Band 43

Cartwheel-Zyklus

 

Die Siniestros

Familienzuwachs für den Marquês

 

Jens Hirseland & Tobias Schäfer

 

Was bisher geschah

Wir schreiben Januar des Jahres 1298 NGZ. Die Insel Cartwheel ist seit dem März 1295 NGZ besiedelt und steuert auf ihr dreijähriges Jubiläum zu.

Seit den Ereignissen auf dem Planeten Xamour ist fast ein Jahr vergangen.

Der Verlust des Saggittonen Aurec hat tiefe Spuren bei den Saggittonen aber auch bei allen Carthweelern hinterlassen. Aurecs langjähriger Freund Serakan ist neuer Kanzler Saggittors.

Auch des Verschwinden des Ritters der Tiefe Gal’Arn und der TERSAL hinterließ Trauernde zurück. Jonathan Andrews ist in ein emotionales Loch gefallen, aus der er sich nun wieder herausholen will.

Im Geheimen operieren die Söhne des Chaos weiter in Cartwheel. Der Silberne Ritter Cauthon Despair kehrte zurück und der reiche Unternehmer Michael Shorne hat ein spezielles Geschenk für den Marquês: Es sind DIE SINIERSTROS …

Hauptpersonen

Jonathan Andrews – Der ehemalige Ritterschüler sucht eine neue Aufgabe.

Remus Scorbit – Der Terraner will eine Militärlaufbahn einschlagen.

Alcanar Benington – Ein rücksichtsloser Ausbilder.

Marquês von Siniestro – Der Administrator des Terrablocks bekommt unerwarteten »Nachwuchs«.

Stephanie de la Siniestro – Des Marquês bezaubernde und intelligente Tochter.

Peter III. de la Siniestro – Der extravagante Sohn des Marquês.

Orlando »Orly« de la Siniestro – Der Sohn, den sich der Marquês immer gewünscht hat.

Brettany de la Siniestro – Die liebreizende Terranerin verkörpert das Gegenteil ihrer Schwester.

Michael Shorne – Der Milliardär macht dem Marquês ein Geschenk.

Neve Prometh und Marvyn Mykke – Zwei junge Terraner, die sich näher kommen.

Dorys, Ian und Charly Gheddy – Verwandte von Ottilie Braunhauer.

Glaus Siebenpack, Krizan Bulrich, Roppert Nakkhole und Arny Pomme – Kadetten wie Andrews und Scorbit.

 

 

 

1. Ankunft

Mankind, Januar 1298 NGZ

Der mittelgroße Mann mit den braunen Haaren schien sehr beeindruckt, als er durch die Tür der kleinen Halle trat, die den ebenso kleinen Empfangstransmitters beherbergte. Seine prüfenden Blicke wanderten durch den kleinen, gepflegten Park zur jenseitigen Grenze mit ihrem großen, schweren Schwingtor, das wie ein Relikt aus fernster Vergangenheit wirkte. Hochsicherheitswände aus Formenergie, undurchsichtig und dabei eine schöne Landschaft vorspiegelnd, umspannten ein weiträumiges Gelände, das von einer Seite gar nicht mehr zu überblicken war. Durch das Gitter des Tores konnte der Mann verschiedene Bauwerke erkennen, eines davon imponierend groß, es ragte weit in den Himmel hinauf. Weiter auf der rechten Seite lagen kleine, flache Häuser, und im Hintergrund konnte er verschiedene Geländetypen unterscheiden, allesamt dazu angelegt, Leute wie ihn durch den Dreck kriechen zu lassen.

Ein sarkastisches Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Die blauen Augen, zuvor forschend und interessiert, blickten plötzlich hart und unbeugsam drein.

»Nana, wer wird denn da gleich so verkrampfen?«

Er fuhr herum und starrte sein Gegenüber an, dessen Züge sich spöttisch verzogen.

»Mach endlich deinen Mund zu, du guckst ja wie eine ungemolkene Kuh!«

Hart stieß der Braunhaarige die Luft aus.

»Remus, sei still! Oder soll ich dir die Leviten lesen?«

Es war Remus Scorbit, der jetzt anfing zu lachen. Sie sahen einander recht ähnlich, nur war Remus ein Stück größer und dabei schlanker. Und aus seinen braunen Augen blitzte der Schalk.

»Jonathan, alter Junge, du hättest dich sehen sollen! Standst da wie der Okrill vorm Berge und hast die Augen gar nicht mehr weggekriegt!« Remus lachte wieder. »Hm, aber ich muss zugeben, die Aussicht hier ist phänomenal!«

Schließlich hatte Jonathan sich wieder gefangen.

»Los, lass uns endlich rein gehen! Ich glaube, wir sind sowieso die letzten.«

»Dann macht es doch auch keinen Unterschied mehr«, versuchte Remus den anderen zu beruhigen. Aber dann folgte er ihm doch.

Jonathan Andrews und Remus Scorbit schritten gemeinsam auf das große Tor zu. Sie hatten im letzten Jahr gemeinsam ihr Studium absolviert, hatten gemeinsam gelernt und waren zu noch besseren Freunden geworden. Remus' Initiative hatte Jonathan mitgerissen, als er ziel- und planlos in der Welt stand, nachdem Gal'Arn in den atomaren Gewalten umgekommen war.

Nun standen sie hier, vor dem Tor zur besten Militärakademie auf Mankind, wie Joak Cascal ihnen versichert und sie ihnen empfohlen hatte.

Redhorse Point war ihr Name; geführt wurde sie von Cascals Attaché, Henry Portland, welcher der Onkel von Remus war. Flak Portland hatte seinen Neffen ermuntert, das Studium und die Grundausbildung in der Freyt-Kasernenschule zu machen.

»Der gute alte Onkel Flak!« Remus wurde nachdenklich. Bis vor wenigen Monaten hatte er noch mit seinem Onkel mehr oder weniger eng zusammen gearbeitet, jetzt schickte er sich an, einer seiner niedrigsten Untergebenen zu werden, um später als Offizier vielleicht wieder mit ihm zusammenzutreffen. Es war seiner wie auch Andrews Wunsch, an dieser Akademie die Offizierslaufbahn zu beginnen.

*

Das Tor schwang auf und die beiden Terraner betraten mit humorvoll geschwungenen Lippen den Innenhof der Kaserne. Dann blieben sie wie angewurzelt stehen. Vor ihnen lag eine mehrere Quadratkilometer messende Ebene, umgeben von einer hohen Umzäunung. Aber das war nicht der Grund für ihr Stocken.

»Remus, siehst du auch, was ich sehe?«

»Das ist ja Wahnsinn!«, stöhnte der Angesprochene.

»Kannst du mir sagen, wie wir hier die richtige Einheit finden sollen?«, fragte Andrews verzweifelt.

Sie stiefelten los. Mit unsicheren Blicken versuchten sie die Menschenmassen zu durchdringen, die den gesamten Platz ausfüllten. Von überall schallten gebrüllte Kommandos herüber, verschiedene Gruppen stürmten im Laufschritt vorbei, den heiseren Ausbilder zur Seite. Marschmusik ertönte im passenden Rhythmus zu den marschierenden Soldaten. Remus Scorbit erkannte zwei Märsche; es waren »British Grenadiers« und »Scotland The Brave«, zwei uralte terranische Märsche, die noch aus Zeiten vor Perry Rhodan stammten.

Andrews sah einen der Uniformierten mit einem Gummiknüppel einen anderen antreiben, der anscheinend einen Straflauf zu absolvieren hatte. Weiter entfernt schleppte eine Truppe riesige Gepäckstücke vorüber, und auf der anderen Seite...

»Eh, verpisst euch von meiner Straße!«

Erschrocken sprangen die beiden zurück, als eine Kolonne tarnfarbiger Ungetüme über den Platz fegte. Die Shifts der Flotte hatten inzwischen bedrohliche Ausmaße angenommen. Andrews sah gerade noch, wie der erzürnte Pilot des ersten Panzers den hochroten Kopf wieder durch die Luke zog, dann waren sie auch schon vorbei.

»Das war knapp, Jungs!«, sagte eine tiefe, volltönende Stimme hinter ihnen. Sie wandten sich um und sahen ein Muskelpaket von einem Mann vor sich, der jetzt auch noch dröhnend lachte. »Wenn ihr länger hier bleiben wollt, müsst ihr euch daran gewöhnen. Hier wird die Priorität der Einheiten nach ihrer Größe bemessen. Wir armen Menschen müssen als schwächste und kleinste Einheit aufpassen, wo wir hinlaufen!«

Andrews besah sich den Mann genauer. Er war 1,60 Meter groß, genauso breit und hatte Hände wie Schaufeln. Grüne Augen blitzten schalkhaft durch die Lider, die sich in vielen Lachfältchen zusammenzogen. An der Brust baumelte ein Mikrogravitator, der den Fremden einem künstlichen Schwerefeld aussetzte und ihm so die heimatliche Schwerkraft von 2,1 Gravo vermittelte. Dunkelrotes Haar umrahmte das grinsende Gesicht, das von keinem einzigen Barthaar geziert wurde.

»Wie ist dein Name, Kollege?« Andrews fühlte sich durch die Art des sympathischen Epsalers ermutigt.

»Pomme, mein Junge, Arny Pomme.«

Andrews grinste. »Arny, ja? Ich werde dich T2 nennen, mit deiner Erlaubnis!«

Der breite Mann lachte wieder schallend. »Und wie sind eure erlauchten Namen?«

»Mein Freund Remus Scorbit und meine Wenigkeit, Jonathan Andrews.« Er deutete eine Verbeugung an, während Remus grinsend salutierte.

»Danke. Darf ich erfahren, was euch hierher treibt?«

Andrews erklärte Pomme ihre Ziele. Sie erfuhren, dass der junge Epsaler aus dem gleichen Grund hier war.

»Hm, ihr kommt ja recht spät. Die erste Begrüßung hat schon stattgefunden. Kommodore Portland übergab uns unserem Ausbilder Oberleutnant Alcanar Benington, heute Nachmittag soll dieser seine erste Ansprache halten.« Pomme verzog das Gesicht. »Der Oberleutnant erscheint mir ein wenig verkrampft, aber das werdet ihr sicherlich selbst noch erfahren.«

Andrews warf Scorbit einen bezeichnenden Blick zu.

»Ach ja, zufälliger Weise werden wir uns auch unsere Stube teilen«, verkündete der Epsaler. »Mit euch sind wir sechs Offiziersanwärter in dem Raum.«

»Das kann ja heiter werden«, seufzte Andrews, klopfte dem neuen Freund auf die Schulter und folgte ihm mit Scorbit in die Kaserne.

Zusammen mit Scorbit und Andrews waren es zweihundertfünfzig junge Terraner und Kolonisten, die sich in Redhorse Point eingefunden hatten, um die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Sie waren alle voller Erwartung, freuten sich auf den neuen Lebensabschnitt. Schwatzend und lachend, neue Bekanntschaften schließend, standen sie locker in einem Pulk beisammen, als sich die Tür öffnete und ein streng blickender Offizier mit zwei rangniederen Offizieren den Saal betrat.

Im Zuge der Gründung des Terrablocks hatte Joak Cascal die aufkommenden Tendenzen der letzten Jahre genutzt, um ganz offiziell Dienstgrade wieder einzuführen. Als Absolventen des Studiums und der Grundausbildung waren Andrews und Scorbit automatisch im Rang des Gefreiten. Als Offiziersanwärter waren sie nun Kadetten.

Der Oberleutnant war 44 Jahre alt. Seine grauen, kalt blickenden Augen schweiften forschend und gefühllos über die lachende Menge. Braunes Haar bedeckte seinen Kopf, das junge und gut gebräunte Gesicht verzog sich in mürrischen, strengen Falten. Seine Begleiter waren unscheinbare Gestalten, die stets im Hintergrund blieben – solange Oberleutnant Benington anwesend war.

Alcanar Benington war als Sohn armer Bauern auf der Welt Tarate aufgewachsen. Er hatte sich in seinem Leben stets hocharbeiten müssen. Ihm war nichts geschenkt worden. In der LFT hatte der im Jahre 1254 geborene Mensch militärisch nur bedingt Fuß fassen können. Als Farmer einer entlegenen Kolonialwelt war er 1279 NGZ erst nach Terra gezogen und hatte sich auf der Militärakademie eingeschrieben. Dort war er trotz guter theoretischer Leistungen in der Praxis aufgrund diverser Verfehlungen, vor allem aufgrund seines Temperaments, nie zum Offiziersanwärter zugelassen worden. Als Sergeant hatte Benington während der Tolkanderkrise gekämpft. Benington war dann auf eigenem Wunsch aus dem LFT-Dienst ausgeschieden, da er sich nicht mit der Daschmagan und Rhodan-Regierung hatte identifizieren können. So hatte Benington einige Jahre für eine Sicherheitsfirma gearbeitet, eher er dem Ruf DORGON gefolgt war.

Er nutzte die neue Chance 1295 NGZ und gehörte zu den ersten Kadetten der Akademie Redhorse Point. Benington zeigte sich diszipliniert und war 1296 zum Fähnrich und 1297 NGZ zum Leutnant befördert worden. Anfang dieses Jahres war die nächste Beförderung zum Oberleutnant fällig gewesen.

Seit dieser Zeit fungierte er als einer der Chefausbilder von Redhorse Point.

Das konnten die zweihundertfünfzig neuen Kadetten jedoch nicht ahnen, als Benington, der eine rotweiße Uniform mit hohen schwarzen Reiterstiefeln trug, die Halle betrat.

Benington verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sah sich das Getümmel einige Minuten von der Tür aus an. Dann schritt er langsam in die Halle. Er legte ein süffisantes Grinsen auf die Lippen.

Die Kadetten benötigten einen Augenblick zu lange, um ihn zu bemerken. Gerade als sich die ersten Reihen formierten und die jungen Männer und Frauen die Gespräche einstellten, gab der Oberleutnant seinen Adjutanten eine auffordernden Wink.

Der Mann mit den Symbolen eines Fähnrichs stieß einen gellenden Pfiff aus, der die Leute zusammen schrecken ließ, der andere, ein Leutnant, erhob seine Stimme.

»Stillgestanden!«, brüllte er. »Stellt euch in fünfundzwanzig Reihen auf, aber zackig!« Dabei wedelte er bezeichnend mit einem Schlagstock.

Zufrieden hoben sich die Mundwinkel des Oberleutnants, als er die erschrockenen Gesichter der Leute sah. In wenigen Augenblicken waren die 25 Reihen gebildet, je zehn Kadetten bildeten eine Reihe. Stramm standen sie da und starrten nach vorne.

»Es wurde mir übertragen, Sie zu empfangen.«

Beningtons unangenehme Stimme klang leise und beherrscht. Der Oberleutnant brauchte nicht zu brüllen, denn wer seine Worte nicht verstand, würde es später bereuen. Er sprach weiter, während die beiden Adjutanten die Reihen inspizierten. Man hörte hin und wieder den dumpfen Laut des Schlagstockes, wenn er auf den ausgestreckten Bauch oder die Beine eines Kadetten traf, der seine Haltung noch nicht optimiert hatte. Dann folgte zumeist ein stoßartiger Atemzug des Betroffenen, der den Schmerz zu unterdrücken suchte. »Sie befinden sich in der Eliteakademie Redhorse Point. Hier werden die Besten ausgebildet. Ich bin nicht überzeugt, dass Sie sich dazu zählen dürfen. Sie sehen verweichlicht aus. Weich und verwöhnt. Ich bin durchaus in der Lage, aus Ihnen richtige Soldaten und harte Offiziere zu machen. Aber vergessen Sie eines niemals: Während der Ausbildung nehme ich keine Rücksicht auf Nieten und Sturköpfe! Wem die Schulung zu hart ist, kann jeder Zeit gehen! Niemand hindert Sie daran, durch das Tor zu marschieren und Redhorse Point den Rücken zu kehren! Niemand, außer vielleicht Ihr Stolz – wenn Sie so etwas besitzen. Denn wer hier abbricht, ist ein Versager! Haben Sie das verstanden, Sirs?«

Die letzten zwei Sätze hatte er mit erhobener Stimme gesprochen. Als nun die Kadetten stumm nickten, reagierte er unerwartet.

»Ob Sie das verstanden haben, will ich wissen, Sirs!«, brüllte er mit zornesrotem Gesicht.

»Ja, Sir!«, riefen die jungen Leute im Chor.

»Lauter, ich kann nichts hören!«

»Ja, Sir!!«

»Und merkten Sie sich eins: Wenn Sie mit einem Vorgesetzten reden, beginnt und endet Ihr Satz mit einem SIR, verstanden?«

»Sir, ja, Sir!«, brüllten sie eingeschüchtert.

Benington stolzierte durch die Reihen. Er stoppte bei Krizan »The Bush« Bulrich.

»Wie ist Ihr Name?«

»Krizan Bulrich!«

»Sir, Krizan Bulrich, Sir, will ich hören!«, brüllte Benington.

Bulrich zuckte zusammen und schrie: »Sir, Krizan Bulrich, Sir, Euer Gottheit!«

Benington gefiel dieser Ausspruch nicht sonderlich. Er forderte Bulrich auf, einen Schritt vorzutreten.

»Kadett Bulrich, ist es richtig, dass Sie Ihre Ausbildung als Bürokommunikant mit ausreichend bestanden haben, wie auch Ihren Schulabschluss?«, fragte der Oberst stichelnd.

»Ja, Sir!«

»Wenn Sie so offensichtlich eine geistige Niete sind, warum besuchen Sie dann Redhorse Point?«, wollte Benington wissen.

»Weil ich der Beste bin!«

»Sie haben das Sir vergessen!«, brüllte Benington. »Sie sind der Beste der Schlechtesten. Sie sind der König der Narren. Zurück ins Glied!«

Dann wandte er sich Roppert Nakkhole zu.

»Name?«

»Sir, Offiziersanwärter Roppert Nakkhole, Sir!«

»Falsch, Nakkhole! Sie sind ein Nichts! Sie sind nur Dreck! Solange Sie die Grundausbildung nicht bestanden haben, Sie sind das unterste Gewürm in der Militärakademie. Vergessen Sie das nie, Sir!«

Nakkhole fing beinahe an zu weinen. Er verlor sichtlich die Fassung. Benington genoss diesen Moment. Er lockte einen Kadetten nach dem anderen aus der Reserve. Nun war er bei Jonathan Andrews und Remus Scorbit angelangt.

»Und hier haben wir Jonathan Andrews, einem Helden...« Eine seltsame Betonung lag auf dem letzten Wort. »Sie sollten sich jedoch gewiss sein, dass hier kein Pseudoritter seinen Säbel schwingen wird, sondern ich derjenige bin, der Ihnen Ihre Anweisungen gibt, Mister Andrews!«

Andrews bebte innerlich vor Wut. Die Beleidigung an Gal'Arn hatte Andrews tief getroffen. Benington schien die Datenblätter zu den neuen Kadetten genauestens gelesen zu haben.

»Und Sie, Remus Scorbit. Frustriert es Sie nicht, dass Ihre Frau eine erfolgreiche Politikerin im Dienste des Terrablocks ist und ihr Onkel Kommodore, während Sie nur ein Nichts sind, Sir?«

Remus überlegte kurz, dann antwortete er mit einem Lächeln. »Sir, nein, Sir! Das frustriert mich überhaupt nicht. Mich würde es eher frustrieren, keine wundervolle Verwandtschaft zu haben, wie Sie, Sir!«

Andrews musste lachen.

Plötzlich zuckte Benington zusammen.

»Hey, Sie!«, schrie er Andrews an »Amüsiert Sie das Gespräch?«

Jonathan Andrews wölbte die Brust und brüllte: »Sir, nein, Sir!«

»Dann nehmen Sie das infantile Grinsen von Ihrer Dscherrovisage!«

»Sir, ich versuche es, Sir!«

Benington erstarrte. »Sie sind wohl besonders witzig, was? Sie sind wohl etwas Besseres als die anderen! Vortreten!«

Ein energischer Schritt brachte Andrews aus der ersten Reihe vor die Truppe. Er stand jetzt direkt vor dem Oberleutnant.

»Ich will Ihnen eines sagen, Mann!« Der Oberleutnant hauchte ihm grimmig ins Gesicht. »Wer sich hier aufspielt, erhält Strafaufgaben! Heute bin ich milde gestimmt, doch sollte sich noch einer daneben benehmen, wird er eintausend Liegestützen machen müssen! Haben Sie verstanden?«

»Sir, ja, Sir!«

Nun zeigte Benington wieder sein süffisantes Grinsen.

»Dann bewegen Sie Ihren Hämorriden zerfressenen Hintern zurück in die Reihe, Mister Andrews!«, brüllte er wieder.

Andrews verzog das Gesicht und gehorchte. Neben ihm flüsterte Scorbit leise: »Junge, da hast du dir was Schönes eingebrockt! Mit dem Alten ist nicht zu spaßen!«

Andrews schüttelte den Kopf und schwieg. Die sechsmonatige Grundausbildung würden sie überstehen, dann waren sie den Oberleutnant hoffentlich los.

*

»Bruder, leg dich nicht mit dem Oberleutnant an!« Herzhaft klopfte Arny »T2« Pomme dem Terraner auf den Rücken, dass dieser stöhnend zu Boden ging.

Sie waren für den Tag von Benington entlassen worden. Pomme hatte Scorbit und Andrews in die Stube geführt. Die drei Mitbewohner kamen auch gerade und begrüßten den Aufsässigen erstaunt. Dass dieser jetzt ihr Mitbewohner war, schien ihnen nichts auszumachen. Nur der etwas verweichlichte Glaus Siebenpack hielt Andrews an, den Oberleutnant nicht weiter zu reizen, damit sie alle nicht darunter leiden mussten. Andrews musterte den hageren Glaus. Sein dunkelblondes Haar hing wirr in die Stirn und verdeckte fast die braunen Augen, die unsicher in die Gegend starrten. Der ehemalige Orbiter Gal'Arns stellte fest, dass der Junge sich unwohl fühlte. Er passte nicht in diese Schule, und das schien er selbst am besten zu wissen. Warum war er aber hier?

Nicht jeder hatte das Studium in der Freyt-Kasernenschule absolviert. Einige waren direkt aus der freien Wirtschaft gekommen. Eine qualifizierte Ausbildung genügte dafür. Alle Kadetten würden ohnehin die Grundausbildung durchlaufen. Jene, die bereits die Jahresausbildung bei der Freyt-Kaserne genossen hatten, hatten lediglich einen Vorteil und mehr Erfahrung.

Remus und Jonathan hatten erstaunt die anderen Mitbewohner begrüßt. Sie kannten Krizan Bulrich und Roppert Nakkhole von dem erlebten Grauen auf der BAMBUS. Die beiden hatten sich nicht besonders hervorgetan, als es um den Kampf gegen die Entführer ging. Vielleicht war auch das ein Grund, warum sie die Militärakademie besuchten, nachdem Mathew Wallace sie während ihres Praktikums auf der IVANHOE so miserabel bewertet hatte.

 

2. Redhorse Point

Die heulende Sirene riss sie aus seligem Schlummer. Verwirrt starrten sie sich an. Keiner schien sich erinnern zu können, wo sie waren. Remus Scorbit war der erste, der die Orientierung wieder fand, als er der Zusammensetzung der Zimmergemeinschaft gewahr wurde.

Militärakademie!

Remus sprang aus dem spartanischen Feldbett, während sich die anderen noch stöhnend die Ohren zu hielten.

»Mach doch mal wer diesen Lärm aus!«, brüllte der Epsaler mit beträchtlicher Lautstärke.

Die anderen waren sofort hellwach. Selbst die Sirene erschien ihnen leiser als das Organ eines Umweltangepassten.

»Ey, Bush, wollen wir dem Kerl das Maul stopfen?«

Krizan »The Bush« Bulrich blickte seinen Kumpel Nakkhole entsetzt an. Er hatte zwar nichts gegen Rauferei. Aber nur wenn der Gegner schwächer war.

»Halts Maul!«, zischte er nur und verließ hinter Siebenpack und Andrews das Zimmer.

Der Epsaler wandte sich grinsend nach Nakkhole um und streckte seine gewaltigen Hände nach ihm aus. Mit überraschender Behändigkeit hüpfte Roppert um ihn herum und lief auf den Laufgang, den anderen hinterher Richtung Dusche. Schallend lachte Arny Pomme, schlug die Hände zusammen und trat ebenfalls hinaus.

»Komm, Remus, alter Junge! Wir wollen doch den Chef nicht verärgern, indem wir schon am ersten Tag zu spät antreten!«

Tatsächlich stand Oberleutnant Benington bereits im Speisesaal und überflog die Leute skeptisch und schlecht gelaunt mit zusammengekniffenen Augen, als sie fünf Minuten später dort ankamen.

»Alles herhören, meine Herren!«, brüllte er. »Ab jetzt gilt: Wer länger als drei Minuten zum Duschen braucht, bringt seine Kondition auf Vordermann! Das bedeutet: Laufen, und zwar zwei Kilometer mit Marschgepäck! Die Dauer des Frühstücks beträgt fünf Minuten! Ihr habt davon nur noch drei...«

Damit verließ er den Raum. An seiner Statt erschienen die beiden bekannten Adjutanten, Leutnant Helmat Radzek und Fähnrich Jeddar Lindenbaum. Sie stiefelten arrogant durch den Speisesaal und wachten mit Argusaugen über die Kadetten. Hin und wieder forderten sie jemanden zu strafferer Haltung oder schnellerem Verzehr auf, doch gab ihnen niemand einen Anlass zu gröberen Maßnahmen.

*

17. bis 21. Januar 1298 NGZ, Bericht Jonathan Andrews

Die Ausbildung hatte begonnen. Ich konnte mir nicht helfen, aber irgendwie hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Unter dem Kommando von Oberleutnant Benington herrschte ein Klima wie in einem alten Film. Es gab Befehlshaber und sture Befehlsempfänger. Ich dachte, diese Zeiten wären schon lange vorbei? Cascal war wahrscheinlich der einzige, der eine ähnliche Ausbildung genossen hatte, jedenfalls hatte ich mir so immer die Zeiten des Solaren Imperiums vorgestellt.

Nun, wer so viele lebensgefährliche Einsätze wie ich erfolgreich überlebt hatte, würde diese künstliche Tortur auch überstehen können. Ich machte mir nur Sorgen um Glaus Siebenpack. Der arme Junge wurde getriezt und brachte nicht die Kraft auf, sich zu verteidigen.

Remus und ich waren schon häufiger mit Benington oder einem seiner Laufburschen kollidiert. Meist endete das mit einer Sonderaufgabe zur Bestrafung. Aber als ich unseren sauberen Fähnrich Lindenbaum während einer Übung rein zufällig in ein Schlammloch schickte, verpasste mir Benington sofort Urlaubssperre. So kleine Neckereien wie Essensentzug will ich gar nicht mehr angeben, das war fast Standard.

Am 17. Januar hatten wir einen der schärfsten Märsche zu bewältigen, die ich je erlebt hatte. Der Tag fing ganz normal an, dann stand Radzek plötzlich in der Stube und schrie uns zusammen.

»Los, los! Das Marschgepäck wartet auf euch! In zwei Minuten steht ihr marschbereit in eurem Zug!«

Wir ließen alles stehen und liegen und stürmten los. Die Ausrüstungskammer lag eine halbe Minute bei Eiltempo entfernt. Dort brauchten wir eine Minute, um unsere Marschuniformen anzulegen und das Gepäck in Empfang zu nehmen, eine halbe Minute später standen wir am Kasernentor, bereit zum Aufbruch.

Ein Zug bestand aus fünfzehn Leuten, die im Kampfeinsatz aufeinander angewiesen waren, sowohl in waffentechnischer als auch in strategischer Hinsicht. So wurden zum Beispiel die größeren Geschütze und vor allem die Energiemagazine aufgeteilt und von verschiedenen Leuten getragen, die sich im Einsatz eine Stellung aufbauen konnten. Nur gemeinsam konnte das große Flakgeschütz aufgestellt werden.

Insgesamt hatte jeder mindestens zwei Drittel des eigenen Körpergewichts zusätzlich zu bewältigen, und bei diesen Märschen kamen noch einige Kilo hinzu.

Benington trat an uns heran. Er hatte wieder sein seltsames Grinsen aufgelegt. Er lachte uns voller Zynismus und Arroganz an. Dieses Lächeln begleitete den Oberleutnant ständig. Es ließ ihn uns noch viel unsympathischer erscheinen.

»Achtung! Wir werden uns nun in Bewegung setzen, und die ersten drei Kilometer werden laufend zurückgelegt! Die drei Züge bewegen sich in einem Abstand von fünfhundert Metern zueinander! Ich übernehme den ersten Zug, Radzek den letzten und Lindenbaum den mittleren. Wer schlapp macht, verliert einen Urlaubstag! Also los: Links... Links... Links...«

Ein kleiner Droide flog mit uns mit und spielte terranische Marschmusik von dem »Radetzkymarsch« bis zu »When Johnny comes Marching home«.

Die Luft war trocken und heiß. Ich ahnte, dass keiner von uns lange durchhalten würde. Die sengende Hitze brannte auf meinem Kopf, unter dem Helm staute sich verbrauchte Luft. Anfangs warf ich noch forschende Blicke zu meinen Kameraden. Auf ihren Gesichtern stand die gleiche Frage wie in meinem Hirn: Wozu gab es SERUNs? Die waren flugfähig, bei Bedarf liefen sie sogar für den Träger. Und dabei waren ihre Energieemissionen so gering, dass man sie in jeder denkbaren Situation benutzen konnte.

»Schikane!«, flüsterte Remus neben mir und ich musste ihm Recht geben. Einen anderen Grund gab es sicher nicht, für seine ausgefallenen Ideen der körperlichen Ertüchtigung.

»Links... Links... Links zwo drei vier...«

Radzeks Kommandos gingen fast in dem monoton knirschenden Trampeln der sechzehn Paar Füße unter. Der aufgewirbelte Staub verklebte meine Nase und hinterließ einen trockenen Film auf der Haut. Noch hielt ich aus, obwohl der Schweiß aus allen Poren schoss und in Bächen an meinem Körper hinabrann. Ich sah im Nacken meines Vordermannes die Flüssigkeit laufen und fühlte sie durch die Kragenöffnung eindringen. Der Rucksack förderte die Schweißannahme der Kleidung, so dass es bald kein trockenes Fleckchen mehr gab.

»Ihr seid lahmer als meine Oma!« brüllte der Leutnant wieder. »Los, schneller!«

Waren die drei Kilometer noch nicht um? Hinter mir erklang ein unterdrücktes Stöhnen. Ohne mich umzudrehen wusste ich wer das war. Es war bisher immer so gewesen: Der untrainierte, blasse Glaus war als erstes fertig. Noch schleppte er sich wahrscheinlich vorwärts, mit stierendem Blick und rotem Kopf.

Ich fühlte meine Kehle austrocknen, merkte, wie die Zunge am Gaumen klebte und ihr Volumen zunahm. Mittlerweile verdunstete der Schweiß schneller als er gebildet wurde. Die Klamotten trockneten, überall bildeten sich weiße Salzränder. Langsam begannen wir alle unter Wassermangel zu leiden. Die vollen Feldflaschen hingen unerreichbar auf dem Rücken, Radzek schien nicht daran zu denken, uns eine Pause zu gönnen.

Wie wir die Tortur schließlich überstanden hatten, kann ich nicht mehr sagen. Tatsache ist, dass wir alle einen Sonnenstich mitgenommen hatten und nicht wenige von uns die nächsten Tage die Stube hüten mussten. Benington verhängte mehrere Urlaubssperren und ließ auch sonst keine Gelegenheit ungenützt verstreichen, wenn er auf uns rumhacken konnte.

Radzek war der schwächliche Glaus irgendwie ein Dorn im Auge, auf jeden Fall quälte er ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Am schlimmsten war der Tag nach dem Marsch. Es war die Nacht vom 18. auf den 19. Januar. Siebenpack und ich schoben Nachtwache auf einem Außenposten. Die Nacht war unangenehm schwül, eine dicke Wolkendecke verhinderte den Abzug der Wärme in den Äther. Mücken malträtierten uns, in unregelmäßigen Abständen schlugen wir reflexartig nach ihnen.

»Hey, Johnny«, brummte der gemütliche Kamerad. »Es wird ein Gewitter geben, was?«

»Hm, ja, ich gäbe viel um eine angenehme Wetterkontrolle durch NATHAN«, erwiderte ich nostalgisch.

»Jaja, die gute alte Erde!«, schwärmte der junge Mann. »Leider hatte ich nie richtig Zeit, sie kennen zu lernen.«

»Wieso? Kommst du nicht von Terra?«

Ein verträumter Ausdruck erschien auf seinem weißen Gesicht. »Doch, du hast Recht. Bevor ich nach Mankind kam, lebte ich auf Terra. Aber erst seit zwei Jahren.«

Ich ließ ihm Zeit. Bisher hatte er noch kein Wort über seine Geschichte verloren, selbst als wir uns alle in einer gemütlichen Abendrunde vorgestellt hatten, war er schweigsam geblieben. Wieso er sich gerade mir öffnete, wusste ich nicht.

»Geboren wurde ich auf Nosmo, im August 1270.«

Erstaunt blickte ich auf. Nosmo? Hm, ja, es gab keine sichtbaren Unterschiede. Aber ich hatte wohl eher mit Olymp oder so gerechnet, aus welchem Grund auch immer.

Seine braunen Augen blickten in die Ferne. »Ich war nie besonders zielstrebig. In der Schule einer, der in der Masse untergegangen ist. Meine Kameraden hatten Spaß daran, mich zu ärgern. Es scheint mein Schicksal zu sein, denn überall treffe ich auf unangenehme Zeitgenossen.

Nun, ich war auf Nosmo glücklich. Mein Vater war bei der LFT in der Flotte, und dieser Job machte ihn stolz. Er hatte nicht viel, worauf er stolz sein konnte. Er kam auch nicht weit in der Hierarchie, aber was er nicht geschafft hatte, sollte ich schaffen.

Wir zogen also nach Terra. Ich musste Wehrdienst leisten und danach auf die Militärschule. Während dessen machte sich meine Familie daran, Ansehen zu erkämpfen und auf der gesellschaftlichen Leiter aufzusteigen. Wie und mit welchen Mitteln ist mir unbekannt.

Ich war also auf der Militärschule. Na ja, ehrlich gesagt, ich bin ja nicht unintelligent oder so...« Verlegen blickte Glaus in meine Richtung. »Und deshalb konnte ich die Schule mit allen nötigen Abschlüssen beenden. Ach ja, ich sollte nämlich eine Militärakademie besuchen. Mein Vater legte Wert auf eine Laufbahn als Offizier, also musste ich versuchen, Offizier zu werden.

Nach zwei harten Jahren, in denen ich jedoch auf der terranischen Akademie den Rang des Kadetten überstieg, hat uns schließlich die Kunde von DORGONs Projekt erreicht. Mein Vater war damals sehr interessiert in diesem Gebiet, denn Gerüchte darüber waren schon lange unterwegs. Abgesehen von der großartigen Aufgabe, die diesem Projekt zu Grunde liegt, versprach sich mein Vater wohl Ruhm und Ehre dadurch. Also meldete er seine Familie freiwillig.

Selbstverständlich musste ich weiterhin nach einer ehrenvollen Laufbahn als Offizier trachten. Die beste Möglichkeit in Cartwheel bot mir Redhorse Point, also bin ich hier.«

Ich betrachtete den jungen Mann prüfend, als er immer leiser wurde und schließlich verstummte. Er hatte offensichtlich in einer jener typischen Familien gelebt, die nach Außen seriös wirken wollten und sich deshalb krampfhaft um eine gute gesellschaftliche Stellung bemühten, nach Innen jedoch unter starken Spannungen litten. In seinem Fall musste der Vater eine wichtige Rolle gespielt haben.

Mittlerweile hatte es tatsächlich angefangen zu regnen. Wir durften unseren Posten trotzdem nicht verlassen, deshalb war die Ablenkung durch die Geschichte auch psychologisch wichtig gewesen. Wir gingen an einem Zaun auf und ab, setzten uns zeitweise unter einen Baum auf einen großen Findling und suchten ein wenig Schutz vor den Wassermassen. Donner rollten, Blitze zuckten über das Firmament, ein kräftiger Sturm zerrte an unseren Kleidern und Haaren. Siebenpacks halblanges dunkelblondes Haar hing wirr und durchnässt in seinem Gesicht, dass noch viel weißer aussah als gewöhnlich.

Wir wollten gerade wieder aufstehen, als eine einsame Gestalt um eine Hausecke bog und auf uns zusteuerte. Ein langer Mantel schützte sie vor dem Unwetter, außerdem trug sie einen Regenschirm, ein Gebilde aus Draht und Stoff, das den Regen vom Gesicht des Trägers schützte. Es stammte noch aus historischen Zeiten und wurde nur noch selten benutzt, da sich eigentlich fast jeder einen energetischen Schirm leisten konnte. Nur in gehobenen Gesellschaften wurde der Regenschirm, der auch als elegantes Stöckchen fungieren konnte, sehr häufig verwendet. Radzek hatte einen, und kam sich damit anscheinend so vor wie ein Offizier aus präkosmischen Zeiten.

Die Gestalt, ich nahm an das es Radzek war, hatte uns erreicht.

»Ah, unser Muttersöhnchen und der störrische Ritterschüler!«

Der triefende Sarkasmus in seiner Stimme wühlte mein Innerstes zutiefst auf. Der Kerl wusste, wo er mich treffen konnte. Mühsam beherrschte ich mich und richtete mich provozierend langsam auf, während Siebenpack bereits stramm im Regen stand und salutierte.

»Sir, keine besonderen Vorkommnisse bis jetzt, Sir!«, rief er vorschriftsmäßig, aber genauso unsinnig in den Regen.

Radzek schielte zu ihm hinüber und grinste. »Keine Vorkommnisse? Nichts los heute Nacht, was?«

»Sir, nein Sir!«

»Und, ist es langweilig hier? Bisher ist ja noch nie was passiert, nicht wahr? Kannst du dir was Besseres vorstellen als hier herumzustehen?«

Ich wurde sofort misstrauisch und wollte dem Kamerad ein Zeichen geben, doch der war so auf die militärischen Umgangsformen fixiert, dass er mich gar nicht mehr wahrnahm.

»Sir, es ist wahrlich kein Vergnügen bei diesem Wetter, Sir!«

»Kein Vergnügen?«

Ich stöhnte leise auf. Jetzt kam es.

»Meinst du, es ist ein Vergnügen, wenn die blutrünstigen Dscherrohorden oder die unbarmherzigen Pterus hier einfallen? Wir wissen, dass sie uns nicht wohlgesonnen sind! Also bleibt jeder Posten stehen, und das mit einem Höchstmaß an Aufmerksamkeit, klar?« »Sir, ja Sir!«, machte Siebenpack kleinlaut und schlotterte vor Kälte.

»Und du, Siebenpack«, setzte Radzek neu an. »Da du über Langeweile klagst, kannst du hier gleich mal 50 Liegestützen machen! Du Saftei bist sowieso noch nicht in Form!«

Sardonisch grinsend deutete er auf den schlammigen Boden.

Das konnte ich nicht mehr mit ansehen. Ich wusste, dass Radzek immer einen Grund finden würde um Siebenpack zu quälen, aber hier in diesem Schlamm?

»Entschuldigen Sie, Sir!«, sagte ich fest und lenkte seine Aufmerksamkeit auf mich.

»Halt dich da raus, Andrews!«, zischte er mir zu.

»Sir, ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es bereits ein Uhr achtzehn ist und das es unüblich ist, während der Nachtwache und bei strömendem Regen Liegestützen zu absolvieren, Sir!«

»Ich sagte, du sollst dich da raushalten!« Er drehte sich so abrupt um, dass mir einige Tropfen Wasser von seinem Schirm in die Augen spritzten. »Siebenpack, du hast es gehört! 50 Liegestützen! Auf geht's!«

Dem Jungen blieb nichts anderes übrig, als sich dem Befehl zu beugen. Er ließ sich auf den Boden nieder und begann. Mit lauter Stimme zählte er mit.

Radzek sah zu. Es schien ihm noch nicht genug zu sein, denn nach fünf Stützen sah ich entsetzt, dass er seinen schlammtriefenden Stiefel auf Siebenpacks Schulter stellte und den Schwierigkeitsgrad künstlich erhöhte. Siebenpack stöhnte und sank in den Dreck.

»Los, hoch, du Niete!«, schrie Radzek und trat dem Kadetten in die Seite.

Ächzend versuchte der sich aufzurichten. Ich sah Tränen in seinen Augen schimmern, als er sich halb auf den Ellbogen stützte und dem Druck der fremden Stiefel zu widerstehen suchte.

»Ich wusste es doch! Du armer Wurm bist nichts weiter als ein armseliges Stück Scheiße!«

Der Leutnant gab ihm noch einen Tritt und spuckte auf seinen Hinterkopf. Als er sich abwandte, war ich heran.

»Du widerwärtiges Ungeheuer!«, schrie ich unbeherrscht und packte ihn am Kragen. »Dir reicht es wohl nicht, durch unsinnige Befehle deine Macht zu spüren, du musst auch die Menschenrechte derart mir Füßen treten, wie ich es von einem Wesen, das sich Mensch nennt, noch nie gesehen habe!«

Ich schüttelte ihn und starrte in sein verzerrtes Gesicht, als er sich zu befreien versuchte. Ich war derart in Wut, dass mir alle Konsequenzen egal waren – die natürlich nicht auf sich warten ließen, nachdem ich den Mann zu Boden geworfen hatte. Er rappelte sich auf, raffte seine Uniform zurecht und stellte sich zornbebend vor mich hin. Erstaunlicher Weise beherrschte er sich und sprang mich nicht an, wie ich es erwartet hatte.

»Kadett Andrews, Sie begeben sich nach Ende Ihrer Schicht in Arrest und überdenken dort die nächsten drei Tage Ihr Handeln!«

Damit wandte er sich ab und stiefelte rasch davon, die Reste seines Schirms unter dem Arm.

*

»Kadett Andrews, ich lehne Ihren Widerspruch entschieden ab!« Oberleutnant Benington winkte energisch mit der Hand. Ich hatte ihm von dem Vorfall berichten wollen, doch er hörte mich gar nicht erst an. »Was vor Ihrem Angriff auf Radzek vorgefallen ist, geht mich nichts an. Es entschuldigt auf keinen Fall Ihr Verhalten, deshalb werden Sie die Strafe absitzen, klar? Leutnant Radzek hat sich Ihnen doch vorschriftsmäßig verständlich gemacht, richtig?«

Da ich das nicht abstreiten konnte, blieb mir keine Wahl. Auf dem Weg zur Zelle kam mir der Gedanke, dass Radzek alles nur inszeniert hatte, um mir eins auszuwischen. Wahrscheinlich saß er jetzt irgendwo und lachte höhnisch über mein Ungeschick.

 

3. Mit Schimpf und Schande

Es blieb den jungen Kadetten nicht verborgen, dass nicht selten berauschende Feste auf Redhorse Point gefeiert wurden. Nicht Benington war der Veranstalter. Er erschien nicht einmal auf einer Feier, sondern duldete sie nur stillschweigend. Es waren seine Kollegen, Adjutanten und Untergebenen, die sich häufig dem Alkoholgenuss hingaben.

Es war der 22. Januar, als Krizan Bulrich von einer Nachtwache kam. Am Mittag des angebrochenen Tages sollte Jonathan Andrews aus der Haft entlassen werden, so sagten die Gerüchte.

In Gedanken versunken schritt Bulrich den Flur entlang, auf dem Weg zu seinem Quartier, wo Roppert Nakkhole seiner harrte und zu einer Runde Poker einladen würde. Bisher hatten sie nur Remus Scorbit zu gelegentlichen Spielchen gewinnen können. Hoffentlich hatte er heute nichts dagegen.

Als ein lautes Poltern ertönte fuhr er herum. Im hinteren Teil des Flures ging das grelle Neonlicht an und wies einer schwankenden Gestalt den Weg, die sich in entgegengesetzter Richtung bewegte. Bulrich sah die WC-Tür ins Schloss fallen, durch die der Mann gekommen war. Dabei hatte er offensichtlich den Aschenbecher umgestoßen, der neben der Bank auf dem Flur stand.

Neugierig folgte Bulrich dem Mann, dessen Koordinationsprobleme eindeutig auf reichhaltigen Alkoholkonsum zurückzuführen waren. Leise seufzte »The Bush«. Wie lange hatte er keinen Tropfen Alkohol mehr gesehen? Es musste bereits eine Woche her sein, seit sie Redhorse Point betreten hatten!

Der Mann taumelte gegen die Wand und stützte sich ab. Dann begann er ein Lied zu trällern, das Bulrich nur zu gut aus eigenen Besäufnissen bekannt war. Bulrich näherte sich vorsichtig und versuchte, den Mann zu erkennen. Bevor dieser weitergehen konnte, wandte er kurz sein Gesicht und Krizan erkannte Sergeant Lindenbaum. Also war es tatsächlich wahr! Die Offiziere feierten, und nicht selten! Ihre Augen hatten so manchen Morgen eine eindeutige Sprache geredet.

Lindenbaum führte Bulrich ungewollt zum Aufenthaltsraum der Offiziere. Hier waren sie alle versammelt und sprachen in lustiger Runde dem terranischen Bier sowie echtem Vurguzz zu, wie Bulrich an der grünen Farbe erkannte.

Ausgelassen schunkelten Unteroffiziere und Offiziere herum und sangen alte Trink- und Soldatenlieder. Radzek amüsierte sich mit Leutnant Henner von Herkner, einem Ausbilder für die SHIFT-Flugpanzergleiter.

»Prost, Helmat, Prost!«, brüllte Henner und stieß seine Bierflasche mit einem lauten Klirren an die des Captains.

»Prost, Linde, Prost!«, rief von Herkner nun zu Lindenbaum und wiederholte die Prozedur. Dann nahmen sie einen kräftigen Schluck.

»Prost, Prost, Prost!«, schrie Henner erneut. »Auf Freikorps Tahera!«

Alle drei Offiziere setzten gleichzeitig an und leerten in großen Zügen das Bier. Lindenbaum musste als erster absetzen, da er nicht mehr konnte. Radzek und von Herkner leerten ihr Bier vollständig und rülpsten herzhaft.

»Ich brauche eine Frau. Die nehme ich durch. Zwei Stunden lang! Zwei Stunden lang! Bis sie schreit! Zwei Stunden lang!«

Radzek musste laut lachen. »Lass uns doch zu der Nutte im anderen Viertel gehen. Die hat einen Busen, da träumt der Obmann von.«

Henner von Herkner stand auf und hob seine gestreckte Hand zu einem Gruß. »Hondro und Dabrifa. Ich sag dir, Helmat, das waren noch Männer. Unter denen herrschte Zucht und Ordnung im terranischen Lande. Aber dieser Rhodan oder dieser Cascal. Nein, ich weiß nicht...«

»Egal«, sagte Radzek und öffnete zwei neue Bier. »Heute diskutieren wir nicht über Politik, sondern saufen nur. Prost!«

Bulrich beobachtete die ganze Feier. Seine Hände begannen zu zittern, das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Er musste sich abwenden und lehnte dann keuchend an der kalten Wand. Stöhnend presste er die Stirn gegen das kühle Material. In seine Augen trat ein verlangendes Funkeln, als er zurück schlich. Irgendwo würden sie schon Alkohol finden, dessen war er sich gewiss. Und wenn es nur in der Küche war, wo billiger Rotwein für bestimmte Speisen verwendet wurde.

Als er auf der Stube von seinem Plan berichtete, war erwartungsgemäß sein Kumpel Nakkhole sofort Feuer und Flamme. Remus wiegte nachdenklich den Kopf, konnte jedoch nicht leugnen, dass auch er Lust auf einen kleinen Schluck hatte. Siebenpack lag unruhig träumend in seinem Bett, aber Arny Pomme war noch wach.

»Was ist mit dir, Dicker?«, fragte Bulrich freundschaftlich. »Auch einen netten Tropfen?«

Pomme zögerte kurz, warf Scorbit einen zweifelnden Blick zu und stand schließlich auf. »Ich bin dabei. Aber ich warne euch! Wenn wir erwischt werden, gibt's Saures!«

Nakkhole lachte unsicher, als Bulrich dem Epsaler grinsend auf den Rücken schlug und zur Tür zog.

»Los, Jungs! Warten wir nicht länger!«

Die vier illustren Gesellen zogen vorsichtig die Gänge entlang, auf die Küche zu. Trotz allgemeiner Gegenwart von Robotern gab es hier Einrichtungen zur manuellen Nahrungszubereitung. Das Kochen gehörte immer noch zu den großen Hobbys der Menschen. Benington nutzte auch diese Gegebenheiten zu individueller Bestrafung. In den Schränken fand sich allerlei Gewürz und Soße, die nicht zu gebrauchen war.

Die Männer wollten schon aufgeben, als Bulrich schließlich den ersehnten Weinvorrat fand.

»Das würde ich nicht tun!«

Die Stimme kam von der offenen Tür. Gerade als Bulrich eine der Flaschen nehmen wollte, war Benington in ihrem Rahmen erschienen und blickte streng um sich. Erschrocken ließ Bulrich die Flasche fallen, Scorbit sprang geistesgegenwärtig zur Seite und wurde von dem spritzenden Wein nicht getroffen.

»Ah, wie ich sehe, haben Sie sich mit der Küche vertraut gemacht!« Beningtons Stimme klang spöttisch. »Nun, Sie alle können Ihre Kenntnisse gleich morgen beweisen, denn Sie werden für das Mittagessen der Kaserne sorgen!«

Sein Blick heftete sich an Bulrich.

»Kadett Bulrich, Sie haben drei Stunden Zeit, diesen Dreck zu entfernen – mit Ihrer Zahnbürste!« Unter den letzten gebrüllten Worten duckten sich die Ertappten schuldbewusst.

»Ihr anderen raus hier! In meiner Kaserne wird nicht getrunken!«

*

Es war gegen 12 Uhr Mittag des gleichen Tages, als Jonathan Andrews aus seiner Zelle entlassen wurde. Ein anderer Kadett tauchte auf und öffnete hektisch die Tür.

»Los, beeil dich!«, rief er nervös und wollte sich schnell davon machen.

Reaktionsschnell packte Andrews seinen Oberarm.

»Was ist denn los?«, fragte er verwundert.

Der andere blickte ihn verblüfft an, dann fiel ihm ein, dass Andrews die letzten Tage ja in der Zelle verbracht hatte. Hastig sprudelte er seine Erklärung hervor.

»Dein Stubengenosse Krizan Bulrich hat ein Gesuch um Abbruch der Ausbildung eingereicht!«

Er hielt die Frage für beantwortet, doch Andrews ließ ihn noch nicht los.

»Warte, das musst du mir genauer erklären«, verlangte er. »Erstens wüsste ich nicht, warum Krizan die Ausbildung beenden sollte, und zweitens was ist daran Besonderes?«

Entnervt schüttelte der andere den Kopf. »Junge, genaues weiß ich auch nicht. Man sagt, Bulrich habe keine Lust mehr, da es ihm verweigert wurde, als Gegensatz zu der harten Ausbildung kleine alkoholreiche Feiern zu veranstalten.« Er näherte sich Andrews Ohr und flüsterte: »Man sagt, die Offiziere hielten regelmäßige Gelage ab!«

Andrews nickte. Bulrich fühlte sich also benachteiligt, das konnte bei seinem Charakter durchaus ein Grund sein, zu verschwinden.

»Und warum hast du es jetzt so eilig?«

»Na ja, das Schauspiel will ich mir nicht entgehen lassen! Schließlich ist es das erste Mal, dass jemand die Ausbildung frühzeitig abbricht. Benington hat eine große Veranstaltung angekündigt!«

Andrews schwante Übles. Er ließ den Kadetten los und folgte ihm eilig auf den Zentralplatz, wo es von Soldaten nur so wimmelte.

Auf einem etwas erhöhten Platz stand Benington. Vor seinem Mund musste ein Feldmikrofon projiziert worden sein, denn seine Stimme war überall zu vernehmen.

»Kadetten!«, begann er mit pathetischem Gehabe und seinem üblichen abscheulichen Grinsen. »Heute ist ein besonderer Tag, denn heute tritt ein besonderes Ereignis ein. Einer von euch geht nach Hause, zu seiner Mutter.«

In der Menge wurde vereinzeltes Gelächter laut. Benington grinste.

»Seht dort hinüber, wo gerade die Tür aufgeht – was ist denn das für eine jämmerliche Gestalt?«

Überrascht erkannte Bulrich, dass die ehemaligen Kameraden mit den Offizieren lachten und ihm Schimpfnamen zu riefen. Er war in Zivil gekleidet: Ein enges Hemd betonte seine fast dürre Figur, weite Hosen schlackerten um die dünnen Beine und die Füße steckten in alten, ausgetretenen Turnschuhen. Sein stark gebräuntes Gesicht verlor sichtbar an Farbe, als er durch die grölende Masse ging und nervös in die belustigten Gesichter schielte.

»Schaut ihn euch genau an!«, rief Benington wieder. Er sprach die Kadetten absichtlich mit »euch« und »ihr« an, um weniger förmlich zu wirken. Deutlich schwang hämische Gehässigkeit in seiner Stimme mit. »Das Muttersöhnchen hat Heimweh! Ich hoffe nur, er fängt nicht gleich an zu weinen!«

Wieder johlte die Menge begeistert. Jonathan Andrews war entsetzt. Er begriff die Leute nicht. Hier wurde einer ihrer Kameraden verspottet, einzig und allein mit dem Ziel, ein Exempel zu statuieren. Es sollte bekannt werden, dass ein frühzeitiger Abbruch mit Schimpf und Schande geahndet wurde. Und Benington verstand es, die Gemüter aufzuheizen.

»Los, du Versager! Verschwinde aus unserem Kreis und verkriech dich im Arm deiner Mutter! Hier hast du nichts mehr verloren!«

*

»Meinst du nicht, dass du etwas zu weit gegangen bist?«

Die besorgte Stimme gehörte Radzek, der sich nach der Verabschiedung von Bulrich mit Benington und Lindenbaum in Beningtons Büro zurückgezogen hatte.

Benington war die Ruhe selbst. »Zu weit? Du hast Angst vor Portlands Rüge? Nun ja, selbst wenn er davon Wind bekäme, würde dir das sicherlich nicht das Genick brechen«, beruhigte er den anderen. »Aber er wird es nicht erfahren. Wir haben die Show mit einer Selbstverständlichkeit aufgezogen, als ob sie zum Protokoll gehöre. Die Kadetten werden gar nicht erst auf den Gedanken kommen, sich zu beschweren. Zumal sie sichtlich begeistert waren.«

Die drei Personen lachten befreit. Portland war zu beschäftigt. Er ließ ihnen mit der Ausbildung freie Hand, denn er musste sich zunehmend mit der Überwachung von Bau und Bemannung der Raumschiffe kümmern. Von dort drohte keine Gefahr.

 

4. Mit Auszeichnung

»Dieser Andrews geht mir von Tag zu Tag mehr auf die Nerven!«

Benington ging unruhig in seinem Büro herum. Die zwei anwesenden Adjutanten verhielten sich still. Benington war mal wieder bei schrecklicher Laune. Und sie konnten mit Andrews ebenso wenig anfangen.

»Mein lieber Radzek!«, begann er wieder. »Ich muss dich loben! Bisher ist es nur dir gelungen, den jungen Angeber aus der Reserve zu locken.«

Lindenbaum räusperte sich kurz. »Sir, auch wenn er uns mit seinem Verhalten gegen den Strich geht, müssen wir aufpassen! Immerhin...«

»Wem sagst du das?«, wütend schnaufte der Oberleutnant. »Er hat gute Beziehungen zur Regierung, zu Cascal und den anderen. Außerdem sind er und sein nicht minder berühmter Freund Scorbit die Besten unserer Kadetten.« Murmelnd setzte er seine Wanderung fort. »Warum mache ich mir eigentlich Gedanken? Der Mann ist doch ganz leicht auszuschalten... Radzek, Lindenbaum!« Er hielt vor den beiden an. »Achtet verschärft auf seine Leistungen und sein Verhalten! Jedes kleinste Vergehen wird geahndet! Ich will den Mann auf dem Boden kriechen sehen! Wegtreten!«

»Ja, Sir!«

Die beiden salutierten und verließen den Raum.

Sie kamen dem Befehl mit ungeheurer Sorgfalt nach. Eigentlich wichen sie kaum noch von Andrews Seite. Zumindest einer war immer in der Nähe und behielt ihn im Auge. Das blieb dem jungen Terraner natürlich nicht verborgen, doch er bemühte sich um Ausgeglichenheit. Die Weisungen seines alten Lehrers Gal'Arn fielen ihm ein. Ruhe bewahren in jeder Situation.

Das fiel ihm auf Dauer nicht leicht, denn zu jeder noch so unpassenden Gelegenheit wurde er zu Küchendienst oder Sonderwachen befohlen, die übermäßigen Liegestützen und Läufe zehrten an seiner Kondition. Andrews nahm alles hin, denn er sagte sich, dass er umso gestärkter aus dieser Ausbildung herausgehen würde.

Remus Scorbit musste sich unterdessen mit ähnlichen Problemen befassen. Durch sein freundschaftliches Verhältnis zu Andrews bekam er manche Schikane zu spüren. Offensichtlich wollten Radzek und Lindenbaum unter Oberbefehl von Benington alle Strukturen um Andrews zerstören, ihn isolieren und schließlich verabschieden.

Scorbit grinste verkrampft und konzentrierte sich wieder auf die Klimmzüge am Türrahmen, zu denen ihn Lindenbaum verdonnert hatte, weil er Andrews etwas Wasser gebracht hatte. Plötzlich erklang ein leises Lachen hinter ihm.

»Brechen Sie ab, Kadett!«, sagte eine bekannte Stimme im Befehlston.

Scorbit löste sich erstaunt vom Türrahmen und wandte sich um. Henner von Herkner stand dort. Die blauen Glubschaugen grinsten mit dem Gesicht unter hell blondem Haar. Ihre Freundschaft hatte gelitten, doch noch verband sie etwas.

Scorbit salutierte. »Sir Leutnant, danke, Sir!«

»Okay, lassen wir die Förmlichkeiten! Wie geht es dir? Musst ganz schön ackern, was?«

»Oh, wenn du wüsstest, wie das hier zugeht!«, seufzte Scorbit.

»Ich glaube, ich kann das nachvollziehen«, sagte von Herkner ironisch. »Komm, wir machen erst mal eine kleine Pause. In einer Stunde muss ich dich und Andrews unterrichten.«

Er ließ seine Worte so bedeutungslos klingen, dass Remus einen Moment benötigte, um den Sinn zu verstehen. Dann zeigte er sein Erstaunen.

Henner von Herkner war von Benington angefordert worden, um mit der Ausbildung einiger Kadetten im SHIFT zu beginnen. Er würde zwei Tage bleiben und sie die Grundlagen lehren, den Rest würden Übungsstunden und schnelle Hypnoschulungen besorgen.

Als die drei schließlich im Panzer saßen, erkundigte sich der Leutnant ausführlich nach den Umständen.

»Jonathan, steure einen beliebigen Punkt auf der anderen Seite Mankinds an!« befahl er. »Lassen Sie sich Zeit und üben Sie einfache Manöver, damit der Schein gewahrt bleibt. In der Zwischenzeit würde ich mich gern mit dir unterhalten, Remus. Euer Verhältnis zum Oberleutnant ist nicht gerade gut, oder?«

»Nun, der Mann kann es offensichtlich nicht vertragen, wenn es Menschen gibt, die nicht als sture Befehlsempfänger dienen wollen. Das wir zusätzlich und trotz seiner Maßnahmen die Besten des Kurses sind, ist ihm zuwider.«

»Hm, so ist nun einmal der Lauf der Dinge. Du musst den Leuten in den Hintern kriechen, dann läuft alles von alleine. Ich mache das auch nicht, aber mich mögen die hohen Offiziere trotzdem. Aber gegen Benington kann man wenig machen. Der genießt hohes Ansehen und so unsympathisch sind mir Benington, Radzek und Lindenbaum auch nicht. Die müsst ihr erst einmal besser kennen. Man kann mit denen gut trinken.«

»Genau«, bestätigte Scorbit. »Wo er nur kann, lässt er uns Sondereinsätze im Schlamm machen. Er und seine beiden Adjutanten schikanieren uns mit allen Mitteln.«

»Mehr als ans Saufen kann der Typ wohl auch nicht denken?« Zornig drehte sich Andrews im Pilotensitz um. »Sollen wir uns vielleicht mit Benington zu einem Bierchen treffen?«

»Ja, zum Beispiel. Alkohol ist ein Allheilmittel«, sagte von Herkner.

»Remus, Dein Freund hat eine seltsame Auffassung!« Wütend wandte Andrews sich ab und widmete sich wieder den Kontrollen.

»Johnny, ich bin hier schon etwas länger als ihr Grünschnäbel. Ich weiß, wo es lang geht. Saufen gehört nun einmal dazu. Und die Leute sind dann ganz nett. Steigert euch doch nicht so herein. Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps, sage ich immer.«

Scorbit ergriff rasch das Wort, ehe Jonathan sich noch zu einer unbedachten Äußerung hinreißen ließ.

»Gut, Henner«, sagte er beschwichtigend. »Ich bin natürlich auch enttäuscht, aber im Grunde ist diese Zeit auch bald vorbei. Wir werden es überleben, auch wenn wir noch so einige Schikanen werden ertragen müssen.«

Den Rest des Fluges wurde nur noch das Nötigste gesprochen und von Herkner beendete ihn so rasch wie möglich.

Am 4. Februar 1298 NGZ war es soweit. Die harten Wochen der Grundausbildung waren bewältigt, die Abschlussprüfungen sollten an diesem Tag stattfinden. Jonathan Andrews und Remus Scorbit hatten sich erfolgreich allen Angriffen der Ausbilder entzogen, die kleineren Schikanen mit Ruhe ertragen. Die vielen gefährlichen Einsätze, die sie schon vor der Ausbildung überstanden hatten, waren nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen, sondern hatten einige Erfahrungswerte ergeben, die ihnen gegen Benington helfen konnten.

Die Abschlussprüfungen bestanden aus einem Simultangefecht mit Paralysatorgewehren. Die 42 Gruppen, bestehend aus den jeweiligen Mitgliedern einer Stube, hatten die Aufgabe, in einem unübersichtlichen Gelände einen bestimmten Bunker zu erobern. Welche Gruppe als erstes Erfolg hatte, sollte einen Sender im Bunker betätigen, dessen Signal die Prüfung beendete. Selbstverständlich war jede Gruppe auf sich allein gestellt und hatte die anderen als Gegner einzustufen.

Vorausgegangene theoretische Prüfungen waren von fast allen Kadetten bestanden worden. Aus Scorbits Stube hatte nur Nakkhole Probleme mit ihnen, kam jedoch knapp durch. Pomme, Andrews und Scorbit teilten sich den ersten Platz mit hundertprozentiger Punktezahl.

Der Start des Simultangefechts war auf 13 Uhr festgelegt. Während Andrews und Scorbit eine angenehme Ruhe verbreiteten, zitterte Glaus Siebenpack vor Nervosität. Als Benington das Startzeichen gab, übernahmen Andrews und Scorbit die Führung über die kleine Gruppe. Die beiden hatten wohl bemerkt, dass der Oberst sie im unwegsamsten Gelände platziert hatte. Er ließ noch immer nicht locker und versuchte, sie zu zermürben.

Scorbit war umsichtig und geschickt genug, verschiedenen Gruppen aus dem Weg zu gehen. Wenn es sich jedoch nicht vermeiden ließ, verteilte er die Mitglieder der Gruppe nach überlegten Plänen. Vor allem er und Andrews kamen bei den Gefechten überragend zur Geltung, wenn sie sich wortlos verständigten und dem Gegner keine Chance ließen.

Auch Pomme war ihnen eine gute Hilfe, sein fehlendes Geschick machte er mit enormer Körperkraft wett. Zweimal kamen sie nur mit seiner Hilfe weiter. Es waren jedes Mal undurchdringliche Schlingpflanzen, die ihnen den Weg versperrten. Grinsend nahm dann der Epsaler die Lianen und riss sie in Fetzen.

Nakkhole benahm sich eher zurückhaltend. Er entwickelte nicht die richtige Eigeninitiative, um herausragend zu agieren.

Siebenpack schließlich wäre nicht weit gekommen, hätten Andrews und Scorbit ihn nicht ständig unterstützt. Unsicher schlich er hinter ihnen her und blickte angstvoll durch die Büsche, in der Erwartung eines tödlichen Gegners. Andrews hatte manchmal seine liebe Not, den verweichlichten Mann vor Treffern zu bewahren und gleichzeitig den eigenen Körper zu schützen. Wahrscheinlich wäre er durchgefallen, wenn er den Zielbunker nicht erreicht hätte. So musste er mit Scorbit, Andrews, Nakkhole und Pomme als erfolgreicher Sieger gelten, auch wenn er selbst eher hinderlich als hilfreich gewesen war.

Am Nachmittag fand die Bekanntgabe der Testergebnisse statt. Zähneknirschend musste Alcanar Benington vor der Versammlung, dabei waren auch Henry Portland und Joaquin Manuel Cascal als oberste Militärinstanzen der cartwheelschen Terrafraktion, bekannt geben, dass Kadett Jonathan Andrews und Kadett Remus Scorbit die Grundausbildung hervorragend bewältigt hatten und mit Auszeichnung als Beste aus ihr entlassen wurden. Das Erstaunen bei den Beiden war nicht gering, als sie die Verkündung vernahmen; sie glaubten jedoch den wahren Grund dieser Aussage in der Anwesenheit der beiden großen Persönlichkeiten zu sehen.

Cascal und Portland gratulierten den Veteranen der BAMBUS-Katastrophe herzlich zu ihrem Erfolg und wünschten ihnen alles Gute für den weiteren Weg.

Flak schüttelte mit einem stolzen Lächeln die Hand seines Neffen.

»Gut gemacht, Fähnrich Scorbit.«

 

5. Die Space-Copter

»Sie alle haben die Abschlussprüfungen bestanden.«

Der Kommodore stand in korrekter Haltung vor den ebenfalls steif dasitzenden Kadetten. Prüfend überflog er die Reihen mit seinen braunen Augen. Henry Portland, den seine Freunde auch »Flak« nannten, was auf seine besonderen Leistungen während der Rekrutenzeit zurückging, ging steif einige Schritte, ehe er sich mit einer exakten Kehrtwende wieder den Fähnrichen und Kadetten zuwandte.

»Von nun an wird die Ausbildung in Spezialgebieten fortgesetzt. Je nach Ihren Fähigkeiten und Vorlieben, die während der Grundausbildung geprägt und entwickelt wurden, haben wir die weitere Ausbildung geplant. Welcher Einheit Sie zugeteilt werden, können Sie noch heute Nachmittag über das Zentralterminal erfahren. Außerdem gibt es ein paar unter Ihnen, die ihren weiteren militärischen Werdegang beeinflussen können, da sie sich für mehrere Einsatzgebiete qualifiziert haben. Die Betreffenden wissen Bescheid. Bitte melden Sie sich nachher bei mir im Büro.

Meine Glückwünsche zu Ihrem Erfolg. Wegtreten!«

Andrews, Scorbit und Pomme sahen sich bedeutsam an. Alle drei hatten sie von Portland eine Einladung zu einem Gespräch erhalten. Dass auch Pomme mit von der Partie war, überraschte ein wenig. Wahrscheinlich hatte seine theoretische Leistung dazu geführt.

Sie wünschten Nakkhole und Siebenpack viel Glück und schlenderten gut gelaunt die Gänge entlang, bis sie Portlands Büro erreichten.

Das Zimmer war karg eingerichtet. Ein verschlossener Aktenschrank stand neben dem zweckmäßigen Schreibtisch, der von Unterlagen übersäht war und dabei noch einen aufgeräumten Eindruck machte. Zwei Stühle standen vor dem Schreibtisch, dahinter ein Formenergieprojektor. Portland saß in einem Formenergiefeld und war über eine Akte gebeugt, als sie eintraten. Dann blickte er auf und musterte die Eingetretenen.

»Nun, meine Herren«, setzte er an. »Ich möchte Ihnen noch einmal für Ihre außergewöhnlichen Leistungen gratulieren. Sie haben das Zeug, ganz oben auf der Rangliste zu erscheinen. Darf ich nun Ihre Entscheidung erfahren?«

Keiner der Männer hatte sich bisher gesetzt, und Portland dachte nicht daran, es Ihnen anzubieten. Einer hätte auf jeden Fall stehen müssen, also standen sie alle.

»Sir«, sagte Andrews erklärend. »Wir haben uns ausführlich über unsere Möglichkeiten informiert. Remus und ich haben entschieden, dass wir unsere gute Zusammenarbeit aufrechterhalten wollen. Wir werden unsere Ausbildung also zusammen fortsetzen.«

Der Kommodore musterte seinen Neffen Remus und nickte schweigend.

»Wir hörten von den neuen Einsatzgleitern, Onkel«, fuhr Scorbit fort. »Den Space-Coptern, Sir. Wir möchten dich bitten, uns für die Ausbildung an einem Copter einzuteilen!«

»Nun, lieber Fähnrich Scorbit. Sie sollten etwas an Ihrer Ausdrucksweise gegenüber einem Kommodore arbeiten«, murmelte Flak. Remus rollte die Augen und verstand.

»Sir, Onkel Kommodore Portland, wir ersuchen Sie, dass wir unsere Ausbildung bei den Space-Coptern fortsetzen dürfen.«

Wieder nickte Portland und machte sich einige Notizen. Dann wandte er sich Pomme zu.

»Und Sie?« fragte er gespannt.

»Sir, ich möchte zum Nachrichtendienst! Sie kennen meine Fähigkeiten.« Die dröhnende Stimme des Epsalgeborenen zitterte ein wenig vor Nervosität.

»Nachrichtendienst, soso«, brummte Portland. Er blickte Pomme prüfend an, dann nickte er bedächtig. »Gut.«

*

Torsten Krage war ein Durchschnittsterraner. Nichts Besonderes war an ihm zu erkennen. Er war ungefähr 35 Jahre alt, mittelgroß, hatte braunes Haar und ein nichts sagendes Gesicht. Und doch war etwas Ungewöhnliches an ihm. Scorbit konnte es nicht sofort deuten, bis er seine Hände genauer in Augenschein nahm. Krage hatte tatsächlich nur vier Finger an der linken Hand. Der Ringfinger fehlte. Krage verstand es jedoch ausgezeichnet, die restlichen vier Finger so zu bewegen, dass es auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. Scorbit hielt es für unhöflich, den Mann zu fragen, warum er sich nicht behandeln ließ. Vielleicht würde er einmal von sich aus darauf zu sprechen kommen.

Sie hatten Krage kennen gelernt, als sie ihr neues Ausbildungsobjekt begutachteten. Er hatte lässig die Beine aus dem Einstiegsschott hängen lassen und verkündet, dass er ihre Schulung übernehmen würde. Sie hatten sich vorgestellt und Krage hatte sofort mit der Einführung begonnen.

»Also los, Jungs«, hatte er formlos gesagt. »Fangen wir an. Der Space-Copter ist ein gepanzertes Fahrzeug, hauptsächlich für den schnellen planetarischen Aufklärungseinsatz. Er kann allerdings auch im interplanetarischen Raum eingesetzt werden, da er bis dicht unter die Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Durch seine starke Bewaffnung ist er auch in schweren Gefechten einsetzbar, beispielsweise als Jäger bei Systemschlachten. Wie ihr seht, ist er 20 Meter lang, 6 Meter breit und hoch. Er verfügt über eine vortreffliche Defensivbewaffnung, bestehend aus einer Schirmfeldstaffel, die von außen beginnend aus einem Prallschirm, Paratronschirm und zwei HÜ-Schirmen besteht.

Er erscheint etwas schwerfällig in seiner Form, was aber nur Laien über seine Leistungsfähigkeiten zu täuschen vermag. Die Pilotenkanzel liegt im Bug und beherbergt gleichzeitig den Sitz für den Ortung/Funk- und Waffenspezialisten. Im Notfall kann der Pilot das gesamte Equipment auf sein Hauptpult legen und alle Schaltungen selbst vornehmen. Die Recheneinheit ist ein Hybridrechner auf syntronisch-positronischer Basis. Im Normalfall wird die Hauptsteuerung von der Syntronik übernommen. Die Syntronik kann sowohl verbal als auch über ein Eingabegerät angesprochen werden.

Ein winziger Raum dient der Besatzung bei längeren Einsätzen als Quartier. Es beinhaltet nur ein Etagenbett und einen Spind, der normalerweise überflüssig ist. Enge Gänge auf zwei Etagen lassen die Wartung der Maschinen zu, einen eigenen Maschinenraum gibt es nicht. Jeder freie Platz ist mit Aggregaten gefüllt.

Von der Form her erinnert der Space-Copter tatsächlich ein wenig an einen historischen Helikopter. Eine annähernd runde Front läuft nach hinten in einer längliche Verjüngung aus, die Landestützen bestehen aus zwei Kufen, die gleichzeitig die Aufhängung für die positionsvariablen Kombikanonen darstellen, wahlweise auf Impuls-, Desintegrator-, Intervall- oder Narkosemodus einstellbar. Sie werden bei Bedarf ausgefahren und haben dann unterhalb der Kufen freies Schussfeld in alle Richtungen. Die Transformkanone leichten Kalibers kann bis zu 500 Megatonnen TNT abstrahlen. Sie wird aus dem obersten Segment der Hülle ausgefahren. Der Pilot muss mit der ganzen Maschine zielen, will er sie zum Einsatz bringen. Die einzige Rakete wird aus dem Leib des Copters abgeworfen, ehe sie ihr Triebwerk zündet, das auf chemischer Basis arbeitet. Ihr Sprengkopf ist austauschbar, was vor dem Einsatz geschehen sollte. Möglich sind Arkon-Bombe oder Fusionssprengkopf bis eine Gigatonne TNT.

Es gibt am verjüngenden Ende schmale, unscheinbare Ausleger, die im Atmosphärenflug als Stabilisatoren wirken. Das hinterste Ende verbirgt die Öffnung für den Impulsantrieb in Notfällen. Korrekturdüsen sind ebenfalls unter der Hülle verborgen. Nur die Projektoren des Gravojet sind im Normalfall auf der Oberfläche sichtbar. Der Copter kann damit maximal bis knapp an die Lichtgeschwindigkeit beschleunigen.

Die durchsichtige Front gewährt der Besatzung einen relativ großzügigen Ausblick, der im Einsatz durch verschiedene Hologramme vervollständigt oder ersetzt werden kann.

Die Medokabine birgt alle Instrumente und Medikamente die für eine Notbehandlung nötig sind. Jahrtausende trauriger Erfahrung haben die terranischen Konstrukteure zu dieser Ausstattung getrieben.«

Ungefähr zehn Minuten standen die beiden Neulinge schweigend da und verarbeiteten das Gehörte. Krage wartete geduldig. Es waren zu viele Daten gewesen, um sie einfach so aufzunehmen. Sie würden das noch lernen.

»Was ist mit der Energieversorgung?«, wollte Andrews schließlich noch wissen.

Krage nickte verblüfft. Darüber hatte er tatsächlich noch nichts gesagt.

»Hey, Andrews! Du hast eine bemerkenswerte Auffassungsgabe. Wenn ich mich recht entsinne, sollst du Pilot werden? Da bin ich beruhigt. Also, die Energieversorgung basiert auf zwei einfachen NUGAS-Schwarzschildreaktoren. Man hat bei dieser Konstruktion aus Platzgründen und der Funktionalität auf die üblichen Zapfanlagen verzichtet. Ein im Einsatz befindlicher Space-Copter hat sowieso niemals die Zeit, seine Hypertropspeicher zu füllen. Die Reaktoren sind vollständig ausreichend.«

Weder Andrews noch Scorbit hatten weitere Fragen. Auf Krages Aufforderung schwangen sie sich durch den Eingang und suchten die »Zentrale« auf – jene enge Kanzel, von der alle Geräte gesteuert wurden. Ihr Ausbilder fand gerade noch in einer Ecke Platz.

Erwartungsvoll blickten sich die Beiden nach Krage um.

Der nickte. »Dann wollen wir mal, Jungs. Ihr könnt beide mit Syntronsteuerung umgehen, wie mir versichert wurde. Das ist sowieso ein langweiliger Part der ganzen Sache. Lassen wir ihn also weg.«

Andrews grinste.

»Oh, tut mir leid, Leute«, ironisch verzog sich Krages Gesicht. »Ich hatte ganz vergessen, dass ihr euch erst einer theoretischen Schulung unterziehen müsst. Vorschrift!«

Andrews lachte und schaltete die Energiezufuhr ein.

»Gut, Junge. Aber wir machen heute nur einen kleinen Ausflug.« Der Ausbilder hob dozierend den Finger. »Auch wenn ich euch vertraue, möchte ich die Vorschriften nicht ganz außer Acht lassen. Ihr werdet euch noch heute einer Hypnoschulung unterziehen! Und jetzt los!«

»Ja, Sir!«

»Andrews, mit dem Feld dort leitest du den Start ein. Ich möchte, dass wir uns den Planeten mal von oben ansehen! Kurs auf Sicht und Geschwindigkeit regelst du mit diesem Stick und dem Sensorregler daneben. Lass dir Zeit, ich möchte keine Verwicklungen!«

Andrews hatte sich bereits eingehend mit der Steuerung auseinandergesetzt. Er fuhr mit dem Zeigefinger über das Sensorfeld, die Rechte umfasste den Steuerstab. Ein leises Summen ertönte, als der Antigravgenerator mit Strom versorgt wurde. Übergangslos befand sich die Maschine in der Luft und brauste auf den Strahlen des Gravojet dem Horizont entgegen. Wie spielerisch betätigte Andrews die Steuerung. Er war begeistert.

»Mensch, Remus! Sieh dir nur die Beschleunigung an!«, jubelte er. »Das Ding reagiert verzögerungsfrei auf jeden meiner Handgriffe!«

Remus nickte beifällig. Er hatte im Moment wenig zu tun.

»Scorbit, willst du nicht deine Instrumente testen?« Krage hatte mit Begeisterung gesehen, wie rasch seine Schüler begriffen. »Du kannst perfekte Holos erzeugen und mit ihnen navigieren – aber bitte lass heute noch die Waffen in Ruhe!«

Scorbit betätigte einige Schaltungen und überprüfte in dem neu aufgebauten Hologramm den Kurs des Copters.

»Johnny, um drei Grad weiter nördlich! Wir fliegen sonst in das Transfergebiet eines Raumhafens.«

Andrews zögerte kurz. Es lag ein Ausdruck des Verlangens in seinen Augen, doch er beherrschte sich und folgte den Weisungen des Freundes. Schließlich hatte Kruge für heute um störungsfreien Ablauf gebeten.

 

6. Der diabolische Oberleutnant

Oberleutnant Alcanar Benington war gereizt. Er hatte zwei großmäulige Kadetten züchtigen wollen, die ihm gegen den Strich gingen. Zerknirscht musste er auch noch zugeben, dass sie außerordentliche Talente waren. Und sie hatten ihn drei Wochen lang hingehalten, waren seinen Anschlägen ausgewichen, hatten sich nicht angreifen lassen. Nun waren sie weg, aus seinem Befehlsbereich entkommen. Zu den Space-Copters waren sie gegangen! Andrews war natürlich Pilot geworden. Bei seinem Temperament gar keine Frage. Und der überlegtere Scorbit ließ sich zum Co-Piloten ausbilden. Andrews und Scorbit sollten das beste Team sein, wie man so hörte. Die waren wohl immer die Besten!

Benington brauchte einen Ausgleich. Die aufgestaute Wut musste einen Ausweg finden. Und plötzlich hatte er den rettenden Einfall. Da war ja noch dieser fette unfähige Kadett Siebenpack, den die beiden Störenfriede mit Vorliebe beschützt hatten. Wenn er ihn als Ausweichobjekt nahm, konnte er gleichzeitig die Wut auf Andrews und Scorbit loswerden.

Mit sadistischem Grinsen ordnete Benington Extraübungen an, die genau auf Siebenpacks Unfähigkeit ausgerichtet waren. Dann verließ er sein Büro und machte sich auf den Weg. Er wollte die Wirkung seiner Befehle vor Ort erleben.

Glaus Siebenpack blieb weiterhin mit Roppert Nakkhole zusammen. Jetzt kamen noch vier weitere, ihnen noch fremde Kadetten zu ihnen auf die Stube. Siebenpack fühlte sich unwohl. Er war zur Infanterie versetzt worden, und dort wurde die Weiterbildung wieder von Benington, Radzek und Lindenbaum geführt. Zu seinem Leidwesen hatte er seinen Schutz verloren! Andrews und Scorbit hatten ihn immer vor allem Übel zu schützen versucht, sie waren wie richtige Freunde gewesen.

Auf Nakkhole konnte er sich wahrscheinlich nicht verlassen. Er war ein Mitläufer und hatte keinen eigenen Willen.

Als Beningtons Befehl zu Extraübungen kam, ahnte Siebenpack das Ungemach. Schwer schritt er hinter den anderen her, die sich schnellstens auf den Übungsplatz begaben. Dort stand Benington, das Gesicht zu einer grinsenden Fratze verzogen.

»Kadetten, diese Übungen zielen darauf ab, das Gewürm unter euch ausfindig zu machen! Los, ich erwarte, dass ihr die Strecke in Bestzeit überwindet! Jeder ist auf sich selbst gestellt, keiner hilft einem anderen!«

Siebenpack lief hinter Nakkhole los. Erst ging es unter flach über den Boden gespannten Schockenergiesträngen lang. Siebenpack erhielt mehrmals einen heftigen Schlag, da er mit seinem doch recht umfangreichen Körper Schwierigkeiten hatte. Die Schlammlöcher mit den folgenden steilen Wänden bewältigte er mehr kriechend als laufend und blieb einige Male erschöpft liegen. Dann kam regelmäßig Leutnant Radzek vorbei und gab ihm einen auffordernden Hieb mit dem Kolben seines Kombigewehrs zwischen die Schulterblätter.

Sein Ende kam an zwei Gerüsten, zwischen denen sich Seile spannten. Unter den Seilen war wieder ein Schlammloch, und genau dahinein fiel Siebenpack, als er sich an den Seilen hinüberziehen wollte.

»Aufstehen, Sie Jammerlappen. Stehen Sie auf, Sir. Na los!«, brüllte ihm Benington ins Ohr.

Mühsam richtete er sich auf. Die Umgebung verschwamm vor seinen Augen.

»Und von vorne, Sir! Los, Kadett Siebenpack, los! Wollen Sie als Nulpe dastehen?«

Siebenpacks Beine gaben nach. Noch einmal würde er die Tortur nicht überstehen. Da ließ er doch lieber seinen Urlaub fahren – er hatte sowieso keine andere Möglichkeit.

»So, wenn Sie das nicht anspornt«, setzte Benington höhnisch nach, »dann vielleicht eine andere Sache. Die Jungs da hinten warten auf Sie. Wenn Sie sie nicht erreichen, müssen sie zurückkommen und Sie holen.«

Siebenpack wollte die anderen nicht mit hinein ziehen, doch er konnte einfach nicht mehr. Er schaffte es gerade bis zum Anfang des übernetzten Feldes, da brach er endgültig zusammen. Benington legte sein feistes Siegergrinsen auf.

»Kadetten, ich muss Sie leider zurückschicken. Einer Ihrer Kameraden braucht eure Hilfe. Also das Ganze rückwärts!«

An diesem Abend saß der junge Mann von Nosmo allein an einem Tisch. Abfällige Blicke seiner Kameraden streiften ihn nur. Das Essen schmeckte ihm nicht besonders.

Die Nacht wurde schrecklich. Unter Führung eines der neuen Kadetten hatten ihn die Zimmergenossen überfallen und an ein Bett gebunden. Nakkhole half nicht mit, tat aber auch nichts dagegen.

Ein Handtuch erstickte seine Schreie. Niemand tat ihm wirklich weh, doch das brauchten sie auch gar nicht. Sie arretierten seinen Kopf und machten ein winziges Loch in die Wasserleitung genau über ihm. In Abständen von drei Sekunden fielen die Tropfen, genau zwischen seine Augen.

*

Remus Scorbit schlenderte über das Kasernengelände. Er hatte Durst, wollte im Waschhaus etwas Trinken. Außerdem musste er sich erleichtern. Außer ihm war anscheinend noch jemand anwesend, denn das Fenster strahlte die Helligkeit einer im Innern aktivierten Leuchtröhre aus. Scorbit schritt auf die Tür zu. Da erreichte ihn ein gequältes Stöhnen, das von einer energischen Stimme gefolgt wurde. Scorbit rannte los.

Der Druck zwischen den Augen wurde immer schlimmer. Siebenpack zerrte an den Fesseln, verrenkte sich in seinem Bestreben, den Kopf zu bewegen. Die Augen traten ihm aus den Höhlen, blutunterlaufen starrten sie in die Dunkelheit. Er konnte es nicht mehr aushalten, war nahe am Rande des Wahnsinns, als ihn eine gnädige Ohnmacht ereilte.

Ein nasser Schlag in sein Gesicht brachte ihn wieder zur Besinnung. Mit einem Aufschrei fuhr er hoch und wollte ausweichen, doch er stieß mit dem Rücken gegen eine kalte Wand.

Vor ihm stand Oberst Benington, der ihm einen nassen Lappen ins Gesicht geschlagen hatte.

»Was ist nur los mit Ihnen?« erkundigte sich Benington höhnisch. »Möchten Sie Ihre Ruhe haben, Mr. Siebenpack?«

Siebenpack brachte nur ein gequältes Röcheln heraus.

Scorbit kam gerade recht, um mit anzusehen, wie Benington seinem alten Stubenkameraden Glaus Siebenpack einen dreckigen Lappen ins Gesicht schlug. Siebenpack wich aus und tastete mit einer Hand die Wand ab. Er fand einen metallenen Haken und stöhnte auf.

»Geben Sie mir eine Minute, dann sind Sie mich los.«

Benington keuchte erstaunt auf. »Kadett Siebenpack, Sie sollen sich nicht gleich umbringen! Ich habe noch viel mit Ihnen vor!«

Siebenpack hörte ihn nicht. Er kniete sich vor den Haken und führte langsam die beabsichtigte Bewegung aus. Scorbit sah, dass er sich selbst den Kopf an diesem Haken zertrümmern wollte.

Mit einem lauten Schrei stürmte er in den Waschraum und riss Siebenpack von der Wand. Beide landeten auf dem Boden, und Siebenpacks gequollene Augen verdrehten sich.

Scorbit klatschte ihm vorsichtig ins Gesicht. »Hey, alter Junge, komm zu dir! Hörst du, dein Freund Remus ist wieder da!«

Ein verklärtes Grinsen war die einzige Antwort von dieser Seite. Hinter seinem Rücken jedoch lachte jemand sardonisch.

»Da haben wir ja ein lustiges Zusammentreffen! Der Heroe Scorbit rettet den hilflosen Siebenpack!«

Beningtons Gesicht verzog sich zu einer entsetzten Grimasse, als er die harten Fäuste seines ehemaligen Kadetten spürte. Geräuschlos drang Scorbit auf ihn ein und versetzte ihm Schlag auf Schlag. Bald platzte Beningtons Lippe auf, die Augen hatten schon bedenkliche Verfärbungen angenommen. Der Oberleutnant taumelte auf den Eingang zu, in dem jetzt Radzek und Lindenbaum erschienen.

»Der Kerl hat den Oberleutnant und Kadett Siebenpack angegriffen!«

Starke Hände lösten Scorbit von seinem Gegner. Langsam wurde ihm die Sache klar.

 

7. Die Rückkehr

»So sieht man sich also wieder!«

Scorbit blickte auf. Ein zerschlagenes Gesicht starrte ihn verzerrt an. Das konnte doch nicht wahr sein!

Benington hatte seine Adjutanten benutzt, ihm alles in die Schuhe zu schieben. Man hatte ihn aus dem Space-Copter-Team geworfen und in die Infanterie gesteckt.

Vergeblich hatte Remus auf Gerechtigkeit durch seinen Onkel gehofft. Doch dieser hatte ihm zwar geglaubt, war jedoch über die Undiszipliniertheit seines Neffen derart erbost, dass er Remus eine Lektion hatte erteilen wollen. Jedoch nicht ohne Hintergedanken. Portland war über das Handeln des Oberleutnant Benington keineswegs erfreut, doch es mangelte noch an Beweisen. Doch der alte Haudegen wollte, dass sein Neffe sich mit Hirn und nicht mit Fäusten gegen Benington durchsetzte.

Im Moment war Remus diesem Oberleutnant jedoch ausgeliefert.

Benington hatte wieder Macht über ihn!

»Ab morgen wird es hart für Sie, das verspreche ich, Sir!«, zischte der Oberleutnant in sein Ohr.

Für heute war alles erledigt, Scorbit konnte schlafen gehen. Auf der Stube, die er nur mit Siebenpack und Nakkhole teilte, ging er stracks zu seinem Spind.

»Ich hau ab! Ich weiß gar nicht mehr, warum ich das überhaupt mache. Ich hab doch eine Frau, die auf mich wartet! Uthe, ich komme!«

Siebenpack richtete sich von seiner Pritsche auf. Scorbit war dabei, seine Klamotten in eine kleine Tasche zu stopfen.

»Hey, Kamerad.« Leise sprach Siebenpack den neuen Freund an. »Ich haue ab. Für mich hat das Ganze keinen Sinn mehr. Ich verschwinde und beende irgendwo in Ruhe mein Leben. Hey, warum willst du weg? Du hast gekämpft, du hast noch Freunde hier, die auf dich zählen. Bleib, kümmere dich darum, dass Benington vernichtet wird!«

Scorbit blieb.

Einige Tage später suchte ihn ein Major namens Bernd Goss auf. Der Major zeigte sich verständnisvoll. Er hatte bisher keinen Kontakt mit den Kadetten gehabt, doch Portland hatte ihn auf den Fall zwischen Remus, Benington und Siebenpack aufmerksam gemacht. Er war Kommandant des Schulungsschiffes LU-TANG, das später mit den zweihundertfünfzig Kadetten Außeneinsätze fliegen sollte.

Er suchte neue Leute für den Stabsbereich, und da Remus bei den Space-Copters entfernt wurde, sah er seine Chance gekommen und lud den Kadetten ein. Damit entfernte sich Scorbit wieder aus dem unmittelbaren Bereich des gefährlichen Oberst und seiner Adjutanten.

Remus vermutete, dass Goss auf Anweisung von Onkel Flak handelt. Offenbar glaubte Portland, Remus hätte seine Lektion gelernt.

Scorbit kam gerade im Büro des Majors an, als sich der Kommunikator meldete.

»Goss?«

»...«

»Ja, Sir. Der ist hier.«

»...«

»Einen Moment bitte, ich verbinde.«

Goss übertrug das Gespräch auf Scorbits Tischterminal. Ein bekanntes Gesicht erschien.

»Onkel Flak?«, rief er erstaunt aus.

Tatsächlich war auf der Übertragungsfläche das markante Abbild des Kommodore zu sehen.

Portland räusperte sich. Remus ermahnte sich selbst und nahm Haltung an.

»Kommodore Portland, Sir. Ich stehe zu Ihren Diensten.«

Das sonst oftmals so hart wirkende Gesicht Portlands zeigte ein mildes Lächeln.

»Remus, lassen wir diese Formalitäten! Ich komme gerade von einer Verhandlung, die dich interessieren wird.«

Ernst blickte er Scorbit in die Augen.

»Andrews?«

»Genau. Aber nicht, wie Sie jetzt vielleicht befürchten. Vor zwei Tagen rief mich Jonathan Andrews an und untermauerte deine Aussagen gegenüber Benington. Er konnte Siebenpack überzeugen, auszusagen. Wir haben eine Untersuchung eingeleitet.«

Portland machte eine Pause, in der beide ihren Gedanken nachhingen.

»Doch Benington und Leutnant Radzek haben sich herausgewunden. Wir konnten ihnen nur die Aufsichtspflichtverletzung vorwerfen. Fähnrich Lindenbaum übernahm die Verantwortung.«

»Aber das ist doch nicht wahr!« Aufgebracht sprang Scorbit auf. »Bedeutet das, dass Benington straffrei ausgegangen ist?«

Benington wurde degradiert und ist nun nur noch Captain. Leutnant Radzek kam mit einer Abmahnung davon. Sie werden von nun an stark überwacht, damit solche Dinge zukünftig schneller ans Tageslicht kommen.«

Enttäuscht schüttelte Scorbit den Kopf.

»Und was ist mit Lindenbaum?«

»Richtig. Fähnrich Lindenbaum gestand seine Taten und wurde aus der Armee entlassen. Er befindet sich vorübergehend in sicherem Gewahrsam.«

»Danke Onkel.«

»Noch etwas, mein Junge. Ich denke, du hast deine Lektion gelernt, nicht zu vorschnell mit den Fäusten in der Armee zu agieren. Melde dich wieder bei der Space-Copter Einheit.«

*

Jonathan Andrews öffnete erleichtert die Tür, als Remus Scorbit mit seinem Gepäck davor stand.

»Endlich! Ich hab mich schon gefragt, wann sie dich herbringen!«

»Ich freue mich, wieder da zu sein. Und das dort drüben...«, Scorbit deutete auf den Space-Copter. »...wird ab jetzt wieder mein Arbeitsplatz und der Platz unseres Teams sein!«

»Du hast gehört, was sie mit Benington gemacht haben?«

»Hab ich.« Unzufrieden schüttelte Scorbit den Kopf. »Wieso kommen die nach diesen Ereignissen so einfach davon?«

»Ich weiß nicht. Das liegt wohl an unserem Rechtssystem. Man muss des Verbrechers Schuld beweisen, nicht der Verbrecher seine Unschuld. Aber ich kann dir nicht sagen, welches die bessere Lösung ist.«

Sorgenvoll blickte Scorbit über den Platz, hinüber zur Infanteriekaserne. Sie gingen den Gang entlang und gelangten zu ihren Räumlichkeiten. Da stand Benington vor ihnen. Er warf die Tür zu und blickte sie grimmig an.

»So, ihr habt es also geschafft und meinen guten Ruf angekratzt. Alle Achtung. Doch das werdet ihr bereuen. Glaubt mir das! Auch wenn ihr nicht mehr in meinen Zuständigkeitsbereich fallt, so werde ich euch nicht vergessen. Und vergesst Alcanar Benington besser auch nicht!«

Dann lief der Captain aus dem Zimmer.

»Der ist komplett irre«, kommentierte Andrews den Auftritt Beningtons.

»Wir müssen uns in Acht nehmen«, vermutete Remus. »Der Kerl scheint sich mit dem Schicksal abgefunden zu haben. Aber ich wette, dass er bereits an neuen Racheplänen sitzt!«

Andrews nickte zustimmend und schlug dem Freund auf die Schulter. Sie drehten der Vergangenheit den Rücken zu und gingen ins Haus.

 

8. Familienzuwachs

Anfang März 1298 NGZ

Zufrieden mit sich selbst blickte der Marquês von Siniestro aus dem Fenster seines Amtssitzes im Zentrum von Mankind.

Er hatte Unglaubliches erreicht. Kein Mensch, abgesehen von den berühmten Zellaktivatorträgern, konnte Vergleichbares vorweisen. Und doch war der alte Spanier nicht vollkommen glücklich. Er hatte keine Familie, mit der er Freud und Leid teilen konnte. Niemanden, dem er all das, was er aufgebaut hatte, hinterlassen konnte.

Don Philippe machte sich keine Illusionen. Er war alt und hässlich. Keine Frau würde sich freiwillig mit ihm einlassen, es sei denn, sie war hinter seinem Vermögen und seiner Macht her. Doch solch einer Frau würde er niemals trauen können.

Der Marquês seufzte. Zu seiner Zeit war alles einfacher gewesen. Junge Frauen waren glücklich gewesen, wenn sie ältere Männer mit Vermögen und Titel ehelichen konnten. Meist waren sie allerdings auch nicht gefragt worden, sondern von den Familien aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen verheiratet worden.

Doch die Zeiten hatten sich, zum Leidwesen des Adligen, sehr geändert. Sämtliche Annäherungsversuche bei jungen Damen, die er gemacht hatte, waren höflich aber bestimmt abgelehnt worden. Man sah in ihm mehr den gütigen Großvater. Der Marquês verstand die Welt nicht mehr. Diese jungen Schnepfen ahnten ja nicht, was ihnen an ihm entging. Die trüben Gedanken des Spaniers wurden durch einen Interkomanruf unterbrochen.

»Michael Shorne wünscht Sie zu sprechen, Marquês«, wurde ihm gemeldet.

»Stellen Sie in mein Büro durch«, ordnete Don Philippe an.

Er setzte sich in seinen großen, schwarzen Drehsessel – der Marquês bevorzugte altmodische Sitzgelegenheiten anstelle von Formenergiesesseln – und kurz darauf erschien das Gesicht Michael Shornes auf dem Bildschirm. Don Philippe war dieser Mann unsympathisch, doch er war sehr nützlich. Seit der Marquês ihn in seine Schranken verwiesen hatte, behandelte Shorne ihn mit Respekt und man war sich wieder näher gekommen. Trotzdem war sich Don Philippe nicht sicher, ob man dem Geschäftsmann trauen konnte. Im Moment herrschte ein Status Quo zwischen den beiden mächtigen Männern.

»Ah, mein lieber Shorne«, begrüßte er Michael Shorne. »Was kann ich für Sie tun?«

Shorne verzog seine Mine zu einem Lächeln. »Sie heute nichts für mich. Aber ich kann etwas für sie tun. Ich habe eine Überraschung für Sie.«

»Eine Überraschung?«, war der Spanier erstaunt. »Was ist es denn?«

»Wenn ich Ihnen das verrate, ist es ja keine Überraschung mehr. Kommen Sie heute Abend allein in mein Büro, dann zeige ich es Ihnen.«

Der Marquês überlegte. »Warum allein?«

»Es ist sehr persönlich. Es ist in ihrem eigenen Interesse, wenn sie allein kommen. Doch seien Sie unbesorgt. Es ist eine freudige Überraschung.«

Das Ganze gefiel dem Marquês nicht sonderlich, doch er war neugierig geworden. Außerdem wollte er Shorne nicht vor den Kopf stoßen, nachdem man sich jetzt wieder verstand.

»Also gut, ich komme heute Abend um 20 Uhr zu Ihnen«, lenkte er ein.

»Ausgezeichnet. Ich erwarte sie dann. Bis bald«, verabschiedete sich Shorne.

Shornes Gesicht verschwand und Don Philippe kam ins Grübeln. Das Shorne jemanden eine Freude machte, konnte er sich kaum vorstellen. Und warum sollte er allein kommen?

*

Pünktlich um 20 Uhr erschien Don Philippe im Gebäude von SHORNE INDUSTRY. Ein Sekretär führte ihn in Shornes Büro, wo er freudig begrüßt wurde. Der Arbeitsraum des Industriellen wirkte kalt und steril.

»Guten Abend, verehrter Marquês. Wie schön, Sie wieder zu sehen.«

Don Philippe winkte ab. »Die Floskeln können Sie sich sparen«, sagte der Spanier mit drohendem Unterton. »Ich habe Diabolo von unserem Treffen berichtet. Wenn ich mich in einer Stunde nicht bei ihm melde, wird er rechtliche Schritte gegen Sie einleiten. Sollte das also eine Falle sein, geben Sie lieber gleich auf...«

Shorne tat entrüstet. »Marquês, was denken Sie von mir? Ich würde niemals etwas Illegales gegen Sie unternehmen.«

»Das will ich Ihnen auch geraten haben. Also, wenn es keine Falle ist, was wollen Sie dann von mir?«

»Das sagte ich doch schon. Sie überraschen.«

»Wieso?«

Shorne lächelte. »Dank Ihnen ist SHORNE INDUSTRY wieder obenauf. Ich habe das Steuer wieder in der Hand und dafür möchte ich mich bedanken, indem ich Ihnen ein Geschenk mache.«

»Sie wissen genau, dass Politiker keine Geschenke von Geschäftsleuten annehmen dürfen«, lehnte der Marquês ab. »Auch nicht als Spende. Und schwarze Konten, wie gewisse andere Politiker, führt meine Partei nicht!«

»Es handelt sich nicht um Geld. Es sind Kinder.«

Der Marquês machte ein ungläubiges Gesicht. »Kinder? Sie wollen mir Kinder schenken?«

Der Spanier war doch etwas peinlich berührt. Er hätte solch ein Angebot niemals von Shorne oder generell von einem Mann erwartet.

»Ja. Vier, um genau zu sein. Zwei Söhne und zwei Töchter. Eine komplette Großfamilie für den Marquês.« Shorne nahm im Sessel an seinem Schreibtisch Platz. »Sehen Sie, Don Philippe, Sie sind ein bemerkenswerter Mann. Aber leider sind sie auch ein sehr alter Mann. Der Zahn der Zeit hat an Ihnen genagt. Sie sind unverheiratet und werden es wohl auch bleiben. Zumindest dürften sie keine Frau im gebärfähigen Alter mehr finden. Ich weiß, dass die mächtigen Menschen ihres Zeitalters immer großen Wert darauf legten, Nachkommen zu haben, die ihre adlige Dynastie fortführten. Wer soll Ihre Dynastie fortsetzen, wenn Sie mal nicht mehr sind? Wem hinterlassen Sie all das, was Sie aufgebaut haben. Sie haben vielleicht nicht mehr so viel Zeit, mein Freund.«

Shornes Worte trafen ins Schwarze. Genau das hatte Don Philippe selbst oft gedacht. Die Zeit lief ihm davon. Vermutlich bot Shorne ihm nun Kinder zur Adoption an. Doch das gefiel dem Spanier nicht.

»Das mag gut gemeint sein, Shorne. Aber ich kann keine Kinder annehmen, die nicht von meinem Fleisch und Blut sind«, lehnte er ab.

Shorne grinste. »Das ist genau der Punkt. Sie sind von ihrem Fleisch und Blut. Von ihren Genen, genauer gesagt.«

»Von mir? Aber das ist unmöglich! Ich habe mit keiner Frau...«

Don Philippe verstummte.

»Das war auch nicht nötig. Bei einer Routineuntersuchung, die einer meiner Ärzte bei Ihnen vornahm, wurden Gewebe und Blutproben genommen. Erinnern Sie sich?«

Don Philippe nickte.

»Ja, aber der Arzt sagte, es sei reine Routine.«

Der Spanier erschrak und wurde bleich.

»Soll das heißen, Sie haben in Ihrem Klon-Labor künstliche Kinder hergestellt?«

»Genau das. Aber es sind keine Androiden oder sonstige künstliche Menschen. Es sind richtige Menschen von ihrem Fleisch und Blut, aus ihren Genen hergestellt. Somit sind es Ihre Kinder.«

Don Philippe rang nach Worten. »Aber sie sind gegen meinen Willen... produziert worden. Wie konnten Sie das tun?«

Shorne zuckte nur mit den Schultern. »Ich dachte, ich tue Ihnen einen Gefallen. Mit diesen Klonen können wir vielen kinderlosen Menschen helfen.«

Der Marquês schwieg betreten und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Wollen Sie sie sich nicht erst einmal ansehen?«, fragte Shorne.

Don Philippe gab sich einen Ruck und erhob sich wieder. »Ja, ich will sie sehen.«

Shorne grinste zufrieden. »Sehen Sie, ich wusste dass Sie neugierig werden würden. Eines müssen Sie jedoch wissen: Die vier sind bereits im Alter von zwanzig Jahren.«

»Wie bitte?«

»War technisch nicht anders möglich«, erklärte Shorne. »Außerdem fangen Kinder erst in diesem Alter an, interessant zu werden. Ich habe selbst einen Sohn, aber der ist noch zu grün hinter den Ohren. Keine Ahnung, wie alt er inzwischen ist. Ich hasse, rotzende, schreiende, kleine Kinder.«

»Wie nett. Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?«, wollte Don Philippe wissen.

»In der Tat. Sie sind so konditioniert worden, dass sie denken, sie wurden von Ihnen adoptiert und geliebt, als ob sie ihre eigenen Kinder wären. Sie stammen von der Siedlerwelt Guardiola und sind direkte Nachfahren ihrer Familie. Sie lebten in Spanien. Seit Ihrer Rückkehr zur Erde pflegen Sie den Kontakt zur Mutter von den Kindern und wurden eine Vaterfigur für alle vier, denn ihr richtiger Vater ist tot. Nach dem Tod ihrer Mutter bei einem Brand vor vier Monaten haben Sie sich durchgerungen, sie zu adoptieren und ihnen ein neues Heim zu bieten. Deshalb sind die vier jetzt von Terra angereist.

Wenn die vier jetzt also gleich hereinkommen, dann dürfen sie sich Ihre Überraschung nicht anmerken lassen. Ihre vier Sprösslinge kennen sie schon seit 1294 NGZ. Ich habe ein Dossier mit einsuggerierten Erinnerungen angefertigt, das Sie sich durchlesen sollten, um zu wissen, was Sie während Ihrer Besuche auf der Erde mit Ihnen erlebt haben.«

Shorne übergab dem Spanier einen Datenträger.

Der Marquês war sprachlos. Alles lief wie in einem Film ab und er glaubte in der ersten Reihe zu sitzen. Vier Kinder für ihn? Würden sie ihn wirklich als seinen Vater akzeptieren? Shorne hatte alles sorgfältig geplant. Alles deckte sich zeitlich sogar mit den Besuchen des Marquês auf der Erde während den letzten drei Jahren.

»Und wie heißen die vier?«

»Der älteste Sohn heißt Orlando, der zweite Sohn Peter III., die älteste Tochter Stephanie und die jüngste Brettany, wird jedoch von allen meist Brett genannt.«

Der Marquês runzelte die Stirn. »Peter und Stephanie... Das sind ja die Namen meiner Eltern! Aber wieso Peter III.? Und Orlando und Brettany sagen mir nichts.«

»Die ersten beiden Klone sind missglückt. Sie mutierten und mussten eliminiert werden. Der dritte Versuch ist aber voll funktionsfähig.«

»Und wieso die Namen meiner Eltern? Und was haben die beiden anderen zu bedeuten?«

»Ihnen zu Ehren, um Ihnen eine Freude zu bereiten, werter Marquês«, versicherte Shorne freundlich. »Die anderen beiden Namen haben wir mit Sorgfalt ausgewählt. Sind Sie bereit, die beiden jetzt zu empfangen?«

Don Philippe nickte. Allmählich wurde er selbst neugierig. Im Grunde hatte Shorne ja Recht. Seine Aussichten eigene Kinder zu bekommen, waren nicht mehr sehr groß. Und er hatte auch nicht ewig Zeit.

»Ich werde sie mir mal ansehen, und dann entscheiden ob ich sie will«, erklärte er Shorne.

Shorne nickte zufrieden und ging zum Interkom.

»Die vier Neuen jetzt hereinbringen!«, befahl er einem Mitarbeiter.

Kurz darauf wurden die vier Klone in Shornes Büro gebracht. Der erste war ein mittelgroßer, stattlicher Mann mit wallenden Haaren. Er hatte ein markantes Gesicht und wirkte sympathisch. Es war Orlando. Das Mädchen neben ihm war Stephanie. Stephanie war dunkelhaarig, langbeinig und wohlproportioniert. Ihr Gesicht war wunderschön und wurde von langen, gelockten Haaren umhüllt. Sie lächelte. Dieses Lächeln nahm den Marquês sofort für sie ein. Stephanie erinnerte ihn an seine Mutter, das einzige Wesen, das ihn wirklich je geliebt hatte. Der Spanier hatte sehr an seiner Mutter gehangen und war untröstlich gewesen, als sie starb und er bei seinem strengen, brutalen Vater zurück geblieben war.

»Lieber Vater, wie schön dich wieder zu sehen«, sagte Stephanie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Orlando, Stephanie, Brettany und Peter kommen gerade von der Erde, um von nun an bei Ihnen zu wohnen«, erklärte Shorne dem hingerissenen Marquês.

»Wir haben alle unsere Sachen an deine Adresse senden lassen, Vater«, erklärte Stephanie.

Don Philippe kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dann erblickte er seine zweite Tochter. Sie war ebenso schön wie Stephanie, doch auf eine andere Weise. Sie besaß ein bezauberndes Lächeln aus ihrem großen Mund und den großen, weißen Zähnen. Ihre blauen Augen funkelten voller Herzlichkeit. Sie war nicht so wohlproportioniert wie Stephanie, doch die Terranerin war eine natürliche Schönheit mit ihrem blonden, seidenen Haar. Sie rannte zu ihrem »Vater« und umarmte ihn innig. Der Marquês spürte sofort aufrichtige Liebe von diesem Wesen. Sie war ein kleiner Goldengel, wusste er sofort.

Orlando reichte seinem Vater die Hand.

»Ich bin froh, dich wieder zu sehen, Vater«, sagte er mit ruhiger und freundlicher Stimme.

Der Marquês war von seinen drei Kindern angetan. Verwirrt sah er Shorne an.

»Meine Firma kümmert sich um den Transport des Gepäcks«, versicherte Michael Shorne. »Alle Besitzgegenstände der beiden werden in ihre Villa gebracht. Ihre Zimmer werden von uns eingerichtet.«

»Auch meine Soldaten!«, rief eine krähende Stimme.

Jetzt wurde Don Philippe auch auf den zweiten Jungen aufmerksam, der den Namen Peter III. trug.

»Willst du mich nicht begrüßen, wie es einem General zusteht, Vater?«, fragte der junge Mann streng.

Der Marquês wusste nicht, was er tun sollte.

»Salutieren Sie«, raunte ihm Michael Shorne zu.

Don Philippe salutierte in militärischer Haltung. Auch Peter III. nahm Haltung an und salutierte. Jetzt war er zufrieden. Don Philippe hatte nun Gelegenheit, Peter genauer zu betrachten. Im Gegensatz zu Stephanie, Orlando und Brettany war der Junge alles andere als schön. Sein blasses Gesicht war von Narben und Pocken entstellt, er wirkte hager und kränklich. Gekleidet war er in eine blau-weiße Uniform des 18. Jahrhunderts. Auf seinem Kopf trug er eine weiße Perücke, auf der ein schwarzer Dreispitz saß. Er trug schwarze Stiefel und einen Säbel. Irgendwie erinnerte ihn Peter an seinen Vater.

»Ich freue mich auch, euch zu sehen«, sagte der Marquês, um Fassung bemüht.

Es war unglaublich. Er wusste, dass man in der heutigen Zeit viele sagenhafte Dinge tun konnte, die man in seiner Zeit nie und nimmer für möglich gehalten hätte. Aber dass man Menschen herstellen konnte, das beeindruckte den alten Spanier mehr als alles andere.

»So, jetzt lasst uns beide bitte noch einen Moment allein«, ergriff Michael Shorne das Wort.

»Für sie immer noch General de la Siniestro! Ich verlange, dass meine Divisionen alle vollständig im Haus meines Vaters untergebracht werden!«, herrschte Peter Shorne an und schritt stolz hinaus, gefolgt von Stephanie und Brettany, die den Marquês freundlich anlächelten. Orlando wirkte noch etwas misstrauisch. Er konnte Michael Shorne auf den ersten Blick nicht leiden.

Als letztlich alle Kinder das Büro verlassen hatten, ergriff der Spanier das Wort. »Von welchen Divisionen redet er? Wie sollen die alle in mein Haus passen?«

Shorne lachte. »Spielzeugsoldaten. Seine ›Armee‹ besteht aus Spielzeugsoldaten. Peter III. hat einen ausgeprägten Sinn fürs Militär. Er will General werden, das ist sein größter Wunsch.«

»Er ist hässlich und wirkt irgendwie seltsam«, fand Don Philippe.

»Tja, es sind Ihre Gene, Marquês«, meinte Shorne allen Ernstes. »Wir haben die beiden Süßen und Orlando zuerst produziert. Sie sind auf Anhieb gelungen, während es bei Peter einige Probleme gab. Aber, wenn die vier ihnen nicht gefallen, entsorge ich Peter und Orlando und lege mir Stephanie und Brettany in mein Bett. Wenn Sie wollen, produzieren wir neue Klone. Kein Problem!«

Don Philippe sah Shorne voller Verachtung an. Dieser Mann kannte keine Ehre. Durfte man so mit lebenden Wesen umspringen, auch wenn sie künstlich waren? Auch sie besaßen Gefühle, wollten leben und glücklich sein. Don Philippe spürte auf einmal Verantwortung auf sich lasten. Verantwortung für Peter, Brettany, Orlando und Stephanie. Keinesfalls durfte er sie dem zynischen, skrupellosen Shorne überlassen. Auch die Familienähnlichkeit trug wesentlich zur Entscheidung des Marquês bei.

»Sie sind widerlich, Shorne. Ich habe mich entschieden. Ich werde alle vier bei mir aufnehmen, auch wenn das einige Probleme für mich bedeutet. Aber Ihnen werde ich sie keine Minute länger mehr überlassen.«

Shorne blieb unbeeindruckt. »Wunderbar. Dann bin ich zufrieden und hoffe, dass Sie mit meinem Geschenk glücklich sind.«

Der Marquês verbeugte sich knapp. »Ich darf mich für heute empfehlen. Guten Abend.«

Don Philippe verließ das Büro, vor dem Orlando, Brettany, Peter III. und Stephanie ihn erwarteten und fuhr mit ihnen ihn ihr neues Heim.

Shorne setzte sich zufrieden an seinen Schreibtisch. Dann rief er nach seinem Anwalt und Berater Jevers, der kurz darauf kam. Jevers war ein durchschnittlich aussehender Mann mittleren Alters. Als Anwalt war er ziemlich erfolgreich und arbeitete mittlerweile fast ausschließlich für Shorne Industrie.

»Ja, Mister Shorne?«, fragte er.

»Es hat geklappt. Meine ›Versicherung‹ ist untergebracht«, teilte ihm Shorne zufrieden mit.

»Diese Angelegenheit hat SHORNE INDUSTRY viele Unkosten verursacht. Wo liegt dabei der wirtschaftliche Nutzen?«, erkundigte sich Jevers.

»Keine Sorge. Ich habe dem alten Sack nicht aus reiner Herzensgüte dieses Geschenk gemacht«, erklärte Shorne. »Die vier sind meine Rückversicherung, um den Marquês bei der Stange zu halten. Sollte er irgendwann mal wieder auf die Idee kommen, sich gegen mich zu wenden, könnte ich enthüllen, dass seine Kinder nichts weiter als gewöhnliche und dazu noch illegale Klone sind. Davon wird er bestimmt nicht begeistert sein.«

»Brillant, Mister Shorne. Das wäre mir nie eingefallen«, gab der Anwalt zu.

Shorne lehnte sich lächelnd zurück und spielte mit seinem Knet Ball. »Richtig, Jevers. Darum werden Sie auch immer nur ein Pickel am Arsch des Universums sein, während es mir eines Tages gehören wird.«

*

Der Marquês brachte seine neue »Familie« unterdessen in seine Villa im Nobelviertel von New Terrania. Allmählich gefiel ihm die Vorstellung, Familienoberhaupt zu sein. Besonders Stephanie hatte es ihm angetan. Sie war charmant und intelligent, während Peter III. eher düster und missmutig wirkte. Orlando, den seine Geschwister Orly nannten, konnte eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten. Er wirkte sehr reif und verantwortungsbewusst. Brettany war ein Engel. Sie schien unbedarft und naiv zu sein, doch sie strahlte eine liebevolle Wärme aus.

Der Gleiter hielt vor dem Anwesen.

»Ich will meine Soldaten haben«, maulte Peter.

»Nur Geduld, Peter. Sie werden bald geliefert«, versicherte Don Philippe ihm.

»Ich will sie aber jetzt. Ich will sie zum Nachtappell antreten lassen und drillen!«

Besorgt fragte sich der Marquês, ob bei Peter III. Gehirnschäden vorlagen. Wie mochten wohl die beiden Vorgänger geraten sein? Doch wenn er Peter III. abgelehnte hätte, wäre er von Shornes Leuten vernichtet worden. Das konnte der alte Spanier nicht zulassen. Seine katholische Erziehung lehrte ihn, dass das Leben eine Schöpfung Gottes war und dass man es annehmen musste, wie es war. Bislang hatte er sich unter dem Klonen nicht viel vorstellen können, und darum nichts dagegen gehabt. Schließlich stammte er aus dem 18. Jahrhundert und konnte in technischen Fragen schlecht mitreden. Allmählich fragte er sich jedoch, ob das richtig war.

»Hörst du nicht? Ich will sie sofort haben!«, schrie Peter.

Stephanie schüttelte ungehalten den Kopf.

»Willst du dir das gefallen lassen, Vater?«, fragte sie.

Der Marquês beschloss auszuprobieren, wieweit er bei Peter gehen konnte und versuchte es mit Strenge.

»Sei jetzt still, Peter! Oder du kommst in Arrest!«, herrschte er den jungen Mann an. »Du vergisst wohl, dass du mit deinem Vater sprichst!«

Eingeschüchtert schwieg Peter III. Trotzig verschränkte er die Arme und schmollte. Der Spanier war zufrieden. Shorne hatte den Kindern Gehorsam eingegeben. Das vereinfachte die Situation.

»Habe Nachsicht mit Peter, Vater«, erklärte Orly. »Er hat den Tod von unserer Mutter immer noch nicht überwunden und ist davon beseelt Soldat zu werden.«

Der Marquês nickte schwach. Die Mutter existierte nur in ihrer Phantasie. Damit musste er erst einmal klar kommen.

»Kommt, ich zeige euch jetzt unser Haus«, sagte Don Philippe milder.

Die fünf stiegen aus und begaben sich in die Villa, wo sie von Diabolo erwartet wurden. Brettany nahm die Hand ihres Vaters und schlenderte mit ihm dem Posbi entgegen. Der Marquês war von dieser Geste gerührt und fühlte sich das erste Mal richtig als Vater. Orly begrüßte den Posbi höflich, während Peter III. und Stephanie ihn nur anstarrten.

»Marquês, endlich sind Sie zurück«, begrüßte er Don Philippe. »Sie haben mir leider nicht mitgeteilt, dass Sie Besuch mitbringen.«

»Was ist denn das für eine Witzfigur?«, fragte Stephanie entgeistert.

»Aber, Stephanie! So darfst du nicht von Diabolo reden. Er ist mein treuer Berater und mein Stellvertreter. Er ist absolut zuverlässig und hat mir schon gute Dienste geleistet.«

»Ich finde ihn süß«, meinte Brettany.

»Na hoffentlich kann er auch Koffer tragen«, verlangte Stephanie herrisch. »Wenn meine Garderobe kommt, will ich sie sofort in meinem Zimmer haben!«

»Ich bin politischer Berater und kein Gepäckträger. Dafür haben wir Roboter«, entgegnete Diabolo.

»Ach, und was bist du, Blechkopf?«

»Ich bin ein Posbi. Ich besitze einen empfindungsfähigen Plasmazusatz.«

Stephanie lachte höhnisch.

»Stephanie, sei doch nicht so gemein zu ihm. Er ist doch sehr lieb«, ermahnte sie ihre Schwester.

Steph kommentierte die Aussage mit einem abfälligen Blick.

»Schwesterherz, es wird Zeit, dass du nicht nur Kuscheltiere und blinkende Roboter süß findest, sondern auch mal ein paar Männer«, entgegnete sie zynisch. Dann lenkte sie ein: »Okay, okay! Ich wollte dich nicht beleidigen. Reg dich wieder ab.«

Peter III. musterte Diabolo skeptisch. Plötzlich rief er: »Achtung, stillgestanden!«

»Wie bitte?«, fragte Diabolo ratlos.

Der Posbi wusste mit den unerwarteten und auch recht seltsamen Neuankömmlingen nichts anzufangen. Er konnte sich nicht vorstellen, was der Marquês mit diesen verzogenen Jugendlichen vorhatte.

»Du bist gänzlich unmilitärisch, Posbi!«, brüllte Peter. »Aber ich werde dich schon noch drillen, bis dir das Wasser im Arsch kocht!«

»Wo bitte? Welches Wasser?«, fragte Diabolo völlig verständnislos.

»Schluss jetzt, Kinder«, machte der Marquês der peinlichen Situation ein Ende. »Ich zeige euch eure Zimmer. Ihr werdet nach der langen Reise müde sein und schlafen wollen. Ich habe mit Diabolo noch einiges zu besprechen.«

»Ich will nicht schlafen! Ich will meine Soldaten und mit ihnen exerzieren!«, protestierte Peter.

»Du tust, was ich dir sage!«, wurde Don Philippe laut. »Keine Widerrede! Auf dein Zimmer! Im Laufschritt marsch!«

»Ja, Papi«, gab sein neuer Sohn nach.

Wütend sah Peter Diabolo an.

»Wir sprechen uns noch!« rief er drohend, dann rannte er im Laufschritt die Treppe hinauf.

»Papi?« fragte Diabolo ratlos.

»Warte im Arbeitszimmer auf mich. Ich komme gleich«, gebot der Marquês dem Posbi.

Dann führte er Stephanie und Brettany hinauf in die obere Etage und zeigte ihnen das Zimmer, das er für sie vorgesehen hatte. Don Philippe hatte alles rustikal im europäischen Stil des 18. Jahrhunderts einrichten lassen, was nicht gerade wenig gekostet hatte.

»Das ist ja schrecklich. Alles uralt, wie in einer Gruft! Und hier soll ich wohnen?«, beschwerte sich Stephanie, die mit dem alten Stil nichts anfangen konnte.

»Du kannst es dir natürlich so einrichten, wie du es haben möchtest, Stephanie«, bot der Marquês großzügig an.

»Das ist ja wohl selbstverständlich. Gleich morgen lasse ich einen Innenarchitekten kommen und den alten Plunder rauswerfen. Ich dachte, du kennst meinen Geschmack, Vater.«

Der Marquês schluckte. Er musste sich, sobald wie möglich, mit den Dossiers über die beiden befassen, die Shorne ihm mitgegeben hatte. Allerdings hatte er das ungute Gefühl, dass die ganze Angelegenheit recht teuer für ihn werden würde. Stephanie und Peter III. schienen ziemlich extravagant zu sein. Trotzdem war der Marquês zufrieden. Sein Leben würde jetzt nicht mehr so leer sein.

»Bis morgen, liebste Tochter. Dein Bruder hat das Zimmer nebenan. Zeige es ihm, wenn du ihn siehst.«

»Ich? Das kann doch wohl ein Diener tun. Außerdem muss mir jemand mein Bett machen«, verlangte Stephanie.

»Ich schicke gleich den Diener hinauf. Gute Nacht«, verabschiedete sich Don Philippe etwas ungehalten.

An die Launen seiner neuen »Kinder« musste er sich erst noch gewöhnen. Dann brachte er Brettany zu ihrem Zimmer. Seine jüngere »Tochter« bedankte sich freundlich und gab dem Marquês einen Kuss auf die Wange.

Orly wollte noch nicht in sein Zimmer. Er sah den Marquês ernst an.

»Vater, etwas stimmt mit dir nicht. Du verhältst dich anders als sonst. Ich weiß, dass wir erst seit kurzem deine Kinder sind. Ich hoffe, du bereust die Adoption nicht.«

Der Marquês schluckte. Orlando war der intelligenteste von allen. Er hatte in der Tat erkannt, dass der Marquês anders war als die Erinnerungsimplantate. Doch der alte Spanier wollte ihm natürlich keinen reinen Wein einschenken. Er legte seine Hand auf die Schulter seines »Erstgeborenen«.

»Orly, es war ein anstrengender Tag für mich. Ich bereue meine Entscheidung nicht. Ich bin glücklich, dass wir jetzt alle unter einem Dach wohnen und eine große Familie sein können«, erklärte er ernst gemeint.

»Dieser Shorne war mir nicht sympathisch«, meinte Orly plötzlich.

»Mir auch nicht, aber er ist ein wichtiger Geschäftsmann, dem ich jetzt mehr zu verdanken habe, als du es erahnen kannst«, flüsterte der Marquês.

Dann gab er seinem Sohn eine Umarmung und wünschte ihm eine gute Nacht.

Der Marquês begab sich in sein Arbeitszimmer, wo bereits Diabolo auf ihn wartete.

»Wer oder was sind die?«, fragte der Posbi.

»Das, mein Freund Diabolo, sind meine Kinder«, antwortete Don Philippe.

»Wie bitte? Wie haben Sie das denn angestellt?«

Der Marquês setzte sich ächzend in seinen Sessel. »Ich weiß es selbst erst seit heute Abend. Ich werde dir alles erklären.«

Der alte Mann schilderte Diabolo die Vorgänge in Michael Shornes Büro ausführlich und verschwieg nichts.

»Oh«, machte Diabolo nur, als der Marquês geendet hatte.

»Ist das alles was du dazu zu sagen hast?«, fragte Don Philippe unwirsch.

»Das ist schon eine ziemlich merkwürdige Geschichte, aber typisch menschlich. Haben Sie schon daran gedacht, wie Sie das der Öffentlichkeit erklären? Schließlich sind Sie ein bedeutender Politiker. Die Medien werden sich schnell für die vier interessieren.«

Der Marquês nickte. »Natürlich, du hast Recht. Du wirst gleich morgen früh eine Pressemitteilung herausgeben, in der wir erklären, dass sie aus Spanien stammen. Ich pflegte den Kontakt zu ihnen und ihrer Mutter seit knapp vier Jahren. Dort entwickelten beide Parteien väterliche Gefühle füreinander. Als die Mutter, der ich den Hof gemacht habe, vor kurzem starb, beschloss ich die Kinder zu adoptieren.«

»Das ist ja rührend und wird sie in den Medien und in der Öffentlichkeit zweifellos noch beliebter machen«, meinte Diabolo.

Don Philippe lehnte sich zufrieden zurück. »Ein angenehmer Nebeneffekt.«

»Sind Sie auch sicher, dass sie die vier als Ihre Kinder anerkennen wollen? Es gibt dann kein Zurück mehr. Außerdem scheint dieser Peter III. ziemlich seltsam zu sein.«

Der Marquês winkte ab. »Mein Entschluss ist unumstößlich. Sie sind mein Fleisch und Blut, auch wenn sie künstlich erzeugt wurden. Schon lange wünsche ich mir Kinder und Nachfolger für mein Erbe. Diese Lösung scheint mir die beste zu sein. Gewiss haben sie ihre Macken, aber welche Kinder haben das nicht? Ich bin bereit, die Verantwortung für sie zu übernehmen. Sicher können sie mir auch wertvolle Helfer sein.«

Diabolo blieb skeptisch. »Ich weiß nicht. Ich werde jedenfalls beobachten.«

Der Marquês legte den Datenträger, den er von Shorne erhalten hatte, auf seinen Schreibtisch. Er steckte ihn in die Schnittstelle der Haussyntronik.

»Das kannst du gerne tun. Außerdem kannst du mir gleich mal dabei helfen, die Dossiers zu sichten. Wir müssen alles über die ›Kinder‹ wissen, um sie besser verstehen zu können.«

*

Nach einer kurzen Nacht wurde der Marquês am nächsten Morgen höchst unsanft von einem seltsamen Geräusch geweckt. Fluchend warf er einen Blick auf den Wecker. Es war erst 6 Uhr. Die seltsamen Geräusche nahmen zu. Bei genauerem hinhören meinte der alte Spanier Musik zu hören.

»Welcher Idiot macht denn mitten in der Nacht solch einen Krach!«, meckerte er.

Nur mit Nachthemd und Zipfelmütze bekleidet, stieg der Marquês aus dem Bett, streifte sich seine Pantoffeln über und ging wütend auf den Korridor. Dort kam ihm wummernde Marschmusik entgegen, die sich anhörte wie der Petersburger Marsch. Die Musik konnte nur aus dem Zimmer kommen, das Peter zugewiesen worden war. Inzwischen war auch Diabolo aufgetaucht.

»Ist jemand eingebrochen? Soll ich den Sicherheitsdienst alarmieren?«, fragte er den Marquês.

»Nein, das kann nur Peter sein«, beruhigte der Spanier ihn. »Ich werde dem ein Ende setzen.«

»Wie Sie wünschen.«

Don Philippe ging in das Zimmer. Dort stand Peter III. inmitten einer Armee von Roboter-Spielzeugsoldaten, die sich automatisch bewegten. Dazu wurde aus der Audio-Anlage jetzt der Marsch des Yorkschen Korps gespielt und Peter schrie verschiedene Befehle.

»Musik aus!«, befahl der Marquês. Daraufhin verstummte die Musik.

»Papi, was hast du getan! Das war doch der Morgenappell!«, protestierte Peter lauthals.

»Guten Morgen erst mal. Vielleicht könntest du den Appell in Zukunft eine Stunde später abhalten, damit dein alter Vater ein wenig länger schlafen kann?«

»Aber ich muss sie doch drillen!«, widersprach Peter trotzig.

»Das war keine Bitte, das war ein Befehl!«, maßregelte der Marquês ihn.

»Jawohl, Vater«, gab der junge Mann nach.

Milder gestimmt deutete Don Philippe auf die Spielzeugsoldaten.

»Wie ich sehe, sind deine Sachen gekommen. Eine tolle Sammlung hast du da.«

»Ja, Papi. Die meisten kennst du ja schon. Ich habe terranische Soldaten aus allen Zeitaltern, auch Panzer und Raumjäger«, erklärte Peter begeistert. »Neu ist die TARA-Kampfroboter-Division. Am schönsten finde ich aber die Soldaten aus dem 18. Jahrhundert. Der siebenjährige Krieg ist mein Lieblingskrieg!«

»Das war ja auch ein schöner Krieg«, pflichtete ihm Don Philippe bei und klopfte seinen neuen Sohn liebevoll auf die Schulter. Zum ersten Mal lächelte Peter.

Dass er einen Hang für das Militär hatte, stand in dem Dossier, das der Marquês studiert hatte. Als Mensch des 18. Jahrhunderts hielt er das nicht für ungewöhnlich. Jungs spielten mit Soldaten und Mädchen mit Puppen. So sollte es sein. Don Philippe wurde mit Zufriedenheit erfüllt. Es war schön eine Familie zu haben.

 

9. Familienfrühstück

Eine Stunde später saß der Marquês mit Orly, Stephanie, Brettany und Peter zusammen beim Frühstück. Auch Diabolo saß am Tisch.

»Nun, Kinder, wie gefällt es euch in der Villa Siniestro?«, erkundigte er sich.

»Ganz hübsch, aber ein bisschen altmodisch für meinen Geschmack«, meinte Stephanie. »Ich glaube, wir müssen einige Dinge in meinem Zimmer ändern lassen. Auch sollten wir einen Partyraum einrichten.«

»Partyraum?«, fragte Don Philippe entgeistert.

»Natürlich. Du bist ein wichtiger Mann, also muss ich als deine Tochter natürlich einige Partys organisieren.«

»Wird das nicht etwas teuer?«

»Na und? Wir haben's ja. Außerdem musst du als hoher Paxus-Rat einen gewissen Standard pflegen.«

»Was meinst du, Diabolo?«, fragte Don Philippe den Posbi.

»Sie hat nicht Unrecht, Marquês. Solche Feste können nützlich sein, um Kontakte zu knüpfen«, gab dieser Stephanie Recht.

»Nun gut, ich denke darüber nach, meine Liebe.«

Stephanie strahlte. »Danke, Papi.«

Brettany schlürfte genüsslich ein Glas Milch, während Orly die Zeitung auf einem Tabletronik las. Er schüttelte den Kopf, als er über eine Meldung stolperte.

»Die Arkoniden haben schon wieder zwei Verbrecher hinrichten lassen. Der Paxus-Rat sollte den einzelnen Systemen nicht so viel Autarkie geben. Es sollte ein allgemeines Gesetz für ganz Cartwheel geben, um Leben zu schützen.«

Der Marquês war beeindruckt von dem politischen Interesse seines ältesten Sohnes. Vielleicht würde er einmal ein guter Politiker werden.

»Verbrecher sind Verbrecher. Die verdienen den Tod«, entgegnete Peter gleichgültig. Er hatte kein Mitleid mit Verbrechern.

»Aber es sind Lebewesen«, warf Brettany ein und blickte ihren Bruder mit ihren großen blauen Augen traurig an.

»Diebe und Mörder. Um die ist es nicht schade, Schwesterchen. Du verstehst sowieso nichts davon, denn du bist ein Mädchen!«, ereiferte sich Peter.

»Mäßige deinen Umgangston mit deiner Schwester«, maßregelte Orly seinen jüngeren Bruder, der daraufhin schwieg.

»Haben Sie sich schon überlegt, was sie beruflich machen wollen?«, fragte Diabolo Stephanie, und versuchte so von dem Streit abzulenken. »Mankind bietet viele Möglichkeiten.«

»Ja klar, Blechmann. Ich werde in die Politik gehen. Ich will Pressesprecherin des Terrablocks werden und mich im Licht der Medien sonnen.«

»Oje«, war Diabolos einziger Kommentar.

»Warum nicht? Ich bin jung, intelligent, unsagbar schön und sexy. Genau das was die Politik braucht. Dort sind doch nur alte Knacker oder Frauen die aussehen als hätte man sie aus der Geisterbahn entlassen. Und was manche Politikerinnen für Frisuren haben! Das Volk wird froh sein, wenn es endlich mal etwas Hübsches zu sehen kriegt«, rechtfertigte sich Stephanie und strich sich eitel über ihr langes Haar.

»Aber solltest du dazu nicht auch politische Kenntnisse besitzen?«, wollte ihre Schwester wissen.

Steph bestrafte sie dafür mit einem bösen Blick. Brettany erwiderte nichts mehr und konzentrierte sich auf ihr Frühstück. Sie hatte Angst vor ihrer älteren Schwester, die sehr oft auf ihr herumhackte und sie demütigte. Trotzdem war sie ihre beste und auch einzige Freundin.

»Ich finde du hast Recht, Stephanie. Ich freue mich darauf, mit dir zusammenzuarbeiten«, stimmte Don Philippe zu.

»Aber Marquês, sie hat doch keinerlei Erfahrung in solchen Dingen«, gab Diabolo zu Bedenken.

»Pah! Das kann so schwer nicht sein, denn ich habe den besten Lehrmeister, meinen Vater«, blieb Stephanie unnachgiebig.

Der Marquês war sichtlich geschmeichelt und gerührt zugleich. »Natürlich, mein Liebes. Ich bringe dir alles bei, was du wissen musst.«

Diabolo war damit überhaupt nicht einverstanden, aber er schwieg lieber. Er hatte bemerkt, dass der Marquês ganz vernarrt in seine Zöglinge war.

Orly stellte fest, dass er lieber zur Armee gehen würde. Der Marquês legte ihm ein Studium und danach eine Ausbildung bei Redhorse Point nahe. Brettany wusste noch nicht, was sie werden wollte. Stephanie riet ihr gar nichts zu erlernen, da sie sowieso für keinen Beruf tauglich war.

Diabolo musste sich eingestehen, dass nicht nur Peter III. einen genetischen Defekt besaß, sondern auch seine Schwester Stephanie. Diese war zwar Äußerlich gelungen, doch ihr Charakter schien boshaft zu sein.

Don Philippe wandte sich nun an Peter. »Und was hast du für Pläne, Peter? Möchtest du auch werden wie dein Vater?«

»Nein, ich werde General und zum größten Feldherren aller Zeiten. Mein Vorbild ist Napoleon«, erklärte Peter allen Ernstes.

»Napoleon! Ausgerechnet der!«, regte sich der Marquês in Erinnerung an alte Zeiten auf. »Dieser Mann hat unser Heimatland überfallen. Aber die Spanier haben es ihm gezeigt!«

»Das ist mir egal! Ich will Oberbefehlshaber über die terranischen Truppen werden und dann die Soldaten drillen!«, forderte Peter. »Ich werde die prächtigsten Paraden abhalten lassen, die das terranische Volk je gesehen hat!«

»Das ist ein großes Ziel, Peter. Ich rate dir, zunächst die Militärakademie zu besuchen und dein Wissen über das Militär dort schulen zu lassen. Danach findet sich bestimmt ein guter Posten bei unseren Streitkräften für dich.«

Peters Gesicht lief rot an. »Nein, ich will sofort General werden! Du brauchst nur zu befehlen! Du bist der Herrscher von Mankind.«

Orly schüttelte den Kopf. Er wollte etwas zu Peter sagen, doch sein Vater kam ihm zuvor: »Peter, ich bin kein König oder Kaiser. Wir leben in einer Demokratie. Auch ich bin an die Gesetze, die dem Wohle des Volkes dienen, gebunden.«

»Du lügst! Du willst Stephanie und Orly ja auch helfen! Du liebst sie mehr als mich! Ich hasse dieses Mankind und sein Scheißvolk!«

Während Peter sich zusehends erregte, versuchte er mit einem Messer sein Frühstücksei aufzuschlagen. Dabei schnitt er sich versehentlich in den linken Daumen, der daraufhin etwas zu bluten begann. Fassungslos starrte Peter auf die Wunde.

»Blut! Ich blute! Hilfe, helft mir doch! Ich verblute!«, begann er zu schreien.

»Aber, Peter, das ist doch nur eine kleine Wunde«, versuchte ihn der Marquês zu beruhigen.

»Mir wird schlecht! Ich hasse Blut! Hilfe!«, schrie Peter weiter.

»Peter kann kein Blut sehen«, erklärte Orly seinem Adoptivvater.

»Er zieht jedes Mal so eine Show ab, wenn er blutet«, fügte Stephanie hinzu.

Brettany ging zu ihrem Bruder und wollte ein Taschentuch auf die Wunde drücken, doch da übergab sich Peter und entleerte seinen Mageninhalt auf den Tisch. Erschrocken und angeekelt wich die jüngste Tochter des Marquês zurück und blickte angewidert auf die Schweinerei.

»Diabolo, hol den Medoroboter!«, befahl der Marquês sichtlich konsterniert.

Höchst irritiert verließ der Posbi den Raum. Diabolo kam allmählich der Verdacht, dass irgendetwas mit den Genen des Marquês nicht stimmen konnte, so wie sich die Hälfte seiner Kinder benahm.

*

Die Medien interessierten sich sehr für den Familienzuwachs im Hause de la Siniestro. Die rührende Geschichte von der Adoption brachte dem Marquês große Sympathien bei der Bevölkerung und in der Presse ein.

Orly und Stephanie gaben den Journalisten nur zu gern Rede und Antwort, während Peter III. aus »gesundheitlichen Gründen« von den Medien ferngehalten wurde und Brettany zu schüchtern für die Medien war.

Der Marquês war zufrieden mit der Entwicklung, wenngleich ihm Peter Sorgen bereitete. Doch nun gab es kein Zurück mehr.

 

10. Die Mykkes

Neve Prometh hatte sich von Marvyn Mykke, dem Sohn ihres Arbeitgebers Diethar Mykke, zu einer Party einladen lassen. Sie hatte die Einladung angenommen, um sich von ihrem Kummer abzulenken. Noch immer hatte Neve den Tod von Aurec, in den sie verliebt gewesen war, nicht überwinden können. Außerdem fühlte sie sich einsam, da sie kaum jemanden auf Mankind kannte, außer Marvyn Mykke, den sie bei ihrem Bewerbungsgespräch bei Bohmar Inc. kennen gelernt hatte.

Marvyn interessierte sich für sie, was Neve durchaus angenehm fand. Der achtundzwanzigjährige Terraner war allerdings das genaue Gegenteil des weltmännischen Aurec. Er rauchte viel und wirkte dürr und ausgemergelt, fast wie ein Hauri. Auch war er nicht gerade ein Meister der Konversation. Dennoch fand Neve ihn nicht unsympathisch. Sie brauchte jetzt jemanden, der Ruhe ausstrahlte.

Darum war sie auch mit ihm auf die Party eines Studienkollegen von Marvyn gegangen. Der junge Mann studierte zurzeit Jura. Er wollte Anwalt für interplanetares Recht werden. Früher hatte Marvyn bei der Terranischen Versicherungsanstalt für Angestellte gearbeitet. Seine Eltern, Judta und Diethar Mykke, hatten ihm diesen sicheren Job aufgedrängt.

Doch Marvyn hatte sich unwohl gefühlt und zum Entsetzen seiner Eltern nach nur einem Jahr gekündigt, um Publizistik zu studieren. Doch auch hier hatte er nach einem Jahr hingeworfen. Es waren abgebrochene Studien in Parapsychologie, Literatur, Anthropologie und Politik gefolgt. Als ihm das Geld für weitere Semester ausgegangen war und die staatliche Fürsorge aufgrund seiner stets abgebrochenen Studiengänge gestrichen wurde, war er in den Schoß der Eltern zurückgekehrt.

Als die Großtante Inge Bohmar nun psychisch krank geworden war, hatte Diethar die Firma kommissarisch übernommen. Marvyn hatte Fuß bei Bohmar Inc. gefasst.

Allerdings gefiel ihm auch das nicht. So oft er nur konnte, flüchtete Marvyn aus der grauen Alltagswelt und stürzte sich in Partys. Er war froh in Neve, zu der er sich sehr hingezogen fühlte, eine Begleiterin gefunden zu haben. So hatten beide ihren Kummer und fühlten sich dadurch verbunden. Je länger die Party dauerte, desto mehr floss der Alkohol. Auch Neve, die sonst nicht viel trank, ließ sich zu heftigen Alkoholkonsum verführen. Einige Partygäste begannen zu jaulender, elektronischer Musik zu tanzen. Dabei bewegten sie sich in tief gebückter Haltung und gestikulierten wild mit den Armen.

»Wollen wir?«, fragte Marvyn schleppend. Sein Atem roch nach Bier.

»Was?«, fragte Neve schwerfällig. Sie fühlte, dass sie zu viel getrunken hatte.

»Tanzen.«

»Ich glaube, ich hab zu viel getrunken. Ich schaff das heut nicht mehr«, lehnte Neve ab.

Marvyn kramte in seiner Hosentasche herum und holte eine Pillenschachtel heraus.

»Ich hab hier was. Das bringt dich wieder auf Touren. Das hat mir mein Freund Jhork gegeben.«

»Was ist das?«, fragte Neve.

»Muntermacher«, antwortete Marvyn und schluckte zwei von den Pillen herunter.

Neve beobachtete, wie andere Partygäste ebenfalls diese Pillen zu sich nahmen. Wenn so viele sie nahmen, konnten sie sicher nicht schaden. Außerdem konnte sie jetzt etwas gebrauchen, was sie wieder munter machte. Also nahm sie zwei von den kleinen, roten Pillen und spülte sie mit einem Glas Wein hinunter. Schon kurz darauf spürte Neve die Wirkung der »Muntermacher«. Sie fühlte sich wieder munter und tatkräftiger. Alles schien auf einmal so leicht zu sein.

»Geil, was?«, meinte Marvyn.

»Ja, geil«, fand nun auch Neve.

»Wollen wir miteinander gehen?«, fragte Mykke.

Neve war nun zu allem bereit. Warum sollte sie nicht auch einmal glücklich sein?

»Ja, lass es uns miteinander versuchen.«

Marvyn lächelte. »Okay, schön.«

Neve stand auf und nahm Marvyn bei der Hand.

»Komm, lass uns tanzen«, forderte sie ihn temperamentvoll auf.

»Joa«, sagte Marvyn nur.

Dann begaben sich die beiden auf die Tanzfläche und bewegten sich schwungvoll zu der hämmernden, dröhnenden und atonalen Musik.

*

Als Neve am nächsten Morgen wieder zu sich kam, erschrak sie. Sie wusste nicht wo sie sich befand. Kopf und Glieder schmerzten. Sie stellte fest, dass sie gar nichts an hatte. Und neben ihr lag Marvyn – ebenfalls nackt. Neve schüttelte den Kopf. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, war, dass sie diese Pillen geschluckt hatte und danach mit Marvyn getanzt hatte. Danach war nichts mehr.

Verschämt zog sich Neve schnell an. Marvyn merkte nichts davon, er schlief tief und fest. Auf dem Nachttisch lag eine Schachtel mit den Pillen, die ihr Mykke gegeben hatte. Neve sah sich die Packung näher an. Erschrocken stelle sie fest, dass es sich um »Fantasy«, eine bekannte Designerdroge handelte, die seit neuesten vor allem unter Partygästen in Umlauf war.

Marvyn schlief noch immer und schnarchte vor sich hin. Neve rüttelte ihn wach.

»Marvyn, wach auf!«, rief sie.

Nach einer Weile schlug Mykke die Augen auf.

»Hi«, sagte er, richtete sich auf und gab Neve einen Kuss.

»Guten Morgen, Marvyn. Würdest du mir bitte erklären, was das hier zu bedeuten hat?«

Dabei deutete die junge Frau auf das Röhrchen mit den Pillen.

»Was?«, fragte Marvyn begriffsstutzig.

»Frag doch nicht so dumm. Das sind Fantasy-Pillen! Du hast sie gestern Abend eingenommen und mir auch welche gegeben!«, sagte Neve vorwurfsvoll.

Marvyns Miene erhellte sich.

»Ach ja, Fantasy. Sind echt geil die Dinger!«

»Ich kann mich nur noch erinnern, dass wir getanzt haben. Was danach war, weiß ich nicht mehr. Haben wir miteinander geschlafen?«, wollte Neve wissen.

»Joa«, bestätigte Marvyn.

Neve seufzte und setzte sich neben Marvyn auf das Bett.

»Und ich kann mich nicht einmal daran erinnern.«

»Aber ich umso mehr«, freute sich Mykke. »Du bist abgegangen wie eine Rakete. Echt geil, eh!«

»Heißt das, ich habe die Initiative ergriffen?«

»Joh.«

»Ich mache dir deswegen keinen Vorwurf. Wohl aber wegen der Pillen! Drogen sind das letzte! Sie nehmen uns unser Bewusstsein, sie zerstören uns! Versteht du das?«

»Nee.«

Neve wurde ungehalten.

»Ich werde nur mit dir zusammenbleiben, wenn du keine Drogen mehr nimmst. Ist das klar, Marvyn.«

Mykke nickte.

»Joh. Ich will, dass wir zusammenleben. Bitte verlass mich nicht. Ich hab dich lieb. Darum werde ich keine Fantasy-Pillen mehr nehmen«, versprach er treuherzig.

Irgendwie fand Neve seine Art rührend. Das war die längste Rede, die er gehalten hatte, seit sie ihn kannte. Sie wusste nicht, ob es richtig war mit ihm zusammen zu bleiben, aber sonst hatte sie niemanden. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert. Marvyn zog sie aus und Neve ließ es mit sich geschehen. Diesmal wollte sie es bewusst erleben.

Später lagen sie nebeneinander im Bett. Marvyn rauchte eine Zigarette. Genussvoll sog er den blauen Dunst in sich hinein.

»War echt geil mit dir, Neve. Ich find dich toll«, sagte er entspannt.

»Ja, es war sehr schön«, fand auch Neve.

»Morgen bin ich bei meinen Eltern zum Essen eingeladen. Am besten du kommst auch, damit sie dich besser kennen lernen können«, schlug Mykke vor.

»Ich habe irgendwie den Eindruck, dass dein Vater mich nicht besonders mag«, fand Neve.

»Was?«

»Ich glaube, dein Vater kann mich nicht leiden.«

Diethar Mykke, der auch ihr Arbeitgeber war, wirkte meist mürrisch und unfreundlich. Außerdem wusste und konnte er alles besser und war selten mit Neves Arbeit zufrieden.

Marvyn schüttelte den Kopf. »Ach i wo, der ist nur so, wenn er schlecht geschlafen hat. Außerdem muss ich mich mal wieder bei meinen Eltern sehen lassen, denn schließlich bezahlen sie mir mein neues Studium.«

»Du hast Recht, Marvyn. Wir werden uns schon verstehen«, gab sich Neve zuversichtlich.

»So, jetzt muss ich aber aufstehen. Ich muss noch einiges durcharbeiten, auch wenn mir mein Kopf noch wehtut. Aber dein Vater soll keinen Grund zur Unzufriedenheit haben.«

Neve stand auf und begab sich in die Nasszelle. Kaum war sie verschwunden, öffnete Marvyn die unterste Schublade seines Nachttisches und holte ein Röhrchen mit Pillen hervor. Er nahm eine und streckte sich lächelnd auf dem Bett aus.

*

Am nächsten Abend gingen also Neve und Marvyn zu den Mykkes, die sie zum Abendessen eingeladen hatten. Judta, Marvyn Mutter, öffnete ihnen die Tür und empfing sie. Frau Mykke war, wie ihr Sohn, von dünner Gestalt, ihre Frisur war ebenso schlicht und altmodisch wie ihr Kleid. Sie trug eine Brille, durch die sie Neve streng musterte. Die junge Frau fand Marvyns Mutter auf den ersten Blick nicht sonderlich sympathisch, doch man sollte niemanden nach seinem Äußeren beurteilen.

»Guten Abend, Frau Mykke«, sagte sie deshalb artig.

»Guten Abend«, erwiderte Judta reserviert.

Wesentlich freundlicher begrüßte sie ihren Sohn. »Hallöchen, Marvyn. Kommt herein, das Essen ist bald fertig.«

»Ja, Mama, ist gut.«

Neve übergab Frau Mykke einen Blumenstrauß, den sie ihr als Geschenk zugedacht hatte. »Für Sie, Frau Mykke, ich hoffe er gefällt ihnen.«

Judta betrachtete die Blumen mit versteinerter Miene. »Was das kostet! Für so etwas sollten Sie kein Geld ausgeben. Ich habe meinen Sohn zu strengster Sparsamkeit erzogen. Ich wünsche nicht, dass er so viel Geld ausgibt.«

Neve wollte entgegnen, dass sie und nicht ihr Sohn die Blumen bezahlt hatte, hielt es aber für besser zu schweigen.

»Wollt ihr nicht endlich reinkommen? Ich muss mich ums Essen kümmern«, sagte Judta unfreundlich.

»Tretet euch aber die Schuhe ab!«, verlangte sie außerdem.

»Ja, Mama«, sagte Marvyn nur und trat sich artig die Schuhe ab.

Auch Neve benutzte die Fußmatte ausgiebig. Sie fragte sich, wieso die Mykke keine technische Matte besaß, welche automatisch die Schuhsolen säuberte, sobald man sich draufstellte.

Das kann ja ein toller Abend werden, dachte sie konsterniert.

Frau Mykke begab sich in die Küche, während Marvyn Neve ins Wohnzimmer führte.

»Das ist die Wohnung meiner Eltern«, sagte er geistreich.

Im Wohnraum thronte, gleich einem mittelalterlichen König, Diethar Mykke in einem großen Sessel. Es war ein Sessel aus Holz und Leder. Formenergiesessel waren den Mykkes zu teuer in der Anschaffung und Unterhalt.

Mykkes rotes, fleischiges Gesicht wurde von einem Schnurrbart verziert. Unter seinen Augen befand sich eine ganze Ansammlung von Tränensäcken und Falten. Mykkes Oberhemd schien jeden Moment von seinem gewaltigen Bierbauch gesprengt zu werden. Er war das krasse Gegenteil seines fast magersüchtig wirkenden Sohnes. Missmutig betrachtete Diethar die Besucher.

»Hallo Marvyn«, begrüßte er seinen Sohn, der artig zurückgrüßte.

»Guten Abend, Herr Mykke«, grüßte auch Neve ihren Chef, dessen Miene sich noch mehr verfinsterte.

»Tag, Frau Prometh. Haben Sie die Papiere fertig gemacht, wie ich es angeordnet hatte?«, fragte er in arrogantem Tonfall.

Auf diese Frage war Neve vorbereitet. »Ja, Herr Mykke. Ich habe alles vollständig erledigt«, antwortete sie wahrheitsgetreu.

»Gut, dann geben Sie sie mir mal«, verlangte Mykke.

Jetzt war Neve doch überrascht. »Ich habe sie nicht dabei. Ich dachte, dass hätte Zeit bis morgen früh, wenn wir uns im Büro treffen.«

Mykke verzog unwillig sein feistes Gesicht. »Sie haben nicht zu denken, denn Sie sind nur Sekretärin. Das Denken und das Entscheiden übernehme ich, denn ich bin der Chef.«

Neve wollte aufbegehren, doch um Marvyn den Abend nicht zu verderben, gab sie nach. »Ja, Herr Mykke.«

»Na immerhin sind sie einsichtig. Darum will ich Ihren Fehler für heute noch mal entschuldigen.«

Bevor Neve, die zusehends gereizter wurde, etwas erwidern konnte, kam Judta Mykke mit dem Essen herein.

»Zu Tisch bitte! Es gibt Nudelauflauf«, sagte Marvyns Mutter in herrischem Tonfall.

Marvyn hatte sich gerade den Trivid angeschaltet, was seiner Mutter ebenfalls missfiel.

»Lass die Glotze aus! Beim Essen wird nicht geguckt!«, forderte sie ihren Sohn auf.

»Aber Mama...«, wollte Marvyn protestieren.

»Keine Widerrede! Du machst sofort wieder dieses Ding aus.«

»Aber ich wollte doch nur kurz die Sportergebnisse erfahren«, wagte Marvyn zu widersprechen.

»Sport ist nur was für Idioten. Ich gucke nie Sport und treibe auch keinen«, erklärte Diethar Mykke.

Das glaube ich gerne, Dicksack, dachte Neve.

Nachdem Marvyn endlich gehorchte und das Gerät deaktiviert hatte, begab man sich zu Tisch.

Diethar Mykke ließ sich ächzend in den Stuhl fallen, der unter seinem Gewicht gefährlich knirschte.

»Geht es Ihnen gut?«, erkundigte sich Neve höflich.

»Nein, natürlich nicht. Meine Hüfte tut weh, ich muss bald operiert werden und eine neue Hüfte eingesetzt bekommen.«

»Das tut mir leid.«

»Das sollte es auch. Unsere arme Familie ist schon leidgeprüft. Erst starb mein geliebter Schwiegervater Karl-Adolf Braunhauer, dann seine Cousine Inge Bohmar, meine Schwiegermutter Ottilie liegt im Koma und nun erwischt es auch mich. Das Leben kann so ungerecht sein«, jammerte Diethar und füllte sich den Teller voll mit Essen, das er umgehend verschlang.

Neves Mitleid hielt sich in Grenzen. Sie wusste, dass Mykke nicht gerade vor Trauer um seine Schwiegereltern verging und dass er nur zu gerne die Leitung von Inge Bohmars Unternehmen übernommen hatte.

»Ich bin gerne bereit, Sie so gut wie möglich zu unterstützen«, bot sie dennoch an.

Mykke lachte nur. »Das glaube ich gerne. Aber niemand kann die Firma so gut leiten wie ich. Ich kann das nämlich am besten. Ich bin einfach klüger und erfahrener als ihr.«

Dann rutsch mir doch den Buckel runter! dachte Neve wütend.

Diese Mykkes waren so etwas von arrogant und unsympathisch. Sie hatten Marvyn völlig unter Kontrolle, der nur wenig Widerstand leistete.

»Sicher könnte doch Marvyn die Leitung vertretungsweise übernehmen«, schlug sie vor.

»Ja, ich hab zwei Semester Betriebswirtschaft studiert«, stimmte Marvyn zu.

Mykke winkte ab. »Lieber nicht. Wenn ich wirklich nicht mehr kann, übernimmt Judta die Leitung.«

»Aber Mama hat doch keine Ahnung von so was. Sie hat doch bei der TfA nur Post sortiert«, gab Marvyn zu Bedenken.

»Sei nicht so vorlaut«, rügte ihn Judta und war ihm dabei einem giftigen Blick zu.

»Du bist noch viel zu jung. Junge Menschen sind noch keine richtigen Menschen. Erst wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, so wie ich und dein Vater, darf man mitreden.«

Marvyn senkte verlegen den Kopf. »Ja, Mama.«

Neve konnte nicht fassen, wie es in dieser Familie zuging. Sie bezweifelte immer mehr, dass Marvyn der richtige Partner für sie war. Andererseits tat er ihr leid. Er hatte sicher keine leichte Kindheit mit diesen dominierenden Eltern gehabt. Allmählich verstand sie, warum er sich in Drogen flüchtete. Sie durfte ihn jetzt nicht im Stich lassen, sondern musste ihm helfen von seinen Eltern loszukommen und ein eigenes, unabhängiges Leben zu führen.

»Finden Sie das nicht ein bisschen übertrieben, Frau Mykke?«, fragte Neve vorsichtig.

Judta warf ihr einen bitterbösen Blick zu. Neve wurde nun endgültig klar, dass sie Marvyns Eltern nicht an der Seite ihres Sohnes haben wollten.

»Auch Sie sind noch ein junges Mädchen. Sie können das nicht richtig beurteilen. Wichtig ist vor allem zu sparen. Lassen Sie sich das von einer alten, erfahrenen Frau gesagt sein.«

Bevor Neve etwas entgegnen konnte, wechselte Frau Mykke das Thema.

»Hach, mir geht es heute wieder sehr schlecht. Ich habe Kopf und Rückenschmerzen. Das muss wohl das Wetter sein.«

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dachte Neve, die sich dabei an die Braunhauers erinnerte. Diese waren aber wenigstens ab und zu Mitleid erregend, während die Mykkes einfach nur unglaublich arrogant, kalt und selbstherrlich waren.

Den Rest des Abends drehte sich alles nur noch um das Thema Krankheiten. Judta und Diethar erzählten ausführlich von ihren Leiden und denen Ottilie Braunhauers. Und als sie damit fertig waren, berichteten sie über die Leiden und Krankheiten ihrer Freunde und Bekannten. Überhaupt drehten sich alle Gespräche nur um die Mykkes. Niemand fragte nach Neves Interessen. Diese war erleichtert, als sie und Marvyn drei Stunden später gehen durften und die frostige Atmosphäre verließen.

»Seien Sie morgen pünktlich im Büro und bringen Sie die Papiere mit«, gab ihr Diethar Mykke mit auf den Weg.

Später als sie wieder in ihrem Appartement waren, beschloss Neve mit Marvyn ein ernstes Wort zu reden.

»Marvyn, so kann das nicht weitergehen. Deine Eltern beherrschen dich völlig.«

»Was?«, fragte Mykke nur und machte dabei ein entgeistertes Gesicht.

»Du musst dich ihnen gegenüber mehr durchsetzen. Sie haben mich ziemlich unfreundlich behandelt und du hast nichts dagegen gesagt. Das hat mir weggetan«, erklärte Neve lauter als sie beabsichtigt hatte.

Marvyn zuckte zusammen und holte sich eine Zigarette, die er sogleich rauchte.

»Rauschmittel sind keine Lösung. Du musst dich deinen Problemen stellen«, forderte Neve ihn auf.

»Ja«, sagte Marvyn nur.

»Ich bin bereit dir dabei zu helfen, aber auch du musst zu mir stehen, sonst hat unsere Beziehung keine Chance.«

»Joa, ist gut. Nicht böse sein.«

Neve konnte Marvyn wirklich nicht lange böse sein. Er wirkte so sensibel und Mitleid erregend. Sie umarmte ihn.

»Wenn wir zusammenhalten, dann schaffen wir es schon«, meinte sie. Doch irgendwie hatte Neve kein gutes Gefühl für die Zukunft.

 

11. Tauschhandel

Am nächsten Morgen war Neve pünktlich im Büro von Bohmar Inc. Als erstes übergab sie Mykke die gewünschten Papiere, die sie alle vollständig bearbeitet hatte. Diethar musterte sie jedoch nur missmutig und unfreundlich aus seinen Schweinsaugen.

»Was kostet es mich, sie loszuwerden?«, fragte er Neve.

»Wie bitte?«

Die junge Frau glaubte sich verhört zu haben.

»Mir ist klar, dass Sie meinen naiven Sohn nur ausnutzen«, meinte Mykke unfreundlich. »Ihr Vorschlag, Marvyn solle die Leitung von Bohmar Inc. übernehmen, hat mir die Augen über Sie geöffnet. Sie wollen sich an Marvyn heranmachen um somit selbst die Kontrolle über Bohmar Inc. zu bekommen. Doch das wird Ihnen nicht gelingen, ich bin zu schlau für Sie, Prometh.«

Neve war, als habe man ihr ins Gesicht geschlagen. »Das können Sie doch nicht im Ernst glauben! Ich liebe Marvyn und will ihm helfen! Sie und Ihre Frau aber verhalten sich total egoistisch und unterdrücken Ihren Sohn! Wussten Sie, dass Marvyn Drogen nimmt?«

Mykke wirkte erschrocken.

»Er hat vor einem Jahr mal welche genommen, als wir noch in Terrania wohnten. Aber das haben wir ihm ausgetrieben«, räumte Diethar ein.

»Da irren Sie sich. Marvyn leidet unter Ihrer Dominanz, und der Tatsache, dass Sie ihm nichts zutrauen.«

Mykke sah Neve an, als hätte er eine Geistesgestörte vor sich.

»Ich kenne meinen Sohn ja wohl ein bisschen länger als Sie, Sie Flittchen! Wenn er wieder Drogen nimmt, dann sind garantiert Sie daran schuld!« rief er sichtlich ungehalten.

Dann setzte er sich, schwer schnaufend, an seinen Schreibtisch und öffnete eine Schublade aus der er etwas hervorholte. Es handelte sich um ein Scheckbuch.

»Was soll das?« fragte Neve.

»Fragen Sie nicht so dumm. Ich stelle Ihnen einen Scheck über 10.000 Galax aus. Bilden Sie sich nicht ein, dass Sie mehr herausschlagen können. Ich habe Menschenkenntnis! Ich weiß, wie geldgierig solche Weiber wie Sie sind!«

Neve konnte über diesen Mann nur den Kopf schütteln.

»Weiß Ihre Frau, dass Sie so viel Geld ausgeben wollen?«, fragte sie Mykke ironisch.

»Meine Frau hat diesen Vorschlag gemacht. Sie wollte aber nur 5.000 Galax ausgeben. Sie sehen also, dass ich durchaus großzügig bin. Also, nehmen Sie das Geld und lassen Sie meinen Sohn aus Ihren Krallen.«

Neve konnte es nicht glauben. Diese Leute waren noch schlimmer als sie dachte. Erst die Braunhauers und jetzt die Mykkes. Was war das bloß für eine Familie? Kein Wunder, dass Marvyn so geworden war. Trotz erwachte in Neve. Sie wollte diesem eingebildeten Mykke zeigen, dass sie sich von ihm nicht einschüchtern ließ.

»Ich denke gar nicht daran. Ich bin doch nicht Ihre Marionette, die für Sie herumtanzt!«

Mykke glotzte sie missmutig an. »Also gut, ich erhöhe auf 20.000 Galax. Das ist aber mein letztes Angebot.«

Neve wurde wütend. »Sie kapieren es einfach nicht! Es geht mir weder ums Geld, noch um die Firma! Ich möchte nur mit Marvyn eine normale Beziehung führen, sonst nichts! Geht das nicht in Ihren sturen Schädel rein?«

Mykkes Gesicht lief rot an. Neve befürchtete schon, der Mann würde einen Schlaganfall bekommen. Doch dann richtete sich ihr korpulenter Chef schniefend auf und ging drohend auf sie zu. Neve bekam es schon mit der Angst zu tun, als es plötzlich an der Tür klopfte.

Mykke blieb verdutzt stehen und Neve öffnete eilig die Tür. Vor ihr standen zwei junge Männer und eine ältere Frau, die einen seltsamen Eindruck auf sie machten.

Der eine Mann erinnerte sie ein wenig an Marvyn, er war sehr schlank und hoch gewachsen, hatte jedoch längere Haare, die aber dieselbe dunkelblonde Farbe wie Marvyns besaßen. Er trug einen weißen Anzug.

Der andere Mann machte auf Neve einen bedrohlichen Eindruck. Er war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, hatte kurze, rote Haare und sah Neve finster an.

Am absonderlichsten fand Neve jedoch die alte Frau, die zwischen den beiden Männern stand. Sie war extrem hässlich und sah aus wie eine skurrile Gestalt aus einem uralten Horrorfilm. Das Gesicht bestand aus hunderten von Falten und Runzeln. Sie trug einen weiten Pullover und schlabberige Hosen, ihre deformierten, nackten Füße steckten in braunen Sandalen. In ihrer linken Hand hielt sie eine weiße Handtasche und in ihrer rechten eine qualmende, besonders unangenehm riechende Zigarette. Ihre Körperhaltung erinnerte Neve irgendwie an Ottilie Braunhauer.

»Tag, im Vorzimmer war keiner, darum haben wir an diese Tür geklopft. Wir wollen zu Diethar Mykke«, sagte die klein gewachsene Frau mit extrem rauer Stimme.

»Herr Mykke ist hier«, antwortete Neve und ließ die drei herein.

Während der Schwarzgekleidete sie unfreundlich musterte, lächelte der Weißgekleidete ihr freundlich zu. Neve lächelte höflich zurück, obwohl ihr die drei nicht geheuer waren. Die Frau schlurfte auf Diethar Mykke zu, dessen Miene Überraschung und Entsetzen zugleich verriet.

»Tante Dorys! Was willst du denn hier?«, fragte Diethar verblüfft.

»Hallo, Diethar«, begrüßte die Frau Mykke.

»Hi«, sagte auch der Weißgekleidete, während der Schwarzgekleidete schwieg und Diethar unfreundlich musterte.

»Was wollt ihr?«, wollte Mykke wissen.

Die Frau, die von Mykke mit Tante Dorys angesprochen worden war, seufzte laut. »Ich muss mich erst mal hinsetzen. Hast du mal 'nen Stuhl für deine alte Tante?«

Konsterniert deutete Diethar auf einen Sessel, der gegenüber von seinem Schreibtisch stand.

Dorys ließ sich ächzend in diesen Sessel fallen. »Ah, das ist gut.«

»Tante Dorys, was willst du hier?«, fragte Mykke in ungeduldigem Tonfall.

Doch die Frau winkte ab. »Ich brauch' jetzt erst mal 'nen Amaretto.«

»Ich habe keinen Amaretto. Das ist ein Büro und keine Kneipe«, stellte Diethar klar.

»Dann brauch ich erst mal 'nen Kaffee. Mach mir 'nen Kaffee!«, verlangte Dorys herrisch.

Mykke, dem die ständige Musterung der beiden Männer sichtlich unangenehm war, rief Neve herbei und stellte ihr die unerwarteten Besucher vor. »Prometh, dies ist meine Tante Dorys Gheddy mit ihren Söhnen Ian und Charlie. Besorgen Sie für uns alle Kaffee!«

»Für mich nichts«, sagte der Schwarzgekleidete namens Ian mit kratziger, hoher Stimme.

»Für mich bitte mit Zucker«, bat der andere, der Charlie hieß, höflich.

»Sehr wohl, die Herrschaften«, erwiderte Neve und ging ins Vorzimmer, wo sie beim Servo den gewünschten Kaffee bestellte.

Die Besucher waren also Verwandte von Diethar Mykke. Die Frau namens Dorys musste die Schwester von Ottilie Braunhauer sein, daher kam Neve die Art der Frau so bekannt vor. Dem Gesichtsausdruck von Mykke war zu entnehmen, dass er über den Besuch nicht sehr erfreut war. Das freute wiederum Neve. Sie beeilte sich mit dem Kaffee wieder ins Büro zu kommen, da sie neugierig geworden war, was Mykkes Verwandte von ihm wollten. Während sie diesen Ian eher unheimlich fand, war ihr Charlie durchaus sympathisch.

Als Neve mit dem Kaffee ins Büro ging, saßen alle vier am Schreibtisch und schienen nur auf Neve zu warten. Charlie erhob sich galant, während sein Bruder Ian sitzen blieb.

»Vielen Dank, Miss...?«

»Prometh, Neve Prometh«, antwortete Neve lächelnd.

»Ich will meinen Kaffee!«, forderte Dorys Gheddy energisch und schlug dabei mit der rechten Hand auf die Sessellehne. »Und ich brauch 'ne Zigarette.«

»Aber du hast doch erst gerade eben eine geraucht, Mama«, gab Charlie zu bedenken.

»Ich brauch noch eine! Gib mir eine!«, verlangte Dorys.

»Gib ihr eine!« befahl Ian seinem jüngeren Bruder.

Charlie zuckte mit den Schultern. »Na schön. Wie du willst, Mama.«

Charlie wollte seiner Mutter einer Zigarette aus einer Packung reichen, doch die alte Frau nahm sich gleich die ganze Schachtel. Sofort zündete sie sich eine Zigarette an, die sie genüsslich schmauchte. Zwischendurch schlürfte sie laut ihren Kaffee.

Diethar Mykke verdrehte die Augen und wurde ungeduldig.

»Könnten wir endlich mal zur Sache kommen? Wieso seid ihr den weiten Weg von Terrania hierher nach Mankind gekommen?« wollte er wissen.

»Das wird dir Mutter gleich sagen«, verkündete Ian mit drohendem Unterton.

Mykke wurde auf Neve aufmerksam.

»Danke, Prometh, Sie können gehen«, forderte er sie unhöflich auf.

»Ich möchte, dass sie bleibt. Für das, was wir mit dir zu besprechen haben, hätten wir gerne Zeugen«, warf Charlie Gheddy ein.

Dorys sah Neve an und entblößte ihre gelben Zähne, die mit vielen braunen Löchern versehen waren.

»Ja, Charlie hat Recht. Das Mädchen soll bleiben«, verlangte auch sie.

Mykke gab widerwillig nach. »Also bitte, bleiben Sie und notieren Sie alles.«

Neve lächelte Charlie zu, der ihr immer sympathischer wurde, und nahm mit einem Aufzeichnungsgerät Platz.

Mykke lehnte sich weit in seinen Sessel zurück. »Also, was ist nun? Raus mit der Sprache.«

Dorys Gheddy leerte schlürfend ihre Kaffeetasse, nahm noch einen Zug von ihrer Zigarette und ergriff das Wort.

»Ich bin Ottilies Schwester«, sagte sie bedeutungsvoll.

»Das ist mir bekannt«, entgegnete Mykke unbeeindruckt.

»Das heißt, ich bin ihre nächste Verwandte und somit bin ich ihr Vormund, solange sie krank ist. Darum werde ich Bohmar Inc. ab jetzt leiten.«

Mykke, der gerade einen Schluck Kaffee zu sich genommen hatte, spie ihn sofort wieder aus. »Das ist ja wohl ein Witz!«

»Durchaus nicht. Wir übernehmen ab jetzt die Leitung der Firma«, stellte Ian Gheddy klar.

»Wir danken dir und Judta für eure spontane Hilfe und euren humanitären Einsatz«, fügte Charlie hinzu. »Wir wollen euch nun diese schwere Last von euren Schultern nehmen. Wir werden uns auch um die Pflege von Tante Ottilie kümmern, sollte dies nötig sein.«

Mykke wurde ruhiger. Er sah die Gheddys kalt an.

»Nö«, sagte er nur.

»Was?«, fragte Dorys.

»Ich sagte: Nein«, verkündete Mykke bestimmt. »Ich werde die Firma, die Tante Inge jahrelang in mühsamer Arbeit aufgebaut hat und die meiner Schwiegermutter Ottilie als Bevollmächtigte zusteht, nicht einfach an eine Bande von Asozialen übergeben. Ich wiederum bin der Bevollmächtigte von Ottilie und werde darüber wachen, dass ihr niemand ihr Erbe streitig macht!«

»Was fällt dir ein uns zu beleidigen, du mieser Fettsack!«, protestierte Dorys wütend. »Ich und meine Schwester sowie ihr Mann Karl-Adolf standen uns sehr nahe!«

Diethar lachte höhnisch. »Ja, so nahe, dass mein Schwiegervater dir, bei eurem letzten Zusammentreffen ein Glas Bier über den Kopf gegossen hat.«

Dorys erhob sich ächzend aus ihrem Sessel und fuchtelte wild mit den Armen umher. »Das war doch bloß ein Missverständnis. Mir ging Karl-Adolfs Tod sehr nahe. Darum sind wir hergekommen. Wir wollen meine Schwester vor euch kaltherzigen, geldgeilen Mykkes beschützen. Also, übergib die Firma an uns, Neffe!«

Diethar schüttelte stur den Kopf. »Nö. Ich schalte einen Anwalt ein. Dann werden wir ja sehen, wer im Recht ist. Prozessiert ruhig. Wenn es nötig sein sollte, gehe ich bis vor das höchste Gericht.«

Jetzt erhoben sich auch Dorys Söhne. Ian ging drohend auf Diethar zu.

»Das wird dir noch leidtun«, sagte er zischend.

Doch Diethar blieb unbeeindruckt. »Raus mit euch oder ich lasse euch vom Sicherheitsdienst entfernen.«

»Kommt wir gehen, Kinder. Ich brauch jetzt 'nen Bier und 'nen Amaretto«, sagte Dorys und schlurfte zum Ausgang. »Ian, sein ein lieber Bub und hark dich bei mir unter«, verlangte sie von ihrem älteren Sohn, der widerwillig dieser Aufforderung nachkam.

Charlie verabschiedete sich noch von Neve. »Vielen Dank für Ihren Kaffee, Miss Prometh. Er war köstlich«, sagte er lächelnd.

Neve lächelte zurück. Sie fand Charlie, im Gegensatz zu seiner Mutter und seinem Bruder, durchaus sympathisch. »Danke, Mister Gheddy«

»Komm, Charlie, ich will jetzt mein Bier!«, blökte Dorys dazwischen.

Charlie verdrehte die Augen und begleitete seine Mutter und seinen Bruder hinaus.

Neve sah ihm nach. Sie war überzeugt, die Gheddys wieder zu sehen, denn sie war der Meinung, dass diese nicht nachgeben würden. Wahrscheinlich würde es zu einem Machtkampf um Bohmar Inc. kommen. Was war das nur für eine unglaubliche Familie! Erst die Braunhauers, dann die Mykkes und nun dies.

Diethar Mykke riss Neve unsanft aus ihren Überlegungen.

»Prometh, machen Sie mir eine Verbindung mit meinem Anwalt!«, befahl er. »Wenn die glauben, ein Diethar Mykke räumt kampflos das Feld, haben die sich geschnitten!«

 

12. Eine glückliche Familie

Zufrieden saß der Marquês am Schreibtisch seines Arbeitszimmers und studierte die Medienberichte, die ihm Diabolo zusammengestellt hatte. Sämtliche Verlage und Sender reagierten nach wie vor positiv auf die vermeintliche Adoption der Klone. Die Geschichte, die man den Medien präsentiert hatte, schien glaubwürdig zu sein. Außerdem war der Marquês so beliebt, das man ihm das Glück gönnte und gar nicht erst unangenehme Fragen stellte.

Die attraktive Stephanie und der charismatische Orlando waren schnell zu Medienlieblingen geworden und besonders Stephanie verstand es auch sich gut zu verkaufen.

Brettany wurde langsam an die Medien herangeführt. Sie war das Nesthäkchen der Familie und entweder mochten sie alle oder man schenkte ihr weniger Beachtung.

Sorgen bereitete Don Philippe allerdings Peter III. Er musste erst für den Umgang mit den Medien geschult werden. Diabolo hatte dies übernommen. Besonders wichtig war es, Peters Temperament und seinen Jähzorn zu zügeln, bevor man ihn auf die Allgemeinheit los ließ. Kaum hatte der Marquês an seinen Adoptivsohn gedacht, trat er auch schon, in Begleitung von Diabolo und seinem Bruder Orly, herein.

»Ah, mein lieber Peter. Was macht dein Unterricht?« erkundigte sich der alte Spanier interessiert.

»Nun ja, wir machen Fortschritte«, erklärte Diabolo bedächtig.

Orly konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Er ist schon viel ruhiger als heute Morgen«, erklärte er mit einem Schmunzeln.

Peter winkte ab. »Das ist doch alles Zeitverschwendung! Ich will endlich General werden und die Truppen kommandieren. Und ich möchte, dass du mir eine Leibgarde stellst, die nur meinem Kommando untersteht!« forderte der blasse junge Mann von seinem »Vater«.

Das musste der Marquês erst einmal verdauen. »Eine Leibgarde? Wie stellst du dir das vor? Ich sagte dir doch schon, dass ich kein absolutistischer Herrscher bin, sondern dem Parlament und dem Paxus-Rat Rechenschaft ablegen muss. Besonders wenn es um finanzielle Dinge geht, sind die Menschen heutzutage sehr empfindlich. Dir eine Garde aus Steuergeldern zu bewilligen, ohne dass du ein öffentliches Amt bekleidest, ist völlig undenkbar.«

»Dann heuere eine Söldnertruppe an, die nur uns untersteht und die wir bezahlen«, schlug Peter vor.

»Söldner? Wie sieht das denn aus? Ich bin doch kein Gangsterboss! Ausgeschlossen, Peter. Das würde uns schlechte Publicity bringen«

»Ach Quatsch! Jeder, der was sich auf sich hält, hat heute Leibwächter. Gerade du als Paxus-Rat brauchst Schutz.«

»Das ist gar nicht mal so abwegig, Marquês«, pflichtete Diabolo Peter bei. »Ich wollte Ihnen auch schon vorschlagen, einen Security Guard, wie sich das heutzutage nennt, einzurichten.«

Don Philippe runzelte seine faltige Stirn. »Ein Sicherheitsdienst? Nun das hört sich schon besser an. Ich werde darüber nachdenken.«

»Warum kannst du nicht gleich entscheiden?«, drängelte Peter ungeduldig.

Bevor der Marquês antworten konnte, summte sein Visiphon.

»Moment, ein Anruf für mich«, sagte er und schaltete das Gerät ein. Das Gesicht eines Flottenoffziers erschien.

»Marquês, die LEIF ERICSON befindet sich im Anflug auf Mankind«, berichtete er. »Perry Rhodan ist an Bord und möchte mit Ihnen sprechen.«

Die Miene des Marquês hellte sich auf. »Perry Rhodan? Verbinden Sie mich sofort mit ihm.«

Kurz darauf erschien das Gesicht des Unsterblichen auf dem Bildschirm. Während der Marquês sehr erfreut war, starrte Peter missmutig auf den Monitor.

»Perry Rhodan, welche Ehre Sie zu sehen!«, begrüßte ihn der alte Spanier.

»Die Ehre ist ganz meinerseits, Marquês«, erwiderte Rhodan freundlich.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Don Philippe gespannt.

»Ich möchte Sie bitten, eine Sondersitzung des Paxus-Rates einzuberufen. Ich will mit den Regenten über die Zukunft von Cartwheel sprechen.«

ENDE

 

 

Die Familie der de la Siniestros und der Braunhauers haben gewaltigen Zuwachs in Cartwheel bekommen. Mehr über diese Familien wird man im kommenden Band erfahren. Doch hauptsächlich geht es um die Gefahren durch Shornes Genexperimente.

MUTANTENKRIESE ist der Titel von Band 44 und stammt von Ralf König und Nils Hirseland.

 

 

 

Kommentar

Familienzuwachs

Einen unverhofften Familienzuwachs feierte der Spanier und Marquês Don Philipe de la Siniestro. Der Industriemagnat Michael Shorne hat aus dem genetischen Material des Spaniers vier Ableger geklont. Zwei Männer und zwei Frauen, die so gesehen durchaus die Kinder des Marquês sind. Die Öffentlichkeit darf dies jedoch nicht wissen. Klonen ist offiziell verboten. Trotz der wissenschaftlichen Fähigkeiten sind hier Grenzen der Ethik strikt aufgezeigt. Offiziell sind die vier Kinder aus Spanien also adoptiert, nachdem ihre Eltern ums Leben gekommen waren. Schnell war eine halbwegs glaubwürdige Geschichte konstruiert worden und die Bevölkerung schenkt dieser Version breitwillig und allzu gerne ihren Glauben.

De la Siniestro hat also seine Dynastie bereits gesichert. Er ist im hohen Alter und ewig werden die medizinischen Tricks der modernen Gesellschaft ihm auch nicht weiterhelfen können. Wir wissen nur zu gut, dass auch die beliebten Arkoniden Crest und Thora ohne Zelldusche und Zellaktivator nicht ewig leben durften.

So wird es wohl auch bald dem Marquês de la Siniestro ergehen, der strikt auf die 90 zugeht – für einen Mann aus dem 18. Jahrhundert eher ungewöhnlich.

Was von ihm bleiben wird, sind seine Klonkinder. Doch so einfach wird es in einer Demokratie nicht funktionieren. Weder Orlando, Brettany, Stephanie noch Peter können einfach so die politische Nachfolge antreten, ohne gewählt zu werden. Hier ist bereits für Zündstoff zu seinen Lebzeiten gesorgt. Während Orlando und Brettany recht seriös wirken, scheinen Stephanie und Peter nicht ganz richtig zu ticken. Alle vier Kinder sehen sich als Kinder des Regenten des Terrablocks und werden damit auch mit anderen anecken.

Wir dürfen gespannt sein, wie die Sippe der de la Siniestros sich in Cartwheel weiterentwickelt.

Nils Hirseland

 

 

GLOSSAR

Orlando de la Siniestro

Der älteste Klonsohn des Marquês Don Philippe de la Siniestro.

Geboren: 1298 NGZ (genetisches Alter: 25)

Geburtsort: Mankind

Größe: 1,82 Meter

Gewicht: 78 kg

Augenfarbe: blau

Haarfarbe: dunkelblond

Bemerkungen: schlank, sportlich, stattlich, mittellange gelockte Haare, markante Ausstrahlung, hohes Ehrgefühl, intelligent und tapfer.

Orlando »Orly« ist, wie seine Geschwister, aus Genmaterial des Marquês von Siniestro erstellt worden. Bei ihm läuft das Klonen beim ersten Mal perfekt. Ihm wird eine künstliche Erinnerung an eine fiktive Familie implantiert, die bei einem Brand ums Leben gekommen ist. Deshalb werden er und seine drei Geschwister von dem Marquês adoptiert.

Orlando ist der »älteste« der Geschwister und damit das Oberhaupt der Vier. Er ist sehr verantwortungsbewusst und besitzt ein großes Ehrgefühl.

Stephanie de la Siniestro

Klontochter des Marquês Don Philippe de la Siniestro.

Geboren: 1298 NGZ (genetisches Alter: 20)

Geburtsort: Mankind

Größe: 1,68 Meter

Gewicht: 60 kg

Augenfarbe: blau

Haarfarbe: dunkelblond

Bemerkungen: schlank, sehr attraktiv, rechthaberisch, gierig, machthungrig, will immer im Mittelpunkt stehen, sehr gute Rednerin, treu ihrem Vater ergeben.

Stephanie wurde ebenfalls, wie ihr Bruder Peter III, aus Genmaterial des Marquês von Siniestro erstellt. Bei ihr lief alles beim ersten Mal perfekt. Eine wunderschöne junge Frau mit großer Intelligenz wurde erschaffen. Ihr wurde eine künstliche Erinnerung an eine fiktive Familie implantiert, die bei einem Brand ums Leben kam. Deshalb wurden sie und ihr Bruder von dem Marquês adoptiert.

Peter de la Siniestro

Der zweite Klonsohn des Marquês Don Philippe de la Siniestro.

Geboren: 1298 NGZ (genetisches Alter: 20)

Geburtsort: Mankind

Größe: 1,70 Meter

Gewicht: 64 kg

Augenfarbe: grau

Haarfarbe: weißblond

Bemerkungen: schlank, pockiges Gesicht, ab und an Haarausfall, bleich, kann kein Blut sehen, Soldatenfetischist, jähzornig, Gemüt eines Kindes, rechthaberisch.

Peter III wurde von dem Genmaterial des Marquês in der Klonfabrik von SHORNE INDUSTRY gezüchtet. Er ist der dritte Versuch. Die anderen beiden waren nicht lebensfähig. Ihm wurde eine falsche Erinnerung implantiert, so dass er Sohn eines Reichen Unternehmers war, der jedoch bei einem Unfall starb. Der Marquês ist der Adoptivvater und Peter III hat großen Respekt vor ihm. Er bewundert ihn und will ihm in allen Belangen nacheifern, doch vor allem will er der größte Feldherr in der Geschichte der Menschheit werden.

Brettany de la Siniestro

Die zweite Klontochter des Marquês Don Philippe de la Siniestro. Brettany de la Siniestro.

Geboren: 1298 NGZ (genetisches Alter: 19)

Geburtsort: Mankind

Größe: 1,66 Meter

Gewicht: 61 kg

Augenfarbe: blau

Haarfarbe: blond

Bemerkungen: schlank, natürliche Schönheit, tiefe blaue Augen, ein herzliches und warmes Lächeln, liebevoll, verständnisvoll, aber auch etwas zu gutmütig und naiv, liebt ihren Vater und ihre Geschwister aufrichtig.

Brettany wurde ebenfalls, wie ihr Bruder Peter III, aus Genmaterial des Marquês von Siniestro erstellt. Bei ihr lief alles beim ersten Mal perfekt. Ihr wurde eine künstliche Erinnerung an eine fiktive Familie implantiert, die bei einem Brand ums Leben kam. Deshalb wurden sie und ihre Geschwister von dem Marquês adoptiert.

Im Gegensatz zu Stephanie und Peter ist sie sehr sanftmütig und gutherzig, aber auch leichtgläubig. Sie wird von ihrer Schwester oft ausgenutzt oder gedemütigt.


Die DORGON-Serie ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUB e. V.  —  Copyright © 1999-2015

Internet: www.proc.org & www.dorgon.netE-Mail: proc@proc.org

Postanschrift: PROC e. V.; z. Hd. Nils Hirseland; Redder 15; D-23730 Sierksdorf

— Special-Edition Band 43, veröffentlicht am 23.10.2015 —

Titelillustration: Klaus G. SchimanskiLektorat: Jürgen Freier und Jürgen SeelDigitale Formate: Jürgen Seel