Band 27

M100-Zyklus

 

Die estartische Föderation

Der Adler greift nach Siom Som

 

Aki Alexandra Nofftz & Ralf König

 

Was bisher geschah

Im August 1292 NGZ befindet sich eine Expeditionsraumflotte von zehn Raumschiffen der LFT, der estartischen Föderation und Saggittors in der Galaxie M100, der Heimat des Sternenreiches Dorgon.

Nachdem die Dorgonen über Jahre hinweg die galaktische Terrororganisation Mordred unterstützt haben, befürchten die Terraner aber auch die Saggittonen, eine mögliche Invasion der Dorgonen in der Milchstraße und vielleicht auch Saggittor.

So sind zehn Raumschiffe unter der Leitung des saggittonischen Kanzlers Aurec und des LFT-Ministers für Außenpolitik Julian Tifflor, um die wahren Pläne der Dorgonen zu erfahren. Sie haben erste Erkenntnisse über das Imperium gesammelt. Derweil ist der Somer Sam in seine Heimatgalaxie SIOM SOM aufgebrochen, um nach Verbündeten gegen die Dorgonen zu suchen. Er kehrt zurück in DIE ESTARTISCHE
FÖDERATION …

Hauptpersonen

Sam – Der Somer kehrt zurück.

Will Dean – Begleiter von Sruel Allok Mok.

Salaam Siin – Ein alter Bekannter.

Eravar – Ein mächtiger Elfahder

Tiraz – Der korrupte Somer treibt doppeltes Spiel.

 

 

 

1. Ankunft in Som

Es war dem 400 Meter durchmessenden Raumschiff SIOM SOM tatsächlich gelungen, durch das dorgonische Sternenportal zu entkommen, um nach Saggittor zu gelangen. Die Dorgonen schienen sich noch nicht an die Tatsache gewöhnt zu haben, dass jemand ihr Sternenportal nutzen könnte. Von Saggittor aus, vollzog die SIOM SOM einen zweiten Flug durch das Sternenportal und landete in Siom Som, nahe des Planeten Som-Ussad. Von dort ging die Reise zur Heimatwelt des Somers Sruel Allok Mok, von allen nur Sam genannt, weiter.

»Das ist also deine Heimat«, meinte Will Dean.

»Ja, Siom Som, das Herz der estartischen Föderation«, sagte Sam bedächtig und war bereit, dem Terraner eine kleine Geschichtsstunde zu geben. Nachdem die Enerpsi-Energie und die estartischen Wunder versagt hatten und der Kult der Ewigen Krieger zusammengebrochen war, waren viele Völker in die Primitivität zurück gefallen und hatten Kriege gegeneinander geführt.

»In der direkten Zeit nach dem Zusammenbruch gab es kleinere Hilfen der Galaktiker mit Linear- und Metagrav-Triebwerken, um den Völkern die Raumfahrt weiterhin zu ermöglichen. Man beschränkte sich jedoch nur auf die wichtigsten Völker. Die Somer, Elfahder und Ophaler bildeten einen losen Bund, um Ordnung in die Galaxis zu bringen. Die Pterus und Animateuere wurden geächtet und gemieden. Sie erhielten komplettes Lebensverbot in Siom-Som, Erendyra und Absantha-Shad und Absantha-Gom. So siedelten sich die Geächteten in Trovenoor an«, erzählte Sam aus der estartischen Historie.

»Etwas mehr als einhundert Jahre hielt der Dreierbund, ohne wirklich Not und Elend zu besiegen. ESTARTU meldete sich nicht und gab ihnen so auch keine Hoffnung. Von 512 NGZ bis 890 NGZ gab es einen großen intergalaktischen Krieg zwischen den Somern und Elfahdern. Im Laufe dieser Zeit begehrten auch die Pterus wieder auf und die Anhänger des Upanishad wollten ihre Macht zurück gewinnen. 890 NGZ waren alle Armeen besiegt und keiner hatte gewonnen. Die Völker hatten den Krieg satt. Das estartische Reich war zerbrochen. Von den einst zwölf Galaxien waren im Laufe der Jahrhunderte nur noch fünf übrig, die miteinander Kontakt hielten.«

Viel Bedauern lag in der Stimme des Somers. Es musste eine dunkle Zeit für die Estarten gewesen sein.

»Die Somer, Elfahder, Ophaler und Pterus einigten sich schließlich ein neues, föderalistisches Reich ESTARTU zu gründen. Fünf Galaxien, Siom-Som, Absantha-Gom, Absantha-Shad, Erendyra und Trovenoor sollten die Föderation bilden. Som sollte die Hauptwelt werden und im Laufe von zweihundert Jahren gelang es tatsächlich den Wesen eine Republik in Wohlstand aufzubauen. ESTARTU meldete sich und lobte ihre Völker für diese Entscheidungen.«

Nun klang der Somer schon wieder fröhlicher.

»Seitdem sind die fünf estartischen Galaxien eine starke, friedliche Republik geworden. Der Kontakt zu den Völkern der anderen Galaxien wurde ab dem Jahre 1023 NGZ wieder aufgenommen, ohne größere Erfolge. Einige sind lose assoziiert, andere haben einen Weg ohne ESTARTU und ihre einstigen Bündnisbrüder gewählt.«

»Eine bewegte Geschichte«, meinte Dean. Die SIOM SOM ging auf Überlichtflug. Ihr Ziel war Sams Heimat Som.

*

»Som«, sagte Sam. Aber es war nicht einfach nur ein Wort. Viel mehr schien es so, als wollte er seine Sehnsüchte, nach Hause zu kommen, in diesen Namen legen zu wollen. Da war zunächst das summende S, danach das leicht gurgelnde, langgezogene O und am Ende das M, das den Schnabel in Vibration versetzte.

Will Dean blickte zu ihm herab. Mit leuchtenden Augen schien der Somer das Abbild des Holos in sich aufsaugen zu wollen, das seinen Heimatplaneten zeigte. Er überschlug im Kopf, dass es sicherlich schon fast drei Jahre her waren, seit der Somer das letzte Mal in Siom Som gewesen war.

»Viel zu lange war ich nicht mehr hier«, wandte sich Sam nun Will zu. Dean schwieg. Er hielt es für das beste, sich nicht in Sams Erinnerungen einzumischen. Die SIOM SOM senkte sich langsam durch die Wolkendecke des Planeten. Eine langgezogene Ebene und eine Steilküste wanderten in den Holokubus.

»Das Srurul«, hauchte Sam ergriffen. »Dort bin ich früher oft gewesen, um meine Gedanken zu ordnen und Rat zu suchen. Du weißt gar nicht, was für ein Gefühl es ist, dort auf der Klippe zu stehen, die Arme auszubreiten und zu spüren, wie der kalte Meereswind durch deine Federn streicht...«

Hinter dem verhältnismäßig kleinen Ozean kam Dschungel ins Blickfeld. Will fiel auf, das die Landschaft Soms sehr schroff und doch weich war. Ihm drängte sich der Vergleich mit einem Vulkan auf.

»Die Heldenfriedhöfe«, rief der Somer begeistert. »Hier liegen die Großen unseres Volkes.

Er berichtete wieder einige Geschichten aus der Vergangenheit der Somer, doch Dean hörte kaum hin. Mit seinen Gedanken war er immer noch in Dorgon. Die Macht dieses Imperiums schien ebenso groß wie das Selbstbewusstsein seiner Bürger zu sein.

»Glaubst du«, wendete er sich schließlich an den Somer, »dass die Bewohner Estartus uns gegen Dorgon unterstützen werden? Ich meine, bisher hat man hier nichts von ihnen gehört und...«

Sam stockte in seinem Bericht. »Natürlich wird man uns helfen!« Wie zur Stärkung seiner Argumentation stellten sich seine Kopffedern auf.

Will konnte nur mühsam ein Lächeln unterdrücken, denn die kleine gefiederte Kreatur erinnerte ihn in dieser Bewegung an einen Vogel, der gerade abheben und davonfliegen wollte.

Er seufzte tief. »Hoffentlich hast du recht.«

Der Somer wollte etwas sagen, stockte allerdings und sah auf. Die SIOM SOM war gerade gelandet. Auf dem Landeplatz hatte sich bereits ein Empfangskomitee gesammelt.

»Salaam Siin«, fiepte Sam. »Der berühmte Ophaler. Hier!«

Er fuhr herum und huschte so schnell in Richtung Schleuse, dass Dean Mühe hatte, ihm zu folgen.

Eigentlich hatte Will Dean schon in der Schule und erst recht später in der TLD-Agentenausbildung von den Ophalern mit ihren psionischen Gesängen gehört. Jedoch musste er zugeben, dass er sich eigentlich nichts darunter voll stellen konnte.

Dies änderte sich heute.

Gebannt lauschte er die wiegenden Gesänge, mit denen Salaam Siin und einige Ophaler Sam und ihn auf Som empfing. Er konnte förmlich spüren, wie die sanften Klänge, die man weniger hörte als vielmehr spürte, in ihn eindrangen, ihn gefangen nahmen, ihn in eine andere Welt führten. Er ging nicht, er gleitete umher, unfähig, die Augen, die er unwillkürlich geschlossen hatte, zu öffnen oder auch nur eine willentliche Bewegung zu unternehmen. Und doch bewegte er sich, schwebte im Takt des Gesanges, der kein Gesang war, sondern viel mehr. Eine Sinfonie der Sterne. Der Klang des Lebens. Die Musik der...

Urplötzlich war Stille. Will riss die Augen auf und blickte irritiert um sich. Was war los? Wo waren die Sphärenklänge? Was machte er hier? Erst langsam erinnerte er sich daran, dass er hier auf dem Raumhafen von Som stand. Den Somer Sruel Allok Mok an seiner Seite, und den Meistersänger Salaam Siin vor sich.

Sam trat einen Schritt vor. Das dumpfe, brutale Tappen, das seine Schritte auf dem Metallplastik des Raumhafens erzeugten, kam Dean wie eine akustische Beleidigung vor.

»Vielen Dank für diesen freundlichen Empfang, Salaam Siin«, begann Sam. Seine Stimme war ungewohnt leise, fast flüsternd. »Ich freue mich, wieder in meiner Heimat zu sein. Doch wie ich bereits über Funk mitgeteilt habe, ist dieser Besuch nicht froher Natur. Eine fürchterliche Bedrohung schwebt über den Mächtigkeitsballungen von ESTARTU und ES.«

»Ich weiß«, klang es sanft aus dem Rüssel des Ophalers. »Doch lassen Sie uns nicht direkt mit solch unangenehmen Nachrichten beginnen. Schauen Sie sich lieber erst einmal Ihre Gästesuite an, machen Sie sich frisch und dann kommen Sie zu dem Festbankett, das wir Ihnen zu Ehren halten werden.« Der Rüssel schwang in Wills Richtung. »Diese Einladung gilt auch dir, Terraner...«

»Will«, entgegnete der Afroterraner schnell. »Nenne mich Will Dean.«

»Nun gut, Will. Seid herzlich auf Som willkommen.«

Zwei der Tentakel, die in sechs Paaren den tonnenförmigen Leib des Ophalers umgaben, hoben sich und winken zwei Gestalten heran. Will stutzte. Zuerst hatte er die in allen Spektralfarben schimmernden, entfernt eiförmigen Gestalten für spezielle Effekte oder Trugbilder des psionischen Gesanges gehalten, aber jetzt?

»Sam... ?«

Der Somer verstand sofort. »Das sind Ghaarts. Eine Art Überbleibsel der Ewigen Krieger. Nachdem die Sothos besiegt waren, fanden sich viele Pterus nicht mit der neuen Situation ab. Viele trauerten dem permanenten Konflikt nach. Wer weiß, was in ihren geschuppten Schädeln vorging, als ihr gesamtes Weltbild zerbrach? Auf jeden Fall nahmen viele die Schuld auf sich, die ihre entarteten Brüder über viele Intelligenzen gebracht hatten. Sie nannten sich Ghaarts. Das ist Sothalk und bedeutet soviel wie Schattenkämpfer. Sie begannen, spezielle Prallfeldgeneratoren zu tragen, die – natürlich symbolisch – verhindern sollten, dass sie Hand an ein Lebewesen legen konnten. Ferner verdichten die Prallfelder die Luftmoleküle derart, dass eine Lichtbrechung auftritt und niemand die Verfluchten erkennen kann. Angeblich sollen sie aber drinnen völlig normal sehen können. Es gibt auch gemäßigte Pterus, aber auch noch Extremisten, die weiterhin nach der Lehre des Upanishad leben.«

Will beobachtete die Ghaarts beim Näherkommen. Ja, sie schienen tatsächlich gut sehen zu können, so, wie sie den Umstehenden auswichen. Nur etwas war noch unklar.

»Aber wenn sie so bußeifrig sind, was machen sie dann hier?«

Sam lächelte. »Natürlich blieb es nicht dabei. Schnell sehnten sich die Ghaarts trotz Gelübde – wenn man es mal so nennen will – nach Kampf. So ließen sie sich als Söldner oder Leibwächter anheuern. Als sehr pflichtbewusste und zuverlässige Leibwächter sogar. Auch hier beim Rat von Estartu sind einige tätig.«

»Aha«, machte Will. Trotz, oder gerade wegen der Erläuterungen Sams waren ihm die Gestalten ganz und gar nicht geheuer. Er hatte Abbildungen der Pterus gesehen. Für ihn waren die Echsenwesen sehr nahe Verwandte des terranischen Urzeittiers Tyrannosaurus Rex, und der war ihm auch nicht sonderlich sympathisch.

Er versuchte, möglichst viel Abstand zu dem Schimmern zu halten. Wer wusste denn schon, was die Ghaarts wirklich darunter verbargen? IV-Schirme? Waffen?

Will ballte die Fäuste. Was war denn mit ihm los? Ihm, dem TLD-Agenten! Er, der in der BASIS und an andern Orten erfolgreich gegen die Schergen der Mordred gekämpft hatte!

Völlig überraschend blieben die Ghaarts stehen. Will stockte das Herz, denn beinahe wäre er gegen sie geprallt. Einer der Ghaarts wendete sich ihm zu und zeigte auf eine Tür.

»Ihre Behausung«, brummte eine tiefe, dumpfe Stimme aus dem Prallfeld hervor. »Das Bankett beginnt in vier Stunden.«

Ohne weitere Worte schritten die Ghaarts weiter, als wäre nichts geschehen.

Will schüttelte den Kopf und öffnete die Tür. Es gab schon merkwürdige Kreaturen.

Das Apartment erwies sich als groß und ausgesprochen luxuriös. Um die Besprechungen nicht unnötig zu erschweren, hatten Will und Sam um eine gemeinsame Unterkunft gebeten. Um einen großen Gemeinschaftraum gruppierten sich Schlaf- und Sanitärraume, die sowohl für Somer als auch für Terraner eingerichtet waren.

»Perfekt«, freute sich Will, nachdem er alles begutachtet hatte.

»Freut mich«, sang Salaam Siin von der Tür her. »Wir sehen uns dann heute Abend.«

Nachdem die Tür geschlossen war, ließ sich Will mit sichtlichem Behagen in einen Sessel sinken.

»Ich erkenne«, teilte er Sam mit, »dass Somer und Menschen sehr ähnliche Ansichten von Bequemlichkeit haben.«

Sam lachte. »Nein. Dieser Sessel steht nur deinetwegen da!«

 

2. Das Festessen

Will hatte gehofft, dass Salaam Siin an diesem Abend beim Essen noch einmal einen Eindruck seines Könnens geben würde, doch leider entpuppte sich das Bankett als ausgesprochen langweilig. Schließlich schaffte er es, den allgegenwärtigen Höflichkeitsfloskeln zu entgehen, indem er vorgab, »sich etwas die Füße vertreten zu müssen«.

Er erntete zwar einen bösen Blick Sams, doch dann war er erlöst. Kaum außerhalb des Raumes, beschloss er, sich etwas im Regierungszentrum umzusehen.

Völlig überwältigt schritt er durch die Gänge. Warum hatte man in der Milchstraße nur solche Probleme damit, gemeinsam zu arbeiten? Warum mussten Arkoniden, Blues, Akonen, aber auch die Terraner nur gegeneinander arbeiten? Hier klappte es doch ganz offensichtlich, sogar in einer ganzen Galaxiengruppe! Allerdings wusste Will auch, dass die estartische Republik einen langen Weg hinter sich hatte. Nach dem Ende der Ewigen Krieger waren die zwölf Galaxien in ein politisches Machtvakuum gefallen. Es hatte lange gedauert, ehe sich einige Galaxien unter der Führung Siom Soms zusammengeschlossen hatten, um eine gemeinsame Zukunft zu bestreiten.

Schließlich erreichte er bei seinem Rundgang das Apartment. Zunächst zögerte er, doch nach einem Blick auf die Uhr beschloss er doch, die Tür zu öffnen.

Sam war tatsächlich schon anwesend. Der Somer sortierte gerade einige Unterlagen in passende Fächer ein und zuckte zusammen, als Will den Raum betrat.

»So schreckhaft, Sam?«, amüsierte er sich. »Ist das Essen schon beendet? Oder wurde es dir auch zu langweilig?«

Der Somer antwortete nicht, sondern deutete nur auf den Sessel und trat an den Getränkespender.

»Ah, wir verstehen uns wirklich«, freute sich Will und ließ sich in das Polster sinken. »Aber bitte on the rocks...«

Mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit schwang Sam herum und richtete etwas Silbriges auf Dean. Dieser verstummte und versuchte zu erkennen, was es war. Doch er sah nur einen Blitz, gefolgt von Dunkelheit...

*

»Wir hatten schon gedacht, Sie wollten von Ihrer eigenen Feier fliehen«, flötete Salaam Siin fröhlich, als Sam den Raum betrat. »So wie es dieser Dean bereits getan hat...«

»Es tut mir ausgesprochen leid«, beteuerte Sam und setzte sich. »doch dieser Terraner ist manchmal etwas schwierig. Wir arbeiten aber ausgesprochen gut zusammen. Ich denke aber, langsam sollten wir wirklich auf das Problem zu sprechen kommen.«

Der Ophaler unterbrach ihn. »Bitte, heute nicht mehr! Ich habe für morgen eine Vollversammlung sämtlicher Senatoren Estartus einberufen. Dort können Sie im Plenum vorsprechen. Ich denke, dass wird der Bedrohung besser gerecht als diese kleine Runde.« Er legte einen Tentakel um die Schultern des Somers. »Sie sind einige Jahre nicht mehr hier gewesen. Viele haben es bedauert, dass Sie es vorgezogen haben, in die Dienste von Perry Rhodan zu treten.«

»Aber er ist eine große Persönlichkeit!«

»Das müssen Sie mir nicht erzählen. Ich kenne ihn. Wir haben zusammen gegen den Kriegerkult gekämpft und wir sind zusammen auf dem Netz gereist. Nur durch ihn konnte ich tausendzweihundert Sänger zusammen bringen und die Heraldischen Tore durch unseren Gesang zerstören.« Er zögerte. »Und mit ihm habe ich Jahrhunderte im Stasisfeld überdauert und danach mitgeholfen, alles neu aufzubauen...«

»Dorgon ist gefährlicher als die Ewigen Krieger«, versuchte Sam es dennoch.

Blitzschnell zog Siin seine Extremität zurück. »Nichts, nichts ist fürchterlicher als dieser brutale Irrglaube vom Permanenten Konflikt. Ich habe Ophaler in meinen Tentakeln gehalten. Ophaler, die im Auftrag der Sothos fürchterlich zugerichtet waren. Ihre Hälse waren...« Er schüttelte sich. »Nein, so etwas will ich nicht erzählen. Nicht hier und nicht jetzt!«

»Dorgon besitzt eine mächtige Kriegsmaschinerie und scheint im festen Glauben zu sein, dass ihre Gesellschaft und Zivilisation die Krönung der Schöpfung sei. Sie arbeiten mit Eifer und Perfektion daran, dass es – aus ihrer Sicht – auch so bleibt. Das macht sie gefährlich.«

Beide schwiegen. Auch am Tisch herrschte Ruhe. Niemand wagte es, in irgendeiner Weise diese grässlichen Ereignisse zu kommentieren.

Nach langen, schweigsamen Minuten ergriff schließlich doch der Meistersänger das Wort.

»Nun haben wir es doch geschafft, die freudige Idylle, mit der ich Sie willkommen heißen wollte, zu zerstören. Ich denke, es hat keinen Sinn, heute noch länger hier zu diskutieren. Wir sehen uns dann morgen.«

 

3. Gefangen

Als Will Dean zu sich kam, gab es keinen Muskel in seinem Körper, der nicht in unüberhörbarer Stärke seine Existenz kundtun wollte. Ihm gelang es, ein schmerzhaftes Aufschreien zumindest in ein Stöhnen abzuschwächen.

Schockstrahler, analysierte er die Lage. Ich muss wohl einige Zeit bewusstlos gewesen sein.

Er probierte, ob er die Augen öffnen konnte, doch das Gefühl, mitten in eine Transformbomben-Explosion zu schauen, ließ ihn die Augen nach einer Millisekunde wieder schließen. Jetzt entfuhr ihm doch ein Schrei.

Sam war es! fiel es ihm plötzlich siedend heiß wieder ein. Er hat mich niedergeschossen! Warum?

War jemand hier? Er horchte angestrengt, konnte aber außer dem lauten Pochen seines Pulses kein anderes Geräusch vernehmen. Er besann sich auf das TLD-Training und spannte vorsichtig einzelne Muskeln an. Zuerst tat es bestialisch weh, doch ziemlich schnell stellte sich eine Besserung ein.

Schließlich wagte er es, die Augen zu öffnen. Und nach einigen Blinzeln und Augenreiben schaute er sich um.

Er lag auf einer Pritsche in einem völlig kahlen Raum. Der Raum wies drei Wände auf, gegenüber der Pritsche fehlte die Wand, stattdessen führte dort ein Gang entlang, der ebenso kahl war. Er konzentrierte sich auf den Rand der Fläche und tatsächlich, ein Flimmern deutete an, dass statt der Wand ein Prallfeld den Raum verschloss.

Eine Zelle?, überlegte er. Was habe ich getan? Welcher Chaotarch ist bloß in den Somer gefahren?

Er überlegte gerade, ob er sich aufraffen und die Zelle genauer untersuchen sollte, als ein metallisches Scheppern auf dem Gang ihn zusammen zucken ließ. Das Scheppern wurde lauter und kam näher, als wenn sich jemand auf dem Gang näherte.

Sofort stellte er sich wieder bewusstlos. Schließlich hatte das scheppernde Etwas die Zelle erreicht. Es wurde still.

Will zwang sich, gleichmäßig zu atmen. Trotzdem floss ihm der Schweiß von der Stirn. Wer oder war stand dort?

Unerwartet vernahm er eine Stimme. Sie klang hell und entfernt nach einen melodiösen Singsang, jedoch ganz und gar nicht nach einem Ophaler und passte erst recht nicht zu dem Scheppern, das er zuvor vernommen hatte.

»Ich weiß, dass Sie wach sind«, verstand er. »Sie brauchen sich nicht weiter schlafend zu stellen.«

Will gab auf und setzte sich aufrecht auf die Pritsche. Erst danach öffnete er die Augen und starrte völlig überrascht den Redner an. Vor der Zelle stand ein fast zwei Meter hoher metallischer Igel – er wollte es kaum glauben, doch die Gestalt sah tatsächlich wie ein terranischer Igel aus. Viele Stacheln ragten aus dem Rücken der Rüstung. Sie wies viele bewegliche Teile auf, die lose aneinander gebunden waren, was wahrscheinlich das Scheppern produziert hatte.

»Sie haben wohl noch nie einen Elfahder gesehen«, amüsierte sich die Stimme. Sie kam tatsächlich aus diesem Blechberg. »Nun, das ist in diesem Fall auch völlig irrelevant.«

»Wa... rum... ?«, versuchte Will zu sprechen.

»Warum Sie hier sind? Nun, ich muss ihnen leider mitteilen, dass Sruel Allok Mok, den Sie Sam nennen, Sie als Agenten Dorgons entlarvt hat...«

»Aber...«

»Nichts, aber! Sie haben versucht, mit Mok eine Freundschaft einzugehen und so Estartu zu infiltrieren und Dorgon den Weg in diese Galaxis zu ebnen. Wer weiß schon, was Sie dazu verleitet hat…«

»Ich habe doch gar nicht...« Immer noch brauchte er für jedes Wort eine Ewigkeit. Hilflos musste er mit ansehen, wie der Elfahder sich umdrehte und ohne auf seine Worte zu hören davon schepperte.

 

4. Die Ratssitzung

Als Sam erwachte, stellte er fest, dass ihm nur wenige Minuten bis zur Plenarsitzung blieben. Bei den gemischten Gefühlen der letzten Nacht hatte er völlig vergessen, dem Servo seine Weckzeit mitzuteilen.

In Windeseile schnappte er sich einige Datenspeicher, blickte enttäuscht auf die Tür zu Wills Schlafraum und machte sich dann auf den Weg.

Salaam Siin erwartete ihn bereits.

»Na endlich«, empfing er ihn ernst. »Guten Morgen. Noch ein paar Minuten später, und Ihre Chancen hätten sich schon stark vermindert.«

»Ich...«

»Ist ja nicht so schlimm. Ich unterstütze Sie natürlich mit allen Mitteln.«

Sam blickte den Meistersänger überrascht an. Nach der Unterredung in der letzten Nacht hätte er dies nicht erwartet.

»Ich habe viel nachgedacht«, gestand der Ophaler. »Viel Leid liegt in meinen Erinnerungen. Doch es gilt, in die Zukunft zu schauen. Und diese sieht nicht gut aus, wenn die Dorgonen tatsächlich ihre Tentakel nach unseren Welten ausstrecken sollten...«

Sie betraten den Plenarsaal. Rings um einen Bogen aus Sitzgelegenheiten für alle Völker von Siom Som und der umgebenden Galaxien Estartus zeigten Hologramme die Wunder Estartus. In das Zentrum der Halle war ebenfalls ein Holoprojektor eingebaut worden, der allerdings zurzeit inaktiv war.

Sruel Allok Mok begab sich direkt in das Zentrum der Halle. Er, der sich in den vergangenen Jahren schon sehr an den Kosenamen Sam, der aus seinen Initialen gebildet wurde, gewöhnt hatte, musste sich auch jetzt eingestehen, dass gerade eine weitere Einrichtung der Galaktiker vermisste: Ein Rednerpult. So kam er sich im weiten Innenraum, umgeben von all den ihn erwartungsvoll anstarrenden Gestalten, recht klein und schutzlos vor.

Dann gab er sich einen Ruck und übergab dem herbei geschwebten Servo seine Präsentationsdaten. Sofort wurde das Licht gedimmt und ein großes Hologramm baute sich auf, das ihn zunächst in vielfacher Vergrößerung direkt über sich schwebend zeigte.

»Bewohner der estartischen Föderation«, begann er. »Eine schwere Zeit steht uns bevor. Wir haben viel Leid durch den Kriegerkult, die Kosmokraten und Chaotarchen und durch die Intrigen Naupaums erleben müssen. Doch lasst uns nicht länger an der Vergangenheit festhalten. Die Zeit des Aufbaus ist vorüber – jetzt folgt die Zeit der Bewährung! Eine fürchterliche Gefahr droht, uns anzugreifen. Ich spreche von Dorgon.«

Mit einer Handbewegung ließ er das erste Holobild entstehen. Über seinen Kopf entstand für alle gut sichtbar das Abbild einer völlig zerstörten Welt. Raunen ging durch die Senatoren.

Sam informierte die Anwesenden über die Invasionspläne der Dorgonen und ihre Stärke. Er hob dabei besonders die Macht eines Adlerraumschiffes hervor. Er referierte über die Mordred und den Einfluss der Dorgonen innerhalb der Milchstraße.

In einem neuen Bild war Wirsal Cell zu sehen.

»Dies ist der Mann, der Camelot unterwanderte. Er kooperierte mit den Dorgonen und gründete die Mordred. Ihm gelang es, sich bis zuletzt völlig unerkannt in Perry Rhodans unmittelbarem Umfeld aufzuhalten – dies nur als Warnung an alle Anwesenden!«

Er ließ seinen Blick über die Abgeordneten schweifen. Einige hatten sichtlich geschockt seinen Vortrag verfolgt, andere schienen eher geistig abwesend zu sein. Plötzlich meldete sich ein Somer zu Wort:

»Tiraz vom Planeten Srallok«, stellte er sich vor. »Aus Ihrem Vortrag, werter Sruel Allok Mok, geht hervor, dass Dorgon eindeutig die Milchstraße bedroht. Was hat Estartu damit zu tun?«

Ein zustimmendes Geraune ging durch die Reihen. Sam presste den Schnabel fest zusammen. Mit so einer Frage hatte er eigentlich nicht gerechnet, vor allem nicht von einem Somer!

Salaam Siin kam ihm mit einer Antwort zuvor: »So ähnlich haben die Galaktiker zunächst auch reagiert, als die Mordred lediglich Camelot bedrohte. Sehr schnell mussten sie jedoch ihren Irrtum eingestehen, als die Mordred nach der gesamten Galaxie griff.«

»Selbst wenn Dorgon Estartu nicht unmittelbar bedrohen sollte«, ergänzte Sam, »ist es unsere Pflicht, unseren Freunden beizustehen. Sie selbst wissen, wie sie uns gegen die Sothos beigestanden haben!«

»Diese bedrohten aber auch die Milchstraße«, rief Tiraz. »Wenn Dorgon wirklich so gefährlich ist, halte ich es für völlig falsch, sie wegen eines noch nicht einmal vorhandenen Beistandsabkommens gegenüber den Terranern erst auf uns aufmerksam zu machen.«

Wieder füllte ein billigendes Stimmengewirr den Saal. Sam spürte, dass die Ablehnung gegenüber seinem Antrag immer größer wurde. Er entdeckte sogar schon deutliche Gesten der Bejahung. Mit einem schnellen Seitenblick zu Salaam Siin, entdeckte er bei ihm auch nur Ratlosigkeit.

Ihm war klar, dass er nur noch eine Chance hatte, die Delegierten auf seine Seite zu bekommen. Wenn es ihm jetzt nicht gelang, würde er mit leeren Händen zu Julian Tifflor und Aurec zurückkehren.

Er holte tief Luft, um zu einer Entgegnung anzusetzen, da wurden die Türen aufgerissen.

»Halt! Sruel Allok Mok ist ein Verräter im Dienste Dorgons. Wir haben Beweise!«

 

Illustration: »Die Estartische Föderation« von Jan Kauth

 

 

5. Ausbruchspläne

So lange Will Dean auch sein Gehirn zermarterte, konnte sich doch nicht erklären, wie gerade Sam ihn verdächtigen konnte. Und dann diese unheimliche Gestalt. War es Zufall, dass sie Cauthon Despair so ähnlich war? Waren sie zu spät gekommen und Estartu war bereits fest in der Hand Dorgons?

Oder war Sam ein Verräter? War es ihm gelungen, im Auftrage der Dorgonen Rhodan geschickt zu täuschen und Camelot zu unterwandern, wie schon Wirsal Cell vor ihm?

Mit einem lauten Schrei sprang er von der Pritsche auf. Das war alles zu viel auf einmal! Wie sollte er das nur alles herausbekommen? Vor allem in dieser Lage?

Zunächst einmal musste er versuchen, hier heraus zu kommen. Er blickte sich nervös um. Die Zelle war spartanisch eingerichtet. Außer der Schlafstelle gab es hier tatsächlich nichts – noch nicht einmal ein Lüftungsschacht.

Will stutzte. Irgendwie mussten sie doch Luft in die Zelle bekommen, sonst wäre er schon längst erstickt. Er tastete die Wände ab, auch die Decke, die für ihn als wesentlich größeres Wesen als die Somer sehr leicht zu erreichen war. Aber solange er auch suchte, es gab nichts, wo auch nur einzelne Luftmoleküle sich herausquetschen könnten.

Blieb nur das Prallfeld. Er fuhr vorsichtig mit der Handfläche entlang. Deutlich konnte er eine wellenartige Struktur ertasten. Das war es! Sie verwendeten ein sehr niederfrequentes Prallfeld in Form einer stehenden Welle. Somit war es zwischen den Amplituden sehr schwach und damit luftdurchlässig. Hier konnte er ansetzen.

Er versuchte, seine Hand durch eine Kuhle hindurchzuzwängen, was ihm tatsächlich auch gelang. Jedoch war die Öffnung nicht breit genug, um seine Hand weiter als bis zum Daumenballen hindurch zu lassen.

Er besann sich auf die Physiklektionen seiner TLD-Ausbildung. Demnach ergab das Produkt aus Wellenlänge und Frequenz immer die Lichtgeschwindigkeit. Er schätzte die Wellenlänge durch Abmessen mit der Hand auf etwa zehn Zentimeter, also hatte er es hier mit – er überschlug die Zahlen im Kopf – mit etwa drei Gigahertz zu tun. Alles war er nun noch tun musste, war einen Prallfeldgenerator mit drei Gigahertz oder einem Vielfachen davon aufzutreiben, dann würden sich die beiden Wellen neutralisieren und der Weg wäre frei!

Was für eine einfache Angelegenheit innerhalb einer Zelle! dachte er ironisch. Bestimmt liegt ein Generator unter der Pritsche...

Plötzlich stutzte er, dann begann er, eine Wand seiner Zelle immer und immer wieder mit der Schulter zu rammen.

 

6. Beschuldigungen

Sam war fassungslos. In den Unterlagen, die er zu seinem Vortrag verwendet hatte, war auf raffinierte Weise ein Virus verborgen gewesen, der sich bei der Präsentation in den Syntronverbund Soms eingeschleust hatte und beinahe das gesamte Netzwerk lahm gelegt hätte.

Einem Elfahder namens Eravar, dem Großteile des Syntronnetzes auf Som gehörten, war die Ausbreitung des Virus aufgefallen und so konnten noch rechtzeitig Gegenmaßnahmen getroffen werden. Seine Techniker konnten sehr schnell den Ursprung feststellen: das Plenum!

Dem Somer war es unbegreiflich, wie dieser Virus in seine Unterlagen hatte kommen können. Er hatte sie auf dem Flug vorbereitet und erst hier auf Som fertig gestellt. Niemand hatte Zugriff auf seine Dateien gehabt – außer Will.

Sam erschrak. Steckte der Terraner dahinter? Er erinnerte sich, dass er ihn heute Morgen nicht in der Suite gesehen hatte. Hatte er den Virus eingeschleust und sich danach aus dem Staub gemacht? Aber warum?

War Will Dean ein Agent Dorgons? Sollte er ihn in Misskredit bringen und den Feldzug auf Siom Som vorbereiten?

Wieso hatte er aber dann an seiner Seite gegen die Mordred gekämpft? Will sollte ein Verräter sein?

Es würde leicht sein, ihn auf die Probe zu stellen, aber dafür musste er erst einmal hier heraus kommen.

Salaam Siin war genauso überrascht worden wie er selbst. Jedoch hatte er sich sofort für den Somer eingesetzt. Ihm war es zwar nicht gelungen, diplomatische Immunität geltend zu machen, aber zumindest einen Gerichtsprozess hatte er durchsetzen können.

Dieser sollte in einer Stunde beginnen.

Genug Zeit zum Grübeln.

Sam war der Verzweiflung nahe.

 

7. Flucht

Will triumphierte. Kurz nach seinem »Amoklauf« waren sie aufgetaucht und wollten ihn auf die Pritsche fesseln. Er täuschte Ersticken vor und tatsächlich konnte er die nicht sehr in menschlicher Anatomie bewanderten Ghaarts täuschen. Schließlich hatten sie ihm einen Prallfeldgenerator angelegt, der es ihm unmöglich machte, sich irgendeiner Wand näher als auf eine Handspanne zu nähern.

Dabei waren sie raffinierter vorgegangen als er gedacht hatte. Das Prallfeld verhinderte nämlich nicht nur, dass er sich den Wänden – oder auch nur seiner Pritsche – nähern konnte, es wirkte gleichzeitig auch nach innen und machte so jede Manipulation am Gerät selbst unmöglich.

Unmöglich, wenn man kein TLD-Agent war. Will konnte es sich nicht verkneifen zu grinsen. Die Ghaarts, oder besser ihr ominöser Hintermann, schienen tatsächlich nicht zu wissen, dass Sams terranischer Begleiter ein ausgebildeter Geheimdienstmitarbeiter war.

Besonders erfreute es ihm, dass damit auch weitestgehend Sam als Verräter ausfiel, denn der Somer wusste es natürlich.

Will betastete das innere Feld. Die Ghaarts hatten den Generator auf seinem Rücken festgeschnallt. Gerade so tief, dass das innere Prallfeld bis knapp über seinen Bauch reichte, nicht jedoch sein Herz traf. Er schluckte. Was, wenn sie es etwas höher angebracht hätten?

Das äußere Feld reichte von knapp über seinem Kopf bis zu den Unterschenkeln, was das Stehen oder Gehen sehr unbequem machte. Er hatte das Gefühl, jemand hätte ihn unglaublich feste Bandagen angelegt, die kaum Blut zu den Füßen ließen. Außerdem drücke das Feld die Füße nach außen und die Knie nach innen, was dem Komfort auch nicht gerade dienlich war.

Er rief sich die Bilder des Aggregats in Erinnerung. Als sie es ihm angelegt hatten, hatte er sich das Aussehen sehr genau eingeprägt. So, wie es jetzt an seinem Rücken saß, mussten die Bedienungselemente unten liegen. Also musste er seine Hände irgendwie durch das Feld zum Aggregat bugsieren.

Dean fasste mit beiden Händen um das Feld herum, bis seine Hände auf seinem Gesäß lagen. Nun versuchte er, sie langsam nach oben zu bewegen. Unmöglich, sie folgten dem Prallfeld, und nicht dem Rücken!

Nächster Versuch. Er langte mit seinem rechten Arm zwischen den Beinen hindurch und schaffte es tatsächlich, auf diese Weise einige Zentimeter weiter zu kommen. Leider war er aber nicht gelenkig genug, als dass dieser Versuch von Erfolg gekrönt wäre.

Fluchend zog er seine Hand zurück und schüttelte sie so lange, bis die Schmerzen in den Muskeln aufhörten.

Wütend blickte er sich in seiner Zelle um, bis ihm die Kante der Pritsche auffiel.

Das könnte funktionieren, dachte er. Ich muss nur schnell genug sein, damit ich beide Prallfelder durchdringen kann...

Er legte die Hände in Höhe des Generators auf das Prallfeld hinter seinem Rücken. Dann entfernte er sich soweit von der Pritsche, wie das Prallfeld es zuließ. Danach wendete er der Pritsche den Rücken zu, holte noch einmal tief Luft und rannte, so schnell er rückwärts rennen konnte, auf die Kante zu. Kurz vorher ließ er sich fallen und rutschte die letzten paar Zentimeter auf dem äußeren Prallfeld weiter. Dann gab es einem großen Ruck, doch er rutschte weiter. Er hatte es geschafft, das äußere Prallfeld zu durchdringen. Jeden Moment musste nun...

Will schrie gepeinigt auf. Er hatte in der Tat so gut gezielt, dass er mit seinen Händen genau gegen die Bettkante geprallt war. Und diese presste sich nun mit unmenschlicher Gewalt gegen seine Finger. Aber nur den Bruchteil einer Sekunde später klatschten sie mit neuem Schmerz, diesmal von der anderen Seite, auf den Generator. Dann ein Ruck, mit dem die Prallfelder ihn von der Pritsche abschießen.

Einige Sekunden lag, beziehungsweise schwebte er etwa anderthalb Meter über dem Boden in der Mitte seiner Zelle, die malträtierten Hände beinahe bewegungsunfähig auf den Prallfeldgenerator gepresst. Seine Ellenbogen befanden sich exakt an der Außengrenze des Prallfeldes, und wurden mit erbarmungsloser Kraft nach außen gedrückt. Will versuchte, sie dagegen zu drücken, und als er einen kleinen Widerstand überwunden hatte, platschten sie auf seinen Torso.

So schwebte er nun da, die Arme eng gegen seinen Körper gedrückt, und versuchte, mit den Fingern die Kontrollelemente des Generators zu finden. Will fing an zu schwitzen, die ganze Aktion und auch nun die Arbeit gegen den ständigen Widerstand des Prallfeldes strengten ihn gewaltig an. Schließlich wurde er nach einigen langen Minuten fündig.

Er ertastete je zwei Rädchen und zwei Schalter. Zunächst versuchte er, den Schalter zu betätigen, doch nichts passierte, dann den anderen, auch ohne Erfolg.

Sie müssen die Möglichkeit, das Ding abzuschalten, deaktiviert haben, überlegte er. Hoffentlich funktioniert wenigstens der Intensitätsregler...

Jetzt versuchte er sich an den Reglern. Er drehte das erste Rad minimal und flog prompt einen halben Meter nach unten. Mit Wohlgefallen versuchte er sich an dem zweiten, doch dieses war genau am Anschlag. Also in die andere Richtung. Ein winziges Stückchen. Urplötzlich waren seine Hände frei, doch dafür lag eine eiserne Schlinge um seinen Hals und drückte ihn erbarmungslos zu. In Panik drehte er es ein Stückchen weiter und prallte urplötzlich auf den Boden.

Stöhnend stand er auf und wunderte sich. Das Prallfeld war völlig verschwunden. Er tastete seinen Bauch und die Oberfläche des Aggregates ab, ob dort irgendetwas ungewöhnlich fest war, danach streckte er die Arme so weit nach außen, wie es ihm möglich war. Nichts.

Ich muss zufällig genau jene Intensitäten erwischt haben, analysierte er, dass sich die entsprechenden Frequenzen gerade gegenseitig aufheben.

Er trat wieder an den Ausgang der Zelle heran. Jetzt musste es ihm nur noch mit diesem Prallfeld gelingen, was er gerade mit den beiden anderen geschafft hatte.

Unbehaglich tastete er wieder nach den Reglern. Damit das funktionierte, würde er hohe Frequenzen und damit sehr hohe Intensitäten einstellen müssen. Das heißt, es würde sehr ungemütlich werden. Er legte den Zeigefinder auf das linke und den Mittelfinger auf das rechte Rad, dann drehte er das eine nach unten und das andere nach oben, so schnell es ihm gelang. Nur kurz durchzog das ekelhafte zerquetschende Gefühl seinen Körper. Als das linke Rad den Anschlag erreichte, wurden seine Finger wieder gegen das Gerät gepresst. Kurz danach erreichte auch der Mittelfinger sein Ziel. Dean fühlte sich emporgehoben und schwebte einige Zentimeter über dem Boden.

Nun gut, dachte er. Jetzt heißt es, Daumen drücken!

Langsam regelte er das äußere Feld zurück. Als seine Füße wieder den Boden berührten, drückte er sich so stark, wie es ging gegen die Barriere zum Flur. Millimeter um Millimeter drehte er das Rädchen.

Und plötzlich war er durch! Er fiel nach vorne und schlitterte auf dem Prallfeld auf die gegenüberliegende Wand des Korridors zu. Dort prallte er durch das Prallfeld ab und titschte einige Male von Wand zu Wand, bis er in schneller Reaktion das innere Prallfeld so vergrößerte, dass es sich wieder mit dem anderen neutralisierte.

Wieder fiel er auf den Boden und fluchte. Nur eine Zehntelsekunde später hielt er überrascht dem Atem an. Was, wenn sie das gehört hatten? Was, wenn sie ihn die ganze Zeit beobachtet und seine Flucht bemerkt hatten?

Er musste hier weg. Er drehte eines der Rädchen minimal weiter und schwebte dann lautlos durch den Korridor, bis er einen Antigravschacht entdeckte.

Nach dem Neutralisieren des Feldes spähte er vorsichtig in den Schacht. Bisher war ihm niemand begegnet, selbst die anderen Zellen schienen leer gewesen zu sein, doch in diesem Schacht konnte sich das schnell ändern.

Will Dean hatte Glück. Niemand war zu sehen. Er schwang sich hinein und ließ sich zwei Stockwerke nach unten treiben, dann verließ er den Schacht sofort wieder. Jetzt erkannte er, wo er sich befand. Diesen Gang hatte er während seines Rundganges erkundet. Er wunderte sich zwar, dass die Somer in ihrem Regierungszentrum ein Gefängnis hatten, doch das war nur eine der Merkwürdigkeiten, denen er bisher hier in Estartu begegnet war.

Er beschloss das Apartment aufzusuchen. Handelten die Somer und Ghaarts auch nur im Entferntesten so ähnlich wie die Galaktiker, wäre seine und Sams Behausung sicherlich der letzte Ort, an dem sie ihn vermuten würden – natürlich vorausgesetzt, sie hatten seine Flucht überhaupt bemerkt.

Schnell, aber nicht hastig näherte er sich dem Apartment. Als einige Somer und Ophaler auftauchten, unterdrückte er mit Mühe den Fluchtreflex. Und tatsächlich, sie nahmen keinerlei Notiz von ihm. Will schien es sogar fast so, als würden sie ihn bewusst ignorieren.

Während er noch darüber nachdachte, hatte er bereits den Wohntrakt erreicht. Schnell schlüpfte er durch die Tür zum Apartment. Unbewusst atmete er auf, als er die Wohnung verlassen vorfand.

Jetzt hieß es Beweise suchen. Will setzte sich an den Arbeitstisch und untersuchte einige Fächer und Schubladen, dann wandte er sich dem Syntron zu. In den Datenspeichern fand er bei einer ersten groben Sichtung jedoch nur die vorbereitete Präsentation von Sams Rede, die er eigentlich heute hatte halten wollen und allgemeine Unterlagen zur Mordred, Dorgon und – Thoregon.

Will stutzte, er hatte gar nicht gewusst, dass sich Sam für diese Organisation interessiert hatte.

In dem Moment öffnete sich die Tür.

 

8. Die Gerichtsverhandlung

Sam blickte unwillig auf, als er bemerkte, wie sich eine Gestalt der Prallfeldwand näherte.

»Salaam Siin«, rief er erfreut, als er den Meistersänger erkannte.

»Ich habe erreichen können, dass Sie vorerst frei gelassen werden, Sruel«, eröffnete Siin ihm. »Trotz der Vorwürfe – an denen ich sehr zweifele – ist die Gefangennahme eines Diplomaten nicht zulässig! Trotzdem steht jetzt die Verhandlung an.«

Der Somer nickte unbewusst, dann fiel ihm ein, dass dies eine terranische Geste war.

Salaam Siin lachte. »Ja, sie färben ganz schön ab, diese Terraner...«

»Salaam Siin, meinst du«, er benutzte absichtlich die vertraute Anrede, »ich könnte noch einmal kurz...«

»...in dein Apartment oder gar in die SIOM SOM zurück kehren?« ergänzte der Ophaler. »Mit Sicherheit nicht, wenn du dich nicht noch mehr verdächtig machen willst.«

Sam seufzte mutlos. »Dann lass' uns den Gerichtssaal aufsuchen...«

*

»Hiermit eröffne ich das Verfahren ›Vereinigte Galaxien von Estartu gegen Sruel Allok Mok‹«, sprach Tiraz und blickte selbstzufrieden über die Reihen der Besucher.

Im Rechtssystem Siom Soms war es üblich, dass zunächst der Angeklagte ein Plädoyer hielt, gegen das die Kläger dann sprechen mussten. Spezielle Verteidiger oder Staatsanwälte waren ebenso unüblich wie Berufsrichter. In der Regel übernahm ein Regierungs- oder Ratsmitglied die Rolle des Richters. In diesem außerordentlichen Fall wurde Tiraz bestimmt, ebenso wie Salaam Siin ein Mitglied des 13-köpfigen Rates von Estartu, der ähnlich des Terranischen Rates die Regierung bildete. Der Meistersänger war zwar Vorsitzender des Rates, doch der Senat hatte ihn für befangen befunden und somit Tiraz bestimmt, um das Verfahren zu leiten.

Sam stand auf und trat an das Podium heran.

»Bürger von Estartu«, begann er die wohl schwersten Worte seines Lebens. »Die Dorgonen haben viel Leid über die Milchstraße gebracht. Sie sind hinterhältig und treten nur selten selbst in Erscheinung. Eine uns überlegene Technik und eine ungeheuerliche Skrupellosigkeit zeichnen sie aus. Sie bedienen sich sämtlicher Mittel, die Macht in anderen Galaxien an sich zu reißen. In ihrer eigenen Galaxis unterjochen die Dorgonen die anderen Völker auf grausamste Weise. Entweder man unterstellt sich völlig der Kontrolle ihrer Protektoren – oder man wird erbarmungslos massakriert!«

Er machte eine kurze Pause und blickte sich um. Tiraz blickte ihn wütend an, doch es gehörte zum Recht des Angeklagten, bei seiner Eröffnungsrede nicht unterbrochen zu werden.

»Wie ich bereits gestern gesagt habe«, fuhr Sam ungerührt fort, »war es Wirsal Cell in der Milchstraße der Galaktiker, der mit den Dorgonen zusammenarbeitete. Ihm gelang es, bis zum damals noch streng geheimen Planeten Camelot zu gelangen und persönlicher Berater Perry Rhodan zu werden. Niemand durchschaute ihn! Ich kam hierher, um eine Hilfsflotte für die in der Galaxis Dorgon befindlichen Galaktiker zu erbitten, damit die Bedrohung Dorgon ein für alle Mal ausgeschaltet werden kann, noch bevor sie auch zu einer Gefahr für die Estartu-Galaxien werden kann. Aber wie sich gezeigt hat, hat Dorgons Adler seine Schwingen bereits bis hier hin ausgebreitet. Ich behaupte, dass in den höchsten Reihen – vielleicht sogar im Rat selbst – ein Verräter Dorgons sitzt und das Zusammenstellen der Hilfsflotte verhindern will!«

Ein Tumult brach aus. Alle versammelten Ratsmitglieder, Senatoren und Besucher riefen und schrien durcheinander. Tiraz brauchte fast eine halbe Stunde, bis wieder Ruhe in den Saal eingekehrt war.

»Eine schwere Anklage«, sagte er nun. »Aber Sie sollten nicht vergessen, Sruel Allok Mok, dass Sie selbst es sind, der angeklagt ist.« Er wurde zunehmend lauter. »Vor einigen Jahren verschwanden Sie plötzlich aus Siom Som, damals noch Ratsmitglied. Später erfuhren wir, dass Sie sich Perry Rhodan angeschlossen hatten, ohne an die Lücke zu denken, die Sie in Ihrer Heimat hinterlassen hatten. Jetzt tauchen Sie plötzlich wieder hier auf, als sei nichts geschehen, und fordern militärische Macht für irgendeine nebulöse Bedrohung. Und dann infiltrieren Sie nebenbei das örtliche Intranet mit einem heimtückischen Virus... Sie sind der Verräter!«

Die letzten Worte hatte er Sam direkt ins Gesicht geschrien. Die beiden Somer starrten sich an. Ein stummes Duell entstand, bei dem niemand zuerst wegblicken wollte. Lange Sekunden, fast eine Minute, durchbohrten sie sich gegenseitig mit ihren Blicken, bis schließlich Tiraz das Duell verlor.

»Ich rufe den Elfahder Eravar als Zeugen auf«, ordnete er danach an, als wäre nichts geschehen.

Mit einem lauten Quietschen und Scheppern betrat eine massige Gestalt den Gerichtssaal. Sie sah einem Ritter nicht unähnlich, hätte aber auch deutliche Ähnlichkeiten mit einer aufrecht gehenden Schildkröte gehabt – wären da nicht diese Stacheln am Rücken gewesen.

Früher, zur Zeit des Permanenten Konfliktes, waren die in ihren Exoskeletten als amorphe Masse befindlichen Elfahder Knappen und Gehilfen der Ewigen Krieger gewesen, was sie Sam nicht unbedingt sympathischer machte. Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Sam durfte die Elfahder nicht für die Sünden ihrer Vorfahren verantwortlich machen. Nur ein intoleranter und verwirrter Geist tat so etwas. Auch die Somer waren eifrige Diener der Ewigen Krieger gewesen. Daran war aber die heutige Generation nicht schuld.

Der Elfahder trat an das Rednerpult.

»Eravar von Srella Syntron«, stellte er sich vor. »Gestern fanden meine syntronischen Sicherheitsprogramme einen sehr heimtückischen Virus, der sich über das Somnetz zu verbreiten begann. Mir und meinen Mitarbeitern gelang es, den Virus zu stoppen und als Quelle den Plenarsaal des Senats ausfindig zu machen. Später prüfte ich die Präsentationsdatenkristalle von Sruel Allok Mok, auch hier war der Virus enthalten. Dieser Umstand macht es sehr wahrscheinlich, dass der Datenkristall die Quelle des Virus darstellt.«

»Sehr wahrscheinlich?«, vergewisserte sich Salaam Siin. Jedem war es gestattet, bei einer Verhandlung Fragen zu stellen.

Das rüstungsartige Exoskelett des Elfahders quietsche etwas. »Auf dem Kristall war der Virus einmal enthalten«, antwortete die für diesen Körper so überraschend hohe und weiche Stimme. »In dem Syntron des Plenums jedoch über tausendmal Abgesehen davon, befand sich der Kristall schon gar nicht mehr im Zugriff, als sich der Virus auszubreiten begann.«

»Aber ganz sicher gehen, kann man nicht?«

»Irrelevant«, schmetterte Tiraz diese Frage ab. »Wir müssen davon ausgehen, dass der Virus in der Tat Teil dieser Daten war!«

Geraune im Raum. Tiraz blickte sich wütend um.

»Ich rufe den nächsten Zeugen«, bestimmte er anschließend überraschend freundlich. »Grar Gullam Frer, Leiter des internen Gefängnissektors.«

Sam blickte überrascht auf.

»Dem Gesetz nach darf ich nun einen Zeugen bestimmen«, beschwerte er sich. »Will Dean!«

Tiraz winkte müde mit einer Schwinge. »Wartet ab!«

Der aufgerufene Somer betrat den Raum und eilte gradlinig auf das Podium zu.

»Gestern musste wegen dringendem Tatverdacht der Terraner Will Dean festgenommen werden...«

Sam erstarrte. »Aus welchem Tatverdacht?«

»...heute floh der Terraner aus seiner Zelle«, sprach der Somer ungerührt weiter. »Ihm gelang es, das Prallfeld zu durchdringen, scheinbar, ohne sichtbar Hilfsmittel zu verwenden.«

»Vermutlich benutzte er eine überlegene Technik, die bei der Festnahme nicht entdeckt werden konnte«, spekulierte Tiraz.

»Wohlmöglich«, antwortete der Gefängnisleiter und verließ den Saal, nachdem Tiraz ihm entlassen hatte.

Tiraz wandte sich an Sam: »Wollen Sie irgendeinen Zeugen rufen?«

Sam überlegte. Will war verschwunden, ansonsten kannte er hier kaum noch jemanden, zumindest niemanden, der ihm hierbei helfen könnte – außer...

»Ich rufe Salaam Siin«, sagte der Somer mutlos.

Ein Geraune ging durch den Raum, als der Meistersänger und Vorsitzender des Rates das Podium aufsuchte.

»Sruel Allok Mok, bis vor einigen Jahren noch Mitglied des Rates und als Friedensstifter bekannt, hat uns vor einer fürchterlichen Gefahr gewarnt. Vor einigen Jahren beschloss er, sich nach einem diplomatischen Besuch in der Milchstraße Perry Rhodan anzuschließen. Dies hat nichts mit Vaterlandsverrat zu tun! Niemand weiß besser als ich, welches Potential in dem unsterblichen Terraner steckt. Viele Somer, Ophaler, Elfahder und Pterus, die den Krieg nicht mehr miterlebt haben, denken nicht daran, dass er es war, der uns von der Knechtschaft der Sothos und ihrer Ewigen Krieger befreit hat. Warum sollte sich Sruel nicht diesem Mann anschließen, wenn er auf die Art mehr Gutes tun kann, als hier? Und nun droht diese schreckliche Gefahr in Form von Dorgon, die Milchstraße zu unterjochen, ja vielleicht sogar nach Estartu überzugreifen. Wir müssen bedenken, dass Siom Som nur knapp 12 Millionen Lichtjahre von Dorgon entfernt ist. Über das Sternenportal ist es innerhalb weniger Momente zu erreichen. Alles, was er will, ist einige Raumer den Galaktikern zu Hilfe zu senden. Schaut euch diesen Somer an! Sieht so ein Verbrecher aus? Denkt daran, was er für uns getan hat! Was, wenn Dorgon tatsächlich seine Schwingen nach Siom Som ausstreckt? Wollen wir wieder solche Bedingungen wie unter den Sothos, vielleicht gar noch schlimmere?«

Totenstille herrschte im Saal als der Ophaler vom Rednerpult zurück zu seinem Platz ging. Nach einigen langen Minuten stand der erste, dann alle anderen Geschworenen auf und verließen ohne ein Wort und mit nachdenklichen Mienen den Raum.

Tiraz blickte ihnen hinterher. Als sich die Tür hinter dem Letzten geschlossen hatte, bestimmte er, dass sie eine Pause bis zum Beratungsende machen würden und eilte ebenfalls davon.

Sam beschloss, nun doch sein Apartment aufzusuchen. Irgendwie fühlte er, dass sich Dean dorthin gewandt hatte. Unbewusst blickte er zu Salaam Siin herüber. Dieser malte in stummer Geste mit seinem Rüssel einen Kreis in die Luft, die ophalische Geste des Verneinens.

Trotzdem verließ er den Saal.

 

9. Der Verräter

In einem Reflex warf sich Will unter den Arbeitstisch. Die Bewegung, mit der er den Syntron deaktivierte und sich unter den Tisch zog, war eins. Tausendmal hatte er dies während der TLD-Grundausbildung geübt.

Er kauerte sich so weit es möglich war unter dem Tisch zusammen. Glücklicherweise stand er unmittelbar hinter dem Sessel, so dass er von der Tür aus nicht gesehen werden konnte. Jetzt bereute er es, den Prallfeldgenerator aus Bequemlichkeit nicht schon längst abgelegt zu haben. Doch die Ghaartsa[ hatten ihn so stramm festgeschnürt, dass er ihn unmöglich problemlos abbekommen hätte. Und jetzt konnte er sich nicht stärker mit dem Rücken an den Sessel pressen, weil der Kasten störte. Außerdem musste er darauf achten, nicht versehentlich mit den Fersen an die Regler des Generators zu stoßen. Wozu ein plötzlich wieder aktiviertes Prallfeld in dieser Situation in de Lage war, wollte er sich lieber nicht vorstellen.

Durch eine Spalte starrte er vorsichtig zur Tür. Ein Somer stand dort und sah sich etwas orientierungslos um.

Sam?, fragte sich Will in Gedanken. Natürlich, wer sollte es sonst sein!

Er überlegte, sein Versteck einfach zu verlassen und dem Somer zu berichten, was vorgefallen war. Doch dann fiel ihm ein, was diese Rittergestalt ihm berichtet hatte. Was, wenn Sam doch ein Agent der Dorgonen war? Wenn sie ihn »umgedreht« hatten?

Er beschloss, den Somer erst noch etwas länger zu beobachten. Falls Sam ihn fand, konnten sie immer noch reden.

Sam fixierte den Arbeitstisch. Will zuckte zurück. Hatte er ihn entdeckt?

Einen Augenblick später tauchten zwei dünne Beine mit zwei Zehen und einer Fersenkralle auf. Will bemerkte fast schon amüsiert, dass dies das erste Mal war, dass er Sam in dieser Perspektive zu Gesicht bekam. Ihm fiel auf, dass Sam eine Narbe am linken Bein hatte. Sie verlief von dem Hacken aus an der Innenseite entlang bis zwischen die beiden Zehen. Sam hatte Will einmal erzählt, dass ein später Anhänger der Ewigen Krieger ihn einmal überfallen hatte. Möglich, dass die Narbe daher stammte.

Vorsichtig beugte Will sich etwas nach vorne. Jetzt erwies es sich als ausgesprochen praktisch, dass die Somer Schnäbel hatten. So konnte Sam ihn nicht sehen, denn sein Schnabel war ihm genau im Weg.

Sam aktivierte den Syntron. Will hörte einen Speicherkristall in das Lesefach klimpern, dann, wie Sam die Anweisung gab, eine Datei mit dem Namen »Thoregon« in das lokale System zu kopieren.

Danach stand der Somer auf und verließ den Raum.

Will befreite sich vorsichtig aus seinem Versteck. Er aktivierte wiederum den Syntron. Als sich das Holo über dem Tisch aufbaute, brannte sich der Name »Thoregon (Ergänzungen)«, der dort in der Dateiübersicht stand, förmlich in sein Bewusstsein.

Will rief die Datei auf. Sie entfaltete sich zu einer Lesefläche, die sich vor die Dateiliste schob. Will überflog den Text und erstarrte. In einer Art Tagebuch, das einige Monate zurück reichte, hatte Sam stichwortartig beschrieben, wie er zunächst zu Perry Rhodan, dann als dessen Mitarbeiter nach Camelot gelangt war. Er schrieb, dass dies ein großer Erfolg für Dorgon war, hatten sie doch jetzt neben Wirsal Cell noch einen Spion im Umfeld der Unsterblichen. Ihm war es erfolgreich gelungen, den friedliebenden, über die Taten Dorgons sehr schockierten Diplomaten zu spielen, bis es ihm schließlich gelang, in Tifflors Auftrag nach Estartu zu reisen, um endlich die Eroberung von Siom Som einzuleiten.

Völlig gelähmt, ließ sich Dean in den Sitz sinken. Im Moment störte es ihn überhaupt nicht, dass dieser Sitz eigentlich für Somer eingerichtet und für ihn viel zu klein war.

Sam ist ein Verräter, brannte der Gedanke in seinem Gehirn. Er hat uns alle getäuscht, bis er völlig sicher war, und nun...

Er musste den Rat warnen. Salaam Siin musste unbedingt diese Datei bekommen, bevor noch etwas Fürchterliches geschah. Er begann, die Fächer des Tisches nach einem Speicherkristall zu durchsuchen, als sich die Tür ein zweites Mal öffnete.

Nur den Hundertstel einer Sekunde später kauerte er wieder unter dem Tisch. Abschalten des Holos und verstecken war eine fließende Bewegung. Hunderte Male wurde dies beim TLD gedrillt.

Vorsichtig spähte er durch den Spalt zwischen Arbeitstisch und Sessel. Sam war zurückgekehrt – und er hatte zwei Ghaarts mitgebracht.

Will hielt unwillkürlich den Atem an, als die drei unwillkommenen Gäste begannen, systematisch den Raum abzusuchen. Warum durchsuchte Sam seinen eigenen Raum? Warum nahm er die Hilfe der Ghaarts, obwohl er die Pterus nicht mochte, in Anspruch?

Zielstrebig näherte sich der Somer Wills Versteck. Dieser zog die Füße näher an seinen Körper. Er bemerkte, wie das Blut durch die zusammengepressten Knie abgedrückt wurde und seine Füße langsam taub wurden. Lange würde er diese Lage nicht aushalten. Misstrauisch betrachtete er die Vogelbeine, die sich unmittelbar vor seinen Knien befanden. Er entdeckte wieder die Narbe, also war es auf jeden Fall Sam.

»Ich habe was gefunden«, verkündete der Somer nun. »Weiteres Suchen ist unnötig!«

Einige Augenblicke später tauchten zwei der bunt schillernden Prallfelder neben den Beinen des Somers auf. Dann hörte Will Dean einen Speicherkristall klimpern.

»Gut, jetzt haben wir alles«, kommentierte Sam das Geräusch. »Kehren wir zur Verhandlung zurück...«

Die Gestalten verschwanden aus dem Blickfeld des TLD-Agenten, dann hörte er das Öffnen und Schließen der Tür.

Will kroch ein zweites Mal unter dem Tisch hervor. Seine Füße prickelten fürchterlich. Was nun? Die Ghaarts in Sams Begleitung konnten nichts Gutes bedeuten. Nach was hatten sie gesucht? Hatte Sam selbst gesucht, oder war er gezwungen worden.

Er aktivierte den Syntron. Vielleicht konnte Salaam Siin ihm helfen.

»Wo befindet sich Salaam Siin?«, fragte er den Syntron nun akustisch.

»Der Vorsitzende des estartischen Rates befindet sich im Gerichtssaal.«

»Gerichtssaal?«, murmelte Will verwirrt. »Welche Verhandlung?«

»Das Verfahren ›Vereinigte Galaxien von Estartu gegen Sruel Allok Mok‹ findet gerade statt.«

»Wie lautet die Anklage?«

»Hochverrat. Sruel Allok Mok wird bezichtigt, ein Agent Dorgons zu sein.«

Also doch! Oder nicht? Handelte sich alles um einen Komplott?

Die Narbe, fiel es Will siedendheiß ein.

»Bitte ein Bild von Mok. Vergrößere die Beine.«

Will studierte die Holoabbildung sehr genau, doch er konnte keine Narbe erkennen.

»Von wann stammt das Bild?«

»Das Hologramm wurde vorgestern bei der Rückkehr des Botschafters erstellt.«

Will ließ sich in den Sessel zurück fallen. Also war der Somer gar nicht Sam gewesen. Warum mussten die Somer auch alle relativ gleich aussehen – von terranischer Betrachtungsweise gesehen. Aber, was noch viel bedeutsamer war, wer wollte Sam so eine gerissene Falle stellen? Irgendwie musste er Sam dort herausholen, denn der wahre Verbrecher wurde sicherlich das Verfahren bis zum bitteren Ende durchziehen.

Er verließ das Quartier und ließ sich vom Servo den Weg zum Gericht weisen.

Einfach hineinstürmen und ihn befreien, ist sicherlich der falsche Weg, überlegte er unterwegs. Wie bekomme ich ihn da raus?

Sein Blick fiel auf eine Nische im Gang. Eine exotische Pflanze, die eine entfernte Ähnlichkeit zu den terranischen Aloe-Gewächsen aufwies, stand dort in einem prächtigen Topf.

Was für ein verführerisches Versteck, freute sich Will. Wie geschaffen für mich! Wohin sie auch immer nach der Urteilsverkündung gehen, hier müssen sie entlang...

Nach einem schnellen Rundblick verschwand er hinter der Pflanze und wartete.

 

10. Die Hinrichtung

Angespannt betrat Sruel Allok Mok, der von den Terranern Sam genannt wurde, den Gerichtssaal. Die beiden Ghaarts, die ihn »gefunden« hatten, rückten solange nicht von seiner Seite, bis er sich auf den Platz des Angeklagten gesetzt hatte.

Wenig später tauchten auch Tiraz und die Geschworenen auf.

»Die Geschworenen haben entschieden«, verkündete er fast feierlich, als er das Pult erreicht hatte.

Der Sprecher der Geschworenen stand auf.

»Die Anklage wiegt schwer«, begann er. »Sruel Allok Mok ist ein bekannter Diplomat der Vereinigten Galaxien von Estartu. Früher Mitglied des Rates, hat er die Mächtigkeitsballung verlassen, um sich dem berühmten Terraner anzuschließen. Wegen dieser Tat kann ihm kein Vorwurf gemacht werden. Wir haben Salaam Siin befragt, der zwar in dieser Sache befangen, aber dennoch Bekannter von Rhodan und Vorsitzender des Rates ist. Auch die Geschichtsbücher weisen Rhodan als ungeheuer charismatische Persönlichkeit aus, der Siom Som und die anderen Galaxien viel zu verdanken haben. Daneben steht diese fast lächerlich zu nennende Anklage. Warum sollte gerade Sruel so sein Vaterland verraten? Damit kommen wir zu folgendem Urteil...«

Der Somer wurde mitten im Satz unterbrochen, als die Tür auffuhr. Sam fuhr herum und erkannte in der Tür die Rüstung eines Elfahders, Eravar, um genau zu sein.

»Wir haben neue Beweise«, brüllte die für die mächtige Gestallt so hohe und sanfte Stimme durch den Saal.

Mit wichtigtuerischer Geste hielt der Elfahder einen Speicherkristall empor und trat an den Syntron des Saals. Ein Holo erschien, das auf einer Fläche groß den Titel »Thoregon« zeigte.

»Diese Dateien konnten vor knapp 15 Minuten von dem Syntron des Angeklagten gesichert werden. Bei seiner Festnahme waren sie noch nicht vorhanden, deshalb müssen wir davon ausgehen, dass er während der Pause tätig war...«

»Ich war nur...«, protestierte Sam, doch Tiraz brachte ihn mit einer energischen Geste zum Schweigen.

»Der Inhalt dieser Datei ist äußerst brisant«, fuhr der Elfahder ungerührt fort. »Aus ihr geht hervor, dass Mok in der Tat im Auftrag Dorgons sich zunächst in den Beraterstab Rhodans geschlichen hat und nun gekommen ist, um Estartu zu unterwerfen!«

Holos untermauerten seine Aussage. Eravar zoomte das Emblem heran, das eindeutig den Ursprung dieser Datei kennzeichnete: Sams Syntron.

Die Geschworenen begannen aufgeregt zu tuscheln. Sam starrte fassungslos durch den Raum. Tiraz funkelte ihn böse an. Eravar schaute demonstrativ in eine andere Richtung. Salaam Siin ließ entsetzt seinen Rüssel baumeln. Warum nur? sagte sein Blick. Warum? Der Sprecher erhob sich. »Wir sind zu einem einstimmigen Urteil gekommen... Schuldig!«

Sam ließ die Arme hängen. Jetzt konnte er auch nichts mehr ändern. Jetzt war alles gesagt. Es blieb nur noch am Richter, die Art der Strafte zu bestimmen, doch diese war dem Somer egal. Was konnte jetzt noch schlimmer werden. Nur undeutlich drangen die Worte an Sams Ohren:

»...Hochverrates beschuldigt... verurteilt zum Tode durch den Konverter...«

Wie in Trance erhob sich Sam. Alles war verloren. Er würde keine Flotte bekommen. Ohne es zu merken, verdrängte er das Problem. Natürlich war nicht die fehlende Hilfe für Adams das Problem, sondern das drohende Ende seines Lebens, doch daran konnte er einfach nicht ändern.

Als zwei Ghaarts an ihn heran traten und ihn beim Verlassen des Saals flankierten, beherrschte nur ein Gedanke sein Gehirn. Wer hatte ihm das angetan? Wer war der wirkliche Verräter?

Kurz drang der Kopf von Salaam Siin durch den Schleier, der sich vor seine Augen geschoben hatte. Der Ophaler hatte einen leisen Grabgesang angestimmt. Als Sam direkt an ihm vorbei ging, raunte er ihm zu: »Warum Sruel, warum hast du das getan?«

Sam sparte sich die Antwort. Er hätte ihm auch keine geben können. Wenn sogar Salaam ihn für schuldig hielt, welche Hoffnung gab es da noch?

Die Türen öffneten sich vor Sam, ein langer Gang tat sich auf. Sam meinte, schon das tödliche Flackern des Konverterfeldes am Ende erkennen zu können, als er lethargisch einen Fuß vor den anderen setzte. Immer einen Fuß vor den anderen. Mehr gab es ihn Sams derzeitigem Denken nicht. Nur die Füße und der Gang. Und das Flackern.

Fast wäre er gegen einen Ghaart geprallt, der mitten im Gang stand. Er hatte ihn übersehen, weil er völlig in seiner Gedankenwelt versunken war. Füße, Gang, Konverter... was machte der Ghaart da?

Sam zwang sich, die Lethargie abzuschütteln und schaute sich um. Der Ghaart stand mit zwei anderen Ghaarts vor einer einheimischen Fug-Pflanze, die in einer Gangnische stand. Offenbar hatten sie etwas entdeckt. Nun, ihm sollte es egal sein. Was konnte jetzt noch etwas an seinem Schicksal ändern?

Einen Fuß vor den anderen. Schnell waren der Fug und die Ghaarts verschwunden, nur seine Aufpasser waren immer noch da. Der Konverter kam unbarmherzig näher. Einen Fuß vor den anderen. Sam meinte, schon die Hitze spüren zu können, als der Antigravschacht vor ihm auftauchte.

Einer der Ghaarts schritt an ihm vorbei und ließ sich nach unten treiben, danach stieß ihn der zweite Ghaart in das Antigravfeld. Jetzt fiel Sam erst auf, dass er gar nicht wusste, wo der Konverterschacht in diesem Gebäude überhaupt war. Er war einfach geradeaus gelaufen, ohne zu wissen, ob diese Richtung überhaupt die Richtige gewesen war. Nun, jetzt befand sich einer seiner Eskorten direkt vor ihm, jetzt konnte er sich nicht mehr verlaufen. Der Konverter kam immer näher.

Sam verließ den Schacht, immer dem Ghaart folgend. Das alte Spiel begann erneut: Einen Fuß vor den anderen. Die letzten Schritte seines Lebens. Erinnerungen überkamen Sam. Erinnerungen an ein Leben, welche er beinahe vergessen hatte.

*

Er sah eine Somer-Frau. Seine Frau. Ein Gelege. Sein Gelege. Sieben Eier. Kurz vor dem Schlüpfen. Dann sah er einen Pteru. Er hatte seine Frau im eisernen Griff. Sam konnte sehen, wie ihre Augen fast aus dem Kopf quollen. Sie wehrte sich verzweifelt, doch die kräftige Pranke des Echsenartigen drückte ihr unbarmherzig die Luft ab.

Schließlich erschlaffte sie. Sam versuchte, den Pteru anzugreifen. Ihn anzuspringen, schlagen, erschlagen, töten, sich rächen. Doch keine Bewegung war möglich. Der Paralysator wirkte. Taub. Gelähmt. Hilflos.

Der Pteru näherte sich dem Gelege. Nein! versuchte er zu schreien, aber die Lähmung umfasste auch seine Stimmbänder. Mit kaltem Lächeln ergriff der Pteru ein Ei und hielt es Sam vor die starren Augen. Sam sah, wie sich die Krallen in die Schale pressten. Nur noch ein wenig fester und sie musste... Sie zersprang. Ein bisschen Flüssigkeit, ein Dotter, ein ungeborener Somer – sein Kind! – landeten auf der Hand des Pterus. Dieser lachte nur und ballte die Faust. Dann ließ er den Klumpen zu Boden fallen und trat mit dem Fuß darauf. Sam konnte es nicht sehen, bis zum Boden reichte sein Blick nicht. Aber das Geräusch. Nie würde er dieses Geräusch vergessen. Ein matschiges Geräusch. Das Geräusch, mit dem sein Kind sein noch nicht einmal begonnenes Leben aushauchte. Töte mich, wollte er den Pteru ins Gesicht brüllen. Lass' mich dies nicht mit ansehen.

Dieser lachte wieder. Als hätte er die Gedanken erraten, schnappte er sich ein weiteres Ei. Noch fünf. Er drückte es Sam auf die Stirn. Trotz der Lähmung konnte er die Rundung der Schale fühlen. Ja er konnte sie fühlen. Und wie er sie fühlen konnte.

»Du Möchtegern-Diplomat«, hauchte der Pteru seinen Atem Sam ins Gesicht. Wie dieser roch. Sam wollte würgen, doch es ging nicht. »Merke dir: Die Ewigen Krieger gibt es immer noch. Trotz der Friedensverhandlungen dieses Salaam Siin. Wir werden ewig existieren. Und dafür, dass du die Festnahme von Ruag provozierst hast...«

Mit brutaler Gewalt drückte er stärker zu. Sam musste ohnmächtig mit ansehen, wie die zweite Schale zerbrach und der fast völlig entwickelte Embryo zwischen seinen Augen herab floss und auf seinen Schnabel liegen blieb. Sam entdeckte Federn auf der zarten Haut. Federn! Vielleicht noch ein paar Tage, dann wäre sein, ihr, Nachwuchs geschlüpft. Das Küken bewegte sich. Ja, es hatte sich bewegt. Es lebte!

Der Pteru hatte es auch gemerkt. Mit wutentbranntem Schrei fasste er das unschuldige Wesen mit beiden Händen, riss ihm den Kopf ab und warf die Überreste davon.

»Merke dir«, brüllte er den Paralysierten an. »Mische dich nicht in die Angelegenheiten der Pterus ein!«

Er ging, stampfte, trampelte durch das Gelege. Sam hörte eine Schale brechen. Dann noch eine. Und noch eine. Fünf Schalen zerbrachen.

Der Pteru brüllte erregt, dann verließ er den Raum, eine ermordete Somererin, sieben tote Küken, ohne eine Chance auf Leben, und einen paralysierten Friedensstifter zurück lassend. Ein zerstörtes Glück. Eine vernichtete Existenz.

Drei Jahre später hatte Sam Siom Som verlassen, um in der Milchstraße zu leben. Wieder drei Jahre später hatte er die Reise auf der LONDON angetreten. Danach hatte er sich Perry Rhodan angeschlossen. In den Galaxien von Estartu konnte er nicht mehr bleiben. Niemals mehr, wie er dachte.

*

Einen Fuß vor den anderen. Der Konverter kam immer näher. Was hatte sein Leben noch für einen Sinn? Alles hatte er verloren. Einen Fuß vor den anderen. Schritt um Schritt. Ein Hangar kam ihn sein Blickfeld. Hangar? Eine Space-Jet tauchte auf. Space-Jet?

Einer der Ghaarts begann zu grummeln, doch der andere stieß Sam die Rampe hinauf.

Fand die Exekution jetzt im Weltall stand? Ihm sollte es recht sein. Er hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Der vordere Ghaart eilte in die Jet. Kaum war er verschwunden, trieb ihn der zweite, der schon zuvor seinen Unmut geäußert hatte, wieder aus der Jet hinaus.

Besonders einig schienen sich seine Aufpasser ja nicht zu sein. Wäre dies eine andere Situation gewesen, hätte er es vielleicht sogar amüsant gefunden, aber so? Einen Fuß vor den anderen. Er hörte ein Zischen. Einen Fuß vor den anderen. Einen Aufschrei. Einen Fuß vor den anderen. Eine Hitze. Der Konverter? Einen Fuß vor den anderen. Eine Gestalt fiel neben ihn. Ein Pteru! Sam blieb stehen. Ein Strahlenschuss hatte das Prallfeld-Aggregat auf seinen Rücken zur Explosion gebracht. Daher war sein Aufpasser »sichtbar« geworden. Und tot. Sam wandte sich um. Der andere Ghaart stand auf der Rampe. Offensichtlich hatte er den Schuss abgegeben. Ein Verbündeter? Unmöglich, er war ein Pteru. Trotzdem betrat er die Rampe und schritt am Ghaart vorbei ins Innere der Space-Jet.

»Warum haben Sie das getan?«, fragte er die Gestalt hinter dem regenbogenfarbenen Schillern.

Diese antwortete nicht, sondern schloss das Schleusenschott, dann rannte sie zur Zentrale der Jet und startete das Schiff. Sam folgte ihn ungläubig und ließ sich in einen anderen Sitz sinken. Er sah durch die Kuppel, wie die Jet die Wolkendecke Soms durchstieß und sich der SIOM SOM näherte, die in einen Orbit um den Planeten gegangen war.

»Was...«, begann Sam erneut.

Das lichtbrechende Feld des Ghaarts ruckte plötzlich sehr schnell nach oben und flog dann in hohen Bogen durch die Zentrale an die gegenüber liegende Wand. Sam blickte nun die Gestalt an, die sich bisher unter dem Schleierfeld verborgen gehalten hatte. Es war...

»Will!«, schrie Sam.

»Ja, der Retter in Not, glücklicherweise konnte ich dich retten«, sprudelte der Afroterraner hervor. »Sie hatten mich gefangen genommen. Doch dann legten sie mir den Prallfeldgenerator an und ich konnte fliehen. Ich entdeckte diese fürchterlichen Beweise in deinen Syntron und beschloss dich zu befreien, doch dann...«

»Halt, halt!«, winkte Sam ab. »Eins nach dem anderen. Sie haben dich also genauso gefangen genommen wie mich?«

Will nickte und atmete einmal tief durch, um zur Ruhe zu kommen. Darauf berichtete er ihm sehr genau, was passiert war.

»Ich verbarg mich hinter der Pflanze«, schloss er. »Kurze Zeit später tauchte ein Ghaart auf. Offensichtlich hatte er einen Wärmesensor dabei, denn er trat genau auf mit zu. Mir blieb fast das Herz stehen, als er mich fragte, was ich hier machen würde. Dann befahl er mir, mitzukommen. Er führte mich genau in den Gerichtssaal, wo wir dich abholten. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass die Ghaarts mir im Gefängnis eines ihrer Prallfelder angelegt hatten. Ich war die ganze Zeit mit einem ihrer buntschillernden Prallfelder umhergelaufen, ohne es zu bemerken!«

Sam schmunzelte. »Die erste gute Nachricht seit langem. Doch die Sache ist noch nicht zu Ende. Den wahren Täter müssen wir noch finden.«

Die Space-Jet hatte den Hangar der SIOM SOM erreicht. Beide stiegen aus.

»Eigentlich könnten wir jetzt aus Siom Som verschwinden«, überlegte Will laut.

»Nein!«, widersprach Sam. »Ich hatte schon vor Gericht die Vermutung geäußert, dass Dorgon vielleicht schon hier ist und ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass die Vermutung richtig ist!«

»Da fällt mir ein: Hast du nach Beginn der Verhandlung das Apartment betreten?«

»Nein, Salaam Siin hatte mich speziell davor gewarnt.«

»Aha, welcher Somer war es dann... Warte!« Will bückte sich und untersuchte unter Protest des Somers dessen Beine. »Keine Narbe. Du warst es tatsächlich nicht...«

»Natürlich nicht! Das hatte ich doch schon... Narbe? Wer hatte eine Narbe am Bein?«

»Der Somer, der an dem Syntron gearbeitet hatte. Er sah dir ausgesprochen ähnlich.«

»Das muss Tiraz gewesen sein. Vor einigen Jahren wurde er von einer extremistischen Pteru-Sekte überfallen, genau wie...«

Er stockte und sein Schnabel fing an zu zittern, doch das fiel Will Dean nicht auf.

»Tiraz also, hmm...« Er hob den Prallfeldgenerator wieder auf. »Ich kehre nach Som zurück.«

»Was? Das ist ausgesprochen gefährlich, Will!«

»Für dich«, widersprach der Terraner. »Aber ich bin ja als Ghaart verkleidet. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Dorgon schon hier sein soll. Du siehst Gespenster, Sam. Die Dorgonen sind humanoid, sehen euch vogelartigen Somern also nicht im Geringsten ähnlich. Nein, ein Dorgon-Agent kann sich nicht als Somer verkleiden, eher als...«

»Elfahder«, fuhr Sam dazwischen. »Eravar!«

»Ich gehe der Sache nach. Bleib du besser hier!«

 

11. Dorgonen?

Will Dean flog mit der Jet aus dem Hangar der SIOM SOM. Sicherlich fragten sie sich unten schon, was passiert war, besser er unternahm etwas.

Er funkte, dass der andere Bewacher untreu gewesen und sich auf die Seite des Somers geschlagen hatte. Er zwang ihn, Sam zu dessen Schiff zu fliegen. Hier war es ihm jedoch gelungen, die Space-Jet zu kapern und nach Som zurück zu kehren.

Er landete und verließ die Jet. Tatsächlich ließen sie ihn in Ruhe, die Ghaarts schienen auf diesem Planeten in der Tat eine besondere Stellung zu haben. Er erkundigte sich nach der Firma des Elfahders Eravar. Lediglich eine halbe Stunde später betrat er schon dessen Büro.

»Sei gegrüßt, Ghaart«, empfing Eravar ihn. »Was führt Sie zu mir?«

Will setzte alles auf eine Karte. »Wir haben die Vermutung, dass der Prozess gegen Sruel Allok Mok nur inszeniert war und Sie der wahre Verbrecher sind.« Er trat näher an die Gestalt heran. »Wollen Sie freiwillig reden, oder soll ich erst Ihr Exoskelett zerstören?«

Handelte sich es bei Eravar um einen Dorgonen, würde ihn diese Drohung nicht sonderlich beeindrucken. War er allerdings ein echter Elfahder, handelte es sich bei ihm um ein Gallertwesen, das auf die Rüstung sehr angewiesen war. Glücklicherweise hatte Sam ihm erklärt, warum alle Elfahder diese Rüstungen, die in Wirklichkeit Exoskelette waren, trugen. Außerdem würde ein Einheimischer großen Respekt vor den Ghaarts haben. Eine ziemlich sichere Sache also.

Tatsächlich wurde Eravar nervös. Seine Rüstung fing lautstark zu quietschen an.

»Nein, nein!«, rief er. »Ich bin unschuldig. Tiraz hat mich provoziert, den Virus zu entwickeln!«

Tiraz? Also doch! Doch warum erzählte ihm der Elfahder dies so bereitwillig? Irgendetwas war hier faul.

*

Ohne sich noch weiter um den eingeschüchterten Eravar zu kümmern, verließ Will das Büro. Auf dem Weg zum Regierungszentrum funkte er die Gesprächsaufzeichnung an Sam. Sie würde ihm die Freisprache sicherlich vereinfachen.

Er wandte sich an ein Syntron-Terminal. »Ich suche das Ratsmitglied Tiraz.«

»Tiraz hat vor einigen Minuten das Gebäude verlassen«, antwortete der Syntron. »Er befindet sich auf dem Weg zum Raumhafen.«

Raumhafen? Das war es also, der gerissene Elfahder hatte ihn gewarnt. Man schien sich hier sehr sicher zu sein.

Hastig rannte er auf den nächstbesten Taxi-Gleiter zu. Der Flug zum Raumhafen schien endlos lang zu dauern. Endlich kam er in Sicht. Gerade noch echtzeitig, um ein somerisches Schiff starten zu sehen.

Will fluchte laut und stürmte in seine Space-Jet, kaum dass der Gleiter gelandet war. So schnell wie möglich startete er das Schiff und untersuchte eilig das Ortungs-Holo. Er atmete auf, als er das Schiff von Tiraz entdeckte.

»Ich folge Tiraz«, teilte er Sam über Hyperfunk mit. »Er steckt hinter allem. Vielleicht sehen wir uns jetzt eine Weile nicht mehr. Viel Glück bei deiner Verhandlung.«

»Seine Flucht wird nicht unentdeckt bleiben«, gab Sam freudig zurück. »Sicherlich werde ich bald frei gesprochen!«

Da trat Tiraz auch schon in den Hyperraum ein. Will machte sich an die Verfolgung, hielt sich jedoch vorsichtig zurück. Trotz mehrmaliger Kurswechsel und willkürlicher Hyperraumflüge gelang es Tiraz nicht, Will Dean abzuschütteln. Gleichzeitig blieb Will immer soweit zurück, dass ihn Tiraz mit seinen schwächeren Geräten nicht orten konnte. Es würde nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich der Somer völlig sicher war, allein zu sein.

Dann war es soweit. Das Schiff von Tiraz flog ruhig in ein System hinein. Anstatt direkt wieder im Hyperraum zu verschwinden, wie er es unzählige Male zuvor getan hatte, schien Tiraz nun alle Zeit der Welt zu haben.

Will beugte sich angespannt vor. Was wollte der Somer in diesem System? Sicher, es hatte Planeten, doch außer endlosen Wüsten gab es hier nichts Besonderes.

Mit einem Fiepen lenkte das Ortungsgerät seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Hyperraumaustritt wurde angemessen. Noch ein Schiff? Ein geheimer Treffpunkt?

Eilig zoomte Will es heran, nur um dann stöhnend zurück zu sinken. Sein Herz blieb fast stehen, als er die charakteristische Bauform erkannte. Bis zuletzt hatte er nicht daran geglaubt, doch diese absolut einzigartige Bauform ließ keinen Zweifel zu. Es gab nur ein Volk, welches seine Raumschiffe auf diese Art baute.

Tiraz traf sich mit einem Adlerschiff der Dorgonen.

 

12. Verrat

Dean lehnte sich langsam zurück. Sein Raumschiff driftete ohne Antrieb durch den Leerraum. Außerhalb der schützenden Hülle des Schiffes herrschte das Vakuum und damit die totale Leere, die charakteristisch für den größten Teil des Weltraums war.

Sterne funkelten in dieser Schwärze und erhellten sie, allerdings weitgehend bedeutungslos für den einsamen Raumfahrer in seinem Schiff. Einsam fühlte er sich, gleichsam genauso leer, wie der Raum, der sein Schiff umgab. Er seufzte leicht. Dann gab er sich einen Ruck und setzte sich im Kommando- und Pilotensessel des kleinen Raumschiffs auf.

Dean hatte sich in der Nähe in einem Asteroidenschwarm versteckt. Elegant hatte er das Schiff auf einem der kleinen Himmelskörper gelandet und seine Ortungen aktiviert. Auch jetzt noch stand das Schiff auf dem Asteroiden.

Aber für die Himmelskörper, die seine Space-Jet umschwärmten, hatte der Terraner keinen Blick mehr. Er sah nur noch das Adlerschiff vor sich.

Ein Adlerschiff, wie sie es bisher nur bei den Dorgonen gesehen hatten. Diese Schiffe gab es in drei Größen, dieses hier klassifizierte er als eines der mittleren Größe zugehörig. Es war 1.500 Meter lang, 2.100 Meter breit und immerhin 1.400 Meter hoch.

Majestätisch schwebte es auf das kleine Schiff des Somers zu. Es sah aus, als würde ein Adler sich auf seine Beute stürzen. Im Gegensatz zu einem Adler bremste das Schiff der Dorgonen allerdings leicht ab, dann jedoch öffnete es eine Schleuse an der Vorderseite. Das Schiff des Somers schwebte in einen Hangar. Es wirkte auf den heimlichen Beobachter wie die Mahlzeit der Karikatur eines Adlers. Ein Lächeln ersparte sich der Terraner allerdings, dazu war die Lage zu ernst.

Während dieser Vorgänge fand ein reger Funkaustausch zwischen den Schiffen statt. Dean verfolgte gespannt der Kommunikation, allerdings ohne etwas zu verstehen, denn die Syntronik war noch nicht in der Lage, den Text zu entschlüsseln.

In diesem Augenblick kamen die ersten übersetzten Texte herein. Der Verdacht des ehemaligen TLD-Agenten bestätigte sich. In der Tat hatte der abtrünnige Somer eine Verbindung zu den Dorgonen. Offenbar hatten beide Seiten ein Abkommen miteinander. Nun wurde ihm einiges klar, unter anderem, wie der Verräter es geschafft hatte, Beweise in der Kabine des Somers Sam zu platzieren, ohne dass jemand etwas gemerkt hatte. Letztendlich war es reines Glück gewesen, dass er ihn überhaupt bei seinem verbotenen Tun erwischt hatte.

Was nun passieren sollte, war dem Terraner nicht ganz klar. Er wartete gespannt auf die weiteren Ereignisse. Seine Geduld wurde nicht gerade auf eine harte Probe gestellt. Das Adlerschiff setzte sich langsam in Bewegung und verließ seine Position.

Dean startete die Maschinen des kleinen Schiffes und aktivierte den Antigrav. Er schwebte einige Meter nach oben und beschleunigte dann vorsichtig. Er folgte dem Raumschiff und hängte sich hinter die Wesen von Dorgon. Als das Adlerschiff im Hyperraum verschwand, folgte der Terraner sofort. Er hatte Glück, der Orterreflex des Schiffes war deutlich auf dem Bildschirm der Hyperraumortung zu sehen. Er übergab die Steuerung an den Syntron mit der Order, dem Schiff zu folgen.

Dean erhob sich und ging zu einem anderen Pult. Er aktivierte das Aufzeichnungsgerät der Funkanlage und sprach einen Text auf den Speicherchip. Dann raffte und verschlüsselte er den Text. Jetzt musste er nur noch warten, bis die Dorgonen den Hyperraum verlassen würden, dann würde automatisch ein Funkspruch an die Mitglieder seiner Expedition weitergeleitet werden.

Die jeweiligen Koordinaten würden automatisch hinzugefügt werden. So wussten die Freunde, wo er gerade war und was er seitdem herausgefunden hatte. Nun konnte er nur noch warten. Er kehrte zu dem Sessel des Kommandanten zurück und ließ sich darin nieder. Schwungvoll landeten seine Beine auf dem Pult vor ihm. Natürlich hatte er die Sensoren vorher deaktiviert. Im Augenblick konnte er nichts anderes tun als warten. Langsam entspannte er sich.

Der ehemalige Agent des TLD beobachtete die Schirme vor sich, als betrachte er einen interessanten Holo-Krimi. Allerdings würde der uneingeweihte Beobachter sich gewundert haben, denn außer dem roten Wabern des Hyperraumes konnte man nichts weiter erkennen.

Seit einiger Zeit waren sie nun schon in dieser Galaxis unterwegs und das einzige, was der Terraner klar erkennen konnte, war der Ortungsreflex des Adlerschiffes auf einem der Schirme vor ihm. Noch machte das Schiff keine Anstalten, in irgendeiner Weise aus dem Hyperraum austreten zu wollen.

Will Dean nutzte die Gelegenheit, um etwas über seine Situation nachzudenken. Vielleicht war es übereilt gewesen, allein aufzubrechen, allerdings war ihm fast nichts anderes übriggeblieben. Sam hatte auf Som festgesessen, weil man ihm den Prozess machen wollte und seine Schiffe waren daher auch nicht verfügbar. Dean hatte sich gerade noch eine der Jets schnappen können, bevor man den Raumhafen abgeriegelt hatte.

Mittlerweile hatte sich die Situation auf Som mit einiger Sicherheit entspannt. Der Ophaler Salaam Siin war bekannt als tolerantes Wesen. Sicher hatte er mittlerweile erkannt, was sich abgespielt hatte. Sam war wahrscheinlich schon wieder auf freiem Fuße und überlegte sich, wie er ihm zu Hilfe eilen könne. Dazu musste ihm Will aber mit den nötigen Informationen versorgen. Dies gedachte er, beim nächsten Zwischenstopp zu tun.

 

13. Irgendwo in Siom Som

Der Elfahder wusste im ersten Moment nicht, wie ihm geschah. Ein harter Schlag traf sein Exoskelett und er taumelte zurück. Mit der mechanischen Unterstützung seiner künstlichen Muskeln konnte er sich gerade noch abfangen, als der Gegner auch schon heran war und ihn massiv mit Hieben attackierte.

»Du verdammter elfahdischer Verräter«, knurrte der Pteru. Ein weiterer Schlag traf den Kopf des Wesens. Trotz des Exoskeletts spürte der Elfahder Schmerz. Die Rüstungen waren ausgelegt, Erschütterungen weitestgehend abzufangen, aber sie konnten dem Schlag nicht die Wucht nehmen.

Verzweifelt wehrte sich der Elfahder. Schließlich wusste er sich nicht mehr anders zu helfen, als eine Klappe am Kniegelenk zu öffnen und aus seiner Rüstung zu fließen. Der Pteru war so beschäftigt, dass er gar nicht merkte, dass sich sein Opfer inzwischen aus der Rüstung entfernt hatte. Wütend prügelte er weiter auf die nun relativ bewegungslose Rüstung ein.

Tory floss einige Meter von seinem künstlichen Skelett weg und riskierte einen Blick zurück. Mit Schrecken erkannte er, dass die Rüstung schon einige Beulen aufwies. Langsam aber sicher würde sie von dem wütenden Pteru in Stücke gehauen werden, da war sich Tory ganz sicher.

Der Ophaler, der um die Ecke kam, sah die Sache allerdings anders. Er erkannte die Absichten des Pterus und handelte sofort. Er begann zu singen und setzte seine Stimme auf zerstörerische Weise ein. Der Pteru presste beide Hände auf seine Ohren und trat einen Schritt von der Rüstung zurück. Tory handelte schnell und floss durch die Schleuse im Kniegelenk zurück in seinen künstlichen Körper.

Kaum hatte er die Kontrolle über seinen Körper wiedererlangt, da rannte er auch schon auf den Ophaler zu. Hinter dem kleinen Körper versuchte er seinen wesentlich größeren Körper in Sicherheit zu bringen, was ihm natürlich nicht gelang.

Der Pteru hatte sich mittlerweile von der Lärmattacke erholt. Er nahm die Hände von den Ohren und blickte, immer noch wütend, aber merklich abgekühlt, in die Richtung des Ophalers.

»Das soll dir eine Lehre sein«, meinte der Ophaler. »Die Zeiten des Kriegerkultes sind vorbei. Verhalte dich friedlich, wie es sich für ein zivilisiertes Wesen gehört.«

Der Pteru fixierte den Ophaler für einige Augenblicke. Sein Blick spiegelte Überraschung, aber auch Vorsicht wider. Langsam entfernte er sich von dem Ophaler. Als er merkte, dass der Sänger ihm nicht folgen würde, drehte er sich um. Seine Schritte beschleunigten sich, schnell war er um eine Ecke verschwunden. Die Straße lag nun leer vor ihnen.

Der Ophaler drehte sich zu dem Elfahder um. »Mein Name ist Vensalaa Triid. Ich hoffe, es geht dir gut.«

Der Elfahder verbeugte sich leicht. Dabei gab eines der Scharniere seines Exoskeletts ein leises Quietschen von sich. Offensichtlich hatte das Skelett die raue Behandlung mit dem Schlagstock nicht ganz unbeschadet überstanden.

»Mein Name ist Tory. Ich freue mich, dich zu treffen. Mir ist nichts passiert, aber ich fürchte, mein Exoskelett hat einiges abbekommen.«

»Das ist kein Problem, da kann ich dir helfen. Folge mir einfach und Hab keine Angst. Niemand wird dir etwas tun.«

Der Ophaler drehte sich um und schritt in Richtung der belebten Straßen davon, die nur einige hundert Schritte von diesem Teil der Stadt entfernt waren.

Vasaak war ein gefährlicher Stadtteil, niemand wagte sich da ohne triftigen Grund hinein. Allerdings waren sie hier immer noch in den Randbereichen, daher erreichten sie die belebten Bereiche der Vergnügungsviertel, auch ohne weiteren Angriffen ausgesetzt zu sein.

»Was macht ein Ophaler in einem solchen Teil dieser Stadt?« Der Elfahder hatte sich nach langem Überlegen dazu durchgerungen, diese Frage an den Ophaler zu richten.

»Geschäfte«, lautete die lapidare Antwort des Ophalers.

Tory wartete gespannt auf eine genauere Erklärung, allerdings vergeblich. Offensichtlich wollte das Wesen keine weiteren Worte darüber verlieren.

»Und wohin wirst du mich bringen?«

Ein Seitenblick traf ihn.

»Du scheinst mir recht neugierig zu sein, Elfahder. Manchmal ist es besser, die Klappe zu halten und einfach schweigend zu folgen. Es gibt Dinge in unserer Galaxis, die nicht so sind, wie sie sein sollen. Seit die Heraldischen Tore wohl für immer verschlossen sind, hat sich eine Menge getan. Und nicht alles war gut. Folge mir nun schweigend und warte auf alles weitere.«

Der Elfahder verstummte verblüfft. Eine Antwort auf seine Frage hatte er nicht erhalten, allerdings hatte er den Eindruck, dass sein Begleiter mehr gesagt hatte, als er eigentlich wollte. Jedenfalls waren seine Andeutungen mehr als nebulös gewesen. Was wollte er mit diesen Worten sagen?

Schweigend trottete der Elfahder neben dem Ophaler her. Ein merkwürdiger Anblick – der kleine Sänger, der offensichtlich die Richtung bestimmend, den großen Elfahder geleitete. Langsam, gemessenen Schrittes, bewegten sie sich durch die Hauptstadt von Trenyra II, einer Welt in der Westside von Siom Som.

Kenyon war ein Ort, an dem sich viele Völker dieser Galaxis vereinigten. Vor allem Elfahder, Somer und Ophaler waren hier keine Seltenheit. Weit seltener allerdings traf man auf Pterus, denen man als Überbleibsel der Upanishad immer noch sehr zweifelnd gegenüber stand. Immerhin wusste man inzwischen, wer die zwölf ewigen Krieger gewesen waren. Sie waren heute sicher alle tot. Aber Pterus waren immer noch Wesen, denen man lieber nicht begegnen wollte. Offensichtlich zu Recht, wie der Zusammenprall Torys mit dem Pteru bewies.

Tory sagte nichts mehr. Schweigend folgte er dem Ophaler, obwohl ihm eigentlich eine Menge Fragen auf der Zunge brannten. Aber ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als den Wunsch Vensalaa Triids zu respektieren. Und so bewegten sich die beiden ungleichen Gestalten durch die Straßen Kenyons, ohne ein Wort zu wechseln.

An einer Straßenecke blieb der Ophaler plötzlich stehen. Er deutete auf den Eingang eines Hauses, das für den Elfahder verdächtig nach einem Ort aussah, wo man seine Gelüste gegen Bezahlung befriedigen konnte. Sein flüssiger Körper begann, sich unruhig zu bewegen, was seinen leicht lädierten künstlichen Körper noch mehr zum quietschen brachte.

»Keine Angst«, meinte der Ophaler. »Die tun dir nichts. Wir treffen uns da drin. Geh einfach rein und setz dich an einen Tisch. Bestell dir ein Beron und warte, bis du gerufen wirst. Ich werde dein Erscheinen ankündigen.«

»Was heißt ankündigen? Kann ich nicht einfach mit dir mitkommen? Dem Elfahder war der Gedanke, allein in dieses Etablissement zu gehen, wohl nicht sehr geheuer.

Der Ophaler wedelte mit einigen seiner Tentakel. Unwirsch wies er auf die Tür. »Stell dich nicht so an, Elfahder. Geh da hinein und warte. Es wird nicht lange dauern.«

Damit wandte er sich ab. Er ging in einen schmalen Durchgang zwischen zwei der Häuser und betrat eines durch eine Seitentür. Er blickte sich nicht mehr um.

Tory betrachtete für einige Augenblicke die Tür und fragte sich, was wohl als nächstes auf ihn zukommen würde. Offenbar wäre er heute Morgen lieber im Bett geblieben, jedenfalls hatte sich der Tag bisher nicht gerade zu einem der Besten entwickelt.

Als er aufgestanden war, hatte ihn seine Mutter zu sich gerufen. Sie lebte in Vasaak, daher hatte er diesen Bezirk betreten müssen. Nicht jeder, der in diesem Stadtteil lebte, machte ihn zu einer Gefahr. Nur half ihm das auch nichts. Den ganzen Tag hatte er sich das Gejammer seiner Mutter anhören müssen. Das Exoskelett tauge nichts mehr, ihr Körper mache auch langsam schlapp und überhaupt sei alles so teuer geworden, seit die ewigen Krieger nicht mehr über sie wachten und wie heruntergekommen doch seither alles war. In diesem Sinne hatte sie immer weiter und weiter gemacht. Als sie genug gejammert hatte, war er wieder nach Hause aufgebrochen und dabei über diesen Pteru gestolpert.

Für einen Moment überlegte Tory, einfach umzudrehen und wegzugehen. Jemanden, der sein Exoskelett reparierte, würde er schon finden. Wie kam er überhaupt dazu, dem Wesen zu folgen und seiner Aussage zu vertrauen, es könne ihm helfen? Eigentlich gab es keinen Grund, so leichtgläubig zu sein.

Andererseits hätte der Ophaler ihm sicher nicht geholfen, wenn er eine Gefahr für ihn wäre.

Tory entschloss sich, dem Wesen zu vertrauen. Er betrat die Bar.

 

14. An Bord einer Space-Jet

Will Dean schreckte hoch, als der Alarm des Syntrons ertönte. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war, dann aber kehrte die Erinnerung zurück. Offenbar war er eingeschlafen. Das Beste, was er hatte tun können. Wenn es zur Konfrontation mit den Dorgonen kommen sollte, war es sicher von Vorteil, ausgeschlafen zu sein.

Offenbar war etwas geschehen, sonst hätte ihn der Syntron nicht geweckt.

»Was ist los, Syntron?«

»Die Dorgonen sind aus dem Hyperraum ausgetreten. Vierzehn Lichtstunden vor uns befindet sich eine Sonne mit drei Planeten. Offenbar wollen sie dorthin fliegen. Eine Station kann ich allerdings noch nicht orten.«

»Dranbleiben. Ist der Funkspruch mit unseren Koordinaten abgesetzt worden?«

»Positiv. Eine Bestätigung von Som ist allerdings noch nicht eingetroffen.«

»Bestätigung abwarten. Den Dorgonen folgen.« Gespannt beugte sich der Terraner in seinem Sitz vor, als sich das Schiff langsam dem Sonnensystem näherte. Offenbar war es unbewohnt.

»Syntron, Daten über das System und unseren genauen derzeitigen Standort!«

Der Syntron nannte die Koordinaten.

»Das System befindet sich auf der Westseite von Siom Som. Wir sind genau 2412,2148454 Lichtjahre von Som entfernt. Es besteht aus eine Sonne vom Sol-Typ und insgesamt drei Planeten. Der erste weist eine Oberflächentemperatur von 120 Grad auf.«

»Vielleicht würden sich einige Oxtorner dort wohl fühlen«, murmelte der Terraner grinsend.

»Der zweite Planet ist mit einer Durchschnittstemperatur von 40 Grad für Menschen etwas zu warm, weißt allerdings angenehme Lebensbedingungen auf. Der dritte Planet hat keine Atmosphäre. Er hat eine Oberflächentemperatur von durchschnittlich minus 180 Grad.«

»Und wohin wenden sich die Dorgonen?« Dean fixierte den Orterreflex und versuchte, eine Richtung daraus abzulesen. Das Schiff näherte sich den Planeten von »oben«, jedenfalls wenn man sich an den Umlaufbahnen der drei Welten orientierte.

»Eine Hochrechnung der Flugbahn lässt vermuten, dass die Dorgonen auf dem zweiten Planeten landen werden.

»Na wunderbar. Jetzt könnte ich einige Arkoniden gut gebrauchen, die würden sich sicher auf dieser Welt recht wohl fühlen.«

Dean überlegte einen Augenblick.

»Syntron, die Landung abwarten. Danach in der Nähe der Basis der Dorgonen einen Landeplatz suchen. Wir wollen nicht entdeckt werden, wenn wir landen.«

»Verstanden.«

Der Syntron folgte dem Schiff der Dorgonen und verfolgte genau dessen Flugbahn. Er bestätigte noch einmal die Wahrscheinlichkeit der Landung auf dem zweiten Planeten, dann beschleunigte er langsam. Als die Dorgonen gelandet waren, betrug die Entfernung für Will Deans Schiff noch einige Lichtminuten zum zweiten Planeten. Schnell näherte er sich der Welt, die er in Gedanken schon Dune getauft hatte, nach einer alten terranischen Geschichte, wo man eine Wüstenwelt genauso genannt hatte. Die Geschichte war entstanden, als die Menschheit noch nicht ins All fliegen konnte, aber Wüstenwelt war nun einmal Wüstenwelt.

Eine halbe Stunde später schwebte die Space-Jet über einem kleinen Talkessel, der von einem Sandüberhang überschattet wurde. Langsam und vorsichtig parkte der Syntron das Fluggerät darunter.

 

15. Die Dorgonen

Vier Soldaten gruppierten sich um den Somer, der sich in seiner Haut nicht sehr wohl fühlte.

»Du hast es also nicht geschafft, diesen Sam aus dem Verkehr zu ziehen. Ich bin enttäuscht, eigentlich hätte ich mir mehr von dir erhofft.«

Der Somer öffnete seinen Schnabel, konnte sich aber einen Kommentar gerade noch verkneifen, als der Dorgone wütend mit einer Hand eine waagrechte Bewegung machte. Es war deutlich genug, was er damit sagen wollte – Unterbreche mich nicht, wenn dir dein Leben lieb ist, Somer – das sollte die Bewegung ausdrücken und Tiraz wusste sehr genau, dass sein Leben in diesem Moment an einem seidenen Faden hing. Er war vielleicht ein Verräter, aber er war nicht dumm.

»Sag mir, Somer, welcher Wert hat eine Kreatur wie du, wenn sie nicht die Erwartungen erfüllt, die man in sie setzt? Keinen, nicht wahr? Welchen Wert solltest du also für mich noch haben, kannst du mir das sagen?«

Der Dorgone verstummte. Er hatte beide Hände in die Hüften gestemmt und blickte dem Somer genau in die kleinen schwarzen Augen, die so tückisch funkeln konnten.

»Nun, ich warte auf eine Antwort.«

Tiraz wunderte sich nicht über die Sprunghaftigkeit des Dorgonen. Wenn man mit dem Teufel paktierte, dann konnte man sich eben leicht das Gefieder verbrennen, wie jeder Somer wusste. Er öffnete wieder den Schnabel, allerdings kam nichts heraus. Angst erfasste ihn, wie ein kalter Hauch strich sie über sein Rückgrat und verharrte in der Nähe seines Herzens. Es begann schneller zu schlagen. Ein Somer konnte nicht schwitzen, aber es bildete sich Schaum in seinem Mund, der weiß aus seinem Schnabel tropfte.

»Ich kenne mich auf Som sehr genau aus, daran hat sich nichts geändert. Auch wenn mir die maßgeblichen Leute dort nicht mehr vertrauen, kenne ich zu viele Geheimnisse. Du kannst mich nicht töten...«

Im gleichen Augenblick wusste er, dass er einen Fehler begangen hatte. Einem Wesen, das sich als absoluter Herrscher fühlte, sollte man besser nicht sagen, was er nicht tun kann.

»Du wagst es?« Die Stimme des Praefektus Castrorum Zaracus, dem Einsatzkommandeur aller Dorgonen in Siom Som, hörte sich verwundert an, allenfalls noch etwas belustigt. Ernsthaft wütend schien er aber nicht zu sein.

»Verzeihung, Herr.« Eiserne Faustregel, wenn es gefährlich wird, immer Unterwürfigkeit zeigen. »Ich wollte nicht... ich meine...«

Zaracus winkte ab. »Schon gut. Schafft mir diesen Wurm aus den Augen, ich kann seinen Anblick nicht mehr ertragen. Ich werde später entscheiden, was wir mit ihm machen. Bis dahin, Geschmeiß, kannst du dir überlegen, warum wir einen Verräter besser nicht töten sollen. Raus mit dir.«

Mit diesen Worten drehte er sich um und wandte sich von den Soldaten ab. Diese salutierten. Er nahm die Ehrenbezeigung nicht einmal zur Kenntnis.

Mit wütenden Schritten stapfte er auf seinen Kommandantensessel zu, der erhöht in der Mitte der Zentrale stand. Sechs Stufen führten bis ganz nach oben und sorgten so dafür, dass Untergebene auch dann zu ihm aufschauen mussten, wenn er saß. Gemessenen Schrittes ging er über die kurze Treppe nach oben und ließ sich auf seinem Sitz nieder. Sein Blick fiel auf die Anzeigen in seiner Armlehne. Seine Augen weiteten sich, als er den Ausschlag an Energie erkannte.

»Etwas stimmt hier nicht«, brüllte er. »Das Schiff ist doch schon längst gelandet. Woher kommen diese Energieausschläge? Ortung!«

Er drehte sich in seinem Sessel. Ein drohender Blick traf einen der Anwesenden, der sich erschreckt duckte und sofort die Ortungen überprüfte. Nichts zu sehen. Der Ortungsoffizier überprüfte die Aufzeichnung der letzten fünf Zeiteinheiten und erkannte, dass sein Kommandant recht hatte.

»Energieausschlag bei 130 Grad West. Energiequelle unbekannt. Es handelt sich nicht um eine Energiequelle der Dorgonen, es handelt sich auch nicht um planetare Energie. Wir haben einen Eindringling.«

»Sofort Alarmbereitschaft. Jemand ist uns gefolgt. Dieser somerische Trottel wurde verfolgt.«

Sirenen heulten auf, Lichter begannen zu blinken. Bisher allerdings nur blaue Lichter, die bei den Dorgonen ein Problem minderer Schwere anzeigten. Gleiter wurden bemannt, Besatzungen machten sich bereit. Auf einen Befehl des dorgonischen Kommandanten lösten sich die Gleiter aus ihren unterirdischen Hangars. Die Suche begann.

 

16. Eine unheimliche Begegnung

Unbehaglich blickte sich der Elfahder in dem dunklen Raum um. Dann steuerte er die schmutzige Theke an. Er stützte den Ellbogen seines Exoskeletts auf und zog ihn sofort zurück. Eine riesige Kakerlake wanderte direkt vor seinen Augen über die Theke. Auch in Siom Som war dies ein abstoßender Anblick.

Ein Drall drehte sich zu ihm um und sah die entsetzt geöffneten Augen des Elfahders. Der insektoide Bartender wirkte einen Augenblick lang verärgert, dann aber grinste er. Er ging hinüber zu dem Elfahder und nahm die Kakerlake vor seinen Augen mit den Fingern auf. Seine Kieferzangen öffneten und schlossen sich, dann war der primitive Artgenosse für immer von dieser Welt verschwunden.

»Was darf es sein?«, fragte der Bartender und griff nach einem Glas, das nicht eben sauber war.

Der Elfahder presste eine Hand vor seine Essöffnung und schüttelte den Kopf.

»Für mich in den nächsten Stunden nichts, danke«, meinte er.

Der Drall zuckte nur mit den Schultern und wandte sich einem anderen Gast zu.

Tory löste sich von der Theke und drehte sich um. Ein Rundblick zeigte ihm eine Vielzahl von zwielichtigen Gestalten, offensichtlich aus allen Teilen Siom Soms stammend. Wenn Vasaak einer der gefährlichsten Stadtteile war, dann musste dieses Loch hier eine der gefährlichsten Bars in der Stadt sein, so jedenfalls kam es ihm vor. Schmutz wohin man auch schaute, und zwar sowohl was den Schmutz auf den Tischen und Bänken anging, als auch was den Schmutz anging, der sich an den Tischen niedergelassen hatte. Es war furchterregend.

Eine leicht bekleidete Mandinka tanzte auf einem der Tische. Sie ließ nach und nach ihre Hüllen fallen, was der an ein Exoskelett gewöhnte Elfahder doch eher ungewöhnlich fand. Sie enthüllte gerade ihre dritte Brust, als eine Hand sich auf die Schulter Torys legte.

Der Elfahder wandte sich langsam um. Er erwartete, das Gesicht des Ophalers hinter sich erkennen zu können, aber es war nicht der Ophaler. Ein Pteru stand hinter ihm. Das Reptilienwesen öffnete den Mund und entblößte eine Reihe schiefer Zähne.

»Hey, Elfahder, was machst du denn hier?«, lallte die Gestalt.

Der betrunkene Pteru lachte zischend, dann hatte er Tory schon wieder vergessen. Fasziniert starrte er auf die dritte Brust der Mandinka, dann plumpste er auf einen Barhocker, der zufällig gerade hinter ihm stand. Er wandte sich um. Der Drall stellte einen Krug einheimischen Alkohol vor ihm auf die Theke und der Pteru nahm einen tiefen Schluck. Im nächsten Moment verriet ein lautes Schnarchen, dass der Betrunkene eingeschlafen war.

Tory war zutiefst entsetzt. Normalerweise hielt sich der Elfahder nicht in solchen Etablissements auf. Er war ein wohlerzogener Elfahder, der von seiner Mutter im Geiste der ehemaligen Upanishad erzogen worden war. Natürlich hatte er keine Stufen der Upanishad erfüllt, eine solche Lehre gab es in Siom Som eigentlich nicht mehr. Nur einige der Standards von damals hatten sich erhalten. Daher konnte der Elfahder ein solches Verhalten nicht nachvollziehen.

Unglücklicherweise hatte Tory nie zu den Geschicktesten gehört. Schon als Kind hatte man ihn liebend gerne gehänselt, er hatte sein Exoskelett mehrfach kaputt gemacht und damit seinen Eltern nicht eben Freude bereitet, die immer wieder für nicht ganz billigen Ersatz sorgen mussten. Das war auch der Hauptgrund, warum er die quälenden Tage bei seiner Mutter widerspruchslos über sich ergehen ließ.

Vorsichtig ließ sich Tory in seinem Exoskelett auf einen anderen Barhocker sinken. Wartend verharrte er dort einige Minuten, geschockt in die Runde schauend, bis er aus einer Tür an der Seite die Gestalt eines Ophalers treten sah. Ein kurzer Wink nur, dann verschwand die Gestalt wieder. Wie auf Kommando erhob sich der Elfahder und folgte dem Wesen. Er gelangte in einen Korridor, der zu den Nasszellen führte.

In einer der Zellen erwartete ihn der Ophaler. Wiederum winkte er, der Elfahder trat zögernd in die enge Zelle. Er wollte gerade fragen, was das solle, als sich der Boden in Nichts auflöste. Es war nur eine Projektion gewesen und sie standen nun über einem dunklen Schacht, der sich als Antigravschacht entpuppte.

Langsam sanken sie nach unten. Über ihnen stabilisierte sich wieder die Projektion eines Fußbodens und sie konnten von unten die leere Zelle erkennen.

Tory sagte nichts mehr. Er starrte nur beharrlich in die Dunkelheit. Er wünschte sich, nicht mitgegangen zu sein. Aber nun war es leider zu spät.

Die Dunkelheit wich einer grauen Dämmerung. Ein Gang wurde unter ihnen sichtbar, der nur in eine Richtung führte. Am anderen Ende des Ganges erkannte der Elfahder ein Licht.

»Dort ist unser Ziel. Dort wirst du erfahren, warum ich dich hierher geführt habe. Aber zuerst werden wir dein Exoskelett versorgen. Komm.«

 

17. Wüstenwelt

Die Space-Jet lag unter dem Sand begraben, der die Wüste beherrschte. Will Dean hatte den Syntron angewiesen, den Überhang zum Einsturz zu bringen. Gleichzeitig hatte er alle Energieanlagen deaktivieren lassen. Die Oberfläche der Jet war so beschaffen, dass Ortungsstrahlen einfach um sie herum abfließen würden und sich im Nichts verlieren würden, so war er gegen eine Entdeckung optimal geschützt, sollte man seine Landung doch geortet haben.

Da auch der Syntron als energieverbrauchende Anlage deaktiviert war, begab sich Will Dean an die Ortungen und aktivierte die passiven Orter. Er setzte sich in den Sessel und beobachtete die Anzeigen, gespannt abwartend, ob sich etwas tun würde.

Er musste nicht lange warten. Ein Gleiter tauchte in seiner Nähe auf, gleich darauf ein zweiter und dritter. Insgesamt erschienen zehn Gleiter, die mit Soldaten Dorgons besetzt waren.

Einer nach dem anderen ging nieder. Bewegungslos verharrten sie dort, niemand verließ die Fahrzeuge.

Nach einer halben Stunde hob der erste der Gleiter ab, gleich darauf ein weiterer. Nach und nach waren alle Gleiter gestartet, bis der Platz über der Space-Jet so leer und verlassen war, wie zuvor. Niemand würde vermuten, dass nur einen Augenblick zuvor noch Gleiter dort oben gestanden hatten.

Erleichtert aktivierte Will den Syntron und überließ ihm alles Weitere. Er selbst kletterte in einen Serun und machte sich zum Ausstieg bereit.

»Syntron, ich werde die Jet verlassen. Ich werde versuchen, in die Station der Dorgonen einzudringen und dort für etwas Unruhe zu sorgen. Sollte mir etwas passieren, dann musst du die SIOM SOM über alles informieren, was hier geschehen ist. Wenn ich nicht zurückkomme, dann hängt alles von dir ab. Sei also vorsichtig, niemand darf die Jet betreten – abgesehen von mir oder den Mitgliedern der SIOM SOM.«

»Ich habe verstanden. Ich wünsche dir viel Glück, Will Dean.«

Obwohl der Terraner wusste, dass der Syntron keine Gefühle kannte, hatte er für einen Augenblick den Eindruck, die Recheneinheit meine es ernst. Vielleicht deshalb, weil sie mit weiblicher Stimme zu ihm sprach, akzeptierte er den Syntron nur zu gerne als seinen Weggefährten. Einer der Gefahren in der heutigen Raumfahrt war, dass man auf langen Flügen, wenn man zu sehr alleine war, seltsame Marotten entwickelte. Eigentlich war Will noch nicht lange genug allein unterwegs um Gefühle für seinen Syntron zu entwickeln. Er schob diese Gedanken weit von sich und konzentrierte sich auf das vor ihm liegendes Problem. Zuerst einmal musste er die vergrabene Jet verlassen.

Er begab sich zu einem der Ausstiege und ließ ein Prallfeld direkt davor entstehen. Dann öffnete er das Schott. Seinen eigenen Schirm synchronisierte er mit den Werten des Prallfeldes, dann durchschritt er einfach das Schutzfeld vor dem Schott. Auf diese Weise verhinderte er ein Eindringen des Sandes in die Jet.

Sein eigenes Prallfeld verdrängte genug von dem Sand, um ihn aus dem Schiff treten zu lassen. Will Dean aktivierte seinen Antigrav und ließ sich von ihm nach oben tragen, unterstützt von leichten Schüben aus seinem Triebwerk. Der Pikosyn synchronisierte diese Art der Befreiung aus dem Sand und so perlte der Sand vom Schirm des Terraners ab wie Wasser von einem Körper, wenn man aus dem Wasser auftaucht.

Es dauerte nicht lange und in der glatten Sandoberfläche bildete sich ein kleiner Hügel, der nach oben von einer kugelförmigen Sphäre durchstoßen wurde. Der Terraner tauchte aus einer Düne auf wie eine Erscheinung.

Kaum stand er auf der Oberfläche, als er auch schon das Prallfeld in sich zusammenfallen ließ. Die Abstrahlungen seines Pikosyns waren so schwach, dass sie in wenigen Metern Entfernung schon nicht mehr anzumessen waren.

Er ließ sich von seiner Recheneinheit eine Karte auf die Scheibe seines Raumhelms projizieren. Den Anzug ließ er geschlossen, innerhalb des Seruns herrschten angenehme 20 Grad, während das Außenthermometer derzeit 48 Grad anzeigte. Langsam machte sich der Terraner auf den Weg, immer der Anzeige auf der Innenseite seines Raumhelms folgend. Dabei half ihm der Servomechanismus seines Anzugs, der seine Muskelbewegungen genau umsetzte und ihm so ermöglichte, einigermaßen ermüdungsfrei eine lange Distanz zu gehen. Der Serun war sogar so gut, dass sich seine Beine bewegen ließen, ohne dass der Terraner selber bewusste Muskelbewegungen machen musste. Wenn er also aus irgendwelchen Gründen das Bewusstsein verlieren sollte, dann würde sein Anzug auch ohne seine bewusste Steuerung laufen können.

Ein langer Marsch lag vor im. Die Hitze flimmerte, der gelbe Ball der Sol-ähnlichen Sonne brannte auf ihn herab. Noch machte ihm das nichts aus, aber wenn er sich der Station nähern würde, dann würde er wohl oder übel die Klimatisierung einstellen müssen und ohne die Unterstützung seines Anzugs weitergehen müssen.

Der Afroterraner verdrängte diese Gedanken aus seinem Kopf. Dank seiner Hautfarbe musste er sich wenigstens über einen Sonnenbrand keine großen Sorgen machen. Aber diese Erwägungen lagen noch einige Kilometer vor ihm.

Eine Sekunde lang dachte er daran, die Entfernung mit dem Flugaggregat zurückzulegen. Aber dann entschied er sich dagegen. Die Anwesenheit der Gleiter bewies, dass man ihn schon während des Anflugs geortet hatte. Er wollte nicht riskieren, dass man ihn aufgrund einer solchen Nachlässigkeit finden konnte.

Vor ihm lag nur Sand. Hinter ihm der gleiche Anblick. Sams Gedanken schweiften ab. Er konzentrierte sich nicht mehr auf seinen Weg, nur insoweit, als er die Anzeige in seinem Helm verfolgte. Die Ortung überließ er dem Pikosyn.

Nachdenklich wanderte er weiter.

*

Zaracus lauschte den Meldungen der ausgeschickten Gleiter. Man hatte nichts gefunden. Nichts Auffälliges weit und breit. Es schien, als hätte sich der Eindringling perfekt getarnt. Wenn Sie ihn aufspüren wollten, wäre eine ständige Überwachung der ganzen Anlage angebracht gewesen. Zaracus verschwendete einige Gedanken daran, auf eine Überwachung zu verzichten. Sie hatten wahrlich anderes zu tun. Schließlich waren sie der Brückenkopf Dorgons in einer fremden Galaxis. Wenn er keine Fehler machte und die Galaxis erobern konnte, dann würde er es sicher zum Statthalter bringen. Der Statthalter einer ganzen Galaxis, das war schon etwas. Damit konnte er zu Hause Eindruck schinden, denn noch hatte Dorgon nie den Versuch unternommen, sich eine andere Galaxis einzuverleiben. Siom-Som und dessen Nachbargalaxien, die den Bund ESTARTU bildeten und die Milchstraße waren von Dorgon auserkoren worden, als erste in das Imperium aufgenommen zu werden. Sollte Zaracus tatsächlich Militium-Magister der gesamten Galaxis Siom Som werden, würde er ungeahnten Ruhm erlangen.

Es wurde auch Zeit, dass die Dorgonen nach fast 90.000 jähriger, raumfahrender Geschichte, die Adlerschwingen über andere Galaxien legen würden. Zaracus fand, dass die Ressourcen von Dorgon allmählich ausgeschöpft waren. Natürlich nicht im materiellen Sinne, aber die Ausdehnung war begrenzt, die Population ebenso. Es gab keinen Antrieb für das dorgonische Militär, außer eben mal hier und da Aufstände niederzuschlagen. Es gab keine echten Feinde mehr. Dorgon hatte die innere Einheit gefunden und würde sie festigen, sollte Thesasian die Grundrechte aller Dorgonen gleichstellen. Das war für einen echten Soldaten nicht unbedingt befriedigend. Die Eroberung anderer Sterneninseln versprach hingegen Ruhm und Ehre. Die Sklaven der neuen Welten würden für Wohlstand und Zufriedenheit in der Heimat sorgen. Zaracus überlegte sich, wie lange ein einst versklavter Jerrer wohl brauchen würde, um sich selbst einen eigenen Sklaven zu kaufen, wenn er einmal die gleichen Rechte wie ein Mesophier und Hesophier hatte.

Zaracus rief sich zur Ordnung. Wenn er das akute Problem eines Eindringlings nicht in den Griff bekam, dann brauchte er sich über alles weitere keine Gedanken zu machen. Versager waren im Reiche Dorgon nicht willkommen.

»Alarmbereitschaft für die Station bleibt bestehen. Achtet auf alles Außergewöhnliche. Patrouillen außerhalb der Station sollen auf alles achten, was sich nähern könnte. Und ich meine wirklich Patrouillen. Ich weiß selber, dass es da draußen heiß ist. Ausführen!«

Der vor ihm stehende Aquilifer salutierte, dann wandte er sich zackig um und verließ den Raum. Seines Kommandos schallten bis zu Zaracus herein, der zufrieden vor sich hin lächelte, allerdings nur den Bruchteil einer Sekunde lang. Dann wurde er wieder ernst. Die Besatzung sollte ihn nicht lächeln sehen.

 

18. Im Untergrund

Tory näherte sich dem Licht auf der anderen Seite des Ganges mit gemischten Gefühlen. Langsam aber sicher bekam er es immer mehr mit der Angst zu tun. Der Ophaler wurde ihm immer unheimlicher und er fragte sich, wie er es geschafft hatte, in diesen Schlamassel hinein zu geraten.

Der Ophaler überholte ihn, um mit dem Tempo Torys schritthalten zu können. Der Elfahder blieb stehen und verharrte einen Augenblick lang vor dem Durchgang. Dann atmete er tief durch und machte den entscheidenden Schritt.

Das erste, was er zu sehen bekam, war ein Exoskelett. Offensichtlich ein weiterer Elfahder. Er wollte schon erleichtert aufatmen, als er auch noch das Gesicht eines Pterus zu sehen bekam. Erschrocken wollte er sich schon wieder umwenden, als er die freundliche Grimasse erkannte. Dieser Pteru würde ihm offensichtlich nichts tun.

Zusätzlich saßen noch zwei Drall und ein Versone in dem Raum, aber sie waren es nicht, die ihn erschreckten. Besonders furchterregend fand er eine humanoide Gestalt, die ebenfalls anwesend war – wohl die ungewöhnlichste Erscheinung, die er jemals gesehen hatte. Offensichtlich stammte dieses Wesen nicht einmal aus dieser Galaxis.

Der Fremde war fast 2 Meter 50 groß, dazu aber auch fast ebenso breit. Sein Gesicht war weiß und haarlos, auf dem Kopf hatte er Haare, welche die Gestalt einer Bürste hatten. Der Elfahder hütete sich zu grinsen. Der Fremde sah viel zu groß aus, als dass er sich mit ihm angelegt hätte.

»Wer sind diese Leute, und was soll das ganze überhaupt?«

Diese Frage gehörte sicher nicht zu den intelligentesten, die er stellen konnte, aber es war die erste, die ihm einfiel.

Der Ophaler winkte ab und wies auf eine Schale. »Leg erst einmal dein Exoskelett ab. Tray wird sich darum kümmern. Du kannst so lange in dieser Schale herumschwimmen. Dort wird dir nichts passieren. Und hab keine Angst vor diesem Ertruser hier. Er kommt aus der Galaxis Milchstraße und ist schon lange hier. Ein Reisender, der sich entschieden hat bei uns zu bleiben. Sein Name ist Tronk Rudo.«

Der Riese nickte ihm kurz zu. Tory nickte unbehaglich zurück.

»Während du dich in dieser Schale befindest und dein Exoskelett repariert wird, werden wir dir erklären, wer wir sind und was wir von dir wollen.«

Tory erklärte sich nach einigem Zögern einverstanden und öffnete die Schleuse an seinem Kniegelenk. Sein geleeartiger Körper floss nach außen in die Schale, während sich der Elfahder an die Reparatur der Schäden machte.

Tory fragte sich, warum er den Fremden so sehr vertraute. Eigentlich gründete sich sein Vertrauen nur auf die Tatsache, dass der Ophaler auf seiner Seite in einen Kampf eingegriffen hatte, der ihm üble Verletzungen oder gar den Tod hätte bringen können. Ob das wohl ausreichend war? Angesichts der Tatsache, dass die Fremden offenbar etwas von ihm wollten, konnte er nicht einmal sicher sein, ob diese Leute gute Absichten hatten. Aber das würde er sicher bald erfahren. Er entschloss sich, erst einmal abzuwarten und zu hören, was man ihm zu sagen hatte.

 

19. Auf Som

Sam war erleichtert, als ihm der Funkspruch gereicht wurde. Will Dean lebte offensichtlich noch. Bei der Verfolgung, so der Funkspruch, hatte er die Auftraggeber des Verräters getroffen und er folgte ihnen nun, um ihren Stützpunkt zu finden. Die Koordinaten der Basis würden sie aus aus einer dem Spruch angehängten Datei erfahren.

Sam las weiter und schlug die erwähnten Koordinaten nach. Daraufhin ließ er die SIOM SOM startklar machen. Erst als er den Funkspruch noch einmal in die Hand nahm, stutze er. Beim ersten Durchlesen hatte er die Informationen nur kurz überflogen. Jetzt aber schaute er sie sich genauer an und das erste, was ihm ins Auge fiel, war das Wort Dorgonen.

»Tiraz hat sich mit einem Adlerschiff der Dorgonen getroffen. Ich werde ihnen folgen«, stand da zu lesen.

Unglaublich, dachte der Somer. Die Dorgonen sind aber auch überall schon vorher. Haben die in jeder Galaxis einen Brückenkopf, eine geheime Station errichtet?

Er traf den Entschluss, sich sofort an Salaam Siin zu wenden, der immer noch etwas reserviert ihm gegenüber war. Der Somer verstand seine Beweggründe sehr gut. Nicht er selbst war das Problem, es war wohl eher die Tatsache, dass ihm der Ophaler misstraut hatte, obwohl es eigentlich keinen Grund gegeben hatte.

Andererseits hatte es einen Augenblick lang auch tatsächlich so ausgesehen, als wäre er schuldig. Alles hatte gegen ihn gesprochen, Will war verhaftet worden und man glaubte schon, das wäre das Ende ihrer Mission gewesen. Aber dann war Will doch noch entkommen, hatte den Verräter enttarnt und nachdem Tiraz die Flucht ergriffen hatte, hatte jeder erkannt, wo das eigentliche Problem lag.

Jedenfalls nicht bei ihm, Sam. Nein, das Problem war jemand ganz anderes gewesen.

Und dieser andere war nun bei den Dorgonen und verriet ihnen alle Geheimnisse, die er im Umfeld des Dreizehnerrates aufgeschnappt hatte.

In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Rates musste Salaam Siin unbedingt erfahren, was sich hier abspielte.

Schnell ließ Sam eine Funkverbindung von seinem Schiff zum Regierungspalast herstellen. Salaam Siin meldete sich sofort. Offensichtlich war er für Sam derzeit immer zu erreichen. Der Somer informierte den Ophaler über das neu aufgetauchte Problem.

»Die Dorgonen sind in Siom Som? Das kann ich nicht glauben!« Der Ophaler verstummte sofort.

Sam war zurückhaltend genug, um ihn nicht darauf hinzuweisen, dass genau diese Haltung sie alle erst in Probleme gebracht hatte.

»Na, wenigstens geht es dem Terraner gut«, meinte der Ophaler. »Ich werde so schnell wie möglich alle verfügbaren Kräfte zusammenziehen und losschicken. Willst du sie mit der SIOM SOM begleiten?«

»Das ist meine Absicht. Ich bitte außerdem darum, dass du uns begleitest. Dann kannst du das Ausmaß der Gefahr gleich am eigenen Leib erleben.«

Man konnte Salaam Siin ansehen, dass er von dieser Idee nicht sehr angetan war. Aber er hielt sich zurück und nickte nur sehr zögerlich. Dann unterbrach er die Verbindung.

Sam deaktivierte ebenfalls sein Terminal und lehnte sich zurück. Dann raffte er sich auf und ließ die SIOM SOM klarmachen. Niemand würde sie am Start hindern. Diese Zeiten waren vorbei. Es war an der Zeit, dass man sich auf den Weg machte, den stellvertretenden Kommandanten zu retten.

Dieser Will konnte es aber auch nie lassen, sich in Gefahr zu bringen. Andererseits mussten sie deshalb ganz froh sein, denn ohne seinen überstürzten Aufbruch hätten sie nie von der Anwesenheit der Dorgonen in dieser Galaxis erfahren.

So jedenfalls hatten sie gleich einen guten Beweis in der Hand, wenn es darum ging, Salaam Siin und dem Rat vor Augen zu führen, wie gefährlich und akut die Bedrohung eigentlich war.

Klarmeldungen erreichten den Kommandanten. Sam nickte nur mechanisch, dann konzentrierte er sich aber doch auf die anstehende Rettungsmission. Langsam wurde es Zeit, dass sie das Raumschiff wieder ins All bekamen.

 

20. Die Station der Dorgonen

Will Dean hatte sich bis auf einen Kilometer der Station genähert und somit die kritische Distanz unterschritten, in der er sich noch einigermaßen sicher bewegen konnte, ohne eine Ortung befürchten zu müssen. Er deaktivierte alle energieerzeugenden Anlagen seines Anzugs, baute allerdings eine Notfallschaltung ein. Die Passivortung war mit dem Pikosyn gekoppelt. Sollte etwas geortet werden, was sein Leben bedrohen würde, würde sich zunächst der Pikosyn aktivieren und danach alles weitere, was der Piko für erforderlich hielt, um das Leben seines Trägers zu schützen.

Natürlich musste Will nach der Deaktivierung sein Visier öffnen, was aber vorerst kein Problem war, da die Luft atembar war. Nur betrug die Außentemperatur fast 50 Grad und es war kein Vergnügen für ihn, ohne die Klimaanlage seines Anzugs in der Hitze schmoren zu müssen.

Wenigstens konnte er in der Mulde, die vor ihm im Boden war und die Ausmaße eines Meteoriteneinschlags hatte, alles gut überblicken. Einige Anlagen waren zu sehen, die Zugang versprachen. Die meisten Stationen waren sicher unterirdisch angelegt. Das konnte man aber von hier oben nur schlecht beurteilen und eine aktive Ortung wollte Will nicht unbedingt riskieren.

Schwitzend kauerte er am Rande des Kraters und beobachtete die Gegend. Er erkannte Wachen, die zwischen den Bauwerken der Anlage patrouillierten. Sicher waren das Dorgonen, erkennen konnte er dies allerdings nicht genau.

Langsam arbeitete er sich auf das Areal, immer darauf bedacht, nicht aufzufallen. Wenn die Wachen mit Wärmesensoren ausgestattet waren, dann würden sie ihnen hier in der Hitze ohnehin nicht sehr viel helfen. Daher bewegte sich Will relativ sicher über den gelben Wüstenboden. Er erreichte einen Schacht, der offensichtlich der Klimatisierung diente. Er war nicht verschlossen und Will entschied sich, das Risiko einzugehen und den Deckel zu öffnen. Wenn Alarm ausgelöst werden sollte, dann würde er das sicher gleich hören.

Langsam hob er den Schachtdeckel an, dann kletterte er über eine Leiter in den Versorgungsschacht.

Er hatte Glück, denn kein Alarm ertönte.

*

Zaracus zuckte zusammen, als er das Licht in seiner Armlehne blinken sah. Stiller Alarm – jemand hatte soeben den Zugang zu einem Entlüftungsschacht geöffnet. Offensichtlich war doch jemand auf der Welt gelandet und es war richtig gewesen, einen Teil der anwesenden Besatzung zur Bewachung abzustellen.

»Alarm«, meldete nun auch einer der anwesenden Ortungsoffiziere.

Zaracus verkniff sich einen giftigen Kommentar. Er nickte nur und beorderte die Wachen in das Gebiet, in dem der Eindringling den Alarm ausgelöst hatte. Weit würde er hier in der Station nicht kommen, dafür würden seine Leute schon sorgen.

 

21. Eine lange Geschichte

»Vor einigen hundert Jahren waren die Elfahder noch Anhänger eines Kriegerkultes, der in der Milchstraße als der Permanente Konflikt bekannt war. Initiiert wurde der Kriegerkult von den Ewigen Kriegern, die als Beauftragte der Superintelligenz ESTARTU die gleichnamige Mächtigkeitsballung verwalteten.

Mit der Zeit entarteten allerdings die Pterus, welche die Ewigen Krieger stellten. Sie wandten sich immer mehr von der reinen Lehre ESTARTUs ab, die einen dritten Weg propagierte, und einem pervertierten permanenten Konflikt zu, der in der Upanishad gipfelte. Die Elfahder waren die treuesten Gefolgsleute der 12 ewigen Krieger.

Eines Tages aber erschienen die Gänger des Netzes in ESTARTUs Mächtigkeitsballung. Ziel der Gänger des Netzes war es hauptsächlich gewesen, den moralischen Kode des Universums kennenzulernen. Durch die Tätigkeit der Ewigen Krieger wurde allerdings das psionische Netz in Gefahr gebracht. Daher bekämpften die Ewigen Krieger und die Netzgänger sich. Die Netzgänger versuchten, Schäden des Netzes auszubessern und gleichzeitig die Lehre vom permanenten Konflikt in Misskredit zu bringen.

Durch das Wirken einiger Galaktiker, vor allem Perry Rhodans, wurden die Hintermänner der ewigen Kriegern enttarnt. Es waren Pterus vom Animateur-Typ, die eigentlich die Ewigen Krieger unter Kontrolle halten sollten. Da die ewigen Krieger Unsterbliche waren und alle 62 Jahre eine Zelldusche benötigten, war es recht einfach, sie zu beeinflussen. Während der Zelldusche wurden jegliche Zweifel, die sich in ihnen eventuell gebildet haben könnten, einfach eliminiert.

Am Ende allerdings flog alles auf. ESTARTU war in einem fremden Universum gefangen und die Völker ihrer Mächtigkeitsballung erkannten, dass sie von den Ewigen Kriegern zu Unrecht unterdrückt worden waren.

Gleichzeitig wurde durch die spontane Deflagration von vier Milliarden Tonnen Paratau im Tarkanium eine Reaktion DORIFERs provoziert. DORIFER senkte die PSI-Konstante auf das Niveau des übrigen Universums, wodurch die Raumfahrt mit Enerpsi-Antrieb unmöglich wurde. Das bedeutete das Ende des Kriegerkultes.

Anfangs wollten die beeinflussten ewigen Krieger nicht wahrhaben, dass eine neue Zeit angebrochen war. Dies gipfelte in einer Expedition Pelyfors, dessen Einflussbereich die Galaxis Muun war. Er flog in die Milchstraße, um den Galaktikern zu zeigen, wer die Macht hatte. Er fand bei dieser Expedition den Tod und zerstörte damit den Nimbus der Unbesiegbarkeit, welcher die Ewigen Krieger umgab. In der Folge konnten die noch zweifelnden Krieger umgestimmt werden. Der erste, der den verderblichen Weg des permanenten Konflikts verließ, war Ijarkor, der einstmals der Galaxis Siom Som vorstand.

Ijarkor widmete sich in der Folgezeit dem Wiederaufbau der Mächtigkeitsballung und stellte die letzten Jahre seines Lebens in den Dienst der Wesen, die er im Laufe der letzten Jahrhunderte unterdrückt hatte.

Wann er gestorben ist, und wo, wissen wir bis heute nicht.

Wir jedenfalls sind die Nachfolger von Ijarkors Ideen. Wir sind die Vertreter der Organisation ›Ijarkors Helfer‹ auf dem Planeten Trenyra II.

Willst du uns helfen, dann bist du herzlich willkommen. Wenn nicht, werden wir dich zurückbringen. Du wirst dann von nichts mehr wissen.

Entscheide dich!«

 

22. In der Station der Dorgonen

Er hörte das Stampfen von schweren Stiefeln und hielt sich in der engen Röhre der Entlüftung verborgen. Niemand entdeckte ihn, er hatte wiederum Glück.

Als keine Schritte mehr zu hören waren, löste er vorsichtig einige der Befestigungen und ließ sich durch eine Luke in der Decke auf den Boden des Korridors herab.

Die Station der Dorgonen schien sehr groß zu sein. Es sah so aus, als sei sie groß genug um ihm zu ermöglichen, hier einige Zeit unentdeckt operieren zu können.

Vorsichtig blickte er sich um, dann machte er sich auf den Weg. Ein Blick auf die Passivortungen zeigte ihm, dass ihn genug Energien umgaben. Daher entschloss er sich, zuerst den Pikosyn zu reaktivieren und dann einen Deflektorschirm zu erzeugen.

Unsichtbar schritt er durch die Korridore der Station der Dorgonen. Seinen Translator hatte er eingeschaltet, um die Funkbotschaften abhören zu können. Diese ließ er von seinem Pikosyn auswerten. So wurden ihm nur die wichtigsten Nachrichten zur Verfügung gestellt.

Auf diese Art erfuhr er, dass sein Eindringen scheinbar doch einen Alarm ausgelöst hatte. Außerdem erhielt er ein ungefähres Bild davon, wo sich die Suche der Dorgonen konzentrierte. Langsam aber sicher konnte er sich so tiefer in die Station hineinarbeiten. Der Pikosyn arbeitete daran, eine Übersicht der Station aus den Funknachrichten zu erstellen. So erhielt er eine grobe Karte, die immer übersichtlicher wurde, je länger der Pikosyn die Nachrichten abhören konnte.

Will Dean überlegte. Die wichtigsten Bereiche der Station waren sicher besonders gut bewacht, als einzelner sollte er sich besser von dort fernhalten. Aber es gab doch auch sicher weniger wichtige Bereiche, oder besser Bereiche, die als weniger wichtig angesehen wurden, bei denen sich immer noch eine Menge Schaden anrichten ließ. Er beriet sich mit seinem Pikosyn, der ihm eine Abbildung der Station zeigte mit den wahrscheinlichen Standorten ihrer Besatzung. Sicher waren nicht alle darauf verzeichnet, aber aus den Funknachrichten ließ sich zumindest ableiten, in welchen Bereichen sich gerade Dorgonen aufhielten. Das Ziel war es, Sektoren zu finden, die für Anschläge und Sabotageakte geeignet erschienen und kaum bewacht waren. Diese Aktionen würden ihm durch den so entstehenden Tumult etwas Freiraum verschaffen.

Und tatsächlich wurde sie fündig.

Der Pikosyn projizierte die Ansicht eines Bereiches, den er als die Recyclingstation erkannt hatte. Hier wurde Nahrung für die Dorgonen aufbereitet, ein Bereich, der sicher wichtig war, aber nicht genug Geheimnisse enthielt um eine umfangreiche Bewachung zu erfordern. Daran angeschlossen waren mehrere Wassertanks, die auf diesem Wüstenplaneten sehr wichtig waren. Will Dean konnte die Dorgonen schwer treffen, wenn er es schaffen sollte, hier eine oder mehrere Bomben zu platzieren.

Er überprüfte seine Bewaffnung. Einige Granaten waren Bestandteil der Ausrüstung. Aber wenn er auf dem Weg ein Waffenlager der Dorgonen finden sollte, dann wäre das sicher sehr hilfreich. Nur waren diese Waffenlager sicher gut bewacht.

Er ließ sich von dem Pikosyn einen Weg vorschlagen und bewegte sich vorsichtig durch die Station.

*

Wo waren diese Eindringlinge nur? Erkennen konnte man sie nirgends, auf allen Schirmen war außer den eigenen Leuten niemand zu sehen. Auch orten konnte man niemanden. Entweder strahlten die Eindringlinge keine Emissionen ab oder sie waren nicht stark genug, um zwischen den eigenen geortet zu werden.

Blieb also nur eine manuelle Suche.

Vorsichtshalber ließ Zaracus die Wachtruppen mir Suchgeräten ausstatten, mit denen auch geringe Energiemengen noch geortet werden konnten. Falls sich der Eindringling mit technischen Hilfsmitteln unsichtbar gemacht hatte, dann würde man ihn sicher finden.

Inzwischen gedachte der Kommandant, sich mit dem Verräter zu beschäftigen. Er ließ Tiraz in die Zentrale bringen.

Der Somer zitterte leicht, als er vor dem Kommandanten stand, riss sich aber zusammen und blickte Zaracus direkt in die Augen.

»Nun, Verräter, wie gedenkst du dich herauszureden?«

»Gar nicht«, versetzte Tiraz. »Du weißt selber, über welches Wissen ich noch immer verfüge. Entscheide, was es dir wert ist.«

Zaracus nickte. Die Haltung des Verräters war fast dazu angetan, ihn zu beeindrucken. Wenn er kein Verräter wäre, dann hätte er sicher eine gewisse Achtung verspürt. So aber...

»Verräter sind nirgends gerne gesehen. Sie sind nützlich. Das dumme ist nur, wenn Verräter auf eurer Seite sind, dann ist nie auszuschließen, dass nicht auch auf unserer Seite welche sind. Man braucht Leute eures Schlages, aber man liebt sie nicht.

Du kannst dir sicher denken, was das bedeutet. Wir haben genug Informationen erhalten, mittlerweile ist man uns in dieser Galaxis auf der Spur. Nur um sicherzustellen, dass du uns nicht in die Quere kommen kannst, wünsche ich dir einen angenehmen Tod.

Schafft den Verräter fort und werft ihn in den Konverter!«

Die Wachen nickten und zogen den wie gelähmt dastehenden Tiraz hinter sich her. Als er die Hände seiner Bewacher an seinen Armen spürte, begann er heftig zu strampeln und fing an zu schreien.

Zaracus verzog das Gesicht. Offensichtlich hatte diese Kreatur doch kein Rückgrat. Angewidert wartete er, bis sich die Tür hinter ihm schloss. Das letzte, was er von dem Somer hörte, war die Nachricht seines Todes. Danach war für ihn das Kapitel Tiraz abgeschlossen. Er wandte sich wieder dem akuten Problem der Eindringlinge zu.

»Verstärkt die Raumabwehr. Ich vermute, er hat seine Freunde benachrichtigt. Sicher werden wir bald Besuch erhalten. Wir wollen vorbereitet sein, wenn der Feind kommt.«

Die Männer nickten und lauschten noch angespannter ins All hinaus.

Noch rührte sich nichts.

*

Dean schlich sich in die Versorgungsstation. Niemand begegnete ihm. Nur wenige Dorgonen waren in diesem Teil der Station unterwegs, also konnte sich der Saboteur unbemerkt an die Arbeit machen.

Zunächst versteckte er zwei Granaten an einer der Maschinen, die das Recycling der Nahrung steuerte. Dann suchte er sich einen Platz für die restlichen acht Granaten, die er mit sich führte. Er verteilte sie auf die Wassertanks. Wenn sie in die Luft flogen, dann würde dieser Bereich der Station unter Wasser stehen. Es war besser, wenn er sich dann in einem anderen Bereich aufhielt. Vielleicht konnte er die Verwirrung nutzen.

Er stellte die Zünder auf 20 Minuten ein, dann machte er sich auf den Weg. Sein Pikosyn führte ihn zu einem Waffenlager in der Nähe der Zentrale, wo er sich mit neuen Granaten versorgen konnte, wenn die Wachen erst einmal abgelenkt waren. Dann konnte er sicher in der Zentrale der Station einiges an Schäden anrichten.

Gespannt duckte er sich in eine Nische, ganz in der Nähe der Station. Noch drei Minuten, zeigte ihm der Chronometer an, die auf den Zünder eingestellt war.

Geduldig wartete er. Kurz vor der Explosion machte er sich bereit zum Angriff.

 

23. Ijarkors Helfer

»Ich bin bereit«, sagte der Elfahder spontan.

Der Ophaler nickte. »Willkommen im Club. Du wirst alles weitere erfahren.«

In diesem Augenblick wandte sich der Ertruser um, der bisher sehr schweigsam gewesen war. Offenbar war er sehr beschäftigt gewesen, zurecht, wie sich in diesem Moment erwies. Er überwachte die Funkanlagen.

»Eine Nachricht«, meinte er ruhig.

Ein Bildschirm erhellte sich. Wie Tory später erfuhr, handelte es sich um ein System, über das die Mitglieder der Organisation ihre Einsätze zugeteilt bekamen. Normalerweise fanden diese Einsätze auf dem Planeten statt. Es ging im Wesentlichen darum, den Nachkommen der Opfer des Kriegerkultes zu helfen.

Diesmal jedoch nicht.

Auf dem Bildschirm wurde ein Pteru sichtbar. Er nickte in die Kamera, dann begann er zu sprechen.

»Diese Nachricht geht an mehrere meiner Organisationen. Ich fordere euch auf, unverzüglich zu diesen Koordinaten zu fliegen. Galaktiker sind dort in Gefahr. Helft ihnen, denn ich bin ihnen noch was schuldig.«

Die Kamera erlosch.

»Ich habe die Koordinaten«, meldete sich Rudo.

Schweigen herrschte im Raum. Tory blickte sich unbehaglich um. Etwas war geschehen, er wusste nur nicht, was.

Unbehaglich sahen sich die Mitglieder der Gruppe in die Augen. Der Ophaler öffnete den Mund und gab ein melodisches Klingen von sich.

»Das war er.«

»Das kann nicht sein. Er ist tot.«

»Von wem redet ihr?«

Die anderen Mitglieder der Gruppe warfen ihm nur einen kurzen Seitenblick zu.

»Er war es. Ich habe sein Bild gesehen. Er war es ganz sicher.«

»Er kann es nicht gewesen sein. Er ist schon seit mehreren hundert Jahren tot. Er hat seine Zelldusche nicht bekommen.«

»Wer auch immer es war, wir sollten endlich losfliegen und keine Zeit verlieren. Schließlich ist das unsere Aufgabe, oder nicht?« Tory unterbrach die aufkeimende Diskussion und ignorierte die verunsicherten Blicke, die ihn trafen.

»Er hat recht«, grollte der Bass des Ertrusers. »Wir sollten keine Zeit mit unnötigen Diskussionen verschwenden. Er kann es nicht gewesen sein, aber wenn er es doch war, werden wir es nie erfahren. Also kommt!«

Die Gruppe machte sich an den Aufbruch. Durch unterirdische Gänge und die Kanalisation marschierten sie in einen Teil der Stadt, von dem aus man gefahrlos zum Raumhafen kommen konnte. Dort begaben sie sich an Bord der IJARKORS DRACHEN, eines Kreuzers, der sie sicher an ihren Bestimmungsort bringen sollte. Das Schiff war eine Spezialkonstruktion, die schwer bewaffnet war, was man aber nicht so ohne weiteres sehen konnte. Tory fragte sich, wie es die Mitglieder der Organisation schafften, das schwer bewaffnete Schiff vor den Offiziellen zu verstecken.

Ruhig setzte er sich in einen Sessel und erwartete seinen ersten Einsatz im Auftrag von Ijarkor.

*

Nur noch wenige Stunden, bis das Schiff die Koordinaten erreichen würde, die in dem Funkspruch genannt worden waren. Hoffentlich war Will Dean noch am Leben.

Sam saß im Kommandantensessel der SIOM SOM. Salaam Siin folgte in einem anderen Schiff mit einer Flotte von zehn Schiffen. Das sollte wohl für einen Stützpunkt ausreichen, so der Ophaler. Die Proteste des Somers hatten nichts genutzt. Nun blieb ihnen nur noch die Hoffnung, dass sie es mit den wenigen Schiffen wirklich schaffen konnten.

Sam konnte nicht ahnen, was sich in diesem Moment in großen Teilen der Westside abspielte. Insgesamt 1.000 Schiffe auf 517 Planeten stiegen in den Himmel ihrer Welt und machten sich auf den Weg zu einem Stern, der in nur sechs Lichtjahren Entfernung vom Stützpunktplaneten der Dorgonen gelegen war. Eine ganze Flotte war auf dem Weg, um einen einzigen Terraner zu helfen. Niemand in Siom Som hatte auch nur die geringste Ahnung von der Flotte, abgesehen von ihrem geheimnisvollen Auftraggeber.

*

Tory hatte sich einen freien Platz in der Zentrale des kleinen, aber kampfstarken Schiffes gesucht. Schweigend verbrachte die Trenyra II-Gruppe die Zeit, die verging bis sie den Sammelpunkt erreichten. Als sie endlich bei der kleinen roten Sonne angekommen waren, erwartete sie bereits eine Ansammlung von an die 400 Raumschiffen und in jedem Augenblick wurden es mehr und mehr.

Als die Anzeigen endlich zum Stillstand kamen, waren 1.000 Schiffe gezählt worden, die mittlerweile im Aufmarschgebiet eingetroffen waren.

In der Zentrale war die Stille fast greifbar geworden. Jeder schien zu fürchten, dass das leiseste Wort diesen unglaublichen Augenblick zerstören könne. Schon lange nicht mehr war es in dieser Galaxis vorgekommen, dass die einzelnen Völker in solcher Einigkeit zusammenarbeiteten. In diesem Fall war es möglich geworden.

Einige Stunden vergingen, dann meldete sich plötzlich über den Lautsprecher die schon bekannte Gestalt, die in der Tat verblüffend an den totgeglaubten Ijarkor erinnerte.

»Meine Freunde, vor vielen Jahrhunderten waren es die Terraner, die dieser Mächtigkeitsballung die verlorengeglaubte Superintelligenz ESTARTU wiedergaben. Heute sind wir an der Reihe, ihnen etwas wiederzugeben. Einer ihrer Vertreter ist auf der Welt, die uns als Ochymon bekannt ist, gefangen, im Einsatz gegen eine Horde von Dorgonen, die aus einer fremden Galaxis nach Siom Som gekommen sind und langsam aber sicher ihre Hand ausstrecken, um ein neuerliches Schreckensregime in Siom Som zu errichten. Wer auch immer Zweifel hatte, ob wir wirklich einem Fremden aus der Milchstraße helfen sollen, sei gewarnt. Die Gefahr, die von diesen Fremden ausgeht, ist für alle Völker in diesem Universum gleich groß.

Daher macht euch auf den Weg nach Ochymon – eure Hilfe wird dringend erwartet.«

 

24. Kampf um Ochymon

Will Dean duckte sich, als er die Explosion hörte. Totenstille herrschte unmittelbar nach dem Knall, der die Bewohner der Station aus ihrer Ruhe gerissen hatte. Alarmsirenen gellten und immer mehr Dorgonen rannten an dem Terraner vorbei.

Als sein Syntron eine Klarmeldung gab, rannte der Terraner, immer noch unsichtbar, das kurze Stück zum nächsten Waffenlager und versorgte sich mit den Waffen, die ihm nützlich erschienen.

Danach machte er sich auf den Weg in Richtung der Zentrale dieser Station, in der das Chaos ausgebrochen war.

*

Für einen Augenblick herrschte in der Zentrale der Station geradezu gespenstische Ruhe. Dann brach das Chaos aus.

»Was ist geschehen?«, brüllte der Kommandant. Dann erkannte er, wie dumm die Frage eigentlich war und er korrigierte sich. »Schadensmeldung!«

»Die Versorgungseinrichtungen sind schwer beschädigt. Wasser dringt in die Station ein, mehrere der Tanks sind gesprengt worden. Außerdem ist die zentrale Recheneinheit für das Recycling betroffen.

Einige Millionen Liter Wasser sind auf dem Weg hierher.«

»Sektion abriegeln«, brüllte Zaracus, wohl wissend, dass er damit einige seiner Leute zum Tode verurteilte.

»Macht die Raumschiffe klar, vielleicht werden wir bald angegriffen. Wenn der Eindringling aktiv wird, kann das eigentlich nur bedeuten, dass die Einheiten, die er sicher angefordert hat, bald hier eintreffen.«

»Vielleicht kommen sie auch gar nicht. Vielleicht will er uns nur abzulenken, bis er eine Möglichkeit gefunden hat, um seine Leute zu rufen.«

Zaracus blickte den Centrus wütend an. Im ersten Moment wollte er nicht akzeptieren, dass man ihm einfach widersprach. Dann jedoch nickte er.

»Wir machen die Schiffe klar, konzentrieren uns aber auf die Suche nach dem Eindringling. Wir können die Schiffe starten, wenn wir wirklich angegriffen werden. Solange kümmern wir uns um die Vorgänge in der Station.«

Der Centrus nickte, froh, noch einmal davon gekommen zu sein. Er wusste nicht, was ihn geritten hatte, dem Kommandanten zu widersprechen. Es war besser, wenn er sich in nächster Zeit etwas zurückhielt. Ansonsten konnte er nur hoffen, dass der Kommandant bis zum Ende der Kämpfe seine Insubordination vergessen würde.

Mittlerweile hatten sich die Schotten geschlossen, die Wassermassen waren vorläufig gestoppt worden. Aber auch der Wassernachschub war damit für einige Zeit versiegt und solange man den Eindringling jagte, würde sich daran auch nichts ändern. Und auch die ihnen verbliebenen Nahrungsvorräte würden nicht ewig reichen.

Zaracus war alles andere als entspannt, als er sich wieder in seinen Kommandosessel fallen ließ. Irgendwo lauerte der Eindringling. Raumschiffe waren möglicherweise auf dem Weg hierher. Alles in allem hatte er die Station mit diesem Verräter unnötig in Gefahr gebracht. Wenn das der Kaiser erfahren würde, dann würde er ihn sicher gleich erschießen lassen. Oder auf einen bedeutungslosen Außenposten verfrachten, was fast noch schlimmer war.

*

Über Ochymon fielen zehn Raumschiffe aus dem Hyperraum. Ungefähr eine Stunde, bevor die Flotte von Ijarkors Helfern losfliegen sollte, erreichten Sam und Salaam Siin mit ihren Schiffen das System, das in dem Funkspruch Will Deans beschrieben war. Sofort steuerten sie den zweiten Planeten an, von wo Energieausbrüche unbekannter Herkunft gemeldet wurden.

Die Schlinge um die Dorgonen zog sich zu.

Will Dean griff nach einer der erbeuteten dorgonischen Granaten, die er mittlerweile wieder an seinem Gürtel befestigt hatte. Sicher wäre es interessant gewesen, einige der Granaten mitzunehmen, um sie genauer zu untersuchen. Im Augenblick beschränkte er sich aber darauf, dem Pikosyn die Anweisung zu geben, die Funktionsweise der Granaten zu entschlüsseln.

Als er an einem offenen Schott vorbeikam, blieb er abrupt stehen. Außerhalb der Station konnte er drei Adlerraumschiffe erkennen. Er zögerte einen Augenblick lang, dann huschte ein Grinsen über sein Gesicht. Die Zentrale konnte noch warten, vielleicht konnte er hier etwas für seine Freunde tun.

Schnell huschte er durch das offenen Schott ins Freie. Er erkannte, dass alle drei Schiffe startklar waren, also ging er kein Risiko ein. Er ließ vom Syntron die Zünder scharfmachen und schlich sich in den Hangar und von dort aus in den gegenüberliegenden Reaktorraum. Die dorgonischen Soldaten waren in Hektik, niemand schien damit zu rechnen, dass ein Feind im »Bauch der Stahlbestie« herumschlich. Dean befestigte eine Granate an einer der Maschinen und beeilte sich unentdeckt aus dem Adlerschiff zu entkommen. Kaum war er aus der Schleuse, schloss sie sich bereits. Dean wandte sich um und huschte zurück in die Station.

*

»Alarm!«

Die Stimme des Offiziers überschlug sich, als die Massetaster plötzlich mehrere Raumschiffe in unmittelbarer Nähe des Planeten anzeigten.

»Was ist nun schon wieder?«

Zaracus verdrehte die Augen, wandte sich dann aber an den Orter.

»Ich orte zehn Raumschiffe, die sich unserem Standort nähern. Es ist ein Raumschiff dieser Terraner mit dabei, der restlichen neun sind Schiffe aus Siom Som.«

»Bloß zehn? Ignorieren. Wir müssen diesen Eindringling finden.«

»Aber Kommandant...«

»Was?«

»Ich meine, wir sollten vielleicht einige der Schiffe losschicken.«

»Das war nun schon das zweite Mal, Offizier.«

Der Mann zuckte zusammen.

»Also gut, startet mit einem Beiboot und erledigt die Angelegenheit!«

Der Mann salutierte stumm und rannte aus dem Raum. Wenige Minuten später liefen die letzten Vorbereitungen zum Start. Eines der drei Adlerschiffe, die auf dem Stützpunkt zur Verfügung standen, war kurz davor, abzuheben.

*

Dean rannte unsichtbar durch den Korridor. Als er die Zentrale erreichte, verharrte er nur kurz um einige der Granaten von seinem Pikosyn einstellen zu lassen. Da diesmal ein Inneneinsatz geplant war, war die Einstellung naturgemäß anders. Was er plante, war eigentlich Wahnsinn. Aber wenn die Zentrale ausgeschaltet war, dann war es kein Problem mehr, den Stützpunkt vom Weltraum aus zu erobern. Seinen Berechnungen zufolge konnte eine Flotte bald eintreffen. Hoffentlich überlebte er so lange.

Er atmete tief durch, dann schritt er auf die Tür zu, die sich vor ihm öffnete. Gesichter wandten sich in seine Richtung, allerdings ohne ihn zu sehen. Natürlich war es verdächtig, wenn sich einfach so eine Tür öffnete.

Hände griffen nach Waffen. Bevor sie gezogen werden konnten, warf Dean die Bomben und rannte durch den Gang davon. Sie waren auf Aufschlagzündung eingestellt. Daher hörte Dean auch nur noch entsetzte Schreie und danach eine heftige Explosion. Die Druckwelle fegte durch den Gang, erreichte ihn und riss ihn von den Beinen. Der Helm schloss sich sofort, ein Prallfeld aktivierte sich automatisch und fing seinen Sturz ab, als er gegen die Wand prallte und danach auf den Boden krachte.

Unverletzt erhob er sich.

Ein Blick zurück zeigte eine Rauchwolke, die aus der Tür wallte, hinter der sich bis vor kurzem noch die Kommandozentrale befunden hatte.

Husten erklang von dort, dann schoben sich einige der Gestalten ins Freie.

Dean zögerte kurz, dann zog er seine Waffe. Er stellte sie auf Paralyse und feuerte auf die Gegner, die getroffen zusammenbrachen. Schreie zeigten ihm, dass einige sich immer noch in der Zentrale aufhielten.

*

Ein kleines Adlerraumschiff löste sich vom Boden der Wüstenwelt und stieß in den Weltraum vor.

Sam rieb sich die Hände und befahl, in Angriffsposition zu gehen. Die zehn Schiffe formten eine Art Halbkugel, mit der sie den Gegner empfangen wollten. Dann eröffneten sie das Feuer auf das startende Raumschiff.

Nichts passierte, die schnell aufgebauten Schirme hielten dem Angriff mühelos stand. Dafür war das Schiff nun von den Ortungsschirmen verschwunden. Nur eine deutlich messbare Verzerrung des Raumes, die Kugelform hatte, war an der Stelle der Schiffe zu orten. Das Phänomen war schon bekannt, die Schutzschirme dieser Dorgonen waren von besonderer Qualität. Was genau dahinter stand, wussten sie noch nicht.

»Transformkanonen Breitseite«, brüllte der Kommandant Regan.

Der Sicherheitsoffizier reagierte schnell, wie man es von dem Ertruser gewohnt war. Er betätigte das Sensorfeld und schickte zehn Transformbomben aus den Geschützen. Das Adlerschiff erzitterte kurz, folgte aber weiterhin den Kurs auf die Schiffe.

»Ortung?«

»Die Leistung der Schirme hat sich nicht im Geringsten verändert. Zwar haben wir einige Verzerrungen in dem geschaffenen Energiegefüge angemessen, das war aber auch schon alles.«

Schweigen herrschte in der Zentrale. Die Piloten der zehn Schiffe lösten die Formation auf, als das gegnerische Schiff das Feuer eröffnete. Eines der zehn Schiffe verging in einer Explosion, als es genau in einen Strahl hinein flog.

»Formation komplett auflösen. Taktischer Rückzug. Verschwindet in verschiedene Richtungen!«

Die Schiffe flogen in alle möglichen Richtungen davon, das Adlerschiff setzte zur Verfolgung an. Zwei weitere Schiffe vergingen in einer Explosion, dann hatten sich die Schiffe weit genug voneinander entfernt. Das Adlerschiff entschied sich dazu, die SIOM SOM zu verfolgen.

Der Kommandant des vierhundert Meter durchmessenden Raumers entschloss sich, vorerst nicht in den Hyperraum zu wechseln.

»Jetzt brauchen wir ein Wunder«, flüsterte Sam.

Niemand antwortete. Die Besatzung der Zentrale blickte sich mit wächsernen Gesichtern an.

*

Dean arbeitete sich wieder an die Zentrale heran, zog sich aber sofort wieder zurück, als ihm das Feuer aus mehreren Waffen entgegenschlug. Er kroch über den Boden, um den Gegner ein möglichst kleines Ziel zu bieten. Vorsichtig arbeitete er sich wieder an die offene Tür heran.

Er hörte wütendes Geschrei, eine Stimme versuchte, in der Sprache der Dorgonen Anweisungen zu brüllen und noch so etwas wie Kontrolle über die Situation zu behalten.

Dean unterbrach diesen Versuch ziemlich brutal, indem er mit der Waffe im Anschlag in die Zentrale sprang und mit breit gefächerter Wirkung zu feuern begann. Die meisten Gestalten stürzten zu Boden. Einige wenige, die hinter Konsolen gelegen hatten, entkamen seinem Sperrfeuer. Aber das war Will egal. Er schoss mit seinem Thermostrahler auf einige der Kontrollen und zerschmolz so unter anderem die Funkaggregate. Sein Angriff auf die Versorgungsanlagen erwies sich im Nachhinein als durchschlagender Erfolg. Mit diesem Manöver hatte er sich gleichzeitig die Möglichkeit geschaffen, die Zentrale der Dorgonen weitestgehend auszuschalten.

Er schaute auf einen der wenigen noch funktionsfähigen Monitore, und sah, dass im System Raumschiffe miteinander kämpften. Wütend musste er feststellen, dass es für die Angreifer leider nicht sehr gut aussah. Es kämpften dort lediglich sieben Schiffe seiner Freunde gegen das Adlerschiff, welches sie nach Belieben vor sich her trieb.

Bevor auch der letzte noch verbliebene Monitor seinen Geist aufgab, konnte er noch einen Blick auf die Situation im All erhaschen. Ein Adlerschiff verfolgte einen Kugelraumer, der von der Bauart her mit der SIOM SOM identisch war. Sie waren in Schwierigkeiten.

Schnell verließ er die Zentrale. Er wusste nicht, ob er den Kommandanten erwischt hatte. Wenn nicht, dann war Schnelligkeit das einzige, was ihm helfen konnte. Und Hoffnung, dass die Granate explodieren würde.

*

Zaracus hustete. Er richtete sich hinter dem Kommandantensessel auf, der ihm Deckung gegen den wütenden Eindringling geboten hatte. Jetzt hatte der Angreifer die Zentrale verlassen.

Der Dorgone war sich nicht sicher, ob es sich um einen oder mehrere Angreifer gehandelt hatte. Angesichts der Zustände in der Zentrale ging er von einer ganzen Armee aus, aber wie die in seine Station gekommen sein sollte, war ihm schleierhaft.

Es mussten nur wenige sein. Und sie waren mit Tarnfeldern versehen, denn gesehen hatte er niemanden.

»An alle«, brüllte er in ein Mikrofon an seinem Armband. »Die Eindringlinge haben die Zentrale überfallen. Suchmannschaften in der Umgebung der Zentrale konzentrieren. Sucht sie und setzt Detektoren ein; sie benutzten Tarnfelder.«

Er deaktivierte das Funkgerät und ließ sich keuchend hinter dem Sessel zu Boden sinken. Ihm wurde schwindelig und für einen Moment bekam er keine Luft mehr. Er winkte einem Medoroboter, der in der Nähe gerade einen Kameraden behandelte.

Die Maschine erkannte den höheren Dienstgrad, ließ den Verwundeten liegen und ging zu dem Kommandanten, der keuchend gegen den Sessel gelehnt auf der Erde saß.

Schnell und gründlich untersuchte er den Kommandanten und stellte eine leichte Rauchvergiftung fest. Er injizierte ein Gegenmittel, das den Mann schnell wieder auf die Beine brachte. Als der Kommandant keine Hilfe mehr benötigte, suchte er sich einen neuen Patienten.

»Habt ihr endlich was?«

Zaracus wurde ungeduldig. Aber eine Erfolgsmeldung ließ nach wie vor auf sich warten.

*

Sam saß nervös im Sessel der SIOM SOM. Er ließ Ausweichmanöver fliegen und hatte dem ertrusischen Sicherheitsoffizier Handlungsvollmacht erteilt. Verunsichert beobachtete er das Außenholo. Die Waffensysteme des Adlerschiffes hatten ein neues Ziel gefunden. Ein weiteres Schiff verging in einer Explosion, als es in den Ausläufer eines Strahls hinein flog.

Geschockt schloss der Somer die Augen. Die Wesen, die in diesen Schiffen waren, waren seine Artgenossen, zusammen mit einigen Ophalern und Elfahdern. Wesen seiner Galaxis starben, nur weil die Beherrscher Dorgons ihre Hände nach anderen Galaxien ausstreckten, ihr Eroberungsdrang sie dazu trieb, in andere Galaxien zu fliegen.

Sie hatten nicht die geringste Chance gegen die Dorgonen.

Eine Strukturerschütterung ließ ihn zusammenfahren. Ein Schiff war aus dem Hyperraum gefallen, ein weiteres folgte. Immer mehr Schiffe materialisierten über der Wüstenwelt. Ohne sich zu identifizieren, flogen sie auf das Adlerschiff zu und eröffneten das Feuer. Einige der Schiffe vergingen in den Strahlen des Adlerschiffes, aber insgesamt war die Übermacht erdrückend.

»Die Belastung der Schirme liegt immer noch bei null«, brüllte der Orter, »aber die Verzerrungen schwanken stärker.«

»Transformbeschuss«, befahl der Somer geistesgegenwärtig.

Die mächtigste Waffe der Menschheit begann damit, Bomben im eigenen Schiff in Nichts aufzulösen und sie in das Schiff des Gegners abzustrahlen. Der Energieschirm konnte den ersten Salven standhalten. Die Belastung lag immer noch bei null Prozent.

Die Granate, die Dean versteckt hatte, begann immer stärker zu pulsieren. Der Pikosyn hatte ermittelt, dass die Granaten der Dorgonen in der Lage waren, die Stärke eines Beschusses und die Raumfluktuationen, die dadurch entstanden, zu erkennen. Obwohl die Energieschirme kaum auf Beschuss reagierten, ging natürlich ein Beschuss auch an einem Adlerschiff nicht spurlos vorüber. Energieerzeugende Aggregate waren in Betrieb und damit beschäftigt, das extradimensionale Feld aufrecht zu halten. Bei zunehmendem Beschuss begannen die Energieerzeuger in vernachlässigbarem Rahmen zu pulsieren. Diese Pulsation im Maschinenraum hatte zwar keinerlei Auswirkungen, aber er sie war ausreichend, um die Granate zu aktivieren. Sie passte sich dem langsam pulsierenden Rhythmus an und näherte sich so immer mehr der kritischen Grenze. Der Beschuss zeigte Wirkung auf eine Weise, die sich weder Will Dean noch einer der Raumfahrer an Bord der Schiffe vorstellen konnten.

Dorgonische Technologie sorgte dafür, dass ein Schiff der Dorgonen vernichtet wurde. Die Granate explodierte und riss ein riesiges Loch in die Maschinenhalle, die sich im unteren Teil des Adlerbauches befand. Es dauerte auch nicht lange, bis die Anlagen zur Erzeugung der Schutzschirme explodierten. Das künstliche extradimensionale Feld zerplatzte wie eine Seifenblase, die Energien konnten plötzlich ungehindert in die Außenhülle des Schiffes einschlagen. Da der Beschuss entsprechend stark war, verging das Schiff der Dorgonen fast unmittelbar in einer gewaltigen Explosion.

Das Adlerschiff verwandelte sich in einen Feuerball, der langsam größer wurde, an den Rändern zerfaserte und schließlich in der Dunkelheit des Alles verblasste.

Ein atemberaubender Anblick, dachte der Somer. Und doch so tödlich.

Wer aber waren die Helfer?

 

25. Die Rettung

Energiestrahlen schlugen auf den kleinen Raumhafen der Station ein, verfehlten die beiden Schiffe, die immer noch dort standen, nur knapp. Eines der Schiffe verging in einer Explosion, als sich mehrere der Strahlen darauf konzentrierten. Das andere wurde lediglich leicht beschädigt, als die Einheiten der Befehl erreichte, das Feuer einzustellen und Truppen auszuschleusen.

Elfahder, Pterus, Ophaler, Drall, Versonen, sogar einige Schneckenwesen von Drynion rannten Seite an Seite auf die Station der Dorgonen zu und erkämpften sich einen Weg ins Innere.

Die Macht der Dorgonen in Siom Som begann zu wanken.

Zaracus sah ein, dass sie der Übermacht der Angreifer nicht gewachsen waren. Er war sich darüber im Klaren, dass er durch den Verlust des Brückenkopfes nicht nach Dorgon zurückkehren konnte. Man würde sein Leben verlangen. Um dieser Schmach zu entgehen setzte er sich seinen Strahler an den Kopf und wählte den Freitod.

Die jetzt führungslosen Dorgonen leisteten kaum noch Widerstand und ergaben sich schnell. Wer sich nicht ergab, wurde kurzerhand erschossen.

Es dauerte nur wenige Stunden, dann war die Station der Dorgonen vollständig besetzt, Will Dean unverletzt befreit und sämtliche Dorgonen entweder gefangen oder tot. Jubelgeschrei erfüllte die Korridore.

Ein Bildschirm vor Salaam Siin und Sam erhellte sich.

»Eine Funkbotschaft«, informierte der Sicherheitsoffizier der SIOM SOM. »Herkunft unbekannt.«

Zuerst war nur ein graues Rauschen auf dem Schirm zu sehen, dann stabilisierte sich das Abbild eines Pterus. Salaam Siin sprang mit einem Schrei auf.

»Ijarkor«, brüllte er.

Die Gestalt auf dem Bildschirm lächelte und begrüßte die Anwesenden mit einem freundlichen Lächeln.

»Ijarkors Helfer entbieten euch ihre Grüße«, meinte die Gestalt auf dem Bildschirm, die eigentlich schon seit vielen hundert Jahren tot sein musste. War es wirklich der ehemalige Ewige Krieger, oder handelte es sich nur um eine Projektion, die ein Unbekannter benutzte, um seine wahre Identität zu verschleiern?

Die Wesen auf den Schiffen verstummten, alle lauschten gespannt auf die Worte des Pterus.

»Seit mehreren hundert Jahren helfen Wesen aus Siom Som ihren Mitgalaktikern, über die Folgen der Schreckensherrschaft der ewigen Krieger hinwegzukommen. Ausgerechnet der Name eines Ewigen Kriegers steht heute für die Hilfe in Siom Som.

Unsere Freunde aus der fernen Galaxis Milchstraße jedoch, benötigen heute unsere Hilfe viel dringender. Daher fordere ich jedes Mitglied der Organisation Ijarkors Helfer auf, sich bei Som mit einem Raumschiff einzufinden und als Hilfsflotte mit Sruel Allok Mok und der SIOM SOM nach Dorgon zu fliegen und unseren Freunden zu helfen. Die Organisation des Ewigen Kriegers Ijarkor wird auf diese Weise ihre Schuld gegenüber den Freunden aus einer fernen Galaxis wenigstens zu einem kleinen Teil abtragen können.

Möge der Friede ewig mit euch sein.«

Die Gestalt verstummte. Für wenige Augenblicke waren die Gesichtszüge des Pterus noch zu erkennen, dann wurde das Bild wieder durch das Rauschen ersetzt.

In den Schiffen kehrte für einige Augenblicke Stille ein, dann räusperte sich Salaam Siin. Der Sänger wandte sich an Sam und nickte ihm zu.

»Ich glaube, du hattest recht. Die Völker der Galaxis Siom Som haben sich auf deine Seite gestellt und die Gefahr für Siom Som ist ebenfalls akut. Solange dieser Gegner existiert und seine machtgierigen Fühler nach allen Galaxien ausstreckt, die für ihn erreichbar sind, können wir die Augen vor der Gefahr nicht verschließen.

Ich werde daher nach Som zurückfliegen, mich dort mit dem Rat besprechen und sie mit den heute gewonnenen Erkenntnissen konfrontieren. Ich bin sicher, wenn sie die Bilder des kämpfenden Schiffes sehen und das tapfere Eingreifen der Helfer Ijarkors erleben, dann werden sie ihre Hilfe nicht verweigern.

Sam, ich verspreche dir, mich für das Anliegen der Galaktiker einzusetzen. Allerdings sollten wir erst herausfinden, wie wir es geschafft haben, das Schiff überhaupt zu vernichten.

Jetzt lass' uns nach Hause fliegen.«

»Moment«, ertönte plötzlich eine Stimme. Es war der Terraner Will Dean, der grinsend in die Zentrale trat.

»Will«, äußerte der Somer Sam mit einem leisen Grinsen. »Ich wusste, dass sie dich nicht erwischen.«

»Oh, es war knapp genug, mach dir darum keine Sorgen. Aber bevor wir abfliegen, müsst ihr mich noch in die Wüste fliegen. Ich würde gerne meine Space-Jet wieder mitnehmen.«

Grinsend klopfte er dem Piloten auf die Schulter, der sofort begeistert nickte und die SIOM SOM auf die angewiesene Position brachte. Dean stieg aus und holte sein Schiff zurück. Als sich die Hangartore hinter ihm schlossen, meldete er sich in der Zentrale.

»Alles klar, wir können«, meinte er nur trocken. Nebenbei enthüllte er auch das Geheimnis, warum das Schiff explodiert war. Sein Pikosyn ergänzte den Bericht noch zusätzlich mit seinen Analysen der dorgonischen Granaten. Leider hatte der ehemalige TLD-Agent keine der Granaten retten können. Für den Moment war die Technologie den Terranern verschlossen. Vielleicht hatten sie in Dorgon selber mehr Glück.

Sam schüttelte den Kopf, dann nickte er dem Piloten zu. Die SIOM SOM verließ als letztes Schiff die Umlaufbahn von Dune.

Schnell versank die Wüstenwelt hinter ihnen.

Mit der SIOM SOM fest verbunden war das Wrack des leicht beschädigten Adlerschiffes, das Salaam Siin zur Untersuchung mitnehmen wollte.

Einige Erschütterungen waren noch im System der Wüstensonne zu orten. Dann beruhigte sich das Energiegefüge wieder. Zurück blieben die Ruinen der Station der Dorgonen. Für lange Zeit blieben sie ungestört.

ENDE

 

 

Die dorgonischen Invasionspläne in Richtung Estartische Föderation wurden vorerst gestoppt. Nun wechseln wir mit Band 28 wieder zurück nach M100. Dort stecken einige Crewmitglieder der IVANHOE in großen Schwierigkeiten und es geht in Richtung Dom – der Zentralwelt Dorgons.

Band 28 von Dominik Hauber und Nils Hirseland trägt den Titel: DER KAISER DORGONS

 

 

 

Kommentar

Mit dem aktuellen Roman kehren wir das erste Mal in der DORGON-Geschichte an einen Handlungsschauplatz zurück, der die PERRY RHODAN Serie ab Band 1250 begleitet hat: Die Mächtigkeitsballung der Superintelligenz ESTARTU.

Die DORGON-Handlung knüpft nicht an die Ereignisse zu Zeiten von Stalker und den Gängern des Netzes an, dazu ist zu viel Zeit vergangen. Vielmehr haben wir versucht, eine Gesellschaft zu schildern, die ohne ESTARTU und die Upanishad auskommen muss.

Siom Som liegt in der kosmischen Nachbarschaft zu Dorgon. Daher ist es durchaus nachvollziehbar, dass die Dorgonen auch dort nach Möglichkeiten einer Invasion suchen. Diese wurden vorerst vereitelt, doch die estartischen Galaxien liegen zum Greifen nahe. Welcher Kaiser kann da wiederstehen?

Jedenfalls werden wir von Siom Som und den anderen Galaxien noch öfters in DORGON lesen. Gerade die Galaxie der Somer wird in den späteren Zyklen noch eine wichtige Rolle spielen.

Nils Hirseland

 

 

GLOSSAR

Estartische Föderation

Nachdem die Enerpsi-Energie und die estartischen Wunder versagten und der Kult der Ewigen Krieger zusammenbrach, fielen viele Völker in die Primitivität zurück oder führten Kriege gegeneinander.

In der direkten Zeit nach dem Zusammenbruch gab es kleinere Hilfen der Galaktiker mit Linear- und Metagrav-Triebwerken, um den Völkern die Raumfahrt weiterhin zu ermöglichen. Man beschränkte sich jedoch nur auf die wichtigsten Völker. Die Somer, Elfahder und Ophaler bildeten einen losen Bund, um Ordnung in die Galaxis zu bringen.

Die Pterus und Animateure wurden geächtet und gemieden. Sie erhielten komplettes Lebensverbot in Siom-Som, Erendyra und Absantha-Schad und Absantha-Gom. So siedelten sich die Geächteten in Trovenoor an.

Etwas mehr als einhundert Jahre hielt der Dreierbund, ohne wirklich Not und Elend zu besiegen. ESTARTU meldete sich nicht und gab ihnen so auch keine Hoffnung.

Von 512 NGZ bis 890 NGZ gab es einen großen intergalaktischen Krieg zwischen den Somern und Elfahdern. Im Laufe dieser Zeit begehrten auch die Pterus wieder auf und die Anhänger des Upanishad wollten ihre Macht zurück gewinnen. 890 NGZ waren alle Armeen besiegt und keiner hatte gewonnen. Die Völker hatten den Krieg satt. Das estartische Reich war zerbrochen. Von den einst zwölf Galaxien waren im Laufe der Jahrhunderte nur noch fünf übrig, die miteinander Kontakt hatten.

Die Somer, Elfahder, Ophaler und Pterus einigten sich schließlich ein neues, föderalistisches Reich ESTARTU zu gründen. Fünf Galaxien, Siom-Som, Absantha-Gom, Absantha-Schad, Erendyra und Trovenoor sollten die Föderation bilden. Som sollte die Hauptwelt werden und im Laufe von zweihundert Jahren gelang es tatsächlich den Wesen eine Republik in Wohlstand aufzubauen. ESTARTU meldete sich und lobte ihre Völker für diese Entscheidungen.

Seitdem sind die fünf estartischen Galaxien eine starke, friedliche Republik geworden. Der Kontakt zu den Völkern der anderen Galaxien wurde ab dem Jahre 1023 NGZ wieder aufgenommen, ohne größere Erfolge. Die späteren Generationen in diesen Galaxien können sich nicht mehr mit ESTARTU identifizieren und man überlässt sie ihren eigenen Entwicklungen.

SIOM SOM

Die SIOM SOM war das Raumschiff des Somers Sam. Er wurde unterstützt durch den TLD-Agenten Will Dean. Die SIOM SOM war ein Raumschiff der GOMSTAR-Klasse und besaß einen Durchmesser von 400 Metern. Das scheibenförmige Schiff wies an den Enden mehrere gezackte Ausbuchtungen auf. Türme und Antennen ragten auf der Scheibe in die Höhe. In der Mitte befand sich der höchste Turm. Die Höhe des Scheibenrumpfes durchmaß 40 Meter.

Die Klasse war nach dem Flaggschiff des ehemaligen Sotho Tyg Ian benannt worden. Die Besatzung bestand vorwiegend aus Somer. Es dienten aber auch Pterus, Elfahder und Ophaler auf dem estartischen Raumer.

Technologie

Durchmesser: 400 Meter

Höhe: 40 Meter

Besatzung

Kommandant: Sam

Beobachter: TLD-Agent Will Dean

Somer

Die Somer sind das dominierende Volk in der Galaxis Siom-Som; von vogelähnlichen Vorfahren abstammend, aber nicht mehr flugfähig. Der Kopf hat dunkel- bis hellgrauen samtigen Flaum, der am Unterkiefer eine Art Backenbart bildet und die Gehöröffnungen schützt und verdeckt. Die Schnäbel sind gelb bis grellrot, die Brust vorgewölbt, im Nacken deutlich sichtbares Rückgrat bis zum Gesäß. Die Arme haben langes, seidiges buntes Gefieder, die Hände sind dreifingerig, Füße zweizehig mit Fersenkralle, die Beine dünn. Somer werden anderthalb bis zwei Meter groß. Ihr Schritt hat etwas Stolzierendes, aber auch Militärisches. Sie wirken insgesamt überaus hektisch. Die Stimmen sind hell und zirpend.

Somer sind Eierleger, die Jungen kommen allerdings nicht auf dem Heimatplaneten Som zur Welt, sondern auf dem Nachbarplaneten Somatri. Den Frauen werden die befruchteten Eier im Frühstadium entnommen und in Brutmaschinen abgelegt, bis die Somer-Babies aus ihrem Ei ausschlüpfen. Die Somer sind also "Retortenkinder". Die jungen Somer werden auf Somatri geschult und ausgebildet, danach ziehen sie als Gardisten oder Kodexberater und -wahrer in ihre Galaxis. Erst zum Sterben kehren sie ins Siom-System und nach Som zurück.

Die Somer sind kodextreu, also durch Kodexmoleküle dem Kriegerkodex unterworfen. Ob "Kodexwahrer", Kodexberater" oder "Gardisten" (Soldaten). Sie alle haben eine Upanishad-Ausbildung und zusätzlich noch Translatoren, mit den gängigsten Idiomen von Siom Som gefüttert.

Die Somer manipulieren über die Heraldischen Tore die Geschicke jener Völker in Siom Som, die im Besitz solcher Tore sind. Über ihnen stehen in der ESTARTU-Hierarchie die Elfahder als direkte Gefolgsleute der Ewigen Krieger, und natürlich die Krieger selbst.

Nach dem Fall der Ewigen Krieger führen die Somer ein normales Leben und übernehmen zusammen mit den Ophalern die politische Verantwortung, während die Elfahder mehr für militärische Zwecke eingesetzt werden.

Siom Som (Galaxie)

Eine der zwölf Galaxien aus der ehemaligen Mächtigkeitsballung ESTARTUs, wie die anderen elf Galaxien mit einem "Wunder von ESTARTU" ausgestattet – den Heraldischen Toren von Siom Som.

Dabei handelt es sich in Wahrheit, wie auch bei den anderen "Wundern", um das Bemühen der Ewigen Krieger, künstliche Kalmenzonen zur Störung des Psionischen Netzes und Abwehr der verhassten Gorims zu schaffen. Im Zentrum von Siom Som existiert im Jahr 430 NGZ bereits eine Kalmenzone von 3000 Lichtjahren Durchmesser. Dort ist kein Raumflug mit Enerpsi-Antrieb mehr möglich, und kein Gorim (gleich Gänger des Netzes) kann dort materialisieren. Die Heraldischen Tore von Siom Som sind gigantische Psi-Transmitter nach dem Prinzip des Teleports.

Sie verbinden rund 200 Sonnensysteme innerhalb der Kalmenzone miteinander, wodurch die Linien des Psionischen Netzes in einem Maße umgruppiert, modifiziert und neugeordnet wurden, dass kein Enerpsi-Flug mehr möglich ist (wohl aber Raumfahrt mit "herkömmlichen" Antrieben). Das stärkste Tor, das so genannte Königstor im Zentrum der Kalmenzone, stellt eine Psi-Transmitterverbindung in Richtung der Zwillingsgalaxis Absanta-Gom/Absantha-Shad über eine Entfernung von rund 1,15 Millionen Lichtjahren dar. Hauptvolk der Galaxis Siom Som sind die Somer.

1292 NGZ ist Siom Som die Hauptgalaxie der Estartischen Föderation. Som ist die Zentralwelt der Galaxie als auch der Föderation. In Siom Som trifft man fast alle Völker aus den ehemaligen zwölf Galaxien der Mächtigkeitsballung von ESTARTU.

Mitte des Jahres 1292 NGZ ist Siom Som Ziel der dorgonischen Expansion. Auch dort versucht das Kaiserreich durch Destabilisierung eine Invasion vorzubereiten, doch der Versuch wird von dem Somer Sam und dem TLD-Agenten Will Dean vereitelt.

Daten

Katalognummer: NGC 4503

Typ: Balkenspiralgalaxie

Durchmesser: 55.000 Lichtjahre

Entfernung: 56 Millionen Lichtjahre

Zugehörigkeit: Virgo-Haufen, Mächtigkeitsballung der ESTARTU


Die DORGON-Serie ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUB e. V.  —  Copyright © 1999-2015

Internet: www.proc.org & www.dorgon.netE-Mail: proc@proc.org

Postanschrift: PROC e. V.; z. Hd. Nils Hirseland; Redder 15; D-23730 Sierksdorf

— Special-Edition Band 27, veröffentlicht am 03.07.2015

Titelillustration: Jan KauthInnenillustration: Jan Kauth

Lektorat: Jürgen Freier und Jürgen SeelDigitale Formate: Jürgen Seel