das tat sie immer gern. Schlafen war gesund und gut für Körper und Geist, fand sie. Wesen, die ständig arbeiteten und sich nie ausruhten, wurden krank und griesgrämig. So wollte sie nicht werden. Lydkor war inzwischen auf dem Raumschiff eingetroffen. Er begrüßte sie mit einem kurzen Kuss auf die Lippen. Lydkor war immer noch sauer.

»Was ist los? Habe ich dich gekränkt?«

»Das wollen wir nicht analysieren. Der heutige Tag war ein ganz großer für mich. Aber das interessiert dich offenbar nicht.«

»Natürlich tut es das. Aber erwartest du, dass ich jubele, wenn du viele Leben auslöschst?«

»Krankes und kahabaphobes Leben. Das ist meine Berufung. Ich kämpfe für die Freiheit des Universums. Für die Vision SI KITUs!«

Sie wollte mit ihm darüber diskutieren, doch er blockte ab. Lydkor war immer so sensibel, wenn es um seine Erfolge ging. Er wollte emanzipiert sein und beweisen, dass Männer auch ihren Beitrag für das entropische Volk leisten konnten. Zollte Constance ihm nicht genügend Aufmerksamkeit, wurde er eingeschnappt und fing manchmal sogar an zu weinen.

Plötzlich kam eine Meldung von Denker00033.

»Zwanzigtausend quarteriale Schlachtschiffe der A-Klasse sind auf dem Weg hierher. Doch es wird dich freuen, dass dieser Dreck Despair mit dir reden will. Er hat uns Koordinaten auf Geegival übermittelt. Dort will er dich treffen.«

»Wie hoch ist das Risiko?«

»Gering«, sagte Denker00033 und lächelte seltsam. »Und selbst wenn es hoch wäre, würde ich dich dort hinschicken. Es ist ja schließlich deine Aufgabe, mit dem Gegner zu reden, um seine Schwächen herauszufinden.«

Sie atmete tief durch. Denker00033 hatte recht, aber es bestand auch die Gefahr, dass Cauthon Despair sie in eine Falle lockte.

»Ich werde mit meinen Truppen für Constances Sicherheit sorgen«, warf Lydkor ein.

»Dann ist es beschlossen. Nimm Kurs auf diese Koordinaten.«

Ein schicksalhaftes Treffen

Cauthon Despair

Wir hätten die entropische Delegation auslöschen und das Geeg-System mit einer druithorischen Novabombe vernichten können, doch das war nicht meine Intention. Ich wollte mehr über unseren ominösen Feind herausfinden. Warum war das entropische Volk gegen uns? Woher kam es? Die Informationen waren vage. Offenbar stand die Entität SI KITU hinter den entropischen Bestrebungen, uns und MODROR zu vernichten.

Aber wieso?

Das Geeg-System lag einundsechzigtausend Lichtjahre vom Zentrum entfernt. Es gab nur zwei Planeten. Der erste war der gelbrotorangefarbenen Sonne so nahe, dass die Oberfläche nur aus flüssiger Glut bestand. Die zweite Welt hieß Geegival und galt über Jahrtausende als Urlaubsidylle der Konstrukteure des Zentrums.

Die vorherrschende Spezies waren die insektoiden Jinguisem, welche die Bedürfnisse der Urlauber befriedigten. Despair wählte einen Treffpunkt aus, der mehrere tausend Kilometer entfernt von der Hauptstadt Garts lag. Er wollte kein Aufsehen erregen.

Oberst Tantum meldete per Interkom, dass ein entropisches Eiraumschiff soeben in das System eingetreten war.

Ich sah mich in der Gegend um. Es war dunkel auf der Lichtung. Ringsherum ragten turmhohe Nadelbäume in den Himmel. Der Boden war weich. Ich stand allein mit drei Grautrupplern unter dem Kommando meines getreuen Major Korral von der 501. Division in dieser Lichtung und wartete auf die Entropen. Sie hätten mich ebenso gut angreifen können, aber ich hoffte, dass auch sie neugierig auf ihren Gegner waren. Natürlich hatte ich nicht jegliche Vorsicht fallen gelassen. Innerhalb von einer Sekunde war die EL CID in der Lage, einen Schutzschirm um uns zu spannen. Zehntausend Mann der 501. standen im Umkreis von mehreren Kilometern bereit. Aber hier – in einem Radius von rund zwei Kilometern – befanden sich nur die vier Soldaten und ich.

Das änderte sich, als ein helles Licht am Horizont erschien. Es wurde immer größer. Dann landete die etwa zehn Meter durchmessende eiförmige Kapsel. Ich war gespannt. Ein Schott glitt zur Seite. Ich erblickte einen blauhäutigen, humanoiden Entropen mit einem roten Sichelkamm. Er war etwa zwei Meter groß und trug eine grüne Uniform. Hinter ihm stampften zwei der großen Entropen, die große Ähnlichkeit mit einer Bestie aufwiesen. Dann folgte eine zierliche Gestalt. Sie war in eine Robe verhüllt. Ich vermochte das Gesicht der Person nicht zu erkennen. Die drei Entropen blieben fünf Meter vor uns stehen. Nur die grazile Gestalt bewegte sich mit gesenktem Haupt auf uns. Sie blieb zwei Meter vor mir stehen. Ich ging einen Schritt auf den Entropen zu. Dann hob er seinen Kopf.

Constance Zaryah Beccash
Constance Zaryah Beccash auf Geegival © Gaby Hylla

Er war eine sie! Eine Frau! Ihre grünbraunen Augen sahen mich forschend an. Sie war wunderschön und völlig menschlich. Ihre Hautfarbe, die Gesichtsform – alles an ihr entsprach eher einer typisch südeuropäischen oder lateinamerikanischen, terranischen Dame.

Jetzt dämmerte es mir! Sie war eine Hexe. Niesewitz hatte von der Hexe Niada berichtet. Auch sie war ein Mensch. Waren die Hexen die Herrscher der Entropen? Steckten Menschen dahinter? Aber wieso bekämpften sie dann ihre Brüder mit solchem Hass?

Sie schenkte mir ein freundliches Lächeln. Sie war wunderschön. Ich glaubte, ihre Wärme förmlich zu fühlen. Irgendetwas Besonderes ging von ihr aus.

»Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind«, begann ich und stellte mich ihr vor.

»Ich weiß, wer Ihr seid. Euer blutiger Ruf ist Ihnen vorausgeeilt.«

Das saß. Aber sie sagte es so seltsam. Als ob sie es nicht böse meinte. Noch immer lächelte sie.

»Aber man sagte mir auch, Ihr seid ein Mann mit einem großen Herzen, der nach der reinen Liebe sucht, diese nur nicht gefunden hat. Kann so jemand wirklich abgrundtief böse sein?«

Was sagte sie da? Das war ziemlich direkt und entsprach sicherlich nicht der diplomatischen Etikette. Woher wusste sie, wie es in mir aussah? Natürlich suchte ich nach einer Frau, die mich liebte. Wieso war sie in der Lage, in mein Herz zu blicken? Ich war mir nicht sicher, ob ich die Fremde fürchten oder mich in sie verlieben sollte.

»Wie ist Euer Name?«, fragte ich schließlich.

»Constance Zaryah Beccash. Ich bin eine Hexe, eine Lilim. Beraterin von Denker00033 und gehöre zu den Verantwortlichen der Befreiung von Druithora.«

Nun schmunzelte ich, was sie natürlich nicht sah.

»Druithora wurde von den Pelewon befreit. Euer Angriff ist ein Fehler. Ihr werdet das Quarterium nicht besiegen. Wenn ihr euch auf einen Krieg einlasst, so ist euer Untergang besiegelt.«

Constance starrte mich seltsam an. Sie wirkte enttäuscht. Und ratlos. Wir schwiegen. Offenbar war sie eine schlechte Diplomatin, denn sie rang nach Worten. Ihr fehlte offensichtlich die nötige Schlagfertigkeit.

»Kommt nur mit euren Schiffen, wir werden sie vernichten!«

Die Drohung kam aus den entropischen Reihen. Der blauhäutige Entrope mit dem roten Sichelhaarkamm auf dem Kopf trat näher. In seinen gelben Augen stand Hass! Und offenbar galt dieser mir. Wie ein eitler Pfau stolzierte dieser Typ um mich herum. Offenbar besaß er ein großes Selbstvertrauen.

»Sie sind?«

»Ich bin Lydkor, Sekundärentrope und Beschützer von Constance Beccash. Wir haben keine Angst vor euch Quarterialen. Wir werden euch vernichten.«

Ich musterte den blauhäutigen Entropen, der wie eine Mischung aus einem Galornen und einem Terraner aussah. Sein Gesicht war feist, er war zwar groß und kräftig, aber nicht trainiert. Major Korral hantierte an seinem Gewehr herum. Die Lage war angespannt. Ein Wink von mir und meine Männer würden diese seltsamen Entropen niederschießen. Ich war mir sicher, dass die 501. diesen Kampf gewinnen würde – aber ich wollte nicht kämpfen, noch nicht. Stattdessen forschte ich in den grünbraun irisierenden Augen der Hexe Constance Zaryah Beccash. Sie war wunderschön. In diesem Moment schenkte sie mir ein Lächeln. Es wirkte ehrlich und warmherzig. Und es entspannte die Situation.

»Wir sind hier, um zu verhandeln. Ich bin bereit mit Constance zu reden, jedoch nicht mit einem zweitklassigen Entropen.«

Lydkor zog sein Schwert, doch ehe er es aus der Scheide hatte, hatte Major Korral bereits auf ihn angelegt. Eins zu Null für das Quarterium.

»Sir, auf Ihr Kommando blase ich ihm die Rübe weg«, meldete Korral.

»Haltet ein! So darf das nicht enden. Wir sind doch hier, um zu verhandeln«, stellte Constance klar.

»Nun, dann sagt mir den Grund, warum ihr hier seid«, forderte ich.

»Wir kämpfen gegen MODROR und seine Verbündeten. Sagt Euch von dem Kosmotarchen los und helft Perry Rhodan im Kampf gegen die Finsternis. Dann können auch wir Freunde sein.«

Ich brauchte nicht lange zu überlegen, um zu antworten.

»Wir würden damit alles verraten, wofür wir gekämpft haben. Das Quarterium ist dabei, mit MODRORs Hilfe eine neue Menschheit zu erschaffen. Wir bringen Ordnung und Frieden in das Universum. Das erfordert einen hohen Blutzoll, doch ich habe MODRORs Visionen gesehen, seinen Plan, sein Ziel. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Es tut mir leid, aber wir werden MODROR und uns nicht verraten.«

Constance sah enttäuscht aus.

»Dann wird es Krieg geben. Noch mehr Mord und Totschlag. Ist es das, was Ihr wollt? Ich kann das nicht glauben.«

Ich wollte antworten, doch ich brachte keinen Ton hervor. Der Weg zum Elysium MODRORs war blutig. Wir begingen viele Verbrechen. Heiligt der Zweck die Mittel? Wie oft hatte ich mir diese Frage gestellt. Es gab aber kein Zurück mehr für das Quarterium. Unser Schicksal war an das von MODROR gebunden. Bis zur Reformierung des Universums oder bis zu unserem Untergang.

»Geht jetzt, Constance. Ich danke Ihnen für den Versuch, doch unsere Ansichten sind zu verschieden. Wenn Ihr Frieden wünscht, dann zieht Euch aus M 87 zurück und unterlasst die militärische Unterstützung unserer Gegner in Siom Som und in der Lokalen Gruppe.«

Constance sah mich mit versteinerter Miene an. Was erwartete sie jetzt? Sie sah enttäuscht aus.

»Ist das Euer letztes Wort, Cauthon Despair?«

»Ja. Ich sehe keinen Weg zu einer Einigung, da wir offenbar beide an das glauben, wofür wir kämpfen.«

Constance nickte bedrückt und wandte sich von mir ab. Sie ging ein paar Schritte, blieb stehen und drehte sich zu mir um.

»Jemand sagte mir, dass für Euch noch Hoffnung besteht. Dass Ihr kein schlechter Mensch seid, sondern ein Wesen mit einem großen Herzen. Ich befürchte, das war ein Irrtum.«

Sie ging weiter. Ich blickte ihr lange hinterher. Auch die anderen Entropen zogen sich zurück. Die ganzen Verhandlungen waren sehr seltsam gewesen. Es kam mir so vor, als hätte es die Hexe Constance Beccash auf mich abgesehen. Aber wieso? Wer hatte ihr gesagt, ich sei ein guter Mensch?

Ich befürchtete, dass wir die Entropen nicht so schnell wieder loswurden.

Kolonisationspolitik

Es war windig auf Pompeo Posar, auch wenn ich wenig davon spürte. Meine Rüstung schützte mich sehr gut vor den Auswirkungen der Witterung. Doch die gelbgrünen Bäume bogen sich ächzend unter dem Druck der Luft. Eine Windhose bildete sich einige Kilometer von uns entfernt. Sofort dämmten quarteriale Raumjäger den Sturm ein und veränderten seine Richtung, sodass er uns nicht gefährdete.

Es waren zwei Tage vergangen seit meiner Begegnung mit Constance Zaryah Beccash, der Hexe aus Entropia. Sie hatte mich durchaus fasziniert, doch wir waren zu keiner Übereinkunft gekommen. Die Entropen verlangten, dass wir uns von MODROR lossagten und aus allen eroberten Gebieten zurückzogen. Eine Unmöglichkeit! Eine Frechheit!

Natürlich würden wir dieser Forderung niemals nachkommen. Also trennten sich unsere Wege vorerst, doch ich war mir sicher, dass ich Constance schon bald wiedersehen würde.

Die Entropen waren ein Thema der anberaumten Konferenz von einem Dutzend Vertretern des Quarteriums. Hauptsächlich ging es dabei um die Frage der Kolonisation von Druithora. Erste Eckpunkte hatte ich vor wenigen Tagen mit Torsor, Shorne, Mykke und Trybwater besprochen. Sieben weitere Mitglieder der Quarterialen Führungsriege wurden erwartet.

Zuerst traf CIP-Kommandeur Erich Village ein. Der steife Terraner war Anwalt. Er war natürlich für die Artenbestandsregulierung mit verantwortlich und sollte dem Ganzen einen juristischen Anstrich geben. Nach dem Tod von Generalkommandeur Stevan da Reych hatte Village einen schweren Stand gehabt, doch es war ihm wohl gelungen, in Reinhard Katschmarek einen neuen Gönner zu finden. Katschmarek stieg als Zweiter aus dem Gleiter. Damit waren Herr und Diener vereint. Sie begrüßten uns herzlich.

Generalmarschall Keitar und zu allem Überfluss Peter und Stephanie de la Siniestro waren die Nächsten, die auf Pompeo Posar ankamen.

Peter inspizierte die Truppen, während Stephanie sofort auf mich zuhielt.

»Cauthon, mein silberner Schatz. Bläst du Trübsal, weil mein dummes Schwesterherz dich nicht will? So ist das eben, wenn man der Freak des Emperadors ist.«

Sie kicherte und hielt Abstand zu mir. Offenbar fürchtete sie, ich würde sie packen und erwürgen. Ganz unrecht hatte Stephanie nicht.

»Weshalb nehmt ihr beide an der Besprechung teil?«, wollte ich wissen.

»Als Außenministerin bin ich natürlich auch für die neuen Kolonien mit verantwortlich. Und Peter … tja, der will die Truppe inspizieren und einen kühnen Plan vorstellen, wie der Internraum erobert werden kann. Lassen wir ihm doch den Spaß.«

Stephanie blickte mich seltsam an. Dann zog sie es vor, schweigend an mir vorbeizugehen. Vielleicht hatte sie irgendeinen willigen Mann entdeckt.

Ein runder Gleiter in weißen Farben hielt am Eingangstor. Zwei Centrussoldaten salutierten für den aussteigenden Legat Falcus, inzwischen Außenminister des Dorgonischen Reiches, obwohl dieses Amt nur ehrenhalber war, denn Dorgon gehörte seit einigen Monaten zum Quarterium, nachdem meine Brüder des Chaos und ich mit den rebellischen Dorgonen aufgeräumt hatten. Kaiser Commanus und seine widerspenstige Arimad waren hingerichtet worden. Wir hatten in unserem Blutrausch sogar das Forum Preconsus – den heiligen Senat der Dorgonen – zerstört.

Doch statt uns zu hassen, hatten sich die Dorgonen mit uns arrangiert. Der Emperador war nun Kaiser Dorgons, teilte sich jedoch die Krone mit Elgalar, dem Bruder oder der Schwester – je nach Betrachtungsweise – des gemeuchelten Commanus. Carilla war der starke Mann dahinter.

Falcus war der dritte Dorgone im Bunde. Als Legat vertrat er Elgalar innen- wie auch außenpolitisch und stellte eine Art Bindeglied zwischen den beiden Galaxien M 100 und Cartwheel dar.

Der hagere, arrogante Dorgone mit der großen Nase stolzierte vor mir hinweg und schenkte mir ein mildes Lächeln. Ich ließ ihn gewähren. Die Dorgonen waren unsere Verbündeten. Wir sollten ihnen nicht völlig ihren Stolz nehmen.

Die siebte Person war ein terranischer Geschäftsmann und trug den Namen Marcello Zeem. Der Sonnyboy aus Terrania City war mir gänzlich unbekannt, doch ich hatte von Shorne vernommen, dass Zeem einst ein Protegé von ihm gewesen war. Zeem sollte den Handel in M 87 forcieren und hatte gegenüber Shorne den Vorteil, auch noch Geschäfte in der Milchstraße tätigen zu können. Dies war keinem quarterialen Geschäftsmann zurzeit möglich – USO, Taxit und LFT schotteten alles ab und unterbanden alle quarterialen Aktivitäten in ihrem Einflussbereich.

Zeem arbeitete in der Milchstraße für Shorne Industries und erhielt im Gegenzug die Möglichkeit, sich in M 87 ein Standbein aufzubauen. Begleitet wurde er von einer attraktiven, kleinen Blondine, die mir bei genauem Hinsehen einen kleinen Schock versetzte.

Es war Anya Guuze!

Sie blieb am Gleiter von Zeem stehen und wollte wieder einsteigen. Ich gab zwei Wachen ein Zeichen, sie aufzuhalten. Anya blieb stehen, blickte mit einer Mischung aus Angst und Trotz die Wachen an, dann zu ihrem Chef. Der wandte sich an mich.

»Oh, die Kleine ist doch nur meine Assistentin. Ich weiß, dass sie mal Schwierigkeiten mit dem Quarterium hatte, aber sie ist nur hier, um mir meine Arbeit zu erleichtern.«

Ich blickte Zeem an. Der geschniegelte Unternehmer wirkte aalglatt wie sein Mentor Shorne. Mir gefiel Anya Guuzes Anwesenheit nicht besonders. Wenn ich sie sah, musste ich an Joak Cascal denken. Ohne Anyas Hilfe wäre Cascal auf Objursha gestorben. Auf der anderen Seite war sie wunderschön und wirkte so zart und zerbrechlich. Ich ging zu ihr.

»Anya, welch ein wundervoller Anblick Sie immer noch sind. Sie kehren freiwillig in den Schoß des Quarteriums zurück?«

»Freiwillig? Ganz bestimmt nicht! Aber das ist eine lange Geschichte …«

»Ich bin gespannt.«

*

Anya Guuze saß an ihrem Schreibtisch und langweilte sich über die monotone Arbeit. Wieder einmal musste sie irgendwelche sinnlosen Akten anlegen, Tabellen und Präsentationen für ihren Arbeitgeber Marcello Zeem erstellen.

Sie hatte sich ihre Rückkehr ins normale Leben anders vorgestellt. Nachdem sie den schweren Entschluss gefasst hatte, von Joak Cascal und seiner Clique von Unsterblichen und Helden Abstand zu gewinnen, war sie nach Terra zurückgekehrt. Dort hatte sie der erste Schock ereilt. Denn einen Tag nach ihrem Abflug von SOLARIS STATION war dort die Hölle losgebrochen, das Quarterium hatte der LFT den Krieg erklärt und MODROR als neuesten Verbündeten präsentiert.

Sofort kamen Erinnerungen an Objursha zurück. Die Drachen, das unvorstellbare Leid. Zu ihrer Erleichterung war Cascal nichts passiert. Darüber war sie froh gewesen. Sie wusste, dass er etwas für sie empfand und er war ihr auch nicht egal, doch das Leben an der Seite eines Abenteurers machte ihr Angst. Ständig in Gefahr zu leben und sich um sein und ihr Leben sorgen zu müssen – das war nichts für sie.

Nachdem Anya wieder auf Terra war, verweilte sie bei ihrer Familie und suchte sich einen neuen Job. Das war schwieriger, als sie dachte, und so wurde sie letztendlich als Assistentin des Unternehmers Marcello Zeem eingestellt. Zeem war ein Zögling des Multimilliardärs Michael Shorne gewesen, hatte sich aber für die LFT entschieden, statt dem Quarterium zu dienen. Das gefiel Anya. Sie machte keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber dem Quarterium und natürlich kamen auch Fragen, wieso sie denn nach Terra zurückgekehrt war. Sie verschwieg ihren Aufenthalt auf Objursha und ihre Verbindung zu Cascal und Perry Rhodan.

Statt von brutalen quarterialen Aufsehern gefoltert zu werden, machte sie nun seit einigen Monaten einen zwar langweiligen, aber schmerzfreien Bürojob.

Sie hatte die politische Entwicklung verfolgt. Der erste Angriff des Quarteriums stand kurz bevor, als sie zu einer zweimonatigen Reise aufbrachen. Zeem machte ein Geheimnis um den Zielort und hatte erklärt, es sei ein Geheimnis und eine Überraschung zugleich. Heute war nun der Tag, nachdem sie fünf lange Wochen auf Zeems 500-Meter-Raumschiff FINANZ verbracht hatte, an dem ihr Chef das Geheimnis lüften würde.

Sie war schon gespannt und freute sich darauf, endlich wieder auf einem Planeten zu gehen und die Sonne zu genießen. Die FINANZ war zwar ein sehr luxuriöses Raumschiff und bot für Zeem und seine einhundertfünfzig Mitarbeiter besten Komfort, doch der Schein einer echten Sonne war mit nichts zu vergleichen: frische Luft atmen, Bäume und echte Tiere sehen.

Anya fragte sich, wo sie sich wohl befanden. Sie waren bestimmt irgendwo in der Lokalen Gruppe. Da Anya die Abrechnungen für Zeem machte, wusste sie, dass er den Antrieb hatte aufrüsten lassen und Konverter für einen schnellen Fernflug eingebaut waren.

Marcello Zeem betrat den Raum. Er war wie immer gut gekleidet und strahlte die nötige Seriosität eines Geschäftsmannes aus.

»Ich habe Kaffee in meinem Büro verschüttet, machst du das nachher sauber?«

Das war nicht unbedingt die Arbeit, die Anya wollte. Aber es war besser als nichts und sie hatte Aufstiegsmöglichkeiten. Immerhin befand sie sich mit ihm auf einer enorm wichtigen Reise.

»Wo fliegen wir denn nun hin? Du wolltest es sagen, sobald wir in der Nähe des Zielortes sind. Fast niemand weiß etwas, die Brücke darf kaum einer betreten. Also, wo geht es hin?«

Zeem lächelte.

»Na gut, ich will nicht so sein. Der große Deal, den ich demnächst abschließe, wird mit der Regierung der Galaxis Druithora sein. M 87, falls dir der Name nichts sagt.«

Anya erschrak.

»Zeem Kooperation wird in Zusammenarbeit mit der Regierung die Führung im Neuaufbau von M 87 haben. Das bringt mir Milliarden, ach was – Billiarden! Ich habe ausgesorgt, für immer! Schon in wenigen Tagen erreichen wir Pompeo Posar. Du musst verstehen, dass ich das niemandem sagen konnte. Womöglich befinden sich noch TLD-Agenten hier an Bord.«

Anya glaubte sich in einem Albtraum. Das durfte alles nicht wahr sein. Sie lag bestimmt in ihrer Kabine und schlief. Gleich würde sie aufwachen und das Gespräch hatte nie stattgefunden. Nach einer Weile der Stille bemerkte sie, dass es offenbar doch kein Traum war. Sie waren in M 87! Einer Galaxie des Quarteriums! Genau dahin wollte sie ganz bestimmt nicht mehr. Nie wieder wollte sie einen Quarterialen wiedersehen.

»Du bist so schweigsam, Anya?«, fragte Zeem. »Ach ich weiß, du machst dir Sorgen wegen des Quarteriums. Die erinnern sich doch gar nicht an dich. Ich mag sie ja auch nicht, aber die bringen Geld. Als erfolgreicher Unternehmer muss man die Zeichen der Zeit erkennen. Die Aktie der LFT fällt, während die des Quarteriums ins Unermessliche steigt. Schon bald wird Perry Rhodan entmachtet sein und de la Siniestro gibt die Befehle auf Terra.«

Zeem setzte sich neben Anya und legte seine Hand auf ihre Schulter. »Und er wird jene reich belohnen, die sich ihm vorher angeschlossen haben. Ich habe den Deal Michael Shorne zu verdanken, meinem Mentor.«

Zeem lachte fröhlich. Anya war nicht zum Lachen zumute. Sie hatte Angst, dachte wieder an ihre furchtbare Zeit auf Objursha. Erst da wurden ihr die Augen geöffnet. Sie hatte früher geglaubt, ein tolles Leben zu führen, als Ehefrau eines CIP-Agenten, doch alles war nur Schein. Sie war die Frau eines Mittäters beim Massenmord gewesen und letztlich hatte er sie auch fallen lassen, zugelassen, dass sie gefoltert wurde. Und nun? Niemals hätte sie im Traum daran gedacht, dass ihr neuer Chef mit dem Quarterium Geschäfte macht.

Sie verwünschte sich für ihre Dummheit. Sie hätte misstrauischer sein müssen.

Zeems rechte Hand Val Korch betrat das Büro.

»Marcello, wir sind da. Das Quarterium hat uns Landeerlaubnis erteilt.«

»Gut, ich werde die Belegschaft informieren. Anya, auf diesem Memostick sind meine Konzepte. Bitte arbeite sie in eine Präsentation ein. Du wirst mich zur Konferenz begleiten.«

»Niemals!«

»Was?«

»Ich gehe da nicht hin. Das sind Quarteriale. Ich will das nicht.«

Zeem sah sie enttäuscht an. Das kümmerte sie herzlich wenig, denn sie war erst recht enttäuscht.

»Das wird lustig werden. Eine schöne Party im glamourösen Stil. So etwas hast du noch nicht erlebt, Anya!«

»Ach ja? Ich war schon auf der ersten Hochzeitsfeier vom Emperador de la Siniestro, bei der Reichsgründung und diversen anderen rauschenden Festen. Davon habe ich ehrlich gesagt mehr als genug!«

»Na endlich redest du mal darüber«, meinte Zeem. »Natürlich wusste ich, dass du einen gewissen Status im Quarterium hattest. Es uns zu verschweigen, brachte nicht viel. Du bist eine kleine Berühmtheit.«

Zeem lachte und sah Anya gönnerhaft an.

»Du hast viel erlebt. Die Wiedergeburt von Leticron, die Entführung der BAMBUS, Kidnapping im Siniestroschloß und die Artenbestandsregulierung. Ich verstehe ja, dass du Angst hast, aber ich brauche dich dort. Du bist fähig und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass du irgendwann im Vorstand von Zeem Kooperation sitzen wirst. Wenn wir die größte Handelsmacht in M 87 werden, brauche ich Männer und Frauen, auf die ich mich verlassen kann!«

Sie dachte darüber nach. Der Vorschlag klang sehr verführerisch. Doch Zeem begriff offenbar nicht, dass er sich mit Verbrechern einließ.

»Kannst du denn für meine Sicherheit garantieren? Ich bin nicht beliebt, da ich eine Zeugin der Verbrechen auf Objursha bin. Die würden mich doch sofort umbringen.«

»Dann hätten die das schon auf Terra getan, Kleines. Das Thema Objursha ist bekannt, aber so richtig interessiert es keinen mehr. Es sind doch sowieso nur Aliens. Also, komm schon. Ich garantiere dir, dass dir niemand auch nur ein güldenes Haar krümmt.«

Anya war nicht wohl bei der Sache. Am liebsten wäre sie auf der FINANZ geblieben. Eines stand auf jeden Fall schon für sie fest. Sobald sie wieder auf Terra war, würde sie sofort kündigen. Und wenn sie irgendwo als Putzfrau arbeiten musste. Alles war besser, als etwas mit dem Quarterium zu tun zu haben. Doch was sollte sie jetzt machen? Offenbar war Marcello ihr noch wohl gesonnen. Wenn sie ihn als Fürsprecher verlor, war sie ganz allein in einer rund zweiundvierzig Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie. Also musste sie vorerst das Spiel mitspielen, bis sie wieder zuhause waren.

»Also gut, ich komme mit.«

*

Cauthon Despair

Anyas Augen waren weit aufgerissen, und ihre Haare hingen strähnig ins Gesicht, weil sie so oft mit den Händen hindurchfuhr. Hätte ich Zigaretten gehabt, hätte ich ihr eine angeboten. Ich kannte diese Unsitte der Terraner, die der Silberne Ritter natürlich nicht teilte. Meine Rolle war nicht die eines mitfühlenden Gesprächspartners. Wenn Anya mich ansah, blickte sie ins spiegelnde Metall meiner Maske. Ich konnte nur schweigend zuhören, sie nicht unterbrechen. Mein Herz blieb den Blicken verborgen.

Anya berichtete mir in vielen knappen Worten, wie es ihr ergangen war in den letzten Monaten. Sie hatte Angst, das spürte ich. Sie hatte auch allen Grund dazu, denn schließlich war sie auf der Flucht vor dem Quarterium.

»Ich gebe Ihnen mein Wort, Anya, dass Ihnen kein Leid geschehen wird. Sie sind als Mitarbeiterin eines Geschäftspartners hier und genießen so etwas wie diplomatische Immunität«, sagte ich schließlich. Sie lächelte schief.

»Danke, Despair. Sie verstehen sicher, dass ich Ihnen nicht unbedingt traue, oder?«

»Das verstehe ich. Und doch bin ich der Einzige hier, der ehrlich zu Ihnen ist. Es war naiv, mit Zeem zusammenzuarbeiten. Er wahrt zwar nach Außen den Schein eines LFT-Bürgers, doch er ist sogar Parteimitglied und ein enger Freund von Shorne. Das Geld und die Gier locken ihn nach M 87. Er ist ihr Feind. Ich hingegen habe keine eigenen Interessen in dieser Sache. Ich will den Krieg schnell beenden, um mich auf den nächsten zu konzentrieren.«

»Terra?«

»Ja, Terra. Doch zuerst Andromeda.«

»Keine eigenen Interessen, ja?«

Anya starrte mich böse an.

Ich wandte mich an ihren Chef Marcello Zeem.

»Mister Zeem, Anya wird nicht an der Besprechung teilnehmen.«

»Ich glaube, das erörtere ich lieber mit meinem Freund Michael«, erwiderte Zeem abfällig. Dieser Ton war inakzeptabel.

»Habe ich mich nicht klar ausgedrückt, Zeem? Frau Guuze sollte lieber einen Spaziergang auf Pompeo Posar machen. Sie ist für solch eine Konferenz nicht geeignet.«

Zeem zuckte zusammen. Er nickte hastig und gab Anya die Anweisung, sich die Zeit zu vertreiben. Dann stand er auf und verließ uns. Anya blickte mich entgeistert an.

»Auf dieser Konferenz werden Dinge besprochen, die Sie zu sehr mitnehmen würden. Ich tue Ihnen einen Gefallen damit. Und uns – falls Sie sich wieder mit Cascal zusammentun sollten.«

Ich ließ Anya stehen. Das Universum war erstaunlich klein. In regelmäßiger Folge, wenn auch in unregelmäßigen Abständen, lief mir Anya über den Weg. Auf gewisse Weise mochte ich sie, und je mehr sie über unsere Kolonisationspläne wusste, desto gefährdeter war sie. Das wollte ich ihr ersparen. Sie bewegte sich auf dünnem Eis und war dem Tod viel näher, als sie dachte.

*

Zu Mozarts »Kleiner Nachtmusik« versammelten sich die Vertreter des Quarteriums, Dorgons und der Wirtschaft in dem prunkvollen Saal, um über die Zukunft von M 87 zu diskutieren. Ein prachtvolles kaltes Buffet begrüßte die Teilnehmer der Konferenz zur Kolonialisierung von Andromeda, der Befriedung von M 87 und der immer noch nicht konsequent genug greifenden Artenbestandsregulierung.

»Die Rostbratwürstchen sind lecker«, meinte Diethar Mykke, der sich gleich auf das Essen stürzte. Er redete mit vollem Mund und nahm sich gleich noch mal. »Ist ja alles umsonst«, fügte er leiser hinzu und rempelte seinen Nachbarn kumpelhaft an.

Marcello Zeem, Michael Shorne und Reynar Trybwater waren in eine Diskussion über die Kolonisationspolitik vertieft. Katschmarek und sein Adjutant Village gesellten sich dazu, während Stephanie gelangweilt durch den Raum flanierte. Ihr Outfit war wieder mal besonders figurbetont.

Dann kamen die Militärs. Generalmarschall Keitar Ma’Tiga Leson und Generalmarschall Peter de la Siniestro. Der Sohn des Emperadors trug seine Phantasieuniform. Er stolzierte wie ein eitler Pfau durch den Raum und musterte jeden Einzelnen abfällig. Kaum einer beachtete ihn.

Als Letzter betrat Torsor den Saal, dessen Boden unter seinen Schritten erzitterte. Ihn begleitete Admiral Irkuleb, der Oberbefehlshaber der Druithora-Raumflotte. Der kleinere der beiden Giganten blieb allerdings am Eingang stehen. Er erhielt einige Instruktionen vom Herrn der Bestien und verabschiedete sich salutierend.

Torsor nahm in dem für ihn bereitgestellten Sessel aus Formenergie Platz. Selbst sitzend wirkte das über fünf Meter große Geschöpf gewaltig. Seine drei feuerroten Augen ruhten wie eine Drohung bösartiger Naturgewalten auf den Teilnehmern. Die anderen begaben sich ebenfalls an den Konferenztisch. Ich nahm schweigend am anderen Kopfende Platz. Es lag an Torsor, die Konferenz zu eröffnen. Seine Stimme klang wie fernes Triebwerksgrollen.

»Die Konstrukteure des Zentrums sind hartnäckig! Obgleich wir Druithora praktisch kontrollieren. Ein unerwartetes Ereignis ist die Ankunft der Entropen. Es ist noch nicht klar, was wir von ihnen zu halten haben. Admiral Irkuleb wird sich persönlich darum kümmern. Planen wir also die Zukunft meiner Heimatgalaxis unter der Herrschaft der Bestien.«

»Kann ich noch etwas Sauerkraut haben?«, fragte Mykke laut. Er hatte den Teller mit zum Konferenztisch genommen. Die Ordonnanz eilte davon. Torsor blickte ihn finster an.

»Meine Vision ist ein starkes Druithora als Bestandteil des Quarteriums. Obgleich euer Hass auf Extraterrestrier stark ist, werden Völker wie die Dumfries, Skoars und andere hier auch zukünftig leben. Jedes Wesen, welches sich ideologisch in unsere Dienste stellt, darf weiterexistieren.«

Mykke hämmerte schmatzend mit der flachen Hand auf den Tisch. Die anderen taten es ihm nach. Dies war ein Zeichen der Zustimmung.

Ich blieb ruhig. Mich langweilten diese Gespräche.

»Kommen wir nun zum konkreten Anlass dieses Meetings«, begann Michael Shorne. »Es gibt drei große Themen. Den Widerstand in M 87, die Artenbestandsregulierung und die Kolonisierung dieser Galaxie. Mit welchem Thema sollen wir beginnen?«

»Das, welches am meisten Kohle bringt«, warf Zeem ein und lachte. Die anderen hämmerten wieder erheitert auf den Tisch.

»Gern«, Michael Shorne aktivierte eine Holografie. »Mister Zeem wird eine exklusive Handelskonzession von uns erhalten. Sein Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit Diethar Mykke als Arbeitsminister und mir, M 87 auch wirtschaftlich produktiv zu machen.

Neben der Reintegrierung der einzelnen Völker ist ein wirtschaftlicher Aufschwung unbedingt erforderlich. Produktivität und Wachstum müssen eindeutig im Vordergrund unserer Politik stehen. Insbesondere in der Rüstung. Das Quarterium als Staat und auch seine assoziierten Firmen schreiben schwarze Zahlen, doch die Nachfrage ist im Krieg höher als die Produktionsleistung. Deshalb müssen wir uns anstrengen, diese zu erhöhen.«

Das rief nun den Chef von Anya Guuze auf den Plan. Er erläuterte in einer einstündigen Rede seine Pläne. Mit Hilfe der Bevölkerung wollte er die Raumschiffproduktion verdoppeln. Schon innerhalb weniger Monate sollten SUPREMO-Werften fertig sein. Zu diesem Zweck sollte die Produktion vorläufig unter staatliche Lenkung gestellt werden.

»Die Bewohner von M 87 werden sich frei fühlen, werden jedoch nicht wirklich frei sein. Wo kämen wir da hin? Da würde alles vor die Hunde gehen. Wir gaukeln ihnen eine freie Marktwirtschaft mit diversen Anbietern vor, die jedoch alle mir und Shorne unterstehen. So fließen die Gewinne in meine Tasche und in die Staatskasse des Quarteriums. Die Völker sind motiviert, denken sie hätten Freiheit, erwirtschaften fleißig Gewinne und können konsumieren, was ihnen die Ideen über Politik aus den Köpfen vertreibt. Darüber hinaus werden sie bei diesem angenehmen Leben auch die Konstrukteure des Zentrums bald vergessen haben«, schloss er seine Ansprache.

Er erntete dafür heftiges Tischhämmern.

Nur Torsor zeigte keine Regung. Die Bestie thronte reglos in seinem breiten Sessel. Zeem und die anderen mussten vorsichtig sein. Der Chef dieser Galaxis war er. Nun bewegte sich der Pelewon. Er öffnete den Rachen und grollte: »Damit leiten wir das nächste Thema ein. Die Artenbestandsregulierung. Katschmarek, Trybwater, Village!«

Reynar Trybwater, Generalkommandeur der Cartwheel Intelligence Protective und inzwischen die Nummer Zwei hinter Niesewitz, dem Mann aus der terranischen Vergangenheit des zwanzigsten Jahrhunderts, stand auf.

»Meine Herren, ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit. Herr Mykke, seien Sie nicht so schüchtern, ich sehe doch, dass Sie noch Nachschlag möchten.«

Gelächter brach aus.

»Solche Tagungen machen mich immer richtig hungrig«, meinte Mykke verlegen. Niesewitz lachte.

»Die Artenbestandsregulierung ist nun wirklich ein genauso umfangreiches Thema wie das meines Vorredners, der uns in den letzten anderthalb Stunden so umfassend informiert hat. Machen wir eine Pause.«

Die Teilnehmer gaben sich nun genüsslich dem Vurguzz, Essen und Zigaretten hin. Torsor thronte weiter in seinem Sessel und ich hatte auch keine Lust aufzustehen. Nach zwanzig Minuten war die Pause endlich zu Ende. Trybwater referierte weiter.

Ich verharrte in der Rolle des schweigenden Beobachters.

»Auf Monol haben wir mit dem Bau eines Entsorgungslagers begonnen. Dieses spezielle Entsorgungslager wird abgeschottet von der Außenwelt sein, da wir auch verhindern wollen, dass sich die Konstrukteure des Zentrums durch die Kristalltürme regenerieren können.«

»So einen Kristall will ich sehen, der Asche wieder zu Fleisch macht«, warf Katschmarek ein. Trybwater wiegte den Kopf.

»Wir sind nicht in der Lage, die Kristalle zu beherrschen, daher gehen wir auf Nummer sicher. Torsor möchte sie auch nicht zerstören, denn vielleicht würden sie uns noch nutzen. Im Gegensatz zu Cartwheel und Siom Som gehen wir hier übrigens human vor.«

»Human mit den Biestern? Wieso?«, wollte Mykke wissen.

»Wie der Quarteriumsfürst eingangs erklärte, wünscht er keine Massenvernichtung der Bevölkerung. Wir werden uns auf die Okefenokees sowie militärische und politische Gegner beschränken. Die Zivilbevölkerung soll geschont werden. Allerdings, verehrter Herr Mykke, ich darf Sie beruhigen, die Anzahl der Konstrukteure des Zentrums und ihrer loyalen Vasallen geht in die Millionen. Fast so viele wie Ihre Rostbratwürstchen.«

Gelächter brach aus.

»Unsere Männer sollen ja auch hier die Ärmel hochkrempeln. Arbeit macht fröhlich und frei. Prost!«, warf Katschmarek ein und nahm einen tiefen Schluck Vurguzz.

Erich Village war für Imagefragen zuständig. Er meldete sich zu Wort.

»Wir müssen natürlich auch an die Kommunikation in der Öffentlichkeit denken. Die Artenbestandsregulierung ist ein heikles Thema. Offiziell sind die Geschehnisse auf Objursha auch weiterhin geleugnet worden. Ich persönlich habe eine Reportage mit INSELNET auf Objursha gedreht, in der wir die Bevölkerung von der Harmlosigkeit des Lagers überzeugt haben. Ähnlich gehen wir auch in M 87 vor. Wir sprechen von Evakuierung in autonome Gebiete, Resozialisierung und harmonischer Gleichstellung der Gesellschaft in Druithora. Bitte kein Wort von Massenmord oder Hinrichtung. Danke sehr, meine Herren.«

»Nun setz dich mal wieder, Bubi«, sagte Mykke und fing an, laut zu lachen. Die anderen stimmten ein und hämmerten wieder auf den Tisch.

»In ein paar Jahren schert es sowieso kein Schwein mehr, ob wir die ganzen Essoya ausgerottet haben«, bemerkte Generalmarschall Leson.

Torsor selbst leitete die nächste Pause ein. Nachdem sich die Teilnehmer erneut ihre Bäuche vollgeschlagen und angeregt unterhalten hatten, ging es zum nächsten Punkt der Tagesordnung. Meinem Punkt. Nun ergriff ich das Wort.

»Wir haben neue Gegner. Die Entropen haben das Geeg-System besetzt und stellen klar, dass sie nicht eher Ruhe geben, bis MODROR und seine Verbündeten vernichtet sind. Verhandlungen mit der Hexe Constance Zaryah Beccash blieben erfolglos.«

»Ich habe gehört, dass sie ein heißer Feger ist, was Despair?«, fragte Michael Shorne.

»Die Hexen verabscheuen Männer«, erklärte ich. »Da spielt ihr Aussehen keine Rolle.«

»Vielleicht sollte ich lieber die Verhandlungen führen. Für so etwas braucht man einen richtigen Mann mit einem starken Speer«, sagte Mykke gell lachend.

»Ach hör doch auf, Diethar! Selbst der beste quarteriale Besen kann die Vagina einer Alienschlampe nicht mehr sauber kehren«, warf Katschmarek ein.

Alle lachten los und hämmerten wieder mit den Händen auf den Tisch. Nur Stephanie und Torsor blieben ruhig, und mir wurde bei dem Geschwätz dieser primitiven Idioten schlecht. Dieser Abschaum verrichtete die Drecksarbeit im Quarterium. Nur dazu waren sie nütze. Ich verachtete sie zutiefst. Wenn es nach mir ging, würde ich sie als Erste in den Konverter schicken, noch vor unseren Gegnern. Doch wir brauchten den Abschaum – leider.

»Die beste Lösung ist die Artenbestandsregulierung, meine Herren«, meinte Village ruhig. »Da die Entropen offenbar fanatisch an ihre Sachen glauben, müssen wir drastische Mittel ergreifen.«

Torsor stimmte Village zu.

»Während sich das Problem der Konstrukteure des Zentrums mit der Zeit von selbst erledigen wird, sehe ich in den Entropen eine Gefahr für das gesamte Reich. Wir müssen schnell handeln.«

»Wir evakuieren also alle Entropen?«, fragte Stephanie sarkastisch. »Doch zuvor müssen wir wissen, wo sie überhaupt leben. Sie tauchen aus dem Nichts auf, ohne eine Spur ihrer Herkunft zu hinterlassen.«

»Darum wird sich die CIP kümmern. Wir werden unsere besten Agenten ansetzen«, versprach Trybwater.

»Fassen wir nun also die Besprechung zusammen«, begann Torsor, doch Generalmarschall Leson meldete sich zu Wort.

»Eine Frage noch: Welche weitere Vorgehensweise verfolgen wir im Geeg-System?«

»Novabombe«, sagte Torsor knapp.

Leson starrte die Bestie entsetzt an und selbst mir wurde schlecht. Torsor war bereit, Milliarden von Jinguisem zu töten, nur damit die Entropen auch vernichtet wurden.

»Bei allem Respekt, Torsor, aber das ist keine gute Idee. Wir zerstören unsere eigenen Ressourcen, und die Entropen werden vermutlich wieder fliehen. Wir müssen subtiler vorgehen«, mahnte Stephanie. Das war ungewohnt. Selbst sie schien schockiert zu sein.

Torsor schwieg. Offenbar setzte er sich ernsthaft mit dieser Option auseinander. Er dachte nach. Das unterschied ihn von seinen Artgenossen, den Pelewon und Moogh. Sie agierten oft brutal und unüberlegt.

»Es gibt Lösungen für eure Probleme, meine Freunde.«

Was? Ich drehte mich überrascht um. Die Stimme kannte ich. Aber … er hier? Sie gehörte niemand anderem als Cau Thon! Plötzlich standen er und Goshkan mitten im Saal. Wie waren sie hergekommen?

Der rothäutige Sohn des Chaos mit dem Mal der drei in sich gewundenen Sechsen auf der Stirn war wie immer in eine Kutte gehüllt. In seiner rechten Hand hielt er den goldenen Caritstab, der mit Totenköpfen unterschiedlicher Spezies verziert war. Seine gelblichen Augen loderten kalt.

Der Katrone Goshkan überragte die Anwesenden. Dieses Höllenwesen war ebenso brutal wie abschreckend. Der Kopf glich mit seinem Rüssel einem vieräugigen Elefanten. Der massive Körper ruhte auf Beinen mit Hufen. Goshkan wirkte, als sei er die Inspiration für die mittelalterliche Zeichnung eines Fabelwesens aus der Hölle gewesen.

»Meine Brüder …«

Cau Thon trat an mich heran und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. Er nickte den anderen zu.

»Überlasst die Entropen Goshkan und mir. Kümmert euch mit aller Kraft um das Ende der Konstrukteure des Zentrums.«

»Wie sollen wir dies bewerkstelligen?«, wollte Torsor wissen. »Die Energien der Hohlraumsonne sind zu mächtig. Hinzu kommen der Paratronkäfig und die mächtigen Abwehrfestungen der Druis.«

»Wie ihr wisst, hat MODROR den SONNENHAMMER konstruiert. Er war stark genug, um ins Zentrum einer Sonne vorzudringen, wo immerhin einige Millionen Grad vorherrschen.

Ich biete euch im Namen MODRORs eine ähnliche Kampfstation an, mit deren Hilfe ihr in den Hohlraum vordringen könnt. Wir sind jedoch nur im Besitz von einem Prototyp. Euer Angriff muss beim ersten Mal von Erfolg gekrönt sein.«

Torsor stand auf und schlug sich mit allen vier Fäusten gegen die Brust.

»Das wird er, treuer Verbündeter. Ich schulde deinem Herrn meinen Dank. Wo ist diese Kampfstation?«

Cau Thon lächelte.

»So voller Tatendrang. Hervorragend! Die Kampfstation erwartet euch bei Monol. Der Dscherr’Urk Kommandant Ultur erwartet deine Befehle, Torsor. Handle weise und beende den Krieg in Druithora.«

Die anderen im Saal schwiegen. Sie starrten Cau Thon ehrfürchtig an. Nicht einmal Mykke sagte einen Ton, was bei seiner losen Klappe sehr erstaunlich war. Die Angst vor den beiden Söhnen des Chaos war einfach zu groß.

»Wie bekämpfen wir die Entropen?«, wollte ich schließlich von meinem Bruder des Chaos wissen.

»Direkt in ihrem Herzen«, antwortete Goshkan. »Wir werden genau dort operieren.«

»Demnach besitzt ihr die Koordinaten der Heimatwelt der Entropen?«

Cau Thon winkte ab.

»Es ist nur eine Frage der Zeit. Wir haben Vermutungen, aber noch suchen wir nach der Lösung. Ich gebe euch jedoch recht, wir müssen die Entropen mit Stumpf und Stiel ausradieren. Sie sind gefährlich und ihre Wurzeln reichen tief in die Vergangenheit zurück. Seid also auf der Hut vor SI KITU und ihren Hexen.«

Cau Thons Warnung war eindringlich. Wie ich befürchtete, hatten wir es mit einem starken Gegner zu tun. Wieso auch immer SI KITU mit DORGON zusammenarbeitete, offenbar waren die Entropen überzeugte Anhänger der Lehre von SI KITU und kämpften mit großem Fanatismus für die Entität. Es kam mir so vor, als hätten sie sich sehr lange auf diesen Krieg vorbereitet.

Torsor beendete die Konferenz. Die Teilnehmer standen auf. Alle schwiegen unter dem Eindruck von Cau Thons und Goshkans Präsenz. Selbst in dieser Runde verbreiteten die beiden nackte Angst.

Goshkan neigte sich anerkennend zu Diethar Mykke. »Du würdest einen reichhaltigen Braten abgeben«, sagte er zu dem beleibten Mann, dem der Schweiß ausbrach. Hastig entschuldigte sich Mykke und eilte davon.

Meine Brüder des Chaos begleiteten mich nach draußen. Alle wichen vor uns zurück. Ich nahm sie wie Schemen wahr. Sie waren so sehr ohne Substanz, ohne Wichtigkeit. Wie Schatten, die im Tageslicht zerstoben.

Wir traten aus dem Gebäude. Die Sonne Scintilla schien hell. Anya Guuze und ein Mitarbeiter von Zeem kamen auf uns zu. Anya blickte mich mit ihren wundervollen blauen Augen an. Sie sah im Schein der Sonne bezaubernd aus und glich einem Engel. Einfach nur wunderschön.

Cau Thon packte mich am Arm. Er riss mich aus meiner Betrachtung.

»Wer ist die da?«

Da stand Anya schon vor uns.

Sie wich zurück, als sie Cau Thon und Goshkan bemerkte. Den gelbäugigen Xamouri starrte sie an wie einen Geist. Ich spürte, wie die Terranerin beim Anblick meiner Brüder bis ins Mark erschrak. Das war nur natürlich, das tat so ziemlich jedes Lebewesen. Bei ihr tat es mir leid.

»Anya …«

Hatte ich meinem Bruder zu viel verraten? Er neigte den Kopf, ließ seinen Blick über sie gleiten.

»Soso, Anya. Gib gut auf sie acht, Cauthon. Sie scheint etwas Besonderes zu sein.«

War sie das? Das verwirrte mich. Es war das erste Mal, dass er sagte, ich solle auf eine schöne Frau aufpassen. Normalerweise forderte er mich auf, sie zu enthaupten oder so. Irgendetwas stimmte nicht. Die Art, wie er sie ansah, gab mir zu denken. Kannte Cau Thon Anya irgendwoher? Das war unmöglich. Sie war eine gewöhnliche Terranerin. Beide waren sich nie begegnet. Weder als Cau Thon Leticron befreit hatte, noch als er nach dem Absturz der BAMBUS auf Xamour gewütet hatte. Weitere Ereignisse, bei denen beide hätten aufeinandertreffen können, fielen mir nicht ein.

Ich betrachtete Anya genauer. Sie sah mich an, der Mund leicht geöffnet. Ihre ein bisschen zu großen Vorderzähne strahlten in reinem Weiß. Ihre Augen leuchteten schöner als der wolkenlose Himmel um die Scintilla-Sonne. Bei genauem Hinsehen war sie ebenso faszinierend wie die Hexe Constance. Hm … auf gewisse Weise ähnelten sich beide sogar ein wenig.

Was war Anya für eine Frau? War sie wirklich auf der Flucht vor einem Leben mit den Unsterblichen? Einem Dasein in Verantwortung? Oder merkte sie inzwischen bereits, dass es unausweichlich für sie war? Dass es ihr Schicksal war?

»Hey, Anya und Val!«, rief Marcello Zeem und schlenderte auf uns zu. »Alles ist hervorragend gelaufen. Ich sehe schon, wie ich die Milliarden scheffeln werde. Ach, ist das Leben schön.«

Anya Guuze wirkte nicht erfreut. Ihr verhaltenes Lächeln war nur eine Maske. Vermutlich war sie zornig auf ihren Chef, dass er sie in unsere Gesellschaft gebracht und dann nicht mit in die Konferenz genommen hatte.

»Ist sie deine Mitarbeiterin?«, fragte Cau Thon. Zeem grinste breit.

»Ja. Willst du sie abwerben oder wie? Ist nur eine Frage des Preises. Du weißt ja, jeder ist käuflich. Auf den Erfolg und ewige Liquidität.«

Cau Thon blickte Marcello Zeem finster an.

»Diese Einstellung hat bereits mein eigenes Volk ausgerottet. Cauthon, achte darauf, dass sich diese Krankheit nicht verbreitet. Zur Not vernichte die Erreger.«

Thon gab Goshkan ein Zeichen. Der gigantische Katrone knurrte in Zeems Richtung und trat dann näher an seinen Meister heran.

»Wir sehen uns bald wieder, Cauthon. Doch nun müssen wir in der Lokalen Gruppe nach dem Rechten sehen. Bedenke, was ich dir gesagt habe. Und eines noch.« Cau Thon drehte sich um. »Vergiss letztes Weihnachten nicht. Es wiederholt sich. In M 87!«

Cau Thon lachte und schnippte mit den Fingern. Wie aus dem Nichts schälte sich die KARAN aus dem Himmel. Cau Thon und Goshkan lösten sich auf. Gleich darauf nahm die KARAN wieder Fahrt auf und verschwand am Horizont.

»Was meinte er damit?«, wollte Zeem wissen.

»Das frage ich mich auch. Weihnachten?«

»Nicht das, Despair. Ich meinte das mit der Krankheit …«

Die geheimnisvolle Hexe

Visionen

Ihre Schwingen breiteten sich vor mir aus. Aus ihren glutroten Augen spie mir der Hass entgegen. Das kannte ich besser als jedes andere Wesen im Universum. Ich erwartete ihren tödlichen Angriff. Meine Brüder hatte sie bereits in ein ewiges Verlies gesteckt. Dies wollte sie auch mit mir machen, doch wie ich Lilith kannte, würde sie mich doch lieber töten und die Befehle ihrer Auftraggeber ignorieren. So oder so, ich musste sie bezwingen, sonst war all das verloren, wofür ich so unendlich lange gelebt hatte.

Mit einem lauten Schrei schnellte das Geschöpf auf mich zu. Ihr gewaltiger Sukkubus-Körper kam immer näher. Ich zog mein Caritschwert und schnitt ihr in einen Flügel. Ihre Krallen bohrten sich in meine Schulter.

Wir beide waren verletzt, doch der Kampf war nicht vorbei. Lilith wendete und flog, wenn auch wackelig, erneut auf mich zu. Ich zog zwei Dolche und warf sie auf sie. Dem einen wich die Dämonin aus, doch der zweite traf in ihre Brust. Sie sackte, sich überschlagend, zu Boden. Ich rannte vorwärts, das Schwert immer noch in der Hand. Als ich zustechen wollte, um ihr Schicksal zu besiegeln, sprang sie hoch und rammte ihre Krallen in mein Herz. Die Schmerzen waren grausam.

»Wenn ich sterbe, wirst du mit mir gehen.«

Ich hob das Schwert und stach es ihr in die Seite. Mit aller Kraft drehte ich es zweimal herum; die Wirbel knackten und Lilith schrie wie am Spieß. Sie krallte sich an mir fest. Nur langsam schaffte ich es, sie von mir wegzudrücken.

Ich war zu unachtsam gewesen. Lag es am Alter? An der Todessehnsucht? Ich fiel zu Boden und wusste, dass ich nun starb. Ich fasste an meine offene Brust und nahm das heraus, was mir in meinem langen Leben am meisten Schmerzen verursacht hatte.

Wenn ein Mann seinen Herzschlägen zuhört, ist es gewiss, dass er auf sein Ende wartet.

So geschah es nun mit mir. Doch ich hörte dem schwächer werdenden Schlagen meines Herzens nicht nur zu, ich sah es mir an. In meinen Händen pumpte blutig das Stück Fleisch.

Neben mir lag Lilith. Sie war tot. Wenigstens diese Genugtuung hatte ich. Rideryon war nicht mehr in Gefahr. Mit ihr starb das Geheimnis des Resif-Sidera. Ich konnte unbesorgt dem Schicksal meiner Kinder entgegensehen.

Ich spürte, wie ich immer schwächer wurde, wie das Halten des Herzens zur Last wurde. Die Glieder wurden taub, die Augenlider schwer. Ich schloss die Augen und sah das Elysium.

Ein Engel nahm mich in Empfang. Schöner hätte kein Engel sein können. Ihr langes, seidiges blondes Haar wehte im Wind. Ihre zierlichen, weiblichen Formen wurden durch das enge, weiße Kleid betont. Doch das Schönste an ihr war das Gesicht. So zart, so strahlend mit ihren großen blauen Augen. Ihr herzliches Lächeln umgab meine fröstelnde Seele mit Wärme.

Ajinah!

Meine geliebte Ajinah! Ich sah sie vor meinem geistigen Auge und glaubte fest, ihr Geist leite meine Seele in die neue Existenz. Nach all den Jahrtausenden war sie mir so nahe.

Ich wollte meine Hand nach ihr ausstrecken, doch mir fehlte die Kraft. Auch der andere Arm sank zu Boden. Langsam ließ ich mein Herz aus den Fingern gleiten. Es pochte zögernd, Blut floss in Schüben aus seinen Adern.

Gleich war es vorbei. Doch ich hatte keine Angst, kannte keine Reue oder Wehmut. Es war wie eine Erlösung. Und wenn Ajinah im anderen Leben auf mich wartete, lohnte sich der Weg. Nie gab es eine Frau, die ich mehr liebte als sie. Nun waren wir wieder vereint … nun … Ajinah …

*

Constance schreckte hoch. Sie war schweißgebadet. Es war dunkel um sie herum. Sie hatte geträumt. Erleichtert atmete sie durch. Sie fasste an ihre Brust und spürte das Pochen ihres Herzens. Jetzt war sie erleichtert. Der Traum war so real gewesen. Sie erinnerte sich an jedes Detail, an jeden Schmerz, den er durchlitten hatte. Wer war er? Und wer war seine Gegnerin gewesen.

War es tatsächlich Lilith, jene, von der alle Lilim abstammten? Die Mutter aller Hexen und Tochter der SI KITU? Lilith war ein Mythos. Sie hatte vor Äonen von Jahren gelebt und sich dem Mann verweigert. Der Legende zur Folge hatte sie damit die Ära der Frau als vorherrschendes Geschlecht auf Entropia eingeleitet.

Offenbar war die Frau in Constances Traum eine Hexe gewesen, denn sie hatte im Sukkubus-Körper gekämpft.

Was hatte sie geträumt? Etwas längst Geschehenes? Oder etwas, was bald passieren würde?

Ihr war ganz flau in der Magengegend. Sie zitterte am ganzen Körper. Constance blickte nach links. Lydkor hatte nichts mitbekommen. Er schnarchte laut vor sich hin.

Sie gab ihm einen leichten Schlag auf die Schulter, damit er aufhörte, die grässlichen Geräusche von sich zu geben. Endlich gab er Ruhe. Constance legte sich wieder hin und machte ihren Geist frei. Sie esperte in den Weltraum hinaus, in der Hoffnung vielleicht auch schöne Gedanken zu fühlen. Sie ließ ihre Seele weit in den Kosmos baumeln und war glücklich dabei. Nur sie und das weite Weltall. Da spürte sie die Impulse von vier Geschöpfen, die reinen Herzens waren. Sie waren gut, es mussten noch Kinder sein. Doch ihre Herzen waren schwer, sie trugen eine Last. Besonders eines von ihnen. Dann fühlte sie noch einen Impuls – und schreckte wieder hoch!

Dieser Impuls war dem in ihrem Traum ziemlich ähnlich! Sie konzentrierte sich auf das Muster. Es gab zwei davon, doch eines war schwach. Es kam aus einem anderen Teil der Galaxie.

Doch beide hatten dieselbe Ausstrahlung. Diese Melancholie, dieser Schmerz. Sehnsucht und Stolz, vermischt mit Wut und Hoffnung. Ein innerer Konflikt spielte sich in ihnen ab. Eine gewisse Gefahr ging von ihnen aus, das fühlte sie deutlich. Constance versuchte, die Signale zu orten, doch es gelang ihr nicht. Das eine war ständig in Bewegung und das zweite kam von irgendwo in Zentrumsnähe von M 87. Doch das war ein dehnbarer Begriff.

Wem immer auch diese Impulse gehörten, es ging Gefahr, tödliche Gefahr von ihnen aus.

Befürchtungen

»Trauen wir der Hexe?«

Jonathan Andrews sah fragend seinen Meister Gal’Arn an, der ruhig den Schilderungen seines Schülers und Elyns zugehört hatte. Jonathan war sich selbst nicht sicher, ob man diesen seltsamen Entropen trauen durfte. Viel wusste er jedoch nicht über sie, außer aus den Berichten von Perry Rhodan.

Doch sie gingen mit unglaublicher Härte vor. Die Eroberung des Geeg-Systems war zwar militärisch ein Glanzstück gewesen, jedoch mit viel Blut erkauft worden.

Constance hatte sich freundlich, wenn auch seltsam direkt gegeben. Sie war wunderschön und gut gebaut, wie Jonathan fand. Vielleicht ein Grund, ihr zu trauen.

Er blickte in die Runde. Admiral Wang betrat den Raum. Er wirkte noch ernster als sonst.

»Was ist los?«, wollte Gal’Arn wissen.

»Wir haben eine Meldung des Paladins. Die Bestien wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Große Truppenteile wurden nach Monol verlegt, auch die Siganesen. Sie vermuten, dass dort etwas Großes stattfinden wird.«

Wang erzählte, dass die Siganesen von einer Konferenz auf Pompeo Posar berichtet hatten, an der auch Cauthon Despair, Cau Thon und Goshkan teilgenommen hatten. Das ließ nichts Gutes vermuten. Bis jetzt hatte sich MODROR in M 87 weitgehend zurückgehalten, doch Andrews erinnerte sich noch lebhaft an das plötzliche Auftauchen von Cau Thon im Internraum, während ihrer Audienz bei Taruntur.

»Was ist, wenn Cau Thon wieder dorthin will? Um die Konstrukteure des Zentrums endgültig zu vernichten?«

»Es könnte sich aber auch um einen Großangriff auf das Geeg-System handeln«, meinte Wang.

»Beides ist möglich«, stellte Gal’Arn fest. »Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Wir müssen nach Monol.«

»Gut, ich mache einen SAPHYR-Jäger startklar«, sagte Jonathan und wollte sich schon auf den Weg machen.

»Wir nehmen lieber die TERSAL«, entschied der Ritter der Tiefe. »Sie ist kampferprobt und der kosmokratisch-kemetische Ortungsschutz sollte effizienter sein.«

Admiral Wang warf Gal’Arn einen enttäuschten Blick. Auch Jonathan hätte lieber einen SAPHYR-Jäger geflogen, doch er sah ein, dass Gal’Arn recht hatte. Auf die gute alte TERSAL war immer Verlass gewesen.

»Und welche Befehle haben Sie für uns, Ritter?«, wollte Wang wissen.

»Tausend SAPHYR-Jäger sollen in der Nähe von Monol auf uns warten. Falls etwas schiefgeht …«

Admiral Wang verneigte sich. Gal’Arn gab Jonathan, Elyn und Jaktar ein Zeichen. Sie machten sich auf dem Weg zu ihrem Raumschiff.

Aussichten

Anya lag müde in ihrem Bett und dachte über den heutigen Tag nach. Von der Konferenz hatte sie wenig mitbekommen und Marcello Zeem sagte ihr nur wenig darüber. Ihre Gedanken kreisten einerseits um die Begegnung mit Cauthon Despair, aber auch den unheimlichen Auftritt von Cau Thon. Es war das erste Mal, dass sie ihn persönlich getroffen hatte. Er und Goshkan waren einfach nur Furcht einflößend.

Wieso hatte Cau Thon sie als etwas Besonderes bezeichnet? Er wollte doch nicht etwa was von ihr? Rothäutige, glatzköpfige Massenmörder gehörten nicht zu den Kerlen, die sie bevorzugte.

Sie spürte einen leichten Ruck. Das Raumschiff setzte sich in Bewegung. Wo sie wohl hinflogen? Zurück nach Hause? Sie bezweifelte das stark, denn Marcello Zeem hatte bestimmt noch nicht genug vom Geschäfte machen. Sie stand auf und zog sich an. Nach fünfundzwanzig Minuten vor dem Spiegel fühlte sie sich bereit, die Kabine zu verlassen.

Sie suchte die Kommandozentrale auf. Diesmal durfte sie ohne Probleme passieren. Marcello und ihr Kollege Val waren dort.

Sie wandte sich an Zeem.

»Wo fliegen wir denn nun schon wieder hin?«

»Nicht so gehässig, kleine Anya. Eigentlich hätte ich gut und gern Lust, dich zu feuern, aber offenbar haben die Verantwortlichen des Quarteriums Gefallen an dir gefunden. Despair und seine Brüder des Chaos waren ja ganz wild auf dich.«

Und gerade dieser Umstand bereitete ihr so viel Angst. Während Cauthon Despair noch eine gewisse Sympathie trotz seiner Raumritterrüstung ausstrahlte, waren Cau Thon und Goshkan brutale Bestien. Sie hatte nicht vergessen, dass Cau Thon für die Entführung der BAMBUS vor mehr als zehn Jahren verantwortlich gewesen war. Und vermutlich steckten er und sein Meister hinter vielen Verbrechen des Quarteriums. Über Goshkan hatte sie nur gelesen, ihn Gott sei Dank niemals in Aktion erlebt. Das wollte sie auch so belassen.

Sie seufzte und setzte sich in einen Sessel. In was für ein Schlamassel war sie da wieder geraten? Sie wollte nur noch Hause. Das brachte sie wieder auf die neugierige Frage, wo sie jetzt hinflogen.

»Wir befinden uns auf dem Weg zum Planeten Ednil. Dort lebt das Volk der Perlians. Sie haben sich aus dem Krieg herausgehalten und waren in den Magellanischen Wolken sogar Diener der Uleb. Die Uleb sind …«

»Ich weiß, was die waren. Ganz so doof bin ich nicht. Die Uleb haben der Menschheit vor rund zweitausend Jahren viel Kummer bereitet. Sie waren Nachkommen der Bestien, die aus M 87 geflohen sind. Und du erhoffst dir jetzt von den Perlians neue Geschäfte?«

»Na ja, ich gebe ja zu, dass ich in erster Linie den Profit sehe. Korrekt, auf Ednil wollen wir unser erstes Handelszentrum eröffnen. Und wenn du weiter so frech bist, lasse ich dich dort als Geschäftsführerin. Dann wirst du Terra nie wiedersehen!«

Anya schwieg. Sie wollte eigentlich ihrem Chef noch die Meinung sagen, aber dazu war sie im Moment nicht in der Position. Sie musste die Zeit in M 87 durchstehen.

Die letzte Schlacht

Jonathan Andrews war nicht wohl beim Anblick der gigantischen Raumstation. Die keilförmige Konstruktion hatte eine Länge von zehn Kilometern. Um sie herum kreuzten hunderte SUPREMO-Schlachtschiffe.

»Sie bereiten definitiv einen Angriff vor«, sagte Jonathan. »Nur gegen wen?«

»Die SUPREMOs sind nicht zum Angriff hier«, meinte Gal’Arn.

»Was?«, fragte Elyn.

»Es sind viel zu wenige. Sie dienen als Wachflotte. Jedoch sind jede Menge Truppentransporter hier. Offenbar wird das gigantische Raumschiff mit Soldaten der Bestien gefüllt. Nein, ich glaube der Angriff wird nur durch diese riesige Station durchgeführt.«

Jonathan sah sich das Gebilde genauer an. Dann aktivierte er die Datenbank der TERSAL. Er suchte nach dem Begriff SONNENHAMMER und ein Bild der Todesstation von MODROR erschien auf dem Display.

»Bingo!«

Die anderen bemerkten nun auch das Bild und schauten es sich an. Obwohl der SONNENHAMMER weitaus größer gewesen war, glich die Bauweise dem neuen Raumschiff. Elyn aktivierte die Abtaster.

»Ich habe da auch eine Vermutung«, sagte sie. »Hab ich mir gedacht. Die Legierung der Außenhülle entspricht der des SONNENHAMMERs. Sie wurde für extreme Hitze konzipiert.«

»Für den Flug in eine Sonne«, stellte Gal’Arn bitter fest. »Dieser Miniatur-SONNENHAMMER soll in den Internraum fliegen.«

»Und was machen wir jetzt? Wie letztes Mal einfach reinfliegen und zwei Arkonbomben verstecken? Das ging doch schon damals in die Hose«, meinte Jaktar.

Gal’Arn schüttelte den Kopf.

»Wir müssen ihn zerstören, bevor er einsatzbereit ist. Jaktar, kontaktiere Wang. Wir brauchen alle fünftausend SAPHYR-Jäger. Jonathan, wir müssen uns mit der Hexe in Verbindung setzen. Wenn die Entropen uns wirklich helfen wollen, können sie es jetzt beweisen.«

*

In Natura war Constance Zaryah Beccash noch schöner als auf der Holografie, fand Jonathan Andrews. Sie hatte auch eine ziemlich gute Figur, vor allem, was ihren Vorbau anging. Eine hübsche Frau durch und durch. Wieso ihre anderen Artgenossen aber alle blau waren und teilweise vier Arme und drei Augen besaßen, verstand er nicht so ganz.

Anstandslos hatten die Entropen die TERSAL ins Geeg-System einfliegen lassen, nachdem Jonathan eine Nachricht an die Entropen geschickt hatte. Gal’Arn verbeugte sich vor Constance. Sie lächelte verlegen.

»Hallo. Du bist der Ritter, richtig? Du hast ein langes Schwert.«

Jonathan musste loslachen. Gal’Arn wirkte peinlich berührt. Er sah die Hexe verdutzt an. Sie zeigte auf sein Caritschwert.

»Danke sehr. Es ist ein uraltes Schwert, mehr als neunzigtausend Jahre alt. Es wurde aus dem Ultimaten Stoff gefertigt.«

»Kosmokratenwaffen sind Müll!«

Verwundert schauten Gal’Arn, Jonathan, Elyn und Jaktar den Entropen mit dem roten Sichelkamm an. Er wirkte alles andere als freundlich. Neben ihm schwebte auf einer Scheibe ein fetter Entrope mit Tentakeln und einem großen Kopf.

»Das sind Denker00033 und Lydkor. Sie sind für das Militär in M 87 zuständig. Ich mehr für das Mündliche und so. Also die Diplomatie und die zwischenmenschlichen Beziehungen …«

»Ah ja«, machte Gal’Arn und räusperte sich, als Jonathan immer noch lachte. »Wir danken für die Audienz. Gefahr zieht herauf. MODROR hat dem Quarterium offenbar eine Waffe geschenkt, mit deren Hilfe sie in den Internraum vordringen können.«

Jaktar zeigte einen Memowürfel in seiner Handfläche. Die Holografie des kleinen SONNENHAMMERs erschien. Daneben wurden technische Daten eingeblendet.

»Im Moment befindet er sich bei Monol und wird mit quarterialen Truppen beladen. Wir müssen zuschlagen, bevor er sich auf den Weg macht.«

Constance blickte sich Hilfe suchend nach Lydkor und Denker00033 um. Der Entrope auf der Scheibe schwebte zum Hologramm und musterte es. Dann blickte er ernst zu Gal’Arn.

»Obwohl ihr Menschen ja ziemlich minderbemittelt seid, schenken wir euch Glauben. Mein überragender Intellekt erkennt die Gefahr durchaus. Wir werden euch erlauben, euch unserem Angriff anzuschließen.«

Wie großzügig, dachte Jonathan. Dieses Spanferkel auf Tablett war offenbar noch arroganter als so manche Vertreter des Quarteriums. Er war gespannt, wie Gal’Arn darauf reagieren würde.

»Wir danken für das Bündnis, bestehen jedoch darauf, dass wir gleichberechtigt vorgehen. Wir verfügen über mehr Erfahrung als ihr und sind kampferprobt.«

»Was?«, brüllte der Denker.

»Bitte, hört auf, euch zu streiten«, forderte Constance. »Natürlich wird diese Operation gemeinsam von uns geführt werden. Gal’Arn und Denker werden sich das Kommando schon teilen müssen. Es …«

Sie stockte. Constance wankte. Lydkor ging auf sie zu und stützte sie.

»Ich spüre es wieder«, hauchte sie.

»Was?«, wollte Denker00033 wissen. »Hast du wieder eine Vision? Kannst du sie lokalisieren?«

Constance knickte zusammen. Lydkor half ihr wieder hoch. Er packte sie und schüttelte sie.

»Sag schon! Reiß dich zusammen!«

Constance schrie. Sie stieß sich von Lydkor los und taumelte durch die Kabine. Sie stützte sich am Tisch ab.

»Ich fühle ihren Schmerz. Sie sind fast dort. Nur Wesen mit reinen Herzen können dort hinein. Die Kleinen. Sie sind es. Oh nein, ich spüre ihn tief in mir.«

»Kann die nicht mal die ganzen Zweideutigkeiten lassen?«, fragte Jonathan. »Wen spürt sie?«

»Ihn … vom Riff … er kehrt zurück …«

Lydkor und Denker00033 sahen sich entsetzt an. Nein, da war noch mehr. Jonathan erkannte Angst und Panik in ihren Gesichtern. Wen meinten sie mit »ihn vom Riff«? Was für ein Riff? Doch, Jonathan erinnerte sich daran. Perry Rhodan war das erste Mal im Dezember letzten Jahres auf den Begriff gestoßen. Offenbar stand es unmittelbar vor der Ankunft.

»Ich … ich muss … Sternenkarte«, stotterte sie.

Sofort erschien das Hologramm einer Sternenkarte von M 87. Sie suchte herum, vergrößerte die Region nahe des Zentrums. Dann zeigte sie auf ein Gebiet mit einem Radius von dreihundert Lichtjahren.

»Dort irgendwo …«

»Es gibt dort vier besiedelte Welten. Die Größte ist der Wasserplanet Ednil, Heimat der Perlians«, berichtete Gal’Arn. »Wer hält sich dort auf? Wir müssen es wissen.«

Constance seufzte. Sie setzte sich langsam hin und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Vor Monaten haben wir versucht, die Auferstehung von Cul’Arc zu verhindern. SI KITU hat uns nicht über alles informiert, doch wir wissen, dass die Erweckung seines Bruders Brok’Ton ungeahnte Konsequenzen für uns haben wird. Das Riff ist eine uralte Welt, welche sich Siom Som nähert. Cul’Arc ist ein Anführer davon und wenn Brok’Ton erwacht, werden sie übermächtig werden«, erklärte die Hexe.

»Und wieso befindet sich dieser Brok’Ton in M 87? Wieso muss er wiedererweckt werden?«, fragte der Ritter der Tiefe.

»Vor Äonen wurden Cul’Arc und Brok’Ton in ewige Gefängnisse verbannt. Die Kosmokraten, DORGON und unsere Herrin SI KITU hatten damit zu tun. Auch der Herr des Riffs, Nistant, sollte dorthin verbannt werden, doch er starb im Zweikampf«, erzählte der Denker.

Constance sah ihn verwirrt an. Mit einem verächtlichen Lächeln erklärte er: »Du bist nicht allwissend, Hexe. Du bist jung und der Hexenrat hat nicht allzu großes Vertrauen in deine Fähigkeiten. Du kennst die Geschichte nicht? Doch du kennst sie – du hast davon geträumt. Vom legendären Zweikampf zwischen Lilith und Nistant.«

Er wandte sich wieder an die Menschen.

»In SI KITUs Prophezeiung heißt es, dass wenn sich die beiden Brüder mit dem dritten Erben vereinen, wird er von den Toten auferstehen und der Gott des Riffs ist zurück. Doch er wird dem Universum Tod und Zerstörung bringen.«

Andrews stieß einen Pfiff aus. Hörten die ganzen Probleme denn nicht mal irgendwann auf? War der MICRO-SONNENHAMMER nicht schon schwierig genug? Jetzt musste noch eine verstaubte Mumie wieder auferstehen und für Unruhe sorgen.

»Die Hexe Niada wurde mit der Liquidierung von Cul’Arc beauftragt. Sie hat sogar Unterstützung durch euch Terraner. Ein Roi Danton und seine Begleiter wurden von SI KITU auserwählt, ihr zu helfen«, berichtete der Denker.

»Nataly«, stieß Andrews hervor. »Dann hat euer Volk sie also entführt? Ihr verdammten …«

Er wollte auf Denker00033 losgehen, doch Gal’Arn hielt ihn zurück.

»Das nützt keinem etwas«, sagte er ernst.

Jonathan hielt inne. Doch dieses Entropenvolk war ihm nicht geheuer. Sie hatten ihm seine Nataly gestohlen. Doch da kam ihm eine Idee.

»Wenn wir diesen Brok’Ton schnappen, wird er sich nicht mit seinen Brüdern vereinigen können, richtig? Wenn wir euch dabei helfen, will ich, dass du, Constance, Kontakt mit dieser Niada aufnimmst und Nataly zu mir zurückbringst.«

»Lachhaft«, sagte Denker00033.

»Ich habe nicht mit dir gesprochen, Flummi. Wenn du nicht bald die Klappe hältst, stoße ich dich von deinem hohen Tablett.«

Denker00033 schwieg.

»Wir dürfen den Angriff auf den Internraum nicht vergessen«, erinnerte Elyn.

Constance hatte sich inzwischen wieder gefasst. Sie blickte alle an und ging ein paar Schritte durch den Raum. Sie spielte dabei an den Bändchen ihres Kleides.

»Wir teilen uns auf. Ich muss nach Ednil, um die Erweckung von Brok’Ton zu verhindern. Lydkor und Denker00033 werden den Angriff auf den SONNENHAMMER starten.«

»Ich werde dich begleiten«, sagte Gal’Arn. »Mein Orbiter Jaktar ebenfalls. Jonathan und Elyn werden am Angriff teilnehmen.«

»Nein, ich will diesen Brok’Ton wegen Nataly fangen.«

»Das überlasse Jaktar und mir. Wir werden alles tun, um mit Nataly in Kontakt zu treten. Das werden wir doch?«

Er sah Constance ernst an.

»Ja, ich werde sobald wie möglich mit Niada Kontakt aufnehmen. Sie wird wissen, wie es deiner Gefährtin geht. Vielleicht ist sie jedoch auch schon tot, dann regen wir uns völlig umsonst auf.«

Sie lachte schrill.

Jonathan hätte in diesem Moment gern ihren schönen Hals umgedreht.

*

Wenn man durch den Weltraum flog, wirkte alles so friedlich. Die unendliche schwarze Leere wurde nur durch das Schimmern von Abermilliarden Sternen unterbrochen. Diese endlose Ruhe und der faszinierende Anblick gab Jonathan Andrews immer das Gefühl, dem Kosmos ganz nahe zu sein, sich auf gewisse Art und Weise erleuchtet zu fühlen.

Es gab nichts Schöneres, als durch das Weltall zu fliegen. Ein Raumfahrer fand inneren Frieden, wenn er es nicht als alltägliche Arbeit ansah, sondern als Geschenk und Wunder. Ob sich so auch Perry Rhodan damals gefühlt hatte, als er mit der STARDUST die Erde verließ und somit eine neue Ära der Menschheit einleitete?

Das Schrillen der Ortungsanzeige riss Jonathan aus seinen Gedanken. Vor ihm erschien der MICRO-SONNENHAMMER in seiner gewaltigen Größe. Nun wurde es ernst. Jetzt bot der schöne Leerraum eine tödliche Fracht. Er gab ein Signal an die fünftausend SAPHYR-Raumjäger und zehntausend entropischen Eiraumschiffe.

Der Angriff begann! Jonathan wechselte einen letzten Blick mit Elyn, dann beschleunigte er den SAPHYR-Jäger und raste zusammen mit fünfzehntausend weiteren Schiffen auf die Kampfstation zu. Er aktivierte die Waffen. Mehr als Zeichen anstatt als ernst gemeinten Angriff feuerte er zwei Raumtorpedos auf den MICRO-SONNENHAMMER ab. Wie zu erwarten verpufften sie am Schutzschirm. Die SUPREMO-Raumschiffe erwiderten unverzüglich das Feuer, doch die Entropen nahmen das Gefecht auf. Sie splitteten ihre Flotte. Viertausend Schlachtschiffe kümmerten sich um die Wachraumschiffe, während der Großteil mit den SAPHYR-Raumjägern den Angriff auf die Raumstation vornahm.

Die Entropen schleusten Beiboote aus. Sie beschossen die ziemlich wehrlosen Truppentransporter. Als Soldat fühlte Andrews mit den sterbenden Bestien. Obgleich sie Feinde waren und kaum gute Eigenschaften besaßen, starben sie ohne eine Chance. Die Entropen hatten inzwischen System in ihren Angriff gebracht. Zu je einhundert Schiffen bombardierten sie in Wellen die Station.

Die Gegenwehr war sehr gering. Offenbar war die Besatzung auf so einen Angriff nicht vorbereitet gewesen. Nun setzte sich die Station in Bewegung. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie in den Hyperraum eintauchte. Sie mussten schnell handeln.

»Er wird entkommen«, sagte Elyn besorgt.

»Ich weiß. Hier Andrews an Denker und Wang. Punktfeuer in Hangarnähe. Zur Not müssen wir das Ding kapern.«

»Was haben Sie vor?«, wollte Wang wissen.

»Wir bringen den Schutzschirm am Hangar zum Kollabieren und fliegen mit so vielen SAPHYR-Jägern und entropischen Beibooten wie möglich rein, bevor er sich regeneriert. So haben wir die Möglichkeit, ihn auch während des Fluges noch zu stoppen.«

Elyn stieß nun einen Pfiff aus.

»Darf ich noch aussteigen?«

»Nein«, sagte Andrews und lächelte schelmisch.

»Hier ist Denker00033. Wir akzeptieren deinen Vorschlag. Punktfeuer beginnt jetzt. Raumschiffe halten sich bereit.«

Es dauerte nur wenige Minuten, dann war eine Strukturlücke geschaffen. Andrews preschte mit seinem Jäger voran. Auf der Anzeige sah er, dass weitere quarteriale SUPREMOs eintrafen. Die Schlacht wurde größer. Die Kampfstation war bereits fast auf Lichtgeschwindigkeit.

Als die Raumjäger ihre Geschwindigkeit angeglichen hatten, mussten sie abrupt abbremsen, als in den Hangar sausten. Dies gelang nicht jedem Raumschiff, so dass einige gegen den Hangar donnerten und explodierten. Unsanft brachte Jonathan den Jäger zur Landung. Ihm folgten zwanzig weitere SAPHYR-Jäger und zehn entropische Fähren. Dann zerschellte ein SAPHYR-Jäger am wieder errichteten Schutzschirm. Nun waren sie auf sich allein gestellt.

Unbekannte Bedrohung

Ednil

Anya Guuze betrachtete die zwei blauen Sonnen im Bourjaily-System, um die auch der Wasserplanet Ednil kreiste. Ednil war der einzige Planet in diesem Sonnensystem. Neunzig Prozent der Oberfläche war mit Wasser bedeckt. Es gab nur kleine Inseln, die weit voneinander entfernt lagen. Die größte Insel lag in Äquatornähe. Der Großteil des Lebens spielte sich unter Wasser ab. Auf dem Grund der flachen Ozeane standen die großen Städte der Perlians.

Weltkarte von Ednil
Ednil © Stefan Wepil

Anya fragte sich, was Marcello Zeem den Perlians wohl andrehen wollte. Neben ihr saß Val Korch und lackierte sich die Fingernägel. Zeem kauerte an seinem Schreibtisch und bereitete emsig Angebote vor.

Die Perlians nahmen Kontakt mit der FINANZ auf. Das lebensgroße Abbild eines Perlians erschien in der Kommandozentrale. Anya bewunderte das grazile Äußere, die silberne, schuppige fast durchsichtige Haut. Im großen Kopf des Perlians saßen zwei große, gelbliche Augen. Sie wusste von dem Zeitauge in der Stirn. Es war nicht zu erkennen, doch eine Runzelung der Stirn ließ vermuten, wo das Organ saß.

»Ich bin Redil, zuständig für fremde Besucher. Ich grüße euch, Terraner. Eure Botschaft hat uns erreicht. Wir akzeptieren euer Anliegen und bitten euch, auf der Plattform Magellan zu landen. Die Koordinaten übermitteln wir euch in diesem Moment.«

Val Korch stellte den Nagellack beiseite, pustete etwas auf die Fingernägel und überprüfte auf dem Rechner die Daten. Er nickte Marcello Zeem zu.

»Hervorragend, wir werden uns gut verstehen, Mister Redil.«

»Finanzvorsteher Chadin wird euch mit mir empfangen. Dann werden wir über die Geschäfte reden.«

Das Hologramm des Perlians erlosch. Zeem gab Anweisung, zu der Landeplattform zu fliegen. Die FINANZ tauchte in die Atmosphäre ein, durchstieß die Wolkendecke und steuerte auf die Wasseroberfläche zu. Anya gefiel dieser Planet. Viel Wasser und Sonne. Nur wo war der Strand? Vielleicht hielten sie ja die Besprechung auf einer der idyllischen Inseln ab. Sie konnte sich dann an den Strand legen und in Ruhe abschalten.

Zu ihrer Enttäuschung steuerte die FINANZ eine rostige Plattform an. Einige andere Kugelraumer und kleinere Raumschiffe und Gleiter standen dort. Offenbar war so eine Plattform eine Art Raumhafen auf diesem Planeten. Die Magellan-Plattform war quadratisch mit einer Kantenlänge von drei Kilometern. Sie wirkte aber nur aufgrund der Größe gewaltig, ansonsten war sie schlicht gehalten und wirkte alt. Regen und Meerwasser taten wohl ein Übriges.

Die FINANZ landete behutsam. Marcello winkte Val Korch und Anya zu sich.

»Ihr beide kommt mit.«

Anya folgte den beiden Männern in den Antigravschacht. Sie schwebten zur Außenschleuse, die sie bis zum Boden der Plattform brachte. Dort wurden sie bereits von zwei Perlians erwartet. Beim Aussteigen wäre Anya beinahe ohnmächtig geworden, so heiß war es.

»Willkommen Terraner, ich bin Chadin. Rednil habt ihr bereits kennengelernt. Oh, ich sehe, euch bekommt die Temperatur nicht. Dabei ist es heute recht kalt mit dreiundfünfzig Grad Celsius. Nun ja, kommt in diesen Gleiter. Wir reisen in unsere Hauptstadt Perlon.«

Anya wurde ganz schlecht, ihr Herz pochte schnell und ihr Kreislauf fuhr Achterbahn. Endlich saßen sie in einem klimatisierten Gleiter. Auch Zeem und Korch wirkten angeschlagen.

Der Gleiter tauchte ins Meer ab. Das Wasser war klar und sie konnte weit in die Tiefe blicken. Erst nach einer Weile wurden Lichter aktiviert. Scheinwerfer erhellten das Dunkel des Ozeans. Anya sah schwimmende Perlians um sie herum. Drei von ihnen schnellten am Gleiter vorbei und hielten auf eine Kugel zu, die plötzlich anfing zu leuchten.

»Ihre Wohnung. Es gibt Perlians, die ihre Häuser direkt im Meer haben«, erklärte Rednil.

Es war ein wunderschöner Anblick. Auf einer Ebene arbeiteten Perlians auf einer Art Feld und ernteten Seepflanzen.

Unterwasserstadt Perlon
Unterwasserstadt Perlon © Stefan Wepil

»Das letzte Mal, dass wir Besuch aus der Milchstraße bekamen, ist wohl fast eintausend Jahre her, als der Haluter Icho Tolot uns kurz aufsuchte. Es hat sich viel getan seitdem. Wir sind fester Bestandteil der Völkergemeinschaft von Druithora. Wir beliefern die Völker mit Mineralien aus der Tiefe, aber auch Nahrung und Medizin. Es gibt viele Perlians aus den Magellanischen Wolken, die in ihrer Heimat zurückgekehrt sind. Leider hat sich nun alles wieder verändert …«

Anya konnte sich schon denken, worauf Rednil anspielte. Die Invasion der Bestien und des Quarteriums versetzte dieses Volk bestimmt in Angst und Schrecken.

»Keine Sorge, lieber Freund. Die Perlians haben sich im Krieg neutral verhalten und werden dafür vom Quarterium belohnt werden. Die Bestien sehen in euch ja immer noch Verbündete. Wir sind hier, um Handel zu treiben«, sagte Zeem.

Anya erkannte nun schon die Stadt unter dem Meer. Sie war wunderschön. Durchsichtige Kuppeln, hell erleuchtete Türme und kunstvoll geschwungene Brücken und Bögen prägten das architektonische Wunderwerk der Perlians.

Das Unterseeboot schwamm zu einem Landeplatz. Eine kleine Strukturlücke öffnete sich und das Boot schwebte hindurch. Die Antigravtriebwerke wurden aktiviert und langsam glitt es auf den nassen Boden.

»Keine Sorge, wir haben die Luft mit einer für euch atembaren Atmosphäre angereichert und halten diese bei einundzwanzig Grad Celsius kühl«, erklärte Rednil.

Chadin und Rednil führten Anya, Marcello Zeem und Val Korch in eine große Halle. Die Kuppel war durchsichtig. Anya beobachtete die reichhaltige Fischwelt um sie herum. Fische in allerlei Farben und Formen schwammen über dem Dach.

Ein Surren ließ sie auf den Boden schauen. Aus diesem stiegen eine große Tischtafel und bequeme Sessel hervor.

»Nehmt Platz«, bat Chadin.

Ein dritter Perlian servierte Getränke und Kleinigkeiten zum Essen. Anya starrte gierig auf die ganzen Leckereien, entschloss sich aber für das Gemüse, da sie auf ihre Figur achten wollte. Schließlich wollte sie nicht, dass die grazilen Perlians sie mitleidig angafften, sollten sie doch noch an irgendeinen Strand gehen.

»Ah, wir erhalten gerade Nachricht, dass Ihre quarterialen Freunde auch eingetroffen sind.«

Anya blickte sich erschrocken um. Dann sah sie Zeem böse an. Sie wusste nicht, dass Quarteriale auch an der Besprechung teilnahmen. Eine Marschmusik ertönte. Anya konnte keine Lautsprecher in der großen Halle ausmachen.

Michael Shorne, Diethar Mykke und Cauthon Despair höchstpersönlich betraten den Kuppelsaal.

Despair zeigte den Ansatz einer Verbeugung vor Anya. Sie nickte ihm irritiert zu. Zu allem Übel nahm er auch noch neben ihr Platz. Mykke fläzte sich ihr gegenüber in den Sessel und glotzte sie mit seinem feisten, aufdringlichen Lächeln an.

Aus den Boxen erklang nun terranische Folklore. Offenbar hatten sich die Perlians gut vorbereitet.

»Zuerst wollen wir betonen, dass wir eine neutrale und friedliche Nation und den Pelewon und ihren Abkömmlingen geschichtlich eng verbunden sind«, eröffnete Chadin die Besprechung.

Anya wertete das als ein Zeichen der Angst. Dass Perlians in den Magellanischen Wolken die Diener der Uleb waren, war mehr als zweitausend Jahre her. Sicherlich war kein Perlian stolz darauf, denn auf Terra brüstete sich ja auch keiner mit Adolf Hitler, Iratio Hondro oder sagte, dass die Monos-Zeit echt klasse gewesen war.

Wobei, wenn sie sich die Quarterialen näher ansah, glaubte sie, dass es doch Terraner gab, die solche Zeiten wiederhaben wollten.

*

Cauthon Despair

Ich beobachtete während dieser langweiligen Konferenz die wunderschöne Anya Guuze. Ihre blauen Augen glänzten schöner als der Ozean auf Ednil im Schein seiner beiden Sonnen.

Das Geschwätz der feigen Perlians und der geldgierigen Terraner interessierte mich nicht. In der Nähe dieser Frau fühlte ich mich wohl. Sie wirkte so unsicher, hatte bestimmt große Furcht. Doch sie musste keine Angst haben, ich beschützte sie schon vor dem lüsternen Diethar Mykke oder der CIP.

Ich seufzte. Nein, nicht schon wieder! Jedes Mal, wenn ich eine schöne Frau erblickte, erging es mir ganz anders. Die meisten, die ich begehrt hatte, starben eines grausamen Todes. Die eine hasste mich und eigentlich war nur Brettany friedlich geblieben. Doch im Grunde genommen hatte ich ja sowieso mit keiner etwas gehabt. Nicht mal ein Kuss oder so war dabei herausgekommen. Das innigste Erlebnis waren Umarmungen.

Trostlos. Vielleicht würde Virginia Mattaponi mich ja lieben. Fanatisch genug war sie, aber ich empfand wenig für sie. Sie war irgendwie etwas bescheuert und unberechenbar. Die Hexe Constance war auch sehr süß, aber auch seltsam und letztendlich meine Feindin.

Und wieso sollte Anya etwas für mich empfinden? So eine Frau konnte jeden Terraner in Cartwheel und der Milchstraße haben. Außerdem liebte sie das Quarterium nicht unbedingt. Und da ich nun einmal die rechte Hand des Emperadors war, müsste sie sich wohl mit meiner Arbeit abfinden. Das war ihr sicher nicht möglich.

»Und was sagt das quarteriale Militär dazu?«

Wie? Wer fragte mich was?

Marcello Zeem sah mich fragend an.

»Einverstanden«, sagte ich knapp. Es ging doch sowieso nur um Wirtschaftswachstum. Das hatte keine militärische Bedeutung. Irgendwie war ich in seltsamer Stimmung. Mir war kalt. Wieso nur? Mein Herz pochte und der Kreislauf war auch nicht in bester Verfassung. Eigentlich müsste der Zellaktivator doch solche Lappalien kompensieren. Oder war es mehr ein psychisches Problem? Die Anwesenheit dieses Engels brachte wohl den Kreislauf jeden Mannes in Wallung, aber daran lag es nicht. Ich fühlte eine seltsame Kälte, seitdem ich auf Ednil war. Aber es war irgendwie eine vertraute Kälte. Schwer zu definieren.

»Dann machen wir eine kurze Pause«, beschloss Rednil und verneigte sich. Ich blickte dem schlanken Wesen hinterher. Major Korral rannte in den Raum, er stieß dabei beinahe Rednil um, der erschrocken zur Seite wich. Ich wusste sofort, es war etwas geschehen.

»Was gibt es?«

»Sir …«

Er blickte sich um. Ich verstand und ging mit ihm in die andere Ecke des Saals.

»LFT und Entropen haben einen Angriff auf die Station von MODROR durchgeführt. Sie konnten sie zwar nicht ernsthaft beschädigen, doch es sind feindliche Truppen an Bord der Station.«

»Wie gefährlich ist die Situation?«

»Nun, Torsor sagt, er hätte alles im Griff. Die Terraner und Entropen haben zwar einen Brückenkopf gebildet und einen Hangar besetzt, doch sie säßen in der Falle.«

»Gut, informieren Sie Torsor, er möge mit den LFT-Soldaten schonend umgehen. So viele Gefangene wie möglich. Die Entropen kann er alle niedermetzeln.«

Major Korral verneigte sich und verließ den Saal wieder. Die LFTler waren unsere Brüder, doch mit den Entropen hatte ich wenig Mitleid. Ich mochte sie nicht, bis auf diese Constance.

Die Perlians servierten Alkohol und alle griffen fleißig zu. Nun endete diese unwichtige Konferenz auch noch in einem Besäufnis. Das konnte ja lustig werden. Ich beschloss nur noch eine Stunde hier zu bleiben, dann sah ich mir lieber die Situation auf der Station von MODROR an. Obwohl die Operation in Torsors Händen eigentlich kaum schiefgehen konnte. Doch sicherlich waren wieder irgendwelche besonderen LFTler an Bord der Station.

*

Nach einer Stunde waren Shorne, Zeem, dessen Berater und Mykke schon voll wie Eimer und johlten laut »Quarterium – oh schönes Quarterium, Heimat aller Menschen«.

Anya nippte an ihrem dritten Cocktail und strahlte mich auch so seltsam an. Sie hatte wohl auch schon einem im Tee.

»Gefällt es Ihnen jetzt an unserer Seite?«, fragte ich sie.

»Nein, aber der Alkohol macht es im Moment erträglicher. Die Perlians haben echt leckere Cocktails. Wollen Sie auch mal? Ist sogar ein Strohhalm dabei.«

Impertinentes Frauenzimmer! Ich musste diese Maske nicht mehr tragen, denn dank MODROR war ich nicht mehr das Monster von einst. Die Deformationen waren weg und ich war ein gut aussehender Mann. Nahm ich zumindest an. Doch dieses Visier verlieh mir Macht und flößte den anderen Angst ein.

Doch manche schienen diese Ehrerbietung langsam zu verlieren, zumindest mit Zunahme der Promille.

»Danke, ich trinke nicht im Dienst. Ich trinke eigentlich gar keinen Alkohol, wenn es sich vermeiden lässt.«

»Na, ist wohl auch besser so. Aber der ist wirklich lecker. Egal, eigentlich würde ich jetzt lieber ganz schnell zurück nach Terra. Doch stattdessen sitze ich sechzig Millionen Lichtjahre von zuhause entfernt in einer Unterwasserstadt mit Fischköpfen und Arschlöchern. Sorry, aber ist doch wahr …«

»Sie haben aber keine Angst, mir das zu erzählen?«

Sie sah mich an. Mir wurde schon wieder ganz anders, das lag jetzt aber an ihr.

»Sie scheinen mich irgendwie zu mögen. Ich weiß nicht warum, aber ich habe das Gefühl, Sie werden mir nichts antun, Herr Quarteriumsmarschall.«

»Cauthon. Wir kennen uns lange genug.«

»Das ist mir jetzt irgendwie unheimlich. Ich meine, Sie … du bist der gefürchtete Silberne Ritter. Nicht, dass ich schon jede Menge seltsame Leute in den letzten zehn Jahren kennengelernt hätte. Ich erinnere mich da noch an den irren Ian Gheddy.«

Wie konnte ich den vergessen? Immerhin hatte ich seinen Bruder Charlie abgestochen, als der versucht hatte, den Emperador zu töten. Ich musterte Anya. Sie wirkte traurig. Sie musste damals Ian erschießen. Dreimal hatte sie mit dem Strahler auf ihn gefeuert. Es war ihr erster und wohl einziger Toter. Auch wenn es Notwehr war, so musste es sie doch damals sehr mitgenommen haben.

»Du hast damals richtig gehandelt. Ian hätte sonst den Emperador getötet.«

»Wäre … wäre damit anderen nicht viel Leid erspart worden?«

Ich stand wütend auf. Wie konnte sie das sagen? Der Emperador war gütig!

»Nein, mein Herzchen! Der Emperador hat mehr Wesen das Leben gerettet, als du ahnst. Wäre ein Jenmuhs oder ein Leticron der Imperator des Quarteriums, würde es ganz anders aussehen. De la Siniestro regiert streng, aber weise. Er wollte diese Kriege auch nicht.«

»Und die Entsorgungslager?«

»Sie waren nicht unsere Idee. MODROR hat sie uns auferlegt. Mich widert diese Massenvernichtung auch an. Doch bald sind wir am Ziel und dann wird es keine Morde mehr geben.«

»Dafür gehen deine Freunde aber mit viel Enthusiasmus an die Sache heran. Ich habe das Protokoll eurer Konferenz gelesen. Zeem hatte es ohne Passwort abgespeichert. Entsorgungslager auf Monol? Das klingt für mich nicht wie bald vorbei.«

Wie konnte sie es wagen, mich so herauszufordern? War sie sich wirklich so sicher, dass ihr nicht den Kopf abschlug oder sie erwürgte? Sie wäre nicht die erste auf meiner blutigen Liste!

Doch ihr Mut war beispielhaft. Nur wenige trauten sich so etwas in meiner Gegenwart. Sie war nicht nur schön, sondern auch intelligent und tapfer. Eigenschaften, die ich sehr schätzte.

Und sie hatte leider auch recht.

»Du verstehst die kosmischen Zusammenhänge nicht! MODROR fordert gewisse Tribute, wieso weiß ich auch nicht. Wir verstehen seine Gedanken nicht. Wie könnten wir auch eine fast zweihundert Millionen Jahre alte Entität verstehen? Ein Wesen, welches über den Kosmokraten und Chaotarchen steht.«

»Töten und Morden sind einfach zu verstehen. Es ist schlecht, Cauthon. Ich habe nicht das Gefühl, dass du das genießt. Du warst doch mal ein Freund von Perry Rhodan. Wieso das alles?«

»Weil ich ein Sohn des Chaos bin. MODROR ist … ist …«

Ich konnte ihr nicht sagen, dass MODROR eine Art Vater war. Noch immer zweifelte ich selbst daran. Doch seine Worte waren klar gewesen. Ich war aus dem Fleische des Sargomoph. Aus seinem Fleische. Sein Blut floss in meinen Adern.

»Was ist er?«

»Ein Gott«, antwortete ich voller Überzeugung.

Anya starrte mich entsetzt an. Sie schüttelte den Kopf.

»Das glaube ich nicht. Ein Gott würde nicht so rücksichtslos sein. Er ist eher der Teufel. Ich habe seine Drachen über Objursha gefühlt. Es war so viel Schmerz und Grausamkeit in ihnen. Das ist nicht göttlich, das ist höllisch. Und darauf bist du stolz?«

»Ich denke, du hast zu viel getrunken«, sagte ich, um das Thema zu beenden.

Sie schaute ihr Glas an.

»Vielleicht. Ich rede zu viel. Doch ich habe auf Kemet viel Zeit mit deiner Freundin Myrielle Gatto verbracht …«

Da war der nächste wunde Punkt. Myrielle war bestimmt nicht meine Freundin. Sie hasste mich. Wer weiß, wo sie jetzt steckte?

»Sie hat mir erzählt, dass du eigentlich einen guten Kern hattest, doch nach Objursha hasste sie dich nur noch. Sie fühlte sich damals zu dir hingezogen, weil du ein … verletzlicher Freak wie sie warst.«

Sie sah mich entschuldigend an.

»Dinge ändern sich. Ich bin kein Freak.«

Anya musterte meine Rüstung.

»Na ja, aber ganz normal auch nicht. Verletzlich und einsam scheinst du jedoch schon zu sein, oder?«

Ich blickte mich um. Die anderen bekamen nichts von der Konversation mit. Sie soffen und sangen.

»Die Einsamkeit ist meine Gefährtin. Zuverlässiger, als es je eine Frau sein kann. Sie ist immer da und lässt mich nie allein.«

Sie schmunzelte. Der Sarkasmus in meinen Worten war ihr wohl nicht entgangen.

»Das ist eine traurige Einstellung. Ohne Liebe funktioniert das Leben nicht. Jeder Mensch, jedes Wesen braucht doch Zuneigung und Liebe. Selbst dein heiliger MODROR.«

»Doch wer keine Liebe erfährt, wird hassen und voller Schmerz das Universum in seinem Zorn erschüttern.«

Sie sah mich ernst an.

»Nach diesem Motto lebst du? Es gibt leider viele Wesen, die nicht die oder den richtigen Gefährten finden, aber die radieren nicht gleich das Universum aus.«

»MODROR oder ich sind nicht ›viele‹. Wir sind besondere Wesen, vom Schicksal auserkoren, das Universum zu reformieren. Anya, was du hier miterlebst, ist eine kosmische Geschichte größten Ausmaßes. Noch in Milliarden von Jahren wird man von uns erzählen.«

Sie teilte meine Euphorie offenbar nicht, denn sie blickte mich mit ihren großen blauen Augen abwertend an.

»Einsamkeit rechtfertigt so etwas nicht.«

»Die Einsamkeit ist nur ein Punkt. Es steckt viel mehr dahinter. Einsamkeit resultiert aus Lieblosigkeit, aus Gier, aus Oberflächlichkeit, dem Verfall von Werten und aus einem schlechten System. Dies gilt es zu bekämpfen. Das Universum ist an einem toten Punkt angelangt. Das Streben nach Höherem ist verloren gegangen. Die Kosmokraten haben als Ordnungsmacht versagt. Perry Rhodan ist es nicht gelungen, das Erbe des Universums anzutreten.«

»Und MODROR will das nun tun?«

Ich lachte.

»Nein, sein Ziel ist ein anderes. Doch das werde ich dir nicht verraten. Wer sagt mir denn, dass du es nicht Joak Cascal ins Ohr flüsterst, wenn du ihn wiedersiehst?«

»Ihr habt wohl eine persönliche Vendetta?«, fragte sie.

»Cascal verachtet mich. Ich respektiere ihn als Krieger, doch wäre ich über seinen Tod nicht traurig.«

Anya schob das leere Cocktailglas in die Mitte des Tisches. Dann sah sie mich wieder an.

»Es ist kein Wunder, dass dich keine anständige Frau lieben kann. Du solltest den Fehler nicht bei anderen suchen, sondern bei dir. Wie soll dich eine Frau lieben? Einen Mörder ohne Reue? Dazu müsste sie schon von deinem Schlag sein, aber so eine willst du gar nicht. Du suchst einen reinen Engel, die perfekte Liebe. Du wirst niemals deine Prinzessin finden, und selbst wenn, würde sie dich für deine grausamen Taten verachten.«

Ich ballte die Hand zur Faust und war gedanklich soweit, zum Schlag auszuholen. Doch ich blieb ruhig. Ihre Worte trafen wie Nadelstiche in mein Herz.

Sie hatte recht. Ich war ein schlechter Mensch. Ich beging Morde, um das Wohlergehen der Menschheit zu sichern, um ihnen eine Zukunft zu bieten. Das Blut vieler Schuldiger und Unschuldiger klebte an meinen Händen.

An Tagen wie heute würde ich am liebsten das Handtuch werfen und mich gegen MODROR stellen. Ich war von seinem Ziel überzeugt, doch nicht von dem Weg dorthin. Wieso mussten so viele Unschuldige im Kampf gegen die Kosmokraten sterben? Wie Bauern wurden sie geopfert, um die wichtigen Figuren in Position zu bringen.

Ich setzte mich wieder hin und nahm einen Cocktail. Ich schob den Strohhalm durch die Atemöffnung an meinem Helm und saugte in drei Zügen das Glas leer. Das tat gut und genau so was hatte ich jetzt gebraucht.

Was sollte ich Anya noch sagen? Sie hatte recht und eine Diskussion war sinnlos.

Rednil und Major Korral betraten den Raum. Diesmal eilten beide zum Tisch. Was war denn nun schon wieder los?

»Meine ehrenwerten Gäste, Chadin!«

Der Perlian wandte sich von den betrunkenen Quarterialen ab, die sowieso kaum mehr etwas mitbekamen.

»Ein fremdes Raumschiff ist urplötzlich aus dem Nichts erschienen und hat den Orbit erreicht. Es taucht in die Atmosphäre …«

Major Korral stellte einen tragbaren Rechner auf den Tisch und aktivierte das Bild. Es zeigte ein großes Raumschiff, welches auf das Meer zustürzte. Die Legierung schimmerte grünlich. Es hatte die Form eines Torpedos mit Aufsätzen und einem großen Turm in der Mitte.

Die Perlians besaßen kaum Militär, um es aufzuhalten. Dazu bewegte es sich auch zu schnell. Mit lautem Donnern stoppte es knapp über dem Meer. Ich schmunzelte. Das Raumschiff war vier Kilometer lang, doch die Ozeane auf Ednil meistens nur bis zu drei Kilometern tief. Es verharrte hundert Meter über der Wasseroberfläche. Das Antigravtriebwerk verdrängte viel Wasser und hohe Wellen peitschten das Meer auf.

»Was machen wir jetzt?«, wollte Chadin von mir wissen.

Zu dumm, dass ich nur mit einem 250-Meter-Kreuzer hier war und nicht mit der EL CID.

»Major, informieren Sie die EL CID. Sie soll unverzüglich nach Ednil fliegen. Chadin, versuchen Sie Kontakt zu dem fremden Raumschiff aufzunehmen.«

Es gab zwar viele Rassen, die Raumschiffe in ähnlicher Form besaßen, doch diese Art war mir gänzlich unbekannt.

Dann feuerte es einen Schuss in die Tiefe ab. Plötzlich fing der Boden an zu zittern. Die Kuppel bebte und eine gewaltige Druckwelle hielt direkt auf uns zu. Anya sprang auf und klammerte sich an meinem Arm fest. Shorne und Mykke rannten aus dem Saal.

Die Welle erreichte uns schneller als gedacht. Sie zerbrach die Fenster. Wassermassen strömten herein. Anya wurde weggedrückt. Sie schrie um Hilfe, doch ich konnte ihr nicht helfen, denn auch ich rang mit den Fluten.

Major Korral packte mich und aktivierte einen Schutzschirm um uns herum.

Er nickte mir zu, dann deaktivierten er den Schirm wieder, nur um mir einen eigenen Schutzschirmgenerator zu geben. Beinahe zeitgleich aktivierten wir unsere -Schirme und weiteten das Umfeld aus. Die Wassermassen prallten am Schutzschirm ab und ich lief zu Anya, erstellte eine Strukturlücke und zog sie zu mir. Wir standen bis zum Bauch im Wasser, waren aber nun einigermaßen sicher.

Korral bewegte sich auf die Schotten zu. Rednil schwamm zu ihm, aber durch den Druck des hereinströmenden Wassers hatte auch er Probleme, sich zu halten. Schließlich gelang es dem Major, die Schotten zu schließen. Sofort wurde das Wasser abgepumpt. Einige Perlians stürmten in den Kuppelsaal.

Offenbar war keiner schwer verletzt. Selbst Zeem und sein exzentrischer Geschäftspartner Val Korch hatten es überlebt. Anya atmete schwer und setzte sich auf den Boden.

»So habe ich mir das Bad im ednilischen Meer nicht vorgestellt«, sagte sie und lachte gequält.

Ein Perlian kam auf Chadin und mich zu.

»Ich bin Angin, Sicherheitsverantwortlicher der Stadt. Wir haben in vielen Sektionen Wassereinbruch. Dieses fremde Raumschiff hat ein Loch in den Erdboden geschossen.«

Dann suchten die Fremden etwas. Und offenbar wussten sie genau, wo sie es suchen müssen.

»Ein weiteres Schiff ist im Orbit. Es funkt uns an«, meldete Rednil. »Ein gewisser Gal’Arn, ein Jaktar und eine Constance möchten mit uns reden. Freunde von Ihnen, Despair?«

*

Ich hatte die Perlians angewiesen, nichts von meiner Anwesenheit zu sagen. Sonst wäre die TERSAL wahrscheinlich schnell wieder entwischt. Auf der anderen Seite mussten sie etwas Wichtiges zu berichten haben, wenn sie das Risiko eingingen, mit den Perlians Kontakt aufzunehmen.

Was ging hier vor?

Nach wenigen Minuten betraten der Ritter der Tiefe, die Hexe Constance Zaryah Beccash und Gal’Arns Orbiter Jaktar den inzwischen abgedichteten Saal.

»Probleme mit der Wasserleitung?«, fragte der Elare zynisch. Er wirkte überhaupt nicht überrascht, mich zu sehen.

»Cauthon, schön dich wiederzutreffen. Ich habe doch gesagt, dass sich unsere Wege bald wieder kreuzen werden«, begrüßte mich Constance freudig.

»Wer ist denn die Tussi?«, fragte Anya feindselig.

»Ich bin Consta…«

Die entropische Hexe stolperte und knickte ein. Wie in Zeitlupe sackte sie zu Boden und setzte sich schwer auf ihren Hintern. Gal’Arn half ihr wieder hoch.

»Alles in Ordnung?«

Constance fing laut an zu lachen.

»Hups, da bin ich wohl gestolpert.«

Sie kicherte weiter. Gal’Arn schob sie behutsam zur Seite und ging zu mir.

»Eure Anwesenheit war uns bekannt, Despair. Die Hexe verfügt über empathische Fähigkeiten. Wir kommen in friedlicher Absicht. Unser Interesse gilt dem fremden Raumschiff.«

Ich glaubte dem Ritter der Tiefe. Gal’Arn log nicht. Er flunkerte nicht einmal. Er war steif und ehrlich. Doch mir fiel auch noch etwas anderes auf.

»Wo ist Jonathan Andrews? Ah, lasst mich raten, er ist auf MODRORs Station. Vermutlich mit der Alyske.«

»Und er ist nicht in friedlicher Mission dort.

Constance vermutet, dass eine große Gefahr von dem Raumschiff über Ednil ausgeht und irgendjemand erweckt oder befreit werden soll. Vielleicht eine Gefahr, die auch das Quarterium betrifft. Außerdem gilt unsere Sorge dem Volk der Perlians.«

Major Korral trat mit ein paar Soldaten, die inzwischen herbeigeeilt waren, vor Gal’Arn.

»Sollen wir sie festnehmen, Sir?«

»Das lassen wir nicht zu«, mischte sich Chadin ein. »Die Argumente des Ritters der Tiefe sind ehrenwert und sehr einleuchtend. Wir nehmen jegliche Hilfe gern an und ermahnen das Quarterium, sich daran zu erinnern, dass dies unsere Welt ist.«

Wahrscheinlich würde die 501. Division schon ausreichen, um Ednil zu besetzen, doch ich respektierte den Wunsch der Perlians. Wir mussten uns ja nicht überall aufführen wie die Herrenmenschen.

»Was wisst ihr über das Raumschiff?«, wollte ich schließlich wissen.

Constance trat an mich heran. Sie hatte sich wieder einigermaßen beruhigt.

»Ein sehr schlimmes Wesen befindet sich auf dem Raumschiff. Und es will seinesgleichen aus den Tiefen Ednils befreien. Ich spüre zwei verwandte Seelen und großes Unheil.«

Spürte ich dasselbe? Auch ich hatte ja dieses komische Gefühl. Constance sah mich eindringlich an. Die Nächste, in die ich mich hätte verlieben können!

War sie mein Engel? Meine Prinzessin? Immerhin hatte sie bei unserer ersten Begegnung sehr offen mit mir gesprochen. Gut, das hatte Anya auch. Jedoch war Constance nicht so vorwurfsvoll gewesen.

»Wir haben inzwischen eine Nachricht von dem fremden Schiff erhalten«, berichtete Rednil. »Sie sagen uns, dass uns kein Leid geschehen wird, wenn wir sie in Ruhe lassen. Sie werden bald wieder abziehen.«

»Nachdem sie haben, wonach sie suchen«, sagte Gal’Arn.

»Das werden wir nicht zulassen«, beschloss ich. »Wir werden uns das einmal näher ansehen …«

In der Falle

»Die Lage ist hoffnungslos, aber es könnte schlimmer sein«, sagte Jonathan Andrews zu Elyn. Er lächelte.

»Na ja … eigentlich wäre ich lieber woanders«, erwiderte die schöne Alyske und sah sich im großen Hangar um.

Die USO-Spezialisten von Point Odysseus und die Entropen hatten den kompletten Hangar eingenommen und alle Wege gesichert. Es war Jonathan gelungen, die Energiezufuhr umzuleiten. Sie kontrollierten nun die Energieversorgung dieser Ebene. Doch nur wenige hundert Meter von ihnen entfernt standen Kohorten von Bestien und Dscherr’Urk, die nur darauf warteten, sie anzugreifen. Im Hangar waren sie vorerst sicher, da man ihnen weder den Strom noch die Luft abstellen konnte, doch was nützte ihnen das? Sie mussten den kleinen SONNENHAMMER vernichten.

Inzwischen waren sie schon fünf Stunden an Bord. Endlose Stunden für Jonathan, der tatenlos nach einem Plan suchte.

Der arrogante Entrope Lydkor war ihm dabei nicht sehr behilflich. Offenbar hatte er auch keine Idee. Elyn hatte sich zwischenzeitlich in eine Ecke gesetzt und schlummerte. Plötzlich hob sie den Kopf und starrte auf die Anzeige ihres Pikosyns.

»Jonathan!«

Sie deutete auf den Pikosyn. Nun verstand er und überprüfte den seinen. Auch er sah das Signal. Jemand rief ihn. Er nahm den Anruf entgegen.

»Hier spricht Thor, Kohortenführer der Pelewongruppe III. Ich komme allein und möchte mit euch verhandeln.«

Jonathan war überrascht. Er sah Elyn an.

»Die Frequenz, die er wählt. Die kennt kein echter Pelewon«, sagte sie.

Jonathan dachte darüber nach. Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

»Wir sind zu Verhandlungen bereit. Kommen Sie, aber allein, Bestie!«

Wenigen Minuten später betrat eine mächtige Bestie den Hangar. Hunderte von Waffen waren auf sie gerichtet. Lydkor marschierte nervös auf und auf.

»Überlass mir die Verhandlungen, okay?«, ermahnte Jonathan den Heißsporn.

Der drei Meter fünfzig große Gigant stand vor Jonathan. Elyn stellte sich neben Andrews.

»Wir hören!«

»Eure Lage ist aussichtslos. Ihr seid des Todes, oder besitzt ihr einen wagemutigen Plan?«

»Nun, wenn es uns gelingen würde, die komplette Energieversorgung lahmzulegen, würden wir eine Arkonbombe zünden und von hier abhauen, denn der Schutzschirm wäre ja dann auch erloschen.«

»Ich verstehe«, sagte Thor. »Ein idiotischer Plan. Zu so einer schwachsinnigen Tat wären auch nur Terraner bereit, oder ihre Kolonisten, zum Beispiel die Siganesen.«

Andrews verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln. Nun war er sich ganz sicher.

»Der mächtige Torsor gibt euch ein Ultimatum von drei Stunden. Ihr könnt euch ergeben. Er wird euer Leben auf Wunsch von Cauthon Despair schonen. Doch in drei Stunden und einer Minute seid ihr alle tot, wenn …«

Thor drehte sich um und machte ein paar Schritte. Dann wandte er sich noch einmal an Jonathan und Elyn.

»Es sei denn, euer idiotischer Plan gelingt.«

Nun verließ der Koloss den Hangar. Lydkor blickte Andrews verständnislos an.

»Diese Bestie gehört zu uns«, erklärte der Terraner. »Thor, den man auch Paladin nennt, ist ein biomechanisches Wesen, welches von einigen Siganesen gesteuert wird. Das sind handspannengroße Menschen. Wir haben ihn als fünfte Kolonne eingeschleust. Offenbar hat er es geschafft, sich einen Namen zu machen. Wir müssen auf ihn vertrauen.«

»Vertrauen? Worauf?«, wollte der Entrope wissen.

»Nun, ich habe den Siganesen den Plan erklärt: Energieversorgung lahmlegen, dann alle in die noch flugfähigen Jäger und Fähren und weg hier. Zum Abschied hinterlassen wir noch eine Bombe, die diese Station vernichtet.«

Lydkor nickte.

»Das klingt gut. Hoffen wir, dass eure Siganesen fähig sind.«

»Und hoffen wir«, sagte Elyn, »dass sie auch lebend aus dem ganzen Schlamassel herauskommen.«

In den Tiefen Ednils

Cauthon Despair

Zwei Unterseeboote der Perlians brachten uns näher an das gewaltige Erdloch heran. Mit mir an Bord waren Major Korral, Rednil und die Hexe Constance. In dem zweiten Boot befanden sich Gal’Arn, Jaktar, Chadin und Anya. Sie wollte unbedingt mit. Ich vermutete eher, dass sie in der Nähe von Gal’Arn sein wollte. Bestimmt hoffte sie, er würde sie vor dem Quarterium retten.

»Was ergibt die Ortung?«

»Das Loch ist dreihundert mal einhundertdreißig Meter groß. Offenbar hat der Schuss einen tiefen Schacht von mehreren Kilometern Länge freigelegt. Ich orte unter dem Meeresgrund sehr viele Hohlräume, die alle mit Wasser gefüllt sind«, berichtet Major Korral.

Ein Ozean unter dem Meer? Faszinierend. Was immer sich dort unten befand, es musste sehr lange dort sein, wenn es von Gestein eingeschlossen war.

Es tat sich etwas bei dem fremden Raumschiff. Eine Kapsel wurde ins Meer gelassen. Sie tauchte in den Schacht hinab und verschwand.

»Hinterher«, befahl ich.

Rednil steuerte das U-Boot in Richtung des Schachts. Je näher wir kamen, desto schlechter wurde mir. Stechende Kopfschmerzen hämmerten in meinem Schädel. Major Korral fing an zu schreien und schlug um sich. Er verpasste Rednil einen Kinnhaken. Beide wurden bewusstlos. Ich wollte zur Kontrolle ihre Vitalfunktionen prüfen, da wurde mir schwarz vor Augen.

*

Als ich wieder zu Sinnen kam, sah ich das schöne Gesicht von Constance. Sie lächelte mich an.

»Schön, dass du wieder da bist. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.«

»Was … was ist geschehen?«

»Du und dein quarterialer Offizier drehten durch, je näher wir dem Graben kamen. Also habe ich das Boot gewendet und gewartet, bis du wieder wach geworden bist.«

Ich bemerkte, dass sie mir den Helm abgenommen hatte. Hastig setzte ich ihn wieder auf. Rednil starrte mich teilnahmslos an. Korral war immer noch ohnmächtig.

»Du siehst doch hübsch aus. Wieso versteckst du dich hinter der schrecklichen Maske?«

»Nicht schon wieder. Ich hatte heute schon genügend Gespräche darüber. Wo ist das andere Boot?«

»Vermutlich zerstört«, sagte Rednil ernst. »Es driftete ab und verschwand im Graben. Und offenbar können wir ihnen nicht folgen. Wobei die Hexe und ich nicht durchgedreht sind.«

Die Situation erinnerte mich an meine Erlebnisse zu Weihnachten letzten Jahres. Als ich mit Brettany de la Siniestro auf dem Eisplaneten in Siom Som war und wir eine bestimmte Grenze überschritten hatten, wurde ich auch ohnmächtig.

Auch damals hatten die Entropen versucht, jemanden aufzuhalten. Natürlich! Die Wesen in dem fremden Raumschiff mussten von diesem Riff sein. Wie auch in Siom Som suchten sie etwas, doch nach einer Prophezeiung oder Überlieferung konnte nur ein Wesen mit reinem Herzen die Barriere überschreiten. Chaosanhänger hatten überhaupt keine Chance. Damals war Brett nichts geschehen, und auch Constance schien ein reines Herz zu haben. Wobei ich mir nicht erklären konnte, welche Technologie so etwas messen konnte. Vielleicht gab es einen Algorithmus, der die DNS scannte.

Gal’Arn und Jaktar schienen jedenfalls auch durchgefallen zu sein.

Ich berichtete Constance und Rednil von meinen Erlebnissen in Siom Som und äußerte meine Vermutung.

»Und was machen wir jetzt?«, erkundigte sich die Hexe.

»Wir warten ab. Irgendwann wird diese Barriere deaktiviert werden. Ich hoffe, es ist dann nicht zu spät.«

»Eine schlechte Idee. Rednil und ich werden uns das ansehen und die anderen suchen. Keine Widerrede!«

Ich sah Constance überrascht an. Dann fing sie wieder an zu kichern.

»Hat doch gewirkt. Wir bringen dich zurück zur Stadt und werden den Schacht erkunden. Sobald wir Gal’Arn und die anderen gefunden haben, kehren wir mit ihnen zurück.«

Ich akzeptierte und hoffte, dass die Hexe in der Lage war, die fremde Barriere zu deaktivieren.

Brok’Ton

Anyas Kopf tat weh. Sie sah Sterne, aber das waren wohl keine echten. Ihr taten alle Knochen weh. Was war passiert? Dann kehrte die Erinnerung wieder. Gal’Arn wurde übel und Chadin drehte plötzlich durch. Er griff Jaktar brüllend und schreiend an. Sie verloren die Kontrolle über das Boot, welches mit voller Geschwindigkeit in den Schacht rauschte und irgendwo aufschlug.

Sie wollte sich an den Kopf fassen, doch es ging nicht. Ihre Hände. Sie konnte ihre Hände nicht bewegen. Sie hatte große Angst, doch sie spürte ihre Finger noch. Anya öffnete die Augen und schrie los.

Vor ihr stand ein Etwas mit verknittertem, braunem Gesicht und jeder Menge nassem, fauligem Zeug auf dem Kopf.

Sie sah nach links und rechts, versuchte wegzulaufen, sich zu wehren. Doch sie konnte ihre Hände nicht bewegen. Sie stand gefesselt vor diesem hässlichen Monster und schrie. Es sprach etwas in einer fremden Sprache, und die dumpfen Rhythmen von Trommeln ertönten.

Die Wesen sahen aus wie primitive Eingeborene. Wo befand sie sich? Sie war definitiv nicht im Wasser. Es war Land. Doch der Himmel war dunkel. Die Eingeborenen tanzten und Anya erblickte die gewaltige Statue eines Wesens mit zwei Augen und vier Armen. Es ähnelte einem Haluter, doch es sah dann doch anders aus.

Die Einheimischen tanzten um das Standbild herum, und langsam verstand sie den Wortlaut ihres Gesangs.

»Brok’Ton!«

Die Welt unter dem Ozean

Die Dunkelheit wich.

Gal’Arn öffnete die Augen und erblickte die Decke des Unterseebootes. Das Licht flackerte. Ihm taten alle Knochen weh. Langsam erhob er sich und sah sich um.

Zuerst entdeckte er Jaktar. Der Ghannakke lag ohnmächtig im Sessel. Behutsam überprüfte Gal’Arn, ob sein Orbiter keine schweren Verletzungen davongetragen hatte. Zu seiner Erleichterung war Jaktar in Ordnung. Vorsichtig weckte er ihn auf. Die großen Eselsaugen öffneten sich nach einer Weile und Jaktar wieherte leise.

Nun kümmerte sich Gal’Arn, der besorgt bereits registriert hatte, dass Anya Guuze nicht mehr im U-Boot war, um den Perlian Chadin, der für den ganzen Schlamassel verantwortlich war. Plötzlich war der Perlian durchgedreht, hatte um sich geschlagen und Jaktar niedergestreckt. Gal’Arn konnte nicht rechtzeitig eingreifen, da er zu diesem Zeitpunkt von starken Kopfschmerzen gepeinigt wurde und ihn das Gefühl quälte, die Siganesen in ein Himmelfahrtskommando geschickt zu haben. Als beide schließlich doch mit einander rangen, hatte Chadin die Steuerung des U-Bootes auf volle Leistung gestellt. Als nächstes hatte es furchtbar geknallt und dann war es schwarz um sie herum geworden.

Sie mussten irgendwo aufgeprallt sein. Offenbar war die Außenhülle nicht beschädigt, denn es drang kein Wasser ein.

Chadin war immer noch bewusstlos. Zur Sicherheit fesselte Gal’Arn den Perlian. Noch immer verspürte der Ritter der Tiefe leichte Kopfschmerzen und bohrende Schuldgefühle. Er vermutete, dass diese künstlich hervorgerufen wurden.

Wo war nur Anya Guuze? Da das U-Boot übersichtlich war, konnte sie sich nirgends versteckt haben.

»Sieh mal«, rief Jaktar und deutete auf die offene Luke. »Sie muss hinausgelaufen sein.«

Hinaus? Aber da gab es doch eigentlich nur Wasser. Jetzt verstand Gal’Arn. Sie mussten an Land sein. Das U-Boot war gegen Land geprallt. Da die Luke wohl schon eine Weile geöffnet war, schien die Atmosphäre auch atembar zu sein. Vorsichtig stiegen die beiden aus und sahen einen dichten Dschungel vor sich. Sie selbst befanden sich an der Küste dieses Festlandes.

Woher nahmen diese Pflanzen ihr Licht? Gal’Arn blickte nach oben. Die Decke glänzte hell, aber es gab hier keine Sonne. Offenbar waren sie in einer unterirdischen Höhle. Gal’Arn erinnerte sich an einen terranischen Roman, einen Klassiker aus einer Zeit, in der die Menschen noch nicht in den Weltraum vorgestoßen war. Der Titel der literarischen Kostbarkeit von Jules Verne lautete: »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde«.

Vermutlich gab es unter dem eigentlichen Meer von Ednil noch jede Menge Geheimnisse. Anscheinend gab es sogar Leben im Untergeschoss des Planeten.

Der Elare rätselte, wie diese Hohlräume unterhalb des Meeres entstanden waren. So etwas gab es auf vielen Planeten, doch zumeist waren diese Hohlräume komplett mit Wasser gefüllt. Hier jedoch schien ein eigenes ökologisches System zu existieren.

Bei genauerem Hinsehen waren die Bäume sehr seltsam. Die Blätter waren rotbraun, die Stämme schwarz.

»Sehr seltsame Gegend hier«, meinte Jaktar. »Und sehr unfreundlich drein guckende Wesen …«

Gal’Arn drehte sich überrascht um. Vier fremde Wesen standen vor ihnen. Sie waren humanoid und wirkten dreckig, als hätten sie gestern in Schlamm gebadet und sich nicht abgewaschen. Die Haare waren filzig und lang. Ihre Haut war braungrau. Ihr Kopf erinnerte an einen Perlian. Große Augen, aber natürlich kein Zeitauge.

»Kascha Mututu!«

Natürlich verstand Gal’Arn nicht, was der Eingeborene von ihnen wollte. Ihm entging jedoch nicht, dass sie bewaffnet waren.

»Denkst du, die haben Anya?«

Gal’Arn nickte.

»Ich fürchte ja. Doch sie werden sie nicht getötet haben, sonst hätten sie uns auch bereits im Schlaf erledigt.«

Gal’Arn trat einen Schritt näher und versuchte, den Eingeborenen Anya zu erklären. Er zeigte auf das blaue Meer, dann auf seine Augen und versuchte ihnen klar zu machen, dass sie eine Frau sei.

»Aguti? Ah, Mumnu! Mumnu titih.«

Sie deuteten in Richtung des Dschungels. Auf einer Anhöhe erkannte Gal’Arn ein Dorf. Offenbar hatten die Eingeborenen Anya dorthin gebracht.

Er und Jaktar wollten losgehen, doch die Eingeborenen hinderten sie mit erhobenen Speeren daran.

»Nuxu aka laka!«

»Die lassen uns nicht vorbei. Was nun? Wir brauchen doch höchstens zehn Sekunden mit denen.«

Gal’Arn wog Jaktars Vorschlag sorgfältig ab. Einerseits wollte er keinen Ärger mit den Einheimischen, doch vielleicht befand sich Anya Guuze in Gefahr. Also zog Gal’Arn sein Caritschwert und entwaffnete die vier Eingeborenen mit drei Schlägen. Sie starrten ihn ungläubig an und liefen brüllend davon.

»Denen hast du aber Angst gemacht.«

Das fand Gal’Arn auch. Plötzlich tauchte hinter ihnen das zweite Unterseeboot aus dem Meer auf. Mit einem lauten Platschen und viel Wasser legte es am Ufer an. Der Perlian Rednil und die Entropin Constance Zaryah Beccash stiegen aus. Die Hexe hatte ihre Mühe, aus dem Unterseeboot zu steigen, und wäre beinahe ins Wasser gefallen, doch es gelang ihr, mehr oder weniger stolpernd, den Weg zum Strand zu finden.

»Wo sind die anderen?«, fragte Gal’Arn.

»Die sind unpässlich. Cauthon und der Major drehten durch und wurden ohnmächtig, je näher wir dem Graben kamen. Er meint, es sei ein psychoenergetisches Feld. Nur Wesen mit reinen Herzen und Gewissen könnten unbeschadet hindurch. Und Söhne des Chaos wohl ganz besonders nicht«, sagte die Hexe Constance, während sie auf den Ritter und Jaktar zuging.

Sie bestätigte Gal’Arns Vermutung. Offenbar hatte jemand eine Sicherheitsschaltung installiert, um negative Wesen von diesem Ort abzuhalten. Zumindest schien diese Abwehrwaffe für Intelligenzwesen geschaffen zu sein, denn die Eingeborenen schienen keine Probleme damit zu haben. Gal’Arn war sich sicher, dass es in ihrer Kultur auch Verbrecher gab, die bestimmt kein reines Gewissen hatten.

Nun wusste er auch, warum ihm so schlecht war. Die Schuldgefühle über den Einsatz der Siganesen hatten ihn geplagt. Er war nicht reinen Herzens gewesen, aber offenbar doch gut genug, um die Barriere zu überwinden.

Wieso Chadin durchgedreht war, wusste er nicht. Offenbar gab es einige dunkle Punkte in der Vergangenheit des Perlians. Doch es war unwichtig, diese herauszufinden. Viel wichtiger war im Moment Anya Guuze.

Plötzlich ertönten Trommeln.

»Die geben eine Party. Schön, wollen wir dahin?«, fragte Constance unbedarft. »Wo ist eigentlich diese Anya? Die war mir nicht sehr sympathisch. Dabei erinnerte sie mich etwas an meine Lehrmeisterin auf Entropia. Zumindest vom Aussehen. Seltsam.«

»Anya ist vermutlich in dem Dorf dort oben. Und sie ist in Gefahr. Das spüre ich. Wir gehen jetzt zur Party«, sagte Gal’Arn und ging voraus. Er hatte in der Tat ein ungutes Gefühl.

*

In was für ein Schlamassel war Anya nun schon wieder geraten? Wäre sie doch niemals mit nach M 87 gekommen. Sie verwünschte ihren Chef Marcello Zeem. Das hätte sie sich auch nicht gedacht: halb nackt und gefesselt von primitiven, hässlichen Eingeborenen anlässlich irgendeiner Feier geopfert zu werden.

Noch immer tanzten die Primitivlinge freudig um sie herum. Immer wieder riefen sie »Brok’Ton«. Nun packten sie das Konstrukt, an dem Anya gefesselt war, und trugen es zu einem Abgrund. Anya bekam noch mehr Angst und glaubte, dass dies das Ende war. Sie würden sie in den Abgrund stürzen!

»Nein!«, schrie sie und versuchte, sich loszureißen, doch die Fesseln waren zu stark. Voller Panik starrte sie auf den immer näher kommenden Abgrund. Dann hielten die Eingeborenen inne, verankerten das Konstrukt an zwei Leinen und ließen Anya langsam herunter. Das Konstrukt neigte sich mit ihr nach unten, so dass sie in die Schwärze des Abgrunds starrte.

Dort unten war Nebel und tiefes Schwarz. Mehr nicht. Es ging bestimmt Hunderte von Metern bergab. Ihr Herz pochte immer schneller. Entweder starb sie an einem Herzinfarkt oder wurde am Boden des dunklen Schlundes zerschmettert.

Die Trommeln wurden schneller geschlagen und eine Art Medizinmann tanzte um sie herum. Er hatte in der rechten Hand ein Schwert und fing an, ihre Fesseln zu zerschneiden.

Oh Gott, nun war es gleich vorbei!

Zuerst zerschnitt er die Fesseln an ihren Füßen. Sie rutschte weiter nach unten und hing nur noch an ihren Armen. Es tat weh. Sie versuchte, sich hochzuziehen, doch lachend schnitt der Eingeborene die Fessel ihrer linken Hand durch. Jetzt hing Anya nur noch mit einer Hand an der Trage. Sie versuchte, mit der Linken das Seil der rechten Fessel zu erreichen, doch ehe sie das rettende Seil packen konnte, war es auch schon durchtrennt.

Sie stürzte in die Tiefe und schloss mit dem Leben ab.

*

Gal’Arn, Jaktar, Constance und Rednil hatten das Dorf erreicht. Die Trommeln schwiegen. Sofort rannten ihnen Eingeborene entgegen und bedrohten sie mit Speeren und Keulen. Jaktar feuerte dreimal mit seinem Thermostrahler in die Luft. Erschrocken wichen die Einheimischen zurück und liefen in ihre Häuser oder in den Wald.

»Hier!«, rief Constance.

Gal’Arn eilte sofort zu ihr. Vor einem Altar lagen die Sachen von Anya. Gal’Arns Blick fiel auf den Abgrund hinter der Statue eines haluterähnlichen Wesens. Dort stand eine Trage an zwei Leinen gebunden. Vier durchgetrennte Seile hingen herunter. Der Ritter musste kein Hellseher sein, um zu wissen, was geschehen war. Er ging bis zum Rand und starrte in die Tiefe hinab. Trauer erfüllte sein Herz.

Anya Guuze war tot!

Paladin

Thor oder Paladin? Das war hier die Frage.

Er überlegte, wie er sich denn nun eigentlich nennen sollte. Den Namen Thor hatte er sich selbst gegeben, doch eigentlich hieß er ja Paladin. Sollte er sich nun Thor Paladin oder Paladin Thor nennen?

Paladin Thor klang besser, fand er. Was wohl seine vier Mitbewohner in seinem Inneren dazu sagten? Die vier Siganesen David Golgar, Domino Ross, Hermes Eisar und Rosa Borghan waren nicht so vergnügt wie er. Vielleicht lag es daran, dass er so hoch erfreut war über sein neues Ich. Der Paladin, nein er selbst, eigentlich ein künstliches Objekt mit Plasmazusatz, hatte ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Es war wunderschön, zu denken und zu fühlen. Er hatte in den vergangenen Monaten mehr und mehr gelernt, auch wenn der Umgang mit den Bestien nicht unbedingt schön war. Doch auf der anderen Seite war er auch eine Art Bestie oder Haluter.

Er wanderte durch den Korridor, der von Pelewon und Moogh strengstens bewacht wurde. Dieser Weg führte zu dem Hangar, in dem sich seit einigen Stunden Terraner und Entropen verschanzten. Keine der Bestien ahnte, dass Paladin Thor mit den Feinden kooperierte, er eine Art Einmann-Fünfte-Kolonne im Lager der Bestien war.

Innerhalb der wenigen Monate hatte es Paladin bis zur Elite-Kohorte von Torsor geschafft, war sogar Truppführer einer Unterkohorte. Er hatte sich freiwillig als Unterhändler gemeldet. Natürlich nur, um mit Jonathan Andrews und Elyn Kontakt aufzunehmen. Diese hatten ihm auch über Umwege ihren Plan erläutert. Die vier Siganesen grübelten nun angestrengt darüber nach, wie sie den Plan in die Realität umsetzen konnten. Dabei war es doch simpel. Einfach die Energieversorgung dieser Kampfstation deaktivieren. Paladin Thor hätte dies gern übernommen, während sich die Kampfstation im Flug durch die gigantische Hohlsonne im Internraum befand, doch das hätte auch die vier Siganesen und die Terraner und Entropen getötet. Es musste also vorher geschehen, so dass alle fliehen konnten.

Sein eigenes Leben war ihm nicht so wichtig. Er sah jede Sekunde als kostbares Geschenk an, obgleich ihm bewusst war, dass seine Stunden bereits gezählt waren. Die Siganesen waren mit ihm in ein Himmelfahrtskommando gegangen, um den Anführer der Bestien, Torsor, zu töten. Da Paladin nicht wollte, dass die Siganesen starben, musste er diese Mission also allein zu Ende führen. Doch vorher musste er die vier Grünlinge loswerden. Sie mussten zu Andrews und Elyn. Dort waren sie in Sicherheit.

Es würde jedoch schwer sein, die Winzlinge davon zu überzeugen. Er musste sich eine List ausdenken. Zuerst jedoch führte ihn sein Weg direkt zu Torsor. Dieser erwartete nämlich seinen Bericht. Nach endlosen Korridoren und Antigravschächten hatte Paladin endlich die Kommandozentrale der Station erreicht. Er blickte auf die zotteligen, gehörnten Dscherr’Urk herab, die sichtlich Respekt vor den Bestien hatten. Einige Meter weiter stand Torsor zusammen mit seinen Generälen an einem Planungstisch. Auf schwarzem Untergrund flackerten grüne und rote Punkte, die Raumschiffe und Abwehrforts der Feinde darstellten. Torsor plante offenbar eine sinnvolle Route zum Internraum.

Paladin verneigte sich vor dem Herrn der Bestien. Torsor war mit seinen über fünf Metern die größte Bestie von allen und überragte selbst den künstlichen Haluter um fast zwei Meter. Ein Gigant unter Giganten. Drei glutrote Augen strotzten vor Entschlossenheit.

»Berichte!«

»Ich habe den Feinden das Ultimatum überbracht. Sie haben es mit Zynismus kommentiert und sind siegesgewiss – noch!«

Nicht Paladin hatte diesen Satz gesprochen, sondern Domino Ross, der nun die Kontrollen übernommen hatte.

»Ist das so? Nun, sie werden bald sterben. Unsere Techniker arbeiten bereits daran, die Energiezufuhr des Hangars abzustellen. Natürlich werden wir sie vor Ablauf des Ultimatums niedermetzeln.«

Paladin verwünschte Torsor! Er hielt nicht Wort. Das war gemein und hinterlistig. Aber offenbar funktionierte das so in der Welt der »Fühlenden«.

»Ich bitte die Techniker unterstützen zu dürfen. Je eher wir dieses Dreckspack ins All jagen, desto besser, mein Herr«, sagte Ross mit der Stimme des Paladins.

Torsor lachte grollend.

»Du bist jung und voller Tatendrang. Das lobe ich mir. Nur zu, Thor! Hilf ihnen und besiegele das Schicksal unserer Feinde.«

Paladin verneigte sich wie von Geisterhand. Die Siganesen hatten nun auch seine Physis unter Kontrolle. Er ließ es geschehen. Schließlich zogen die Winzlinge und er am selben Strang. Doch von Minute zu Minute behagte es ihm immer weniger, nicht mehr Herr über Sinne und Körper zu sein. Er bemerkte, wie sich eine Luke am Schenkel öffnete und jemand herunter krabbelte. Es war Hermes Eisar. Getarnt durch einen Deflektorschirm verließ er den Paladin und bezog Stellung unter dem Planungstisch.

Paladin Thor horchte in die Zentrale seines Kopfes hinein. Rosa, Domino und David diskutierten über ihre Aktion.

»Mir ist nicht wohl, dass wir Hermes allein zurücklassen«, sagte Rosa hörbar besorgt.

»Wir holen ihn ja wieder ab. So sind wir jedoch jederzeit über die Aktivitäten von Torsor informiert. Wir müssen nicht nur die Energiezufuhr der Station deaktivieren, sondern auch Torsor töten«, erklärte Domino Ross entschlossen.

Die Siganesen schwebten in großer Gefahr, wenn sie ihren Plan durchsetzen wollten. Nur wie konnte Paladin sie beschützen? Freiwillig würden sie ihn niemals verlassen. Vorerst sollten sie auch noch hierbleiben. Paladin hatte noch zu wenig Erfahrung. Je mehr Zeit er mit den Grünlingen verbrachte, desto besser für ihn. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, an dem es kein Zurück mehr gab.

Domino Ross überließ dem Paladin wieder die Kontrolle. Dieser ging zur Energieversorgungsstation in der 187. Etage der Kampfstation. Hier befand sich das Herz der Station.

Der Energiesektor erstreckte sich über mehr als zwanzig Etagen. In der Zentrale lief alles zusammen. Paladin gesellte sich zu dem Wissenschaftsleiter, einem alten Pelewon namens Kulfur. Das dritte Auge der Bestie war erblindet, die grünliche, schuppige Haut ausgeblichen. Auch die Statur des Pelewon wirkte alt und gebrechlich.

»Wer bist du, Kohorten-Führer?«

»Ich bin Thor und habe die Anweisung von Torsor höchstpersönlich, dir zu helfen.«

Kulfur stieß einen verächtlichen Laut aus.

»Was kann ein so junger Spund schon mehr wissen als ich? Also gut, dann stehe hier herum. Aber störe mich nicht bei der Arbeit.«

»Wie weit bist du denn schon?«

Domino Ross überließ Paladin diesmal den Dialog.

»Beinahe fertig. Wir werden ihre Energie einfach abzapfen. Dann wird ihre Versorgung zusammenbrechen und deine Soldaten können den Hangar erstürmen.«

Das musste er unter allen Umständen verhindern.

»Thor, hier ist David Golgar. Ich und Rosa werden aussteigen und Zeitbomben am Energiesystem platzieren. Du und Domino müsst den alten Sack noch etwas hinhalten.«

Paladin hatte verstanden. Mit aller Penetranz schaute er Kulfur über die Schulter, machte Lärm und stellte die unmöglichsten Fragen. Genervt unterbrach der Pelewon seine Arbeit.

»Hat Torsor dich geschickt, um mich zu bestrafen? War ich ihm nicht immer treu ergeben? Geh fort.«

Paladin wich ein paar Schritte zurück und fing an zu pfeifen. Dann lief er auf und ab. Ab und zu hörte er das Seufzen des alten Pelewon. Schließlich fragte Paladin: »Sind wir bald fertig?«

»Nein.«

Eine Minute verstrich.

»Sind wir bald fertig?«

»Immer noch nein.«

Nach einer Minute.

»Sind wir bald fertig?«

»Nein!«

Nach einer weiteren Minute.

»Sind wir bald fertig?«

Wütend schlug Kulfur mit allen vier Fäusten auf eine Apparatur, die er zertrümmerte.

»Nein!«, brüllte er. »Oh nein, was habe ich getan? Der Apparat ist beschädigt. Alles nur, weil du mich genervt hast!«

Im Inneren hörte Paladin den Siganesen Domino Ross lauthals lachen. Dann aktivierte Ross die Sprachsteuerung.

»Hör mal zu, alter Pelewon! Ich bin schließlich für das Militär zuständig und will endlich die Feinde vernichten. Da darf ich mich ja wohl erkundigen, wann du endlich fertig bist. Oder soll ich Torsor vorschlagen, dich durch einen Jüngeren mit etwas mehr Selbstbeherrschung zu ersetzen?«

Kulfur starrte Paladin entsetzt an. Ross übergab die Sprachsteuerung wieder dem Paladin und lachte sich kaputt. Immerhin gewannen sie mit dieser Taktik etwas Zeit.

*

Das endlose Warten machte Jonathan Andrews verdammt nervös. Sie saßen fest und konnten nichts tun. Alle Hoffnungen ruhten auf dem Paladin und den vier tapferen Siganesen.

Lydkor und Elyn hatten sich inzwischen um die beschädigten SAPHYR-Raumjäger, Space-Jets sowie die entropischen Raumfähren gekümmert.

Es war alles für einen Alarmstart bereit. Doch solange der Schutzschirm um die Raumstation aktiviert war, hatten sie keine Chance. Elyn setzte sich zu Jonathan. Sie schenkt ihm ein liebevolles, ehrliches Lächeln. Er genoss ihre Anwesenheit. Aber wahrscheinlich tat das jeder Mann.

»Was machen wir, wenn Paladin versagt?«, fragte sie schließlich.

Jonathan stieß einen Pfiff aus.

»Das wollen wir mal lieber nicht hoffen. Aber dann müssen wir in die Offensive gehen und die Kampfstation selbst vernichten.«

»Das werden wir nicht überleben.«

»Ich weiß …«

Es musste einen anderen Weg geben! Jonathan zermarterte sein Hirn, aber er kam auf keine andere Lösung. Im Nachhinein war es eine ziemlich blöde Idee gewesen, so einfach in die Raumstation zu fliegen. Gal’Arn wäre sicherlich nicht stolz auf ihn gewesen. Elyn stupste Jonathan an.

»Du machst dir Vorwürfe, oder? Wenn wir nicht so gehandelt hätten, wäre diese Kampfstation bereits im Internraum und das Schicksal der Konstrukteure des Zentrums wäre besiegelt. Wir haben Zeit gewonnen, Jonathan! Torsor traut sich nicht, die Operation zu starten, solange er uns nicht ausgeschaltet hat. Das verschafft den vier Siganesen Zeit, um zu handeln.«

Elyns Worte gaben Jonathan etwas Mut. Sie schaffte es immer wieder, seine trüben Gedanken zu vertreiben. Eine Gabe, die nicht viele Wesen besaßen. Elyn war die gute Seele ihrer Mission. Gleich ob Gal’Arn, Aurec oder er zweifelten, es gelang ihr immer wieder, die Männer auf Kurs zu bringen. Elyn war sehr wertvoll für alle. Sie gab den Menschen Kraft und Hoffnung.

Lydkor und der drei Meter große Tertiärentrope Gervak gesellten sich zu uns. Lydkor strahlte seine gewohnte Arroganz aus.

»Unsere Truppen werden sich nicht auf eure Führung verlassen. In einer Stunde starten wir einen Angriff. Wir werden die komplette Sektion erobern.«

»Das ist doch Wahnsinn«, sagte Elyn. »Du schickst deine Männer in den sicheren Tod. Wir müssen den Siganesen mehr Zeit geben.«

»Wir vertrauen diesen Zwergenmenschen nicht. Sie sind bestimmt bereits tot. Mein Plan sieht zwei Angriffswellen vor. Ein Ablenkungsmanöver und ein Stoßtrupp in die Lüftungsschächte, von wo wir die Kommandozentrale und das Energiedepot suchen und vernichten.«

»Der Plan ist mutig, aber auch zu gefährlich«, warf Jonathan ein.

Lydkor lachte abfällig.

»Ihr Terraner seid naiv. Glaubt ihr wirklich, dass die Bestien Wort halten und uns die volle Frist gewähren? Sie werden unverhofft angreifen, um uns zu vernichten! Wir müssen ihnen zuvorkommen!«

Lydkor ballte entschlossen die Faust.

Leider musste Jonathan ihm recht geben. Ihre Situation war prekär, denn auch er glaubte nicht daran, dass Torsor Wort hielt. Sobald sie ein Mittel fanden, wie sie die Energie umleiten konnten, würden die Bestien angreifen. Jonathan sah Elyn an.

Sie atmete tief durch, dann nickte sie.

»Also gut. In einer Stunde.«

*

Domino Ross erzählte dem Paladin von den Heldentaten des legendären Thunderbolt-Teams, das unter dem Kommando von Harl Dephin und Dart Hulos mehrmals die Menschheit rettete. Thor hörte diese Geschichte seiner Vorgänger gern. Sie hatten viele Ruhmestaten begangen.

Paladin wollte seinen Vorgängern in nichts nachstehen. Das hier war seine Stunde, sein großer Moment, um Geschichte zu schreiben. Er wurde durch das laute Stapfen einer Gruppe von Bestien abgelenkt, die den Energiekontrollraum betraten.

Einer von ihnen trug einen schwer verletzten Entropen auf dem Rücken. Es war einer dieser haluterähnlichen Giganten.

»Den haben wir auf einem Patrouillengang erwischt«, sagte ein Moogh und warf den Haluterähnlichen auf den Boden. Dann packte er den Kopf und riss ihn mit einem lauten Knacken ab.

Er warf ihn auf den Boden und kickte ihn zu einem Pelewon. Dieser nahm den Kopf mit der Fußspitze auf und begann zu jonglieren. Dann schoss er ihn zum nächsten, der per Kopf auf einen Moogh verlängerte. Paladin glaubte, nicht richtig zu sehen: Es war ein waschechtes Fußballspiel entstanden. Mooghs gegen Pelewon. Fußball – oder Fußkopf?

Ein Moogh stürmte von hinten an den ballführenden Pelewon heran und krachte mit offener Sohle in das rechte Bein des Pelewon. Ein widerliches Knacken erklang. Brüllend fiel der Pelewon zu Boden.

»Wow, das nenne ich eine echte Blutgrätsche«, kommentierte Domino Ross die Aktion.

Der Pelewon rächte sich, indem er den gerade aufstehenden Moogh mit dem Fuß ins Gesicht trat. Der Moogh spuckte Blut und Zähne aus. Die Pelewon waren wieder in Ballbesitz und passten ihn im »Mittelfeld« hin und her. Links stand einer frei. Er erhielt den Pass, nahm den Kopf mit der Brust an und stürmte auf das »Tor« der Moogh zu, dem Eingang zum Kontrollraum. Er flankte in die Mitte. Ein Pelewon ging mit dem Kopf voran zum »Ball«, während der Torwart der Moogh mit allen vier Fäusten versuchte, einen Treffer zu verhindern. Mit einer Faust erwischte er den Entropenkopf, mit den anderen drei den Pelewon, der ächzend zusammenbrach.

»Foul!«, brüllte einer und es entstand ein Rudel. Pelewon und Moogh brüllten sich an und begannen, sich zu prügeln.

»Wir müssen einschreiten, die können wir hier nicht gebrauchen«, sagte Domino Ross. Paladin nickte. Er ging zu den Spielenden, schnappte sich den Kopf und legte ihn auf den Boden. Mit einem wuchtigen Tritt zertrümmerte er den Schädel des Entropen. Die Pelewon und Moogh starrten ihn entsetzt an.

»Unser Ball! Du hast unseren Ball kaputt gemacht«, sagte ein Moogh enttäuscht. Paladin brüllte los:

»Ihr erbärmlichen Maden! Es herrscht Krieg! Begebt euch sofort zu euren Kohorten! Ihr werdet eure Energie noch brauchen im Kampf gegen die Terraner und Entropen. Na los, sonst verprügle ich jeden einzelnen von euch!«

Ein Pelewon fing an zu lachen. Paladin stürmte intuitiv auf ihn zu, warf ihn zu Boden und hämmerte mit seinen Fäusten auf seine Brust. Dann ließ er vom ächzenden Pelewon ab.

»Noch jemand?«, fragte Paladin wütend.

Die Pelewon und Moogh verschwanden so schnell wie möglich aus dem Energiekontrollraum. Domino Ross lobte Paladins Einschreiten. Dabei fand Paladin, dass er überreagiert hatte. Er hätte den Pelewon beinahe getötet. Grundlos! Das war nicht richtig gewesen. Zugleich machte er sich keine Illusionen. Sie planten, die gesamte Raumstation zu vernichten und tausende Bestien damit in den Tod zu schicken.

Gab es dafür eine moralische Entschuldigung? Vielleicht, denn sie wollten ja diesen Krieg nicht. Sie mussten doch das Recht haben, sich zu verteidigen. Wenn sie diese Raumstation nicht stoppten, würden Millionen Wesen sterben. Sie hatten doch keine andere Wahl. Paladin berichtete Domino Ross von seinen Gewissensbissen und Ross erklärte, er würde genauso fühlen.

»Wir Siganesen haben eine hochstehende Moral. Mir wäre es auch lieber, wir könnten die Bestien alle betäuben, entwaffnen und ihnen den Hintern versohlen. Doch leider kennen diese Wesen keine Gnade. Sie wollen töten. Und ein Lebewesen muss das Recht haben, sich dagegen zu wehren. Wir eleminieren keine Unschuldigen. Niemand hat die Bestien gebeten, so viel Leid anzurichten.

Obwohl die Konstrukteure des Zentrums nicht unschuldig an der Situation sind. Es liegt viel im Argen in dieser Galaxie …«

Inzwischen kehrten David Golgar und Rosa Borghan zurück. Unbemerkt waren sie wieder in den Paladin gestiegen.

»Die Bömbchen sind platziert und können jederzeit gezündet werden. Dann bricht die komplette Energieversorgung zusammen«, meldete Rosa mit hörbarem Stolz in der Stimme.

Noch immer war Kulfur damit beschäftigt, die Energie im Hangar abzuschalten. Doch der alte Pelewon kam offenbar nicht weiter. Paladin stichelte hin und wieder, um den Alten abzulenken. Dann meldete sich Hermes Eisar.

»Torsor gibt den Befehl zum Angriff auf den Internraum. Es ist ihm jetzt egal, ob er ein Trojanisches Pferd in der Kampfstation hat. Er will die Entscheidung sofort herbeiführen. Holt mich bitte ab, ich …«

Der Kontakt brach ab.

»Hermes? Hermes, melde dich!«, forderte David Golgar, doch Eisar antwortete nicht.

Brok’Ton

Ich lebe noch, schoss es Anya durch den Kopf.

Sie hing zwischen Lianen und starken Wurzeln – über ihr der Nebel, unter ihr die Finsternis. Sie war zwar noch am Leben, aber ihre Situation auch nicht viel besser. Außerdem war ihr kalt, denn sie trug nicht viel mehr als Tarzans Jane, nachdem die Eingeborenen sie »neu eingekleidet« hatten. Es knackte unheimlich. Irgendetwas flatterte über ihren Kopf hinweg. Die Angst war immer noch da. Anya versuchte, sich zu bewegen. Ganz langsam wollte sie den Halt in diesen Lianen finden. Vielleicht schaffte sie es, vorsichtig hinab zu klettern.

Das unheimliche Flattern und Knacksen umgab sie jedoch immer noch. Sie fragte sich, ob hier irgendetwas Lebendiges war. Das beruhigte sie nicht unbedingt. Sie stieg behutsam immer weiter nach unten. Die Lianen trugen ihr Gewicht ohne Probleme.

Eine der Wurzeln war seltsam klebrig. Sie hatte Mühe ihren Fuß wieder loszubekommen. Anya hangelte sich seitlich entlang und klebte schon wieder an einer der Pflanzen. Sie riss sich los und betrachtete das Gestrüpp näher.

Sie verwünschte den Tag, an dem sie hergekommen war!

Oh Nein! Nicht das! Das ist ein Netz. Keine ekligen, achtbeinigen Spinnen! Bitte nicht!

Sie hatte solche Angst vor diesen Viechern. Sie war mitten in ein Spinnennetz geraten. Von der Größe her zu urteilen, musste es von einer Großfamilie sein. Wahrscheinlich würden gleich überall die kleinen behaarten Viecher aus ihren Verstecken kommen. Schon allein beim Gedanken daran, wurde Anya übel.

Sie kletterte vorsichtig weiter. Plötzlich baumelte neben ihr eine eingesponnene Larve. Die war aber ziemlich groß, ungefähr halb so groß wie sie selbst. Anya betrachtete das eingewickelte Rieseninsekt. Plötzlich öffnete es das eine Auge. Schreiend fiel Anya nach hinten und konnte sich erst nach einer Weile an einer Wurzel festhalten.

Über ihr bewegte sich plötzlich etwas. Und das war keine kleine Spinne. Das achtbeinige Ungetüm war doppelt so groß wie Anya und hielt direkt auf sie zu.

Anya Guuze wird von einer Riesenspinne angegriffen
Anya Guuze wird von einer Riesenspinne angegriffen © Gaby Hylla

Sie ließ sich weiter nach unten fallen, doch die Spinne kam immer näher. So schnell konnte Anya nicht nach unten klettern, zumal sie gar nicht wusste, wie weit es noch bergab ging. Doch das Monster hatte sie bald eingeholt. Schreiend wich sie einem Hieb der Spinne aus, verlor den Halt und stürzte in die Tiefe.

Unsanft schlug sie auf den Boden auf, der Gott sei Dank näher gewesen war, als sie dachte. Der Boden war furchtbar glitschig. Es war neblig und sie sah kaum etwas. Angsterfüllt rannte sie einfach los. Sie wollte nur der Spinne entkommen. Alles war besser als dieses Monster. Doch sie hörte das Knacksen und Krabbeln immer noch hinter ihr. Sie stürzte über einen Baumstamm und kam nicht wieder hoch. Erschrocken drehte sich Anya um und starrte auf die Spinne, die zum Sprung ansetzte.

Doch bevor sie Anya erreichte, griff eine riesige Pranke zu und zerquetschte das achtbeinige Monster. Anya blickte nach oben, doch was da vor ihr stand, war auch nicht viel besser. Das Wesen war mindestens fünf bis sechs Meter groß und hatte zwei große, monströse Augen in dem gewölbten Schädel sitzen. Es besaß vier Arme und trug ein hellbraunes Fell an vielen Bereichen des graufarbigen Körpers.

Anya fing an zu schreien, doch das Monster gegenüber brüllte auch los. Sie versuchte wieder aufzustehen, doch kaum war sie auf den Beinen, hatte das Wesen sie schon im Griff und hob sie langsam hoch. Er hielt sie direkt vor seinen Kopf. Verzweifelt versuchte sich Anya loszureißen, aber die Pranke des Monsters umfasste sie zu fest.

»Lass mich los, du ekliges Vieh! Bitte, lass mich los!«

Der Riese grunzte etwas Unverständliches und marschierte los. Anya hielt sich an den haarigen Armen fest. Sie gab den Widerstand auf; es war wohl besser, Kräfte zu sparen. Anscheinend wollte er sie nicht gleich verspeisen. Oder er hatte so eine Art Kühlschrank, in den er sie packen wollte. Dabei war ihr alles andere als wohl. Die Finsternis machte ihr zusätzlich zu schaffen. Eigentlich liebte Anya Tiere, doch dieser Riesenhalbaffe oder Halbaffenhaluter war ihr nicht geheuer.

Endlich erreichten sie sein Lager. Er stellte sie auf den Boden und setzte sich ein paar Meter weiter auf einen Stein. Anya erkannte, dass sie sich in einem Käfig befand. Rechts neben ihr war eine Art Eingang. Er sah künstlich aus, wie ein Torbogen. Doch er war mit Pflanzen überwuchert.

Sie setzte sich hin, in der Hoffnung, dass dort nicht schon wieder irgendwelche Insekten krabbelten. Ihr Herz setzte einige Schläge aus, als sie in die linke Ecke des Käfigs blickte. Da lagen jede Menge Knochen und Totenschädel. Damit bestätigte sich ihre Vermutung – sie war wohl sein morgiges Frühstück. Anya drückte die Hände vor ihr Gesicht und fing an zu weinen.

*

»Sie lebt noch«, sagte Constance zu Gal’Arns Erstaunen. »Ich fühle, dass da unten ein menschliches Wesen große Angst hat und in Schwierigkeiten ist.«

Gal’Arn kramte ein Ortungsgerät aus seinem Poncho und scannte den Abgrund. Er war einundsiebzig Meter tief. Einen direkten Sturz hätte sie unmöglich überleben können. Doch jede Menge Pflanzen, Wurzeln und Lianen wucherten aus beiden Seiten des Abgrundes hervor. Womöglich hatten sie den Fall gebremst oder sie war auf ihnen gelandet und hatte so überlebt.

»Du willst doch nicht …«, fragte Jaktar.

»Doch, wir haben keine andere Wahl. Wenn wir Anya retten wollen, müssen wir dort hinab.«

Constance lachte höhnisch auf.

»Ohne mich, das ist bestimmt eklig da unten. Da gehe ich nicht hin.« Sie drehte sich um, wollte entschlossen weggehen und knallte mit dem Kopf gegen den Ast eines Baumes. Die Hexe taumelte nach hinten, purzelte über den Rand und fiel in die Tiefe.

Gal’Arn und Jaktar schauten sich verdutzt an.

»Sie hat wohl ihre Meinung geändert«, kommentierte der Ghannakke und befestigte einige Lampen am Rand.

Gal’Arn wies Rednil an, oben zu bleiben. Dann schwebten Gal’Arn und Jaktar langsam mit einem Antigrav in den Schacht. Constance lag einige Dutzend Meter weiter unten in einem Dickicht aus Wurzeln, Ästen und Pflanzen. Ihr war nichts geschehen.

Gal’Arn rüttelte die Hexe der Entropen wach. An ihrem Kopf wucherte eine blaurote Beule, aber sonst war sie in Ordnung.

»Wo bin ich?«

»Auf dem Weg in die Tiefe dieses Planeten. Halten Sie sich an uns fest, dann geschieht Ihnen nichts«, sagte Gal’Arn und half ihr hoch.

Jaktar spannte einen Schutzschirm um sie herum. Langsam glitten sie hinab, während Insekten am Schirm verpufften. Riesenspinnen und gigantische Motten wurden vom roten Schimmern des Paratrons regelrecht angezogen.

Nach einigen Minuten hatten sie den Boden erreicht. Jaktar deaktivierte den Schutzschirm. Gal’Arn leuchtete mit einer Lampe auf den Boden und die Seiten der Schlucht. Sie gingen weiter und fanden schließlich große Fußspuren.

»Denen folgen wir.«

*

Das große Monster glubschte Anya an. Ihr war nicht wohl dabei. Wahrscheinlich überlegte es, mit welchen Gewürzen sie wohl am besten schmeckte. Oder wie saftig sie war.

Der Riese gab einen sanften Laut von sich und legte sich vor den Käfig, den Kopf in Anyas Richtung gereckt. Mit zwei Fingern öffnete er das Gatter des Gefängnisses. Mit dem Zeigefinger machte er eine menschliche Geste. Er krümmte ihn mehrmals und deutete Anya damit an, dass sie rauskommen sollte. Die Terranerin war überrascht und zögerte zuerst, dann aber kam sie mit langsamen Schritten näher und näher zum Ausgang. Schließlich erreichte sie ihn, starrte den Riesen ungläubig an und verließ den Käfig.

Der Gigant seufzte und starrte sie weiterhin an. Beinahe verliebt. Er grollte etwas, was sich wie »Atschinah« oder so anhörte. War das sein Name? Vielleicht bestand ja doch die Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren.

Sie deutete auf sich und sagte ihren Namen. Dann zeigte der Gigant auf sie und sagte wieder »Atschinah.«

»Nein, Anya! Das andere klingt ja wie Schnupfen. Anya! Anya.«

Er schüttelte den Kopf.

»Atschinah.«

Anya gab es auf. Klang ja irgendwie ähnlich. Vielleicht bedeutete das ja was besonders Schönes in seiner Sprache. Sofern er eine eigene hatte. Dann zeigte sie auf ihn.

»Und wer bist du?«

»Brok’Ton!«, antwortete er sofort.

Brok’Ton
Brok’Ton © Lothar Bauer

Damit hatten sich die beiden vorgestellt. Anya wiederholte den Namen. Dann war das also dieser ominöse Brok’Ton, dessen Namen die Eingeborenen gesungen hatten. Ihm sollte sie also geopfert werden. Nun, sie hoffte, dass er sie jetzt, wo sie miteinander geredet hatten, nicht mehr essen wollte. Sie zumindest pflegte nicht, vorher mit ihrem Essen zu sprechen.

»Atschinah …«

Viel zu sagen hatten sie sich nicht, fand Anya. Aber wie auch, denn sie verstanden sich ja nicht. Dennoch besaß er einen Namen, das zeugte also von Intelligenz.

Brok’Ton riss mit zwei Fingern ein paar Blumen aus dem Boden und reichte sie Anya.

»Wie lieb, danke.«

Der Riese grunzte freundlich. Anya vermutete nun wirklich, dass er sie nicht als Essen betrachtete, sondern eher als ein Haustier oder so was in der Art. Sie hoffte, dass er in ihr so eine Art Geliebte sah. Er würde sie sonst wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes erdrücken.

Sie sah sich den Eingang näher an. Langsam ging sie darauf zu. Damit Brok’Ton nicht misstrauisch wurde, deutete sie auf den Torbogen. Gemächlich bewegte auch er sich darauf zu.

Brok’Ton wirkte friedlich, schien Anya zu vertrauen. Sie sah eine Möglichkeit zur Flucht … doch schon überkam sie ein fieses Gefühl, denn damit brach sie das Vertrauen des Riesen. Sie ging ein paar Schritte voran, um in den dunklen Korridor blicken zu können. Er war groß genug, dass auch der Gigant hindurch passte. Brok’Ton folgte ihr geduldig. Anya ging Schritt für Schritt tiefer ins Dunkel, konnte kaum noch etwas erkennen, dann erkannte sie ein Licht. Sie lief darauf zu, verlor Brok’Ton aus den Augen.

Sie fand eine gewundene Treppe aus Stein, die in die Tiefe führte. Was erwartete sie wohl dort unten? Hoffentlich nicht wieder Spinnen! Zögernd nahm sie Stufe für Stufe. Je weiter sie nach unten kam, desto heller wurde es. Endlich erreichte sie das Ende der Treppe und fand sich in einer großen, hell erleuchteten Halle wieder. Wände und Decke waren aus einem bronzefarbenen Metall. Überall standen Apparaturen und Statuen. In der Mitte befand sich eine Art übergroßer Sarg. Sie schaute sich die Maße genauer an. Zu ihrer Überraschung würde Brok’Ton wohl genau hinein passen. Um den Sarkophag herum waren technische Apparaturen verteilt.

Sie blieb abrupt stehen, denn vor ihr lagen Knochen und zwei Totenschädel. In der Ecke entdeckte sie etwas Glänzendes. Es sah aus wie ein Mensch. Sie ging darauf zu. Ein bronzefarbener Roboter saß dort. Behutsam tippte sie ihn mit dem Finger an. Da fingen die Augen an zu leuchten, und mit lautem Knarren stand er auf. Er sagte etwas in einer fremden Sprache. Anya schüttelte den Kopf.

Verstand sie denn niemand hier?

Nun sagte der Roboter etwas, was wie Zentrumsidiom klang, zumindest eine Form davon. Anya horchte auf. Sie hatte, als sie im Quarterium war, alle Sprachen der assoziierten Völker via Hypnoschulung gelernt. Natürlich gehörte das Zentrumsidiom als Sprache der Bestien dazu.

»Ihr versteht mich jetzt?«, fragte der Roboter.

»Ja, etwas. Wo bin ich hier?«

»Ihr befindet Euch auf dem Planeten Ednil, in der Galaxis Druithora«, antwortete der Roboter mit blecherner Stimme.

»Das weiß ich doch. Ich meine, was ist das hier für eine Einrichtung?«

»Oh, dies ist das ewige Gefängnis des Ungeheuers Brok’Ton. Er wurde von den Lilim und ihren Verbündeten hierher gebracht und in diesen Sarg gelegt. Ein Stasisfeld hüllte ihn in ewigen Schlaf.«

Das mechanische Wesen deutete auf den leeren Sarkophag. Offensichtlich war das Gefängnis doch nicht für die Ewigkeit erbaut worden.

»Brok’Ton steht aber da draußen. Was ist passiert?«

»Die Entitäten SI KITU und SOLMATH waren für die Inhaftierung in Kooperation mit den Kosmokraten verantwortlich. Sie schufen zwei Sicherheitsschaltungen. Eine war eine psychische Barriere für alle Chaosanhänger und finsteren Wesen.«

Das war es wohl, was Chadin zum Ausrasten brachte, vermutete die Terranerin. Offenbar war er nicht so nett, wie er vorgab.

»Die zweite Einrichtung war das Stasisfeld. Nur Wesen mit reinem Herzen durften es deaktivieren.«

»Wieso sollten sie so etwas tun?«, fragte Anya.

Der Roboter deutete auf die Skelette.

»Ein Liebespaar der Barlians hatte einst dieses Versteck entdeckt. Ihr müsst wissen, dass vor knapp einhundertfünfzigtausend Jahren der Planet Ednil von zwei Völkern bewohnt wurde. Den im Wasser lebenden Perlians und ihren Brüdern an Land, den Barlians. Beide lebten in friedlicher Symbiose, und niemand wusste etwas von dem uralten Geheimnis des ewigen Gefängnisses. Nach einer Naturkatastrophe versank ein großer Teil der Kontinente im Wasser. Viele Barlians starben, und das technisch hochstehende Volk baute sich unter dem Ozean eine neue Heimat auf. Andere besiedelten die Sterne.

Ednil im Urzustand
Ednil im Urzustand © Stefan Wepil

Doch die Barlians degenerierten und Perlians wie Barlians vergaßen einander. Die Nachkommen der Barlians lebten in Frieden und Harmonie, waren reinen Herzens und kannten nur das Glück.«

Anya fragte sich, wann der Roboter endlich zum Punkt kam. Die Geschichte von Wesen, die vor mehr als hundertfünfzigtausend Jahren lebten, interessierte sie angesichts ihrer prekären Lage nur bedingt.

»Ein junges Paar, unschuldig und voller Liebe, fand einst diese Anlage und betrat sie. Sie überstanden die Prüfung und erteilten mir den Befehl, Brok’Ton freizulassen.«

»Aber wieso?«

»Mitleid, meine Dame. Sie wollten nicht, dass Brok’Ton auf ewig in einem Gefängnis sitzt. Doch als Brok erwachte, war er wütend und verwirrt. Er zerquetschte das Liebespaar und floh durch die Decke. Seitdem lebt er in dieser Region.

Die Nachkommen der Barlians traf es später schwer. Hungersnöte, eine instabile Erde, Fluten und Erdbeben. Die Kultur versank und übrig blieben die Primitivlinge oberhalb der Schlucht. Sie beten zu Brok’Ton und opfern ihm Frauen, damit er zufrieden ist.«

Nun verstand Anya die Zusammenhänge. Das Liebespaar hatte also einst aus Mitleid diesen kosmischen Verbrecher freigelassen und bezahlten ihren Großmut mit dem Leben. Und Anya sollte das nächste Opfer sein. Ohne sie! Da machte sie nicht mit!

»Wie lange bist du schon hier, Roboter?«

»Seitdem das Gefängnis errichtet wurde. Nun, eigentlich nur mein Datenspeicher, denn meine Hülle hält nicht ewig. Im Laufe der Jahrmillionen habe ich immer wieder eine neue Hülle konstruiert. Meine jetzige Form besteht seit einundachtzigtausend Jahren.«

Das war eine lange Zeit. Wie lange lag dieser Brok’Ton hier wohl? Sie stellte dem Roboter auch diese Frage.

»Über zweihundert Millionen Jahre, meine Dame. Seitdem bin ich hier und nur durch einige Sonden bin ich zumindest über die Ereignisse auf diesem Planeten teilweise unterrichtet. Es ist ganz schön öde hier, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf.«

Da konnte Anya ihrem neuen, künstlichen Freund nur zustimmen.

*

Gal’Arn, Jaktar und Constance Zaryah Beccash hatten Anya Guuze inzwischen lokalisiert. Behutsam arbeiteten sie sich bis zu dem Lager eines Giganten vor.

»Der ist ganz schön groß!«, bemerkte Jaktar wenig geistreich.

Gal’Arn sah sich die Daten des Ortungsgerätes an. Das Wesen, welches am ehesten als Mischung aus einem Affen und einem Haluter zu bezeichnen war, hatte eine stattliche Größe von sechs Meter fünfundsiebzig und eine Schulterbreite von vier Meter neunzig.

Es besaß zwei Augen, aber auch sechs Extremitäten, also zwei Beine und vier Arme. Ob es eine Verbindung zwischen den Völkern von M 87 und diesem Monster gab?

Das Wesen kauerte vor einer Höhle. Nach den Ergebnissen der Abtastung befand sich Anya im Inneren der Höhle. Sie konnte also dem Ungetüm entkommen.

»Dort hinten befindet sich ein zweiter Eingang. Oder vielmehr ein Loch in der Decke der Höhle«, sagte Jaktar und deutete auf eine Anhöhe, die etwa fünfzehn Meter von ihnen entfernt war. Leise schlichen sich die drei dorthin. Gal’Arn achtete besonders darauf, dass die Hexe nicht wieder stolperte und Krach machte.

Der Ritter der Tiefe warf einen Blick durch den engen Schacht. Er sah einen hell erleuchteten Raum. Etwa zwanzig Meter unter ihnen stand Anya Guuze und unterhielt sich mit einem Roboter.

»Hey, Anya!«, rief er mit unterdrückter Stimme durch den Schacht. Er wollte auf keinen Fall dieses riesige Monster auf sie aufmerksam machen. Anya bemerkte sie und winkte ihnen zu. Gal’Arn ließ mit dem Antigravprojektor Constance nach unten. Dann gab er Jaktar das Gerät.

»Du bleibst hier. Ich will mir ansehen, was das für eine Station ist. Falls etwas schiefgeht, holst du uns raus.«

»Klaro, ich muss wieder hierbleiben. Allein und ungeschützt. So sterben die meisten Leute, ist dir das klar?«

Gal’Arn schüttelte den Kopf. Der Ghannakke ließ die Eselsohren hängen und aktivierte schließlich den Antigrav. Der Elare spürte, wie ihn wohlige Leichtigkeit umgab, dann wurde er wie von Geisterhand nach unten abgelassen.

Anya fiel ihm sofort um den Hals.

»Ich dachte, ich verrotte hier. Danke, Herr Ritter, vielen Dank!«

Sanft löste er die Umklammerung und schob sie etwas von sich. Das war ihm doch etwas unangenehm.

Anya berichtete ihnen vom Roboter und Brok’Ton. Dem Ritter war nicht wohl zumute, solange dieses Wesen frei herumlief. Auf der anderen Seite war der kosmische Verbrecher immer noch gefangen, denn es gab für ihn keinen Weg aus dieser Welt.

»Wo ist diese Schaltung gegen Chaoten?«, wollte Constance wissen. »Wir müssen sie deaktivieren, damit Cauthon herkommen kann. Gemeinsam können wir diesen Brok’Ton in sein Verließ zurückschicken.«

Gal’Arn gefiel diese Idee gar nicht. Doch Constance hatte recht. Zu viert schafften sie es nicht. Sie wussten ja nicht einmal, wie sie den Koloss in diese Höhle bringen sollten.

»Roboter, wir helfen dir, Brok’Ton wieder in sein ewiges Gefängnis zu sperren. Doch dafür musst du die Barriere deaktivieren. Wir müssen uns leider Kräften bedienen, die nicht so edel sind.«

»Ich verstehe, wie einst, als die drei Brüder in ihre Verliese gesteckt wurden. Nun gut.«

Der Roboter ging zu einem Pult, wischte die dicke Staubschicht weg und drückte einen Knopf. Dann drehte er sich wieder um und schwieg.

»Das war es schon? Ui, wie einfach. Na gut, ich ruf mal Cauthon an«, sagte Constance. Sie sendete eine Nachricht an Despair, dass er nun kommen könne. Gal’Arn hatte ein ungutes Gefühl, denn was war mit den Fremden aus dem Raumschiff? Er war sich sicher, dass die sich auch bald zeigen würden.

Marsch auf den Internraum

Es war etwas geschehen! Der Paladin musste sofort in die Kommandozentrale. So schnell es ging, eilte er durch die Korridore und Schächte. Endlich erreichte er die Zentrale und salutierte vor den Generälen.

Torsor drehte sich um.

»Was gibt es, Thor? Ist der Wissenschaftler Kulfur erfolgreich?«

»Leider nicht. Ich fürchte, er ist der Aufgabe nicht gewachsen. Wir werden auf diesem Weg die Energieversorgung nicht destabilisieren können.«

Torsor lachte. Er hob den rechten oberen Arm. Die Hand war geschlossen. Langsam öffnete er sie. Entsetzt erkannte der Paladin, dass Hermes Eisar auf der Handfläche saß.

»Oh nein!«, rief Rosa. »Wir müssen etwas tun!«

Paladin reagierte besonnen. Er musste einen kühlen Kopf bewahren. Absichtlich unterdrückte er die Schaltungen für seine Kontrolle. Die Siganesen hatten nun keine Möglichkeit mehr, ihn zu steuern.

»Was ist das? Ein kleiner Terraner?«

»Niedlich, nicht wahr? Man kann mit ihm spielen. Er quiekt, wenn man auf bestimmte Stellen drückt«, sagte Torsor amüsiert.

Dann wurde der Überpelewon wieder ernst.

»Woher kommt der kleine Spion? Er will es mir nicht sagen. Hast du eine Idee, Thor?«

»Nein, Herr!«

»Hm, es gab da mal einen künstlichen Haluter. Den Paladin-Roboter, der von kleinen Siganesen gesteuert wurde. So einer wie dieser hier.«

Torsor stupste Eisar mit dem kleinen Finger an. Der Siganese schrie vor Schmerzen auf. Paladin wollte ihm helfen, doch wie nur? Die drei Siganesen riefen und brüllten, er solle Eisar retten! Doch war ihnen nicht klar, dass damit die Mission gefährdet war?

Ein Pelewon meldete, dass sie kurz vor der Hohlsonne standen. Torsor gebot ihm zu schweigen. Offenbar war er mit seinen sadistischen Plänen noch nicht fertig.

»Wir sollten ihn verhören. Unter Drogen setzen, dann wird er reden«, schlug Paladin vor. »Ich übernehme das gern.«

»Foltern? Ach wieso? Es gibt schnellere Mittel!«, meinte Torsor und drückte seine Hand zusammen. Eisar schrie und schrie! Der Paladin bebte unter dem Ansturm widerstreitender Impulse, wollte einschreiten, doch das gefährdete die Mission. Er durfte nicht auffliegen! Eisar brüllte, doch Torsors Faust zerquetschten ihn wie eine Fliege. Blutige Masse quoll zwischen den Fingern hervor. Torsor starrte die ganze Zeit auf den Paladin, als ob er um seine Identität wusste. Dann öffnete er die Hand, ohne auch nur eines seiner drei Augen von Paladin zu nehmen. In seiner Handfläche war ein Brei aus Blut, Gedärmen, Knochen und Stoff. Er ließ die Überreste von Hermes Eisar auf den Boden tropfen.

Die drei Siganesen im Inneren des Paladins standen unter Schock. Rosa Borghan weinte hemmungslos. David Golgar versuchte sie zu trösten. Domino Ross ging zu einer Konsole und löste die Bomben aus.

Der Alarm ging in der Zentrale los. Aufgeregt meldete ein Kohortenführer, dass die Energiestation explodiert sei. Der Schutzschirm brach zusammen. Die Notenergie wurde aktiviert, doch sie reichte nur für das Nötigste aus. Kein Antrieb, kein Schutzschirm, keine Offensivbewaffnung. Die Kampfstation war lahmgelegt.

Die Mission war erfolgreich gewesen. Doch um welchen Preis? Hermes Eisar war tot. Er war völlig unnötig gestorben. Torsor hatte den wehrlosen Siganesen erbarmungslos zerquetscht!

Paladin hasste ihn dafür. Es war das erste Mal, dass er diese Emotion fühlte. Doch sie fraß ihn regelrecht auf. Er hätte ihn am liebsten angesprungen. Doch die anderen drei Siganesen durften nicht auch noch sterben. Zuerst musste er sie in Sicherheit bringen.

»Funktioniert der Funk noch?«, fragte Torsor wütend.

»Nein, Herr! Was sollen wir tun?«

»Schickt einen Boten an die quarteriale Flotte. Sie sollen uns evakuieren. Und greift mit allem, was ihr habt, die Terraner in dem Hangar an. Knackt den Schutzschirm. Da sie ein autarkes Energiesystem aufgebaut haben, dürfte dieser noch stehen. Bereitet meine Fähre vor und evakuiert das für den Angriff nicht benötigte Personal.«

Torsor stellte sich vor den Paladin.

»Und du, wer immer du auch bist, wirst an vorderster Front den Angriff führen, um mir deine Loyalität zu beweisen.«

Der Paladin verneigte sich schweigend. Doch in ihm tobte der Hass. So leicht würde Torsor nicht davonkommen! Er musste verhindern, dass der Überpelewon die Raumstation verließ. Der Paladin schwor sich, Torsor zu töten. Noch heute!

*

»Was war das?«, fragte Elyn, als ein gewaltiger Ruck durch die Station ging. Jonathan war klar, was passiert war. Die Siganesen waren erfolgreich gewesen.

»Die Energiestation ist explodiert. Also los, Arkonbombe klarmachen und dann weg von hier!«

Es dauerte zwanzig Minuten, dann war die Bombe scharf. Andrews stellte den Zünder auf zehn Minuten ein. Er war nur noch einen Knopfdruck vom Aktivieren der Bombe entfernt, als Lydkor aufgeregt den Angriff der Bestien meldete.

»Alle Energien auf den Schutzschirm. Bereit machen zum Rückzug. Nur schnell weg von hier.«

Eine Explosion jagte die nächste. Der Boden bebte.

»Die Bestien sprengen die halbe Raumstation weg, um den Schutzschirm zu knacken. Er wird überlastet …«, meldete Lydkor und gab seiner entropischen Mannschaft ein Zeichen.

»Wir halten die Stellung. Aktiviert die Bombe. Ich habe soeben ein Signal an meine Flotte gesendet. Sie greifen an. Damit wären die quarterialen Einheiten abgelenkt und ein sicherer Rückzug ist gewährleistet. Wir werden hier heldenhaft sterben.«

»Niemand bleibt zurück«, sagte Elyn entschlossen. »Deine Heldenspielerei nützt auch nichts. Wir drehen die defekten SAPHYR-Jäger um. Mit ihrer Offensivbewaffnung werden sie die Bestien erst einmal in Schach halten.«

Lydkor sah die Alyske ausdruckslos an. Dann verneigte er sich.

»Wie du wünscht, Herrin. Frauen haben sowieso immer recht. So steht es geschrieben und so ist es.«

»Weichei«, murmelte Jonathan und aktivierte endlich die Arkonbombe. »Gefallen dir solche devoten Kerle, Elyn?«

Sie schmunzelte.

»Wird auf Dauer etwas langweilig, glaube ich. Na los, helft mir, die Jäger in Stellung zu bringen. Wir können sie mit dem automatischen Abwehrsystem unbemannt feuern lassen.«

Die LFT-Soldaten und die Entropen gingen an die Arbeit. Das überflüssige Personal machte die SAPHYR-Jäger startklar und begab sich in die Raumschiffe. Jonathan Andrews sah aus dem Hangar. Einige Rettungskapseln und Raumfähren verließen die Raumstation. Andrews sah eine große Anzahl quarterialer SUPREMO-Raumschiffe auf die Raumstation zufliegen. Das würde ein heißer Tanz werden!

Inzwischen war der Schutzschirm zusammengebrochen. Bestien stürmten durch die Korridore. Die Entropen und LFT-Soldaten setzten zum taktischen Rückzug an. Doch nun griffen auch die entropischen Schlachtschiffe an.

Andrews gab das Zeichen für die SAPHYR-Jäger und Fähren. Die Soldaten an der vorderen Front stürmten in den Hangar und stiegen in die Raumschiffe. Kaum hatte die erste Bestie den Hangar betreten, eröffneten die Geschütze der nicht mehr flugtauglichen Raumjäger das Feuer. Jonathan konnte kaum etwas erkennen. Nur Feuer und Rauch. Elyn packte ihn am Arm und zog ihn mit.

Lydkor stieg in eine entropische Fähre und nickte Jonathan kurz zu. Der Entrope hatte doch mehr Schneid, als der Terraner dachte. Dann stieg Andrews in den letzten Raumjäger. Elyn, sieben Terraner und zwei Entropen folgten ihm.

»Alle an Bord? Wird etwas eng, aber geht sicherlich schon.«

Elyn setzte sich neben ihn.

»Dann los!«

»Hey, ich bestimme, wann es losgeht. Bin nicht so ein Frauenversteher wie dieser Lydkor!«

Elyn schüttelte den Kopf.

»Der versteht eine Frau genauso wenig wie du … Anführer. Also, liebster Herr der Schöpfung, würdest du mein unbedeutendes Flehen erhören und uns von dieser zur Vernichtung verdammten Station fliegen?«

Jonathan musste lachen. Das gefiel ihm, auch wenn er das unangenehme Gefühl, veräppelt zu werden, nicht ganz verdrängen konnte.

»Ja, Kleine. Warum nicht gleich so.«

Er startete das Triebwerk, gab vollen Schub und brauste aus dem Hangar. Vor ihm spielte sich das Raumgefecht zwischen dem Quarterium und den Entropen ab. Die SAPHYR-Jäger und entropischen Raumfähren beteiligten sich nicht, sondern bereiteten den Hyperraumflug vor.

Jonathan blickte auf sein Chronometer. Es waren noch fünf Minuten bis zur Explosion.

»Was ist wohl aus den Siganesen geworden?«, fragte Elyn bedrückt.

»Mit etwas Glück sind sie auf einer der Rettungskapseln. Sie wissen, worum es geht. Wir sehen sie bestimmt wieder.«

Doch Jonathan Andrews wollte der Alyske nur Mut machen. Er selbst glaubte nicht mehr daran, noch einen der vier Siganesen jemals lebend wiederzusehen.

Die alte Prophezeiung

Anya war froh, dass Gal’Arn bei ihr war. Dieser Hexentussi vertraute sie jedoch nicht. Sie wirkte zwar freundlich, war aber überzogen peinlich und einfach nicht ehrlich. Dieses ständige »Cauthon hier« und »Cauthon da« machte sie auch stutzig. Sie dachte eigentlich, dass die Entropen fanatische Gegner des Quarteriums seien, doch diese Constance war ja ganz hin und weg, wenn es um Cauthon Despair ging.

Nun starrte Constance sie die ganze Zeit an.

»Ist was?«, fragte Anya schließlich genervt.

»Du erinnerst mich an meine Lehrmeisterin. Du kennst sie wahrscheinlich nicht.«

»Nein! Offenbar erinnere ich jeden an irgendjemanden. Dieser Brok’Ton nennt mich auch die ganze Zeit Atschinah!«

Constance musterte Anya abfällig. Es war eindeutig, dass sich beide nicht sonderlich mochten.

»Du siehst Aynah sehr ähnlich. Sogar der Name klingt fast so. Es ist seltsam, denn Aynah war weise und nicht so schnippisch wie du. Nun ja, wie auch immer.«

Wie bitte?, fragte sich Anya. Was hatte die eben über sie gesagt? Schnippisch? Das sagte die Richtige! Diese tollpatschige Hexe! Es war Anya jedoch schon unheimlich, dass sich offenbar einige Fremde an sie erinnern konnten oder vielmehr mit jemandem verwechselten. Ob Atschinah und Aynah dieselbe Frau war?

Gal’Arn kam wieder zurück in die große Halle.

»Brok’Ton wird unruhig. Despair und seine Leute sind bald da. Anya, ich fürchte Sie müssen wieder raus und den Riesen beschäftigen.«

Auch das noch! Das verlangte er doch nicht wirklich von ihr? Sie war froh, nicht mehr in der Gewalt von stinkenden Eingeborenen und behaarten Überhalutern zu sein, und nun das! Widerspruch war jedoch bestimmt sinnlos. Also fügte sie sich in ihr Schicksal.

Zögerlich und mit größtem Unbehagen schritt sie zur Treppe. Gal’Arn hielt sie sanft am Arm fest.

»Keine Sorge, wir sind ständig in Ihrer Nähe. Jaktar und ich passen auf Sie auf.«

Er schenkte ihr ein warmes Lächeln. Anya lächelte zurück. Sie vertraute dem edlen Ritter der Tiefe. Sie spürte, dass er sie nicht im Stich lassen würde. Furchtlos ging die blonde junge Frau die Treppe hoch, durch den dunklen Korridor und sah den Koloss unruhig vor dem Tor herumstampfen.

»Hey, hier bin ich.«

Grunzend drehte sich Brok’Ton um. Er ließ sich auf seine vier Arme nieder und senkte den Kopf. Sie glaubte, ein Lächeln umspielte seine Lippen. Sie war sich nicht sicher, wie intelligent das Wesen war. Eines war jedoch eindeutig: Es mochte Anya sehr … oder Atschinah? Egal! Solange es glaubte, sie sei diese Person, war alles gut.

»Hast du dir Sorgen um mich gemacht? Das ist aber lieb. Aber du musst mir schon etwas Freiraum lassen. Zu viel Klammern ist nicht gut, weißt du?«

Sie fragte sich, was sie da eigentlich für Stuss faselte. Aber Brok’Ton verstand das sowieso nicht. Vielleicht beruhigte ihn ja ihre Stimme. Sie setzte sich an den Rand des Eingangs. Brok’Ton überreichte ihr ein paar mehr oder weniger hübsch zusammengezupfte Pflanzen und Unkraut. Behutsam hielt er sie Anya mit zwei Fingern entgegen.

Sie bemerkte überrascht, dass ihr Magen sachte zu kribbeln begann. Der riesige Kerl hatte ihr Blumen gesammelt! Oder zumindest Grünzeug. Das war so was von süß!

»Danke«, sagte sie. »Das ist sehr lieb.«

Sie überlegte. Was war Brok’Ton für ein Wesen? War diese Kreatur wirklich böse? Er wirkte einfältig, eher wie Frankensteins Monster oder King Kong. Letzterer passte auch deutlich zur Statur des Giganten.

Plötzlich zuckte ein Energieblitz auf Brok’Ton zu! Er brüllte auf und starrte über Anyas Kopf hinweg. Sie sprang auf und lief zu ihm. Nun konnte auch sie auf dem Hügel zwei Pelewon, drei quarteriale Soldaten und Cauthon Despair erkennen.

»Nein!«, rief sie, doch niemand hörte auf sie.

Brok’Ton stürmte los. Beinahe hätte er Anya über den Haufen gerannt, doch sie warf sich zur Seite. Als der Riese den Hügel erreicht hatte, richtete sie sich wieder auf und sah dem Kampf zu. Brok’Ton fegte die drei quarterialen Soldaten zur Seite. Der eine Pelewon stürzte sich auf ihn und umklammerte ihn mit seinen vier Armen. Die zweite Bestie griff von vorn an.

Brok parierte die Schläge des Vorderen mit dem unteren Armpaar. Mit dem oberen Armen griff er nach dem Pelewon in seinem Rücken und warf ihn vornüber zu Boden. Dann packte er ihn und riss ihm den rechten oberen Arm aus. Danach ergriff er die Bestie um den Leib und schleuderte sie in den Abgrund.

Er stürzte sich auf den ersten Pelewon, den er bislang lediglich auf Distanz gehalten hatte, und hämmerte mit seinen vier Fäusten auf ihn ein, bis der Pelewon regungslos liegen blieb. Dann hob er ihn hoch, stemmte ihn über sich und brach mit einem lauten Knacken sein Rückgrat. Brüllend trat er auf den verkrümmt daliegenden Körper ein, dann beruhigte er sich. Dieser Kampf war entschieden.

Die drei quarterialen Grautruppler schwebten mit ihren Gravopacks einige Meter über ihm und feuerten Stogsäure auf den Giganten. Der begann, die neuen Gegner zu bemerken.

»Hört auf!«, rief Anya.

Endlich schien sie jemand zu hören. Cauthon Despair war den Hügel hinab geklettert. Auch Gal’Arn, Jaktar und Constance waren inzwischen bei ihr.

»Fesselfeld aktivieren«, befahl Despair über Interkom. Ein Grautruppler flog weg. An den Rangabzeichen erkannte Anya, dass es sich vermutlich um Major Korral, den Befehlshaber der 501. Division handelte. Er landete etwa zehn Meter von Brok entfernt, baute mit wenigen Handgriffen eine Apparatur auf und aktivierte sie. Plötzlich umgab den Giganten ein grünes Feld. Brok wand sich brüllend darin.

Die beiden anderen Soldaten landeten und bauten einen Antigrav auf. Der hob Brok einige Meter in die Luft. Nun war er vollständig hilflos. Technik hatte über Körperkraft gesiegt.

»Geht es dir gut, Anya?«, fragte Cauthon Despair. Sie nickte so heftig, dass ihre Haare flogen.

»Ja, besser als ihm. Quält ihn nicht so. Er hat bestimmt schreckliche Angst.«

»Das ist eine Bestie!«, antwortete Despair befremdet.

»Auch eine Bestie hat Gefühle. Ich kenne noch eine Bestie mit ziemlich vielen Gefühlen.«

Cauthon verstand Anyas Anspielung auf seine Person. Er befahl Major Korral, das Fesselfeld etwas zu weiten und Brok’Ton wieder auf den Boden herabzulassen. Nun hatte der Gefangene etwas Platz, um sich zu bewegen.

»Major, bringen Sie mehr Truppen hierher. Und ein großes U-Boot. Wir müssen diesen Giganten transportieren.«

Anya gefiel das ganz und gar nicht. Auch Gal’Arn war dagegen. Er warnte Despair.

»Wir wissen nicht, was für ein Geschöpf dieser Brok’Ton ist. Es hat sicherlich seinen Grund, dass Hohe Mächte ihn vor Äonen in dieses Gefängnis gesteckt haben.«

Mittlerweile trafen auch Perlians ein. An ihrer Spitze waren Rednil und Chadin. Anya mochte Chadin nicht, denn der war sicherlich nicht ohne Grund durchgedreht, als die Psychobarriere noch aktiv war.

»Es ist also wahr«, sagte Chadin. »Eine Welt unter unserer Welt und die Urbestie steht vor uns.«

»Urbestie?«, wiederholte Gal’Arn.

Chadin nickte.

»Seht ihr nicht die Ähnlichkeit? In den Legenden heißt es, dass Brok die Urbestie ist. In sehr geheimen Legenden, dessen Existenz nur wenige kennen.«

»Und ausgerechnet der Tourismusminister kennt die?«, erkundigte sich Cauthon Despair misstrauisch.

»Ich … ich bin ein Diener von Taruntur. Ein treuer Diener der Konstrukteure des Zentrums!«

Chadin gab den Perlians ein Zeichen. Sie hoben ihre Waffen. Sowieso waren sie den vier Quarterialen zahlenmäßig weit überlegen.

»Dieses Wesen wurde von Konstrukteuren des Zentrums vor mehr als siebzigtausend Jahren entdeckt. Das letzte Mal, dass ein Wesen die untere Welt betrat. Sie nahmen Genmaterial und mischten es mit der DNS der Skoars. Heraus kamen die Bestien. Die rohe Gewalt von Brok und die Intelligenz der Skoars, in einer Rasse vereint.

Aus welchen Gründen auch immer verzichteten die Konstrukteure damals darauf, Brok zu töten, obwohl sie ihn nicht mehr brauchten. Der Zugang zur Unterwelt wurde versiegelt und geriet in Vergessenheit.«

Eine fantastische Geschichte. Brok’Ton war somit Mitvater der Bestien. Er hatte keine schönen Kinder in die Welt gesetzt, fand Anya. Trotzdem tat er ihr jetzt leid.

»Brok ist mitverantwortlich für die Seuche der Bestien. Nun muss er endlich sterben. Despair, verengen sie das Fesselfeld. Töten Sie ihn! Sonst töten wir Sie und Ihre Freunde.«

»Eigentlich sind wir ja keine Freunde«, meinte Jaktar und wedelte aufgeregt mit den Ohren.

Töten? Nein! Das durften sie nicht. Doch was konnte sie dagegen tun? Nichts. Anya waren die Hände gebunden. Hilfesuchend starrte sie Gal’Arn an. Er erwiderte ihren Blick. Dann ging er zu Chadin und Rednil.

»Ethische Gesetze des Universums verbieten den Mord an einem wehrlosen Wesen. Das gilt auch für Brok’Ton. Ich appelliere an Sie als Ihr Verbündeter im Kampf gegen das Quarterium: Lassen Sie ihn am Leben.«

Chadin sah den Ritter der Tiefe verächtlich an. Zumindest sah es so aus. Anya wusste eigentlich nichts über die Mimik der Perlians.

»In der Tat sollte Brok’Ton am Leben bleiben. Sonst ist das eure verwirkt.«

Wo kam diese Stimme her? Erschrocken drehte sich Anya um. Ehe sie sich versah, blitzten Gewehrmündungen auf. In einem Hagel von Energiesalven fielen die Perlians um. Despair zog sein Schwert. Rednil ergab sich, während Chadin davonlief. Auf dem Boden sah Anya den Schatten eines gigantischen Schiffes, fühlte die Kälte seines Schattens. Sie blickte in die Luft. Dort schwebte eine riesige Fledermaus. Sie packte den Perlian und riss ihn empor. Dann ließ er ihn in die Tiefe fallen.

Aus dem Gebüsch stürmten Zentauren mit schweren Waffen und umstellten die Gruppe. Ihnen folgten zähnefletschende Wolfswesen mit sechs Armen. Das Fledermauswesen landete direkt vor ihnen. Es breitete die Flügel aus.

»Niemand berührt meinen Bruder.«

*

»Und nun öffnet das Fesselfeld, Terraner. Ich fordere es höflich und friedlich«, fügte das Fledermauswesen hinzu.

Anya stellte sich hinter Gal’Arn. Despair gab Major Korral und seinen beiden Männern ein Zeichen. Sie öffneten das Fesselfeld. Das Fledermauswesen flog zu Brok. Der Riese war vollständig ruhig. Er schritt den Hügel herunter und baute sich grollend vor der Gruppe auf.

Ausgerechnet Constance Zaryah Beccash trat aus der zweiten Reihe hervor und ergriff das Wort.

»Ich habe euch gespürt. Ihr seid aus einem Fleisch. Ihr seid Rideryonen!«

»Korrekt, Gnädigste! Darf ich mich vorstellen? Ich bin Cul’Arc, der Schatten des Nistant. Und dies ist Brok’Ton. Mein Bruder und der zweite Schatten des Nistant.«

Die Familienähnlichkeit bestand nur entfernt, fand Anya.

»Ihr wollt Brok’Ton mitnehmen. Doch er bringt viel Leid mit sich. Das dürft Ihr nicht tun, Cul’Arc«, sagte Constance.

Sie stellte sich entschlossen vor das Fledermauswesen. Offenbar hatte sie mehr Mut, als Anya ihr zugetraut hatte. Cul’Arc musterte die Hexe. Er ging um sie herum. Anya bemerkte, dass sich Despair nervös auf der Stelle bewegte, die Hand um den Griff seines Schwertes gekrampft.

»Du bist schöner als deine Gefährtin in Siom Som. Diese Niada ist ein wahres Miststück. Ich frage mich, wieso ihr mit so viel Hass gegen uns kämpft. Unsere Völker sind uns niemals begegnet.«

»Ist das so?«, fragte Constance. »Wir Hexen sind die Töchter von Lilith. Wir sind die Bewahrerinnen der Gefängnisse. Nie wieder darf er auferstehen. Niemals!«

Cul’Arc wirkte erstaunt. Er sah zu Brok’Ton herüber. Der Gigant grollte unfreundlich.

»Lilith?«, murmelte Cul’Arc. »Und SI KITU. Das ergibt einen Sinn. Die unbeugsame Dämonin verfolgt uns sogar nach ihrem Tode. Doch wir haben ihr eines voraus: Wir werden auferstehen!«

Constance verdrehte die Augen und fing an zu zittern. Ihr Körper pulsierte, blubberte und verformte sich. Flügel wuchsen aus ihrem Rücken, Hörner aus ihrem Kopf.

Unbeeindruckt schlug Cul’Arc ihr seine Faust ins Gesicht. Sie transformierte sich in ihre weibliche Form zurück und sackte bewusstlos zu Boden.

»Den Trick hat deine Gefährtin besser drauf, Hexlein. Möchte uns sonst noch jemand behindern?«

Cul’Arc blickte Cauthon, Gal’Arn, Jaktar und Anya herausfordernd an. Alle schwiegen, bis sich Gal’Arn zu Wort meldete.

»Was geschieht nun?«

»Habt keine Furcht. Wir hegen keinen Groll gegen die Terraner. Im Gegenteil. Ich habe vor kurzem einige sehr nette Exemplare von euch kennengelernt. Roi Danton und seine Gefährten. Sie wurden von den Entropen entführt.«

»War auch eine blonde Frau mit dem Namen Nataly bei ihnen?«

»Ja. Die war besonders zickig und temperamentvoll. Eine Freundin dieser Kathy Scolar. Bezaubernde Frau. Ihr Schicksal ist ungewiss, da wir getrennt wurden. Sie sind vermutlich irgendwo im Rideryon gestrandet. Ich …«

Cul’Arc blickte Anya plötzlich seltsam an. So, als habe er einen Geist gesehen. Noch so einer, dachte sie. Cul’Arc sah zu Brok herüber, der zufrieden grunzte.

»Atschinah!«, sagte Brok dumpf.

»Das ist unmöglich. Nein, undenkbar. Aber wir dürfen keine Zeit verlieren. Tashree, Zigaldor!«

Ein Zentaure und ein Wolfswesen traten aus den Reihen der Rideryonen hervor. Beide starrten Anya ehrfürchtig an. Sie fragte sich, was hier vorging.

»Bereitet alles zur Wiedergeburt vor!«

Paladins letzter Kampf

Es war unmöglich, noch zu den Terranern vorzustoßen, also entschied sich der Paladin, zu einem anderen Hangar zu gehen. Domino Ross, David Golgar und Rosa Borghan protestierten gegen seine Eigenmächtigkeit, doch er sah keine Alternative.

Torsor durfte nicht entkommen! Wenn Jonathan Andrews alles richtig gemacht hatte, war die Arkonbombe scharf und der Countdown lief. Paladin rannte auf allen Sechsen durch die dunklen Korridore. Die Finsternis bereitete ihm keine Probleme, denn seine Augen konnte er auf Nachtsicht umschalten. Er wusste genau, wo er hin musste. Ihm war bekannt, wo sich der SUPREMO-Raumer von Torsor befand. Schließlich war er mit dessen Raumschiff auch an Bord der Raumstation gelangt.

Nach fünf Minuten hatte er den Hangar erreicht. Die Triebwerke des SUPREMO-Raumschiffes surrten bereits. Die letzten Bestien stiegen ein. Hastig eilte Paladin zu ihnen und reihte sich ein. Keine sprach ihn darauf an. Wortlos stieg er in das Raumschiff und verschloss die Luke hinter sich. Er gab das Signal an einen Offizier, dass er der Letzte war.

Das Raumschiff hob ab und verließ die Anlage. Fünf Minuten später explodierte die Kampfstation MODRORs.

Die Bestien waren geschockt. Andere bewunderten Torsors Weitsicht, schnell zu evakuieren. Doch wo war er? Er musste sich in der Kommandozentrale befinden. Paladin wollte am liebsten direkt dorthin, doch er musste besonnen handeln.

Noch immer hatten die Siganesen bei ihm oberste Priorität. Sie mussten überleben. Das war noch wichtiger als Torsors Tod. Auf der anderen Seite bot sich hier eine einmalige Chance. Es herrschte Chaos, und der Paladin war stark genug, um Torsor zu töten. Daran glaubte er fest! Wenn er es heute schaffte, den Herrn der Bestien zu vernichten, würde das eine Wende im Krieg bedeuten, der ganze Galaxien verheerte. Das Quarterium würde das Interesse am Krieg in M 87 verlieren und abziehen. Das würde die restlichen Bestien verstimmen und der ehemalige Bund der Vier würde zerbrechen. Der Tod eines einzelnen Tyrannen konnte so viel bewirken.

Paladin scannte das 100-Meter-Raumschiff ab. Es befanden sich vierzehn Pelewons, sieben Mooghs und Torsor an Bord. Er konnte es unmöglich mit allen zweiundzwanzig Bestien aufnehmen. Das war selbst für ihn zu viel. Oder vielleicht nicht? Immerhin besaß er ein eingebautes MHV-Geschütz und zehn Raketen, je fünf mit Stogsäure und Sprengsätzen.

Dazu waren in seine Schultern Intervallstrahler eingebaut. Der Projektorkopf dieser überlichtschnell wirkenden Waffen emittierte Hyperstrahlung, die im hypermechanischen Frequenzband lag. Ihr Effekt bestand wiederum aus einer mechanischen Kraft, die mit konstantem Richtungsvektor auf das Zielgebiet wirkte und jedes bekannte Material zermalmte. Sie wirkte wie ein Hammer, doch mit ungeheurer Effizienz.

Mit dieser Ausrüstung konnte Paladin viele Gegner mit in den Tod nehmen, aber alle? Ihm fiel eine List ein. Der Großteil der Bestien befand sich im Mannschaftsraum. Wenn es ihm gelang, diesen zu vernichten, war die Vernichtungswirkung optimal genutzt und die Karten waren neu gemischt. Es war nun Zeit, sich von den Siganesen zu verabschieden.

»Freunde, unsere Wege trennen sich nun«, sagte Paladin traurig, aber mit dem nötigen Nachdruck.

»Was? Unmöglich! Was hast du denn vor?«, wollte David Golgar wissen.

Paladin erklärte den drei Winzlingen sein Vorhaben.

»Ich werde Torsor vernichten. Doch dieser Kampf wird brutal und schrecklich. Ihr würdet auch dabei sterben und das will ich nicht. Nehmt eure kleine Mini-Jet und kehrt damit nach Point Odysseus zurück. Ihr könnt mir hier nicht helfen.

»Also gut«, stimmte Domino Ross zu. »Doch es wäre mir lieber, wenn wir alle heil nach Point Odysseus fliegen würden. Wir könnten doch eine Bombe deponieren?«

»Ihr habt alle Bomben bereits verbraucht. Um den Mannschaftsraum mit einem Schlag zu vernichten, muss ich die Ressourcen des Raumschiffes nutzen. Ich muss das Schiff von innen heraus zerstören. Nur so können wir Torsor töten!«

»Mir gefällt das nicht«, gestand Rosa Borghan.

»Ihr habt keine andere Wahl. Wenn ihr bei mir bleibt, sterbt ihr.«

Domino Ross gab David Golgar und Rosa Borghan ein Zeichen. Sie begaben sich in ein unteres Deck und setzten sich in die Space-Jet. Paladin war erleichtert, dass die Winzlinge einsichtig waren. Er begab sich auf dem V. Deck zur Schleuse. Der Paladin riss sich ein Loch in seine Kombination, dann öffnete sich die Luke an seinem Bauch. Die siganesische Mini-Jet flog in die Schleuse. Paladin schloss diese wieder und aktivierte die Außentür. Die Jet wurde durch den Druck in den Weltraum geschleudert. Nach einer kurzen Orientierungsphase steuerte das Raumschiff in den tiefen Raum, Kurs Point Odysseus.

Jetzt musste sich der Paladin beeilen, denn sicherlich war den Bestien die Flucht der Siganesen nicht verborgen geblieben. Er hastete in das zehnte Deck – zu den Mannschaftsräumen.

Er vergewisserte sich, dass die zwölf Bestien dort drinnen waren. In dem großen Raum schliefen oder dösten die Pelewon und Moogh vor sich hin. Einige stritten sich, andere rangen miteinander. Paladin stellte sich neben die Eingangstür des Quartiers und öffnete den links befindlichen Bordrechner. Er manipulierte die Energieversorgung zum Mannschaftsquartier. Durch die Lüftungsschächte blies er Methan in den Raum. Die Bestien würden den Unterschied nicht merken, sie waren nur bedingt auf Sauerstoff angewiesen.

Jedes SUPREMO-Raumschiff, auch die Typen der Bestien, verfügte jedoch über eine Sauerstoffversorgung. Der Grund dafür war einfach: Er lag in den Bedürfnissen quarterialer Gäste sowie Sauerstoff oder Methan atmender Gefangener. Die Luft war nun im wahrsten Sinne des Wortes brenzlig. Nun trat er ein paar Schritte zurück, aktivierte die Raketen und feuerte eine ab. Sie durchbrach die Tür und explodierte im Quartier. Durch das Gas entstand eine gewaltige Feuersbrunst, die die Mooghs und Pelewons in den Tod riss.

Paladin rannte los. Sein nächstes Ziel war die Energieversorgung, wo Metagrav- und Impulstriebwerk sowie die Kraftwerke für die Schiffsversorgung zusammenliefen.

Inzwischen gellte ein lauter, schriller Alarm durch das Raumschiff. Paladin musste nun aufpassen, denn die Bestien waren gewarnt. Nach einigen Minuten hatte er den Maschinenraum erreicht. Vier Bestien befanden sich dort drinnen. Er feuerte sofort die restlichen drei Raketen auf den Kern des Reaktors ab.

Die Pelewon griffen an. Zwei von ihnen vergingen in der Reaktorexplosion. Das Licht flackerte, und ein Ruck ging durch das Raumschiff. Es verlor an Fahrt.

Der dritte Pelewon stürmte auf Paladin zu und packte ihn. Der vierte feuerte unentwegt und zerschmolz Paladins linke Schulter. Paladin packte den Angreifer, hob ihn hoch und warf ihn gegen die Wand. Dann feuerte er mit Intervallstrahler und MHV-Geschütz auf den vierten Pelewon. Der Energieschlag zerstrahlte die Bestie innerhalb weniger Sekunden.

Er hatte keine Zeit, sich zu vergewissern, ob der andere Pelewon auch tot war. Nun kannte Paladin nur noch ein Ziel: die Kommandozentrale des Raumschiffes. Denn dort war Torsor.

Um eine Abkürzung zu nehmen, durchbrach er die Decken. Insgesamt siebenmal, dann hatte er die Ebene der Zentrale erreicht. Er rannte auf die Tür der Zentrale zu, sie öffnete sich und vier Pelewon liefern feuernd heraus. Paladin aktivierte seinen Individualschutzschirm und schaltete auf das Triebwerk um. Mit voller Geschwindigkeit brauste er auf die Bestien zu, in den Händen hielt er die Strahler und schoss. Auch sein noch intakter Intervallstrahler feuerte.

Dann kollidierte er mit den Bestien und der Nahkampf begann. In besinnungsloser Rage schlugen und prügelten sich die Kontrahenten. Ein Angreifer war schnell tot, dann schlug Paladin mit seiner Faust durch die Brust des zweiten. Die anderen beiden hämmerten auf seinen Rücken ein. Sein Schutzschirm brach zusammen, und auch der zweite Intervallstrahler wurde zerstört. Mit dem unteren Arm erreichte Paladin den Gürtel, an dem sich zwei Granaten befanden. Mit der linken Hand des Laufarmpaares riss er die Granate vom Halfter und stopfte sie dem Pelewon in das breite Maul. Dann stieß er ihn weg. Die Granate explodierte und zerriss die Bestie von innen.

Nun war nur noch eine Bestie übrig. Sie packte Paladins unteren linken Arm, in dem er die zweite Granate hielt, und riss daran. Paladin spürte, wie der Pelewon ihm den Arm aus dem Gelenk riss. Dann detonierte der Sprengsatz und schleuderte beide weg.

Der Paladin war kurz orientierungslos. Dann sah er, dass die Bestie bewusstlos war. Sein linker, unterer Arm hing schlaff herunter, war nicht mehr funktionsfähig. Sein Bauch war aufgesprengt und auch das linke Bein war arg in Mitleidenschaft gezogen. Paladin – Thor – spürte Schmerzen, doch der Drang, zu Torsor zu gelangen, war größer! Er warf sich gegen die Tür der Kommandozentrale und durchbrach sie. Krachend fiel er zu Boden. Langsam stand er auf und blickte zu Torsor hoch.

»Respekt, Paladin.«

Dann packte Torsor den künstlichen Haluter und hob ihn hoch. Er blickte in die Augen des Paladins, schien etwas zu suchen.

»Wo sind sie? Wo haben sich die Zwerge versteckt?«

»Sie sind nicht mehr bei mir. Die Siganesen sind in Sicherheit. Ich bin allein gekommen, um mit dir abzurechnen!«

Mit voller Wucht schleuderte Torsor den Paladin gegen die Wand, die sich deutlich einbeulte. Fast gelähmt sank er zu Boden. Immer mehr Apparaturen versagten ihren Dienst. Der Kontakt zur rechten Schulter war abgebrochen.

Nur mühsam konnte er den rechten oberen Arm noch bewegen. Schwankend stand er wieder auf.

Torsor lachte ihn aus.

»Wahrlich ein Wunderwerk der Technik! Eine künstliche Bestie ist nichts Ungewöhnliches. Und du hast sogar eine eigene Seele. Doch wieso wendest du dich gegen dein Volk?«

»Mein Volk?«, lallte Paladin.

»Ja, du bist einer von uns. Du siehst aus wie eine Bestie und du bist ein Individuum. Dein Platz ist auf unserer Seite. Denkst du, die Siganesen oder Terraner werden dich akzeptieren? Überlege doch, was du für sie bist. Nichts weiter als ein Instrument, ein nützlicher Killer! Soll das deine Bestimmung sein? Erschaffen, um für andere zu morden?«

Paladin wollte nicht darüber nachdenken, doch Torsors Worte hallten durch seinen Kopf. Er war noch nie dazu gekommen, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Doch Torsor hatte recht. Paladin war nichts weiter als eine künstlich hergestellte Waffe. Er diente nur einem Zweck: Die Bestien zu töten! Wieso hatten sie ihm dann eine Seele verpasst? Das war ziemlich absurd, und zeigte, was sie von seiner Seele hielten.

»Du musst nicht sterben. Schließe dich uns an. Trete in die Familie der Pelewon und Moogh ein. Nimm dein Schicksal an! Auch unsere Vorfahren haben sich geweigert, die Mörder der Konstrukteure zu sein. Sie wurden dafür bestraft und kämpfen seit mehr als siebzigtausend Jahren um ihre Freiheit.

Wir wollen doch nur unser Recht, ungestört in M 87 leben zu dürfen.«

Recht? Ungestört? Das brachte ihn zur Besinnung. Torsors Worte klangen schön, doch sie waren vergiftet wie der Biss einer Schlange. Paladin hatte Hermes Eisars zerquetschte Reste nicht vergessen. Torsor redete von Frieden und Freiheit. Womöglich wollte er das für die Bestien, doch dabei tötete er Hilflose mit sichtlichem Spaß. Ein schönes Ungestörtsein war das! Niemals würde er sich solch einem Wesen anschließen! Auch wenn die Konstrukteure des Zentrums die Bestien unterdrückten und verfolgten, die Bestien waren keine Freiheitskämpfer. Sie waren brutale Monster, die auf ihrem Rachefeldzug alles und jeden vernichten wollten.

Paladin stand wankend vor Torsor.

»Niemals! Du bist ein Mörder, Torsor! Ich werde dich vernichten!«

Torsor lachte und hob die Faust. Paladin wich dem Schlag aus und versetzte Torsor einige Hiebe. Beide rangen miteinander. Erbarmungslos schlugen sie aufeinander ein, wieder und wieder. Sie bissen und schlugen einander, sie rangen mit ungehemmter Gewalt.

Torsor gewann die Oberhand. Er riss Paladins rechten oberen Arm aus und donnerte seine Faust in die Bauchöffnung. Paladins Systeme schlossen kurz. Ein Stromstoß erfasste Torsor und schleuderte ihn zurück.

Paladin war kaum noch in der Lage zu kämpfen. Torkelnd stand er auf. Das obere Auge war ausgefallen. Er feuerte mit dem MHV-Geschütz auf Torsor. Die Energiestrahlen prasselten auf dessen Brust und drückten ihn weg. Krachend fiel er nach hinten und durchbrach die Wand. Paladin feuerte weiter, dann war das Geschütz überlastet.

Mit letzter Kraft stürzte er sich auf Torsor. Der Herr der Bestien blutete aus tiefen Rissen in der aufgebrochenen Haut, doch er war immer noch kräftiger als Paladin. Er stieß den künstlichen Haluter weg. Dann sprang er mit seinem vollen Gewicht auf Paladin zu und stieß ihn um.

Brüllend trommelte Torsor mit seinen vier Fäusten auf den am Boden liegenden Gegner ein und beschädigte ihn irreparabel. Dann ließ er ab, taumelte zurück. Der Herr der Bestien war verwundet und erschöpft. Er glaubte sich siegreich.

Mit letzter Kraft aktivierte Paladin die Selbstzerstörung. Die Sprengkraft reichte aus, um alles Leben in einem Umkreis von hundert Metern zu zerstören. Bis zuletzt hatte er tief im Innern gehofft, dass er doch hätte leben dürfen.

Er hätte gern mehr über das Leben erfahren … doch Torsor hatte recht! Was für ein Leben war das! Paladin war nur zu dem einzigen Zweck erbaut worden: Torsor zu ermorden. Ja – nun hatte er Gewissheit über sein trauriges Schicksal. Er war ein Killer!

Vielleicht würde die Geschichte ihn anders bezeichnen. Als Superwaffe, als Held. Als denjenigen, dem es gelang, die Tyrannei der Bestien in M 87 zu beenden. Doch Fakt war, dass er nichts weiter war als ein Mörder. Er tötete zwar keine Unschuldigen, doch seine Tat war dennoch nicht zu beschönigen.

Die innere Klarheit gab ihm Kraft. Ein letztes Mal erhob er sich. Torsor starrte ihn ungläubig an.

Paladin warf einen Blick aus dem großen Panoramafenster. Quarteriale SUPREMO-Raumschiffe waren auf dem Weg zu Torsor, um ihn zu retten. Es würde vergeblich sein. Er hörte seine eigene, lallende Stimme:

»Torsor, du hast die Pelewon und Moogh nicht in eine bessere Zukunft geleitet. Du hast nichts aus der Vergangenheit der Bestien gelernt, Blut mit Blut, Gewalt mit Gegengewalt beantwortet. Ein nie endender Kreislauf. Vielleicht wird sich nichts ändern, doch vielleicht erwachen auch die Bestien aus ihrem Blutrausch, wenn ihr Führer nicht mehr ist …«

»Was sagst du da?«

Torsor sprang auf, wollte zuschlagen, dann hielt er inne. Offenbar begriff er.

Der Herr der Bestien drehte sich um, doch Paladin umklammerte ihn. Die Uhr tickte rückwärts. Torsor schlug wild um sich, Paladin hielt ihn mit aller Kraft fest, machte seine Gedanken frei und zählte die Sekunden herunter.

Es waren die letzten Sekunden in ihrer beider Leben.

5 …

4 …

3 …

2 …

1 …

Gleißendes Licht löschte alle Konflikte aus.

Wiedergeburt

Innerhalb weniger Minuten war der Berg von den Riffanern abgetragen worden. Das alte Gefängnis lag nun frei. Gal’Arn war ratlos, um was es hier eigentlich ging. Er wusste beinahe nichts über die Riffaner, außer dass die Entropen von ihnen als dem personifizierten Bösen sprachen. Offenbar hatte es vor Äonen einen Konflikt zwischen einer Lilith und dem Riff gegeben. Lilith hatte demnach Cul’Arc und Brok’Ton in diese ewigen Gefängnisse gesperrt und war im Kampf gegen Nistant, offenbar dem Herrn des Riffs, gestorben. Nistant war wohl auch gestorben, wenn man Constances Träume so interpretierte.

Die Hexen und Entropen waren offenbar Nachfahren dieser Lilith, und SI KITU schien eine Verbündete zu sein. Oder eine Verwandte der Lilith? Wie dem auch war, es gab nur eine einzig logische Schlussfolgerung, was Cul’Arc mit Wiedergeburt meinte: Die Wiedergeburt von Nistant.

Während die Zentauren und Wolfswesen im Innenraum der großen Halle emsig mit ihren undurchschaubaren Vorbereitungen beschäftigt waren, kümmerte sich Cauthon Despair um Constance.

Die Hexen waren offenbar Körperverformer. Es sah so aus, als wollte sich Constance in ein anderes Wesen verwandeln, doch Cul’Arc war ihr zuvorgekommen.

Die Hexe lag in Despairs Schoß. Gal’Arn beugte sich über sie. Er kramte Medizin aus seinem Beutel. Er gab ihr einen Trank, der den Kreislauf in Gang brachte.

Sie öffnete die Augen und fing an zu husten.

»Wieso wusste der, was ich vorhatte?«

»Was hattest du denn vor?«, wollte Despair wissen.

»Das sage ich lieber nicht. Wir Hexen haben so einige Geheimnisse. Ich habe Kopfschmerzen! Oh nein!«

Sie sprang auf. Dann fasste sie sich an den Kopf.

»Autsch! Wir müssen Cul’Arc stoppen. Er darf mit der Zeremonie nicht fortfahren!«

»Wir können nichts unternehmen. Sie haben unsere Kommunikation geblockt«, sagte Despair.

Constance fing an zu weinen.

»Das ist alles meine Schuld«, schluchzte sie und legte ihren Kopf an Despairs Schulter. »Ich habe bitterlich versagt.«

»Ich habe bitterlich versagt«, äffte Anya Guuze sie nach. »Ich frage mich langsam, wer hier eigentlich böse ist. Die Hexe verwandelt sich in eine Art Sukkubus, die Perlians wollten uns abknallen und das Quarterium uns entsorgen. Die Riffaner behandeln uns bisher als einzige gut.«

Gal’Arn erachtete die Argumente von Anya nicht als falsch. Das Ganze war ziemlich undurchsichtig. Die Entropen benahmen sich wie der Elefant im Porzellanladen mit ihrer Panikmache gegen das Riff. Bisher jedoch benahmen sich die Riffaner recht gesittet, sah man von ihrem Angriff auf die Perlians ab.

»Ich will hier nur ganz schnell weg. Eines ist klar, ich fliege auf der TERSAL mit«, stellte Anya fest. »Bei Gal’Arn und Jaktar fühle ich mich sicher.«

Tashree galoppierte zu ihnen.

»Cul’Arc und Brok’Ton wünschen, dass ihr an der Zeremonie teilnehmt. Insbesondere …«, der Zentaure stockte und starrte Anya fasziniert an, »die Frau mit dem seidenen, blonden Haar.«

Anya ging ein paar Schritte zurück und stellte sich neben Jaktar, der die Ohren spitzte.

»Wieso macht jeder so ein Gewese um die liebe Anya? Klar, ist ein liebes Mädchen für eine Terranerin, aber ich verstehe das nicht«, gestand der Ghannakke.

Der Zentaure bäumte sich auf.

»Fragen werden zu späterer Zeit beantwortet werden. Mir steht es nicht zu. Heute ist ein Feiertag. Nicht nur, dass Brok’Ton befreit wurde, es ist der Tag von seiner Wiedergeburt.«

»Wessen?«, fragte Jaktar.

»Na von Gott!«, antwortete Tashree verständnislos. »Darf ich nun bitten? Die Hexe darf auch mitkommen. Sie ist offenbar nicht so gefährlich.«

Tashree lachte und trabte voran. Gal’Arn, Anya und Jaktar folgten ihm. Despair gab Major Korral noch ein paar Anweisungen, dann half er Constance hoch und beide gingen ebenfalls in die Halle.

Schwabbelige, gelbe Kugelwesen mit Tentakeln läuteten glockenähnliche Gegenstände. In der Mitte befand sich eine Art Becken, das mit einer dickflüssigen Substanz gefüllt war. Cul’Arc und Brok’Ton standen davor.

»Ah, meine Gäste. Es freut mich sehr. Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen. Oder, wie euer Freund Danton so schön in eurer Sprache zu sagen pflegte: Adieu!«

Brok’Ton winkte Anya zu. Dann drehte er sich um und stieg in das Becken. Langsam versank er in dem Schleim, bis nichts mehr von ihm zu sehen war.

Cul’Arc wandte sich an Zigaldor, das Wolfswesen.

»Danke für alles, treuer Freund. Unser Opfer wird ihn zurückbringen. Nachdem ich im Sumpf des Kosmos versunken bin, weißt du, was zu tun ist!«

»Ja, Herr.«

Cul’Arc legte freundschaftlich seine Klaue auf Zigaldor. Dann stieg auch er in das Becken und versank. Die Kugelwesen hämmerten weiter auf die Glocken. Zigaldor gab ein Zeichen. Humanoide Giganten trugen zwei Bahren hinein. Auf der einen pulsierte rötliches Plasma. Es sah aus wie ein großer Gewebeklumpen, mindestens drei Meter breit.

Auf der zweiten Bahre lag ein Skelett. Zigaldor wurde eine Art Kanope überreicht. Zuerst legten die Riesen das Plasma in den Schleimtrog, dann wurde das Skelett feierlich hinabgelassen. Zum Schluss öffnete Zigaldor die Kanope.

Gal’Arn glaubte, das Pochen eines Herzens zu hören. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er sah, dass Zigaldor ein blutendes Herz aus der Kanope nahm.

»Kehre zurück, oh Herr! Dein Volk braucht dich. Das Universum erwartet die Rückkehr deiner Göttlichkeit. Erbe und Erbauer, kehre in dein Fleisch zurück aus den höheren Sphären des Kosmos.«

Mit diesen Worten ließ Zigaldor das Herz in das Becken fallen. Plötzlich fing die Substanz an zu blubbern. Blitze zuckten aus dem Bassin. Ein Wirbel entstand. Aus ihm bildete sich ein regelrechter Sturm, der in den Himmel empor stieg und dort einen immer größeren Trichter formte.

Dann donnerte ein gewaltiger Energiestrahl in den Himmel. Gal’Arn konnte nicht anders, er rannte vor, so dass er in den Himmel blickte. Der Strahl durchbohrte die Hülle des Gesteins, doch das Wasser und das Geröll wurden durch den Wirbelsturm aufgehalten.

Was geschah hier?

*

Denker00033 wartete angespannt auf der Brücke seines Raumschiffes im Orbit von Ednil, wartete auf Meldung der Hexe Constance, als plötzlich ein Energiestrahl aus dem Kern des Planeten in das Schwarz des Weltalls stieß. Dort bildete sich unter gellen Blitzen ein Strukturloch. Denker00033 ließ das Raumschiff an Abstand gewinnen. Er spürte einen mentalen Druck! Etwas kam aus diesem Strukturloch! Zwei Schemen schienen aus dem Hyperraum zu schießen.

*

Gal’Arn starrte nun wieder gebannt auf das Bassin. Durch die Energieblitze und den Wirbel konnte er kaum etwas erkennen. Dann fühlte er plötzlich etwas. Es war so, als sei ein fremdes Wesen plötzlich unter ihnen.

Der Energiestrahl verblich genauso schnell, wie er gekommen war. Der Wirbel hob sich empor und zurück blieb das noch leicht blubbernde Becken mit dem Plasma. Zigaldor kniete nieder.

Gal’Arn trat langsam vor. Erschrocken wich er zurück, als eine Hand aus dem Sumpf schnellte und den Beckenrand umklammerte. Es folgte eine weitere Hand. Langsam zog sich ein Wesen aus dem Bassin. Bedächtig und mit wackeligen Beinen kletterte es über den Rand.

Nun stand es vor ihnen. Alle Riffaner knieten nieder. Einige fingen sogar an zu weinen oder fielen in Ohnmacht. Der Elare betrachtete mit einem Schauer das Wesen. Der Schleim tropfte von seinem nassen, dunklen Umhang. Er trug schwarze Stiefel und eine dreckige, uralte schwarze Kleidung.

Die Hände waren faltig. Das Gesicht wurde von langen, verfilzten Haaren bedeckt, die in schleimigen Strähnen herunter hingen. Langsam hob das Wesen den Kopf. Das Gesicht wirkte wie das eines Toten! Die Haut war ledrig, die Knochen standen hervor. Es besaß nur sehr dünne Lippen, die Zähne blitzten wie bei einem Totenschädel hervor. Die Augen saßen tief in den eingefallenen Augenhöhlen.

Die Kreatur blickte sich um. Sie atmete tief ein, als ob sie den ersten bewussten Atemzug genoss. Langsam hob es die Hände und betrachtete sie. Das Geschöpf tastete sich ab. Bauch, Brust, Kopf und Gesicht. Dann sah es sich um.

»Nistant, Herr, du bist zu uns zurückgekehrt.«

Nistant
Nistant © Gaby Hylla

Das war also in der Tat Nistant, der von den Riffanern als Gott gepriesene »Herr«. Nistant fasste sich an die Brust und schaute lustvoll in den Himmel.

»Mein Herz schlägt. Ich spüre, wie es schmerzt. Und ich schaue gen Himmel, in der Hoffnung mein Herz der Sterne zu finden. Und einst sagte ich, es gäbe kein Grab, um meinen toten Körper auf ewig zu fesseln. Nun bin ich auferstanden.«

Nistant blickte die Wesen in der Halle an. Zigaldor erhob sich und auch Tashree ging näher zu ihm heran. Gal’Arn sah, dass beide vor Ehrfurcht und Freude weinten.

»Deine Brüder haben sich geopfert, um dich zu erwecken, Herr! Der Plan der Lilith ist nun endgültig gescheitert«, sagte Zigaldor.

»Cul und Brok sind in mir. Sie sind nicht tot. Ich lebe. Ich bin komplett! Wahrlich alle Hohen Mächte haben sich angestrengt, mich aus dem Universum zu vertilgen, doch ich bin zurückgekehrt, meine Getreuen! Nistant ist zurück!«

Es brandete ein lauter Jubel aus. Freudengesänge auf Nistant erklangen in einer fremden Sprache.

Er ging auf Gal’Arn zu und musterte ihn.

»Du trägst eine Aura der Kosmokraten mit dir. Du bist kein Rideryone. Erkläre dich, Fremder, wer bist du?«

Gal’Arn stellte sich vor. Dann erklärte er Nistant, wer seine Begleiter seien. Nistant wirkte erschrocken und ergriffen zugleich, als er Anya Guuze sah. Er wich zurück, taumelte und wäre beinahe gestolpert, hätte Tashree ihn nicht gestützt.

Langsam ging er mit zittrigen Schritten auf sie zu. Als er vor ihr stand, wollte er mit seiner Klaue durch ihr Haar fahren, doch Anya wich erschrocken zurück.

Nistant wirkte traurig. Er sah sich seine Hand an, dann senkte er sie wieder.

»Ich habe mich verändert, du nicht. Als mein Herz aufhörte zu schlagen, galt mein letzter Gedanke dir, mein Engel. Mein Herz der Sterne. Doch wie kannst du vor mir stehen, nach den Millionen von Jahren? Das muss ein übler Streich des Schicksals sein.«

»Ich kenne dich nicht«, hauchte Anya.

»Dann bist du nicht sie, obwohl du ihr vollkommen gleichst? Oh, welch schreckliche Laune des Kosmos. Oder doch Bestimmung? Es muss einen Grund haben, dass du hier bist, obwohl du nicht Ajinah bist.«

»Nein, Anya ist mein Name. Ich bin vom Planeten Terra. Ich weiß auch nicht, was vor sich geht. Es tut mir leid, aber wir sind uns nie zuvor begegnet.«

»Nicht in diesem Leben, schöne Anya.«

Nistant wirkte in sich gekehrt. Als ob er auf eine innere Stimme hörte, war er plötzlich völlig abwesend. Dann wandte sich sein Blick gen Constance.

Seine Augen strahlten voller Zorn, als er sprach: »Was sucht eine Tochter Liliths hier?«

Der Tod des Tyrannen

Der Verband der SAPHYR-Raumjäger befand sich auf dem strategischen Rückzug. Auch die Entropen hatten den Weg zum Geeg-System angetreten. Ein offener Kampf mit der quarterialen Flotte war unnötig. Jonathan Andrews hatte mit eigenen Augen die Explosion der Raumstation mit angesehen.

Die unmittelbare Gefahr für den Internraum war vorüber. Doch Jonathans Gedanken galten den vier Siganesen. Was war aus ihnen geworden? Die SAPHYR-Raumjäger patrouillierten durch den Leerraum, um nach dem Paladin zu suchen. Er verfügte über ein eigenes Triebwerk, es wäre kein Problem für ihn, über kurze Distanzen durch das Weltall zu fliegen.

So suchten die Raumjäger nach ihnen und mussten gleichzeitig Vorsicht walten lassen, um nicht von quarterialen Raumern aufgespürt zu werden. Elyn und Jonathan verfolgten die Rettungskapseln. Insgesamt waren dreiundzwanzig Fähren und SUPREMOs vom Typ Dolan rechtzeitig von der Kampfstation geflohen. Sie flogen alle direkt zu dem quarterialen Verband, nur eine verlor plötzlich an Geschwindigkeit.

»Die schauen wir uns näher an.«

Elyn konzentrierte sich auf die Ortungsergebnisse. Stück für Stück scannte sie den Leerraum um den 100-Meter-Raumer ab. Das SUPREMO-Raumschiff brannte im Inneren.

»Sieben lebende Bestien an Bord, einige Lebensimpulse sind sehr schwach«, meldete sie.

»Und der Paladin? Die Siganesen?«

»Ich kann es nicht bestimmen. Du weißt, dass der Paladin künstliche Individualimpulse eines Pelewon aussendet. Es kann durchaus sein, dass er unter den Angemessenen ist.«

Jonathan schlug mit der Faust auf den Tisch. Sekundenbruchteile später explodierte das Raumschiff. Der Glutball dehnte sich aus, zog sich dann langsam zusammen und verblasste. Lodernde Wrackteile wurden in die schwarze Tiefe des Weltalls geschleudert.

»Keine Lebensimpulse«, sagte Elyn traurig. Eine Träne rann ihr über die Wange. Auch Jonathan spürte irgendwie, dass Paladin und die Siganesen an Bord des SUPREMOs gewesen waren. Es war vermutlich zum Kampf gekommen, bei dem das Raumschiff vernichtet wurde.

»Warte, Johnny!«, rief Elyn. »Abseits des Schiffes orte ich eine winzige Space-Jet! Das sind die Siganesen!«

Elyn jubelte. Jonathan steuerte den Jäger zur Space-Jet und ließ sie an den Rochenflügeln andocken.

»Aye, ihr Kleinen!«

»Guten Tag, ihr Überproportionierten«, erwiderte Domino Ross. »Drei Siganesen melden sich. Wir haben Hermes Eisar und Paladin verloren. Er war auf dem Raumschiff.«

Nun hatten sie Bestätigung.

»Doch sein Opfer war nicht umsonst, Freunde. Er hat Hermes’ Mörder bestraft. Nicht nur Paladin war an Bord, sondern auch Torsor«, sagte Ross mit zitternder Stimme. »Der Tyrann ist tot!«

Nistant

Cauthon Despair

Nistant übte eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Selten hatte mich ein Wesen so beeindruckt wie dieser Riffaner. Er war uralt, offenbar ein kosmischer Gigant. In seiner Gegenwart fühlte ich mich wohl. Es war ein seltsam vertrautes Gefühl. Ich vermochte es nicht genauer zu erklären.

Plötzlich blickte Nistant Constance an, die sich instinktiv an mich drückte. Sie hatte Angst.

»Cauthon …«, hauchte sie beinahe lautlos.

Wütend stapfte Nistant zu ihr und packte sie am Hals. Er zog sie zu sich. Constance schrie, dann japste sie und rang nach Luft.

»Du stinkst mental nach der Kahaba und ihren Dämonentöchtern. Demnach ist der Konflikt wohl doch noch nicht so ganz vorbei. Was ist dein Begehr?«

Sie rang nach Luft. Ich war wie erstarrt. Obwohl ich mir Sorgen um Constance machte, war ich nicht fähig, ihr zu helfen. Die Präsenz von Nistant zog mich völlig in seinen Bann.

Er lockerte den eisernen Griff. Sie fing an zu husten. Er griff in ihr Haar und zog daran. Die Hexe schrie.

»Was ist dein Begehr?«, wiederholte er langsam und bedrohlich.

»Zu verhindern, dass du auferstehst.«

»Tatsächlich? Nun, du hast versagt, jämmerlich versagt.« Er stieß sie von sich und fing an zu lachen. Die Riffaner lachten kurz mit. Nun wandte sich Nistant an mich.

»Eine beeindruckende Rüstung. Ich fühle, wir sind aus demselben Holz geschnitzt. Ich spüre deine Trauer, deinen Konflikt zwischen dem Streben nach Höherem, der Reformierung zum Besseren, der endlosen, schmerzvollen Einsamkeit und den Gewissensbissen, den Zweifeln, ob du den richtigen Pfad eingeschlagen hast.«

Woher wusste er das? Ich war tief berührt. Er blickte in meine Seele, als sei sie offenes Buch.

»Haben wir Gleiches durchlitten, mein silberner Freund? Verachtet wurden wir in unserer Jugend und haben uns der finsteren Rache hingegeben, nicht wahr?«

Er blickte wieder Constance an.

»Sprich, bedeutet sie dir etwas? Liebst du sie?«

Er packte sie beim Schopfe und zog sie wieder hoch. Ich sah sie verletzlich, nach Hilfe suchend. Sie tat mir schrecklich leid. Constance erinnerte mich an Sanna Breen, denn sie war eine Frau, die mich aus unerfindlichen Gründen um meinetwegen mochte.

»Sie ist so schön. Sie duftet lieblich und ist so süß wie das Gift, welches dich tötet. Eine Frau kann den Kosmos stärker durcheinanderwirbeln als jeder Hypersturm und jedes Schwarze Loch. Sie kann das Herz eines Mannes in Stein verwandeln und ihn jeden Skrupel vergessen lassen. Oder sie kann ihn mit Liebe erfüllen, auf dass er diese Liebe im Universum weitergibt. Wir sind ihre Sklaven.«

Er warf sie wieder zu Boden und blickte Anya Guuze an. Wie ein Tiger stolzierte er um Constance herum.

»Ich bin mir nicht schlüssig, was ich mit dieser erklärten Feindin tun soll. Töten? Bestrafen? Sag du es mir, wie?«

»Cauthon Despair«, sagte ich. »Ich heiße Cauthon Despair. Verschone Constance, Nistant!«

»Weshalb?«

»Sie kann dir doch nichts anhaben. Töten zum Vergnügen ist abartig. Danach strebt kein Wesen mit höheren Ambitionen«, erwiderte ich mit Nachdruck. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob das bei MODROR und vor allem Rodrom auch galt.

Nistant lachte.

»Du hast deine Lektionen gelernt, Cauthon Despair. Auch Terraner?«

Ich nickte. Er wirkte selbstgefällig.

»Die Hexe kann mir nichts anhaben. Ihre Macht ist nichts im Vergleich zu der Liliths. Und ich spüre, dass du sie aufrichtig magst. Nein, ich werde ihr kein Leid zufügen. Husch, kleine Hexe, krieche zu deinem Ritter.«

Nistant streckte sich und gab einen Laut des Wohlseins von sich. Dann blickte er sich wieder in der Runde um.

»Wo sind wir eigentlich?«

Ich erklärte Nistant, wo wir uns befanden. Abgesehen von meiner Bewunderung seiner Person, sah ich in ihm einen neuen Verbündeten für das Quarterium. Gal’Arn stand sprachlos herum und wirkte überfordert. Er besaß kein politisches Geschick oder verschwendete keinen Gedanken daran zu konspirieren. Das war ihm völlig fremd. Eindimensional, wie er gestrickt war, dachte er wahrscheinlich nur daran, wie er Jaktar, Anya und sich heil hier herausbrachte.

Constance krabbelte in Todesangst zu mir. Ich beugte mich herab und half ihr hoch. In ihren grünbraunen Augen stand Furcht. Sicher hätte sie niemals so etwas erwartet. Nistant hatte eine einzigartig charismatische Ausstrahlung, trotz seines abschreckenden Äußeren.

»Freunde, ohne euch wäre ich nicht zurückgekehrt. Mein Dank wird ewig währen. Nun lasst uns heimkehren. Das Resif-Sidera hat eine neue Galaxie erreicht. Große Aufgaben erwarten uns«, sprach Nistant zu seinen Mannen.

Dann wandte er sich wieder an Anya.

»Ich danke dem GESETZ für diesen Moment. Auch wenn du nicht Ajinah bist oder dich zumindest nicht daran erinnerst, du gleichst ihr bis ins Detail. Deine Schönheit raubt mir noch immer die Sinne. So unendlich lange habe ich darauf gewartet, dich noch einmal sehen zu dürfen. Und doch hat diese Freude den bittersüßen Beigeschmack, dass mein Herz in ewiger, tiefer Trauer bleiben wird.

Denn meine Liebe wird nicht erwidert. Du warst immer die einzig wahre Gefährtin für mich, und meine Liebe wird bis ans Ende aller Zeiten bestehen. Lebe wohl, mein Engel.«

Nistant sah Anya tief in die Augen. Für einen Moment herrschte Totenstille in der Halle, dann wandte sich Nistant von ihr ab. Er ging zu mir.

»Wir werden uns wiedersehen, Cauthon Despair. Davon bin ich überzeugt.«

Nistant ging weiter. Zigaldor und Tashree folgten ihm. Dann die anderen Riffaner. Constance lag in meinen Armen und weinte. Immer wieder flüsterte sie, sie hätte versagt. Ich teilte ihre Trauer nicht. Für mich war es so, als wäre ich einem Heiland begegnet. Nistant war ein großer Mann im Universum. Dessen war ich mir sicher.

Anya setzte sich erschöpft auf den Boden und seufzte.

»Erst der Koloss und dann eine gehende Leiche. Ich dachte, nach Krizan hätte es nicht schlimmer werden können.«

*

»Nimm Nistants Liebesgeständnis nicht zu leichtfertig auf«, mahnte Gal’Arn. »Da steckt mehr dahinter. Ich glaube auch nicht, dass es ein reiner Zufall ist, dass du einerseits dieser Ajinah gleichst und zufällig während Nistants Wiedererweckung auf Ednil verweilst. Auch Constances ominöse Mentorin sollten wir nicht vergessen.«

In aller Aufregung war Gal’Arn einfach zum »Du« bei Anya übergangen. Sie störte das wenig.

»Sorry, aber ich bin weder Ajinah oder Aynah! Anya ist mein Name. Ich bin eine ganz normale Terranerin und nicht das Herz der Sterne«, sagte sie trotzig. »Obwohl seine poetischen Worte schon recht schön waren. Er muss diese Ajinah wirklich sehr geliebt haben.«

Gal’Arn stimmte ihr zu. Trotz dieses abschreckenden Äußeren schien Nistant intelligent und gefühlvoll zu sein. Was immer das Riff auch war, er war der Erbauer und offenbar Millionen von Jahren alt. Sie hatten gemeinsam ein Stück kosmische Geschichte erlebt.

Rednil und der Wachroboter waren zu Statisten degradiert und standen in einer Nische der Halle. Langsam trat der Perlian hervor. Der Roboter folgte ihm.

»Meine Aufgabe ist dann wohl erledigt«, sagte er. Die Lichter aus seinen Augen erloschen und er sank langsam zu Boden. Rednil verfolgte das Schauspiel sichtlich irritiert.

»Wir kehren zur Magellan-Landeplattform zurück«, entschied der Ritter der Tiefe und sah zu Cauthon Despair. »Ich fürchte, danach sind wir wohl wieder Feinde?«

Despair trat näher.

»Ich gewähre dir, Jaktar und Anya freien Abzug. Sollten wir uns wieder begegnen, dann als Feinde.«

Constance sah Despair verwirrt an.

»Wie kannst du das sagen? Wir sollten zusammenhalten! Ihr seid doch von einem Volk! Nistant lebt und wir müssen das Riff vermutlich bekämpfen. So will es SI KITU. Wenn das Quarterium nicht auch unter die Räder kommen soll, dann muss es von MODROR abschwören und den richtigen Weg einschlagen. Nur du kannst das bewerkstelligen, Cauthon! Ich glaube an dich!«

Sie nahm seine rechte Hand und drückte sie fest. Gal’Arn war ihr Verhalten etwas suspekt. Sie versuchte mit allen Mitteln, das Quarterium als Verbündeten zu gewinnen. Ihre Angst vor dem Riff schien gewaltig zu sein, doch bis jetzt hatte sie keine stichhaltige Begründung geliefert, wovor sie sich eigentlich fürchtete.

Plötzlich summte ihr Sprechgerät auf. Sie kramte es aus ihrem Kleid und betätigte den Sprechschalter.

»Na endlich, hier ist Denker00033. Über Ednil klafft ein Strukturloch. Was ist geschehen?«

»Nistant lebt!«

Stille am anderen Ende. Erst nach einem schier endlosen Moment antwortete der Denker.

»Dann wissen wir, was zu tun ist. Kehrt schleunigst zum Raumschiff zurück! Wir geben euch fünfzehn Minuten.«

Denker00033 beendete die Verbindung. Gal’Arn blickte Constance Zaryah Beccash fragend an.

»Fragt nicht, wir müssen schnell weg.« Sie wandte sich an Rednil. »Evakuiere alle Perlians nahe des fremden Schiffs. Schnell!«

Gal’Arn packte Anyas Hand und lief los. Er hatte ein ganz mieses Gefühl. Offenbar planten die Entropen einen Angriff auf das fremde Schiff, welches sicherlich ein Raumschiff der Riffaner war. Sie eilten zur Schlucht. Noch sieben Minuten!

Eilig schwebten sie mit den Antigravs zum Dorf der Eingeborenen und rannten zur Küste. Noch vier Minuten! Sie stiegen in die beiden Unterseeboote ein. Gal’Arn, Anya, Constance und Jaktar in das erste, Despair und seine drei Grautruppler zusammen mit Rednil in das zweite Boot.

Jaktar warf den Motor an, fuhr rückwärts ins Wasser und holte alles aus der Maschine heraus. Noch zwei Minuten!

Sie passierten den Graben. Noch eine Minute! Jaktar hielt Abstand zum Riffraumschiff.

Jaktar steuerte zur Magellan-Plattform. Sie tauchten rund zwanzig Meter vor der Plattform auf. Die Zeit war verstrichen. Aus dem bedeckten Himmel schossen Energieblitze auf das fremde Raumschiff, welches rund zehn Kilometer von ihnen entfernt war. Es schwebte in eine Wolke aus Feuer gehüllt.

»Wieso hasst ihr diese Riffaner so?«, fragte der Ritter.

Doch Constance wusste es offenbar selbst nicht.

»Sie sind seit Anbeginn der Zeit die Feinde des Lebens. SI KITU sagt es und damit muss es stimmen. Sie bringen den Tod über das Universum. Es genügt doch, wenn SI KITU es sagt!«

Eine ziemlich naive oder auch fanatische Einstellung, fand der Elare. Inzwischen hatte das Unterseeboot die Magellan-Plattform erreicht. Sie waren nicht die einzigen dort. Zwei 800-Meter-SUPREMO-Raumer vom Typ D schwebten mit surrenden Antigravtriebwerken in der Luft.

Jaktar steuerte das Unterseeboot direkt zur TERSAL und aktivierte ein Strukturfeld aus Formenergie zwischen Boot und Einstiegsschleuse. Dann passte er die Temperatur an, um einen Hitzeschlag zu vermeiden. Gal’Arn gab den beiden Frauen ein Zeichen, da tauchte ein entropisches Schlachtschiff auf und feuerte sofort auf die beiden quarterialen Raumer. Über ihren Köpfen entbrannte ein todbringendes Feuerwerk.

»Schnell in die TERSAL«, rief Gal’Arn.

Sie rannten um ihr Leben. Constance starrte auf das entropische Raumschiff. Sie verstand die Welt nicht mehr. Ein SUPREMO-Raumer explodierte an mehreren Stellen und sackte ab. Der gewaltige Glutball schoss direkt auf die Plattform zu. Gal’Arn packte die Hexe und zog sie in die TERSAL.

Sofort verschloss der Ritter der Tiefe die Schleuse und gab Jaktar das Zeichen zum Alarmstart. Der Ghannakke verlor keine Sekunde und schoss mit dem Raumschiff von der Plattform. Gerade rechtzeitig, denn der brennende SUPREMO-Raumer schlug Sekunden später auf und vernichtete die ganze Plattform in einer gigantischen Lohe.

Das zweite SUPREMO-Raumschiff erwiderte das Feuer auf das entropische Eischiff. Derweil setzte ein weiteres Entropenraumschiff den Beschuss des Riffschiffs fort, welches langsam weiter aufstieg. Die TERSAL nahm nun die Rolle des Beobachters ein.

»Bringt mich zu meinem Raumschiff«, forderte Constance. »Ich muss mit dem Denker reden.«

Gal’Arn war das zu gefährlich. Er wollte das Leben der anderen nicht aufs Spiel setzen. Schließlich war es nur eine Frage der Zeit, bis das fremde Riffraumschiff das Feuer erwiderte. Außerdem lokalisierte Jaktar die EL CID am Rand des Sonnensystems. In einigen Minuten würde das Flaggschiff des Quarteriums Ednil erreicht haben. Zwei Entropenraumschiffe hatten sicherlich keine Chance gegen die waffenstrotzende fliegende Festung des Quarteriums.

Inzwischen war auch das zweite SUPREMO-Raumschiff vernichtet. Seine glühenden Trümmer sanken ins Meer von Ednil und erzeugten eine gewaltige Flutwelle. Für die Bewohner der Inseln bahnte sich eine schreckliche Katastrophe an. Das Riffraumschiff schien auch beschädigt zu sein. Würde es den beiden Entropenraumschiffen tatsächlich gelingen, den vier Kilometer langen Raumgiganten abzuschießen?

*

Cauthon Despair

Die Magellanplattform war vernichtet, ebenso die beiden SUPREMO-Raumschiffe. Doch ich hatte bereits Meldung von Oberst Tantum erhalten, eine Fähre sei auf dem Weg zu uns.

Ich dachte an Constance. Ob sie es geschafft hatte? Oder hatte sie zusammen mit Anya und den anderen den Tod gefunden? Das wäre sehr traurig, denn mir lag viel an ihr. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes in mein Leben gestolpert und glaubte, mich bekehren zu können. Naiv und beeindruckend zugleich. Sie war wunderschön, wirkte manchmal unbeholfen, war aber anmutig und rein. Und dann war da noch Anya Guuze, die offenbar jeden Riffaner an eine Ajinah erinnerte, die womöglich identisch mit der Lehrmeisterin von Constance war. Und ausgerechnet diese Lehrmeisterin hatte Constance dazu ermutigt, mich zu bekehren.

Spielte Anya Guuze ein großes Verwirrspiel, war sie vielleicht jemand ganz anderes oder wusste sie wirklich nicht, was vor sich ging? Entropen und Riffaner brachten nicht nur viel Konfusion in unser Leben, sondern stellten offenbar auch wirklich kosmische Mächte dar.

Vermutlich waren wir plötzlich in einen Millionen Jahre alten Konflikt dieser beiden Mächte gestolpert. Dennoch schienen die Entropen genau das beabsichtigt zu haben, denn sie kooperierten ganz offensichtlich mit der Liga Freier Terraner und sahen in uns und MODROR eine Gefahr.

Machte das Nistant automatisch zu unserem Verbündeten? Wie stand er dazu? War er ein Anhänger der Ordnung oder des Chaos? Ich vermutete, dass er einen dritten Weg ging.

Endlich erreichte uns eine Space-Jet und nahm uns auf. Sie flog einen großen Bogen um das Kampfgeschehen und verließ nach wenigen Minuten den Orbit. Wir hielten Kurs auf die näher kommende EL CID.

»Was unternehmen wir jetzt, Sir?«, fragte Major Korral.

Das war eine berechtigte Frage. Die Entropen waren unsere Feinde. Die Riffaner nicht. Sollten wir ihnen helfen? Ich wartete mit einer Entscheidung, bis wir an Bord der EL CID waren. Unsere Abtaster lokalisierten die TERSAL im Orbit von Ednil. Sie hatten also überlebt. Ich war erleichtert, obwohl alle vier eigentlich meine Feinde waren.

»Sir, wir erhalten ebenfalls einen Hilferuf von Michael Shorne und seiner Gruppe. Sie sitzen noch auf Ednil fest«, meldete Korral.

»Später. Sie sind ja am Leben.«

Die Space-Jet landete im Hangar 31 der EL CID. Ein kleines Komitee empfing mich. Ich beachtete sie nicht und hielt direkt auf die Kommandozentrale zu. Da lief mit Virginia Mattaponi über den Weg und fiel mir um den Hals.

»Oh, Cauthon! Ich habe mir solche großen Sorgen gemacht. Was ist denn bloß geschehen?«

Ich schob sie beiseite. Mir war nicht danach, mit ihr zu reden. Sie ging mir im Moment einfach nur auf die Nerven mit ihrer Vergöttlichung meiner Person. Es war lieb und nett, doch einfach fehl am Platze. Sie sah mich aus traurigen braunen Augen an.

»Ich erkläre dir nachher alles in Ruhe«, sagte ich knapp.

Sie nickte mit halbgeöffnetem Mund und starrte mich besorgt an. Als Zeichen, dass ich nicht böse war, legte ich kurz meine Hand auf ihre Schulter. Sie verstand und machte mir Platz.

Oberst Tantum begrüßte mich, sobald ich die Zentrale betrat. Ich bat ihn, einen Funkspruch zum Riffraumschiff zu senden, welches unter schwerem Beschuss lag. Es war die Frage, ob sie unsere Hilfe benötigten. Nach einer Weile erschien die Holografie von Nistant in der Zentrale.

»Ich danke für das Angebot, doch seid nicht in Sorge. Wir sind nicht in Gefahr.«

Nistants Bild erlosch. Dann leuchtete der Strukturriss auf.

Sternenkalmar

Anya starrte gebannt auf den Kampf zwischen den beiden entropischen Raumschiffen und dem Riffraumschiff, welches unter schwerem Beschuss lag. Nur langsam entfernte es sich von Ednil. Immer wieder flammte der Schutzschirm auf. Es erwiderte das Feuer jedoch nicht. Wieso nicht?, fragte sie sich.

Sie dachte an Nistant. Es wäre falsch zu leugnen, dass er Eindruck auf sie gemacht hatte. Sah man von seinem erschreckenden Äußeren ab, war er sehr charismatisch und wirkte irgendwie sensibel. Er beschäftigte sie. Sie dachte über ihn nach.

Wo war sie da wieder hineingeraten? Sie seufzte und sah zu Constance Zaryah Beccash. Die Hexe bemerkte Anyas Blicke.

»Verurteilst du uns, weil wir ihn töten wollen?«

»Er hat uns nichts getan, sogar dein Leben geschont. Und nun greift ihr ihn erbarmungslos an. Das verstehe ich nicht.«

Nun seufzte Constance.

»Ich verurteile es auch. Doch Nistant ist ein uralter Feind der Entropen. Er ist die Nemesis von SI KITU. Um unfassbares Leid zu verhindern, müssen wir ihn vernichten.«

Plötzlich fing der Strukturriss über Ednil an zu leuchten. Es sah aus, als würde etwas aus der Öffnung fliegen. Es war durchsichtig, nur an den Rändern und an verschwommenen Stellen im All zu erkennen. Anya versuchte die Form genauer zu bestimmen. Es sah aus wie eine Art Kalmar. Anya erkannte mindestens zehn Tentakel am vorderen Ende des Wesens. Das hintere Ende war keilförmig. Es schnellte auf das entropische Raumschiff zu, welches sofort das Feuer eröffnete und den Schutzschirm hochfuhr.

Fast zur selben Zeit erschien das Hologramm eines fetten, blauhäutigen Entropen, der in einer Schale thronte.

»Denker!«, rief Constance. »Was geht hier vor?«

»Wir werden von einem unbekannten Wesen attackiert. Keine Sorge, es wird …«

Er verstummte. Das durchsichtige Wesen absorbierte die Energiestrahlen und schien sie in den Strukturriss abzuleiten. Durch den Beschuss war es besser zu erkennen, denn es leuchtete gelblich auf. Die Tentakel weiteten sich aus und umschlossen das Eiraumschiff der Entropen. Der Kalmar klebte förmlich am Schutzschirm. Langsam bohrten sich die Tentakel hindurch! Sie drangen durch den aktivierten Schutzschirm. Anya glaubte nicht, was sie sah!

»Sie dringen durch. Bei SI KITU! Hilfe!«, rief Denker00033. Dann brach die Verbindung ab. Anya verfolgte den Todeskampf des Raumschiffes und dessen Besatzung auf dem Bildschirm mit. Die Tentakel des Kalmars bohrten sich durch die Außenhülle. Die Fangarme hatten inzwischen das gesamte Raumschiff umschlossen.

Constance taumelte. Gal’Arn stützte sie.

»Diese ganzen Schreie. Sie sterben alle! Sie haben solche Angst.«

Anya lief ein kalter Schauer über den Rücken. Der Schutzschirm flackerte und brach schließlich zusammen. Dann geschah das Unfassbare: Der Kalmar zerquetschte das Raumschiff, bis es auseinanderbrach! Sie wendete den Blick ab, denn durch die Vergrößerung sah sie, wie Hunderte von kleinen, wirbelnden Körpern in den Weltraum gezogen wurden.

»Der Kalmar kehrt zum Strukturriss zurück«, sagte Gal’Arn.

Aufgeregt blickte Anya wieder auf den Bildschirm. Vom dem entropischen Raumschiff waren nur noch Trümmer übrig. Der Sternenkalmar kehrte zum Strukturriss zurück, war kaum mehr als Punkt zu erkennen.

Nun verließ auch das Riffraumschiff Ednil, verfolgt vom zweiten Entropenraumer. Der Kalmar hielt darauf zu. Zum ersten Mal feuerte auch Nistants Schiff. Unter dem heftigen Feuer begann der Schutzschirm des entropischen Raumers zu flackern. Der Kalmar hielt darauf zu, durchbrach den Schutzschirm, als sei er gar nicht vorhanden, und schnellte durch das Eischiff. Kurz danach explodierte es. Der Kalmar wendete und flog mit hoher Geschwindigkeit zurück in den Riss, in dem er verschwand.

Das Raumschiff des Riffs steuerte ebenfalls die Verbindung zum Hyperraum an und tauchte hinein. Nistant war gegangen. Wo immer ihn seine Reise nun hinführte, er hatte überzeugend demonstriert, dass er nicht wehrlos war.

Constance stöhnte auf.

»Bringt mich bitte ins Geeg-System. Ich will zurück zu meinem Volk.«

Gal’Arn nickte.

»Und was wird aus mir?«, fragte Anya besorgt. Sie wollte auf keinen Fall zurück zum Quarterium.

»Nachdem wir Constance abgeliefert haben, kommst du mit uns. Wir bringen dich zum geheimen Stützpunkt der Liga Freier Terraner. Ich befürchte, du wirst noch eine wichtige Rolle in diesem ganzen Szenario um Nistant spielen.«

Das waren nicht sehr beruhigende Aussichten für Anya.

Quarteriale Katastrophe

Cauthon Despair

Der Bericht von Torsors Tod traf mich tief. Das war ein Schock! Mit einem Mal war die M 87-Invasion in Frage gestellt. Ich setzte mich in den Kommandosessel und spürte die fragenden Blicke von Oberst Tantum, Major Korral und Virginia auf mir ruhen.

»Wie sind Eure Befehle, Quarteriumsmarschall?«, wollte Irkuleb wissen. Die Bestien waren noch zu keiner Reaktion fähig. Wer würde der Nachfolger des Quarteriumsfürsten werden? Gab es überhaupt jemanden, der dieses Ranges würdig war? Torsors Tod war ein Dolchstoß mitten ins Herz des Quarteriums. Er gehörte zu den Quarteriumsfürsten, den Führern des Reiches, die für Unfehlbarkeit standen und ewige Werte. Torsor war der Garant für die Disziplin der Bestien gewesen. Was würde nun geschehen? Würden sie überhaupt noch dem Befehl des Emperadors folgen?

»Kündigen Sie eine Trauerzeit an, Irkuleb! Die Bestien sollen um ihren Herrn trauern können. Ich werde umgehend nach Paxus reisen, um mit dem Emperador zu sprechen.«

Ich wies Tantum an, mit Höchstgeschwindigkeit zum Sternenportal zu fliegen. Dann stand ich auf und ging in meine Kabine. Ich musste allein sein!

*

Nach fünfzehn Stunden hatte die EL CID Paxus erreicht. Über Hyperkom hatten wir den Emperador bereits über das Ableben des Pelewon informiert. Zu unserem Bedauern hatte die Meldung vom Tod Torsors bereits die Runde gemacht. Offenbar hatten es geschwätzige oder korrupte Quarteriale überall herumerzählt. Sogar INSELNET berichtete darüber. Noch gab es keine offizielle Meldung der Regierung, doch es hieß überall, der Held Torsor sei im Kampf um M 87 gefallen.

So schnell es ging, eilte ich in den Thronsaal des Emperadors. Der Monarch wirkte noch kalkiger im Gesicht als sonst. Ich verbeugte mich knapp, dann begann ich meinen Bericht.

»Es ist wahr! Vor sieben Stunden haben Bergungskommandos die Reste von Torsor im All gefunden. Er wurde in die Luft gesprengt. Wir haben auch Teile eines künstlichen Haluters gefunden. Eine terranische Waffe mit dem Namen Paladin. Die LFT hat uns mit diesem Trojanischen Pferd empfindlich getroffen.«

Der Emperador wirkte ratlos. Er sah sich im Saal um, rang offenbar nach Worten. Dann stand er auf und ging schleichend durch den Raum. Er hob den Zeigefinger.

»Mit Torsors Tod ändert sich unsere Strategie. Die Bestien sind ab jetzt nicht mehr berechenbar. Wir müssen zügig einen Ersatz für ihn finden, sonst sehe ich das Bündnis gefährdet. Wir könnten M 87 verlieren!«

»Wir brauchen M 87 nicht mehr«, sagte Cau Thon, der plötzlich im Raum stand. Der Emperador schrie erschrocken auf.

»Erschrecken Sie mich doch nicht immer so! Wieso brauchen wir M 87 nicht mehr?«

Cau Thon lachte heiser.

»Es hat an strategischen Wert verloren. Es ist nicht entscheidend für den Krieg. Bündelt Eure Kräfte in der Lokalen Gruppe und den estartischen Galaxien. Vergesst nicht die Kemeten nahe UJDAT. Sie stellen mit den verbündeten Saggittonen und Akonen eine Gefahr für Cartwheel dar.«

Ich verstand nicht, wieso wir M 87 nicht mehr erobern sollten. Was hatte sich geändert? Nur weil Torsor tot war? Nun gut, er war der Befürworter der Invasion gewesen. Wir hatten ihm dieses Zugeständnis als Bündnispartner gemacht, damit die Bestien uns treu dienten.

»Wenn wir den Bestien den Kampf um ihre Heimat versagen, werden sie sich gegen uns wenden«, warf ich ein.

»Despair hat recht, Cau Thon. Wir müssen es geschickter anstellen. Wir ziehen die menschlichen Truppen ab und überlassen den Bestien M 87 in völliger Autarkie. Ihr neuer Anführer soll dann entscheiden, wie es weitergeht.«

Der Plan des Emperadors könnte funktionieren.

»Wir stellen die Bestien vor die Wahl, weiter in Cartwheel zu leben oder nach M 87 umzusiedeln, wo sie ihr neues Reich errichten, jedoch unabhängig vom Quarterium. Ich werde eine entsprechende Rede aufsetzen.«

»Was ist mit den Ambitionen des Quarteriums in M 87? Entsorgungslager, Wirtschaft, Rüstungsfabriken?«, hakte ich nach.

»Gestrichen! Shorne wird das verstehen. M 87 entwickelt sich zu einem Pulverfass. Ich traue keiner dieser Bestien zu, ein adäquater Ersatz für Torsor zu sein. Sie werden sich mit brutaler Gewalt gegen uns wenden. Torsor hat diese Barbaren zusammengehalten, ihnen Disziplin gegeben. Mit seinem Tod wird der Zusammenbruch der Biester erfolgen. Sie werden sich gegenseitig bekämpfen und deshalb gegen die Konstrukteure des Zentrums verlieren. Das Quarterium muss sich heraushalten.«

»Ich teile die Meinung des Emperadors«, sagte Cau Thon.

Ich dachte darüber nach. Sollten wir wirklich so schnell die Flinte ins Korn werfen?

Immerhin standen uns Zehntausende Schlachtschiffe der Bestien zur Verfügung, die jedoch zu neunzig Prozent in M 87 kämpften. Dazu kamen fast dreißigtausend SUPREMO-Schlachtschiffe der Terraner und Arkoniden. Diese brauchten wir tatsächlich für den bevorstehenden Kampf in der lokalen Gruppe und die endgültige Eroberung von Etustar. Durch das Auftauchen der Entropen hatte sich sowieso alles verändert. Wir hatten einen neuen Gegner und konnten uns keinen kostspieligen Krieg um ein nutzloses Gebiet leisten.

»Die Bestien dürfen unseren Rückzug nicht als Verrat auffassen. Doch das werde ich ihnen schon diplomatisch beibringen«, versicherte der Emperador und lachte. Es klang ein wenig irre.

»Torsors größter Wunsch war doch immer ein unabhängiges Reich der Bestien in M 87. Nun sollen sie dieses Vermächtnis antreten. Wir schenken ihnen M 87 und verzichten auf alle Besitzansprüche als Zeichen unserer Freundschaft. Ja, das klingt gut.«

Der Emperador lachte erneut. Wäre er nicht Politiker geworden, hätte er sich als Versicherungsvertreter oder Gleiterhändler sicher auch prächtig durchgeschlagen bei einer so begabten Verdrehung der Tatsachen, fand ich.

»Was hast du auf Ednil erlebt?«, wollte Cau Thon wissen. »Nistant ist auferstanden?«

»Ja«, sagte ich knapp. Es wunderte mich nicht, dass Cau Thon davon wusste. Sicherlich kannte MODROR das Riff und wusste um den Konflikt zwischen SI KITU und den Riffanern.

»Ich bin mir nur nicht sicher, ob uns das hilft. Die Einmischung der Riffaner und Entropen in unseren Hoheitsgebieten bereitet mir große Sorgen«, sagte ich.

»Mir auch, mir auch. Wir müssen dagegen etwas unternehmen«, forderte de la Siniestro. »Cau Thon, kann MODROR uns nicht helfen?«

»Das Rideryon wird sich neutral verhalten, solange es nicht angegriffen wird. Wir sollten es vorläufig ignorieren. Die Entropen jedoch sind angestachelt vom Fanatismus der SI KITU, die unserem Meister nicht wohl gesonnen ist. Gegen die Entropen werden wir erbarmungslos zu Werke gehen. Ich arbeite bereits an einem Plan. Wir werden euch helfen, doch zuerst müssen wir die Situation im Kreuz der Galaxien klären.«

Es waren mir entscheidend zu viele Niederlagen im Moment. Unsere Macht wankte und ich besaß kein großes Vertrauen in Jenmuhs Militärgeschick. Wenn der Gos’Shekur die Invasion der Milchstraße vergeigte, hatten wir ernsthafte Probleme.

»Ich werde mich bald wieder melden, meine Brüder«, sagte Cau Thon. Diesmal verließ er ganz normal den Thronsaal. Ich blickte ihm eine Weile hinterher. Der Emperador ließ sich ächzend in seinen Thron fallen.

»Diese Ereignisse sind unerfreulich, mein Freund. Mit der gigantischen Flotte von MODROR hätten wir die Milchstraße im Sturm eingenommen. Der Wegfall der Bestien schwächt uns ebenfalls.

Kümmert Euch bitte um die Eroberung der Lokalen Gruppe. Ich vertraue Jenmuhs nicht. Es benötigt einen besseren Anführer. Arbeitet an einem Plan B, sofern Jenmuhs scheitert.«

Ich verneigte mich.

»Ja, mein Emperador!«

Mit einer Handbewegung deutete der Emperador mir an zu gehen. Ich tat, wie mir befohlen wurde. Ich war mir meiner Verantwortung bewusst. Es lag in meinen Händen, das Quarterium militärisch zusammenzuhalten. Sollten wir scheitern, war das Quarterium das erste Mal in ernsthafter Gefahr!

Rückkehr

Die LFT-Truppen und Entropen hatten sich auf Geegival versammelt, um den Sieg über das Quarterium zu feiern. Gal’Arn war nicht nach Feiern zumute. Der Tod von Hermes Eisar ging ihm nahe, auch das tragische Schicksal des Paladins mit einer Seele.

Auf der anderen Seite gab es Grund zur Hoffnung. Torsor war tot! Das destabilisierte das Bündnis des Quarteriums sicherlich. Torsor war ein eiserner Regent gewesen. Die Bestien würden vermutlich nicht mehr so koordiniert vorgehen, wie es jetzt der Fall gewesen war.

Doch das Riff machte Gal’Arn Sorgen. Wer war dieser Nistant wirklich? Was war das Riff? Der Ritter der Tiefe fühlte, dass es sich hierbei um sehr wichtige Fragen handelte.

Zu seiner Erleichterung entdeckte er Jonathan Andrews und Elyn in der Menge. Er hatte nur kurz Gelegenheit gehabt, mit ihnen via Hyperkom zu sprechen. Eine Botschaft wollte er Jonathan jedoch persönlich überbringen. Er erzählte ihm von Nataly. Sie befand sich nach Aussage von Cul’Arc zusammen mit Roi Danton und Kathy Scolar im Riff. Zumindest lebte sie und war mit fähigen, treuen Menschen zusammen.

Jonathan erleichterte das enorm. Gal’Arn, Jonathan Andrews und Elyn setzten sich an einen Tisch zu Jaktar und Anya Guuze. Die Terranerin war offenbar sehr erleichtert, in unserer Gesellschaft zu sein. Sie lachte wieder und man merkte ihr an, dass sie wieder Lebensmut getankt hatte.

»Was werden wir jetzt tun?«, fragte Jonathan.

»Wir kehren umgehend in die Lokale Gruppe zurück. Unsere Aufgabe ist hier erledigt. Admiral Wang wird weiter an den SAPHYR-Raumjägern arbeiten und versuchen, mit den Konstrukteuren des Zentrums Kontakt aufzunehmen. Die Entropen werden ebenfalls eine Flotte hierlassen, um die Bestien in Schach zu halten.«

Gal’Arn fand, dass man sie in der Milchstraße brauchte. Er wollte Perry Rhodan und Aurec zur Seite stehen. Es war inzwischen August 1307 NGZ. Sie waren fast vier Monate in M 87 gewesen. Die meiste Zeit hatte die lange Reise zwischen den Galaxien in Anspruch genommen. Gal’Arn wusste einen Weg, wie sie schneller zur Lokalen Gruppe kamen, ohne den gefährlichen Weg durch das Sternenportal zu wagen.

Er winkte Constance Zaryah Beccash zu sich. Höflich bedankte er sich für die Zusammenarbeit.

»Nein, ich danke euch. Seht euch doch um! Die Terraner und Entropen feiern zusammen. Das ist seit unserem Auftauchen weder in der Lokalen Gruppe noch in den estartischen Galaxien gelungen. Ich freue mich sehr darüber.«

»Wir würden uns über einen Gefallen auch sehr freuen«, begann Gal’Arn. Constance sah ihn erstaunt an.

»Ach ja? Was soll ich tun?«

»Nehmt uns mit in die Lokale Gruppe. Mir ist klar, dass die Entropen über eine besondere Transporttechnik verfügen müssen, um in allen Galaxien gleichzeitig zu agieren. Ihr müsst uns nicht in Eure Geheimnisse einweihen, nur schnellstmöglich zur Lokalen Gruppe bringen.«

Constance wirkte nachdenklich. Sie schien wohl das Risiko gedanklich abzuwägen. Dann lächelte sie und stimmte zu.

»Wir werden euer Schiff in mein Raumschiff bringen. Ihr dürft es nicht verlassen, damit Ihr keine Geheimnisse herausfindet. Aber wir bringen Euch und Eure Freunde nach Andromeda. In wenigen Tagen seid Ihr alle dort.«

Epilog – Am Resif-Sidera

Nistant

Vor meinem geistigen Auge sah ich meine wunderschöne Ajinah, erinnerte mich an ihr Lächeln, den Glanz ihrer Augen.

Es war so unendlich lange her. Und nun hatte das GESETZ sie mir zurückgebracht. Ich dankte Gott dafür. Ich war mir sicher, dass sich unsere Wege wieder kreuzen würden. Und wenn ich dem Schicksal dabei auf die Sprünge half.

»Holt sie herein!«

Tashrees Kehle gellte den Befehl. Zwei Manjor brachten die Terraner zu mir. Wir hatten die beiden auf Ednil aufgeschnappt. Wie wir waren sie mit ihrem kleinen Raumschiff auf dem Weg aus dem Orbit gewesen und in Raumnot geraten. Eigentlich wollte ich sie unversehrt ziehen lassen, doch der eine hatte Anya erwähnt. Vielleicht bekam ich von ihnen mehr über sie heraus.

Tashree schubste die seltsamen, mir absolut unsympathischen Lebewesen voran. Sie erschauerten bei meinem Anblick. Sie stanken nach Furcht!

»So, ihr beide kennt Anya?«

Der eine in dem feinen Zwirn trat hervor.

»Ja, sie ist meine Assistentin. Wisst Ihr, wo sie ist? Schließlich bleibt sie von der Arbeit fern. Das müsste ich von ihrem Lohn abziehen.«

Der Mann lachte. Wie witzig er doch war … Dieses feiste, fein zurecht gemachte Stück Abfall! Ich kannte solche Wesen nur zu gut. Aber ich gab ihm eine faire Chance.

»Denkst du so materiell? Sie ist wohlbehalten an Bord der TERSAL, dem Raumschiff eures Ritters der Tiefe Gal’Arn. Sie hat ein gefährliches Abenteuer erlebt.«

Der Terraner lachte süffisant.

»Gefährlich, ja, ja. Also, ich bin Marcello Zeem. Ich danke Ihnen für unsere Rettung. Nun, vielleicht kommen wir ins Geschäft, was Anya angeht? Ich bin ein monetär eingestellter Mensch. Zeit ist Geld, und wer Geld verschenkt, der wird nichts im Leben. So sind die Regeln der Marktwirtschaft. Das verstehen Sie doch sicher.«

Er lachte wieder. Mich widerte er an. Gierig, schleimig und frei jeglicher Ethik und Moral. Für Geld tat er alles. Eingelullt in der Legalität seiner Wirtschaft. Oh ja, ich wusste nur zu gut, wohin der Irrsinn des ewigen Wachstums führte, der lieblose und leidenschaftslose Glauben an die kosmische Ökonomie und die Gleichgültigkeit mangelnder Nächstenliebe! Sie führte ins Verderben und in den Tod! Mit grenzenloser Wut packte ich seinen Hals und drückte zu.

»Nein, wir werden nicht ins Geschäft kommen. Sage mir alles, was du über Anya weißt. Wird sie zu dir zurückkehren?«

Er stammelte, während sein Gesicht erst blass, dass bläulich wurde, und er würgte. Jetzt wirkte er gar nicht mehr heiter.

»Ich … ich bin reich. Ich bezahle, was Sie wollen.«

»Oh, ist dem so, Marcello Zeem? Das einzige, was mich interessiert, wäre deine Seele. Doch ich denke, du besitzt so was gar nicht.«

Ich warf ihn zu Boden. Nun wandte ich mich an seinen Begleiter. Der kahlköpfige, androgyn wirkende Terraner schwitzte vor Angst.

»Und wer steht hier vor mir?«

»Ich … ich … ich …«

»Also gut, Ich! Wie lange kennst du Anya? Lebt sie bei euch? Hat sie einen Gefährten? Rede schon!«

Zeem hustete und pruste, als er wieder aufstand. Der andere sagte kein Wort. Ein Arschloch!

»Keine Ahnung, Sir. Wohl niemand. Aber wenn sie mich fragen, bleibt so eine wie die nicht lange allein. Woher eigentlich das …«

Ich schlug ihm ins Gesicht. Er fiel zu Boden und ich trat nach. Wie konnte er es wagen, so über sie zu reden? Er zeigte keinerlei Respekt vor einer wie ihr. Ich verabscheute respektlose Menschen, die nur ihr eigenes Ego liebten.

»Herr?«, fragte Tashree beinahe schüchtern. »Soll ich die zwei nicht lieber aussetzen, bevor das noch eskaliert?«

Ich starrte den Harekuul finster an. Aber er hatte recht. Wenn ich mich noch länger mit diesen beiden Kreaturen abgab, würde ich sie sinnlos ermorden. Sie konnten mir keine nützlichen Informationen über Anya geben.

Ich nickte. Tashree packte Zeem und half ihm hoch. Der Terraner blutete aus Nase und Mund. Ich hatte kein Mitleid mit ihm. Es wäre nicht schade, wenn er die Schwelle des Todes überschreiten und vor ein ewiges Gericht gestellt würde. Er war nichts wert. Er besaß keine Werte!

Doch nun kramte er etwas aus seiner Jackentasche. Es war ein Datenspeicher.

»Bitte … da sind alle meine wichtigen Daten drauf. Präsentationen, Schriftwechsel und die Akten meiner Mitarbeiter. Anyas Datenblatt mit tollem Foto. Nehmen Sie es, aber lassen Sie mich am Leben. Bitte!«

Er fing an zu weinen. Ich packte ihn erneut an der Kehle.

»Warum solltest du leben, während überall unschuldige Wesen sterben? Welchen Wert hast du für das Universum? Wenn nun heute deine letzte Stunde geschlagen hätte, mit welcher Rechtfertigung würdest du um Absolution bitten?«

Er sah mich aus hervorquellenden Augen an und brachte kein Wort heraus. Welches auch? Es gab keine Rechtfertigung. Ich sah den Datenspeicher an, dann Tashree. Meine Entscheidung war gefällt.

»Schickt sie zurück nach Druithora. Auf dass wir uns niemals wiedersehen!«

Tashree zog Zeem davon. Der andere lief eilig hinterher. Ich aktivierte den Datenspeicher. Er besaß ein simples Betriebssystem. Die Schriftzeichen der Terraner, das Interkosmo, war mir bereits bekannt. Ich suchte nach ihrem Namen und eine Datei. Ihr Bild war wunderschön. Ja, genauso wie Ajinah!

Ergriffen las ich ihre Bewerbung, ihren Lebenslauf und die Notizen von Marcello Zeem über sie. Ich versank völlig in den Texten, bis Zigaldor rief: »Herr, wir sind da!«

Die AGASH schoss aus der Strukturlücke. Ich sah endlich wieder das Rideryon mit meinen eigenen Augen. Der Millionen Jahre andauernde Traum war vorbei.

Ich war endlich wieder ein einziges Wesen. Meine Bewusstseinsteile waren aus den Gefängnissen des Glücks und des Schmerzes befreit und wieder vereint. Ich spürte die Präsenz meiner Hinterlassenschaft ganz deutlich. Die Kälte, der Hass und der Schmerz ließen mich erschauern, obwohl sie mir doch so vertraut waren.

Das Rideryon lag vor mir, und es hatte die Galaxie Siom Som erreicht. Es waren nur noch wenige Etappen bis zum Ziel, bis zur Verwirklichung meines großen Planes, der dem Universum den ersehnten Frieden bringen würde.

Endlich war ich wieder voll aktionsfähig. Ich strotzte nur so vor Tatendrang. Es dürstete mich, zu guter Letzt selbst Hand anzulegen, um das Schicksal des Universums zur Vollendung zu bringen.

»Welche Befehle hast du für uns?«, fragte Tashree unterwürfig.

»Bereitet das Volk vorsichtig auf meine Rückkehr vor. Sie sollen nicht vor meinem Äußeren erschrecken. Dann werden wir bald Kontakt mit den Einwohnern von Siom Som aufnehmen.

Sie sollen wissen, was sie nun erwartet.«

Während meine Mannschaft jubelte, blickte ich auf das Bild von Anya! Wie eine Reinkarnation von Ajinah. Schlummerte ihre Seele in Anyas Hülle?

Ich dachte an Ajinah und meine ewige Liebe zum Herz der Sterne, welche niemals erlöschen würde.

Niemals!

Ende

Nistant ist auferstanden! Unglaublich und schwer zu erklären sind die Ereignisse in M 87. Torsor ist tot und das Quarterium hat eine empfindliche Niederlage erlitten, doch die Wiedergeburt des geheimnisvollen Nistant überschattet alle Ereignisse!
Im nächsten Heft schildert Roman Schleifer die dunkle Geschichte eines Alyskers und erläutert weitere Hintergründe über das kosmische Projekt der Alysker. Der Titel von Band 101 lautet

Schwarze Seele

DORGON-Kommentar

Im vorliegenden Band erhalten wir eine Fülle von Informationen, auch wenn sie vielleicht in der farbigen und spannenden Schilderung des Riffs und einigen seiner Völker durch die Autoren untergegangen sind. Daraus ergeben sich, wie könnte es auch anders sein, eine Reihe von Fragen:

Ich möchte deshalb diese kurz zusammenfassen:


Wer oder was genau ist Nistant und in welchem Verhältnis steht er zu MODROR und DORGON?

Welche Rolle spielten Eorthor und die Alysker bei der Entstehung des Riffs?

Wer ist Lilith? Welche Verbindungen bestehen zwischen dem Riff und uralten terranischen Mythen aus dem jüdischen und assyrisch-babylonischen Kulturkreis?

Warum bekämpfen SI KITU und die mit ihr verbundenen Entropen das Riff mit allen Mitteln?


Wir sehen: Fragen über Fragen.

Nur noch ein Hinweis: In der Kabbala, der mystischen Überlieferung der Juden, ist Lilith die erste Frau Adams, die jedoch von Gott verstoßen wird, da sie sich weigert, sich Adam unterzuordnen. Sie widersteht Gott und wird dadurch angeblich zu einer Dämonin.

Wie es scheint, fand vor Äonen eine Auseinandersetzung ohne Gnade auf der Ebene der Kosmischen Mächte statt. Die Kompromisslosigkeit der Entropen und der hinter ihnen stehenden Entität SI KITU scheint weitgehend durch diese Auseinandersetzung geprägt worden sein.

Und hier möchte ich einmal einige ketzerische Ansichten äußern:

»Was, wenn die Entropen und nicht die Terraner recht hätten?«

Nehmen wir einmal an, die Gefahr durch MODROR und das Riff ist genauso groß oder noch größer als die Gefahr durch die Meister der Insel, die durch den anstehenden Aufbruch nach Andromeda im Raum steht. Gehen wir noch einen Schritt weiter und stellen uns vor, dass das »Böse an sich« (Ja, ich weiß, das war für die MdI reserviert) wortwörtlich genommen werden müsste, ich spreche in diesem Zusammenhang von »Negativem Leben«, von einer Kraft oder einer Macht, die bestrebt ist, alle positiven Aspekte des Universums in ihr negatives Gegenteil zu verkehren. Braucht MODROR beispielsweise nicht gerade Schmerzen und Leid der geknechteten, unterdrückten und gemordeten Lebewesen?

Hätte dann nicht jedes »positive« Lebewesen das Recht, nein geradezu die Pflicht, sich mit allen Mitteln gegen die Vergewaltigung des Universums zur Wehr zu setzen?

Die Bühne des kosmischen Dramas ist bereitet, die Akteure hatten alle ihren Auftritt bzw. sind zumindest bekannt, doch bleibt eine wesentliche Frage, für mich die Frage überhaupt:

Wer sind die Akteure wirklich?

Ich denke, dass uns da noch einige Überraschungen bevorstehen. Für mich ist weder die Rolle von DORGON, noch die von MODROR endgültig geklärt. Und natürlich, welche Rolle spielen eigentlich die kosmischen Ränkeschmiede von »Hinter den Materiequellen« wirklich?

Dazu kommt, dass in der Person (oder besser im Frausein?) von SI KITU alles, aber auch wirklich alles völlig ungeklärt ist.

Wer ist SI KITU wirklich? Welche Ziele verfolgt sie und was geschah vor Jahrmillionen im Kosmos? Welche Mächte trafen damals in einer wohl erbarmungslosen Auseinandersetzung aufeinander?

Und dann die aktuelle Frage:

Wer ist Nistant? Und natürlich in diesem Zusammenhang: Was hat es mit dieser ominösen Lilith oder auch Lilitu auf sich? Warum wurde Nistant in den »ewigen« Schlaf versetzt?

Und hier zumindest, dem Internet (bzw. Wikipedia) sei Dank, habe ich eine Antwort. Und diese, die Bemerkung sei mir gestattet, ergibt noch mehr ungelöste Fragen und Geheimnisse, es scheint, dass sich mal wieder alles auf die prähistorische Erde konzentriert, dass wir wieder mit der Frühgeschichte der Menschheit konfrontiert werden. Doch nun zu Lilith in Kurzfassung:

Nach dem jüdischen Talmud war Lilith die erste Frau Adams! Jawohl, Adam hatte nach dieser Lesart der von der Kirche verbotenen Teile der jüdischen Überlieferung (die übrigens heute als Apokryphen bezeichnet werden), eine Frau vor Eva, eben Lilith!

Und diese war eben nicht »aus einer Rippe Adams« gemacht, sondern ursprünglich genau wie Adam »nach dem Bilde Gottes« geschaffen, was für Gott und Adam verheerende Folgen haben sollte. Lilith wollte sich weder Gott noch viel weniger Adam unterordnen und rebellierte gegen diese. Nachdem Gott versucht hatte, Lilith in die Schranken zu weisen und dabei scheiterte (!), wurde sie aus dem Paradies verstoßen. Da Gott sie nicht bezwingen konnte, wurde sie von ihm (!) zu einer Dämonin gemacht, wobei sie unsterblich geblieben sein soll, da sie nie die verbotene Frucht vom »Baum der Erkenntnis« gegessen hat.

Soweit, so gut oder so schlecht?

(Übrigens, nur so am Rande, soll sie Kain, nachdem auch er von Gott für den Mord an Abel verstoßen wurde, zum Vampir gemacht haben und somit wäre sie die »Mutter aller Vampire«!)


Zurück geht Lilith (nach heutiger Meinung) wohl auf den sumerisch-babylonischen Pantheon, in der die Göttin Lilitu die Herrscherin der Unterwelt, die Göttin des Todes, aber auch die Hüterin der Frauen, die Göttin der Geburt und der Sexualität verkörperte. Diese Göttin war vor allem die Göttin der Frauen, die von ihnen auf vielfältige Weise verehrt wurde.

Interessant ist auch die Lesart der modernen jüdisch-feministischen Theologie, die in Lilith die selbstständige, emanzipierte Frau sieht, die im Gegensatz zu der angepassten und Adam untergeordneten Eva resistent gegen die Versuchungen des Teufels sei. Sie symbolisiert die positive, gelehrte und starke Frau.

GLOSSAR

DUNKELSTERN

Die DUNKELSTERN ist ein Piratenschiff des Riffs. Es steht unter dem Kommando des gefürchteten Kapitäns Fyntross. Der Raumkreuzer vom Typ »Riffpatrouille« hat eine Länge von 489 Metern, eine Breite von 120 Metern über alles und eine Höhe von rund 60 Metern über alles.

Im Vergleich zu terranischen Schiffen ist die DUNKELSTERN recht primitiv. Sie fliegt einfache Lichtgeschwindigkeit als maximale Geschwindigkeit. Die Bewaffnung besteht zumeist aus normalen Thermogeschützen und Impulsstrahlern. Die DUNKELSTERN verfügt über einen kleinen Schutzschirm, vergleichbar mit der -Technologie. Besondere technische Apparaturen, wie z. B. Halbraumspürer, hat die DUNKELSTERN nicht.

Kapitän Fyntross

Als ein Wesen vom Volk der Battunus, einer Fischfledermausgattung, ist Fyntross amphibisch und kann sowohl auf Land als auch im Wasser leben. Er hat zwei Stielaugen auf dem braunen Kopf, welcher deckelförmig gewachsen ist. Das Auffälligste an ihm ist der volle, rote Mund. Er erinnert an einen Ogcocephalus Parvus, eine Seefledermaus. Der übrige Körper ist humanoid.

Fyntross ist Pirat und Kapitän des Raumschiffes DUNKELSTERN. Er gehört zu den gefürchtetsten Freibeutern des Riffs und macht die Gegenden um die Thol-Monde unsicher.

Thol-Monde

Insgesamt gibt es 8000 solcher Monde. Jeder hat einen Durchmesser von exakt 500 Kilometern.

Ihre Bevölkerung wird im Allgemeinen als Riesen von Thol bezeichnet. Sie sind zumeist zwischen 2,50 und 2,90 Meter groß, kräftig gewachsen und stark behaart. Ihr Körperbau ist humanoid. Sie selbst bezeichnen sich als Tholaner und leben in kleinen Gemeinden. Die Riesen von Thol sind trotz ihres erschreckenden Äußeren sehr sensibel, insbesondere im Umgang mit der Natur.

Thol7612: Dieser Riff-Satellit wird zur Beobachtung der Randbezirke von Siom Som eingesetzt. Dabei werden die Entropen und die Besatzung der FLASH OF GLORY im Mai 1307 NGZ auf ihn aufmerksam. Thol7612 besitzt eine sehr üppige Vegetation, viele Wälder, Flüsse und Berge. Er ist spärlich besiedelt.

Thol2777: Auf diesem Mond blüht der Schwarzmarkt, der Drogen- und Alkoholhandel sowie die Prostitution. Thol2777 ist der Anlaufpunkt für die sogenannten Arawakpiraten und andere Gesetzlose.

Manjor

Die Manjor sind wolfsähnliche Wesen. Sie werden zwischen 1,70 und 2,10 Meter groß, besitzen sechs Arme und zwei Beine und sind am ganzen Körper behaart. Manjor gehören zur Führungsriege des Riffs. Sie gelten als gute Kämpfer und sind hochintelligent. Viele Manjor, wie der Hohepriester Zigaldor, sind in der Hohepriesterschaft des Nistant.

Cul’Arc

Cul’Arc ist ein uraltes Wesen unbekannter Herkunft. Er ist ein körperlicher wie auch seelischer Bestandteil von Nistant, dem Erbauer des Riffs. Das Alter von Cul’Arc muss in die Millionen Jahre gehen.

Seine Erscheinung erinnert am ehesten an eine humanoide Fledermaus von rund zwei Metern Größe. Trotz des fürchterlichen Aussehens ist Cul’Arc hoch intelligent und zeigt sich zumeist freundlich und gewandt.

Er wird im Dezember 1306 NGZ von vier Ganneln und dem Riffprofessor Wackls aus dem sogenannten ewigen Gefängnis befreit. Dort ist er vor Äonen von Lilith inhaftiert worden. Lilith hat Sicherheitsschaltungen vorgenommen, damit kein Wesen, welches Nistant oder finsteren Mächte dient, jemals dem Gefängnis zu nahe kommt. Doch da die vier jungen Gannel reinen Herzens sind, können sie Cul’Arc befreien.

Nach seiner Rückkehr zum Riff im Dezember 1306 NGZ erforscht er die Galaxis Siom Som und schickt Späher aus, um nach seinem Bruder zu suchen. Sie werden in M 87 fündig, wo sich der Gigant Brok’Ton auch in einem ewigen Gefängnis befindet.

Cul’Arc befreit Brok’Ton und beide wählen den Freitod, um in einer geheimnisvollen und schwer nachvollziehbaren Zeremonie Nistant wiederzuerwecken. Cul’Arc geht voll und ganz in Nistant auf.

Brok’Ton

Brok’Ton stammt aus dem Riff. Seine Erscheinung ist gigantisch: Er ist ein acht Meter großes Wesen mit vier Armen, aber nur zwei Augen. Dabei erinnert er an einen Ur-Haluter, und tatsächlich haben die Konstrukteure des Zentrums vor mehr als 70.000 Jahren DNS-Proben von ihm genommen, um sie mit der DNA der Skoars zu vermischen.

Brok’Ton ist von minderer Intelligenz und ruht seit Äonen in dem ewigen Gefängnis auf Ednil. Vermutlich hat Lilith ihn dorthin gebracht. Ein verliebtes Paar Einheimischer befreite Brok’Ton vor mehr als einhunderttausend Jahren aus dem Gefängnis.

Seitdem lebt das Wesen trotzdem als Gefangener in dem Tal, der verborgenen Unterwelt von Ednil. Die primitiven Eingeborenen huldigen Brok’Ton als Gott und opfern ihm Frauen, damit er besänftigt ist und »etwas zum Spielen« hat.

So wird auch Anya Guuze im August 1307 NGZ dem Riesen geopfert. Doch der Gigant verliebt sich in die Blondine. Als er von Cul’Arc befreit wird, geht Brok’Ton zusammen mit ihm in einen Sumpf, aus dem er wiedergeboren wird. Brok’Ton wird ein fester Bestandteil von Nistant.

Zigaldor

Zigaldor ist der Hohepriester der Priesterschaft von Nistant, in der Stellung vergleichbar mit einem Kardinal. Es gibt insgesamt vier Hohepriester und einen Gottessohn. Der Gottessohn ist das kirchliche Oberhaupt des Riffs und besitzt viel politischen Einfluss.

Zigaldor ist sehr mächtig, dabei tief religiös und handelt aus tiefster Überzeugung im Sinne des Nistanttums. Er sieht sich als Bewahrer der Vergangenheit und Wegbereiter der Zukunft.

Zigaldor entstammt dem Volk der Manjor, das sind Wolfswesen. Er hat braungraues Fell, sechs Arme und ist knapp zwei Meter groß.

Der Hohepriester gewinnt an Bedeutung, als sich Cul’Arc seiner annimmt und ihn während seiner Rückkehr zum Riff zum Vertrauten macht. Zigaldor nimmt auch an der Zeremonie zur Wiedererweckung von Nistant teil.

Virginia Mattaponi

Die Frau mit dem niedlichen Gesicht und den langen, braunen Haaren wurde am 23. April 1280 NGZ in Terrania City auf Terra geboren. Sie ist 1,64 Meter groß und 58 Kilogramm schwer.

Sie verehrt den Silbernen Ritter Cauthon Despair abgöttisch und würde alles tun, um ihren Held zu treffen.

Virginia Mattaponi ist auf Terra aufgewachsen. Ihre Eltern haben sich nicht sehr um sie gekümmert. Als Mitarbeiter der Kosmischen Hanse haben sie wenig Zeit für Virginia, die viel bei ihrer Tante Helga und ihrem Onkel Herbert Meierlein lebt. Virginia will einmal eine ganz Große werden. Es ist ihr Traum, im Rampenlicht zu stehen und von allen vergöttert zu werden – insbesondere, da sie in der Schulzeit wenig Aufmerksamkeit erhält. In den Teenagerjahren durchlebt sie die üblichen Phasen eines jungen Mädchens, erste sexuelle Erfahrungen – sowohl mit dem anderen als auch mit dem eigenen Geschlecht.

Ihre Eltern gehören zu den Pionieren von Cartwheel und nehmen die 16-jährige Virginia mit, die es schwer hat, sich an die neue Heimat zu gewöhnen.

Wichtig für Virginia ist die Tatsache, dass ihr Onkel und ihre Tante ebenfalls in Cartwheel sind. Beide arbeiten in der Administration des Terra-Blocks.

Sie beginnt, sich sehr für Cauthon Despair zu interessieren. Dabei wird sie stark von Onkel Herbert beeinflusst, der ein riesiger Fan des Silbernen Ritters und der festen Meinung ist, dass der Marquês und Despair das Gespann der Zukunft für die Menschheit seien.

Dass ihr auch ihr Onkel eine große Karriere wünscht, inspiriert Virginia, die immer mehr Cauthon als Idol sieht und eine fanatische, obsessive Liebe zu ihrem Helden entwickelt. Nach dem Tod ihres Onkels bricht für die ohnehin labile und innerlich zerrissene Virginia eine Welt zusammen und sie ist nun besessen von dem Wunsch, für ihren Onkel Despair kennenzulernen.

Als Helga Meierlein bei der CIP anfängt, wird Virginia hellhörig. Nach einigen Jahren gelingt es Tante Helga, Virginia einen Ausbildungsplatz in dieser Organisation zu verschaffen und sie Werner Niesewitz vorzustellen. Dieser erkennt Virginias glühenden Fanatismus, der aus der Verehrung für Despair erwächst, und beschließt, Virginia in der Nähe von Despair als eine Art Ordonnanz einzusetzen. Was Virginia natürlich sehr gefällt, während Niesewitz den Plan verfolgt, durch sie Despair auszuspionieren.

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